31. Dezember 2021

Countdown mit Alma. Gerade auf youtube entdeckt, guck ich mir jetzt an. Ich habe so ungefähr alle auf dem Buchmarkt befindlichen Bücher über Alma Mahler-Werfel und ihre Zeit mit Gustav K. und Gustav M. und Oskar K. und Walter G. und Franz W. gelesen. Bin mir nicht schlüssig, ob ich sie mögen soll oder furchtbar finden. Das macht sie gerade interessant! In der Küche brutzeln Fischstäbchen in einem Buttersee und Kartoffeln sind aufgesetzt. Eine gute Flasche kühlt im Gefrierfach noch ein bißchen auf Idealtemperatur runter. So der Stand der Dinge in Berlin Mitte. Also Gaganien meine ich natürlich. Wer kann schon sagen, mit Alma Mahler-Werfel die Silvesternacht verbracht zu haben. Ich muss gestehen, mich etwas gefreut zu haben, dass es geregnet hat, und es vielleicht sogar nochmal regnet, das hält vielleicht doch noch den einen oder anderen ab, der seine Knallfrösche gebunkert hat und loslassen will. Bin da empfindlich. Aber bunte Raketen dürfen schon sein, drei bis fünf!

31. Dezember 2021

Hat geklappt! Die drei letzten Flaschen Crémant de Loire im Angebot und eine Tüte Chips bei Bio Company geschossen. Hätte auch noch einen ganz guten Cava gegeben und noch diverse deutsche Provenienzen. Nun belaufen sich meine Privat-Party-Vorräte auf viereinhalb Flaschen französische Schaumweine aus Flaschengärung sowie eine Flasche roten Bordeaux „Légende“ 2017 von Rothschild, plus 1 Tüte Kartoffelchips und die stets vorrätigen Cashewnüsschen! Mein Outfit ist nicht so partymäßig, aber wer weiß, welche Anwandlungen mich noch im Laufe des Nachmittags und Abends heimsuchen. Ich hätte da noch so eine glitzernde, staatstragende Krone, ein herrliches Diadem, das ich noch nicht präsentieren konnte. Dass sich Edeka keine betriebswirtschaftlichen Gedanken über den Umsatzvorteil von Rewe und Bio Company macht, durch die zwei Stunden längeren Öffnungszeiten an Silvester, finde ich doch recht erstaunlich. Aber soll nicht mein Problem sein, war ein netter Einkauf bei Bio Company. Drei Flaschen Schaumwein und eine Tüte Chips, ging ruckzuck, war nicht sehr voll.

Dann bin ich noch rüber zur Apotheke am Rosenthaler Platz, die war aber schon zu. Wollte meinen Boosternachweis digitalisieren lassen. Obwohl ich den nicht wirklich brauche. Meine Erfahrungen beim Einkauf sind bislang, dass kein Laden einen QR-Scan machen konnte und einfach immer die Daten daneben studiert werden mussten. Also nicht so wichtig. Hab den digitalisierten Nachweis vom ersten und zweiten Pieks immer im Portemonnaie und zusätzlich den Extrazettel über den Booster aus Tegel. „Urban Tech Republic“ heißt das Impfzentrum in Tegel. Klingt wie ein cooler Techno Club. Berlin halt! Ich musste nicht eine Sekunde auf irgendwas warten, überall sofort drangenommen worden, nach 15 Minuten war ich wieder im Bus heimwärts. Die winken einem da immer schon von weitem zu, als Orientierung. Ich nehme so was immer persönlich, wenn mir jemand winkt, lächelt und mich direkt anschaut. Ich hab mich gefreut! Ich bin da sehr empfänglich. Guten Rutsch, falls wir uns nicht mehr hören und sehen. Kann aber sein, dass ich mich nochmal melde, hier von meinem Privatpartyclub!

31. Dezember 2021

Letztes Jahr um diese Zeit (also Silvester), stand ich fünf Minuten nach Zwei am Nachmittag belämmert vor meinem geschlossenen Edeka in der Großen Hamburger Straße und wurde über das Alkoholverkaufsverbot informiert. Tapste weiter zu Rewe hinterm Hackeschen Markt und stand vor Absperrungen mit Klebebändern an den Regalen mit Spirituosen und Schaumwein etc.

Ich sitze nicht komplett auf dem Trockenen, aber es kommen ja noch zwei Tage nach Heute, die ich zu erleben gedenke. Daher habe ich soeben recherchiert, ob es dieses Silvester denselben Alkoholverkaufsverbot-Irrsinn gibt. Offensichtlich nicht. Letztes Jahr bin ich dann am Neujahrstag zu einem der wenigen geöffneten Supermärkte, das war der mir bislang unbekannte Denns-Biosupermarkt an der U-Bahn Gesundbrunnen, dort habe ich dann drei gute Flaschen gekauft.

Finde ich ja einen interessanten Erkenntnisprozess, dass die Bevölkerung nicht doppelt und dreifach bestraft werden muss, indem auch noch an DEM Tag für inspirierende Getränke ein Verkaufsverbot verhangen wird. Da habe ich mich schon sehr wie in einem großen Kindergarten mit altmodischen Gouvernanten gefühlt. Ich muss aber noch die Öffnungszeit von meinem Edeka checken, nicht dass die Versorgung daran scheitert.

29. Dezember 2021

SEILSPRINGEN. bemalte Reste von löchrigem Strickponcho von „Who Killed Bambi?“, Kleber, Grundierung, Acrylstifte (Königsblau, Türkisblau, Lindgrün, Orange, Weiß, Pink), Reparaturspachtel aus der Tube, 3D-Leinwand 50 x 50 cm, 28. November und 1., 4., 12., 14., 15. und 16. Dezember 2021, Staatliche Museen v. Gaganien.

28. Dezember 2021

Eine sehr persönliche Frage in die geneigte Runde:

welche fünf zwei Musikstücke, Songs, Lieder, Chansons habt ihr zuletzt heruntergeladen/gerippt/gespeichert/als Neuzugang in eine Lieblingsplaylist einverleibt/erworben?

Ich (in chronologischer Reihenfolge):

19. September 2021: Greg Knowles – „Heartstrings“
06. Oktober 2021: Manfred Krug – „Früh war der Tag erwacht“
05. November 2021: Henry Wright – „AbatJour“
27. Dezember 2021: Jack Jones – „I shall be released“
27. Dezember 2021: Chuck Mangione, Don Potter – „Children of Sanchez“

(interessiert mich aus Gründen der Inspiration)

27. Dezember 2021

Ich hatte schon mal fast einen Booster-Termin am 16. Dezember. Aber dann wurde amtlich herumgerechnet, dass mir ein paar Tage zu fünf Monaten fehlen und ich wurde rausgekickt. Letzte Woche dann plötzlich die Änderung, dass drei Monate reichen. Auf der Seite vom Berliner Senat gab es eine Telefonnummer zur Terminvereinbarung. Hat gleich geklappt, eine nette, geduldige Dame hat mir einen Termin für morgen Nachmittag in Tegel gegeben. Mal wieder zum Flughafen Tegel. Von da bin ich immer gerne geflogen, weil ich immer sofort mein Terminal gefunden habe, das war so schön überschaubar. Und die Form der Halle gefiel mir auch. Nicht so ein Schuhkarton. Morgen soll ich zum Gate C, in die Halle 007. „Für über-Dreißigjährige“ Da reihe ich mich doch gerne ein! Ja, ich bin nun auch schon Dreißig-plus. Gibt dann wohl Moderna. Pieks eins und zwei war Comirnaty von Biontech. Kreuzimpfung soll wohl noch besser boostern. Darauf will ich vertrauen. Ich hatte keine Nebenwirkungen beim ersten und zweiten Impfen, die der Rede wert wären. Nur jeweils ein vorübergehendes Gefühl im Impfarm oben wie einseitiger Muskelkater, als hätte ich meine (verstaubenden) Hanteln einseitig benutzt.

Weiter bete ich für eine baldige Endemie. Dass es einfach als normale Sache gehandelt wird, dass man sich mal was einfängt und dann keine großartigen Symptome oder Einschränkungen hat und vor allem nicht in Quarantäne verdonnert wird. Mein absoluter Horror! Nun könnte man denken, ich bin so eine umtriebige Maus, die immer rauswill und um die Häuser ziehen. Nein, nein. Ich bin sehr häuslich, immer schon. Aber ich habe keine Lust, zu Home Office verdonnert zu werden. Davon krieg ich Rückenschmerzen, die ich sonst nie habe. Jetzt bin ich fast zwei Jahre unbeschadet durchgekommen, trotz fast täglich S-Bahn und U-Bahnfahren. Bin aber auch sehr, sehr artig. Ich kenne eigentlich niemanden, der das so penibel betreibt. Mein Schnupfen von neulich war nach zwei Tagen erledigt. Also morgen auf nach Tegel.

Ich erzähle nicht so gerne von medizinischen Sachen, das finde ich doch sehr privat. Dieses ganze Körperliche gehört für mein Gefühl in den Intimbereich. Aber nachdem nun alle alles breittreten. Bitte sehr! Meine Klopapiersorte hab ich ja auch schon offenbart. In meiner Hausapotheke gibt es übrigens nur Pflaster und Aspirin. Ich nehme keine Hormone und auch keine Blutdruck- oder Schilddrüsentabletten. Asthmaspray brauche ich seit fünfzehn Jahren nicht mehr. Geheilt. Lunge vollständig regeneriert. Lungenvolumen zwanzig Prozent über erforderlicher Norm! So gut, dass ich in den letzten Jahren sogar rauchen kann, wenn mir danach ist. Kommt aber nicht so oft vor. Aber wenn, supergerne!

27. Dezember 2021

Liebe Marlene,

heute ist Dein hundertzwanzigster Geburtstag, wozu ich Dir recht herzlich gratuliere. Du musst keine Angst haben, dass wir Dich hier unten vergessen haben. Du hast Dich so angestrengt, dass Dich alle lange in guter Erinnerung behalten, sogar versteckt hast Du Dich dafür, das ganze letzte Drittel Deines Lebens, in Deiner Wohnung in Paris, in der Avenue Montaigne. Ich möchte Dir aber trotzdem sagen, dass mich am allerallermeisten bewegt hat, wie Du bei Deinem letzten Filmauftritt „Schöner Gigolo“ gesungen hast. Ich habe geweint. Da war Dein ganzes Leben darin, so schön. Ewig. Zur Feier des Tages habe ich ein anderes Chanson gewählt, welches mir auch sehr gut gefällt, weil es auch mit viel Gefühl vorgetragen ist. Und das ist ja das Wichtigste. Wir gehen nicht von Dir fort, mach Dir keine Sorgen, da oben auf Deiner weißen Wolke.

27. Dezember 2021

Ich hätte da mal wieder einen Gourmet-Tipp. Wer kennt sie nicht die Merci-Schokoladenriegel in Goldpapier und Zellophan, beliebtes Mitbringsel zu hohen kirchlichen Feiertagen. Da ja viele verschiedene Sorten in den Geschenkpackungen sind, nehme ich mir stets zwei. Dabei achte ich auf korrespondierende Geschmacksnuancen. Grundsätzlich gilt: Vollmilch- Nuss- und Mousse-Sorten werden achtsam mit dunklen und der Marzipan-Sorte kombiniert. Wir packen beide Riegel aus und legen sie wie eine Klappstulle aufeinander, wickeln das Goldpapier wieder um eine Hälfte und beißen rein. So vermeiden wir Schokoladenfinger und können uns die zweite Hälfte für (ca. 5 Minuten) später aufheben – bon appétit!

26. Dezember 2021

Jetzt. 26. Dezember 2021, 15:30 Uhr, Berlin Mitte. Blick Südwest. Bin sehr ausgeschlafen. Hauptbeschäftigung bis jetzt: am offenen Fenster (mit drei Meter Abstand) Gesicht in die Sonne halten. Dann hab ich meine Lieblingskaffeetasse zerbrochen und mich in den Daumen geschnitten. Brauchte sogar ein Pflaster. Gestern gab es auch einen Küchenunfall bei mir. Als ich von einem Kürbis ein dickes Stück mit meinem größten Messer abschneiden wollte, bin ich ausgerutscht und die Spitze bohrte sich leicht in mein Handgelenk, ungefähr einen halben Millimeter neben der Pulsader. Da bin ich etwas erschrocken. Hab aber kein Pflaster gebraucht, weil ich die Pulsader ja nicht erwischt habe, ein Glück! Mein Schutzengel war wieder sofort zur Stelle. Danke, Schutzengel! Von dem Kürbis hab ich noch ein großes Stück, da werde ich mir wieder ein Süppchen zubereiten, immer schön frisch. Aufgehellt mit einem ordentlichen Schuß Sahne. Farblich passend zum Sonnenuntergang und einer Handvoll Cashewkerne. Übrigens finde ich, dass sich aus Cashews mit Mayonnaise und Cayenne und frisch gemahlenem Pfeffer etwas zubereiten lässt, das wie Krabbencocktail schmeckt. Nach einer Weile werden die Cashewkerne weich und schmecken wie Krabben. Vorausgesetzt, man mag Krabben und Shrimps und so Zeugs. Ich ja! Nur Muscheln und Schnecken sind nicht so meins. Glibberige Sachen finde ich unangenehm. Auch glibberiges Eiweiß in einem nicht richtig weichgekochten Ei und so weiter und so fort. Ich habe gerne Essen mit Biss! Menschen auch! Mit einem labbrigen Charakter kann ich so wenig anfangen wie mit einem labbrig gekochten Ei!

25. Dezember 2021

„Weißt du, was mir am meisten zum Hals raushängt? Das ist das ganze verdammte Herumgehacke auf dem, was wir tun sollen, was wir tun müssen, und was wir berücksichtigen müssen. Was wird deine Mutter denken, was werden die Kinder sagen? Sollten wir nicht lieber die Soundso zum Abendessen bitten und wird es nicht höchste Zeit, meinen Vater einzuladen? Wir müssen an die Westküste fahren. Wir müssen in die Berge fahren. Wir müssen nach Sankt Moritz fahren. Wir müssen Weihnachten feiern, Ostern, Pfingsten. Namenstage, Hochzeitstage, Geburtstage – diese ganze gottverdammte Scheiße.“

Minute 17:57, Szenen einer Ehe 3/6, Arte

24. Dezember 2021

Baby-Adler. Für König Ludwig II., Passepartout-Fragmente, Spiegelscherben, Klebstoff, Reparaturspachtel aus der Tube, Acryl, Lackmalstift, Goldacryl, Flambierbrenner, Blattgold, Leinwand, Rahmenrückwand, Schattenfugenrahmen, 29. Dezember 2019 und 6., 7., 13., 14., 15., 17., 18. November und 1. Dezember 2021, 43 x 53, Staatl. Museen von Gaganien, Privatsammlung Fasanenstraße

24. Dezember 2021

Ich will ein paar Gedanken einfangen, die mir zu dem Buch durch den Kopf gingen (und gehen), das Romy Schneiders Tochter Sarah Biasini über ihre (verlorene) Beziehung zu ihrer Mutter schrieb. Es heißt in der deutschen Eins-zu-Eins-Übersetzung des Titels des französischen Originals, „Die Schönheit des Himmels„. Diese Neuerscheinung las ich vor etwa zwei, drei Wochen. Ein eher schmales Buch. Auf dem Cover ein zauberhaftes Foto, wo Romy die kleine Sarah im Swimmingpool hochhält und liebkost. Sarah ist jetzt so alt wie Romy, als sie starb, dreiundvierzig. Das Buch schrieb sie, als sie eher spät, schon Anfang Vierzig schwanger mit ihrer Tochter wurde. Wobei das heutzutage ja nicht mehr wirklich spät oder bedenklich ist, fast die Normalität.

Das Buch ist so angelegt, dass man nach dem Eingangskapitel, das spannenderweise mit einer Grabschändung an Romys und Davids Grab beginnt, einen Dialog mit dem im Bauch von Sarah wachsenden Töchterlein liest. Eine Zwiesprache, wie sie sicher viele werdende Mütter halten, was nur deshalb für eine Veröffentlichung relevant scheint, weil hier Romys Tochter schreibt und die geneigte Leserin hofft, recht viele Gedanken zu erhaschen, die sich auf ihre für alle Zeiten faszinierende Mama Romy beziehen. Wäre der prominente familiäre Zusammenhang nicht da, hätte Sarah, so sympathisch sie auch sein mag, kaum einen Markt für ihre Gedankengänge gefunden.

Schon auf den ersten Seiten lässt sie die Fangemeinde ihrer Mutter wissen, dass sie in besitzergreifender, ja eifersüchtiger Weise ein Problem damit hat, dass Romy wie ein Allgemeingut von jedem vermeintlich gekannt und verehrt wurde. Aber dann gesteht sie auch wieder zu, dass sie selbst kaum Erinnerungen hat und diese eher atmosphärisch sind, Frühstücken auf dem Bett, sie war drei oder vier. Eine gemütliche Situation im Schlafzimmer.

So leid es mir für Sarah tut, dass sie ihre Mama nicht länger hatte und nicht wirklicher erinnern kann, sondern aus nebulöser Erinnerung und Fragmenten von Filmen ein Mutterbild zusammenbauen muss, so unverhältnismäßig empfinde ich es, dass sie der Generation, die Romys Weg verfolgen konnte, nicht zugesteht, ebenfalls etwas Wahrhaftiges von ihrer Mutter erkannt zu haben. Regelrecht wütend wird sie über das deutsche Biopic „Drei Tage in Quiberon“. Das Schlimmste für sie ist daran, dass Romys Alkohol- und Tablettenkonsum gezeigt und thematisiert wird. Offenbar hat Sarah eine große Not, es bis zur Unkenntlichkeit abgemildert betrachten zu wollen, dass Romy – so berichten es durchweg alle ihr sehr zugetanen Zeitzeugen, keinen Tag ihres erwachsenen Lebens ohne Bordeaux, Champagner, Stimmungsaufheller und keine Nacht ohne Schlafmittel verbracht hat. Und wer weiß, was sonst noch alles.

Es ist davon auszugehen, dass in den frühkindlichen Erinnerungen wenig Situationen gespeichert sein können, die mit dem Entkorken von Flaschen und Herunterspülen von Stimmungsaufhellern verbunden sind. Das wird nur offen praktiziert, wenn es nicht grenzwertig ausufert. Dass es schwierig ist, eine reale, nahe Person durch einen Schauspieler nachgeahmt zu sehen, liegt wohl in der Natur der Sache. Aber ich gehe davon aus, wenn Sarah nicht biographisch verstrickt wäre, hätte sie „Drei Tage in Quiberon“ zumindest schauspielerisch würdigen können.

Weil die sensible, aber immerhin sehr von der Familie ihres Vaters behütete und geliebte Sarah noch keine Großzügigkeit walten lassen kann und ihre Mutter und deren Leben nicht mit dem Rest der Welt teilen will, geizt sie leider mit Mitteilungen, die den Wert einer Neuigkeit hätten.

An zwei Stellen reißt sie Begegnungen an, die einen neugierig machen, man freut sich gerade schon auf etwas Fleisch und Blut in der schmalen Kost der Erzählungen. Einmal trifft sie Michel Piccoli und erzählt die Vorgeschichte der Begegnung bis zu ebendieser. Was dann aber gesprochen und erinnert und mitgeteilt wurde, enthält sie den Lesern vor. Ebenso bei einer sehr spannend aufgebauten Beschreibung der Begegnung mit einem der wichtigsten Regisseure für Romy, Claude Sautet. Man trifft sich in einem Pariser Restaurant, das immerhin namentlich genannt wird. Dass er sie, Sarah, ergriffen anblickt (sie kannten sich nicht), dürfen wir noch erfahren. Alles weitere bleibt Sarahs Geheimnis. Schade.

Liebe Sarah, du wirst das hier nie lesen und kannst ja auch gar kein Deutsch, aber ich hoffe, dass du mit den Jahren etwas großzügiger wirst und tolerierst, dass viele Menschen deine Mutter verehrt und geliebt haben, egal ob sie getrunken hat oder nicht, ob sie sich mit ein paar Mittelchen über den Tag geholfen hat oder eben auch nicht. Ihre Qualität war seelischer Natur. So hat sie sich schon als junges Mädchen verströmt, in jedem noch so trivialen Heimatfilm. Das spielt die Rolle für die Nachwelt. Wer so einen Empfindungsreichtum in sich trägt, muss sich manchmal mit Hilfsmitteln dämpfen. Das virtuos zu handhaben, ist eine der größten Herausforderungen überhaupt. Mich würde heute schon interessieren, wie du dein Buch in zehn oder zwanzig Jahren beurteilst.

In den Amazon-Bewertungen ging es einigen so wie mir, wenn ich die Kritiken lese. Es ist nicht völlig irrelevant oder wertlos, aber man klappt es zu mit dem Gefühl, dass einem das, was zu teilen gewesen wäre, vorenthalten wurde.

23. Dezember 2021

SCHILDKRÖTE. neu geordnete Teile von kaputtem Strickponcho aus der „Who Killed Bambi?“-Boutique hinterm Hackeschen Markt (wegen mir zu kompliziert zu stopfendem, frontalem Motten- oder Waschmaschinenloch), Kleber, Goldacryl, Flambierbrenner, Grundierung, Acrylstifte (Königsblau, Türkisblau, Lindgrün), Blattgold, auf 2020 von Jenny geschenkter leerer Leinwand Nummer zwei von zwei, 44 x 64 cm, 20./21./28. November und 04./12./14. u. 15. Dezember 2021, Staatliche Museen v. Gaganien.

20. Dezember 2021

„You can do anything in this world if you are prepared to take the consequences.“ W. Somerset Maugham, The Circle

Demzufolge wäre die einzige Rechtfertigung, (noch) nicht ausreichend auf die Konsequenzen vorbereitet zu sein. Oder keine Lust auf die Vorbereitung zu haben. Oder keine Lust auf ALLE der Aktivität folgenden Konsequenzen zu haben. Puh. Beschäftigt mich schon lange, aber ich komme immer ein kleines Stückchen weiter.

William Somerset Maugham hat mich gestern zum Weinen gebracht. War fast schon ein kleiner Nervenzusammenbruch. Georg Stefan Troller traf ihn einst persönlich, 1963, da war er (Maugham) Neunzig. Sie gingen auf seinem Anwesen in Südfrankreich spazieren. Plötzlich fing er an Goethe zu zitieren, lesend. Auf Deutsch mit seinem englischen Akzent. „Alles geben die Götter, die unendlichen, ihren Lieblingen ganz, alle Freuden, die unendlichen, alle Schmerzen, die unendlichen, ganz.“ Wer kennt es nicht, kennt sie nicht, diese Zeilen. Die übrigens aus einem Brief stammen, keine Verse sind, die Goethe je als „Gedicht“ veröffentlicht hätte. Der Hintergrund wurde 1999 in diesem FAZ-Artikel von Reich-Ranicki erhellt. Mir ist, als würden diese Zeilen häufiger von sehr alten Menschen zitiert, die viel erlebt und gesehen haben. Und wen sie tief treffen, ist Götterlieblingen begegnet oder fühlt, einer zu sein und darum zu wissen. Zum Glück musste ich nicht so lange weinen, dass ich völlig fertig gewesen wäre. War nur ein kurzer, sehr starker Ausbruch.

( ab Minute 2:50 die alte Reportage, ab Minute 12:00 Goethe )

19. Dezember 2021

gn. Messing-Kleinteile, Goldpapierreste, Acryl, Blattgold, Einlage Niederegger Mini-Marzipantorte, Visitenkarte, Klebstoff, Karton, 09./15. Februar 2020, 20 x 20 cm, Staatliche Museen v. Gaganien

19. Dezember 2021

Daheim geblieben. Im Warmen und Trockenen. Vor dem Fenster Regen. Habe Portraits („Personenbeschreibung“) von Georg Stefan Troller auf youtube geschaut, eine Sendung nach der anderen. Vor zwei Tagen auch schon eine über Peter Handke und sein Leben in den Siebzigern in Paris. Wie er seine Tochter versorgt, ihre Kindergartentasche packt. Pausbäckig. Also er. Danach spätnachts ein späteres Interview vom ZDF, war auch eine Nachtsendung damals („Nachtstudio“, nicht mit Troller, sondern Volker Panzer). Schönes Gespräch. Da war Handke dann nicht mehr pausbäckig, viel charismatischer. Schon ein bißchen verwelkt, aber durch die insgesamt unprätentiösere Ausstrahlung attraktiver.

Dann heute die Personenbeschreibung-Sendung über Leonard Cohen, der nichts von sich preisgab, was man ohnehin schon wusste, und das war nicht viel. Aber es gibt ja die Lyrik, die Texte, da ist alles drin, darauf wird immer verwiesen, von den sich bedeckt und verschlossen gebenden Künstlern, die ja doch mit ihrem sehr persönlichen Werk in die Öffentlichkeit wollen. Ist ja alles legitim. Wen ich sehr unangenehm fand, war Woody Allen. Ich hatte auch ein déjà vu, dass ich diese Sendung schon einmal damals gesehen haben muss. Vielleicht in den Achtziger Jahren, als ich seine ganzen gewitzten Manhattan Filme mit Diane Keaton schon kannte und dann fröstelnd dem griesgrämig und depressiv wirkenden Allen in Trollers Interview folgte.

Dann gab es noch zwei kurze Portraits, Interviews vielmehr. Mit Juliette Gréco, die damals in den Sechzigern eine Beziehung mit Michel Piccoli führte, der daneben saß und Sätze einwarf, sehr persönlich, man spürte die Vertrautheit mit Gréco, und ein weiteres Interview mit Kommentaren von Troller mit Edith Piaf, die damals, auch in den Sechzigern, gerade ihren letzten Mann ehelichte. Sie war 47, er 26. Und Troller spekulierte ungeniert über die vermutet wahren Hintergründe, warum sich der Friseurgehilfe mit der verlebten Piaf zusammentat. Geld könnte nicht der Grund gewesen sein, da sie es mit beiden Händen zum Fenster herauswarf, also die garantierte Aufmerksamkeit, die Publicity. Mag sein. Ich habe die kommentierende Stimme mit dem österreichischen Tonfall und dem betont unemotionalen Duktus offenbar noch von früher sehr stark verinnerlicht. Wenn ich Trollers Kommentare in den Dokus höre, stellt sich immer Gemütlichkeit ein, auch wenn er etwas spitzfindig eher ungemütliche Beobachtungen einstreut. Er ist schon ein Original, der nun Hundertjährige. Die von mir erwähnten Portraits und Interviews sind alle sehr leicht auf youtube zu finden.

18. Dezember 2021

Alnatura Fischstäbchen
Femeg Schollenfilet Müllerin Art
Ostseefisch Seelachschnitzel
Edeka Heimatliebe Biokartoffeln Erdige Brandenburger
Gut und Günstig Mayonnaise
2 x Gut und Günstig Markenbutter
Edeka Bioeier
2 x Bio Alnatura Joghurt
Bio Alnatura Schlagsahne
demeter Bio Rote Bete
Gut und Günstig Champignons
Gut und Günstig Käseaufschnitt
Gut und Günstig Fischstäbchen
2 x Monmousseau Crémant de Loire
ital. Bio Rucola
2 x Gut und Günstig Cashewkerne
Messmer Darjeeling Tee
Ostmann Kümmel
Edeka immergrüne Bobbybohnen
Edeka Bio Blattspinat

Posten: 24 – SUMME EUR 59,98

Ich hab das Klopapier vergessen. Vor dem Regal habe ich mich etwas zögerlich für die Marke Edeka 4-lagig entschieden. Dann habe ich mein sehr volles Körbchen an einer Ecke in der Nähe der Kasse abgestellt und die große Klopapierpackung hochkant daneben gestellt. Und vergessen. Es ist mir ungefähr nach zwanzig Metern auf dem Rückweg in der Auguststraße eingefallen. Ich überlegte, umzudrehen und hatte dann überhaupt keine Lust, nochmal zurückzugehen. Mir fiel dann ein, dass ich ja noch ein paar Blatt auf der Rolle daheim habe und es bis morgen reichen müsste. Vielleicht, hoffentlich (!) bin ich morgen fit genug, um in meine kleine Werkstatt zu fahren, da ist noch Klopapier, da hole ich mir eine Rolle. Es ist eben Schicksal.

Mein Schutzengel hat mich davor bewahrt, das vierlagige Edeka Klopapier zu kaufen, ich hatte auch kein wirklich gutes Gefühl dabei! Jetzt könnte man denken, ich bin eine Prinzessin auf der Erbse, dass mir nur fünflagiges Klopapier akzeptabel erscheint. Aber die Wahrheit ist: vor ca. zwei Jahren hat die Klopapierindustrie die Produktion auf dünnere Blättchen umgestellt, so dass seither jede Lage nur noch ungefähr halb so dick wie früher ist! Mir war nämlich früher vierlagiges Klopapier durchaus ausreichend. Meistens habe ich das von Rossmann geholt. Auf einmal ist es mir so dünn vorgekommen, dass ich empört andere vierlagige Marken gekauft habe, und war ebenso enttäuscht und empört! Die anderen Marken vierlagig waren teilweise noch dünner! Deshalb kaufe ich seither fünflagiges von dm, was dem früheren vierlagigen von Rossmann entspricht.

Aufmerksamen Analytikern meines Einkaufs- und Kassenzettels könnte auffallen, dass ich gar kein Obst auf dem Zettel habe. Grund ist, dass ich noch Obst vorrätig habe! Genau genommen ca. 37 Weintrauben, 3 runde Pflaumen, ca. 13 Brandenburger Elstar-Äpfelchen und 1 Mandarine! Obst habe ich immer da und verspeise es täglich! Die Müllbeutel auf dem Einkaufszettel habe ich verworfen, da es nichts mir Passables im Angebot gab. Hat Zeit bis Montag. Hole ich mit der neuen Klopapierpackung bei dm! Ich nehme immer 60-Liter-Beutel mit Zugband. Wäre das auch geklärt!

Ich stelle gerade etwas überrascht fest, dass manche Sachen in meinem heutigen Körbchen Bio sind, von denen es mir gar nicht bewusst war. Z. B. die Rote Bete und die Kartoffeln. Schadet ja nicht. Dass ich eine Packung Alnatura Bio-Fischstäbchen und eine Packung Gut und Günstig Fischstäbchen gekauft habe, dürfte überraschen. Tatsächlich schmecken mir die Gut und Günstig Fischstäbchen recht gut und ich wollte mal einen Geschmacksvergleich mit den natürlich viel teureren und moralisch vertretbareren (?) von Alnatura machen. Das Bio-Alnatura-Joghurt ist für mich geschmacklich eher ein Kompromiss, weil ich am liebsten eigentlich das stichfeste von Onken mag, das gibt es aber nicht überall. Und wenn ich schon so labbriges Flüssigjoghurt kaufe, dann kanns auch gleich Bio sein, dann wenigstens was in die Moral investiert. Leider muss ich sagen, dass mir manche Bioprodukte überhaupt nicht schmecken.

Einmal hab ich Bio Wiener Würstchen bei bio company gekauft, welche mir überhaupt nicht geschmeckt haben. Also Bio schmeckt nicht immer besser, wenn die Gewürze und die Herstellung nicht von Feinschmeckerhand kontrolliert werden. Was hingegen immer ohne Wenn und Aber besser schmeckt, ist Bio-Schlagsahne. Nicht-Bio, wie z. B. von durchaus guten und teueren Marken wie Weihenstephan, ist ebenso mit Carrageen versetzt (damit es keinen Butterpropfen im Becher gibt), wie Discounter-Schlagsahne. Meine selbst kreierte Kaffeespezialität mit der schaumig geschüttelten Schlagsahne funktioniert nämlich nur mit Carrageen-freier Schlagsahne, die andere lässt sich nicht zuverlässig schaumig schütteln. Und das Carrageen gibt einen komischen Beigeschmack, den man erst erkennt, wenn man sich erst mal an gute, reine Bio-Schlagsahne gewöhnt hat. Das waren nun genug Haushaltstipps für heute.

Bei mir ist jetzt Tea-Time! Neben mir steht eine Kanne Darjeeling. Der Beuteltee von Messmer ist mir dafür gut genug, den Zirkus mit losem Tee mache ich schon lange nicht mehr mit, es lebe die Erfindung des qualitätvollen Teebeutels! In meiner Jugend war das ja völlig tabu, da war ich auch Stammkundin im „Teeladen“, wo es immer sehr verführerisch geduftet hat. Es war ein richtiger Kult, man hatte mindestens fünf verschiedene komplizierte Teesorten aus China und Indien in diesen schwarzroten Blechdosen. „Ming Xiang“ und „Gunpowder“ und weiß der Teufel. Eine schöne Erinnerung, aber mir schmeckt Beutel-Darjeeling, wenn er gut ist, genauso wie loser aus dem Fachgeschäft. Im Stövchen flackert das Teelicht. Sehr gemütlich!

18. Dezember 2021

Noch drei Tage bis Wintersonnwende, der ich entgegenfiebere. Hoffentlich ohne erhöhte Temperatur. Kann sein, dass ich mir gestern einen leichten Schnupfen eingefangen habe, als ich eine malade Kollegin seelsorgerisch betreute, bis sie abgeholt wurde, und dabei ein bißchen lange beim offenen Fenster saß. Seit Jahren keinen Schnupfen gehabt. Ich habe gar keine Lust, die warme Wohnung zu verlassen, aber ich will ein bißchen einkaufen. Butter und Klopapier ist fast alle. Joghurt, was zum in die Pfanne hauen, Eier, Käse, Champignons, grüne Bohnen, Lachs, evt. Fischstäbchen.

Ich brate nur mit Butter. Guter Butter! Getränkemäßig habe ich nur noch eine Flasche Rotwein und eine ungeöffnete Flasche Wasser mit Sprudel. Letztere war von einem Catering übrig. Ich kaufe nie Wasser in Flaschen. Leitungswasser ist mir ausreichend. Biosahne brauche ich auch noch, für meinen Frühstückskaffee. Ich fülle die frische flüssige Sahne in ein Schraubgefäß mit großer Öffnung, schüttle ein paar mal kräftig und dann habe ich einen sehr guten sahnigen Schaum, den ich mir in Wölkchen auf den Kaffee hebe. Schmeckt ausgezeichnet. Ich koche Espresso mit einer French Press und einer Prise Salz. Unorthodoxe Vorgehensweise, aber sehr gutes Ergebnis. Ich bin eine Feinschmeckerin! Wem ich bisher meine Kaffeespezialität serviert habe, war sehr angetan.

Ich muss mich mal zurecht machen, dann habe ich auch Elan, zu Edeka in die Große Hamburger Straße zu gehen. Das ist mein nähester Supermarkt, den ich auch sehr gerne besuche. Ecke Auguststraße, rechts vom Obstladen. Das einzige, was mir nicht gefällt, ist der Kassenbereich seit dem Umbau. Das ist alles nicht sehr praktisch. Wäre jetzt zu kompliziert, das zu erklären. Aber die Kassiererinnen sind auch nicht happy damit, wir haben schon manches mal zusammen darüber gelästert! Neulich hab ich dort einen Weißkohlkopf gekauft, weil er so schön ausgesehen hat und so preisgünstig war. Der wird und wird nicht kleiner. Ich weiß gar nicht recht, was ich damit machen soll. Ich schäle immer einzelne von den riesigen Blättern ab und hau sie zerpflückt mit in die Pfanne. Vielleicht versuch ich es doch mal mit klassischer Verarbeitung.

Der kleine Edeka hat eigentlich nicht mein Lieblingsklopapier zur Auswahl, aber ich hab keine Lust zu dm zu gehen, ist mir zu weit weg, da hinterm Hackeschen Markt. Ich kaufe immer fünflagiges von der Eigenmarke von dm. Ich hab so dermaßen keine Lust raus zu gehen. Aber wenn ich die nächsten zwei Tage dann keine Auswahl an Getränken usw. habe und mir den Hintern mit Tempo abwischen muss, ärgere ich mich. Man soll ja keine Papiertaschentücher ins Klo werfen, das löst sich wohl sehr schlecht auf. Also ich muss wohl oder übel vor die Tür. So, nun habe ich mein Elend in Worte gekleidet. Und nun ran an die Wimperntusche. Ich würde ja nie nicht zurecht gemacht aus dem Haus gehen. Ich meine: BERLIN MITTE – hallo? Ich repräsentiere schließlich den Nabel der Welt. Entschuldigung – ich meinte natürlich den Nabel von GAGANIEN!

14. Dezember 2021

„I don’t think in any language. I think in images.“
Vladimir Nabokov

Mich hat immer irritiert, ja befremdet, wenn ein mehrsprachiger Mensch, (beispielweise nach jahrzehntelangem Aufenthalt in einem Land, in dem nicht die Muttersprache gesprochen wird) in einem Interview auf die Frage „in welcher Sprache denken Sie und in welcher Sprache träumen Sie?“ mit der jeweiligen Angabe einer Sprache parierte. Besonders die Idee von „in einer Sprache träumen“ machte mich ratlos. Ich weiß wohl, dass auch in meinen Träumen gesprochen wird, manchmal gibt es kurze Dialoge, aber ich müsste lügen, wenn ich eine Folge von Worten zitieren sollte. Es gibt Informationsübermittlungen, das ja. Aber alles in allem erinnere ich Bilderfluten, die mehr Information als nur Farbe und Form tragen. Wie Erinnerungen. Kaum würde ich die Erinnerung an gesprochene Worte beschwören. Eher an ein Lachen, einen Blick. Elektrizität. Gefühle und Bilder. Gefühlsgeladene Bilder.

13. Dezember 2021

„(…) Später als Grosz bereits als der radikalste Karikaturist der deutschen Bourgeoisie und ihrer Militärclique galt, erklärte er, seine Haltung sei marxistisch fundiert. Aber die gesellschaftskritische Schärfe, die aus seinen Werken spricht, dürfte aus seinen Jugendjahren stammen, in denen er die Berliner Hinterhöfe kennenlernte oder mit ansehen mußte, wie arrogante, monokeltragende Offiziere seine Mutter wie eine Dienstmagd herumkommandierten.

Grosz selber hält ein anderes, freundlicheres Kindheitserlebnis für wesentlicher. Eines Nachts sei er auf eine Kiste stiegen und habe heimlich in das Schlafzimmer einer Frau geblickt, die sich entkleidete. Gemächlich schälte sie sich aus Bluse und Rock und Korsett und Unterrock – den Hüllen, die den Körper einer Dame der Jahrhundertwende zu verbergen pflegten. Schließlich stand sie nackt, nur mit Strumpfbändern am Leib, vor dem Spiegel, löste den Dutt, zu dem ihr sehr langes Haar zusammengehalten war, und kämmte es – ohne zu ahnen, daß draußen vor dem Fenster ein Junge stand, der sie fasziniert beobachtete. »Dieser Anblick ging mir durch und durch«, schrieb Grosz später. »Es war ungeheuerlich! Ich habe bis heute diesen ersten Eindruck nicht überwunden. Ich wollte ihn auch gar nicht überwinden.«“

Otto Friedrich, Weltstadt Berlin – Größe und Untergang 1918 – 1933, Verlag Kurt Desch 1973, S. 143

12. Dezember 2021

Liebe Gemeinde,

ich freue mich, dass Sie sich zum Gottesdienst und gemeinsamen Gebet eingefunden haben. Am heutigen heiligen Sonntag wollen wir uns einigen von mir ausgewählten Psalmen zuwenden:

Ehe die Berge geboren wurden, die Erde entstand und das Weltall, bist du, o Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Du lässt die Menschen zurückkehren zum Staub und sprichst: «Kommt wieder, ihr Menschen!»

Denn tausend Jahre sind für dich wie der Tag, der gestern vergangen ist, wie eine Wache in der Nacht.

Du hast unsre Sünden vor dich hingestellt, unsere geheime Schuld in das Licht deines Angesichts.

Denn all unsre Tage gehn hin unter deinem Zorn, wir beenden unsere Jahre wie einen Seufzer.

SO LASSET UNS BETEN:

Herr, wende dich uns doch endlich zu! Hab Mitleid mit deinen Knechten!

Sättige uns am Morgen mit deiner Huld! Dann wollen wir jubeln und uns freuen all unsre Tage.

Erfreue uns so viele Tage, wie du uns gebeugt hast, so viele Jahre, wie wir Unglück erlitten.

Zeig deinen Knechten deine Taten und ihren Kindern deine erhabene Macht!

Es komme über uns die Güte des Herrn, unsres Gottes. Lass das Werk unsrer Hände gedeihen, ja, lass gedeihen das Werk unsrer Hände!

Amen.

Ps 90,2 – Ps 90,17

10. Dezember 2021

TELEDAT. Kernprozessoreinheit(?) Transformator aus Kupferspule mit gewichtigem Eisenkern v. Telekom-Modem (?), Kugelschreiber, Acrylgold, Verpackungsschachtel (v.?), 12,5 x 12,5 x 2 cm, 30. Juni/22. Aug. 2018/21. Nov. 2021, Staatliche Museen v. Gaganien

Beruhigende Geometrie. Geordnete Linien und Flächen. Sehr leicht, visuelle Ordnung herzustellen. Ich glaube, das ist in meinem Fall ein Gegenzauber, ein Harmonisierungsversuch gegenüber dem (scheinbaren) Chaos, das einen sonst so umgibt. Ich kann mir sehr, sehr sicher sein, dass mich in der Zurückgezogenheit meiner privaten Wände niemand hindern wird, ein altes Teledat-Modem zu öffnen und einzelne Teile zu explantieren und mit geometrischen Verzierungen zur Reliquie zu erklären. Kaum jemand würde daran gehindert werden. Viel zu unspektakulär. Viel, viel schwieriger ist es für mich zu verstehen, wie man nicht-materielle Hinterlassenschaften ordnet. Gefühlshinterlassenschaften zum Beispiel. Wenn ich Materie ordne, versuche ich auch eine höhere Ordnung zu beschwören, anzurufen. Ob sie mich erhört, weiß ich nicht, aber wenn so ein materieller Prozess abgeschlossen ist, habe ich immer die völlig irrationale Empfindung, dass sich auch innerlich etwas geordnet hat. Was ich dabei an irdischer Materie bearbeitet habe, steht nicht in direktem Zusammenhang mit meiner inneren Empfindungswelt, die Gedanken verfolgen kann, die nicht das Geringste mit dem Objekt und den entstehenden Formen zu tun haben. Nur manchmal trifft es an einem Punkt zusammen, dann bin ich immer perplex. Auch elektrisiert. War bei diesem Teil nicht der Fall, aber es gibt einige. Als ich den Kern mit der Kupferspule ausgebaut hatte, realisierte ich, dass ausschließlich dieser quaderförmige Kern das immense Gewicht der alten Modems ausmachte. Das kann ja nur Eisen sein. Ich habe etwas dilettantisch versucht, den technischen Hintergrund, die Spezifikation zu eruieren, vielleicht habe ich es auch falsch verstanden. Leider habe ich zu wenig Kenntnis von Kommunikations- und Elektrotechnik. Aber dass in allen Geräten, die ich bisher aufgeschraubt und aufgebrochen habe, Kupferspulen in unterschiedlichen Größen sind, ist mir nicht entgangen. Einmal habe ich angefangen, eine größere Kupferspule abzuwickeln. So groß nun auch wieder nicht, aber es gibt ja auch ganz kleine auf den Platinen. Ich wickelte und wickelte und wickelte. Es nahm kein Ende. Es war ein endloser Strang wie feines Engelshaar aus Kupfer. Vor mir war ein immer größer werdendes Knäuel aus haarfeinen Kupferfäden. Erinnerte mich ein bißchen an meine jugendlichen LSD-Experimente Mitte der Achtziger Jahre, bei denen ich bizarrste visuelle und zeitliche Wahrnehmungen hatte.

09. Dezember 2021

GOD. Nähkästchenfundsachen, nach launigem Verkaufs-Small Talk Anno Soundso im Quartier 205, aus dem Lafayette im UG kommend, in die Passage tretend, mit dem jungen Inhaber des Labels in seinem kleinen, luxuriösen Laden erstandene Gratiae Organics Ultrox Anti Wrinkle Serum-Schachtel, Gold-Acryl, 7,5 x 14,5 x 5 cm, 21. Mai und 22. Juli 2018, Staatl. Museen von Gaganien. Ich weiß nicht genau, worum es sich handelt, könnte mit Kabbala zu tun haben. For more Information please contact GOD.

09. Dezember 2021

EXTRA BRUT VI. PVC-Jalousien-Verpackungsverschlusskappen, Silber- und Gold-Acryl, geerbter, original Siebziger Jahre-Disco-Make up-Flitter, Edding, Krepppapier, Toner-Einheit-Schachtel., 81,5 x 10 x 3,7 cm, 3. August 2018, Staatl. Museen von Gaganien

08. Dezember 2021

TRIAS. Stromkabel Flachbettscanner, Kleber, Grundierung, Karton, 24 x 31 x 4 cm, 25. Juni 2018, Staatliche Museen von Gaganien

Trias: altgr. τριάς, gen. τριάδος=Dreiheit. Aber das sind doch vier Dreiecke. So ein Titel springt einen an, man geht da ja nicht wissenschaftlich vor. Ich empfinde immer noch drei, auch wenn ich vier Dreiecke zählen kann. Ich kann überhaupt gut zählen, wenn ich will. Ich will nur oft nicht. Es langweilt mich. Berechnungen mag ich nur beim Ausmessen von Mobiliar oder wenn ich gleichmäßige Abstände ermitteln will.

Früher dachte ich, dass man menschliche Beziehungen nicht berechnen kann, nicht berechnend angehen kann. Vielleicht gilt das aber nur für mich. Aus der Ferne kommt es mir mitunter vor, dass manche Verbindungen trotz eines berechnenden Elementes bestehen können. Dass mir das nicht gefällt, steht auf einem völlig anderen Blatt. Die Rechnung muss wohl einfach irgendwie aufgehen. Und man muss signalisieren, dass mit einem zu rechnen ist, wie man so sagt. Auch im Sinne von Verbindlichkeit, Verlässlichkeit. Ich bin schon ein verbindlicher, verlässlicher Charakter, aber wedle vielleicht nicht sehr plakativ mit meiner Fahne.

Die Mysterien von Bindungen. Ich habe mich in meinen Zwanzigern so sehr ausführlich in die Geheimnisse der Astrologie eingearbeitet, dass mich zuletzt Partnerschaftsastrologie sehr stark beschäftigte. Wenn man in diesem Bereich in die Lehre geht, schaut man sich naheliegenderweise an, was bei einem selbst vorliegt. Ob es einen roten Faden gibt. Gibt es. Ist nur nicht so einfach bei Beziehungsarchäologie den Staub wegzuwischen und den Kern der Fundsachen freizulegen. Letztlich kann man auch ganz ohne astrologische Analysen zu Erkenntnissen kommen, sogar zu nicht von der Hand zu weisenden, was man von der Sterneguckerei nicht behaupten kann. Aber es in der Komplexität zu betrachten, schadet auch nicht.

Ich werde hier jetzt keine Details ausbreiten, was mir über mich klar geworden ist. Ich bin da gerne diskret und auch der Erkenntnisprozess ist work in progress. Solche eingemachten Sachen betreffen auch familiäre Zusammenhänge, die ich nicht auf dem Tablett servieren will. Ich kann aber verraten, dass ich Mama-Papa-Kind-spielen das uninteressanteste Spiel von allen denkbaren fand. Und meine Puppen waren in meinen Gedanken keine kleinen Mädchen, keine Kinder und schon gar keine Säuglinge. Sie waren erwachsen und frei und wollten in bunten Sechziger- und Siebziger Jahre-Partykleidern die Welt entdecken. Die ganze große, bunte freie Welt. Wo sich „was sollen die Nachbarn denken“-Nachbarn nicht einmal im Traum hin verirren.

07. Dezember 2021

SPEEDPORT W 722V. Platine v. Gaga Nielsens 3. Internet-Router, online 27. September 2012 – 16. Juni 2018, Serviette, Kleber, Acryl, Karton, 22 x 32, 16. Juni 2018, Staatl. Museen v. Gaganien

Wer sich im Zeitraum 27. September 2012 und 16. Juni 2018 mit mir im Internet über Facebook-Chat oder Kommentare oder Mails ausgetauscht hat, kann davon ausgehen, dass alles was getippt wurde, über diese Platine gerauscht ist. Und vielleicht ist ja auch irgendetwas davon hängen geblieben. Jetzt hängt sie in meinem Wohnzimmer. Ich kann sie sehen, wenn ich tippe und mein vierter Router die Buchstaben ins All des World Wide Web schießt. Schon aufregend! Ich habe den Router tatsächlich an dem Tag zerlegt, nachdem ich den neuen erfolgreich angeschlossen hatte. Es war eine Zeremonie und ich musste, als ich das Gehäuse aufschraubte, beinah mit einem religiösen Gefühl daran denken, wie viele Gedanken und Gefühle mit rasender Geschwindigkeit über weite Entfernungen damit transportiert wurden, nicht nur meine. Das unsichtbare Netz elektronischer und oft auch elektrisierender Verbindungen, über Dächer und Schornsteine, Bezirke und Grenzen von Städten hinweg. Ich sehe urbane Landschaften auf der Platine. Relief unserer Kultur. Eine Reliquie.

06. Dezember 2021

LET’S DANCE. Regalbodenträger, 1. Zebra-Papier-Serviettenlage von hinten, Kleber, Acryl, A3-Kopier-Papier, Pappkarton, 3. Juni und 8. Juli 2018, 28,5 x 44,5 cm, Staatliche Museen von Gaganien

Dieses rhythmische Werk ist entstanden, als ich wieder einmal meinen Krimskrams sortiert und aussortiert habe, was sich gerne auf dem Teppich sitzend im Wohnzimmer abspielt. Da alle meine Regalböden fest sitzen, besteht kein weiterer Bedarf an Regalbodenstiften. Ich musste mal eine ganze Schachtel kaufen, obwohl ich nur ungefähr acht gebraucht habe. Zufällig lief Let’s Dance im Fernseher, was mich stark inspirierte! Wer getanzt hat, weiß ich nicht mehr, aber war wohl sehenswert. Andere Staffeln habe ich dann nicht mehr so verfolgt.

Ich begeistere mich manchmal für Mainstream-Formate, gucke eine Weile und dann reicht’s mir wieder! Z. B. habe ich mal eine Weile, allerdings schon viele Jahre her, Shopping Queen geguckt, natürlich wegen Guido, den Wohnungseinrichtungen der Damen und Guidos kecken Bemerkungen. Auf einmal war mein Interesse vorbei, ich hatte den Eindruck, es wiederholt sich und ich kenne schon alle Sprüche. Nichts Neues unter der Sonne!

Ich bin ein sehr begeisterungsfähiger Charakter, aber mag keine Wiederholung, wenn es sich nach Wiederholung anfühlt. Außer bei meinen Lieblingsgetränken und Lieblingsessen und Lieblingsmusik. Aber bei Musik muss ich auch immer wieder mal aussortieren. Ich habe auch schon Freundschaften sozusagen auslaufen lassen, wenn ich das Gefühl hatte, die Gespräche haben kein Entwicklungspotenzial mehr. Ich bin eindeutig nicht der „ach weißt du noch, damals, wie schön war es doch“-Typ. Mich interessiert die Gegenwart und das Kommende hundertzwanzigtausendmal mehr, weil unwägbar und damit interessant.

Aber historische Angelegenheiten von Anno Dazumal in Dokus oder Büchern kann ich verschlingen, wenn für mich neue Sachen exhumiert werden können. Gerade lese ich ein Buch über die Geschichte vom Hotel Sacher in Wien. Außerdem auf meinem Stapel ungelesener Bücher, ein Buch über die Geschichte vom Hotel Adlon seit seiner Gründung bis in die Gegenwart, vom Nachkommen Felix Adlon recherchiert und verfasst.

Parallel zu dem Sacher-Buch von Monika Czernin lese ich ein Mammutwerk über die Geschichte von Hollywood, wo auch sehr interessante Nähkästchenplaudereien zu finden sind. Von dem Harvard-Historiker Otto Friedrich in den Achtziger Jahren verfasst. Unglaubliche Details! „Markt der schönen Lügen“ heißt es. Da werde ich bald daraus zitieren. Allerdings lese ich auch ein bißchen quer, manches ist mir zu ausführlich, was geschäftliche Hintergründe angeht, zum Beispiel. Das Sacher-Buch lese ich unterwegs in der S-Bahn und U-Bahn und mittags, weil ein leichtes Taschenbuch. Das Hollywood-Buch lese ich nur daheim, es ist mir zu schwer zum Mitnehmen!

06. Dezember 2021

Heute Morgen, Viertelzehn. Vor dem S-Bahneingang Hackescher Markt: ca. 23-jährige Frau mit Selfiestick. Mundwinkel happy nach oben, löst aus. Mundwinkel fallen wieder runter. Fotocheck mit ernster Miene. Selfiestick wieder im Anschlag, Mundwinkel happy nach oben, löst aus. Mundwinkel fallen runter. Freudloses Gesicht. Licht an, Licht aus, Licht an, Licht aus. Making of „My-Happy-Life“-Show für Insta. Gewusst hat man es ja schon immer, aber so hautnah beobachten konnte ich das noch nie. Beeindruckendes Gefälle. Dabei können das unmöglich Sponsoren-Aufnahmen gewesen sein, die Klamotten und die Gesamterscheinung waren zu beliebig. Der Hintergrund, Eingang S-Bahnhof unglamourös, unfotogen, wirr, unruhig. Vielleicht eine einsame Touristin?

05. Dezember 2021

LIFE ON EARTH. Kaffeemaschinenteil, Puderdosenspiegel, Nägel, Silberpapier von geschäftlichem Briefumschlag, Goldpapier von Jenny-Geburtstagsgruß-Kuvert, beim Umzugskartonpackenhelfen geerbte Disco-Make up-Glitzersternchen aus den Siebzigern, DIVA-Lindt-Pralinenschachtelanhänger, Visitenkarte, Pappkarton, Kleber, 25 x 36 cm, 1. Mai 2018, Staatliche Museen von Gaganien

Es gibt Leben auf der Erde! Das ist der Beweis. Die Erdlinge machen Sachen wie Kaffeeautomatentassenabstellwärmeplatten und kleine Schminkspiegelchen und Glitzersternchen für Siebziger-Jahre-Disco-Make up und dicke kurze Nägel und Schachteln und Silber- und Goldpapier, aus denen die Erdbewohnerin Gaga Nielsen dann detailgetreue Abbildungen von den anderen Erdbewohnern macht! Mit Armen und Beinen und Bauch und Kopf mit Hipster-Dutt und noch was Rundlichem zwischen den Beinen!

05. Dezember 2021

HOPE – Extra Brut IV. Netzadapter-Transistoren, Netzadapter-Stecker, Teelicht-Alu, Büroklammern, Spiegelmosaik, Kleber, Acryl, Papier, Rahmenrückwand, 25 x 33 cm, 23./24./28. Juli, 01./22. August 2020, 10. August 2020, Staatliche Museen von Gaganien

Hope, Hoffnung. Auf alles Mögliche. Dass aus der Pandemie eine Endemie wird. Dass ich mich nicht mehr Montag bis Freitag alle vierundzwanzig Stunden testen lassen muss. Das ist übrigens kein Weihnachtsbaum, und war nie so beabsichtigt. Im Juli und August vor drei Jahren habe ich bestimmt noch weniger als sowieso schon an Weihnachtsbäume gedacht. Aber die Teile machen was sie wollen. Geschlachtete Netzadapter. Solche Sachen sind da drin.

Was mich trotz persönlicher Weihnachtssperre immer rührt, ist der Wunsch nach Glitzer in der Bevölkerung. Dem kann ich ganzjährig entsprechen! Ich habe das Bild aber quer aufgehängt, in meinem kleinen Bad im Atelier links unterm Waschbecken, ganz diskret. Halte ich jetzt nicht für mein Meisterwerk, aber dann gefällt mir doch wieder der Eispalast-Zauber, den es hat. Ich bin der Meinung, dass eine göttliche Hand meine als Verlängerung benutzt, und ich habe da nicht viel mitzureden. Also muss ich akzeptieren, dass im Juli und August vor drei Jahren ein Dings, das wie ein geschmückter Weihnachtsbaum aussieht, das Licht erblicken wollte.

Das Silly-Konzert war übrigens mit vorbildlicher Einlasskontrolle, alles wurde genau angeguckt. Wenn es überall und immer so wäre, ginge ich auch jetzt noch weiter zu irgendwelchen Veranstaltungen. Ist aber leider nicht der Fall. Das Konzert selbst war nicht so, dass ich es als Highlight meiner Konzertbesuche in Erinnerung behalte, deswegen auch kein ausführlicher Jubelbericht. Der Ton war leider nicht gut ausgesteuert, ich hab mir Tempotaschentücherfitzel in die Ohren gestopft, um überhaupt etwas zu verstehen. Die Damen haben alles gegeben und sehr artikuliert gesungen. Die Musiker sind eh gut. Aber für meinen – und auch Jennys – Geschmack zu viel nostalgische Ehrerbietung vor Tamara Danz und zu wenig Verneigung vor den Frontfrauen Julia Neigel und AnnaR, die jeweils eine nicht geringere Karriere hatten. Und noch am Leben sind!

Danach waren wir im Yo Soy in der Rosenthaler Str., Tapas und Wein. Da gibt es immer noch zu später Stunde Essen in schönem Ambiente. Aber den Impfausweis ohne Perso-Abgleich angucken, ist jetzt auch nicht so state of art. Also ich bin weiterhin gesund, wenn ich den letzten fünf Schnelltests glauben darf. Was ja auch nicht so in Beton gegossen ist. Aber fühlt sich so an.

Schönen Sonntag Allen! Besonders meinen Freundinnen, denen ich zuletzt Körbe gegeben habe. Ist nicht persönlich gemeint, wisst ihr ja. Bin nur übervorsichtig. Und last but not least einen innigen Geburtstagsgruß an Maria, die heute hat. Ich widme ihr allen Glitzer dieser Welt!

01. Dezember 2021

Lieblingsstelle. Vladimir Nabokov, Gelächter im Dunkel

»Nichts als tiefes Blau über sich, lag Margot auf dem platinfarbenen Sand ausgestreckt, ihre Glieder in Dunkelhonigbraun und mit einem dünnen weißen Gummigürtel, der das Schwarz ihres Badeanzugs unterstrich: das vollkommene Strandplakat. Der Länge nach neben ihr liegend, stützte Albinus seine Wange und schaute mit unendlichem Entzücken auf ihre geschlossenen Lider und ihren frisch geschminkten Mund. Ihr nasses dunkles Haar war aus der runden Stirn zurückgestrichen, und Sandkörner glitzerten in ihren kleinen Ohren. Wenn man sehr genau hinsah, konnte man ein schillerndes Glänzen in den Grübchen auf ihren braun glänzenden Schultern sehen. Das eng anliegende, schwarze, seehundartige Ding, das sie anhatte, war viel zu kurz, um wahr zu sein.

Albinus ließ eine Handvoll Sand wie aus einem Stundenglas auf ihren eingezogenen Bauch rinnen. Sie öffnete die Augen, blinzelte in die silberblaue Helligkeit, lächelte und machte die Augen wieder zu. Nach einer Weile richtete sie sich auf, legte die Arme um die Knie und blieb reglos sitzen. Nun konnte er ihren bis zur Hüfte bloßen Rücken sehen, auf dem entlang der Wirbelsäule Sandkörner glitzerten. Er wischte sie behutsam weg. Ihre Haut war seidig und heiß. «Himmel», sagte Margot, «wie blau das Meer heute ist. Es war wirklich blau: violettblau in der Ferne, pfauenblau mit zunehmender Nähe, diamantblau, wo die Wellen das Licht einfingen. Der Schaum überstürzte sich, rann, wurde langsamer, zog sich dann zurück und hinterließ einen glatten Spiegel auf dem nassen Sand, den die nächste Welle wieder überspülte. Ein behaarter Mann in orangeroten Hosen stand am Wasser und putzte seine Brille. Ein kleiner Junge quietschte vor Vergnügen, als der Schaum in die von einer Mauer umgebene Stadt strömte, die er gebaut hatte. Fröhliche Sonnenschirme und gestreifte Zelte schienen in der Sprache der Farben zu wiederholen, was die Rufe der Badenden für das Ohr waren. Ein großer bunter Ball wurde von irgendwoher geworfen und prallte mit einem dumpfen Ton auf den Sand. Margot grapschte ihn, sprang auf und warf ihn zurück.

Nun sah Albinus ihre Gestalt in das fröhliche Muster des Strandes eingerahmt; ein Muster, das er kaum bemerkte, so völlig war sein Blick auf Margot konzentriert. Schlank, sonnverbrannt, mit ihrem dunklen Wuschelkopf und den einen Arm mit dem Glanz eines Armbands noch immer vom Wurf ausgestreckt, erschien sie ihm wie eine köstlich kolorierte Vignette über dem ersten Kapitel seines neuen Lebens. Sie lief zu ihm hin, wie er der Länge nach ausgestreckt lag (ein Handtuch über den rosa Schultern voller Blasen) und die Bewegungen ihrer kleinen Füße beobachtete. Sie beugte sich über ihn und gab ihm mit einem berlinerischen Kichern einen ziemlich harten Klaps auf die wohlgefüllte Badehose.

«Is dit Wasser aber nass!», rief sie und lief in die Brandung. Dort ging sie mit schwingenden Hüften und ausgebreiteten Armen voran, watete in das knietiefe Wasser vor, fiel dann auf alle Viere, versuchte zu schwimmen, gluckste, krabbelte wieder hoch und ging weiter, bis zu den Hüften im Schaum. Er platschte hinter ihr her. Sie wandte sich nach ihm um, lachte, sputzte, wischte sich das nasse Haar aus den Augen. Er versuchte, sie unterzutauchen, packte sie dann am Fußgelenk, und sie strampelte und schrie.«

13, S. 57 – 59