Ich will ein paar Gedanken einfangen, die mir zu dem Buch durch den Kopf gingen (und gehen), das Romy Schneiders Tochter Sarah Biasini über ihre (verlorene) Beziehung zu ihrer Mutter schrieb. Es heißt in der deutschen Eins-zu-Eins-Übersetzung des Titels des französischen Originals, „Die Schönheit des Himmels„. Diese Neuerscheinung las ich vor etwa zwei, drei Wochen. Ein eher schmales Buch. Auf dem Cover ein zauberhaftes Foto, wo Romy die kleine Sarah im Swimmingpool hochhält und liebkost. Sarah ist jetzt so alt wie Romy, als sie starb, dreiundvierzig. Das Buch schrieb sie, als sie eher spät, schon Anfang Vierzig schwanger mit ihrer Tochter wurde. Wobei das heutzutage ja nicht mehr wirklich spät oder bedenklich ist, fast die Normalität.

Das Buch ist so angelegt, dass man nach dem Eingangskapitel, das spannenderweise mit einer Grabschändung an Romys und Davids Grab beginnt, einen Dialog mit dem im Bauch von Sarah wachsenden Töchterlein liest. Eine Zwiesprache, wie sie sicher viele werdende Mütter halten, was nur deshalb für eine Veröffentlichung relevant scheint, weil hier Romys Tochter schreibt und die geneigte Leserin hofft, recht viele Gedanken zu erhaschen, die sich auf ihre für alle Zeiten faszinierende Mama Romy beziehen. Wäre der prominente familiäre Zusammenhang nicht da, hätte Sarah, so sympathisch sie auch sein mag, kaum einen Markt für ihre Gedankengänge gefunden.

Schon auf den ersten Seiten lässt sie die Fangemeinde ihrer Mutter wissen, dass sie in besitzergreifender, ja eifersüchtiger Weise ein Problem damit hat, dass Romy wie ein Allgemeingut von jedem vermeintlich gekannt und verehrt wurde. Aber dann gesteht sie auch wieder zu, dass sie selbst kaum Erinnerungen hat und diese eher atmosphärisch sind, Frühstücken auf dem Bett, sie war drei oder vier. Eine gemütliche Situation im Schlafzimmer.

So leid es mir für Sarah tut, dass sie ihre Mama nicht länger hatte und nicht wirklicher erinnern kann, sondern aus nebulöser Erinnerung und Fragmenten von Filmen ein Mutterbild zusammenbauen muss, so unverhältnismäßig empfinde ich es, dass sie der Generation, die Romys Weg verfolgen konnte, nicht zugesteht, ebenfalls etwas Wahrhaftiges von ihrer Mutter erkannt zu haben. Regelrecht wütend wird sie über das deutsche Biopic „Drei Tage in Quiberon“. Das Schlimmste für sie ist daran, dass Romys Alkohol- und Tablettenkonsum gezeigt und thematisiert wird. Offenbar hat Sarah eine große Not, es bis zur Unkenntlichkeit abgemildert betrachten zu wollen, dass Romy – so berichten es durchweg alle ihr sehr zugetanen Zeitzeugen, keinen Tag ihres erwachsenen Lebens ohne Bordeaux, Champagner, Stimmungsaufheller und keine Nacht ohne Schlafmittel verbracht hat. Und wer weiß, was sonst noch alles.

Es ist davon auszugehen, dass in den frühkindlichen Erinnerungen wenig Situationen gespeichert sein können, die mit dem Entkorken von Flaschen und Herunterspülen von Stimmungsaufhellern verbunden sind. Das wird nur offen praktiziert, wenn es nicht grenzwertig ausufert. Dass es schwierig ist, eine reale, nahe Person durch einen Schauspieler nachgeahmt zu sehen, liegt wohl in der Natur der Sache. Aber ich gehe davon aus, wenn Sarah nicht biographisch verstrickt wäre, hätte sie „Drei Tage in Quiberon“ zumindest schauspielerisch würdigen können.

Weil die sensible, aber immerhin sehr von der Familie ihres Vaters behütete und geliebte Sarah noch keine Großzügigkeit walten lassen kann und ihre Mutter und deren Leben nicht mit dem Rest der Welt teilen will, geizt sie leider mit Mitteilungen, die den Wert einer Neuigkeit hätten.

An zwei Stellen reißt sie Begegnungen an, die einen neugierig machen, man freut sich gerade schon auf etwas Fleisch und Blut in der schmalen Kost der Erzählungen. Einmal trifft sie Michel Piccoli und erzählt die Vorgeschichte der Begegnung bis zu ebendieser. Was dann aber gesprochen und erinnert und mitgeteilt wurde, enthält sie den Lesern vor. Ebenso bei einer sehr spannend aufgebauten Beschreibung der Begegnung mit einem der wichtigsten Regisseure für Romy, Claude Sautet. Man trifft sich in einem Pariser Restaurant, das immerhin namentlich genannt wird. Dass er sie, Sarah, ergriffen anblickt (sie kannten sich nicht), dürfen wir noch erfahren. Alles weitere bleibt Sarahs Geheimnis. Schade.

Liebe Sarah, du wirst das hier nie lesen und kannst ja auch gar kein Deutsch, aber ich hoffe, dass du mit den Jahren etwas großzügiger wirst und tolerierst, dass viele Menschen deine Mutter verehrt und geliebt haben, egal ob sie getrunken hat oder nicht, ob sie sich mit ein paar Mittelchen über den Tag geholfen hat oder eben auch nicht. Ihre Qualität war seelischer Natur. So hat sie sich schon als junges Mädchen verströmt, in jedem noch so trivialen Heimatfilm. Das spielt die Rolle für die Nachwelt. Wer so einen Empfindungsreichtum in sich trägt, muss sich manchmal mit Hilfsmitteln dämpfen. Das virtuos zu handhaben, ist eine der größten Herausforderungen überhaupt. Mich würde heute schon interessieren, wie du dein Buch in zehn oder zwanzig Jahren beurteilst.

In den Amazon-Bewertungen ging es einigen so wie mir, wenn ich die Kritiken lese. Es ist nicht völlig irrelevant oder wertlos, aber man klappt es zu mit dem Gefühl, dass einem das, was zu teilen gewesen wäre, vorenthalten wurde.

5 Antworten auf „24. Dezember 2021

  1. kid37 – 25. Dez, 13:37
    Denke mir, dass sie nicht bloß ein weiterer Fan sein möchte, andererseits ihrer Mutter aber auch nicht anders näher kommt als über eine Vielzahl öffentlicher Erinnerungen, weil die eigenen im Nebel liegen. Ein Wettkampf, der wahrscheinlich kaum zu gewinnen ist (außer durch Loslassen und Teilen). Dachte kurz an das Verhältnis von Ingrid Bergman und Isabella Rossellini, dem mühsamen Ausbalancieren der übermächtigen Verehrung und Verultng der Mutter und der Ausbildung der eigenen Person. Schade, daß Sarah wohl nicht die Instrumente dazu bereitliegen.

    g a g a – 25. Dez, 16:47
    In einem Interview, ich glaube in einer Talk Show mit Giovanni di Lorenzo, anlässlich dieser Veröffentlichung, gestand sie immerhin auf die Frage, weshalb sie nie Deutsch gelernt hat, oder nicht daran interessiert war, zu, dass es ihr mittlerweile leid tut. Als Teenie in der Schule hätte sie die Wahl zwischen Deutsch- und Spanisch-Unterricht gehabt und sich für Spanisch entschieden. Sie wurde familiär nicht herangeführt, dass das für sie mit einer Hälfte einer deutschsprachigen Herkunftsfamilie erstrebenswert sein könnte. Ihre österreichischen Vorfahren, zu denen sie manchmal Kontakt hatte, konnten wohl durchweg gut Französisch.

    Man kann sich fragen, womit hätte sie das Buch denn hätte füllen können, was mehr Romy-Bezug gehabt hätte. Da fällt mir – neben den erwähnten, nicht weiter erhellten Gesprächen mit Piccoli, Sautet (und auch Delon, zu dem sie durchgängig Kontakt hatte und hat) ein, dass ihr Vater anlässlich einer Auktion mit angeblichen Romy-Devotionalien vor wenigen Jahren verlautbaren ließ, dass es sich dabei mitnichten um Nachlass von Romy handelt, da alle persönlichen Dinge aus Romys Besitz Sarah vermacht wurden. Er vermutete, es wären Hinterlassenschaften von Magda Schneider. Wenn Sarah also im Besitz von persönlichen Gegenständen ihrer Mutter ist, Kleider, Fotografien, Aufzeichnungen, hätte sie von ihrer Beziehung zu diesen Dingen sprechen können. Vielleicht hat sie einmal ein Kleid angezogen, das ihrer Mutter gehörte, oder persönliche Aufzeichnungen lesen können. Vielleicht beschäftigt sich Sarahs Tochter eines Tages damit und ist offenherziger.

  2. kid37 – 25. Dez, 21:23
    Vielleicht ist sie auch einfach keine sonderlich interessierte Person. (Das merkwürdig codierte Wort oben sollte übrigens „Verkultung“ heißen.)

    g a g a – 25. Dez, 21:58
    Doch doch, sie ist sehr interessiert an ihrer Mutter – das kommt in diversen Interviews rüber. Da schwingt wahrscheinlich auch die Idee mit, etwas schützen zu wollen, was nicht mehr geschützt werden kann. Diskretion über den Tod hinaus, aber dann wieder der Widerspruch ÜBERHAUPT mit ihrer Mutter an die Öffentlichkeit zu gehen. Das ist sicher auch ein Orientierungs- und Verarbeitungsversuch. Warum auch nicht.

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