30. Mai 2020

»Sonntag 19.VI.1898

Fand ein entzückendes Gedicht in der ‚Jugend‘. Habe es auch schon vertont.

Vom Küssen

War ich gar so jung und dumm,
Wollte gerne wissen:
Warum ist mein Mund so roth?
Sprach der Mai: „zum Küssen“.

Als der Nebel schlich durchs Land
Hab ich fragen müssen:
Warum ist mein Mund so blass?
Sprach der Herbst: „vom Küssen“.

Anna Ritter

Ein süßes, geistreiches Gedichterl. Wenn nur mein Lied auch so gut wäre.«

Alma Schindler [Mahler-Werfel], Tagebuch-Suiten 1898 – 1902

27. Mai 2020

Ein weiterer inniglich von mir geliebter Dichter ist Clemens Kerber (1937 – 2016). Diese Zeilen von ihm liebe ich besonders und sie sind wie für diesen Tag im Mai gemacht. Das Gedicht heißt „Wenn’s draußen grün wird“.

Wenn’s draußen grün wird
Fällt mir nur noch Liebe ein
Es kommt über mich
und bricht mir das Herz

Mag Sonne scheinen
oder mag es trübe sein
Ein Gefühl so zwischen
Freude und Schmerz

Im wunderschönen Monat Mai
Als alle Knospen sprangen
Da ist nicht nur in Heines Herz
Liebe aufgegangen

Wenn’s draußen bunt wird
dann wird mir so gut zumut
Und auch jeder Blume
jedem Getier

Dann steigt der Saft in Bäume
und auch uns ins Blut
Da muss ich zu dir
und du musst zu mir

Im wunderschönen Monat Mai
Als alle Knospen sprangen
Da ist nicht nur in Heines Herz
Liebe aufgegangen

Clemens Kerber* 1972, aus der Tondichtung „Ein Hauch von Frühling“

Bitte hören Sie auch in die Vertonung hinein – ich möchte sagen: ein Gedicht!


*= M. Krug

25. Mai 2020

Magnolia. 100 x 100 cm, Acryl, Tinte, Papier, Styropor

Noch ein Baum. Ich hatte doch erzählt, wie ich vor ca. zwei Monaten durch den Baumarkt gelaufen bin, auf der Suche nach einem Ersatz für die dort weggehamsterten Leinwände. Weil mir alle Bauplatten zu schwer waren für den U-Bahn-Transport, hatte ich zwei Styroporplatten im Format 50 x 100 gekauft und zusammengeleimt, und dann mit einem großen Papierbogen überzogen, den ich dann übermalt und nochmals mit gemalten Fragmenten beklebt habe. Einmal und nie wieder. Wenn man das fertige Werk falsch anfasst, hat man Dellen von den Fingern im Bild. Ich war bis jetzt vorsichtig, aber es hat wohl einen guten Grund, wieso nicht alle Welt Bilder auf Styroporplatten malt. Schade aber auch, wo sie so günstig sind, eine nur 1,49 Euro.

Das ist also das fertige Werk. Ein Magnolienbaum, sage ich mal. Wenn die Bilder annähernd fertig sind, überlege ich, worum es sich handelt. Ich konzentriere mich ganz stark und dann erkenne ich es blitzartig und weiß, woher das Déjà vu kam, das ich die ganze Zeit schon beim Werkeln hatte. Zufällig haben auch gerade die Magnolienbäume geblüht, als ich daran gearbeitet habe, aber ich habe an nichts Bestimmtes dabei gedacht. Elektrisches Pink mag ich sehr. Kein Barbiepink, sondern mexikanisches Pink, wie ich es nenne. Für mich ist es elektrisch, weil es mehr Elektritzität ausstrahlt, als die meisten anderen Farben. Ich habe das Gefühl, das Pink vibriert. Mit dieser Farbe verbinde ich starke Aufregung wie bei Vorfreude. Nur Gutes.

24. Mai 2020

Eigentlich habe ich nie aufgehört zu malen. Wenn ich die Kamera hielt, war es im Grunde nur ein besonderer Pinsel. Die Motive waren leichter lesbar, weniger geheimnisvoll, aber immer erhebend. Immerhin nähere ich mich dem besonderen Pinsel wieder mit neuer Unbefangenheit, ohne ihn in den Fokus zu stellen. Ich habe es mir gewünscht, wieder unbefangen Bilder damit einzufangen. Das ist mir lange nicht möglich gewesen.

Es wäre unsinnig, wenn gerade ich auf ein visuelles Medium verzichte, wo es mein ureigenstes Sein ausmacht, mich in sichtbaren Welten auszudrücken. Ich spaziere manchmal durch meine sechzigtausend Fotografien und wundere mich. Einige Motive erinnere ich gar nicht mehr und sehe sie wie zum ersten mal. Sobald ich dann weiter durch die Reihe gehe, den Kontext sehe, die vollständige Serie, fällt mir alles oder vieles wieder ein.

Diese Gräser in der Abendsonne wehten auf der großen Düne im Tal des Schweigens auf der Kurischen Nehrung. Ich war dort an meinem zweiundvierzigsten Geburtstag. Allein unterwegs, wie meistens auf meinen Reisen. Ich war glücklich an diesem Tag, an diesem Ort. Ich bin lange nicht mehr durch die Welt gereist, aber durch mein inneres Universum grenzenlos. Heute ist mir ein Tier begegnet. Ein großes, in meinem Atelier. Ich war perplex. Ich werde es fotografieren, wenn es fertig geschlüpft ist.

21. Mai 2020

Passend zu Himmelfahrt präsentiere ich heute mein zweites UFO. Ich habe lange gezögert, es zu zeigen, warum habe ich vorgestern in einem Kommentar erklärt, als kid37 mein UFO gelobt hat, da ist es mir so rausgerutscht, dass ich noch ein zweites UFO besitze:

kid37 – 19. Mai, 13:12
Das ist ein besonders schönes UFO. Man sieht, die Außerirdischen besitzen nicht nur überlegene Intelligenz, sondern auch ästhetisches Bewußtsein.

g a g a – 19. Mai, 13:39
Es gibt auch noch ein zweites UFO, mein ganz persönliches Palastufo, es ist aber wahnsinnig prunkvoll, und ich habe ein bißchen Angst, dass die anderen neidisch werden! Wenn es unter uns bleibt, zeige ich es mal heimlich her!

kid37 – 19. Mai, 23:48
Jetzt haben Sie mich natürlich neugierig gemacht. Fühle fast ein wenig wie Fox Mulder bei dieser Sache!

g a g a – 19. Mai, 23:55
ich habe es noch niemals fotografiert. Es ist an einem geheimen Ort in ultraviolettem Licht mit einer starken Pinkfrequenz geparkt. Ich weiß noch nicht, ob es mit einem normalen Fotoapparat fotografiert werden kann, aber ich will es versuchen. Der geheime Ort ist mir heute Nacht leider nicht mehr zugänglich. In diesen Stunden findet auch ein verstärkter Ladeprozess statt (die Ausstattung benötigt extrem hochfrequente Energien). Ich melde mich wieder, wenn es mir glücken sollte, Bildmaterial zu gewinnen.

Das Palastufo wird mit besonderen Solarzellen betrieben, die man hier auch sehr gut in der Großaufnahme sehen kann. Es handelt sich um eine Technologie, die ich selbst entwickelt habe.

Ich fliege jetzt mit UFO I in meine UFO-Werkstatt!

20. Mai 2020

Auch grandios – Theater an der Wien 1975, „Das Lächeln einer Sommernacht“, Probebühne, Auftritt Zarah Leander (seinerzeit 68), Frau Koller erinnert sich:

»Wir standen bereits mitten in den Proben, da hieß es: „Heute kommt Zarah!“ Wir waren alle sehr gespannt. Ich hatte sie als Kind im Kino gesehen und wusste, was für ein Idol sie in den dreißiger und vierziger Jahren gewesen ist.

Sie betrat den Probenraum mit großer dunkler Brille, ihr Mann, der Pianist und Dirigent Arne Hülphers, immer an ihrer Seite. Zuerst einmal ließ sie ihren Mantel, einen kostbaren Zobel, von den Schultern zu Boden gleiten. Ein Pelz, wie ich ihn nie wieder gesehen habe: bodenlang, sehr weich, grau mit Silberspitzen, das Teuerste.

Sie hat ihn auch später nie normal abgelegt, sondern immer mit lässigem Schwung fallen lassen. Alle haben sich darum gerissen, ihn aufzuheben, um ihn zu befühlen.«

Dagmar Koller, Jetzt fängts erst richtig an, S. 159

19. Mai 2020

Ganz besondere Postkartenereignisse im Jahr 2020 erfordern besondere Postkartenempfangs-Dokumentationsmaßnahmen.

Ich muss gestehen, ich betrachte es mittlerweile als sportliche Herausforderung, dem Postkartenmotiv gerecht zu werden. Mein großer Kleiderschrank ist da sehr hilfreich. Ich lade hiermit alle meine Leser/innen aufs Herzlichste ein, mir eine herausfordernde Postkarte zu schicken. Ich werde etwas daraus machen. Ich gebe alles. Versprochen. Großes I̶n̶̶d̶̶i̶̶a̶̶n̶̶e̶rWüstentochter-Ehrenwort! Mein Dank für dieses inspirierende Postkartenmotiv geht abermals in den tiefen Süden, an eine andere Wüstentochter, die meinen geheimen zweiten Vornamen teilt. Und der Text ist auch schön.

18. Mai 2020

Michel Piccoli zum Gedenken. Auch ihn traf ich oft, aber nur in seinen Filmen, besonders Les choses de la vie ließ ich viele Male laufen. Der ganze Film ist ewig. Oder die Szene, wo er als Polizist Romy in der Badewanne fotografiert. Über meiner eigenen Badewanne hängen Bilder aus dieser Szene (u.a). Er war ein wunderbares Gespann mit ihr, sie waren ja auch sehr befreundet. Piccoli wirkte im selben Maß sinnlich wie intellektuell, alleine wie er rauchte. Wahnsinnig charismatisch. Und so ruhig. Aber unter der ruhigen Oberfläche spielte sich immer etwas ab. Das war die Spannung. Michel Piccoli wurde vierundneunzig. Au revoir.

18. Mai 2020

Noch ein ganz arg geliebtes Gedicht von einem Lieblingsdichter, Max Dauthendey (1867 – 1918)

Immer Lust an Lust sich hängt

Alle Dinge können sehen. Sag nicht, daß sie blind dastehen.
Sag nicht, daß sie dunkel gehen.

Häuser, Bäume, Wege, Wind, Stühle, Tische, Bett und Spind,

Alle Dinge sehend sind.

Alle Dinge können denken. Nicht nur Stirnen Geist dir schenken,
Alle Dinge Geister lenken.

Kleiner Mücken grauer Zug,
Spinnwebfaden leis im Flug; jeder Grashalm denkt genug
.

Und es lieben alle Dinge. Wie die Vögel mit Gesinge
Liebt sich alle Welt im Ringe.

Eines hin zum andern drängt,
Jedes seine Lust sich fängt.


Immer Lust an Lust sich hängt.

Max Dauthendey, Lusamgärtlein, 1909

16. Mai 2020

Friedrich Rückert zu Ehren, geb. am 16. Mai 1788


Frühlingslied

Der Frühling lacht von grünen Höh’n,
Es steht vor ihm die Welt so schön,
Als seien eines Dichters Träume
Getreten sichtbar in die Räume.

Wann schöpferisch aus Morgenduft
Der Sonne Strahl die Wesen ruft,
Kehrt jedes Herz sich, jede Blume
Empor zum lichten Heiligtume.

Wann Abendrot den Purpur webt,
Darin die Sonne sich begräbt,
Schließt sich befriedigt jede Blüte,
Und Sehnsucht schlummert im Gemüte.

Vom Morgen bis zur Nacht entlang
Ist all ein Kampf der Sonne Gang;
Ein Kampf, die Schöpfung zu gestalten,
Durch Licht zur Schönheit zu entfalten.

Die Sonn‘ ist Gottes ew’ger Held,
Mit goldner Wehr im blauen Feld,
Und zu dem lichten Heldenwerke
Erneut der Frühling ihr die Stärke.

Die Sonn‘ am Tag, der Mond bei Nacht,
Sie ringen all‘ mit Wechselmacht,
Die Sonne, Rosen rot zu strahlen,
Und Lilien weiß der Mond zu malen.

Der Himmel ein saphyrnes Dach
Der Flur smaragdnem Brautgemach,
Wo sich im Spiegel von Kristallen
Schaut Rose Braut mit Wohlgefallen.

Die Morgenröte wirkt ihr Kleid,
Der Morgentau reicht ihr Geschmeid,
Der Morgenwind, ihr kecker Freier,
Küßt sie errötend unterm Schleier.

Der Frühling gibt im Garten Tanz,
Und alle Blumen nahn im Glanz,
Wo Mädchen vorzustellen haben
Die Rosen und Jasmine Knaben.

Das Veilchen birgt in Duft sich still,
Weil aufgesucht es werden will;
Die Rose glühend zeigt sich offen,
Wie könnte sie Verbergung hoffen?

Des Paradieses Pforten sind
Nun aufgethan im Morgenwind,
Und auf die Erde strömt vom Osten
Der Duft, den sonst die Sel’gen kosten.

Die Lauben Edens werden leer,
Zur Erd‘ hernieder zog ihr Heer,
Wo nun die Engel schöner wohnen
In Rosenzelt und Lilienkronen.

Nun lebt, berührt vom Liebeshauch,
Das Leben neu, und Totes auch;
Der starre Fels vor Sehnsucht bebet,
Bis auch ein Epheu ihn umwebet.

O Frühlingsodem, Liebeslust,
O Glück der felsentreuen Brust,
Die ein Geliebtes an sich drücket,
Das dankbar sie mit Kränzen schmücket.

In dieser Stille der Natur,
Wo Liebe spricht und Friede nur,
Sei fern den schweigenden Gedanken
Des Menschenlebens lautes Zanken.

Wie sie die Sinne sich verwirrt
Und wie in Wüsten sich verirrt,
Wie sie die Freude sich verkümmert
Und wie das Dasein sich zertrümmert.

Und wie die Welt, so ist ihr Lohn.
Es reut mich jeder Liedeston,
Der aufs verworrene Getriebe
Der Zeit sich wandt‘ und nicht auf Liebe.

Die Liebe ist der Dichtung Stern,
Die Liebe ist des Lebens Kern;
Und wer die Lieb‘ hat ausgesungen,
Der hat die Ewigkeit errungen.

Weg Thorentand und Flitterpracht!
Im Himmel gilt nicht ird’sche Macht.
Erob’rer, Helden, Weltvernichter,
Geht, sucht euch einen andern Dichter.

Du Freimund laß den eitlen Schwall,
Sing‘ Lieb‘ als wie die Nachtigall,
O trachte, still in deinen Tönen
Dein eignes Dasein zu versöhnen.

Friedrich Rückert

16. Mai 2020

Gestern empfing ich diese Postkarte. Ich nahm sie wie immer ohne Lesebrille aus dem Postkasten und versuchte etwas zu erkennen. Die Schrift kam mir schon bekannt vor. Das Motiv, ein Gemälde, hielt ich vermutend für ein Bild von Degas, der ja bekanntlich zwei Lieblingsthemen hatte: Szenen aus der Welt des klassischen Tanzes und Damen im Badezimmer mit einem Frotteetuch oder Leinentüchlein, oder womit man sich eben früher abgetrocknet hat. Ich meinte hier eine Ballettszene zu erkennen, im linken Bereich zwei, drei Tänzerinnen im weißen Tütü und ganz links einen männlichen Zuschauer. Rechts eventuell die Bühnenrampe und weiteres Publikum. Oben in meiner Wohnung angelangt, setzte ich die Brille auf die Nase. Das Bild wurde kaum deutlicher. Ich war einerseits erfreut, dass sich das Motiv kaum geändert hatte, andererseits machte ich mir Gedanken, warum ich mir mittlerweile eine so ausgeprägte Seh-Unfähigkeit ohne Lese-Brille bescheinige.

Tatsächlich ist das Bild keineswegs von Degas, sondern von einem anderen durchaus renommierten Maler mit dem Namen Heinz Kreutz, den ich noch nicht kannte. Das Bild heißt „Hymne an das Licht, Violettes Bild“ und ist aus dem Jahr 1958. Es handelt sich somit um keine Szene mit Tänzerinnen im Tüllröckchen, sondern um eine abstrakte Komposition. Ich habe dann etwas über den Maler recherchiert und festgestellt, dass er in ganz extrem unterschiedlichen Stilen gemalt hat. Es finden sich sehr viele streng grafische Motive mit klar abgegrenzten Farbflächen. Man würde nicht denken, dass es sich um denselben Maler handelt, der diese Komposition gemalt hat. Wirklich interessant – ich finde es sehr schön, auf mir bislang unbekannte Künstler gestoßen zu werden.

Ursprünglich wollte ich diesmal kein Foto von mir mit Postkarte machen, das kann in der Fülle auch etwas aufdringlich wirken, aber dann hat mich ein netter Kommentar bestärkt, dass es vielleicht doch schön für jemanden ist, der mir eine Karte geschickt hat, wenn ich den Erhalt mit einem Bild würdige. Ich zitiere mal aus meiner Antwort auf den Kommentar:

„Die Idee mit den Kartenfotos habe ich ein bißchen von Erpresserfotos von Entführten geklaut, die eine aktuelle Tageszeitung in die Kamera halten, als Beweis, dass sie den Tag, an dem die Zeitung erschienen ist, noch erlebt haben. Heute ist das ja kein Beweis mehr, wo sich alles digital hinbasteln lässt. Aber ich betone, dass es sich bei meinen Fotos nicht um Fotomontagen handelt. Ich lebe noch, und diesen Kommentar verfasst nicht mein körperloser Geist. Lange hatte ich ja gar keine Fotos von mir erstellt, aber in dieser besonderen Zeit kommt es mir doch hilfreich vor, um meinen Freunden zu zeigen, wie es auch in dieser Hinsicht um mich steht. Ich habe mich seit Ende Februar mit Niemandem privat getroffen.“

14. Mai 2020

Nun sind sie beide tot, Irina aus der Lüneburger Heide und der aus der Nähe von Kassel stammende Rolf Hochhuth, die es beide nach Berlin verschlagen hatte. Meine Freundin Irina war nicht nur eine surrealistische Malerin, sondern auch Hochhuths Assistentin, sie kümmerte sich bis einige Zeit vor ihrem Tod im Oktober 2018 um seine Internetseite und alles, was sich um die digitale Verarbeitung seines Werks drehte. Er hatte immer bewundernde Blicke für sie, das war sehr rührend.

Das Bild entstand im Dezember 2016 bei Irinas letzter Ausstellung zu ihren Lebzeiten. Bei der Gelegenheit sprach ich auch mit Hochhuth, er signalisierte mir mit seinen Blicken Interesse und ich setzte mich zu ihm und er fragte mich aus. Aber wie. Ich erzählte ihm, dass ich blogge, sehr Persönliches und er war total gefesselt. „Was schreiben Sie denn da zum Beispiel genau?“ „Na, es könnte zum Beispiel sein, dass ich über unsere Unterhaltung hier einen Eintrag schreibe.“ Er: „Das ist ja wahnsinnig interessant!“.

Wirklich ein netter, umgänglicher älterer Herr, damals war er ja nun auch schon 85 und etwas vergesslich. Aus heutiger ärztlicher Sicht vielleicht dement. Nachdem man sich eine halbe Stunde intensiv unterhalten hatte, konnte es sein, dass er einen eine Stunde später erneut ansprach, als wäre man sich noch nie begegnet. Insofern ist es doch etwas beschönigend, in den Meldungen zu seinem Tod zu lesen, dass er keinerlei Vorerkrankungen gehabt habe.

Na gut. Früher bezeichnete man vergessliche alte Menschen ohne dramatischen Unterton als „auch schon ein bißchen verkalkt“ und nahm das als den normalen Lauf der Dinge. Aber das Gespräch mit ihm verlief sehr eloquent, er erzählte mir von verschiedenen Ärgerlichkeiten mit Verlagen, an die er sich deutlich erinnerte, die aber sicher schon weiter zurücklagen. Ich fand es interessant, dass er mir so etwas erzählte, als sei ich eine Vertraute. Er hatte schon mitbekommen, dass ich mit Irina befreundet bin, vielleicht war ich für ihn dadurch eine Art erweiterte Familie.

Deutlich war zu spüren, dass in seinem doch etwas eingetrübten Blick so eine gewisse Bereitschaft für eine erotisierte Wahrnehmung der Welt weiterhin bestand. Das rührte mich. Er war viel sympathischer und zugewandter, als ich je für möglich gehalten hätte. Zuletzt sah ich ihn vor etwas mehr als einem Jahr bei einer Gedenkfeier für Irina. Er erkannte mich nicht mehr. Ich hatte es aber auch nicht ernsthaft erwartet. Frieden seiner rebellischen Seele.

14. Mai 2020

Seit gut vier Wochen steht ein gelesenes Buch links von mir in der Ecke. Ich habe es nicht ins Regal geräumt, weil ich noch einen Gedanken daraus hier schreiben wollte und ihn unbedingt in die Welt tragen. Einen Absatz hatte ich schon aus dem Buch zitiert, in diesem Eintrag, Mitte April. Aber der zweite Gedanke kommt mir geradezu existentiell und aufrüttelnd vor, obwohl er so schlicht formuliert daherkommt. Einfach mal auf sich wirken lassen, er könnte das bisherige Weltbild, die eigene Biographie betreffend, ins Wanken bringen.

„Ich wollte in die Welt. Und ich war naiv und kühn genug, um mir zu nehmen, was ich wollte. Ob ich Glück hatte, oder das Geheimnis des Glücks darin liegt, dass man es einfordert, ist eine Frage der Interpretation. Jedenfalls wurde mein Wunsch erhört.“

Carsten K. Rath, Sex bitte nur in der Suite, S. 54

13. Mai 2020

„Behandeln Sie Probleme nicht wie große französische Weine, denn sie werden nicht besser, wenn man sie lagert.“

Dagmar Koller, Dranbleiben, S. 153 (letzte Seite)

In diesem Sinne wünsche ich allen einen tatkräftigen Mittwoch.

11. Mai 2020

Wer heute seinen Postkasten besucht, könnte darin ein Kärtchen von mir finden. Am Freitag war wieder Frühlingstombola, allerdings vielleicht zum letzten mal. Ich habe mich nämlich ein bißchen mit Fortuna herumgestritten. Sie will immer nur sieben Karten verlosen, ich muss mich dann ihrer Entscheidung beugen. Sie ist da leider sehr autoritär und lässt nicht mit sich handeln. Diesmal hat es mich besonders geärgert, weil ich das Motiv gerne den ausgewiesenen Blumenliebhaberinnen unter meinen Freundinnen zukommen lassen wollte, z. B. J. und C., aber ich konnte einfach nicht schummeln. Am Ende trifft es ja auch so immer die Richtigen, das will ich gar nicht bestreiten.

Außerdem hat sie auch noch mit mir geschimpft, weil ich bei den letzten Postkarten den Text aufgedruckt habe und nur die Anrede und die Anschrift mit der Hand geschrieben. Das wäre kein guter Stil und wirkt unpersönlich, hat sie gemeint. Wahrscheinlich hat sie da auch ein bißchen recht. Ich wollte aber auch ganz viel auf die Karten schreiben und so klein kann ich nicht mit der Hand schreiben, deswegen! Jedenfalls habe ich diesmal wirklich alles, alles mit der Hand geschrieben, aber dafür ist die Glücksbotschaft halt entsprechend kürzer! Man kann nicht alles haben! Aber sie kommt wie immer von Herzen.

Am meisten freue ich mich, wenn Gewinner dabei sind, die bis jetzt noch gar nicht gewonnen haben, nämlich K. und P.! Wegen der Diskretion muss ich die Namen abkürzen, mir reicht schon der Ärger mit Fortuna! Also gewonnen haben: A., I., K., M., M., M. und P. (alles Mädchen)

11. Mai 2020

Kann mich nicht erinnern, wann mich zuletzt eine Lektüre so erheitert hat, wie das Werk von Frau Koller. Seite 73:

»(…) Ich kaufe mir auch keine Modezeitschriften mehr. Früher posierten in der Vogue derart schöne Frauen – die Models von heute schauen alle aus wie Buben. Germany“s Next Topmodel habe ich mir nie angesehen, obwohl ich Heidi Klum mag. Sie ist noch so etwas wie ein Idol. Und sie hat sich einen jungen Boy genommen. Ich hätte mir an ihrer Stelle allerdings einen Schöneren ausgesucht. Wenn ich mir einen Jungen nehme, muss es schon der Schönste in der Stadt sein.«

Dagmar Koller (80), Dranbleiben

Das kleine Buch ist vor einem halben Jahr erschienen. Jetzt weiß man natürlich nicht genau, ob sie diese Gedanken verfasst hat, als Heidi noch mit Vito zugange war oder ob bereits Tom gemeint ist. Im späteren Verlauf des Kapitels benennt sie noch Männer nach ihrem Geschmack, da sind dann aber auch Kandidaten dabei, wo man recht schnell begreift, dass Schönheit offenbar auch im Fall von Dagmar Koller im Auge des Betrachters liegt. Wobei ihr verstorbener Mann schon fesch war.

10. Mai 2020

Die Wüstentochter hat einen neuen Gesichtsschleier gegen die Stürme in der Betonwüste. Gestern in der schönen Galerie von Michaela Binder in der Gipsstraße bei mir um die Ecke entdeckt. Etwas frühlingshafter als das schwarze Modell, das ich sonst trage.

10. Mai 2020

Sehr interessante Verhaltensempfehlung von Frau Koller:

»Als schwierig empfinde ich es bis heute, wenn ich Premierenparties von Aufführungen besuchen soll, die mir nicht gefallen haben. Ich tat mir immer schon schwer, Kollegen zu bejubeln, wenn mir das Stück oder ihre Arbeit nicht gefallen hat. Nachdem Helmut 1983 Bundesminister für Unterricht und Kunst geworden war, erlebten wir etliche solcher Situationen, die für mich eine Qual waren. Einmal erwischte uns Susi Nicoletti, die Grande Dame der österreichischen Schauspielkunst, nach einem völlig misslungenen Abend, als wir gerade dabei waren, uns möglichst unauffällig aus dem Staub zu machen. Sie stellte sich uns in den Weg und meinte: „Kommt doch gar nicht in Frage! Und wenn einer der Mitwirkenden von euch wissen will, wie es euch gefallen hat, dann sagt ihr einfach: Gratuliere, gratuliere!“

Dieses wertvolle „Gratuliere, gratuliere!“ wende ich bis heute in den unterschiedlichsten Situationen an. Auf diese Weise muss ich nicht lügen und bleibe mir trotzdem treu. So klingt hohe Diplomatie. Für die Künstler meiner Generation spielt nämlich noch etwas eine wichtige Rolle: das Alter. Aus eigener Erfahrung weiß ich, was es bedeutet, in einer Hauptrolle auf der Bühne zu stehen, und welche Probleme sich manchmal ergeben können, einfach weil man keine dreißig, vierzig oder fünfzig mehr ist. In solchen Momenten lüge ich so gekonnt, dass alle glücklich sind. Weil ich Respekt vor der Arbeit habe. Ich kann lügen, dass sich die Balken biegen! Interessant ist, dass man mit zunehmenden Jahren sensibler wird und nicht abgestumpfter. Bedenken Sie immer: In einer Welt der wachsenden Unsicherheiten kann es nicht genug Lob geben. Quittieren Sie daher jede Art von Leistung immer mit einem „Gratuliere, gratuliere!“ So müssen Sie nicht lügen und bleiben sich trotzdem treu.«

Dagmar Koller, Dranbleiben

08. Mai 2020

Gaga Nielsen, „Frühlingsgarten“ – Greta Garbo und Mama gewidmet, April 2020, Staatl. Museen v. Gaganien, 54 x 72 cm, Papier, Wasserfarbe, Acryl, Corona-bedingt auf Verpackungskarton

Möge dieser 75. Jahrestag der Befreiung, nicht nur als der Tag der Kapitulation der abgewichsten Wehrmacht gewürdigt werden, sondern als Tag der Befreiung von sonstigem Unbill, Ängsten, Dummheit, unattraktiven Krankheiten, schlechtem Benehmen… wäre das nicht herrlich. Vielleicht muss man es sich einfach nur vornehmen und praktisch umsetzen. Das Wetter ist jedenfalls feiertagswürdig hier in Berlin. Draußen sprießen weiterhin die Frühlingsblüten und -gärten.

Dazu passend ein Bild vom April, das ich in Ermangelung einer passenden Leinwand auf einen Verpackungskarton pinselte. Das Ergebnis ist dennoch ganz passabel, aber nicht einfach. Wellpappe ist so ziemlich das ungeeignetste Medium, um darauf zu malen. Sie entwickelt ein noch welligeres Eigenleben, wenn sie von feuchter Farbe geküsst wird. Greta Garbo ist es gewidmet, weil sie die Farbkombination Grün und Pink wie keine andere liebte, und sogar selbst einen großen Teppich mit einem ornamentalen Muster in diesen Farben entworfen hat, der in einem ihrer Salons ihres Apartments am Hudson River lag. Und meiner Mama ist es gewidmet, weil sie die Farbe Grün und Blumen über alles liebt.

P.S. das war übrigens das Bild, von dem ich mit einem Blatt Papier die überschüssige grüne Farbe abtupfte, woraus dann zufällig der Baum entstand, den ich neulich als Postkarte verschickt habe.

06. Mai 2020

Gräser heute am frühen Nachmittag in Charlottenburg. Auf einem sehr, sehr großen Hinterhof zwischen Kant- und Fasanenstraße. Der Frühling lässt sich durch Corona nicht aufhalten. Auch nicht durch Krebserkrankungen, auch Masken können nichts ausrichten. Kein privates Drama hat Einfluss auf die Wucht der explodierenden Natur. Ich erinnere mich gut, dass es mir oft weh tat, wenn der Frühling besonders schön war, und ich an einem Frühlingstag unter der Woche auf einer Bank in die Sonne blinzelte, in dieses junge, verheißungsvolle Grün. Nie hat es einen Frühling geschert, nie und nie. Am besten ist, man dividiert sein privates Elend und die zauberhafte Fülle des Frühlings auseinander. Man muss versuchen, es ganz unabhängig voneinander zu erleben und wahrzunehmen, damit das schwer Erträgliche das so Schöne und Verzaubernde nicht erstickt.

Gestern – oder war es vorgestern – musste ich sehr lachen. Ich kam am frühen Abend heim und hatte Lust den Fernseher anzuschalten. Ich bin ein bißchen auf Vox eingeschossen, da kommen die meisten Sendungen, die mich einigermaßen interessieren. Es war gerade Sendezeit für eine Folge einer Datingshow – Moment – wie heißt die noch… – also Leute sind zum Essen in einem Studio-Restaurant verabredet, ein Blind Date – „First Dates… Restaurant“? So ähnlich. Unter anderem bereit für so ein Date, eine junge Dame mit langen blonden Haaren, etwa Anfang Dreißig aus Brandenburg. Burschikoser Typ, wie man so sagt, zum Pferdestehlen (zufällig hat sie auch welche). Sie erzählt, dass es bislang noch nicht so recht geklappt hat mit den Männern, und sie es nun einmal auf diesem Weg versuchen möchte: „Ick hoffe ja immer noch, dass ick mal den Deckel zu meinem Topf finde, bis jetzt war nur Frischhaltefolie dabei!“

06. Mai 2020

Der Berliner Senat hat (…) das Soforthilfepaket IV in Höhe von 30 Millionen Euro beschlossen. Es gilt für kleine und mittlere Unternehmen im Kultur- und Medienbereich, für die es bisher kein passendes Förderinstrument gab. Diese Lücke wird nun mit der Soforthilfe IV geschlossen. Damit leistet Berlin einen weiteren Beitrag zur Sicherung und zum Überleben der vielfältigen Kulturlandschaft der Stadt. (…) Die besonders hart von der Corona-Krise betroffenen Kultur- und Medienunternehmen mit i.d.R. über 10 Beschäftigten können Zuschüsse bis zu 25.000 EUR zur Überwindung einer existenzbedrohenden Wirtschaftslage beantragen. In begründeten Ausnahmefällen können bis zu 500.000 EUR beantragt werden.“

03. Mai 2020


Feuer des Lebens
für Alban
– wird bewahrt –

Blattgold, Kupfer, Acryl, Leinen, Karton, Styropor, 40 x 65 x 8 cm
Staatl. Museen von Gaganien 01./02./03. Mai 2020 | Gaga Nielsen

Bleibt über meinem Kamin-Kerzenfeuer. Die Flamme wird gehütet.

03. Mai 2020

Lola im Badezimmer. Suchbild für Ina. Ich fand es neulich sehr schön, als Cosima mir Fotos gezeigt hat, wie meine Postkarte durch ihren Garten gewandert ist. Lola Montez hat einen Premiumplatz in meinem Badezimmer bekommen, anders kann man es nicht sagen. Ich denke, sie kann zufrieden sein über ihr neues Heim. Habe ich gerade vor zwanzig Minuten fotografiert.

02. Mai 2020

Schnell hinaus, die Sonne zeigt sich gerade noch. Zu Edeka in die Große Hamburger Str., dann zurück um die Ecke in meine Wohnung, die Sachen in den Kühlschrank räumen und wieder los ins Atelier. Habe mich überraschenderweise daran gewöhnt, die schwarze Auerbach’sche Maske anzuziehen, sie wärmt ein bißchen, wenn kalter Wind weht, wie in diesen Tagen der Fall, oder wenn ich durch die Nacht laufe, von der U-Bahn kommend, nach Hause. Wie vorhergesehen, ist der Anteil der Maskenträger innerhalb der Strecke der der U 8, die Neukölln und Kreuzberg umfasst, eher gering. Obwohl es heißt, man schützt andere mehr als sich, empfinde ich es sogar als angenehm, innerhalb von diesem Streckenabschnitt bedeckt zu sein. Als wäre ich in meinem privaten Kokon. Da fährt niemand, den ich je näher kennenlernen wollte. Je mehr Abstand, desto lieber. Mit und ohne Corona. Ich sehe auch ein bißchen gefährlich damit aus, wie eine Terroristin, was eine ganz gute Kampfansage bei dem dubiosen, relativ aggressiven Publikum ist. Mit den dunklen Kajalaugen, die hervorgucken, wie bei einer Wüstentochter, ernte ich eher respektvoll interessierte Blicke, ohne die Vermummung sehe ich bedeutend harmloser aus. Ich benutze übrigens echtes Kajalpulver aus Mekka, also aus Saudi-Arabien, deep shit! Es wirkt!

1. Mai 2020

Berlin 24.4.2020

Liebste Gaga,

seit 52 Jahren hat die Karte auf dich gewartet, so lange befindet sie sich in meinem Besitz. Ich war 13, als ich sie in München kaufte. Ich lebte damals noch in der Heide und war fasziniert von den Gepflogenheiten der Wittelsbacher. Ich wollte auch so eine Schönheit werden. Lola Montez erinnert mich an dich. Es ist meine Handschrift unter ihrem Bild.

Allerliebste Grüße
v. Ina

DANKE, Ina