04. juli 2005


vierter juli. eine rose für meinen bruder und meine freundin. er starb am vierten juli vor achtzehn jahren. an ihrem geburtstag.

30. juni 2005

letzten montag habe ich das gaga-atelier-schild abgeschraubt. eigentlich nur, weil die hausfassade neu gestrichen wird, und der malermeister auch an der stelle streichen möchte. mein vermieter glaubt bestimmt, dass ich es wieder anschraube, aber ich bin mir nicht sicher. jetzt ist das vorher grün-blaue haus orange und gelb. die farbe wäre nicht der grund, wenn ich es sein lasse.
ich glaube ja an zeichen. mein vermieter wird furchtbar traurig sein, wenn ich da weggehe. zur erinnerung hat er dann den schönen holzboden aus alten buchenstämmen, die man jetzt endlich sehen kann, weil ich ihn schleifen und wachsen ließ. mein mexikanisches pink am balkon ist überpinselt. lustigerweise rosa. aber nicht das treibt mich bereits in gedanken woanders hin. ich will himmel. gras. komisch – gerade fiel mir auf, meine leinwände sind das größte, was ich habe.

29. juni 2005

ein bißchen faul. morgen vielleicht. schöne bilder vom wochenende in mecklenburg vorpommern. marlow, grüne weite hügel, ein flussbett, das in den alten lauf gebracht wird, meine geliebte freundin, die vor ein paar jahren berlin verließ und ihren geburtstag feierte. die nicht wusste, dass ich kommen würde und fast der schlag getroffen hätte, weil ich ohne vorwarnung von hinten durch den garten in ihr wohnzimmer spazierte. sie hatte keine ahnung. drei jahre haben wir uns nicht gesehen. und sie stotterte fassunglos „ich habe die letzten zwei tage dauernd an dich denken müssen“. feuchte augen. sehr.

20. juni 2005


noch vor wenigen jahren hätte ich kaum geglaubt, dass ich eines tages auf dem weg vom südwestkorso zur stubenrauchstraße derart sentimentale gefühle bekommen könnte. vielleicht, weil es so ein warmer sonntagnachmittag war und so ein unerwarteter frieden in den hier so breiten straßen. und die luft so lau. straßen, breit genug, um in der mitte der beiden spuren wilde rosen wachsen zu lassen. ein weg, an dem keine stadtrundfahrt entlangfährt.
sieben jahre hatte ich eine zweizimmerwohnung mit balkon in einer parallelstraße. bis es mir in verschiedener hinsicht zu ruhig schien und ich unwiderstehliche lust bekam, den ruhelosen osten zu entdecken. und jetzt laufe ich an den alten häusern entlang und mag die spürbare abwesenheit von trendgebildeten überspanntheiten. die abwesenheit der medial fixierten effekthascherei, die in den lebensadern mitte-zuge- wandter bezirke pulsiert.
west-berlin. ein warmes gefühl. ungefragt und unberufen, macht sich unversehens breit. was für ein schöner später frühsommertag, um den friedhof in der stubenrauchstraße nach vielen jahren wieder zu besuchen. ich überlegte noch während der fahrt mit der s-bahn, eine blume zu kaufen, aber als ich das blühen um mich sah, pflückte ich lieber eine wilde weiße rose.
das grab, das ich nicht gleich fand, liegt nur wenige gräber neben marlenes. helmut newton hat einen sanften platz in der sonne. ein efeugrab. heiter und friedlich. und so war mir, als ich den alten friedhof zwei stunden später verließ und das alte mietshaus mit dem sonnen- schirm auf dem balkon fotografierte.
unweit dieser gegend, in der innsbrucker straße vierundzwanzig, wurde helmut newton geboren. eine straße weiter, in der verkehrsrei- chen bundesallee lebte marlene viele jahre, bis sie in der premieren- nacht des blauen engels, am zweiten april neunzehnhundertdreißig, ihr schiff nach amerika bestieg. damals hieß die große befahrene straße kaiserallee. nummer vierundfünfzig.
vor meinen jahren in dieser ecke lebte ich wiederum sieben jahre in schöneberg, in der straße, die später nach dem widerstandskämpfer julius leber benannt wurde. als marlene dort geboren wurde, hieß die straße sedanstraße. ich wohnte in nummer vierundfünfzig.
ein paar meter weiter, schräg gegenüber, nummer fünfundsechzig, steht marlenes geburtshaus, das haus, in dem sie ihre kindheit ver- brachte. ich wusste es, weil ich es in verschiedenen biographien über sie gelesen hatte und lief damals immer wieder an dem unspekta- kulären mietshaus vorbei und wunderte mich, dass es keine würdi- gung gab. dann starb marlene und seither gibt es eine gedenktafel.
als ich im flirrenden sommerlicht zurückschlenderte, war mir, als wäre die zeit für eine kleine weile stehengeblieben. als hätten laute uhren aufgehört, furchtbar wichtig zu ticken.

07. juni 2005

„und da war johanna, die große starke frau mit der stimme zarah leanders. johanna war die attraktion auf der bühne. sie sang beim strippen. sie hatte nur ein lied im programm und ein paar spärliche handbewegungen, mit denen sie ihren körper entkleidete, vor dem ein rubens vor ehrfurcht erstarrt wäre. sie stand dann fast nackt, mit dem rücken zum publikum auf der bühne, die beine leicht zu einem festen stand gespreizt, die runden strammen arme in die runden strammen hüften gestemmt, und wiegte ganz leicht und andeutungsweise ihren gewaltigen, festen körper im takt des novak-liedes. dann sang sie mit verruchter stimme: „aber der novak läßt mich nicht verkommen, aber der novak läßt mich nicht verkommen.“ das war ungeheuer beein- druckend. sie strahlte etwas von einer überfrau aus, und die männer näherten sich ihr mit dem größten respekt. johanna war verschlossen, ihr leben war offensichtlich so tragisch, wie ihre stimme zu singen vermochte. sie hat sich das leben genommen. der novak hatte sie verkommen lassen.“
da fällt mir komischerweise jetzt erst beim tippen wieder ein, dass in meinem ausweis, unter anderem, auch johanna steht. nur virginia, die amerikanische ex-ehefrau (mit hinternlangen, mich tief beeindruk- kenden indianerhaaren und einem matratzenlager statt möbeln) des cousins meiner mutter nannte mich so, bei unserer einzigen begeg- nung – ich war vielleicht elf. sie sprach den namen englisch aus ‚joana‘. keine sorge – ich werde mich nicht verkommen lassen. sämtliche selbstmordüberlegungen wurden zu ende gedacht und für schlecht befunden.
…
„das milieu hatte seine anfängliche exotik verloren. ich war schnell zur insiderin geworden. seine inneren gesetze, seine zwangsläufige amoralität, seine abhängigkeiten und gnadenlosigkeit begannen mich zu berühren und abzustoßen. in einer dramatischen nacht, als der gutmütige dicke gerd, halb wahnsinnig vor eifersucht und bewaffnet mit einem riesigen fleischerhaken, seine schöne schreiende erika über die kleine freiheit trieb in der absicht, sie zu zerfleischen, verließ ich die bar, die straße, das milieu. daß es mich festhalten könnte, ich mich in ihm verlieren könnte, hatte ich nie befürchtet.“
das schreibt eine frau, die auf ihrem lebensweg ein paar monate als stripperin auf st. pauli gearbeitet hat. sie sagt u. a. über sich und ihre geschichte: „ich bin parteilich, subjektiv und emotional. nur auf diese weise habe ich mir eh und je die welt erschlossen, mich den menschen zugewandt und haben sich die menschen mir zugewandt.“ diese zeilen sprechen mich sehr an. ihr name ist inge viett. das buch heisst nie war ich furchtloser.

31. mai 2005


gerade eben aus dem badezimmerfenster, 20:08 uhr, blickrichtung norden, die wolkendecke bricht auf. die wände sind nicht so düster, wie sie auf dem bild wirken, das haus in dem ich wohne, ist in einem sehr hellen gelb gestrichen, auch der innenhof und die terrassen- wände. das späte nordlicht schlägt graue schatten. mir gefällt auch diese schattige seite. <a href="http://gagasign.twoday.net/stories/581380„“>in der mittagssonne, wenn der himmel tiefblau ist, wird das zarte gelb beinahe weiß. dann denke ich manchmal an griechenland. und dass ich wieder unter so einen himmel müsste, die einfachen weiß verputzten häuser. das schöne klischee, das gut tut. lange her. nie wurde ich herzerwärmender in ruhe gelassen, als in griechenland. wunderbar unbehelligt, wenn ich es wollte.

30. mai 2005

komisches wetter. gestern noch die schattige seite auf dem balkon gesucht, lauer wind, ein bißchen geheult, als der alte mann beim in den blauen himmel schauen, the first time ever i saw… singt. beim schönsten personal jesus je, wieder gefangen. es gibt sehr wenige platten, die ich am stück so oft gehört habe und nicht überhöre.
unerbittliche gedanken wie: schämen sich eigentlich nicht alle ambi- tionierten singenden menschen, die es noch nicht geschafft haben, ihre allüren und maniriertheiten abzulegen, in grund und boden, wenn sie das hören und schlafen noch einmal zehn bis zwanzig jahre darüber, ob sie das wirklich tun sollten, was sie da tun. wenn ich etwas wie die pest hasse, ist es affektierter, effektheischender gesang. es kommt darauf an, mit demselben gefühl zu singen, mit dem man spricht. alles andere ist riesengroße scheiße.
noten muß man übrigens nicht kennen. seinen körper zu kennen, hilft. aber mehr als an allem anderen, ist am gefühl zu arbeiten. sich selbst nicht verarschen. die eigenen lügen entlarven. und dann erst, ganz am ende, töne absondern. nie so tun ‚als ob‘. und wie immer: demut. das wird nicht das letzte mal sein, dass ich diesen begriff schreibe. und ich bin keine christin.
demut.

28. mai 2005


ich habe bücher gekauft in der kohlenstoffwelt. das kaufen dauert ein ganz kleines bißchen länger als im computer, aber man kann ganz viele bücher richtig anschauen und anfassen. so richtig, mit den händen. umblättern und mitnehmen. oder einfach wieder zuklappen und zurücklegen. das hat mir gut gefallen. ich war lange nicht mehr in einem buchgeschäft.
wenn man in das netz im computer geht, kann man sich mit menschen unterhalten. die schreiben was und man schreibt auch was. manch- mal sind es sogar richtige fragen und antworten. das ist sehr interes- sant. aber man kann die menschen nicht anschauen und anfassen. manchmal ist es vielleicht ganz gut, weil wenn man die menschen sehen könnte, so wie in der richtigen welt auf der straße, hätte man vielleicht auf einmal keine lust mehr, sich zu unterhalten, weil man ein bißchen mehr sieht, als nur wörter. manchmal ist es aber auch blöd.

28. mai 2005

achtung. reklohme
anziehsachen, wo mir gut gefallen. ich blöde kuh habe vergessen, mir das heat-t-shirt zu kaufen. das will ich unbedingt haben, so lange ich noch jung bin (hüstel)

26. mai 2005

ich gebe zu, ich schäme mich ein wenig. nein, man tut so etwas nicht. man fotografiert keine wildfremden ringelstrumpfträgerinnen hinter- rücks, ohne zu fragen. das ist nicht fein. ich habe leider auch keine bessere ausrede, als dass ich reflexartig, ja von sinnen, die kamera gezückt habe, als mich beim überqueren der ampel zur rosenthaler plötzlich diese schlendernden beinchen überholten und ich nur noch dachte: “ r i n g e l s t r u m p f k i d f o t o ! „
wunder über wunder: die strümpfe liefen in dieselbe richtung wie ich. ich mußte noch nicht einmal meine ursprüngliche route ändern und konnte ausgiebig knipsen. man merkt es wahrscheinlich: ich bin ein klein wenig hin- und hergerissen, zwischen scham und stolz. sei’s drum. (und ich fürchte fast, ich kann nicht versprechen, dass ich es nicht wieder tue).


p.s.: die fotos sind für einen guten zweck.

25. mai 2005

plötzlich blendet mich ein mondstrahl im süden, nach mitternacht. keine metapher. kupfermond zwischen turm und dom. nicht silber, nicht gold. kupfer. cassandra singt .

22. mai 2005


der himmel im osten, zwischen nacht und tag. vier uhr, vorgestern. es ist der blick über die dächer durch eines der beiden fenster zur joachimstraße, das zimmer, in dem ich das hier schreibe. die beiden anderen fenster und ein in das dach geschnittener balkon im süden gehen zur auguststraße. so wohne ich, genau genommen, in zwei straßen. es ist ein eckhaus. dann gibt es noch einen kleinen grünen balkon im nordwesten zum innenhof. ich wollte dem himmel nah sein.
ich fand die wohnung vor sechs jahren an einem regentag. und als ich sie betrat, war mir, als ob es heller wurde, als ob die sonne schiene. ich war ganz aufgeregt, als ich den kleinen quadratischen südbalkon im dach, mit dem blick auf die türkisblaue kuppel des berliner doms und die großen bäume sah, uneinsehbar. nachdem ich anfängliche jahre in berlin in ersten eigenen schattigen schöneberger hinterhof- wohnungen verbracht hatte, später sonniger in wilmersdorf, doch mit blick auf allzu nahe gegenüberliegende häuserwände, war das wie ein geschenk.
eine junge frau besichtigte gleichzeitig mit mir die kleine wohnung und stellte der maklerin viele vernünftige fragen wie, ob es einen fahrradkeller gäbe. nein? wie? gar keinen keller? betriebskosten? ich taumel- te mit kleinen sonnen in den augen durch das nest mit den schiefen wänden und hoffte, dass die maklerin merken würde, dass die woh- nung doch eigentlich zu mir gehört. es schien mir vollkommen un- wichtig, ob keller oder nicht.
die forsche mitinteressentin betonte beim abschied mit scharfem ton und seitenblick in meine richtung, dass sie definitiv an der wohnung interessiert sei. ich sagte gar nichts weiter, und gab der maklerin nur mit etwas bangem lächeln und einem kindisch aufgeregt gestammelten „die wohnung ist ja schön“ meine karte. sie erwähnte, dass es noch einen weiteren besichtigungstermin mit zwei interessenten am nächsten tag geben würde und lächelte warm. den keller habe ich noch nie vermisst.

20. mai 2005

da liegt es nun. und weil man ja auch nicht immer alle sozialen strukturen verweigern kann. und überhaupt. und sowieso. und mir ist sogar etwas eingefallen.
bislang ist mir noch überall, wo der fragebogen abgearbeitet wurde, ein wenig schwer gefallen, die antworten aufmerksam bis zum ende zu lesen. da tauchen nicht selten derart erlesene werke auf, die mir beschämend wenig assoziation und erhellung bescheren. ich arbeite weder bei der frankfurter buchmesse, noch lese ich literaturfachzeit- schriften. auch ‚aspekte‘ habe ich seit jahren nicht mehr gesehen. ich kenne ja noch nicht mal die top ten aus der spiegelhitparade. ich gebe es ehrlich zu: ich bin leider ziemlich ignorant, was neuerscheinungen im literarischen betrieb angeht. (ich fürchte, ich bin überhaupt ignorant, was irgendwelche neuerscheinungen angeht…) o.k. pippi langstrumpf und ingeborg bachmann, ellen von unwerth und man ray – die sagen sogar mir etwas.
vielleicht kann ich ja hiermit einen volkstümlichen beitrag leisten. vor zwanzig jahren hätte ich gewiss titel als antworten geliefert, die vor sophistication nur so gestrotzt hätten. damals las ich mehr, begieriger als heute. ich erinnere mich beim besten willen nicht mehr vollständig, was ich schon alles gelesen habe. da ich als kind ein ausgesprochen bewegungsscheuer stubenhocker war, war lesen meine lieblings- beschäftigung. von sechs bis zehn diverse märchen- und mädchen- bücher, pippi natürlich. ab elf ging es dann an die erwachsenenregale in der leihbücherei. zwischen elf und vierzehn habe ich leicht kon- sumierbare schinken von simmel über marie louise fischer bis zu dem grauenhaften (im gegensatz zu herrn simmel, der noch eine vertretbare moral hatte) konsalik gelesen. und fanny hill. und playboy. das elter- liche readers digest und pearl s. buck aber auch eichendorffs tauge- nichts. historische romane dagegen mochte ich noch nie. so wenig wie kostümfilme. ich nehme an, der mangelnden wahrscheinlichkeit an authentizität wegen.
und dann wurde es langsam immer schwerer verdaulich. ich versuchte allen ernstes mit fünfzehn, den ungelenken satzbau von herrn kant zu durchschauen, von echter neugier getrieben. ein martyrium. las viel simone de beauvoir und ein bißchen quälerischen sartre. reise- beschreibungen auch (‚zen oder die kunst ein motorrad zu warten‘ war damals sehr populär), bildbände über aztekische kulturen, die ikonen der pop art, castaneda, viele autobiographien, jack kerouac (ich erinnere die faszination von ‚tristessa‘, on the road auf englisch war auf dauer allerdings anstrengend), william kotzwinckle, thoreau, whitman. ulysses als bildungsbürgerlich abgesegnete zumutung (heute noch). versuchte es immer wieder mit beckett, gelangweilt, wollte es nicht zugeben. plötzlich lasen alle den herrn der ringe. mich nervte der unerotische kaffeekränzchen-kult um irgendwelche schlumpfgeschich- ten und ich verweigerte mich. ebenso totalverweigerung bei ‚per anhalter durch die galaxis‘ und ‚die nebel von avalon‘ (nach dem hype des letzteren zog ich mir jahre später den lore-roman für esoteriker doch noch rein – kitsch verkauft sich eben immer). jede menge wallraff, ein paar feministinnen, gerne nancy friday, klassiker wie ‚die scham ist vorbei‘. wieder und wieder henry miller, und hesse natürlich, franziska von reventlow und vieles mehr. das alles so von 15 bis 20. danach habe ich meine lektüre nicht mehr namentlich präsent, kaum aufzeichnungen darüber. ich habe immer selbst viel geschrieben. und ich erinnere eine leidenschaftliche spurensuche nach dylan thomas, die mich bis nach wales zu seiner hütte trieb.
man könnte jetzt die bücherregale nach gekauftem und gebliebenem sondieren, da fallen mir doris lessing und gabriele wohmann auf. erich kästner. tucholsky. mascha kaleko. rupert sheldrake. meyrinck. mircea eliade. viele mythologische abhandlungen, religiöses. psychologi- sches. ethnologisches. ästhetisches. metaphysisches. pathologi- sches. astrologische lehrbücher. todesforschung immer ein thema, und immer wieder biographisches. hier steht ein buch über die liebe zwischen lasker-schüler und benn. oder die biographie von miles davis. jimi hendrix. nico. uschi obermaier. eva-maria hagen. andy warhols tagebücher. renate schmidt. ich las auch immer viel geliehene bücher aus bibliotheken, heute noch.
das schöne am älterwerden ist ja – irgendwann ist einem nichts mehr peinlich. ich bin schon ziemlich nah an diesem stadium.
ok. ich fange mal an.
1. du steckst in der welt von fahrenheit 451, welches buch möchtest du sein?
meine antwort auf die hier wörtlich stehende variante der frage lautet überaus profan: ich möchte bitte gar kein buch sein, sondern lieber die vorstufe, vor der papierherstellung, noch vor dem sägewerk.
auf die fahrenheit-genau-genommene-variante, mit dem auswendig- lernen zum verinnerlichen die antwort: ich hasse auswendig lernen wie die pest. ich kann mir ausschließlich liedtexte merken, sonst nix. ich hasse es so sehr, klassische texte auswendig zu lernen, wie ich es liebe, sie zu sprechen. freiwillig lerne ich garantiert überhaupt nichts auswendig. und wenn, dann müsste es schon einen anderen zweck verfolgen, als mich erinnernd an formulierungen zu berauschen. ich denke mir in der allergrößten not lieber selber etwas aus. so hänge ich nun wahrlich an keinem buch der welt. schon eher an geschriebenem, das direkt an mich gerichtet war. vielleicht den einen oder anderen wohlgeratenen liebesbrief.
wenn ich unbedingt aber doch ein buch auswendig lernen muss, dann entscheide ich mich für das survival-lexikon von rüdiger nehberg (ehre, wem ehre gebührt).
2. warst du je in eine figur aus einem buch verknallt?
bestimmt. wie soll man sich an all die figuren erinnern. ich war viel- leicht irgendwie verknallt in die grüblerisch-leidenschaftliche figur ‚richard burton, der unvollendete schriftsteller’, wie er in der biographie von melvynn bragg erscheint. oder – achtung – jetzt wird’s richtig banal – in die männliche hauptfigur aus einer trivialen aber unterhaltsamen steinzeitsaga. ‚ayla‘ heißt die hauptdarstellerin des mittlerweile fünf oder ich weiß nicht wieviele teile umfassenden gleichnamigen werkes und ihr geliebter hieß jondalar. er war die mich erotisch-ästhetisch ansprechende variante vom märchenprinz. irgendso ein geiler zotteliger typ, hypersensibel und sehr körperbetont. gewissermaßen. ziemlich interessante stellen in dem buch… nicht verknallt aber fasziniert bin ich nach wie vor bei einem gewissen herrn mephistoteles. den finde ich ziemlich anziehend. verknallt ist wohl der falsche ausdruck.
3. welches buch hast du zuletzt gekauft?
gleichzeitig gekauft: das bereits erwähnte ‚im wolfspelz’ von wolfgang joop und den bildband ‚victor brauner, surrealist hieroglyphs’
4. welches buch hast du zuletzt gelesen?
(zuletzt heißt vor dem, das man gerade am wickel hat?)
auch schon erwähnt (wie gesagt, ich habs mit biographien) christine kaufmann: ‚christine kaufmann und ich‘, davor paul bowles – rastlos.
5. welches buch liest du gerade?
ich lese im moment etwas faul im erwähnten wolfspelz herum. vielleicht lese ich es aber auch nicht mehr zu ende, und hole mir neues futter. ich kokettiere mit diversen expeditionsberichten und einer abhandlung zur geschichte der raf. auch dutschkes tagebücher interessieren mich. oder endlich derek jarmans letzte aufzeichnungen.
6. welche fünf bücher nähmst du mit auf eine einsame Insel?
fällt mir sehr schwer, darauf zu antworten. ich glaube, ich würde am liebsten fünf bücher mit leeren seiten mitnehmen, die ich selbst fülle. ja. eigentlich am liebsten das. oder bereits geschriebenes und gut abgehangenes zur weiteren selbstanalyse. vielleicht auch für regentage ein bißchen wondratschek, den ich sehr liebe. oder zum noch mal lesen etwas dickes wie isabel allendes ‚paula’. über das sterben ihrer tochter. so einen dicken wehmütigen schinken (andere bücher von ihr, außer ihrem wirklich schönen sinnlichen aphrodite- kochbuch-bildband reizen mich dagegen gar nicht, solche romane sind absolut nicht mein ding. ich konnte auch mit marquez‘ hundert jahren einsamkeit nichts anfangen – genauso wenig wie mit notebooms bejubelter ‚folgenden geschichte‘ (der mir aber als mensch sympathisch ist) und noch viel weniger – ganz andere ecke – den thirty-something-trivialitäten der neueren deutschen pop-autoren oder wie das heißt oder was die da machen). dagegen schon eher lust auf paul auster oder herrn de winter. oder connie palmen, nah mit ihrem requiem i.m.
ich habe bei meinen letzten reisen festgestellt, dass ich nicht mehr zum lesen komme, und mir unterwegs auch nichts fehlt. erleben und hin und wieder schreiben war wichtiger als lesen. allerdings waren das auch keine reisen mit längerem strandaufenthalt oder derglei- chen. wenn schon buch, dann inhalt möglichst unbekannt. am liebsten erzählungen von wirklich erlebten reisen mit expeditions-charakter, archaischem bezug. das liebe ich sehr. mit lyrischem kann ich unterwegs nicht viel anfangen, da ist zuviel eigenes erleben. das ist dann eher für sehr spezielle momente, die eher zuhause stattfinden und dann zelebriert werden. da wird dann schon mal über rainer maria geflennt.
wenn vielleicht auch noch a.more.s lust hätte, mit diesen fragen ein wenig zu spielen, würde es mich besonders freuen. (auch fragebogen- hasser wie ich machen hin und wieder eine ausnahme, wie man sieht)

20. mai 2005

dabei wollte ich doch eigentlich nur ein paar bücher zurückbringen, letzten freitag. plötzlich schlendere ich durch den bazar des karnevals der kulturen, der am platz vor der gedenkbibliothek anfängt. dank all den netten menschen, die sich so bereitwillig von mir fotografieren ließen. einfach so –

15. mai 2005

freitag im bazar, karneval der kulturen. ich mache ein paar hundert bilder und kann mich gar nicht recht entscheiden, mit welchen ich an- fangen soll. an einem stand steht ein kleines mädchen und spielt selbstvergessen mit bunten tüchern. ich sehe ihr eine weile zu, sie hat alles um sich herum vergessen. als ich nach ein paar minuten weiter- gehe, spielt sie immer noch.

09. mai 2005

kinder fotografieren ist auch was schönes. ihn zum beispiel. wächst noch. berliner heidis, aufgepasst: seal junior kommt aus wilmersdorf.

08. mai 2005


heute in berlin (oder ‚wohin du gehst, da bist du dann‘)
ich war zwanzig, als ich nach berlin kam. anfang april 1986. bilderbuch- frühling. wir schwammen in der krummen lanke, liefen barfuß im bikini durch den wald, direkt von der wohnung quer über die straße, die argentinische allee, nach einem halbnackten frühstück auf der wiese im garten. ich lieh mir jacquelines fahrrad, bei der ich unterschlupf fand und holte uns frisches sonnenblumenbrot bei dem kleinen bäcker an der u-bahn-endhaltestelle. butterbrot. alles war so einfach. wie tanzen. wenn man tanzen einfach findet.
mein erster frühling in zehlendorf. kreuzberg weit weg. verrückte nächte in schöneberg, warmherzige paradiesvögel, nachtfalter. vogelgezwit- scher nach durchfeierten nächten in kleinen bars. die blaue stunde. sonnenaufgang. licht, flirrendes licht, sommer.
viele, die nach berlin kamen, bewegten sich in anderen ecken. ich hatte unverschämtes glück, nicht ausgerechnet am kottbusser tor mein anfängerglück suchen zu wollen. manchmal traf ich sie in der nacht, und sie staunten, dass es einen sandstrand geben sollte. an der havelchaussee. sie staunten bauklötze. und ich schüttelte den kopf. kalte bilder kannte ich nur aus dem fernsehen. ja glück. ich fühlte es. und lief heiter, in leichtfüßiger demut durch die breiten alleen. ich durfte hier sein. dankbarkeit. nichts anderes. wie sollte man so jemandem anders begegnen, als – freundlich und warm…
bernd begemann singt ‚berlin war stärker‘. sehr melancholisch singt er es, auf seinem weg zurück nach hamburg. man sollte nicht versuchen, mit der stadt zu kämpfen. wie könnte man nicht verlieren. man muß mit ihr spielen und all die kämpfe und krämpfe vergessen. dieses müssen und wollen. darauf hat niemand lust. verbissenheit ist so langweilig. demut ist etwas anderes. etwas ganz anderes.
vielleicht tragen manche, die scheitern, diese fixe idee in sich, dieses ‚if you can make it there, you make it everywhere‘. ‚los, gib mir, funk- tioniere, großkotziger moloch, zeig was du drauf hast‘. ich verstehe, dass er nein – pardon – sie darauf keine lust hat. berlin ist ein andro- gynes wesen, und zugleich sehr frau. sentimentale diva, die oft zuviel trinkt und einen kater hat. sie darf das.
wer soviel einstecken muß, darf sich auch sinnlos betrinken. dann muß man sie einfach eine weile in ruhe lassen. wer von ihr ein lächeln haben möchte, sollte ihr zwei oder drei aspirin bringen und vorsichtig über den schweren kopf streicheln. und sie wird lächeln. und wie.

01. mai 2005

merkwürdiger traumfetzen, fällt mir immer wieder ein. es ist schon ein paar nächte her. ein gläsernes fotostudio, viel schwarz. darin helmut newton, der fotografiert, stehend hinter einem stativ. er sieht jünger aus als zuletzt, hat sich die haare wachsen lassen und trägt sie zu einem pferdeschwanz gebunden. mehrfach mit einem schwarzen breiten lederband umwickelt. steht ihm sehr gut. er sieht sehr viel jünger aus, hat seltsame ähnlichkeit mit dem schauspieler keanu reeves, und doch ist es zweifellos helmut newton.
hinter der scheibe des studios steht seine frau june neben mir. june erklärt mir, dass er sich jetzt sehr wohl fühlt, so. er hätte einige dinge in seinem leben geändert, neuer anfang, deshalb auch die längeren haare. ich bin froh, dass es ihn wieder, weiter gibt. freue mich für ihn und june.
ich erlebte – tatsächlich, nicht im traum – helmut newton live. er hatte gerade seine autobiographie geschrieben und erzählte anlässlich der veröffentlichung aus seinem leben. 20. oktober 2002, ein sonntag- vormittag im renaissance-theater in charlottenburg. ich zog meinen langen schwarzen ledermantel an und überlegte einen langen augen- blick, ob ich meine drei bildbände, die ich von ihm habe, mitnehmen soll, um sie signieren zu lassen. ich tat es dann nicht, weil ich keine lust hatte, so bepackt herumzulaufen und wischte die idee beiseite.
es war ein sehr heiterer vormittag mit helmut und june. sie saß in der ersten reihe im publikum und gegen ende des gesprächs, in das das publikum mit einbezogen war – er war für alle fragen offen, sehr witzig und hintersinnig in seinen antworten – fotografierte june mit ihrer kleinen autofokuskamera ins pub- likum. vielleicht gibt es in ihrem archiv jetzt ein foto, auf dem ich bin. dann wurde ausdrücklich darauf hingewiesen, dass helmut newton gerne zum signieren mitgebrachter bücher zur verfügung stände. ich hätte mich ohrfeigen können, in diesem moment.
aber es war auch so ein wunderbarer vormittag, erfüllt von seinem geist und witz und erinnerung. newton war ein mensch, dessen geist wellen verströmte, die ich verstand. ganz nebenbei gefiel er mir als mann. ich war nicht immer maßlos von allen fotografien beeindruckt, mochte aber die scharfen kontraste und die klare aussage. die eindeutigkeit. schwarz oder weiß. und rot. wenn ich heute in die newton-stiftung in berlin gehe, zieht es mich am meisten in den bereich, der ‚us and them‘ betitelt ist. er zeigt den privaten helmut newton. und das bild seines todes. junes kopf an seinem.

26. april 2005

merkwürdige spuren, die die zeit auf dieser wand eines grabmals hinterlassen hat. diese spiegelverkehrte schrift, ich habe keine erklärung dafür. es ist ein altes grabmal, um das sich niemand mehr kümmert. vor den gemauerten steinen muß etwas gewesen sein, eine marmorplatte vielleicht, ein steinfries. aber so finde ich es beinahe schöner, als jedes andere intakte grab, mit dieser großen narbe. vielleicht wurde damals ein stein mit bereits gemeißelter inschrift ein zweites mal verwendet, diesmal die rückseite, um die grabnische zu schmücken. die einzige erklärung… das mauerwerk noch feucht, und so entstand der abdruck der inschrift.

25. april 2005

atanarjuat

gerade auf arte. wunderbarer film. grandioses kino. dort noch mal gucken, wenn er jemals wieder im kino läuft. der zauber vermittelt sich leider über mattscheibe nicht ganz so. aber im kino… hin und weg. ich jedenfalls…

21. april 2005


manchmal verliert man mehr worte, als man vorhatte. kein verlust, die worte. in guten händen, da wo sie sind.
und während ich diesen eintrag schreibe, summe ich ein lied. manha do carnaval. es gibt auch einen deutschen text für diese wunderbare melodie von antonio carlos jobim – das glück kam zu mir wie ein traum, am schönsten in der version von georgette d. oder in der französischen version, chanson d’orphée. aber das original aus dem wunderbaren film orfeu negro ist die zauberhafteste von allen

18. april 2004

eins nach dem anderen. nicht, dass mir gestern keine spektakulären makroaufnahmen unserer zauberhaften flora gelungen wären. aber vor allen anderen, möchte ich das nachfolgende schöne bild der welt unter keinen umständen vorenthalten:

was sehen wir? einen jungen mann an einem strand. einen sehr jun- gen mann am strand. nein. einen sehr, sehr jungen mann am strand. den ich nicht kenne. bis heute nicht. ich traf ihn gestern am flug- hafensee in berlin. ein unbekannter idyllischer ort, was der name nicht vermuten ließe. angrenzend an ein vogelschutzreservat. viele sanddü- nen. schwäne, enten. ein paar liebespaare. und ein paar nachwuchs- machos. hübsche kleine mädchen dabei. keck und selbstsicher. zwölf vielleicht, dreizehn. wie er da oben. noch nicht mal ein milchbart wächst ihm.
ich fotografierte nur die beiden stühle am strand und er fragte mich nach einer weile, ob er sich auf einen drauf setzen soll. da sage ich doch nicht nein. ich frage ihn: „willste mal gucken?“ er sagt: „ey klar – cool, zeig mal!“ (er duzt mich! – ich mag das ja – bei solchen gören…).
ich glaube, er hatte für sich beschlossen, dass ich irgendwie in ord- nung sein müßte, da ich ihn nur fragte, ob er eine mailadresse hätte, um ihm das bild zu mailen. er konnte sich leider nicht daran erinnern. der kleine frechdachs, mit seiner zigarette.
ich drehte eine ausgedehnte runde den strand entlang. kam zurück und er fragte nach mehr. fotos. ich sage: ‚ist doch quatsch, wenn du dich an deine e-mail-adresse nicht erinnern kannst, kann ich sie dir doch nicht zuschicken, hm?‘ da grinst er und stammelt irgendwelche buchstaben und irgendwas mit gmx. kriegt es nicht mehr zusammen, der kleine. tschüs. die anderen aus seinem kleinen clan rufen mir auch noch ein tschüs hinterher. ich mag solche begegnungen.

15. april 2005

manchmal telefoniere ich mit dem papagei, von dem diese schwanz- feder stammt. die nette frau, die mit ihm lebt, hat mir gestern überra- schend diese außerordentlich große feder geschenkt. vorsichtig, am kiel mit einem stückchen tesafilm an einer halben meter langen trüf- felschachtel befestigt, so lang und breit wie die türkisblaue feder.

was für eine verpackung. so kann man mich aus dem häuschen bringen. dabei konnte sie weder wissen, daß ich mich derart über eine blaue papageienschwanzfeder freuen kann, noch mit welcher halt- losen begeisterung ich trüffel verzehre.

13. april 2005


vor einem jahr am 12. und 13. april.
milliarden sterne. ich wollte nicht im zelt schlafen, zugedeckt von einer schweren navajodecke den großen himmel sehen, die winde im canyon hören. das klare wasser vom san juan river, der sich irgendwo mit dem colorado verbindet, in einem felsenbecken des fast ver- trockneten flussbettes, gleich neben mir. was für ein glück, das erlebt zu haben. und diesen oder jenen tag im april.

10. april 2005


feuerchen gemacht. das ist das erwähnte, mexikanische pink auf dem balkon in meinem kleinen atelier.
und auf dem friedhof wachsen fotomodelle

wer erkennt die schöne?

04. april 2005


warum kenne ich kaum männer, die die farbe rosa mögen? weil es eine verweichlichte babyfarbe ist? weil ich insgesamt zu wenig männer kenne? testosteron? die schilddrüse? barbie? es gibt furchtbares rosa aber auch ganz zauberhaftes. so wie gestern.

03. april 2005

robert capa.
ich war also im martin-gropius-bau. die dort gezeigten abzüge von seinen fotografien sind nicht groß. formate, wie man sie in alben finden könnte.
von der ersten fotografie an fühlte ich mich zuhause. in seinen bildern. in seinem blick. was dieses gefühl verursacht, ist, wohin er sich begeben hat, um zu fotografieren. bilder von flüchtlingselend, kriegsschauplätzen, verlorenen existenzen, erschossenen. ruinen. die gesichter gegen ende des zweiten weltkrieges. da steht man und schluckt, denkt an eigene familienschicksale und daran, wie die geschichte des zweiten weltkriegs in die gegenwart reicht. ich jedenfalls.
wie kann man sich da zuhause fühlen? man kann, weil es sich um archaische augenblicke handelt, die er für alle zeiten festgehalten hat. augenblicke, die raunen.
an diese orte hat er sich begeben, um geschundene, verzweifelte, einsame, ungläubig staunende und gerührte menschen in einem schlüsselmoment ihres lebens auf seinen film zu bannen. es gibt kein bild ohne tiefes gefühl. existentielle erschütterung. rührung. entsetzen, wut, trauer, fassungslosigkeit, zärtlichkeit. innige momente. nie kalte entblößung. keine innere distanz, äußere ganz sicher. so weit wie nötig.
wie hat er das gemacht. er war nah dran, weil man ihn ließ. ich glaube, er hat die menschen wissen lassen, was er vorhat. das spürt man. und wäre es nur ein sekundenlanger blick gewesen, der das einverständnis sucht. das sind keine bilder aus dem hinterhalt.
da steht man und schluckt. und hat das gefühl, in jenem moment genau am richtigen ort zu sein. einer dieser seltenen momente von völliger gegenwärtigkeit. die haut beginnt zu vibrieren und man fühlt, man ist jenseits der banalität.
es war ziemlich dumm, gleichzeitig eine karte für die umfangreiche ausstellung von stanley kubrick zu kaufen, der eine etage höher mit vielen requisiten aus seinem lebenswerk vertreten ist. ich konnte das nach diesen eindrücken in keiner form würdigen, und bin eigentlich nur unkonzentriert und eilig durchgelaufen, mit capas bildern und jenen des wunderbaren dokumentarfilms, der gezeigt wurde, im kopf. beim essen wäre man nicht so dumm. man hätte einen verdauungsspaziergang gemacht oder ein nickerchen.
mich hat in diesem moment kaum ein detail irgendeines kubrick-films interessiert. ein neugieriger, aber flüchtiger blick auf das faszinierende modell jener babypuppe, die in 2001 durchs weltall schwebte, rotierte. diese puppe hat die augen eines erwachsenen. sie sehen aus wie echte glasaugen. solche, die man als prothesen einsetzt.
innerlich war ich immer noch bei capa. neben diesen leidvollen dokumentationen, machte er auch bilder wie diese wunderbar flirrende serie von picasso am strand. mit françoise und dem schirm. ich liebe dieses foto. es begleitet mich seit vielen jahren und klebt immer an irgendeiner wand. ein bild, das das glück eines augenblicks zeigt. ich wusste nicht, dass es von robert capa ist.

02. april 2005


im grunewald
jetzt bin ich aber ganz schön müde vom vielen geschenke auspacken. na ja. geburtstag hat man ja auch nicht jeden tag. mein berlin-geburtstag. in der nacht vom ersten auf den zweiten april habe ich mich auf den weg gemacht . vor neunzehn jahren . ich hab diesen tag gerne.

30. märz 2005

falls irgendjemand dieses zeichen erkennt, bitte in den kommentaren antworten. ich weiß nicht, was das ist, obgleich ich meine, es schon gesehen zu haben. möglicherweise könnten sinologen oder alchemie-affine weiterhelfen. wa- rum ich das überhaupt wissen möchte, und wo ich es her habe, erkläre ich später gerne noch. eventuell.
;-)
es ist weder ein mir bekanntes astrologisches symbol noch eine rune. vielleicht existiert es in mehreren kulturen gleichzeitig. mich interessiert die jeweilige geographische und ethnologische herkunft und zugewiesene bedeutung. entscheidend für den grundsätzlichen vergleich ist die form dieses zeichens, weniger die ausführung.

27. märz 2005

musik für sentimentale sonntagnachmittage wie diesen. rendezvous von j. terrasson & c. wilson und cassandras new moon daughter kann man, vorausgesetzt, man mag cassandra wilson überhaupt, blind kau- fen. wie eigentlich überhaupt alles von ihr. (‚belly of the sun‘ und und und…)
‚autumn leaves‘ u. ‚if ever I would leave you‘ auf der ersteren, und ‚love is blindness‘ (u2 cover), und last but not least, vor allem allem anderen ‚harvest moon‘ auf der zweiteren, liebe ich über alles. ich finde neil young-coverversionen tendenziell eher unzulänglich bis überflüssig, aber cassandras version von harvest moon schlägt alles. zum heulen schön.

27. märz 2005

schon merkwürdig, wie einen eine beinahe flüchtige bemerkung auf einer anderen seite von den socken hauen kann. gestern hatte ich die muße, nicht nur die gerade aktuellen beiträge von herrn kid in seinem hermetischen café zu lesen, sondern lust, mal zum anfang zu blättern und richtung gegenwart zu lesen.
ich war ein wenig überrascht, dass er ja noch gar nicht so lange schreibt, da mir sein schönes café schon beinahe wie eine institution vorkommen mag. dann las ich diesen eintrag. und wurde auf mich zurückgeworfen. ich las stratocaster. das reichte schon. und ein film lief vor meinem auge ab.
mein bruder, der nicht mehr lebt, spielte eine fender stratocaster, eine wunderschöne schwarze. und ich habe sie verloren. bei seinem unfall lag sie wie ein schatz neben ihm auf dem beifahrersitz. ich holte die gitarre ein paar tage danach ab, von dem ort, an dem der unfall geschah, in belzig. nahe berlin. er war ja auf dem weg zu mir. auf dem koffer zwei tropfen blut.
es war schwer, in ostberlin mit dem koffer über die grenze zurück nach westberlin zu kommen, denn ich hatte die gitarre nicht eingeführt, in die ddr. verheult stand ich stundenlang am grenzübergang friedrichstraße und stammelte, dass das die gitarre meines toten bruders sei. der koffer, das ‚case‘, hatte eine form, die für einen laien nicht gleich erkennen ließ, dass darin eine gitarre sein könnte. vielleicht sehen kalaschnikoff-behältnisse ja ähnlich aus. keine ahnung. kurz bevor die uhrzeit für die frist meines visums ablief, ließen sie mich gehen, nachdem mehrere telefonate zwischen ost- und westberlin geführt wurden, und sie verstanden hatten, dass auf dem hoheitsgebiet der ddr ein westberliner bürger tödlich verunglückt ist.
die gitarre. seine geliebte strat. verwaist stand sie in meiner wohnung. bis ich jemandem begegnete, der für eine zeit ein guter vertrauens- würdiger freund wurde. er verstand, was der verlust für mich bedeutete auf einer tieferen ebene, und ich fand es plötzlich in ordnung, wenn ich ihm für das einspielen einiger aufnahmen die stratocaster geben würde. er hat mich nie darum gefragt oder gebeten, es war meine idee. er war völlig demütig und respektvoll, als ich ihm wirklich die gitarre gab. als würde ich ihm eine seele anvertrauen. ich glaube, niemand hätte zu dem zeitpunkt behutsamer mit dieser gitarre umgehen können. ich wollte sie ihm nicht mehr wegnehmen, weil ich fand, dass er ihr wieder leben geben würde. dafür war sie ja da. nicht, um eine reliquie zu werden.
dann verloren sich unsere wege, einfach so. wie das manchmal so ist. ich dachte immer – wenn ich sie zurückwollte, müsste ich sie mir ja nur holen. ich habe es bis heute nicht getan. und es liegt nun schon siebzehn jahre zurück. eigentlich sollte die gitarre einer seiner söhne bekommen, mein bruder hat zwei söhne, der eine damals noch nicht geboren, der andere ein kleinkind. und heute spielt der eine tatsächlich e-gitarre und der andere klavier. ich könnte einen jungen mann sehr sehr glücklich machen, mit der gitarre seines vaters. aber es ist so lange her, und ich habe große hemmungen das anzupacken. niemand fordert das von mir. aber vielleicht sollte ich es eines tages doch noch versuchen.

26. märz 2005

und wenn ich schon lobhudle, kann ich auch noch gleich auf die umwerfenden tierbilder von herrn schmerles einen link setzen. (ich glaube ja, er ist in wahrheit dr. doolittle und verrät es nur nicht, bescheiden wie er ist)

18. märz 2005

marlenes schminke, peggy guggenheims herumgevögle. lauter momentaufnahmen. kleinste sequenzen. ablenkungsmanöver. nichts wesentliches.
die wesentlicheren dinge sind oft nicht benennbar. im guten wie im argen. (nicht im ‚bösen‘ – daran müsste man glauben, um diesen merkwürdigen begriff zu übernehmen). das gewaltige raubt die worte, raubt den atem, manchmal den verstand.
wozu also. um irgendeinen faden weiterzuspinnen. hier und da einen kleinen knoten zu knüpfen. ein zartes netz, ausgang unwägbar. das macht es auf jeden fall interessant. es gibt einen unberechenbar- keitsfaktor. im ungewissen bin ich zuhause. das fühlt sich immer vertraut an.
ich habe festgestellt, dass ich mich nicht wohl dabei fühle, direkt auf dieser seite, auf der ich schreibe, eine liste von verlinkungen zu anderen seiten zu setzen, auf denen geschrieben wird. selbst wenn ich diese schätze. ich fühlte mich beinahe, als ob mir diese ganzen adresseninhaber beim schreiben über die schulter sehen würden. das macht mich nervös. ich muß allein sein, wenn ich etwas schreibe.
woher sollen die, die ich regelmäßiger lese und schätze, es dann wissen, dass ich das tue? sie können es wenigstens vermuten, durch seltene kommentare oder einen hinweis in einem text von mir. vielleicht legt sich diese kleine feine hysterie irgendwann.
in den letzten drei wochen habe ich den kreis derer, die ich täglich lese, reduziert, das hatte eine beruhigende wirkung. es gibt nur noch zehn lesezeichen. was haben wir eigentlich alle früher gemacht?

17. märz 2005


was das bild da oben soll. ich habe vor ungefähr zwei wochen angefangen, in dieser seltsamen biographie zu lesen. mittlerweile ist sie im badezimmer gelandet, griffbereit, gegenüber von einem gewissen örtchen, falls mir nach lektüre sein sollte. tja. da liegt es nun, das dekorative büchlein. und heute morgen dachte ich mir – sieht ja aus wie hindrapiert, sollte ich mal knipsen.
der grund, warum es nicht vorangeht ist, dass mich an dem buch so manches nervt: peggy guggenheim ist mir nicht nur auf sämtlichen fotos unsympathisch (trotz zum teil humorig drapierter sujets), sondern wird auch noch auf eine art beschrieben, die bislang keinen zweifel daran lässt, dass sie eigentlich nur eine verwöhnte schnepfe à la paris hilton war, die aus langeweile die nähe von künstlern gesucht und mehr oder weniger gekauft hat. subtil formuliert.
letztlich hat guggenheim ihren zaster sinnvoll angelegt und ich habe ja eigentlich sympathie für menschen, die konventionen sprengen – aber bisher werde ich mit ihr darüberhinaus nicht warm.
des weiteren ist mir schleierhaft, wieso die biographin eine amateur-psychoanalyse übelster sorte fabriziert. man spürt, dass sie keine echte sympathie für ihre zentrale figur hat – wieso schreibt jemand über eine person, der man so spürbar distanziert gegenübersteht. rätsel über rätsel. ich frage mich die ganze zeit, inwieweit mich die kalte seziererei in richtung antipathie manipuliert und diese daher überhaupt gerechtfertigt ist.
peggy guggenheim hat eine autobiographie geschrieben, die vielfach erwähnt wird. vielleicht sollte ich mir die stattdessen holen. (ist ja zum glück nur geliehen, der blöde schmöker)
andererseits – wozu soll ich meine zeit mit der toten peggy guggenheim verbringen?

14. märz 2005

das gagabuch ist hierher umgezogen. ab sofort darf kommentiert werden – obwohl ich das ja lange nicht so gerne haben wollte. es wurde nun aber wieder und wieder bemäkelt, und ich bin jetzt willig. wer freche bemerkungen macht, kriegt freche bemerkungen zurück bzw. der schwachsinn wird gelöscht. je nachdem, wie ich gelaunt bin. niemals gelöscht dagegen werden lobhudeleien, komplimente aller art, liebeserklärungen. nichts einzuwenden ist außerdem gegen geschenke (am liebsten möglichst große pralinen-schachteln mit viel nougat und krokant sowie große tafeln feinster schokolade; bitte nicht zartbitter, das bin ich schon selber).

11. märz 2005

heute wüst bepinselt väterchen frost ignoriert. nackig durch die hütte gesprungen, in sonnenflecken gefaulenzt, undara dawn von david hudson, abgefackelte vanille und sagebrush aus arizona in der nase. es dauert nicht mehr lange, mit dem schnee. versprochen.

lieblingsecke am u-bhf. alexanderplatz
und… schön, dass es noch männer gibt, die sich über ein gemaltes herzchen von mir freuen…

09. märz 2005


ein bild, das an irgendeinem tag der letzten monate entstehen hätte können. es ist vom vierten februar. wenn man wollte, könnte man schneeflocken studieren. heute war der schnee flockiger als sonst, jede flocke wollte für sich bleiben. eigensinnig. ich bin zuhause, wo es warm ist und versuche direkt ins objektiv zu blicken. das ist nicht immer so einfach, wie man denkt – wie man sieht

09. märz 2005

ich träumte erinnerbaren unfug letzte nacht:
die nicht ganz unbekannte gruppe rolling stones machte eine art inkognito probe/tourauftakt-konzert in einem laden-artigen, nicht sehr großen raum mit riesigen glasscheiben und turnstunden-atmosphäre. in irgendeiner deutschen stadt, nicht eindeutig identifizierbar. vielleicht ein randbezirk von berlin.
ich laufe zufällig die straße entlang, wo das ereignis stattfindet, komme an den großen glasfronten vorbei, es ist noch hell, später nachmittag vielleicht. ich weiß nichts von diesem konzert und wundere mich über die veranstaltung. ich erkenne durch die scheiben die einzelnen musiker, keith richards in einem weißen schlabberhemd rechts von jagger, der irgendetwas grünlich schimmerndes anhat und beim singen lässig mit den schmalen hüften wippt. der rest, charlie watts etc., bleibt eher im hintergrund, wie immer. die musiker sind gut drauf und geben sich viel mühe, sie scheinen regelrecht freude am musizieren zu haben.
im gegensatz zu der schwerfälligen menge vor ihnen. in ca. zwei meter abstand zur band, die auf derselben ebene wie das publikum steht, drängelt sich ein pulk von leuten im alter zwischen dreißig und vierzig mit gelangweilten gesichtern. manche bewegen sich eher mühevoll und lustlos, als müßten sie die zeit irgendwie herumbringen. freudlos, kaum den takt haltend. die meisten stehen hölzern herum.
sie wirken allesamt wie bestellte statisten, die sich noch nicht einmal die mühe gemacht haben, sich umzuziehen. einige tragen ausgeleierte jogginganzüge, in verwaschenem grau und rosa, komische zerdrückte kurzhaarfrisuren, wie gerade aus dem bett gekrochen. sie sehen ziemlich verlottert aus, wie jemand der auf die schnelle in der tankstelle nach ladenschluss noch etwas besorgen will, und zu faul ist, sich straßenkleidung anzuziehen.
die musiker tun mir leid, weil das publikum so uninteressiert ist, und ich schäme mich fast ein bißchen für die freudlosen menschen, weil sie ja immerhin aus meinem herkunftsland sind.
ich gucke schon eine kurze weile von der anderen straßenseite durch die scheibe, als mick jagger (übrigens gut in form) plötzlich aus dem raum auf den gehsteig robbt. wie durch zauberhand durchdringt er das fensterglas, auf dem bauch liegend. dabei singt er lächelnd weiter in sein handmikrophon und gibt mir zeichen, ich solle doch näher kommen. ich bin immer noch auf der anderen seite der straße und reagiere nicht sofort auf seine gesten, da ich es nicht für möglich halte, dass er, der berühmte mick jagger, tatsächlich mich meint.
er macht aber immer weiter mit seinem gewinke und dann komme ich schließlich doch zu ihm und gehe in die hocke, da er immer noch auf dem bauch liegt und singt. er flüstert mir, halb singend, irgendetwas ins ohr. sinngemäß ungefähr, dass ich unbedingt auch hineinkommen soll, es gäbe noch eine tolle party. so in der richtung. ich bin gleichzeitig fasziniert und überrumpelt. unentschlossen überlege ich eine weile.
szenenwechsel
ich erkenne im hinteren teil des raumes eine sehr gute freundin im publikum und bin verwirrt, dass sie mir nichts von diesem konzert erzählt hat. ich bin nicht wirklich mit ihr im selben raum. das konzert ist zu ende.
szenenwechsel
nächster tag: ich mache der freundin vorwürfe, sie hätte doch wissen müssen, wie gerne ich auch dabei gewesen wäre. sie wird rot vor lauter verlegenheit, fängt an zu stottern und meint, sie könne selbst nichts dafür, sie hätte vor kurzem völlig unerwartet eine gehaltserhöhung in zwei raten (?!?) bekommen und da wäre die konzertkarte zufällig mit im umschlag für die erste rate gewesen, und das sei alles eben ganz kurzfristig gewesen. sie stottert und stottert und ich bin fassungslos und stinksauer.
ich sage, dass ich das sehr komisch fände, dass sie ausgerechnet dieses ja doch sehr bemerkenswerte konzertereignis nicht für erwähnenswert gehalten hat, wo sie doch genau wüsste, was für ein stonesfan ich sei und sie doch sonst immer alles en detail erzählen würde. daraufhin stammelt sie beschämt noch eine weile herum, so dass sie mir fast schon wieder leid tut. ich ziehe mich daraufhin belämmert und grübelnd zurück. jedenfalls für den tag. einerseits zwar enttäuscht des versäumten konzertes wegen, aber andererseits und das umso mehr, wegen ihres kryptischen verhaltens.
an der blöden stelle bin ich dann leicht genervt aufgewacht und habe mich noch einmal umgedreht, in der hoffnung noch irgendeinen anderen murks zu träumen. am hanebüchensten war die absurdität der verdrucksten reaktion der freundin. die real existierende frau ist galaxienweit von irgendeinem undurchsichtigen getue entfernt, so dass ich mich über die geradezu beleidigende fehlbesetzung der rolle fast schon geärgert habe.
ach ja – ich habe die ollen stones anfang der neunziger zwei mal live gesehen und seither null interesse an einem weiteren konzert in olympiastadionformat. so ein kleines, feines, unrealistisches clubkonzert wäre gegebenenfalls schon eine nette sache. nur, warum ich davon geträumt habe, wissen die götter. ich kann mich absolut nicht erinnern, wann ich mir zuletzt einen kopp darüber gemacht hätte, ob die nun demnächst irgendwo auftreten oder nicht. und als ’stones-fan’ hätte ich mich vielleicht vor zwanzig jahren bezeichnet – wenn überhaupt. auch ist mick jagger nicht der traum meiner schlaflosen nächte, obwohl ich ihn als ikone schon durchaus nach wie vor mag und respektiere.
ich freue mich ja immer, wenn ich mich ausnahmsweise mal an das nächtliche wirrwarr erinnern kann und das ganze auch noch – zumindest dramaturgisch – halbwegs schlüssig ist…

j a e g e r

j a e g e r
dein herz ist ein jäger
die worte sind muskeln
sind lockender schweiß
ziel und gefahr
kein tier zu erlegen
nur blicke wie feuer
geruch eines lachens
und du bist gewahr
die losung ein handgriff
die beute ein flackern
In augen und herzen
die beute ist nah
das lauern erregt dich
ein tänzeln und taumeln
sie wirft sich zu füßen
und waidwund ergibt sich
kaum dass es geschah
der pfeil tief im innern
er traf im vorbeigehn
verliert sie die fassung
dem ende ganz nah
sich noch einmal windend
erlegt nun ihr lachen
ihr leben und feuer
und nichts bleibt mehr da
da liegt deine beute
doch du kannst kein blut sehen
und nimmst deinen köcher
bist längst nicht mehr hier
dein herz ist noch hungrig
es schreit tief im abgrund
nach fleisch und nach liebe
die feuer gebiert
das fleisch fressen fliegen
das blut trinkt der boden
das feuer entwichen
du lässt es zurück
bald knochen und erde
dem tod übergeben
versunken begraben
es gibt kein zurück
du ziehst immer weiter
dein herz bleibt ein jäger
du bist schon ganz müde
der köcher ist leer
und träumst immer weiter
vom lauern und beuten
verhungert nach blicken
dein herz ist nur schwer
dein herz ist ein jäger
es spürt all die pfeile
mit denen du zieltest
sie bleiben zurück
ein teil in der beute
ein teil tief im herzen
zerissen von blicken
von abschied und schmerz
dein ziel war das feuer
du nahmst es und gingst dann
es weiter zu tragen
um nahrung zu sein
für eine für viele
für mich oder diese
dein herz bleibt ein jäger
und du bist allein
dein herz ist ein jäger
hoffnungslos suchend
rastlos und fluchend
ahnst die gefahr
jäger gejagter
lockend und rufend
sehnsüchtig blutend
jenes geschah
zornig verzweifelt
siehst du die blutspur
auf deinem weg
der hinter dir liegt
dein herz bleibt ein jäger
sein schlag ist der köder
sein trommeln verhängnis
in feuer verwahrt
© gaga 2003

21. februar 2005

lächelndes eis

dabei war ich doch nur durch ein fenster auf das verbotene dach geklettert, um den sonnenuntergang zu sehen…

letzten freitag

in charlottenburg

auf einem einsamen windigen dach

06. februar 2005

ein paar verwackelte bilder von gestern
der schnee ist schon seit ein paar tagen weg, und jetzt scheint die sonne. noch mal bilder vom eis vom dach in der sonne, weil es so schön war, vor drei tagen fotografiert. ich glaube, diese eisbrocken hat niemand außer mir jemals gesehen… ist ja auch selten, dass auf einem dach eis liegt und der schnee ist schon weg. das eis funkelt wie kristall. ein zauberhaftes geschenk. bedeutet mir mehr als irgendwelche klunker für den hals.

schmelzendes eis

03. februar 2005

ein wenig betrunken – und schön. betrunken meine ich. das andere vielleicht auch. man guckt ja nicht in den spiegel, so spät in der nacht.
ich höre abwechselnd street hassle, perfect day und modern dance. na schnackelts? lou reed. und finde es so schade, dass man das nicht automatisch hören kann, wenn man das liest. aus dem rechner. wie ich es höre.
da schimpfe ich immer auf das ganze trashige gepansche aus aller welt im supermarkt, wein meine ich – und habe mich testweise, aus faulheit, in einen ordentlichen laden zu gehen, mit einem aus südafrika betrunken, von meinem supie um die ecke, knapp sechs euro, und bin glücklich wie nach einer flasche bestem bordeaux. street hassle. das stück dauert über zehn minuten. viel zu kurz.
ich guck mal aufs etikett: ‚swartland winery’ shiraz steht da. weiter nix – ach so: 2003. der is lecker. große überraschung. sehr große überraschung. man ist ja schon gehemmt in der richtung. also ich zumindest. nicht wegen standesdünkel, sondern furcht vor scheiss- dreck. neulich habe ich mich durch ein paar junge franzosen in dem jetzt auch neuerdings in der hardenbergstr. eröffneten ‚jacques weindepot‘ geschlürft, davon hat mir keiner so gut geschmeckt wie der hier. irgendwas stört mich an diesem komischen weinladen. ich weiß nicht genau was es ist. das ist mir irgendwie zu… weiß nicht. gefällt mir nicht. lässt sich gar nicht in worte fassen. atmosphärisch. ich trau dem laden irgendwie nicht. ich bin ein bißchen enttäuscht gegangen, ohne was zu kaufen, nebenan in den gutsortierten supermarkt am zoo und eine flasche chateauneuf geholt, scheiß drauf.
muß wein, der mir schmeckt, ausgerechnet so scheiße teuer sein, denke ich jedes mal. ist doch prima, wenn mir in der unteren kategorie was zusagt. etiketten sind mir schnurzegal. nur meistens liegt im supermarkt nur parfümierter scheißdreck im regal. aber der tut richtig gut. erst trinken, dann die augenbrauen hochziehen. ich habe genug edelstes zeug getrunken, um das zu beurteilen. das kann ich riechen. das trinkt sich aber auch weg…
eigentlich wollte ich doch nur mal wieder ein bißchen was schreiben. und dachte so, hörte so, dieses cello in street hassle oder diese celli vielmehr, und bedauere bedauere bedauere – – – denke, wie blöd das immer ist, wenn da einer oder eine in seinem, ihrem seitchen textstellen zitiert, kurze hinweise auf musikstücke – ohne die verlinkung auf dem tablett zu servieren. wen interessiert das, das ist doch scheiße. keiner liest einen musiktitel, der in einem dahingeworfenen brocken schwärmerei genannt wird und recherchiert dann sämtliche mp3-dateien danach durch – es sei denn man hats und kennts. das ist so hoffnungslos, hilflos. ach schade ist es eben. ich verstehe das bedürfnis. man möchte sagen: macht alles aus, was ihr jetzt gerade auf den ohren habt. sucht dieses stück, kauft es euch. hört es, werdet glücklich, für einen kurzen moment. diesen hier. street hassle. perfect day. modern dance. coney island baby. turning time around. mehr hab ich nicht zu sagen. heute
…maybe I should go and live in amsterdam in a side street near a big canal. spend my evenings in the van gogh museum, what a dream, van gogh museum. maybe it’s time to see tangiers. a different life-style, some different fears. and maybe I should be in edinburgh in a kilt in edinburgh, doin’ a modern dance
or maybe I should get a farm in southern france, where the winds are wispy and the villagers dance, and you and I we’d sleep beneath the moon. moon in june and sleep till noon. and maybe you and I could fall in love, regain the spirit that we once had. you’d let me hold you and touch the night, that shines so bright, so bright with fright – doin’ a modern dance…

brechendes eis

heute