31. Oktober 2019

Meine Sonntagspostkarte Nummer vier ging von Berlin Mitte nach Berlin Mitte und zeigt Berlin Mitte. Für Maria habe ich eine Briefmarke mit der Hl. Mutter Maria gewählt. Eine gelungene Postkarte zeichnet sich durch ein mit persönlicher Hingabe gewähltes Motiv und auch eine passende Briefmarke aus. Damit meine ich natürlich nicht das Porto. Es sollte schon ausreichend sein, aber es kann auch mal drüber sein, Hauptsache, das Bild auf der Briefmarke korrespondiert mit dem Empfänger oder dem Kartenmotiv. Ich bin da etwas perfektionistisch, was aber auch dazu beiträgt, die Wirkung zu steigern. Zudem denke ich auch daran, wie es sich farblich usw. in meinem Blogeintrag macht, oder dann später mal in einer Vitrine, wenn es eine große Gaga Nielsen-Retrospektive zu meinem Lebenswerk gibt. Auch solche Dinge sind zu beachten. So eine Postkarte ist ja kein Wegwerfartikel wie eine unattraktive Betriebskostenabrechnung von der Hausverwaltung, sondern für die Ewigkeit, zum steten Gedenken! Daher sollte man auch keine Sachen draufschreiben, die einem einmal leid tun könnten! Ich habe noch nie eine bösartige Postkarte geschrieben, das ist nicht mein Stil. Böse Mails übrigens auch nicht. Wenn mir etwas Böses oder Trauriges widerfährt, werde ich sehr stumm. Mir fehlen dann einfach nur die Worte. Ich finde nämlich auch, dass man ein völlig bescheuertes Verhalten nicht auch noch mit einer schriftlichen Dokumentation ehren sollte. Das gibt dem Unerfreulichen nur noch mehr Gewicht, das lehne ich prinzipiell ab. Also werden hier nur freundliche Postkarten gezeigt, denn andere gibt es gar nicht. Diese Postkarte habe ich auch in meiner Wohnung, im Badezimmer, schön gerahmt. Habe ich ja auch auf der Karte erwähnt. Maria kennt mein Badezimmer, da hängen ganz viele Bilder.

30. Oktober 2019

Das ist eine weitere Wunschpostkarte, die ich am Sonntag geschrieben habe. Auch nach Berlin geschickt. Ich befürchte, die Schrift hat sich bis zur Zustellung fast aufgelöst, weil ich blöderweise einen ungeeigneten Stift zum Schreiben benutzt habe, der auf dem glatten Kartenkarton schnell verschmiert. Ich rate somit ab, Vernissagen-Postkarten aus Galerien zu verwenden, es sei denn, man plant keine Beschriftung. Es steht ja auch schon immer was auf der Rückseite, was die Beschriftung platzmäßig erschwert. Ich hoffe, der Empfänger Bernward ist nachsichtig. Ich muss das doch auch erst wieder lernen, wie man eine Postkarte richtig schreibt. Auch schreibe ich viel zu groß, so passt fast nichts darauf! Die nächsten Postkarten schreibe ich nur noch auf nicht glattes Postkartenpapier und werde einen Bleistift verwenden. sowie viel ordentlicher und kleiner schreiben. Zum Glück mache ich immer eine digitale Kopie bevor ich die Karten verschicke, so kann der Leser noch einmal am Monitor lesen, was ich da eigentlich gekritzelt habe, und sogar reinzoomen!

Einen wichtigen Hinweis habe ich noch, wenn jemand auch mit dem Postkarten-Hobby beginnen möchte: beim Herausholen aus dem Briefkasten muss man ganz dringend Folgendes beachten: in den Werbebroschüren, die man gratis in den Briefkasten bekommt, könnte sich eine schon sehr erwartete Postkarte befinden! Wie schnell hat man dann die Reklame entsorgt und geht geknickt zurück in die Wohnung, weil man denkt, dass keiner an einen gedacht hat. Das muss aber nicht stimmen! Es kann ganz leicht passieren, dass eine wunderschöne Postkarte zwischen die Seiten von der Reklame gerutscht ist. Man muss immer schütteln, bevor man wegwirft, oder mal kurz durchblättern! Ich habe gestern Abend ein Reklameheft für die Herbstmode von einem Versandhaus herausgenommen, mehr war nicht drin, im Postkasten, dachte ich zuerst. Um nicht die neueste Mode zu verpassen, habe ich die Broschüre ganz schnell mal so durchgeblättert, bis ich bei den Daunenjacken war, und da fällt auf einmal eine hübsche kleine Postkarte aus den Seiten. Sogar aus England! Ich hätte sie fast mit dem Reklameheft weggeschmissen! Also immer die Reklamepost schütteln! Dann ist das Postkarten-Hobby eine sehr schöne Sache, die den Alltag bereichert und zuverlässig immer eine kleine Freude bringt. Auf der Postkarte von der Galerie ist ein Foto von einer felsigen Landschaft, wo weiß ich nicht, es steht nicht drauf. Aber mir gefällt sie sehr gut.

30. Oktober 2019

Am letzten Sonntag habe ich fünf Postkarten geschrieben, das ist die zweite, auch nach Berlin. Ich war am Abend zuvor in einem Konzert von einer Stones Coverband, die richtig gute Stones Vibes versprüht hat, was vornehmlich an dem Sänger lag, der ohne Hemmungen die ganze Spannbreite von Jagger Moves drauf hatte und auch vom Gesicht her ähnlich wie Mick aussah. Auch schon ein älteres Modell, aber noch viel Spannkraft. Es war keinen Moment peinlich oder Möchtegern. Die Band heißt Brown Sugar und hat sogar schon auf einer After Show Party der Stones gespielt und schon dreimal bei Vernissagen von Ron Wood, der seit langem malt. Das sind ja allerhöchste Weihen. Gehe ich gerne wieder mal hin. Wir haben wild getanzt, danach ließen wir uns im Rickenbackers noch von Freunden aufgabeln, die die Cover-Stones auch gut fanden, und die weiter zum Silver Wings wollten, wo diesmal aber nicht Mainstream à la Ma Baker Party geboten wurde, sondern schwere dunkle Techno, Elektro und Gothic-Sachen, die extrem basslastig waren, was ich sehr animierend fand. Wahnsinnig schöne Menschen im Publikum, total durchgestylte schwarze Outfits, Aufwändige Frisuren, gute Tänzer. Es war eine Augenweide. Ein Publikum, das man auch bei Rammstein Konzerten trifft. Freundliche Menschen. Ich verließ unsere kleine Gruppe wieder mal gegen zwei Uhr morgens, da ich nicht den ganzen nächsten Sonntag verschlafen wollte. Habe fleißig gemalt. Lydia hat ein paar Filmsequenzen von dem Brown Sugar Sänger gemacht, er war sehr kamera-affin. Da tat es mir ein bißchen leid, dass ich keine Kamera dabei hatte. Wären bestimmt tolle Bilder geworden. Die für Lydia gewählte Postkarte habe ich schon viele Jahre in meiner Schachtel, ich habe sie selber auch. Das ist der versteinerte Urvogel, eine Mischung aus D̶i̶̶n̶̶o̶̶s̶̶a̶̶u̶̶r̶̶i̶̶e̶r Reptil und Vogel, bei uns im Naturkundemuseum in Berlin. Ich mag Versteinerungen sehr.

30. Oktober 2019

Die erste Wunschpostkarte ging nach Berlin zu Marc. Ich hoffe doch, er freut sich. Ich finde sie selber sehr schön. Man sieht darauf das Dach vom U-Bahnhof Görlitzer Bahnhof in Kreuzberg. Wie ich schon auf der Karte schreibe, finde ich die Dachkonstruktion von vorbildlicher Schönheit und wünsche mir sehr, dass Architektur wieder einen Sinn für Gestaltung entwickelt, die nicht nur von statischen Berechnungen gesteuert wird. Mein Auge freut es, wenn virtuos mit Formen gespielt wird. Und bestimmt nicht nur meines.

26. Oktober 2019

Wer sich noch eine Postkarte von mir wünscht, soll als Kommentar hier drunter schreiben: „ICH ICH ICH“! Habe noch ganz tolle in meiner Schachtel, mit Blumen und Berlin usw. usf.!

26. Oktober 2019

Bei der dritten Postkarte aus meiner alten Schachtel ist eine kleine Steigerung zu verzeichnen. Der Empfänger hat die Karte aber besonders verdient, da er mir im Laufe der letzten Jahre mehr als eine Postkarte zukommen hat lassen. Vor allem aus dem schönen Wien! Ich hingegen habe aber immer nur mit preisgünstigen E-Mails geantwortet. Jetzt schäme ich mich ein bißchen dafür und hoffe, strebe danach, mich mit dieser ersten Karte zu rehabilitieren.

19-10-24 Postkarte BLN-HH (8x)

26. Oktober 2019

Die zweite Postkarte aus der alten Schachtel geht nach Berlin. Derselbe Wohnort sollte kein Hinderungsgrund für den Versand einer Postkarte sein. Das wäre eine Benachteiligung der Berliner Bevölkerung, die ich nicht unterstützen werde. Die Postkarte geht von Ostberlin nach Westberlin. Ohne Mauer endlich kein Problem!

19-10-24 Postkarte BLN-BLN (6x)

26. Oktober 2019

Meine erste alte Postkarte aus der Schachtel geht nach MUC! Aber mit schöner, ebenfalls recht alter Briefmarke. Ich verschicke zuerst die einfachen Karten, später dann die schöneren, wegen der Steigerung. Dramaturgie ist wichtig, in allen Lebenslagen! Auch beim Text mache ich mir viele Gedanken, ich hoffe, es kommt an!

19-10-24 Postkarte BLN-MUC (4x)

23. Oktober 2019

Heute gehe ich früh schlafen, damit ich morgen ausgeruht bin. Ich schlafe nämlich unter der Woche immer zu wenig, weil ich bis in die Puppen aufbleibe. Manchmal nicke ich dann am frühen Abend kurz weg, der Fernseher läuft nebenher und gerade hat sich die Gruppe vom Perfekten Dinner noch begrüßt und ich falle plötzlich in Narkose. Dann blinzle ich kurz und schon werden die Karten mit den Bewertungen hochgehalten und ich weiß nicht, ob es nur 5 Punkte gibt, weil der Wein nicht nachgeschenkt wurde. Kann man dann ja in der Mediathek noch mal anschauen. Mache ich manchmal. Morgen möchte ich gerne nicht um 19 Uhr einschlafen. Ich habe nämlich eine Einladung zur Eröffnung der Van Gogh Ausstellung bekommen, und da will ich mich nicht daneben benehmen, indem ich einschlafe, wenn die Kuratoren was erzählen. Die Gefahr ist ja mitunter auch gegeben, wenn man kein Schlafdefizit hat. Also ich werde mich benehmen und aufrecht sitzen und zuhören. Hoffe, es gibt auch Getränke. Die Eröffnungen im Museum Barberini in Potsdam sind offenbar so gefragt, dass die Museumsleitung eine Art Losverfahren unter den Barberini Freunden macht. Wenn man Glück hat, kriegt man eine Mail mit einer Einladung, und darf eine Begleitung mitnehmen. Vincent Van Gogh hat schon einen einmaligen Blick auf die Welt gehabt. Das ist immer wieder magisch und ergreifend, weltberühmte Bilder zum ersten mal im Leben in Wirklichkeit, ganz aus der Nähe zu sehen. Ich freue mich sehr darüber. Und jetzt gehe ich schlafen.

23. Oktober 2019

19-10-23 Postkarte MUC-BLN (1)

Liebes Tagebuch,

heute ist ein besonderer Tag. Ich habe eine handgeschriebene Postkarte bekommen. Auf der Vorderseite ist ein Foto von einer Wand mit Efeu, und in der Mitte ist ein gelber Postbriefkasten mit Schlitzen. Auf der linken Klappe steht „Rechnungen“, auf der rechten Klappe steht „Liebesbriefe“. Ich habe mich sehr über die Postkarte gefreut. Sie kommt aus MUC! Die Absenderin fliegt dauernd um die Welt und sieht bestimmt öfter die Aufschrift MUC als Ortsschilder auf Straßenschildern.

Wenn man von oder nach Tegel fliegt steht da glaube ich immer TXL, ich weiß gar nicht, woher das X kommt. Ich bin auch schon von und nach Schönefeld und Tempelhof geflogen, habe aber vergessen, wie da die Abkürzungen sind, zu lange her. Viel zu lange. Na ja, von Tempelhof kann man ja nicht mehr fliegen. Und wie der neue Flughafen irgendwann mal heißt, weiß ich nicht, da war ich noch nie. Ich fliege total gerne, ich warte aber nicht gerne auf den Abflug. Aber wenn der Flieger auf der Startbahn Tempo aufnimmt, werde ich immer ganz aufgeregt und euphorisiert. Ich habe richtige Glücksgefühle. Angst habe ich noch nie gehabt, über den Wolken.

Mir tun die Menschen leid, die Panik kriegen beim Fliegen. Sie sagen immer, es wäre die Angst vor dem Kontrollverlust. Ich verstehe das nicht, weil man ja auch in anderen Zusammenhängen keine technische Kontrolle hat. Zum Beispiel habe ich keine Kontrolle über Schwachstellen im Stromnetz von meiner Wohnung. Ein Kabelbrand könnte sich entwickeln und die Bude abfackeln. Es könnte schon brennen, wenn die Sicherung rausgeflogen ist. Man könnte als Gast im Taxi fahren und ein Geisterfahrer kommt einem entgegen und rumms und aus und vorbei.

Mir sind Straßenbahnen viel unheimlicher als Flugzeuge. Wenn man träumt und über die Straße geht und die Tram schafft die Bremsung nicht rechtzeitig, das ist kein schönes Bild. Das quietscht auch so furchtbar. Mir ist das einmal fast passiert. Ich habe geträumt, bzw. war ich in Gedanken, nicht schönen, traurigen. Und bin wie ein Roboter am Hackeschen Markt Richtung Rosenthaler über die Straße, von rechts kam gerade die Tram und hat eine Vollbremsung hingelegt. Ich bin so erschrocken und habe mich geschämt. Weil ich fast einen Menschen ins Unglück gestürzt hätte. Den Fahrer meine ich. Die Menschen, die mir nahe stehen natürlich auch.

Seitdem warte ich immer ganz artig und aufmerksam bis es grün wird, da wo Straßenbahnschienen sind. Es ist eine unübersichtliche Ecke, da am Hackeschen Markt. Da habe ich großen Respekt. Aber Fliegen ist bis jetzt noch nicht durch dumme Erlebnisse belastet.

Ich will auch eine Postkarte zurück schreiben. Es ist so etwas Besonderes geworden. Ich habe eine Schachtel mit ganz vielen unbeschriebenen Postkarten, ich werde eine davon auswählen. Briefmarken hab ich auch.

21. Oktober 2019

19-10-19 Silver Wings (7)

In ein Tagebuch gehört auch das letzte Tanzvergnügen. Ich war ja gestern Abend erstmalig im SilverWings Club im Tempelhofer Flughafen, wo von 1953 bis zum Rückzug der Allierten, die Bediensteten der amerikanischen Schutzmächte und der amerikanischen Luftwaffe gefeiert haben. Der Club hat eine denkmalgeschützte Innenausstattung. Der Bequemlichkeit halber zitiere ich mich selbst, einen Kommentar von heute Vormittag unter meinem gestrigen Eintrag:

„(…) In manchen Sitzecken, besonders einer hinter der Wabentrennwand kommt man sich vor wie in einem alten James Bond Film. Die Innenausstattung sieht eher nach Sechziger/Siebziger aus. Vielleicht haben die Alliierten nach der Eröffnung 1953 auch mal nach zwanzig Jahren renoviert. Steht aber unter Denkmalschutz. Zum Glück ist die Musikanlage nicht aus der Zeit, der Sound ist gut zum Tanzen. Auch ein schöner Mix aus alten Knallern und dem Besten der Neuzeit. Großzügige Räume. Es gibt zwei Tanzflächen, die größere ist Nichtraucherbereich, die zweite abgetrennte, auf der dieselbe Musik läuft, ist für Raucher. Wir waren recht früh da, so Viertel vor Zehn, da war es schon gut besucht mit älteren Semestern meiner Generation, mit jeder weiteren Stunde wurde es voller und das Publikum und auch die Musik jünger. Habe ein Tonic und zweimal Sekt und Selters bestellt. Um zwei Uhr war ich rechtschaffen müde. Lydia hätte noch weitertanzen können. Ich muss an meiner Kondition arbeiten. Dafür ist der heutige Tag nicht komplett mit Ausschlafen verloren, hab auch keinen Kater. Man kann den Club tatsächlich mieten, wenn man aber nicht weiß, dass es alte Inneneinrichtung ist, könnte man denken, das es sich um Retro-Chic aus den Siebzigern handelt, also kein Fünfziger Jahre Flair. Wobei die Waben-Deko tatsächlich uralt sein könnte. Und manche Lampe, die Schummerlicht verbreitet. Überall ist es schummrig, so soll es sein! Der „Ma Baker Club“, der gestern statt fand, ist ein Denkmal für sich. Ein über 25 Jahre altes Partykonzept in wechselnden Locations, jetzt regelmäßig einmal im Monat im Silverwings. Es gibt noch eine zweite Partyreihe dort, die heißt „Eis am Stiel“, dort wird konsequent nur Fünfziger und Sechziger Jahre Musik aufgelegt, Mit Rockabilly Dresscode, aber nicht streng. Habe ich auch mal Lust drauf. Mit einem gepunkteten Kleid ist man da immer richtig angezogen, denke ich mal.“

Was ich in dem Kommentar unterschlage habe, waren die Annäherungsversuche. Also nicht von uns, sondern an uns. Besonders zutraulich war ein Visagist, wenn ich ihn richtig verstanden habe (er konnte nicht so gut Deutsch). Die Musik hat natürlich auch einen gewissen Pegel, so dass man auch jemanden oft schwer versteht, der unsere Amtssprache vollendet beherrscht. Ich habe aus seinen Worten herausgefiltert, dass er zwischen Istanbul und Berlin pendelt, wo er jeweils einen Laden hat. Möglicherweise hat er aber auch etwas ganz anderes erzählt. Ein netter junger Mann, der mich mit glänzenden, ja ich möchte sagen funkelnden Augen betrachtete. Ich schätze mal Anfang Dreißig.

Für mich ist es immer etwas anstrengend, eine Unterhaltung zu führen, bei der man jedes Wort in verschiedenen Betonungen wiederholen muss, damit sich die Chance erhöht, dass das Gesagte verstanden wurde. Zum Glück raucht Lydia, so konnte er wenigstens seine angebotenen Zigaretten an die Frau bringen. Mir war nicht nach Rauchen, ich praktiziere das nur nach Lust und Laune. Er stellte sich sogar mit Handschlag und Namensnennung vor, ganz artig. Auch sein Freund wurde namentlich vorgestellt, daraufhin stellten auch wir uns namentlich vor. Da die Konversation dann etwas ins Stocken geriet, tanzten Lydia und ich wieder eine Runde.

Die Musik war tatsächlich gut ausgesucht, man hatte richtig Lust, sich zu bewegen. Auf einmal war unser Kavalier aus Istanbul weg, aber nicht auf der Tanzfläche vom Raucher-Bereich. Egal. Nach noch ein paar Nummern hatte ich Lust nachzuschauen, wie sich die andere Tanzfläche mittlerweile entwickelt hat, wir gingen nach nebenan. Ich sah schon von weitem unseren Verehrer mit seinem Kumpel, Lydia wohl nicht, sie ging nach vorne zur tanzenden Meute. Ich hingegen bog ab in das interessante Séparée hinter der Wabenwand, die mich immer wieder an Dalli Dalli erinnerte. Da saß ich eine Weile auf der denkmalgeschützten Ledercouch und betrachtete den sehr speziellen Wandschmuck über den Sofas. Der war bestimmt noch aus den Fünfzigern. Seltsame Kupferbilder mit afrikanisch anmutenden Ornamenten. Links und rechts davon je eine aparte Stehlampe mit Leinenschirm, die angenehmes Schummerlicht verbreitete. Ich schaute dem Treiben eine Weile zu.

Nach etwa fünf Minuten kam Lydia und freute sich, mich gefunden zu haben. Sie nahm neben mir auf der Couch Platz, wir tauschten uns ein wenig aus, aber die Zweisamkeit währte nicht lange. Da strahlte uns schon wieder unser Visagist aus Istanbul an, einen dritten Freund im Schlepptau, der uns beiden wohlwollende Blicke schenkte. Schon saßen wir zu viert im Séparée und unser türkischer Freund startete den nächsten Anlauf des Versuchs einer Unterhaltung. Ich lächelte verständnisvoll. Mich hatte er ja schon im Raucherstübchen nach meiner Herkunft befragt. Ich hatte „Berlin“ als Antwort im Angebot. „Deutschland?“ war die Rückfrage. „Ja, ich bin aus Deutschland.“

Nun war Lydia dran. Wo denn nun meine Freundin herkäme, wollte er wissen. Lydia, die links von mir saß, und gerne Späßchen macht, flüsterte mir zu, dass sie ja antworten könnte, sie wäre Griechin, mal sehen, wie er darauf reagiert. Die Türken und Griechen können ja mitunter nicht so gut miteinander, könnte eine interessante Reaktion zufolge haben. Da Lydia weiter von ihm weg saß als ich, antwortete ich assistierend: „Griechenland, Greece!“ Er verstand nicht gleich. Ich: „Greek. Aus G R I E C H E N L A N D .“ Er: „Ah….!“ Möglicherweise hatte er es gar nicht verstanden, das war aus der Folgefrage nicht zu eruieren. Diese war: „Urlaub?“ Ich: „Ja, Urlaub! Sie macht hier Urlaub.“

Lydia entgleisten die Gesichtszüge, sie musste einen Lachanfall unterdrücken, es gelang nicht. Passenderweise kam gerade ein neues Lied, das den Impuls auslöste, dringend tanzen zu müssen. Wir verließen die beiden Herren im Waben-Séparée und legten eine weitere flotte Sohle aufs Parkett. Ich ging dann recht bald mit meiner griechischen Freundin Richtung Garderobe, um meine Rockerjacke und ihr Mäntelchen auszulösen. Auf dem Weg zur U-Bahn fragte ich sie, wie ihr Deutschland gefällt. Sie fand es recht interessant und möchte gerne noch mehr davon sehen.

19. Oktober 2019

..geht heute tanzen in den Silverwings Club, zur Ma Baker Party! Muss mich noch anziehen.

„Den Silver Wings gibt es seit der Berliner Luftbrücke Zeiten, er hat eine sehr bewegte Geschichte und prägte die Kultur,- und Partyszene unserer Hauptstadt wesentlich, er zählt zu den ältesten noch betriebenen Clubs. Während die US-Armee in Berlin stationiert war, war er ein Airmen- und Offiziersclub der Airforce. Im „NCO Club SilverWings“, spielten Rock ’n’Roll-, Soul- und Country-Legenden (u. a. Johnny Cash) und es gab Cheeseburger mit French Fries. Auf diese Weise holten die amerikanischen G.I.s ihren heimatlichen Lifestyle nach Berlin (…)“

16. Oktober 2019

Bloggen

„(…) Dann sitze ich daheim und warte auf eine Antwort hier oder bei ihr drüben, die nie lange auf sich warten lässt. Das ist ein bisschen wie zeitverzögertes Telefonieren, bei dem wir öffentlich abgehört werden.“

Zitat aus einem schönen Blogeintrag. Mit „ihr drüben“ bin ich gemeint. Ich kann den Eintrag ja nur schön finden, da es so ziemlich das Ausgiebigste ist, was eine Blogger-Freundin mir je öffentlich schriftlich zuteil werden ließ. Das allererfreundlichste noch dazu. Diese von ihr erwähnten, nicht selten bekenntnisreichen Unterhaltungen über ein Kommentarfeld unter einem Blogeintrag spielen sich zwischen München (und manchmal auch anderen Metropolen) und Berlin ab. Weil man realistischerweise davon ausgeht, ausgehen kann, dass sich im Bekannten- und Freundeskreis kaum einer die Mühe macht, die Kommentare unter unseren Einträgen analytisch zu verfolgen.

Mit „Kommentare“ ist nicht die eine oder andere Anmerkung in Facebook gemeint, sondern in unseren altmodischen Blogs. Da kann man sich dann mal so richtig aussprechen. Dass mitunter private Sachverhalte dort öffentlich zugänglich verhandelt werden, liegt an dem Wohnzimmergefühl und weil man auch nichts dagegen hätte, wenn sich andere, den Angelegenheiten quasi „neutral“ aber doch mifühlend gegenüber stehende Leser gedanklich und gerne auch kommentierend einbringen würden. Es machen aber so gut wie nie andere Leser, was auch zu diesem Gefühl beiträgt, dass man sich in einem versteckten, schummrigen Séparée befindet, aber sicher nicht bloß- oder in Frage gestellt.

Es gibt doch sehr verschiedene Leser- und Freundeskreise bei unseren Blogs und bei Facebook. Wenn man sich über viele Jahre gegenseitig liest, weiß man eine ganze Menge über seine Bloggerfreundinnen. Und weiß auch zwischen den Zeilen zu lesen. Ich möchte unsere geflüsterten Gedanken im Séparée keinesfalls missen. Es handelt sich nicht um weinerliche Kummerkastenkonversation, sondern hochgradig welthaltige Angelegenheiten und Erkenntnisse, die sich aus urpersönlichem Erleben und Beobachten gedanklich dynamisch entwickeln und gratis allen als Lektüre zur Verfügung stehen. Wer suchet, der findet. Ich mache ja seit 2018 doppelte Buchführung auf gaga.twoday.net und gaganielsen.com. Man muss immer auf die Überschrift klicken, um das Kommentarfeld und die bereits vorhandenen Kommentare zu sehen. Ich schreibe immer noch den initialen Eintrag auf twoday und copypaste dann zu wordpress. Und zuletzt kopiere ich denselben Text in ein facebook-Statusmeldung-Fenster, wo dann aber nicht alle eingebauten Fotos sichtbar sind, das geht nur in Blogs, zumindest in der von mir gewünschten ästhetischen Form.

Ich lade alle herzlich ein, auch wenn es noch nie geschehen ist, unter den Blogeinträgen (alten, neuen, uralten) auf gaga.twoday.net oder gagnielsen.com zu kommentieren, das geht sogar auch anonym, die Möglichkeiten sind vielfältig. Auf meinen beiden Blogs sind alle Einträge und Kommentare bis zum Ende meiner Tage sichtbar. Bei Facebook setze ich immer nur ein paar ganz aktuelle auf sichtbar.

Das war jetzt viel Hintergrundinformation zu später Stunde. Kann ja nicht schaden – und falls zu langatmig: im Zweifel liest eh keiner so lange Einträge zu Ende und ist schon längst weg, um das nächste Pizzafoto zu liken. Dann aber bitte nicht demnächst beschweren, dass ich bei nächster privater Begegnung keine Lust habe, alles noch mal live nachzuerzählen, was ich schon detailliert geschrieben habe.

Ich finde nicht, dass enge Freunde beanspruchen können, eine Live-Nacherzählung von dem zu erhalten, was ich bereits detailverliebt gebloggt habe. Freunde können anderes von mir erwarten. Zum Beispiel Gespräche unter vier Augen, in denen ich Sachen offenbare, die ich noch nicht mal in dieses erwähnte öffentliche Kommentarfeld zwischen München und Berlin schreibe. Und das ist ganz schön viel und superexclusiv.

P.S.
das Foto da oben ist vom 1. Februar 2004, mit einer analogen Kamera mit einem batteriebetriebenen ferngesteuerten Selbstauslöser fotografiert. So machte man das damals. Ich sitze vor meinem allerersten Notebook, einem Sony Vaio, das Bild ist fünfzehn Tage vor meinem ersten Blogeintrag gemacht. Das alte Notebook steht jetzt in meinem Atelier, es funktioniert immer noch, aber dient mir jetzt mit einem kleinen Lautsprecher aufgerüstet, als Jukebox für meine Lieblingsmusik. Diesen Eintrag gerade schreibe ich von genau demselben Ort, auf einem großen Bodenkissen, mit meinem mittlerweile dritten Notebook. Ich habe immer sehr gute Geräte gekauft, alle funktionieren noch.

15. Oktober 2019

requiem
1:12:16

~

‘The songs on the first album are the children. The songs on the second album are their parents. Ghosteen is a migrating spirit.’ Nick Cave

Das Requiem, liturgisch Missa pro defunctis „Messe für die Verstorbenen“, auch Sterbeamt, ist die heilige Messe für Verstorbene. Der Begriff bezeichnet sowohl die Liturgie der heiligen Messe bei der Begräbnisfeier der katholischen Kirche als auch kirchenmusikalische Kompositionen für das Totengedenken. Er leitet sich vom Incipit des Introitus Requiem aeternam dona eis, Domine „Ewige Ruhe schenke ihnen, o Herr“ ab. Wikipedia

14. Oktober 2019 (ein mir gewidmeter Eintrag)

Der Countdown läuft. Im Zuge der 5000 habe ich bereits ein bisschen über meine Gäste (Kommentierende) geschrieben. Heute und über die nächsten 38 Tage möchte ich ein paar hervorheben und – natürlich sehr subjektiv – erklären, wieso ich bei ihnen ebenfalls gerne zu Gast bin. Das hat übrigens durchaus Potenzial für ein sogenanntes Bloggerstöckchen.

Gaga ist nicht nur eine hervorragende Fotografin, sie versteht es auch wie keine andere, sich selbst mit Wort & Bild in Szene zu setzen. Doch der virtuelle Eindruck täuscht. Sie ist keine Egozentrikerin, keine Selbstdarstellerin im herkömmlichen Sinne. Gaga drückt einfach nur aus, was sie denkt und fühlt. In echt wirkt sie zurückhaltend, fast ein wenig schüchtern und beherrscht die hohe Kunst der Hintergrunddominanz – eine Fertigkeit, die guten Fotografierenden gemein ist.

So Gaga wie ihr Name prophezeit, ist sie gar nicht. Ab und zu macht sie lustige Sachen, wie beispielsweise Stummfilme drehen oder in einer Radiosendung auftreten, Literarisches vortragen oder MRT Selfies veröffentlichen. Sie hat – wie ich – einen Faible für Grande Dames. So ehrte Sie Brigitte Bardot zu deren Geburtstag oder schrieb über Hildegard Knef und die, die sie persönlich kennengelernt hat. Es gibt aber auch andere Serien, in denen sie nur über alltägliche Begebenheiten schreibt – so im Goldenen Notizbuch.

Ich schätze die offene und ehrliche Weise in der sie schreibt. Manchmal entstehen daraus längere Unterhaltungen, in denen wir meist stark vom Thema abschweifen. Dann sitze ich daheim und warte auf eine Antwort hier oder bei ihr drüben, die nie lange auf sich warten lässt. Das ist ein bisschen wie zeitverzögertes Telefonieren, bei dem wir öffentlich abgehört werden, weil sich nie jemand anderer beteiligt. Und manchmal denke ich, wir sollten wirklich richtig miteinander sprechen, denn ich mag auch ihre dunkle, warme Stimme.

Seit gestern weiß ich nicht, ob da ein naher Verwandter gestorben ist oder die Ankündigung von Nick Caves Requiem nur dem Künstler huldigt. Ich möchte ungern stören, zumal ich keine Kontaktdaten mehr habe. Irgendwann werden wir aber unsere Unterhaltung fortsetzen, da bin ich sicher.

tbc.

https://smartass.blogger.de/stories/2739770

und mein Kommentar darunter:

gaga, 16. Oktober 2019, 20:06
...ich will doch gar nicht immer zuerst kommentieren – – – aber deine letzten Gedanken muss ich ganz schnell aufklären, der Hinweis zu Nick Caves Meisterwerk, diesem Requiem für seinen Sohn – ich fühle tief mit ihm. Mir ist seit 2014 (als mein Neffe in einem Fluß ertrank) kein ganz eng familiär nahestehender Mensch mehr gestorben.

Mich hat dieses Requiem so sehr ergriffen, mir fehlen die Worte. Wenn man nahestehende Menschen zu betrauern hat, trauert man auch noch Jahre und Jahrzehnte danach. Ich musste weinen, als ich es hörte. Diese Musik ist so tief ergreifend und ewig, ich kann es nur ans Herz legen.

Und deine vorangehenden Worte ergreifen mich auch sehr. Ich habe mich von dir immer verstanden und gesehen gefühlt. Sehr gewürdigt. Denn Würdigung ist in dieser virtuellen Dimension ein verständiger Kommentar, unendlich mehr wert, als ein hastiger Like-Klick. Dafür danke ich dir sehr. Ich hoffe, denke, du weißt, dass ich nie aus Höflichkeit oder Opportunismus irgendwo kommentiere (tatsächlich genießt du eine exclusive Dichte, ich kommentiere insgesamt sehr wenig). Die Kommentare bei dir werden deshalb oft länger, weil ich vorher viel nachgedacht habe, oder währenddessen…. und so geht es dir vielleicht auch bei mir. Ich bin total gerührt über deinen Eintrag, weil er mir ungefähr so viel bedeutet, wie irgendwelche Blogger-Awards, für die ich nie in Betracht gezogen wurde, in den vielen Jahren des Schreibens. Und du glaube ich auch nicht. Aber wir schreiben ja auch nicht für einen Award, sondern weil wir es dringend brauchen, auf diesem Weg die Gefühle und Gedanken ein wenig zu ordnen.

Ich stoße jetzt in Gedanken mit dir an. Auf all das geschriebene Herzblut, das vergangene und das kommende.

13. Oktober 2019

Wie ist die Halbwertzeit von Fotografien? Ein Tag, zwei, eine Woche? Kann man noch Bilder posten, die gut zwei Jahre zurückdatieren, oder ist das irrelevant, weil nicht nah genug an der Gegenwart? Was immer geht, sind richtig alte Fotografien aus der vordigitalen Ära, nostalgische Gefühle werden ausgelöst, man ruft die eigenen halb verblichenen, verfärbten Bilder seiner Kindheit und Jugend ab. Aber digitale Aufnahmen von vor ein paar Jahren? Das eine oder andere Highlight wird vielleicht genauso gewürdigt wie ein besonderes aktuelles Bild, aber eine ganze Reihe? Das sieht sich doch keiner an, es sei denn man ist eine Ikone von Weltrang, oder? Auf dem Rechner, der meine Fotografien beherbergt, die ich nie veröffentlicht habe, sind noch ein paar Reihen, wie diese hier.

Ich habe tatsächlich Bildstrecken nach hinten geschoben, die mir eigentlich etwas bedeuten, aber vielleicht kaum jemandem sonst, um Aufnahmen den Vorzug zu geben, die Freunden etwas bedeuten. Eine der hinten runtergekippten Strecken ist zum Beispiel diese hier von meinem Geburtstag vor zwei Jahren, an dem die Ausstellungseröffnung in Soeht 7 war, an der ich beteiligt war. Ich fand es so unendlich schade, dass ich am Abend der Eröffnung nicht die Zeit fand, all die Gäste, über die ich mich sehr freute, zu fotografieren. Man hat anhand der Bilder den Eindruck, dass kaum jemand da war, dabei wirbelte ich die ganze Zeit auf dem Lichthof und zwischen den Zellen und Besuchern und Gratulanten herum, freute mich über Blumen und liebe Besucher, die ich seit langem persönlich kenne, saß vor den laufenden Bildern in der großen Zelle und erzählte Hintergrundgeschichten zu hunderten Bildern, die abliefen, vor allem Schwarzweiß-Portraits, teilweise von bekannten Menschen. Ich hatte großes Vergnügen, von den Begegnungen zu erzählen, dabei lief Musik, meine Lieblingsplaylist.

Oben im Kuppelsaal wurde zu Beginn eine Ansprache von Jan, der mich mit ins Boot geholt hatte, gehalten und ich sagte auch ein paar Worte. Davon gibt es leider keine Bilder. Die Stunden vor der Eröffnung waren von Eile und Hektik geprägt, ich machte eine wichtige Erfahrung, nämlich, dass man wenigstens einen Tag vorher eine Generalprobe machen sollte, mit dem kompletten Setting aller Exponate, um dann ausgeruht und entspannt die Gäste zu begrüßen, sich ihnen in aller Ruhe zu widmen. Ich kam dann aber doch langsam runter, als es schon lief. Einige Besucher aus der Berliner Galeristen- und Kuratorenszene gaben mir damals ein Feedback, das mich besonders freute, weil sie mir nicht aus freundschaftlicher Verbundenheit nette Worte zukommen lließen, sondern aus professioneller Sicht. Ich kann das hier nicht wiedergeben, obwohl ich es genau erinnere, weil es teilweise mit Vergleichen zu tun hatte. Ich kam dabei sehr gut weg.

Der damalige Hausherr Jochen Hahn, damaliger künstlerischer Leiter von Soeht 7, hatte im Vorfeld Gelegenheit, sich virtuell ein Bild von meinen Exponaten zu machen, aber er hatte wohl nur durchgezappt, und stand nun vor mir und berichtete mir mit Staunen im Gesicht, dass das ja richtig, richtig gut sei, was ich da aufgebaut hatte. Ich fand es selber ja auch. Ich weiß schon, wann etwas gut ist, sei es bei anderen oder mein eigenes Zeug. Sehr schön war auch, mit einer arrivierten Fotografin vor den laufenden Bildern zu sitzen und ihre sehr aufmerksamen, differenzierten Kommentare zu hören. Das war ein Geschenk für mich. Aber auch die Rosen von Lydia und Modeste in Begleitung von Wortschnittchen Stefanie, die Wiesenblumen von Jenny und Fabian, die guten Flaschen und schönen Kleinigkeiten von Anne und Ilka und Max. Dass Imke vom anderen Ende der Stadt da war, und auch Michaela und Evelyn, Ina eh. Und Cosmic. Und last but not least Alban. Für die mir liebsten Menschen hatte ich ein paar Flaschen Champagner auf Eis unter meinem Tisch mit dem Notebook in der großen Zelle gebunkert. Es war eine gute Erfahrung, dieser erste von drei Tagen Ausstellung im alten Frauenknast von Lichterfelde. Die paar Reibereien im Vorfeld mit meinem künstlerischen Zellennachbarn waren vergessen. Ich fiel zufrieden ins Bett, nach diesem ersten September 2017.

12. Oktober 2019

In Gedenken an Irina Rosanowski. 13. Juni 1981 – 12. Oktober 2018. Ein gemeinsames Bild vom 26. Mai 2013, aufgenommen in der Galerie Carpentier. Wir steckten immer schnell die Köpfe zusammen, wenn wir uns trafen. Unterhaltungen mit Irina waren tiefgründig und amüsant zugleich. Ernsthaft und albern, melancholisch und heiter. Praktisch und absurd. Es gibt solche Menschen. Aber nicht viele. Schon deshalb fehlt sie jedem, der sie gekannt hat. Ich sende einen Gruß nach oben, in deinen Himmel. Rauche keine Zigarette, gebe dir aber gerne in Gedanken Feuer.

10. Oktober 2019

„On ne juge pas du mérite d’un homme par ses grandes qualités, mais par l’usage qu’il en sait faire.“

François de La Rochefoucauld
Les réflexions ou sentences et maximes morales (1665)

[Man sollte einen Menschen nicht nach seinen Vorzügen beurteilen, sondern danach, wie er sie benutzt.]

10. Oktober 2019

Ich muss allen meine Lieblings-Fernsehdokumentation ans Herz legen, die vierzigteilige Serie „Berlin, Schicksalsjahre einer Stadt“, beginnend mit 1961, endend mit dem Jahr 1999. https://www.rbb-online.de/berlin-schicksalsjahre So schön und bewegend. Es werden jeweils die Highlights aus Ost- und Westberlin eines jeden Jahres chronologisch mit altem Archiv-Material und Zeitzeugen-Interviews mit prominenten und unbekannten Berlinern, liebevoll zusammengeschnitten, gezeigt. Mir geht bei jeder Folge das Herz auf, ich liebe diese Stadt sehr. Wenn ich schreibe ‚diese‘ ist das im Grunde unangemessen distanziert. Meine. Mein Berlin.

Am kommenden Samstag ist das Jahr 1986 dran, für mich besonders aufregend, weil es das Jahr ist, in dem ich nach Berlin zog, am zweiten April. Ich fühlte mich wie neugeboren, mochte sofort alles, so wie man frisch verliebt unbedingt alles an seinem Liebsten gut findet, gut finden will, sich allem hingibt, ohne ein Haar in der Suppe zu suchen. Hat sich bis heute nicht verändert. Ich bin ein sehr treues Wesen. Ich freue mich sogar, den mittlerweile 77-jährigen Eberhard Diepgen in den Folgen über die Achtziger Jahre wiederzusehen, der damals Regierender war. „Ebi“ gehörte zu meinem zu entdeckenden Abenteuerspielplatz wie die Berliner Abendschau. Irgendwie mochte ich ihn, obwohl er in der falschen Partei war. Heute kann ich das ja zugeben. Ich habe damals immer grün gewählt, aber ich konnte schon immer Sympathien für einzelne Politiker von Parteien entwickeln, deren Programm mich insgesamt eher befremdete. Ich mochte zum Beispiel auch Norbert Blüm und Heiner Geißler. Wie auch immer – diese gigantische Doku ist ein wahrer Schatz, den ich nur allen, die Dokumentationen und vor allem Berlin lieben, ans Herz legen kann. Und sie ist komplett mit allen Folgen in der Mediathek vom rbb verfügbar. Meine Empfehlung für herzerwärmende Herbstabende im heimischen Wohnzimmer vor dem Fernseher.

05. Oktober 2019

Lese gerade auf gmx einen Artikel über die „Mittelmeerkost“, die als gesund angepriesen wird, was bestimmt nicht völlig verkehrt ist, folgendes ist dort zu lesen:

„Charakteristisch für die traditionelle Mittelmeerküche sind mediterranes Gemüse wie Tomate, Paprika, Zucchini oder Aubergine, Fisch und Olivenöl sowie Hülsenfrüchte und Obst.“

Ja, o.k. Aber dann lese ich:

„Ergänzt werden die Gerichte durch Vollkorn- und Milchprodukte. Statt ungesundem Salz werden frische Kräuter verwendet.“

Ich kann mich beim besten Willen nicht entsinnen, jemals beim Italiener, Spanier, Griechen oder Portugiesen ein Gericht mit „Vollkorn“ und ohne „ungesundes Salz“ gegessen zu haben. Durch die Bank backen die Mittelmeerländer Weißbrot, auch in Südfrankreich gibt es traditionelles helles Baguette, dann dieses (für mich) sehr langweilige Ciabatta bei den Italienern, wüsste nicht, dass sich das geändert hätte. Von wegen mediterrane Küche ohne Salz, das ist ja der allergrößte Unsinn. Ich esse seit Gedenken immer sehr gut gesalzene (und gepfefferte) Gerichte. Ich gebe sogar beim Kaffeekochen eine Prise Salz hinzu, was auch der eine oder andere „mediterrane“ Kaffeekoch praktiziert, da es sich sehr schön auf das Aroma auswirkt. Mein massiver Salzkonsum hat sich bis jetzt noch nicht nachteilig auf meine Verfassung ausgewirkt, laut der Charité-Studie sind meine Gefäße zehn Jahre jünger als es meinem biologischen Alter entspricht. Wüsste nicht, durch welches Kraut man Salz angemessen ersetzen kann. Ich liebe es mit Kräutern zu kochen, aber hatte noch nie den Eindruck, dass sich Salz geschmacklich durch Zusatz von Basilikum oder dergleichen erübrigt hätte. Also nicht alles glauben, was auf gmx und web.de an Unsinn verbreitet wird!

03. Oktober 2019

Gerade große Rührung und Aufregung in meiner engeren Familie. Ein Stück Familiengeschichte ist verfilmt worden, vom ZDF, vorgestern Erstausstrahlung auf 3Sat. „Der Doppelgänger von Ostberlin“. Der Film handelt von der ungewöhnlichen Flucht des Ostberliners Michael Schneider mit dem Pass eines Dänen. Es gab in den letzten Tagen mehrere Zeitungsartikel zu dieser Doku, im Berliner Fenster in der U-Bahn sah ich heute einen Teaser für diesen Beitrag in der B.Z. dazu.

Radio Eins hat ein Interview mit der Regisseurin gebracht, das kann man hier nachhören. Darin verrät sie auch etwas sehr Persönliches der Beteiligten. Nämlich, dass die unmittelbar Betroffenen, die Eltern und Michael vor den Interviews für die Doku nie mehr über das Thema gesprochen haben. Es hat bestimmt viel aufgewühlt, aber auch viel geheilt.

Das Thema ist natürlich eine Punktlandung zum Tag der deutschen Einheit und zum dreißigsten Jubiläum des Mauerfalls, aber es ist auch eine besondere Geschichte, die ich schon lange kenne, nämlich seit sie passiert ist, seit 1988. Der geflüchtete Michael ist mein Großneffe (obwohl er nur drei Jahre jünger ist als ich), der Enkel der Cousine meines Vaters. Da der Kontakt trotz der Mauer nie abgebrochen ist, und im Rahmen der Möglichkeiten intensiv gepflegt wurde, waren wir immer sehr gut auf dem Laufenden. Man hörte immer wieder Geschichten von Michaels Vater Wolfgang, der bis zu dessen Ausreise Ende der Siebziger mit Manfred Krug im Studio und auf den Bühnen der DDR aber auch international unterwegs war, man traf sich auch privat, und meine Familie hörte permanent von der beständigen Überwachung. Vor allem meine Tante Anna schickte sehr regelmäßig Westpakte zu ihrer Cousine Anna, der Oma von Michael, nach Ostberlin in die Ho-Chi-Minh-Straße (heute Weißenseer Weg), wo sie damals wohnte. Wir bekamen auch Päckchen im Gegenzug, wo dann liebevoll verpackt, Gesticktes und Geschnitztes aus dem Erzgebirge übersendet wurde und feine Karlsbader Oblaten, besonders zu Weihnachten.

Als Michael im März 1988 mit dem abgeluchsten Pass des Dänen rübergemacht hatte, war nichts mehr anderes Gespräch zwischen den Familienangehörigen in Ost und West. Viel konnte auch schon durch unsere familiäre Hauptinformantin, Michaels Oma kommuniziert werden, da sie bereits im Rentenalter war und in den Westen reisen durfte, wo sie dann meine Eltern besuchte. Am Telefon mit ferneren Verwandten andeutungsweise darüber zu sprechen war 1988 dann vermutlich auch schon egal, weil ja eh abgehört wurde und die Familie in Ostberlin sowieso nichts zu verbergen hatte, da gab es keinerlei Fluchtpläne. Sie wussten es wirklich nicht vorher, nur dass Michael immer schon die Welt sehen wollte, von der ihm sein Vater so viel erzählt hatte, wenn er von den Auslandsgastspielen und Jazzfestivals in aller Welt zurück kam.

Als seine Flucht geglückt war, begann er sehr bald sehr viel durch Europa zu reisen und ich erinnere mich an Fotos, die er seiner Familie vor allem aus Südfrankreich geschickt hatte, wo er sich die mondänen Ferienorte der Côte d’Azur einen nach dem anderen anschaute, und überhaupt alles. Auf einem Bild lehnte er an einem glamourösen Auto in Cannes oder Monte Carlo, einem Bentley oder Rolls Royce oder Jaguar, das weiß ich nicht mehr so genau, als wäre es seines. Ein Jahr nach seiner Flucht war ich zu Besuch bei seinen Eltern in Treptow, in der Wohnung, wo auch sein Zimmer bis zur Flucht war. Eine schöne, moderne Neubauwohnung mit einer Durchreiche von der Küche ins Wohnzimmer. Michaels Oma und Mama (die auch im Film zu sehen ist) zeigten mir Ostberlin, vor allem Mitte. Nie hätte ich im Juni 1989 gedacht, dass ich dort selbst einmal leben würde, sogar die bislang längste Spanne meines Lebens an ein- und demselben Ort.

Der Film ist sehr spannend aufgebaut, man zittert direkt mit, wenn die Szene am Grenzübergang Friedrichstr. mit dem falschen Pass minutiös nacherzählt wird, obwohl man doch weiß, dass es gut ausgegangen ist. Dass sich der Däne und Michael nun im Zuge dieser Dreharbeiten das erste mal im Leben begegnet sind, und sich gleich so nah waren, hat mich auch sehr gerührt. Diese Geschichte bringt nicht nur Michael und seine Eltern nach all der Zeit noch einmal zum Weinen, meine Eltern und meine Tante, die Michaels Familie als West-Verwandtschaft am nächsten waren, haben auch feuchte Augen. Diese Doku ist aber nicht nur spannend, wenn man einen familiären Bezug dazu hat, sie vermag wohl jeden mit einem Herz für Freiheit zu bewegen.

Hier noch ein paar Berichte dazu, im Berliner Kurier, im Stern, TV Spielfilm und auch Bild. Der Film ist bis 31.10.19 in der Mediathek von 3Sat, und wird am Sa, 5. Oktober um 19:15 und am 06.10. um 0:45 Uhr auf ZDFinfo ausgestrahlt.

1. Oktober 2019

Ich möchte noch ein paar Souvenirs von meinem Ganzkörper-MRT zeigen. Es wurden nicht alle Körperteile aufgezeichnet, der Schwerpunkt lag im Herzbereich, beim Gehirn, der Wirbelsäule und den inneren Organen. Es sind ein paar ganz schöne Aufnahmen dabei. Die beide ovalen Abbildungen zeigen die stufenweise Annäherung an die Gehirnhälften von oben, je mehr die Magnetwellen die Materie durchdringen, umso mehr wird von den tieferen Schichten zur Ansicht freigegeben. Das ist jetzt laienhaft von mir übersetzt. Ich habe noch viel mehr Bilder von diesen Bereichen auf der CD und die Möglichkeit, diese Durchdringung im Zeitraffer wie einen Film anzuschauen. Die Aufnahme der Wirbelsäule mit den vielen Bandscheiben und dem außerirdisch anmutenden Kopf, kommt wir vor wie eine Figur aus der Requisitenkammer eines Science Fiction Films mit größerem Budget. Die Aufnahme ist natürlich im Liegen gemacht, aber auf der CD ist sie auch senkrecht justiert, wirkt auch beeindruckender. Das, was aussieht wie eine Scheibe von einer französischen Gänseleber-Pastete im Teigmantel mit eingearbeiteten Trüffeln und so weiter sind meine Eingeweide im Querschnitt des unteren Torsos. Die Nieren kann man noch am besten erkennen. Das letzte Bild, ganz unten, mit dieser art déco-haften ornamentalen Anmutung, ist auf dem Weg durch den Brustkorb zum Herzen entstanden. Diese Bilder wollte ich nicht vorenthalten. Das war es jetzt für die nächsten Jahre mit Ansichten meines physischen Innenlebens. Schon alles sehr schön. Aber selbst der beste Magnetom kann nicht zeigen, wen man im Herzen trägt, wer in einer der Herzkammern wohnt oder gewohnt hat, und wieder ausgezogen ist, Spuren hinterlassen hat, Und das ist gut so.

19-09-30 MRT (1)

01. Oktober 2019

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Groß- und Kleinhirn von Gaga Nielsen. Man könnte denken, ich bin eine Afrikanerin, mit so einer superkurzen Lockenfrisur. Die Haare sind nie drauf, auf den MRT-Bildern. Das Kleinhirn ist die ganz kleine Nuss innerhalb-unterhalb der großen Walnuss. Aufgezeichnet am 30. September 2019, 15:51 Uhr, Magnetom Berlin Ultrahigh Field Facility, Campus Buch. Untersuchung der Charité für eine Langzeitstudie im Auftrag der Bundesregierung. Ich schreibe das lieber jedesmal dazu, damit flüchtige Leser/innen nicht denken, ich hätte eine schlimme Krankheit und müsste deswegen in die Röhre. Ich mache das freiwillig und ehrenamtlich. Ich bin sehr fasziniert von Untersuchungen unter Hinzuziehung aufregender High End-Technologien. Mir gefallen sogar die ganzen Geräusche, die dieser Magnetom macht. An manchen Stellen hört es sich sogar an wie eine Kirchenorgel. Mysteriöse Symphonie aus dem All. Man würde sich auch nicht wundern, wenn man mit dem ganzen Apparat in die Umlaufbahn katapultiert würde.

01. Oktober 2019

Meine Herzkammern am 30. September 2019, 15:48 Uhr, Kernspintomographie Magnetom Berlin Ultrahigh Field Facility, i. A. des Forschungszentrums der Charité. (Bildvermerk: 6 heartbeats)