Morgen ist ein Feiertag. Hatte ich wieder vergessen – und mir zwei Äpfel für mein Obstschälchen auf dem Schreibtisch eingesteckt, einen für heute, einen für morgen – bis jemand jemandem ein schönes langes Wochenende gewünscht hat. Im Schälchen sind jetzt drei Äpfel und eine Mandarine. In der Gemeinschaftsküche noch eine Paprika eine Tomate, eine Gurke, zwei Zitronen, rote Weintrauben und Ingwer. Nehme ich nachher alles mit, wenn es sonst keiner macht. Opfere mich gerne. Soll nicht schlecht werden.
Draußen ist herrliches Wetter. Gerade im Freien, mit Blick zur Sonne zu Mittag gegessen, gab Kabeljau mit Kartoffeln und buntem Salat. Dazu eine Fritz Cola superzero. Die bevorzuge ich eigentlich nicht, weil teurer als die Vita Cola ohne Zucker und weil sie auch nicht besser schmeckt. Ich mag die Vita Cola sehr gerne, die ist ein bisschen zitroniger, aber die war alle.
Meine Lieblings-Servicedame wollte mir ein Dessert schenken, aber da mir die andere auch sehr nette Mitarbeiterin schon eine doppelte Portion Kabeljau und Kartoffeln auf den Teller gepackt hat, hätte ich das Dessert einfach nicht mehr geschafft. Ich kämpfte zuletzt ein wenig mit dem letzten Stückchen Fisch, aber dann hab ich mich zusammengerissen, extra langsam gekaut und gedacht, das wäre doch lächerlich, wenn das nicht noch reinpasst.
Nebenher habe ich noch ein paar Absätze in einem schmalen Büchlein gelesen, das mich seit drei Tagen unterwegs begleitet, nämlich: „Betreff: Einladung zu einer Kreuzfahrt“ von meinem alten Kumpel Bodo Kirchhoff. Gibt ein paar launige Passagen. Die unverblümten sind mir immer die liebsten von ihm.
Draußen habe ich mit dem Tablett mit dem Essen auf einem gemauerten Absatz einen Platz in der Sonne gefunden, weil noch keine Stühle draußen standen. Auf das Mäuerchen habe ich einen Stoff-Einkaufsbeutel gelegt, damit es nicht so kalt am Popo ist.
Schade, dass das Dessert nicht mehr reingepasst hat, da gab es ein Glas mit rosa Joghurt oder Quarkspeise und oben drauf noch eine Schicht Rote Grütze. Genau meins.
Am Wochenende ist wieder Gallery Weekend in Berlin und mehr als sonstwo, geradezu exzessiv in meiner Ecke. Kann sein, dass ich heute Abend vielleicht bei einer Eröffnung am Gipsdreieck vorbeigucke, ist noch unsicher. Aber so Gallery Hopping von einer Galerie zur anderen, die ganze August- und Linienstraße entlang, ist mir zu stressig. Auch wenn da mitunter tolle Sachen zu sehen sind.
Wenn mittelmäßiges Zeugs präsentiert wird, ärgere ich mich immer ein bisschen und denke dann insgeheim Sachen wie „Much Ado About Nothing, was für eine prätentiöse Scheiße!“ Aber auf der anderen Seite gräme ich mich dann über mich selber, dass ich nicht der Typ für aufdringlich marktschreierische Selbstvermarktung bin. Und Klinkenputzen schon dreimal nicht. Daran haperts bei mir.
Habe gerade den Abschiedsbrief von Jonathan Meese an seine vor einer Woche verstorbene, sehr verehrte Frau Mutter gelesen. Außerdem war gerade der Bezirksschornsteinfeger von Mitte da und hat einen Rauchmelder ausgewechselt, der seit ein paar Wochen nervig in circa 20-Stunden-Abständen zweimal gepiepst hat. Der Schornsteinfeger war in voller Montur mit schwarzer Kluft mit goldenen Messingknöpfen und hohem, schwarzem Zylinder. Ich hab ihn aber nicht angefasst – auch nicht danach gefragt. Gestern hab ich gehört, dass manche den Schornsteinfeger nicht anfassen oder am goldenen Knopf reiben, sondern ihn kneifen! Das täte ich mich ja noch viel weniger trauen. Ganz schön kess. Ist das vielleicht eine regionale Spezialität im Hohen Norden, in Schleswig-Holstein und Hamburg? Beim Googeln hab ich gar nichts darüber gefunden, nur, dass manche Glücksritter dem Feger mitunter ihren ausgefüllten Lottoschein zum Betatschen hinhalten.
P.S. jetzt mit Bild, gemalt 1970 oder 1971 (war ich fünf oder sechs)
Eigentlich möchte ich gar nicht weiter erklären, wie die Gärten zweitausendachtzehn zu diesem disneyhaften Namen gekommen sind. So kann man sich einfach vorstellen, dass Königin Luise von Preußen als Kronprinzessin dort gewandelt ist (…eher unwahrscheinlich). Aber indirekt gibt es doch eine Verbindung. Es gibt in Kreuzberg eine Prinzessinnenstraße und die erhielt ihren Namen am 3. Januar 1855 zu Ehren der Prinzessinnen aus dem Hause Hohenzollern. In jener Straße, in der ich übrigens im Sommer 1986 für drei Monate in der Hausnummer 1 – 3 wohnte, wurde ein hippiehaftes, gemeinnütziges Gartenkollektiv begründet, das mit den Prinzessinnengärten in der Herrmannstraße, auf dem ehemaligen Gelände des Alten St. Jacobi Friedhofs einen riesengroßen Ableger bekommen hat. Jetzt habe ich den Prinzessinnen-Namen doch erklärt. Dort gibt es nur noch circa fünfhundert alte Gräber, die nicht verlängert werden können, wenn sie bald auslaufen. Neue Bestattungen finden dort seit vielen Jahren nicht mehr statt. Das junge, blühende Leben hat Einzug gehalten. Im vorderen Bereich ist ein Gartencafé und im Sommer gibt es dort Open air-Kinovorstellungen. Ganz hinten, Richtung Tempelhofer Feld, beginnen dann die Gemüsegärtlein und Hochbeete mit pittoresken Gartenmöbeln, dazwischen Skulpturen. Die Magnolie ist recht nah vorne beim Café, abseits vom Weg.
„Ich glaube, ich habe Ihnen nie gesagt, warum ich Sie gerne und nicht nur für Stunden, sondern oft sehen möchte. Weil ich mir nämlich einbilde, dass wir über alles reden sollten, worüber man sonst wenig Lust hat, noch mit irgendjemand zu reden, und dass es einen Sinn hätte. Ich möchte mit Ihnen sogar über das Schreiben, über Gedichte und wie alles veränderbar wäre, reden, und was zu tun ist und warum, ohne Plan und erstarrte Ansicht. Auch streiten möchte ich mit Ihnen, damit man noch einmal etwas herausfindet und nicht, damit man recht behält, und man könnte an allen Enden anfangen und doch kein Ende finden.“
Ingeborg Bachmann an Hans M. Enzensberger, „schreib alles was wahr ist auf“, S. 39
Karo-Kessler. Es wächst sich zur Marotte aus mit jenen Mützen.
Es folgt die Beschreibung des gestrigen Abends, Untertitel „Ausgehen ohne Smartphone“. Fotos mit der Barbie-Kessler-Mütze, gestern, 17.43 Uhr, kurz vor dem Losgehen. Ich machte auf dem Weg zur U-Bahn einen Schlenker in die Gormannstraße zu Sevenstar. Um 17.55 Uhr war ich da, um kurz Hallo zu sagen.
Gegen 18.03 Uhr brach ich wieder auf, die Gormannstraße entlang Richtung U-Bahn Weinmeisterstraße. Sechs Minuten Warten auf dem Bahnsteig, um 18.12 Uhr kam die U8 zum Alex, eine Halte. 18.14 Uhr raus, ich musste umsteigen in die U2 Richtung Ruhleben.
Es ist ein ziemlich langer Weg vom Bahnsteig der U8 zum Bahnsteig der U2. Man läuft und läuft und läuft. Kennt man ja. Aber diesmal trippelte ich etwas, immer mit Bedacht, mir das Ungewohnte nicht anmerken zu lassen, die Stiefeletten mit den höheren Absätzen machten sich bemerkbar. Ein anderes Laufen.
Dann, am Bahnsteig der U2, ca. um 18.20 Uhr sondierte ich die Fahrtrichtung, suchte nach der Anzeige „Ruhleben“. Das stand da aber nicht. Ich las evt. Theodor-Heuss-Platz oder eine andere Haltestelle, wobei das ja auch die richtige Richtung gewesen wäre und ich es wissen müsste. Dann kam eine U-Bahn, ich war verwirrt und stieg auf der falschen Seite ein, Richtung Pankow, was Unsinn war und ich hätte eigentlich wissen müssen. So weit reichen meine Geographiekenntnisse in Sachen Berliner Bezirke.
Die Tür schloss sich und die nächste Halte war Rosa-Luxemburg-Platz, genau falsche Richtung. Ich noch relativ entspannt, weil ja gut in der Zeit, früher losgegangen, als geplant. Ziel eine Ausstellungseröffnung in Schöneberg in der Potsdamer Str., Nähe U-Bahnhalte Bülowstraße. Davon war ich aber noch sehr weit entfernt.
Ich stieg Rosa-Luxemburg-Platz aus und wollte lässig zum gegenüber liegenden Bahnsteig, um wieder in die richtige Spur, also richtige Fahrtrichtung zur U-Bahn-Halte Bülowstraße zu kommen. Man ahnt schon an der Umständlichkeit meiner Beschreibung des Vorgangs, dass es nicht einfacher wurde.
Ich konnte leider nicht einfach mal rüber zur anderen Fahrtrichtung, weil ausgerechnet am Rosa-Luxemburg-Platz größere Bauarbeiten an dem Schienenstrang und im U-Bahnhof von statten gehen. Ein großer Bauzaun verdeckt die Sicht auf den Bahnsteig, zu dem ich wollte.
Treppe hoch, Ausschau nach einem anderen Zugang gesucht, andere Treppe runter. Wieder war ich auf dem selben Bahnsteig in die falsche Richtung, nach Pankow. Es war ca. 18.20 Uhr. Wieder hoch. Ein Hinweisschild überflogen, irgendwas mit Ersatzverkehr, aber keine richtungsweisenden Pfeile.
Etwas entfernt entdeckte ich eine Bushaltestelle, da standen auch zwei Frauen und warteten und auf einem Fahrplanschild stand „Ersatzverkehr“, die Details las ich leider nicht. Hoffte, das nun da irgendein Ersatzverkehr-Bus käme, checkte die Fahrtrichtung und die Haltestellen, aha, bis Spittelmarkt also. Ok. Dann könnte ich da ja wieder in die U 2 Richtung Bülowstr. So dachte ich.
Und wartete. Und wartete. Und wartete. Inzwischen waren sicher zehn Minuten vergangen, wenn nicht fünfzehn, als ich zweifelte, ob ich hier richtig sei. Kein Bus zu sehen. Näher zum „Ersatzverkehr“-Hinweisschild. Erstmalig die Uhrzeiten gelesen. Den Ersatzverkehr gab es erst ab ca. 22 Uhr. Hier war ich falsch. Wo der Ersatzverkehr für den frühen Abend ist, konnte ich nicht herausfinden.
Die beiden anderen wartenden Damen schienen auf einen anderen Bus zu warten, der vielleicht bald käme und regulär dort abfährt, aber ganz weit östlich fährt, nicht über den Alex, nicht nach Süden. Beim Warten hielt ich schon immer Ausschau nach Taxis, aber alle waren besetzt. Ich drehte mich um und hoffte an einer anderen Ecke weiterzukommen, egal wie.
Ein Taxi kam, das frei war, ich winkte und stieg ein. Auf dem Display im Taxi war es 18.37 Uhr. Ich nannte die Adresse Potsdamer Str. 161 und wir gurkten eine ganze Weile durch Mitte, Absperrung hier, Absperrung da, Baustellen. Ca. 18.47 Uhr waren wir am Potsdamer Platz.
Mir fiel kurz ein, dass ich vielleicht straffer unterwegs gewesen wäre, wenn ich mit der S-Bahn von Oranienburger Str. bis Potsdamer Platz gefahren wäre und von da in die U2, aber dafür war es nun zu spät. Ich war auch nicht mehr gewillt, ein weiteres Stück mit der U-Bahn zu fahren, zumal noch ein Fußweg bis zur Hausnummer 161 in der Potsdamer Str. wartete. Trippel trippel.
Um fünf vor Sieben war ich mit dem Taxi am Ziel und dachte, das ist ja eigentlich genau die Zeit, die ich angekündigt hatte. Nämlich, ich käme zwischen 18.30 und 19 Uhr, „so kurz vor Sieben“ hatte ich Ina und Lydia mitgeteilt. Ina wollte früher kommen, zu 18.30 Uhr circa-ungefähr.
Ich wollte es vor Ort kurz halten, da erfahrungsgemäß schnell erfasst ist, was hängt und nur mal Hallo zu Jan sagen, was im erwartungsgemäßen Trubel auch keine längere Zeit in Anspruch nimmt. Da er dort in einer Gruppenausstellung vertreten war, wollte ich als Geste der Freundschaft und auch Interesse, was andere so treiben, meine Aufwartung machen.
Mit Option zum länger Bleiben, falls sich eine unerwartete Begegnung ergeben sollte, die exorbitant fesselt. Und anschließend zum Berlin Beat Club, im Ballhaus in der Chausseestraße. Jedenfalls Ina hatte auch wieder mal Lust darauf. Lydia wollte zwischen 18.30 und 19.00 Uhr in der Galerie dazustoßen.
Ich stand vor der komplett verschlossenen Galerie, mit mir ein Grüppchen Wartender, die Einlass begehrten. Die Tür war verriegelt. Ich hatte irgendwo gelesen, die Eröffnung begänne um 17 Uhr und war irritiert. Fragen ergab: „Nein, 19 Uhr“. Keine Ina, keine Lydia weit und breit. Auch von Jan nichts zu sehen. Man wartete.
Ich langweilte mich. Niemand da, den ich kannte oder mir interessant genug erschien, um in Kontakt zu treten. Die ganzen Vibrations waren eher unkommunikativ. Man spürt das ja. Ich kam mir wirklich vor wie eine Barbiepuppe in meinem Rosa von Kopf bis Fuß, die sich im Kino in den falschen Saal verirrt hat.
Ein Mann kam mit einem Schlüssel, er wirkte eher wie ein Hausmeister in rustikalen Alltagsklamotten und schloss auf. Drinnen keine wartenden Künstler oder Gäste-willkommen-heißenden Galeristen, nur ein kleiner Tresen, an dem Getränke verkauft wurden. Zwei überschaubare Ausstellungsräume mit vielen kleinen Bildern, eng gehängt, für mich zusammenhanglos, qualitativ sehr unterschiedlich, durchwachsen. Überladene Hängung für mein Auge.
Der vordere Raum roch, als sei ewig nicht mehr durchgelüftet worden. Ich ging aufs Klo links vom Tresen. Es kamen weitere Leute, aber niemand, den ich kannte. Kurz überlegte ich mir ein Getränk zu holen, aber mir verging die Lust, länger zu verweilen und zu warten. Meine Gedanken, wieso weder Ina noch Lydia da waren, gingen in zwei Richtungen.
Entweder waren sie um 18.30 schon vor mir da, erfuhren, dass erst in einer halben Stunde geöffnet wird und suchten sich einen angenehmeren Ort in der Nähe, um die Wartezeit bis dahin zu vertreiben und kämen dann wieder.
Oder es war ihnen etwas Unvorhersehbares dazwischen gekommen, Unwohlsein, ein Haushaltsproblem und ich konnte die eventuelle diesbezügliche Message kurzfristig nicht mehr bekommen, weil ich schon unterwegs war und damit offline. Ohne Smartphone.
Dritte Variante wäre, sie kämen einfach bedeutend später, fragt sich nur wann. Mir gefiel es dort nicht, ich hatte keine Lust eine unwägbare Zeit abzuwarten, ob sie noch kämen. Weiterer Gedanke: Ina könnte gemerkt haben, dass es bei ihr zeitlich zu knapp wird, alles unter einen Hut zu bringen und fährt direkt zum Ballhaus.
Inzwischen war es 19.10 Uhr und ich sah wenig Sinn, noch länger zwischen Fremden tatenlos herumzustehen und Zeit zu verlieren. Ich hatte vorher Ina mitgeteilt, dass wir ca. gegen 19.20 los sollten Richtung Ballhaus. Wenn sie jetzt erst oder in fünf Minuten kämen, dann wäre zumindest Ina nur für 5 – 10 Minuten in der Ausstellung, wenn sie mit zum Beatclub käme, wohin sie doch auch wollte, wie ich bis dahin dachte. Das ergab doch wenig Sinn.
Ich überlegte, zurück nach Hause zu fahren, um eine Message abzusetzen, dass ich auf dem Weg ins Ballhaus sei oder direkt hinzufahren und dann von da aus irgendwie zu kommunizieren, indem mir jemand von der Band, die ich ja kenne, mal kurz gestattet sein Smartphone zu benutzen. Ich entschied, mich auf den direkten Weg zum Ballhaus zu begeben. Dachte, je früher ich dort bin, umso größer die Chance sogar noch ein, zwei Plätze zu bekommen. Die Konzerte fangen recht pünktlich um 20 Uhr an.
Da keine Taxis kamen, trippelte ich zügig zur U-Bahn Bülowstraße, immer noch Ausschau haltend, ob mir nicht doch Lydia oder Ina entgegenkämen. Leider nicht. Umsteigen in die U6 am U-Bahnhof Stadtmitte, Fahrtrichtung Kurt-Schumacher-Platz bis zur Haltestelle Naturkundemuseum. Gegen ca. 19.35 Uhr war ich da. Gut in der Zeit zum Konzertbeginn, aber leider doch schon alle Sitzplätze vergeben.
Ich konnte leider an kein Smartphone rankommen, um Kontakt aufzunehmen und hoffte, dass Ina von selbst auf die Idee käme, dass ich schon im Ballhaus bin. Ich holte mir ein frisch gezapftes kleines Veltins und hypnotisierte den Eingangsbereich, um sie nicht zu verpassen. Leider erfolglos. Es stellte sich nach dem ca. dritten Song heraus, dass der Sänger wohl nicht dabei ist, der gute Tom.
„If I had a Hammer“ hob meine Laune und auch „Under my Thumb“. Ich genehmigte mir ein zweites kleines Bier und wackelte ein bisschen mit im Takt, das Glas in der Hand. Blöderweise hatte ich auch keine Telefonnummer von Ina oder Lydia bei mir und Telefonbücher gibts ja nicht mehr, zumal da keine Handynummern drinstehen.
Ich trat vor die Tür, holte bisschen Luft, es war sogar noch hell. Allein machte es mir keinen Spaß, es war nicht dasselbe wie sich zu zweit oder mehreren an der Musik zu erfreuen und mir war nicht nach Kontakte knüpfen. Im Saal hatte ich mir erlaubt, mich mal temporär hinzusetzen, wo ein Stuhl frei war, weil getanzt wurde.
Ich kenne die Gegebenheiten und ungeschriebenen Regeln und wäre sofort aufgestanden, wenn die „Besitzerin“ des Stuhls vom Tanzen zurückgekommen wäre. Das versuchte ich auch vorneweg dem Mann an dem Tisch zu sagen, der mich argwöhnisch betrachtete. Ich lächelte ihn an und versuchte mit Gesten, Händen und Füßen und auch Worten zu signalisieren, dass ich nur kurz mal Platz nehme, sofort wieder aufstehe, wenn jemand zurück kommt.
Ein gnadenloser Blick strafte mich. Die Musik war zu laut, um sich zu verständigen. Das Lied war dann zu Ende, ich hatte weiter beschwichtigend gestikuliert, aber wurde nicht verstanden. Er kam auf mich zu, ich wollte es in der ruhigen Minute kurz rüberbringen, dass ich sofort aufstehen würde, dass ich den an „unsichtbar“ vergebenen Platz nicht unangemessenerweise für den Rest des Abends beanspruche.
Er ließ mich nicht zu Wort kommen und legte los à la: „JETZT REDE ICH!“, dass das der Platz seiner Frau sei, die diesen dringend benötige. Was ich ihr nie streitig machen wollte, ich kam nur nicht dazu, das zu erklären, und noch tanzte sie offenkundig munter und zeigte keinerlei Interesse am Stuhl. Er blockte meine Erklärungsversuche ab mit, dass ihn nicht interessiere, was ich zu sagen hätte.
Mir wurde es zu blöd, ich schüttelte den Kopf und stand auf. Meine Stimmung war nicht mehr gehoben. Ein paar Mal wechselte ich noch den Standort, selbstverständlich stehend und ahnte längst, dass Ina nicht mehr eintreffen würde. Wenn ihr eh was dazwischen gekommen war, hatte sie vielleicht alles gecancelled.
In meinem Hinterkopf war noch eine vage andere Idee, den Abend zu verbringen, die könnte ich noch eruieren, dachte ich mir. Und verließ das Ballhaus gegen ca. 20.40 Uhr. Zum Türsteher sagte ich, dass ich vielleicht wiederkäme, ich wüsste es noch nicht genau. Er lächelte freundlich. Wieder zur U-Bahn. Haltestelle Naturkundemuseum. Eine Halte bis Oranienburger Tor. Und dann der lange Fußweg die Linienstraße entlang, trippel trippel trippel.
Joachimstr. Ecke August. Fahrstuhl. Wohnungstür. Schuhe aus. Meine Fußsohlen brannten etwas. Rosa Anzug aus. Sollte ich noch mal vor die Tür gehen, würde ich das Outfit komplett wechseln. Und sehr bequeme flache Stiefeletten anziehen. Falls. Ich genehmigte mir ein Jever, guckte meine Messages durch.
Zwei von Ina und Lydia, in denen sie sich nach meinem Verbleib erkundigten. Die eine von Lydia von 20.01 Uhr, dass sie und Ina vor der Galerie säßen und warteten. Die andere von Ina von 20.24 Uhr mit der Frage, ob ich gleich wieder gegangen sei. Ich antworte um 21.02, erklärend von wann bis wann ich vor Ort war und machte mir ein paar Schnittchen mit Mortadella und Gürkchen.
Mein Festnetz-Telefon klingelte. Im Telefongespräch bahnte sich die Möglichkeit an, noch zu einer privaten Feier im Prenzlauer Berg dazuzustoßen, Ich hatte Lust darauf, um diesen Freitagabend vielleicht doch noch mit einem Highlight oder wenigstens anregendem Tapetenwechsel abzuschließen und überlegte schon mal mit neuer Munterkeit, was ich anziehe.
Zog es kurzerhand schon mal an und wartete bis 22.30 Uhr auf die avisierte Rückmeldung, die leider nicht kam. Dann trank ich mein Bier aus, entledigte mich meiner Ausgehkleidung, hängte den rosa Anzug auf und räumte die übrigen ausgezogenen Klamotten weg, packte die Stiefeletten mit den Absätzen wieder zurück in die Truhe und schlüpfte ins Bett.
Der Wecker neben meinem Bett zeigte 23.00 Uhr. Der Beatclub spielte vermutlich gerade das letzte Set. Was für ein bemerkenswert verworrener Freitagabend. Nun weiß ich immerhin, dass die höheren Stiefeletten zwar gut zum rosa Hosenanzug passen, aber zum Wandern auf Asphalt nicht zu empfehlen sind.
Guten Morgen! Hier also die Variante mit der rosa Mütze, die ich Barbie Kessler getauft habe. Außerdem Stiefeletten mit Absatz und ein Gürtel. Und vorteilhafter hingestellt, das macht viel aus. Leider hatte ich gestern nicht das erhoffte Publikum für meine Aufbrezelei. Erzähle ich später. Vielleicht. Eventuell. Leicht zensiert. So in etwa.
Das gute Stück. Mein einziges Outfit in Rosa. Warum nur? Jetzt gibt es sogar noch eine rosa Kesslermütze dazu, noch nicht abgelichtet. Die hat mir die nette russische oder ukrainische Verkäuferin vom Wochenmarkt am Hackeschen Markt besorgt, nachdem ich ihr schon eine hellgrüne und eine dunkelblaue abgekauft hatte. Auf meine Nachfrage, ob es die auch in Rosa geben würde, hat sie sich vor einer Woche eine Notiz auf ihrem Smartphone gemacht, mit meiner Größe, und eine Woche später hatte sie eine für mich in Rosa. Habe nun schon familiäre Gefühle, wenn ich an der Marktfrau vorbeikomme, es wird immer gewunken, gegrüßt oder geplaudert. Der Hosenanzug sieht auf den Fotos aus, als ob er ein bisschen aufträgt, so voluminös komme ich mir gar nicht vor, vielleicht hätte ich ihn doch eine Nummer kleiner bestellen sollen. Aber sehr bequem. Die weiten Hosenbeine machen vielleicht ein bisschen stämmig. Aber wenn ich dazu mal Stiefeletten mit höherem Absatz ausprobiere, könnte das die ganze Angelegenheit vorteilhaft strecken. Die Hosenbeine wären jedenfalls lang genug für Schuhe mit Absatz. Mal ausprobieren.
Im Bild die Königsberger Klopse, die Jenny und ich nach der Ausstellung in der „Letzten Instanz“ verzehrt haben. Bzw. mein Teller, Jenny hatte einen eigenen. Mittig ein Scheibchen Rote Bete, die grüne Soße schmeckte nach Meerrettich, Wasabi nicht ganz ausgeschlossen. Die rostfarbenen Krümel auf den Klopsen waren entweder zerkleinerte Röstzwiebeln oder in Butter gebräunte Semmelbrösel, konnte ich nicht genau eruieren. Bisschen fancy neu interpretiert, schon gelungen. Mir waren die Klopse innen ein bisschen zu trocken, fast krümelig, habe ich lieber etwas cremiger. Nachfolgend kopierte Auszüge aus meiner gestrigen Konversation mit Ina, der ich ausführlich von unserem Besuch dort berichtete:
„(…) In der Instanz war netter Service, wir haben mit Ach und Krach den letzten Tisch bekommen, nix reserviert, ein frecher Gastgeber, aber so Richtung Herz mit Schnauze. Die Weinkarte war gar nix für mich, die hatten 7 Sorten offenen Wein, davon 5 Rieslinge !!!!!! Die anderen beiden irgendein Weißburgunder, war ganz ok, und ein Dessertwein. Der Schaumwein war leider auch nicht meins. Vier zur Auswahl, darunter zweimal Rieslingsekt (nicht meins, wie du weißt), ein dritter, weiß nicht mehr was an dem unattraktiv war und ein Rosésekt, hab ich genommen, obwohl auch nicht mein Favorit, war sauer wie Riesling. Sie hätten doch einen Wein, den ich favorisiert hätte, aber den gabs leider nicht offen, nur flaschenweise, einen fränkischen Silvaner… Jenny mag auch Riesling, war gut bedient.
Bier hatte ich zuerst, wurde aber, obwohl Pils vom Fass, nicht im Pilsglas, sondern so einem normalen Weißbierglas mit dickem Rand serviert. Die Königsberger Klopse waren etwas fancy, neu interpretiert mit einer Merrettichsoße, ziemlich große Klopse, innen trocken krümelig, hab schon bessere gegessen. Also war nicht schlecht, aber Jenny, die auch K. Klopse mag, fand, es wären die besten gewesen, die sie je aß. Publikum war schon älter und ganz interessant. Das Lokal hat Für und Wider. Gemütlich, kurzweilig. Ich würde schon nochmal hingehen, und dann die Keule essen 🙂 Wenn du mal Lust hast!
Der Nachtisch, die Apfelringe, die ich hatte, war hingegen sehr gut. Die Klopse sehen natürlich schon auch gut aus. Was aber nett war, ich hab Jenny von dem Maria Callas Buch von der Freundin von Callas erzählt, dem ganz alten, der Wirt hat immer unverblümt so halb mitgehört und dann hat er etwas später „Casta Diva“ auf seiner Musikanlage laufen lassen, was die anderen Gäste irritiert hat, weil vorher so neuere Sachen, aber dezent, liefen. Also sehr zugewandt, unbekannterweise. Die Instanz ist recht klein, überschaubar, passen schätzungsweise zehn bis zwölf kleine Tische für zwei Personen rein und dann noch ein, zwei größere. Nette Ecke mit Eckbank für ca. 6 Personen gibts auch.
Uns gegenüber saß einsam ein dunkelhaariger jüngerer Mann mit runder, schwarzgerahmter Brille und so einer Art D’Artagnan-Schnurrbart. Der guckte immer wieder verstohlen zu Jenny und mir auf, als ob er auch unser Gespräch verfolgen würde, seither überlege ich, woher ich das Gesicht kenne. Ich habe das dunkle Gefühl, dass das irgendein Schriftsteller war, den ich schon mal in irgendeiner Sendung gesehen habe, komme einfach nicht drauf.
Jenny hingegen meinte, wenn er etwas gesagt hat (zum Ober), dann hätte er so „gestützt“ gesprochen, sie hätte ein Gehör dafür und meinte, das wäre bestimmt ein Schauspieler, aber ich verorte ihn irgendwie anders. Dann meinte Jenny noch, sie hätte zeitweise das Gefühl gehabt, er wäre kurz davor gewesen uns anzusprechen. Das hab ich aber nicht mitbekommen, nur dass man ihm angesehen hat, dass er bisschen die Ohren spitzt. Er war direkt auf unserer Sichtachse. Mir war, als hätte er auch Notizen gemacht oder gelesen und die Konversation mit dem Wirt etc. war so familiär, als säße er dort auf seinem Stammplatz und würde jeden Abend dort verbringen 🙂 Ein Mysterium!“
Eine weitere aufwändige Arbeit von Lennart Bohle. „Echoes Of Tomorrow“, Look 2: „(…) made from leather off cuts with handwoven details referencing the bobbin lace pattern silk chiffon dress, garment dye with dryed camomille and a pinch of kurkuma“.
Gleichfalls von Karen Jessen. Teils faszinierende Silhouette am Rücken, allerdings nichts, was ich im Schrank haben wollte. Grellrot in Verbindung mit jeglicher Art von Spitze, wenn auch hier hippie-rustikal geklöppelt oder gehäkelt, erinnert mich immer an preisgünstig wirkende Dessous, wie sie Beate Uhse im Sortiment hatte. Als sei Halbtransparentes dringend auf Signalfarbe angewiesen, um keinesfalls übersehen zu werden. Too much, wenig subtil, kitschig, ja aufdringlich, ohne Sophistication für mein Empfinden. Wie aus einem Shakira-Video aus den Neunzigern. Eleganz und Grandezza zeigt hingegen das ebenfalls rote Ensemble aus langer Robe und Hut im Bild an der Rückwand, das Audrey Hepburn als Holy Golightly sicher auch getragen hätte.
Die scheinbare Fortsetzung des Oberteils Richtung Kopf, ein Netz vor dem Gesicht, das in einem Pferdeschwanz am Hinterkopf mündet, hat mich sehr fasziniert. Leider mag ich die Sorte Getränke, die mit Strohhalm serviert werden, also Longdrinks nicht. Dann bei Tisch, wenn es zu Champagner und Wein und ans Essen geht, könnte man den Kopf- und Gesichtsschmuck vermutlich nach vorne herunterklappen. Eine Schöpfung der Textilkünstlerin Karen Jessen, die ihr Atelier in Nauen hat. Auf ihrer Instagram-Seite sah ich ein Foto, wo das Kopfnetz separat von einem Modell getragen wurde, es wächst also doch nicht aus dem Kleid, wie erst vermutet.
In der Ausstellung „Gallery Looks“ untermalen Klänge von barocker Musik die Inszenierung von Couture auf Kleiderpuppen ohne Gesichtszüge vor historischen Gemälden. Die Musik wirkt derart erhaben und erhebend, dass man wähnt, es schicke sich der Choreographie folgend, wohlbedacht gemessen zu schreiten, anstatt – wie gewohnt – ohne Nachdenken kreuz und quer zu laufen. Das Musikstück mit zackigen Streichern rührt von einem atmosphärischen Video, das auf einem großen Monitor im Loop läuft und die ausgestellten Stücke mit ganz hervorragend ausgesuchten Models in der Gemäldegalerie in Szene gesetzt, in Bewegung zeigt. Leider kann ich diesen Film von Florian Azar nirgendwo finden, um ihn hier zu verlinken. Am besten: Hingehen.
Serviervorschlag, Präsentiervorschlag für den Herren. Wobei ich das auch alles tragen würde. Einige Modelle in der Ausstellung sind zwar unisex, aber nicht ohne Sex. Spannend sind immer Kontraste wie eine körperlich ausgeprägt männliche, kantige, vielleicht sogar harte Erscheinung, in Kleidung mit weichen oder sogar verspielten Elementen. Zum Beispiel sehr viriler Typ im gutsitzenden grauen oder schwarzen Anzug mit hellrosa Oberhemd. Oder: sehr weiblich wirkendes Wesen (im Sinne von weichen, kurvigen Linien, also ausgeprägten weiblichen sekundären Geschlechtsmerkmalen) in geradliniger Kleidung ohne Schnörkel und Spielereien. Das ergibt einen interessanten Spannungsbogen, zumindest dann, wenn es gerne getragen wird. Wahrscheinlich, weil der Gegensatz eine komplexe Persönlichkeit vermuten lässt, die sich nicht so leicht in eine Schublade einordnen lässt. Annäherung an Vollendung durch Umarmung der Polaritäten.
Jon Liesenfeld, V-COLLECTIVE: leather jacket on display @FASHION X CRAFT: Echoes of Tomorrow, Gemäldegalerie. Jon Liesenfeld ist Absolvent der AMD Akademie Mode & Design Düsseldorf und wurde für seine Kollektion „L’apprenti“ auf der letzten Berlin Fashion Week mit dem 1. Preis des „European Fashion Award“ – FASH 2025 und dem „Best Global Concept Award“ der Neo.Fashion. 2025 ausgezeichnet. Liesenfeld recycelt unter anderem Lederbezüge ausrangierter Polstermöbel und gibt den Oberflächen neue Strukturen – mit großartigen Ergebnissen.
Jon Liesenfeld, V-COLLECTIVE: Sprayed gradient cotton blazer with striped distressing and wet shaped cane lapel @FASHION X CRAFT: Echoes of Tomorrow, Gemäldegalerie.
Gerade die derzeit aktuelle Berliner TV-Sender-Belegung der für mich relevanten Sender im Kabelnetz abgetippt und alphabetisch sortiert. Seit geraumer Zeit mache ich keine individuelle Belegung der Sendeplätze mehr à la „Pro Sieben auf 7“. Wenn sich nämlich wieder alles verschiebt, war die ganze Liebesmüh umsonst. Vor einigen Monaten passiert. Jetzt schreibe ich lieber die Standard-Belegung der Sender auf, die mich überhaupt ab und zu mit ihrem Programm interessieren (könnten). Sind doch einige. Die Senderbelegungsliste drucke ich mir noch aus und klebe sie auf die Rückseite meiner Fernbedienung!
Nicht interessieren mich: Shopping-, Sport-, Bibel-, Esoterik- und Volksmusiksender sowie Kanäle mit Programm in mir nicht verständlichen Sprachen wie Arabisch, Russisch oder Ukrainisch. Einige Sendeplätze sind von Anbietern belegt, die ich nicht empfangen kann, wie der Disney Channel oder Curiosity TV (früher Spiegel TV). Fett formatiert, die ich erfahrungsgemäß schon mal gezielt aufgerufen habe.
Auch in der Liste: RTL Nitro, da musste ich erst mal recherchieren, was da überhaupt gebracht wird und erfuhr, es handelt sich um einen RTL-Sender mit einem Programm, das sich eher an Männer richtet, mit viel Sport-, Auto- und Krimiprogramm. Dass ich den in der Liste habe, ist dem Format „Anwälte der Toten“ geschuldet, sowas gucke ich hin und wieder mal gerne, diese True Crime-Sendungen wie „Criminal Detectives“. Aber auch nicht ständig. Ganz grundsätzlich habe ich eine ausgesprochene Vorliebe für gut gemachte Dokus.
Eine komplette Abneigung hingegen hege ich gegen Spiel- und Rateshows. Diesen ganzen angeknipsten Klimbim, den Moderatoren wie diese zwei erfolgreichen jüngeren Männer, Joko und Klaas heißen sie wohl, machen. Das halte ich keine halbe Minute aus, ich sterbe vor Langeweile und habe auch keinerlei Sinn für die kunterbunte Las Vegas-mäßige blingbling-Ästhetik dieser Spielshow-Studios.
Talkshows gehen mir auch seit Jahren auf die Nerven, mit den immer gleichen Politikern oder Promis, die ihr neuestes Produkt in die Kamera halten. Einzige Ausnahme: Nachtcafé vom SWR mit Michael Steinbrecher, eine Gesprächssendung mit echtem Tiefgang und Austausch und einem konkreten Thema, keine Tagespolitik.
Sogenannte „Comedy“ interessiert mich ebenfalls Nullkommanull, nicht mein Humor, auch für Polit-Kabarett ist mir schon vor Jahren der Sinn abhanden gekommen.
Ebensowenig jemals von mir eingeschaltet: vulgäre Datingformate oder „Reality“-Shows mit D – Z-„Promis“, die ich eh nicht kenne und auch nicht kennenlernen will, diese sogenannten „Reality Stars“. Mir daher ebenfalls komplett schnuppe, auch weil eklig, dieses unappetitliche Dschungel-Camp mit abgewirtschafteten TV-Gesichtern. Dieses Gezeter aus aufgespritzten Lippen brauche ich wie einen Kropf. Früher hab ich auch mal die Bachelor-Staffeln verfolgt, aber dann war da ein Einbruch, eine dramaturgische Änderung und auch die Hintergrundmusik gefiel mir nicht mehr, die Kandidaten langweilten mich, schon seit vielen Jahren nicht mehr gesehen.
1 Ausnahme mache ich in puncto Datingshows. Auf VOX kommt werktags um 18 Uhr ein ganz charmantes Format, das ich aber mittlerweile auch eher selten verfolge, das da heißt „First Dates – ein Tisch für zwei“ mit diesem Sternekoch Trettl als Gastgeber und einmal im Jahr zur Prime Time das First Dates Hotel in einer tollen Location am Mittelmeer. Da zieht sich niemand nackig aus, es wird nicht gezetert, ist manchmal ganz kurzweilig.
Unmittelbar im Anschluss, um 19 Uhr, auch auf VOX, folgt dann das Perfekte Dinner, wo ich alle paar Wochen mal zuschaue. Wenn ich die Truppe mag, auch mal mehrere Tage hinteinander. Und dann wieder lange gar nicht.
Obwohl auch im weiteren Sinne eine Art Reality Format, sehe ich gerne den Auswanderern von Goodbye Deutschland auf VOX zu, besonders denen, die schon länger dabei sind, der Mallorca-Truppe und einigen, die es nach Amerika zog. Gibt aber auch neuere Auswanderer, die mich gar nicht interessieren, hängt immer von der persönlichen Sympathie ab und auch um welches Land es geht.
Bei den Geissens schaue ich auch ab und zu am Montag rein, das ist ja im Grunde eine Sendung über Innenreinrichtungen, die Hauptbeschäftigung dieser Familie. Tolle Häuser, Hotels und Möbel angucken und dazu der mich mitunter durchaus amüsierende Palaver zwischen Carmen und Robert und ihren verwöhnten Töchtern an der französischen Riviera unterhält mich doch hin und wieder. Hingegen absolutes No Go für mich: diese Wollnys, die unattraktive Truppe und das ganze Ambiente halte ich keine zehn Sekunden aus.
Dass ich derzeit die aktuelle Staffel GNTM gucke, ist auch kein Geheimnis und wegen der freundschaftlich-familiären Connection zu einem Kandidaten, Let’s Dance am Freitag. Das wars dann aber auch mit regelmäßigem Gucken.
Die Freude an „Sing meinen Song“ und „The Voice“ ist mir die letzten Staffeln leider abhanden gekommen. Gefühlt ist da ständig Johannes Oerding dabei oder der mit der Kappe und dem Bart. Dings. Wie heißt er denn, dicke Brille, Bart, Kappe – – – muss googeln, ist mit dieser Lena verheiratet, macht so einen Geheimniszirkus um sein Privatleben… Mark Förster… äh Forster.
Etwas bedauerlich, dass die Connection von youtube mit meinem alten smart TV nicht mehr funktioniert, könnte ich meine abonnierten Channels gucke, gibt schon ein paar. Ist aber nun auch kein existentielles Problem.
Netflix hab ich gar nicht, Serien mit fiktiven Geschichten habe ich nur in meiner Kindheit und Jugend geguckt. Daher begann meine diesbezügliche Expertise bei Flipper und Lassie und endete bei Kir Royal. Netflix habe ich nur mal temporär empfangen, mit den Zugangsdaten einer Freundin, um die kompletten Staffeln von The Crown gucken zu können (was ich qualitativ als exzellente Ausnahme empfand), und die Dokuserie der beiden Kaulitze auf die Schnelle durchgeguckt, sonst weiter keinerlei Bedarf.
Auch bei Amazon Prime TV, das man scheinbar automatisch hat, wenn man Prime für Bestellungen hat, gucke ich nur ganz, ganz selten, checke auch nicht großartig, was da im Angebot ist.
Erst kürzlich habe ich die eher altbackene visuelle Aufbereitung der Internet-Hörzu entdeckt, die mir TV-Zeitschriften betreffend, am ehesten zusagt. Übersichtlich, ruhig, seniorengerecht ohne ablenkende Bilder, Pop up-Fenster oder animiert blinkende Reklame in den Seitenleisten. Die aktuelle Sendezeit farblich hellgrün markiert. Da komme ich ausgesprochen gut damit zurecht.
Alex Berlin – 57 ARD Alpha – 31 ARD Das Erste – 1 Arte – 12 BR – 38 CNN – 25 Deluxe Music – 19 DMF – 11 3sat – 44 HR – 37 Kabel Eins – 13 Kabel Eins Doku – 9 MDR – 36 MTV – 80 N24 – 8 NDR – 39 ntv – 16 One – 30 Phoenix – 40 Pro Sieben – 6 Pro 7 Maxx – 113 RBB – 42 RTL – 3 RTL2 – 7 RTL Nitro – 105 RTL Up – 106 Sat1 – 4 Sat1 Gold – 10 SIXX – 85 SR – 32 SWR – 35 tagesschau24 – 29 Telegold – 108 TV Berlin – 92 TV5 Monde – 28 VOX – 5 VOX up – 74 WDR – 41 WELT – 112 ZDF – 2 ZDF info – 46 zdf neo – 43
Guten Morgen bzw. Mittag! Ganz gut geschlafen und könnte theoretisch so aufgeweckt aus der Wäsche gucken wie auf den Fotos hier vom Mittwoch. Es ist Samstag, bisschen sonnig, bisschen wolkig und ich habe keinerlei Pläne. Bin zufrieden, dass ich keinen schweren Kopf habe, das langt mir schon. Habe nicht viel getrunken oder dergleichen, aber nicht selten kommen die Scheiß-Attacken mit bohrendem Clusterkopfschmerz ausgerechnet am Wochenende zu Besuch und versauen mir mindestens einen Tag komplett. Also schon mal ein guter Tag nur deswegen. Hoffe, Ihr habt auch keine Einschränkungen, außer den üblichen intellektuellen :-) Gestern Abend wieder Let’s Dance geguckt, dabei mit Jenny gechattet, deren Brüderchen Jan mittanzt. Aber den Palaver erspare ich meinen Leserinnen und Lesern. Der hat vor allem Unterhaltungswert, wenn man weiß, von wem da überhaupt die Rede ist. Ich schreibe ja beim Chatten mit ihr nicht jedesmal: „Gustav Schäfer, der Drummer von Tokio Hotel, den man bisher nie so richtig wahrgenommen hat“. Den guten Gustav finde ich nämlich auch ziemlich klasse, der hat was, der kleine Tanzbär. Bis nachher.
Drinnenbleiben-Wetter in Berlin. Lese weiter in einem Callas-Buch, einem ganz alten, von einer PR-Dame, Nadia Stancioff, die Callas Ende der Sechziger beim Filmdreh für den Pasolini-Film Medea kennenlernte, für den sie die Pressearbeit übernahm. Die beiden wurden Freundinnen. Ganz andere Aspekte von Maria Callas treten zutage. In welchem Ausmaß Maria Callas ein deutliches Bewusstsein dafür hatte, dass es eine private Maria gibt und „die Callas“, die sie dann bei Bedarf performte, nicht nur auf der Bühne.
Guten Morgen aus Berlin. Heute früher Vogel, Foto von 6.11 Uhr. Blickrichtung Auguststraße nach Osten zur Rosenthaler. Am Horizont zu erahnen: die Baumwipfel vom Alten Garnisonsfriedhof. Im rechten Eckhaus ist unten die Mozzarellabar vom Al Contadino.
Oh… Mario Adorf hat auch die Seite gewechselt. Immer sehr gemocht, aber genau genommen, erst in reiferen Jahren als Schauspieler ernst genommen. Unvergessen für mich, seine Rolle in Kir Royal, als er den einsamen Fabrikanten aus der rheinischen Provinz mimte, der beim Münchner Nobel-Italiener den größten Tisch reservierte, um mit der Bussi-Bussi-Gesellschaft anzubandeln. Privat eine beeindruckend lange, offenbar glückliche Ehe mit seiner französischen Frau Monique erleben dürfen. Farewell, lieber Mario Adorf.
Ja oder Ja?🩷Soll wohl morgen kommen. Ein Traum wäre, wenn die Hosenbeine so lang wären, wie bei dem Mannequin auf dem Foto. Wieso ist eigentlich das Wort Mannequin zuerst durch Fotomodell und dann durch Model ersetzt worden? Und ganz früher hieß es Vorführdame. Wobei mir schon klar ist, dass ein Fotomodell nicht zwingend Vorführdame oder Anprobe-Modell im Atelier eines Couturiers war. Und nicht jede Vorführdame, nicht jedes Laufsteg-Mannequin das beste Fotomodell. Das ist heute ja nicht anders. Bei Heidi sieht man auch immer, dass manche Kandidatinnen oder Kandidaten toll für Fotos posieren können, viel anbieten, aber manchmal nicht so kraftvoll oder anmutig laufen – und umgekehrt. Eine Freundin von mir war in den Sechzigern Vorführdame im Atelier von Uli Richter, wenn ich es recht erinnere. Oder war es Heinz Oestergaard? Jedenfalls einer von beiden. Es war eine Ehre. Sie hatte zuerst als Schneiderin dort begonnen, wurde dann Direktrice und wegen ihres hübschen Gesichts und der zierlichen Figur gefragt, ob sie nicht auch Vorführdame sein möchte. Auffallend groß war sie nicht, eher so Durchschnittsgröße 1,68 m. Sie mochte. Wenn die Hose von dem rosa Hosenanzug mit Streifen zu kurz sein sollte, hab ich immerhin Hoffnung, dass noch ordentlich Saum zum Rauslassen vorhanden ist. Bei dem Preis wird da hoffentlich nicht gegeizt. Ich kaufe sonst recht sparsam, aber als ich diesen Anzug gesehen habe, war ich verliebt und sah mich außerstande, bis zu einem Ausverkauf zu warten, der dann vielleicht erst im Herbst ist, wenn keine rosa Frühlings-Schwingungen mehr in der Luft sind. Wenn er da ist, muss ich auch sofort gucken, ob da meine leichten, hellbeigen Chelsea Boots aus Wildleder damit korrespondieren. Denn für nackte Füße in Zehensandalen haben wir noch so gar kein Wetterchen in Berlin.
Wirr geträumt, aber nicht schlimm. Paar Fetzen sind hängengeblieben. Ich traf mich mit Alban, den ich länger nicht gesehen hatte, in einem neu von ihm (und mir?) als Untermieter(n) angemieteten, winzigen, quadratischen Arbeitszimmer, in dem aber gleichzeitig auch der Vermieter an einem kleinen, ebenfalls quadratischen Schreibtisch arbeitete. Er schrieb eifrig am Computer. Unser gemeinsamer Schreibtisch, baugleich, auch quadratisch, war direkt an seinen gerückt, man saß quasi wie in einer Reihe nebeneinander, Blickrichtung zur Wand mit einigen Bücherregalen. Farbstimmung Grautöne, nicht metaphorisch gemeint, reine Farbangabe. Der schachtelförmige Raum hatte kein Fenster, Größe etwa vier mal vier Meter. Wir machten uns direkt an die Arbeit, Alban und ich hatten irgendein konkretes, gemeinsames Schreibprojekt, ich erinnere mich leider nicht, worum es ging.
Einschub: gestern, vor dem Schlafengehen dachte ich noch eine Weile darüber nach, weshalb Siri Hustvedt sowohl im Buch Ghost Stories, als auch im jetzt angelaufenen Dokumentarfilm über sie, vermittelt, Paul Austers Arbeitsplatz als Schriftsteller sei im gemeinsamen Haus in Brooklyn gewesen. In mehreren Interviews, auch in einem Video erzählt er, dass er seine Bücher seit 2004 nicht mehr im gemeinsamen Haus schreibt, wo Hustvedt ihr Arbeitszimmer unterm Dach hat und er vor vielen Jahren sein Arbeitszimmer im Keller (das im Film gezeigt wird und dem geträumten Arbeitsraum ähnelt), sondern in einer kleinen Wohnung um die Ecke, ebenfalls in Brooklyn, drei Minuten Fußweg entfernt, wo er seine komplette Ruhe hat. Er ging dazu über, als es umfangreichere Bauarbeiten im Haus gab, die sich über viele Wochen erstreckten und ihn zu sehr in seiner Konzentration beeinträchtigten. Er behielt den externen Arbeitsplatz dann auch nach Ende der Bauarbeiten bei. Ein ganz schmuckloser Raum, wie er es beschreibt, was ihm aber völlig egal sei. Siri Hustvedt legt den Fokus immer auf den alten, früheren Arbeitsraum im Haus. Im Film sagt sie nach seinem Tod, dass ihr das Klappern seiner Schreibmaschine fehlt. Da assoziiert man als Zuseher natürlich, dass das Geräusch bis kurz vor seinem Tod im Haus zu hören war, nicht schon seit zwanzig Jahren nicht mehr. Feinheiten, die mir zu denken geben.
In dem Traum ging es aber noch bizarr weiter. Entweder der Vermieter des Arbeitsraums von Alban und mir oder irgendwer anders hatte eine Kostümparty in Vorbereitung, vielleicht war das auch das eifrige Tippen am Computer links von uns, das den Vermieter so geschäftig hielt. Ich bekam den Hinweis, dass ich mich an einem Haufen Klamotten bedienen könnte, denn ich hatte keine Verkleidung dabei und irgendwie musste ich mir auch etwas anziehen, weil ich – warum auch immer – nicht vollständig bekleidet war. Ich ging dann durch viele Räume, wie im Kreis, und hatte dann noch eine Lieblingsporzellantasse von mir in der Hand, blau und gold gemustert, die fiel mir runter, als ich Klamotten von einem Haufen vom Boden zusammenraffte und der Henkel brach ab. Ich griff sie dann wieder ohne Henkel und nach einem Kostüm, das angeblich ein Eisbärkostüm sein sollte. Mir war es relativ egal, ich wollte mich einfach anziehen, anstatt nur in Unterwäsche rumzulaufen. Als ich das Kostüm überzog, entpuppte es sich als gar kein Eisbärkostüm, es hatte gar kein weißes Fell und auch keinen Eisbärkopf. Es sah einfach nur aus wie ein karamellfarbener, schlichter Popelinemantel. Gerade geschnitten. Seltsam. Alban hatte sich nicht verkleidet. Bin dann aufgewacht.
Was mich bewegte, am Karfreitag das Zeiss-Planetarium zu besuchen, war nicht die Ausstellung, sondern eine Filmvorführung. Es gibt dort einen Kinosaal, in dem aktuelle Filme gezeigt werden. Nämlich gab es den am Tag vorher angelaufenen Dokumentarfilm „Siri Hustvedt – Dance Around The Self“ von Sabine Lidl. Nachdem ich vor kurzem ihr neues Buch Ghost Stories gelesen hatte, das inhaltlich korrespondiert, wollte ich mir dieses Puzzleteilchen nicht entgehen lassen. Außerdem liebe ich mit Hingabe gemachte Dokumentationen sehr.
Nun saß ich aber nicht als Fangirl von Hustvedt im Kino, das jede Äußerung von ihr als goldene Worte empfindet. Die erste halbe Stunde des Films, der sie schon auf ein Podest hebt, hatte so einige Längen, die mich fast wegdriften ließen. Sie wurde immer wieder in ihrem Haus platziert, um aus ihren eigenen Büchern vorzulesen. Ihre Stimme ist etwas dünn, eher hoch und leicht brüchig, auch ein wenig vernuschelt, ihre Aussprache. Die gewählten Passagen fesselten mich nicht.
Interessant wurde es, wenn sie frei erzählte, ihre Zeichnungen zeigte, die ich zum Teil beeindruckend fand, ja virtuos. Großes zeichnerisches Talent. Sie hatte in jungen Jahren auch Überlegungen, bildende Künstlerin zu werden.
Die Doku entstand ab 2022 über insgesamt vier Jahre, beginnend zu einem Zeitpunkt, als ihr Gefährte Paul Auster noch nicht seine Krebsdiagnose hatte. Ich weiß nicht, ob der Schnitt rein chronologisch ist, aber ich bilde mir ein, dass sich ihre Ausstrahlung sehr verändert, je weiter der Film fortschreitet. Ich nehme an, es ist der Entwicklung mit Pauls Krankheit geschuldet. Ich fand sie nahbarer in ihrer leichten Verunsicherung. Ihre drei Schwestern waren auch zu sehen, eine enge Familie. Die Schwestern waren mir alle drei sofort näher als die gefeierte Siri. Ganz andere Typen, auch alle hochkultiviert, aber sehr bodenständig und nahbar.
Immer wieder erwähnt der Film die bildende Künstlerin Louise Bourgeois, mit der sich Hustvedt auch in ihren Schriften wiederholt befasste. Eine interessante Sequenz ist, wo sie sich mit ihrem alten Freund Wim Wenders trifft, um eine Rauminstallation von Bourgeois in Norwegen zu besuchen, die Installation eines symbolischen Scheiterhaufens, beeindruckendes Kunstwerk, dieses Hexenmahnmal in Vardø.
An einer Stelle erheiterte mich Siri Hustvedt. Sie ließ durchblicken, was sie von Lebenshilfe-Ratgebern hält, die in Aussicht stellen, in fünf Schritten zum Glück zu führen oder „die beste Version von sich selbst“ herbeizuzaubern helfen. Als gäbe es zu Lebzeiten jemals ein finales, fertiges, unveränderliches Stadium, das nur erreicht werden müsste. Bullshit. Das sagte sie nicht, aber ihr Gesichtsausdruck. In der Szene gefiel sie mir.
Paul Auster ist einige wenige Male auch vor der Kamera und sagt Dinge über sie, die jede Frau gerne hören würde. Die Verleihung einer Ehrendoktor-Würde an Siri Hustvedt wird gezeigt, ihre Dankesansprache. Wir dürfen immer wieder die Wohnräume sehen und auch einmal den Besuch ihrer Tochter mit ihrem Mann und ihrem Neugeborenen, familiäre Szenen, alle beugen sich über das Baby, das auf dem Teppich liegt. Der sympathische Schwiegersohn fotografiert oft, macht sehr schöne Erinnerungsbilder, gerade auch von Paul und Siri in den letzten Wochen.
Dann ist Paul weg. Siri läuft durchs Haus, das plötzlich doppelt so groß zu sein scheint, ohne ihn. Eine Gedenkfeier. Die Tochter Sophie singt ihre wunderschöne Ballade „Blue Team„. Ich bekam feuchte Augen, die Kamera zeigt Siri in Gedanken, in Gedenken, beim Zuhören. Im Publikum auch kurz zu erkennen, Wim Wenders mit seiner Frau Donata.
Der erwähnte Besuch bei der Installation in Norwegen war erst danach. Sehr feine Kameraeinstellungen, durchweg, subtil gewählte Hintergrundmusik. Die Doku hat einige Momente voller Poesie, besonders auch wenn Hustvedts kleine Zeichnungen zu animierten Figuren werden, beeindruckend gemacht. Es ist auf jeden Fall eine hochkarätige Doku, die gefühlten Längen waren nur am Anfang. Man bekommt viel Atmosphärisches mit, von diesem besonderen Leben in Brooklyn.
Gegen Ende war mir Hustvedt näher als in der ersten halben Stunde. Es ist offenkundig eine Autorin, die in ihr Schreiben häufig einfließen lässt, wie sie die Lektüre von anderen Autoren, Denkern und Wissenschaftlern rezipiert, das interessiert mich nicht so sehr, meine Faszination liegt eher bei originären Gedanken, besonders auch eingestandenen ambivalenten, die in keine Schublade passen. Wer die Autorin ohnehin mag, sollte den Film auf jeden Fall sehen, eine vollumfängliche Würdigung. Für Doku-Liebhaber bietet er auch eine Menge. Eine Empfehlung für einen Nachmittag.
Im Zeiss-Großplanetarium ist im Foyer eine Dauerausstellung, Einritt frei, mit unter anderem diesem Sternenprojektor, der ab Erbauung des Planetariums im Jahr 1987, bis 2014 dort unter der großen Kuppel im Einsatz war, der „Zeiss Cosmorama“. Das Carl Zeiss-Großplanetarium war eines der letzten oder vielleicht sogar DAS letzte Prestigeobjekt Ostberliner Architektur der DDR-Ära.
West- und Ostberlin feierten 1987 den siebenhundertfünfzigsten Geburtstag von Berlin. Ich erinnere mich genau, wie sehr dieses Jubiläum in jenem Jahr ständig Thema in der Berliner Abendschau war. Wenn man sich die Funktionsbeschreibung des Cosmorama durchliest, scheint das Gegenteil der Redewendung „kein Hexenwerk“ angemessen. Denn: „Der Cosmorama zählte zu den ersten computergesteuerten Projektoren: Er konnte sowohl manuell über ein Bedienpult als auch vollständig automatisiert über Computer gesteuert werden. An den äußeren Enden des Cosmorama sitzen zwei Fixsternkugeln, die über insgesamt 32 Projektionslinsen verfügen und jeweils den nördlichen bzw. südlichen Sternenhimmel in den Kuppelsaal projizieren. Die eigentlichen »Sterne« wurden mithilfe durchlöcherter Kupferfolien erzeugt – jedes Loch entspricht einem Stern in genau der richtigen Helligkeit und an der richtigen Position. Auf diese Weise wurden insgesamt 9.200 künstliche Sterne am Kuppelhimmel dargestellt. Die kleineren Kugeln dienten zur Projektion der Sternbilder. Die Gittertürme, auf denen die Fixsternkugeln befestigt sind, beinhalten die Projektoren für Planeten, Sonne und Mond. Spezielle Zahnradgetriebe ermöglichten es, Planetenkonstellationen mit großer Genauigkeit nachzustellen. Die große Kugel im Zentrum des Cosmorama beherbergt die Steuermotoren, die das Gerät um drei Achsen drehen können. Unterhalb der Sockelplatte waren außerdem zwölf Panoramaprojektoren angebracht, die zur Erzeugung verschiedener Horizontpanoramen, z.B. von Städten, Landschaften und anderen Planeten, dienten.“ Quelle: Zeiss.de
Der beeindruckende Cosmorama Sternenprojektor mit der Anmutung eines riesigen blauen Insekts aus einer Jules Verne-Erzählung wurde insgesamt nur viermal gebaut und installiert. In Edmonton, Kanada (1984), in Jena (1985), in Berlin (1987) und zuletzt in Prag (1991). Der Apparat aus dem sozialistischen Jena galt damals als der herausragendste Planetariumsprojektor weltweit, für Kuppeln mit einem Durchmesser bis zu 23 Metern.
Das Geheimnis des Blumenstraußes. Wieso legt jemand so ein niedliches Blumengebinde zu Füßen dieser Skulptur am Zeiss-Planetarium? Die Figur aus Bronze heißt „Sportler“ und stellt keine konkrete Persönlichkeit dar. Kein Nazi-Opfer, keinen Widerstandskämpfer mit rundem Geburtstag. 1965 von der Bildhauerin Margret Midell erschaffen. Sie lebt noch, hat am 8. Mai Geburtstag, 1940 geboren. Oder wurden vielleicht Fotos im Park gemacht und der Strauß nur vorübergehend abgelegt, um die Hände frei zu haben und er wurde dann dort vergessen? Oder gab es ein Rendezvous, bei dem zuerst der romantische Strauß überreicht wurde und dann kippte die Stimmung und die Blumen waren nicht mehr erwünscht und wurden enttäuscht, ja beleidigt zurückgewiesen, dort hingelegt? Oder war die Stimmung von Anfang an belastet, weil der Verehrer, der sie vielleicht als Versöhnungsgeste, als Entschuldigung überreichen wollte, seine Vertrauenswürdigkeit endgültig verspielt hatte und er selbst legte sie nach der Rückweisung, dem ultimativen Showdown, dort ab?
Wir werden es nie erfahren, aber meine Phantasie hat sich an diesem unerklärlichen Anblick entzündet. Ich finde die Figur nicht sonderlich inspirierend, der Ausdruck ist mir zu leblos und auch verstehe ich nicht, wieso der Sportler vollständig nackt ist (der nicht fotografierte Mittelteil ist auch kein spektakulärer Hingucker). Die Figur erinnerte mich stilistisch an Bildhauerei aus der Nazi-Ära, aber dass im Ostteil Berlins kein bildhauerisches Relikt aus dieser dunklen Epoche stehen kann, war mir auch klar. Wieso ich überhaupt da war, am Zeiss-Planetarium in „P-Berg“, wie die jungen Leute neuerdings als Abkürzung sagen, erzähle ich später.
P.S. noch eine Idee: die damals 25-jährige Bildhauerin hatte ihren Liebsten als Modell für diese Figur gewählt. Später heirateten sie und bekamen Kinder und führten eine lange, glückliche Ehe und wurden auch Großeltern. Mittlerweile ist er leider verstorben und hätte gestern seinen 100. Geburtstag gefeiert. Zu seinen Ehren legten die Kinder und Enkel diesen Liebesgruß der Bildhauerin Margret Middell zu seinen Füßen. Oder sie war mit ihren 86 Jahren noch dazu in der Lage und machte es selbst… (Lieblingsversion – !)
Fast kurios: in meinem Haushalt stehen keinerlei Vasen bis auf eine ganz kleine chinesische, in die nur eine kurze Blume passt. Nie kaufe ich Schnittblumen und bekomme auch sehr selten welche geschenkt. Aber gestern! Zuerst musste ein kleiner Milchtopf herhalten, fand dann ein Gefäß, in dem mal französischer Senf war. Große Blumenliebe habe ich durchaus. Zauberhafte Wesen. Gänseblümchen, sämtliche Wald- und Wiesenblumen, Kornblumen, Schleierkraut, Pfingstrosen, Pompon-Dahlien, kugelige Schnittlauch- und Lauchblüten, Ranunkeln, Agapanthus, Sonnenhut, Schneeballhortensien, alte, gefüllte Rosensorten, Kamelien, Blauregen. Gibt auch Blumen, die nicht so auf meiner Wellenlänge sind, zum Beispiel Stiefmütterchen oder rote Rosen, wie sie dieser Bachelor verteilt. Leider schwierig: Hyazinthen und Lilien, so schön ich die Blüten finde. Kopfschmerz bringende Düfte, sogleich wird mir schummrig wie von Haarspray oder Haarfestiger.
Anderes Thema: heute ist ja Karfreitag mit gesetzlich verordnetem Tanzverbot. Deshalb gibt es heute keine Live-Sendung von Let’s Dance. Aber RTL zeigt auf dem Sendeplatz einen Zusammenschnitt von alten Let’s Dance Performances mit der höchsten Punktzahl. Ich hätte gedacht, das pietätsbedingte Tanzverbot umfasst auch eine entsprechende Gestaltung des Fernsehprogramms. Aber wenn man das Gesetz genau nimmt, kann man es auch so interpetieren, dass es kein Verbot ist, aufgezeichnete Tanzereien anzusehen. Leichte Doppelmoral. Nicht, dass ich überhaupt für ein Tanzverbot wäre. Das mit Jesus und dem rituellen Bedauern seines Schicksals ist doch individuell, wenn man sich ihm nah fühlt, meinetwegen. Aber verordnetes Gedenken für die gesamte Bevölkerung verstehe ich so gar nicht.
Heute Berlin-Geburtstag. Vierzig Jahre hier. War eine gute Idee. Sollte eigentlich zur Feier des Tages ins Schwarze Café gehen, das erste Berliner Lokal, das ich jemals betrat, und das es immer noch gibt. Aber der Abend wird etwas anders verlaufen. Mal sehen. Leider versäumt, eine größere Feier zu organisieren, hatte ich zeitweise im Hinterkopf. Aber Sonne in Berlin. Und im Herzen eh.
Heute Fischstäbchen. ich brate die Stäbchen in guter Butter an, Zitrone drauf und daneben in der Pfanne Ingwerschnipsel. Frisch gemahlener Pfeffer drüber, Salz, kleine Kartoffeln (Drillinge) bisschen Rosmarin dazu, Kräuter-Gurkensalat. Irgendwie so.