09. Januar 2015


Ungefähr um Neunzehnhundertzweiundachtzig, also vor dreiunddreißig Jahren, ich war ungefähr siebzehn, und an einer Sprachenschule, vertrieb ich mir die Unterrichtsstunden damit, meine Lehrer und Lehrerinnen und meine Mitschüler und Mitschülerinnen mit den Stiften aus meinem Federmäppchen in mein Schulheft zu malen. Das waren böse Bilder, obwohl ich mich dabei ganz lustig fühlte. Es waren aber keine Bilder, die ich in jedem Fall, denen die drauf waren, gezeigt hätte. Nur bei Athena, meiner griechischen Freundin und Banknachbarin war ich immer zeigefreudig, weil ich sie (also A.) so schön fand und das auch einfangen wollte. Die anderen hatten andere auffällige Merkmale, über die sie sich nicht so gefreut hätten, wenn man sie ihnen unter die Nase gehalten hätte. Es war aber natürlich auch gemein von mir, dass ich Athena die Bilder, sie saß ja außerdem immer daneben, wenn ich gekritztelt habe, gezeigt habe und wir uns darüber amüsiert haben. Es gab auch noch ein oder zwei andere Mitschülerinnen, die mal das eine oder andere Bild sehen durften, aber im Großen und Ganzen war es streng geheim und ein großer Spaß, der den langwierigen Unterricht verkürzt hat. Trotzdem ist vom Unterricht was hängengeblieben. Obwohl, in Französisch habe ich mich wohl doch mehr auf die eine oder andere Frisur konzentriert. Man sieht ja auch viele Köpfe von hinten, in so einem Klassenzimmer. Ich habe schon wieder vergessen gehabt, dass ich die uralten Kritzeleien auf meiner Seite hochgeladen habe, es sind sogar noch mehr, auch irgendwelches Tagebuchgekritzel. Seit gestern geht mir alles Mögliche durch den Kopf. Ich weiß, wie es sich anfühlt, zur eigenen Unterhaltung auf ein Stück Papier zu kritzeln. Um etwas zu erleben, was sich vom Alltag unterscheidet, weil man selber oft nicht genau weiß, ob am Ende etwas rauskommt, was einen selber amüsiert oder interessiert oder einem einfach nur die Zeit vertreibt. Und andere vielleicht auch zum Lachen bringt. Auch wenn es manchmal ein bißchen gemein ist. Ich war ja auch noch sehr jung. Heute ist das für mich nicht mehr interessant, ich wundere mich eher, dass ich das gezeichnet habe. Man hat eben so Entwicklungsphasen. Ich konnte auch naturalistische Portraits zeichnen, wenn ich manchmal, eher selten, den Ehrgeiz hatte. Dann wunderte sich die Umgebung, woher ich das könnte. Ich fand es gar nicht schwer, weil ich dachte beim Zeichnen immer nur o.k. ich schaue mir jetzt diese Linie vom Kopf an und übertrage die dann auf das Papier. Eine nach der anderen. Wie Abpausen eigentlich. So kam es mir vor. Ich hatte nur ein gutes visuelles Gedächtnis und konnte das auf meine Hand und den Stift übertragen. Später ließ ich das Zeichnen fast ganz und wollte lieber malen. Habe ich dann auch gemacht. Das war etwas ganz anderes. Kein Abpausen der Wirklichkeit. Abtauchen in geheimnisvolle Bewusstlosigkeit. Erst gestern Abend, als ich die Bilder von der Redaktion mit den Blutflecken und die Portraitfotos der Karikaturisten gesehen habe, ist so richtig zu mir durchgedrungen, wie sehr es meinesgleichen war, wer darauf zu sehen war. Da habe ich geweint wie ein hilfloses Kind. Als ich heute früh mit nassen Haaren aus der Dusche gekommen bin, ins Wohnzimmer zur Musikanlage, wo ich nie weiß, welches Lied als erstes kommt, weil ich den Zufallsmodus drinhabe, kam das Agnus dei von Mozarts Requiem. Das ist noch nie gekommen. Und selbst wenn, hätte ich es an einem Freitagmorgen bestimmt nicht passend gefunden, aber es war schon bei den ersten zwei Takten genau das Richtige. Ich habe es laufen lassen, und es war wie ein Gottesdienst. Ich war noch den ganzen Tag über heute traurig und wie erschöpft. Deswegen war es sogar gut, dass ich tagsüber in Ruhe etwas Langwieriges zu tun hatte, das beharrliche Konzentration erforderte, ohne die weitere Berichterstattung zu lesen. Meine Fassungslosigkeit hat keinerlei Worte. Ich widme meine kindischen Schulheftkritzeleien den ermordeten Zeichnern.

08. Januar 2015

(Im weiteren Sinne)
Unter all den furchtbaren Nachrichten, die wir täglich bekommen, gibt es ab und zu auch eine schöne: wie zum Beispiel die, daß Goethes West-Östlicher Divan jetzt erstmals ins Persische übersetzt worden ist. Oder daß das Werk von Mawiana Dschalaladin Rumi, Mathnawi, in die chinesische Sprache übertragen worden ist. Warum sind solche Nachrichten so wichtig?

Şehitlik Moschee Berlin
Der große englische Dichter Percy Bysshe Shelley schrieb in seinem Aufsatz Verteidigung der Poesie, ohne die klassische Dichtung sei eine moralische Gesellschaft gar nicht denkbar. Man könne vielleicht ohne die Werke bestimmter Philosophen auskommen, sagt er, aber es sei absolut unvorstellbar, wie der moralische Zustand der Weit wäre, wenn Homer, Dante, Petrarca oder Shakespeare nicht existiert hätten. Denn nur die Poesie besitzt die Macht, die schöpferischen Fähigkeiten des Menschen zur Entfaltung zu bringen. Nur die Poesie kann den Menschen moralisch „besser machen“, indem sie den Geist weckt und das Herz öffnet für neue, edle Ideen. […] Wenn wir nach der poetischen Tradition des Orients forschen, stellen wir auch hier fest: Es waren vor allem eine Reihe deutscher Philologen und Dichter, die den Wert der orientalischen Dichtung, vor allem der aus Persien, richtig einzuschätzen wußten. […] Wenn die persische Poesie hier in Deutschland geliebt und geschätzt wird, dann haben wir das Rückert zu verdanken. Und dies gilt nicht nur für die Poesie Persiens. […] So schreibt Rückert in dem Vorspiel zum Schi-King (Chinesisches Liederbuch) über Die Geister der Dichter
Ich fühle, daß der Geist des Herrn,
Der redet in verschiedene Zungen,
Hat Völker, Zeiten, nah und fern,
Durchhaucht, durchleuchtet und durchsungen,
Ob etwas herber oder reifer,
Ob etwas reicher oder steifer
Ihr seid Gewächs aus einen Kern
Für meinen Liebeseifer
Doch was manch Lied entwickelt, wie
Sollt‘ ich’s auf einmal vor euch offen hie,
Und wer hineinschaut, mag sich spiegeln.
Mög‘ euch die schmeichelnde Gewöhnung
Befreunden auch mit fremder Tönung,
Daß Ihr erkennt: Weltpoesie
Allein ist Weltversöhnung.

[ Auszüge aus dem Vortrag „Weltpoesie: Übersetzung als Völkerverständigung“ von Muriel Mirak-Weißbach auf dem „Festival persischer und deutscher Dichtung“ im April 2002 ]

08. Januar 2015

„(…) weswegen Fanatiker, speziell religiöse, Komik verachten. Sie vertreten eine todernste, einzige ewige Wahrheit, und der Witz – egal wie klug oder lustig er im Einzelfalle sein mag – bedroht diese Wahrheit. Religion (und so manch andere Weltanschauung) ist Wahnsinn im Kleide der Rationalität, Satire und Komik Rationalität im Kleide des Wahnsinns. Das eine muß das andere mißverstehen. Deshalb werden Vertreter des heiligen Ernstes der Komik stets mit Zorn begegnen. Und es ist ihr gutes Recht. Solange sie dies mit denselben Waffen wie Satiriker tun: mit Wort und Bild. Und nicht mit Maschinenpistolen.“
Tim Wolff, Chefredakteur Titanic

08. Januar 2015

(Im weiteren Sinne)
Unter all den furchtbaren Nachrichten, die wir täglich bekommen, gibt es ab und zu auch eine schöne: wie zum Beispiel die, daß Goethes West-Östlicher Divan jetzt erstmals ins Persische übersetzt worden ist. Oder daß das Werk von Mawiana Dschalaladin Rumi, Mathnawi, in die chinesische Sprache übertragen worden ist. Warum sind solche Nachrichten so wichtig?

Şehitlik Moschee Berlin
Der große englische Dichter Percy Bysshe Shelley schrieb in seinem Aufsatz Verteidigung der Poesie, ohne die klassische Dichtung sei eine moralische Gesellschaft gar nicht denkbar. Man könne vielleicht ohne die Werke bestimmter Philosophen auskommen, sagt er, aber es sei absolut unvorstellbar, wie der moralische Zustand der Weit wäre, wenn Homer, Dante, Petrarca oder Shakespeare nicht existiert hätten. Denn nur die Poesie besitzt die Macht, die schöpferischen Fähigkeiten des Menschen zur Entfaltung zu bringen. Nur die Poesie kann den Menschen moralisch „besser machen“, indem sie den Geist weckt und das Herz öffnet für neue, edle Ideen. […] Wenn wir nach der poetischen Tradition des Orients forschen, stellen wir auch hier fest: Es waren vor allem eine Reihe deutscher Philologen und Dichter, die den Wert der orientalischen Dichtung, vor allem der aus Persien, richtig einzuschätzen wußten. […] Wenn die persische Poesie hier in Deutschland geliebt und geschätzt wird, dann haben wir das Rückert zu verdanken. Und dies gilt nicht nur für die Poesie Persiens. […] So schreibt Rückert in dem Vorspiel zum Schi-King (Chinesisches Liederbuch) über Die Geister der Dichter
Ich fühle, daß der Geist des Herrn,
Der redet in verschiedene Zungen,
Hat Völker, Zeiten, nah und fern,
Durchhaucht, durchleuchtet und durchsungen,
Ob etwas herber oder reifer,
Ob etwas reicher oder steifer
Ihr seid Gewächs aus einen Kern
Für meinen Liebeseifer
Doch was manch Lied entwickelt, wie
Sollt‘ ich’s auf einmal vor euch offen hie,
Und wer hineinschaut, mag sich spiegeln.
Mög‘ euch die schmeichelnde Gewöhnung
Befreunden auch mit fremder Tönung,
Daß Ihr erkennt: Weltpoesie
Allein ist Weltversöhnung.

[ Auszüge aus dem Vortrag „Weltpoesie: Übersetzung als Völkerverständigung“ von Muriel Mirak-Weißbach auf dem „Festival persischer und deutscher Dichtung“ im April 2002 ]

08. Januar 2015

„(…) weswegen Fanatiker, speziell religiöse, Komik verachten. Sie vertreten eine todernste, einzige ewige Wahrheit, und der Witz – egal wie klug oder lustig er im Einzelfalle sein mag – bedroht diese Wahrheit. Religion (und so manch andere Weltanschauung) ist Wahnsinn im Kleide der Rationalität, Satire und Komik Rationalität im Kleide des Wahnsinns. Das eine muß das andere mißverstehen. Deshalb werden Vertreter des heiligen Ernstes der Komik stets mit Zorn begegnen. Und es ist ihr gutes Recht. Solange sie dies mit denselben Waffen wie Satiriker tun: mit Wort und Bild. Und nicht mit Maschinenpistolen.“
Tim Wolff, Chefredakteur Titanic

07. Januar 2015


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Peter Brüchmann, Galerie Hiltawsky, 19. Juni 2014. „(…) ist ein deutscher Fotograf. Er porträtierte die Bühnen- Film- und Musikstars der 1950er bis 1980er Jahre. Brüchmann wuchs in Berlin auf. Von 1949 bis 1952 machte er eine Lehre bei der Mode- und Porträtfotografin Lotte Söhring. (…) 1958 wurde er kurzzeitig Bildreporter im Berliner Büro der Frauenzeitschrift Constanze, Ende 1958 zog Brüchmann nach Hamburg, wo er weiterhin für Constanze, sowie für Schöner Wohnen und Stern tätig war. 1963 wurde er Redaktionsfotograf bei der Bild am Sonntag. 1964 wechselte er nach München, wo er anfangs für die Zeitschrift Revue arbeitete. Von 1966 bis 1967 war Brüchmann Fotograf bei der Zeitschrift Quick. 1961 dokumentierte er den Besuch der Beatles (…) in Hamburg, eine Reportage, die 1966 in der Quick erschien. Seit 1968 war er freiberuflich als Fotograf unter anderen für Quick, Freundin, Playboy, Lui und vor allem für twen tätig. Brüchmann porträtierte die Bühnen- Film- Literatur- und Musikstars der 1950er bis 1980er Jahre, anfangs in Schwarz/Weiß, später in Farbe. 1967 und 1968 entstanden auf dem Münchner Filmball des Burda-Verlags zahlreiche Aufnahme, bekannt sind die dort entstandenen Fotografien von Romy Schneider. (…) Die Fotosammlung des Deutschen Historischen Museums (DHM) in Berlin besitzt 49 Schwarzweiß- und 38 Farbabzüge seiner Arbeiten aus den Fünfziger bis Achtziger Jahren. Brüchmann lebt in Berlin.“








„Brüchmanns grosse Passion aber waren die Frauen. Die Begegnung mit einer ihn faszinierenden Frau und die Aussicht, sie zu fotografieren. (…) Das erste, was Hannelore Elsner bei einem Umzug an die Wand der neuen Wohnung pinnt, ist das abgegriffene Foto, das Brüchmann früh von ihr gemacht hat.“.


Peter Brüchmann war an diesem Abend nicht anwesend, was sehr schade war. Es ist ihm nicht mehr möglich, so etwas wahrzunehmen. Es hätte ja sein können, dass er trotz seiner zweiundachtzig Jahre noch Kraft für einen Ausflug innerhalb von Berlin hat. Das war auch die einzig mir verständliche Erklärung, und es hat mich auch ein wenig erschüttert. Seine Bilder, die wir sehen, bleiben ewig jung, auf der Höhe der Kraft der Abgebildeten, das Zeugnis des Blickes von einem Menschen, der die Gabe hatte, das ganze Zusammenspiel von Licht und Gegenwärtigkeit zu ermöglichen und den Zeitpunkt zu erfassen, und das Bild auszulösen. Das Bild aus-lösen, herauslösen aus dem Strom der Zeit, der Vergänglichkeit, gebannt für alle Ewigkeit. Amen. Als ich in das Gästebuch schrieb, wusste ich, dass er es gar nicht lesen wird können. Er wird es nie erfahren. Nicht einmal mehr, wo überall seine Bilder in Ausstellungen gezeigt werden. Aber vielleicht ist es auch weniger schmerzhaft, als wir uns das im vollen Besitz unserer geistigen Kräfte und unseres Erinnerungsvermögens vorstellen können. Vielleicht sehnt man sich auch nicht so sehr nach etwas, das man kaum erinnern kann. Und schwelgt dafür in dem, das tief verankert ist. Vielleicht ist sein Geist ja noch in der Zeit dieser Bilder. Und die Gegenwart nur ein flüchtiger Ablauf von ähnlichen Bildern, nicht wichtig genug, um erinnert zu werden. Kaum jemand kennt heute den Namen Peter Brüchmann. Anders als F.C. Gundlach. Aber seine Bilder kennen wir. Es gibt einen Namen dazu. Als ich vor einigen Tagen die Aufnahmen veröffentlichte, die ich von Michael Ballhaus und Christian Brückner gemacht habe, konnte ich gar nichts schreiben, weil das von mir zwischen den Bildern verlinkte Video auch alles sagt, was mich bewegt. Man muss auch niemandem erklären, wer Michael Ballhaus ist. Peter Brüchmann vielleicht schon. Deshalb schreibe ich es hier noch einmal ins Internet: Danke für Ihr schönes Werk, lieber Herr Brüchmann. Auch wenn Sie das niemals lesen werden. Aber vielleicht können Sie es ja irgendwie fühlen, irgendwo irgendwann.








04. Januar 2015


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Beharrungsvermögen und Esprit, Konzentration und Reaktion. Schnelligkeit und ein siebter Sinn. Verbindliches Wesen, Geduld. Erotischer Intellekt, Eleganz. Dynamik, Disziplin, Spannkraft. Hingabefähigkeit. Kontrolliert eruptive Spontaneität. Hohe Flexibilität und Kultiviertheit. Tänzerische und Sprachbegabung. Keinesfalls örtliche Gebundenheit. Gesundheitliche Stabilität. Körperliche Belastbarkeit. Ein ansprechendes, überdurchschnittlich gepflegtes und trainiertes, zeitgemäßes Erscheinungsbild mit gleichbleibender, branchenüblicher Konfektionsgröße wird als selbstverständlich vorausgesetzt. Fotomodell. Dafür muss man geboren sein. Und keinesfalls divenhaft. Obwohl man jederzeit divenhaft aussehen können muss. Daran erkennt man einen Profi.


Ximena ist Italienerin. Eine hoch gewachsene. Eine Erscheinung. Sie tauchte in der Galerie mit Steve auf, den Jan schon recht lange kennt und auch oft abgelichtet hat. Bei manchen Kreaturen spürt man einen Impuls im Bereich, der für Instinkt zuständig ist, er befiehlt dem Handgelenk, die Kamera anzuwerfen, auch wenn sie vorher im absoluten Tiefschlaf war. Dass keine umständlichen Erlaubnisverhandlungen erforderlich sind, wie gelegentlich bei Privatdiven, macht alles noch selbstverständlicher, als ohnehin schon. Virtuos einfach. In einer Sekunde ein spannungsgeladene Pose, in der nächsten das Gegenteil, völlige Unaffektiertheit. Ich kenne Frauen, die schauen Männer, und zwar nur Männer, gezielt an, wie es Ximena in ihrem fotografisch motivierten Rollenspiel treibt. Und wenn eine Frau in die Sichtachse kommt. erstarrt die Rolle für einen Moment zum Gefrierpunkt. Das ist der Unterschied zwischen einer privat tätigen Femme Fatale und einem Fotomodell. Das Modell verkauft die Ware lasziver Blick. An alle, die sie brauchen. Ohne geschäftliches Feindbild. Wenn man gerne laszive Blicke wirft, ohne diesen Beruf ausuzüben, ist man gut beraten, seinen Radius nicht zu deutlich geschlechtsspezfisch zu definieren. Es ist ein noch schöneres Spiel, auch mit Menschen zu flirten, die nicht zur erotischen Zielgruppe gehören. Es vergrößert die Lebenslust, die Lebensfreude. Kleiner Abschweif. Ich mochte diese Situation mit Ximena und Steve. und Jan natürlich. Sie war nur für wenige Tage in Berlin und Jan hat sie am Tag darauf noch einmal fotografiert. Auch sehr schön. Wenn ich nicht fotografieren würde, hätte ich kaum Anlass zu solchen Events zu gehen. Sobald Jan da ist, ergibt sich eine besondere Dynamik, die ich mag. Und ihm geht es umgekehrt ebenso, glaube ich. Weiß ich. Das ist schön und unterhaltsam. Meistens kann ich es verstehen, wenn ihm jemand fotografisch besonders interessant erscheint. Denn oft empfinde ich es genauso. Ximena einzufangen war eine Freude.



04. Januar 2015


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Beharrungsvermögen und Esprit, Konzentration und Reaktion. Schnelligkeit und ein siebter Sinn. Verbindliches Wesen, Geduld. Erotischer Intellekt, Eleganz. Dynamik, Disziplin, Spannkraft. Hingabefähigkeit. Kontrolliert eruptive Spontaneität. Hohe Flexibilität und Kultiviertheit. Tänzerische und Sprachbegabung. Keinesfalls örtliche Gebundenheit. Gesundheitliche Stabilität. Körperliche Belastbarkeit. Ein ansprechendes, überdurchschnittlich gepflegtes und trainiertes, zeitgemäßes Erscheinungsbild mit gleichbleibender, branchenüblicher Konfektionsgröße wird als selbstverständlich vorausgesetzt. Fotomodell. Dafür muss man geboren sein. Und keinesfalls divenhaft. Obwohl man jederzeit divenhaft aussehen können muss. Daran erkennt man einen Profi.


Ximena ist Italienerin. Eine hoch gewachsene. Eine Erscheinung. Sie tauchte in der Galerie mit Steve auf, den Jan schon recht lange kennt und auch oft abgelichtet hat. Bei manchen Kreaturen spürt man einen Impuls im Bereich, der für Instinkt zuständig ist, er befiehlt dem Handgelenk, die Kamera anzuwerfen, auch wenn sie vorher im absoluten Tiefschlaf war. Dass keine umständlichen Erlaubnisverhandlungen erforderlich sind, wie gelegentlich bei Privatdiven, macht alles noch selbstverständlicher, als ohnehin schon. Virtuos einfach. In einer Sekunde ein spannungsgeladene Pose, in der nächsten das Gegenteil, völlige Unaffektiertheit. Ich kenne Frauen, die schauen Männer, und zwar nur Männer, gezielt an, wie es Ximena in ihrem fotografisch motivierten Rollenspiel treibt. Und wenn eine Frau in die Sichtachse kommt. erstarrt die Rolle für einen Moment zum Gefrierpunkt. Das ist der Unterschied zwischen einer privat tätigen Femme Fatale und einem Fotomodell. Das Modell verkauft die Ware lasziver Blick. An alle, die sie brauchen. Ohne geschäftliches Feindbild. Wenn man gerne laszive Blicke wirft, ohne diesen Beruf ausuzüben, ist man gut beraten, seinen Radius nicht zu deutlich geschlechtsspezfisch zu definieren. Es ist ein noch schöneres Spiel, auch mit Menschen zu flirten, die nicht zur erotischen Zielgruppe gehören. Es vergrößert die Lebenslust, die Lebensfreude. Kleiner Abschweif. Ich mochte diese Situation mit Ximena und Steve. und Jan natürlich. Sie war nur für wenige Tage in Berlin und Jan hat sie am Tag darauf noch einmal fotografiert. Auch sehr schön. Wenn ich nicht fotografieren würde, hätte ich kaum Anlass zu solchen Events zu gehen. Sobald Jan da ist, ergibt sich eine besondere Dynamik, die ich mag. Und ihm geht es umgekehrt ebenso, glaube ich. Weiß ich. Das ist schön und unterhaltsam. Meistens kann ich es verstehen, wenn ihm jemand fotografisch besonders interessant erscheint. Denn oft empfinde ich es genauso. Ximena einzufangen war eine Freude.



03. Januar 2015


Director’s Pick. Jan hatte vier Bilder. Paula, Kitty, eine blonde Italienerin und Anna. Das von Anna gefiel mir am besten, weil es impulsiv wirkt. Ich war überrascht, wie erwachsen sie ist, weil ich noch die beinahe kindliche Anna von vor fünf Jahren im Kopf hatte. Damals wie heute fasziniert mich die große Ähnlichkeit mit ihrem Vater. Wie sich sein Züge in einer weiblichen, anmutigen Version zeigen. Und die Freundinnen waren auch interessant zu beobachten, wie man spürte, dass ihnen die Situation einer Ausstellungseröffnung nicht so vertraut ist, sie sich aneinander orientieren, und immer Ausschau nach der anderen halten. Ich nehme an, sie sind danach noch in irgendeinen Club oder eine Bar, so schön aufgebrezelt wie sie waren. Diese vier Grazien. Mit ihren sexy Stiletto-Sandaletten, die die sowieso schon langen Beine noch länger machten. In dem Szenario tauchte noch eine weitere Grazie auf, die in Begleitung kam, eine sehr fotogene Italienerin, die auch ihr Geld damit verdient. Eine Erscheinung, so makellos, dass selbst das Tageslicht nichts zutage fördert, was man retuschieren müsste. Es ist nicht immer nur Retusche zu verdanken, wenn jemand beeindruckend aussieht. Die Bilder von Ximena nehme ich in eine extra Strecke, weil es trotz des identischen Ortes eine andere Situation war und es sehr viele sind.

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An diesem Abend hat mich auch ein älterer Mann (ca. 58 – 62) angesprochen, der unter den Gästen war. Da war ich froh, dass ich mit Irina ein Gegenüber hatte, das mich seiner Ansprache ausweichen ließ. Man ist nicht gut beraten, wenn man im fortgeschrittenen Alter noch denselben Kleidungsstil pflegt, der vor ca. fünfunddreißig bis vierzig Jahren als angesagte, lässige born-to-be-wild-Moderichtung für etwa Zwanzigjährige gelten konnte. Und dazu dann die passende Ansprache mit taxierendem Blick von oben nach unten. Wie damals in der Disco. So hieß das früher. Er wollte mir aber nicht seine Schallplattensammlung zeigen, sondern irgendwie experimentell von mir fotografiert werden, weil er es ‚drauf hätte‘ das zu beurteilen, da er ‚vom Fach‘ sei, ob ich was ‚drauf hätte‘. Danke, liebe Irina, dass du so tapfer an meiner Seite geblieben bist. Ich finde es nicht gerade einfach, wie man so jemandem beibringt, der das alles ja vermutlich durchaus nett und höflich und so weiter meint, und damit vielleicht in einer früheren Ära Erfolge erzielen konnte, dass er wirklich nicht im allergeringsten mein Interesse zu wecken vermag. Weder fotografisch noch erotisch. Also, so beizubringen, dass die Atmosphäre nicht komplett ins Griesgrämige kippt. So weit ich mich erinnere, habe ich mich damit aus der Affäre gezogen, ihm mitzuteilen, dass ich keine Zeit für die von ihm angedachten Experimente hätte, da wirklich sehr, sehr, sehr, sehr viel zu tun, und es deshalb auch keinen Sinn hätte, dass er mir seine Telefonnummer aufschreibt. Ob er in ca. zwei Jahren nochmal nachhaken dürfte? Das sieht ganz schlecht aus. In zwei Jahren habe ich voraussichtlich genauso viel zu tun. Tut mir ja sehr leid. Zum Glück musste ich nicht nur so tun, als ob ich mich dringend mit Irina unterhalte wollte, ich wollte es wirklich, und es war wie jedes mal sehr interessant. Der gute Mann hat seine Schallplatte dann noch an anderer Stelle ein weiteres Mal abgespielt. Mit etwas mehr Erfolg, wie es aussah. Irina und ich amüsierten uns, dass eine uns beiden sehr wohl bekannte Frau tatsächlich zugelassen hat, dass er mit seiner Pranke über ihren Hintern streift. Man wusste nicht, ob man lachen oder weinen soll. Irina und ich sind dann gemeinsam über den Winterfeldplatz zu unserer U-Bahn am Nollendorfplatz gegangen und haben weiter geredet. Fast hätte ich vergessen auszusteigen, vor lauter Gequatsche. Irina ist die Frau rechts im Fenster mit den Blumen, und auf dem letzten Bild ganz unten, von hinten. Ich habe sie schon häufiger fotografiert. Sie malt und macht auch Animationsfilme. Ich mag sie richtig gerne.








02. Januar 2015


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Viele Fotografen da. Rührt daher, dass es nicht nur die Eröffnung der Ausstellung des italienischen Fotografen Davide Monteleone war, sondern einer neuen Galerie, die zu einem Fotografie-Verlag gehört, der Kehrer Galerie vom Kehrer-Verlag. Da ist man gerne präsent. Zum Beispiel der Herr mit den grauen Schläfen, der sich so angeregt mit Jan unterhält und ein bißchen an Clint Eastwood in die Brücken am Fluss erinnert, ist der Fotograf Peter Maurer. Dass er nun auch viel durch Afrika gereist ist und dort für Reportagen fotografiert hat, ist ein Detail, wo ich denke, dass Filmfiguren doch oft eine lebensnahe Vorlage haben. Nichts wird wirklich erfunden. Alles sind Fragmente von Erinnerungen in einem neuem Kontext.





Man könnte zu jedem Einzelnen auf den Bildern etwas erzählen, aber ich habe nicht mit allen gesprochen. Mit einigen ja. Manche kenne ich auch ein bißchen näher. Es war recht voll, es gibt eine große Fotografenszene in Berlin. Bis vor der Tür standen sie, hätte ich jetzt fast geschrieben, aber gerade fällt mir ein, dass die beträchtliche Gruppe vor der Tür da draußen in der Mainacht stand, weil man dort rauchen kann. Jan und ich haben dort noch einen sehr netten Maler getroffen, den Herrn Zwinger, der auch seine Frau dabei hatte und wir vier sind dann die Potsdamer Straße nach oben gelaufen und rechts abgebogen, in ein Lokal, wo man draußen sitzen konnte. Und essen und trinken. War ein sehr anregender und lustiger Abend, auch weil der Herr Zwinger so lustig erzählen kann. Und seiner Frau habe ich von meiner Wienreise erzählt. Als es darum ging, wen ich da traf, also zwei Männer aus meiner Vergangenheit, hat der Herr Zwinger sehr die Ohren gespitzt. Ich musste schon wieder über ihn lachen. Was auch sehr ungewöhnlich war, also für mich, mal so unter vier – ach nein – es waren ja insgesamt acht Augen, die von Jan und seiner Frau mitgetrechnet, also jedenfalls im allerkleinsten Kreis einmal mit jemandem zu sprechen, der sich in einer Liga bewegt, von der viele träumen. Ich kann mich immer noch nicht über den Satz einkriegen „Die Vermögensplanung ist abgeschlossen.“ Mit so einem desinteressierten Tonfall. Langweilig, diese Geldgespräche. So ungefähr. Es ist also menschenmöglich, dass man mit seiner Kunst richtig gutes Geld verdienen kann, und dabei ganz unaufgeregt und unehrgeizig wirkt. Macht aber auch richtig gute Sachen, der Herr Zwinger. War also ein sehr bereichernder Abend.






31. Dezember 2014


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Sehr geehrte Fluggäste, hier spricht Ihr Kapitän. Ich heiße Sie recht Herzlich Willkommen an Bord unseres Passagierflugzeuges Embraer 190. Zunächst einmal möchte sich die ganze Crew im Namen von Airberlin und Flyniki bei Ihnen für die Verspätung entschuldigen. Sicher ist Ihnen nicht entgangen, dass der Schalter beim Gate eine ganze Weile unbesetzt war, bis wir dann doch noch eine Crew gefunden haben, die Sie heim nach Berlin bringen kann. Es ist nun ein Flyniki-Flieger geworden, wie Sie an der Aufschrift einwandfrei erkennen können. Aber wir sind ja alle eine große Familie. Wien und Berlin sind ja schon immer in Sympathie verbunden und nun auch in der Luftfahrt! Aber ich will nicht länger herumreden, wir haben schon genug Zeit vertan! Das Wetter in Schwechat ist im Moment eh nicht so schön, dass Sie sicher auch froh sind, wenn wir die Wolkendecke durchbrechen. Ich hoffe, Sie hatten einen recht schönen Aufenthalt in Wien und freuen uns, wenn Sie uns wieder einmal beehren. Das gilt ganz besonders für unseren Fluggast aus Berlin, Frau Gaga Nielsen, da hinten am Fensterplatz, wenn Sie sich bittschön einmal umdrehen, die besonders viele und prachtvolle Fotos von ihrem Aufenthalt in unserer schönen Landeshauptstadt gemacht hat. Mein Copilot hat mir gerade noch geflüstert, dass sie dazu auch eifrig ins Internet geschrieben hat. Da müssens halt einmal einischauen, wannmer wieder am Boden sind! Solche Botschafter braucht unsere Stadt! Ich werde der Chef-Stewardess gleich noch mitteilen, dass sie der Dame zum Dank ein Glaserl Champagner bringt, mit besten Grüßen vom Kapitän! Habe die Ehre. So, jetzt aber los – mir san spät dran! Und eh ich’s vergesse: allen anderen Fluggästen natürlich auch einen spitzenmäßigen Start ins neue Jahr! Let’s take off, kommts gut rüber! Mir wären dann so weit, leb wohl Wien!






: : alle Wiener Geschichten : :

30. Dezember 2014

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*(…) Dein Auge hat mein Aug erschlossen, du sahst mich an, da ward es Tag. Mit Licht und Farbe war umflossen, was einst im Graun der Nächte lag. Zur Freude bin ich auserkoren, ich träum in liebetrunkner Ruh. Ich lächle gar, in Lust verloren, der dunklen Zukunft heiter zu. Und mir gehört das Nah und Ferne, mir mehr, als singen kann mein Lied. Wer zählt noch da die goldnen Sterne, wenn er den ganzen Himmel sieht. **Weil auf mir, du dunkles Auge, übe deine ganze Macht, ernste, milde, träumereiche, unergründlich süße Nacht. ***Dein Auge ist mein Himmel, darein ich selig schau, ein hoher Friede schwebet In seinem Wunderblau. Mein Abendstern die Träne, die mild darinnen steht, die küss ich Dir vom Auge, das ist mein Nachtgebet. ****Hüte dein Auge, bewache es immer, denn deine Seele, sie zeigt sich darin. Sei es in sanftem, erbarmendem Schimmer, sei es verdüstert von grollendem Sinn. Gutes und Böses bereiten die Hände, Segen und Fluch, sie entquellen dem Mund. Aber durch wundergeheime Verbände thun sie vorher schon im Blicke sich kund. Hüte dein Auge; bewache es immer. Nicht wegen anderen, sondern für dich. Täuscht dich sonst alles, das Auge trügt nimmer, denn auch nach innen entschleiert es sich. Hüte dein Auge, bewache es immer. (…)

*Hoffmann von Fallersleben 1798-1874 **Nikolaus Lenau 1802-1850 ***Bernhard Scholz 1831-1871 ****Karl May 1842-1912
: : alle Wiener Geschichten : :

30. Dezember 2014

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*(…) Dein Auge hat mein Aug erschlossen, du sahst mich an, da ward es Tag. Mit Licht und Farbe war umflossen, was einst im Graun der Nächte lag. Zur Freude bin ich auserkoren, ich träum in liebetrunkner Ruh. Ich lächle gar, in Lust verloren, der dunklen Zukunft heiter zu. Und mir gehört das Nah und Ferne, mir mehr, als singen kann mein Lied. Wer zählt noch da die goldnen Sterne, wenn er den ganzen Himmel sieht. **Weil auf mir, du dunkles Auge, übe deine ganze Macht, ernste, milde, träumereiche, unergründlich süße Nacht. ***Dein Auge ist mein Himmel, darein ich selig schau, ein hoher Friede schwebet In seinem Wunderblau. Mein Abendstern die Träne, die mild darinnen steht, die küss ich Dir vom Auge, das ist mein Nachtgebet. ****Hüte dein Auge, bewache es immer, denn deine Seele, sie zeigt sich darin. Sei es in sanftem, erbarmendem Schimmer, sei es verdüstert von grollendem Sinn. Gutes und Böses bereiten die Hände, Segen und Fluch, sie entquellen dem Mund. Aber durch wundergeheime Verbände thun sie vorher schon im Blicke sich kund. Hüte dein Auge; bewache es immer. Nicht wegen anderen, sondern für dich. Täuscht dich sonst alles, das Auge trügt nimmer, denn auch nach innen entschleiert es sich. Hüte dein Auge, bewache es immer. (…)

*Hoffmann von Fallersleben 1798-1874 **Nikolaus Lenau 1802-1850 ***Bernhard Scholz 1831-1871 ****Karl May 1842-1912
: : alle Wiener Geschichten : :

29. Dezember 2014

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Mal langsam Richtung Gate bewegen, dachte ich um Zwei rum. Der Monitor zeigte auch ordnungsgemäß meinen Flieger nach Berlin an. Noch mal Händewaschen. So sagt man unter Damen, habe ich erst neulich gelernt, wenn man aufs Klo muss, fragt man, wo man sich bitte mal die Hände waschen kann. „Ich müsste mir mal die Hände waschen – – bitte wo?“ So ist das bei feinen Leuten.


Ach, da ist ja mein Gate! C 40. Schon schick die Sitzmöbel. Direkt stylish. Wirkt nicht billig! Das rechne ich Wien ja überhaupt hoch an, dass auf Qualität geachtet wird, auch bei der Stadtmöblierung. Obwohl ich bin ja gar nicht mehr in Wien. Aber das will man ja nicht wahrhaben. Man möchte nicht denken müssen: „Ach, Schwechat – ich muss dich lassen!“ Das klingt einfach nicht. Auch nicht im eigenen Kopf. Das stimmt hinten und vorn nicht. Nein, wir sind bitte auf dem Flughafen von Wien, ist doch jetzt wurscht, wo der liegt. Wir wollen auf den letzten Metern nicht kleinlich werden. Ah, da rechts vom Gate ist ja ein Pfeil zu einer Treppe nach unten und das bekannte Piktogramm für „Händewaschen“. Die Frau mit dem Rock. Immer einen Rock anziehen zum Händewaschen! Nicht, dass sich Männer neben Frauen Hände waschen und es zu Verwechslungen kommt. Es ist eine Wissenschaft. Habe ich eigentlich schon einmal erzählt, dass ich gerne auch mal – also natürlich nur im Notfall – durch die Tür mit dem anderen Piktogramm mit den Hosenbeinen gehe, wenn ich ganz dringend Hände waschen muss, und gerade alle Waschbecken hinter der Tür mit dem Damenpiktogramm besetzt sind? Ich würde ja sonst ewig nicht an den Seifenspender kommen. Und die Papierhandtücher wären dann ja womöglich auch schon vergriffen. Hände waschen ohne Abtrocknen ist meine Sache nicht! Auch da bin ich gewissermaßen Perfektionistin. Aber um wieder auf Schwechat bzw. den Flughafen Wien zurückzukommen: hier war es in keinster Weise erforderlich, heimlich durch die Tür mit dem Hosenpiktogramm zu schlüpfen, weil keinerlei Andrang herrschte. Ich hatte das ganze kleine Reich für mich und habe noch ein paar Minuten mit der Dokumentation des Handwaschbeckens zugebracht. Dem zentralen Möbelstück. Auch das könnte Menschen, die noch nie in Wien waren, interessieren: wie schauen sämtliche Waschbecken in den Handwaschräumen aus? Bitte sehr.


Mein Urteil: summsummarum ausreichend modern. So. Fertig mit Händewaschen. Ich gehe dann mal langsam wieder nach oben zu meinem Gate C 40. Da müsste doch jetzt in den nächsten Minuten eigentlich der ersehnte Schriftzug mit dem aufgeregt blinkenden boarding auf dem Monitor erscheinen. Hey! Ich kenne mich da aus.

Nun wird es also langsam ernst. Es ist schon ein bißchen über die Zeit, aber das soll uns nicht aus der Ruhe bringen. Ich setze mich jetzt lieber auch noch mal hin, bevor kein Platz mehr frei ist. Es werden doch immer mehr Leute jetzt, die scheinbar alle in meinen Flieger nach Berlin wollen. Ab halbdrei fängt das Volk ein bißchen an zu grummeln, weil das Boarding-Wort nicht nur nicht auf dem Monitor erscheint, sondern auch keinerlei Bodenpersonal hinter unserem C 40-Gate. Das wäre erfahrungsgemäß dann doch von Nutzen. Einer muss ja auch die Tür zur Brücke, der Röhre da aufsperren, die zum Flugfeld geht. Ich stehe wieder auf und schaue auf die Hängeterminals in der Halle. Da blinkt tatsächlich „Boarding“ neben unserer Fluganzeige. Für ein paar Sekunden. Überall sogar. Dann hört es wieder auf. Die Meute wird nervös! Ein paar hektisch wirkende Flugbegleiterinnen von flyniki, der Niki Lauda-Fluglinie schwirren an unserem Gate herum und wirken ein bißchen peinlich berührt. Warum nur? Also kein Boarding. Jetzt ist es schon fünf nach drei. Was man schon geahnt hat: es gibt wohl eine kleine Verspätung. Nach mehrmaligem, weiteren Boarding-Geblinke hört es wieder auf und endlich hat der für die Anzeige zuständige Flughafen-Mitarbeiter die richtigen Tasten gefunden, mit denen man das Wörtchen „delayed“ einblenden kann. Und die Zeit. Die neue Abflugzeit 16:50 Uhr. Also noch mal knapp zwei Stunden Zeit zum Händewaschen. Picobello werde ich in Berlin eintreffen.

So sauber werden meine Fingernägel schon lange nicht mehr gewesen sein. Immerhin habe ich jetzt Zeit, mir die schönsten Ecken der Abflughalle noch einmal in Ruhe anzuschauen und auch von jedem einzelnen Barhocker Abschied zu nehmen. Ich könnte mir sogar noch einen richtigen Kaffee von der Kaffeebar holen. Mit Schlagobers wird es nicht geben, das können die modernen Automaten ja nicht. Aber mit so einer schaumigen Milch. Ich will in dieser Situation auch nicht päpstlicher als der Papst sein. Man muss eben Abstriche machen! Ich könnte mich auch mit dem Kaffeebecher noch einmal still gedenkend, also zu einer Abschiedsmeditation vor das Mannerschild setzten. Vielleicht ist sogar die Kronen-Zeitung noch auf dem Müllschlucker. Von der könnte ich mich dann auch verabschieden. In aller Ruhe. Jetzt, wo ich Zeit habe, eröffnen sich so viele Möglichkeiten! Herrlich. Vielleicht lese ich auch noch einmal meinen Kaffeehausführer von vorn bis hinten gründlich durch. Nicht nur so husch husch, wie die letzten Tage, wo man hektisch vor Aufbruch nach einem bestimmten Lokal geblättert hat. Oder ich könnte schauen, ob ich eine Steckdose für meinen Klapprechner finde, ich habe ja nur den Netzadapter mitgenommen und keinen Akku zusätzlich, der ist mir zu schwer fürs Gepäck. Ich bin ja nicht so der Typ, der jede freie halbe Stunde ins Internet schauen muss oder auf der Tastatur herumspielen. Aber wenn ich noch über anderthalb Stunden Zeit habe, könnte es sich direkt lohnen. Vielleicht hat mir sogar wer eine Mail geschrieben! Aber zuallererst noch einmal in aller Ruhe die Architektur der Abflughalle auf mich wirken lassen. Jetzt, wo endlich Zeit dafür ist. Vor lauter Eier pellen und Kronen-Zeitung lesen bin ich ja noch gar nicht dazu gekommen. Man kommt ja zu nichts. Im Grunde, direkt ein Gottesgeschenk, so eine Verspätung.
: : alle Wiener Geschichten : :

28. Dezember 2014

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Wie lange braucht man von Wien nach Schwechat mit dem Taxi? Keine dreiviertel Stunde? Mir war so. Schaut man in einer Suchmaschine, wie lange das dauert, heißt es ca. 25 Minuten, je nach Verkehrsaufkommen und Bezirk. Aber eine gute halbe Stunde war es schon. Die Wiener Stadtgrenze war schon noch zehn bis fünfzehn Minuten von Wieden entfernt. Und geregnet hat es weiterhin. Auch dehnt sich die Wahrnehmung der Zeit, wenn man sich nicht unterhält. An den Fahrer kann ich mich nicht erinnern. Es war ein Mann und er war eher der diskrete Fahrer, der den Fahrgast nicht als potentiellen Empfänger seiner Einschätzung der Weltlage betrachtet. Was aber mitunter auch amüsant sein kann. Ich bin da immer recht offen. Er aber war also geradezu stumm und ich hatte Gelegenheit, meinen Gedanken nachzuhängen und Wien und Niederösterreich durch die verregnete Scheibe auf mich wirken zu lassen. Die Flughafenstrecke. Sie ist, je näher man dem Flughafen kommt, wie es oft so ist, recht ernüchternd. Kein einziges Barockpalais, kein Kaffeehaus säumt den Weg. Die Beschilderung hat eine furchtbar nüchterne Typographie. Geradezu neuzeitlich. Wenn man noch nicht in Wien war, wie ich bei der umgekehrten Route, eine Woche vorher, weiß man ja nur diffus, was einen am Fahrziel erwartet, hat das eine oder andere Bild im Kopf. Aus Filmen, Dokumentationen, Zeitschriften. Das schon auch dem entspricht, was man vorfindet. Aber ich kenne es auch, dass man sich innerlich ein geschlossenes Bild von einem schönen Ort macht, und dann ernüchtert feststellt, dass sich das Schöne und Postkartenhafte auf ein paar wenige Straßenzüge beschränkt, auf einen ganz eingegrenzten Bereich. Und obwohl ich hauptsächlich auch im exclusivsten Ghetto der Weltkulturerbe-Schönheiten Wiens unterwegs war, im ersten Bezirk, habe ich keine so scharfe Abgrenzung wahrgenommen. Man muss nicht so sehr mit der Lupe in nicht so ganz inneren Bezirken nach vergleichbar Sehenswertem suchen, wie in manchen anderen Städten, die im Krieg sehr gelitten haben. Wenn man dann also im Taxi den umgekehrten Weg nimmt, und Wien verinnerlicht hat, als komplexes, organisches Wesen, in dem sich Zell- und vielleicht auch Bakterienstämme erhalten und weiter entwickeln konnten, die woanders ausgerottet sind, und schlagartig mit der nüchternen Industrielandschaft auf dem Weg nach Schwechat konfrontiert ist, ist es ein bißchen ein Gefühl wie vom Markusplatz in Venedig zu einem Reisebusparkplatz in einer italienischen Vorstadt katapultiert zu werden. Kein Kanal, keine Gondel, kein Renaissancepalast, kein bröckelnder Putz. Die Wiener Altstadt ist halt Venedig. In Prag habe ich auch sehr schöne Patina gesehen. Das war auch zauberhaft. Paris auch. Aber ich kann überhaupt kein tschechisch, so weit sind die familiären Herkunftswurzeln nicht gewachsen. Aber Österreichisch ist mir keine so dermaßen fremde Fremdsprache. Französisch hingegen verstehe ich nurmehr rudimentär, weil ich zu faul war, es zu pflegen, da geht mir auch das Herz nicht auf. Aber ein Begriff wie Mehlspeise hat in meiner Familie Tradition, das ist halt verwurzelt. Und dieser und jener. Mein Großvater hat auch immer nur vom Stiegenhaus gesprochen. Treppe war für ihn ein hochdeutsches Fremdwort. Das habe ich ja alles schon einmal erhellt. In Wien habe ich kein Gefühl von Fremdheit gehabt, im Gegenteil. Manchmal fast schon erschütternd familiär. Die ganzen Ausdrücke. So wie mir in Prag die Küche ebenso erschütternd familiär vorkam. Da war es nur die Küche. Lange her. Irgendwann Mitte der Neunziger war ich für sechs Tage in Prag. Damals mit einem Liebhaber, der sehr ortskundig war. Aber das ist eine andere Geschichte. Denn nun war ich im Taxi nach Schwechat. Sehr zeitig am Flughafen. Eigentlich zu früh, vielleicht Viertel vor Zwölf. Um Eins würde erst das Einchecken beginnen für den Flug nach Berlin, der für Punkt fünfzehn Uhr terminiert war. Für die überstürzte Besichtigung von noch irgendeiner Sehenswürdigeit in Wien hätte ich keine Nerven gehabt, mit dem Gepäck. Lieber ein bißchen Zeit totschlagen am Flughafen. Nach Parfüm und Souvenirs kaufen stand mir nicht der Sinn. Meine Souvenirs sind halt meine Bilder. Parfüm hab ich auch noch. Der Schalter für meinen Flieger war schon früher besetzt und ich konnte schon das Gepäck aufgeben und durch die Sicherheitskontrolle. Ich schaute in der Abflughalle, wo ich möglichst bequem und ungestört sitzen könnte. Da ist diese große Wand mit der rosa Manner-Reklame. Gegenüber an der Wand waren mehrere Sitzplätze für Behinderte ausgewiesen und noch einer extra für eine Begleitung. Auf den hab ich mich gesetzt.

Außer mir war da niemand. Eine ungestörte Ecke, in all dem Trubel, obwohl alle Reisenden daran vorbeilaufen, es ist der Eingang in die Abflughalle. Aber der ist recht breit, man kann den Menschenstrom wie einen vorbeiziehenden Fischschwarm betrachten. Ich hatte noch ein bißchen Proviant, zwei oder drei hart gekochte Eier und Äpfel. Ein Kaffeeautomat war glaube ich auch in der Nähe. Auf dem festgeschraubten Abfalleimer neben den Sitzen lag eine vergessene Kronen-Zeitung. Davon hatte ich schon einmal gehört. So eine Art Wiener Bild-Zeitung. Im Flieger nach Wien saß ein Herr neben mir, der u. a. auch die Kronenzeitung als Lektüre dabei hatte. Ich konnte das Titelblatt lesen. Bzw. anschauen. So viel zu lesen war da nicht. Lauter Herzen waren drauf. In jedem Herz war das Foto von einer europäischen Prinzessin oder Adligen, die gerade Nachwuchs gekriegt hat. Also Viktoria von Schweden und Duchess Kate und noch eine. Das hätte ich mir jetzt auf der Bild-Zeitung nicht so richtig vorstellen können. Die Prioritäten sind doch irgendwie anders. Ich glaube, die Herzen waren auch noch rosa umrandet. Wie eine Barbiepuppen-Zeitung für kleine Mädchen. Ich habe mir die Kronen-Zeitung vom Müllschlucker genommen und zum Zeitvertreib darin geblättert. Diesmal waren keine Adligen drauf. Ich habe vergessen, was die Schlagzeilen vom 16. Mai waren. Die Zeitung war auch schnell durchgeblättert. Sport war auch drin. Und Meldungen von anderen österreichischen Bundesländern. Und ein bißchen Conchita, die ja gerade den Grand Prix gewonnen hatte. Aber das war ja auch schon wieder eine Woche her. Am interessantesten war für mich, dass in den Klatschspalten – wobei ja fast die ganze Zeitung eine einzige Klatschspalte ist – viele Leute erwähnt wurden, die man wahrscheinlich nur in Österreich oder Wien kennt. Jedes Land hat eben so seine ureigene Landes-Prominenz. Dass aber die Meldung, dass Herr Mörtel Lugner mit seiner Verlobten am Tag vorher um 16:23 Uhr oder so ähnlich in Schwechat gelandet ist, ein derartig großer Aufmacher war, hat mich ein bißchen enttäuscht. Ist das denn wirklich der wichtigste Prominente in Österreich? Wenn Conchita nicht wäre, hätte die Zeitung vielleicht auch noch melden müssen, wann sein Taxi von Schwechat in seiner Wiener Villa angekommen ist. Es gab dann auch noch eine Politisiererei über ein Anti-Bettler-Gesetz in den Innenstädten, das war dann doch recht deprimierend als Lektüre. Ich habe die Zeitung wieder ordnungsgemäß zurück auf den Mülleimer gelegt, wo sie bestimmt nicht verkehrt platziert ist. Weil ich kein ungelesenes Buch dabei hatte, sondern nur einen kleinen Reise- und Kaffeehausführer, habe ich angefangen, mit meiner Kamera herumzuspielen. Natürlich von da an immer im Bewusstsein, dass ich an dem exclusiven Ort warten durfte, wo am Tag vorher noch Mörtel mit seiner Mausi oder wie sein aktuelles Gspusi heißt, leibhaftig durchgelaufen ist. Ich habe mir darauf ein Ei gepellt. Leider war das Abflughallenrestaurant gerade im Umbau, sonst hätte ich es mir da gemütlich gemacht. Es gab als Provisorium so eine Art Kaffeebar mit Snacks, da hätte man aber nur auf so Barhockern, auch mitten in der Halle sitzen können. Das ist ja noch unbequemer. Auf Barhocker setzte ich mich nur in einer echten Bar, doch nicht mitten in einer Abflughalle bei greller Beleuchtung, wo noch nicht mal ein Verehrer neben einem sitzt, an den man sich trunken lehnen kann. So ein Barhocker hat ja nicht einmal eine richtige Lehne. Also blieb ich weiter in meiner rosa Manner-Ecke.

Wenn man so ein Weilchen gegenüber von der Manner-Reklame-Wand sitzt, merkt man auch, dass so ein Altrosa, auch wenn es nicht die persönliche Lieblingsfarbe ist, irgendwie heimelig und beruhigend wirkt. Auch habe ich die Manner-Neapolitaner-Schnitten immer gerne gegessen. Die gibt es ja überall in Deutschland. Schon immer. Seit meiner frühestens Kindheit kenne ich die kleinen rosa-silbern eingeschlagenen Waffelpäckchen mit der hochfein aufgestrichenen Haselnusscreme mit dem vollendet wunderbaren Nougat-Geschmack zwischen den vielen zarten Waffelschichten. Die Verpackung hat sich seit Jahrzehnten nicht verändert. Irgendwie hat es mich gerührt, als ich beim Eintreffen in Wien von dieser großen Reklame begrüßt worden bin. So etwas Vertrautes. Und damit man es noch einmal wirklich begreift, dass die Manner-Schnitten nicht von irgendwo in Österreich kommen, ist der Stephansdom auf der Verpackung mit drauf. Das war mir vorher auch gar nicht so richtig bewusst. Aber nun hatte ich ja Zeit, ausgiebig darüber zu meditieren. Und jetzt, daheim in Berlin, habe ich sogar die Zeit und Muße, mich ganz genau über die ehrwürdige Historie der Manner-Schnitten zu informieren. Im Wikipedia steht wieder einmal sehr informativ: „Josef Manner betrieb ein kleines Geschäft am Stephansplatz in Wien, in dem er Schokoladen und Feigenkaffee verkaufte. Da ihn die Qualität der Schokolade seines Lieferanten nicht zufriedenstellte, erwarb Herr Manner die Konzession und das Lokal eines kleinen Schokoladenerzeugers und gründete am 1. März 1890 die CHOCOLADENFABRIK JOSEF MANNER.„

Über die Erfindung der berühmten Waffelschnitten lese ich auf der firmeneigenen Seite: „Die Geburt eines Süßwarenklassikers! im Jahre 1889: „Nachdem gestern die bereits seit einigen Tagen erwartete Lieferung Haselnüsse aus Neapel eingetroffen ist, konnte heute erstmals mit der Serien-Produktion der neuen Waffelschnitten begonnen werden. Da bereits einige Schnitten-Variationen angedacht sind, wage ich noch keine Prognose – die heute produzierten Neapolitaner Schnitten No. 239 scheinen mir persönlich aber besonders gelungen!“ Das kann man wohl sagen. Unsterblich, ja ein Wiener Kulturgut ersten Ranges sind die Neapolitanerschnitten von Manner! So ist es nur gerechtfertigt, wenn man ein Erinnerungsfoto von sich mit der rosa Wand und dem Wien-Schriftzug anfertigt. So als letztes Bildsouvenir, bevor man österreichischen Boden verlässt. Waren so meine Gedanken. Aber so schnell wollte mich Wien nicht aus seinen Fängen lassen.
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28. Dezember 2014

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Wie lange braucht man von Wien nach Schwechat mit dem Taxi? Keine dreiviertel Stunde? Mir war so. Schaut man in einer Suchmaschine, wie lange das dauert, heißt es ca. 25 Minuten, je nach Verkehrsaufkommen und Bezirk. Aber eine gute halbe Stunde war es schon. Die Wiener Stadtgrenze war schon noch zehn bis fünfzehn Minuten von Wieden entfernt. Und geregnet hat es weiterhin. Auch dehnt sich die Wahrnehmung der Zeit, wenn man sich nicht unterhält. An den Fahrer kann ich mich nicht erinnern. Es war ein Mann und er war eher der diskrete Fahrer, der den Fahrgast nicht als potentiellen Empfänger seiner Einschätzung der Weltlage betrachtet. Was aber mitunter auch amüsant sein kann. Ich bin da immer recht offen. Er aber war also geradezu stumm und ich hatte Gelegenheit, meinen Gedanken nachzuhängen und Wien und Niederösterreich durch die verregnete Scheibe auf mich wirken zu lassen. Die Flughafenstrecke. Sie ist, je näher man dem Flughafen kommt, wie es oft so ist, recht ernüchternd. Kein einziges Barockpalais, kein Kaffeehaus säumt den Weg. Die Beschilderung hat eine furchtbar nüchterne Typographie. Geradezu neuzeitlich. Wenn man noch nicht in Wien war, wie ich bei der umgekehrten Route, eine Woche vorher, weiß man ja nur diffus, was einen am Fahrziel erwartet, hat das eine oder andere Bild im Kopf. Aus Filmen, Dokumentationen, Zeitschriften. Das schon auch dem entspricht, was man vorfindet. Aber ich kenne es auch, dass man sich innerlich ein geschlossenes Bild von einem schönen Ort macht, und dann ernüchtert feststellt, dass sich das Schöne und Postkartenhafte auf ein paar wenige Straßenzüge beschränkt, auf einen ganz eingegrenzten Bereich. Und obwohl ich hauptsächlich auch im exclusivsten Ghetto der Weltkulturerbe-Schönheiten Wiens unterwegs war, im ersten Bezirk, habe ich keine so scharfe Abgrenzung wahrgenommen. Man muss nicht so sehr mit der Lupe in nicht so ganz inneren Bezirken nach vergleichbar Sehenswertem suchen, wie in manchen anderen Städten, die im Krieg sehr gelitten haben. Wenn man dann also im Taxi den umgekehrten Weg nimmt, und Wien verinnerlicht hat, als komplexes, organisches Wesen, in dem sich Zell- und vielleicht auch Bakterienstämme erhalten und weiter entwickeln konnten, die woanders ausgerottet sind, und schlagartig mit der nüchternen Industrielandschaft auf dem Weg nach Schwechat konfrontiert ist, ist es ein bißchen ein Gefühl wie vom Markusplatz in Venedig zu einem Reisebusparkplatz in einer italienischen Vorstadt katapultiert zu werden. Kein Kanal, keine Gondel, kein Renaissancepalast, kein bröckelnder Putz. Die Wiener Altstadt ist halt Venedig. In Prag habe ich auch sehr schöne Patina gesehen. Das war auch zauberhaft. Paris auch. Aber ich kann überhaupt kein tschechisch, so weit sind die familiären Herkunftswurzeln nicht gewachsen. Aber Österreichisch ist mir keine so dermaßen fremde Fremdsprache. Französisch hingegen verstehe ich nurmehr rudimentär, weil ich zu faul war, es zu pflegen, da geht mir auch das Herz nicht auf. Aber ein Begriff wie Mehlspeise hat in meiner Familie Tradition, das ist halt verwurzelt. Und dieser und jener. Mein Großvater hat auch immer nur vom Stiegenhaus gesprochen. Treppe war für ihn ein hochdeutsches Fremdwort. Das habe ich ja alles schon einmal erhellt. In Wien habe ich kein Gefühl von Fremdheit gehabt, im Gegenteil. Manchmal fast schon erschütternd familiär. Die ganzen Ausdrücke. So wie mir in Prag die Küche ebenso erschütternd familiär vorkam. Da war es nur die Küche. Lange her. Irgendwann Mitte der Neunziger war ich für sechs Tage in Prag. Damals mit einem Liebhaber, der sehr ortskundig war. Aber das ist eine andere Geschichte. Denn nun war ich im Taxi nach Schwechat. Sehr zeitig am Flughafen. Eigentlich zu früh, vielleicht Viertel vor Zwölf. Um Eins würde erst das Einchecken beginnen für den Flug nach Berlin, der für Punkt fünfzehn Uhr terminiert war. Für die überstürzte Besichtigung von noch irgendeiner Sehenswürdigeit in Wien hätte ich keine Nerven gehabt, mit dem Gepäck. Lieber ein bißchen Zeit totschlagen am Flughafen. Nach Parfüm und Souvenirs kaufen stand mir nicht der Sinn. Meine Souvenirs sind halt meine Bilder. Parfüm hab ich auch noch. Der Schalter für meinen Flieger war schon früher besetzt und ich konnte schon das Gepäck aufgeben und durch die Sicherheitskontrolle. Ich schaute in der Abflughalle, wo ich möglichst bequem und ungestört sitzen könnte. Da ist diese große Wand mit der rosa Manner-Reklame. Gegenüber an der Wand waren mehrere Sitzplätze für Behinderte ausgewiesen und noch einer extra für eine Begleitung. Auf den hab ich mich gesetzt.

Außer mir war da niemand. Eine ungestörte Ecke, in all dem Trubel, obwohl alle Reisenden daran vorbeilaufen, es ist der Eingang in die Abflughalle. Aber der ist recht breit, man kann den Menschenstrom wie einen vorbeiziehenden Fischschwarm betrachten. Ich hatte noch ein bißchen Proviant, zwei oder drei hart gekochte Eier und Äpfel. Ein Kaffeeautomat war glaube ich auch in der Nähe. Auf dem festgeschraubten Abfalleimer neben den Sitzen lag eine vergessene Kronen-Zeitung. Davon hatte ich schon einmal gehört. So eine Art Wiener Bild-Zeitung. Im Flieger nach Wien saß ein Herr neben mir, der u. a. auch die Kronenzeitung als Lektüre dabei hatte. Ich konnte das Titelblatt lesen. Bzw. anschauen. So viel zu lesen war da nicht. Lauter Herzen waren drauf. In jedem Herz war das Foto von einer europäischen Prinzessin oder Adligen, die gerade Nachwuchs gekriegt hat. Also Viktoria von Schweden und Duchess Kate und noch eine. Das hätte ich mir jetzt auf der Bild-Zeitung nicht so richtig vorstellen können. Die Prioritäten sind doch irgendwie anders. Ich glaube, die Herzen waren auch noch rosa umrandet. Wie eine Barbiepuppen-Zeitung für kleine Mädchen. Ich habe mir die Kronen-Zeitung vom Müllschlucker genommen und zum Zeitvertreib darin geblättert. Diesmal waren keine Adligen drauf. Ich habe vergessen, was die Schlagzeilen vom 16. Mai waren. Die Zeitung war auch schnell durchgeblättert. Sport war auch drin. Und Meldungen von anderen österreichischen Bundesländern. Und ein bißchen Conchita, die ja gerade den Grand Prix gewonnen hatte. Aber das war ja auch schon wieder eine Woche her. Am interessantesten war für mich, dass in den Klatschspalten – wobei ja fast die ganze Zeitung eine einzige Klatschspalte ist – viele Leute erwähnt wurden, die man wahrscheinlich nur in Österreich oder Wien kennt. Jedes Land hat eben so seine ureigene Landes-Prominenz. Dass aber die Meldung, dass Herr Mörtel Lugner mit seiner Verlobten am Tag vorher um 16:23 Uhr oder so ähnlich in Schwechat gelandet ist, ein derartig großer Aufmacher war, hat mich ein bißchen enttäuscht. Ist das denn wirklich der wichtigste Prominente in Österreich? Wenn Conchita nicht wäre, hätte die Zeitung vielleicht auch noch melden müssen, wann sein Taxi von Schwechat in seiner Wiener Villa angekommen ist. Es gab dann auch noch eine Politisiererei über ein Anti-Bettler-Gesetz in den Innenstädten, das war dann doch recht deprimierend als Lektüre. Ich habe die Zeitung wieder ordnungsgemäß zurück auf den Mülleimer gelegt, wo sie bestimmt nicht verkehrt platziert ist. Weil ich kein ungelesenes Buch dabei hatte, sondern nur einen kleinen Reise- und Kaffeehausführer, habe ich angefangen, mit meiner Kamera herumzuspielen. Natürlich von da an immer im Bewusstsein, dass ich an dem exclusiven Ort warten durfte, wo am Tag vorher noch Mörtel mit seiner Mausi oder wie sein aktuelles Gspusi heißt, leibhaftig durchgelaufen ist. Ich habe mir darauf ein Ei gepellt. Leider war das Abflughallenrestaurant gerade im Umbau, sonst hätte ich es mir da gemütlich gemacht. Es gab als Provisorium so eine Art Kaffeebar mit Snacks, da hätte man aber nur auf so Barhockern, auch mitten in der Halle sitzen können. Das ist ja noch unbequemer. Auf Barhocker setzte ich mich nur in einer echten Bar, doch nicht mitten in einer Abflughalle bei greller Beleuchtung, wo noch nicht mal ein Verehrer neben einem sitzt, an den man sich trunken lehnen kann. So ein Barhocker hat ja nicht einmal eine richtige Lehne. Also blieb ich weiter in meiner rosa Manner-Ecke.

Wenn man so ein Weilchen gegenüber von der Manner-Reklame-Wand sitzt, merkt man auch, dass so ein Altrosa, auch wenn es nicht die persönliche Lieblingsfarbe ist, irgendwie heimelig und beruhigend wirkt. Auch habe ich die Manner-Neapolitaner-Schnitten immer gerne gegessen. Die gibt es ja überall in Deutschland. Schon immer. Seit meiner frühestens Kindheit kenne ich die kleinen rosa-silbern eingeschlagenen Waffelpäckchen mit der hochfein aufgestrichenen Haselnusscreme mit dem vollendet wunderbaren Nougat-Geschmack zwischen den vielen zarten Waffelschichten. Die Verpackung hat sich seit Jahrzehnten nicht verändert. Irgendwie hat es mich gerührt, als ich beim Eintreffen in Wien von dieser großen Reklame begrüßt worden bin. So etwas Vertrautes. Und damit man es noch einmal wirklich begreift, dass die Manner-Schnitten nicht von irgendwo in Österreich kommen, ist der Stephansdom auf der Verpackung mit drauf. Das war mir vorher auch gar nicht so richtig bewusst. Aber nun hatte ich ja Zeit, ausgiebig darüber zu meditieren. Und jetzt, daheim in Berlin, habe ich sogar die Zeit und Muße, mich ganz genau über die ehrwürdige Historie der Manner-Schnitten zu informieren. Im Wikipedia steht wieder einmal sehr informativ: „Josef Manner betrieb ein kleines Geschäft am Stephansplatz in Wien, in dem er Schokoladen und Feigenkaffee verkaufte. Da ihn die Qualität der Schokolade seines Lieferanten nicht zufriedenstellte, erwarb Herr Manner die Konzession und das Lokal eines kleinen Schokoladenerzeugers und gründete am 1. März 1890 die CHOCOLADENFABRIK JOSEF MANNER.„

Über die Erfindung der berühmten Waffelschnitten lese ich auf der firmeneigenen Seite: „Die Geburt eines Süßwarenklassikers! im Jahre 1889: „Nachdem gestern die bereits seit einigen Tagen erwartete Lieferung Haselnüsse aus Neapel eingetroffen ist, konnte heute erstmals mit der Serien-Produktion der neuen Waffelschnitten begonnen werden. Da bereits einige Schnitten-Variationen angedacht sind, wage ich noch keine Prognose – die heute produzierten Neapolitaner Schnitten No. 239 scheinen mir persönlich aber besonders gelungen!“ Das kann man wohl sagen. Unsterblich, ja ein Wiener Kulturgut ersten Ranges sind die Neapolitanerschnitten von Manner! So ist es nur gerechtfertigt, wenn man ein Erinnerungsfoto von sich mit der rosa Wand und dem Wien-Schriftzug anfertigt. So als letztes Bildsouvenir, bevor man österreichischen Boden verlässt. Waren so meine Gedanken. Aber so schnell wollte mich Wien nicht aus seinen Fängen lassen.
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27. Dezember 2014


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Bye bye. Sechzehnter Mai. Mein Flieger geht erst am Nachmittag aber Schwechat ist eine dreiviertel Stunde von Wien entfernt. In Niederösterreich, wie ich gelernt habe. Und ich bin auch gerne zeitig beim Einchecken. Und es gab auch eine vereinbarte Zeit am Vormittag, bis wann wir die Bleibe verlassen sollten. Ich glaube elf Uhr. Hat ja alles irgendwie gepasst. Wir haben noch gefrühstückt, aber so halb jeder für sich, wie auch jeder für sich sein Bündel zu packen hat. Seinen Rucksack oder Koffer oder Reisetasche. Mir ist, als hätte Duke mehr Gepäck dabei gehabt als ich, vom Umfang her. Obwohl ich diejenige war, die dauernd andere Sachen angezogen hat. Aber er hatte noch einen Weg vor sich, der ihn nicht zu sich heim führte, sondern zu einem Auftritt, irgendwo in Deutschland, nicht da, wo er wohnt. Sein Zug ging früher, als ich zum Flughafen musste. So war es ein Abschied, der eher von möglichst schnellem Zusammensuchen aller Siebensachen getragen war. Ich wollte möglichst wenig Spuren hinterlassen, und hatte noch zu tun, das eine oder andere Möbel an den alten Platz zu rücken. Ein paar abgehängte Bilder von Familienschlössern wieder über dem Bett aufzuhängen. Unser Gastgeber, dessen Herkunft mich sehr amüsierte, hat wohl das eine oder andere geerbte Bild in der Wohnung verteilt. Aber viel musste ich gar nicht umräumen, das meiste war schon an sich sehr gelungen platziert. Ich mache das gerne, wenn ich länger als eine Nacht wo bin. Mir ist nicht gleichgültig, wie ein Raum aussieht, in dem ich mehrere Tage aufwache und schlafen gehe. Es soll meiner werden. Deswegen habe ich in meinem Gepäck immer ein paar sehr schöne Tücher dabei, mit denen ich allzu grelle Lampen verschleiern kann oder was sonst noch ein schöneres Kleid verträgt. Große, feingewebte Schals und Tücher, die man auch selber anziehen kann, sind ideal. Es muss natürlich immer auch etwas leicht Transparentes in warmen Farben dabei sein. Ich habe da so ein paar Lieblingsteile, die mir schon seit Jahren gute Dienste leisten. Und eine Handvoll Seide wiegt so gut wie nichts.



Also Tücher eingepackt, das Bett wieder gerade gerückt, das mir ein bißchen schief über Eck besser gefiel. Es war interessant, die Reaktion von Duke auf das verrückte Bett zu sehen. Er wusste ja nicht, wie das Zimmer normalerweise aussieht, da er erst einen Tag später kam. Er fragte mich, ob das Bett schon so gestanden hätte, oder ob ich das war, weil es so eine gewisse Raffinesse hätte, wie es im Raum steht, die man normalerweise nicht sieht. Die meisten würden ein Bett nahtlos an die Wand rücken. Ich musste lachen, weil er das erkannt hatte. Wie er das erahnt hatte, obwohl wir uns seit zwölf Jahren nicht mehr gesehen hatten. Sein Bett habe ich aber nicht verrückt. Er hatte sein eigenes, ebenso großes Schlafzimmer mit einem genauso großen Bett. Das war einer der Gründe, warum die Wohnung so ideal erschien, jeder hatte ein Schlafzimmer und ein eigenes Badezimmer für sich, auf verschiedenen Ebenen. Das schöne Wohnzimmer mit den großen Sofas haben wir nicht einmal genutzt, es lag einfach so da, unter der Dachschräge und sah schön aus. Wir saßen fast immer am Esstisch in der offenen Küche, unserem Treffpunkt. Als Duke aus der Dusche kam, hat er etwas ins Gästebuch geschrieben und ich schrieb auch etwas hinein. Für einen Kaffee hatten wir noch Zeit. Als Duke gehen musste, haben wir uns noch einmal gedrückt und ich ein, zwei Tränen zerdrückt. Das passiert eben bei Abschieden, wenn man nicht weiß, für wie lange, oder ob vielleicht sogar für immer. Wenn man in keiner Verpflichtung steht, außer sich gut in Erinnerung zu behalten, ist das nicht so vollkommen klar. Das hat mich ein bißchen überwältigt, in diesem Moment. Er hat ein bißchen hilflos geguckt, weil er es nicht deuten konnte, nehme ich an. Aber es war schon alles in Ordnung. Ich habe dann noch ein bißchen in seinem Zimmer aufgeräumt, die Bettwäsche abgezogen und mit den Geschirr- und Handtüchern auf den Treppenabsatz gelegt. Und Dukes Aschenbecher von der Terrasse ausgeleert. Ein grün-blau-violetter Porzellan-Aschenbecher mit einer feinen Zeichnung von einem chinesischen Mann mit einem Strohhut und einem Hängeschnurrbart. Dann hab ich den Müll und die leeren Flaschen heruntergebracht, das erste und letzte mal. Alles war wieder wie vorher. Ich habe mich noch einmal ganz in Ruhe umgeschaut und allen Zimmern und Fenstern bye bye gesagt und ein paar Fotos gemacht. Leb wohl Küche, leb wohl Schlafzimmer, leb wohl Badezimmer, leb wohl Küchentisch, leb wohl Treppe. Leb wohl du alter Ahnherr auf dem dunklen Ölgemälde im Flur. Gehabt euch wohl. Ich habe nicht Auf Wiedersehen gesagt, sondern bye bye. Obwohl es schön da war. Zu Wien sage ich Auf Wiedersehen, irgendwann. Aber dann in einer anderen Bleibe, irgendeiner Zuflucht, wo ich wieder ein Bett verschieben werde. Wann das sein wird, weiß ich noch nicht. Als ich die Tür hinter mir zuzog, wusste ich auch noch nicht, ob ich im Jahr darauf oder viele Jahre später einmal wiederkommen würde, aber dass es nicht das letzte Mal in Wien war, das spürte ich. Das war ein angenehmes Gefühl. Als ich mit meiner großen Reisetasche und der kleineren über der Schulter vor die Tür trat, wo es schon wieder – oder immer noch regnete, wusste ich, dass ich nur bis zur Ecke laufen musste, zur Wiedener Hauptstraße und ein Taxi würde sich finden. Und so war es auch.


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26. Dezember 2014



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Sacher. Demel. Hawelka. Prater. Riesenrad. Fiaker. Grinzing. Heuriger. Hofburg. Burgtheater. Kaffeehaus. Walzer. Sachertorte. Qualtinger. Einspänner. Schlagobers. Heller. Sezession. Jugendstil. Schönbrunn. Klimt. Schiele. Opernball. Sissi. Conchita. Würschtel. Mehlspeisen. Stephansdom. Naschmarkt. Wien. Finden Sie den Fehler. Ich sage mal so: ein Fehler in dem Sinn, dass sich in der Aufzählung der bekanntesten Wien-Schlager, einer eingemogelt hätte, der nicht hineingehört, ist nicht festzustellen. Die Wienkenner werden die Augen verdrehen, dass hochkarätige Kultur-Erscheinungen wie Alfred Loos und Karl Kraus und die ungefähr siebzig anderen Kaffeehäuser nicht dabei sind. So wie Vieles noch erarbeitet und ergänzt werden müsste. Aber was da oben aufgezählt ist, sind die Dinge und Phänomene, von denen ich unterstelle, dass jeder schon einmal davon gehört hat, der weiß, dass die Stadt Wien überhaupt existiert, ohne sie je betreten zu haben. Und wenn wir uns nun die drei genannten gastronomischen Institutionen Sacher, Demel, Hawelka anschauen, ist es doch schon betrachtenswert, warum ein Kaffeehaus mit so einem komplizierten Namen wie Hawelka da drin ist. Womit hat es das Hawelka geschafft, als eine derartige Sehenswürdigkeit zu gelten, dass man das Gefühl hat, man kann keinesfalls abreisen, ohne wenigstens selbst einmal geschaut zu haben, was es damit auf sich hat? Es ist halt einfach… alles. Die Geschichte. Das Mobiliar. Die ganze Legende. Die Bilder. Die Schummerbeleuchtung. Die Litanei der berühmten Gäste. Die Lage. Dorotheergasse. Erster Bezirk. Alles kommt zusammen. Und das Etablissement ist noch immer in Familienbesitz, seit achtundsiebzig Jahren. Seit die Gründer, der Leopold und die Josefine nicht mehr sind, haben die Kinder und Kindeskinder das Geschäft in die Hand genommen und schnell begriffen, was ja auch nicht schwer ist, dass sie rein gar nichts verändern dürfen. Und bloß nicht renovieren! Das ist die halbe Miete vom Hawelka. Ausgefranste Kanapees. Dunkelgerauchte Wände. Verblichene Kritzeleien. „Vor 30 Jahren waren diese Wänd‘ einmal weiß“ , sagt Günter Hawelka, 69, erklärend. Die seither eingetretene Verdunkelung sieht er als edle Patina an. „Rauchen gehört zum Kaffeehaus mit dazu, denn im Kaffeehaus ist immer geraucht worden. Ein Rauchverbot ist ein Frevel an der Kaffeehauskultur“, ist der Sohn des Hawelka-Namensgebers Leopold Hawelka überzeugt. Das stammt aus einem Artikel im Standard über das Für und Wider der Rauchkultur im Wiener Kaffeehaus. Im Wikipedia lesen wir: Heimito von Doderer schrieb bereits 1960 über das Hawelka: „Es ist bereits in London bekannt, und es treffen auch Leute aus Paris und den Niederlanden im Café Hawelka ein“ – und warum: „Letzten Endes nur deshalb, weil Herr Hawelka nicht renoviert.“ In der Tat ist das Interieur der Räumlichkeiten, das von einem Schüler des Architekten Adolf Loos entworfen worden sein soll, seit 1912 unverändert geblieben. Also auf ins Hawelka. Im Sacher war ich zum Beispiel nicht. Und im Demel auch nicht, aber fast. Das Demel ist ja mehr so ein hochklassiger Tortentempel. Aber im Hawelka kann man sich auch nur zum Saufen und hoffentlich bald auch wieder Rauchen aufhalten. Man muss nicht die ewigen Buchteln essen, man kann auch gleich zu den harten Drogen übergehen!


Über die ganzen Künstler und Prominenten kann man ja überall lesen. Auf der Seite vom Hawelka selber gefällt mir die Formulierung ganz gut: „Während der Sechziger und Siebziger stellt das Café Hawelka schließlich alles dar, was in der Wiener Künstlerszene frisch und tatendrängig ist. Eine Tatsache, die auch immer mehr Berühmtheiten aus dem Ausland anzieht.“ Tatendrängig! Auch ich fühle mich direkt tatendrängig, wenn ich das lese! Der Standard hat es ganz gut beschrieben. Und so eine tumblr-Sammelsurium-Seite gibt es auch. Wer jemals die Heller-Biographie Feuerkopf liest, muss sich durch mehrere Kapitel arbeiten, die sich ausschließlich im Hawelka abspielen. Für Heller war das Lokal seine Privatuniversität, in der er sich bereits im zarten Alter von vierzehn Jahren von Tisch zu Tisch gearbeitet hat, bis er selber ein Teil des Inventars war und auf Augenhöhe mit Qualtinger schwadronieren konnte. Da ist ein anschauliches Amateur-Video, mit einem Schwenk durchs Lokal am Tag. Und da erzählt ab Minute 1:45 der Sohn Günter Hawelka von der Geschichte. Und hier ist noch ein siebenminütiges, etwas gewöhnungsbedürftiges Filmdokument, in dem die Tochter Herta mit ihrem Vater und einer Reporterin auf der Polsterbank zu sehen ist, da wo wir auch gesessen sind. Das etwas merkwürdige an dem Interview ist, dass die Reporterin eigentlich dem alten Hawelka (da war er schon 99, also ein Jahr vor seinem Tod) die Fragen stellt, aber die Tochter antwortet, weil er wahrscheinlich schlecht hört und nicht mehr so ganz beieinander ist. Er sitzt fast ein bißchen wie entmündigt da und rührt in seinem Kaffee und kriegt scheinbar nur die Hälfte mit, wenn überhaupt. Aber immer adrett mit einem Mascherl, wie der Wiener sagt. Die Tochter beantwortet jedenfalls alles komplett. Wahrscheinlich hätte man ihn auch kaum verstanden, wenn er es selber gemacht hätte. Aber immerhin behauptet die Herta, dass er manchmal noch Anweisungen geben würde. Na ja. Wir werden alle einmal alt, so Gott will, jedenfalls. Nur wer jung stirbt, muss sich nicht mit Alterserscheinungen herumplagen. Die drei kleinen Filme geben insgesamt schon einen guten Eindruck. Aber wie schön schummrig es im Dunkeln ist, sieht man auf meinen Bildern. Wir sind vom Griensteidl kreuz und quer durch den Nieselregen hingelaufen, es war schon fast dunkel. Schon am Eingang habe ich mich gleich recht wohl gefühlt, weil ich eine starke Vorliebe für Lokale mit wenig Beleuchtung habe. Da kommt doch eine ganz andere Stimmung auf! Es war von der Uhrzeit her irgendwas zwischen sieben und acht, denke ich. Das Hawelka hat zum Beispiel bis 2 Uhr nachts auf, daran sieht man schon, dass es sich nicht um so ein betuliches Tanten-Café handelt, wo sich alles nur um Zuckerbäckerwerk dreht. Wir haben uns zuerst im hinteren Bereich auf so eine schöne gestreifte, samtgepolsterte Bank gesetzt, da hat man aber nicht so gut gesehen. Gerade wo wir bestellt haben, ist die schönste Polsterbank frei geworden, die vor der Mittelwand steht und von der aus man in den vorderen Gastraum und zur Tür schauen kann.




Ich habe diesmal doch einen Kaffee Maria Theresia bestellt, weil er anders als im Griensteidl ohne die komischen Zuckerstreusel gemacht wird. Knirschende Zuckerstreusel brauche ich nicht auf dem Kaffee! Außerdem meine ich, dass der Alkohol eine Mischung aus Orangenlikör und Weinbrand war. Es gibt da ein paar kleine Varianten in der Zubereitung. Hier ist ein sehr schönes Rezept: „Maria Theresia hat es dagegen gerne hochprozentig, mit einem (sehr oft großzügigen) Schuss von (zu gleichen Teilen) Orangenlikör und Weinbrand, im verlängerten Mocca, mit Orangenzesten, Zucker und Schlagobersgupf, ebenfalls im Laufglas serviert.“ Und da ist noch eins mit schönem Foto. Jedenfalls hat mir der Maria-Theresia-Kaffee vom Hawelka ganz ausgezeichnet geschmeckt. Auch liebe ich recht viel Schlagobers oben drauf. Wenn ich das Bild mit unserem Tisch so betrachte, scheint es mir, als hätte Duke sogar Kaffee getrunken. Wahrscheinlich einen Verlängerten. Auf keinen Fall mit Schlag. Da wird ihm schlecht! Es ist nicht bei einem Maria-Theresia-Kaffee bei mir geblieben, weil es doch sehr gemütlich war, da zu sitzen und hinaus in den Regen zu schauen, wie er so an die Scheiben und auf das Kopfsteinpflaster der nächtlichen Dorotheergasse prasselt. Ich war wirklich froh, dass das letzte Lokal so ein schönes war, wo man nicht insgeheim gedacht hat, viel Tamtam um Nichts! Es ist halt furchtbar bequem da. Und der Ober lässt einen in Ruhe. Wer etwas anderes wahrgenommen hat, muss vielleicht noch einmal nach Einbruch der Dunkelheit hin, an einem schönen Regentag.



Wie der Abend zu Ende gegangen ist, möchte ich mit Hilfe eines Auszuges aus einer Antwortmail an Victor beschreiben, in der ich vor ungefähr drei Wochen unter anderem auf seine Frage antwortete, was ich mir bei meinem nächsten Wienbesuch anschauen wollen würde: „(…) und die Burg würde ich mir auch anschauen, in eine Aufführung gehen und ins Café Landtmann darunter. Ich habe ja auch nicht einmal das Hotel Sacher richtig vor mir gehabt, weil keine Zeit war, war ich in der Ecke gar nicht und das gehört doch dazu und dann habe ich den Taxifahrer am letzten Abend, nachdem wir im Hawelka waren, und es schon dunkel war und in Strömen geregnet hat, gebeten, doch bitte wenigstens mit dem Taxi einmal da vorbeizufahren, am Sacher und an der Burg und da hat er dann eine richtige kleine Stadtrundfahrt draus gemacht, mit viel extra Erklärungen auch zum Parlament – aber da hat er dann angefangen zu politisieren und da wurde es ein bißchen haarig. Er hat allen Ernstes Adolf Hitler erwähnt. Also irgendwie entschuldigend. Da habe ich ziemlich geschluckt. Duke hat dann auch, nachdem bis dahin alles sehr freundlich und nett war im Taxi, einen energischen Einwand gebracht, frag mich nicht mehr, was genau. Ich war nur saufroh, dass wir bald in der Lambrechtgasse waren. Die Stimmung war dann etwas abgekühlt, weil der alte Wiener gemerkt hat, dass wir nicht in dieselbe Richtung wie er denken. Huiuiui. Das war ein Schauspiel für sich…“ Ja. So war das. Ich habe also das Sacher durch die Scheibe im nächtlichen Regen gesehen. Und das Burgtheater. Und das Parlament. Wo die Kasperln drin sind, das Kasperltheater, wie der Taxifahrer gemeint hat. Wo er noch lustig war. Es kann ja auch nicht alles immer komplett perfekt sein. Aber es war schon nah dran. Wir sind nicht so spät in der Lambrechtgasse angekommen, denn wir wollten noch essen, es war ja noch einiges im Eiskasten, wie der Wiener sagt. Und richtiger Champagner sogar und Rotwein, der musste ja auch weg. Ich hätte im Flieger ja auch gar keine Flasche mitnehmen dürfen. Packen mussten wir auch noch. Was man alles muss, wenn man Wien verlassen muss. Ich habe noch ein paar Bilder für morgen und übermorgen und sogar überübermorgen in petto. Es wird noch ausführlich abgereist. Da bin ich sehr genau. Das war nicht der letzte Streich. Und wenn dieses ereignisreiche Jahr nun zu Ende geht, werde ich in meinem Flieger sitzen, heim von Wien nach Berlin und Duke in seinem Zug.
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25. Dezember 2014



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Durch den Regen ohne Regenschirm, zum Griensteidl. Vom Hofburghof durchs Michaelertor, quer über den Michaelerplatz, zum Palais Herberstein. Da wo eine brünette Wiener Lili Marleen an der Laterne steht, mit blutrotem Barett. Schon mal gehört „Griensteidl“. Gesehen sowieso, ich war ja nicht zum ersten mal am Michaelerplatz, sondern zum zweiten Mal. Schon eine Profi-Touristin! Und als solche kann man auch einmal vor dem Regen ins Griensteidl flüchten. Das nehme ich gerne noch mit. Also wir. Schön warm drin, kaffeehausmäßige Möblierung, wie man es sich ungefähr vorstellt. Eine ältere Dame, die Bedienung für unseren kleinen Tisch, nah der Eingangstür mit Blick auf die rechte Kuppel vom Michaelertrakt (wenn ich mich umdrehe), nimmt patent die Bestellung auf. Sie wirkt, als ob sie zum Inventar gehört und kurz vor der Rente steht. Ganz unwienerisch bestelle ich einen Irish Coffee, weil ich Lust auf ein bißchen Alkohol, aber auch Kaffee habe. Dem Kaffee „Maria Theresia“ traue ich da noch nicht ganz, weil er mit einem Orangenlikör gemacht ist und ich keine Freundin von Likören außer Eierlikör bin. Duke bestellt einen Gespritzten. Überhaupt bestellt er recht wenig Kaffee, wenn wir in Kaffeehäusern sind, fällt mir auf. Ich schaue mich um und habe es mittlerweile ausgefuchst heraus, ohne geringstes Aufheben (der Kamera) ein Potpourri von Bildern zu machen, die sich nicht nur auf den Radius unserer marmornen Tischplatte erstrecken. In der Getränkekarte habe ich fasziniert und auch ein bißchen überrascht von der beeindruckenden Geschichte des Kaffeehauses gelesen, wer so alles aus- und eingegangen ist. Und ein bißchen bin ich innerlich verwundert, dass davon eigentlich nichts in der Atmosphäre zu liegen scheint. Es wirkt gutbürgerlich aufgeräumt und eher patinafrei, ein Café für adrette ältere Damen und Herrschaften und Hofburg-Reisende aus aller Herren Länder. Aber dass hier einmal Karl Kraus vor sich hingedacht haben soll, will sich mir nicht so ganz erschließen. Offenbar gab es grundlegende Renovierungen, denke ich noch, und die feudale Lage wird im Laufe der Jahrzehnte, um nicht von Jahrhunderten zu reden, zu einer Modifikation des Publikums geführt haben. Vielleicht war es früher ja einfach bohèmehafter und erschwinglicher und hat Künstler und Literaten angezogen. Es ist so ein ähnliches Gefühl, wie es mich beim Café Central beschlichen hat. Ich kann mir beim Griensteidl beim besten Willen nicht vorstellen, dass man mehrere Stunden dort verbringt und dabei gar ein Roman Gestalt annimmt.


Auch ist Rauchen nicht gestattet. Das läuft dem ja schon allein zuwider. Ein echter Literat neigt zum Tabak. Ich sehe das immer gerne. Obwohl ich selber selten rauche. Mir gefällt aber das Ritual, gerade im Kaffeehaus. Die Gedanken müssen sich in kreisförmigen Rauchwölkchen unter den kugeligen Milchglas-Lampen auflösen dürfen. Mein alkoholisierter irischer Kaffee hat gut geschmeckt und ich habe mich derweil an dem Anblick des zeitungslesenden Herrn mit den grauen Schläfen gefreut, der sich die ganze Zeit als vollendetes Klischee-Kaffeehaus-Motiv in meiner Sichtachse befunden hat. Mit großer Ruhe und Konzentration hat er die Zeitung studiert. Nachdem wir alle Eindrücke in uns aufgenommen hatten, und die Getränke so gut wie getrunken waren, kam ungerufen unsere patente Bedienung und hat mit humoriger Ansprache angekündigt, dass sie abkassieren muss, weil sie Schichtende hat. Leider kann ich mich überhaupt nicht an den genauen Wortwechsel erinnern, aber daran, dass wir uns amüsiert haben. Man kann sagen, die Dame hatte Mutterwitz. Es hat schon gepasst, mit dem Abkassieren, weil dann auch stark der Abend dämmerte und ich innerlich schon woanders unterwegs war.



Ich wollte an dem allerletzten Abend noch eine richtige Kaffeehaus-Legende besuchen, also eine spürbare. Das Griensteidl war ja nicht großartig geplant, es lag so schön da. Und nun, ein gutes halbes Jahr später, daheim in Berlin, begreife ich, warum ich die in der Getränkekarte erwähnte, traditionsschwangere Geschichte des Griensteidl so gar nicht fühlen konnte. Im Planet Vienna stehen immer recht unverblümte Dinge, stelle ich fest. Denn dort lese ich:


„Fast hundert Jahre war das Café Griensteidl verschwunden und vergessen, bis es 1990 im Palais Herberstein wiedereröffnet wurde. Ähnlich wie das Central fand das Griensteidl in der Schalterhalle einer Bank sein neues Quartier, doch vom alten Charme dürfte heute kaum mehr etwas zu spüren sein, obschon man sehr darum bemüht war, das Lokal möglichst authentisch mit allen Schikanen einzurichten, die ein typisches Wiener Kaffeehaus ausmachen. Optisch hat man das sicherlich erreicht, doch bis auf einige alte Wiener Damen, die ein Champagnerfrühstück oder einfach einen Kaffee geniessen, lässt das Kaffeehaus den Besucher kaum etwas von Wiener Urigkeit spüren. Vielmehr besuchen das Lokal Touristen, die in gutem, aber falschem Glauben sind, nun ein Stück altes Wien kennen gelernt zu haben.“




Und im Wikipedia erfährt man dann die gesamte Historie, die eben in gewissermaßen fragmentarischer Eleganz, charmant zur Begrüßung in der Karte steht, ohne unnötig plump darauf hinzuweisen, dass an dieser allerersten Adresse am Michaelerplatz zwei, annähernd hundert Jahre lang überhaupt kein Kaffee ausgeschenkt worden ist, und schon gar keine Literatur zusammengedacht. Abgesehen von blumig formulierten Geschäftsbedingungen zur Kontoführung. Die Legende des seinerzeit im Volksmund keck als „Café Größenwahn“ titulierten Lokals rührt also aus einer sehr arg versunkenen Zeit, so lese ich:



„Das Griensteidl war im späten 19. Jahrhundert ein berühmtes Künstlerlokal. Das Kaffeehaus befand sich am Michaelerplatz im Palais Dietrichstein, gegenüber dem alten Burgtheater und der Hofburg. Das Café Griensteidl, 1847 von dem vormaligen Apotheker Heinrich Griensteidl eröffnet, wurde rasch ein Treffpunkt Wiener Literaten. Später verkehrten Persönlichkeiten von Franz Grillparzer bis Schönerer hier. Das Café war auch ein Hauptquartier der Arbeiterbewegung und ihrer Führungsfiguren, u. a. Victor Adler und Friedrich Austerlitz. Besonders berühmt wurde es als Sammelplatz der Autoren des Jung-Wien. Zu den Schriftstellern, die hier verkehrten, gehörten Hermann Bahr, Hugo von Hofmannsthal, Arthur Schnitzler, der junge Rudolf Steiner sowie der junge Karl Kraus. Im Januar 1897 wurde das Gebäude, in dem sich das Café befand, im Zuge der Neugestaltung des Michaelerplatzes abgerissen. Am 25. Januar 1897 war im Illustrierten Wiener Extrablatt zu lesen: „Die treuen Stammgäste feierten den Untergang des Locales mit einem großartigen Leichenschmaus. Nach Mitternacht waren sämtliche Vorräthe an Speis und Trank vergriffen und es wurden nur noch Ohrfeigen verabreicht. Sonst war die Stimmung famos.“ Die Ohrfeige hatte Felix Salten Kraus für eine Passage der demolirten Literatur verpasst, was Schnitzler in seinem Tagebuch mit den Worten vermerkte: „gestern abends hat Salten im Kaffeehaus noch den kleinen Kraus geohrfeigt, was allseits freudig begrüßt wurde.“ ( … )



Die beeindruckende Gästeliste vom alten Griensteidl umfasste also unter anderen Peter Altenberg, Hugo von Hofmannsthal, Karl Kraus, Arthur Schnitzler, Arnold Schönberg, Hugo Wolf, Rudolf Steiner, Stefan Zweig und viele andere mehr. Ich habe nur die erwähnt, die mir selbst auf Anhieb etwas sagen, ohne dass ich recherchieren müsste, um wen es sich handelt. Das ist also das Geheimnis und die Erklärung. Aber nichtsdestotrotz muss ich Planet Vienna abermals recht geben, wenn dort versöhnlich vermerkt wird: „Ein Besuch im Griensteidl lohnt sich auf jeden Fall. Wer nicht weiss, dass das Kaffeehaus was Neues ist, das auf Alt macht, der wähnt sich hier an einem sehr wienerischen Ort. So kann man hier ein durchaus schönes Ambiente geniessen. Allein die Lage am Platz mit der Michaelerkirche und dem monumentalen Michaelertor ist einmalig.“ Ganz genau. Allein der Blick auf den Michaelertrakt mit den Hofburgkuppeln lohnt einen kleinen Besuch. Man sollte schon einmal den schönen Blick durchs Fenster gehabt haben. Lieber ein vor einem Vierteljahrhundert neuauferstandenes Kaffeehaus im immerhin auch schon bald hundertzwanzig Jahre alten Neubau des Palais Herberstein, als eine langweilige Schalterhalle für Bankgeschäfte. Schon eine begrüßenswerte Wiedergeburt. Und immerhin war für sieben Jahre lang die Redaktion vom Standard direkt über dem neuen Griensteidl. Ein bißchen spirituelle Reinigung und geistige Belebung, nach all den Bankschalterjahren. Da soll man nicht jammern. Lieber ein Kaffeehaus-Plagiat mehr und ein Bankschalter-Original weniger am Michaelerplatz. Und außerdem gibt es ja zum Glück noch ein paar Kaffeehäuser mit beeindruckend ungebrochener Tradition und richtiger Patina. Wovon ich mich gleich danach überzeugen konnte.


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24. Dezember 2014

„Durch ein prunkvolles Tor und eine gewaltige kuppelüberwölbte Halle erreicht man die Kaiserappartements der Wiener Hofburg, die ehemaligen Wohnräume von Kaiser Franz Joseph und seiner Sissi. Neben den privaten Räumen sind auch die Repräsentationsräume und die kaiserl. Hofsilber- und Tafelkammer zu besichtigen. Gemächer, die Prunk und Glanz eröffnen, wohin das Auge blickt. Palisandermöbel, belgische Gobelins und Kronleuchter aus böhmischem Kristall schmücken die Gemächer“



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Die Hofburg. Und die Sisi. Ein paar Wochen habe ich nun mit verschiedenen Recherchen zugebracht, weil ich gerne den Zusammenhang zwischen der Wiener Hofburg und seiner bekanntesten Bewohnerin nicht gänzlich unvermittelt lassen wollte. Meine Wienreise war keine Sisi-Reise. Ich war nicht auf ihren Spuren unterwegs, aber dennoch ist sie in meinem Hinterkopf. Die Schreibweise Sissi rührt von den Romy-Filmen, den drei Marischka-Filmen aus den Fünfziger Jahren. Darüber, ob „Sisi“ nicht eigentlich eine „Lisi“ war, und ihre Handschrift fehlinterpretiert wurde, darüber wurde erst unlängst diskutiert. Eines aber vorweg – Sis(s)i hin, Lisi her. Die Frau, die diesen Mythos in die Welt gebracht hat, sie selbst, hätte heute ihren 177. Geburtstag. Sie wurde am 24. Dezember 1837 in Possenhofen bei München geboren. Und wenn ich mir die neuere Geschichtsforschung anschaue, die ja auch nun schon nicht mehr so neu ist, lese ich zwar interessiert von der Eigenwilligkeit und Exzentrik, die mehr in unsere Zeit zu passen scheint, aber wirklich sympathisch ist sie mir nicht. Dunkel kann ich mich erinnern, dass ich schon früh irritiert war, als ich erstmalig Fotografien der realen Elisabeth sah, dass sie so überhaupt keine Ähnlichkeit mit der bildhübschen Romy hatte. Genauer gesagt: der Mythos der angeblichen großen „Schönheit“ hat sich mir nicht erschlossen. Dass sie viel an sich gearbeitet hat, um sich beeindruckend zu präsentieren, ist vielfach dokumentiert. Wenn man sich jedoch das ganze Blendwerk mit der üppigen Haarpracht, der mit Korsett und manischen Turnübungen gedrillten Figur und den erstklassig geschneiderten Roben sowie der luxuriösen Umgebung wegdenkt, wieviel Schönheit bleibt da noch übrig? Für meinen Geschmack eher wenig. Eher durchschnittlich attraktive Gesichtzüge, die vor allem einen starken Willen und Ehrgeiz ausdrücken. Eine Strenge. Das leicht Verkniffene, die beharrliche Abwesenheit eines Lächelns, soll auch von den schlechten Zähnen gerührt haben. Sie muss sich diszipliniert haben, selbst beim Sprechen so gut wie gar nicht die Lippen zu öffnen, um das Elend zu vertuschen. So viel zur angeblich makellosen, legendären Schönheit der Elisabeth von Österreich. Dass die Marischka-Filme so gut funktioniert haben, liegt mit Sicherheit nicht nur daran, dass es eine hochklassige Produktion in jeglicher Hinsicht war, angefangen bei der Ausstattung und den Dialogen – ja, den Dialogen, die durchaus augenzwinkernd waren und gar nicht durchweg banal, dumm oder undifferenziert reaktionär, sondern neben den großartig besetzten Nebenrollen, auch an der zur wahren Elisabeth völlig konträr besetzten Romy Schneider, die mit ihrem unfrustrierten Unschulds-Lächeln, das noch an das Gute glaubt, die Herzen erwärmte. Ein Lächeln, das der wahren Elisabeth vielleicht nur als Kind zueigen war. Na ja. Aber das kann man ja alles auf tausend Seiten im Internet nachlesen. Die Hofburg, um einmal wieder den Bezug zu den Bildern herzustellen, war einer ihrer beiden Wohnsitze in Wien. Schloss Schönbrunn und die Wiener Hofburg. Aber die Hofburg hat sie wohl am meisten verabscheut und die Kerkerburg genannt.


Wäre es nicht so spät von der Uhrzeit her gewesen, wären wir nicht nur im Innenhof im Regen spaziert, sondern hätten auch das dort befindliche Sisi-Museum mit den Kaiserappartements besucht. Aber es war schon kurz vor der Schließzeit und irgendwo hat jemand auch vermerkt, man sollte sich gut und gerne einen halben Tag für den Besuch der kaiserlichen Gemächer und des Sisi-Museums nehmen. Kleider sind von ihr dort zu sehen, ihre persönlichen Sachen, einer ihrer Turn-Räume und auch ein Nachbau ihres opulenten Reise-Wagons. Den hätte ich zu gerne gesehen. Das Original steht im Technischen Museum in Wien. So waren wir also nicht im Sisi-Museum und in den Innenräumen. Aber sollte ich wieder nach Wien reisen, und das wird, so Gott will, schon noch einmal passieren, lässt sich das ja alles nachholen.



Übrigens kann man in der Hofburg auch wohnen, als Mieter. Es ist wohl nur schwer, an die Wohnungen heranzukommen, Wartelisten werden geführt. Zweiundfünfzig Wohnungen soll es dort geben. Allerdings ist das Luxuriöseste wohl die Lage, wie auch bei den mietbaren Wohnungen in Schloss Schönbrunn. Der Denkmalschutz sorgt dafür, dass man nicht beliebig renovieren kann, was ja auch verständlich ist. Für mich war es schön, durch das große Portal zu gehen und die schmiedeeisernen Arabesken im Gegenlicht zu sehen. Auch das Zelt im Regen. Weil ich neugierig war, inwiefern Wien und vielleicht die Hofburg in den Sissi-Filmen vorkommt, habe ich geschaut, ob es nicht wieder zu Weihnachten eine Sendung der drei Filme gibt. Das war doch eigentlich immer so. Aber da waren nur Sendetermine im Schweizer Fernsehen und auf diesem Bezahl-Kanal Sky. Gestern lese ich in den gmx-Nachrichten eine Erklärung, warum es diesmal Weihnachten ohne die Sissi-Filme gibt: sie wurden schon im Frühjahr, anlässlich des Todes von Karlheinz Böhm gezeigt, daher. Welche Nicht-Sendung eines Filmes führt sonst schon zu einer extra-Nachricht. Das ist schon putzig. Aber weil ich letztes Wochenende so erpicht darauf war, mir das noch einmal anzuschauen, habe ich tatsächlich alle drei Folgen komplett im Internet gefunden und sie hintereinander weg angeschaut. Zuletzt habe ich sie vielleicht vor dreißig Jahren gesehen, nie mehr richtig angeschaut, seit meiner Kindheit nicht. Und ich war wirklich überrascht, dass die Filme bei aller Kritik von wegen Fünfziger-Jahre-Heile-Welt-Schmarrn-Verdrängungs-Kitsch doch so viele gewitzte Dialoge haben und durchaus auch rebellische Momente. Wenn Karlheinz Böhm als Kaiser Franz Joseph irritiert von sich weist, einen Erschießungs-Erlass für acht junge, aristokratie-feindliche Rebellen mit einem Federstrich zu unterzeichnen: „Ja ist das denn so schlimm, was diese jungen Menschen gemacht haben, dass man sie erschießen müsste? Ich kann doch nicht einfach so über das Leben von acht jungen Menschen entscheiden!“ Und dann Romy, also Sissi, mit ihren Störaktionen, wenn ein Tier bei der Jagd erschossen werden soll. Es wird geniest, es werden plötzliche Bewegungen gemacht, die das Tier flüchten lassen. Ich muss sagen, da sind schöne Momente dabei, die ich politisch sehr korrekt finde. Freilich war die echte Elisabeth eine Nutznießerin ihrer aristokratischen Luxus-Verhältnisse, die ihr einen extravaganten Lebensstil ermöglichten, zu dem auch derlei Luxus-Gedankengänge gehörten, wie die Aristokratie als überholtes Konstrukt zu beurteilen. Ein recht luxuriöses Dilemma.

Bei meiner ausschweifenden Lektüre bin ich auch über das Krankheitsbild Sissi-Syndrom gestolpert. Sehr interessant. Das Phänomen, wenn Frauen mit großem Aufwand danach streben, ein nach Außen perfektes Bild abzugeben, sehr diszipliniert an ihrem Körper und Geist arbeiten, mit streng terminierten Turnexerzitien, Bildungsehrgeiz und zugleich eine innere Leere und Lebensunlust empfinden. Wo habe ich das denn gelesen – so vieles, das ich gefunden habe, rund um die arme reiche Elisabeth von Österreich.



„Das „Sissi-Syndrom” ist nach der österreichischen Kaiserin Elisabeth benannt, die zeitlebens, trotz Schönheit und privilegierten Lebens, an schweren Depressionen litt. Unter dem Sissi-Syndrom verstehen Mediziner eine besondere Ausprägung der Depression: Betroffenen Menschen ist das, im klassischen Sinne depressive Verhalten des Sich-hängen-Lassens völlig fremd. Stattdessen lautet die Devise „Aktion statt Resignation”. Diese Menschen powern durchs Leben, sind beruflich erfolgreich, haben ein makelloses Erscheinungsbild und werden von der Außenwelt bewundert, wohingegen sie selbst nur selten Freude am eigenen Leben empfinden. Ihre übermäßige Aktivität dient dem Ziel, mit aller Kraft von ihrer inneren Leere und Hilflosigkeit abzulenken.“


Es mutet geradezu zeitgenössisch an, wenn man ihr eigenwilliges Tun auf sich wirken lässt, daher vielleicht auch vielerorts die größere Beschäftigung und Identifikation mit ihrer Person als mit anderen weiblichen historischen, aristokratischen Persönlichkeiten. Wo es brüchig wird, wird es interessant. Auf dieser Sisi-Seite sind auch ein paar interessante Video-Dokumentationen. In einer wird zum Beispiel darauf eingegangen, dass durch Sisi erstmalig eine extrem schlanke Körpersilhouette zur Mode erklärt wurde. Man kann sich mindestens drei Weihnachtsfeiertage mit dieser ruhelosen Persönlichkeit beschäftigen. Nach dem Freitod ihres sensiblen, erwachsenen Sohnes, des Kronprinzen Rudolph, der sich gemeinsam mit seiner bürgerlichen Geliebten das Leben nahm, trug sie nur noch schwarz und hatte einen weiteren Vorwand, sich dem Anblick der Welt durch einen Schleier zu entziehen. Die Welt sollte sie nur in ihrer Blüte in Erinnerung behalten. Man denkt an Marlene Dietrich, die sich selbst ihren engsten Freunden in den letzten Lebensjahrzehnten entzog, nur noch telefonischen Kontakt zuließ. Sisi war sechzig Jahre alt, als ihr das Leben in Genf durch einen Stich ins Herz genommen wurde, und es war vielleicht der richtige Zeitpunkt. Noch eine Stelle, die ich fand: „Der letzte Abend ihres Lebens, in der Rothschild-Villa, war ungewöhnlich heiter verlaufen: Sisi hatte Champagner getrunken, sogar mit gutem Appetit gegessen und den Klängen eines italienischen Orchesters gelauscht. Doch dann, während eines Spaziergangs durch den Orchideengarten der Rothschilds, hatte sie ziemlich unvermittelt und in perfektem Französisch gesagt: „Je voudrais que mon âme s’envolât vers le ciel par une toute petite ouverture de mon coeur“ – „Ich wünschte, meine Seele würde durch eine ganz kleine Öffnung in meinem Herzen zum Himmel fliegen“. Und so ist es dann auch gekommen.


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21. Dezember 2014

Das kommt jetzt doch überraschend. Kann ich mir nicht so richtig vorstellen, dass Udo Jürgens mit seinen jugendlichen achtzig Jahren nun doch schon gegangen ist. So nah an seinem letzten Lebenshöhepunkt, gerade noch gefeiert, spazieren gegangen und heute vorbei, von jetzt auf gleich. Irgendwie virtuos. Kein Siechtum, mitten im Leben, wie er es so gerne augenzwinkernd beschworen hat. Das bedeutet, man wird nie an ihn als einen gebrechlichen alten Mann denken, sondern an den gefeierten Bühnengiganten. So überrumpelt wie ich bin, ringt mir dieser Abgang Applaus ab. Er hatte eben Klasse. Wenn es am schönsten ist, sollte man gehen.


Musik: Udo Jürgens, Text: Joachim Fuchsberger

21. Dezember 2014

Das kommt jetzt doch überraschend. Kann ich mir nicht so richtig vorstellen, dass Udo Jürgens mit seinen jugendlichen achtzig Jahren nun doch schon gegangen ist. So nah an seinem letzten Lebenshöhepunkt, gerade noch gefeiert, spazieren gegangen und heute vorbei, von jetzt auf gleich. Irgendwie virtuos. Kein Siechtum, mitten im Leben, wie er es so gerne augenzwinkernd beschworen hat. Das bedeutet, man wird nie an ihn als einen gebrechlichen alten Mann denken, sondern an den gefeierten Bühnengiganten. So überrumpelt wie ich bin, ringt mir dieser Abgang Applaus ab. Er hatte eben Klasse. Wenn es am schönsten ist, sollte man gehen.


Musik: Udo Jürgens, Text: Joachim Fuchsberger

05. Dezember 2014

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Bitte Input
03.12.2014 um 01:11 Uhr
von: Gaga Nielsen
an: Duke Meyer
ich brauche noch mal ein bißchen Inspiration von dir. Sitze vor meiner kleinen
Fratelli-Diaschau und komme nicht richtig rein. Das sind die paar verstohlenen Aufnahmen. Ich hatte, glaube ich, eine weiße Tomatensuppe – oder war es eine Spargelcremesuppe? Und das Saltimbocca mit Spinat. Und danach irgendein Eis mit Erdbeeren. Und man durfte rauchen. Und draußen hat es weiter geregnet, es war, nachdem wir mit der U-Bahn von Mariahilf vom Café Jelinek gekommen waren, hungrig und – – – ja – – was hast du denn gegessen und getrunken, erinnerst du dich? Schreib mal irgendwas, ich klau es dann für mein Blog und schreibe selber was. Ich weiß nur noch, wie es dir geschmeckt hat und du warst ganz zufrieden. Ich war auch sehr zufrieden mit der Vorspeise und dem Nachtisch und dem sehr charmanten Service und die ganze Atmosphäre war, als wäre man in einen italienischen Siebziger-Jahre-Film katapultiert worden und wenn Adriano Celentano reingekommen wäre, oder am Nebentisch gesessen hätte, wäre es auch nicht verwunderlich gewesen. Ein totaler Flashback in ein heiles Spielfilm-Italien-Klischee. Da war es auch nicht so wichtig, dass ich den Wein, den Frascati, zu fruchtig fand, und das Saltimbocca ein bißchen versalzen. Aber wie du dich gefreut hast, das war mir Freude genug (…)                                                
Gaga


AW: Bitte Input
03.12.2014 um 03:28 Uhr
von: Duke Meyer
an: Gaga Nielsen
ich kann morgen abend was drüber schreiben – vorher bin ich „ausgebucht“ (und die Nacht ist schon wieder kurz geworden… muss früh raus, ha). Wollte ja schon vor Tagen was auch darüber schreiben bzw. es miterwähnen – aber hatte mich verzettelt, das Konzept ging nicht auf und dann musste ich’s aufschieben wegen Wichtigerem. Zur Sache: Deine Vorspeise war weiß – aber ich weiß auch nicht mehr genau, ob weiße Tom- oder Spargelcreme-. Saltimbocca, ja. Ich hatte als Vorspeise vorzügliche Bruschetta und als Hauptgang so ziemlich die besten Medaillons in Zitronensauce, die ich je gegessen habe (die sich damit auch als die preiswertesten ever tasted erwiesen, obwohl sie so teuer waren – 32 Euro allein mein Hauptgang, glaub ich). Leider hab ich den italienischen Namen des Gerichts vergessen – scaloppine al limone oder alla lemone – weiß nicht mehr, ob Scaloppidings, das heißt ja eigentlich Schnitzel. Aber sind Medaillons keine? Fragen über Fragen… Als Dessert eine schwarz-weiße Mousse au chocolat. Italienische Namensversion ebenfalls nicht erinnert. Adriano C. hattest du schon erwähnt, als wir dort am Tisch saßen. Ich hörte ihn ab da sozusagen mit und genoss alles von der ersten Sekunde an. Selten solch vollendete Kellnerperformance erlebt: zuvorkommend bei gleichzeitiger Zurückhaltung, und dieses Zerfließen der Grenzen zwischen der geschmeidigen Freundlichkeit eines ausgebildeten Obers und einer, die von persönlicher Zuwendung nicht mehr unterscheidbar war… (wie bei einem Schauspieler, der seine Rolle verkörpert im Wortsinn: Er IST dann der Charakter, weil er ihn mit seinen eigenen Gefühlen baut. Echt und maßvoll zugleich). In großartiger Balance: immer gleich zur Stelle, aber ohne zu drängen oder auch nur einen Hauch von „Druck“ übrig zu lassen, wie es in Lokalen passiert, wo die Höflichkeit des Personals steif bleibt (und dadurch etwas „Rauhreif“ davon an Gästen und ihrer Stimmung hängenbleiben kann – und sei’s nur, dass sie ihr eigenes Benehmen unbewusst in Frage stellen als weniger formvollendet… Ah, du siehst, ich sehe – es möchte sich schon selber schreiben Ich fand’s ein bissi schade, dass dein kulinarisches Erlebnis hinter meinem zurückblieb damals… Ich hatte Glück gehabt mit meiner Auswahl (zumal ich italienische Küche ohnedies favorisiere). Und wahrscheinlich kommst du öfter dazu, auf vergleichbarem Preislevel zu dinieren als ich. So Gelegenheiten habe ich selten, aber stellte bei solchen schon dann und wann fest, dass preislich gehobenes Niveau ein ebensohohes beim Essen keineswegs immer garantiert (ich mecker ja gern auch auf hohem Plateau, äh, Niewo). Sogar mein Wein war perfekt – aber, zum Donner, ich kann mich nicht erinnern, was für einen ich mir servieren ließ. Umso mehr an deinen Frascati, dass der nicht staubt, gehört zu dem Wenigen, was ich hätte voraussagen können. Wenn ich geahnt hätte, dass du darauf aus warst. Ich schätze deine Kenntnisse in vielen kulturellen Bereichen wie Details automatisch umfangreicher ein als meine. Daher kam ich, als du Frascati bestelltest, auf keine andere Idee als die, dass dir genau nach dessen fruchtigem Flair zumute sei. Alles drumherum passte so gut, die Einrichtung, ja, und der Regen, aus dem heraus wir ins Fratelli überhaupt hineinstolperten. Rückblickend unvergesslicher Moment für mich: dieses dort Hineingeraten und dann Ahhh und Oooh. Wir restaurierten uns (…). Spüre die Sauce noch auf meiner Zunge, die ein ebensogutes Gedächtnis hat wie meine Haut und mein Ohr. Habe erst kürzlich, und noch überraschender, auf vergleichbar hohem Resto-Level gespeist. Worüber ich ja eh was schreiben will, nach wie vor. Auch wenn noch offen bleibt, wohin dann damit: aber was ich dir eh gern zuschicke, ob ich das dann auch in die Öffentlichkeit jage oder nicht. Und sei’s wegen der bloßen Erwähnung des Erlebnisses im Fratelli, wo alles so geschmeidig passend um uns herumfloss, als gelungene Kulisse des langen Moments, bis in die
(…) Details.


Gute Nacht. Ich schreib dir morgen abend was zu dem tollen Fratellinachmittag, den du mir schenktest. Deine Gesellschaft genoss ich übrigens wie das Mahl, es fehlte am Schluss nur die Stimme aus dem Regie-Off: „Und Schnitt! Danke, Kinder, wunderbar, das hätten wir im Kasten! Perfetto!“                          
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01. Dezember 2014

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Das Taxi hält in der Otto-Bauer-Gasse 5, im sechsten Bezirk. Café Jelinek. Die schönste Passage zum Copy-Pasten finde ich eindeutig bei Planet Vienna: „1910 eröffnete eine jüdische Kaffeesiederfamilie das Lokal an der Otto-Bauer-Gasse 5 und betrieb es längere Zeit. Kultstatus in der Wiener Kaffeehausszene erlangte das Jelinek ab 1988. Nicht nur wegen seiner schrulligen Einrichtung, die seit jeher kaum modernisiert worden war, sondern vielmehr wegen dem Ehepaar Günther und Maria Knapp, welches hier ab dem genannten Jahr wirkte. Während Herr Knapp hauptsächlich in der Küche zum Rechten sah, mauserte sich Frau Knapp zum Hauptinventar im Jelinek. Viele Wiener denken noch heute mit Wehmut daran zurück, wie sie täglich im weissen Apothekerkittel – auch ihr Mann trug so einen – und tief auf ihrer Nase sitzender Brille, den Laden so gut wie alleine schmiss, wohlwollend aber diktatorisch. Die Dame genierte sich nicht, Leute bewusst warten zu lassen oder gar zu ignorieren, wenn diese es pressant hatten. Bald war auf einem Schild an der Wand auf englisch und deutsch zu lesen: „Wer’s eilig hat, wird hier nicht bedient“. Nun ja. Das klingt ein wenig anstrengend. Und weiter:



„Gegen den neuzeitlichen Kommunikationsdrang hatte Frau Knapp offenbar eine Aversion: Sie entfernte die Telefonkabine und führte gleichzeitig ein Handy-Verbot ein. Zuweilen verfiel sie einem Verbotszwang. Nicht nur Hunden war der Zutritt verwehrt; sage und schreibe klebte einmal sogar ein Täfelchen mit durchgestrichenem Kleinkind an der Eingangstür – Babys unerwünscht. Doch gegenüber Gästen, die es nicht eilig hatten, nicht telefonierten und weder Hunde noch Babys dabei hatten, zeigte sich Frau Knapp meist höchst zuvorkommend, freundlich, einfühlsam, ja oft bemutternd – was dem einen oder anderen jungen Herrn schon mal etwas unangenehm werden konnte. Vielen Gästen glaubte sie, ihren Konsumationswunsch vor der Bestellung von den Augen ablesen zu können: „Sie sind ein Teetrinker.“ Will man das? Möchte man das? So lustig sich das liest, man – oder genauer ich – bin nicht so sehr betrübt, dass ich diesem strengen Regiment entkommen bin. Obwohl ich ja sogar gute Chancen gehabt hätte, mich zum bevorzugten Gast zu mausern. Keine Eile. Kein Hund. Kein Kind. Kein Kegel. Auch bin ich äußerst reinlich.



Herrn Phettberg soll sie aus dem Lokal gebeten haben, mit der Aufforderung, sich erst einmal zu waschen. Ich kann mir allerdings auch vorstellen, dass er nicht so angenehme Ausdünstungen hatte. Sie musste ja auch Rücksicht auf die anderen Gäste nehmen. Deshalb auch der separierte Raucher-Bereich, den wir gar nicht identifiziert haben. Diese Beschreibungen beziehen sich ja alle auf die Vergangenheit, die Dame hat längst das Zeitliche gesegnet, ebenso wie ihr Mann. Die neue Bewirtung zeigt eindeutig weniger Profil, ich kann mich nur erinnern, dass man nicht unbedingt überschwänglich warm begrüsst wurde. Die Bestellung wurde eher pragmatisch sachlich entgegengenommen. Die Einrichtung ist aber eindeutig nicht von dieser Welt. Nicht aus dieser Zeit, wollte ich sagen. Sehr pittoresk, sehr stark patiniert. Um diese frühe Tageszeit (irgendwann zwischen Mittag und Nachmittag) fanden sich noch nicht so viele Gäste ein. Es war ja auch noch ein Tag unter der Woche, und Müßiggang im Kaffeehaus kostet ja auch Geld. Auch wenn man sich als Student drei bis vier Stunden bei einem Verlängerten aufhält. Ich habe die Rechnung vom Jelinek nicht mehr, aber wir hatten auf jeden Fall irgendeinen Kaffee, so viel ist sicher. Oder auch zwei. Vielleicht auch, weil es ein bißchen leer und ruhig war, und der Regen so ausdauernd einschläfernd vor sich hinregnete, hatten wir nach etwa einer dreiviertel Stunde Mühe, die Augen aufzuhalten. Wahrscheinlich steckt das auch an.





Kaum verfällt einer in so eine leichte Starre, verlangsamt sich auch alles andere um das betreffende Lebewesen, und das springt dann auf das Gegenüber am Kaffeehaustisch über. Wir waren uns recht gleichzeitig einig, dass wir uns woanders hin begeben sollten, bevor der Alphazustand ein Nickerchen auf der grünen Polsterbank einläutet. Ein Herr am Nachbartisch war noch so kooperativ, uns die Frage zu beantworten, wo die nächste U-Bahn-Haltestelle zu finden sei. Die Antwort wurde ebenfalls sehr pragmatisch herrübergereicht, ohne sich umständlich mit einem Lächeln aufzuhalten. Warum sollte man sich an so einem Regentag auch verausgaben. Wir waren jedenfalls einmal im berühmten Jelinek.


Auch wenn ich keinen Schauspieler gesehen habe, außer dem mir gegenüber. Aber das war sicher auch eine eher ungünstige Tageszeit, denn Planet Vienna versichert: „Das Publikum setzt sich primär zusammen aus Quartieransässigen, Studenten und auffallend vielen namhaften Schauspielern und solchen, die es gerne wären, es aber nicht sind und wohl auch nie werden, sich aber trotzdem so geben, als gehörten sie zur Elite.“ Das ist ja sehr interessant. Und so war ich außerdem auch einmal in Mariahilf. Der Fußweg zur U-Bahn führte uns durch eine sehr lange Einkaufsstraße, die Mariahilfer oder die Gumpendorfer Straße, die mich ein bißchen an die Wilmersdorfer und die Schloßstraße in Berlin erinnert hat. Deswegen habe ich wahrscheinlich auch keine Fotos gemacht. Kein Alleinstellungsmerkmal! Die U-Bahn hat uns dann wohlbehütet wieder in die innere Stadt, zum mittlerweile schon vertrauten Stephansplatz gebracht. Nach der doch etwas anstrengenden Kaffeehaus-Sitzerei und der U-Bahnfahrt war es dann aber auch langsam Zeit für eine kräftigende Mahlzeit in einem schönen Lokal mit warmer Küche, wo man den Regen endlich einmal wieder aus der guten, warmen Stube betrachten konnte.







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30. November 2014

14-05-15 Café Central (1)

Café Central. Wikipedia. „Das Café Central ist ein Kaffeehaus in Wien. Es befindet sich in der Herrengasse 14 im Ersten Bezirk im ehemaligen Bank- und Börsengebäude, das heute nach seinem Architekten Heinrich von Ferstel Palais Ferstel genannt wird (…) Das Café wurde 1876 von den Gebrüdern Pach eröffnet; im späten 19. Jahrhundert wurde es, auch durch den Abriss des Café Griensteidl, zu einem der wichtigsten Treffpunkte geistigen Lebens in Wien. Zu den Stammgästen zählten unter anderem Peter Altenberg, Alfred Adler, Egon Friedell, Hugo von Hofmannsthal, Anton Kuh, Adolf Loos (der das Café Museum entwarf), Leo Perutz und Alfred Polgar. Der Schriftsteller Alfred Polgar schrieb in Die Theorie des Café Central: „Das Central ist nämlich kein Caféhaus wie andere Caféhäuser, sondern eine Weltanschauung. Seine Bewohner sind größtenteils Leute, deren Menschenfeindlichkeit so heftig ist wie ihr Verlangen nach Menschen, die allein sein wollen, aber dazu Gesellschaft brauchen. Die Gäste des Central kennen, lieben und gering schätzen einander. Es gibt Schaffende, denen nur im Central nichts einfällt, überall anderswo weit weniger. (…)“

Dieses Polgar-Zitat findet man auf ungefähr zwanzigstausend Seiten im Internet, aber nur selten einen anderen Auszug oder gar den gesamten Text. Ich hatte keine rechte Lust, abermals nur diese breit getretenen Zeilen zu kopieren und so stagnierte die Inspiration für den Café-Central-Eintrag ein wenig. Denn ich war ja nicht drin, wie ich schon bekannt habe. Dennoch ist es mir möglich gewesen, diese Bilder zu fotografieren. Das geht, indem man nah an der Scheibe der Glastür steht. Nicht, dass man uns nicht als Gäste gewollt hätte. Wir hatten beim Blick auf das Geschehen, keine Lust, vor der Tür im Regen zu stehen. Wartend, bis die ebenfalls wartende japanische Reisegruppe vor uns Einlass erhalten haben würde und wir demzufolge die nächsten Nachrücker wären, eine halbe oder dreiviertel Stunde später. Sicher wären wir eine Bereicherung gewesen. Der Anteil an Literaten im Kaffeehaus hätte dadurch zwar keinen so hohen Prozentsatz wie vor hundert Jahren erlangt, aber immerhin. Im direkten Vergleich mit den mutmaßlich überwiegend nur Ansichtspostkarten schreibenden Gästen des heutigen Café Central des Jahres 2014, wären wir beide wohl annähernd Premium-Literaten. Duke hat immerhin einen vielseitigen Roman und diverse Verse veröffentlicht, und ich beglücke die Welt meinerseits seit bald elf Jahren mit schriftlich fixierten Befindlichkeiten, Literatur hin, Literatur her. Wir wollen nicht kleinlich sein. Aber man ist sich auch nicht immer nur selbst genug.

Und dann geht man in die Welt und sucht Inspiration. Nicht nur in schöner, alter Kaffeehaus-Architektur. Das Publikum ist durchaus von Bedeutung. So wirft man einen Blick durch die polierten Scheiben und verzichtet dann ohne Wehmut darauf, den Knauf zu drücken, und schaut statt mit eigenen Augen später im Internet an, wie das Café en detail von Innen ausgeschaut hätte. Jetzt, ein paar Tage, nachdem ich mit meiner nicht vorhandenen Inspiration für diesem Eintrag schwanger gegangen bin, habe ich über den Wikipedia-Eintrag zu Alfred Polgar doch noch den ganzen Text von ihm zum Central gefunden. Ich entsinne mich, in den Achtziger Jahren begeistert einige Werke von Alfred Polgar gelesen zu haben, in der Amerika-Gedenk-Bibliothek ausgeliehene Bücher, es ist so lange her, dass ich nicht mehr sagen könnte, welche das waren, aber sie handelten immer von Berlin, der Berliner Theater- und Literatenszene, selten von Wien, und sie waren immer gleichermaßen launig, gebildet wie auch boshaft. Es waren wahrscheinlich Texte, die er als Kritiker für das Feuilleton des Berliner Tageblatts und des Böse Buben Journals verfasst hat.

Dass er einen Wiener Hintergrund hatte, wusste ich nur aus einem Klappentext von einem Buch. Im Wikipedia steht es natürlich genau, wie es sich verhält: „(…)1908 erschien Polgars erstes Buch Der Quell des Übels. Der Ort, an dem Polgar zu dieser Zeit am häufigsten verkehrte, war das Café Central, in dem er in Gesellschaft von (s. o.) anzutreffen war und er viel Material für seine scharfsinnigen Beobachtungen und Analysen fand. (…) Gemeinsam mit Egon Friedell schrieb er ab 1921 das Böse Buben Journal. In den 1920er Jahren lebte Polgar überwiegend in Berlin. Viele Artikel von ihm erschienen in dieser Zeit im Berliner Tageblatt (…) Nach der Machtergreifung Hitlers in Deutschland wurden seine Bücher verbrannt und Polgar musste über Prag nach Wien zurückkehren. 1938 war er nach dem Anschluss Österreichs abermals gezwungen, die Flucht zu ergreifen. (…) Über Zürich emigrierte er nach Paris (…) Nach dem Einmarsch der Deutschen in Frankreich 1940 floh er nach Marseille, von wo aus ihm (…) über Spanien und Lissabon die Emigration in die USA gelang. In Hollywood arbeitete er unter anderem als Drehbuchautor für Metro-Goldwyn-Mayer. Ab 1943 lebte er in New York, wo er die amerikanische Staatsbürgerschaft erhielt. Er schrieb für Exilzeitungen, wie den Aufbau, und amerikanische Magazine, wie Time sowie Panorama in Buenos Aires. 1949 kehrte er nach Europa zurück (…) und ließ sich in Zürich nieder.“ (Wo er starb.)

Hier ein paar schöne Auszüge aus dem Polgar-Text zum Central: „Der Centralist lebt parasitär auf der Anekdote, die von ihm umläuft. Sie ist das Hauptstück, das Wesentliche. Alles übrige, die Tatsachen seiner Existenz, sind Kleingedrucktes, Hinzugefügtes, Hinzuerfundenes, das auch wegbleiben kann. Die Gäste des Café Central kennen, lieben und geringschätzen einander. Auch die, die keinerlei Beziehung verknüpft, empfinden diese Nichtbeziehung als Beziehung, selbst gegenseitiger Widerwille hat im Café Central Bindekraft, anerkennt und übt eine Art freimaurerischer Solidarität. Jeder weiß von jedem. Das Café Central ist ein Provinznest im Schoß der Großstadt, dampfend von Klatsch, Neugier und Médisence. (…) die schiefe Lichtbrechung ihres Mediums zu mancherlei Kurzweil nützend, immer voll Erwartung, aber auch voll Sorge, daß einmal was Neues in den glänzenden Bottich fallen könnte (…) Teilhaftig der eigentlichsten Reize dieses wunderlichen Caféhauses wird allein der, der dort nichts will als dort sein. Zwecklosigkeit heiligt den Aufenthalt. Der Gast mag vielleicht das Lokal gar nicht und mag die Menschen nicht, die es lärmend besiedeln, aber sein Nervensystem fordert gebieterisch das tägliche Quantum Centralin. Mit Gewöhnung allein ist das kaum zu erklären, auch nicht damit, daß es den Centralmenschen, wie den Mörder an den Ort der Tat, immer dorthin ziehe, wo er schon so viel Zeit totgeschlagen, ganze Jahre ausgerottet hat. Also was denn ist es? Das Fluidum! Ich kann nur sagen: das Fluidum! Es gibt Schreiber, die nirgendwo anders wie im Café Central ihr Schreibpensum zu erledigen imstande sind, nur dort, nur an den Tischen des Müßigganges, ist ihnen die Tafel der Arbeit gedeckt, nur dort, von Faulenzlüften umweht, wird ihrer Trägheit Befruchtung. Es gibt Schaffende, denen nur im Central nichts einfällt, überall anderswo weit weniger. (…) die Drohungen der Ewigkeit dringen nicht durch die Wände des Café Central, und zwischen diesen geniessest du der holden Wurschtigkeit des Augenblicks. Über das Liebesleben im Café Central, über den Ausgleich der sozialen Unterschiede in ihm, über die literarischen und politischen Strömungen, von denen seine ausgefransten Küsten bespült werden, über die in der Centralhölle Verschütteten die dort sehnsüchtig ihrer Ausgrabung harren, hoffend, daß sie nie stattfinden werde, über das Maskenspiel von Witz und Dummheit, das in jenen Räumen jede Nacht zur Fastnacht wandelt, über dies und anderes wäre noch viel zu sagen. Aber wer sich für das Café Central interessiert, der weiß das alles ohnehin, und wer sich nicht für das Café Central interessiert, an dessen Interesse haben wir keines.“ Und da sind in der Tat noch viele schöne Passagen, die man zitieren könnte. Wie es einmal war. Vor langer, langer Zeit.

Ein wenig muss ich beim nochmaligen Lesen des Polgar-Aufsatzes denken, dass man viele Beobachtungen auf das große, virtuelle Kaffeehaus der Blogosphäre übertragen könnte. (Probieren Sie es aus, einfach „Centralisten“ durch „Blogger“ oder „Twitterer“ oder „Internet-Leute“ ersetzen und „Café Central“ durch „Blogosphäre“ oder „Twitter“ oder „Internet“ – Nein, „Facebook“ eher nicht. Oder? Ihnen fällt schon etwas Passendes ein.) Dass im Wikipedia-Eintrag zum Central kein einziger zeitgenössischer Autor vorkommt, ist ja leider auch ein Hinweis, dass das heutige Café neben seiner fulminanten Architektur und Tradition von einer Aura von versunkenem geistigem Leben profitiert, das man holprig aus der Vergangenheit channeln muss. Die Gegenwart gibt in dieser Richtung nichts her, offenkundig, obwohl es auch WLAN gibt. Ich kann mich nicht entsinnen, an einem Tisch jemand mit Notebook gesehen zu haben. Aber wer schreibt schon in einem Museum. Wer heute in Wien mit einem Schreibgerät am Kaffeehaustisch sitzt, tut das vielleicht noch eher bei Starbucks, wie überall auf der Welt. Wenn ich in der Rosenthaler Straße in Berlin an dem Laden vorbeilaufe, der in der Tat mit seinen ausgefeilt durcheinander gewürfelten, gemütlichen Polstermöbeln wie ein zeitgenössisches Kaffeehaus-Zitat wirkt, sehe ich an zehn von zehn Tischen Zwanzig- bis Dreißigjährige aus aller Welt vor einem Notebook sitzen und tippen. Vielleicht auch nur digitale Ansichtspostkarten, wer weiß. Ich tippe hier ja auch nur Reisenotizen, ich sollte mir die Überheblichkeit sparen. Vielleicht sitzen die Wiener Literaten ja im Rüdigerhof, von einem weiß ich es bestimmt. Oder vielleicht auch im Jelinek, wo wir dann hin sind. Mit einem Taxi durch den Regen.
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29. November 2014


©catonbed
Ein bißchen Berlin zwischen all dem Wien. Donnerstag traf ich mich bei Hiltawsky mit Jan, da war so eine Eröffnung, Kate Moss huldigend. Sie war nicht da, aber dafür kam später Ina, was mich sehr freute. Wir haben viele, viele Bilder gemacht, die ich irgendwann im nächsten Jahr hochladen werde, wie es bei meinem meditativen Verarbeitungs-Tempo aussieht, aber damit einmal dokumentiert ist, dass ich nicht nur in Wien-Erinnerungen lebe, sondern auch noch in der Gegenwart iln Berlin, eine Aufnahme von Jan vom 27. November. Einer der Fotografen aus der Moss-Ausstellung war auch da, der Berliner Fotograf Jurgen Ostarhild. Sehr gesprächig auch. Wahrscheinlich weil die Atmosphäre auf seinen Bildern so lasziv war, fragte ihn ein anderer Mann launig, ob sie, Kate, ihn denn auch geküsst hätte? Daraufhin meinte Osterhild breit grinsend: „Natürlich. Kate küsst a l l e .“ Ina und ich sind danach noch in ins 3 minutes sur mer, wo es eine sehr gute Bouillabaisse gab und auch sehr nette Tischnachbarn. Eine Gruppe von zwei Männern und zwei Frauen. Sie haben sich hörbar verabschiedet, als sie aufbrachen. Ich hatte ehrlich gesagt die ganze Zeit so eine diffuse Wahrnehmung, als ob einer oder zwei (also die beiden Herren) unserem Gespräch ein wenig lauschen würden und sich dabei amüsieren. War ja auch interessant. So ein Gespräch würde ich selber gerne mal belauschen, wie wir es hatten. Die Krönung war allerdings für mich, dass Ina – noch bei Hiltawsky – zu Jan meinte, sich mit mir zu unterhalten, wäre, als ob einem Heimito von Doderer etwas erzählt. Derartig unberechenbare Entwicklungen einer Geschichte, die ganz klein und beiläufig anfängt und dann immer größer wird. Ich erzählte ihr, wieso ich die Idee hätte, dass wir anschließend noch ins 3 minutes zum Essen gehen könnten. Diese Sache mit jener Begegnung im Muschi Obermaier, wo sich einmal in meinem Leben ein Mann dafür interessierte, ob ich gerne Kinder hätte. Also genau so gerne wie er. Na ja. Aber ich möchte nicht ins Detail gehen. Jedenfalls gibt es einen sehr indirekten Zusammenhang zwischen diesem Restaurant und dieser Erinnerung. Wenn Sie es genau wissen möchten, müssen Sie sich eben mal an den Nachbartisch setzen, wenn ich gerade in einem Restaurant bin. Da erfährt man unter Umständen noch ganz andere Sachen. Am Ende wollte ich unbedingt die Rechnung übernehmen und hatte nicht genug Bargeld. Das Lokal hat keine Kartenzahlung, die hätte Ina dann gerne übernommen. Also bin ich kurzerhand um die Ecke, heim zu meiner Wohnung gesprintet und habe das fehlende Bargeld geholt und wieder zurück. War sicher ganz gut, ich habe das Gefühl, ich bewege mich in letzter Zeit noch weniger als ohnehin. Das Foto von Jan nenne ich mein Steinschleuderbild.

25. November 2014

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Wenn es kein Brot gibt, dann isst man eben Kuchen! (»S’ils n’ont pas de pain, qu’ils mangent de la brioche«) Die gern zitierte Anspielung geht wohl gar nicht auf die geköpfte Antoinette zurück, sondern stammt aus einem Roman von Rousseau. Und warum fällt mir das jetzt ein… – – ah – ein Palais. Ja natürlich, das Palais Ferstel. In so einem Palais da fühle ich mich ja immer gleich daheim. Obwohl das Ferstel, streng genommen, schon von jeher eine Passage war, und keineswegs ein Palais. („Die Bezeichnung Palais ist unhistorisch.“) Aber es klingt doch so prachtvoll. Und das sind die zahllosen Bogengänge und reichverzierten schmiedeeisernen Tor- und Fenstergitter mit ihren Arabesken ganz zweifellos. Der alte Ferstel (der war nämlich der Baumeister) hat schon gewusst, was was hermacht. Ein königlicher Bogen jagt den nächsten. Das reinste Bogen-Schießen! Schon großartig, das Ferstel. Auch wieder so ein Name, wo ich mich frage, woher mir der so geläufig ist. „Palais Ferstel“. Keiner hat mir je davon erzählt. Mein Architektur-Studium liegt nun auch schon so weit zurück, dass ich mich jetzt direkt gar nicht mehr richtig daran erinnern kann, ob es sich dabei vielleicht doch nur um Wunschdenken handelt. Eventuell ein dunkles Raunen von der einen oder anderen durchblätterten, reichhaltig bebilderten Geschichte über Wien und seine schönsten Einkaufsgeschäfte in einer alten Vogue. Das klingt mir doch recht wahrscheinlich. (Man soll auch nicht zu viel lügen.)


Das macht sich ja auch alles ganz exzellent für Modefotografie. So hindrapiert, an so einen Bogen. Oder im Café Central. Das ist auch da, das hochberühmte Kaffeehaus. Es ist aber nicht in der Strecke, weil ich die paar wenigen Bilder, die ich vom Central habe, extra präsentieren will. Das macht mehr her! Das war nämlich unser Kaffeehaus-Tag, dieser schöne Regentag in Wien, unser letzter. Obwohl wir nicht im Central waren, weil es viel zu voll war, werde ich ein klein wenig so tun als ob. Merkt ja keiner. Nächste Strecke. Und dann kommen nur noch Kaffeehäuser, wo wir auch drin waren. Denn es war ja, wie erwähnt, der perfekte Regentag.




Freuen Sie sich also nicht nur auf einen als-ob-Kaffeehaus-Besuch im Central, sondern auch noch auf richtige. Im Jelinek, und im Griensteidl am Michaelerplatz und zuguterletzt im ganz und gar unverzichtbaren Hawelka. Und vorher gibt es noch ein schönes Essen im Ristorante Fratelli mit Adriano Celentano (leider nur im Radio) und einem Regenspaziergang durch den Hof der Hofburg. Und fast hätten wir es auch noch ins Sisi-Museum geschafft. Aber alles kann man halt nicht auf einmal machen. Und dann heißt es auch schon bald Abschied nehmen. Aber noch dürfen Sie uns ein bißchen begleiten. Ich wollte nur schon einmal ganz dezent ankündigen, dass es nicht mehr ewig so weiter gehen wird. Also genießen Sie die letzten Stunden in Wien bitte noch umso mehr.




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23. November 2014

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Noch gemeinsam etwas trinken. Nach ein bißchen herumschauen um den Karlsplatz herum (ist der nah zum Kunsthistorischen Museum? Muss ich direkt mal schauen… tatsächlich nur wenige Schritte entfernt, mir war auch, dass wir nicht weit gelaufen sind), wo in einem modernen Lokal, das Victor und mir sehr gut gefallen hätte, die Küche schon zu war, sind wir ein bißchen ratlos Richtung Club U in dem einen Otto-Wagner-Pavillon am Karlsplatz, wo unten nicht viel los war. Und dann nach ganz oben, unters Dach vom Pavillon, wo sich eine etwas improvisiert wirkende Lokalität befindet. Schon eine richtige Bar, aber dann im hinteren Bereich ein Raum, wohl eine ehemalige Wartehalle, vermute ich, wo ein paar ausrangierte Polstermöbel gestanden haben. An der Wand waren über der Siebziger-Jahre-Kunstledercouch lustige, so streetartmäßig improvisiert, auf Pappkarton geklebte, bunte Kunstwerke. Dass es da eher nichts zu essen geben würde, war mir schon recht bald klar, weil es ja auch keine Tische gab, wo man einen Teller hätte draufstellen können. Ich habe dann begriffen, dass ich mich wohl von der Vorstellung verabschieden muss, den Abend, als Krönung, in einem lauschigen Restaurant mit einem drei-Gänge-Menü und besten Weinen zu beschließen. Ich glaube, ich habe einen Filterkaffee getrunken, schwarz. Und Duke und Victor Bier aus der Flasche, wie das Männer so gerne machen. Nun hatte ich mich ja den ganzen Abend mit Alkohol zurückgehalten, weil ich noch in der Rekonvaleszenz war und dachte, ich müsste meine Kapazitäten für das opulente Abendessen aufsparen, wo ich dann nicht mehr mit alkoholischer Begleitung geizen wollte. Wir erinnern uns: es war noch immer der 14. Mai, an dem ich ziemlich verkatert und anlehnungsbedürftig mit Duke zum Belvedere gelaufen bin. Das letzte, was ich gegessen hatte, war das Schnitzel im Belvedere-Café, gegen Mittag. Und danach nur noch mehrere Tassen Kaffee, einmal im Schwarzenberg und dann vielleicht noch dazwischen, als wir kurz heim sind, vor dem abendlichen Ausflug zum Ganymed, wo ich im Kuppelcafé auch wieder nur Kaffee getrunken hatte. Mittlerweile ging es mir auch schon wieder recht prima. Zumal die schönen Erlebnisse beim Ganymed meinem Befinden auch insgesamt zuträglich waren. Jedenfalls habe ich dann in der Kneipe im Otto-Wagner-Pavillon – ich nenne das Lokal mangels genauerer Kenntnis einfach „Otto-Wagner-Club“, meinen Kaffee getrunken und meine Fotos durchgeschaut und ein bißchen herumgeknipst, während sich Duke und Victor sehr nett unterhalten haben. Über ihre künstlerischen Projekte, und an was sie gerade schreiben, und wie man so überlebt. Einmal ging es irgendwie darum, dass ich bestimmt habe, wann wir aufstehen und frühstücken und aufbrechen oder so ähnlich, also während der letzten Tage, in der Ferienwohnung in Wien, und da dachte ich so bei mir, das hört sich an, als wären wir dreißig Jahre verheiratet, wie Duke das gerade Victor erzählt. Das hat mich ganz seltsam berührt, weil wir ja kein Paar sind und er damals, vor dreizehn, vierzehn Jahren, als man davon hätte reden können, nie solche leicht vereinnahmenden, vertraulichen Bemerkungen gemacht hatte. Ob es damit zu tun hatte, dass er die Geschichte von Victor und mir kannte und rückwirkend ein bißchen Revier markieren wollte? Duke und ich kannten uns seit Neunzehnhundertdreiundachtzig und hatten uns heimlich angeschmachtet, er war anderweitig liiert und ließ sich daher wenig anmerken. Und ich mir auch so wenig wie möglich.

Das unerfüllte Sehnen zog sich fast drei Jahre hin und dann begegnete mir Victor und ich verliebte mich sehr in ihn. Da wurde nicht lange gefackelt, ich musste ihn nicht ein paar Jahre lang vergeblich anbeten. Es währte ein paar Monate, und dann zog ich im April ’86 weit weg, nach Berlin, wo ein anderes Leben begann. Ca. 1987 ließ mir Duke aus der Ferne einen Gruß übermitteln, durch einen gemeinsamen Freund, der mich in Berlin besuchte, mehr geschah nicht. Durch eine selten schicksalshafte Fügung bekam ich im Januar 2000, also fünfzehn Jahre, nachdem ich Duke das letzte mal gesehen hatte, vielleicht bei diesem Nico-Konzert 1985, ein Theaterprogramm in die Hände, auf dem vermerkt war, dass im Theater am Südwestkorso in Berlin, ein Stück namens „Uhrwerk Banane“ gespielt wird, von dem Autor Duke Meyer. Es durchzuckte mich, und ich nahm per Mail Kontakt mit der Leitung des Theaters auf, um zu erfragen, ob sie eine Mail-Adresse des Autors haben und eine kleine Botschaft von mir weiterleiten könnten. Ich schrieb nur wenige Zeilen, „ich weiß nicht, ob du dich noch an mich erinnerst….“ usw., nur wenige Stichworte und einen Gruß. Das war am 13. Januar 2000. Immer wieder schaute ich in mein Mail-Postfach, aber da kam nichts. Und dann, etwa fünf Tage später, sah ich eine Mail. Sie war von Duke. Es war die längste E-Mail, die ich je von jemandem bekommen hatte. Ich druckte sie aus. Es waren in kleingedruckter Schrift, höchstens 9 Punkte, 8 DIN A4-Seiten. In denen er mir nicht nur mitteilte, dass er sich sehr wohl an mich erinnern würde, sondern auch, dass es ihm damals genauso ging wie mir. Was mir all die Jahre nicht klar war. Ich hatte nur so ein bestimmtes Gefühl. Auf den übrigen Seiten erzählte er mir sein Leben seither, all die Jahre. Und dass er bis vor zwei Monaten noch in Berlin gewohnt hätte. Das hat mir einigermaßen die Sprache verschlagen. Er hatte, wenn auch nur für etwa zwei Jahre, in Berlin gelebt und ich hatte nichts davon gewusst. Und nun war er – der Liebe wegen – gerade wieder weggezogen, in eine kleine Stadt in Süddeutschland, wo seine neue Liebe ihren Lebensmittelpunkt hatte. Von dieser Mail an schrieben wir uns täglich. Bis wir uns in Berlin wiedertrafen, es war im April Zweitausend, hatten wir uns gut und gerne schon tausend Mails geschrieben. Im April kam er nach Berlin und wir trafen uns am Alexanderplatz im Verlagsgebäude vom Berliner Verlag, wo er ein Interview hatte. Es würde zu lange dauern, und wäre mir auch zu aufwühlend, zu beschreiben, was nach dieser Begegnung geschah. Wir mussten nach dieser siebzehn Jahre zurückliegenden, unerfüllten Sehnsucht etwas nachholen. Und das taten wir. Er zog nicht wieder nach Berlin, aber war ab und zu hier. Und während dieser Zeit entstanden auch die Filmaufnahmen, die ich im April letzten Jahres digitalisieren ließ und verarbeitete.

Das letzte mal sah ich ihn Mitte Dezember 2002, so lange ging unsere Geschichte. Und dann brach der Kontakt ab. Ich hörte nie mehr von ihm. Alles, was ich seither über ihn erfahren konnte, war durch das Internet, wo er ab 2004 einmal im Monat etwas schrieb, was ihn bewegte und was er tat. Das Netz macht es möglich, dass man sich auch nach Ende eines Kontaktes noch weiter ein Bild von jemandem machen kann. Ich brauchte lange, um über das plötzliche Ende hinwegzukommen. Aber im Jahr 2007 hatte ich es endlich verarbeitet. Ich wusste auch, dass er eine Frau, eine Wienerin, gefunden und sogar geheiratet hatte, die – wie ich fand – sehr gut zu ihm passte. Ich spürte keinen Argwohn mehr, ich wünschte ihm innerlich Glück und Frieden. Als ich die Filmaufnahmen wieder fand, und sie digitalisiert nach und nach verarbeitete, war mir recht bald klar, dass es unangemessen wäre, ihm das nicht zu Kenntnis zu geben. Was ich mit einer Mail-Notiz tat, ohne viele Worte. Ich schickte ihm immer einen Link, wenn ein neues Opus mit ihm fertig war. Er dankte meistens kurz, das war es dann auch. Das war im Sommer 2013, im Juli. Und dann starb mein Neffe, Ende Juli. Und ich hatte das dringende Bedürfnis, ihm das mitzuteilen, weil er indirekt damit zu tun hatte, dass sich die Eltern meines Neffen, mein Bruder und die Mutter des Jungen überhaupt trafen. November 1983. Ich war bei einem Konzert von Dukes Band und lange vorher da. Und die spätere Lebensgefährtin meines Bruders auch. Sie sprach mich an. Wir befreundeten uns und so lernte sie meinen Bruder kennen. Ich war nur wegen Duke bei diesem Konzert. Wäre er nicht aufgetreten, wäre ich nicht dort gewesen, hätte ich die Frau, die später eine gute Freundin wurde, nicht getroffen, hätte sie vielleicht meinen Bruder nie kennengelernt und wäre mein Neffe vielleicht nie geboren worden… Wie das Leben so spielt. Ich wollte Duke auch deshalb über den Tod in Kenntnis setzten, weil ich sah, dass die beiden auf facebook befreundet waren und ich wissen wollte, ob sie sich überhaupt tatsächlich kannten, oder ob es nur so eine facebook-Bekanntschaft war. Duke schrieb mir auf die Mitteilung des Todes meines Neffen sehr bewegt und einfühlsam zurück, nein, er konnte sich nicht erinnern, ihn je persönlich getroffen zu haben. Aber mein Neffe wusste ziemlich gut, wer Duke war, weil seine Mutter ihm manchmal von früher erzählte, wie sie seinen Vater kennengelernt hatte. Duke war gerade in einem Sommerurlaub bei Freunden in Spanien, als er mir zurückschrieb. Seither wurde unser Austausch wieder persönlicher und wortreicher. Und die Idee kam auf, dass wir uns noch einmal sehen wollten, bevor wir selbst das Zeitliche segnen. Was zunächst pathetisch wirken mag, angesichts unseres mittleren Alters, Duke ist 1959 geboren und ich 1965. Aber wenn man gerade einen achtundzwanzigjährigen, jungen, gesunden Mann begraben hat, kommen einem solche Gedanken. Und weil Duke immer wieder so begeistert von Wien schrieb, dachte ich, es wäre eine schöne Idee, dass wir uns in Wien noch einmal treffen. In Frieden und Versöhnung. In Freundschaft und Verbundenheit. Und wie es das Schicksal so will, erfuhr ich gerade in diesen Monaten, Ende 2013, Anfang 2014, dass es Victor noch gab. Lange fand ich keine Spur von ihm im Netz, obwohl ich all die Jahre immer einmal wieder schaute. Und nun doch. Ich fand ihn und sah, dass er mittlerweile in Wien lebte. Ich kommentierte unter einem Video, das er gemacht hatte und daraufhin kommentierte er zurück. So hatten wir auch wieder Kontakt. Ihn hatte ich seit 1988 nicht mehr gesehen, als er mich einmal kurz in Berlin besucht hatte. Also sechsundzwanzig Jahre. Als es sicher war, dass Duke und ich uns im Mai in Wien treffen würden, teilte ich es Victor mit und er war auch dafür, dass wir uns bei der Gelegenheit doch einmal wiedersehen sollten, in der Stadt, in der er nun seit vielen Jahren lebte. So war das also. Das ist die Hintergrundgeschichte. Und nun saß ich mit Duke und Victor in Wien in einer kleinen Kneipe, die mich sogar ein bißchen an unsere Zeiten in den Achtziger Jahren, im Kunstverein erinnerte. So schließt sich der Kreis. Wir tranken zum Abschied noch einen oder auch zwei Bourbon an der Bar, auf die guten alten Zeiten. Und die Gegenwart. Und die Zukunft. Und Alles. Das tat sehr gut. Wir verabschiedeten uns mit einer warmen Umarmung und Victor fuhr heim und Duke und ich nahmen ein Taxi zur Wohnung in der Lambrechtgasse, wo wir ja noch viele Sachen im Kühlschrank hatten und auch Wein. Wir saßen also wieder an unserem mittlerweile vertrauten Treffpunkt in der riesigen Wohnung, dem Tisch in der Küche, und ließen den Tag Revue passieren und hörten und sprachen über Musik. Auch seine. Ich hatte in all den Jahren auch mitbekommen, was er gemacht hatte und dass er einmal im Jahr bei einem Projekt von Songwritern dabei ist, wo über den ganzen Monat Februar vierzehn Songs geschrieben und im Internet hochgeladen werden müssen, wohlgemerkt von jedem einzelnen Songwriter, um den trüben, nutzlosen Februar über die Bühne zu bringen. Es nennt sich FAWM, Abkürzung für February Album Writing Month. Ich hatte im Februar 2014 in seine Sachen reingehört und eine Skizze hatte es mir besonders angetan. Die Songs sind nicht fertig produziert, sondern Schnellschüsse, first Takes, Work in Progress. Das wäre ja auch gar nicht zu schaffen, wenn man alle zwei Tage ein neues Werk hochladen muss, um dieses sehr sportliche Ziel dieser weltweiten Community zu erreichen. Jedenfalls mochte ich einen Song ganz besonders und ich klickte immer wieder mal auf die Seite, um ihn hören zu können. Er erinnerte mich ein bißchen an die Sachen von Grace Jones aus den Achtzigern, die wir damals auch gehört hatten. Das Album „Warm Leatherette“ lief rauf und runter, Duke hörte das mindestens genauso oft wie ich, damals. Ich erinnere mich an Abende in Wohngemeinschaftsküchen, wo die Platte lief. Damals hatten wir noch keine CDs. Und er zuckte zum Beat mit seinen langen Gliedmaßen. In seiner Leopardenhose, klopfte mit den beringten und bereiften Händen und Armen den Rhythmus auf den Küchentisch und ich freute mich am Vibrieren. Deshalb wohl mochte und mag ich den Song auch so gerne. Er heißt „Wo…?“ und ist mittlerweile auch zum Anhören auf seiner Seite. Es ist immer noch dieselbe Rohskizze, aber dafür finde ich den Song erstaunlich fertig. Ich fragte Duke, ob ich den Song vielleicht bekommen dürfte, damit ich ihn anhören könnte, wann immer ich wollte. Er freute sich darüber und wir klappten beide unsere Rechner auf und er mailte mir den Song über den Küchentisch. Dank der archivierten Mail und ihrer Sendedaten kann ich einwandfrei rekonstruieren, dass das am 14. Mai war:
……………………………………………………………………………………………..
14.05.2014 um 23:12 Uhr
Wo find ich dich
Von: Duke Meyer
An: Gaga Nielsen

Huhu, Königin des verfeinerten Geschmacks,
hier kommt die Skizze „Wo find ich dich“, die in dieser Urfassung nur „Wo?“ heißt (die ich aber nicht umbenenne, weil sie immer noch für FAWM verlinkt ist so). Wir hoffen, diese Sendung entspricht Ihren Erwartungen.
XXX
Duke

……………………………………………………………………………………………..
Ich musste lachen, als ich die Mail las, weil jeder andere hätte einfach die Datei angehängt und kommentarlos gepostet. Aber Duke ließ es sich nicht nehmen, noch eine formvollendete Mitteilung dazu zu posten. Er schreibt tatsächlich leidenschaftlich gerne. Das hatten wir immer gemeinsam und immerhin das wird sich wohl auch nie ändern. Und weil wir sowieso schon dabei waren, Sachen auszutauschen, fiel mir ein, dass ich ja auch noch die digitalisierten Songs von seiner Band aus den Achtziger Jahren auf meinem Rechner hatte, die er selbst gar nicht besaß. Und ich hatte sie auch nur durch diese erstaunliche Fügung, dass bei der Trauerfeier für meinen Neffen, der frühere Bandkollege und Tontechniker von Dukes Band neben mir saß. Der, der mir als ich schon in Berlin war, einen Gruß von Duke ausgerichtet hatte. Und der meinen Neffen und seine Brüder gut kannte und deswegen bei der Beisetzung und der Trauerfeier war. Wir hatten uns lange und intensiv unterhalten und es kam die Rede darauf, ob er die alten analogen Aufnahmen je digitalisiert hat. Natürlich! Selbstverständlich! meinte Schwarzmann. Und: „Warte! Ich bin gleich wieder da!“ Sprang auf, packte sein Fahrrad und fuhr um die Ecke zu seinem Tonstudio, um mir mal eben zwischendurch, zwischen Kaffee und Kuchen, die alten Songs auf CD zu brennen. Nach zwanzig Minuten war er wieder zurück und gab mir die alten Aufnahmen auf zwei CDs. Und diese Dateien schob ich nun in Wien auf einen USB-Stick, und reichte ihn Duke über den Küchentisch. Einer meiner liebsten Songs darauf war „Ich fühl mich gut„. Ich hatte ihn in dem ersten Video verarbeitet, mit dem alten Material von Duke. Damals hatte ich keine digitale Version davon und nahm einfach direkt aus dem Raum vom laufenden Kassettenrekorder in meinem Atelier auf. Aber nun saßen wir in der Küche im schönen Wien und hörten fasziniert und gerührt noch einmal gemeinsam die ganzen alten Lieder von damals, aus der Zeit, als wir ineinander verliebt waren und es keiner zugab. Wir hatten auch noch Kartoffelchips und andere Sachen zu essen und einen unheimlich guten österreichischen Rotwein, einen blauen Zweigelt von der Weinmanufaktur Krems. Der absolut allerbeste Wein, den wir bislang auf diesem Tisch hatten, da waren wir uns einig. Angemessen, um diesen so erlebnisreichen Tag mit Klimts Kuss im Belvedere und dem Schwarzenberg und dem Karlsplatz und der Secession und dem Ganymed und dem Abschied von Victor, und unseren gemeinsamen Erinnerungen zu beschließen.

Ich war im großen Zauberwald
Tief unten auch bei den Maschinen
Ich sah für Stunden nur Asphalt
Und fuhr dir nach auf tausend Schienen
Ich war im sauberen Büro
Und lugte in die Besenkammern
Im Dschungel war ich sowieso
Auch dort, wo Herzen sich anklammern
Im Film hab ich dich nicht gesehen
Und in den Büchern nicht gefunden
Die Menschen können mich nicht verstehen
Du wärst seit ewig schon verschwunden
Du weißt, ich bin dir auf der Spur
Komm dich zurück nach Hause holen
Versteckst dich hinter Politur
Hörst schon das Schlurfen leiser Sohlen
Du bist die letzte vom Verein
Die anderen hab ich schon gerettet
Du wirst die Auslöserin sein
Der Anstoß der Ereigniskette
Dann ist der Zauber bald vorbei
Und alle sehen die Maschinen
Dann grüßen wir die Wirklicheit
Wollen niemand anderem mehr dienen

© Duke Meyer 2014, Wo…
: : alle Wiener Geschichten : :

23. November 2014

https://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=1811922554


Noch gemeinsam etwas trinken. Nach ein bißchen herumschauen um den Karlsplatz herum (ist der nah zum Kunsthistorischen Museum? Muss ich direkt mal schauen… tatsächlich nur wenige Schritte entfernt, mir war auch, dass wir nicht weit gelaufen sind), wo in einem modernen Lokal, das Victor und mir sehr gut gefallen hätte, die Küche schon zu war, sind wir ein bißchen ratlos Richtung Club U in dem einen Otto-Wagner-Pavillon am Karlsplatz, wo unten nicht viel los war. Und dann nach ganz oben, unters Dach vom Pavillon, wo sich eine etwas improvisiert wirkende Lokalität befindet. Schon eine richtige Bar, aber dann im hinteren Bereich ein Raum, wohl eine ehemalige Wartehalle, vermute ich, wo ein paar ausrangierte Polstermöbel gestanden haben. An der Wand waren über der Siebziger-Jahre-Kunstledercouch lustige, so streetartmäßig improvisiert, auf Pappkarton geklebte, bunte Kunstwerke. Dass es da eher nichts zu essen geben würde, war mir schon recht bald klar, weil es ja auch keine Tische gab, wo man einen Teller hätte draufstellen können. Ich habe dann begriffen, dass ich mich wohl von der Vorstellung verabschieden muss, den Abend, als Krönung, in einem lauschigen Restaurant mit einem drei-Gänge-Menü und besten Weinen zu beschließen. Ich glaube, ich habe einen Filterkaffee getrunken, schwarz. Und Duke und Victor Bier aus der Flasche, wie das Männer so gerne machen. Nun hatte ich mich ja den ganzen Abend mit Alkohol zurückgehalten, weil ich noch in der Rekonvaleszenz war und dachte, ich müsste meine Kapazitäten für das opulente Abendessen aufsparen, wo ich dann nicht mehr mit alkoholischer Begleitung geizen wollte. Wir erinnern uns: es war noch immer der 14. Mai, an dem ich ziemlich verkatert und anlehnungsbedürftig mit Duke zum Belvedere gelaufen bin. Das letzte, was ich gegessen hatte, war das Schnitzel im Belvedere-Café, gegen Mittag. Und danach nur noch mehrere Tassen Kaffee, einmal im Schwarzenberg und dann vielleicht noch dazwischen, als wir kurz heim sind, vor dem abendlichen Ausflug zum Ganymed, wo ich im Kuppelcafé auch wieder nur Kaffee getrunken hatte. Mittlerweile ging es mir auch schon wieder recht prima. Zumal die schönen Erlebnisse beim Ganymed meinem Befinden auch insgesamt zuträglich waren. Jedenfalls habe ich dann in der Kneipe im Otto-Wagner-Pavillon – ich nenne das Lokal mangels genauerer Kenntnis einfach „Otto-Wagner-Club“, meinen Kaffee getrunken und meine Fotos durchgeschaut und ein bißchen herumgeknipst, während sich Duke und Victor sehr nett unterhalten haben. Über ihre künstlerischen Projekte, und an was sie gerade schreiben, und wie man so überlebt. Einmal ging es irgendwie darum, dass ich bestimmt habe, wann wir aufstehen und frühstücken und aufbrechen oder so ähnlich, also während der letzten Tage, in der Ferienwohnung in Wien, und da dachte ich so bei mir, das hört sich an, als wären wir dreißig Jahre verheiratet, wie Duke das gerade Victor erzählt. Das hat mich ganz seltsam berührt, weil wir ja kein Paar sind und er damals, vor dreizehn, vierzehn Jahren, als man davon hätte reden können, nie solche leicht vereinnahmenden, vertraulichen Bemerkungen gemacht hatte. Ob es damit zu tun hatte, dass er die Geschichte von Victor und mir kannte und rückwirkend ein bißchen Revier markieren wollte? Duke und ich kannten uns seit Neunzehnhundertdreiundachtzig und hatten uns heimlich angeschmachtet, er war anderweitig liiert und ließ sich daher wenig anmerken. Und ich mir auch so wenig wie möglich.

Das unerfüllte Sehnen zog sich fast drei Jahre hin und dann begegnete mir Victor und ich verliebte mich sehr in ihn. Da wurde nicht lange gefackelt, ich musste ihn nicht ein paar Jahre lang vergeblich anbeten. Es währte ein paar Monate, und dann zog ich im April ’86 weit weg, nach Berlin, wo ein anderes Leben begann. Ca. 1987 ließ mir Duke aus der Ferne einen Gruß übermitteln, durch einen gemeinsamen Freund, der mich in Berlin besuchte, mehr geschah nicht. Durch eine selten schicksalshafte Fügung bekam ich im Januar 2000, also fünfzehn Jahre, nachdem ich Duke das letzte mal gesehen hatte, vielleicht bei diesem Nico-Konzert 1985, ein Theaterprogramm in die Hände, auf dem vermerkt war, dass im Theater am Südwestkorso in Berlin, ein Stück namens „Uhrwerk Banane“ gespielt wird, von dem Autor Duke Meyer. Es durchzuckte mich, und ich nahm per Mail Kontakt mit der Leitung des Theaters auf, um zu erfragen, ob sie eine Mail-Adresse des Autors haben und eine kleine Botschaft von mir weiterleiten könnten. Ich schrieb nur wenige Zeilen, „ich weiß nicht, ob du dich noch an mich erinnerst….“ usw., nur wenige Stichworte und einen Gruß. Das war am 13. Januar 2000. Immer wieder schaute ich in mein Mail-Postfach, aber da kam nichts. Und dann, etwa fünf Tage später, sah ich eine Mail. Sie war von Duke. Es war die längste E-Mail, die ich je von jemandem bekommen hatte. Ich druckte sie aus. Es waren in kleingedruckter Schrift, höchstens 9 Punkte, 8 DIN A4-Seiten. In denen er mir nicht nur mitteilte, dass er sich sehr wohl an mich erinnern würde, sondern auch, dass es ihm damals genauso ging wie mir. Was mir all die Jahre nicht klar war. Ich hatte nur so ein bestimmtes Gefühl. Auf den übrigen Seiten erzählte er mir sein Leben seither, all die Jahre. Und dass er bis vor zwei Monaten noch in Berlin gewohnt hätte. Das hat mir einigermaßen die Sprache verschlagen. Er hatte, wenn auch nur für etwa zwei Jahre, in Berlin gelebt und ich hatte nichts davon gewusst. Und nun war er – der Liebe wegen – gerade wieder weggezogen, in eine kleine Stadt in Süddeutschland, wo seine neue Liebe ihren Lebensmittelpunkt hatte. Von dieser Mail an schrieben wir uns täglich. Bis wir uns in Berlin wiedertrafen, es war im April Zweitausend, hatten wir uns gut und gerne schon tausend Mails geschrieben. Im April kam er nach Berlin und wir trafen uns am Alexanderplatz im Verlagsgebäude vom Berliner Verlag, wo er ein Interview hatte. Es würde zu lange dauern, und wäre mir auch zu aufwühlend, zu beschreiben, was nach dieser Begegnung geschah. Wir mussten nach dieser siebzehn Jahre zurückliegenden, unerfüllten Sehnsucht etwas nachholen. Und das taten wir. Er zog nicht wieder nach Berlin, aber war ab und zu hier. Und während dieser Zeit entstanden auch die Filmaufnahmen, die ich im April letzten Jahres digitalisieren ließ und verarbeitete.

Das letzte mal sah ich ihn Mitte Dezember 2002, so lange ging unsere Geschichte. Und dann brach der Kontakt ab. Ich hörte nie mehr von ihm. Alles, was ich seither über ihn erfahren konnte, war durch das Internet, wo er ab 2004 einmal im Monat etwas schrieb, was ihn bewegte und was er tat. Das Netz macht es möglich, dass man sich auch nach Ende eines Kontaktes noch weiter ein Bild von jemandem machen kann. Ich brauchte lange, um über das plötzliche Ende hinwegzukommen. Aber im Jahr 2007 hatte ich es endlich verarbeitet. Ich wusste auch, dass er eine Frau, eine Wienerin, gefunden und sogar geheiratet hatte, die – wie ich fand – sehr gut zu ihm passte. Ich spürte keinen Argwohn mehr, ich wünschte ihm innerlich Glück und Frieden. Als ich die Filmaufnahmen wieder fand, und sie digitalisiert nach und nach verarbeitete, war mir recht bald klar, dass es unangemessen wäre, ihm das nicht zu Kenntnis zu geben. Was ich mit einer Mail-Notiz tat, ohne viele Worte. Ich schickte ihm immer einen Link, wenn ein neues Opus mit ihm fertig war. Er dankte meistens kurz, das war es dann auch. Das war im Sommer 2013, im Juli. Und dann starb mein Neffe, Ende Juli. Und ich hatte das dringende Bedürfnis, ihm das mitzuteilen, weil er indirekt damit zu tun hatte, dass sich die Eltern meines Neffen, mein Bruder und die Mutter des Jungen überhaupt trafen. November 1983. Ich war bei einem Konzert von Dukes Band und lange vorher da. Und die spätere Lebensgefährtin meines Bruders auch. Sie sprach mich an. Wir befreundeten uns und so lernte sie meinen Bruder kennen. Ich war nur wegen Duke bei diesem Konzert. Wäre er nicht aufgetreten, wäre ich nicht dort gewesen, hätte ich die Frau, die später eine gute Freundin wurde, nicht getroffen, hätte sie vielleicht meinen Bruder nie kennengelernt und wäre mein Neffe vielleicht nie geboren worden… Wie das Leben so spielt. Ich wollte Duke auch deshalb über den Tod in Kenntnis setzten, weil ich sah, dass die beiden auf facebook befreundet waren und ich wissen wollte, ob sie sich überhaupt tatsächlich kannten, oder ob es nur so eine facebook-Bekanntschaft war. Duke schrieb mir auf die Mitteilung des Todes meines Neffen sehr bewegt und einfühlsam zurück, nein, er konnte sich nicht erinnern, ihn je persönlich getroffen zu haben. Aber mein Neffe wusste ziemlich gut, wer Duke war, weil seine Mutter ihm manchmal von früher erzählte, wie sie seinen Vater kennengelernt hatte. Duke war gerade in einem Sommerurlaub bei Freunden in Spanien, als er mir zurückschrieb. Seither wurde unser Austausch wieder persönlicher und wortreicher. Und die Idee kam auf, dass wir uns noch einmal sehen wollten, bevor wir selbst das Zeitliche segnen. Was zunächst pathetisch wirken mag, angesichts unseres mittleren Alters, Duke ist 1959 geboren und ich 1965. Aber wenn man gerade einen achtundzwanzigjährigen, jungen, gesunden Mann begraben hat, kommen einem solche Gedanken. Und weil Duke immer wieder so begeistert von Wien schrieb, dachte ich, es wäre eine schöne Idee, dass wir uns in Wien noch einmal treffen. In Frieden und Versöhnung. In Freundschaft und Verbundenheit. Und wie es das Schicksal so will, erfuhr ich gerade in diesen Monaten, Ende 2013, Anfang 2014, dass es Victor noch gab. Lange fand ich keine Spur von ihm im Netz, obwohl ich all die Jahre immer einmal wieder schaute. Und nun doch. Ich fand ihn und sah, dass er mittlerweile in Wien lebte. Ich kommentierte unter einem Video, das er gemacht hatte und daraufhin kommentierte er zurück. So hatten wir auch wieder Kontakt. Ihn hatte ich seit 1988 nicht mehr gesehen, als er mich einmal kurz in Berlin besucht hatte. Also sechsundzwanzig Jahre. Als es sicher war, dass Duke und ich uns im Mai in Wien treffen würden, teilte ich es Victor mit und er war auch dafür, dass wir uns bei der Gelegenheit doch einmal wiedersehen sollten, in der Stadt, in der er nun seit vielen Jahren lebte. So war das also. Das ist die Hintergrundgeschichte. Und nun saß ich mit Duke und Victor in Wien in einer kleinen Kneipe, die mich sogar ein bißchen an unsere Zeiten in den Achtziger Jahren, im Kunstverein erinnerte. So schließt sich der Kreis. Wir tranken zum Abschied noch einen oder auch zwei Bourbon an der Bar, auf die guten alten Zeiten. Und die Gegenwart. Und die Zukunft. Und Alles. Das tat sehr gut. Wir verabschiedeten uns mit einer warmen Umarmung und Victor fuhr heim und Duke und ich nahmen ein Taxi zur Wohnung in der Lambrechtgasse, wo wir ja noch viele Sachen im Kühlschrank hatten und auch Wein. Wir saßen also wieder an unserem mittlerweile vertrauten Treffpunkt in der riesigen Wohnung, dem Tisch in der Küche, und ließen den Tag Revue passieren und hörten und sprachen über Musik. Auch seine. Ich hatte in all den Jahren auch mitbekommen, was er gemacht hatte und dass er einmal im Jahr bei einem Projekt von Songwritern dabei ist, wo über den ganzen Monat Februar vierzehn Songs geschrieben und im Internet hochgeladen werden müssen, wohlgemerkt von jedem einzelnen Songwriter, um den trüben, nutzlosen Februar über die Bühne zu bringen. Es nennt sich FAWM, Abkürzung für February Album Writing Month. Ich hatte im Februar 2014 in seine Sachen reingehört und eine Skizze hatte es mir besonders angetan. Die Songs sind nicht fertig produziert, sondern Schnellschüsse, first Takes, Work in Progress. Das wäre ja auch gar nicht zu schaffen, wenn man alle zwei Tage ein neues Werk hochladen muss, um dieses sehr sportliche Ziel dieser weltweiten Community zu erreichen. Jedenfalls mochte ich einen Song ganz besonders und ich klickte immer wieder mal auf die Seite, um ihn hören zu können. Er erinnerte mich ein bißchen an die Sachen von Grace Jones aus den Achtzigern, die wir damals auch gehört hatten. Das Album „Warm Leatherette“ lief rauf und runter, Duke hörte das mindestens genauso oft wie ich, damals. Ich erinnere mich an Abende in Wohngemeinschaftsküchen, wo die Platte lief. Damals hatten wir noch keine CDs. Und er zuckte zum Beat mit seinen langen Gliedmaßen. In seiner Leopardenhose, klopfte mit den beringten und bereiften Händen und Armen den Rhythmus auf den Küchentisch und ich freute mich am Vibrieren. Deshalb wohl mochte und mag ich den Song auch so gerne. Er heißt „Wo…?“ und ist mittlerweile auch zum Anhören auf seiner Seite. Es ist immer noch dieselbe Rohskizze, aber dafür finde ich den Song erstaunlich fertig. Ich fragte Duke, ob ich den Song vielleicht bekommen dürfte, damit ich ihn anhören könnte, wann immer ich wollte. Er freute sich darüber und wir klappten beide unsere Rechner auf und er mailte mir den Song über den Küchentisch. Dank der archivierten Mail und ihrer Sendedaten kann ich einwandfrei rekonstruieren, dass das am 14. Mai war:
……………………………………………………………………………………………..
14.05.2014 um 23:12 Uhr
Wo find ich dich
Von: Duke Meyer
An: Gaga Nielsen

Huhu, Königin des verfeinerten Geschmacks,
hier kommt die Skizze „Wo find ich dich“, die in dieser Urfassung nur „Wo?“ heißt (die ich aber nicht umbenenne, weil sie immer noch für FAWM verlinkt ist so). Wir hoffen, diese Sendung entspricht Ihren Erwartungen.
XXX
Duke

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Ich musste lachen, als ich die Mail las, weil jeder andere hätte einfach die Datei angehängt und kommentarlos gepostet. Aber Duke ließ es sich nicht nehmen, noch eine formvollendete Mitteilung dazu zu posten. Er schreibt tatsächlich leidenschaftlich gerne. Das hatten wir immer gemeinsam und immerhin das wird sich wohl auch nie ändern. Und weil wir sowieso schon dabei waren, Sachen auszutauschen, fiel mir ein, dass ich ja auch noch die digitalisierten Songs von seiner Band aus den Achtziger Jahren auf meinem Rechner hatte, die er selbst gar nicht besaß. Und ich hatte sie auch nur durch diese erstaunliche Fügung, dass bei der Trauerfeier für meinen Neffen, der frühere Bandkollege und Tontechniker von Dukes Band neben mir saß. Der, der mir als ich schon in Berlin war, einen Gruß von Duke ausgerichtet hatte. Und der meinen Neffen und seine Brüder gut kannte und deswegen bei der Beisetzung und der Trauerfeier war. Wir hatten uns lange und intensiv unterhalten und es kam die Rede darauf, ob er die alten analogen Aufnahmen je digitalisiert hat. Natürlich! Selbstverständlich! meinte Schwarzmann. Und: „Warte! Ich bin gleich wieder da!“ Sprang auf, packte sein Fahrrad und fuhr um die Ecke zu seinem Tonstudio, um mir mal eben zwischendurch, zwischen Kaffee und Kuchen, die alten Songs auf CD zu brennen. Nach zwanzig Minuten war er wieder zurück und gab mir die alten Aufnahmen auf zwei CDs. Und diese Dateien schob ich nun in Wien auf einen USB-Stick, und reichte ihn Duke über den Küchentisch. Einer meiner liebsten Songs darauf war „Ich fühl mich gut„. Ich hatte ihn in dem ersten Video verarbeitet, mit dem alten Material von Duke. Damals hatte ich keine digitale Version davon und nahm einfach direkt aus dem Raum vom laufenden Kassettenrekorder in meinem Atelier auf. Aber nun saßen wir in der Küche im schönen Wien und hörten fasziniert und gerührt noch einmal gemeinsam die ganzen alten Lieder von damals, aus der Zeit, als wir ineinander verliebt waren und es keiner zugab. Wir hatten auch noch Kartoffelchips und andere Sachen zu essen und einen unheimlich guten österreichischen Rotwein, einen blauen Zweigelt von der Weinmanufaktur Krems. Der absolut allerbeste Wein, den wir bislang auf diesem Tisch hatten, da waren wir uns einig. Angemessen, um diesen so erlebnisreichen Tag mit Klimts Kuss im Belvedere und dem Schwarzenberg und dem Karlsplatz und der Secession und dem Ganymed und dem Abschied von Victor, und unseren gemeinsamen Erinnerungen zu beschließen.

Ich war im großen Zauberwald
Tief unten auch bei den Maschinen
Ich sah für Stunden nur Asphalt
Und fuhr dir nach auf tausend Schienen
Ich war im sauberen Büro
Und lugte in die Besenkammern
Im Dschungel war ich sowieso
Auch dort, wo Herzen sich anklammern
Im Film hab ich dich nicht gesehen
Und in den Büchern nicht gefunden
Die Menschen können mich nicht verstehen
Du wärst seit ewig schon verschwunden
Du weißt, ich bin dir auf der Spur
Komm dich zurück nach Hause holen
Versteckst dich hinter Politur
Hörst schon das Schlurfen leiser Sohlen
Du bist die letzte vom Verein
Die anderen hab ich schon gerettet
Du wirst die Auslöserin sein
Der Anstoß der Ereigniskette
Dann ist der Zauber bald vorbei
Und alle sehen die Maschinen
Dann grüßen wir die Wirklicheit
Wollen niemand anderem mehr dienen

© Duke Meyer 2014, Wo…
: : alle Wiener Geschichten : :

22. November 2014

(…)
“Was habe ich nach der Wende lernen müssen?”
1. Dass das Leben in Ostberlin nicht so materiell eingeschränkt war, wie man uns im Westen weismachen wollte. Intellektuell und kulturell ohnehin nicht. (“Es war nicht alles nur schlecht.”)
2. Dass Ostberlin die architektonisch spektakulärsten und geschichtsträchtigsten Bereiche des inneren Stadtgebietes
beinhaltet (Lustgarten, Museumsinsel, Opernpalais, Unter den Linden…), und dass es ein großes Geschenk ist, das nun kennen-lernen zu dürfen.
3. Demut und Neugier gegenüber der Kultur, die vorher so weit weg war und die man jetzt ganz nah hat, zum Glück. Zur Horizonterweiterung. Ich habe es immer genossen, mir von Ostberlinern etwas über ihr Leben vor der Wende erzählen zu lassen. Das hat meinen Horizont absolut erweitert.
4. Ich habe gelernt, dass wir in einem materiellen Überfluss leben, der einen auch überfordern kann. Szene in den Tagen nach Mauerfall im November 89 in einem Supermarkt in Berlin-Steglitz. Eine Ostberlinerin steht mit einem kleinen Kind an der Hand vorm Joghurt-Regal und weiß nicht, wo sie zuerst hinschauen soll. Sie sieht dabei nicht glücklich aus. Hunderttausend Sorten und Geschmacksrichtungen. Da muss man sich richtig durcharbeiten, am Anfang. Sie hat sich dann mit dem Kind umgedreht und gar nichts genommen. Da ist mir klar geworden, mit welcher Selbstverständlichkeit wir mit einem zum Teil unsinnigen Überangebot umgehen.
5. Neue Wörter. Interessante und manchmal passendere. “Fahrerlaubnis” statt “Führerschein”. “Zweiraumwohnung” statt “Zweizimmerwohunung”. Und dass Ostberliner anders und selbstverständlicher exzessiv (um nicht zu sagen lustvoll) berlinern als Westberliner. Besonders auffällig bei intellektuelleren, akademisch gebildeten Ostberlinern. Das hat auf mich immer sehr souverän und lässig gewirkt. Und das Wörtchen ‘urst’. (Sagt der Wiener auch) “Urstschön” (= superschön). Geht leider ein bißchen verloren, wie mir scheint. Lange nicht mehr gehört.
P.S. aber das allerschönste Wort, das ich gelernt habe, ist:
Völkerfreundschaft.

Kommentar vom 22.11.2014, 18:05

22. November 2014

(…)
“Was habe ich nach der Wende lernen müssen?”
1. Dass das Leben in Ostberlin nicht so materiell eingeschränkt war, wie man uns im Westen weismachen wollte. Intellektuell und kulturell ohnehin nicht. (“Es war nicht alles nur schlecht.”)
2. Dass Ostberlin die architektonisch spektakulärsten und geschichtsträchtigsten Bereiche des inneren Stadtgebietes
beinhaltet (Lustgarten, Museumsinsel, Opernpalais, Unter den Linden…), und dass es ein großes Geschenk ist, das nun kennen-lernen zu dürfen.
3. Demut und Neugier gegenüber der Kultur, die vorher so weit weg war und die man jetzt ganz nah hat, zum Glück. Zur Horizonterweiterung. Ich habe es immer genossen, mir von Ostberlinern etwas über ihr Leben vor der Wende erzählen zu lassen. Das hat meinen Horizont absolut erweitert.
4. Ich habe gelernt, dass wir in einem materiellen Überfluss leben, der einen auch überfordern kann. Szene in den Tagen nach Mauerfall im November 89 in einem Supermarkt in Berlin-Steglitz. Eine Ostberlinerin steht mit einem kleinen Kind an der Hand vorm Joghurt-Regal und weiß nicht, wo sie zuerst hinschauen soll. Sie sieht dabei nicht glücklich aus. Hunderttausend Sorten und Geschmacksrichtungen. Da muss man sich richtig durcharbeiten, am Anfang. Sie hat sich dann mit dem Kind umgedreht und gar nichts genommen. Da ist mir klar geworden, mit welcher Selbstverständlichkeit wir mit einem zum Teil unsinnigen Überangebot umgehen.
5. Neue Wörter. Interessante und manchmal passendere. “Fahrerlaubnis” statt “Führerschein”. “Zweiraumwohnung” statt “Zweizimmerwohunung”. Und dass Ostberliner anders und selbstverständlicher exzessiv (um nicht zu sagen lustvoll) berlinern als Westberliner. Besonders auffällig bei intellektuelleren, akademisch gebildeten Ostberlinern. Das hat auf mich immer sehr souverän und lässig gewirkt. Und das Wörtchen ‘urst’. (Sagt der Wiener auch) “Urstschön” (= superschön). Geht leider ein bißchen verloren, wie mir scheint. Lange nicht mehr gehört.
P.S. aber das allerschönste Wort, das ich gelernt habe, ist:
Völkerfreundschaft.

Kommentar vom 22.11.2014, 18:05

19. November 2014



https://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=1811922554
Verabredung um Sieben im Museums-Quartier. Auf den Stufen vom Kunsthistorischen Museum (KHM) sitzt Victor und raucht eine. In der Hand unsere Karten, die er schon vor Monaten besorgt hat. Die Aufführung im Museum ist immer schnell ausverkauft, so beliebt ist sie, und so begehrt die Karten. Ganymed heißt die Inszenierung. Vor einem guten Dutzend berühmter Gemälde spielen Schauspieler und auch Musiker ein kleines Stück, das extra dafür geschrieben und inszeniert wurde. Ungefähr zehn, fünfzehn oder auch zwanzig Minuten dauert jede Aufführung. Es sind recht bekannte Schauspieler dabei, wie Nicole Heesters und Maria Bill, die zum Beispiel vor dem kleinen, aber umso erschreckenderen Gemälde von Peter Paul Rubens „Das Haupt der Medusa“ die vernichtete, körperlose Kreatur darstellt. Ihr Kopf in einem Blutbett aus rotem Samt, spricht verzweifelte Sätze. Daneben schlängelt sich der der kopflose Rest, der nackte Körper einer jüngeren Frau.



In den prunkvollen Sälen des Museums stehen samtgepolsterte Rundbänke und inmitten Podeste, die zur Bühne werden. Man geht wie im Kreis, von einem Saal zum nächsten, hört eine Weile hin, bleibt. Oder geht nach ein paar Minuten weiter, irgendetwas fängt gerade wieder an. Die Bilder werden nicht so sehr beachtet, sie stehen oder hängen zwar oft ganz nah, aber das ist eine Kunst für sich, diese alte Malerei. Der zornige Monolog der Medusa war recht eindrucksvoll. Und dann zwei Säle weiter, hör ich leise Musik. Ein Wienerlied. Keines, das ich schon einmal gehört hätte. Zu einem Bild vom „Heiligen Hieronymus“ Zwei jüngere Männer im Saal, einer spielt Harmonium, weiter nichts. Die Strottern. Der Klang des Instruments geht mir durch und durch. Ich bin ganz aufgewühlt von dem Klang und davon, dass mich das dermaßen anrührt. Ich habe nur einmal in meinem Leben ein Harmonium live gehört. Neunzehnhundertfünfundachtzig bei einem Konzert von Nico. Ich stand ganz vorn. Und Duke war auch da. Aber wir hatten uns dort nur getroffen, nicht verabredet. Jetzt ist er auch wieder da, als ich zum zweiten mal, fast dreißig Jahre später, wieder ein Harmonium höre. Dann fängt der eine an zu singen. Wienerisch. Ganz leicht zu verstehen. Der Text ist so simpel, ich bin geradezu erschüttert. Man wundert sich, warum jemand überhaupt noch komplizierte Sachen schreibt, wenn doch so einfache Worte derart bewegen können. Ich bin ewig dankbar, dass ich jene Aufnahme dieses Liedes entdeckt habe. Jemand von der Crew hat Filmaufnahmen gemacht und zusammengeschnitten. Und genau das Lied darunter gelegt. Man muss gar nichts weiter dazu sagen.


Ich hatte den schwarzen Mantel mit den großen weißen Blumen an. Der hat ganz kleine Taschen, fast alles was man hineinsteckt, fällt bald heraus. Aber das Papiertaschentuch, das ich immer mitnehme, war noch drin. Ich habe es gebraucht. Da waren auch noch andere beeindruckende Dinge, wie das andere musikalische Stück mit der Violine und dem Plattenspieler und dem jungen Mann im goldenen Rock. Und das Prachtcafé unter der Kuppel, wo ich mir einen Kaffee bestellt habe und Duke etwas Kaltes, und der Ober hat was Anderes verstanden und ihm einen gespritzten Apfelsaft gebracht. Das war ein bißchen unglamourös, als abendliches Getränk. Aber das Drumherum dafür das Gegenteil. Ganz und gar feudal. Den Louvre habe ich nicht so prächtig in Erinnerung, wie das Kunsthistorische Museum. Und der Fußboden mit dem schwarzweißen Marmor-Mosaik ist unvergleichlich beeindruckend. Semper war einer der Baumeister. Der Fußboden und das Wienerlied. Das war das Schönste. Ich glaube, außer mir hat keiner geweint. Aber vielleicht habe ich es auch nur nicht bemerkt. Es war halt ein bisserl viel. Ich habe mich ja auch bemüht, es mir nicht zu arg anmerken zu lassen. Und wenn – – eh wurscht.
Der Mensch muss was essen.
Er braucht recht viel Schlaf.
Wenn er einmal hinfällt, dann weint er.
Wenn einmal was geht,
dann bläst er sich auf.
Allein wird er
wurlert.
Zu zweit ist er schwach.
Willen hat er eh keinen.
Wird’s eng, na dann
gibt er halt nach.
Sei ja schön.
Aber tu nicht eitel.
Sei ja gescheit.
Aber tu nicht groß
Wünsch dir nichts.
Und red‘ nicht zu viel.
Nimm Alles wie’s ist.
Anstandslos.
Sei ja fleißig.
Aber schaff dir nichts.
Wenn es wo glitzert,
dann halt dich fern.
Nutz die Zeit.
Lies nicht zu viele Bücher.
Bleib gesund.
Denk jeden Tag ans Sterben.
Du sollst. (Ich soll)
Du sollst. (Ich soll)
Du sollst. (Ich soll)
Du sollst. (Ich soll)
Du sollst nicht. (Ich soll nicht)
Du sollst nicht. (Ich soll nicht)
Du sollst nicht. (nicht)
Du sollst nicht. (soll nicht)
Du sollst nicht. (soll nicht)
Du sollst nicht.

Die Strottern. Ein bisserl viel
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17. November 2014

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Ich darf mich nicht zu sehr betrinken, während ich diesen Eintrag schreibe. Nicht zu trunken werden. Ich darf nicht zu grob und flüchtig werden. Weil ich etwas Filigranes einfangen möchte. Beschwören. Einen filigranen Augenblick. der eine ganze Weile währte. Der mit nichts zu vergleichen war. Der vierzehnte Mai in Wien. Genau, exakt ein halbes Jahr liegt dieser Nachmittag zurück. Die Sonne stand im Stier, auf demselben Grad wie heute* im Skorpion. Ich kann nicht einfach so leichtfüßig wie sonst davon schreiben, dass oder wie ich abermals sehr eingenommen war von der Schönheit einer architektonischen Seltenheit. Vor drei Tagen ungefähr unterhielt ich mich mit einer jungen Frau Ende Zwanzig darüber, dass ich die letzte Zeit mit der Verarbeitung der Reise nach Wien verbringe, und jetzt erst die Muße und Zeit finde, das in Ruhe zu tun, in aller Angemessenheit. Sie war noch nie in Wien. Ich versuchte komprimiert in Worte zu fassen, was die Atmosphäre für mich ausgemacht hat, und warum ich die Stadt für mindestens so sehenswert halte, wie Paris. Sie hatte keine Bilder oder Assoziationen, hörte mir sehr aufmerksam zu. Ich vermute – weiß, dass ich Feuer vermitteln kann, wenn ich entzündet bin. Um meine Eindrücke abzukürzen, erwähnte ich, wie sehr mich die Secession, dieses architektonische Juwel und der darin beheimatete Beethovenfries von Gustav Klimt beeindruckt hatte. Der alles erzählt, was die menschliche Existenz bewegt. An dieser Stelle fehlten mir die Worte. Ich zeigte ihr der Einfachheit halber nur ein Bild von der Secession, auf dem man die Kuppel aus goldenen Lorbeerblättern unter tiefblauem Himmel sieht. Wie ich sie gesehen habe. Sie sah das Bild an. Mit einem Flackern im Blick drehte sie sich um und verkündete „Ich muss nach Wien.“ Und ich dachte mir, sie hat auf Anhieb alles verstanden. Während ich das schreibe, denke ich immer noch, ich müsste mich jedem Wort mit einer so leisen Behutsamkeit annähern, wie man sich zu einem Heiligtum begibt, um den Zauber nicht zu gefährden, zu wahren. Dass ich diesen Ort sehen und erleben möchte, das wusste ich lange schon in Berlin. Und hätte ich mich entscheiden müssen, und nur einige Stunden in Wien gehabt, dann hätte ich diesen Ort sehen wollen.

Alles andere gerne ein andermal. An dieser Stelle scheint es mir eine Erwähnung wert, dass Duke, der mich begleitete, und verschiedene Zeiten seines Lebens auch immer wieder in Wien verbracht hatte, tatsächlich auch noch nicht in der Secession war. Vorbeigegangen, ja. Oft. Oft gesehen. Eine selbstverständliche Schönheit von Wien. Aber an diesem Nachmittag war nicht der Weg sondern dieser Ort das Ziel. Unsere Augen wanderten langsam über das Blattwerk am Eingangsportal und die Inschrift „DER ZEIT IHRE KUNST. DER KUNST IHRE FREIHEIT“. Ich meine mich zu erinnern, wir sahen uns an und waren uns einig, wie großartig dieser Satz ist. Ja. Lass uns hineingehen, sagte ich. Meinst du? Ist noch Zeit? Ja. Es ist noch eine Stunde auf. Komm. Beim Eintreten war ich überrascht, dass die Räume im Vergleich zum Eingangsportal so schmucklos und einfach wirkten. Ich erinnere einfache glatte, weiße Wände. Keine dekorativen Elemente. Als hätte jemand den Lorbeer, der von Außen eine Fortsetzung im Innen verheißt, mit dem Laubsauger entfernt. Ein Museum mit zeitgenössischen Exponaten. Aber ich wusste, dass hier auch der Beethovenfries ist. Und den wollte ich sehen. Da muss der Beethovenfries von Klimt sein, den will ich sehen, sagte ich zu Duke. Nun weiß ich nicht recht weiter mit Worten. Und weil ich bereits ahnte, dass ich an so einen Punkt kommen könnte, wo ich fürchte, die Grenze zwischen angemessener Ergriffenheit und überbordendem Pathos nicht mehr im Griff zu haben, bat ich gestern Duke darum, ob er nicht seine Eindrücke schreiben könnte. Nur ganz kurz, zwei Sätze vielleicht. Bei anderen Orten wo wir waren, wäre ich nicht auf diese Idee gekommen. Außer vielleicht bei der Villa von Ernst Fuchs, aber da fielen mir viele eigene Worte zu. Als wir fast allein in diesem großen, beinah hermetisch wirkenden Raum standen, in dem nichts, als an drei Wänden der Fries in ziemlicher Höhe war, nichts weiter, und ich nach einer Weile stummer Betrachtung, leise aus dem kleinen Faltblatt zu lesen anfing, nämlich was die genauere Bedeutung dieses unfassbaren, virtuosen Szenarios war, jeder einzelnen Abbildung, spürte ich, dass wir dasselbe empfanden. Es war ein Gleichklang großer Ergriffenheit. Ich bin eben, während ich an diesem Eintrag schreibe, aufgestanden, um das Buch zu holen, das ich gerade lese. Es hat nichts mit Wien zu tun. Ich lese das Buch von Mary Bauermeister, einer achtzigjährigen Malerin, Künstlerin, die in unterschiedlicher Weise und Intensität Zeit ihres Lebens mit dem Komponisten Karlheinz Stockhausen verbunden war. Sie beginnt das letzte Kapitel des Buches und das den Titel „Die Liebe ist stärker als der Tod“ trägt, mit den folgenden Worten:

„Stockhausen und ich sitzen etwas erhöht, wie über der Welt, und schauen mit zwei Augenpaaren, aber so, als wäre es nur eines. Wir nehmen gemeinsam wahr, was vergangen ist, sehen in den Raum, in die Räume und in die Zeit. Zunächst in unsere, dann in die der Welt, schließlich in die der Welten. Unsere Blicke weiten sich, nehmen Abstand vom Kleinen, vom Detail, öffnen sich für größeres Erkennen, bis wir die ganze Gewaltigkeit der Schöpfung in uns fühlen. (…)“ Mary Bauermeister, Ich hänge im Triolengitter

»Genien. Die Sehnsucht nach dem Glück (symbolisiert durch die schwebenden Frauengestalten der ersten Tafel). Ritter und leidende Menschheit. Die Leiden der schwachen Menschheit (das kniende Paar und das stehende Mädchen hinter diesem): Die Bitten dieser an den wohlgerüsteten Starken (der Mann in goldener Rüstung mit Schwert) als äußere, Mitleid und Ehrgeiz (die weiblichen Figuren hinter dem Ritter) als innere treibende Kräfte, die ihn das Ringen nach dem Glück aufzunehmen bewegen. Die Feindlichen Gewalten. Der Gigant Typhoeus, gegen den selbst die Götter vergebens kämpften (das Ungeheuer mit Perlmutteraugen, das sich mit seinem blauen Flügel und schlangenartigen Fortsätzen über die gesamte Stirnwand ausbreitet); seine Töchter, die drei Gorgonen (die drei stehenden Frauen links von Typhoeus). Krankheit, Wahnsinn, Tod (die maskenartigen Frauenköpfe über den Gorgonenhäuptern). Wollust und Unkeuschheit, Unmäßigkeit (die Gruppe von drei Frauen rechts neben Typhoeus. Die Unmäßigkeit trägt einen auffallend ornamentierten blauen Rock mit Applikationen aus Perlmutt, Messingringen). Nagender Kummer (die kauernde Frau rechts im Bild). Die Sehnsüchte und Wünsche der Menschen fliegen darüber hinweg. Poesie. Die Sehnsucht nach Glück findet Stillung in der Poesie (die Frauengestalt mit der Leier). Die Künste führen uns in das ideale Reich hinüber, in dem allein wir reine Freude, reines Glück, reine Liebe finden können (die fünf Frauen, von denen die oberen drei auf die letzte Szene, die Worte Schillers weisen). Chor und Umarmung. Chor der Paradiesengel. Freude schöner Götterfunke. Diesen Kuss der ganzen Welt.«





Duke,14. Nov. 2014
Stille Erschütterung: unten im Souterrain, der für seine Geräumigkeit etwas Intimes hatte. So ging es mir früher oft mit großen Rockstars: Du kennst sie so gut, dass du sie fast schon wieder leid bist, du winkst diesen Song ab, sobald er irgendwo losdudelt – aber erlebe sie live, dann zittern dir auf einmal die Knie und du hörst und siehst alles zum ersten Mal, du hast ein echtes Erlebnis. Und hinterher hat es dich verändert. Und du erkennst: Es gibt ein Vorher und Nachher. So ging es mir mit Gustav Klimt, seinem „Kuss“ und dem ganzen „Beethovenfries“ in der Secession Wien. Der Spruch überm Portal sagt es: „Der Zeit ihre Kunst – der Kunst ihre Freiheit“. Darum geht es, darum ging es immer. Das reimt sich geradezu historisch und bindet Gegenwärtiges samt dem, was draus werden soll, mit ein. Ja, winkt nur ab. Wer das kann, war nicht dort: in jenem Rückzugsort der Kunst, der zu den Wahrzeichen Wiens zählt, obwohl sich bei seiner Eröffnung manche Pressestimmen die Lästermäuler zerrissen über den „Froschtempel“ (so eine der Schmähungen – ohne Schmäh).

Gustav Klimts Werke, gleichermaßen filigran wie groß, live zu erleben, hat was von einem Konzert aufwühlender Stille. Es hat eine Anmutung von altem Abendland – vielleicht jenem, das noch nie so recht aufgegangen ist für zu viele, geschweige denn aber unter – für die, die je davon kosteten. Es reichen ja die Sinne: einfach mal hingucken! Offene Gemütsverfassung bevorzugt: Es ist nicht wichtig, was du darüber weißt. Schädlich kann sogar sein, was du alles meinst, besser zu wissen. Hör auf. Hör lieber zu: mit den Augen… und schau mit der Zunge, schmecke mit den Ohren, riech mit dem Herzen – oder sowas in der Art. Lass dich einfach vereinnahmen. Dafür ist Kunst gemacht. Sie spricht aus sich heraus. Ja, es IST von Vorteil, erklärt zu bekommen, was die Szenen und Motive, die sich über drei der vier Wände erstrecken, im Zusammenhang wie im Einzelnen bedeuten – Gaga las es mir vor. Nur ein paar Worte aus dem Infoflyer, mehr brauchte es nicht.


Tief ins Gemüt krallte sich mir die Figur des
„nagenden Kummers“ – ohne die Deutung hätte ich die wohl nicht erkannt, nicht in dem Maß des Abgrunds. Gut, sowas zu wissen: Es erschüttert dann so richtig. Aber was du im Grunde nur brauchst, sind Flügel: die deiner Seele. Ich weiß nicht, wie es anders sagen. Breite sie aus, lass dich tragen. Klimts Figuren können das, nicht erst der Kuss, wenngleich der besonders. Er ist zu Recht so berühmt. Und hast du ihn vor dir, raubt er dir den Atem – ganz egal, wie oft du das Bild schon auf irgendwelchen Abbildungen, Fotos oder in welchen zerrissenen Zusammenhängen auch immer gesehen, registriert und begähnt hast. Es gibt einen Unterschied zwischen Rede oder Abbildung von etwas und Wirklichkeit, den lehrt dich nur letztere. Das ist aber, warum sich Kunst letztlich lohnt: Große erweitert deine Herzkammern, bis der Wind der Hoffnung wieder da durchpfeift, egal, welche Argumente dein Verstand dagegen quengelt: Tür zu, es zieht! Ja, kunstseidank zieht es. Kunst hat nichts Gemütliches, nichts Beschauliches, nichts Passendes für den Moment, die Erwartung, das Interieur. Sie hinterlässt dich verändert. Darum gehst du hin. Es funktioniert nur in Wirklichkeit, dort aber umso. Zudem ist es eine Form von Spiritualität ohne Glaubensbedingung – eine gewissermaßen religionsfreie Heiligkeit – oder Erlösung. Es lässt sich natürlich auch ganz pragmatisch als Schönheit bezeichnen: von der Sorte, die Folgen hat.




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12. November 2014



TRANCE am Karlsplatz. Ach, lest doch selber. Bezahlt mich hier irgendwer dafür, dass ich die Fremdenführerin gebe? Der Schnörkelpavillon und auch der Spiegelgleiche gegenüber sind vom selben Baumeister wie die Villa vom Meister Fuchs. Otto Wagner. Das muss langen! Rest bitte selber lesen. Karlsplatz Laufweite Schwarzenberg. So fertig der Eintrag! Bitte. Geht doch!
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11. November 2014

Achtung, hier kommt ein Kartong. Verwechselt eigentlich noch wer außer mir, dauernd „hochsensibel“ und „hochbegabt“? Liegt vielleicht auch daran, dass ich bei der Vorsilbe gerne auf Durchzug schalte, grobschlächtig und schlicht, wie ich mitunter bin. „Hochzeit“, „hochsensibel“, „Hochbett“, „hochbegabt“ hä?

11. November 2014

Achtung, hier kommt ein Kartong. Verwechselt eigentlich noch wer außer mir, dauernd „hochsensibel“ und „hochbegabt“? Liegt vielleicht auch daran, dass ich bei der Vorsilbe gerne auf Durchzug schalte, grobschlächtig und schlicht, wie ich mitunter bin. „Hochzeit“, „hochsensibel“, „Hochbett“, „hochbegabt“ hä?

10. November 2014

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Was weiß Wikipedia übers Schwarzenberg? „Das Café Schwarzenberg ist ein Kaffeehaus an der Ringstraße im 1. Wiener Gemeindebezirk Innere Stadt. Es befindet sich am Kärntner Ring 17 gegenüber dem Schwarzenbergplatz. Im Gegensatz zu vielen anderen bekannten Wiener Kaffeehäusern zählten Künstler und Literaten nicht zur Stammklientel. Eine Besonderheit ist die original erhaltene Einrichtung vom Ende des 19. Jahrhunderts.“ Na, na, na! Keine Künstler und Literaten? Sind wir Blogger etwa keine Künstler und Literaten? Gut, Stammklientel bin ich freilich nicht, das wäre stark übertrieben. Das Schwarzenberg selber schreibt auf seiner Seite: „Obwohl nie Künstler- oder Literatencafé, weiß man doch von einem berühmten Stammgast zu berichten, der seinem Kaffeehaus über Jahre hinweg treu blieb: der Architekt Josef Hoffmann, Begründer der Wiener Werkstätte, ließ sich zur Mittagszeit vom Chauffeur absetzen, um zu essen, die Tageszeitungen zu lesen oder seine Ideen auf kariertes Papier zu bringen (Quatratel Hoffmann). Im Schwarzenberg sind sicher viele seiner außergewöhnlichen Entwürfe entstanden.“ Na also, wenigstens der Hoffmann! Ein Anfang ist gemacht! Und weiter: „In Wiens erstem (!) Ringstraßencafé genießen Sie entspannte Plauderstunden bei traditionellen Kaffeespezialitäten, feinen Mehlspeisen und köstlichen Schmankerln aus der Wiener Küche.“







Sicher werden sich gestern manche meiner Leser und Leserinnen gefragt haben, wo denn der tägliche Wien-Eintrag bleibt. Ich war gestern ein wenig unpässlich. Bzw. die Kollegen in Wien. Also technisch. Das nächste mal, wenn ich in Wien bin, muss ich doch einmal bei unserer Blog-Firma vorbeischauen, ob ich da irgendwie behilflich sein kann. Also gestern schon wäre eigentlich der Schwarzenberg-Eintrag dran gewesen – ein richtiges Thema für einen bewölkten Sonntag-Nachmittag. Aber na ja. Sicher hat der Einspänner oder der Kapuzziner auch ohne die Lektüre geschmeckt. Nun habe ich mich ja doch ein wenig aus dem Fenster gelehnt, als ich in Aussicht gestellt habe, dass ich in Wort und Bild vom Kaffeehausbesuch berichten will. Man stellt sich dann ja so vor dem inneren Auge abgewetzte, gepolstere Sessel und Marmortische vor, eine lange Kuchentheke, schöne alte Lampen, alles recht gemütlich. Aber was soll man machen, wenn man auf einmal bemerkt, dass endlich einmal die Sonne herauskommt und der Schanigarten vom Kaffeehaus eingedeckt ist. Dann setzt man sich dankbar in die Sonne. Und Rauchen darf man ja draußen auch nach Herzenslust. Was jetzt nicht so direkt mein Bedürfnis war, aber doch von meinem Begleiter. Und es ist ja auch nicht so gemütlich, wenn der eine drinnen sitzt und ein Getränk nach dem anderen bestellt und der andere geht alle zwanzig Minuten für zehn Minuten vor die Tür. Also sucht man sich lieber gleich einen schönen Platz an der frischen, sonnigen Luft. Da konnte ich auch die bemerkenswerte Markise eingehend studieren. Und fotografieren! Diskret. Absolut diskret! Ich habe bei diesem Besuch ganz großen Wert darauf gelegt, dass ich nicht als die alles fotografieren müssende Ausländerin erscheine. Ich habe extra kein einziges Getränk auf dem Tisch fotografiert, da hätte ich die Kamera dann doch ein wenig anheben müssen. Was ich also abgelichtet habe, ist abermals mit der unbewegt auf dem Tisch stehenden Kamera fotografiert oder ganz am Anfang, beim Kommen, als wir auf dem Weg zum Tisch waren, da habe ich schnell ein paar Fotos vom Eingang, im Vorbeigehen erwischt. Und dann noch einmal, wo ich das Damen-WC besucht habe. Da konnte ich beim Durchgehen natürlich einen schönen Eindruck gewinnen. Es gibt ja ganz viele Fotos von der Inneneinrichtung vom Schwarzenberg im Internet. Als ich dann das großzügige WC betreten habe, hat es mich gleich gefreut, dass da auch so viel Marmor war und genau die gleichen Ledersessel wie im Café selber. Da habe ich dann meine kleine Tasche abgestellt und drei Fotos gemacht. Jetzt, wo ich aber die anderen Bilder im Internet vom Schwarzenberg sehe, freue ich mich, dass fast niemand – also eigentlich überhaupt niemand bis jetzt – in aller Ausführlichkeit die Markise fotografiert hat! Damit habe ich eine echte Lücke geschlossen und habe nun Schwarzenberg-Aufnahmen mit Alleinstellungsmerkmal! Man muss sich auch selber loben! Wie man auf der Rechnung sieht, wurden vier Getränke bestellt und getrunken. Der Einspänner und der Eiscafé, das war ich. Hat tadellos geschmeckt. Es hat gut getan, sich ein bißchen auszuruhen, nach so viel Kultur. Mir war auch schon viel besser und ich war sehr froh darum, weil wir am Abend ja noch eine ebenfalls sehr kulturvolle Verabredung vor uns hatten, im Kunsthistorischen Museum zur preisgekrönten Ganymed-Aufführung. Aber vorher sind wir noch zum Karlsplatz und zum Secessionsgebäude. Wer das nicht gesehen hat, der war nicht in Wien! Aber genug – ich greife vor. Das hier war also unser Besuch im Café Schwarzenberg, allererstes Ringstraßen-Café. Seit 1861.



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CAFÉ SCHWARZENBERG
Kärnter Ring 17 – 1010 Wien.
Rechnung Tisch 116
14.05.2014 Bed. 13

2 x 3,70
Tonic Water 0,2 l ………… 7,40
Einspänner ………………… 4,50
Eiskaffee …………………… 4,90
– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –
Summe: …………….16.80 EUR
Das Team des Café Schwarzenberg dankt
für Ihren Besuch, und freut sich auf ein
baldiges Wiedersehen.

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08. November 2014


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Ein bißchen Treptow, da am Schwarzenbergplatz. Nennt sich offiziell „Heldendenkmal der Roten Armee„. „(…) wurde 1945 zur Erinnerung an rund 17.000 bei der Schlacht um Wien gefallene Soldaten der Roten Armee errichtet.“ Na gut, meinethalben. Schon etwas überraschend zwischen der ganzen k.u.k.-Pracht. Das Rotarmisten-Denkmal war mehr so eine Zufallsentdeckung, es war nicht auf meiner kleinen, privaten Sehenswürdigkeiten-Liste. Durchaus darauf war aber das legendäre Schwarzenberg-Palais, das seit geraumer Zeit leersteht. Nun kamen wir ja zufällig sowieso nah am Schwarzenbergplatz aus dem Belvedere-Schlossgarten, und da könnte ich ja bei der Gelegenheit mal nach dem Rechten sehen, ob im Schwarzenberg noch alles in Ordnung ist oder ob es schon hineinregnet, waren so meine Überlegungen. Da war aber so eine Art Zaun oder Bauzaun, jedenfalls hermetisch verriegelt der Zugang, nur ganz ferne konnte ich das Palais vermuten. Es hat nicht sollen sein. Muss es eben jemand anders übernehmen. Solche alten Kästen sind ja auch sehr kostspielig in der Bewirtschaftung. Alleine die Heizung. Und dann muss erst noch überall WLAN gelegt werden – ach – das ist mir schon wieder zu viel. Mir reicht schon die Renovierung neulich von meinem Wohnzimmer. Lieber nehme ich ein Palais, wo schon alles fertig ist.




Das waren so meine Gedanken am Schwarzenbergplatz. Und dass man sich eigentlich endlich mal wieder wo hinsetzen könnte und einen Kaffee trinken. Das war ja jetzt bestimmt schon wieder eine halbe Stunde her, dass wir in dem Café im Belvedere waren. Und außerdem wird es sowieso höchste Zeit, dass nun endlich einmal ein richtiges Kaffeehaus besucht wird, so eines mit extra Wikipediaeintrag, wo auf der Karte erst einmal einleitend auf drei Seiten feierlich die Historie abgehandelt wird und wer dort welche berühmten Romane geschrieben hat usw. usf. Und wie es der Zufall so will, ist doch da gleich am Schwarzenbergplatz, da beim Schubertring das Café Schwarzenberg. Wer hätte noch nicht davon gehört! Also jedenfalls bestimmt jeder, der schon mal nach Wiener Kaffeehäusern im Internet gesucht hat. Selbstverständlich wird dieser Kaffeehausbesuch extra abgehandelt. In Bild und Text.






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06. November 2014



Ich will den Tag noch zu Ende erzählen, den dreizehnten Mai in Wien. Also zum Essen in eines der Restaurants in der Kurrentgasse. Ins Pastell oder ins Ofenloch. Darauf war ich gekommen, weil der Herr Heller beide lobend erwähnt hat und ich wäre eigentlich gerne in das moderne von beiden eingekehrt. Aber da war gar nicht auf. Das Restaurant hatte komplett zugemacht. Eine Passantin war im Bilde, sie hat unsere Irritation bemerkt, vielleicht habe ich auch erwähnt, dass auf der Internetseite nicht ersichtlich war, dass das Lokal zugemacht hat. Sie meinte, das wäre auch noch nicht lange, erst vor kurzem. Das zahlkräftige Publikum hat sich wohl nicht in ausreichender Zahl mehr eingefunden, zuletzt. Schade. Dann also ein paar Häuser weiter, zum Ofenloch. Das Ellas am nahen Judenplatz hätte mich ursprünglich auch interessiert, aber beim Anschauen der Speisekarte im Schaukasten war der Eindruck eher, als handelt es sich um ein Lokal wo man nur einen kleinen Imbiss zu sich nimmt und sonst eher trinkt. Vielleicht war das ja ein Irrtum. Wenn ich heute auf die Karte schaue, sind da richtige Menüs im Angebot.


Jedenfalls war das sehr traditionsbewußte Ofenloch ein Garant für beste Qualität der Speisen. Auf der Seite vom Ofenloch liest man: „Hier trinkt man Bier seit 1704“. Es wäre also gut vorstellbar, dass Albin Denk dort auch einmal eingekehrt ist. Man kann schon auch einmal in einer rustikalen Gastwirtschaft essen. Mir war nicht mehr genau präsent, was wir gegessen haben, an ein Wiener Schnitzel konnte ich mich erinnern, aber nicht, ob ich es bestellt habe oder Duke oder wir beide jeder eins. Aber dass ich es probiert habe und es ausgezeichnet war, weiß ich noch. Auf der Rechnung steht aber drauf, was wir gehabt haben. Und so zu lesen auf der Speisekarte:
~ Steirischer Backhendlsalat
Erdäpfel- und Blattsalat in Kürbiskerndressing
mit goldgelb gebackenen Hühnerstücken

~ Gebratene Forelle
mit Mangold und Safransauce
~ Wiener Schnitzel vom Kalb
mit Preiselbeeren und Erdäpfel-Vogerlsalat
~ Budweiser vom Fass

Das war alles sehr schmackhaft und der Service überaus freundlich. Auf dem Weg zum WC ist der Vorraum mit vergilbten Zeitungsausschnitten mit Prominenten drauf tapeziert. Wenn mal besetzt ist und man sich die Zeit vertreiben muss, kann man da viel lesen und Fotos anschauen. Sämtliche österreichische Bundeskanzler scheinen gerne im Ofenloch zu speisen. Aber auch Schauspieler und österreichische Prominente, die man in Deutschland jetzt nicht so kennt. Eine sichere Adresse für ein gutes Wiener Schnitzel. Nicht so plakativ überdekoriert wie der Figlmüller in der Wollzeile, eher diskret und unaufgeregt, trotz der Zeitungsausschnitt-Galerie beim WC. Auf der Rechnung steht die Uhrzeit 20:59 Uhr. Also noch recht früh. Ich glaube, wir waren ungefähr zweieinhalb Stunden da. Bei der Gelegenheit habe ich Duke erzählt, dass ich durch eine Erwähnung von André Heller auf das Lokal aufmerksam geworden bin und dass schon solche Erwähnungen zur gastronomischen Infrastruktur in Wien, für meine Begriffe komplett rechtfertigen, sich mit diesem Wiener näher zu beschäftigen. Ich nutze ihn sozusagen als Quelle für Wiener Einwohner-Wissen, zumal er ja auch noch in Wien geboren ist. Das war für Duke auch vollkommen nachvollziehbar, dass man sich mit so jemandem beschäftigt, nicht weil man Fan von jemandem ist, sondern weil er interessante Sachen zu erzählen hat, die andere nicht in der Stadt erlebt haben. Er war ja zum Beispiel vor seiner Karriere als Chanson-Sänger Radio-DJ beim ORF und ist so überhaupt bekannt geworden und hat dann durch seine beruflichen Kontakte erste Schritte mit eigenen Musikproduktionen gemacht.

Wie die Jungfrau zum Kind gekommen. Und deswegen hat er auch John Lennon und Yoko Ono im Sacher zu einem exclusiven Interview getroffen und war später auf dem Weg zum Flieger mit ihm auf dem Zentralfriedhof bei den großen Komponisten, wo John Lennon dann einen Schnürsenkel aus seinem Schuh gezogen hat, um ihn dem Schubert als Ehrerbietung aufs Grab zu legen, weil er nichts anderes dabei hatte, was er hätte hinlegen können. Das sind einfach hörenswerte Geschichten. Das mit dem Schnürsenkel hat Duke auch gut gefallen. Er war direkt gerührt, das habe ich gemerkt. Er versteckt das aber dann auch nicht. Daheim, in der Ferienwohnung sind wir dann noch lange am Tisch in der Küche gesessen und haben weiter erzählt und Musik gehört. Ich glaube auch die sechs Heller-Lieder, die ich auf meinem Rechner habe.

Das war ganz schön. Es hat einfach gepasst. Und da war ja noch so viel Wein, der wollte ja auch endlich einmal getrunken werden.
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07. November 2014


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von den Beatles. Angie von den Stones. My Way von Sinatra. Samba PaTi von Santana. Albatros von Fleetwood Mac. Sounds of Silence von Simon and Garfunkel. Die vier Jahreszeiten von Vivaldi. Der Kuss von Klimt. Alles furchtbar. Oder? Oder nur furchtbar oft gehört, furchtbar oft gesehen? Brauchen die Beatles einen Anwalt? Die Rolling Stones? Frank Sinatra? Carlos Santana? Fleetwood Mac? Simon and Garfunkel? Vivaldi? Braucht Gustav Klimt einen Anwalt? Eine Anwältin? Ich glaube nicht. Aber wenn er eine bräuchte, ich stände zur Verfügung. Der Grund, warum ich ins Belvedere wollte, war nicht, dass ich ein Schloss oder einen Schlossgarten besuchen wollte. Der Grund war Gustav Klimt. Auf der Seite vom Belvedere ist zu lesen, dass das Museum, das „Obere Belvedere„, die größte Sammlung an Klimtwerken besitzt. Deswegen wollte ich da hin. Wenn man auf die Seite schaut, sieht man sehr viele bekannte Werke von ihm. Allerdings ist zu bedenken, dass Klimt-Bilder auch gerne weltweit in Sammel-Ausstellungen gezeigt werden und das eine oder andere Werk daher als Leihgabe für die Dauer einer Ausstellung in der Weltgeschichte unterwegs ist. Zum Beispiel gab es im Frühjahr in Wien gerade eine Ausstellung, die vorher auch in Berlin zu sehen war, die „Wien – Berlin, Kunst zweier Metropolen“ hieß, und die auf dem Berliner Plakat mit einem Klimt-Bild warb, das in die Sammlung des Belvedere gehört. Also war dieses Bild gerade unterwegs. Und einige andere auch. Aber „Der Kuss„, einer der größten Hits unter den weltweiten Merchandise-Motiven für Kaffeetassen, Adressbüchlein und Brillenetuis (aka „Klimt-Overkill“), der hängt tatsächlich im Belvedere. Vielleicht wird er auch nicht so gerne herausgegeben. Denn immerhin wird man von diesem innigen Motiv bereits am Flughafen Schwechat empfangen. Die beiden Köpfe sind übergroß abgebildet. Und das ist durchaus ein sehr schöner Eindruck, wenn man auf seinen Koffer oder seine Reisetasche wartet, dort am Gepäckband. Ich fand es erhebend. Im Belvedere ist Fotografieren komplett verboten. Nur zur Information. Ich habe mich natürlich auch daran gehalten, nachdem man mich darauf aufmerksam gemacht hat. Manchmal kann man ja auch gar nichts dafür, wenn die Kamera auslöst, man kommt irgendwie komisch mit dem Finger an den Auslöser, durch eine blöde Handbewegung. Deswegen sind die Bilder auch oft so schief, die da ganz überraschenderweise zustande gekommen sind. Der Raum, in dem die Klimts hängen, ist sehr, sehr dunkel. Die einzelnen Bilder werden subtil, beinah sakral, angestrahlt. Damals, im Mai, war eine Reihe von Frauenportraits zu sehen, von denen ich wusste, dass es überwiegend Auftragsarbeiten waren. Deshalb gibt es manchmal einen starken Kontrast zwischen der frühlingshaft jugendlich dargestellten Abbildung des Frauenkörpers in einem märchenhaften Kleid, aus dem dann oben der Kopf einer Frau herausschaut, die vom Alter und vom Ausdruck nicht so sehr zu der juvenilen Aufbruchstimmung und der wilden Blütenpracht zu passen scheint. Klimt hatte das Glück, zu Lebzeiten ein begehrter Portraitmaler der Damen der besseren Wiener Gesellschaft zu sein. Es war en vogue, sich von ihm portraitieren zu lassen, es galt als hochmodern und als ein Status-Symbol, ebenso wie in den Sechzigern, bei Andy Warhol einen echten Warhol-Siebdruck vom eigenen Konterfei in Auftrag zu geben. Ich nehme allerdings stark an, dass die Auftragsportraits von Klimt auf dem internationalen Kunstmarkt höher angesiedelt sind als die vervielfältigbaren Siebdruck-Portraits von Warhol. Apropos Warhol. In einem der Nebenräume läuft im Loop Andy Warhols Film „Kiss“ (hier in voller Länge auf youtube), in dem sich eben fünfzig Minuten lang geküsst wird. Sicher kein Zufall. Duke hat sich das eine Weile interessiert angeschaut. Ich konnte mir schon denken, wie der Film weiter geht. Ich habe mich dabei ertappt, dass ich wieder einmal nicht den Wunsch hatte, mir das anzuschauen. Ich sehe allgemein in Filmen ungern Szenen, wo die Kamera langatmig und detailliert auf einen kompletten Kuss draufhält. Das ist mir zu intim. Ich bin da wahrscheinlich zu empathisch. Ich möchte das nicht mitempfinden müssen, was die mir völlig fremden Leute da machen. Get a Room. Auch bei anderen sexuellen Handlungen möchte ich anderen nicht gerne zuschauen. Das bringt mich einfach nicht weiter. Früher war ich da, glaube ich, anders. Komisch, wie sich manches ändert. Vielleicht ändert es sich ja auch nochmal irgendwann. Ich bin also nicht etwa jemand, der heimlich Pornofilme guckt, sondern heimlich keine Pornofilme guckt, obwohl man damit heutzutage nicht gerade als sehr hip gilt. Nun ist es raus. Aber wie gesagt, vielleicht kann ich das Leiden eines Tages wieder kurieren. Fände ich ja selber praktisch. Stundenlang könnte ich mir dann den Warhol-Film anschauen. Das wären Peanuts. Ja noch nicht mal Blümchen-Sex!







Wir sind zu Fuß von der Wohnung zum Belvedere, das war gar nicht sehr weit von der Lambrechtgasse im vierten Bezirk. Rainergasse… Belvederegasse… ich weiß es nicht mehr. Nur, dass wir tatsächlich noch einmal zurück zur Wohnung sind, weil ich meine Sonnen Windschutzbrille da vergessen hatte. Ich musste ein bißchen weinen. Das muss ja nicht sein. Am Himmel war ein Gemisch aus Wolken, Wind und Sonne, im Wechsel zu beobachten. Mir war nicht so gut, weil ich doch ein bißchen viel Rotwein getrunken hatte, den Abend zuvor und ich hakte mich bei Duke ein, obwohl das sonst nicht meine Art ist, wenn ich neben jemandem laufe. Ich war ein bißchen anlehnungsbedürftig und hoffte, dass die Aspirin-Tabletten recht viel Wirkung tun. Am Eingang vom Oberen Belvedere stehen zwei große Sphinxen. Aber mit Wikinger-Zöpfen. Ein bißchen albern, die Kombination. Ich habe meine Tasche am Boden abgestellt, um ein bißchen mit der Kamera um die eine Sphinx herumzugehen, zu schauen, wie ich sie am besten einfange. Dann bin ich auf die andere Seite, wo auch eine große Freitreppe war, auf der Duke saß und wartete, bis ich fertig war mit meiner Sphinx. Als ich wieder auf die andere Seite gehe, sehe ich, dass die Tasche weg ist, die ich auf den Boden gestellt habe. Da war weit und breit niemand zu sehen. Hatte man mich etwa heimlich bestohlen? Oh je…! Da war mein Geld drin und der Personalausweis und die EC-Karte… das Flugticket war in der Wohnung, in der Reisetasche. Aber mein Ausweis… und das Geld. Wir sind noch einmal zu dem Häuschen, in dem man auch die Eintrittskarten kaufen konnte, die hatte ich schon, ich war unsicher, vielleicht habe ich die Tasche ja da – – – ? Die Frau an der Kassa erinnerte sich an mich und hielt schon die Tasche hoch, ehe ich sagen konnte, was ich will. Ich hatte die Tasche nicht vergessen. Jemand hat sie vom Boden aufgehoben und als herrenlose Fundsache dorthin gebracht. Eine ältere Dame wohl, die mich nicht hinter der Sphinx gesehen, oder der kleinen



Tasche zugeordnet hatte. Manchmal bin ich schon sehr leichtsinnig. Das war mir aber eine Lehre! Glück im Unglück! Weil ich eben auch nicht ganz beieinander war und ein bißchen neben mir gestanden habe, wegen dem Kopfweh. Wir sind dann also ganz, ganz langsam in die Ausstellung. Da waren noch andere Sachen außer dem Klimt, aber die habe mich nicht interessiert oder mir nicht gefallen. So alte Schinken mit Schlachten drauf oder so ähnlich. Nach dem Klimt wollte ich mich unbedingt hinsetzen und einen schönen Kaffee trinken und irgendeine Kleinigkeit essen.






Zum Glück war da dann gleich das sehr kleine, putzig-runde Café Ménagerie mit der schönen hummerroten Damasttapete. Oder besser Wandbespannung. So ein edler Stoff in so einem Schloss wird ja nicht wie ein ordinäre Tapete mit Tapetenkleister angeklebt, nehme ich an, sondern fein mit Tapetennägeln festgemacht. Auf dem Weg zum Café war noch eine Ausstellung mit expressionistischen Bildern, von denen mir ganz viele sehr gut gefallen haben. Ich liebe die Expressionisten! Das ist Rock’n’Roll, das ist Punk! Das ist Heavy Metal! Aber intelligent. Yeah! Und genau vor dem Eingang zum Café war ein Raum, in dem gerade eine Ausstellung vorbereitet worden ist. Habe ich auch noch nie gesehen, wie so Beschriftungen an die Wand geklebt werden. Da hat man einfach so zuschauen können. Zuerst war im Café nur ein Tisch mit zwei Stühlen frei, ein ganz kleiner, aber kaum sind wir gesessen, wurde der vielleicht schönste Platz frei, mit einer gepolsterten Bank, wo man direkt auf das Sisi-Portrait schauen konnte. Ich habe dann doch keine Kleinigkeit gegessen, sondern ein Wiener Schnitzel mit Erdäpfelsalat und natürlich kein Bier dazu getrunken. Denke ich doch. Nehme ich doch an. Das Schnitzel war ausgezeichnet und hat mir sehr gut getan. Ich würde überhaupt jedem empfehlen, in Wien nur immer recht viel Wiener Schnitzel zu essen, weil es einfach überall schmeckt. Nach dem Cafébesuch sind wir noch ein bißchen durch den Park gelaufen, an den kegelförmigen Buchsbäumen vorbei, Richtung Unteres Belvedere und dann zum Ausgang. Rennweg. Und dann weiter zum Schwarzenbergplatz. Nächstes Kapitel… – Bald in diesem Theater.



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06. November 2014



Ich will den Tag noch zu Ende erzählen, den dreizehnten Mai in Wien. Also zum Essen in eines der Restaurants in der Kurrentgasse. Ins Pastell oder ins Ofenloch. Darauf war ich gekommen, weil der Herr Heller beide lobend erwähnt hat und ich wäre eigentlich gerne in das moderne von beiden eingekehrt. Aber da war gar nicht auf. Das Restaurant hatte komplett zugemacht. Eine Passantin war im Bilde, sie hat unsere Irritation bemerkt, vielleicht habe ich auch erwähnt, dass auf der Internetseite nicht ersichtlich war, dass das Lokal zugemacht hat. Sie meinte, das wäre auch noch nicht lange, erst vor kurzem. Das zahlkräftige Publikum hat sich wohl nicht in ausreichender Zahl mehr eingefunden, zuletzt. Schade. Dann also ein paar Häuser weiter, zum Ofenloch. Das Ellas am nahen Judenplatz hätte mich ursprünglich auch interessiert, aber beim Anschauen der Speisekarte im Schaukasten war der Eindruck eher, als handelt es sich um ein Lokal wo man nur einen kleinen Imbiss zu sich nimmt und sonst eher trinkt. Vielleicht war das ja ein Irrtum. Wenn ich heute auf die Karte schaue, sind da richtige Menüs im Angebot.


Jedenfalls war das sehr traditionsbewußte Ofenloch ein Garant für beste Qualität der Speisen. Auf der Seite vom Ofenloch liest man: „Hier trinkt man Bier seit 1704“. Es wäre also gut vorstellbar, dass Albin Denk dort auch einmal eingekehrt ist. Man kann schon auch einmal in einer rustikalen Gastwirtschaft essen. Mir war nicht mehr genau präsent, was wir gegessen haben, an ein Wiener Schnitzel konnte ich mich erinnern, aber nicht, ob ich es bestellt habe oder Duke oder wir beide jeder eins. Aber dass ich es probiert habe und es ausgezeichnet war, weiß ich noch. Auf der Rechnung steht aber drauf, was wir gehabt haben. Und so zu lesen auf der Speisekarte:
~ Steirischer Backhendlsalat
Erdäpfel- und Blattsalat in Kürbiskerndressing
mit goldgelb gebackenen Hühnerstücken

~ Gebratene Forelle
mit Mangold und Safransauce
~ Wiener Schnitzel vom Kalb
mit Preiselbeeren und Erdäpfel-Vogerlsalat
~ Budweiser vom Fass

Das war alles sehr schmackhaft und der Service überaus freundlich. Auf dem Weg zum WC ist der Vorraum mit vergilbten Zeitungsausschnitten mit Prominenten drauf tapeziert. Wenn mal besetzt ist und man sich die Zeit vertreiben muss, kann man da viel lesen und Fotos anschauen. Sämtliche österreichische Bundeskanzler scheinen gerne im Ofenloch zu speisen. Aber auch Schauspieler und österreichische Prominente, die man in Deutschland jetzt nicht so kennt. Eine sichere Adresse für ein gutes Wiener Schnitzel. Nicht so plakativ überdekoriert wie der Figlmüller in der Wollzeile, eher diskret und unaufgeregt, trotz der Zeitungsausschnitt-Galerie beim WC. Auf der Rechnung steht die Uhrzeit 20:59 Uhr. Also noch recht früh. Ich glaube, wir waren ungefähr zweieinhalb Stunden da. Bei der Gelegenheit habe ich Duke erzählt, dass ich durch eine Erwähnung von André Heller auf das Lokal aufmerksam geworden bin und dass schon solche Erwähnungen zur gastronomischen Infrastruktur in Wien, für meine Begriffe komplett rechtfertigen, sich mit diesem Wiener näher zu beschäftigen. Ich nutze ihn sozusagen als Quelle für Wiener Einwohner-Wissen, zumal er ja auch noch in Wien geboren ist. Das war für Duke auch vollkommen nachvollziehbar, dass man sich mit so jemandem beschäftigt, nicht weil man Fan von jemandem ist, sondern weil er interessante Sachen zu erzählen hat, die andere nicht in der Stadt erlebt haben. Er war ja zum Beispiel vor seiner Karriere als Chanson-Sänger Radio-DJ beim ORF und ist so überhaupt bekannt geworden und hat dann durch seine beruflichen Kontakte erste Schritte mit eigenen Musikproduktionen gemacht.

Wie die Jungfrau zum Kind gekommen. Und deswegen hat er auch John Lennon und Yoko Ono im Sacher zu einem exclusiven Interview getroffen und war später auf dem Weg zum Flieger mit ihm auf dem Zentralfriedhof bei den großen Komponisten, wo John Lennon dann einen Schnürsenkel aus seinem Schuh gezogen hat, um ihn dem Schubert als Ehrerbietung aufs Grab zu legen, weil er nichts anderes dabei hatte, was er hätte hinlegen können. Das sind einfach hörenswerte Geschichten. Das mit dem Schnürsenkel hat Duke auch gut gefallen. Er war direkt gerührt, das habe ich gemerkt. Er versteckt das aber dann auch nicht. Daheim, in der Ferienwohnung sind wir dann noch lange am Tisch in der Küche gesessen und haben weiter erzählt und Musik gehört. Ich glaube auch die sechs Heller-Lieder, die ich auf meinem Rechner habe.

Das war ganz schön. Es hat einfach gepasst. Und da war ja noch so viel Wein, der wollte ja auch endlich einmal getrunken werden.
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05. November 2014

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Man muss sich die Situation so vorstellen: wir kamen vom Stephansplatz und sind nur auf gut Glück in die Himmelsrichtung, von der ich grob dachte, man könnte dann irgendwann in der Ecke vom Judenplatz ankommen, wo wir in eines der Restaurants wollten, die ich am Nachmittag gesehen hatte. Aber es ist eben doch ein Wirrwarr von Gassen, wenn man nicht dauernd auf den Plan schaut, und nur deswegen waren wir am Graben und am Petersplatz. Und dann sind wir halt den Kohlmarkt entlang. Noch eine exklusive Einkaufsmeile. Ah ja, da ist ja der Demel…! (aber leider kein Foto gemacht)… weiter und dann – – – dann hätte ich jetzt gerne, dass ab sofort Musik einsetzt, so ein bißchen festlich-barock. Oder von mir aus auch „Wiener Blut“ oder der „Donauwalzer„. Denn auf einmal, nicht weit vom Demel, endet der Kohlmarkt an einem Platz und schon ganz kurz davor traue ich meinen Augen kaum. (Jetzt muss die Musik ein bißchen dramatischer werden). Da sehe ich eine Kuppel. Und die Kuppel ist

nicht nur türkis, sie hat sogar ein atemberaubendes, goldenes Collier um den Hals. Es ist dermaßen prachtvoll, dass ich nun wirklich absolut vollkommen sprachlos stehenbleibe und ein bißchen um Fassung ringe, weil ich so ganz und gar unvorbereitet vor dieser monumentalen Schönheit stehe. Und dann gehen wir noch ein paar Schritte weiter und da tut sich der ganze Platz in seiner Grandezza auf, und links von der wunderschönen Kuppel ist gleich noch eine. Und rechts davon noch eine. Und da weiß ich auch ohne Führer und Stadtplan, dass das ein ganz wichtiger Platz sein muss. Und ich wundere mich noch, wieso ich nicht schon hunderttausend Fotos davon gesehen habe, weil man solche Kuppeln doch abfotografieren muss, bis der Akku und der Farbfilm zu Ende ist. Das muss wohl die Hofburg sein. Das ist die Hofburg. Der Eingang zur Hofburg. Der berühmte Michaelerplatz. Dieser unerwartete Anblick war die absolute Krönung des Tages für mich.

Wie gut, dass wir uns verlaufen haben. Und diese paar wenigen Bilder nur von der einen, mittleren Kuppel sind die letzten, die ich an diesem Tag machen konnte, denn da war dann auch der Akku meiner Kamera leer. Es hätte jetzt sowieso keine Steigerung mehr gegeben. Natürlich hätte ich gerne noch viele Bilder von den anderen Kuppeln und dem Eingang der Hofburg, dem Michaelertrakt und dem ganzen Michaelerplatz gemacht. Aber für den Tag musste es dabei bleiben. Das war ein ganz schöner Schlussakkord. Ein superlativer. Mit Pauken und Trompeten und Fanfaren. Als ich da gestanden bin, habe ich nur noch gedacht, wie könnte man je behaupten, dass man Wien nicht unbedingt gesehen habe muss. Das sagt ja vielleicht auch nur wer, der nur ganz wenig davon gesehen hat oder halt noch gar nichts. Allein der Michaelerplatz mit diesen Kuppeln ist eine Reise wert. Zwei Tage später waren wir noch einmal da, da war es zwar regnerisch, aber trotzdem sehenswert. Und mein Akku wieder voll. So habe ich ganz friedlich nach diesem sehr langen Tag voller Eindrücke, die Kamera in meine kleine Tasche gepackt und wir sind zur Kurrentgasse. Ich wusste ja, dass wir wahrscheinlich in ein Lokal gehen, das ich immerhin bestimmt schon von Außen fotografiert habe, also auch nicht so schlimm, dass ich keine weiteren Bilder mehr machen konnte. Alles gut. Großartig. Umwerfend. Grandios.

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05. November 2014

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Wenn ich ein Kuppel in der Farbe sehe, denke ich an daheim. Für mich ist seit ich den Berliner Dom so nah vor der Nase habe, jede türkisfarbene Kuppel ein Zitat. Woran ich dabei nicht denke, sind: Glaubensbekenntnisse, Kirchengänge, Altäre, Bibelsprüche. Aber an schönes Wetter. Blauen Himmel. Türkisfarbenen Strand. Tausendundeine Nacht. Eiskugeln. Eben so ziemlich alles, bloß nicht daran, ob es eine katholische oder evangelische Kirche ist und wofür sie irgendwann einmal gebaut worden ist oder wie sie heißt. Später habe ich dann wegen der Verifizierung der Geographie im Internet geschaut, wie der Platz heißt. Er heißt Petersplatz. Und so habe ich scharf kombiniert, dass die Kirche Peterskirche heißen könnte. Aber das ist alles nicht so wichtig für mich. Hauptsache, noch ein Bauwerk mehr mit einer dekorativen, türkisen Kuppel. Ich liebe Kuppeln! Egal, warum sie einer gebaut hat. Mit einer Kuppel kann man nie etwas falsch machen. Es sieht immer gelungen aus. Bei der Kuppel ist mir wieder eingefallen, wie sich Duke vor ungefähr dreizehn Jahren einmal über die Kuppel vom Berliner Dom vor meinem Wohnzimmerfenster geäußert hat. Es war eine mir unverständliche Äußerung, weil es mir schon damals egal war, welchen Zweck ein Bauwerk mit einer Kuppel hat, Hauptsache Kuppel obendrauf! Ihm war es nicht so egal, weil er sich damals stark über die Kirchengeschichte und ihre Auswüchse echauffiert hat. Er hat wohl alles persönlich genommen, was da so an materialisierten Hinterlassenschaften in der Welt existiert. Das hat sich heute etwas geändert. Das habe ich aber erst erfahren, als wir noch viel, viel schönere türkise Kuppeln gesehen haben, nämlich die am Michaelerplatz. Kommen danach. Unvergleichlich schön. Da habe ich die Sache angesprochen und er konnte es selber nicht mehr glauben, dass ihn das damals so aufgeregt hat. Und jetzt findet er türkise Kuppeln auch schön, weil es einfach nur türkise Kuppeln sind. Manchmal ändert sich doch der Blickwinkel.

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05. November 2014

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Sagen wir: „berühmte Sehenswürdigkeiten„, die es bei mir in den Recall geschafft haben. Ich lasse natürlich auch ganz viel aus. Zum Beispiel lese ich nun im Wikipedia, dass es im Graben (oder sagt man „auf dem“ Graben?) eine Pestsäule gibt. Äh ja. Das ist mir ehrlich gesagt schnurzpiep nur diese Fußnote wert. Ich bin da wahrscheinlich vorbeigelaufen, ohne sie eines Blickes zu würdigen. Dafür musste ich aber wie vom Donner gerührt vor Kniže stehenbleiben. Es war ein religiöser Moment. KNIZE! Tja. Warum kriege ich eine Gänsehaut, wenn ich vor einem traditionsreichen Geschäft für maßgeschneiderte Herren-Anzüge stehe? Ich bin ja nicht einmal die Zielgruppe. Aber KNIZE. Vor Kniže zu stehen, war meine absolute Sternstunde im Graben. Auf dem Graben. Wie auch immer. Das ist wie vor Dior in der Avenue Montaigne in Paris. Oder dem Palazzo Pucci in Florenz. Dort habe ich ähnliche Andachten gehalten. Da laufen so viele Schwarzweiß-Filme mit Schlieren in mir ab, ich kann das gar nicht in Worte fassen. Vielleicht war ich ja im früheren Leben ein eleganter Herr, der bei Kniže arbeiten hat lassen. Wer weiß! Auch das Motto auf der Seite von Knize finde ich nicht verkehrt: “Die unausweichliche Frage nach dem Stil beginnt mit der Überwindung der Mode.” Tradition seit 1858. Bei Wikipedia lese ich gerade noch eine schöne Litanei der berühmten Kniže-Kundschaft: „Vor allem Künstler waren in früherer Zeit Kunden bei Kniže. So bezahlte Oskar Kokoschka seine Anzüge mit Gemälden, für Marilyn Monroe wurden Blusen gefertigt, für Kurt Tucholsky Hemden, für Josephine Baker Skihosen. Auch Marlene Dietrich ließ sich bei Kniže Fracks für ihre Bühnenshows schneidern, und Billy Wilder stattete dem Haus bei seinem letzten Wienaufenthalt einen längeren Besuch ab. Kunden waren auch Maurice Chevalier sowie Laurence Olivier, Willi Forst und Fritz Lang sowie vornehmlich Führungspersönlichkeiten aus der Wirtschaft und Aristokraten wie König Juan Carlos von Spanien“(…) Gerade finde ich noch einen anekdotenreichen Artikel: „Wenn Billy Wilder kam, herrschte Ausnahmezustand“.

In diesem schönen Stadtpalais ist aber noch ein weiteres Traditionsgeschäft zuhause: Albin Denk. „Porzellan, Kristall, Geschenkartikel. Für jeden Anlass. Seit 1702. Ehem. k.u.k. Hoflieferant“. Seit Siebzehnhundertzwei. Ich weiß jetzt nicht, auf wievielen Internetseiten von Wiener Geschäften ich inzwischen war, wo einem beeindruckende Gründungsjahre um die Ohren gehauen werden, dass es nur so kracht. Aber 1702. Schon recht ungewohnt, dass sich ein Geschäft auf eine dreihundertzwölf-jährige Existenz berufen kann. Man muss direkt hysterisch lachen. Also ich jedenfalls. Und bei so einer langen Tradition schmerzt das ‚ehem.‘ (k.u.k. Hoflief.) dann noch mehr als sowieso schon! Ach. Es ist halt nichts für ewig auf dieser schönen Welt. Außer Albin Denk!

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05. November 2014

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Sagen wir: „berühmte Sehenswürdigkeiten„, die es bei mir in den Recall geschafft haben. Ich lasse natürlich auch ganz viel aus. Zum Beispiel lese ich nun im Wikipedia, dass es im Graben (oder sagt man „auf dem“ Graben?) eine Pestsäule gibt. Äh ja. Das ist mir ehrlich gesagt schnurzpiep nur diese Fußnote wert. Ich bin da wahrscheinlich vorbeigelaufen, ohne sie eines Blickes zu würdigen. Dafür musste ich aber wie vom Donner gerührt vor Kniže stehenbleiben. Es war ein religiöser Moment. KNIZE! Tja. Warum kriege ich eine Gänsehaut, wenn ich vor einem traditionsreichen Geschäft für maßgeschneiderte Herren-Anzüge stehe? Ich bin ja nicht einmal die Zielgruppe. Aber KNIZE. Vor Kniže zu stehen, war meine absolute Sternstunde im Graben. Auf dem Graben. Wie auch immer. Das ist wie vor Dior in der Avenue Montaigne in Paris. Oder dem Palazzo Pucci in Florenz. Dort habe ich ähnliche Andachten gehalten. Da laufen so viele Schwarzweiß-Filme mit Schlieren in mir ab, ich kann das gar nicht in Worte fassen. Vielleicht war ich ja im früheren Leben ein eleganter Herr, der bei Kniže arbeiten hat lassen. Wer weiß! Auch das Motto auf der Seite von Knize finde ich nicht verkehrt: “Die unausweichliche Frage nach dem Stil beginnt mit der Überwindung der Mode.” Tradition seit 1858. Bei Wikipedia lese ich gerade noch eine schöne Litanei der berühmten Kniže-Kundschaft: „Vor allem Künstler waren in früherer Zeit Kunden bei Kniže. So bezahlte Oskar Kokoschka seine Anzüge mit Gemälden, für Marilyn Monroe wurden Blusen gefertigt, für Kurt Tucholsky Hemden, für Josephine Baker Skihosen. Auch Marlene Dietrich ließ sich bei Kniže Fracks für ihre Bühnenshows schneidern, und Billy Wilder stattete dem Haus bei seinem letzten Wienaufenthalt einen längeren Besuch ab. Kunden waren auch Maurice Chevalier sowie Laurence Olivier, Willi Forst und Fritz Lang sowie vornehmlich Führungspersönlichkeiten aus der Wirtschaft und Aristokraten wie König Juan Carlos von Spanien“(…) Gerade finde ich noch einen anekdotenreichen Artikel: „Wenn Billy Wilder kam, herrschte Ausnahmezustand“.

In diesem schönen Stadtpalais ist aber noch ein weiteres Traditionsgeschäft zuhause: Albin Denk. „Porzellan, Kristall, Geschenkartikel. Für jeden Anlass. Seit 1702. Ehem. k.u.k. Hoflieferant“. Seit Siebzehnhundertzwei. Ich weiß jetzt nicht, auf wievielen Internetseiten von Wiener Geschäften ich inzwischen war, wo einem beeindruckende Gründungsjahre um die Ohren gehauen werden, dass es nur so kracht. Aber 1702. Schon recht ungewohnt, dass sich ein Geschäft auf eine dreihundertzwölf-jährige Existenz berufen kann. Man muss direkt hysterisch lachen. Also ich jedenfalls. Und bei so einer langen Tradition schmerzt das ‚ehem.‘ (k.u.k. Hoflief.) dann noch mehr als sowieso schon! Ach. Es ist halt nichts für ewig auf dieser schönen Welt. Außer Albin Denk!

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04. November 2014

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Da sind wir zur U-Bahn. Ich glaube, „Wien Mitte“ ist zum einen die Bezeichnung von dem U-Bahnhof, der auch ein Umsteigebahnhof ist und auch „Landstraße“ heißt und auch die Bezeichnung von der modernen Einkaufspassage. Vielleicht geht es auch irgendwie ineinander über. Einkaufen waren wir nämlich nicht, so weit ich mich erinnere, und ich erinnere mich an allerhand, wie man an meinen Einträgen sieht. Deswegen muss die Rolltreppe in dem Oval wohl hinunter zur U-Bahn führen. Aber ich könnte es nicht mehr beschwören. Sehr modern da, sehr schick. Mir kommt es vor, als ob bei den architektonischen Entwürfen neuerer Zeit im Innenstadtbereich nicht das oberste Kriterium ist, dass es recht preisgünstig zu bauen sein soll. Was ich sehr gut und vorausschauend finde. Lieber teure, neue Häuser bauen und dafür billige Waffen, die möglichst nichts taugen! Das wäre auf jeden Fall meine Politik. Nur als Beispiel. Wien profitiert ja heute noch davon, dass früher schon nicht an Prunk in der Architektur gespart worden ist. Das rentiert sich einfach! Viel lieber geht man in einem extravagant geschnittenen Haus einkaufen, als in so einer beliebigen Schuhkarton-Architektur. Mit einem schönen, extravaganten Haus-Entwurf zeigt man Ehrerbietung vor dem Formenreichtum der Schöpfung. Deswegen sind Schuhkarton-Häuser ohne alle Extravaganzen ein ganz großes Armutszeugnis!

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05. November 2014


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Das Hotel Royal in der Singerstraße, schräg gegenüber vom Stephansdom ist nicht so interessant. Aber der Schriftzug. Noch ein Schmuckstück in der großen Schatzkiste der Wiener Typographien. Ich habe den Schriftzug auch schon einmal in dem Album zum Stephansplatz beiläufig eingefangen, da, ganz hinten. Nun war ich nicht mehr alleine unterwegs, und es war mir fast schon unangenehm, dass ich schon wieder den Betrieb aufhalte, weil ich unbedingt diese Schrift im Gegenlicht einfangen will. So habe ich es möglichst schnell und fast schon verstohlen gemacht. Man bleibt ja doch drei Sekunden stehen um das Bild nicht komplett verwackelt zu bekommen. Im Nachhinein betrachtet, hätte ich mich gar nicht so disziplinieren müssen, weil ich – ebenfalls erst im Nachhinein – begriffen habe, dass Smartphone-Besitzer jede Minute nutzen, um den Apparat nach neu eingegangen Mitteilungen zu überprüfen. Die Hand also mehr oder weniger immer in Kontakt mit dem Gerät ist. Insofern bin ich halt auch immer in Kontakt mit einem Gerät, nur dass es eben ein Fotoapparat ist. Nun war ich ja erst das zweite Mal in der Ecke da und wusste aber auch, dass ich nicht noch unzählige weitere Male dort entlanglaufen werde. Und schon gar nicht bei Gegenlicht. Ich bin einfach in schöne Typographie verliebt. Ich glaube, dass vielen gar nicht bewusst ist, wieviel das in dieser Stadt ausmacht. In jeder Stadt. Aber ich kann nur gebetsmühlenartig wiederholen, dass die schönen Beschilderungen und Schriften einen ganz wichtigen Anteil daran haben, dass Wien immer wieder als „so schön“ tituliert wird. So ein schönes Schild rückt auch eine eher uninteressante Häuserfassade in den Hintergrund. Wenn ich die Bilder von Wien genau betrachte, fällt mir jetzt erst auf, dass es doch auch immer wieder Neubauten zwischen dem schönen Alten gibt, aber die Farbgebung, man könnte sagen die Beige-Orgie, das oft vertuscht und ein schönes Ladenschild das Übrige tut, um einen organischen Retro-Gesamteindruck zu hinterlassen. Nur die Luxus-Neubauten, wie das Hotel Topazz, kultivieren eine unangepasste supermoderne Extravaganz, das können sie sich auch erlauben, weil neue Eleganz auch neben alter bestehen kann. Das ist ebenbürtig. Ich muss manchmal ein bißchen erklären, wie mein Blick zustande kommt. Warum die Bilder aus meiner Welt anders ausschauen. Das liegt nicht nur daran, dass ich die Kamera tiefer halte, und oft aus der Untersicht fotografiere. Es liegt an meiner Scheuklappen-Spezialanfertigung. In Wien brauchte ich aber nur ganz wenig Scheuklappen. Jedenfalls nicht da, wo ich war. Mit großer Absicht zeige ich hier ganz bekannte, berühmte Ecken. Weil ich den Eindruck habe, dass Blogger in ihren Reiseberichten immer öfter dazu neigen, genau die Sehenswürdigkeiten auszusparen, im Sinne von „kennt ja jeder, weiß ja jeder, wie das ausschaut, kann ja jeder googeln.“ Und dann werden oft stattdessen mit großem Originalitätsanspruch ausschließlich Ecken abgelichtet, die garantiert frei von einmaligen Sehenswürdigkeiten sind, und wo man am Ende nicht mehr erkennt, ob derjenige in Berlin, München oder Wien war. Mir liegen die Alleinstellungsmerkmale dieser Metropole am Herzen. Deswegen: berühmte Sehenswürdigkeiten.

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04. November 2014

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Da sind wir zur U-Bahn. Ich glaube, „Wien Mitte“ ist zum einen die Bezeichnung von dem U-Bahnhof, der auch ein Umsteigebahnhof ist und auch „Landstraße“ heißt und auch die Bezeichnung von der modernen Einkaufspassage. Vielleicht geht es auch irgendwie ineinander über. Einkaufen waren wir nämlich nicht, so weit ich mich erinnere, und ich erinnere mich an allerhand, wie man an meinen Einträgen sieht. Deswegen muss die Rolltreppe in dem Oval wohl hinunter zur U-Bahn führen. Aber ich könnte es nicht mehr beschwören. Sehr modern da, sehr schick. Mir kommt es vor, als ob bei den architektonischen Entwürfen neuerer Zeit im Innenstadtbereich nicht das oberste Kriterium ist, dass es recht preisgünstig zu bauen sein soll. Was ich sehr gut und vorausschauend finde. Lieber teure, neue Häuser bauen und dafür billige Waffen, die möglichst nichts taugen! Das wäre auf jeden Fall meine Politik. Nur als Beispiel. Wien profitiert ja heute noch davon, dass früher schon nicht an Prunk in der Architektur gespart worden ist. Das rentiert sich einfach! Viel lieber geht man in einem extravagant geschnittenen Haus einkaufen, als in so einer beliebigen Schuhkarton-Architektur. Mit einem schönen, extravaganten Haus-Entwurf zeigt man Ehrerbietung vor dem Formenreichtum der Schöpfung. Deswegen sind Schuhkarton-Häuser ohne alle Extravaganzen ein ganz großes Armutszeugnis!

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13. Juli 2014

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„Eine der schönste Barockgassen Wiens heißt Kurrent. Sie verbindet die Steindlgasse mit dem Judenplatz. In ihr befinden sich zwei Restaurants: etwa in der Mitte, auf Nummer 8, das mit sogenannter bodenständiger, gutbürgerlicher Küche aufwartende Ofenloch (in dessen Gästebuch dereinst Friedrich Torberg schrieb, daß ihm das Ofenloch, von allen ihm bekannten Wiener Löchern, das mit Abstand sympathischste sei) und, kurz vor der kleinen Galerie, die hinter dem Rücken des Lessing-Denkmals am Judenplatz das erschütternde, alptraumhafte, die Schrecken des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau reflektierende Werk des Holocaust-Überlebenden Adolf Frankl zeigt, das mediterraner Küche hingegebene Pastell.“ ANDRÉ HELLER, EINE MOMENTAUFNAHME.

Dem habe ich nichts hinzuzufügen. Oder nur ganz wenig. Vielleicht, dass ich ganz zufällig in der Kurrentgasse landete, und sie mir gleich gefiel. Aber als ich das Schild vom Ofenloch sah, dämmerte mir, dass ich durch eine glückliche Fügung in dieser Gasse gelandet war, die ich mir sowieso gerne anschauen wollte. Ein paar Meter weiter war dann auch das Pastell und erst da, wo die kleine Gasse auf den Judenplatz führt, sah ich mir das Schild an, auf dem Kurrentgasse stand. Ich hatte kurz vor meiner Reise, als eines der letzten Wienbücher, dieses kleine Sammelsurium vom André Heller gelesen, aus dem das Zitat stammt. Das habe ich mir gut gemerkt. Im weiteren Verlauf der Geschichte erzählt er, wie er im Pastell mit einer Freundin essen war und beschreibt eine seltsame Truppe, die ebenfalls dort war, und ihm nicht geheuer. Ich habe mich jedenfalls gefreut, dass die schöne kleine Gasse die Kurrent ist. Im weiteren Verlauf des Nachmittags, oder besser des Abends, bin ich auch noch einmal zurückgekerht, diesmal mit Duke. Wir waren im Ofenloch zum Abendessen. Wiener Schnitzel und Erdäpfel-Vogerl-Salat. Aber das erzähle ich alles noch en detail.







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04. November 2014

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Wien, dritter Bezirk, Salmgasse 23. Raucherzimmer, Moped. Von der Eden-Bar bin ich schnurstracks zum Stephansplatz, was ja nur ein Katzensprung ist, und hinunter in die U-Bahn, U 3, Richtung Simmering, drei Haltestellen bis „Rochusgasse“, von da war es nicht mehr weit zu Fuß bis zur Salmgasse. Draußen war noch schöner Sonnenschein, aber ich glaube, der Schanigarten (so nennen die Wiener das, wenn vor dem Lokal auf dem Gehsteig Tische und Stühle stehen, weiß gar nicht, wie man das bei uns nennt. Gibt gar keinen Begriff oder? Biergarten wäre ja stark übertrieben) lag im Schatten. Deswegen haben Duke und Brigh, die da drinnen waren, im Lokal in der Salmgasse 23, dem Moped, hinten im Raucherzimmer, auch nicht mitbekommen, dass draußen den ganzen Nachmittag Frühlingssonne gewesen wäre. Die beiden hatten einen Platz direkt auf der Sichtachse zur Eingangstür, aber ganz hinten, in dem sehr gemütlichen Wohnzimmer, in dem viele Lampen für schummrige Beleuchtung gesorgt haben. Das richtige Lokal für einen bewölkten, regnerischen Tag, nachdem es ja auch ausgesehen hatte, vier Stunden vorher. Als ich nach der Begrüßung gleich erzählen musste, dass draußen schon den ganzen Nachmittag die Sonne scheint, haben mich die beiden ungläubig angeguckt. Ich kam ja gerade vom Stephansplatz, wo ich noch als letzte Eindrücke hatte, dass Frauen mit nackigen Oberarmen und Sonnenbrillen kalte Getränke zu sich genommen haben (Beweisfoto). Jedenfalls ist das lauschige Wohnzimmer auch bestimmt ein angenehmer Ort, um da einen Nachmittag zu verbringen. Die beiden kennen Wien ja nun schon. Brigh wohnt da und Duke hat auch immer wieder mal da gewohnt. Es war schon gut, dass ich alleine so viel Auslauf hatte, so musste sich niemand an meiner Seite über meine hingebungsvolle Begeisterung für für andere alltägliche Ansichten wundern. Es ist schon auch schön, nach Herzenslust Touristin sein zu dürfen! In meiner Begeisterung habe ich gleich erzählen müssen, dass ich ganz viel gesehen habe und mir der Judenplatz so gut gefallen hat, und dass da ja auch Lokale waren, wo man essen könnte. Und rein zufällig, waren das genau auch die Lokale, die Brigh uns empfehlen wollte! So ein Zufall! Ich hatte überhaupt das Gefühl, ich hätte mich gleich noch vier Stunden ohne Punkt und Komma mit ihr ohne Probleme unterhalten können. Sie war mir gleich sehr sympathisch. Aber langsam war es auch Zeit für sie aufzubrechen und ich habe langsam auch Hunger gekriegt. Wir sind noch zu dritt bis zur U-Bahn-Station „Wien Mitte/Landstraße“ gelaufen und haben uns dort warm verabschiedet. Brigh ist heim und wir wieder Richtung Stephansplatz. Wenn ich so darüber nachdenke, ist es schon verrückt, wie unterschiedlich man vier Stunden verbringen kann. Ich habe so viele Straßen und Gassen gesehen, wie manche vielleicht in einer Woche. Hätte ich mich auch in ein Café gesetzt, wären die vier Stunden auch gut vergangen, aber ich hätte nur verschiedene Getränke gesehen. Es hat mich aber sehr gefreut, dass ich auch einen Eindruck von einem Lokal bekommen habe, in das ich sonst nicht gekommen wäre, weil es nicht so ganz zentral liegt. Eben ein Lokal, wo vielleicht eher einheimische junge Leute hingehen. Solche Cafés mit zusammengewürfelten Retro-Möbeln kann man auch in Berlin finden, da sehen einige recht ähnlich aus. Aber als Wien-Azubi muss ich mich natürlich erst einmal vorrangig um Grundlagenwissen bemühen, Sehenswürdigkeiten mit Alleinstellungsmerkmal! Da bin ich auch ehrgeizig. Irgendwie bin ich doch ein effizienter Typ, merke ich wieder. Direkt ökonomisch. Das Leben ist kurz! Wäre ja blöd, wenn ich in Wien gewesen wäre, und jeden Tag vier Stunden in einem einzigen Lokal gewesen wäre! Jetzt amüsiert mich allerdings auch, dass ich durch meine überaus hingebungsvolle, nachträgliche Recherche, Sachen in Erfahrung bringe, die vielleicht mitunter auch für erfahrenere Wien-Freunde nicht durchweg zur sofort abrufbaren Wien-Bildung gehören. Ich bin halt ein unheimlich gründlicher Typ!

Das auf dem Stuhl ist übrigens kein gepolstertes Kissen, wie ich im ersten Moment beim Durchschauen der Bilder gedacht habe, sondern die Umhängetasche von Duke. Es ist schon so lange her.
: : alle Wiener Geschichten : :

03. November 2014


Die Eden-Bar* kennt vermutlich wieder keiner hier. Richtig, das ist kein Techno-Club und auch kein Laden, in dem sich Alt-Punks in löchrigen Schlafanzugoberteilen treffen. Es ist dort mehr so ein liquideres, gediegeneres, aber nichtsdestoweniger feierfreudiges Nachtclub-Publikum, wenn ich das richtig verstanden habe. Die Eden-Bar ist die älteste Bar Wiens. Über hundert Jahre inzwischen. So wie die originale Einrichtung, die mit viel Aufwand beibehalten wird. Die Wiener Werkstätten weben die Damast-Tapisserie nach der Original-Vorlage, wenn einmal etwas ausgebessert werden muss. Es ist ein trunkener Traum in Plüsch und Rot und Schummerbeleuchtung. Das weiß ich selbstverständlich alles deshalb so genau, weil ich natürlich in keinster Weise drin war, sondern mir wie üblich, dieses Herrschaftswissen im Internet zusammengelesen habe. Die Eden-Bar hat nämlich sogar einen eigenen Wikipedia-Eintrag, dort lesen wir: „Die Eden Bar in der Liliengasse 2 nahe dem Stephansdom ist ein traditionsreiches Wiener Innenstadtlokal mit etwa hundertjähriger Geschichte. Erste Besitzerin der Bar war Emmy Stein (…). Die Operettensängerin am Theater an der Wien und Bürgertheater erwarb das Lokal 1919 und taufte es von City Bar in Eden Bar um. Während der NS-Herrschaft wurde ihr der Besitz des Unternehmens entzogen und sie saß wegen des Abhörens von Feindsendern etwa zwei Monate in Haft. 1948 erfolgte die Rückstellung des Lokals. Die Besitzerin verkaufte es aber schon 1953 an Gabor Kenezy, den Gatten von Liane Augustin. 1974 bis zu seinem Tod 2005 war der Wiener „Nachtklubkönig“ Heinz Werner Schimanko Besitzer der Eden Bar. Er verpflichtete sich, den „gehobenen“ Charakter des Lokals zu wahren (Krawattenzwang), führte aber die Sitte ein, Fotos der prominenten Barbesucher (…) in der Auslage auszustellen.“
*nicht verwandt oder verschwägert mit Rolf Eden





Eines Tages werde auch ich die Eden-Bar besuchen. Ich hatte ja insgeheim schon den Plan im Mai. Aber es muss halt alles passen. Um es genauer zu formulieren: die Bekleidung sollte einigermaßen dem dort postulierten Dresscode entgegenkommen. Insofern wären Trekking-Klamotten nicht das Outfit der Wahl, um durch diese Tür zu kommen. Ich habe gelesen, dass man die Bekleidungsvorschriften in den letzten Jahren stark gelockert hat, und es nun keinen Krawattenzwang mehr gibt, sondern nur noch Jackett-Zwang für die Herren. Was ich völlig in Ordnung finde. So ein Jackett-Zwang ist einfach mal was anderes. So attraktiv finde ich Kapuzenpullover und Anorak an einer Bar ohnehin nicht, dass ich das unbedingt dort sehen wollte. Es gibt ja genug Etablissements, wo man keinerlei Vorschriften in der Richtung befolgen muss. Mein Vorschlag für die Eden-Bar (und auch andere elegante Lokale, nicht wahr) wäre daher, einen gut geschnittenen schwarzen Anzug und ein weißes Hemd im Reisekoffer mit sich zu führen. Und dazu passende Schuhe, aber das versteht sich ja eigentlich von selbst. Krawatte kann daheim bleiben. Warum ich überhaupt auf eine Bar komme, die außer mir – und natürlich dem einschlägigen Publikum für solche Bars – keiner, den ich kenne auch kennt, liegt an dem Roman, den ich lange vor meiner Wienreise gelesen habe. Von einer gebürtigen Wienerin geschrieben. Der Roman spielt in den Sechziger Jahren in Budapest, Wien und Paris. Es geht um eine Liebesgeschichte zwischen einer jungen Wienerin und einem russischen Journalisten und es wird ein ganzes Potpourri von Lokalen erwähnt, die ich dank Internet parallel zu meiner Lektüre googeln konnte und mit großer Begeisterung stellte ich fest, dass alle erwähnten Lokale tatsächlich existieren. Und so wird auch in der Eden-Bar getechtelt:

„(…) Anna schlug die Eden-Bar vor. sie gingen Seite an Seite die Kärntner Straße hinunter.(…) »Genau die richtige Mischung von Rhythmus und Schmalz«, hatte Helmut gelobt, als er sie vor ein paar Monaten zur Feier eines bestandenen Rigorosums in die Eden geführt hatte. Helmut tanzte gut und schwungvoll. »Fetz nicht so herum, das tut man hier nicht«, hatte Anna ihn gerügt und Helmut hatte gegrinst. »Schau dich um, lauter alte Knacker. Schleichen bloß herum und schmusen. Die sollen einmal sehen, was tanzen heißt.« Anna hatte geschwiegen und nicht ohne Vergnügen jenes Abends vor bald zwei Jahren gedacht, an dem sie auf der nämlichen Tanzfläche so lange heftig schmusend in den Armen eines nicht mehr ganz jungen Mannes gehangen und eng an ihn geschmiegt umhergeschlichen war, bis er sie in die Wohnung abgeschleppt hatte. Der Mann war bald darauf als „Entjungferer“ von Anna katalogisiert und abgelegt worden. Der Oberkellner warf einen Blick auf Oleg, eilte ihnen entgegen und führte sie an einen der besten Tische. »Was wollen Sie trinken?« fragte Oleg. »Egal, was Sie trinken« sagte Anna. Oleg bestellte Bourbon und zwei Pakete Pall Mall. Die Gesellschaft am Tisch jenseits der Tanzfläche starrte zu ihnen herüber. »Himmlische Mutter, dort sitzen Bekannte meiner Eltern, die blonde Frau mit dem toupierten Haar ist eine stadtbekannte Tratschgans« entfuhr es Anna. »Ist es Ihnen peinlich, hier gesehen zu werden, wollen wir gehen?« Olegs Stimme klang kühl und unbeteiligt. »Nein, nein.«(…) Oleg hatte sich eine Zigarette angezündet, er inhalierte tief, schien bald entspannter, er trank schnell, winkte dem Ober, bestellte noch einen Bourbon. Die Band hatte von südamerikanischen Rhythmen auf Romantik umgestellt, ein paar Scheinwerfer verlöschten. I WANT SOME RED ROSES FOR THE BLUE LADY Das Gesicht des Sängers war im Dunkel kaum zu sehen, nur seine Zähne blitzten. »Wollen wir tanzen?« sagte Oleg, griff nach Annas Hand und zog sie, ohne ihre Antwort abzuwarten, auf die Tanzfläche.(…) Im Abgehen sah Anna den sensationslüsternen Ausdruck auf dem Gesicht der toupierten Blonden, sah die Bekannten ihrer Eltern tuscheln, sah neugierige Blicke von anderen Tischen. »Taxi«, sagte Oleg zu dem livrierten Türsteher, sobald sie im Freien standen. Er hatte die Hand von Annas Hüfte genommen, stand neben ihr, atmete schwer. Der Türsteher ließ einen Pfiff los, von der Singerstr. rollte ein Taxi heran. »Schau, wie schön«, sagte Anna und deutete auf den Stephansturm, der sich wie eine Nadel vom weichen Mitternachtsblau des Frühlingshimmels abhob. (…)“
Hanna Molden, Kurakin





Hier der Vollständigkeit halber noch ein paar tolle Premium-Links: ein Video, in dem man den sehr sympathischen und überraschend jungen, heutigen Inhaber vor der Bar, also wo ich auch die Fotos gemacht habe, herumstehen sieht und erzählen hören kann. Ein weiteres Video, das anlässlich der Hundertjahrfeier drinnen gefilmt worden ist und in dem verschiedene österreichische Prominente erzählen, was sie mit der Bar verbinden. (Zum Beispiel Marianne Mendt, die vor einigen Jahrzehnten ein halbes Jahr als Barsängerin dort tätig war.) Und ein toller Beitrag aus dem österreichischen „über 55“-Forum, mit vielen Zusatzinformationen, wie zum Beispiel, wie es kommt, dass von hundert Jahren die Rede ist, wo die Bar doch erst seit 1919 Eden-Bar heißt. Weil es vorher auch schon ein ähnliches Etablissement war, nämlich 1911 als Offiziers-Kasino eröffnet worden ist. Deswegen 2011 ‚Hundert‘.

Aber auch der Wien-Guide Servus in Wien, der unter anderem ein schönes Verzeichnis der Wiener American Bars bereithält, weiß lobende Worte über die Eden-Bar zu finden: „Die Eden-Bar gehört sicher zu den schönsten und elitärsten Bars der Welt. Erlesene Getränke und perfekter Service garantieren einen unvergeßlichen Abend. Die tägliche Live-Musik wechselt ohne Pause das Musikprogramm. Diese Bar ist von in- und ausländischen Gästen sehr begehrt. „Wir sind Gastgeber und bemühen uns, daß unsere Gäste sich bei uns sehr wohlfühlen.“ Wo gibt es sonst noch Bars, wo der Ober im Frack perfekt serviert, und der nach einem arbeitsreichen Tag diese Bar besucht, herzlich empfangen wird?“

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P.S. ganz charmant auch der Hinweis auf der Seite der Eden-Bar: „Bitte beachten Sie unseren Dresscode. Leih-Sakkos sind an der Garderobe erhältlich.“ (Aber nur im absolut äußersten Notfall bitte…)
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02. November 2014

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Während in Deutschland und vielleicht auch Österreich die Krimifreunde den Sonntagskrimi im Ersten eingeschaltet haben (heute kein Tatort sondern Polizeiruf, wie ich sehe), verfasse ich meinen nächsten Blogeintrag. Und lasse nebenher „Die letzte Metro“ laufen (auf Arte). Der Film passt ein bißchen besser zu meiner Fundsache. Der Hintergrundgeschichte zum von mir abgelichteten Restaurant „Drei Husaren“ in der Weihburggasse im ersten Bezirk. Sie geht von der Kärntner Straße ab. Irgendwie war mir der Name „Drei Husaren“ bekannt, ich wusste aber nicht woher. Weder hatte ich in einem Wienführer über das Restaurant gelesen, noch im Internet. So ein Begriff, den man irgendwo einmal aufgschnappt hat. Ich kenne aber niemanden, der da je drin gewesen wäre. Im Zuge der Recherche, zur Unterfütterung mit ein paar Fakten, meiner Wien-Bilder (ich kann ja nicht immer nur von meiner vergeblichen Suche nach einem Kaffee-Zubereiter erzählen), gebe ich also in die Suchmaschine „Drei Husaren“ Wien ein. Mir springt ein Video zum 75. Jubiläum ins Auge, das unbedingt sehenswert ist. Es erinnert ein bißchen an die Siebziger Jahre, obwohl es ungefähr 2008 entstanden sein muss. Man sieht das Lokal sehr schön und bekommt einen gewissermaßen sehr sinnlichen Eindruck von den stark traditionell geprägten Gepflogenheiten. Noch habe ich mich amüsiert und dachte, das wäre ein schöner Aufhänger, ich könnte als Einleitung schreiben, dass sich mein Wien-Reisebericht durch das absolute Alleinstellungsmerkmal der Empfehlung von Restaurants, in denen ich garantiert nicht drin war, auszeichnet. Schon wollte ich die Speisekarte recherchieren, als extra-Service für meine Leser. Oder doch wenigstens die Homepage, die deutlich auf dem Abspann des Jubiläumsvideos vermerkt wurde. http://www.drei-husaren.at. Diese Seite gibt es jedoch nicht mehr. Das hat mich dann doch überrascht, dass ein Lokal, das sich 75 Jahre gehalten hat, die Internetseite abgeschaltet hat. Noch einmal gebe ich also den Namen des Lokals ein und begutachte die Suchergebnisse genauer. Und so fand ich mehrere Artikel aus dem Jahr 2010, denen zu entnehmen war, dass das Restaurant „Drei Husaren“ wegen Insolvenz schließen musste. Aber da stand noch viel mehr:
Wiener Nobelrestaurant „Drei Husaren“ in Konkurs
Erster. Bezirk, 1010 Wien – Schon wieder stellt ein Wiener Spitzenrestaurant seinen Betrieb ein. Die „Drei Husaren“ wurden seit 1933 als Restaurant geführt. Das Restaurant in der Weihburggasse 4 wurde 1933 von drei “Husaren-Offizieren” gepachtet. Zuvor war der Betrieb von Ella Zirner-Zwieback als Kaffeehaus geführt worden, die immer noch die Konzession besaß. Die Großmutter des Schauspielers August Zirner, der die Enteignung seiner Familie jüngst publik gemacht hatte, wurde in Folge vom NS-Regime zur Aufgabe der Konzession gedrängt. 1938 ging der Betrieb somit an den Berliner Gastronomen Otto Horcher, unter dem das Restaurant zum Treffpunkt der Gesellschaft im nationalsozialistischen Regime wurde. Zu den regelmäßigen Gästen gehörten etwa Reichsmarschall Hermann Göring oder Gauleiter Baldur von Schirach. Zwischen 1943 und 1949 standen die “Drei Husaren” allerdings leer, bevor sie neu renoviert wiedereröffneten. Der neue Besitzer Egon von Fodermayer leitete das Restaurant bis 1979, gefolgt von Uwe Kohl. http://Vienna.at, 17. Juni 2010, 12:46 Uhr
Da ist die zunächst recht große Heiterkeit über den Jubiläumsfilm ein bißchen gewichen. Es wird eine beispielhafte Geschichte von vielen sein. Ganz sicher. Aber wenn man ahnungslos vor so einem Haus gestanden hat und dann die Hintergründe durch einen Zufall, wie meine rückwärtigen Reise-Recherchen erfährt, ist es wohl, was die Stolpersteine im besten Fall bewirken. Ich finde es großartig, dass einem das Internet durch eine Spielerei manchmal Nachhilfe in Geschichtsunterricht gibt. Das Interview mit August Zirner wurde am 5. Juni 2010 veröffentlicht. Und am 17. Juni 2010, zwölf Tage später, erschien die Meldung zum Konkurs. Vermutlich hatte sich der arg steif wirkende Stil des Hauses seit geraumer Zeit überlebt. Und die Erhellung von Zirner war nur der passende Schlussakkord.

Auch das neben gelegene Lokal „Zum weißen Rauchfangkehrer“ hat eine lange Geschichte. „Der „Rauchfangkehrer“, der um 1848 gegründet wurde, war einst das Zunftlokal der Altwiener Kaminpfleger.“ heißt es da. Über die Geschichte liest man auf der Internetseite des Rauchfangkehrers weiter, wie es sich im Laufe der Zeit zu einem beliebten Schauspieler- und Künstlerlokal entwickelt hat. Von Bernstein und Visconti ist die Rede, Nurejew und Fonteyn. Und von Curd Jürgens, der stehend geduldig auf einen Platz wartete. Welche Prominente sich in den Dreißiger und Vierziger Jahren ein Stelldichein gegeben haben, bleibt unerwähnt.

Aber auch das Geschäft für „Exquisite Drucksorten“ Huber & Lerner kann auf eine beeindruckende Geschichte zurückblicken. Im Jahre 1901 hat es seine Geschäfte aufgenommen und durfte das persönliche Briefpapier von Kaiserin Sisi herstellen. Und Arthur Schnitzler war Stammkunde der feinen Papiersorten, auf denen er viele lesenswerte Liebesbriefe an Adele Sandrock verfasste. Ich aber kaufe kein feines Briefpapier, weil ich leider gerade keinen Arthur Schnitzler kenne, sondern laufe weiter bis zur Liliengasse.

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02. November 2014

BUNTE-Ticker: „Lindenbergs Ex-Leibwächter zieht nach Malta.“ Ah ja. Die Prominenten scheinen mal wieder knapp zu werden. Abgesehen davon, dass ich ohnehin seit geraumer Zeit Probleme habe, ungefähr siebzig Prozent der in Schlagzeilen erwähnten „Prominenten“-Namen, Gesichter zuzuordnen. Schade. Ich habe früher so gerne Klatsch und Tratsch gelesen. Aber wenn man die Leute nicht kennt, macht das alles keinen Spaß mehr. Mich würde zum Beispiel schon auch interessieren, was die Stars von früher – – na ja. Lassen wir das. Ich muss mich unheimlich anstrengen, damit mir irgendein jüngerer Star einfällt. Wenn ich dann so in meinem Gedächtnis nach jüngeren Gesichtern krame, schieben sich wieder Bilder von Audrey Hepburn in Sabrina nach vorne, oder Brigitte Bardot in Privatleben. Oder Romy Schneider im Swimmingpool. Das waren noch Stars! Ich bin da irgendwie hängengeblieben. Das letzte, was ich ungefähr noch mitbekommen habe, war Sonja Kirchberger in der Venusfalle. Aber die wird in diesen Tagen ja auch schon Fünfzig. Also meine Generation. Schwierig. Sie macht gerade ein Restaurant auf Mallorca auf, mit ihrem Sohn. Habe Fotos gesehen. Das waren die letzten Bilder in der Bunten, die mich halbwegs interessiert haben. Schöne bunt bemalte Türen hat das Lokal. Na ja, sie braucht auch noch ein zweites Standbein. Schauspieler machen gerne in Immobilien oder Restaurants. Und Ruth Maria Kubitschek hat aufgehört, mit einer letzten Rolle in einer Fernsehserie, die ich noch nie gesehen habe. Traumhotel oder so ähnlich. Aus Respekt habe ich mir daraufhin die letzte Folge mit ihr angeschaut. War gar nicht so schlecht. Eine österreichische Produktion mit dem auch älter gewordenen – na – wie heißt er – – – der den Hoteldirektor gespielt hat. Ich komme nicht drauf. Ein ganz attraktiver Mann. Christian – Christian – – müsste ich jetzt recherchieren. Auf jeden Fall sieht der für vierundsechzig noch ganz gut aus. NIcht Tramitz (der hält sich auch gut). So ähnlich.

01. November 2014

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Die Kärtner Straße. Zum zweiten mal war ich da. Bei meinem zufälligen Herumlaufen machte ich die Zufallsentdeckung, dass es sich um die Straße handelte, die ich schon am ersten Abend nach Einbruch der Dunkelheit gesehen hatte und die schöne Beschilderung von den Geschäften Rositta und Lobmeyr bewundert hatte. Fotografieren hätte man das nicht können, es war viel zu dunkel. Umso mehr freute ich mich, dass ich es nun durch diesen Zufall noch einmal in Ruhe anschauen konnte. Es ist eine Fußgängerzone mit vielen, vielen, vielen Geschäften. Ich glaube, da war es auch, kurz nach dem Karlsplatz, wo die Straße anfängt, dass Victor meinte, er hätte den Eindruck, ich würde massiv in den ersten Bezirk drängen. Ich hatte keine Ahnung von irgendwelchen Richtungen, aber es scheint da wohl einen Magnetismus zwischen mir und dem ersten Bezirk zu geben. Liegt vielleicht an meinem Geburtsdatum! Ich bin ja auch an einem Ersten geboren. Und hier in Berlin wohne ich ja sozusagen auch im ersten Bezirk! Es ist halt Bestimmung! In der Kärtner Straße war ich sogar in einem Geschäft, einem großen Geschäft. Genau genommen einer Art Einkaufstempel, dem „Steffl„. So volkstümlich das klingt, so mondän ist das Warenangebot. Nur die Verkäuferinnen haben mich ganz stark an das Personal beim Gunkel erinnert. Grüß Gott! Sehr bemerkenswert war die Schaufenstergestaltung. Es war wie so ein Jahrhundertwende-Theaterbühnenbild mit ausgeschnittenen Pappfiguren und Pappkulissen und dazwischen schön zurechtgemachten Schaufensterpuppen. Da habe ich mich wieder nicht getraut, zu fotografieren. Manchmal bin ich gehemmt. Das kann sich von einem Meter zum anderen komplett ändern. Schon interessant. Ich habe im Steffl nichts gekauft, denn offen gestanden, war das einzige was ich gebraucht hätte, so eine Kaffee-Pressmaschine, um endlich von der saublöden Kapselmaschine in der Wohnung unabhängig zu werden und mein gutes Kaffeepulver benutzen zu können. Das in den Kaspeln hat nämlich nach gar nichts geschmeckt, was jetzt aber sicher nicht Kapsel- sondern Kaffeesorten-spezifisch ist. Aber ich war mal im Steffl. Jede Menge Schminksachen und Handtaschen. Damit war ich aber ausreichend versorgt. Nach den vielen Eindrücken war ich dann schon mental langsam so weit, dass ich dachte, viele Varianten können da jetzt eigentlich nicht mehr kommen und ich habe mich innerlich schon mal auf den Weg zurück, Richtung Stephansdom eingestellt. Auch Steffl genannt, ach so – daher…..!



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01. November 2014


Ganz arg schöner Text.
Die beste Suite im besten Hotel der Stadt
„Guten Abend, ich möchte was trinken
was, von dem besten das ihr habt
Ok, die für tausend, das geht auf Suite 808
Nein, nur 1 Glas. Und übrigens
Ich hab es geschafft“
Mit nur einem Programm und zwei Jahren Wahn
Und dann irgendwann, kamen sie wirklich alle an
Was macht ein Klischee zum Klischee?
Und es tut immer noch weh
Immer noch
Wenn ich Abends einschlafe oder morgens aufwache
Ein gutes, cooles Leben wird die beste Rache
Eure Welt programmieren – meine leichteste Sache
Ein gutes, cooles Leben ist die beste Rache
An die Alpha-Tiere
Und die Sportskanonen
An die dummen Schläger
Die mich niemals schonten
An die fiesen Mädchen
Und die Arschloch-Lehrer
Die, mit Sätzen wie
„Du musst dich auch mal wehren“
Auch mal
Gib mir ein N
Ein N wie Nur
Gib mir ein E
E wie Einmal
Und dann gib mir das R
Und dieses R steht für rächen
Gib mir ein D
D wie Digger
Wenn ich Abends einschlafe oder morgens aufwache
Mein gutes, cooles Leben wird die beste Rache
Eure Welt programmieren – meine leichteste Sache
Ein gutes, cooles Leben ist die beste Rache
Ich programmier eure Welt
Und mach das dann zu Gold
Ich werde die Clubs aufkaufen
In die ihr rein wollt
Mit dem Porsche vorfahren
So soll es sein
Und ihr könnt einmal kurz gucken
Und kommt nicht rein
Dies ist meine Zeit, sie ist für mich gemacht
Und ihr schüttelt die Köpfe und hättet nicht gedacht
Dass der Freak von damals sich das Leben wieder holt
Revenge is a dish best eaten cold
Ich erinnere mich an die ganzen Heimwege
Ich erinnere mich an die Schulhofschläge
An meine endlose Scham und an Mamas Gesicht
Und dann die ganzen Ratschläge – ich erinnere mich
Hier kommt das wandelnde Klischee
Und der ewige Pfosten
Mit acht Millionen Euro
Auf verlorenem Posten
Oh ich bin nicht verzweifelt
ich hab’s doch geschafft
Das ist der beste Champagner
den man kriegt in der Stadt
Es dauert nicht mehr lange
Und die Mädchen stehen Schlange
Es dauert nicht mehr lange
Und die Mädchen stehen Schlange
Jede Wunde heilt
und das Blut gerinnt
Mein gutes Leben beginnt
Mein gutes Leben beginnt

Marcus Wiebusch, Nur einmal rächen

31. Oktober 2014

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Meine Analyse des Bildmaterials hat ergeben, dass die Polizei Wien ihre vorbildliche Einsatzbereitschaft unter Beweis stellen wollte und hochmotiviert war, mir exclusives, werbeträchtiges Bildmaterial liefern. Die Beamten wussten natürlich, dass es größere Kreise im Internet ziehen würde, wenn sie sich langatmig und recht dekorativ in der Plankengasse vor einem exclusiven Handschuh-Geschäft aufhalten und Ermittlungstätigkeit mit einem beliebigen, unschuldigen Passanten simulieren, egal, ob es etwas zu ermitteln gibt oder nicht. Der Wiener ist ein Schlitzohr, das ist ja allgemein bekannt. Ich habe dann kurzerhand mitgespielt und die Sache abfotografiert, obwohl ich mich eigentlich mehr für die Ansammlung von Antiquitätengeschäften interessiert habe. Aber man muss die Feste feiern, wie sie fallen. Daher nun meine Bitte: bewerben Sie sich bei der Wiener Polizei!
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Seit 2009 werden jährlich in Wien 450 Polizistinnen und Polizisten aufgenommen. Nur wenige Berufe bieten so vielfältige Chancen – und so viel Abwechslung.
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Aufnahme – VB/S
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29. Oktober 2014

Eintrag ohne Bild. Heute habe ich meine erste Lesebrille hergezeigt. Gestern war sie fertig. Sie hat also am 28. Oktober Geburtstag. Wie Berlin. Und kid37. Und mein Freund Victor in Wien. Schon vier Geburtstagskinder, die mir nahe stehen. Aber ich wollte von meiner allerersten Lesebrille berichten. Ich habe seit ungefähr – wenn ich ganz, ganz ehrlich bin – ungefähr einem Jahr, Probleme, bei gemütlicher Beleuchtung einen Faden in eine Nähnadel einzuführen. Sagt man einführen? Das klingt so medizinisch. Halt! Einfädeln heißt das Wort. Einfädeln. Man wird nicht jünger, Die Worte fallen einem manchmal erst beim zweiten oder dritten Grübeln ein. Also die Brille. Immer schon trage ich gerne Brillen. Sonnenbrillen. Sonnen-Brillen. Viele habe ich davon. Und nun gestehe ich, dass ich nicht nur gestern meine erste richtige Lesebrille vom Optiker geholt habe, sondern mir auch schon (weil ich eben zum Nähen – ganz selten natürlich! – eine Seh-Hilfe haben wollte, wenn mal eine kleine Naht repariert werden muss, also ungefähr ein- bis zweimal im Jahr, und wenn es gerade nicht taghell ist), vor ungefähr einem halben Jahr, mal eine Brille bei Roßmann für ungefähr 3 Euro Fünzig geholt habe. Es war, als ob man durch zwei Vergrößerungsgläser schaut. Der Faden konnte ganz leicht eingefädelt werden. Ich konnte nähen. Ohne löchrigen Saum konnte ich wieder unter Leute gehen. Dann begab es sich, dass ich auf einmal gemerkt habe, dass ich morgens in der S-Bahn die Buchstaben nicht mehr so gut erkennen kann, wenn ich ein Buch in ungefähr vierzig Zentimeter Entfernung halte. Wenn ich das Buch dann auf den Schoß gelegt habe, konnte ich wieder ganz flüssig lesen. Also nur eine Frage der Entfernung. Man wird nicht jünger! Ich war ja schon stolz, dass es erst ungefähr zehn Jahre später eingetreten ist, als vom Augenarzt bei einer Routineuntersuchung mit 39 angedroht. Damals hatte ich angeblich 120 Prozent Sehfähigkeit. Irgendetwas muss seitdem passiert sein. Ich konnte schon noch in der S-Bahn lesen, ich musste nur ein wenig mehr auf meine Körperhaltung achten. Wenn ich mich ganz, ganz gerade hingesetzt habe: so gut wie kein Problem. Ausreichender Abstand zum Buch auf meinen Hosenbeinen. Na ja. Man ahnt schon, worauf ich hinauswill. Es ist doch manchmal ein bißchen anstrengend, in aller Herrgottsfrüh so sehr gerade sitzen zu müssen. Ich rate dann auch manchmal, was ungefähr im Buch steht. Vieles kann man sich ja auch zusammenreimen, wenn in etwa bekannt ist, wovon das Buch handelt. Man erkennt Wörter ja auch vor allem an der Silhouette. Wenn es morgens schon sonnig hell ist in der S-Bahn, und ich ausgeruht bin, geht es fast wie früher. Manchmal bin ich selbst überrascht, wie scharf die Buchstaben aussehen können. Aber eben nicht immer. Ich glaube, das geht nicht mehr ganz weg. Und deswegen habe ich mir neulich, vor zwei Wochen überlegt, ich gehe zum ersten mal in meinem Leben in ein Brillengeschäft, wo man seine Augen messen lassen kann und auch ein Gestell aussuchen. Zuerst habe ich ein Gestell ausgesucht. Das war nicht so einfach, weil mir wichtig war, dass ich mit Lesebrille nicht ausschaue wie Nana Mouskouri. Nichts gegen Nana Mouskouri, aber ich möchte einfach nicht wirken, als ob ich sie imitiere! Wer möchte schon ein billige Kopie sein! Also kam so eine schwarzgeränderte viereckige Brille schon mal gar nicht in Frage. Die Kinderbrillen, so Herrmann Hesse- oder Norbert Blüm-Modelle fand ich ganz in Ordnung. Dann habe ich aber ein Modell für mich gefunden, das 1. nicht aussieht wie Nana Mouskouri und 2. ein bißchen extravagant und 3. hoffentlich nicht peinlich. Und gestern war es fertig. Heute habe ich die Brille vorgeführt, also Menschen, die mich kennen. Eine hat mich besonders gelobt, das war mir wichtig, weil sie selber Brillen-Profi ist, sie hat selber schon lebenslänglich Brillen tragen müssen. Vor ihrem geistigen Auge hat sich sofort ein Kaffeehaus-Szenario entwickelt, in dem ich mit einem Buch im Café sitzend vorkomme, und ein Mann, der auch im Café ist, so an mir vorbeigeht und dann innehält und unsere Blicke streifen sich über meinen Brillenrand hinweg! Und dann: Peng! Also in ihrem Kopf war gleich so ein sehr flirtiger Liebesfilm-Blockbuster, hatte ich so den Eindruck. Das hat mir natürlich Auftrieb gegeben. Auch Auftrieb hat mir gegeben, dass ich heute Abend bei Apollo-Optik, wo ich die Brille nicht gekauft habe, ein Kompliment für meine (im Etui befindliche) Brille erhalten habe. Die Apollo-Mitarbeiterin hat also das Konkurrenz-Produkt gelobt, es sei ein sehr schönes, ausgefallenes Modell. Leider habe ich noch kein Foto davon gemacht. Aber das kommt bestimmt noch. Ich könnte mir auch vorstellen, dass mein nächstes Opus von meinem ersten Nasenfahrrad handelt. Nun habe ich auch ein hübsches Etui dafür erstanden. Bei Apollo-Optik. Wo die Brille nicht her ist! Das Gestell ist so klein und oval und die Farbe so zweifarbig, braun und hell, so ein bißchen wie ein ganz kleines Giraffenmuster. Auch sehe ich jetzt ein bißchen aus, als hätte ich damit recht gute Chancen, die Bundesrepublik Deutschland als nächste Bundespräsidentin zu vertreten. Es ist so ein Modell, das man so ein bißchen unterhalb der Augen sitzen hat, so auf der Nasenspitze, damit man noch drüber schauen kann. Im Moment, wo ich das tippe, habe ich sie nicht auf. Computer schreiben geht noch ohne. Wenn ich sie aufhätte, wäre der Bildschirm verschwommen. Also, ich freue mich schon ein bißchen darauf, wenn es wieder echten Grund gibt, sie aufzusetzen. Ich sehe es als ein neues Produkt in meinem Leben, mit dem man ganz neue Erfahrungen machen kann. Heute habe ich schon mal geübt, wie es ist, die Brille auf- und abzusetzen, auf ein Buch zu legen oder ein Blatt Papier. Das sieht auch sehr dekorativ aus, wenn sie so da liegt. Ist ja auch ein Dekorationsgegenstand! Also ich bin ganz zufrieden. Wollte ich nur schnell möglichst aktuell hier vermerken.

30. Oktober 2014

Vor ungefähr einer dreiviertel Stunde habe ich mir endlich frei gegeben. Ich muss da nicht hin. Ich will heute Abend nirgendwo hin. Ich bin weder depressiv noch sonstwie schlecht drauf. Ich habe (ganz friedlich) keine Lust auf Menschenansammlungen. Ja, sicher, das ist schade, dass ich nicht im Delphi bin, bei der kleinen Premiere von Herrn Wenders. Ich bedaure auch, dass ich ausgerechnet heute keine Lust habe, mich herzurichten und Kontakte zu knüpfen. Kommt schon mal vor. Wenn die Götter meinen, ich müsste irgendwelche Leute dringend treffen, dann ergibt sich das auch ein andermal. Nebenan eröffnet C/O. Nicht nebenan von hier, da war C/O vorher. Jetzt nebenan Delphi. Charlottenburg lebt auf, was mich freut. Ich habe die Bauarbeiten verfolgt und vorgestern sah es noch aus, als ob die Steinsetzer womöglich nicht mit dem Kopfsteinpflaster fertig werden. Ich dachte, ich gehe vielleicht zuerst zu dieser Filmvorführung und dann zwischendurch mal rüber, Jan aufgabeln oder so. Aber mir ist nach nichts dergleichen. Aber die Wahl gehabt zu haben, war auch schön. Ich bin jetzt zuhause in meiner warmen Wohnung (es ist kalt geworden draußen) und lasse The Voice nebenher laufen. Und langsam fühle ich mich wieder ausgeruht. War nicht mein Tag für großartige Aktivitäten. Ich hatte mich, als ich noch dachte, ich kriege es hin, ins Delphi zu gehen, insgeheim darüber amüsiert, wie Herr Wenders aus der Wäsche gucken würde, wenn ich da rumsitze, weil ich ihn manchmal hier herumgurken sehe, auf dem Fahrrad oder unten im Al Contadino oder im Alten Europa (bzw. er mich). Dann dachte ich aber auch, er hat ja eine Frau, die da vielleicht auch ist, und ich will mir nur ein Späßchen machen und die Nachbarschaft verifizieren und vielleicht ein bißchen fotografieren und dann ist er befangen, weil die Frau alles im Blick hat. Was einem so durch den Kopf geht. Er wird nächstes Jahr auch schon Siebzig, aber wirft die Haare noch mit einer Geste wie ein Endzwanziger. Ich finde ihn wirklich sympathisch. Aber mehr nun nicht. Solche ungleichen Verhältnisse stiften nur Verwirrung.

30. Oktober 2014

Vor ungefähr einer dreiviertel Stunde habe ich mir endlich frei gegeben. Ich muss da nicht hin. Ich will heute Abend nirgendwo hin. Ich bin weder depressiv noch sonstwie schlecht drauf. Ich habe (ganz friedlich) keine Lust auf Menschenansammlungen. Ja, sicher, das ist schade, dass ich nicht im Delphi bin, bei der kleinen Premiere von Herrn Wenders. Ich bedaure auch, dass ich ausgerechnet heute keine Lust habe, mich herzurichten und Kontakte zu knüpfen. Kommt schon mal vor. Wenn die Götter meinen, ich müsste irgendwelche Leute dringend treffen, dann ergibt sich das auch ein andermal. Nebenan eröffnet C/O. Nicht nebenan von hier, da war C/O vorher. Jetzt nebenan Delphi. Charlottenburg lebt auf, was mich freut. Ich habe die Bauarbeiten verfolgt und vorgestern sah es noch aus, als ob die Steinsetzer womöglich nicht mit dem Kopfsteinpflaster fertig werden. Ich dachte, ich gehe vielleicht zuerst zu dieser Filmvorführung und dann zwischendurch mal rüber, Jan aufgabeln oder so. Aber mir ist nach nichts dergleichen. Aber die Wahl gehabt zu haben, war auch schön. Ich bin jetzt zuhause in meiner warmen Wohnung (es ist kalt geworden draußen) und lasse The Voice nebenher laufen. Und langsam fühle ich mich wieder ausgeruht. War nicht mein Tag für großartige Aktivitäten. Ich hatte mich, als ich noch dachte, ich kriege es hin, ins Delphi zu gehen, insgeheim darüber amüsiert, wie Herr Wenders aus der Wäsche gucken würde, wenn ich da rumsitze, weil ich ihn manchmal hier herumgurken sehe, auf dem Fahrrad oder unten im Al Contadino oder im Alten Europa (bzw. er mich). Dann dachte ich aber auch, er hat ja eine Frau, die da vielleicht auch ist, und ich will mir nur ein Späßchen machen und die Nachbarschaft verifizieren und vielleicht ein bißchen fotografieren und dann ist er befangen, weil die Frau alles im Blick hat. Was einem so durch den Kopf geht. Er wird nächstes Jahr auch schon Siebzig, aber wirft die Haare noch mit einer Geste wie ein Endzwanziger. Ich finde ihn wirklich sympathisch. Aber mehr nun nicht. Solche ungleichen Verhältnisse stiften nur Verwirrung.

29. Oktober 2014

Eintrag ohne Bild. Heute habe ich meine erste Lesebrille hergezeigt. Gestern war sie fertig. Sie hat also am 28. Oktober Geburtstag. Wie Berlin. Und kid37. Und mein Freund Victor in Wien. Schon vier Geburtstagskinder, die mir nahe stehen. Aber ich wollte von meiner allerersten Lesebrille berichten. Ich habe seit ungefähr – wenn ich ganz, ganz ehrlich bin – ungefähr einem Jahr, Probleme, bei gemütlicher Beleuchtung einen Faden in eine Nähnadel einzuführen. Sagt man einführen? Das klingt so medizinisch. Halt! Einfädeln heißt das Wort. Einfädeln. Man wird nicht jünger, Die Worte fallen einem manchmal erst beim zweiten oder dritten Grübeln ein. Also die Brille. Immer schon trage ich gerne Brillen. Sonnenbrillen. Sonnen-Brillen. Viele habe ich davon. Und nun gestehe ich, dass ich nicht nur gestern meine erste richtige Lesebrille vom Optiker geholt habe, sondern mir auch schon (weil ich eben zum Nähen – ganz selten natürlich! – eine Seh-Hilfe haben wollte, wenn mal eine kleine Naht repariert werden muss, also ungefähr ein- bis zweimal im Jahr, und wenn es gerade nicht taghell ist), vor ungefähr einem halben Jahr, mal eine Brille bei Roßmann für ungefähr 3 Euro Fünzig geholt habe. Es war, als ob man durch zwei Vergrößerungsgläser schaut. Der Faden konnte ganz leicht eingefädelt werden. Ich konnte nähen. Ohne löchrigen Saum konnte ich wieder unter Leute gehen. Dann begab es sich, dass ich auf einmal gemerkt habe, dass ich morgens in der S-Bahn die Buchstaben nicht mehr so gut erkennen kann, wenn ich ein Buch in ungefähr vierzig Zentimeter Entfernung halte. Wenn ich das Buch dann auf den Schoß gelegt habe, konnte ich wieder ganz flüssig lesen. Also nur eine Frage der Entfernung. Man wird nicht jünger! Ich war ja schon stolz, dass es erst ungefähr zehn Jahre später eingetreten ist, als vom Augenarzt bei einer Routineuntersuchung mit 39 angedroht. Damals hatte ich angeblich 120 Prozent Sehfähigkeit. Irgendetwas muss seitdem passiert sein. Ich konnte schon noch in der S-Bahn lesen, ich musste nur ein wenig mehr auf meine Körperhaltung achten. Wenn ich mich ganz, ganz gerade hingesetzt habe: so gut wie kein Problem. Ausreichender Abstand zum Buch auf meinen Hosenbeinen. Na ja. Man ahnt schon, worauf ich hinauswill. Es ist doch manchmal ein bißchen anstrengend, in aller Herrgottsfrüh so sehr gerade sitzen zu müssen. Ich rate dann auch manchmal, was ungefähr im Buch steht. Vieles kann man sich ja auch zusammenreimen, wenn in etwa bekannt ist, wovon das Buch handelt. Man erkennt Wörter ja auch vor allem an der Silhouette. Wenn es morgens schon sonnig hell ist in der S-Bahn, und ich ausgeruht bin, geht es fast wie früher. Manchmal bin ich selbst überrascht, wie scharf die Buchstaben aussehen können. Aber eben nicht immer. Ich glaube, das geht nicht mehr ganz weg. Und deswegen habe ich mir neulich, vor zwei Wochen überlegt, ich gehe zum ersten mal in meinem Leben in ein Brillengeschäft, wo man seine Augen messen lassen kann und auch ein Gestell aussuchen. Zuerst habe ich ein Gestell ausgesucht. Das war nicht so einfach, weil mir wichtig war, dass ich mit Lesebrille nicht ausschaue wie Nana Mouskouri. Nichts gegen Nana Mouskouri, aber ich möchte einfach nicht wirken, als ob ich sie imitiere! Wer möchte schon ein billige Kopie sein! Also kam so eine schwarzgeränderte viereckige Brille schon mal gar nicht in Frage. Die Kinderbrillen, so Herrmann Hesse- oder Norbert Blüm-Modelle fand ich ganz in Ordnung. Dann habe ich aber ein Modell für mich gefunden, das 1. nicht aussieht wie Nana Mouskouri und 2. ein bißchen extravagant und 3. hoffentlich nicht peinlich. Und gestern war es fertig. Heute habe ich die Brille vorgeführt, also Menschen, die mich kennen. Eine hat mich besonders gelobt, das war mir wichtig, weil sie selber Brillen-Profi ist, sie hat selber schon lebenslänglich Brillen tragen müssen. Vor ihrem geistigen Auge hat sich sofort ein Kaffeehaus-Szenario entwickelt, in dem ich mit einem Buch im Café sitzend vorkomme, und ein Mann, der auch im Café ist, so an mir vorbeigeht und dann innehält und unsere Blicke streifen sich über meinen Brillenrand hinweg! Und dann: Peng! Also in ihrem Kopf war gleich so ein sehr flirtiger Liebesfilm-Blockbuster, hatte ich so den Eindruck. Das hat mir natürlich Auftrieb gegeben. Auch Auftrieb hat mir gegeben, dass ich heute Abend bei Apollo-Optik, wo ich die Brille nicht gekauft habe, ein Kompliment für meine (im Etui befindliche) Brille erhalten habe. Die Apollo-Mitarbeiterin hat also das Konkurrenz-Produkt gelobt, es sei ein sehr schönes, ausgefallenes Modell. Leider habe ich noch kein Foto davon gemacht. Aber das kommt bestimmt noch. Ich könnte mir auch vorstellen, dass mein nächstes Opus von meinem ersten Nasenfahrrad handelt. Nun habe ich auch ein hübsches Etui dafür erstanden. Bei Apollo-Optik. Wo die Brille nicht her ist! Das Gestell ist so klein und oval und die Farbe so zweifarbig, braun und hell, so ein bißchen wie ein ganz kleines Giraffenmuster. Auch sehe ich jetzt ein bißchen aus, als hätte ich damit recht gute Chancen, die Bundesrepublik Deutschland als nächste Bundespräsidentin zu vertreten. Es ist so ein Modell, das man so ein bißchen unterhalb der Augen sitzen hat, so auf der Nasenspitze, damit man noch drüber schauen kann. Im Moment, wo ich das tippe, habe ich sie nicht auf. Computer schreiben geht noch ohne. Wenn ich sie aufhätte, wäre der Bildschirm verschwommen. Also, ich freue mich schon ein bißchen darauf, wenn es wieder echten Grund gibt, sie aufzusetzen. Ich sehe es als ein neues Produkt in meinem Leben, mit dem man ganz neue Erfahrungen machen kann. Heute habe ich schon mal geübt, wie es ist, die Brille auf- und abzusetzen, auf ein Buch zu legen oder ein Blatt Papier. Das sieht auch sehr dekorativ aus, wenn sie so da liegt. Ist ja auch ein Dekorationsgegenstand! Also ich bin ganz zufrieden. Wollte ich nur schnell möglichst aktuell hier vermerken.

28. Oktober 2014



https://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=1811922554

Kurkonditorei Oberlaa. Das muss man sich bitte auf der Zunge zergehen lassen. Der Besuch einer traditionsreichen Konditorei quasi als Kuranwendung. Wer wollte da Widerworte geben. Ich war leider auch da nicht drin. Obwohl es mir bestimmt nicht geschadet hätte. Sehr wird auf qualitätvolle Zutaten ohne künstliche Zusatzstoffe geachtet. Die vitalen Aromen stehen ganz im Vordergrund! Und bei der Tortenauswahl ist ja nun wirklich für jeden etwas dabei. Glutenfreie Kurbadtorte vorneweg! Die Wiener Zuckerbäcker haben einfach den Dreh raus. Aber ich musste ja weiter, den schönen ersten Bezirk bis in den letzten Winkel für die Nachwelt dokumentieren. Es half ja alles nichts. In der Ecke, am „Neuen Markt“, so heißt der Platz, hat Wien wieder besonders viel Ähnlichkeit mit Paris gehabt. Direkt zum Verwechseln. Die schönen rundumlaufenden Schnörkelbalkone und das geschlossene Zuckerbäckerwerk an den Fassaden. Das Gesicht europäischer Metropolen vor der Zerstörung des zweiten Weltkriegs. Häuser, wie es sie auch in Berlin gab. Weder Paris noch Wien sind annähernd so ins Herz getroffen worden, wie Berlin. Ist ja alles bekannt. Man begreift es aber erst, wenn man alte Bildbände von Berlin vor der großen Bombardierung 1943 sieht. Wenn man ein Herz für Berlin hat, muss man dann ein bißchen weinen. Ich habe in der Tat geweint, als ich Paris gesehen habe. Wegen Berlin. Ich habe so einen Bildband. Ganz viele Schwarzweißfotos sind drin. Eine Zuckerbäckerfassade und eine Kuppel neben der anderen. So wie die Ecke Unter den Linden, wo das Kronprinzenpalais steht. Und so weiter und so fort. Das schöne Haus Vaterland mit seinen supermodernen Unterhaltungslokalen und der Rotunde. Alles kaputt und verloren. Aber jetzt geht es ums schöne Wien. Man kann auch durch Wien spazieren und sich an Berlin erinnern. Berlin channeln. Das tut den vielen Alleinstellungsmerkmalen von Wien keinen Abbruch. Die besonderen Jugendstilfassaden, die vielen Passagen, die sogenannten Durchhäuser, wie ich jetzt gelernt habe. Wien ist kein Schatzkästchen, es ist eine große Schatzkiste. Mit lauter alten Kronjuwelen. Und wir dürfen alle drin herumlaufen.

: : alle Wiener Geschichten : :

28. Oktober 2014



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Kurkonditorei Oberlaa. Das muss man sich bitte auf der Zunge zergehen lassen. Der Besuch einer traditionsreichen Konditorei quasi als Kuranwendung. Wer wollte da Widerworte geben. Ich war leider auch da nicht drin. Obwohl es mir bestimmt nicht geschadet hätte. Sehr wird auf qualitätvolle Zutaten ohne künstliche Zusatzstoffe geachtet. Die vitalen Aromen stehen ganz im Vordergrund! Und bei der Tortenauswahl ist ja nun wirklich für jeden etwas dabei. Glutenfreie Kurbadtorte vorneweg! Die Wiener Zuckerbäcker haben einfach den Dreh raus. Aber ich musste ja weiter, den schönen ersten Bezirk bis in den letzten Winkel für die Nachwelt dokumentieren. Es half ja alles nichts. In der Ecke, am „Neuen Markt“, so heißt der Platz, hat Wien wieder besonders viel Ähnlichkeit mit Paris gehabt. Direkt zum Verwechseln. Die schönen rundumlaufenden Schnörkelbalkone und das geschlossene Zuckerbäckerwerk an den Fassaden. Das Gesicht europäischer Metropolen vor der Zerstörung des zweiten Weltkriegs. Häuser, wie es sie auch in Berlin gab. Weder Paris noch Wien sind annähernd so ins Herz getroffen worden, wie Berlin. Ist ja alles bekannt. Man begreift es aber erst, wenn man alte Bildbände von Berlin vor der großen Bombardierung 1943 sieht. Wenn man ein Herz für Berlin hat, muss man dann ein bißchen weinen. Ich habe in der Tat geweint, als ich Paris gesehen habe. Wegen Berlin. Ich habe so einen Bildband. Ganz viele Schwarzweißfotos sind drin. Eine Zuckerbäckerfassade und eine Kuppel neben der anderen. So wie die Ecke Unter den Linden, wo das Kronprinzenpalais steht. Und so weiter und so fort. Das schöne Haus Vaterland mit seinen supermodernen Unterhaltungslokalen und der Rotunde. Alles kaputt und verloren. Aber jetzt geht es ums schöne Wien. Man kann auch durch Wien spazieren und sich an Berlin erinnern. Berlin channeln. Das tut den vielen Alleinstellungsmerkmalen von Wien keinen Abbruch. Die besonderen Jugendstilfassaden, die vielen Passagen, die sogenannten Durchhäuser, wie ich jetzt gelernt habe. Wien ist kein Schatzkästchen, es ist eine große Schatzkiste. Mit lauter alten Kronjuwelen. Und wir dürfen alle drin herumlaufen.

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27. Oktober 2014

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Liebes Kind aus Berlin vor Liebeskind in Wien. Seilergasse. Schön da. Die Sonne kam heraus. Der Ober hat die Tische abgewischt. Die bunten Stühle waren schnell besetzt. Ich habe mich gefreut, dass ich nicht im Kreis gelaufen bin, sondern dauernd woanders herausgekommen bin. Noch habe ich nicht auf die Uhr geschaut. Ein bißchen Zeit war bestimmt noch. War auch. Bis kurz vor Fünf, da wollte ich wieder am Stephansdom sein, um in die U-Bahn zu steigen. Ich hatte schon einen kleinen Innenstadtführer dabei, aber in den habe ich gar nicht hineingeschaut, bis dahin noch nicht, nur einmal im Café Bloom, weil ich neugierig war, wo ich überhaupt bin. Und dann, als der Zeiger der Uhr immer weiter vorrückte, kam mir der Gedanke, dass ich mir die Eden-Bar wenigstens einmal von Außen anschauen könnte, wenn ich schon nicht hineingehe. Von der habe ich in einem Roman gelesen. Eine eigene Internetseite hat sie auch. Aber ich war noch ein paar Straßen davon entfernt. Zwei, drei Bildstrecken. Die Metadaten vom Bild mit den zwei Männern und dem Türkis zeigen 16:44 Uhr. Aber ich glaube, das stimmt nicht. Bestimmt war die Uhr in der Kamera falsch eingestellt. Ich glaube, es war eine halbe Stunde früher. Wie hätte ich denn sonst je so viele Bilder machen können, bis zur U-Bahn?



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26. Oktober 2014

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So. In der Rotenturmstraße sind wir jetzt. Mir war ganz dringend danach, mich hinzusetzen und ein bißchen auszuruhen und etwas Schönes zu trinken. Als ich am Café Bloom vorbei bin, hatte ich gleich das Gefühl, da könnte ich mich unkompliziert niederlassen. Draußen waren auch schon so Polstersitze und ich habe gesehen, dass es auch drinnen so ganz kleine Tischchen gibt, wo man sich alleine nicht verloren fühlt und aus dem Fenster schauen kann. Und zwar auf das für meine Begriffe absolut spektakuläre Bauwerk des Hotels Topazz. So ein Haus habe ich noch nie irgendwo gesehen. Wie eine Schmuckschatulle steht es da, mit der reptilienartigen Fassade. Das kommt in den Farbaufnahmen noch viel besser raus. Ich war gleich verliebt in den Anblick und habe viele Fotos gemacht, wie man sieht. Im Bloom habe ich einen schönen Fensterplatz gefunden, in einer heimeligen Nische. Als ich durch die Eingangstür bin, hat mich gleich sehr amüsiert, dass es eine handschriftliche Tageskarte gibt, auf so einer Schiefertafel glaube ich, wo nicht etwa das Mittagsgericht des Tages draufsteht, sondern – Achtung – „Champagner des Tages“ (!) Da habe ich mich natürlich gleich sauwohl gefühlt, wo man davon ausgeht, dass die Gäste gerne gleich Mittag mit Champagnertrinken anfangen. Man könnte das jetzt natürlich auch dekadent finden, aber die jungen Männer, die dort bedient haben, waren überhaupt nicht überkandidelt, wenn auch sehr stylish. Schöne lange Schürzen haben sie angehabt. Bestimmt schwarz. Jedenfalls war es da einfach unkompliziert und ein junges Publikum. Ich habe übrigens keinen Champagner bestellt, es war zwar schon Nachmittag, aber ich wollte mich mit alkoholischen Getränken ein bißchen zurückhalten, weil ich ja wusste, dass es auch noch ein ausführliches Abendessen geben wird. Meiner Erinnerung nach habe ich einen Eiscafé bestellt, den ich aber genauso wenig fotografiert habe, wie das Schild mit dem Champagner des Tages. Ich habe mich einfach nicht getraut. Nur als ich am Tisch gesessen bin und ausgetrunken hatte, habe ich den Dreh herausgehabt, wie ich ein paar Fotos machen kann, ohne dabei viel mit der Kamera herumzutun. Die Fotos nach draußen habe ich glaube ich gemacht, als die Kamera auf dem Tisch neben meinem Eiscafé gestanden hat. Eine Treppe tiefer war das sehr sehenswerte WC, wo ich sowieso hinmusste und die Kamera mitgenommen habe. Deswegen sieht man ein bißchen was von den Lampen und den Marmorwaschbecken. Also alles sehr, sehr elegant und modern. Es hat mir gut gefallen. Jetzt daheim habe ich mir dann auch angeschaut, wie es im Hotel Topazz von innen ausschaut. Also ich finde es ausgesprochen schön. Auch das Hotel über dem Bloom, wenn ich das richtig verorte, das Hotel Lamée, gefällt mir von der Einrichtung her ausgesprochen gut. Und beide haben einen schönen Blick auf den Stephansdom. Also erste Lage! Das einzige richtige Souvenir von meiner Wienreise, das ich mir mitgebracht habe, ist die kleine weiße Papierserviette vom Bloom, mit dem Pagen drauf, die da auf dem Foto auf dem Teller liegt. Das kleine Bilderbüchlein von der Fuchs-Villa zähle ich jetzt nicht als Souvenir, das ist ja mehr so Informationsmaterial! Aber die Serviette schon. Ich werde sie in Ehren halten. Eventuell rahme ich sie mir sogar ein!


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25. Oktober 2014

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So ein wolkiger Samstag wie heute ist doch wie gemacht, um mit mir durch eine Einkaufsmeile im Wiener ersten Gemeindebezirk zu spazieren. Wir sind in der Wollzeile, wo die Ladenmieten bestimmt nicht im untersten Bereich sind. Es gibt Modegeschäfte, eins nach dem anderen. Und auch zwei Kaffeehäuser. Wieder habe ich kurz gezögert, ob ich hineingehe. Aber noch war ich nicht so weit, mich schon niederzusetzen. Außerdem habe ich gerne so einen Anflug Magnetismus, bevor ich wo hineingehe. Beim Diglas habe ich auch sehr überlegt, aber durchs Fenster habe ich einen Eindruck bekommen, der mir ein bißchen zu bürgerlich war. Entweder war es das Publikum oder die Bedienung. Freilich sind Kaffeehäuser auch bürgerlich, was ja an sich auch kein Problem ist, aber ich brauche dann noch irgendein Sahnehäubchen auf dem Kakao. Ein bißchen k.u.k.-Schlagobers. So ein bißchen überkandidelt pompös von mir aus, wenn schon bourgeois, dann mit allen Schikanen. Lustigerweise bin ich dann aber ganz woanders eingekehrt, in einem ganz modernen Café, das überhaupt keine alte Tradition hat, aber sehr elegant war. Doch dazu später. Ein bißchen müssen wir noch herumlaufen und den Becher Eiscafé verdienen, den ich mir dort gegönnt habe. In der Wollzeile ist in einer Passage unter anderem der berühmte Figlmüller, der bekannteste Schnitzelwirt von Wien. Auch da habe ich durch die Scheibe geschaut und meditiert, ob es interessant zum Abendessen wäre. Der Figlmüller hat es aber knapp nicht in den Recall geschafft. Das war mir ein bißchen zu rustikal überdekoriert, so eine atmosphärische Sache. Obwohl sein Schnitzel bestimmt super ist. Das waren aber alle, die ich in Wien gegessen habe. Es war kein einziges mittelmäßiges dabei. Und dann der Fiaker in der Wollzeile. Ich bin ein bißchen erschrocken, als ich den arg streng dreinschauenden Mann auf seinem Kutschbock gesehen habe. Ich glaube, so hätte Wilhelm Busch einen Wiener Kutscher gezeichnet. (Ich schreibe jetzt extra nicht karikiert). Fazit: Wollzeile: lange Straße im ersten Bezirk, viele Geschäfte. Herzilein Wien ist übrigens ein Schreibwarengeschäft, keins für getupfte Unterwäsche, wie man viellelicht denken könnte.






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25. Oktober 2014

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Das Lugeck „(…) Der Platz wird von der Wollzeile her auch durch ein charakteristisches Alt-Wiener Durchhaus erschlossen (Bürgerhaus „Zum schmeckenden Wurm“).“ Dem habe ich nichts hinzuzufügen. Außer, dass man den „Zanoni & Zanoni“-Schriftzug noch öfter in Wien antrifft, nicht nur am Lugeck. Aber da ist wohl die zentrale Filiale. Sieht eigentlich ganz nett aus, wo ich jetzt die Fotos von drinnen anschaue. Das Restaurant Gutenberg hingegen hat sich Fotos von der Inneineinrichtung geschenkt. Dort sieht man nur einen Schnitzelteller und noch zwei andere mit Essen drauf, sind auf der Internetseite. Bestimmt ausgezeichnet zubereitet. Mal schauen, ob es auf Flickr Fotos gibt. Moment – – – keines. Kein einziges Foto vom Restaurant Gutenberg von innen. Es muss leider ein Mysterium bleiben, tut mir wirklich furchtbar leid.
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25. Oktober 2014

Man verschone mich mit ungeschminkten Aufwachfotos von nordamerikanischen It-Girls, internationalen Fotomodellen und Hollywood-Kleindarstellerinnen, so lange die Definition von „ungeschminkt“ frei gedeutet wird als „lediglich Hautunreinheiten und Augenringe mit ausreichend deckendem Make up ausgeglichen, nur einmal leicht übergepudert sowie die Wimpern kurz angetuscht und die Lippen leicht mit Konturenstift nachgezogen, nur so ein bißchen.“ Für den perfekten Nude-Look. Also keine falschen Wimpern angeklebt und keinen blutroten Lippenstift, hart konturierten Eyeliner und Lidschatten mit Glitzerpigmenten benutzt. Nude eben. Beim Sommersprossen-Typ bitte darauf achten, dass die Sprossen noch durch das leichte Make up zu sehen sind, das wirkt einfach noch ungeschminkter. Danke für die Aufmerksamkeit.

25. Oktober 2014

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So ein wolkiger Samstag wie heute ist doch wie gemacht, um mit mir durch eine Einkaufsmeile im Wiener ersten Gemeindebezirk zu spazieren. Wir sind in der Wollzeile, wo die Ladenmieten bestimmt nicht im untersten Bereich sind. Es gibt Modegeschäfte, eins nach dem anderen. Und auch zwei Kaffeehäuser. Wieder habe ich kurz gezögert, ob ich hineingehe. Aber noch war ich nicht so weit, mich schon niederzusetzen. Außerdem habe ich gerne so einen Anflug Magnetismus, bevor ich wo hineingehe. Beim Diglas habe ich auch sehr überlegt, aber durchs Fenster habe ich einen Eindruck bekommen, der mir ein bißchen zu bürgerlich war. Entweder war es das Publikum oder die Bedienung. Freilich sind Kaffeehäuser auch bürgerlich, was ja an sich auch kein Problem ist, aber ich brauche dann noch irgendein Sahnehäubchen auf dem Kakao. Ein bißchen k.u.k.-Schlagobers. So ein bißchen überkandidelt pompös von mir aus, wenn schon bourgeois, dann mit allen Schikanen. Lustigerweise bin ich dann aber ganz woanders eingekehrt, in einem ganz modernen Café, das überhaupt keine alte Tradition hat, aber sehr elegant war. Doch dazu später. Ein bißchen müssen wir noch herumlaufen und den Becher Eiscafé verdienen, den ich mir dort gegönnt habe. In der Wollzeile ist in einer Passage unter anderem der berühmte Figlmüller, der bekannteste Schnitzelwirt von Wien. Auch da habe ich durch die Scheibe geschaut und meditiert, ob es interessant zum Abendessen wäre. Der Figlmüller hat es aber knapp nicht in den Recall geschafft. Das war mir ein bißchen zu rustikal überdekoriert, so eine atmosphärische Sache. Obwohl sein Schnitzel bestimmt super ist. Das waren aber alle, die ich in Wien gegessen habe. Es war kein einziges mittelmäßiges dabei. Und dann der Fiaker in der Wollzeile. Ich bin ein bißchen erschrocken, als ich den arg streng dreinschauenden Mann auf seinem Kutschbock gesehen habe. Ich glaube, so hätte Wilhelm Busch einen Wiener Kutscher gezeichnet. (Ich schreibe jetzt extra nicht karikiert). Fazit: Wollzeile: lange Straße im ersten Bezirk, viele Geschäfte. Herzilein Wien ist übrigens ein Schreibwarengeschäft, keins für getupfte Unterwäsche, wie man viellelicht denken könnte.






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23. Oktober 2014

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Ganz großes Bedauern, nun im Nachhinein noch mehr. Manchmal läuft man gedanken- und absichtslos durch eine Gasse und plötzlich überflutet einen ein Gefühl von Vertrautheit, nicht ganz ein déja-vu, aber eine diffuse Heimeligkeit. Nur an einer ganz bestimmten Ecke. Nicht zehn Meter davor und nicht mehr zehn Meter danach. Das hatte ich am Judenplatz bei Ellas, wo die Olivenbäume standen und ebenso stark vor dem Santissimo. Ich war entzückt von dem festlichen Rot der Markisen, ich hatte sofort das Gefühl, dass ich da gerne essen wollte, Aber nicht allein, nicht gleich am Nachmittag, sondern später am Abend. Es war sofort mein absoluter Favorit, obwohl ich nicht wusste, wie es drinnen aussieht. Später am Abend habe ich danach Ausschau gehalten, ich wollte da am Allerliebsten hin, habe es aber einfach nicht mehr gefunden. Weil ich ja schon beim Vorbeilaufen nicht wusste, wie die Gasse heißt und kein Smartphone habe und auch nichts notiert habe. Ich hätte zwar in meiner Kamera sehen können, wie es hieß, indem ich die Bilder zurückblätterte, aber ich hatte kein Foto von dem Straßenschild gemacht. Und so fand ich es nicht mehr. Und nun habe ich im Internet die Seite von dem Restaurant Santissimo angeschaut und ich bin richtig traurig, dass ich da nicht drin war.



In so einem schönen Restaurant waren wir nicht, obwohl schon ein paar gute dabei waren. Aber bei keinem ging mir das so Herz auf. Wenn ich jetzt die Bilder von dem Santissimo anschaue, wie heimelig sich das Rot in der Inneneinrichtung fortsetzt, die schönen Bilder an der Wand, kein Italo-Ristorante-Kitsch, bin ich regelrecht betrübt, dass mir das entgangen ist. Ach. Wenn ich wieder einmal in Wien bin, will ich da unbedingt essen gehen. Was mich auch so begeistert hat, war, dass das rote Schild und die roten Markisen überhaupt nicht plump oder grell gewirkt haben. Eigentlich mag ich kein Rot im Straßenbild, aber da wirkte es sehr schön und elegant. Und dann natürlich auch noch der italienisch aussehende Papa in der roten Jacke mit seinem Bambino im roten Kinderwagen. Da muss man ja abdrücken. Und solche Palmen sollten auch von März bis Oktober überall vor der Tür stehen. Dafür hat Gott den Blumenkübel erschaffen. Bin völlig begeistert. Viva il Santissimo!




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23. Oktober 2014

Schönes, ehrliches Senta Berger-Interview.
(bin Senta-Fan, immer schon)
»Hat man es als schöner Mensch leichter im Leben?«
»Da scheint was dran zu sein. Wir reden zwar so viel von den „inneren Werten“, aber trotzdem bekommt die schönere Sekretärin den Bürojob und das niedlichere Kind die besseren Schulnoten. Was soll man dazu sagen? Wir sind, wer wir sind. Und mit dem Verstand ist dem Phänomen „Schönheit“ schlecht beizukommen. Aber rein oberflächliche Schönheit reicht letztendlich nicht aus, um zu beeindrucken. Schönheit hat auch mit dem Inneren, mit Wärme, Herzlichkeit und Respekt zu tun.«

22. Oktober 2014

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Hier bitte ansprechenden Text imaginieren. Wissen die Götter, warum bei mir ein Eintrag über eine fünf Minuten-Passage durch eine Wiener Gasse so viel Zeit braucht und Bilder hat, wie bei anderen ein einwöchiger Aufenthalt. Hat vielleicht mit Gründlichkeit zu tun. Was ich mache, mache ich richtig. Exzessiv. Bis zum Anschlag. Die Domgasse heißt auch nicht komplett zufällig so. Durch das geschnitzte Portal kann man eine Ecke vom Stephansdom sehen. Ein paar Hotels sind da. Wie zum Beispiel das „König von Ungarn“. Sieht man ja. Aber es gefällt mir auch, fast schon bis zu einem Grad der Provokation, das Diktat der virtuellen Live-Dokumentation zu unterwandern. Einer Art nostalgischer Langsamkeit in der Verarbeitung zu huldigen, als würde es so lange dauern, bis das belichtete Material in großen alten Koffern mit der Postkutsche von Wien nach Berlin transportiert wird. Wo es dann erst entwickelt werden muss. Und wenn es geglückt ist, endlich betrachet werden kann. Dann besieht man die alten Aufnahmen noch einmal in Ruhe, im mittlerweile goldenen Herbstlicht. Und erinnert sich, wie schön es in Wien doch war. In der Domgasse, da Ecke Schulerstraße. Dann haben die Bilder wieder den Wert, den sie früher hatten, als man noch voller freudiger Erwartung auf die Abzüge der entwickelten Filme gewartet hat. Und Herzklopfen dabei war. Ich weiß es noch genau.











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20. Oktober 2014

http://vimeo.com/moogaloop.swf?clip_id=109404450&color=55514e&server=0&title=0&byline=0&portrait=0&fullscreen=1&autoplay=0&loop=0
►watch on youtube
Home sweet home. 19. Oktober 2014, Auguststraße. Kleine Liebeserklärung an mein kleines Nest. Nur achtundfünfzig Meter im Quadrat. Vielleicht ein bißchen mehr. Weil die Flächen unter den Schrägen nicht ganz mitgerechnet werden. Wie lange es gebraucht hat, bis ich vergessen habe, fast, dass hier jemand durchgelaufen ist, der nicht hier hingehört. Was macht ein Tier, wenn sich ein anderes seinem Nest, seinem Bau annähert? Verbarrikadieren? Fauchen? Krallen zeigen? Eckzähne? Von allem ein bißchen. In der Tierwelt gibt es keine Mieten. Wer zuerst da ist, dem gehört das Fleckchen Erde. Ein ganz einfaches Gesetz. Aber kann einem anderen etwas ganz gehören, das er nicht bewohnt und belebt? Einem Vermieter? Das ist ein Beruf mit menschlicher Verantwortung. Nicht nur ein Mittel, bequem Geld zu verdienen. Sollte es nicht nur sein. Finde ich. Wenn ich reich wäre und Häuser hätte, in denen Menschen wohnen, würde ich ihnen in den Vertrag schreiben, dass die Wohnung nicht wegen Eigenbedarf gekündigt werden darf, sondern nur, wenn sie keine Miete zahlen oder alles kaputt machen. Aber solche Mieter hätte ich ja nicht. Ich hätte ja ganz liebe. So welche wie mich. Und wenn ich reich wäre, hätte ich schon deswegen keinen Eigenbedarf, weil ich mir extra was selber nur für mich gekauft hätte und die Mietwohnungen wären welche, die ich sowieso nicht bewohnen wollen würde. So wäre das nämlich bei mir. Nicht, weil die Wohnungen schlecht wären, sondern weil sie zwar ziemlich prima wären, aber meine wäre eben noch primaerer. Ja, genau. So wäre das nämlich. Seit Oktober Zweitausendzwölf habe ich lernen müssen, dass mein Nest jemand anderem gehört. Ich wollte es nicht wahrhaben. Aber seither genieße ich jede einzelne Minute noch mehr, als sowieso schon. Deswegen habe ich mir den kleinen Film gemacht. Als Erinnerung. Und als Liebeserklärung an mein kleines Nest in der Auguststraße, von dem aus ich alle meine Blogeinträge geschrieben habe, seit ich Blogeinträge schreibe. Und alle Opusse geschnitten und hochgeladen habe. Und viele auch da gefilmt. Eigentlich die meisten. Da steckt so viel von meinem Leben drin, in diesen Wänden. Und heute, also eigentlich gestern, hat die Sonne so schön geschienen. So ein wunderschöner Herbstsommertag. So schön, dass ich mein Nest gar nicht verlassen wollte, weil ich so viel hier mitbekomme. Von den Jahreszeiten. Und dem Leben hier. Und da unten am Gipsdreieck, wo die Picknickdecken ausgebreitet waren. Deswegen gibt es mein kleines Opus 104. Mit der schönen Klaviermusik von Felix Mendelssohn-Bartholdy, seinem Opus 104.

17. Oktober 2014

Ich habe mir heute Abend die Mühe gemacht, mir einen Überblick über Abendroben zu verschaffen. Falls die Kaltmamsell demnächst zum großen Bloggerball einlädt. Ich weiß nicht genau, woran es liegt, aber ich kann es drehen und wenden wie ich will, das Motto scheint Schwarz-Weiß werden zu wollen. Ich habe nun zwanzig Kleider gefunden, die ich mir für mich vorstellen könnte. Aber natürlich auch für die anderen Bloggerinnen. Wenn ich mir vorstelle, dass diese von mir gewählten Kleider versammelt von zwanzig Bloggerinnen getragen werden, gäbe das schon ein sehr schönes Bild. Dass sich auch die Herren in Schwarz-Weiß kleiden, versteht sich von selbst. Bei der Herrengarderobe ziehe ich allerdings eine dunkle Krawatte oder ein offen getragenes, weißes Hemd zum dunklen Anzug, einer Fliege vor. Männer mit Fliege sind für mich immer gleich bedeutend mit Oberkellner. Ich finde den Propeller am Hals auch einfach nicht sexy. Bei niemandem. Mir fällt kein einziges Beispiel ein (Edit). Deshalb den Smoking bitte äußerstenfalls mit ungebundener Fliege tragen, das hat schon wieder etwas. Man denkt an ein kleines Techtelmechtel, bei dem die Schleife im Eifer des Gefechts usw. Meine Lieblingsroben sind die von Ralph Lauren, aber auch 1, 4, 7 und 18. Die sind in der engeren Wahl. Es ist wirklich für jedes Portemonnaie etwas dabei.
No. 01 Vintage style Dave and Johnny 8637 long black nude mesh
No. 02 Sexy and free with this Dave and Johnny 7600 jersey dress
No. 03 This Atria 23306 will surely make you the fairest of them all
No. 04 BG Haute G3307 will surely rock this coming prom season
No. 05 R. Lauren, black silk embroidered art deco evening dress
No. 06 Oscar de la Renta, 62nd Emmy Awards, Mermaid Dress
No. 07 Donna Karan Sleeveless Embroidered Bateau Gown
No. 08 Donna Karan, Sleeveless Turtleneck Dress
No. 09 Ralph Lauren 2013, black-white gown
No. 10 Sexy white evening dress with long V
No. 11 Oscar de la Renta, striped ball gown
No. 12 Bonprix, schwarz, U-Bootausschnitt
No. 13 Asos Jerseykleid mit Guckloch
No. 14 Schwarz, schlicht, schulterfrei
No. 15 Bonprix, Federkleid, schwarz
No. 16 Otto APART, Jerseykleid
No. 17 Asos Vintage Maxi
No. 18 Valentino, Velvet
No. 19 Versace 2010
No. 20 Op-art Sun

20. Oktober 2014

http://vimeo.com/moogaloop.swf?clip_id=109404450&color=55514e&server=0&title=0&byline=0&portrait=0&fullscreen=1&autoplay=0&loop=0
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Home sweet home. 19. Oktober 2014, Auguststraße. Kleine Liebeserklärung an mein kleines Nest. Nur achtundfünfzig Meter im Quadrat. Vielleicht ein bißchen mehr. Weil die Flächen unter den Schrägen nicht ganz mitgerechnet werden. Wie lange es gebraucht hat, bis ich vergessen habe, fast, dass hier jemand durchgelaufen ist, der nicht hier hingehört. Was macht ein Tier, wenn sich ein anderes seinem Nest, seinem Bau annähert? Verbarrikadieren? Fauchen? Krallen zeigen? Eckzähne? Von allem ein bißchen. In der Tierwelt gibt es keine Mieten. Wer zuerst da ist, dem gehört das Fleckchen Erde. Ein ganz einfaches Gesetz. Aber kann einem anderen etwas ganz gehören, das er nicht bewohnt und belebt? Einem Vermieter? Das ist ein Beruf mit menschlicher Verantwortung. Nicht nur ein Mittel, bequem Geld zu verdienen. Sollte es nicht nur sein. Finde ich. Wenn ich reich wäre und Häuser hätte, in denen Menschen wohnen, würde ich ihnen in den Vertrag schreiben, dass die Wohnung nicht wegen Eigenbedarf gekündigt werden darf, sondern nur, wenn sie keine Miete zahlen oder alles kaputt machen. Aber solche Mieter hätte ich ja nicht. Ich hätte ja ganz liebe. So welche wie mich. Und wenn ich reich wäre, hätte ich schon deswegen keinen Eigenbedarf, weil ich mir extra was selber nur für mich gekauft hätte und die Mietwohnungen wären welche, die ich sowieso nicht bewohnen wollen würde. So wäre das nämlich bei mir. Nicht, weil die Wohnungen schlecht wären, sondern weil sie zwar ziemlich prima wären, aber meine wäre eben noch primaerer. Ja, genau. So wäre das nämlich. Seit Oktober Zweitausendzwölf habe ich lernen müssen, dass mein Nest jemand anderem gehört. Ich wollte es nicht wahrhaben. Aber seither genieße ich jede einzelne Minute noch mehr, als sowieso schon. Deswegen habe ich mir den kleinen Film gemacht. Als Erinnerung. Und als Liebeserklärung an mein kleines Nest in der Auguststraße, von dem aus ich alle meine Blogeinträge geschrieben habe, seit ich Blogeinträge schreibe. Und alle Opusse geschnitten und hochgeladen habe. Und viele auch da gefilmt. Eigentlich die meisten. Da steckt so viel von meinem Leben drin, in diesen Wänden. Und heute, also eigentlich gestern, hat die Sonne so schön geschienen. So ein wunderschöner Herbstsommertag. So schön, dass ich mein Nest gar nicht verlassen wollte, weil ich so viel hier mitbekomme. Von den Jahreszeiten. Und dem Leben hier. Und da unten am Gipsdreieck, wo die Picknickdecken ausgebreitet waren. Deswegen gibt es mein kleines Opus 104. Mit der schönen Klaviermusik von Felix Mendelssohn-Bartholdy, seinem Opus 104.

19. Oktober 2014

https://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=1811922554
















Wien, du hohe Schule der Typographie. Nicht nur am Hohen Markt. Mir geht langsam ein bißchen das Pulver aus, die Bilder mit launigen Erläuterungen zu unterfüttern. Es ist halt ein Straßenzug im ersten Bezirk, der so eine berühmte Uhr, die Ankeruhr hat, die als wichtiges Werk des Jugendstils in Wien gilt. Alles was ich hier an Fachwissen ausbreite, so auch diese Information, habe ich mir erst nach der Rückkehr nach Berlin mit Hilfe des Internet angelesen. Ich wusste überhaupt nicht, wo ich herumlaufe oder herauskomme oder was es da zu sehen gibt. Gefallen hat es mir trotzdem. Auch das angekokelte Haus, ein Neubau(!) hat mich fasziniert. Ich habe noch nie ein frisch ausgebranntes Mietshaus gesehen. Interessant auch, dass man sieht, aus welcher Etage der Brand gekommen ist, wo sich der Rauch nach oben gearbeitet hat, an der Fassade entlang. So ein mittelmäßiger Neubau steht eben unter keinem guten Stern in Wien. Da muss es schon etwas besonderes sein, dass der liebe Gott seinen Segen gibt. Wie zum Beispiel so extravagante Bauwerke, wie das supermoderne Hotel Topazz. Aber dazu später. Das steht ja auch ganz woanders. Also nicht weit von da, aber eben nicht am Hohen Markt. So genug Text.

: : alle Wiener Geschichten : :

17. Oktober 2014

Ich habe mir heute Abend die Mühe gemacht, mir einen Überblick über Abendroben zu verschaffen. Falls die Kaltmamsell demnächst zum großen Bloggerball einlädt. Ich weiß nicht genau, woran es liegt, aber ich kann es drehen und wenden wie ich will, das Motto scheint Schwarz-Weiß werden zu wollen. Ich habe nun zwanzig Kleider gefunden, die ich mir für mich vorstellen könnte. Aber natürlich auch für die anderen Bloggerinnen. Wenn ich mir vorstelle, dass diese von mir gewählten Kleider versammelt von zwanzig Bloggerinnen getragen werden, gäbe das schon ein sehr schönes Bild. Dass sich auch die Herren in Schwarz-Weiß kleiden, versteht sich von selbst. Bei der Herrengarderobe ziehe ich allerdings eine dunkle Krawatte oder ein offen getragenes, weißes Hemd zum dunklen Anzug, einer Fliege vor. Männer mit Fliege sind für mich immer gleich bedeutend mit Oberkellner. Ich finde den Propeller am Hals auch einfach nicht sexy. Bei niemandem. Mir fällt kein einziges Beispiel ein (Edit). Deshalb den Smoking bitte äußerstenfalls mit ungebundener Fliege tragen, das hat schon wieder etwas. Man denkt an ein kleines Techtelmechtel, bei dem die Schleife im Eifer des Gefechts usw. Meine Lieblingsroben sind die von Ralph Lauren, aber auch 1, 4, 7 und 18. Die sind in der engeren Wahl. Es ist wirklich für jedes Portemonnaie etwas dabei.
No. 01 Vintage style Dave and Johnny 8637 long black nude mesh
No. 02 Sexy and free with this Dave and Johnny 7600 jersey dress
No. 03 This Atria 23306 will surely make you the fairest of them all
No. 04 BG Haute G3307 will surely rock this coming prom season
No. 05 R. Lauren, black silk embroidered art deco evening dress
No. 06 Oscar de la Renta, 62nd Emmy Awards, Mermaid Dress
No. 07 Donna Karan Sleeveless Embroidered Bateau Gown
No. 08 Donna Karan, Sleeveless Turtleneck Dress
No. 09 Ralph Lauren 2013, black-white gown
No. 10 Sexy white evening dress with long V
No. 11 Oscar de la Renta, striped ball gown
No. 12 Bonprix, schwarz, U-Bootausschnitt
No. 13 Asos Jerseykleid mit Guckloch
No. 14 Schwarz, schlicht, schulterfrei
No. 15 Bonprix, Federkleid, schwarz
No. 16 Otto APART, Jerseykleid
No. 17 Asos Vintage Maxi
No. 18 Valentino, Velvet
No. 19 Versace 2010
No. 20 Op-art Sun

12. Oktober 2014

https://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=1811922554




















Der ein wenig frivol anmutende Name Stoß im Himmel ist nicht nur eine kleine Gasse im ersten Bezirk, sondern mittlerweile auch ein Buchtitel eines deutschen, seit langem in Wien lebenden Radiomoderators (das ich nicht gelesen habe). Allerdings hatte ich wegen des Buchtitels ein déjà-vu, als ich das Straßenschild las. Ach. Guck. Weil Stoß im Himmel an der Ecke zur Wipplingerstraße war und meinen Weg kreuzte, habe ich es im Untertitel der Bildstrecke erwähnt. Das spektakulärste Bauwerk in der Wipplingerstraße ist die ehemalige Böhmische Hofkanzlei. Ich wusste aber als ich davor stand und die schöne schmiedeeiserne Balustrade des Balkons bewunderte, nicht worum es sich handelt. Nur dass es etwas Staatstragendes sein wird, habe ich mir schon gedacht. So ein goldenes Wappen ist ja auch nicht an jedem Barockbau. Ich habe trotzdem herumphantasiert, dass man darin bestimmt prachtvolle Empfänge mit festlicher Kleiderordnung abhalten könnte. Ich würde schon eine passende Robe finden. Vielleicht etwas in Rot. Aber bitte ohne österreichische Bauunternehmer über Achtzig auf der Gästeliste. Heute ist das österreichische Verfassungs- und Verwaltungsgericht da drin. Es gibt auch noch einen Eingang vom Judenplatz her. Also: eine Seite zur Wipplinger, andere Seite zum Judenplatz, für die geographische Orientierung. Ziemlich genau schräg gegenüber ist der Magistrat für den ersten Bezirk. Ich nehme an, so etwas wie bei uns das Bezirksamt. Da war ein geblümtes Pferd auf dem Innenhof, der zu einem dieser häufigen Durchgänge zu einer anderen Straße geführt hat. Und da war auf einmal die Sonne da und ein paar Lieferanten haben ihre Lieferung ausgeladen und fröhlich dabei gepfiffen. Gesichter, wie man sie oft im Straßenbild finden kann. In Wien leben und arbeiten sehr viele Menschen aus aller Herren Länder. Mehr Prozent als in Berlin. Was viele überrascht, die noch nicht da waren. Hat mich auch überrascht, angenehm. Ich höre gerne viele Sprachen in einer Stadt. Das ist immer der Beweis, dass ein Ort in der großen Welt bekannt und beliebt ist, und für erstrebenswert als Ort zum Leben und Arbeiten gilt. Eine Auszeichnung. Deswegen bin ich auch so gerne nach Berlin gegangen, weil ich vermutet habe, dass da die meisten Nationalitäten in Deutschland zu finden sind. Das war schon immer meine Vorstellung von Weltläufigkeit. Nicht nur die Verfügbarkeit internationaler Warenimporte. Wien ist schön international. Der Rest von Österreich soll aber wohl ein kleines bißchen anders sein.
: : alle Wiener Geschichten : :

13. Oktober 2014


So war das gerade. Ich schummle ein bißchen. Mein Foto ist vom Februar Zweitausendacht, also sechseinhalb Jahre alt. Aber als ich gerade in die Joachimstraße gebogen bin und an meiner Kreuzung zur Auguststraße ankomme, sehe ich das Naturschauspiel von unten und muss auch gebannt nach Westen gucken. Ich wäre nicht auf die Idee gekommen, es zu fotografieren. Früher schon. Heute nicht mehr. Als ich die Straße überquere, auf dem Weg zu meiner Haustür, liegt eine besondere Stimmung über den Köpfen der Gäste der Milchbar und vom Hackbarths und vom Al Contadino. Sie müssen auch nach Westen schauen, es geht gar nicht anders. Die Konversation ist mehr oder weniger verstummt. Man könnte glauben, es gab eine Anweisung zu kollektiver Meditation. Und eigentlich ist es ja auch so. Der Sonnengott hypnotisiert die Menschen für eine halbe Stunde. Als ich oben in meiner Wohnung bin, denke ich, wie wohl in diesem Augenblick die instagram-Accounts mit Uploads von diesem Sonnenuntergang explodieren, dem orange-rosa HImmel. Und denke mir, dass bestimmt einige extra darunter schreiben werden: „nicht bearbeitet“ oder „kein Filter“. Und denke weiter, dass diese vielen Bilder fast nur mit Smartphones gemacht werden. Im quadratischen Format hochgeladen. Innerhalb kürzester Zeit. Nur ich habe keinen aktuellen Content zu bieten, als wäre die Sternstunde an mir vorbeigerauscht. Ich hätte es noch geschafft, ein gutes Bild davon zu machen. Aber ich weiß, ich habe das schon fotografiert. Wenn auch nicht exakt denselben Farbverlauf von Rosa und Orange. Aber doch sehr ähnlich. Und wer würdigt das überhaupt noch. Noch ein Bild von einem Sonnenuntergang. Das ging mir so durch den Kopf als ich, inzwischen oben angekommen, noch einmal zum Fenster gehe und mich auch daran erfreue. Als ich nach unten schaue, sehe ich, dass sich zwei der Kellner vom Al Contadino unterhalten, auch nach Westen schauen und einer von beiden sein Smartphone hebt. Es sind noch nicht viele Gäste da. Auf dem Spielplatz steht ene junge Frau und hebt ebenfalls ihr Smartphone. Lange. Der Kellner hat genug Bilder eingefangen. Er setzt sich zu einem der wenigen Gäste auf die gepolsterte Fensterbank und zündet sich eine Zigarette an. Und schaut weiter in den Sonnenuntergang.

12. Oktober 2014

https://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=1811922554




















Der ein wenig frivol anmutende Name Stoß im Himmel ist nicht nur eine kleine Gasse im ersten Bezirk, sondern mittlerweile auch ein Buchtitel eines deutschen, seit langem in Wien lebenden Radiomoderators (das ich nicht gelesen habe). Allerdings hatte ich wegen des Buchtitels ein déjà-vu, als ich das Straßenschild las. Ach. Guck. Weil Stoß im Himmel an der Ecke zur Wipplingerstraße war und meinen Weg kreuzte, habe ich es im Untertitel der Bildstrecke erwähnt. Das spektakulärste Bauwerk in der Wipplingerstraße ist die ehemalige Böhmische Hofkanzlei. Ich wusste aber als ich davor stand und die schöne schmiedeeiserne Balustrade des Balkons bewunderte, nicht worum es sich handelt. Nur dass es etwas Staatstragendes sein wird, habe ich mir schon gedacht. So ein goldenes Wappen ist ja auch nicht an jedem Barockbau. Ich habe trotzdem herumphantasiert, dass man darin bestimmt prachtvolle Empfänge mit festlicher Kleiderordnung abhalten könnte. Ich würde schon eine passende Robe finden. Vielleicht etwas in Rot. Aber bitte ohne österreichische Bauunternehmer über Achtzig auf der Gästeliste. Heute ist das österreichische Verfassungs- und Verwaltungsgericht da drin. Es gibt auch noch einen Eingang vom Judenplatz her. Also: eine Seite zur Wipplinger, andere Seite zum Judenplatz, für die geographische Orientierung. Ziemlich genau schräg gegenüber ist der Magistrat für den ersten Bezirk. Ich nehme an, so etwas wie bei uns das Bezirksamt. Da war ein geblümtes Pferd auf dem Innenhof, der zu einem dieser häufigen Durchgänge zu einer anderen Straße geführt hat. Und da war auf einmal die Sonne da und ein paar Lieferanten haben ihre Lieferung ausgeladen und fröhlich dabei gepfiffen. Gesichter, wie man sie oft im Straßenbild finden kann. In Wien leben und arbeiten sehr viele Menschen aus aller Herren Länder. Mehr Prozent als in Berlin. Was viele überrascht, die noch nicht da waren. Hat mich auch überrascht, angenehm. Ich höre gerne viele Sprachen in einer Stadt. Das ist immer der Beweis, dass ein Ort in der großen Welt bekannt und beliebt ist, und für erstrebenswert als Ort zum Leben und Arbeiten gilt. Eine Auszeichnung. Deswegen bin ich auch so gerne nach Berlin gegangen, weil ich vermutet habe, dass da die meisten Nationalitäten in Deutschland zu finden sind. Das war schon immer meine Vorstellung von Weltläufigkeit. Nicht nur die Verfügbarkeit internationaler Warenimporte. Wien ist schön international. Der Rest von Österreich soll aber wohl ein kleines bißchen anders sein.
: : alle Wiener Geschichten : :

12. Oktober 2014

https://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=143270










Ein Vierteljahr habe ich meine Reiseberichterstattung über Wien ruhen lassen. Zum Erinnern: da habe ich aufgehört, in der Kurrentgasse. Und heute mache ich weiter, mit meinem Spaziergang durch den ersten Wiener Gemeindebezirk. Es ist immer noch der dreizehnte Mai Zweitausendvierzehn. Da war ich überall vorher. Am Stephansplatz, Tuchlauben, Seitzergasse und in der Kurrent. Die endet da, wo ich jetzt bin, auf den Bildern da oben, am Judenplatz. Ein großer Platz! Leer war er. Schön leer. Man sieht, dass die Lokale die Stühle und Tische draußen aufgestellt haben, die Gastwirte haben schon bemerkt, dass die Sonne herauskommen wird. Aber es war so gegen Mittag, und vorher war es ein bißchen regnerisch, wolkig-bedeckt. Deswegen sitzt da kaum noch wer. Ein, zwei Stunden später war es sicher schon ganz anders. Ein Tag unter der Woche. Da, bei ELLAs, stehen richtige Olivenbäume, in großen Kübeln. Das war meine liebste Ecke. Am Judenplatz ist auch ein Jüdisches Museum, wo eine Amy Winehouse-Ausstellung war. Da war ich aber nicht drin, weil mir nicht nach Museum war. Ich kam ja gerade aus der Ernst-Fuchs-Villa und hatte schon reichlich Eindrücke von Innenräumen zu verarbeiten und wollte recht viel Wien von Außen sehen. Wenn ich länger da gewesen wäre, hätte ich das Museum schon auch besucht. An dem Ella-Schild sieht man sehr schön, was den ersten Bezirk so besonders schön macht. Die vielen eleganten Schilder an den Lokalen und Geschäften. Das macht viel aus für die Atmosphäre. Und natürlich die Patina, das nicht alle zehn Jahre Überpinseln von Fassaden. In der Mitte vom Judenplatz ist ein Lessing-Denkmal. Das habe ich jetzt aber nicht fotografiert.

: : alle Wiener Geschichten : :

07. Oktober 2014


Gefällt mir. Ich mag alles, was Danielle de Picciotto fabriziert. Alles. Ihre Bilder, ihre Filme, ihre Musikvideos, ihre Statements. Ihr Mann, Alexander Hacke (links), gefällt mir in den Video zu 133 Prozent. Der andere Sänger rechts, von den Sternen, überzeugt mich von der Gesangsperformance nicht so richtig, daher Punktabzug, aber meinethalben noch 67 Prozentpunkte. Aber das Video, die Idee: sehr schön und einfach. Ich hätte eigentlich von Danielle Picciotto wieder mit einem Film gerechnet, in dem ihre Zeichnungen und Animationen eine Rolle spielen, aber sie konnte das eben einfach auch mal weglassen. Sie weiß wirklich, was sie tut. Die beiden sind für mich ein Vorzeigepaar, wie es sie nur ganz selten zu geben scheint. Ich bin gespannt, wie lange sie noch um die Welt ziehen und ob sie sich vielleicht doch wieder einmal niederlassen. Und vielleicht sogar nach Berlin zurückkehren. Nach einer Zwischenstation in Hamburg vielleicht. Wer weiß. Sie sind so alt wie ich, Jahrgang Fünfundsechzig. Ich habe die beiden mal fotografiert, bei mir um die Ecke, im Haus Schwarzenberg. Wo sind denn die Bilder, Moment – ah ja, hier. Waren wirklich gut drauf, die beiden. Später hat sich Danielle bedankt und mich in so einen Verteiler aufgenommen, wo ich mitkriege, wo sie herumschwirren und was sie gerade schönes Neues gemacht haben. (kam gestern)

07. Oktober 2014


Gefällt mir. Ich mag alles, was Danielle de Picciotto fabriziert. Alles. Ihre Bilder, ihre Filme, ihre Musikvideos, ihre Statements. Ihr Mann, Alexander Hacke (links), gefällt mir in den Video zu 133 Prozent. Der andere Sänger rechts, von den Sternen, überzeugt mich von der Gesangsperformance nicht so richtig, daher Punktabzug, aber meinethalben noch 67 Prozentpunkte. Aber das Video, die Idee: sehr schön und einfach. Ich hätte eigentlich von Danielle Picciotto wieder mit einem Film gerechnet, in dem ihre Zeichnungen und Animationen eine Rolle spielen, aber sie konnte das eben einfach auch mal weglassen. Sie weiß wirklich, was sie tut. Die beiden sind für mich ein Vorzeigepaar, wie es sie nur ganz selten zu geben scheint. Ich bin gespannt, wie lange sie noch um die Welt ziehen und ob sie sich vielleicht doch wieder einmal niederlassen. Und vielleicht sogar nach Berlin zurückkehren. Nach einer Zwischenstation in Hamburg vielleicht. Wer weiß. Sie sind so alt wie ich, Jahrgang Fünfundsechzig. Ich habe die beiden mal fotografiert, bei mir um die Ecke, im Haus Schwarzenberg. Wo sind denn die Bilder, Moment – ah ja, hier. Waren wirklich gut drauf, die beiden. Später hat sich Danielle bedankt und mich in so einen Verteiler aufgenommen, wo ich mitkriege, wo sie herumschwirren und was sie gerade schönes Neues gemacht haben. (kam gestern)

06. Oktober 2014

Ich erlebe gerade eine kleine Fernseh-Renaissance, scheint mir. In den letzten Einträgen kommen lauter Fensehsendungen vor. Wundere mich selber. Aber es ist gar nicht so viel. Am Abend zappe ich auch oft mal schnell nur zehn Minuten durch und schalte dann ab, und der Rest des Abends ist fernsehfrei, wie früher. Als die Leute noch mehr gebloggt haben, und das Ganze noch neuer war, habe ich mehr nach Einträgen Ausschau gehalten, und es gab auch fast immer neue. Langer Einleitungssatz für die Beobachtung, die ich gerade gemacht habe. (Fernseher ist übrigens jetzt wieder aus) Ich habe das Dinner auf Vox vorbeirauschen lassen, während ich selber gekocht und gegessen habe und nach der Sendung kommt immer eine Viertelstunde „Prominent“, das lasse ich auch noch laufen. Gucke aber auch nur so aus dem Augenwinkel, ob jemand durchgenommen wird, den ich interessant finde. Da war auf einmal Ute Lemper im Bild, die so ungefähr Mitte Fünfzig ist, und auf ihre Meinung zu Facelifting angesprochen wurde, nehme ich an. Ich habe nur ihre Antwort gehört und daraus die Frage rückwirkend abgeleitet, weil ich eben nur so halb zuhöre. Mit einer gewissen fachmännischen Häme erklärt Frau Lemper, dass sie das nicht gut findet, weil das meistens so auf der Seite zu sehr gezogen wird, und das würde irgendwie hilflos aussehen. Was ja durchaus stimmen mag. Nicht so passend finde ich so ein Statement allerdings, wenn man bei dem schadenfrohen breiten Grienen, die aufgespritzte Oberlippe erkennt. Wie blöd ist das denn. Dann sind mir die noch lieber, die sagen: wenn es gut gemacht ist, warum nicht? Es gibt ein paar Beispiele, wenn auch nicht so viele, wo die Schnippelei im Rahmen ist, wo man das Gesicht noch bestens erkennt. Bei Sophia Loren wurde doch recht gut gearbeitet. Aber dass die Lemper nun auf reine Lehre macht und von ihren Unterspritzungen ablenkt, indem sie ähnlich motivierte, andere Schönheitsoptimierungsversuche und -techniken durch den Kakao zieht, ist mir zutiefst unsympathisch. Soll jeder machen, wie er denkt. Also wirklich. Was mir persönlich missfällt, bei solchen Eingriffen ist, wenn die Physiognomie irgendwie verschoben wirkt, die Muskulatur nicht mehr den organischen Spielraum zu haben scheint. Dann wirkt die Strafferei wirklich wie ein Spannbettuch und leider sehen dann irgendwann alle sehr ähnlich aus und auch vom Alter her nicht mehr einschätzbar. Ich tendiere zum Beispiel dazu, Gesichter, bei denen man einen Eingriff erkennt, für älter einzustufen, als sie es laut Ausweis sind. Joan Rivers sah mit über Achtzig ganz ähnlich aus wie Frau Thomalla senior. Obwohl ungefähr dreißig Jahre Altersunterschied dazwischen liegen. Alle für mich augenfällig operativ behandelten Gesichter um Ende Vierzig, Anfang Fünfzig, könnte man auch für operierte Mittsechziger halten. Das finde ich ein bißchen tragisch.

06. Oktober 2014

Ich erlebe gerade eine kleine Fernseh-Renaissance, scheint mir. In den letzten Einträgen kommen lauter Fensehsendungen vor. Wundere mich selber. Aber es ist gar nicht so viel. Am Abend zappe ich auch oft mal schnell nur zehn Minuten durch und schalte dann ab, und der Rest des Abends ist fernsehfrei, wie früher. Als die Leute noch mehr gebloggt haben, und das Ganze noch neuer war, habe ich mehr nach Einträgen Ausschau gehalten, und es gab auch fast immer neue. Langer Einleitungssatz für die Beobachtung, die ich gerade gemacht habe. (Fernseher ist übrigens jetzt wieder aus) Ich habe das Dinner auf Vox vorbeirauschen lassen, während ich selber gekocht und gegessen habe und nach der Sendung kommt immer eine Viertelstunde „Prominent“, das lasse ich auch noch laufen. Gucke aber auch nur so aus dem Augenwinkel, ob jemand durchgenommen wird, den ich interessant finde. Da war auf einmal Ute Lemper im Bild, die so ungefähr Mitte Fünfzig ist, und auf ihre Meinung zu Facelifting angesprochen wurde, nehme ich an. Ich habe nur ihre Antwort gehört und daraus die Frage rückwirkend abgeleitet, weil ich eben nur so halb zuhöre. Mit einer gewissen fachmännischen Häme erklärt Frau Lemper, dass sie das nicht gut findet, weil das meistens so auf der Seite zu sehr gezogen wird, und das würde irgendwie hilflos aussehen. Was ja durchaus stimmen mag. Nicht so passend finde ich so ein Statement allerdings, wenn man bei dem schadenfrohen breiten Grienen, die aufgespritzte Oberlippe erkennt. Wie blöd ist das denn. Dann sind mir die noch lieber, die sagen: wenn es gut gemacht ist, warum nicht? Es gibt ein paar Beispiele, wenn auch nicht so viele, wo die Schnippelei im Rahmen ist, wo man das Gesicht noch bestens erkennt. Bei Sophia Loren wurde doch recht gut gearbeitet. Aber dass die Lemper nun auf reine Lehre macht und von ihren Unterspritzungen ablenkt, indem sie ähnlich motivierte, andere Schönheitsoptimierungsversuche und -techniken durch den Kakao zieht, ist mir zutiefst unsympathisch. Soll jeder machen, wie er denkt. Also wirklich. Was mir persönlich missfällt, bei solchen Eingriffen ist, wenn die Physiognomie irgendwie verschoben wirkt, die Muskulatur nicht mehr den organischen Spielraum zu haben scheint. Dann wirkt die Strafferei wirklich wie ein Spannbettuch und leider sehen dann irgendwann alle sehr ähnlich aus und auch vom Alter her nicht mehr einschätzbar. Ich tendiere zum Beispiel dazu, Gesichter, bei denen man einen Eingriff erkennt, für älter einzustufen, als sie es laut Ausweis sind. Joan Rivers sah mit über Achtzig ganz ähnlich aus wie Frau Thomalla senior. Obwohl ungefähr dreißig Jahre Altersunterschied dazwischen liegen. Alle für mich augenfällig operativ behandelten Gesichter um Ende Vierzig, Anfang Fünfzig, könnte man auch für operierte Mittsechziger halten. Das finde ich ein bißchen tragisch.

05. Oktober 2014

Mein persönliches Fernseh-Highlight heute, die Stelle im Prominenten-Dinner, wo der gemeine Mann im Hintergrund in Anbetracht der mit Deko-Lettern philosophisch „warum nicht?“ beschriftten Maisonettewohnungs-Treppen-Verblendung vermutet: „Da ist wohl das Carpe diem ausgegangen.“
Ich schaue mal weiter. Die sogenannten „Prominenten“ werden heute von den Bachelor- und Bacheloretten-Darstellern gemimt.

29. September 2014

Schaue ich gerade: „Der Mann, der Udo Jürgens ist“, im Ersten. Schöne alte Filmsequenzen. Gerade habe ich wieder begriffen, dass ich damals, als „Griechischer Wein“ über Wochen ein Nummer Eins-Hit war, den Inhalt gar nicht begriffen habe. Oder es auch nicht versucht habe. Erst Jahrzehnte später wurde mir klar, dass es beim griechischen Wein-Lied nicht um weinselige Griechenland-Urlaubserinnerungen von Deutschen geht, sondern um das Heimweh der sogenannten griechischen Gastarbeiter. Schon ziemlich großartig damals, diese Bevölkerungsgruppe mit einer Hymne zu beschenken. Und dass Udo die ersten zehn Jahre nicht sehr erfolgreich war und auch noch keine eigenen Lieder gesungen hat, war mir auch neu. Ich schaue mal weiter. Morgen wird er achtzig, noch nicht heute. Würde ich an seiner Stelle reinfeiern, indem ich mit allen Wegbegleitern den Film schaue und dann die Korken knallen lassen. Ach – und Blacky erzählt gerade, wie er den ersten Text für Udo geschrieben hat… „Was ich dir sagen will…“ schön.

28. September 2014

Happy Birthday, B.B. und meinem Vater. Gerade telefoniert. Er liest mit großer Begeisterung Blackys Buch „Altwerden ist nichts für Feiglinge“, das ich ihm geschickt habe. Er meint, Blacky hätte komplett dieselben Ansichten wie er, er ist ganz von den Socken. Freut mich natürlich. In Berlin scheint die Sonne, bei ihm auch. Dass Brangelina nicht bei der Hochzeit von George sind, wundert mich jetzt nicht so sehr, wie die Bunte. Denn ich habe ja noch andere Quellen, die mir eine plausible Sicht des Geschehens ermöglichen. Meine These ist, dass Brangelina wissen, dass es sich bei dem Stück in Venedig um eine Art Bühnenperformance handelt, und man halt nicht bei jeder Theaterpremiere dabei sein kann muss. In der englischen Sprache bezeichnet man solche Aufführungen daher gerne als staged. Ich möchte nichts unterstellen, aber wenn ich die Kommentare studiere, erwische ich mich, wie ich dauernd nicke und denke Genau! Wenn zum Beispiel
Eugenia says:
Why does this look like they are arriving to a movie premiere? Seriously, this looks like a movie festival with stars arriving by boat promoting their latest movie feature. My mind is blown. I am just so so surprised that George is so open about this being the weekend that he is getting married. Arriving by boat in full view of paps. Posing for pics. His ass really ain’t trying to hide. Hell, he is flaunting and is inviting attention that is the weird thing about it all.
Ich denke mal, George wollte seine Ruhe haben und sie profitiert in verschiedener Hinsicht. Jedenfalls besteht keine Gefahr, dass ich mir die Bunte mit der Hochzeitsberichterstattung kaufe, da das Brautpaar ja komplett sicher stellt, dass Bildmaterial bis der Arzt kommt, in die Welt geschleudert wird. Er wird auch sichtbar älter, muss ich feststellen. Die äußerlich attraktivsten Jahre sind nun auch vorbei. Schade finde ich nur, dass so ein intelligenter Mann nicht das Rückgrat hat, sich zu seiner sonstigen sexuellen Orientierung zu bekennen, dann hätte er auch endlich Ruhe. Ich wünsche ihm, dass er bald auf solche (doppel)moralischen Demonstrationen verzichten kann. Durch seine Geheimnistuerei gibt er dem Thema mehr Aufmerksamkeit als nötig. Das sollte in der heutigen Zeit nicht mehr erforderlich sein. Also wirklich George.

29. September 2014

Schaue ich gerade: „Der Mann, der Udo Jürgens ist“, im Ersten. Schöne alte Filmsequenzen. Gerade habe ich wieder begriffen, dass ich damals, als „Griechischer Wein“ über Wochen ein Nummer Eins-Hit war, den Inhalt gar nicht begriffen habe. Oder es auch nicht versucht habe. Erst Jahrzehnte später wurde mir klar, dass es beim griechischen Wein-Lied nicht um weinselige Griechenland-Urlaubserinnerungen von Deutschen geht, sondern um das Heimweh der sogenannten griechischen Gastarbeiter. Schon ziemlich großartig damals, diese Bevölkerungsgruppe mit einer Hymne zu beschenken. Und dass Udo die ersten zehn Jahre nicht sehr erfolgreich war und auch noch keine eigenen Lieder gesungen hat, war mir auch neu. Ich schaue mal weiter. Morgen wird er achtzig, noch nicht heute. Würde ich an seiner Stelle reinfeiern, indem ich mit allen Wegbegleitern den Film schaue und dann die Korken knallen lassen. Ach – und Blacky erzählt gerade, wie er den ersten Text für Udo geschrieben hat… „Was ich dir sagen will…“ schön.

28. September 2014

Happy Birthday, B.B. und meinem Vater. Gerade telefoniert. Er liest mit großer Begeisterung Blackys Buch „Altwerden ist nichts für Feiglinge“, das ich ihm geschickt habe. Er meint, Blacky hätte komplett dieselben Ansichten wie er, er ist ganz von den Socken. Freut mich natürlich. In Berlin scheint die Sonne, bei ihm auch. Dass Brangelina nicht bei der Hochzeit von George sind, wundert mich jetzt nicht so sehr, wie die Bunte. Denn ich habe ja noch andere Quellen, die mir eine plausible Sicht des Geschehens ermöglichen. Meine These ist, dass Brangelina wissen, dass es sich bei dem Stück in Venedig um eine Art Bühnenperformance handelt, und man halt nicht bei jeder Theaterpremiere dabei sein kann muss. In der englischen Sprache bezeichnet man solche Aufführungen daher gerne als staged. Ich möchte nichts unterstellen, aber wenn ich die Kommentare studiere, erwische ich mich, wie ich dauernd nicke und denke Genau! Wenn zum Beispiel
Eugenia says:
Why does this look like they are arriving to a movie premiere? Seriously, this looks like a movie festival with stars arriving by boat promoting their latest movie feature. My mind is blown. I am just so so surprised that George is so open about this being the weekend that he is getting married. Arriving by boat in full view of paps. Posing for pics. His ass really ain’t trying to hide. Hell, he is flaunting and is inviting attention that is the weird thing about it all.
Ich denke mal, George wollte seine Ruhe haben und sie profitiert in verschiedener Hinsicht. Jedenfalls besteht keine Gefahr, dass ich mir die Bunte mit der Hochzeitsberichterstattung kaufe, da das Brautpaar ja komplett sicher stellt, dass Bildmaterial bis der Arzt kommt, in die Welt geschleudert wird. Er wird auch sichtbar älter, muss ich feststellen. Die äußerlich attraktivsten Jahre sind nun auch vorbei. Schade finde ich nur, dass so ein intelligenter Mann nicht das Rückgrat hat, sich zu seiner sonstigen sexuellen Orientierung zu bekennen, dann hätte er auch endlich Ruhe. Ich wünsche ihm, dass er bald auf solche (doppel)moralischen Demonstrationen verzichten kann. Durch seine Geheimnistuerei gibt er dem Thema mehr Aufmerksamkeit als nötig. Das sollte in der heutigen Zeit nicht mehr erforderlich sein. Also wirklich George.

18. September 2014

Bestes Video aller Zeiten. Ein Sommernachtstraum. Manchmal denke ich ja schon, mir ist der Humor völlig abhanden gekommen, wenn ich sehe, was alles als Comedy präsentiert wird. Aber eben habe ich doch endlich einmal wieder gute Laune bekommen. Ganz herrliche Rosen. Die Kommentare sind auch sehr hübsch, wenn auch sehr konträr. Die einen sagen so, die anderen sagen so.
SupiiAnnii
vor 5 Jahren

„meine tante heiratet morgen auch, am 09.09.09!!! :-)))“
3vegemite
vor 3 Jahren

„Die traurigste und deprimierendste Melodie aller Zeiten…wenn ich dabei ganz fest die Augen schließe, das erste an das ich denke ist ein ausgehungerter Wellensittich in einem Käfig…oder eine „Indoor-Katze“ …keine Ahnung warum… :-D *Don’t marry, be happy*“
TheDrama doll
vor 4 Jahren

„i cried… it brings me the most beautiful and sincere emotions… <3“
Benjamin Lubanski
vor 5 Jahren

„es ist schön, aber zum einen jagt mir das stück ziemlich große angst ein*schaudder* net das ich angst vor dem heiraten hab, es klingt aber irgendwie bedrohlich kA einfach gruselig…“
AndreaMimi
vor 5 Jahren

„Das Lied gefällt mir sehr gut.“
Gut gefällt mir außerdem die Beschreibung des Regisseurs des Videos:
„Nachdem ich schon öfters danach angefragt wurde darf ich ihnen hier den Hochzeitsmarsch auf meinem Kanal präsentieren. Sie sehen hier Aufnahmen aus Weingarten und vom Bodensee. (bei Ravensburg) Für die Musik habe ich eine Lizenz. Ausserdem auf meinem Kanal : kleine Nachtmusik, Serenata, Nocturna, Moldau, Mondscheinsonate, La Traviata, Messias, Wassermusik, 5 Symphonie, Air Suite, Blumenwalzer, Brandenburgisches Konzert,“
Und natürlich die Schnitttechnik.