30. November 2014

14-05-15 Café Central (1)

Café Central. Wikipedia. „Das Café Central ist ein Kaffeehaus in Wien. Es befindet sich in der Herrengasse 14 im Ersten Bezirk im ehemaligen Bank- und Börsengebäude, das heute nach seinem Architekten Heinrich von Ferstel Palais Ferstel genannt wird (…) Das Café wurde 1876 von den Gebrüdern Pach eröffnet; im späten 19. Jahrhundert wurde es, auch durch den Abriss des Café Griensteidl, zu einem der wichtigsten Treffpunkte geistigen Lebens in Wien. Zu den Stammgästen zählten unter anderem Peter Altenberg, Alfred Adler, Egon Friedell, Hugo von Hofmannsthal, Anton Kuh, Adolf Loos (der das Café Museum entwarf), Leo Perutz und Alfred Polgar. Der Schriftsteller Alfred Polgar schrieb in Die Theorie des Café Central: „Das Central ist nämlich kein Caféhaus wie andere Caféhäuser, sondern eine Weltanschauung. Seine Bewohner sind größtenteils Leute, deren Menschenfeindlichkeit so heftig ist wie ihr Verlangen nach Menschen, die allein sein wollen, aber dazu Gesellschaft brauchen. Die Gäste des Central kennen, lieben und gering schätzen einander. Es gibt Schaffende, denen nur im Central nichts einfällt, überall anderswo weit weniger. (…)“

Dieses Polgar-Zitat findet man auf ungefähr zwanzigstausend Seiten im Internet, aber nur selten einen anderen Auszug oder gar den gesamten Text. Ich hatte keine rechte Lust, abermals nur diese breit getretenen Zeilen zu kopieren und so stagnierte die Inspiration für den Café-Central-Eintrag ein wenig. Denn ich war ja nicht drin, wie ich schon bekannt habe. Dennoch ist es mir möglich gewesen, diese Bilder zu fotografieren. Das geht, indem man nah an der Scheibe der Glastür steht. Nicht, dass man uns nicht als Gäste gewollt hätte. Wir hatten beim Blick auf das Geschehen, keine Lust, vor der Tür im Regen zu stehen. Wartend, bis die ebenfalls wartende japanische Reisegruppe vor uns Einlass erhalten haben würde und wir demzufolge die nächsten Nachrücker wären, eine halbe oder dreiviertel Stunde später. Sicher wären wir eine Bereicherung gewesen. Der Anteil an Literaten im Kaffeehaus hätte dadurch zwar keinen so hohen Prozentsatz wie vor hundert Jahren erlangt, aber immerhin. Im direkten Vergleich mit den mutmaßlich überwiegend nur Ansichtspostkarten schreibenden Gästen des heutigen Café Central des Jahres 2014, wären wir beide wohl annähernd Premium-Literaten. Duke hat immerhin einen vielseitigen Roman und diverse Verse veröffentlicht, und ich beglücke die Welt meinerseits seit bald elf Jahren mit schriftlich fixierten Befindlichkeiten, Literatur hin, Literatur her. Wir wollen nicht kleinlich sein. Aber man ist sich auch nicht immer nur selbst genug.

Und dann geht man in die Welt und sucht Inspiration. Nicht nur in schöner, alter Kaffeehaus-Architektur. Das Publikum ist durchaus von Bedeutung. So wirft man einen Blick durch die polierten Scheiben und verzichtet dann ohne Wehmut darauf, den Knauf zu drücken, und schaut statt mit eigenen Augen später im Internet an, wie das Café en detail von Innen ausgeschaut hätte. Jetzt, ein paar Tage, nachdem ich mit meiner nicht vorhandenen Inspiration für diesem Eintrag schwanger gegangen bin, habe ich über den Wikipedia-Eintrag zu Alfred Polgar doch noch den ganzen Text von ihm zum Central gefunden. Ich entsinne mich, in den Achtziger Jahren begeistert einige Werke von Alfred Polgar gelesen zu haben, in der Amerika-Gedenk-Bibliothek ausgeliehene Bücher, es ist so lange her, dass ich nicht mehr sagen könnte, welche das waren, aber sie handelten immer von Berlin, der Berliner Theater- und Literatenszene, selten von Wien, und sie waren immer gleichermaßen launig, gebildet wie auch boshaft. Es waren wahrscheinlich Texte, die er als Kritiker für das Feuilleton des Berliner Tageblatts und des Böse Buben Journals verfasst hat.

Dass er einen Wiener Hintergrund hatte, wusste ich nur aus einem Klappentext von einem Buch. Im Wikipedia steht es natürlich genau, wie es sich verhält: „(…)1908 erschien Polgars erstes Buch Der Quell des Übels. Der Ort, an dem Polgar zu dieser Zeit am häufigsten verkehrte, war das Café Central, in dem er in Gesellschaft von (s. o.) anzutreffen war und er viel Material für seine scharfsinnigen Beobachtungen und Analysen fand. (…) Gemeinsam mit Egon Friedell schrieb er ab 1921 das Böse Buben Journal. In den 1920er Jahren lebte Polgar überwiegend in Berlin. Viele Artikel von ihm erschienen in dieser Zeit im Berliner Tageblatt (…) Nach der Machtergreifung Hitlers in Deutschland wurden seine Bücher verbrannt und Polgar musste über Prag nach Wien zurückkehren. 1938 war er nach dem Anschluss Österreichs abermals gezwungen, die Flucht zu ergreifen. (…) Über Zürich emigrierte er nach Paris (…) Nach dem Einmarsch der Deutschen in Frankreich 1940 floh er nach Marseille, von wo aus ihm (…) über Spanien und Lissabon die Emigration in die USA gelang. In Hollywood arbeitete er unter anderem als Drehbuchautor für Metro-Goldwyn-Mayer. Ab 1943 lebte er in New York, wo er die amerikanische Staatsbürgerschaft erhielt. Er schrieb für Exilzeitungen, wie den Aufbau, und amerikanische Magazine, wie Time sowie Panorama in Buenos Aires. 1949 kehrte er nach Europa zurück (…) und ließ sich in Zürich nieder.“ (Wo er starb.)

Hier ein paar schöne Auszüge aus dem Polgar-Text zum Central: „Der Centralist lebt parasitär auf der Anekdote, die von ihm umläuft. Sie ist das Hauptstück, das Wesentliche. Alles übrige, die Tatsachen seiner Existenz, sind Kleingedrucktes, Hinzugefügtes, Hinzuerfundenes, das auch wegbleiben kann. Die Gäste des Café Central kennen, lieben und geringschätzen einander. Auch die, die keinerlei Beziehung verknüpft, empfinden diese Nichtbeziehung als Beziehung, selbst gegenseitiger Widerwille hat im Café Central Bindekraft, anerkennt und übt eine Art freimaurerischer Solidarität. Jeder weiß von jedem. Das Café Central ist ein Provinznest im Schoß der Großstadt, dampfend von Klatsch, Neugier und Médisence. (…) die schiefe Lichtbrechung ihres Mediums zu mancherlei Kurzweil nützend, immer voll Erwartung, aber auch voll Sorge, daß einmal was Neues in den glänzenden Bottich fallen könnte (…) Teilhaftig der eigentlichsten Reize dieses wunderlichen Caféhauses wird allein der, der dort nichts will als dort sein. Zwecklosigkeit heiligt den Aufenthalt. Der Gast mag vielleicht das Lokal gar nicht und mag die Menschen nicht, die es lärmend besiedeln, aber sein Nervensystem fordert gebieterisch das tägliche Quantum Centralin. Mit Gewöhnung allein ist das kaum zu erklären, auch nicht damit, daß es den Centralmenschen, wie den Mörder an den Ort der Tat, immer dorthin ziehe, wo er schon so viel Zeit totgeschlagen, ganze Jahre ausgerottet hat. Also was denn ist es? Das Fluidum! Ich kann nur sagen: das Fluidum! Es gibt Schreiber, die nirgendwo anders wie im Café Central ihr Schreibpensum zu erledigen imstande sind, nur dort, nur an den Tischen des Müßigganges, ist ihnen die Tafel der Arbeit gedeckt, nur dort, von Faulenzlüften umweht, wird ihrer Trägheit Befruchtung. Es gibt Schaffende, denen nur im Central nichts einfällt, überall anderswo weit weniger. (…) die Drohungen der Ewigkeit dringen nicht durch die Wände des Café Central, und zwischen diesen geniessest du der holden Wurschtigkeit des Augenblicks. Über das Liebesleben im Café Central, über den Ausgleich der sozialen Unterschiede in ihm, über die literarischen und politischen Strömungen, von denen seine ausgefransten Küsten bespült werden, über die in der Centralhölle Verschütteten die dort sehnsüchtig ihrer Ausgrabung harren, hoffend, daß sie nie stattfinden werde, über das Maskenspiel von Witz und Dummheit, das in jenen Räumen jede Nacht zur Fastnacht wandelt, über dies und anderes wäre noch viel zu sagen. Aber wer sich für das Café Central interessiert, der weiß das alles ohnehin, und wer sich nicht für das Café Central interessiert, an dessen Interesse haben wir keines.“ Und da sind in der Tat noch viele schöne Passagen, die man zitieren könnte. Wie es einmal war. Vor langer, langer Zeit.

Ein wenig muss ich beim nochmaligen Lesen des Polgar-Aufsatzes denken, dass man viele Beobachtungen auf das große, virtuelle Kaffeehaus der Blogosphäre übertragen könnte. (Probieren Sie es aus, einfach „Centralisten“ durch „Blogger“ oder „Twitterer“ oder „Internet-Leute“ ersetzen und „Café Central“ durch „Blogosphäre“ oder „Twitter“ oder „Internet“ – Nein, „Facebook“ eher nicht. Oder? Ihnen fällt schon etwas Passendes ein.) Dass im Wikipedia-Eintrag zum Central kein einziger zeitgenössischer Autor vorkommt, ist ja leider auch ein Hinweis, dass das heutige Café neben seiner fulminanten Architektur und Tradition von einer Aura von versunkenem geistigem Leben profitiert, das man holprig aus der Vergangenheit channeln muss. Die Gegenwart gibt in dieser Richtung nichts her, offenkundig, obwohl es auch WLAN gibt. Ich kann mich nicht entsinnen, an einem Tisch jemand mit Notebook gesehen zu haben. Aber wer schreibt schon in einem Museum. Wer heute in Wien mit einem Schreibgerät am Kaffeehaustisch sitzt, tut das vielleicht noch eher bei Starbucks, wie überall auf der Welt. Wenn ich in der Rosenthaler Straße in Berlin an dem Laden vorbeilaufe, der in der Tat mit seinen ausgefeilt durcheinander gewürfelten, gemütlichen Polstermöbeln wie ein zeitgenössisches Kaffeehaus-Zitat wirkt, sehe ich an zehn von zehn Tischen Zwanzig- bis Dreißigjährige aus aller Welt vor einem Notebook sitzen und tippen. Vielleicht auch nur digitale Ansichtspostkarten, wer weiß. Ich tippe hier ja auch nur Reisenotizen, ich sollte mir die Überheblichkeit sparen. Vielleicht sitzen die Wiener Literaten ja im Rüdigerhof, von einem weiß ich es bestimmt. Oder vielleicht auch im Jelinek, wo wir dann hin sind. Mit einem Taxi durch den Regen.
: : alle Wiener Geschichten : :

25. November 2014

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Wenn es kein Brot gibt, dann isst man eben Kuchen! (»S’ils n’ont pas de pain, qu’ils mangent de la brioche«) Die gern zitierte Anspielung geht wohl gar nicht auf die geköpfte Antoinette zurück, sondern stammt aus einem Roman von Rousseau. Und warum fällt mir das jetzt ein… – – ah – ein Palais. Ja natürlich, das Palais Ferstel. In so einem Palais da fühle ich mich ja immer gleich daheim. Obwohl das Ferstel, streng genommen, schon von jeher eine Passage war, und keineswegs ein Palais. („Die Bezeichnung Palais ist unhistorisch.“) Aber es klingt doch so prachtvoll. Und das sind die zahllosen Bogengänge und reichverzierten schmiedeeisernen Tor- und Fenstergitter mit ihren Arabesken ganz zweifellos. Der alte Ferstel (der war nämlich der Baumeister) hat schon gewusst, was was hermacht. Ein königlicher Bogen jagt den nächsten. Das reinste Bogen-Schießen! Schon großartig, das Ferstel. Auch wieder so ein Name, wo ich mich frage, woher mir der so geläufig ist. „Palais Ferstel“. Keiner hat mir je davon erzählt. Mein Architektur-Studium liegt nun auch schon so weit zurück, dass ich mich jetzt direkt gar nicht mehr richtig daran erinnern kann, ob es sich dabei vielleicht doch nur um Wunschdenken handelt. Eventuell ein dunkles Raunen von der einen oder anderen durchblätterten, reichhaltig bebilderten Geschichte über Wien und seine schönsten Einkaufsgeschäfte in einer alten Vogue. Das klingt mir doch recht wahrscheinlich. (Man soll auch nicht zu viel lügen.)


Das macht sich ja auch alles ganz exzellent für Modefotografie. So hindrapiert, an so einen Bogen. Oder im Café Central. Das ist auch da, das hochberühmte Kaffeehaus. Es ist aber nicht in der Strecke, weil ich die paar wenigen Bilder, die ich vom Central habe, extra präsentieren will. Das macht mehr her! Das war nämlich unser Kaffeehaus-Tag, dieser schöne Regentag in Wien, unser letzter. Obwohl wir nicht im Central waren, weil es viel zu voll war, werde ich ein klein wenig so tun als ob. Merkt ja keiner. Nächste Strecke. Und dann kommen nur noch Kaffeehäuser, wo wir auch drin waren. Denn es war ja, wie erwähnt, der perfekte Regentag.




Freuen Sie sich also nicht nur auf einen als-ob-Kaffeehaus-Besuch im Central, sondern auch noch auf richtige. Im Jelinek, und im Griensteidl am Michaelerplatz und zuguterletzt im ganz und gar unverzichtbaren Hawelka. Und vorher gibt es noch ein schönes Essen im Ristorante Fratelli mit Adriano Celentano (leider nur im Radio) und einem Regenspaziergang durch den Hof der Hofburg. Und fast hätten wir es auch noch ins Sisi-Museum geschafft. Aber alles kann man halt nicht auf einmal machen. Und dann heißt es auch schon bald Abschied nehmen. Aber noch dürfen Sie uns ein bißchen begleiten. Ich wollte nur schon einmal ganz dezent ankündigen, dass es nicht mehr ewig so weiter gehen wird. Also genießen Sie die letzten Stunden in Wien bitte noch umso mehr.




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23. November 2014

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Noch gemeinsam etwas trinken. Nach ein bißchen herumschauen um den Karlsplatz herum (ist der nah zum Kunsthistorischen Museum? Muss ich direkt mal schauen… tatsächlich nur wenige Schritte entfernt, mir war auch, dass wir nicht weit gelaufen sind), wo in einem modernen Lokal, das Victor und mir sehr gut gefallen hätte, die Küche schon zu war, sind wir ein bißchen ratlos Richtung Club U in dem einen Otto-Wagner-Pavillon am Karlsplatz, wo unten nicht viel los war. Und dann nach ganz oben, unters Dach vom Pavillon, wo sich eine etwas improvisiert wirkende Lokalität befindet. Schon eine richtige Bar, aber dann im hinteren Bereich ein Raum, wohl eine ehemalige Wartehalle, vermute ich, wo ein paar ausrangierte Polstermöbel gestanden haben. An der Wand waren über der Siebziger-Jahre-Kunstledercouch lustige, so streetartmäßig improvisiert, auf Pappkarton geklebte, bunte Kunstwerke. Dass es da eher nichts zu essen geben würde, war mir schon recht bald klar, weil es ja auch keine Tische gab, wo man einen Teller hätte draufstellen können. Ich habe dann begriffen, dass ich mich wohl von der Vorstellung verabschieden muss, den Abend, als Krönung, in einem lauschigen Restaurant mit einem drei-Gänge-Menü und besten Weinen zu beschließen. Ich glaube, ich habe einen Filterkaffee getrunken, schwarz. Und Duke und Victor Bier aus der Flasche, wie das Männer so gerne machen. Nun hatte ich mich ja den ganzen Abend mit Alkohol zurückgehalten, weil ich noch in der Rekonvaleszenz war und dachte, ich müsste meine Kapazitäten für das opulente Abendessen aufsparen, wo ich dann nicht mehr mit alkoholischer Begleitung geizen wollte. Wir erinnern uns: es war noch immer der 14. Mai, an dem ich ziemlich verkatert und anlehnungsbedürftig mit Duke zum Belvedere gelaufen bin. Das letzte, was ich gegessen hatte, war das Schnitzel im Belvedere-Café, gegen Mittag. Und danach nur noch mehrere Tassen Kaffee, einmal im Schwarzenberg und dann vielleicht noch dazwischen, als wir kurz heim sind, vor dem abendlichen Ausflug zum Ganymed, wo ich im Kuppelcafé auch wieder nur Kaffee getrunken hatte. Mittlerweile ging es mir auch schon wieder recht prima. Zumal die schönen Erlebnisse beim Ganymed meinem Befinden auch insgesamt zuträglich waren. Jedenfalls habe ich dann in der Kneipe im Otto-Wagner-Pavillon – ich nenne das Lokal mangels genauerer Kenntnis einfach „Otto-Wagner-Club“, meinen Kaffee getrunken und meine Fotos durchgeschaut und ein bißchen herumgeknipst, während sich Duke und Victor sehr nett unterhalten haben. Über ihre künstlerischen Projekte, und an was sie gerade schreiben, und wie man so überlebt. Einmal ging es irgendwie darum, dass ich bestimmt habe, wann wir aufstehen und frühstücken und aufbrechen oder so ähnlich, also während der letzten Tage, in der Ferienwohnung in Wien, und da dachte ich so bei mir, das hört sich an, als wären wir dreißig Jahre verheiratet, wie Duke das gerade Victor erzählt. Das hat mich ganz seltsam berührt, weil wir ja kein Paar sind und er damals, vor dreizehn, vierzehn Jahren, als man davon hätte reden können, nie solche leicht vereinnahmenden, vertraulichen Bemerkungen gemacht hatte. Ob es damit zu tun hatte, dass er die Geschichte von Victor und mir kannte und rückwirkend ein bißchen Revier markieren wollte? Duke und ich kannten uns seit Neunzehnhundertdreiundachtzig und hatten uns heimlich angeschmachtet, er war anderweitig liiert und ließ sich daher wenig anmerken. Und ich mir auch so wenig wie möglich.

Das unerfüllte Sehnen zog sich fast drei Jahre hin und dann begegnete mir Victor und ich verliebte mich sehr in ihn. Da wurde nicht lange gefackelt, ich musste ihn nicht ein paar Jahre lang vergeblich anbeten. Es währte ein paar Monate, und dann zog ich im April ’86 weit weg, nach Berlin, wo ein anderes Leben begann. Ca. 1987 ließ mir Duke aus der Ferne einen Gruß übermitteln, durch einen gemeinsamen Freund, der mich in Berlin besuchte, mehr geschah nicht. Durch eine selten schicksalshafte Fügung bekam ich im Januar 2000, also fünfzehn Jahre, nachdem ich Duke das letzte mal gesehen hatte, vielleicht bei diesem Nico-Konzert 1985, ein Theaterprogramm in die Hände, auf dem vermerkt war, dass im Theater am Südwestkorso in Berlin, ein Stück namens „Uhrwerk Banane“ gespielt wird, von dem Autor Duke Meyer. Es durchzuckte mich, und ich nahm per Mail Kontakt mit der Leitung des Theaters auf, um zu erfragen, ob sie eine Mail-Adresse des Autors haben und eine kleine Botschaft von mir weiterleiten könnten. Ich schrieb nur wenige Zeilen, „ich weiß nicht, ob du dich noch an mich erinnerst….“ usw., nur wenige Stichworte und einen Gruß. Das war am 13. Januar 2000. Immer wieder schaute ich in mein Mail-Postfach, aber da kam nichts. Und dann, etwa fünf Tage später, sah ich eine Mail. Sie war von Duke. Es war die längste E-Mail, die ich je von jemandem bekommen hatte. Ich druckte sie aus. Es waren in kleingedruckter Schrift, höchstens 9 Punkte, 8 DIN A4-Seiten. In denen er mir nicht nur mitteilte, dass er sich sehr wohl an mich erinnern würde, sondern auch, dass es ihm damals genauso ging wie mir. Was mir all die Jahre nicht klar war. Ich hatte nur so ein bestimmtes Gefühl. Auf den übrigen Seiten erzählte er mir sein Leben seither, all die Jahre. Und dass er bis vor zwei Monaten noch in Berlin gewohnt hätte. Das hat mir einigermaßen die Sprache verschlagen. Er hatte, wenn auch nur für etwa zwei Jahre, in Berlin gelebt und ich hatte nichts davon gewusst. Und nun war er – der Liebe wegen – gerade wieder weggezogen, in eine kleine Stadt in Süddeutschland, wo seine neue Liebe ihren Lebensmittelpunkt hatte. Von dieser Mail an schrieben wir uns täglich. Bis wir uns in Berlin wiedertrafen, es war im April Zweitausend, hatten wir uns gut und gerne schon tausend Mails geschrieben. Im April kam er nach Berlin und wir trafen uns am Alexanderplatz im Verlagsgebäude vom Berliner Verlag, wo er ein Interview hatte. Es würde zu lange dauern, und wäre mir auch zu aufwühlend, zu beschreiben, was nach dieser Begegnung geschah. Wir mussten nach dieser siebzehn Jahre zurückliegenden, unerfüllten Sehnsucht etwas nachholen. Und das taten wir. Er zog nicht wieder nach Berlin, aber war ab und zu hier. Und während dieser Zeit entstanden auch die Filmaufnahmen, die ich im April letzten Jahres digitalisieren ließ und verarbeitete.

Das letzte mal sah ich ihn Mitte Dezember 2002, so lange ging unsere Geschichte. Und dann brach der Kontakt ab. Ich hörte nie mehr von ihm. Alles, was ich seither über ihn erfahren konnte, war durch das Internet, wo er ab 2004 einmal im Monat etwas schrieb, was ihn bewegte und was er tat. Das Netz macht es möglich, dass man sich auch nach Ende eines Kontaktes noch weiter ein Bild von jemandem machen kann. Ich brauchte lange, um über das plötzliche Ende hinwegzukommen. Aber im Jahr 2007 hatte ich es endlich verarbeitet. Ich wusste auch, dass er eine Frau, eine Wienerin, gefunden und sogar geheiratet hatte, die – wie ich fand – sehr gut zu ihm passte. Ich spürte keinen Argwohn mehr, ich wünschte ihm innerlich Glück und Frieden. Als ich die Filmaufnahmen wieder fand, und sie digitalisiert nach und nach verarbeitete, war mir recht bald klar, dass es unangemessen wäre, ihm das nicht zu Kenntnis zu geben. Was ich mit einer Mail-Notiz tat, ohne viele Worte. Ich schickte ihm immer einen Link, wenn ein neues Opus mit ihm fertig war. Er dankte meistens kurz, das war es dann auch. Das war im Sommer 2013, im Juli. Und dann starb mein Neffe, Ende Juli. Und ich hatte das dringende Bedürfnis, ihm das mitzuteilen, weil er indirekt damit zu tun hatte, dass sich die Eltern meines Neffen, mein Bruder und die Mutter des Jungen überhaupt trafen. November 1983. Ich war bei einem Konzert von Dukes Band und lange vorher da. Und die spätere Lebensgefährtin meines Bruders auch. Sie sprach mich an. Wir befreundeten uns und so lernte sie meinen Bruder kennen. Ich war nur wegen Duke bei diesem Konzert. Wäre er nicht aufgetreten, wäre ich nicht dort gewesen, hätte ich die Frau, die später eine gute Freundin wurde, nicht getroffen, hätte sie vielleicht meinen Bruder nie kennengelernt und wäre mein Neffe vielleicht nie geboren worden… Wie das Leben so spielt. Ich wollte Duke auch deshalb über den Tod in Kenntnis setzten, weil ich sah, dass die beiden auf facebook befreundet waren und ich wissen wollte, ob sie sich überhaupt tatsächlich kannten, oder ob es nur so eine facebook-Bekanntschaft war. Duke schrieb mir auf die Mitteilung des Todes meines Neffen sehr bewegt und einfühlsam zurück, nein, er konnte sich nicht erinnern, ihn je persönlich getroffen zu haben. Aber mein Neffe wusste ziemlich gut, wer Duke war, weil seine Mutter ihm manchmal von früher erzählte, wie sie seinen Vater kennengelernt hatte. Duke war gerade in einem Sommerurlaub bei Freunden in Spanien, als er mir zurückschrieb. Seither wurde unser Austausch wieder persönlicher und wortreicher. Und die Idee kam auf, dass wir uns noch einmal sehen wollten, bevor wir selbst das Zeitliche segnen. Was zunächst pathetisch wirken mag, angesichts unseres mittleren Alters, Duke ist 1959 geboren und ich 1965. Aber wenn man gerade einen achtundzwanzigjährigen, jungen, gesunden Mann begraben hat, kommen einem solche Gedanken. Und weil Duke immer wieder so begeistert von Wien schrieb, dachte ich, es wäre eine schöne Idee, dass wir uns in Wien noch einmal treffen. In Frieden und Versöhnung. In Freundschaft und Verbundenheit. Und wie es das Schicksal so will, erfuhr ich gerade in diesen Monaten, Ende 2013, Anfang 2014, dass es Victor noch gab. Lange fand ich keine Spur von ihm im Netz, obwohl ich all die Jahre immer einmal wieder schaute. Und nun doch. Ich fand ihn und sah, dass er mittlerweile in Wien lebte. Ich kommentierte unter einem Video, das er gemacht hatte und daraufhin kommentierte er zurück. So hatten wir auch wieder Kontakt. Ihn hatte ich seit 1988 nicht mehr gesehen, als er mich einmal kurz in Berlin besucht hatte. Also sechsundzwanzig Jahre. Als es sicher war, dass Duke und ich uns im Mai in Wien treffen würden, teilte ich es Victor mit und er war auch dafür, dass wir uns bei der Gelegenheit doch einmal wiedersehen sollten, in der Stadt, in der er nun seit vielen Jahren lebte. So war das also. Das ist die Hintergrundgeschichte. Und nun saß ich mit Duke und Victor in Wien in einer kleinen Kneipe, die mich sogar ein bißchen an unsere Zeiten in den Achtziger Jahren, im Kunstverein erinnerte. So schließt sich der Kreis. Wir tranken zum Abschied noch einen oder auch zwei Bourbon an der Bar, auf die guten alten Zeiten. Und die Gegenwart. Und die Zukunft. Und Alles. Das tat sehr gut. Wir verabschiedeten uns mit einer warmen Umarmung und Victor fuhr heim und Duke und ich nahmen ein Taxi zur Wohnung in der Lambrechtgasse, wo wir ja noch viele Sachen im Kühlschrank hatten und auch Wein. Wir saßen also wieder an unserem mittlerweile vertrauten Treffpunkt in der riesigen Wohnung, dem Tisch in der Küche, und ließen den Tag Revue passieren und hörten und sprachen über Musik. Auch seine. Ich hatte in all den Jahren auch mitbekommen, was er gemacht hatte und dass er einmal im Jahr bei einem Projekt von Songwritern dabei ist, wo über den ganzen Monat Februar vierzehn Songs geschrieben und im Internet hochgeladen werden müssen, wohlgemerkt von jedem einzelnen Songwriter, um den trüben, nutzlosen Februar über die Bühne zu bringen. Es nennt sich FAWM, Abkürzung für February Album Writing Month. Ich hatte im Februar 2014 in seine Sachen reingehört und eine Skizze hatte es mir besonders angetan. Die Songs sind nicht fertig produziert, sondern Schnellschüsse, first Takes, Work in Progress. Das wäre ja auch gar nicht zu schaffen, wenn man alle zwei Tage ein neues Werk hochladen muss, um dieses sehr sportliche Ziel dieser weltweiten Community zu erreichen. Jedenfalls mochte ich einen Song ganz besonders und ich klickte immer wieder mal auf die Seite, um ihn hören zu können. Er erinnerte mich ein bißchen an die Sachen von Grace Jones aus den Achtzigern, die wir damals auch gehört hatten. Das Album „Warm Leatherette“ lief rauf und runter, Duke hörte das mindestens genauso oft wie ich, damals. Ich erinnere mich an Abende in Wohngemeinschaftsküchen, wo die Platte lief. Damals hatten wir noch keine CDs. Und er zuckte zum Beat mit seinen langen Gliedmaßen. In seiner Leopardenhose, klopfte mit den beringten und bereiften Händen und Armen den Rhythmus auf den Küchentisch und ich freute mich am Vibrieren. Deshalb wohl mochte und mag ich den Song auch so gerne. Er heißt „Wo…?“ und ist mittlerweile auch zum Anhören auf seiner Seite. Es ist immer noch dieselbe Rohskizze, aber dafür finde ich den Song erstaunlich fertig. Ich fragte Duke, ob ich den Song vielleicht bekommen dürfte, damit ich ihn anhören könnte, wann immer ich wollte. Er freute sich darüber und wir klappten beide unsere Rechner auf und er mailte mir den Song über den Küchentisch. Dank der archivierten Mail und ihrer Sendedaten kann ich einwandfrei rekonstruieren, dass das am 14. Mai war:
……………………………………………………………………………………………..
14.05.2014 um 23:12 Uhr
Wo find ich dich
Von: Duke Meyer
An: Gaga Nielsen

Huhu, Königin des verfeinerten Geschmacks,
hier kommt die Skizze „Wo find ich dich“, die in dieser Urfassung nur „Wo?“ heißt (die ich aber nicht umbenenne, weil sie immer noch für FAWM verlinkt ist so). Wir hoffen, diese Sendung entspricht Ihren Erwartungen.
XXX
Duke

……………………………………………………………………………………………..
Ich musste lachen, als ich die Mail las, weil jeder andere hätte einfach die Datei angehängt und kommentarlos gepostet. Aber Duke ließ es sich nicht nehmen, noch eine formvollendete Mitteilung dazu zu posten. Er schreibt tatsächlich leidenschaftlich gerne. Das hatten wir immer gemeinsam und immerhin das wird sich wohl auch nie ändern. Und weil wir sowieso schon dabei waren, Sachen auszutauschen, fiel mir ein, dass ich ja auch noch die digitalisierten Songs von seiner Band aus den Achtziger Jahren auf meinem Rechner hatte, die er selbst gar nicht besaß. Und ich hatte sie auch nur durch diese erstaunliche Fügung, dass bei der Trauerfeier für meinen Neffen, der frühere Bandkollege und Tontechniker von Dukes Band neben mir saß. Der, der mir als ich schon in Berlin war, einen Gruß von Duke ausgerichtet hatte. Und der meinen Neffen und seine Brüder gut kannte und deswegen bei der Beisetzung und der Trauerfeier war. Wir hatten uns lange und intensiv unterhalten und es kam die Rede darauf, ob er die alten analogen Aufnahmen je digitalisiert hat. Natürlich! Selbstverständlich! meinte Schwarzmann. Und: „Warte! Ich bin gleich wieder da!“ Sprang auf, packte sein Fahrrad und fuhr um die Ecke zu seinem Tonstudio, um mir mal eben zwischendurch, zwischen Kaffee und Kuchen, die alten Songs auf CD zu brennen. Nach zwanzig Minuten war er wieder zurück und gab mir die alten Aufnahmen auf zwei CDs. Und diese Dateien schob ich nun in Wien auf einen USB-Stick, und reichte ihn Duke über den Küchentisch. Einer meiner liebsten Songs darauf war „Ich fühl mich gut„. Ich hatte ihn in dem ersten Video verarbeitet, mit dem alten Material von Duke. Damals hatte ich keine digitale Version davon und nahm einfach direkt aus dem Raum vom laufenden Kassettenrekorder in meinem Atelier auf. Aber nun saßen wir in der Küche im schönen Wien und hörten fasziniert und gerührt noch einmal gemeinsam die ganzen alten Lieder von damals, aus der Zeit, als wir ineinander verliebt waren und es keiner zugab. Wir hatten auch noch Kartoffelchips und andere Sachen zu essen und einen unheimlich guten österreichischen Rotwein, einen blauen Zweigelt von der Weinmanufaktur Krems. Der absolut allerbeste Wein, den wir bislang auf diesem Tisch hatten, da waren wir uns einig. Angemessen, um diesen so erlebnisreichen Tag mit Klimts Kuss im Belvedere und dem Schwarzenberg und dem Karlsplatz und der Secession und dem Ganymed und dem Abschied von Victor, und unseren gemeinsamen Erinnerungen zu beschließen.

Ich war im großen Zauberwald
Tief unten auch bei den Maschinen
Ich sah für Stunden nur Asphalt
Und fuhr dir nach auf tausend Schienen
Ich war im sauberen Büro
Und lugte in die Besenkammern
Im Dschungel war ich sowieso
Auch dort, wo Herzen sich anklammern
Im Film hab ich dich nicht gesehen
Und in den Büchern nicht gefunden
Die Menschen können mich nicht verstehen
Du wärst seit ewig schon verschwunden
Du weißt, ich bin dir auf der Spur
Komm dich zurück nach Hause holen
Versteckst dich hinter Politur
Hörst schon das Schlurfen leiser Sohlen
Du bist die letzte vom Verein
Die anderen hab ich schon gerettet
Du wirst die Auslöserin sein
Der Anstoß der Ereigniskette
Dann ist der Zauber bald vorbei
Und alle sehen die Maschinen
Dann grüßen wir die Wirklicheit
Wollen niemand anderem mehr dienen

© Duke Meyer 2014, Wo…
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