
Heute war ich endlich da. Ich war nach einer halben Stunde schon völlig absorbiert und satt und beinah nicht mehr aufnahmefähig vor lauter Schönheit und es hört nicht auf… nach drei Stunden und zwanzig Minuten war meine Aufnahmefähigkeit absolut erschöpft – – – man könnte wohl ein ganzes Jahr jede Woche dorthin fahren und hätte immer noch nicht alle Gräber gesehen. Immer an der Mauer bin ich entlang, da wo auch die Sonne hinkommt, vielleicht sind da auch mit die schönsten und erhabensten Monumente. Aber auch im schattigen Bauch sind Schätze – da war ich nur sehr am Rande…. an der Mauer entlang, links rum, gegen den Uhrzeigersinn, links von dem Mosse-Mausoleum ist eines von zwei Grabmälern mit einer wundervollen Kuppel mit kreisrunden Aussparungen, so eines hätte ich auch gerne… die schönsten Gräber von ganz Berlin sind da, was für ein heiliger Ort. Danach war ich noch ein bißchen am Weißensee, wo die Mohnblumen in voller Blüte stehen.
[ Kommentar ]
05. Juni 2014
Das Los hat mich getroffen. Ich bin vom Zufallsgenerator als Studienobjekt der Charité in Berlin ausgewählt worden, um für die Langzeitstudie „Nationale Kohorte“ Daten über meinen (Gesundheits)Zustand und meine Lebensgewohnheiten erfassen zu lassen. Man muss da nicht mitmachen, aber ich sehe es als Chance, zu Lebzeiten der medizinischen Wissenschaft und Evolution zu dienen. Das meine ich ganz ernst. 10.000 Berliner werden in den nächsten dreißig Jahren untersucht und beobachtet. Man kann sich nicht bewerben, wie ich erfahren habe, sondern wird ausgelost. Weil ich, wie ich meine, eine recht interessante, ungewöhnliche Kranken- und Gesundungsgeschichte im Hinblick auf Schilddrüsenunterfunktion, Asthma und Neurodermitis habe, sind die Daten auch für mich selber interessant. Außerdem gehöre ich leider zu den Leuten, die sich gerne vor Routine- und Vorsorgeuntersuchungen drücken. Im Dienste der Wissenschaft kann ich mich dann nicht mehr drücken, wenn ich einmal zugesagt habe. Könnte ich wohl schon, aber das kann ich dann schlecht mit meinem Ehrgefühl vereinbaren. Ich bin ein sehr vertragstreuer, verlässlicher Typ, wenn ich mich einmal für etwas entschieden habe. Ich denke mir, oder erhoffe mir auch davon, dass man mit Super-High-Tech-Instrumentarium durchgecheckt wird, und auf eine Art untersucht wird, die sonst Geld kosten würde oder nur in besonderen Fällen stattfindet. Ich möchte wirklich gerne dem Fortschritt im medizinischen Bereich dienen. Aber zu Lebzeiten. Wenn ich tot bin, wird nicht mehr untersucht und rumgebohrt, da ist dann Schluss mit der Langzeitstudie. Keine Autopsie, keine Organentnahme. So, wie es im Ausweis steht. Ich bin schon sehr gespannt, wie meine Krankengeschichte aufgenommen wird. Vielleicht sind ja auch attraktive Wissenschaftler zugegen, wenn man befragt und analysiert wird. Ich berichte natürlich umgehend.
05. Juni 2014
Das Los hat mich getroffen. Ich bin vom Zufallsgenerator als Studienobjekt der Charité in Berlin ausgewählt worden, um für die Langzeitstudie „Nationale Kohorte“ Daten über meinen (Gesundheits)Zustand und meine Lebensgewohnheiten erfassen zu lassen. Man muss da nicht mitmachen, aber ich sehe es als Chance, zu Lebzeiten der medizinischen Wissenschaft und Evolution zu dienen. Das meine ich ganz ernst. 10.000 Berliner werden in den nächsten dreißig Jahren untersucht und beobachtet. Man kann sich nicht bewerben, wie ich erfahren habe, sondern wird ausgelost. Weil ich, wie ich meine, eine recht interessante, ungewöhnliche Kranken- und Gesundungsgeschichte im Hinblick auf Schilddrüsenunterfunktion, Asthma und Neurodermitis habe, sind die Daten auch für mich selber interessant. Außerdem gehöre ich leider zu den Leuten, die sich gerne vor Routine- und Vorsorgeuntersuchungen drücken. Im Dienste der Wissenschaft kann ich mich dann nicht mehr drücken, wenn ich einmal zugesagt habe. Könnte ich wohl schon, aber das kann ich dann schlecht mit meinem Ehrgefühl vereinbaren. Ich bin ein sehr vertragstreuer, verlässlicher Typ, wenn ich mich einmal für etwas entschieden habe. Ich denke mir, oder erhoffe mir auch davon, dass man mit Super-High-Tech-Instrumentarium durchgecheckt wird, und auf eine Art untersucht wird, die sonst Geld kosten würde oder nur in besonderen Fällen stattfindet. Ich möchte wirklich gerne dem Fortschritt im medizinischen Bereich dienen. Aber zu Lebzeiten. Wenn ich tot bin, wird nicht mehr untersucht und rumgebohrt, da ist dann Schluss mit der Langzeitstudie. Keine Autopsie, keine Organentnahme. So, wie es im Ausweis steht. Ich bin schon sehr gespannt, wie meine Krankengeschichte aufgenommen wird. Vielleicht sind ja auch attraktive Wissenschaftler zugegen, wenn man befragt und analysiert wird. Ich berichte natürlich umgehend.
31. Mai 2015

Heute war ich endlich da. Ich war nach einer halben Stunde schon völlig absorbiert und satt und beinah nicht mehr aufnahmefähig vor lauter Schönheit und es hört nicht auf… nach drei Stunden und zwanzig Minuten war meine Aufnahmefähigkeit absolut erschöpft – – – man könnte wohl ein ganzes Jahr jede Woche dorthin fahren und hätte immer noch nicht alle Gräber gesehen. Immer an der Mauer bin ich entlang, da wo auch die Sonne hinkommt, vielleicht sind da auch mit die schönsten und erhabensten Monumente. Aber auch im schattigen Bauch sind Schätze – da war ich nur sehr am Rande…. an der Mauer entlang, links rum, gegen den Uhrzeigersinn, links von dem Mosse-Mausoleum ist eines von zwei Grabmälern mit einer wundervollen Kuppel mit kreisrunden Aussparungen, so eines hätte ich auch gerne… die schönsten Gräber von ganz Berlin sind da, was für ein heiliger Ort. Danach war ich noch ein bißchen am Weißensee, wo die Mohnblumen in voller Blüte stehen.
[ Kommentar ]
30. Mai 2015

Ein bißchen mit den Augen spazierengehen. Ich habe gerade die Bilder der letzten zehn Jahre aus der Ecke Grunewald, Havel und Wannsee in eine Sammlung gepackt. Damit es hier ein bißchen weitergeht. So ein Blog ist wie ein Tamagotchi, wenn man es nicht füttert, geht es ein wie eine Primel. Ich muss aber auch ein Gleichgewicht finden. Nicht hauptsächlich Zeit damit verbringen, am Computer Zeug zu verarbeiten, anstatt etwas zu erleben, gerade, wenn die Sonne scheint. Das kommt mir vor wie eine Versündigung an der Frühlingsschöpfung. Es kommen ja wieder genug bewölkte Tage, wo man dann wirklich nichts Besseres zu tun hat. Aber immerhin habe ich schon alle Bilder bis fünfzehnten Mai hochgeladen, wenn auch noch keine Einträge dazu gepostet. Jetzt muss ich aufhören mit Tippen, sonst wird das nichts.
30. Mai 2015
Stadtkloster Segen

Segen (althochdeutsch segan, auch segon, segin, segen, entlehnt aus lateinisch signum „Zeichen, Abzeichen, Kennzeichen“, ab dem späten 2. Jahrhundert auch Kreuzzeichen) bezeichnet in vielen Religionen ein Gebet oder einen Ritus, wodurch Personen oder Sachen Anteil an göttlicher Kraft oder Gnade bekommen sollen. Der christliche Begriff Segen entspricht dem lateinischen Wort benedictio, abgeleitet von benedicere aus bene („gut“) und dicere („sagen“), also eigentlich von jemandem gut sprechen, jemanden loben, preisen. Durch das Latein der Kirche bedeutet benedicere ab dem 3. Jahrhundert auch „segnen, benedeien, den Segen ausprechen über usw.“ Wikipedia

Segenskirche, Schönhauser Allee, Berlin Prenzlauer Berg




https://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=261948265






24. Mai 2015

Neulich habe ich mir eine Ausflugsliste gemacht, wie einen Einkaufszettel, damit ich nicht immer vergesse, was ich mir auch endlich einmal anschauen wollte, vor allem wenn Ausflugswetter ist. Es sieht nach Ausflugswetter aus, aber ich bin ein bißchen zögerlich, weil ich noch so viele ungepostete Ausflugsbilder von Wannsee habe und danach in Neukölln und vor drei Tagen schon wieder Veruschka, in einem Hörsaal in der UdK und danach mit Jan im Literaturhaus und auf dem Kudamm. Die Liebermannvilla-Bilder habe ich immerhin schon auf Flickr und auch die anderen vom Großen Wannsee. Die vom Kleistgrab am Kleinen Wannsee aber noch nicht. Es wird heute richtig sonnig in Berlin, oder ist es schon. Ich habe die Yucca gerade vom Wohnzimmer auf den Balkon gepackt und noch drei andere Töpfe und zwei Agavenkindern eine eigene Topfwohnung gegeben und ordentlich gegossen. Die sonnen sich jetzt schon. Ich müsste auch den Müll und die Flaschen runterbringen. Da müsste ich mich ja sowieso irgendwie anziehen und vor die Tür. Dann könnte ich auch gleich einen Ausflug machen. Supertolles Luxusproblem. Heute auf jeden Fall in kein Museum, das ist schon mal klar. Vielleicht lade ich erst mal die Kamera-Batterien und meditiere über meiner Ausflugsliste.
Sanssouci
Borsig-Villa
Bode-Museum
Valentinswerder
Kollwitz-Museum
East Side Gallery
Bauhaus-Museum
Madame Tussauds
Alte Nationalgalerie
Schloss Pfaueninsel
Strandbad Wannsee
Karl-Foerster-Garten
Jagdschloss Grunewald
Abhörstation Teufelsberg
Antikmarkt Ostbahnhof*
Haus der Wannseekonferenz
Jüdischer Friedhof Weißensee
Jüdischer Friedhof Schönhauser Allee
Die Sachen, wo man hauptsächlich drinnen wäre, hab ich mal durchgestrichen, die sind mehr für so Ausflugstage mit durchwachsenem oder Scheißwetter. Bei manchen Ausflugszielen war ich schon, zum Beispiel im Haus der Wannseekonferenz, aber das ist ewig her, ungefähr dreiundzwanzig Jahre, ebenso Sanssouci. Den Teufelsberg kenne ich wie meine Westentasche, aber ich war noch nie auf der Abhörstation, sehr reizvoll. Auf der Pfaueninsel war ich auch schon zwei oder drei mal, aber noch nie im Schloss. Im Garten der Borsig Villa war ich auch schon mal, zu einem Konzert, aber noch nie drin. Valentinswerder ist sehr reizvoll, da sind auch abgefahrene neuere Privatvillen in futuristischer Architektur, aber ich muss austüfteln, wie oft man da überhaupt übersetzen kann, da gibt es mancherlei Einschränkungen. Ist ja kein regulärer Ausflugsort sondern eine Insel im Tegeler See, wo unter anderem ein paar betuchte Kreative eine kleine Kolonie mit exclusiven Anwesen bewohnen. Der jüdische Friedhof in der Schönhauser interessiert mich, weil dort Max Liebermann begraben ist und ich ihm gerne die Ehre erweisen würde. Der Karl-Foerster-Garten reizt mich auch sehr. Erst mal noch Kaffee.
24. Mai 2015

Neulich habe ich mir eine Ausflugsliste gemacht, wie einen Einkaufszettel, damit ich nicht immer vergesse, was ich mir auch endlich einmal anschauen wollte, vor allem wenn Ausflugswetter ist. Es sieht nach Ausflugswetter aus, aber ich bin ein bißchen zögerlich, weil ich noch so viele ungepostete Ausflugsbilder von Wannsee habe und danach in Neukölln und vor drei Tagen schon wieder Veruschka, in einem Hörsaal in der UdK und danach mit Jan im Literaturhaus und auf dem Kudamm. Die Liebermannvilla-Bilder habe ich immerhin schon auf Flickr und auch die anderen vom Großen Wannsee. Die vom Kleistgrab am Kleinen Wannsee aber noch nicht. Es wird heute richtig sonnig in Berlin, oder ist es schon. Ich habe die Yucca gerade vom Wohnzimmer auf den Balkon gepackt und noch drei andere Töpfe und zwei Agavenkindern eine eigene Topfwohnung gegeben und ordentlich gegossen. Die sonnen sich jetzt schon. Ich müsste auch den Müll und die Flaschen runterbringen. Da müsste ich mich ja sowieso irgendwie anziehen und vor die Tür. Dann könnte ich auch gleich einen Ausflug machen. Supertolles Luxusproblem. Heute auf jeden Fall in kein Museum, das ist schon mal klar. Vielleicht lade ich erst mal die Kamera-Batterien und meditiere über meiner Ausflugsliste.
Sanssouci
Borsig-Villa
Bode-Museum
Valentinswerder
Kollwitz-Museum
East Side Gallery
Bauhaus-Museum
Madame Tussauds
Alte Nationalgalerie
Schloss Pfaueninsel
Strandbad Wannsee
Karl-Foerster-Garten
Jagdschloss Grunewald
Abhörstation Teufelsberg
Antikmarkt Ostbahnhof*
Haus der Wannseekonferenz
Jüdischer Friedhof Weißensee
Jüdischer Friedhof Schönhauser Allee
Die Sachen, wo man hauptsächlich drinnen wäre, hab ich mal durchgestrichen, die sind mehr für so Ausflugstage mit durchwachsenem oder Scheißwetter. Bei manchen Ausflugszielen war ich schon, zum Beispiel im Haus der Wannseekonferenz, aber das ist ewig her, ungefähr dreiundzwanzig Jahre, ebenso Sanssouci. Den Teufelsberg kenne ich wie meine Westentasche, aber ich war noch nie auf der Abhörstation, sehr reizvoll. Auf der Pfaueninsel war ich auch schon zwei oder drei mal, aber noch nie im Schloss. Im Garten der Borsig Villa war ich auch schon mal, zu einem Konzert, aber noch nie drin. Valentinswerder ist sehr reizvoll, da sind auch abgefahrene neuere Privatvillen in futuristischer Architektur, aber ich muss austüfteln, wie oft man da überhaupt übersetzen kann, da gibt es mancherlei Einschränkungen. Ist ja kein regulärer Ausflugsort sondern eine Insel im Tegeler See, wo unter anderem ein paar betuchte Kreative eine kleine Kolonie mit exclusiven Anwesen bewohnen. Der jüdische Friedhof in der Schönhauser interessiert mich, weil dort Max Liebermann begraben ist und ich ihm gerne die Ehre erweisen würde. Der Karl-Foerster-Garten reizt mich auch sehr. Erst mal noch Kaffee.
16. Mai 2015


https://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=1811922554

Wenn ich Bilder zeige, die erst am Vortag entstanden sind, grenzt das beinah an Live-Berichterstattung, ein seltenes Ereignis! So ein Ausflug beginnt – wie immer – mit sorgfältiger Auswahl der Anziehsachen: was passt zum Ausflugsziel? Damit ist selbstverständlich nicht gemeint, wie strapazierfähig oder wetterfest die Kleidung ist, sondern ob der Schnitt und das Stoffmuster mit dem Thema der Ausstellung, oder was es eben zu sehen geben wird, korrespondiert. Da ich mir den Garten von Max Liebermann und seine Sommervilla am Wannsee anschauen wollte, dachte ich mir, mein Mantel mit den großen schwarz-weißen Sonnenblumen, könnte im Sinne von Max Liebermann sein. Dazu flache schwarze Schnürschuhe aus feinem Leder mit Lack und weißen Schleifen. Da auf dem Mantel schon ziemlich viel los war, habe ich keinen weiteren Schmuck angelegt. Mir kam die Kombination passend vor und ich muss sagen, ich fühlte mich fast ein bißchen feierlich, so adrett und artig mit meinem Blumenmäntelchen und den Schleifenschuhen. Mir war direkt wie Sonntag, als ich frohgemut, zehn vor elf aus dem Haus trat, um zur S-Bahn zu laufen. Die Sonne schien schon ein kleines bißchen mehr und wechselte sich nur noch mit ein paar kleinen Wolken ab.

Als die S 7, die bis nach Potsdam fährt, in Wannsee hielt, bin ich ausgestiegen und nach oben, über die Straße zur Bushaltestelle gegangen. Dort fährt der Bus Nummer 114 los, zur Endhaltestelle Heckeshorn. Aber ich fuhr nur kurze vier Stationen mit, bis zur Haltestelle „Liebermann-Villa“. Viele sehr kultiviert wirkende Senioren waren im Bus und einige stiegen mit mir aus. Gut, dass ich nicht zu salopp gekleidet war, das wäre mir sehr unangenehm gewesen! Mir fiel auf, als ich in Wannsee auf den Bus wartete, dass sich dort in den letzten fast dreißig Jahren scheinbar rein gar nichts verändert hat. Die schöne Weite von dem Hügel, wo eine Treppe zur Anlegestelle herunterführt. Ich bin fast ein bißchen sentimental geworden, weil ich genau dasselbe Empfinden von einem Ort spürte, an dem Zufriedenheit, Ausflugsstimmung und Fröhlichkeit herrscht, wie damals. Ach Wannsee. Nun war mir gleich noch mehr wie Sonntag. Aber wenn in Wannsee die Sonne scheint, ist immer Sonntag. Jetzt muss ich mich um die anderen Fotos kümmern, damit die Bildergeschichte recht bald weitergeht.

16. Mai 2015


https://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=1811922554

Wenn ich Bilder zeige, die erst am Vortag entstanden sind, grenzt das beinah an Live-Berichterstattung, ein seltenes Ereignis! So ein Ausflug beginnt – wie immer – mit sorgfältiger Auswahl der Anziehsachen: was passt zum Ausflugsziel? Damit ist selbstverständlich nicht gemeint, wie strapazierfähig oder wetterfest die Kleidung ist, sondern ob der Schnitt und das Stoffmuster mit dem Thema der Ausstellung, oder was es eben zu sehen geben wird, korrespondiert. Da ich mir den Garten von Max Liebermann und seine Sommervilla am Wannsee anschauen wollte, dachte ich mir, mein Mantel mit den großen schwarz-weißen Sonnenblumen, könnte im Sinne von Max Liebermann sein. Dazu flache schwarze Schnürschuhe aus feinem Leder mit Lack und weißen Schleifen. Da auf dem Mantel schon ziemlich viel los war, habe ich keinen weiteren Schmuck angelegt. Mir kam die Kombination passend vor und ich muss sagen, ich fühlte mich fast ein bißchen feierlich, so adrett und artig mit meinem Blumenmäntelchen und den Schleifenschuhen. Mir war direkt wie Sonntag, als ich frohgemut, zehn vor elf aus dem Haus trat, um zur S-Bahn zu laufen. Die Sonne schien schon ein kleines bißchen mehr und wechselte sich nur noch mit ein paar kleinen Wolken ab.

Als die S 7, die bis nach Potsdam fährt, in Wannsee hielt, bin ich ausgestiegen und nach oben, über die Straße zur Bushaltestelle gegangen. Dort fährt der Bus Nummer 114 los, zur Endhaltestelle Heckeshorn. Aber ich fuhr nur kurze vier Stationen mit, bis zur Haltestelle „Liebermann-Villa“. Viele sehr kultiviert wirkende Senioren waren im Bus und einige stiegen mit mir aus. Gut, dass ich nicht zu salopp gekleidet war, das wäre mir sehr unangenehm gewesen! Mir fiel auf, als ich in Wannsee auf den Bus wartete, dass sich dort in den letzten fast dreißig Jahren scheinbar rein gar nichts verändert hat. Die schöne Weite von dem Hügel, wo eine Treppe zur Anlegestelle herunterführt. Ich bin fast ein bißchen sentimental geworden, weil ich genau dasselbe Empfinden von einem Ort spürte, an dem Zufriedenheit, Ausflugsstimmung und Fröhlichkeit herrscht, wie damals. Ach Wannsee. Nun war mir gleich noch mehr wie Sonntag. Aber wenn in Wannsee die Sonne scheint, ist immer Sonntag. Jetzt muss ich mich um die anderen Fotos kümmern, damit die Bildergeschichte recht bald weitergeht.

14. Mai 2015
Es ist sehr bewölkt heute in Berlin. Der Wetterbericht gestern meinte nur „leicht“, aber eine Wettervorhersage ist nur eine Wahrscheinlichkeits-Prognose. Manchmal wird ja auch Düsteres vorhergesagt und auf einmal kommt die Sonne doch. Es gibt Überraschungen in beide Richtungen. Ich wollte ursprünglich, wäre es nur leicht bewölkt gewesen, einen Ausflug zur Liebermann-Villa am Wannsee machen. Aber man muss im Leben manchmal auf geänderte Gegebenheiten reagieren. Will man stur einen Plan abarbeiten, läuft man Gefahr, mit weiteren Unannehmlichkeiten konfrontiert zu werden, weil man stur an der Umsetzung einer Sache festhält, deren Zeitpunkt nicht ideal ist. Also ich bleibe hier drin und hoffe auf die Sonne morgen. So konnte ich in Ruhe ein bißchen hier und da gucken und lesen, zum Beispiel auch bei Arboretum, die vor sechs Jahren die Villa und den Garten besucht hat und man unterhält sich ein bißchen am Computer. Dann überlege ich auch, ein bißchen die drei externen Festplatten aufzuräumen, ein paar Dateiordner zu verschieben, anders zu ordnen. Fotografien doppelt, für wen oder was auch immer. Dann fällt mir ein, dass ich noch einen einzigen Beitrag in meinem Blog hier auf „offline“ habe, also einen Entwurf – normalerweise habe ich keine Textentwürfe – ich habe manchmal ein paar wenige Tage schon ein paar Fotos für einen Eintrag mit dem Einbettungscode in einem Beitrag offline, aber am Ende, der Text, wird nicht über Tage entworfen und dann erst gepostet. Ich schreibe direkt ins Blogeintragsfenster und gucke nach Rechtschreibfehlern quer, das wars und ab die Post. Aber dieser eine Eintrag, der tatsächlich Text enthält, bereitet mir tatsächlich Entscheidungsschwierigkeiten, ob ich den Quatsch (denn das ist er, geträumter) allen Ernstes noch verarbeiten soll oder einfach löschen. Ich finde den Inhalt ein bißchen peinlich, weil er den Eindruck vermitteln könnte, meine Traum-Denkweise ließe einen Rückschluss auf mein tatsächliches Denken zu. Das möchte ich möglichst ausschließen. Schwierig! Andererseits finde ich den Inhalt sehr plastisch und Widersprüchlichkeiten zwischen Traum- und Wachpsyche sind auch irgendwie interessant. Es war ungefähr am siebten April, schon über einen Monat her, dass ich am Tag nach dem Traum nur ganz kurze Stichworte vermerken wollte, weil ich sehr stark dazu neige, Träume sofort komplett zu vergessen, auch wenn ich eine Stunde nach dem Aufwachen noch eine plastische Erinnerung hatte. Ich war mir so unschlüssig, ob es sich lohnt, das aufzuschreiben, dass ich einfach nur stichpunktartig – für alle Fälle – die folgende Notiz machte:
meesetraum
Stoffsammlung: Traum Jonathan Meese kleines, dunkles Zimmer – bei ihm, er malt, kritzelt, wirft auf den Boden, ich möchte Signatur, weil ich dann ausgesorgt hätte, und machen könnte, was ich will, (wir trinken Bordeaux, Lafite Rothschild, aus einer Holzkiste*) er reagiert überhaupt nicht, ich finde ihn ignorant und geizig, er kritzelt auf Art Flip Chart, verdeckt, gibt mir Blatt Papier mit Skizze, strahlt mich an, die Skizze zeigt, dass ich sein erotisches Idol bin, es handelt sich um eine Art Liebeserklärung, ich denke darüber nach, ob es nicht schlau wäre, ein Kind von ihm zu kriegen, das hätte dann auch ausgesorgt. Finde ihn aber nicht so erotisch wie er mich. Er bietet Sekt an, ich fürchte, mir nicht trocken genug, lasse ihn erklären, was für einen genau, er zeigt sich fachmännisch, spricht von Flaschengärung. Hätte ich gar nicht gedacht, dass er sich da auskennt.. Dann Flucht, ich mit jemandem anderen auf den Gängen des Gebäudes. Creezy kommt auch vor, ich frage sie, ob sie noch die Frau B. K. kennt, erinnert, ja natürlich – wieso? weiß nicht mehr… die könnte irgendetwas bestimmtes – – – was war das noch? Singen?
Also gut, nun habe ich es doch gepostet, aber ohne Ausschmückung und weitere Verarbeitung und Erörterung. Hätte ich einen Blogeintrag daraus gemacht, mit vollständigen Sätzen und weiteren Erläuterungen, hätte ich wohl auch einleitend erwähnt, dass er bei mir um die Ecke wohnt, also in einer sehr kleinen Parallelstraße zu meiner, und mir deswegen schon hin und wieder über den Weg gelaufen ist, wo er auch immer sehr nett guckt, also ich kann nichts Schlechtes berichten. Aber diese Sache mit dem „dann hätte ich ausgesorgt“ und dann auch noch der Gedanke, eventuell ein Kind mit ihm zu kriegen – also das geht ja gar nicht. Zu allem Überfluss stand er ungefähr zwei Tage später auf demselben S-Bahnsteig wie ich und wartete ebenfalls auf eine sehr verspätete S-Bahn. Es war eine Zeit, wo ich normalerweise nicht unterwegs bin, so kurz vor elf Uhr vormittags glaube ich, und da waren wenige andere Leute die warteten, man musste fast schon zwangsläufig registrieren, wer da alles so wartet und dann fiel mir der peinliche Traum wieder ein und ich dachte – um Gottes Willen – bloß löschen, nicht posten – viel zu peinlich! Und dann konnte ich den Quatsch doch nicht löschen, warum auch immer. Wahrscheinlich meine Wahrheitsliebe. Vielleicht ist ja doch was dran. Tatsächlich amüsiert es mich schon auch, oder beschäftigt mich, dass ein sehr erfolgreicher bildender Künstler alleine mit einem beliebigen Gekritzel auf eine Serviette mit seiner Signatur ein geldwertes Objekt als solches definieren kann. Die reinste Zauberei. Aber da muss man erstmal hinkommen. Für meine Begriffe hat er im Bereich der Malerei (ich betone: der Malerei) jeden Erfolg verdient. Ich bin da (fast gar) nicht neidisch. Aber dass ich im Traum auf die Idee komme, ich könnte davon profitieren, indem ich mich ihm hingebe – was ich ja übrigens – muss ich zu meiner Ehrenrettung hinzufügen – nicht gemacht habe! Ich habe selbst im Traum damit gehadert, das weiß ich noch. Und mich ja letzten Endes aus Gewissensgründen dagegen entschieden, denn es gab ja keine entsprechende Konsequenz. Also bei der Erklärung zur Flaschengärung brach die Szene dann ja ab und ich irrte mit jemand anderem durch diese hotelartigen Räumlichkeiten bis zum völlig anders gearteten Szenario. Wie auch immer – ein Einblick in einen nächtlichen Abgrund. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Jonathan Meese Blogs liest. Komisch, ich kann mir das allgemein bei bekannten Leuten immer nicht vorstellen – warum eigentlich? Also wenn er sich irgendwann selber googelt, kommt das hier als Suchergebnis bestimmt so dermaßen weit hinten, dass ihm längst die Lust vergangen ist, dahin zu blättern. Also eigentlich keine Gefahr. Kann ich es ja posten. Und wenn doch – ähm. Muss er mich halt bei der nächsten Zufalls-Begegnung darauf ansprechen.
14. Mai 2015

Schon wieder ein Jahr her. Genau heute vor einem Jahr war ich in der Wiener Secession. Unvergesslich. Nicht nur das eingemeißelte Credo „Der Zeit ihre Kunst. Der Kunst ihre Freiheit.“
14. Mai 2015

Schon wieder ein Jahr her. Genau heute vor einem Jahr war ich in der Wiener Secession. Unvergesslich. Nicht nur das eingemeißelte Credo „Der Zeit ihre Kunst. Der Kunst ihre Freiheit.“
12. Mai 2015
https://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=1811922554

Vierter März 2015, Mittwoch. Peter Lindbergh bei CO. Ich bin hin, weil ich etwas verifizieren wollte. Ob wir auf einer Wellenlänge sind. Das mit dem Signieren war nur ein Vorwand, der mir ganz recht war. Ich hatte nichts zum Signieren, so kaufte ich eines der Bücher, den soeben erschienenen neuen Bildband Images of Women II, 2005 – 2014. Nicht, weil ich ihn unbedingt besitzen wollte, sondern um nicht mit leeren Händen dazustehen, ein einfaches Blatt Papier oder eine Serviette wäre mir zu schäbig gewesen. Und jedes gekaufte Buch ist ja ein unwiderlegbares Kompliment. Er hätte ein bißchen zu tun und währenddessen macht man ein bißchen Konversation. Viele Menschen waren da. Sehr viele. Um nicht zu sagen: sehr, sehr viele. Und das bedeutete: sehr viel Warten. Ich hatte das Buch noch nicht und überlegte, ob mir die kurze Begegnung die Warterei wert wäre, schaute ein bißchen durch die übrigen Bildbände und ließ meinen Blick über das Publikum schweifen. Viele attraktive, eher jüngere Menschen zwischen zwanzig und Mitte dreißig, die oft mehr als ein Buch zum Signieren mitgebracht hatten. Nun war ich schon einmal da und etwas Besseres hatte ich auch nicht vor. Ich kaufte mir das neue Buch und suchte das Ende der Schlange, die sich wie eine Schnecke bis in die Büchernische wand, wo das große Panoramafenster ist, von dem aus man direkt auf den Bahnhof Zoo schauen kann. In derselben Ecke wo ich nun war, stand zufällig Jim Rakete rum und unterhielt sich mit einem älteren Herrn, der etwas Lustiges an sich hatte. Den Mann hatte ich noch nie gesehen, mir fiel seine elegante Kleidung auf und dass er nicht den Eindruck machte, anzustehen. Genauso wenig wie Jim Rakete.




Das wäre ja auch zu lustig gewesen. Ich wurde neugierig und fand, dass ich für die Warterei zumindest eine interessante Ecke erwischt hatte. Der lustige Mann richtete nun die Frage an mich, ob ich wüsste, was der Unterschied zwischen der Bibel und Aldi sei? „Nein“, pariere ich artig, „nämlich?“ Antwort: „In der Bibel steht die Schlange am Anfang.“ „Hm. ja.“ Ich lächelte milde. In der Hand hatte er einen ganz kleinen Bildband von Jim Rakete, wo irgendwas vom Wiener Burgtheater draufstand. Ich weiß leider nicht mehr, was er als nächstes zu mir gesagt hat, jedenfalls merkte man, dass er sich gerne selber reden hört und in keiner Hinsicht ein Blatt vor den Mund nimmt. Wegen des Büchleins ging es auf einmal um Wien und ich war noch ganz im Wien-Erinnerungsrausch, weil ich gerade die Bilder verarbeitet hatte und sagte in etwa – „Burgtheater? Da hat er also auch fotografiert?“ (Seitenblick zu Rakete) und „Hach ja, ich liebe Wien! Darauf er mit schulmeisternd gedehntem, bedrohlichem Unterton: „Hitler hat Wien auch geliebt!“ Ich: „Hm na ja.“ Was soll man dazu sagen. Der kauzige Herr merkt, dass ich nicht ganz so leicht zu amüsieren bin, wie er das sonst scheinbar gewohnt ist und guckt ein wenig irritiert. In dem Moment registriere ich, dass der Direktor von CO auch in die Nische kommt und den Mann und Rakete mit viel Hallo und Handschlag begrüßt, aber ich habe nicht belauscht, was sonst noch geplänkelt wurde. Eine ältere Dame gesellte sich dazu, die sehr starkes Make up trug, was ihr etwas Fellinihaftes verlieh, mir gefiel es. Ein expressionistischer Typ mit dunklen Haaren, lockig, halblang und sehr viel Eyeliner und sehr rotem Lippenstift. Und elegantem Kostüm. Gut und gerne von Chanel. Sie gehörte zu dem Mann, und ab und zu stand sie auch ein bißchen rum und beteiligte sich am Small talk. Also nicht mit mir, aber sie lächelte mich sehr sympathisierend an. Nun kam auch noch Gero von Boehm, den man ja auch schon mal im Fernsehen gesehen hat und von seinen Interviews kennt und es wurde sich abermals mit großem Hallo äußerst familiär begrüßt.

Da war ich ja in einer hochinteressanten Ecke gelandet. Mal gingen sie wieder weg, dann kamen sie wieder, ein Glas Wein in der Hand. Wenn Rakete schon so direkt neben mir stand, konnte ich ihn auch gleich mal fotografieren, dachte ich mir. Man sieht ihn ja öfter mal in Berlin bei derlei Gelegenheiten. Aber er steht nicht immer so schön still. Also habe ich ihm eröffnet, dass ich ihn nun paparazzen würde, nicht dass er sich dann beklagt, ich hätte es nicht angekündigt. So schön mit Riefenstahlscher Untersicht, wie Vivian Maier! Darauf erwähnte er die schöne Rolleiflex von ihr, ich weiß nicht mehr im Detail, was er dazu angemerkt hat, aber ich meinte daraufhin, dass das ja nun auch digital funktioniert, nicht wahr. Ich hatte den Eindruck, dass er noch darüber nachdachte, worauf ich hinauswill, da hatte ich ihn schon fotografiert und ich bin mir nicht sicher, ob er es in dem Moment realisiert hat. In einer Dokumentation vor einigen Jahren über ihn, als es schon üblich war, digital zu arbeiten, pflegte er noch ausdrücklich und ausschließlich analoge Fotografie. Aber ich gehe davon aus, dass das heute anders ist, wenigstens nicht mehr ausschließlich. Ich merkte noch an, dass es schon geschehen sei. Er hat so eine gewisse Art in sich hineinzuschmunzeln, die ihn ziemlich sympathisch wirken lässt. In Zeitlupe ging es vorwärts und ich knipste ein bißchen rundherum, unter anderem den sehr putzigen Hund mit der kranken, mit CO-Klebeband eingewickelten Pfote.


Leute kamen und gingen. Einmal stand Florian Langenscheidt schwer irritiert in der Meute und konnte wohl nicht fassen, dass sich diese von ihm vielleicht erhoffte, vermeintliche Insider-Veranstaltung als Massenattraktion gestaltet. Er schien ein wenig hin- und herzuüberlegen, in seinem wohlfrisierten Lockenkopf, und beschloss dann wohl, dass so eine Warterei nicht seine Sache ist. Ich hörte noch, dass der ältere lustige Mann mit Rakete darüber sprach, wo man anschließend hier noch hingehen könnte, demzufolge kein Einheimischer. Aha. Rakete antwortete, was ich ihm auch als für ihn passend auf den Kopf zugesagt hätte, am besten in die Paris Bar, die ist auch nah, da kann man nichts verkehrt machen. Inzwischen hatte ich mir gedanklich zurechtgelegt, dass es wahrscheinlich irgendeinen gemeinsamen Umtrunk mit Lindbergh und seiner Truppe geben wird, wo die Herren, die sich wahrscheinlich seit Gott-weiß-wann kennen, den Abend ausklingen lassen und ihre alten Anekdoten austauschen.

Ungefähr zwei Stunden später war ich dann endlich innerhalb der Schlange beim Café, wo Lindbergh ganz hinten saß und signierte. Mittlerweile gab es eine Ansage, dass bitte nicht mehr als zwei Sachen zum Signieren vorgelegt werden sollen, sonst werden wir heute nicht mehr fertig! Ich hatte ja nur das eine Buch und dachte aber, als zweites wäre die weiße CO-Tüte auch noch sehr hübsch, mit so einer Lindbergh-Signatur, wenn schon, denn schon. Um es kurz zu machen: ich stellte mich schon psychologisch darauf ein, dass ich ein freundliches Lächeln, Guten Tag und Auf Wiedersehen empfangen werde, und fertig ist die Laube. Die interessant geschminkte Lady ging immer mal wieder an mir mit ihrem Mann an der Schlange vorbei, meistens mit einem frischen Glas Weißwein in der Hand, und erkundigte sich bei mir besorgt, ob ich immer noch nicht dran wäre, was ich sehr warmherzig fand, denn die anderen fragte sie nicht. Bei dem Hin und Her war ich nun schon langsam wirklich neugierig geworden, warum die beiden so einfach mir nichts, dir nichts, an den Ordnern vorbei, hin und herlaufen können und warum sie sich überhaupt so ausdauernd dort aufhalten. So konnte ich mir nicht verkneifen, ihm zu sagen „Ich möchte ja mal zu gerne wissen, was man für einen Namen haben muss, um hier einfach so durchgehen zu können!“ Er: „Phh – ich will ja kein Buch signieren lassen, wie die alle.“ Das war mir nun schon klar, mittlerweile. Auf einmal sehe ich, wie er zehn Meter von mir entfernt von einem Reporter mit Fernsehkamera interviewt wird und ich ärgere mich langsam fast schon, dass ich keine noch so kleine Ahnung habe, wer der komische Kauz mit der kostspielig aussehenden Retro-Brille und dem Einstecktuch ist.

Vielleicht ein Kunstkritiker, den ich nicht kenne? Irgendwer vom Feuilleton? Da weiß man ja auch nicht, wie die aussehen. Auf jeden Fall scheint man sich für seine Meinung zu interessieren. Na toll. Hm. Immerhin sehe ich Lindbergh schon, er sitzt, ganz hinten auf der Bank, es geht nun plötzlich zügig voran. Mir wird mein Buch von einem Assistenten aus der Tüte genommen und mein Name wird ihm mitgeteilt. Die Audienz kann beginnen. Ich hatte ja diesen Kuhfellmantel an, der aber kein echtes Kuhfell ist, sondern so ein Webpelz aus einem Baumwolle- und Viskose-Gemisch. Peter Lindbergh begrüßt mich mit einem Blick, als wäre er gerade aufgewacht und einem sehr freundlichen „Hallo!“ und „Na – was haben wir denn hier? Das ist ja mal ein Mantel, ist das eine Kuh?“


Ich kläre ihn auf, worauf er meint, da hätte ich aber noch mal Glück gehabt. Und dass er mir jetzt etwas in das Buch schreiben würde, wo ich was zum Nachdenken hätte. Aber ich dürfte es erst zuhause durchlesen. Und dann würde ich mir wahrscheinlich denken: „Der blöde Hund!“ Er grinst mich über seine Brillenränder an, auf eine Art, dass man keinen Zweifel haben kann, dass er es faustdick hinter den Ohren hat. Er scheint sich sehr über sich und auch mich zu amüsieren und ermahnt mich noch ein weiteres mal, es erst zuhause zu lesen. Das finde ich blöd und sage „Na toll, möchte ja mal wissen, was da jetzt nun drin steht! Zur Strafe wird jetzt aber noch die Tüte signiert, hier, los! Auf gehts!“ Er signiert die CO-Tüte und ich gucke ihn extra böse dabei an. Er muss lachen und ich sage „Danke“ und „Tschüs“ und drehe mich um. Und als ich schon fast zur Tür raus bin, ruft er mir laut hinterher: „hey – – – ! Ganz toll – ganz toller Mantel, ganz, ganz toll, WIRK-LICH!!!“

Und zwinkert mir ein letztes Mal zu. Das war natürlich keine weltbewegende Konversation, aber im Vergleich zu denen vor mir, war das doch für seine Verhältnisse ein beträchtlicher Palaver und ich hatte Gewissheit, dass es bestimmt sehr lustig und kommunikativ wäre, mit ihm zu arbeiten. So wie ich es mir eigentlich gedacht habe. Nun bin ich ja nicht in der Verlegenheit mit ihm zu arbeiten, aber ich habe verifiziert, dass er in etwa so tickt, wie ich es mir immer schon dachte. Ganz unkompliziert.




Bevor ich die Klinke in die Hand nahm, mit meiner signierten Tüte mit dem Buch, kam ich noch ein letztes mal an dem lustigen Mann vorbei und ich hatte nach den vielen Begegnungen inzwischen das Bedürfnis, mich von ihm zu verabschieden, obwohl ich immer noch nicht wusste, wer er ist. Ich sagte zu ihm. „Sie halten es aber auch ganz schön lange hier aus, obwohl Sie doch gar nichts signiert haben wollen, wie kommt das?“ Er: „ich bin der Herausgeber. Ich habe noch nie irgendwo einen derartigen Andrang für ein Buch gesehen. Das schlägt alles, was ich bis jetzt gesehen habe. Aber ist natürlich erfreulich. Schönen Abend noch! Auf Wiedersehen!“ „Verstehe. Danke, Ihnen auch. „Herausgeber“ ist er also, mal daheim in Ruhe nachschauen, steht ja vielleicht im Buch drin.



Zuhause habe ich dann überhaupt das Buch erst einmal in Ruhe angeschaut – aber vorher schon in der S-Bahn die Widmung gelesen. Er hat mich ein bißchen auf den Arm genommen, der gute Peter Lindbergh, denn es steht nichts drin, was mir Anlass geben würde, ihn als blöden Hund in Erinnerung zu behalten. Im Impressum vom Buch stand dann aber nicht Herausgeber mit Vor- und Nachname, nur der Grafiker, der das Layout gemacht hat und wer die Texte geschrieben hat, u. a. Wim Wenders und Peter Handke. Im Schirmer-Mosel-Verlag erschienen. Ein nicht unbekannter Verlag, von dem wohl so ziemlich jeder den einen oder anderen Bildband im Regal haben dürfte. Ja, wer ist aber denn der Herausgeber? Wenn man also Schirmer und Mosel und Herausgeber googelt, kommen immer nur so Suchergebnisse, wo es um den Verlagsinhaber geht, der Lothar Schirmer heißt. Hm. Grübel, grübel. Mal Bildersuche machen, wie der ausschaut. Manchmal stehe ich ein bißchen auf der Leitung. War jedenfalls trotz der Warterei ein amüsanter Abend. Nichtzuletzt auch wegen Herrn Schirmer, dem lustigen Mann mit der Retrobrille und dem Einstecktuch, und seiner nett mitfühlenden Frau mit dem Lidstrich.






14. Mai 2015
Es ist sehr bewölkt heute in Berlin. Der Wetterbericht gestern meinte nur „leicht“, aber eine Wettervorhersage ist nur eine Wahrscheinlichkeits-Prognose. Manchmal wird ja auch Düsteres vorhergesagt und auf einmal kommt die Sonne doch. Es gibt Überraschungen in beide Richtungen. Ich wollte ursprünglich, wäre es nur leicht bewölkt gewesen, einen Ausflug zur Liebermann-Villa am Wannsee machen. Aber man muss im Leben manchmal auf geänderte Gegebenheiten reagieren. Will man stur einen Plan abarbeiten, läuft man Gefahr, mit weiteren Unannehmlichkeiten konfrontiert zu werden, weil man stur an der Umsetzung einer Sache festhält, deren Zeitpunkt nicht ideal ist. Also ich bleibe hier drin und hoffe auf die Sonne morgen. So konnte ich in Ruhe ein bißchen hier und da gucken und lesen, zum Beispiel auch bei Arboretum, die vor sechs Jahren die Villa und den Garten besucht hat und man unterhält sich ein bißchen am Computer. Dann überlege ich auch, ein bißchen die drei externen Festplatten aufzuräumen, ein paar Dateiordner zu verschieben, anders zu ordnen. Fotografien doppelt, für wen oder was auch immer. Dann fällt mir ein, dass ich noch einen einzigen Beitrag in meinem Blog hier auf „offline“ habe, also einen Entwurf – normalerweise habe ich keine Textentwürfe – ich habe manchmal ein paar wenige Tage schon ein paar Fotos für einen Eintrag mit dem Einbettungscode in einem Beitrag offline, aber am Ende, der Text, wird nicht über Tage entworfen und dann erst gepostet. Ich schreibe direkt ins Blogeintragsfenster und gucke nach Rechtschreibfehlern quer, das wars und ab die Post. Aber dieser eine Eintrag, der tatsächlich Text enthält, bereitet mir tatsächlich Entscheidungsschwierigkeiten, ob ich den Quatsch (denn das ist er, geträumter) allen Ernstes noch verarbeiten soll oder einfach löschen. Ich finde den Inhalt ein bißchen peinlich, weil er den Eindruck vermitteln könnte, meine Traum-Denkweise ließe einen Rückschluss auf mein tatsächliches Denken zu. Das möchte ich möglichst ausschließen. Schwierig! Andererseits finde ich den Inhalt sehr plastisch und Widersprüchlichkeiten zwischen Traum- und Wachpsyche sind auch irgendwie interessant. Es war ungefähr am siebten April, schon über einen Monat her, dass ich am Tag nach dem Traum nur ganz kurze Stichworte vermerken wollte, weil ich sehr stark dazu neige, Träume sofort komplett zu vergessen, auch wenn ich eine Stunde nach dem Aufwachen noch eine plastische Erinnerung hatte. Ich war mir so unschlüssig, ob es sich lohnt, das aufzuschreiben, dass ich einfach nur stichpunktartig – für alle Fälle – die folgende Notiz machte:
meesetraum
Stoffsammlung: Traum Jonathan Meese kleines, dunkles Zimmer – bei ihm, er malt, kritzelt, wirft auf den Boden, ich möchte Signatur, weil ich dann ausgesorgt hätte, und machen könnte, was ich will, (wir trinken Bordeaux, Lafite Rothschild, aus einer Holzkiste*) er reagiert überhaupt nicht, ich finde ihn ignorant und geizig, er kritzelt auf Art Flip Chart, verdeckt, gibt mir Blatt Papier mit Skizze, strahlt mich an, die Skizze zeigt, dass ich sein erotisches Idol bin, es handelt sich um eine Art Liebeserklärung, ich denke darüber nach, ob es nicht schlau wäre, ein Kind von ihm zu kriegen, das hätte dann auch ausgesorgt. Finde ihn aber nicht so erotisch wie er mich. Er bietet Sekt an, ich fürchte, mir nicht trocken genug, lasse ihn erklären, was für einen genau, er zeigt sich fachmännisch, spricht von Flaschengärung. Hätte ich gar nicht gedacht, dass er sich da auskennt.. Dann Flucht, ich mit jemandem anderen auf den Gängen des Gebäudes. Creezy kommt auch vor, ich frage sie, ob sie noch die Frau B. K. kennt, erinnert, ja natürlich – wieso? weiß nicht mehr… die könnte irgendetwas bestimmtes – – – was war das noch? Singen?
Also gut, nun habe ich es doch gepostet, aber ohne Ausschmückung und weitere Verarbeitung und Erörterung. Hätte ich einen Blogeintrag daraus gemacht, mit vollständigen Sätzen und weiteren Erläuterungen, hätte ich wohl auch einleitend erwähnt, dass er bei mir um die Ecke wohnt, also in einer sehr kleinen Parallelstraße zu meiner, und mir deswegen schon hin und wieder über den Weg gelaufen ist, wo er auch immer sehr nett guckt, also ich kann nichts Schlechtes berichten. Aber diese Sache mit dem „dann hätte ich ausgesorgt“ und dann auch noch der Gedanke, eventuell ein Kind mit ihm zu kriegen – also das geht ja gar nicht. Zu allem Überfluss stand er ungefähr zwei Tage später auf demselben S-Bahnsteig wie ich und wartete ebenfalls auf eine sehr verspätete S-Bahn. Es war eine Zeit, wo ich normalerweise nicht unterwegs bin, so kurz vor elf Uhr vormittags glaube ich, und da waren wenige andere Leute die warteten, man musste fast schon zwangsläufig registrieren, wer da alles so wartet und dann fiel mir der peinliche Traum wieder ein und ich dachte – um Gottes Willen – bloß löschen, nicht posten – viel zu peinlich! Und dann konnte ich den Quatsch doch nicht löschen, warum auch immer. Wahrscheinlich meine Wahrheitsliebe. Vielleicht ist ja doch was dran. Tatsächlich amüsiert es mich schon auch, oder beschäftigt mich, dass ein sehr erfolgreicher bildender Künstler alleine mit einem beliebigen Gekritzel auf eine Serviette mit seiner Signatur ein geldwertes Objekt als solches definieren kann. Die reinste Zauberei. Aber da muss man erstmal hinkommen. Für meine Begriffe hat er im Bereich der Malerei (ich betone: der Malerei) jeden Erfolg verdient. Ich bin da (fast gar) nicht neidisch. Aber dass ich im Traum auf die Idee komme, ich könnte davon profitieren, indem ich mich ihm hingebe – was ich ja übrigens – muss ich zu meiner Ehrenrettung hinzufügen – nicht gemacht habe! Ich habe selbst im Traum damit gehadert, das weiß ich noch. Und mich ja letzten Endes aus Gewissensgründen dagegen entschieden, denn es gab ja keine entsprechende Konsequenz. Also bei der Erklärung zur Flaschengärung brach die Szene dann ja ab und ich irrte mit jemand anderem durch diese hotelartigen Räumlichkeiten bis zum völlig anders gearteten Szenario. Wie auch immer – ein Einblick in einen nächtlichen Abgrund. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Jonathan Meese Blogs liest. Komisch, ich kann mir das allgemein bei bekannten Leuten immer nicht vorstellen – warum eigentlich? Also wenn er sich irgendwann selber googelt, kommt das hier als Suchergebnis bestimmt so dermaßen weit hinten, dass ihm längst die Lust vergangen ist, dahin zu blättern. Also eigentlich keine Gefahr. Kann ich es ja posten. Und wenn doch – ähm. Muss er mich halt bei der nächsten Zufalls-Begegnung darauf ansprechen.
13. März 2015


Anfang letzer Woche, als auch die berühmte re:publica wieder vor der Tür stand, kriegte ich zufällig mit, dass man sich – mit dem Zusatz „TO WHOM IT MAY CONCERN“ unter dem Motto „Steinzeitbloggertreffen“ in einem Lokal treffen wollte. Ich wurde zwar nicht namentlich zum Kommen aufgefordert, aber als ich sah, dass auch Blogger damit angesprochen wurden, die nach mir damit angefangen hatten, und ich einige auch schon einmal in den letzten zehn Jahren getroffen hatte, und Bov dann auch noch twitterte, dass „auch Bronze- und Eiszeitpeople willkommen sind“, hatte ich die Zuversicht, dass es sich um eine für Interessierte offen gehaltene Veranstaltung handeln könnte, wo man nicht das Gefühl haben müsste, sich einer Gruppe von Bloggern aufzudrängen, die lieber unter sich bleiben will. Das hat mir gut gepasst, weil ich gerne Zusammenkünfte mag, wo nicht von vorneherein zementiert ist, wer dabei ist. Ich hatte die Hoffnung, dass vielleicht jemand dabei wäre, den ich lese und noch nie getroffen habe. Auch Neugier auf alte Bekannte spielte eine Rolle, denn es waren schon wieder einige Jahre ins Land gegangen, wo ich den einen oder die andere persönlich getroffen habe. Als ich dann los bin, wusste ich nur sehr grob, dass sicher auf jeden Fall Bov und Ronsens da wären und elfengleich, die ich nicht kannte, nur vom Blognamen, weil die drei sich darum gekümmert hatten, die Einladung zu twittern und auf facebook zu verteilen. Ich habe ja keinen twitter account, aber gerade in der Zeit der re:publica, wo ich auch gedanklich immer mal damit spiele, hier oder da hinzugehen, zu vereinzelten Events vielleicht, wird ja in dem Ausmaß über twitter kommuniziert, wie es früher in den Blogs der Fall war. Meines Wissens gab es kein einziges Blog, in dem von dem Treffen die Rede war, sicher nicht aus Geheimniskrämerei, sondern weil es allen in Fleisch und Blut übergegangen ist, so etwas zu twittern oder über facebook zu verteilen. Ich wollte das auch nicht schreiben, weil ich mir zum einen nicht anmaßen wollte, mich als Nicht-Initiatorin in vielleicht unerwünschte Einladungsgesten zu versteigen, und zum anderen hatte ich den Eindruck, dass diejenigen, für die das relevant war und die außerdem in Berlin waren, ohnehin noch mehr Kontakte und Informationsflow als ich in dieser Hinsicht hatten. Es fand in einem mexikanischen Lokal in der Raumerstraße statt, im Girasol. Da war ich auch noch nie. Ich kam ungefähr um halbneun an, wo im hinteren Raum an einem längeren Tisch schon einige bekannte Gesichter waren. Man ist dann doch froh, wenn zwei, drei Leute da sind, die einen nach Jahren noch erinnern. Bei Wortschnittchen war das einigermaßen sicher gestellt, weil wir uns letztes Jahr bei der re:publica gesehen hatten. Dann konnte ich gegenüber noch Melle erkennen, ich weiß aber nicht, ob er mich erkannt hat. Und Bov erinnerte sich zum Glück noch, was mich beruhigt hat. Wir sind mal 2007 bei einem Bloggertreffen in einem Lokal namens Walden gewesen, an den Namen der Kneipe konnte ich mich gar nicht mehr erinnern, aber Bov wusste es noch genau, und dass ich fotografiert hatte. Dafür erinnerte ich mich an ein sehr heikles Gesprächsthema von damals. Direkt mir gegenüber saß ein – darf man sagen – älterer Mann? Bei dem ich mir eine ganze Weile unsicher war, ob es sich um Don Dahlmann handeln könnte, den ich früher weiß Gott öfter getroffen habe, d. h. ich erinnere mich an seine Mimik und die Stimme usw. Der Mann mir gegenüber hatte schlohweißes Haar und auch so einen Bart wie Don, also wirklich einige Ähnlichkeit, aber als er dann zu sprechen anfing, beschloss ich, dass es jemand anders sein muss. Ich war auch ein bißchen beruhigt, weil er schon sehr viel älter aussah, als was dem ungefähren Alter von Don entsprechen müsste. Rechts von Bov saß ein anderer bärtiger Mann und nach einer ganzen Weile fiel mir ein, dass es sich um Praschl handeln müsste. Er sah für meine Begriffe auch nahezu unverändert aus, ich hatte ihn aber auch damals nie getroffen, kannte ihn nur von wenigen Fotos. Ah, der Praschl! Er hat mir auch bestätigt, dass er es ist, also keine Verwechslung. Links von dem vermeintlichen Don war elfengleich, die die Idee hatte und neben ihr Melle und dann ein Blogger, den ich überhaupt nicht kannte, ein ganz hübscher Blonder und neben ihm – was mich unheimlich gefreut hat – Mequito. Mek! Total unverändert. Und immer noch dieser wunderbare Südtiroler Akzent, nur ganz leicht. Ich war gleich wieder verliebt. Er hatte ein Ringelshirt und ein schwarzes Sakko darüber an und immer noch so schöne lange Wimpern. Weil er so hübsch anzusehen ist, habe ich mich noch viel weniger getraut, ihn zu fotografieren als die anderen. Ich war richtig gehemmt. Ich bin ohnehin schon gehemmt, eine private Gesellschaft mit dem Fotoapparat zu belästigen, denn so könnte man es bei dem weltweiten 24-Stunden overflow von instagram-Geknipse vom Aufstehen bis zum Schlafengehen schon empfinden. Ihm gegenüber saß Casino, Frau Casino, mit der ich vor sechs Jahren und gemeinsam mit Mek einmal einen schönen Abend verbracht habe. Als erstes ist mir eingefallen, dass wir beide derselbe Jahrgang sind und dieses Jahr Fünfzig werden. Mir war, als hätten wir uns erst letzte Woche getroffen, das war auch sehr schön. Manche hatten Essen bestellt, das kam aber alles so nach und nach, Wortschnittchen war noch dabei, ihren Teller leer zu essen, ich habe inzwischen ein Jever bestellt und ein Rumpsteak mit Ofenkartoffeln und Gemüse. Ziemlich gleichzeitig mit meinem Essen kam zu meiner Freude eine weitere Bloggerin, die ich von früher kannte und auch immer noch fleißig lese, Modeste. Sie hatte ein wahnsinnig elegantes graues Kleid an, mit so Viertelärmeln, ja eine Art Etuikleid mit kurzen Ärmeln aus einem ganz edlen Stoff. Sie war schon immer eine der elegantesten Bloggerinnen, da gibt es nichts zu diskutieren. Ihre ebenfalls sehr elegante Handtasche, so eine Art Kelly Bag – oder war es womöglich sogar eine – stellte sie auf einen der Stühle und da fiel mir ein, dass sie eigentlich doch eine Super-Zielgruppe für so einen Handtaschenhalter wäre, wie ich ihn neulich aus reiner Kauflust gekauft habe. Die Königin von England hat auch so ein Ding. Man klemmt den Haken an die Tischplatte, wenn man Essen geht und hängt die Tasche dran. Jetzt muss ich nur noch öfter essen gehen, damit sich das Ding amortisiert. Ich fürchte, ich habe nur so lange ich mein Steak mit dem Berg Kartoffeln verputzt habe, den Mund gehalten. Ein Bier nach dem anderen habe ich mir bestellt, es hat mir wirklich geschmeckt und dann war ich irgendwann so angetrunken, dass ich ohne Punkt und Komma Zeug erzählt habe, ich hoffe, die anderen waren nicht zu genervt, vor allem Wortschnittchen und Modeste mussten eventuell darunter leiden. Es ging von Klatsch und Tratsch über andere Blogger und re:publica-Hype, über Botox, Judy Winter & Peter Zadek, bis Treffen früherer Liebhaber (u. deren Lebensgefährtinnen), Versöhnung, Erbrecht und Testament.


Durch die Trunkenheit ermutigt, habe ich dann doch einmal die Kamera angemacht und irgendwie herumgeknipst, aber doch sehr verhalten. Inzwischen war noch Jens Scholz gekommen, der kam direkt von der re:publica und hatte auch einiges zu erzählen. Er wird auch nicht älter! Überhaupt kann man sagen: Bloggen scheint jung zu halten. Ronsens saß mal hier und mal da und zweimal war er vor meinem Objektiv. Ich habe wirklich gehofft, dass die wenigen Bilder irgendwie historisch interessant sein könnten. Aber man kann sich irren, besonders wenn man im fortgeschrittenen Zustand der Trunkenheit die Fähigkeit überschätzt, die Kamera richtig einzustellen und ruhig zu halten. Nach und nach mussten dann einige wieder aufbrechen, es war ja auch schon nach Mitternacht und der harte Kern wurde auch vom Service-Personal freundlich gebeten, langsam zum Ende zu kommen. Ich habe den Rest bezahlt, was noch offen war, es war mir auch schon wurscht und unter der Laterne vor der Tür haben sich die letzten Mohikaner, Bov und Ronsens und Casino und ich verabschiedet. Frau Casino und ich sind dann noch zu ihr um die Ecke, um den Hund für ein Gassi abzuholen und sie hat mich Richtung Taxi-Stand begleitet und ich habe bestimmt noch mehr unsinniges Zeug geplappert, aber mir ist es lustig vorgekommen. Ich hoffe, ihr auch ein bißchen.

https://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=1811922554


Daheim habe ich dann noch die Bilder von der Kamera geladen und war völlig perplex, dass ich so einen Schrott fotografiert habe. Das sind so ungefähr die schlechtesten, unbrauchbarsten Bilder, die ich in den letzten zehn Jahren fabriziert habe. Ein paar von dem Schrott habe ich aber zum steten Gedenken aufgehoben und in die Strecke genommen, als Mahnmal. Und ein bißchen auch als quasi künstlerisch interpretierbares Dokument materialisierter Trunkenheit. Während ich das schreibe, fällt mir ein, dass es mit Sicherheit der einzige Erlebnisbericht von diesem Bloggertreffen ist. Früher hätten alle ein, zwei Tage danach feinsäuberlich berichtet, dass man sich getroffen hat, und alle Namen schön verlinkt. Aber heute sind die Zeiten nun einmal anders. Nur Ronsens hat einen kleinen Tweet dazu geschrieben: „Steinzeitbloggers are nice bloggers (um nicht zu sagen the nicest)“. Es waren auch noch ein oder zwei andere Blogger/innen da, die ich leider namentlich nicht parat habe, das tut mir leid. Jedenfalls war es wieder einmal schön und interessant, nach längerer Zeit aufeinanderzutreffen. Viele haben wir auch vermisst, aber die hatten auch mitgeteilt, dass sie verhindert waren, es war ja auch eine superkurzfristige Idee, nur zwei Tage vor dem Treffen geboren. Felix zum Beispiel wollte ursprünglich mit seiner Frau Katia kommen, aber er hatte dann wohl Torschlusspanik, weil er seine re:publica-Rede noch überhaupt nicht vorbereitet hatte und deswegen Schularbeiten machen musste. Da hat man natürlich Verständnis. Obwohl er so ein begnadeter Vortragskünstler ist, dass er wahrscheinlich auch bei kompletter Improvisation – aber das ist ein anderes Thema. Wortschnittchen hat etwas dazu geschrieben, warum sie nicht zur re:publica in diesem Jahr gegangen ist. Manches davon kann ich sehr gut verstehen, einiges. Das habe ich ja auch in dem Kommentar darunter geschrieben. Jedenfalls wollte ich meine lieben Leserinnen und Leser irgendwie daran teilhaben lassen, dass wieder einmal so eine Art Mini-Blogmich war und ich auch dabeisein durfte. Es war nicht die Sensationsparty des Jahres, wie man ja auch einfach mal so, dreist, in Blogger-Übertreibungs-Tradition, behaupten könnte, weil ja die Daheimgebliebenen es nicht widerlegen können. Aber mir gehen solche Übertreibungen gegen den Strich, man braucht auch noch ein bißchen Luft nach oben, sonst gehen einem die Superlative aus, wenn sie dann einmal angemessen sind. Aber ein sehr angenehmer Abend mit sehr geistreichen Bloggern war es. Und als solchen wollte ich ihn hiermit einfach festgehalten haben.
13. März 2015


Anfang letzer Woche, als auch die berühmte re:publica wieder vor der Tür stand, kriegte ich zufällig mit, dass man sich – mit dem Zusatz „TO WHOM IT MAY CONCERN“ unter dem Motto „Steinzeitbloggertreffen“ in einem Lokal treffen wollte. Ich wurde zwar nicht namentlich zum Kommen aufgefordert, aber als ich sah, dass auch Blogger damit angesprochen wurden, die nach mir damit angefangen hatten, und ich einige auch schon einmal in den letzten zehn Jahren getroffen hatte, und Bov dann auch noch twitterte, dass „auch Bronze- und Eiszeitpeople willkommen sind“, hatte ich die Zuversicht, dass es sich um eine für Interessierte offen gehaltene Veranstaltung handeln könnte, wo man nicht das Gefühl haben müsste, sich einer Gruppe von Bloggern aufzudrängen, die lieber unter sich bleiben will. Das hat mir gut gepasst, weil ich gerne Zusammenkünfte mag, wo nicht von vorneherein zementiert ist, wer dabei ist. Ich hatte die Hoffnung, dass vielleicht jemand dabei wäre, den ich lese und noch nie getroffen habe. Auch Neugier auf alte Bekannte spielte eine Rolle, denn es waren schon wieder einige Jahre ins Land gegangen, wo ich den einen oder die andere persönlich getroffen habe. Als ich dann los bin, wusste ich nur sehr grob, dass sicher auf jeden Fall Bov und Ronsens da wären und elfengleich, die ich nicht kannte, nur vom Blognamen, weil die drei sich darum gekümmert hatten, die Einladung zu twittern und auf facebook zu verteilen. Ich habe ja keinen twitter account, aber gerade in der Zeit der re:publica, wo ich auch gedanklich immer mal damit spiele, hier oder da hinzugehen, zu vereinzelten Events vielleicht, wird ja in dem Ausmaß über twitter kommuniziert, wie es früher in den Blogs der Fall war. Meines Wissens gab es kein einziges Blog, in dem von dem Treffen die Rede war, sicher nicht aus Geheimniskrämerei, sondern weil es allen in Fleisch und Blut übergegangen ist, so etwas zu twittern oder über facebook zu verteilen. Ich wollte das auch nicht schreiben, weil ich mir zum einen nicht anmaßen wollte, mich als Nicht-Initiatorin in vielleicht unerwünschte Einladungsgesten zu versteigen, und zum anderen hatte ich den Eindruck, dass diejenigen, für die das relevant war und die außerdem in Berlin waren, ohnehin noch mehr Kontakte und Informationsflow als ich in dieser Hinsicht hatten. Es fand in einem mexikanischen Lokal in der Raumerstraße statt, im Girasol. Da war ich auch noch nie. Ich kam ungefähr um halbneun an, wo im hinteren Raum an einem längeren Tisch schon einige bekannte Gesichter waren. Man ist dann doch froh, wenn zwei, drei Leute da sind, die einen nach Jahren noch erinnern. Bei Wortschnittchen war das einigermaßen sicher gestellt, weil wir uns letztes Jahr bei der re:publica gesehen hatten. Dann konnte ich gegenüber noch Melle erkennen, ich weiß aber nicht, ob er mich erkannt hat. Und Bov erinnerte sich zum Glück noch, was mich beruhigt hat. Wir sind mal 2007 bei einem Bloggertreffen in einem Lokal namens Walden gewesen, an den Namen der Kneipe konnte ich mich gar nicht mehr erinnern, aber Bov wusste es noch genau, und dass ich fotografiert hatte. Dafür erinnerte ich mich an ein sehr heikles Gesprächsthema von damals. Direkt mir gegenüber saß ein – darf man sagen – älterer Mann? Bei dem ich mir eine ganze Weile unsicher war, ob es sich um Don Dahlmann handeln könnte, den ich früher weiß Gott öfter getroffen habe, d. h. ich erinnere mich an seine Mimik und die Stimme usw. Der Mann mir gegenüber hatte schlohweißes Haar und auch so einen Bart wie Don, also wirklich einige Ähnlichkeit, aber als er dann zu sprechen anfing, beschloss ich, dass es jemand anders sein muss. Ich war auch ein bißchen beruhigt, weil er schon sehr viel älter aussah, als was dem ungefähren Alter von Don entsprechen müsste. Rechts von Bov saß ein anderer bärtiger Mann und nach einer ganzen Weile fiel mir ein, dass es sich um Praschl handeln müsste. Er sah für meine Begriffe auch nahezu unverändert aus, ich hatte ihn aber auch damals nie getroffen, kannte ihn nur von wenigen Fotos. Ah, der Praschl! Er hat mir auch bestätigt, dass er es ist, also keine Verwechslung. Links von dem vermeintlichen Don war elfengleich, die die Idee hatte und neben ihr Melle und dann ein Blogger, den ich überhaupt nicht kannte, ein ganz hübscher Blonder und neben ihm – was mich unheimlich gefreut hat – Mequito. Mek! Total unverändert. Und immer noch dieser wunderbare Südtiroler Akzent, nur ganz leicht. Ich war gleich wieder verliebt. Er hatte ein Ringelshirt und ein schwarzes Sakko darüber an und immer noch so schöne lange Wimpern. Weil er so hübsch anzusehen ist, habe ich mich noch viel weniger getraut, ihn zu fotografieren als die anderen. Ich war richtig gehemmt. Ich bin ohnehin schon gehemmt, eine private Gesellschaft mit dem Fotoapparat zu belästigen, denn so könnte man es bei dem weltweiten 24-Stunden overflow von instagram-Geknipse vom Aufstehen bis zum Schlafengehen schon empfinden. Ihm gegenüber saß Casino, Frau Casino, mit der ich vor sechs Jahren und gemeinsam mit Mek einmal einen schönen Abend verbracht habe. Als erstes ist mir eingefallen, dass wir beide derselbe Jahrgang sind und dieses Jahr Fünfzig werden. Mir war, als hätten wir uns erst letzte Woche getroffen, das war auch sehr schön. Manche hatten Essen bestellt, das kam aber alles so nach und nach, Wortschnittchen war noch dabei, ihren Teller leer zu essen, ich habe inzwischen ein Jever bestellt und ein Rumpsteak mit Ofenkartoffeln und Gemüse. Ziemlich gleichzeitig mit meinem Essen kam zu meiner Freude eine weitere Bloggerin, die ich von früher kannte und auch immer noch fleißig lese, Modeste. Sie hatte ein wahnsinnig elegantes graues Kleid an, mit so Viertelärmeln, ja eine Art Etuikleid mit kurzen Ärmeln aus einem ganz edlen Stoff. Sie war schon immer eine der elegantesten Bloggerinnen, da gibt es nichts zu diskutieren. Ihre ebenfalls sehr elegante Handtasche, so eine Art Kelly Bag – oder war es womöglich sogar eine – stellte sie auf einen der Stühle und da fiel mir ein, dass sie eigentlich doch eine Super-Zielgruppe für so einen Handtaschenhalter wäre, wie ich ihn neulich aus reiner Kauflust gekauft habe. Die Königin von England hat auch so ein Ding. Man klemmt den Haken an die Tischplatte, wenn man Essen geht und hängt die Tasche dran. Jetzt muss ich nur noch öfter essen gehen, damit sich das Ding amortisiert. Ich fürchte, ich habe nur so lange ich mein Steak mit dem Berg Kartoffeln verputzt habe, den Mund gehalten. Ein Bier nach dem anderen habe ich mir bestellt, es hat mir wirklich geschmeckt und dann war ich irgendwann so angetrunken, dass ich ohne Punkt und Komma Zeug erzählt habe, ich hoffe, die anderen waren nicht zu genervt, vor allem Wortschnittchen und Modeste mussten eventuell darunter leiden. Es ging von Klatsch und Tratsch über andere Blogger und re:publica-Hype, über Botox, Judy Winter & Peter Zadek, bis Treffen früherer Liebhaber (u. deren Lebensgefährtinnen), Versöhnung, Erbrecht und Testament.


Durch die Trunkenheit ermutigt, habe ich dann doch einmal die Kamera angemacht und irgendwie herumgeknipst, aber doch sehr verhalten. Inzwischen war noch Jens Scholz gekommen, der kam direkt von der re:publica und hatte auch einiges zu erzählen. Er wird auch nicht älter! Überhaupt kann man sagen: Bloggen scheint jung zu halten. Ronsens saß mal hier und mal da und zweimal war er vor meinem Objektiv. Ich habe wirklich gehofft, dass die wenigen Bilder irgendwie historisch interessant sein könnten. Aber man kann sich irren, besonders wenn man im fortgeschrittenen Zustand der Trunkenheit die Fähigkeit überschätzt, die Kamera richtig einzustellen und ruhig zu halten. Nach und nach mussten dann einige wieder aufbrechen, es war ja auch schon nach Mitternacht und der harte Kern wurde auch vom Service-Personal freundlich gebeten, langsam zum Ende zu kommen. Ich habe den Rest bezahlt, was noch offen war, es war mir auch schon wurscht und unter der Laterne vor der Tür haben sich die letzten Mohikaner, Bov und Ronsens und Casino und ich verabschiedet. Frau Casino und ich sind dann noch zu ihr um die Ecke, um den Hund für ein Gassi abzuholen und sie hat mich Richtung Taxi-Stand begleitet und ich habe bestimmt noch mehr unsinniges Zeug geplappert, aber mir ist es lustig vorgekommen. Ich hoffe, ihr auch ein bißchen.

https://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=1811922554


Daheim habe ich dann noch die Bilder von der Kamera geladen und war völlig perplex, dass ich so einen Schrott fotografiert habe. Das sind so ungefähr die schlechtesten, unbrauchbarsten Bilder, die ich in den letzten zehn Jahren fabriziert habe. Ein paar von dem Schrott habe ich aber zum steten Gedenken aufgehoben und in die Strecke genommen, als Mahnmal. Und ein bißchen auch als quasi künstlerisch interpretierbares Dokument materialisierter Trunkenheit. Während ich das schreibe, fällt mir ein, dass es mit Sicherheit der einzige Erlebnisbericht von diesem Bloggertreffen ist. Früher hätten alle ein, zwei Tage danach feinsäuberlich berichtet, dass man sich getroffen hat, und alle Namen schön verlinkt. Aber heute sind die Zeiten nun einmal anders. Nur Ronsens hat einen kleinen Tweet dazu geschrieben: „Steinzeitbloggers are nice bloggers (um nicht zu sagen the nicest)“. Es waren auch noch ein oder zwei andere Blogger/innen da, die ich leider namentlich nicht parat habe, das tut mir leid. Jedenfalls war es wieder einmal schön und interessant, nach längerer Zeit aufeinanderzutreffen. Viele haben wir auch vermisst, aber die hatten auch mitgeteilt, dass sie verhindert waren, es war ja auch eine superkurzfristige Idee, nur zwei Tage vor dem Treffen geboren. Felix zum Beispiel wollte ursprünglich mit seiner Frau Katia kommen, aber er hatte dann wohl Torschlusspanik, weil er seine re:publica-Rede noch überhaupt nicht vorbereitet hatte und deswegen Schularbeiten machen musste. Da hat man natürlich Verständnis. Obwohl er so ein begnadeter Vortragskünstler ist, dass er wahrscheinlich auch bei kompletter Improvisation – aber das ist ein anderes Thema. Wortschnittchen hat etwas dazu geschrieben, warum sie nicht zur re:publica in diesem Jahr gegangen ist. Manches davon kann ich sehr gut verstehen, einiges. Das habe ich ja auch in dem Kommentar darunter geschrieben. Jedenfalls wollte ich meine lieben Leserinnen und Leser irgendwie daran teilhaben lassen, dass wieder einmal so eine Art Mini-Blogmich war und ich auch dabeisein durfte. Es war nicht die Sensationsparty des Jahres, wie man ja auch einfach mal so, dreist, in Blogger-Übertreibungs-Tradition, behaupten könnte, weil ja die Daheimgebliebenen es nicht widerlegen können. Aber mir gehen solche Übertreibungen gegen den Strich, man braucht auch noch ein bißchen Luft nach oben, sonst gehen einem die Superlative aus, wenn sie dann einmal angemessen sind. Aber ein sehr angenehmer Abend mit sehr geistreichen Bloggern war es. Und als solchen wollte ich ihn hiermit einfach festgehalten haben.
12. Mai 2015


























https://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=1811922554
Vierter März 2015, Mittwoch. Peter Lindbergh bei CO. Ich bin hin, weil ich etwas verifizieren wollte. Ob wir auf einer Wellenlänge sind. Das mit dem Signieren war nur ein Vorwand, der mir ganz recht war. Ich hatte nichts zum Signieren, so kaufte ich eines der Bücher, den soeben erschienenen neuen Bildband Images of Women II, 2005 – 2014. Nicht, weil ich ihn unbedingt besitzen wollte, sondern um nicht mit leeren Händen dazustehen, ein einfaches Blatt Papier oder eine Serviette wäre mir zu schäbig gewesen. Und jedes gekaufte Buch ist ja ein unwiderlegbares Kompliment. Er hätte ein bißchen zu tun und währenddessen macht man ein bißchen Konversation. Viele Menschen waren da. Sehr viele. Um nicht zu sagen: sehr, sehr viele. Und das bedeutete: sehr viel Warten. Ich hatte das Buch noch nicht und überlegte, ob mir die kurze Begegnung die Warterei wert wäre, schaute ein bißchen durch die übrigen Bildbände und ließ meinen Blick über das Publikum schweifen. Viele attraktive, eher jüngere Menschen zwischen zwanzig und Mitte dreißig, die oft mehr als ein Buch zum Signieren mitgebracht hatten. Nun war ich schon einmal da und etwas Besseres hatte ich auch nicht vor. Ich kaufte mir das neue Buch und suchte das Ende der Schlange, die sich wie eine Schnecke bis in die Büchernische wand, wo das große Panoramafenster ist, von dem aus man direkt auf den Bahnhof Zoo schauen kann. In derselben Ecke wo ich nun war, stand zufällig Jim Rakete rum und unterhielt sich mit einem älteren Herrn, der etwas Lustiges an sich hatte. Den Mann hatte ich noch nie gesehen, mir fiel seine elegante Kleidung auf und dass er nicht den Eindruck machte, anzustehen. Genauso wenig wie Jim Rakete.
Das wäre ja auch zu lustig gewesen. Ich wurde neugierig und fand, dass ich für die Warterei zumindest eine interessante Ecke erwischt hatte. Der lustige Mann richtete nun die Frage an mich, ob ich wüsste, was der Unterschied zwischen der Bibel und Aldi sei? „Nein“, pariere ich artig, „nämlich?“ Antwort: „In der Bibel steht die Schlange am Anfang.“ „Hm. ja.“ Ich lächelte milde. In der Hand hatte er einen ganz kleinen Bildband von Jim Rakete, wo irgendwas vom Wiener Burgtheater draufstand. Ich weiß leider nicht mehr, was er als nächstes zu mir gesagt hat, jedenfalls merkte man, dass er sich gerne selber reden hört und in keiner Hinsicht ein Blatt vor den Mund nimmt. Wegen des Büchleins ging es auf einmal um Wien und ich war noch ganz im Wien-Erinnerungsrausch, weil ich gerade die Bilder verarbeitet hatte und sagte in etwa – „Burgtheater? Da hat er also auch fotografiert?“ (Seitenblick zu Rakete) und „Hach ja, ich liebe Wien! Darauf er mit schulmeisternd gedehntem, bedrohlichem Unterton: „Hitler hat Wien auch geliebt!“ Ich: „Hm na ja.“ Was soll man dazu sagen. Der kauzige Herr merkt, dass ich nicht ganz so leicht zu amüsieren bin, wie er das sonst scheinbar gewohnt ist und guckt ein wenig irritiert. In dem Moment registriere ich, dass der Direktor von CO auch in die Nische kommt und den Mann und Rakete mit viel Hallo und Handschlag begrüßt, aber ich habe nicht belauscht, was sonst noch geplänkelt wurde. Eine ältere Dame gesellte sich dazu, die sehr starkes Make up trug, was ihr etwas Fellinihaftes verlieh, mir gefiel es. Ein expressionistischer Typ mit dunklen Haaren, lockig, halblang und sehr viel Eyeliner und sehr rotem Lippenstift. Und elegantem Kostüm. Gut und gerne von Chanel. Sie gehörte zu dem Mann, und ab und zu stand sie auch ein bißchen rum und beteiligte sich am Small talk. Also nicht mit mir, aber sie lächelte mich sehr sympathisierend an. Nun kam auch noch Gero von Boehm, den man ja auch schon mal im Fernsehen gesehen hat und von seinen Interviews kennt und es wurde sich abermals mit großem Hallo äußerst familiär begrüßt.
Da war ich ja in einer hochinteressanten Ecke gelandet. Mal gingen sie wieder weg, dann kamen sie wieder, ein Glas Wein in der Hand. Wenn Rakete schon so direkt neben mir stand, konnte ich ihn auch gleich mal fotografieren, dachte ich mir. Man sieht ihn ja öfter mal in Berlin bei derlei Gelegenheiten. Aber er steht nicht immer so schön still. Also habe ich ihm eröffnet, dass ich ihn nun paparazzen würde, nicht dass er sich dann beklagt, ich hätte es nicht angekündigt. So schön mit Riefenstahlscher Untersicht, wie Vivian Maier! Darauf erwähnte er die schöne Rolleiflex von ihr, ich weiß nicht mehr im Detail, was er dazu angemerkt hat, aber ich meinte daraufhin, dass das ja nun auch digital funktioniert, nicht wahr. Ich hatte den Eindruck, dass er noch darüber nachdachte, worauf ich hinauswill, da hatte ich ihn schon fotografiert und ich bin mir nicht sicher, ob er es in dem Moment realisiert hat. In einer Dokumentation vor einigen Jahren über ihn, als es schon üblich war, digital zu arbeiten, pflegte er noch ausdrücklich und ausschließlich analoge Fotografie. Aber ich gehe davon aus, dass das heute anders ist, wenigstens nicht mehr ausschließlich. Ich merkte noch an, dass es schon geschehen sei. Er hat so eine gewisse Art in sich hineinzuschmunzeln, die ihn ziemlich sympathisch wirken lässt. In Zeitlupe ging es vorwärts und ich knipste ein bißchen rundherum, unter anderem den sehr putzigen Hund mit der kranken, mit CO-Klebeband eingewickelten Pfote.
Leute kamen und gingen. Einmal stand Florian Langenscheidt schwer irritiert in der Meute und konnte wohl nicht fassen, dass sich diese von ihm vielleicht erhoffte, vermeintliche Insider-Veranstaltung als Massenattraktion gestaltet. Er schien ein wenig hin- und herzuüberlegen, in seinem wohlfrisierten Lockenkopf, und beschloss dann wohl, dass so eine Warterei nicht seine Sache ist. Ich hörte noch, dass der ältere lustige Mann mit Rakete darüber sprach, wo man anschließend hier noch hingehen könnte, demzufolge kein Einheimischer. Aha. Rakete antwortete, was ich ihm auch als für ihn passend auf den Kopf zugesagt hätte, am besten in die Paris Bar, die ist auch nah, da kann man nichts verkehrt machen. Inzwischen hatte ich mir gedanklich zurechtgelegt, dass es wahrscheinlich irgendeinen gemeinsamen Umtrunk mit Lindbergh und seiner Truppe geben wird, wo die Herren, die sich wahrscheinlich seit Gott-weiß-wann kennen, den Abend ausklingen lassen und ihre alten Anekdoten austauschen.
Ungefähr zwei Stunden später war ich dann endlich innerhalb der Schlange beim Café, wo Lindbergh ganz hinten saß und signierte. Mittlerweile gab es eine Ansage, dass bitte nicht mehr als zwei Sachen zum Signieren vorgelegt werden sollen, sonst werden wir heute nicht mehr fertig! Ich hatte ja nur das eine Buch und dachte aber, als zweites wäre die weiße CO-Tüte auch noch sehr hübsch, mit so einer Lindbergh-Signatur, wenn schon, denn schon. Um es kurz zu machen: ich stellte mich schon psychologisch darauf ein, dass ich ein freundliches Lächeln, Guten Tag und Auf Wiedersehen empfangen werde, und fertig ist die Laube. Die interessant geschminkte Lady ging immer mal wieder an mir mit ihrem Mann an der Schlange vorbei, meistens mit einem frischen Glas Weißwein in der Hand, und erkundigte sich bei mir besorgt, ob ich immer noch nicht dran wäre, was ich sehr warmherzig fand, denn die anderen fragte sie nicht. Bei dem Hin und Her war ich nun schon langsam wirklich neugierig geworden, warum die beiden so einfach mir nichts, dir nichts, an den Ordnern vorbei, hin und herlaufen können und warum sie sich überhaupt so ausdauernd dort aufhalten. So konnte ich mir nicht verkneifen, ihm zu sagen „Ich möchte ja mal zu gerne wissen, was man für einen Namen haben muss, um hier einfach so durchgehen zu können!“ Er: „Phh – ich will ja kein Buch signieren lassen, wie die alle.“ Das war mir nun schon klar, mittlerweile. Auf einmal sehe ich, wie er zehn Meter von mir entfernt von einem Reporter mit Fernsehkamera interviewt wird und ich ärgere mich langsam fast schon, dass ich keine noch so kleine Ahnung habe, wer der komische Kauz mit der kostspielig aussehenden Retro-Brille und dem Einstecktuch ist.
Vielleicht ein Kunstkritiker, den ich nicht kenne? Irgendwer vom Feuilleton? Da weiß man ja auch nicht, wie die aussehen. Auf jeden Fall scheint man sich für seine Meinung zu interessieren. Na toll. Hm. Immerhin sehe ich Lindbergh schon, er sitzt, ganz hinten auf der Bank, es geht nun plötzlich zügig voran. Mir wird mein Buch von einem Assistenten aus der Tüte genommen und mein Name wird ihm mitgeteilt. Die Audienz kann beginnen. Ich hatte ja diesen Kuhfellmantel an, der aber kein echtes Kuhfell ist, sondern so ein Webpelz aus einem Baumwolle- und Viskose-Gemisch. Peter Lindbergh begrüßt mich mit einem Blick, als wäre er gerade aufgewacht und einem sehr freundlichen „Hallo!“ und „Na – was haben wir denn hier? Das ist ja mal ein Mantel, ist das eine Kuh?“
Ich kläre ihn auf, worauf er meint, da hätte ich aber noch mal Glück gehabt. Und dass er mir jetzt etwas in das Buch schreiben würde, wo ich was zum Nachdenken hätte. Aber ich dürfte es erst zuhause durchlesen. Und dann würde ich mir wahrscheinlich denken: „Der blöde Hund!“ Er grinst mich über seine Brillenränder an, auf eine Art, dass man keinen Zweifel haben kann, dass er es faustdick hinter den Ohren hat. Er scheint sich sehr über sich und auch mich zu amüsieren und ermahnt mich noch ein weiteres mal, es erst zuhause zu lesen. Das finde ich blöd und sage „Na toll, möchte ja mal wissen, was da jetzt nun drin steht! Zur Strafe wird jetzt aber noch die Tüte signiert, hier, los! Auf gehts!“ Er signiert die CO-Tüte und ich gucke ihn extra böse dabei an. Er muss lachen und ich sage „Danke“ und „Tschüs“ und drehe mich um. Und als ich schon fast zur Tür raus bin, ruft er mir laut hinterher: „hey – – – ! Ganz toll – ganz toller Mantel, ganz, ganz toll, WIRK-LICH!!!“
Und zwinkert mir ein letztes Mal zu. Das war natürlich keine weltbewegende Konversation, aber im Vergleich zu denen vor mir, war das doch für seine Verhältnisse ein beträchtlicher Palaver und ich hatte Gewissheit, dass es bestimmt sehr lustig und kommunikativ wäre, mit ihm zu arbeiten. So wie ich es mir eigentlich gedacht habe. Nun bin ich ja nicht in der Verlegenheit mit ihm zu arbeiten, aber ich habe verifiziert, dass er in etwa so tickt, wie ich es mir immer schon dachte. Ganz unkompliziert.
Bevor ich die Klinke in die Hand nahm, mit meiner signierten Tüte mit dem Buch, kam ich noch ein letztes mal an dem lustigen Mann vorbei und ich hatte nach den vielen Begegnungen inzwischen das Bedürfnis, mich von ihm zu verabschieden, obwohl ich immer noch nicht wusste, wer er ist. Ich sagte zu ihm. „Sie halten es aber auch ganz schön lange hier aus, obwohl Sie doch gar nichts signiert haben wollen, wie kommt das?“ Er: „ich bin der Herausgeber. Ich habe noch nie irgendwo einen derartigen Andrang für ein Buch gesehen. Das schlägt alles, was ich bis jetzt gesehen habe. Aber ist natürlich erfreulich. Schönen Abend noch! Auf Wiedersehen!“ „Verstehe. Danke, Ihnen auch. „Herausgeber“ ist er also, mal daheim in Ruhe nachschauen, steht ja vielleicht im Buch drin.
Zuhause habe ich dann überhaupt das Buch erst einmal in Ruhe angeschaut – aber vorher schon in der S-Bahn die Widmung gelesen. Er hat mich ein bißchen auf den Arm genommen, der gute Peter Lindbergh, denn es steht nichts drin, was mir Anlass geben würde, ihn als blöden Hund in Erinnerung zu behalten. Im Impressum vom Buch stand dann aber nicht Herausgeber mit Vor- und Nachname, nur der Grafiker, der das Layout gemacht hat und wer die Texte geschrieben hat, u. a. Wim Wenders und Peter Handke. Im Schirmer-Mosel-Verlag erschienen. Ein nicht unbekannter Verlag, von dem wohl so ziemlich jeder den einen oder anderen Bildband im Regal haben dürfte. Ja, wer ist aber denn der Herausgeber? Wenn man also Schirmer und Mosel und Herausgeber googelt, kommen immer nur so Suchergebnisse, wo es um den Verlagsinhaber geht, der Lothar Schirmer heißt. Hm. Grübel, grübel. Mal Bildersuche machen, wie der ausschaut. Manchmal stehe ich ein bißchen auf der Leitung. War jedenfalls trotz der Warterei ein amüsanter Abend. Nichtzuletzt auch wegen Herrn Schirmer, dem lustigen Mann mit der Retrobrille und dem Einstecktuch, und seiner nett mitfühlenden Frau mit dem Lidstrich.
10. Mai 2015

https://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=1811922554









































„Arbeit am Mythos“. Das muss Vera von Lehndorff sicher nicht mehr tun, mehr Mythos zu Lebzeiten geht nicht. Es war nicht das erste mal, dass ich sie leibhaftig erleben durfte, und ich glaube, hoffe, auch nicht das letzte mal. Sechs Jahre ist es her, dass ich sie sah. Am vierzehnten Mai wird sie sechsundsiebzig. Dass CO dieses Symposium veranstaltet hat, bei freiem Eintritt, war eine wunderbare Idee. Sie erzählte von den Dreharbeiten zu Blow up, wie detailverliebt Antonioni mit der Ausstattung und den Requisiten war, wie er jeden Aschenbecher millimetergenau vor einer Aufnahme auf einem Tisch in Position rückte, farblich unpassende Häuserfronten bei einer Aufnahme durch ein Fenster umstreichen ließ. Und andererseits völlig gleichgültig, wenn es um Dialoge oder Befindlichkeiten der Schauspieler ging, dem brachte er kaum Interesse entgegen und wollte damit in Ruhe gelassen werden. Veruschka hatte das originale Kleid aus einer der Partyszenen dabei, dieses Ding, dass sie sich vorhält. Inzwischen eine Reliquie, die mit Beifall bedacht wurde. Ich hatte das Glück, einen Platz ganz vorne, in der Mitte der ersten Reihe zu bekommen. Jan war auch da und saß zu meiner Linken. Ich habe ein Foto gemacht, wo er sich mit Veruschka unterhält. Sie erzählt sehr unterhaltsam und hat viel Humor. Ich mag sie von Herzen gerne und empfinde sie als unverändert inspirierend. Sie ist meine erklärte Lieblings-Ikone.

10. Mai 2015

https://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=1811922554









































„Arbeit am Mythos“. Das muss Vera von Lehndorff sicher nicht mehr tun, mehr Mythos zu Lebzeiten geht nicht. Es war nicht das erste mal, dass ich sie leibhaftig erleben durfte, und ich glaube, hoffe, auch nicht das letzte mal. Sechs Jahre ist es her, dass ich sie sah. Am vierzehnten Mai wird sie sechsundsiebzig. Dass CO dieses Symposium veranstaltet hat, bei freiem Eintritt, war eine wunderbare Idee. Sie erzählte von den Dreharbeiten zu Blow up, wie detailverliebt Antonioni mit der Ausstattung und den Requisiten war, wie er jeden Aschenbecher millimetergenau vor einer Aufnahme auf einem Tisch in Position rückte, farblich unpassende Häuserfronten bei einer Aufnahme durch ein Fenster umstreichen ließ. Und andererseits völlig gleichgültig, wenn es um Dialoge oder Befindlichkeiten der Schauspieler ging, dem brachte er kaum Interesse entgegen und wollte damit in Ruhe gelassen werden. Veruschka hatte das originale Kleid aus einer der Partyszenen dabei, dieses Ding, dass sie sich vorhält. Inzwischen eine Reliquie, die mit Beifall bedacht wurde. Ich hatte das Glück, einen Platz ganz vorne, in der Mitte der ersten Reihe zu bekommen. Jan war auch da und saß zu meiner Linken. Ich habe ein Foto gemacht, wo er sich mit Veruschka unterhält. Sie erzählt sehr unterhaltsam und hat viel Humor. Ich mag sie von Herzen gerne und empfinde sie als unverändert inspirierend. Sie ist meine erklärte Lieblings-Ikone.

08. Mai 2015
Heute vor siebzig Jahren. 8. Mai 45. Berlin im Sommer 1945
„Berlin als Stadt, meint ein britischer Besucher, ist völlig zerstört. Die Ruinen des einstigen Berlin sollten als modernes Babylon oder Karthago bewahrt werden, als Denkmal für den preußischen Militarismus und die Schrecken des Nazi-Regimes. Die Stadt ist völlig tot. Man fährt Kilometer auf Kilometer durch verlassene Ruinen und findet nichts Bewohnbares. Berlin kann niemals wieder aufgebaut werden.“
„Der erste Eindruck von Berlin aus der Luft war so, dass ich zu Mitfliegenden sagte, ich glaube Berlin kann man vergessen, wahrscheinlich muss man die Stadt an anderer Stelle wieder aufbauen. (…)“
„Ein anderer Besucher des verwüsteten Berlin ist der Meinung, dass nur sehr wenige Menschen das Verschwinden dieses unliebenswürdigen Parvenus unter den europäischen Hauptstädten bedauern würden.“
„Ein Journalist der New York Times hofft im Sommer 1945, dass die Auslöschung Berlins den Beginn einer erneuten Zivilisierung Deutschlands einleiten könne.“
„Ein Begriff der von den Soldaten häufig benutzt wurde, war: ‚Dies ist eine Mondlandschaft.‘ Für die damaligen Zeitgenossen war dieser Anblick etwas Unvorstellbares. Ich habe einen sehr interessanten Bericht von einem amerikanischen Soldaten, der in Berlin groß geworden ist, gelesen, und der sich gut in der Stadt auskannte. Als Jugendlicher läuft man ja überall herum und erläuft sich ja auch eine Stadt. Und der konnte – sagt er – sich teilweise nicht mehr in der Stadt orientieren und musste die Sonne zu Hilfe nehmen, weil die Straßenzüge ja nicht mehr da waren. Und durch diese Unmengen von Schutt natürlich ja auch völlig aus der Ordnung geraten waren, das heißt, es gab fast keine Orientierungspunkte mehr.“
Filmdokumentation
06. April 2015
Ich wünsche mir, dass bei jeder Benutzung von „am Ende des Tages“ innerhalb von vierzehn Tagen 14 € Schmerzensgeld (pro Buchstabe 1 Euro) auf mein Konto überwiesen werden. Ich werde den dann voraussichtlich vierzehnstelligen Betrag der guten Sache zukommen lassen.
06. April 2015
Ich wünsche mir, dass bei jeder Benutzung von „am Ende des Tages“ innerhalb von vierzehn Tagen 14 € Schmerzensgeld (pro Buchstabe 1 Euro) auf mein Konto überwiesen werden. Ich werde den dann voraussichtlich vierzehnstelligen Betrag der guten Sache zukommen lassen.
04. Mai 2015

https://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=1811922554




Unzählige Male daran vorbeigelaufen, unzählige Male gedacht, müsste man auch endlich einmal besichtigen. Bei der Humboldtbox kann man den Plan allerdings nicht auf den Sankt Nimmerleinstag verschieben, weil die blaue Schachtel nicht bis zum jüngsten Tag dort bleiben wird. So lange das Schloss gebaut wird, das dann nicht mehr Schloss heißen wird, sondern „Humboldtforum“. Ein natur- und völkerkundliches Forum. Ein Café auf der Terrasse um die Kuppel ist auch vorgesehen, das stelle ich mir schön vor. Auf zwei Etagen kann man sich ein Bild von den Bauarbeiten und der futuristischen künftigen Innenarchitektur machen. Ein bißchen ein Gefühl wie in einem Raumschiff, sehr beeindruckend, bildschöne Ausstellungsmöbel. Man sollte fast ein Courrèges-Kleid oder eines von Paco Rabanne anziehen, falls man zufällig eines im Schrank hätte. Da könnte man ganz tolle Modefotos machen. Die getrockneten Frösche unter Glas haben mich ein bißchen erschrocken, so ästhetisch das auch wirkt und trotz des aufklärerisch gemeinten Hintergrundes zum Handel in Westafrika mit „getrockneten und geräucherten Tigerfröschen“ uh.








Eine Kamera in einem Monitor stellt fest, dass ich ein young adult (danke) und female bin und unterschiedlich happy. Ja, kommt hin. Wobei ich mitunter recht leicht zu erheitern bin, mir hat schon gelangt, dass es so ein Spielzeug gibt und ich mache Faxen wie ein Schimpanse, der sich zum ersten mal im Spiegel sieht. Prompt zeigt der Apparat „happy“ bis zum Anschlag. Na also, geht doch.









Ganz oben ist ein Café mit toller Wandbespannung in Pink und ein bißchen barockem Mobiliar, wer hätte das gedacht. An jenem Februartag war noch kein Draußen-Sitz-Wetter, deswegen alle Stühle noch gestapelt. Aber wenn die Sonne da ist, jetzt im Mai, kann man herrlich draußen sitzen und Eis essen. Falls jemand wissen möchte, ob ich den Besuch empfehlen kann: ja, ich kann den Besuch empfehlen. Drei Euro Eintritt. Muss man gesehen haben. Das Schloss ist schon wieder weiter. Die Kuppel wird schon gebaut, man kann die Rotunde schon sehen, in der Schloss-Webcam. Ich habe mich jetzt damit angefreundet. Vielleicht sehe ich die Kuppelspitze dereinst aus meinem Fenster, aber ich glaube eher nicht, weil sie nicht so hoch wie die Kuppel vom Dom sein wird und laut meiner geographischen Berechnungen bei meiner Sichtachse genau hinter der Domkuppel liegen müsste.












04. Mai 2015

https://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=1811922554




Unzählige Male daran vorbeigelaufen, unzählige Male gedacht, müsste man auch endlich einmal besichtigen. Bei der Humboldtbox kann man den Plan allerdings nicht auf den Sankt Nimmerleinstag verschieben, weil die blaue Schachtel nicht bis zum jüngsten Tag dort bleiben wird. So lange das Schloss gebaut wird, das dann nicht mehr Schloss heißen wird, sondern „Humboldtforum“. Ein natur- und völkerkundliches Forum. Ein Café auf der Terrasse um die Kuppel ist auch vorgesehen, das stelle ich mir schön vor. Auf zwei Etagen kann man sich ein Bild von den Bauarbeiten und der futuristischen künftigen Innenarchitektur machen. Ein bißchen ein Gefühl wie in einem Raumschiff, sehr beeindruckend, bildschöne Ausstellungsmöbel. Man sollte fast ein Courrèges-Kleid oder eines von Paco Rabanne anziehen, falls man zufällig eines im Schrank hätte. Da könnte man ganz tolle Modefotos machen. Die getrockneten Frösche unter Glas haben mich ein bißchen erschrocken, so ästhetisch das auch wirkt und trotz des aufklärerisch gemeinten Hintergrundes zum Handel in Westafrika mit „getrockneten und geräucherten Tigerfröschen“ uh.








Eine Kamera in einem Monitor stellt fest, dass ich ein young adult (danke) und female bin und unterschiedlich happy. Ja, kommt hin. Wobei ich mitunter recht leicht zu erheitern bin, mir hat schon gelangt, dass es so ein Spielzeug gibt und ich mache Faxen wie ein Schimpanse, der sich zum ersten mal im Spiegel sieht. Prompt zeigt der Apparat „happy“ bis zum Anschlag. Na also, geht doch.









Ganz oben ist ein Café mit toller Wandbespannung in Pink und ein bißchen barockem Mobiliar, wer hätte das gedacht. An jenem Februartag war noch kein Draußen-Sitz-Wetter, deswegen alle Stühle noch gestapelt. Aber wenn die Sonne da ist, jetzt im Mai, kann man herrlich draußen sitzen und Eis essen. Falls jemand wissen möchte, ob ich den Besuch empfehlen kann: ja, ich kann den Besuch empfehlen. Drei Euro Eintritt. Muss man gesehen haben. Das Schloss ist schon wieder weiter. Die Kuppel wird schon gebaut, man kann die Rotunde schon sehen, in der Schloss-Webcam. Ich habe mich jetzt damit angefreundet. Vielleicht sehe ich die Kuppelspitze dereinst aus meinem Fenster, aber ich glaube eher nicht, weil sie nicht so hoch wie die Kuppel vom Dom sein wird und laut meiner geographischen Berechnungen bei meiner Sichtachse genau hinter der Domkuppel liegen müsste.












01. Mai 2015
01. Mai 2015
27. April 2015
Gestern und heute, also Samstag und Sonntag, lauter sinnvolle, vernünftige Sachen gemacht. Alles daheim. Gestern den dicken schwarzen Ordner mit dem goldgeprägten Harley-Davidson-Logo und dem weltlichen Inhalt ausgemistet. Mietsachen, Stomverträge, Kabelanschluss, GEZ, Sozialversicherung, Rentenversicherung, Haftpflichtversicherung, Krankenversicherung, Telekom usw. usf. Alle verjährten Betriebskostenabrechnungen wegzuschmeißen, hat den Ordner schon viel schlanker gemacht. Das habe ich gestern gemacht. Ein paar Bilder bearbeitet. Weiter nichts. Heute vor allem Schuhe aussortiert und geputzt. Die paar brauchbaren mit den hohen Absätzen im Schlafzimmer deponiert. Also in hübschen Schuhschachteln. Lackschwarz und Orange. Die Italiener machen nicht nur die schönsten Schuhe, sondern auch die schönsten Schuhschachteln. Nicht, dass ich im Schlafzimmer Verwendung für Hackenschuhe hätte. So eine bin ich nicht. Aber da passen die Schachteln farblich am besten hin. Toll, so schön geputzte Schuhe. In meinem drehbaren Schuhturmspiegelschrank im Flur sind jetzt nur noch die Schuhe, die eine hohe Wahrscheinlichkeit haben, dass ich sie im Laufe der nächsten Monate auch wenigstens einmal anziehe. Zwanzig Paar. Mama angerufen, freut sich immer. Sollte ich vielleicht öfter machen. Sie hat die Schuhe, so schwarze glänzende Herrenschuhe, die mein Vater früher zu seinen Auftritten mit seinen Tanzcombos angezogen hat, immer besonders schön auf Hochglanz poliert. Das hat sie gerne gemacht. Ich war früher nachlässig im Schuhe putzen, aber man wird ja älter und einsichtiger. Schnürsenkel habe ich auch sortiert. Die sind übrig geblieben von ausrangierten Schuhen, die es nicht mehr gibt, oder wenn ich mal Schnürsenkel ausgetauscht habe, weil ich andere an einem Schnürschuh schöner fand. Noch ein bißchen gebloggt und nachgedacht. Das war mein Wochenende. Gute Nacht.
22. April 2015
Meine Wohnung ist verkauft. Heute Nachmittag habe ich meine Unterschrift unter die Vorkaufsverzichtserklärung gesetzt, nachdem ich eine notariell beglaubigte Ausfertigung des Kaufvertrages mit einem Siegel und einer zweifarbigen Kordel erhalten und durchgelesen habe. Ich habe sehr interessiert zur Kenntnis genommen, dass die zehnjährige Sperrfrist für Eigenbedarf ein eigenständiger Absatz im Kaufvertrag ist. Viele Seiten. Der Käufer ist ein kultivierter Mensch. Es war der letzte Kaufinteressent. Mehr möchte ich hier nicht ins Detail gehen. Meine Miete wird bald in ein Land überwiesen, das meinen kleinen Rettungsschirmbeitrag zu schätzen wissen wird. Was in zehn Jahren nach Grundbucheintrag sein wird, weiß ich auch noch nicht. Ich muss es jetzt erst einmal begreifen, dass ich nicht mehr mit dieser inneren Anspannung weitere Besichtigungen von Kauflustigen tolerieren, erleben muss.
26. April 2015
Bitte lesen Lesebefehl.
„ich bin um jede Verlinkung dieses Artikels froh. Als ich ihn am Freitag las, war es mir auch ein Herzensanliegen, ihn zu verlinken. Vermutlich nicht offensiv genug, so wie es dieser Reportage gebühren würde. Natürlich ist man wacher und aufmerksamer, wenn man unmittelbar von diesen Entwicklungen betroffen* ist. Dann kann man nur allen anderen, die nicht um ihr Zuhause fürchten müssen, die Möglichkeit eröffnen, durch erläuternde Worte sinnlich zu erfahren und zu begreifen, was sich hier abspielt, und dann die Konsequenzen daraus zu ziehen. Die da wären, sich wie früher, vor airbnb, auf legitimierte Ferienwohnungen oder schöne Hotelzimmer zu konzentrieren.
* ich wohne seit Juni 1999 in einer Wohnung in der Auguststraße, die soeben in eine Eigentumswohnung umgewandelt wurde und gekauft wurde. Ich konnte sie nicht kaufen, das überstieg meine finanziellen Möglichkeiten, zumal ich ohnehin nicht den Plan hatte, Eigentum zu erwerben. Ich hatte leider keine 270000 Euro in der Portokasse für meine kleine 2-Zimmer-Wohnung (58 qm, DG, am Gipsdreieeck). Zehn Jahre Sperrfrist für Eigenbedarf sind natürlich schön. Aber der unbegrenzte Mietvertrag war noch schöner. Wenn ich mir ausmale, dass es ehemalige Mieter aus meiner Ecke gibt, die durch einen Zufall entdecken, dass ihr ehemaliges geliebtes Zuhause bei airbnb angeboten wird, und sie nunmehr in irgendeinem Wohnghetto in einem Randbezirk hausen müssen, werde ich sehr traurig. Und auch ein bißchen aggressiv.“
Gaga Nielsen 26. April 2015 um 01:17, Kommentar bei Lucky Strikes
26. April 2015
Bitte lesen Lesebefehl.
„ich bin um jede Verlinkung dieses Artikels froh. Als ich ihn am Freitag las, war es mir auch ein Herzensanliegen, ihn zu verlinken. Vermutlich nicht offensiv genug, so wie es dieser Reportage gebühren würde. Natürlich ist man wacher und aufmerksamer, wenn man unmittelbar von diesen Entwicklungen betroffen* ist. Dann kann man nur allen anderen, die nicht um ihr Zuhause fürchten müssen, die Möglichkeit eröffnen, durch erläuternde Worte sinnlich zu erfahren und zu begreifen, was sich hier abspielt, und dann die Konsequenzen daraus zu ziehen. Die da wären, sich wie früher, vor airbnb, auf legitimierte Ferienwohnungen oder schöne Hotelzimmer zu konzentrieren.
* ich wohne seit Juni 1999 in einer Wohnung in der Auguststraße, die soeben in eine Eigentumswohnung umgewandelt wurde und gekauft wurde. Ich konnte sie nicht kaufen, das überstieg meine finanziellen Möglichkeiten, zumal ich ohnehin nicht den Plan hatte, Eigentum zu erwerben. Ich hatte leider keine 270000 Euro in der Portokasse für meine kleine 2-Zimmer-Wohnung (58 qm, DG, am Gipsdreieeck). Zehn Jahre Sperrfrist für Eigenbedarf sind natürlich schön. Aber der unbegrenzte Mietvertrag war noch schöner. Wenn ich mir ausmale, dass es ehemalige Mieter aus meiner Ecke gibt, die durch einen Zufall entdecken, dass ihr ehemaliges geliebtes Zuhause bei airbnb angeboten wird, und sie nunmehr in irgendeinem Wohnghetto in einem Randbezirk hausen müssen, werde ich sehr traurig. Und auch ein bißchen aggressiv.“
Gaga Nielsen 26. April 2015 um 01:17, Kommentar bei Lucky Strikes
25. April 2015

„Friedrich Wilhelm IV. wünschte sich ausdrücklich Kolonnaden auf der Museumsinsel. Dafür legte Friedrich August Stüler 1841 einen Entwurf vor. Die Kolonnaden an der Süd- und Ostseite des Neuen Museums und an der Bodestraße entstanden in den Jahren 1853 bis 1860. Jene am Spreeufer und hinter der Alten Nationalgalerie wurden nach aktualisierten Plänen von Johann Heinrich Strack und Georg Erbkam zwischen 1876 und 1878 erbaut. Die Berliner Architekten Petersen stellten die Kolonnaden entsprechend dem ursprünglichen Erscheinungsbild wieder her. Dabei wurden auch Originalfragmente verwendet, die im Gewölbe unter der Kolonnade verschüttet waren. Die zur Zeit noch als Werkstätten der Staatlichen Museen zu Berlin genutzten, geschlossenen Kolonnaden an der Spree und hinter der Alten Nationalgalerie werden erst zu einem späteren Zeitpunkt hergerichtet.“ […]

https://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=1811922554



Ich weiß gar nicht, warum ich immer denke „meine Kolonnaden“. Die Kolonnaden gehören jedem, der unter ihnen flaniert. Das ist doch phantastisch. Ganz ohne Eintrag ins Grundbuch. Braucht man doch alles gar nicht. Der Asphalt, auf den ich meinen Fuß setze, ist in diesem Augenblick meiner. Für eine Sekunde. Mehr braucht es doch nicht. Meine Kolonnaden. Und die Friedrichsbrücke. Ich sage nicht „meine Friedrichsbrücke“, die gehört dem Friedrich, sonst hieße sie ja Gaga Nielsen-Brücke. Aber meine Kolonnaden. Der Weg zurück. Die Kolonnaden entlang, bis sie an der Friedrichsbrücke enden. Dann links und fast schon daheim. Hackescher, Rosi, August, Ecke Joachim, Haustür.



[ Alle Etappen ]
25. April 2015

„Friedrich Wilhelm IV. wünschte sich ausdrücklich Kolonnaden auf der Museumsinsel. Dafür legte Friedrich August Stüler 1841 einen Entwurf vor. Die Kolonnaden an der Süd- und Ostseite des Neuen Museums und an der Bodestraße entstanden in den Jahren 1853 bis 1860. Jene am Spreeufer und hinter der Alten Nationalgalerie wurden nach aktualisierten Plänen von Johann Heinrich Strack und Georg Erbkam zwischen 1876 und 1878 erbaut. Die Berliner Architekten Petersen stellten die Kolonnaden entsprechend dem ursprünglichen Erscheinungsbild wieder her. Dabei wurden auch Originalfragmente verwendet, die im Gewölbe unter der Kolonnade verschüttet waren. Die zur Zeit noch als Werkstätten der Staatlichen Museen zu Berlin genutzten, geschlossenen Kolonnaden an der Spree und hinter der Alten Nationalgalerie werden erst zu einem späteren Zeitpunkt hergerichtet.“ […]

https://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=1811922554



Ich weiß gar nicht, warum ich immer denke „meine Kolonnaden“. Die Kolonnaden gehören jedem, der unter ihnen flaniert. Das ist doch phantastisch. Ganz ohne Eintrag ins Grundbuch. Braucht man doch alles gar nicht. Der Asphalt, auf den ich meinen Fuß setze, ist in diesem Augenblick meiner. Für eine Sekunde. Mehr braucht es doch nicht. Meine Kolonnaden. Und die Friedrichsbrücke. Ich sage nicht „meine Friedrichsbrücke“, die gehört dem Friedrich, sonst hieße sie ja Gaga Nielsen-Brücke. Aber meine Kolonnaden. Der Weg zurück. Die Kolonnaden entlang, bis sie an der Friedrichsbrücke enden. Dann links und fast schon daheim. Hackescher, Rosi, August, Ecke Joachim, Haustür.



[ Alle Etappen ]
25. April 2015
22. April 2015
https://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=1811922554


Mein kleiner Ibis. Ein Souvenir zum Gedenken an meinen ersten Besuch im Neuen Museum. Der kleine Vogel stand mit ein paar Geschwistern im Souvenirshop im Untergeschoss. Zu einem richtigen Museumsbesuch gehört auch ein Besuch im Souvenirshop. Ruhig auch mal daheim ein Andenken kaufen, es muss nicht immer der Souvenirshop in Übersee sein. Der Kleine war auch noch erschwinglich, ich konnte bar bezahlen. Dreizehn Euro glaube ich. Das ist deswegen interessant für die Verbreitung im Internet, weil es tatsächlich Anbieter (in Übersee!) gibt, die genau diesen kleinen vergoldeten Ibis als eine Art kostspielige Seltenheit an den Sammler bringen wollen, für ungefähr 500 US-Dollar. Kauft in Berliner Souvenirshops! Den Ibis gibt es im Internet auch noch in größer und bei der Trauerfeier (Bild) von Helmut Dietl stand er sogar in größer vor dem Sarg. Vielleicht ein Dekorationsstück vom Bestatter, das jeder Trauerfeier das gewisse Etwas gibt. Mir hat er einfach gefallen, der kleine Ibis, weil er eine putzige Form hat und so eine ganz eigene Anmut. Und mich an meinen schönen Ausflug erinnert, der mich nicht mehr hätte beeindrucken können, wenn er nach Übersee gegangen wäre.


Warum der Ibis Gottheit des Bloggens ist, habe ich schon erklärt: Der heilige Ibis wurde mit dem Mondgott Thot in Verbindung gebracht, dem Schutzpatron der Schreiber, und vereinzelt mit einer Mondsichel auf dem Kopf dargestellt. Ihm werden die Eigenschaften der Ausdauer und des Strebens zugeschrieben. Er wurde aber auch mit der Seele und dem Atemhauch asoziiert. In diesem Zusammenhang steht auch die Darstellung Thots im Ägyptischen Totenbuch (Spruch 183), der – hier mit Ibiskopf – Osiris verschiedene Symbole überreicht, unter anderem auch das Anch, das Symbol für ewiges Leben und Herrschaft. Das Zentrum des Thot-Kultes lag in Hermopolis, wo Tausende von mumifizierten Ibissen gefunden wurden. Als Schopf-Ibis sah man ihn eher in Verbindung mit der Sonne: Als verklärter, Segen spendender Geist.
22. April 2015
Meine Wohnung ist verkauft. Heute Nachmittag habe ich meine Unterschrift unter die Vorkaufsverzichtserklärung gesetzt, nachdem ich eine notariell beglaubigte Ausfertigung des Kaufvertrages mit einem Siegel und einer zweifarbigen Kordel erhalten und durchgelesen habe. Ich habe sehr interessiert zur Kenntnis genommen, dass die zehnjährige Sperrfrist für Eigenbedarf ein eigenständiger Absatz im Kaufvertrag ist. Viele Seiten. Der Käufer ist ein kultivierter Mensch. Es war der letzte Kaufinteressent. Mehr möchte ich hier nicht ins Detail gehen. Meine Miete wird bald in ein Land überwiesen, das meinen kleinen Rettungsschirmbeitrag zu schätzen wissen wird. Was in zehn Jahren nach Grundbucheintrag sein wird, weiß ich auch noch nicht. Ich muss es jetzt erst einmal begreifen, dass ich nicht mehr mit dieser inneren Anspannung weitere Besichtigungen von Kauflustigen tolerieren, erleben muss.
22. April 2015
https://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=1811922554


Mein kleiner Ibis. Ein Souvenir zum Gedenken an meinen ersten Besuch im Neuen Museum. Der kleine Vogel stand mit ein paar Geschwistern im Souvenirshop im Untergeschoss. Zu einem richtigen Museumsbesuch gehört auch ein Besuch im Souvenirshop. Ruhig auch mal daheim ein Andenken kaufen, es muss nicht immer der Souvenirshop in Übersee sein. Der Kleine war auch noch erschwinglich, ich konnte bar bezahlen. Dreizehn Euro glaube ich. Das ist deswegen interessant für die Verbreitung im Internet, weil es tatsächlich Anbieter (in Übersee!) gibt, die genau diesen kleinen vergoldeten Ibis als eine Art kostspielige Seltenheit an den Sammler bringen wollen, für ungefähr 500 US-Dollar. Kauft in Berliner Souvenirshops! Den Ibis gibt es im Internet auch noch in größer und bei der Trauerfeier (Bild) von Helmut Dietl stand er sogar in größer vor dem Sarg. Vielleicht ein Dekorationsstück vom Bestatter, das jeder Trauerfeier das gewisse Etwas gibt. Mir hat er einfach gefallen, der kleine Ibis, weil er eine putzige Form hat und so eine ganz eigene Anmut. Und mich an meinen schönen Ausflug erinnert, der mich nicht mehr hätte beeindrucken können, wenn er nach Übersee gegangen wäre.


Warum der Ibis Gottheit des Bloggens ist, habe ich schon erklärt: Der heilige Ibis wurde mit dem Mondgott Thot in Verbindung gebracht, dem Schutzpatron der Schreiber, und vereinzelt mit einer Mondsichel auf dem Kopf dargestellt. Ihm werden die Eigenschaften der Ausdauer und des Strebens zugeschrieben. Er wurde aber auch mit der Seele und dem Atemhauch asoziiert. In diesem Zusammenhang steht auch die Darstellung Thots im Ägyptischen Totenbuch (Spruch 183), der – hier mit Ibiskopf – Osiris verschiedene Symbole überreicht, unter anderem auch das Anch, das Symbol für ewiges Leben und Herrschaft. Das Zentrum des Thot-Kultes lag in Hermopolis, wo Tausende von mumifizierten Ibissen gefunden wurden. Als Schopf-Ibis sah man ihn eher in Verbindung mit der Sonne: Als verklärter, Segen spendender Geist.
21. April 2015
https://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=1811922554


Das große Treppenfoyer, die Treppenskulptur, die ich nur in unzulänglichem Licht einfangen konnte, kein einziges Bild in der Totalen. Aber das findet man ja sonst überall. Die Spannung der Dramaturgie, der Konfrontation von exhuminierter Substanz mit wegweisender Linienführung, modernster Bautechnologie des einundzwanzigsten Jahrhunderts, findet ihren Höhepunkt in der großen Treppenhalle. Sehr fasziniert hat mich das Bild, eine Aufnahme aus der Bauzeit, wo man eines der Treppensegmente aus dem mit Marmorstücken vermischtem Beton über der provisorischen Öffnung des Daches schweben sieht. Ein gigantisches Teil aus tonnenschwerem Marmorbeton, von einem Kran gehalten. Mich elektrisiert das ungeheuer. Wie große Schiffe in einem Hafen. Was der menschliche Wille mit Materie zustande zu bringen vermag. Mir wird religiös, wenn ich Bewegung von gigantischer Materie sehe. Wie ein Ameise, die einen Kekskrümel trägt, der fünfmal so groß ist, wie ihr Ameisenkörper. Ein bißchen vergleichbar dem Versetzen von Bergen. Wovon man eben träumt.


“Wir wollen die erhaltenen Fragmente nicht durch das, was fehlt, zusammenbinden, sondern durch Material, das, bei Vermeidung von Imitation, dem Ganzen Ordnung und den Teilen Bedeutung zurückgibt.“ Sir David Chipperfield


„[…] Seit seiner Wiedereröffnung am 15. Oktober 2009 haben weit mehr als 1,2 Millionen Menschen das Neue Museum auf der Berliner Museumsinsel besucht. Während eines Festaktes am 20. Juni 2011 in Barcelona wird dem Architektenteam um Sir David Chipperfield der Mies-van-der-Rohe-Preis der Europäischen Union für die Wiederherstellung des Neuen Museums verliehen. Dieser Preis wird alle zwei Jahre ausgelobt, um herausragende Arbeiten zu prämieren. Durchgesetzt hat sich die Arbeit gegen 343 Projekte aus 33 europäischen Ländern. Die Jury lobt vor allem die außerordentliche Leistung des britischen Architekten, neue und bestehende Elemente miteinander zu vereinen. Seit 2009 thront Nofretete, die Schönste der Schönen, wieder in Neuen Museum unter der Nordkuppel: Genau an dem Ort, von dem sie 1939 fliehen musste, bevor die Bomben ihr Haus zerstörten, hat ihr der britische Architekt David Chipperfield mit einem der spektakulärsten Museumsneubauten unserer Zeit einen neuen Palast geschaffen.“

16. April 2015

https://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=1811922554

„Im Steinzeit-Saal begrüßen die Besucher der berühmte 11-jährige Neandertalerjunge aus Le Moustier in Frankreich und der beliebte Elch vom Berliner Hansaplatz. Die zweite Saalhälfte zeigt mit prächtigen Funden der Jungsteinzeit den Übergang zu Ackerbau und Viehzucht. Im Bronzezeitsaal bilden die Großvitrinen mit beeindruckenden Exponatmontagen und einem dreidimensionalen Blick auf das älteste Schlachtfeld der Menschheitsgeschichte eine Prozessionsstraße hin zum berühmten Berliner Goldhut. Am Ende des Rundgangs in Ebene 3 präsentieren sich die eisenzeitlichen Kulturen mit hallstattzeitlichen Fürstengräbern und latènezeitlichen Fundkomplexen auch im Kontext der mittelmeerischen Kulturen.“

„3000 Jahre alt und doch fast unversehrt. Der Berliner Goldhut. Noch immer geht ein Zauber von diesem hohen, schmalen Kegel aus, der, geheimnisvoll angestrahlt, in der Mitte des Sternensaals zu schweben scheint. Aus einem einzigen Stück ist er gearbeitet, ganz ohne Naht, von allen Seiten gleich. Inzwischen ist sicher, dass es sich um eine zeremonielle Kopfbedeckung handelt.“

„Wahrscheinlich war dieser Goldhut ursprünglich gefüttert, vielleicht mit Filz oder Leder. Nur drei weitere aus Gold getriebene Zeremonialhüte aus der Bronzezeit haben sich erhalten, zwei davon haben ihre Krempe verloren und waren daher gar nicht als Hüte zu erkennen. Doch die konische Form und die Ornamente gleichen sich bei allen vier Exemplaren, so dass man von einer ähnlichen Funktion ausgehen kann. Die Menschen des 2. vorchristlichen Jahrtausends pflegten Gaben an die Götter im Boden oder auch im Moor niederzulegen und sie auf diese Weise auch vor einer möglichen Entweihung zu schützen. Getragen wurde diese zeremonielle Kopfbedeckung wohl von einem Priester oder Stammesführer bei kultischen Handlungen. Der Hut erhöhte seinen Träger nicht nur, er machte ihn auch zum Herrscher über die Zeit und die Abläufe in der Natur. Denn die Kreisscheiben, die den Kegel scheinbar zur Zierde überziehen, bilden ein ausgeklügeltes kalendarisches System. Dieser Hut enthält das Wissen über Sonnen- und Mondjahre und ihr Verhältnis zueinander. Der Goldhut ist also nicht nur ein Meisterwerk spätbronzezeitlicher Goldschmiedekunst, er ist auch ein hochkomplexer Kalender.“

„Dazu ertönt der Klang […..] einer bronzezeitlichen Lure, eines Blasinstruments. Meist wurden Luren aus Bronze hergestellt. Luren bestehen aus einem Mundstück und mehreren zusammengesetzten gegossenen Stücken bzw. Rohren. Sie sind zwischen einem und zwei Meter lang und S-förmig geschwungen. Die Schallöffnung besteht oft aus einer reich verzierten Scheibe. Zumeist wurden sie als Paare gefunden, die harmonisch aufeinander abgestimmt waren. Daher geht man davon aus, dass sie gemeinsam gespielt wurden. Die Felsenritzungen von Tanum und eine Ritzung im Grab von Kivik zeigen das Instrument. Es ist anzunehmen, dass Luren zu ihrer Zeit von großer Bedeutung waren. Darauf weisen nicht nur die Horte mit vermutlich kultischem Hintergrund hin. Es wird auch durch die häufige Darstellung von Lurenbläsern auf bronzezeitlichen Felsbildern unterstrichen.“
16. April 2015

https://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=1811922554

„Im Steinzeit-Saal begrüßen die Besucher der berühmte 11-jährige Neandertalerjunge aus Le Moustier in Frankreich und der beliebte Elch vom Berliner Hansaplatz. Die zweite Saalhälfte zeigt mit prächtigen Funden der Jungsteinzeit den Übergang zu Ackerbau und Viehzucht. Im Bronzezeitsaal bilden die Großvitrinen mit beeindruckenden Exponatmontagen und einem dreidimensionalen Blick auf das älteste Schlachtfeld der Menschheitsgeschichte eine Prozessionsstraße hin zum berühmten Berliner Goldhut. Am Ende des Rundgangs in Ebene 3 präsentieren sich die eisenzeitlichen Kulturen mit hallstattzeitlichen Fürstengräbern und latènezeitlichen Fundkomplexen auch im Kontext der mittelmeerischen Kulturen.“

„3000 Jahre alt und doch fast unversehrt. Der Berliner Goldhut. Noch immer geht ein Zauber von diesem hohen, schmalen Kegel aus, der, geheimnisvoll angestrahlt, in der Mitte des Sternensaals zu schweben scheint. Aus einem einzigen Stück ist er gearbeitet, ganz ohne Naht, von allen Seiten gleich. Inzwischen ist sicher, dass es sich um eine zeremonielle Kopfbedeckung handelt.“

„Wahrscheinlich war dieser Goldhut ursprünglich gefüttert, vielleicht mit Filz oder Leder. Nur drei weitere aus Gold getriebene Zeremonialhüte aus der Bronzezeit haben sich erhalten, zwei davon haben ihre Krempe verloren und waren daher gar nicht als Hüte zu erkennen. Doch die konische Form und die Ornamente gleichen sich bei allen vier Exemplaren, so dass man von einer ähnlichen Funktion ausgehen kann. Die Menschen des 2. vorchristlichen Jahrtausends pflegten Gaben an die Götter im Boden oder auch im Moor niederzulegen und sie auf diese Weise auch vor einer möglichen Entweihung zu schützen. Getragen wurde diese zeremonielle Kopfbedeckung wohl von einem Priester oder Stammesführer bei kultischen Handlungen. Der Hut erhöhte seinen Träger nicht nur, er machte ihn auch zum Herrscher über die Zeit und die Abläufe in der Natur. Denn die Kreisscheiben, die den Kegel scheinbar zur Zierde überziehen, bilden ein ausgeklügeltes kalendarisches System. Dieser Hut enthält das Wissen über Sonnen- und Mondjahre und ihr Verhältnis zueinander. Der Goldhut ist also nicht nur ein Meisterwerk spätbronzezeitlicher Goldschmiedekunst, er ist auch ein hochkomplexer Kalender.“

„Dazu ertönt der Klang […..] einer bronzezeitlichen Lure, eines Blasinstruments. Meist wurden Luren aus Bronze hergestellt. Luren bestehen aus einem Mundstück und mehreren zusammengesetzten gegossenen Stücken bzw. Rohren. Sie sind zwischen einem und zwei Meter lang und S-förmig geschwungen. Die Schallöffnung besteht oft aus einer reich verzierten Scheibe. Zumeist wurden sie als Paare gefunden, die harmonisch aufeinander abgestimmt waren. Daher geht man davon aus, dass sie gemeinsam gespielt wurden. Die Felsenritzungen von Tanum und eine Ritzung im Grab von Kivik zeigen das Instrument. Es ist anzunehmen, dass Luren zu ihrer Zeit von großer Bedeutung waren. Darauf weisen nicht nur die Horte mit vermutlich kultischem Hintergrund hin. Es wird auch durch die häufige Darstellung von Lurenbläsern auf bronzezeitlichen Felsbildern unterstrichen.“
13. April 2015
https://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=1811922554



Die Amarna-Sammlung im Neuen Museum ist in einem Raum, in dem sich keine Spur von historischer Bausubstanz findet. Nichts. Der Saal ist in der ersten Etage, angrenzend an den Apollonsaal, in dem in der einzig verbliebenen Kuppelnische Echnaton rückwärtig Wand an Wand mit seiner Nofretete im erhaltenen Nordkuppelsaal steht. „Bei Bombardierungen am 22./23. November 1943 brannte das zentrale Treppenhaus mit den Wandfresken zur Geschichte der Menschheit aus. Im Februar 1945 zerstörten Bomben den Nordwestflügel sowie den Übergang zum Alten Museum und beschädigten den Südwestflügel sowie den Südostrisalit. In der Schlacht um Berlin zwischen den verbliebenen Wehrmachts- und SS-Einheiten und den sowjetischen Streitkräften Ende April 1945 kam es zu weiteren Zerstörungen.“ Ich musste eine Weile recherchieren, um den Zusammenhang zwischen der Bezeichnung „Ägyptischer Hof“, den man gleichermaßen auf diesen Raum mit der Armana-Sammlung bezogen findet, und dem im Untergeschoss liegenden Saal „Jenseits und Ewigkeit“ mit den Sarkophagen, der ebenfalls dem Ägyptischen Hof zugeordnet wird, zu verifizieren. Chipperfield hat ein Zwischengeschoss eingefügt, wenn ich es recht verstanden habe, die Ebene, auf der man hier steht, hat vor der Zerstörung nicht existiert, und befindet sich, wie auf den Grundrissen ersichtlich ist, unmittelbar über dem Bereich der Sarkophage im Untergeschoss. Der historische Ägyptische Hof wäre vermutlich zu aufwändig zu rekonstruieren gewesen und die Substanz der eingelagerten Säulen- und Kapitellfragmente zu geringfügig. Es war einer der exotischsten und opulentesten Säle im Neuen Museum, das Herz der ägyptischen Sammlung. Ein dicht mit ägyptischen Motiven bemalten Säulen gesäumter Tempelraum für die spektakulärsten Exponate, herrliche Sphinxen darunter. Auf dieser alten Fotografie erahnt man diese Pracht des alten Ägyptischen Hofes, in dem auch die Schätze der heutigen Amarna-Sammlung gezeigt wurden. Und hier ist eine kolorierte Zeichnung. Der heutige Raum trägt die Bezeichnung „Unter Atons Strahlen – Die Königliche Familie in Amarna“. David Chipperfield hat einen eigenen Begriff für diesen Bereich gewählt. Sanctuary. Heiligtum.
10. April 2015

https://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=1811922554

Nofretete steht in Berlin. Nicht in Ägypten. Ob das richtig ist, darüber wird wohl seit hundert Jahren gestritten, aber als zugereiste Berlinerin kann man hier sehr heimisch werden. Ich weiß das. Sie hatte einen sehr schönen Mann, Amenophis IV. aka Echnaton, von dem sie nur durch eine Wand getrennt ist, eine Skulptur, die seinen Kopf zeigt, steht im Apollonsaal. Nofretete zu fotografieren ist nicht erlaubt, warum auch immer. Sie hat den exclusivsten Ort im Neuen Museum, eine ganze Kuppel für sich alleine, den Nordkuppelsaal. Und sie ist schön. Egal, wie oft man sie auf Fotografien gesehen hat. Ein Objekt oder Phänomen inflationärer Verbreitung in aller Unschuld zu betrachten, verlangt eine gewisse Konzentration, die Fähigkeit, die eigene Wahrnehmung von kolportierter Beurteilung zu bereinigen, den Eindruck zu relativieren. Sie hat einen hochherzigen, anmutigen Ausdruck. Echnaton war ihr Cousin. In der Pharaonenfamilie wurde inzestuös geheiratet. Kaiserin Elisabeth von Österreich, Sisi – war ebenfalls mit ihrem Cousin verheiratet – Kaiser Franz Joseph, dem Sohn ihrer Tante. In der Aristokratie üblich. Echnaton trieb es noch inniger, er zeugte mit einer Tochter von ihm und Nofretete Tutanchamun. Usw. usf. Wie auch immer. Wir sehen die erhabenen Abbilder. Wieviel Lebensglück sie erfahren haben, weiß man nicht, aber schöne Antlitze. Im Apollonsaal ist auch ein berückendes Fragment von einem Fresko von einem Palastboden. In einer Vitrine, unter Glas. Das sind Kraniche, glaube ich. – – – Ja.

07. April 2015


https://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=1811922554


Kraft meiner Wassersuppe und meiner Sehkraft sage ich: das ist großartig. Alles. Wir sehen Bildfragmente von vier Sälen. Dem Modernen Saal. Dem Mittelalterlichen Saal. Dem Römischen Saal. Dem Bacchussaal. Wo eine Figur steht, die als der „Xantener Knabe“ bezeichnet wird. Ich wusste nichts darüber, auch nicht so wichtig. Aber was für eine schöne Idee — er hielt ein ovales Tablett, auf dem er mutmaßlich Weintrauben und gut gefüllte Kelche reichte. Er ist nicht so berühmt, weil er so ein exorbitantes Werk der Bildhauerei wäre, sondern weil er so alt ist, ca. 150 v. Christus von hellenischen Bildhauern geschaffen, und aus dieser Epoche kaum vergleichbare Skulpturen in so gut erhaltenem Zustand gefunden wurden. Im Grunde ein Salonmöbel, ein stummer Diener.


Aber die eigentliche Sensation für mich war es, über diese Mosaikböden zu laufen, die gefiederten Säulen zu bestaunen. So viel vom alten Berlin erleben zu dürfen. Deswegen bewegte mich der Besuch mehr als einer in irgendeinem anderen Museum. Es entzieht sich der Vorstellungskraft, dass diese Räume nach der fundamentalen Kriegsversehrung 1939 siebzig Jahre im Dornröschenschlaf lagen. Es ist wertvoll und anrührend, wenn man nur die geringste authentische Spur der alten Pracht sehen und erleben kann. Ich kann mir vorstellen, dass manch einer, der es nicht weiß, sich bei dem Namen „Neues Museum“ etwas Modernes vorstellt, ein zeitgenössisches Bauwerk. Man kann aber auch leicht durcheinanderkommen, mit dem Neu und Alt, wenn man all die Namen hört: „Altes Museum“ „Alte Nationalgalerie“ „Neues Museum“ „Neue Nationalgalerie“ Aber das Neue Museum ist eines mit den ältesten Mauern. Und etwa der traditionell so bezeichnete „Moderne Saal“ ist modern im Sinne der Mitte des vorletzten Jahrhunderts. Es gibt wirklich einiges zu entdecken. Auch für mich.



Noch nach neunundzwanzig Jahren, die ich in dieser Stadt lebe, davon mehr als die Hälfte in Mitte. Als ich danach nach Hause lief, war ich gewissermaßen demütig, dass ich nur einen kleinen Spaziergang von diesem Weltkulturerbe entfernt lebe. Diese vier Säle führen zum Nordkuppelsaal, in dem die legendäre Nofretete-Büste ihr letztes Zuhause gefunden hat. Dazu morgen.



06. April 2015
Ich habe mir gerade die Fingernägel lackiert. Das ist deswegen berichtenswert, weil ich mir seit ungefähr Zweitausendacht nicht mehr die Nägel lackiert habe. Also sieben Jahre. Aber nicht bunt. Auch nicht durchsichtig. So in etwa Hautfarbe. Sieht tatsächlich ganz schick aus, weil die Hautfarbe heller ist als meine Haut. Das hat so ein bißchen was von Urlaub, im Kontrast. Also hellere Nägel als die Hautfarbe der Hände. Gefällt mir. Ich wollte mir die Nägel schon vor einer Woche mal schöner machen, aber ich habe die Fingernägel seit Jahren nicht mehr perfektionistisch bearbeitet. Immer nur kurz geschnitten. Dann ist mein Nagelhautschieber kaputt gegangen und ich habe es einfach so gelassen. Letzte Woche habe ich mir einen neuen Nagelhautschieber im Kaufhaus gekauft, von Zwilling. Das war auch der einzige, den es einzeln gegeben hat, andere waren immer nur in kompletten Maniküre-Sets drin. Im Drogeriemarkt, weder bei Rossmann, noch bei dm gibt es einzelne Nagelhautschieber zu kaufen. Also zum Kaufhof am Alexanderplatz in die Kosmetikabteilung und den einzigen einzeln erhältlichen von Zwilling genommen. Der Preis war höher als die billigsten kompletten Maniküre-Sets, wo einer mit drin ist, aber die sahen nicht so handlich aus. 13,99 Euro. Leiste dir mal was Anständiges, ein professionelles Gerät, was fürs Leben, nicht wieder so ein fummeliges Ding mit einem Kunststoffgriff, der irgendwann ausleiert und dann hat man das Metallteil irgendwann freifliegend in der Hand. Ich bin zufrieden. Das ist eine ganz neue Dimension von Nagelhaut schieben. Die Spitze hat auch eine gewisse Schärfe, aber nicht so scharf wie ein Messer. Der Griff ist auch griffiger, weil länger. Der kleine Apparat ist komplett aus Stahl und auf der anderen Seite ist noch so en spitzes Ding zum Fingernägel saubermachen – auch wichtig! So kann man arbeiten.
05. April 2015

https://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=1811922554


Einfach schön. Es handelt sich um Keramik aus Zypern aus archaischen Zeiten. Selten gibt es ähnliche Objekte im Handel. Auf dieser Seite kann man ein paar wenige Sachen finden, die man kaufen könnte, wenn man gerade Geld übrig hat. Das hier ist auch ein schönes Objekt. Sogar im dreistelligen Bereich, aber englische Pfund. Weiß gar nicht wie das steht. Aber so sehr brauche ich jetzt auch keine Keramik. Aber wenn ich welche bräuchte, und Platz dafür hätte, könnte ich schon schwach werden. Das Alter wäre mir gar nicht wichtig, auch gerne als brandneue Replik. Diese schönen geometrischen Formen. Was Formgebung angeht, findet man in allen Epochen der Menschheitsgeschichte Vollendung. Das Altertümliche weist allerdings so gut wie nie billig wirkende Materalien auf, weil das gezwungenermaßen Organische schon substanziell überzeugt und immer durchscheint. Sehr erholsam für mein Auge. Es war gar nicht so leicht, herauszufinden, was ich da fotografiert habe, weil ich keinen Hinweis auf der Seite des Neuen Museums gefunden habe, dass im Ethnographischen Saal Keramik aus Zypern gezeigt wird. Aber irgendwoanders stand dann doch zum Museum für Vor- und Frühgeschichte, wie dieser Teil des Neuen Museums auch heißt, worum es sich handelt. Jetzt fällt mir auch wieder ein, woran mich diese Sachen erinnern. An die mykenischen Keramiken in Akrotiri, der Ausgrabungsstätte auf Santorin, wo ich vor ungefähr dreiundzwanzig Jahren einmal war.

So eine schöne Kultur. Daher stammt auch dieses berühmte Fresko der Boxenden Kinder. Auf Zypern war ich auch einmal, kurz davor glaube ich, und habe mir ein paar sehr schöne Windlichter mitgebracht, aus Ton mit geometrischen Einschnitten für das durchscheinende Licht. Die habe ich immer noch. Ich war da auch in einer Ausgrabungsstätte. Da gab es ein Apollon-Heiligtum. Und ein Amphitheater. Alles lange her. Als älteres Kind hatte ich eine Weile den Traum, als Archäologin durch die Welt zu reisen. Aber als ich älter wurde, habe ich gemerkt, dass so ein Archäologe vor allem ganz viele Bücher lesen muss und meistens keine Schätze findet, sondern nur ein paar kleine Scherben, die nicht viel hermachen. Eine staubige Angelegenheit. Und auch ein bißchen langweilig. So gerne ich das Neue Museum mit seinen Schätzen auch besucht habe, ich bin jetzt wieder für ein Weilchen gesättigt. Alle paar Jahre ist es aber sehr schön. Es ist also nicht zu befürchten, dass ich den Frühling und Sommer in Museen verbringe. Aber die anderen Säle vom Neuen Museum schauen wir uns schon noch an. Morgen geht es dann eine Treppe höher, wo der Römische und der Bacchussaal warten und die unfotografierbare Nofretete und ihr auch sehr schöner Echnaton.



05. April 2015
Wichtiger Hinweis für alle Scheidungswilligen:
Scheidungsfotos in Wien
Bitte verbreiten Sie das Angebot.
(Der Fotograf und Künstler ist ein ehemaliger Liebhaber von mir. Nicht der frisch geschiedene Mann auf den Fotos! Nicht mein Typ!)
Fast ein bißchen ärgerlich, dass ich nie verheiratet und somit nicht geschieden bin. Das Angebot richtet sich glaube ich nicht an Verlassene Getrennte ohne Trauschein. Obwohl sich da bei entsprechendem Honorar sicher darüber reden ließe. Ich hatte ja leider immer eher so undefinierbare Verbindungen, bei denen letztlich auch der Trennungsfall nebulös blieb. Irgendetwas ist da gründlich schief gelaufen.
05. April 2015


https://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=1811922554


Der Schliemann-Saal beherbergt heute Funde und Fundkopien aus der Sammlung trojanischer Altertümer von Heinrich Schliemann, insbesondere Teile aus dem weltbekannten sog. Schatz des Priamos. Schliemann hatte diesen 1881 dem Deutschen Volke zu ewigem Besitze und ungetrennter Aufbewahrung in der Reichshauptstadt geschenkt, woraufhin Kaiser Wilhelm I. sich in einem persönlichen Brief an Schliemann bedankte und entschied, dass der Schatz des Priamos im gerade im Bau befindlichen Museum für Völkerkunde Berlin ständig ausgestellt werden solle, wo er von 1885 bis 1939 zu sehen war. Während sich die bedeutendsten Teile des Schatzes heute im Puschkin-Museum in Russland als Beutekunst befinden und hier zum Teil nur als Kopie zu sehen sind, sind die wenigen von Russland an Deutschland zurückgegebenen Teile im Original ausgestellt, einschließlich der großen Silbervase, in der Schliemann den aus Goldschmuck bestehenden Schatz fand.

„Breiten Raum in den Schriften Schliemanns nehmen die Notizen betreffs der Proviantierung des Stabes ein: Das ehemals mit Schliemann assoziierte Handelshaus Schroeder stellt eine „bedeutende Menge Conservenbüchsen mit Rindfleisch aus Chicago, Pfirsichen und Ochsenzungen, ferner auch 240 Flaschen des besten englischen Pale Ale“ zur Disposition. Hinzu kommen lokale Viktualien wie „frisches Hammelfleisch“, „trojanischer Wein“ und saisonale Agrarprodukte. Ähnliches gilt für das Arsenal der Werkzeuge: Von „J. Henry Schroeder u. Comp. in London“ erhält Schliemann die „besten englischen Hacken und Schaufeln“ […]

„Um den Schatz der Habsucht meiner Arbeiter zu entziehen und ihn für die Wissenschaft zu retten, war die allergrößte Eile nötig, und, obgleich es noch nicht Frühstückszeit war, so ließ ich doch sogleich paidos ausrufen. Und während meine Arbeiter aßen und ausruhten, schnitt ich den Schatz mit einem großen Messer heraus, was nicht ohne die allergrößte Kraftanstrengung und die furchtbarste Lebensgefahr möglich war, denn die große Festungsmauer, welche ich zu untergraben hatte, drohte jeden Augenblick auf mich einzustürzen. Aber der Anblick so vieler Gegenstände, von denen jeder einzelne einen unermeßlichen Wert für die Wissenschaft hat, machte mich tollkühn, und ich dachte an keine Gefahr. Die Fortschaffung des Schatzes wäre mir aber unmöglich geworden ohne die Hilfe meiner lieben Frau, die immer bereit stand, die von mir herausgeschnittenen Gegenstände in ihren Shawl zu packen und fortzutragen.“ Heinr. Schliemann, Alterthümer

05. April 2015
„Weltordnung. Das Thema des Griechischen Hofes ist durch den Relieffries von Schievelbein von 1848 vorgegeben. Dargestellt ist die Flucht der Bewohner Pompejis nach dem Ausbruch des Vesuv im Jahr 79 n. Chr. Die ägyptischen Reliefs 2496-2483 v. Chr. aus dem Totentempel des Sahurê zeigen König Sahurê beim Erlegen wilder Tiere und dabei unterwirft er sich die Natur. Die Götter führen dem König gefesselte Nubier, Libyer und Asiaten zu“ […]

Den Schievelbein-Fries kann man besser von den oberen Etagen sehen, die verglaste Durchblicke zum Griechischen Hof bieten. Dieser schachtartige Raum, der ursprünglich ein offener Innenhof war, ist allerdings für mich weniger durch den sehr weit oben liegenden, kaum erkennbaren Fries, als durch die Fragmente des ägyptischen Reliefs, die Chipperfield direkt in die Wand integriert hat, sehenswert. Monumental. Es ist nicht in einer Fotografie wiederzugeben. Der griechische Hof liegt unmittelbar neben dem Ägyptischen Hof, in dem die Sarkophage stehen. Das Monumentale hört nicht mehr auf. Dem Schmuck habe ich nicht viel Beachtung geschenkt, ich war noch so voll von Eindrücken von der absolut vollendeten Ästhetik der Steinsarkophage. In Anbetracht heutiger Bestattungskultur und Sarg-Ästhetik muss man an der Evolution des Bestattungswesens zweifeln. Na gut – sowieso. Ich verließ die unterste Ebene, um in einer der oberen Etagen Nofretete zu besuchen und gelangte in eine Flucht von weiteren Sälen, Schliemanns Schatz von Troja usw. gewidmet. Man sollte sich nichts außer dem Neuen Museum an einem Ausflugstag in Berlin vornehmen, die Eindrücke kann man nicht so schnell verarbeiten. Ich lese selten Tafeln in Museen, ich bin so mit dem Betrachten der Exponate beschäftigt. Jetzt hole ich einiges nach, um einzuordnen, was ich da genau gesehen und bewundert habe. Dank Internet funktioniert das sehr gut, mein kleines, autodidaktisches Abendstudium. Ich kriege zwar keinen Doktortitel dafür, aber ich kann meine Bilder mit sinnstiftenden Erklärungen versehen. Die Gegenwart hat im Augenblick keine Neuigkeiten für mich, die mir annähernd inspirierend oder animierend erschienen.
https://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=1811922554

Alltag – Luxus – Schutz. Schmuck im Alten Ägypten. „Diese kleine Sonderausstellung zeigt ausgewählte Schmuckstücke, Pektorale und Amulette sowie Skarabäen aus verschiedenen Epochen der ägyptischen Geschichte. Sie gibt einen Überblick über die verschiedenen Schmuckarten, erläutert ihre Herstellung und zeigt exzellente Beispiele der Metallbearbeitung. In einzelnen Vitrinen wird die Bedeutung des Schmucks im Alltag, als Luxusgegenstand und als Schutzamulett erläutert.“ Bis 31. Mai 15.
05. April 2015
„Weltordnung. Das Thema des Griechischen Hofes ist durch den Relieffries von Schievelbein von 1848 vorgegeben. Dargestellt ist die Flucht der Bewohner Pompejis nach dem Ausbruch des Vesuv im Jahr 79 n. Chr. Die ägyptischen Reliefs 2496-2483 v. Chr. aus dem Totentempel des Sahurê zeigen König Sahurê beim Erlegen wilder Tiere und dabei unterwirft er sich die Natur. Die Götter führen dem König gefesselte Nubier, Libyer und Asiaten zu“ […]

Den Schievelbein-Fries kann man besser von den oberen Etagen sehen, die verglaste Durchblicke zum Griechischen Hof bieten. Dieser schachtartige Raum, der ursprünglich ein offener Innenhof war, ist allerdings für mich weniger durch den sehr weit oben liegenden, kaum erkennbaren Fries, als durch die Fragmente des ägyptischen Reliefs, die Chipperfield direkt in die Wand integriert hat, sehenswert. Monumental. Es ist nicht in einer Fotografie wiederzugeben. Der griechische Hof liegt unmittelbar neben dem Ägyptischen Hof, in dem die Sarkophage stehen. Das Monumentale hört nicht mehr auf. Dem Schmuck habe ich nicht viel Beachtung geschenkt, ich war noch so voll von Eindrücken von der absolut vollendeten Ästhetik der Steinsarkophage. In Anbetracht heutiger Bestattungskultur und Sarg-Ästhetik muss man an der Evolution des Bestattungswesens zweifeln. Na gut – sowieso. Ich verließ die unterste Ebene, um in einer der oberen Etagen Nofretete zu besuchen und gelangte in eine Flucht von weiteren Sälen, Schliemanns Schatz von Troja usw. gewidmet. Man sollte sich nichts außer dem Neuen Museum an einem Ausflugstag in Berlin vornehmen, die Eindrücke kann man nicht so schnell verarbeiten. Ich lese selten Tafeln in Museen, ich bin so mit dem Betrachten der Exponate beschäftigt. Jetzt hole ich einiges nach, um einzuordnen, was ich da genau gesehen und bewundert habe. Dank Internet funktioniert das sehr gut, mein kleines, autodidaktisches Abendstudium. Ich kriege zwar keinen Doktortitel dafür, aber ich kann meine Bilder mit sinnstiftenden Erklärungen versehen. Die Gegenwart hat im Augenblick keine Neuigkeiten für mich, die mir annähernd inspirierend oder animierend erschienen.
https://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=1811922554

Alltag – Luxus – Schutz. Schmuck im Alten Ägypten. „Diese kleine Sonderausstellung zeigt ausgewählte Schmuckstücke, Pektorale und Amulette sowie Skarabäen aus verschiedenen Epochen der ägyptischen Geschichte. Sie gibt einen Überblick über die verschiedenen Schmuckarten, erläutert ihre Herstellung und zeigt exzellente Beispiele der Metallbearbeitung. In einzelnen Vitrinen wird die Bedeutung des Schmucks im Alltag, als Luxusgegenstand und als Schutzamulett erläutert.“ Bis 31. Mai 15.
04. April 2015

Die ägyptischen Särge schildern die jenseitige Welt und den damit verbundenen Sonnenlauf. Die Göttin des Westens übergibt am Morgen den Sonnengott, der sich in der Nacht bei seiner zwölfstündigen Fahrt durch die Unterwelt verjüngt und die Toten erweckt hat, in Gestalt des Sonnenballs an die Göttin des Ostens. Im Zentrum stehen der Gott Osiris und die nächtliche Fahrt der Sonne durch die Unterwelt. Der Verstorbene tritt anbetend vor den mumiengestaltigen und schwarzhäutigen Osiris, um Einlaß in die Unterwelt zu erhalten. Die Sprüche helfen dem Toten am Tage in Form des Seelenvogels in die diesseitige Welt zu gelangen und am Abend zurückzukehren, wenn die Sonne durch die Unterwelt fährt und alle Verstorbenen und Osiris zu neuem Leben erweckt und sich selber wieder für den nächsten Morgen regeneriert. […]

https://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=1811922554



Nach traditioneller christlicher Vorstellung ist der Karsamstag der Tag der Höllenfahrt Christi, bei der Jesus in der Nacht nach seiner Kreuzigung in die Unterwelt hinabgestiegen sei und dort im „Schoße Abrahams“, die Seelen der Gerechten befreit habe. […]



Der Sarkophag des Anch-Hor stammt aus der Nekropole von Sakkara und ist rund 2500 Jahre alt. Sargwanne und Sargdeckel bestehen jeweils aus einem einzigen Steinblock, deren jeder 3,5 Tonnen wiegt. Auf seinen Längsseiten zeigt er den Verstorbenen vor den 42 Richtern des Totengerichts. Auf dem Fußende des Sarges von Anch-Hor sind zwei liegende Schakale auf einer Standarte dargestellt. Der Schakal ist eine Erscheinungsform des Gottes Anubis, der den Verstorbenen auf seinem Weg in die Unterwelt und vor den Totenherrscher Osiris begleitet. Die Göttin Isis erhebt ihre Arme, um so den Verstorbenen im Jenseits zu beschützen. […] Die Hoffnung des Verstorbenen, im Jenseits aufzuerstehen, wird auf dem Kopfende des Sarkophages ausgedrückt: Der Käfer inmitten der Sonnenscheibe ist eine Erscheinungsform des Sonnengottes, der jeden Morgen nach seiner Fahrt durch die Unterwelt verjüngt aufgeht. Außen knien die Göttinnen Isis und Nephthys und heben beschützend ihre Arme.


Als goldener Falke entschlüpf ich dem Ei
Und flattre zum Himmel empor
Als riesiger Falke flieg ich am Himmel
Vier Ellen ist mein Rücken breit
Smaragde des Südens leuchten die Flügel
Aus meinem Sarg im Abendschiff
Steig ich zum Himmel empor
Und trage mein Herz, das lebendig ist
Zu den westlichen Bergen und Hügeln
Erreiche dort wieder das Morgenschiff
Die göttliche Ordnung begreif und erfüll ich
Die Götter verneigen sich, grüßen mich fröhlich
Als goldener Falke mit Phönix-Kopf
Flieg ich zum Himmel empor
Ra selbst hört meinen Worten zu
Ihr uralten Götter, vom Himmel geboren
Ihr Erstlinge der Göttin Nut
Seht, ich nehme bei euch Platz
Bin stark und fest, von Kraft erfüllt
Erblicke die weiten eleusischen Felder
Die mich ernähren, mit Leben erfüllen
Geheiligt, vergeistigt erkenn ich das Glück
Leb ich im Reichtum eleusischer Felder
Auch meine Kehle erhalt ich zurück
Und mein Verstand gehorcht wieder mir selber.
Um sich in einen goldenen Falken zu verwandeln, Totenbuch Kapitel LXXVII, Ü: E. Boerner
02. April 2015
Ich hatte gerade einen uferlosen Roman über – ach – warum ich mir gerade diese Stiefel bestellt habe, verfasst. Auf irgendeine Scheißtaste gekommen, alles weg. Das war bestimmt Lektüre für eine Viertelstunde, wenn nicht mehr. Das krieg ich nicht mehr zusammen. Jedenfalls beschäftige ich mich nicht nur mit Berliner Museums-Exponaten.
31. März 2015

https://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=1811922554




„Die Opferkammern des Metjen, Merib und Manofer. Als Karl Richard Lepsius nach seiner Ägyptenexpedition 1845 nach Berlin zurückkehrte, brachte er an die 1500 Altertümer mit, darunter drei Opferkammern. Nun im Neuen Museum seit 70 Jahren das erste Mal wieder vollständig zu sehen. Eindrucksvoll wurden sie Stein auf Stein im Neuen Museum wieder aufgebaut und ermöglichen so einen kleinen Eindruck von der Monumentalität und detailreichen Ausgestaltung ägyptischer Grabbauten. […] Berlin besitzt mit drei Grabkammern der Pyramidenzeit eine in den Museen der Welt einzigartige Fülle von zusammenhängenden Darstellungen des täglichen Lebens aus der Zeit um 2600 bis 2300 v. Chr. Szenen des Handwerks und der Landwirtschaft, der Tier- und Pflanzenwelt fügen sich zu einem Bilderlexikon der Lebenswelt des antiken Niltals. Seit 1939 evakuiert oder zum Schutz vor Bombenschäden eingemauert, können sie nun erstmals wirklich entdeckt werden.

Lepsius studierte in Leipzig, Göttingen und Berlin Philologie und vergleichende Sprachwissenschaft. 1833 promovierte er mit der Arbeit De tabulis Eugubinis. Er wandte sich in Paris der kurz zuvor von Jean-François Champollion mit seiner Übersetzung des Steins von Rosette etablierten Kunde der ägyptischen Sprache zu. Lepsius vollendete bereits mit einer seiner ersten Schriften Lettre à M. Rosellini sur l’alphabet hiéroglyphiques die Champollion nicht vollständig gelungene Entzifferung der Hieroglyphen, brachte Ordnung in das Schriftsystem und begründete damit die methodische Erforschung der ägyptischen Sprache. Einen Aufenthalt in Italien, wo er 1836 Sekretär am Archäologischen Institut in Rom wurde, nutzte er zur Beschäftigung mit der umbrischen und oskischen Sprache. Im Jahr darauf wurde Lepsius zum außerordentlichen Professor an die Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin berufen. In dieser Eigenschaft übernahm er die Leitung der von König Friedrich Wilhelm IV. ausgesandten Expedition nach Ägypten (1842–1846). Deren Ziel war, Gipsabgüsse von wichtigen Skulpturen und, wenn möglich, originale Kunstgegenstände so wie Papyri nach Berlin zu bringen, neben einer Suche nach dem sogenannten unbekannten, mythologischen fünften Element im Land der Pharaonen. Die „Königlich Preußische Expedition“ […] führte Lepsius über die Pyramidenfelder und Memphis das Niltal hinauf nach Luxor, zu den Königsstädten des meroitischen Reiches im heutigen Sudan, wenig nördlich von Khartum und weiter den Weißen und Blauen Nil entlang, bis tief in den Zentralsudan. Auf dem Rückweg wurde das Niltal erneut durchmessen, mit einem Abstecher an das Rote Meer und auf den Sinai zum Katharinenkloster. Im Herbst 1845 trat Lepsius über Syrien und Konstantinopel die Heimreise an.

Durch eine Vereinbarung mit dem ägyptischen Regenten Muhammad Ali hatte Lepsius freie Hand selbst an Originaldenkmälern Stücke mitzunehmen, so dass das Königliche Museum mit einem Schlag zu einer der großen Sammlungen ägyptischer Altertümer wurde. Die altägyptischen Denkmäler, die Lepsius mitbrachte, sind heute [wieder] in der ägyptischen Abteilung des Neuen Museums in Berlin zu sehen.“
29. März 2015

https://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=1811922554







„Lässt man im Vestibül des Neuen Museums seinen Blick schweifen, so wird er fast unwiderstehlich von einer monumentalen Skulptur am Ende der Raumflucht angezogen. Es ist die Figur des Königs Amenemhet III., der Ägypten von etwa 1842 bis um 1795 v. Chr. regierte. „Pharao“ ist der Raum überschrieben. Zeichen ihrer Würde war, wie auch bei den Königen in späterer Zeit, die Krone. Die Figur Amenemhets III. trägt das schlichtere Königskopftuch. In den Jahrtausenden der Pharaonenherrschaft hat es sich kaum verändert: Das gestreifte Tuch fällt vorne locker über die Schultern und ist im Nacken wie ein Zopf zusammengefasst. An der Stirn bäumte sich eine Schlange auf – für Götter wie für Pharaonen gleichermaßen Symbol des Schutzes, der Unverletzlichkeit. Diesem steinernen König ist sie verloren gegangen. Auf andere gebräuchliche Zeichen der Königswürde wie den am Kinn getragenen Zeremonialbart oder Krummstab und Wedel wurde verzichtet, nur der Schurz ist in dieser Form allein dem König vorbehalten. Seine beeindruckende Wirkung beeinträchtigt dies kaum. Er hat sich als Betender, als Priester darstellen lassen, sein steinernes Abbild war in einem Tempel aufgestellt. In seiner Stellung als Pharao war Amenemhet III. in der Vorstellung der Ägypter Sohn des Sonnengottes. Nach seinem Tod erhielt auch er göttlichen Status. Zu seinen Lebzeiten aber war der König für den Götterkult verantwortlich. Sein Standbild übernimmt die Aufgabe des Priesters und ist für alle sichtbar Vermittler zu den Göttern“(…)


29. März 2015

https://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=1811922554







„Lässt man im Vestibül des Neuen Museums seinen Blick schweifen, so wird er fast unwiderstehlich von einer monumentalen Skulptur am Ende der Raumflucht angezogen. Es ist die Figur des Königs Amenemhet III., der Ägypten von etwa 1842 bis um 1795 v. Chr. regierte. „Pharao“ ist der Raum überschrieben. Zeichen ihrer Würde war, wie auch bei den Königen in späterer Zeit, die Krone. Die Figur Amenemhets III. trägt das schlichtere Königskopftuch. In den Jahrtausenden der Pharaonenherrschaft hat es sich kaum verändert: Das gestreifte Tuch fällt vorne locker über die Schultern und ist im Nacken wie ein Zopf zusammengefasst. An der Stirn bäumte sich eine Schlange auf – für Götter wie für Pharaonen gleichermaßen Symbol des Schutzes, der Unverletzlichkeit. Diesem steinernen König ist sie verloren gegangen. Auf andere gebräuchliche Zeichen der Königswürde wie den am Kinn getragenen Zeremonialbart oder Krummstab und Wedel wurde verzichtet, nur der Schurz ist in dieser Form allein dem König vorbehalten. Seine beeindruckende Wirkung beeinträchtigt dies kaum. Er hat sich als Betender, als Priester darstellen lassen, sein steinernes Abbild war in einem Tempel aufgestellt. In seiner Stellung als Pharao war Amenemhet III. in der Vorstellung der Ägypter Sohn des Sonnengottes. Nach seinem Tod erhielt auch er göttlichen Status. Zu seinen Lebzeiten aber war der König für den Götterkult verantwortlich. Sein Standbild übernimmt die Aufgabe des Priesters und ist für alle sichtbar Vermittler zu den Göttern“(…)


29. März 2015
https://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=1811922554


Rechts vom Vestibül kommt man zum ‚Prolog‘ des Ägyptischen Museums. Die indigoblauen Deckenfresken mit den ägyptischen Motiven sind sehr schön. Ich habe leider kein Bild, das den Raum in seiner Gesamtheit zeigt. Nicht aus altägyptischer Zeit ist die blaue Decke, sondern aus der altberliner Entstehungsepoche des Museums. ‚Prolog‘ ist eine neue Bezeichnung für diese Vorhalle, so eine Art Appetithäppchen, in der das Ägyptische Museum mit Glasvitrinen mit ein paar schönen alten, kleineren Exponaten wie Karaffen und Amphoren und Terrakotta-Töpfen beginnt und langsam aber sicher zu dem Bereich in der anschließenden Halle führt, der ‚Pharao‚ heißt und für meine Begriffe sehr sakral inszeniert ist. Man merkt, dass wohlüberlegte Dramaturgie im Spiel ist. Es beginnt gewissermaßen gewohnt museumshaft und wird dann theatralisch, und das sehr gelungen. An den Türstöcken kann man schon das Besondere der Restaurierung ablesen, es war nicht das Ziel, mit perfektionistischer Restaurierungsarbeit alle Spuren des Verfalls auszumerzen. Die verblichenen Farben dürfen es sein.
22. März 2015

https://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=1811922554



Ich musste endlich einmal wieder auf der Museumsinsel nach dem Rechten sehen, den Kolonnadenhof beim Eingang zum Neuen Museum inspizieren. Und das neue Neue Museum selbst natürlich.

Lange mussten die Mitarbeiter auf meinen Besuch warten, es war mir schon langsam ein bißchen peinlich. Insbesondere, nachdem mein Nachbar, Herr Chipperfield, schon wieder lauter andere Sachen gebaut und fertig gestellt hat. Sein Haus in der Baulücke schräg gegenüber von meinem Adlerhorst ist auch schon längst fertig. Schön ist es geworden. Aber weil ich viel Respekt, ja geradezu Ehrfurcht vor dem Neuen Museum und dem, was er daraus gemacht hat, hatte, konnte ich nicht einfach mal so husch husch bei nächster Gelegenheit vorbeischauen. Ich wollte es schon ein bißchen zelebrieren. Mit ausgiebig Zeit und Muße und Hingabe.



Man sollte keinesfalls davon ausgehen, dass ich zufällig Sachen anhatte, die farblich mit dem Elbsandstein der Säulen korrespondieren. Ich mache so etwas bewusst. Stellen Sie sich vor, ich hätte einen mintgrünen Sport-Anorak aus abwaschbarem Nylon mit lila Rallyestreifen angehabt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das Nofretete gefallen hätte. Die Mitarbeiter müssen sicher auch viele schlimme Jacken sehen, so einen langen Museumstag über. Ich wollte da gerne ein bißchen Abwechslung fürs Auge bieten. Wobei ich bei der Durchsicht meiner Bilder lobend festhalten muss, dass viele Passanten schlichte schwarze Wintermäntel getragen haben. Das ist relativ unproblematisch fürs Bild. Danke dafür. Ich kenne einige Berliner, die zwar schon mehrfach auf der Museumsinsel waren, über die Jahre hinweg, aber nicht unbedingt in jedem Museum und auch nicht unbedingt im Neuen Museum, seit Herr Chipperfield dieses verblüffende Meisterwerk aus Restaurierung und Modernisierung abgeliefert hat, das die weltweit bedeutendsten Architekturpreise bekommen hat. Wenn man es betritt, weiß man warum. Ich war noch niemals zuvor in einem Museum, in dem so eine starke Aura von Geschichte und Vergänglichkeit in den Räumen liegt. Die Intensität des alten Gemäuers mit den freigelegten, verblichenen Fresken, die die Exponate umgeben, kann man kaum in Worte fassen. Ich war vorher ehrfürchtig und danach bin ich es noch mehr. Ich kann die Bilder nicht in einer einzigen Strecke zusammenfassen. Es gibt viele Höhepunkte, die ich irgendwie auseinanderdividieren muss.


Der Kolonnadenhof ist natürlich historisch, vom Schinkel-Schüler August Stüler, wie das ganze Neue Museum. Die Nofretete macht sich gut, da zwischen den Säulen. Sie hat im Museum einen Ehrenplatz unter einer Kuppel. Der einzige Bereich, in dem man nicht fotografieren darf, sehr sakral inszeniert. Aber das gilt auch für die anderen Abteilungen. Das Licht ist grandios gesetzt, besonders im Ägyptischen Hof. Ich habe erwartet, ein ehrwürdiges Museum zu sehen, aber ich fand mich in einem Tempel wieder.


23. März 2015

https://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=1811922554


Schöne Löwen. Von mir aus könnten viel mehr Löwen herumstehen. In Venedig geizt man ja auch nicht damit. Eine Frage der Politik. Mal schauen, welche Partei für mehr Löwenskulpturen im Stadtbild ist. Sphinxhaft liegend, leicht schläfrig, gefallen sie mir am allerbesten. Das Entspannte überträgt sich auf den eilenden Stadtbewohner. Ich wüsste schon, was die Stadt so richtig voranbringen würde. Die goldenen Visionen purzeln mir nur so aus dem Kopf. Ich darf gar nicht darüber nachdenken.

Und man komme mir nicht mit Geld. Für Olympia wäre auch Geld dagewesen. Nur mit dem Unterschied, dass sich eine nennenswerte Mehrheit der Berliner für mehr Löwen im Stadtbild aussprechen würde, der Berliner ist ja tierlieb. Daher bin ich dafür.

23. März 2015

https://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=1811922554


Schöne Löwen. Von mir aus könnten viel mehr Löwen herumstehen. In Venedig geizt man ja auch nicht damit. Eine Frage der Politik. Mal schauen, welche Partei für mehr Löwenskulpturen im Stadtbild ist. Sphinxhaft liegend, leicht schläfrig, gefallen sie mir am allerbesten. Das Entspannte überträgt sich auf den eilenden Stadtbewohner. Ich wüsste schon, was die Stadt so richtig voranbringen würde. Die goldenen Visionen purzeln mir nur so aus dem Kopf. Ich darf gar nicht darüber nachdenken.

Und man komme mir nicht mit Geld. Für Olympia wäre auch Geld dagewesen. Nur mit dem Unterschied, dass sich eine nennenswerte Mehrheit der Berliner für mehr Löwen im Stadtbild aussprechen würde, der Berliner ist ja tierlieb. Daher bin ich dafür.

22. März 2015

https://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=1811922554



Ich musste endlich einmal wieder auf der Museumsinsel nach dem Rechten sehen, den Kolonnadenhof beim Eingang zum Neuen Museum inspizieren. Und das neue Neue Museum selbst natürlich.

Lange mussten die Mitarbeiter auf meinen Besuch warten, es war mir schon langsam ein bißchen peinlich. Insbesondere, nachdem mein Nachbar, Herr Chipperfield, schon wieder lauter andere Sachen gebaut und fertig gestellt hat. Sein Haus in der Baulücke schräg gegenüber von meinem Adlerhorst ist auch schon längst fertig. Schön ist es geworden. Aber weil ich viel Respekt, ja geradezu Ehrfurcht vor dem Neuen Museum und dem, was er daraus gemacht hat, hatte, konnte ich nicht einfach mal so husch husch bei nächster Gelegenheit vorbeischauen. Ich wollte es schon ein bißchen zelebrieren. Mit ausgiebig Zeit und Muße und Hingabe.



Man sollte keinesfalls davon ausgehen, dass ich zufällig Sachen anhatte, die farblich mit dem Elbsandstein der Säulen korrespondieren. Ich mache so etwas bewusst. Stellen Sie sich vor, ich hätte einen mintgrünen Sport-Anorak aus abwaschbarem Nylon mit lila Rallyestreifen angehabt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das Nofretete gefallen hätte. Die Mitarbeiter müssen sicher auch viele schlimme Jacken sehen, so einen langen Museumstag über. Ich wollte da gerne ein bißchen Abwechslung fürs Auge bieten. Wobei ich bei der Durchsicht meiner Bilder lobend festhalten muss, dass viele Passanten schlichte schwarze Wintermäntel getragen haben. Das ist relativ unproblematisch fürs Bild. Danke dafür. Ich kenne einige Berliner, die zwar schon mehrfach auf der Museumsinsel waren, über die Jahre hinweg, aber nicht unbedingt in jedem Museum und auch nicht unbedingt im Neuen Museum, seit Herr Chipperfield dieses verblüffende Meisterwerk aus Restaurierung und Modernisierung abgeliefert hat, das die weltweit bedeutendsten Architekturpreise bekommen hat. Wenn man es betritt, weiß man warum. Ich war noch niemals zuvor in einem Museum, in dem so eine starke Aura von Geschichte und Vergänglichkeit in den Räumen liegt. Die Intensität des alten Gemäuers mit den freigelegten, verblichenen Fresken, die die Exponate umgeben, kann man kaum in Worte fassen. Ich war vorher ehrfürchtig und danach bin ich es noch mehr. Ich kann die Bilder nicht in einer einzigen Strecke zusammenfassen. Es gibt viele Höhepunkte, die ich irgendwie auseinanderdividieren muss.


Der Kolonnadenhof ist natürlich historisch, vom Schinkel-Schüler August Stüler, wie das ganze Neue Museum. Die Nofretete macht sich gut, da zwischen den Säulen. Sie hat im Museum einen Ehrenplatz unter einer Kuppel. Der einzige Bereich, in dem man nicht fotografieren darf, sehr sakral inszeniert. Aber das gilt auch für die anderen Abteilungen. Das Licht ist grandios gesetzt, besonders im Ägyptischen Hof. Ich habe erwartet, ein ehrwürdiges Museum zu sehen, aber ich fand mich in einem Tempel wieder.


21. März 2015

https://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=1811922554

„(…) Es wird von Amazonenköniginnen und Stadtgründerinnen berichtet, dabei werden Amazonen immer als Normalsterbliche beschrieben; oft werden sie in Kämpfen besiegt, stellenweise werden ihre Grabstätten genannt. Zwei Waffen sind den Darstellungen von Amazonen ab dem fünften Jahrhundert v. Chr. eigentümlich: die Doppelaxt, auch als Labrys oder Amazonenaxt bezeichnet, sowie ein kleiner, halbmondförmiger Schild, die Pelte. Ihre typische Kleidung besteht aus einem kurzen Chiton, der oft die rechte Brust unbedeckt lässt. Homer setzte die Mythen und Sagen um die Amazonen als bekannt voraus, folglich gab es sie schon vor seiner Zeit. In der Argonautensage wagen die Argonauten nicht, an bestimmten Abschnitten der Schwarzmeerküste anzulegen, an denen die Amazonen gelebt haben sollen. Amazonen, die im nördlichen Kaukasus gelebt haben würden die meiste Zeit des Jahres unter sich leben, Ackerbau, Vieh- und Pferdezucht betreiben, auf die Jagd gehen und Kriegsgeschäfte tätigen. An zwei Monaten im Frühling würden sie sich mit den Gargariern auf einem Berg, der beide Gebiete trennt, treffen und mit ihnen bei Dunkelheit Kinder zu zeugen. Waren alle Amazonen schwanger, verließen sie die Garganer. Die aus diesen Verbindungen gezeugten Mädchen zogen die Amazonen selber auf, die Jungen übergaben sie den Gargariern. Das Motiv der Amazonenkönigin diente Heinrich von Kleist 1808 als Vorlage für sein gleichnamiges Drama Penthesilea, in dem allerdings Achilles von Penthesilea erschlagen wird. Als diese erkennt, dass sie und ihre Hundemeute das Objekt ihrer Begierde zerfleischt haben, stirbt sie durch „ein vernichtendes Gefühl“ selbst. Kleists Drama bildete auch die literarische Vorlage zu der um 1885 entstandenen Sinfonischen Dichtung Penthesilea des österreichisch-slowenischen Komponisten Hugo Wolf. Auch in die bildende Kunst des 20. Jahrhunderts fanden die Amazonen Eingang. Ihre Rolle in der Geschichte der Frauen machte die feministische Künstlerin Judy Chicago deutlich: In ihrer Arbeit „The Dinner Party„ widmete sie den Amazonen eines der neununddreissig Gedecke am Tisch.“


„Penthesilea oder Penthesileia ist in der griechischen Mythologie die Tochter der Amazonenkönigin Otrere und des olympischen Kriegsgottes Ares. Im Sagenkreis des Trojanischen Krieges ist sie selber die Königin der Amazonen. Erwähnt wird Penthesilea in der Aithiopis, einem Arktinos von Milet 750 v. Chr. zugeschriebenen Epos, und um Zwanzig v. Christus kurz in der Aeneis von Vergil.“

(…) Mein ewiger Gedanke, wenn ich wachte, mein ew’ger Traum warst du. Die ganze Welt lag wie ein ausgespanntes Musternetz vor mir. In jeder Masche, weit und groß, war deiner Thaten eine eingeschürzt. Und in mein Herz, wie Seide weiß und rein, mit Flammenfarben jede brannt‘ ich ein. Wie Priam fleh’nd in deinem Zelt erschien und heiße Thränen weint‘ ich, wenn ich dachte, daß ein Gefühl doch, Unerbittlicher, den marmorharten Busen dir durchzuckt. O laß dies Herz zwei Augenblick‘ in diesem Strom der Lust, wie ein besudelt Kind, sich untertauchen. Wenn es mir möglich wär, wenn ich’s vermöchte, das Aeußerste, das Menschenkräfte leisten, hab‘ ich gethan, Unmögliches versucht. Mein Alles hab‘ ich an den Wurf gesetzt. Der Würfel, der entscheidet, liegt, er liegt: Begreifen muß ich’s, und daß ich verlor. Ich war so ruhig, Prothoe, wie das Meer, das in der Bucht des Felsen liegt; nicht ein Gefühl, das sich in Wellen mir erhob. Dies Wort: sei ruhig jagt mich plötzlich jetzt, wie Wind die offnen Weltgewässer, auf. Was ist es denn, das Ruh‘ hier nöthig macht? Ihr steht so seltsam um mich, so verstört, und sendet Blicke, bei den ew’gen Göttern, in meinen Rücken hin, als stünd ein Unhold, mit wildem Antlitz dräuend, hinter mir. Du hörst’s, es war ja nur ein Traum. Daß der Stern, auf dem wir athmen, geknickt, gleich dieser Rosen einer, läge. Daß ich den ganzen Kranz der Welten so, wie dies Geflecht der Blumen, lösen könnte. Dies Herz, weil es sein muß, bezwingen will ich’s, und thun mit Grazie, was die Noth erheischt. Recht habt ihr auch. Warum auch wie ein Kind gleich, weil sich ein flücht’ger Wunsch mir nicht gewährt, Mit meinen Göttern brechen? Kommt hinweg. Das Glück, gesteh‘ ich, wär mir lieb gewesen, doch fällt es mir aus Wolken nicht herab, Den Himmel drum erstürmen will ich nicht. Das Unglück, sagt man, läutert die Gemüther, ich empfand es nicht. Erbittert hat es, Götter mich und Menschen in unbegriff’ner Leidenschaft empört. Wie seltsam war, auf jedem Antlitz, mir, wo ich sie traf, der Freude Spur verhaßt. Wie mögt‘ ich alles jetzt, was mich umringt, zufrieden gern und glücklich sehn. Der Mensch kann groß, ein Held, im Leiden sein. Doch göttlich ist er, wenn er selig ist. Heinrich von Kleist, Penthesilea

„Amazone zu Pferde ist eine Bronzeplastik des deutschen Bildhauers Louis Tuaillon, die sich in Berlin auf der Museumsinsel befindet. Eine junge Amazone reitet auf einem Pferd und hält eine Streitaxt in der rechten Hand. Louis Tuaillon (1862–1919) schuf die lebensgroße Bronzeplastik in den Jahren 1890 bis 1895 in Rom. Das Werk war eine Überraschung auf der Großen Berliner Kunstausstellung 1895 und machte Tuaillon schlagartig bekannt. Die Nationalgalerie kaufte es an und stellte es 1898 auf. 1903 wurden von der Plastik Abformungen und davon Verkleinerungen sowie später auch Güsse gefertigt. 1905 ließ der Deutsche Kaiser Wilhelm II. einen überlebensgroßen Abguss anfertigen (3 m lang, 1,50 m breit und 5,50 m hoch) und im Berliner Tiergarten-Park aufstellen. Später schenkten Frauen aus Ostpreußen dem exilierten Kaiserpaar einen verkleinerten Abguss des Standbildes für ihren Garten im Haus Doorn, wo es heute noch steht.“ (…)
16. März 2015

https://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=1811922554



Hell soll nun ein Lied erschallen;
weit hinaus ins Land soll´s zieh´n.
Preis der Herrlichsten von allen
Alma Mater von Berlin.
Und wenn and´re jubelnd singen,
preisen Täler, Berg und Höhn,
dann soll unser Lied erklingen
unserem alten Spree-Athen.

Wo wird mehr der Speer geschwungen,
tiefer in das Glas geblickt,
schönrer Frauen Hold besungen
die ein Burschenherz entzückt.
Wo kann frohere Gesellen
in der weiten Welt man sehn,
als da wo die grünen Wellen
zieh´n durchs alte Spreeathen.

Akropolis adieu
Ich muss geh’n,
die weißen Rosen sind verblüht
was wird gescheh’n?
Ich wär‘ so gern geblieben
Akropolis adieu


Ein fremder Wind weht übers Meer,
und morgen sind wir schon allein.
Komm lass‘ uns tanzen,
vergiss die Sorgen.
Es wird vielleicht nie mehr so sein.

Will sich Herz und Geist erlaben,
wenn der Alltag sorgen schafft.
Aus der Fülle deiner Gaben
spendest stets du Wunderkraft
Und wenn die Linden blühen –
Kinde! Nein! Was ist das schön.
Dann als Bursche stolz zu ziehen
durch das alte Spreeathen.



Auf drum lasst die Gläser klingen.
Heil Berlin! Dir gilt mein Trunk.
Flieht die Zeit auf schnellen Schwingen,
in dir bleibt man ewig jung.
Und muss ich von dir einst scheiden,
ruf ich dir auf Wiederseh’n.
Sei gegrüßt in allen Zeiten
du mein altes Spreeathen.


Kehr als alter Herr Frau ich wieder
in die Musenstadt zurück,
in den Kreis der lieben Brüder
lenk ich eilends meinen Schritt.
Und dann soll´n die Becher kreisen,
bis dass früh die Hähne kräh’n.
Und in Liedern will ich preisen,
dich mein altes Spreeathen.
Otto Lob, 1899, Georg Buschor, 1971


Alte Nationalgalerie
03. März 2015
Endlich.
Land Berlin führt Verordnung über Genehmigungsvorbehalt zur Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen in sozialen Erhaltungsgebieten ein
Pressemitteilung vom 03.03.2015
Aus der Sitzung des Senats am 3. März 2015:
Das Land Berlin hat die Voraussetzungen dafür geschaffen, dass die Bezirke künftig in den Erhaltungsgebieten entscheiden können, ob die Umwandlung von Mietwohnungen in Wohnungseigentum genehmigungsfähig ist oder nicht. Der Senat hat dazu – wie bereits in der Senatsklausur vereinbart – die von Stadtentwicklungs- und Umweltsenator Andreas Geisel vorgelegte Verordnung über einen Genehmigungsvorbehalt für die Begründung von Wohneigentum oder Teileigentum in Erhaltungsgebieten (Umwandlungsverordnung) erlassen.
Senator Geisel: „Wir wollen lebendige und sozial durchmischte Kieze in Berlin. Jeder sollte die Möglichkeit haben, in allen Teilen der Stadt wohnen zu können. Mit der Umwandlungsverordnung schützen wir Mieterinnen und Mieter in besonders gefährdeten Gebieten vor Verdrängung.”
Mit dem Genehmigungsvorbehalt zur Umwandlung in den sozialen Erhaltungsgebieten kommt ein weiteres wichtiges städtebauliches und wohnungspolitisches Instrument zur Anwendung, denn in den letzten Jahren gab es in Berlin eine deutliche Steigerung der Umwandlungen, mit überproportionalem Anteil in sozialen Erhaltungsgebieten.
Mit der Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen geht häufig eine Entmietung der Häuser einher mit anschließender teurer Modernisierung. Damit wird der Ausstattungsstandard der Wohnungen oft auf ein überdurchschnittliches Niveau angehoben. In den meisten Fällen werden umgewandelte Wohnungen weiterhin als Mietwohnungen angeboten und nicht von den Erwerbern selbst genutzt. Die Mieten dieser Wohnungen liegen deutlich höher als bei nicht umgewandelten Wohnungen. Die Umwandlung führt damit zur Veränderung der bisherigen Gebietsbevölkerung.
Die Umwandlungsverordnung wird die Ziele in den sozialen Erhaltungsgebieten wirksam unterstützen. In den momentan mit Rechtsverordnung durch die Bezirke ausgewiesenen 21 sozialen Erhaltungsgebieten leben rund 300.000 Berlinerinnen und Berliner. Künftig wird von den Bezirken auf der Grundlage des § 172 des Baugesetzbuches, einem Bundesgesetz, geprüft, ob die Begründung von Wohnungs- und Teileigentum genehmigt werden kann. Wenn sich der Eigentümer verpflichtet, innerhalb von sieben Jahren nur an die Mieter zu veräußern, kann die Umwandlung genehmigt werden.
12. März 2015

https://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=1811922554


Das Selbstportrait von ihr, mit dem die Ausstellung beworben wird, war vermutlich aus den Fünfziger oder Sechziger Jahren. Da sie nicht sehr modebewusst gekleidet war, kann es auch sein, dass das Bild in einer Zeit entstanden ist, in der die Mode schon um einiges weiter war. Eine Ausstellung, Ausstellungseröffnung, in der die Fotografin nur als Jahrzehnte altes Selbstportrait präsent ist. Es kann nur gemutmaßt werden, ob sie den posthumen Ruhm gemocht hätte. Wahrscheinlich doch. Sie hat ja ein paar wenige, aufwändige Abzüge von Fotografien anfertigen lassen, mit genauen Angaben zur Papierqualität und so weiter, also ging es ihr nicht nur um den Prozess des Einfangens eines Bildes. Irgendwie ein seltsamer Bruch oder eine Leerstelle, wenn nicht einmal ein irgendwie befugter Erbe oder beauftragter Verwalter eines solchen Nachlasses zugegen ist. Reden werden gehalten, aber ich konnte keine Aufmerksamkeit dafür aufbringen, was an den Rednerinnen selbst lag, eine Sammlerin und noch jemand. Das Willy-Brandt-Haus macht ganz interessante Ausstellungen, immer wieder, der „Freundeskreis„. Aber wenn ich ehrlich bin, werde ich mit der Architektur des Gebäudes nicht warm, auch die Lage ist irgendwie… na ja. Eine Ecke, in der ich nicht wohnen möchte. Durch das viele Glas des Gebäudes, muss man Flächen für die Hängung durch Stellwände erzwingen, was schon zeigt, dass es sich nicht ursächlich um ein Gebäude handelt, das für Ausstellungen konzipiert ist. Das stehen dann so rechtwinklig, wie vom Reißbrett, die Wände, und die Bilder hängen in etwas phantasieloser Anordnung wie in der Straße der Besten nebeneinander. Die Abzüge sind ganz schön geworden. Viele gelungene Aufnahmen mit gewissermaßen versteckter Kamera, der diskreten Art der doppeläugigen Rolleiflex. Ich habe mich ein bißchen berappeln müssen, um hinzugehen, weil ich mich wie verkatert fühlte, ohne nennenswert viel getrunken zu haben, am Abend zuvor. Dann hat mich Jan irgendwie in einem kurzen Mailaustausch doch motiviert und ich wollte das ja auch sehen.












Nach den Reden und der Eröffnung der Ausstellungsetage wurde noch der berühmte Dokumentarfilm gezeigt, den ich ja schon vom Kinobesuch kannte. Jan war auch nicht in Laune, um mucksmäuschenstill einen Film in der großen Halle zu gucken, und so sind wir noch etwas trinken gegangen, da bei dem Theater in Kreuzberg, im WAU. Ich habe eine Kartoffelsuppe mit gebratenem Speck gegessen und ein Bier getrunken. Jan nur Bier, ich glaube ein alkoholfreies Weizenbier, habe gar nicht gewusst, dass es das gibt. Bin ich aber auch nicht die Zielgruppe dafür. Weder mit noch ohne Alkohol. Die Kellner waren unheimlich nett. So nett, dass Jan fast schon irritiert war: „Warum sind die denn so nett zu uns? Die scheinen sich ja total zu freuen, dass wir hier sind!“ Ich hatte ja mein Fotomäntelchen an, das schon in der Warteschlange und der Ausstellung für interessierte Erheiterung gesorgt hatte, so auch im Lokal, nehme ich an. Und mit meiner schicken High End-Stoff-Kamera (analog) habe ich sicher auch wahnsinnig professionell gewirkt. War vielleicht ganz gut, dass Vivian Maier nicht persönlich da sein konnte, sie hätte sich vielleicht geärgert, dass meine Kamera mehr Aufsehen erregt als ihre eigene. Irgendwer muss ja für ein bißchen Unterhaltung und Entertainment sorgen. Schließlich wissen wir alle, dass Ausstellungseröffnungen wahnsinnig langweilig sein können, auch wenn tolle Sachen an der Wand hängen. Wenn man selbst für die Unterhaltung sorgt, hat man das geringste Problem, dann ist es nämlich ganz wurscht, wo man ist.



















Mit der Kamera kann man übrigens nicht nur ganz außergewöhnlich gute Bilder (vor allem Selfies) machen, sie hat auch noch Platz für Portemonnaie und Taschentuch. Habe ich neulich auf dem Wochenmarkt gefunden, da zwischen der S-Bahn und den Hackeschen Höfen. So eine hochwertige, analoge Profi-Multifunktionskamera ist doch noch mal eine ganz andere Liga!

08. März 2015
https://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=1811922554

Noch einmal Nikolaiviertel. Im Knoblauchhaus, dem längst erhaltenen, ältesten Bürgerhaus in dieser Ecke von Berlin, erbaut im Jahre 1759. Heute beherbergt das Haus eine Ausstellung, die sich dem Berliner Leben im Biedermeier widmet. Der Eintritt ist frei und es gibt außer schönen alten Möbeln – unter anderem dem Bett, in dem der weltberühmte Alexander von Humboldt gestorben ist, und Gebrauchsgegenständen, auch etwas Kurioses, das alleine schon den Besuch wert wäre. Im obersten Stockwerk ist neben einer Schneiderpuppe mit einem Biedermeier-Anzug für den Herren, ein Gefährt, ein Laufrad, das die schöne Bezeichnung Draisine trägt. So etwas habe ich überhaupt noch nie in echt gesehen, höchstens auf irgendwelchen sehr alten Zeichnungen. Man hat sich mit den Füßen vom Boden abgestoßen, es ist der Vorläufer des Fahrrads, das erste Fortbewegungsmittel auf zwei Rädern der Menschheitsgeschichte. Ein bildschönes Teil. Aber der Anzug daneben hat mir auch gut gefallen, besonders das Hemd mit dem plissierten Kragen. Das ist sehr kleidsam, nicht nur für den Herren. Das Kleid für die Dame hingegen hat es mir weniger angetan. Sehr schön waren auch die Spielsachen, das Spielzeugpferd und die Kaffeetassen mit dem Golddekor. Und die knalligen blauen Wände im Kontrast zu dem warmen Farbton des Holzes. Der eine Herr, der neben zwei Damen Aufsicht gemacht hat, und überaus gesprächig und gut gelaunt war, hat mir versichert, dass der Kurator der Ausstellung wiederum ihm versichert hat, dass das Blau der Wände genau der damaligen Mode im Biedermeier entsprach, es war genauso kräftig und leuchtend, wie wir es dort sehen. Ich fand die Farbe enorm intensiv, geradezu ein elektrisches Blau. Ich habe ins Gästebuch geschrieben und extra die Aufsichten gelobt, weil sie enorm hilfsbereit und auskunftsfreudig waren und auch viele Späßchen gemacht haben. Man konnte sich gleich wie daheim fühlen, im Biedermeierhäuschen. Obwohl die Epoche der Erbauung ja Rokoko war, aber das ist jetzt auch egal. Es ist sehr schön. Man kann interessante Licht- und Farbstimmungen mitnehmen. Und wie gesagt – eine echte Draisine bewundern. Das Wort habe ich erst gelernt, ich habe es vorher nicht gekannt. Ich glaube auch nicht, dass wir die Entwicklungsgeschichte des Fahrrads seinerzeit in der Schule durchgenommen haben. Oder ich habe aus dem Fenster geguckt und war in Gedanken woanders. Auf jeden Fall hat das Gefährt eine enorme Aura! Wie eine Requisite aus einem Jules Verne-Film, wie so eine kleine Zeitmaschine. Ganz, ganz supertoll!



Ich bin dann über die bildschöne kleine Wendeltreppe wieder nach unten gegangen und eine Tür weiter, in den winzigen Museumsshop, dort habe ich noch einmal richtig Touristin gespielt und mir sogar überlegt, ob ich ein Souvenir kaufe. Es gab unter anderem ganz kleine Spieluhren mit Jugendstilbildchen, die moderne Lieder in der Spieluhrversion spielen. Zum Beispiel My Way. Oder war es Strangers in the Night? Ich habe alle durchprobiert und die ältere Verkäuferin hat mich angefeuert, dass ich schneller kurbeln muss, damit der Rhythmus stimmt! Das war ganz lustig. Aber gekauft habe ich keine, weil ja so eine Spieluhr nicht so richtig viel mit dem Knoblauchaus zu tun hat. Außerdem gibt es dort ganz viele Bildbände von dem alten Berlin, mit Schwarzweiß-Fotos von vor der Zerstörung im zweiten Weltkrieg. So eins habe ich aber schon. Man denkt, man blättert durch einen Bildband über Paris oder Wien. Traurig-schön, so ein Bildband über das alte Berlin. Auf jeden Fall war das mein letzter Programmpunkt im Nikolaiviertel an dem Tag. Ganz schön viel gesehen! Wer hätte das gedacht. Und jetzt, daheim, habe ich erst einmal – überhaupt zum ersten mal – nachgelesen, woher eigentlich der Begriff „Biedermeier“ kommt, nämlich – Achtung – aufgepasst…




„Der Begriff Biedermeier geht zurück auf die fiktive Figur des treuherzigen, aber spießbürgerlichen Gottlieb Biedermaier, die der Jurist und Schriftsteller Ludwig Eichrodt und der Arzt Adolf Kußmaul erfanden und unter dessen Namen in den Jahren ab 1855 in den Münchner Fliegenden Blättern diverse Gedichte veröffentlicht wurden. Entstanden war der Name aus zwei Gedichten mit den Titeln Biedermanns Abendgemütlichkeit und Bummelmaiers Klage, die Joseph Victor von Scheffel in diesem Blatt 1848 veröffentlicht hatte. Der fiktive Herr Biedermeier war ein dichtender schwäbischer Dorflehrer mit einfachem Gemüt, dem seine kleine Stube, sein enger Garten, sein unansehnlicher Flecken und das dürftige Los eines verachteten Dorfschulmeisters zu irdischer Glückseligkeit verhelfen. In den Veröffentlichungen werden die Biederkeit, der Kleingeist und die unpolitische Haltung großer Teile des Bürgertums karikiert und verspottet. Allerdings hat der revolutionäre Dichter Ludwig Pfau bereits 1847 ein Gedicht mit dem Titel Herr Biedermeier verfasst, das Spießigkeit und Doppelmoral anprangert. Nach 1900 wurde der zunächst negativ konnotierte Begriff Biedermeier eher wertneutral aufgefasst, er stand für eine kleinbürgerliche Kultur der Häuslichkeit und der Betonung des Privaten. Die Nutzung als Epochenbezeichnung entwickelte sich ab Ende des neunzehnten Jahrhunderts.“ (…usw.)


















Und hier ist das überraschend zeitlose Gedicht von Ludwig Pfau.
Herr Biedermeier
Schau, dort spaziert Herr Biedermeier
Und seine Frau, den Sohn am Arm;
Sein Tritt ist sachte wie auf Eier,
Sein Wahlspruch: Weder kalt noch warm.
Das ist ein Bürger hochgeachtet,
Der geistlich spricht und weltlich trachtet;
Er wohnt in jenem schönen Haus
Und – leiht sein Geld auf Wucher aus.
Gemäßigt stimmt er bei den Wahlen,
Denn er missbilligt allen Streit;
Obwohl kein Freund vom Steuerzahlen,
Verehrt er sehr die Obrigkeit.
Aufs Rathaus und vor Amt gerufen,
Zieht er den Hut schon auf den Stufen;
Dann aber geht er stolz nach Haus
Und – leiht sein Geld auf Wucher aus.
Am Sonntag in der Kirche fehlen,
Das wäre gegen Christenpflicht;
Da holt er Labung seiner Seelen –
Und schlummert, wenn der Pfarrer spricht.
Das führt ihn lieblich bis zum Segen,
Den nimmt der Wackre fromm entgegen.
Dann geht er ganz erbaut nach Haus
Und – leiht sein Geld auf Wucher aus.
Acht! Wandrer, die gen Westen streben!
Wie rühret ihre Not sein Herz!
Wohl sieht er sammeln, doch zu geben
Vergisst er ganz in seinem Schmerz.
“Ihr Schicksal ruht in Gottes Händen!“
Spricht er – dann geht er auszupfänden,
Nimmt einem Schuldner Hof und Haus
Und leiht sein Geld auf Wucher aus.
Den einzgen, hoffnungsvollem Sprossen –
Denn nicht mehr, das wäre Überfluss -,
Den hält er klösterlich verschlossen:
Die Sünde stammt ja vom Genuss.
Die Mutter führt ihr Küchlein sittig
Wie eine Henne unterm Fittich;
Sie sorgt für strenge Zucht im Haus
Und – leiht ihr Geld auf Wucher aus.
O edles Haus! O feine Sitten!
Wo jedes Gift im Keim erstickt,
Wo nur gepflegt wird und gelitten,
Was gern sich duckt und wohl sich schickt.
O wahre Bildung ohne Spitzen!
Nur der Besitz kann dich besitzen –
Anstand muss sein in Staat und Haus,
Sonst – geht dem Geld der Wucher aus.
Ludwig Pfau 1847





07. März 2015

So ein Samstag. Ausschlafen, duschen, Rollos hochziehen, Kaffee kochen, feuchtes Badetuch in den Sonnenfleck legen. Fenster aufmachen. Schlagsahne auf den Espressokaffee. Das kleine Notebook vom Kabel nehmen, auf den Teppich setzen, den Monitor in den Schatten klappen. Lesen, Bilder angucken. Was nachschauen. Ist schon Frühlingskraft in der Sonne heute. Sie verwöhnte uns im Februar in Berlin und morgen sollte man einen Ausflug machen, wenn nicht heute noch. Ich werde mich langsam fertig machen, aber nur zum Einkaufen, den Müllbeutel runterbringen und ein paar Sachen zum Essen und Trinken kaufen, mehr ist nicht geplant außer Haus. Wäsche habe ich schon gestern gewaschen und zum Trocknen aufgehängt. Die Bilder von dem Biedermeierhäuschen im Nikolaiviertel werde ich später sortieren und hochladen und so weiter. Ein ganz normaler Samstag. Friedlich und unspektakulär. Ein Freund hat Geburtstag, Duke, mit dem ich in Wien war. Er hat von mir ein Päckchen gekriegt, mit was Gutem zum Trinken drin. Ab einem gewissen Alter sind die sinnvollsten Geschenke doch gute Dinge, die man sich einverleibt, aber vielleicht nicht alltäglich in den Einkaufswagen legen würde. Geht mir jedenfalls so. Wer mir je etwas schenken wollte, liegt außer mit schönen Worten immer mit guten Sachen zum Trinken richtig. Sonst brauche ich nichts, liegt eh zu viel Zeug hier herum! Andererseits bin ich aber auch wieder heikel, was die Getränke angeht, ich mag ja ganz viele Sachen überhaupt nicht. Eigentlich mag ich überhaupt nur Bordeaux, Williamsbrand, Haselnussgeist und meinethalben Champagner. Eigentlich ganz einfach. Aber am Sichersten sind immer noch schöne Worte. Da kann man gar nicht viel falsch machen. Wobei natürlich auch da die Herkunft und Qualität von Interesse ist. Ich muss mir mal langsam die Wimpern tuschen und so weiter, sonst wird das heute nichts mehr.
07. März 2015

So ein Samstag. Ausschlafen, duschen, Rollos hochziehen, Kaffee kochen, feuchtes Badetuch in den Sonnenfleck legen. Fenster aufmachen. Schlagsahne auf den Espressokaffee. Das kleine Notebook vom Kabel nehmen, auf den Teppich setzen, den Monitor in den Schatten klappen. Lesen, Bilder angucken. Was nachschauen. Ist schon Frühlingskraft in der Sonne heute. Sie verwöhnte uns im Februar in Berlin und morgen sollte man einen Ausflug machen, wenn nicht heute noch. Ich werde mich langsam fertig machen, aber nur zum Einkaufen, den Müllbeutel runterbringen und ein paar Sachen zum Essen und Trinken kaufen, mehr ist nicht geplant außer Haus. Wäsche habe ich schon gestern gewaschen und zum Trocknen aufgehängt. Die Bilder von dem Biedermeierhäuschen im Nikolaiviertel werde ich später sortieren und hochladen und so weiter. Ein ganz normaler Samstag. Friedlich und unspektakulär. Ein Freund hat Geburtstag, Duke, mit dem ich in Wien war. Er hat von mir ein Päckchen gekriegt, mit was Gutem zum Trinken drin. Ab einem gewissen Alter sind die sinnvollsten Geschenke doch gute Dinge, die man sich einverleibt, aber vielleicht nicht alltäglich in den Einkaufswagen legen würde. Geht mir jedenfalls so. Wer mir je etwas schenken wollte, liegt außer mit schönen Worten immer mit guten Sachen zum Trinken richtig. Sonst brauche ich nichts, liegt eh zu viel Zeug hier herum! Andererseits bin ich aber auch wieder heikel, was die Getränke angeht, ich mag ja ganz viele Sachen überhaupt nicht. Eigentlich mag ich überhaupt nur Bordeaux, Williamsbrand, Haselnussgeist und meinethalben Champagner. Eigentlich ganz einfach. Aber am Sichersten sind immer noch schöne Worte. Da kann man gar nicht viel falsch machen. Wobei natürlich auch da die Herkunft und Qualität von Interesse ist. Ich muss mir mal langsam die Wimpern tuschen und so weiter, sonst wird das heute nichts mehr.
27. Februar 2015
Das Mr. Spock-T-Shirt sieht schön aus. Ich hätte es gerne mit langen Ärmeln. Muss ich mal in Ruhe recherchieren. So kann man noch besser seine Verehrung schluchz zum Ausdruck bringen.. Ich glaube ja, dass Mr. Spock nur heim zu seinem Stern geflogen ist. Was sonst. Mr. Spock ist unsterblich.
\\//
01. März 2015


Der Heilige Georg, welcher hoch zu Ross den Drachen tötet und der Legende nach nicht nur die Prinzessin, sondern eine ganze Stadt von dem Ungetüm befreit, ist eines der am meisten fotografierten Denkmäler Berlins. Die sechs Meter hohe Figur aus dem Jahre 1855 des Bildhauers August Karl Eduard Kiss (1802 – 1865) fasziniert durch seine detailgetreue Gestaltung. Bis zur Sprengung befand sich das Denkmal im Hof des Berliner Stadtschlosses, danach im Volkspark Friedrichshain. Mit dem Aufbau des Nikolaiviertels hat das Reiterstandbild 1987 einen würdigen Platz in Berlins historischer Mitte gefunden. Am Spreeufer, mit Blick auf die älteste Kirche der Stadt, St. Nikolai.

https://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=1811922554











Absolut virtuos. Furios und hemmungslos, ohne Frage grandios.
02. März 2015

https://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=1811922554







Auch im NIkolaiviertel, die Kashmir Boutique, in der Spandauer Straße 27, Mitte. Durch den Torbogen und dann links. Das einzige Geschäft, in dem ich drin war. Das kam aber auch nur, weil ich die lustigen Puppen fotografierte und der Inhaber herausgekommen ist und eine geraucht hat und mich angeschaut hat, als ob er Lust auf ein Schwätzchen hat. Nachdem er mich ermuntert hat, mir anzuschauen, was es drinnen gibt, was mich aber auch interessiert hat, sind wir ins Plaudern gekommen und er hat mir erzählt, dass die Schals und Stoffe direkt aus Kaschmir importiert werden, ohne Zwischenhandel. Die Puppen sind aus Asien. Ich habe ihn gefragt, ob ich ein paar Fotos machen darf, und er hat nichts dagegen gehabt, was an sich schon ein Glücksfall ist, weil es in vielen Geschäften nicht erlaubt ist, die Waren zu fotografieren. Komisch eigentlich, ist doch kostenlose Reklame. Jedenfalls konnte ich so viele Bilder machen, wie ich Lust hatte. Dann ist noch ein interessant gekleideter Herr mit Hut ins Geschäft gekommen und hat nach dem Weg zur Alten Münze gefragt, wo bestimmt irgendeine Mode-Veranstaltung war. Es war schon Nachmittag und ich wollte noch gerne ins Knoblauchhaus, in dem es keinen Knoblauch gibt, aber Biedermeier. Der Besitzer hat Knoblauch geheißen. Es ist das älteste erhaltene, einzige vom Krieg ganz unversehrte Wohnhaus im Nikolaiviertel. Davon habe ich extra Fotos. In die Kashmir Boutique muss ich demnächst einmal in Ruhe gehen und die schönen Sachen richtig anschauen und natürlich auch das dicke Portemonnaie mitnehmen. Schöne kleine Geschäfte mit besonders schönen Waren und besonders netten Verkäufern muss man unbedingt unterstützen. Ich habe schon beim schnellen Drübergucken gesehen, dass es ganz viele Sachen gibt, die mir sehr gut gefallen. Weil es so ein Hippie-Traum aus Tausendundeiner Nacht ist, hab ich zu ihm gesagt, dass eigentlich Musik von früher laufen sollte, ein bißchen Doors und es eigentlich nach Gras riechen müsste oder Räucherstäbchen. Ein Weilchen später hat etwas sehr angenehm angefangen zu duften, ich weiß nicht, was er gemacht hat. „Oh, da duftet ja auf einmal etwas!“ wundere ich mich. Er grinst breit und erläutert: „Ich habe geatmet.“









03. März 2015
Endlich.
Land Berlin führt Verordnung über Genehmigungsvorbehalt zur Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen in sozialen Erhaltungsgebieten ein
Pressemitteilung vom 03.03.2015
Aus der Sitzung des Senats am 3. März 2015:
Das Land Berlin hat die Voraussetzungen dafür geschaffen, dass die Bezirke künftig in den Erhaltungsgebieten entscheiden können, ob die Umwandlung von Mietwohnungen in Wohnungseigentum genehmigungsfähig ist oder nicht. Der Senat hat dazu – wie bereits in der Senatsklausur vereinbart – die von Stadtentwicklungs- und Umweltsenator Andreas Geisel vorgelegte Verordnung über einen Genehmigungsvorbehalt für die Begründung von Wohneigentum oder Teileigentum in Erhaltungsgebieten (Umwandlungsverordnung) erlassen.
Senator Geisel: „Wir wollen lebendige und sozial durchmischte Kieze in Berlin. Jeder sollte die Möglichkeit haben, in allen Teilen der Stadt wohnen zu können. Mit der Umwandlungsverordnung schützen wir Mieterinnen und Mieter in besonders gefährdeten Gebieten vor Verdrängung.”
Mit dem Genehmigungsvorbehalt zur Umwandlung in den sozialen Erhaltungsgebieten kommt ein weiteres wichtiges städtebauliches und wohnungspolitisches Instrument zur Anwendung, denn in den letzten Jahren gab es in Berlin eine deutliche Steigerung der Umwandlungen, mit überproportionalem Anteil in sozialen Erhaltungsgebieten.
Mit der Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen geht häufig eine Entmietung der Häuser einher mit anschließender teurer Modernisierung. Damit wird der Ausstattungsstandard der Wohnungen oft auf ein überdurchschnittliches Niveau angehoben. In den meisten Fällen werden umgewandelte Wohnungen weiterhin als Mietwohnungen angeboten und nicht von den Erwerbern selbst genutzt. Die Mieten dieser Wohnungen liegen deutlich höher als bei nicht umgewandelten Wohnungen. Die Umwandlung führt damit zur Veränderung der bisherigen Gebietsbevölkerung.
Die Umwandlungsverordnung wird die Ziele in den sozialen Erhaltungsgebieten wirksam unterstützen. In den momentan mit Rechtsverordnung durch die Bezirke ausgewiesenen 21 sozialen Erhaltungsgebieten leben rund 300.000 Berlinerinnen und Berliner. Künftig wird von den Bezirken auf der Grundlage des § 172 des Baugesetzbuches, einem Bundesgesetz, geprüft, ob die Begründung von Wohnungs- und Teileigentum genehmigt werden kann. Wenn sich der Eigentümer verpflichtet, innerhalb von sieben Jahren nur an die Mieter zu veräußern, kann die Umwandlung genehmigt werden.
02. März 2015

https://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=1811922554







Auch im NIkolaiviertel, die Kashmir Boutique, in der Spandauer Straße 27, Mitte. Durch den Torbogen und dann links. Das einzige Geschäft, in dem ich drin war. Das kam aber auch nur, weil ich die lustigen Puppen fotografierte und der Inhaber herausgekommen ist und eine geraucht hat und mich angeschaut hat, als ob er Lust auf ein Schwätzchen hat. Nachdem er mich ermuntert hat, mir anzuschauen, was es drinnen gibt, was mich aber auch interessiert hat, sind wir ins Plaudern gekommen und er hat mir erzählt, dass die Schals und Stoffe direkt aus Kaschmir importiert werden, ohne Zwischenhandel. Die Puppen sind aus Asien. Ich habe ihn gefragt, ob ich ein paar Fotos machen darf, und er hat nichts dagegen gehabt, was an sich schon ein Glücksfall ist, weil es in vielen Geschäften nicht erlaubt ist, die Waren zu fotografieren. Komisch eigentlich, ist doch kostenlose Reklame. Jedenfalls konnte ich so viele Bilder machen, wie ich Lust hatte. Dann ist noch ein interessant gekleideter Herr mit Hut ins Geschäft gekommen und hat nach dem Weg zur Alten Münze gefragt, wo bestimmt irgendeine Mode-Veranstaltung war. Es war schon Nachmittag und ich wollte noch gerne ins Knoblauchhaus, in dem es keinen Knoblauch gibt, aber Biedermeier. Der Besitzer hat Knoblauch geheißen. Es ist das älteste erhaltene, einzige vom Krieg ganz unversehrte Wohnhaus im Nikolaiviertel. Davon habe ich extra Fotos. In die Kashmir Boutique muss ich demnächst einmal in Ruhe gehen und die schönen Sachen richtig anschauen und natürlich auch das dicke Portemonnaie mitnehmen. Schöne kleine Geschäfte mit besonders schönen Waren und besonders netten Verkäufern muss man unbedingt unterstützen. Ich habe schon beim schnellen Drübergucken gesehen, dass es ganz viele Sachen gibt, die mir sehr gut gefallen. Weil es so ein Hippie-Traum aus Tausendundeiner Nacht ist, hab ich zu ihm gesagt, dass eigentlich Musik von früher laufen sollte, ein bißchen Doors und es eigentlich nach Gras riechen müsste oder Räucherstäbchen. Ein Weilchen später hat etwas sehr angenehm angefangen zu duften, ich weiß nicht, was er gemacht hat. „Oh, da duftet ja auf einmal etwas!“ wundere ich mich. Er grinst breit und erläutert: „Ich habe geatmet.“









01. März 2015


Der Heilige Georg, welcher hoch zu Ross den Drachen tötet und der Legende nach nicht nur die Prinzessin, sondern eine ganze Stadt von dem Ungetüm befreit, ist eines der am meisten fotografierten Denkmäler Berlins. Die sechs Meter hohe Figur aus dem Jahre 1855 des Bildhauers August Karl Eduard Kiss (1802 – 1865) fasziniert durch seine detailgetreue Gestaltung. Bis zur Sprengung befand sich das Denkmal im Hof des Berliner Stadtschlosses, danach im Volkspark Friedrichshain. Mit dem Aufbau des Nikolaiviertels hat das Reiterstandbild 1987 einen würdigen Platz in Berlins historischer Mitte gefunden. Am Spreeufer, mit Blick auf die älteste Kirche der Stadt, St. Nikolai.

https://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=1811922554











Absolut virtuos. Furios und hemmungslos, ohne Frage grandios.
27. Februar 2015
Das Mr. Spock-T-Shirt sieht schön aus. Ich hätte es gerne mit langen Ärmeln. Muss ich mal in Ruhe recherchieren. So kann man noch besser seine Verehrung schluchz zum Ausdruck bringen.. Ich glaube ja, dass Mr. Spock nur heim zu seinem Stern geflogen ist. Was sonst. Mr. Spock ist unsterblich.
\\//
26. Februar 2015
26.02.2015, 12:50 am, C/O Berlin, Charlottenburg
„scuse me…. y‘ speak English?“
„Yes – ?“
„We are a group of fashion students from London and we
LOVE YOUR COAT!
Would you mind, if we take a picture?
„No problem, take a picture!“
(klick klick klick)
„Thank you so much!“
„MY pleasure (!)“
Unbedingt(!!!) Und ich lasse mich normalerweise nicht gerne (von anderen) fotografieren. Ja bin ich denn von lauter Deppen umgeben? Wieso muss erst eine „group of fashion students from London“ nach Berlin kommen, bis ich ausführlich auf meinen supertollen Mantel mit den Fotos drauf angesprochen werde! Das ist doch Scheisse! Ich geißle das! Nur neulich, bei der Eröffnung der Vivian Maier-Ausstellung im Willy Brandt-Haus, da stand neben mir eine Berlinerin in der Schlange, die den Mantel auch gelobt hat! Das hat mir die Wartezeit sehr verkürzt, um nicht zu sagen versüßt. O.k., Jan, hat dann auch noch eine nette Bemerkung gemacht „Cooler Mantel, ist der neu?“ „Nein. Mit Perwoll gewaschen.“ Ignoranten. Oder sind die alle schüchtern? Manchmal merke ich, dass die Leute zu grinsen anfangen, wenn sie mich in dem Mantel sehen. Hat ja auch Unterhaltungswert. Aber so eine qualifizierte Reaktion wie da oben, noch dazu aus berufendem Munde, so denke ich mir das. Ich ziehe das Dings heute Abend gleich noch mal an, Veruschka unterhält sich bei C/O mit so einem Kunsthistoriker über die Dreharbeiten von Blow up. Und wehe, sie sagt nichts zu meinem Mäntelchen. Bin ich beleidigt…!!! (aber echt)
26. Februar 2015
26.02.2015, 12:50 am, C/O Berlin, Charlottenburg
„scuse me…. y‘ speak English?“
„Yes – ?“
„We are a group of fashion students from London and we
LOVE YOUR COAT!
Would you mind, if we take a picture?
„No problem, take a picture!“
(klick klick klick)
„Thank you so much!“
„MY pleasure (!)“
Unbedingt(!!!) Und ich lasse mich normalerweise nicht gerne (von anderen) fotografieren. Ja bin ich denn von lauter Deppen umgeben? Wieso muss erst eine „group of fashion students from London“ nach Berlin kommen, bis ich ausführlich auf meinen supertollen Mantel mit den Fotos drauf angesprochen werde! Das ist doch Scheisse! Ich geißle das! Nur neulich, bei der Eröffnung der Vivian Maier-Ausstellung im Willy Brandt-Haus, da stand neben mir eine Berlinerin in der Schlange, die den Mantel auch gelobt hat! Das hat mir die Wartezeit sehr verkürzt, um nicht zu sagen versüßt. O.k., Jan, hat dann auch noch eine nette Bemerkung gemacht „Cooler Mantel, ist der neu?“ „Nein. Mit Perwoll gewaschen.“ Ignoranten. Oder sind die alle schüchtern? Manchmal merke ich, dass die Leute zu grinsen anfangen, wenn sie mich in dem Mantel sehen. Hat ja auch Unterhaltungswert. Aber so eine qualifizierte Reaktion wie da oben, noch dazu aus berufendem Munde, so denke ich mir das. Ich ziehe das Dings heute Abend gleich noch mal an, Veruschka unterhält sich bei C/O mit so einem Kunsthistoriker über die Dreharbeiten von Blow up. Und wehe, sie sagt nichts zu meinem Mäntelchen. Bin ich beleidigt…!!! (aber echt)
25. Februar 2015

https://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=1811922554





Nikolaiviertel. Berlin Mitte. 1987 wiederauferstanden. Zum Jubiläum. Zum Geburtstag, dem 750., am 28. Oktober 1987. Ostberlin. Damals war ich nicht da. Ich war überhaupt noch nie bewusst im Nikolaiviertel, um das Nikolaiviertel anzuschauen. Hier und da schon einmal sehr am Rande gestreift, auf dem Weg zur Alten Münze am Molkenmarkt, zur a2n-Music-Convention im Jahr 2009, aber mich hat nie ein Weg direkt ins Nikolaiviertel geführt.


Die letzten beiden Wochen hatten wir, seit Mitte Februar beinah ohne Unterbrechung, kaum ein Tag ohne strahlende Sonne. Nicht von langer Hand geplant, aber nach meinem Besuch im Ephraim-Palais am vorletzten Sonntag, fasste ich den Vorsatz, diese meine kleine, fast peinliche, Berliner Heimatkundelücke zu schließen.














Keine Autos fahren in den meist kopfsteingepflasterten Gassen in diiesem kleinen überschaubaren Viertel, das sehr vereinzelt sogar noch sehr alte Bausubstanz hat. Allem voran die älteste Kirche Berlins, die Nikolaikirche, die 1230 erbaute. Im Wikipedia liest man u. a.: Die Nikolaikirche war auch Ort bedeutender politischer Ereignisse: 1539 trat hier der Rat von Berlin und Cölln geschlossen zum Luthertum über. Am 6. Juli 1809 trat die erste infolge der Steinschen Reformen gewählte Stadtverordnetenversammlung hier zusammen und ließ sich gemeinsam mit dem Magistrat und dem Oberbürgermeister feierlich vereidigen. Bundespräsident Richard von Weizsäcker wurde am 29. Juni 1990 in der Nikolaikirche zum ersten Gesamt-Berliner Ehrenbürger seit der Teilung der Stadt ernannt. Am 11. Januar 1991 fand hier die konstituierende Sitzung des neu gewählten (nun) Gesamtberliner Abgeordnetenhauses statt. Gut. Das nur, um zu dokumentieren, dass es keine x-beliebige Dorfkirche ist, wie man anhand des eher unspektakulären Erscheinungsbildes leicht denken könnte. Ich war ganz kurz im vorderen Bereich, habe mir aber einen wirklichen Besuch der Kirche, die heute vor allem ein Ausstellungsort geworden ist, der einen geringfügigen Eintritt kostet, für ein andermal vorgenommen. Ich wollte lieber das ebenfalls im Nikolaiviertel liegende Biedermeiermuseum, das Knoblauhaus anschauen, das unter den Wohnhäusern die älteste unzerstörte Bausubstanz aufweist. Eintritt frei! Da war ich später auch noch, zuletzt und ausgiebig. Weil das Biedermeierhäuschen eine eigene Strecke verdient, bekommt es diese auch, später. Alles in Arbeit.














Es ist oft so in Berlin – man lebt jahrzehntelang hier und es gibt Orte, die noch nie einfach so den eigenen Weg gekreuzt haben, obwohl sie die meisten Reisenden auf ihrem Routenplan haben.











Die sogenannten ‚historisierenden‘ Plattenbauten sind so eine Geschichte für sich. Die Silhouette ein Zitat von alten Bürgerhäusern, wie man sie schon im Original in unzerstörten Städten mit mittelalterlichem Kern gesehen hat, die Fassade aber allzu leicht identifizierbare Platten-Elemente, verschönt mit einem Streifenrelief, das bei manchem Lichteinfall ein bißchen nach Wellpappe aussieht. Man hätte eigentlich nur die Anschlusskanten der Platten verputzen und ausgleichen müssen, schon wäre der ästhetische Eindruck weniger provisorisch, um nicht zu sagen ‚preisgünstig‘. Dann bin ich wieder beinah empathisch-mitleidig gerührt, bei der klaren Vorstellung, man hat versucht etwas Schönes, Modernes zu schaffen, das die Historie zitiert, aber die Mittel haben halt nicht ausgereicht, um es vollendeter, virtuoser hinzukriegen. Dann bin ich wiederum verärgert, weil ich finde, dass es nicht die Welt gekostet haben würde, die blöden dissonanten Fugen auszufüllen und zu verspachteln. Es ist halt auch ein Ostberliner Unikum, DDR-Geschichte. Sie konnten aber auch virtuos rekonstruieren und wiederaufbauen, nicht, dass das Knowhow nicht dagewesen wäre. Es war also wohl doch irgendwie originell gemeint. Ich habe keine der historisierenden Platten hier in den Eintrag genommen, aber in der gesamten Strecke von weit mehr als vierhundert Aufnahmen sind sie zu sehen. Hier zum Beispiel. Ich will nicht das Haar in der Suppe suchen. Es gibt ganz viele sehr atmosphärische Ecken innerhalb des Viertels, da an der Spree. Viele Lokale, die von Berlinbesuchern frequentiert werden, auf den Spuren von Heinrich Zille, der da auch ein Museum hat, in dem ich nicht war, und mit ein bißchen Sehnsucht nach Altberliner Nostalgie. Es ist nicht alles nur kulissenhaft und Freilichtmuseum.



An einem heißen Mittag in einem der Lokale am Wasser zu sitzen, vielleicht unter der furiosen Skulptur des Heiligen Georg, der schönsten Skulptur aus dem vorletzten Jahrhundert, die ich überhaupt je im öffentlichen Raum gesehen habe (und die auch eine extra Strecke bekommt, weil sie eigentlich ursprünglich woanders hingehört, nämlich auf den Schlossplatz), muss sehr erholsam und auch romantisch sein. Es ist eine Ecke für Romantiker. Über die etwas hilflosen Plattenbauten im Nostalgiegewand sollte man großzügig hinwegsehen, zumal wenn so die Sonne scheint. Einfach immer auf das Gelungene schauen.







Es ist schon eine kleine Puppenstube. Auch habe ich ein zauberhaftes Geschäft entdeckt, in dem ich ausführlicher war, die Kashmir Boutique, die direkt aus dem fernen Kaschmir, ohne Zwischenhandel, Paisley-Stoffe und Schals importiert, ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht. Die kriegt auch eine extra Strecke.













Ich kann mir gut vorstellen, dass ich einen lauen Abend dort in einem der Lokale verbringe, irgendwann, im warmen Frühling oder Sommer. Und wenn es sehr spät wird, kann ich sogar heimlaufen. Im Grunde ist es ein Kleinod, das man erst realisiert, wenn man vom Alexanderplatz kommend, mit dem Bus durch die Karl-Liebknecht-Straße gefahren ist, durch ungleich schlimmere Bausünden, an denen der Bus vorbeifährt, bis er am Nikolaiviertel hält. Es soll sich aber einiges ändern dort, in den nächsten Jahren. Heute erst in einer Bezirkszeitung gelesen. Gemeinsam mit den Berlinern soll eruriert werden, was wünschenswerter ist, als der heutige Zustand des Areals zwischen Rotem Rathaus und Marienkirche. Muss mal auf die Internetseite schauen, wann die Auftaktveranstaltung ist. Das kann mir ja nicht egal sein. Es war übrigens recht langwierig für mich, zu entscheiden, welche der 457 Bilder ich hier einkleben soll, um den Eintrag zu illustrieren. Ich habe ganz viele wieder gelöscht und nun sind es doch noch immer so viele. Könnte auch bedeuten, dass das kleine Nikolaiviertel eben doch ein bißchen mehr Aufmerksamkeit verdient hat, als nur die von Berlin-Urlaubern, auf der Suche nach entrückter Nostalgie.



24. Februar 2015
Lasst uns beten.
Eternal Love
24. Februar 2015
Lasst uns beten.
Eternal Love
22. Februar 2015
22. Februar 2015
17. Februar 2015


https://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=1811922554

Heute präsentiere ich meine erste Lesebrille. Ich habe schon mal am 29. Oktober 2014 davon berichtet, dass ich nun eine Lesebrille besitze. Ich habe sie aber noch nicht hergezeigt. Heute habe ich die Brille aufgesetzt und Bilder gemacht. Meistens setze ich die Brille vor dem Schlafengehen auf, wenn ich noch in einem Buch lese. In meinem Schlafzimmer ist es ein bißchen schummrig, das wäre mir ohne Brille zu schwierig. Unterwegs habe ich sie noch nicht aufgesetzt, obwohl ich morgens in der S-Bahn merke, dass ich sie gut brauchen könnte beim Lesen. Komischerweise wird es tagsüber dann immer besser mit dem Gucken und ich brauche keine Brille, auch nicht am Abend, wenn das Licht in der S-Bahn auch nicht besser ist als in der Früh. Aber das ist normal, haben mir Brillenträger-Profis erklärt. Im Laufe des Tages ändert sich die Sehfähigkeit. Also ich kann am besten am Abend gucken und wenn es total hell ist. Aber der Abend nützt mir in dem dunklen Schlafzimmer dann doch nichts, es ist halt wirklich zu schummrig. Das Etui habe ich mir bestellt, weil mir die ganzen Etuis in den Geschäften nicht gefallen haben. Ich finde, mit der Brille wirke ich ein bißchen wie eine Psychoanalytikerin. Also ich hätte Vertrauen und würde mich zur Analyse bei mir selber anmelden. Meine erste Lesebrille, das ist schon ein wichtiges Ereignis in meinem Leben, weil ich ja ein halbes Jahrhundert alles ohne Brille gemacht und gelesen habe. Ich hoffe auch, dass der Eintrag für meine Leserinnen und Leser von Interesse ist, die schon länger eine Brille aufhaben. Wie man so als Laie damit zurechtkommt und wie die Brille ausschaut. Hauptsache, nicht wie Nana Mouskouri! Das war mir am allerwichtigsten. Ich habe Nana Mouskouri noch auf keinem Foto mit so einer Brille wie meiner gesehen, deswegen war sie gleich in der allerersten Wahl. Ich habe nichts gegen Nana Mouskouri, das möchte ich noch einmal betonen, aber sie ist halt nicht mein Brillen-Idol! Nach der Brillen-Show heute Mittag bin ich rausgegangen. Weil ich ein kleines bißchen Freizeit habe und schöne Sonne war, bin ich endlich einmal ausgiebig durch das Nikolaiviertel spaziert und habe viele Fotos gemacht, die ich mir jetzt anschauen will und wegschmeißen und so weiter und so fort!

17. Februar 2015


https://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=1811922554

Heute präsentiere ich meine erste Lesebrille. Ich habe schon mal am 29. Oktober 2014 davon berichtet, dass ich nun eine Lesebrille besitze. Ich habe sie aber noch nicht hergezeigt. Heute habe ich die Brille aufgesetzt und Bilder gemacht. Meistens setze ich die Brille vor dem Schlafengehen auf, wenn ich noch in einem Buch lese. In meinem Schlafzimmer ist es ein bißchen schummrig, das wäre mir ohne Brille zu schwierig. Unterwegs habe ich sie noch nicht aufgesetzt, obwohl ich morgens in der S-Bahn merke, dass ich sie gut brauchen könnte beim Lesen. Komischerweise wird es tagsüber dann immer besser mit dem Gucken und ich brauche keine Brille, auch nicht am Abend, wenn das Licht in der S-Bahn auch nicht besser ist als in der Früh. Aber das ist normal, haben mir Brillenträger-Profis erklärt. Im Laufe des Tages ändert sich die Sehfähigkeit. Also ich kann am besten am Abend gucken und wenn es total hell ist. Aber der Abend nützt mir in dem dunklen Schlafzimmer dann doch nichts, es ist halt wirklich zu schummrig. Das Etui habe ich mir bestellt, weil mir die ganzen Etuis in den Geschäften nicht gefallen haben. Ich finde, mit der Brille wirke ich ein bißchen wie eine Psychoanalytikerin. Also ich hätte Vertrauen und würde mich zur Analyse bei mir selber anmelden. Meine erste Lesebrille, das ist schon ein wichtiges Ereignis in meinem Leben, weil ich ja ein halbes Jahrhundert alles ohne Brille gemacht und gelesen habe. Ich hoffe auch, dass der Eintrag für meine Leserinnen und Leser von Interesse ist, die schon länger eine Brille aufhaben. Wie man so als Laie damit zurechtkommt und wie die Brille ausschaut. Hauptsache, nicht wie Nana Mouskouri! Das war mir am allerwichtigsten. Ich habe Nana Mouskouri noch auf keinem Foto mit so einer Brille wie meiner gesehen, deswegen war sie gleich in der allerersten Wahl. Ich habe nichts gegen Nana Mouskouri, das möchte ich noch einmal betonen, aber sie ist halt nicht mein Brillen-Idol! Nach der Brillen-Show heute Mittag bin ich rausgegangen. Weil ich ein kleines bißchen Freizeit habe und schöne Sonne war, bin ich endlich einmal ausgiebig durch das Nikolaiviertel spaziert und habe viele Fotos gemacht, die ich mir jetzt anschauen will und wegschmeißen und so weiter und so fort!

16. Februar 2015


https://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=1811922554




Geradezu aktuell der Eintrag, auch die Bilder. Eigentlich wollte ich nicht unbedingt in eine Ausstellung gehen, am gestrigen Sonntag. Aber gerne in ein Palais. Warum nicht ins Ephraim-Palais. Ich war da noch nie. Eine Schande eigentlich. Da befasst man sich wissenschaftlich mit jedem Palais in Wien und war noch nicht einmal daheim in jedem dritten. Sie sind nicht mehr so dicht gesät wie in Wien, es ist halt doch mehr kaputt gegangen. Aber das Ephraim-Palais ist in aller Pracht am beinah alten Standort. Es war früher um zwölf Meter versetzt und musste auch wieder aufgebaut werden, aber immerhin mit originaler Fassade, die eingelagert war. Schon verrückt. Es ist also nicht nur ein rekonstruiertes Bauwerk, das nur so tut, als wäre es alt. Das kann man ja alles nachlesen.











Dass dort gerade eine Ausstellung mit dem Titel WEST : BERLIN läuft, hat mich nicht weiter gestört, außerdem hat mir das Plakat mit der Sonnenbrille gut gefallen, so etwas fotografiert sich immer gut. In der Ausstellung war Fotografieren komplett verboten, aber ich durfte im Treppenhaus Bilder machen, das hat man mir ausdrücklich gestattet, als ich nachgefragt habe. Ich habe ja viele Jahre meines Lebens in Westberlin verbracht, daher habe ich nicht unbedingt den Wissens-Nachholbedarf, was die Situation und Besonderheiten angeht. Es gab aber dennoch ein paar Exponate, die auch für mich interessant waren, wie zum Beispiel die linierte Karteikarte von J. F. Kennedy, auf der in englischer Schreibweise sein „Ich bin ein Berliner“-Satz steht und noch zwei andere Sachen auf Deutsch. Und irrwitzige, düstere Kostüme von einer Schaubühnen-Inszenierung, die hätte ich sehr, sehr gerne fotografiert, mit den Schaufensterpuppen darin. Und ganz schöne Plakate aus allen Jahrzehnten sind zu sehen. Berlin-Werbung. Was mir aufgefallen ist, dass viele der Plakat-Exponate einen gewissen gezielten Sex Appeal kultivierten. Ganz bemerkenswert auch eine Werbung für das Schlafwagenabteil der Deutschen Bahn, in der man eine gut gewachsene Dame im durchsichtigen Negligé von hinten sieht. Mit nackigem Popo. Ich meine: Werbung der Deutschen Bahn. Schönes Schwarzweiß-Foto. Aber wäre heutzutage wegen schlimmer Anzüglichkeit verboten. Ein Hingucker. Ich habe ja auch hingeguckt. Sonst wahrscheinlich eher nicht. Ein exzellentes Schwarzweiß-Foto, das sehr künstlerisch mit dem Tageslicht spielt, wie eine Modefotografie von F.C. Gundlach.







Überhaupt der intensive Freiheits- und Experimentierdrang, der sich mit Hochdruck durch alle Strömungen und Epochen zog. Kein Wunder, nichts konnte sich verlaufen, das eingekesselte Westberlin war ein absolut hermetischer kultureller Schnellkochtopf. Durchaus sentimental besetzt auch für mich, ein Phonograph oder wie das heißt, wo man mit Ohrhörern Keine Macht für Niemand von den Scherben hören kann. Im altehrwürdigen Ephraim-Palais. Nun ist es etablierte Geschichte. Ebenso wie Rudi Dutschke und die RAF und die Achtziger und alles. Es gibt auch eine Stele mit einem Monitor, wo ein Video läuft, das ich noch nie gesehen hatte, 1986 am letzten Morgen vom Risiko gedreht. Blixa Bargeld stolpert bedröhnt durchs Bild und die Kamera wackelt, wie man das von solchen Videos erwarten kann. Sechsundachtzig war ich auch mal im Risiko, das war ganz kurz vor dem Ende. Und nicht weit weg davon hängt das komische Plakat mit Harald Juhnke über dem Brathähnchen von dem China-Restaurant, das immer als Reklameaufsteller vor dem Bikini-Haus war, schon ganz verblichen. Alles mögliche ist da, ich habe aber die Ordnung nicht ganz durchschaut, wenn ich mit Bildungshunger hingegangen wäre, hätte ich mir eine auffälligere chronologische Leitung mit großen Schildern „Hier lang!“ gewünscht. So bin ich halt ein bißchen kreuz und quer durch die Geschichte gelaufen. Ein Exponat hab ich auch daheim, da hätte ich auch stiften können: den grünen „vorläufigen“ Berliner Personalausweis. Damals war ich ganz stolz, dass ich einen echten grünen Berliner Personalausweis hatte und keinen westdeutschen grauen mit Adler. Auf dem Berliner Personalausweis war es verboten, dass die Bundesrepublik ein Zeichen setzt. Natürlich ist er längst abgelaufen, aber ich hüte ihn in irgendeinem alten Album, in dem auch alte Eintrittskarten aus dieser Zeit kleben. Sehr gut gefallen hat mir auch ein großes gemaltes Bild, gleich neben dem Ton Steine Scherben-Lied, von Rainer Fetting. „Warrior“ heißt es und ich dachte erst, es wäre von Elvira Bach, so vom Strich her, obwohl ich es kraftvoller fand, als ihre Sachen, subtiler auch und aggressiver. Auch dass nur Männer darauf waren, keine einzige Frau, hat mich zurecht schwanken lassen. Als ich dann sah, dass es von Fetting ist, musste ich daran denken, dass er in letzter Zeit öfter unter Bildern auf Jans Facebook-Seite kommentiert, Er hat ihn in den letzten Jahren ab und zu daheim in seinem Atelier portraitiert, sonst wüsste ich heute noch nicht, wie Rainer Fetting aussieht. Ganz eigenwilliger Ausdruck. An dem Bild hat mich aber im Vordergrund ganz unten etwas gestört, was ich eher wieder Elvira Bach zugeordnet hätte, da staken ein paar vereinzelte, langstielige gemalte Rosen herum. Die hätte er weglassen sollen. Aber sonst ein ganz fantastisches Bild. Und da ist ein Lehrfilm über West-Berlin. Obwohl es ein sehr schöner sonniger Tag gestern war, sieht man das gar nicht mehr auf meinen Bildern, weil ich recht spät am Nachmittag hin bin. Vorher habe ich mir die Sonne in meiner Wohnung auf den Pelz brennen lassen. Ich habe nach dem Ausflug beschlossen, dass ich das Nikolaiviertel endlich einmal ehren muss, richtig beehren muss. Es ist zwar noch kalt, aber immerhin schon ein paar Grad mehr, so fünf oder sechs. Wenn die Sonne scheint, gehe ich wieder hin, ein wenig Flanieren.

10. Februar 2015
Am 19. Oktober 2005. Und 17. Mai 2006. Und… 9. Februar 2015.

Es gibt kein Foto von gestern. Ich muss mir behelfen, mit einem Bild von irgendwann, das ich früher einmal im Brel gemacht habe. Selber schuld, muss Lisa denken, wenn sie das liest. Man darf nicht den Fotoapparat oder das Mobilfon, wenn man eines hat, während einer atemlosen Konversation aus der Tasche holen und auch nur eine Sekunde mit dem Zuhören oder Antworten aufhören, bloß weil man ein Bild für eine Blogeintrag haben will. Man muss abwägen. Meine Kamera war die ganze Zeit in der Tasche auf dem Boden neben dem Tisch. Ich habe es sogar noch erwähnt. Und ich glaube, dass es Lisa bis zum Ende gar nicht so recht glauben konnte, dass ich wirklich kein einziges Foto von unserem Treffen nach beinah neun Jahren mache. Aber ich habe sie ja dauernd innerlich fotografiert. Das muss man einfach glauben. Wenn ich sage, dass sie sehr schön, wirklich blendend ausgesehen hat, wird man mir das auch glauben, weil sie das ja wahrscheinlich meistens tut. Und ich vermute, dass sie sogar dann blendend aussieht, wenn sie einen eher blöden Tag hat – was ich noch nie gesehen habe. Kunststück! Vielleicht hat Lisa gestern gedacht, dass ich es ein bißchen übertreibe, mit meiner wiederholten Verkündung „Habe ich dir eigentlich schon gesagt, wie gut du aussiehst? Du siehst so gut aus!!!“. Nicht deswegen überrascht, weil sie vorher nicht gut ausgesehen hätte, also neun und zehn Jahre davor, wo ich sie gesehen habe, sondern gerade deswegen. Das ist nicht bei allen so, neun Jahre später. Man könnte denken, es ginge mir nur um das gute Aussehen. Aber das ist natürlich eine oberflächliche Betrachtungsweise. Jeder tiefgründige Mensch weiß, dass ein schönes Naturell alles überstrahlt. Und warum hätte sie das verlieren sollen. Es macht aber natürlich auch viel aus, wenn sich jemand immer gut pflegt! Ich bin mir sicher, dass sie sich da nichts vorzuwerfen hat. Lisa vor mir sitzen zu haben, war ein rundherum erfreulicher Anblick. Die Frisur war auch sehr gut, nicht zu frisiert, guter Haarschnitt, lässiger Schick, wie es mir auch gefällt! Dann das T-Shirt. Das war schon deswegen ganz prima, weil schwarz mit weißem Band-Motiv. So ein geblümter Totenkopf, mit dem man eigentlich nichts falsch machen kann. Des weiteren hatte ich mehr oder weniger bestimmt, dass wir uns im Brel am Savignyplatz treffen, wo man von Hause aus noch besser als sowieso schon ausschaut, wegen sehr guter Schummerbeleuchtung und geschmackssicherer Dekoration. Wir saßen nah beim Klavier, wo zu etwas späterer Stunde ebenfalls sehr dekorativ gespielt wurde. Ich hoffe, ich konnte Lisa dahingehend beruhigen, dass es für mich total okay ist, wenn wir uns nicht jedes mal und auch nicht jedes zweite mal und auch nicht sonst irgendwie regelmäßig verpflichtend treffen, wenn sie gerade einmal wieder in Berlin zu tun hat, was öfter vorkommt. Da bin ich nicht gram! Im Gegenteil, es entlastet mich sogar! Ich habe ihr auch gesagt, dass es mir viel zu anstrengend wäre, sie jedesmal zu treffen, wenn sie schon wieder da ist! Das ist ja gar nicht zu schaffen. Ich muss ja solche Erlebnisse immer ganz intensiv und gründlich verarbeiten, da käme ich gar nicht mehr hinterher. Auch bin ich – genauso wie sie selber – überhaupt kein Typ für ständigen Mail-Austausch oder sonstigen Kontakt. Oder womöglich telefonieren! Bitte nicht! Sie hat mir auch einigermaßen überzeugend versichert, dass sie mit ihrem Smartfon eigentlich nie telefoniert, nur eben so andere Sachen checkt. Ich denke, das war auch nicht gelogen, weil sie nicht der Typ dafür ist und es auch gar nicht nötig hat, mich zu belügen. So denke ich mir das. Es war ein ganz arg schöner Abend und ich kann mir gut vorstellen, dass wir uns spätestens in neun Jahren oder zehn, einmal wiedersehen. Würde mich total freuen. Wie ein Wiener Schnitzel! Ganz unter uns, habe ich mich aber auch deswegen so hopplahopp von heute auf morgen mit Lisa verabredet, weil ich eiskalt berechnend, ein bißchen Wienerisch hören wollte. Ich kann jetzt ja auch ein bißchen in Sachen Wien mitreden, wo ich selber da war, und es nun richtig zu schätzen weiß, mit dem Wiener Blut! Was ich gelegenheitshalber auch noch ausplaudern will, ist dass ich vielleicht doch noch einmal zur republica-Veranstaltung gehe, wenn ich sicher weiß, dass Lisa dort bei was mitmacht, was total gut sein kann. Dann fühle ich mich auch nicht so verloren, und weiß auf jeden Fall, dass mich etwas Lustiges dort erwartet. Wir haben aber nicht nur Blödsinn geredet gestern, sondern auch schon zwei, drei ernste Sachen. Mit Lisa kann man alles machen.
16. Februar 2015


https://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=1811922554




Geradezu aktuell der Eintrag, auch die Bilder. Eigentlich wollte ich nicht unbedingt in eine Ausstellung gehen, am gestrigen Sonntag. Aber gerne in ein Palais. Warum nicht ins Ephraim-Palais. Ich war da noch nie. Eine Schande eigentlich. Da befasst man sich wissenschaftlich mit jedem Palais in Wien und war noch nicht einmal daheim in jedem dritten. Sie sind nicht mehr so dicht gesät wie in Wien, es ist halt doch mehr kaputt gegangen. Aber das Ephraim-Palais ist in aller Pracht am beinah alten Standort. Es war früher um zwölf Meter versetzt und musste auch wieder aufgebaut werden, aber immerhin mit originaler Fassade, die eingelagert war. Schon verrückt. Es ist also nicht nur ein rekonstruiertes Bauwerk, das nur so tut, als wäre es alt. Das kann man ja alles nachlesen.











Dass dort gerade eine Ausstellung mit dem Titel WEST : BERLIN läuft, hat mich nicht weiter gestört, außerdem hat mir das Plakat mit der Sonnenbrille gut gefallen, so etwas fotografiert sich immer gut. In der Ausstellung war Fotografieren komplett verboten, aber ich durfte im Treppenhaus Bilder machen, das hat man mir ausdrücklich gestattet, als ich nachgefragt habe. Ich habe ja viele Jahre meines Lebens in Westberlin verbracht, daher habe ich nicht unbedingt den Wissens-Nachholbedarf, was die Situation und Besonderheiten angeht. Es gab aber dennoch ein paar Exponate, die auch für mich interessant waren, wie zum Beispiel die linierte Karteikarte von J. F. Kennedy, auf der in englischer Schreibweise sein „Ich bin ein Berliner“-Satz steht und noch zwei andere Sachen auf Deutsch. Und irrwitzige, düstere Kostüme von einer Schaubühnen-Inszenierung, die hätte ich sehr, sehr gerne fotografiert, mit den Schaufensterpuppen darin. Und ganz schöne Plakate aus allen Jahrzehnten sind zu sehen. Berlin-Werbung. Was mir aufgefallen ist, dass viele der Plakat-Exponate einen gewissen gezielten Sex Appeal kultivierten. Ganz bemerkenswert auch eine Werbung für das Schlafwagenabteil der Deutschen Bahn, in der man eine gut gewachsene Dame im durchsichtigen Negligé von hinten sieht. Mit nackigem Popo. Ich meine: Werbung der Deutschen Bahn. Schönes Schwarzweiß-Foto. Aber wäre heutzutage wegen schlimmer Anzüglichkeit verboten. Ein Hingucker. Ich habe ja auch hingeguckt. Sonst wahrscheinlich eher nicht. Ein exzellentes Schwarzweiß-Foto, das sehr künstlerisch mit dem Tageslicht spielt, wie eine Modefotografie von F.C. Gundlach.







Überhaupt der intensive Freiheits- und Experimentierdrang, der sich mit Hochdruck durch alle Strömungen und Epochen zog. Kein Wunder, nichts konnte sich verlaufen, das eingekesselte Westberlin war ein absolut hermetischer kultureller Schnellkochtopf. Durchaus sentimental besetzt auch für mich, ein Phonograph oder wie das heißt, wo man mit Ohrhörern Keine Macht für Niemand von den Scherben hören kann. Im altehrwürdigen Ephraim-Palais. Nun ist es etablierte Geschichte. Ebenso wie Rudi Dutschke und die RAF und die Achtziger und alles. Es gibt auch eine Stele mit einem Monitor, wo ein Video läuft, das ich noch nie gesehen hatte, 1986 am letzten Morgen vom Risiko gedreht. Blixa Bargeld stolpert bedröhnt durchs Bild und die Kamera wackelt, wie man das von solchen Videos erwarten kann. Sechsundachtzig war ich auch mal im Risiko, das war ganz kurz vor dem Ende. Und nicht weit weg davon hängt das komische Plakat mit Harald Juhnke über dem Brathähnchen von dem China-Restaurant, das immer als Reklameaufsteller vor dem Bikini-Haus war, schon ganz verblichen. Alles mögliche ist da, ich habe aber die Ordnung nicht ganz durchschaut, wenn ich mit Bildungshunger hingegangen wäre, hätte ich mir eine auffälligere chronologische Leitung mit großen Schildern „Hier lang!“ gewünscht. So bin ich halt ein bißchen kreuz und quer durch die Geschichte gelaufen. Ein Exponat hab ich auch daheim, da hätte ich auch stiften können: den grünen „vorläufigen“ Berliner Personalausweis. Damals war ich ganz stolz, dass ich einen echten grünen Berliner Personalausweis hatte und keinen westdeutschen grauen mit Adler. Auf dem Berliner Personalausweis war es verboten, dass die Bundesrepublik ein Zeichen setzt. Natürlich ist er längst abgelaufen, aber ich hüte ihn in irgendeinem alten Album, in dem auch alte Eintrittskarten aus dieser Zeit kleben. Sehr gut gefallen hat mir auch ein großes gemaltes Bild, gleich neben dem Ton Steine Scherben-Lied, von Rainer Fetting. „Warrior“ heißt es und ich dachte erst, es wäre von Elvira Bach, so vom Strich her, obwohl ich es kraftvoller fand, als ihre Sachen, subtiler auch und aggressiver. Auch dass nur Männer darauf waren, keine einzige Frau, hat mich zurecht schwanken lassen. Als ich dann sah, dass es von Fetting ist, musste ich daran denken, dass er in letzter Zeit öfter unter Bildern auf Jans Facebook-Seite kommentiert, Er hat ihn in den letzten Jahren ab und zu daheim in seinem Atelier portraitiert, sonst wüsste ich heute noch nicht, wie Rainer Fetting aussieht. Ganz eigenwilliger Ausdruck. An dem Bild hat mich aber im Vordergrund ganz unten etwas gestört, was ich eher wieder Elvira Bach zugeordnet hätte, da staken ein paar vereinzelte, langstielige gemalte Rosen herum. Die hätte er weglassen sollen. Aber sonst ein ganz fantastisches Bild. Und da ist ein Lehrfilm über West-Berlin. Obwohl es ein sehr schöner sonniger Tag gestern war, sieht man das gar nicht mehr auf meinen Bildern, weil ich recht spät am Nachmittag hin bin. Vorher habe ich mir die Sonne in meiner Wohnung auf den Pelz brennen lassen. Ich habe nach dem Ausflug beschlossen, dass ich das Nikolaiviertel endlich einmal ehren muss, richtig beehren muss. Es ist zwar noch kalt, aber immerhin schon ein paar Grad mehr, so fünf oder sechs. Wenn die Sonne scheint, gehe ich wieder hin, ein wenig Flanieren.

10. Februar 2015
Am 19. Oktober 2005. Und 17. Mai 2006. Und… 9. Februar 2015.

Es gibt kein Foto von gestern. Ich muss mir behelfen, mit einem Bild von irgendwann, das ich früher einmal im Brel gemacht habe. Selber schuld, muss Lisa denken, wenn sie das liest. Man darf nicht den Fotoapparat oder das Mobilfon, wenn man eines hat, während einer atemlosen Konversation aus der Tasche holen und auch nur eine Sekunde mit dem Zuhören oder Antworten aufhören, bloß weil man ein Bild für eine Blogeintrag haben will. Man muss abwägen. Meine Kamera war die ganze Zeit in der Tasche auf dem Boden neben dem Tisch. Ich habe es sogar noch erwähnt. Und ich glaube, dass es Lisa bis zum Ende gar nicht so recht glauben konnte, dass ich wirklich kein einziges Foto von unserem Treffen nach beinah neun Jahren mache. Aber ich habe sie ja dauernd innerlich fotografiert. Das muss man einfach glauben. Wenn ich sage, dass sie sehr schön, wirklich blendend ausgesehen hat, wird man mir das auch glauben, weil sie das ja wahrscheinlich meistens tut. Und ich vermute, dass sie sogar dann blendend aussieht, wenn sie einen eher blöden Tag hat – was ich noch nie gesehen habe. Kunststück! Vielleicht hat Lisa gestern gedacht, dass ich es ein bißchen übertreibe, mit meiner wiederholten Verkündung „Habe ich dir eigentlich schon gesagt, wie gut du aussiehst? Du siehst so gut aus!!!“. Nicht deswegen überrascht, weil sie vorher nicht gut ausgesehen hätte, also neun und zehn Jahre davor, wo ich sie gesehen habe, sondern gerade deswegen. Das ist nicht bei allen so, neun Jahre später. Man könnte denken, es ginge mir nur um das gute Aussehen. Aber das ist natürlich eine oberflächliche Betrachtungsweise. Jeder tiefgründige Mensch weiß, dass ein schönes Naturell alles überstrahlt. Und warum hätte sie das verlieren sollen. Es macht aber natürlich auch viel aus, wenn sich jemand immer gut pflegt! Ich bin mir sicher, dass sie sich da nichts vorzuwerfen hat. Lisa vor mir sitzen zu haben, war ein rundherum erfreulicher Anblick. Die Frisur war auch sehr gut, nicht zu frisiert, guter Haarschnitt, lässiger Schick, wie es mir auch gefällt! Dann das T-Shirt. Das war schon deswegen ganz prima, weil schwarz mit weißem Band-Motiv. So ein geblümter Totenkopf, mit dem man eigentlich nichts falsch machen kann. Des weiteren hatte ich mehr oder weniger bestimmt, dass wir uns im Brel am Savignyplatz treffen, wo man von Hause aus noch besser als sowieso schon ausschaut, wegen sehr guter Schummerbeleuchtung und geschmackssicherer Dekoration. Wir saßen nah beim Klavier, wo zu etwas späterer Stunde ebenfalls sehr dekorativ gespielt wurde. Ich hoffe, ich konnte Lisa dahingehend beruhigen, dass es für mich total okay ist, wenn wir uns nicht jedes mal und auch nicht jedes zweite mal und auch nicht sonst irgendwie regelmäßig verpflichtend treffen, wenn sie gerade einmal wieder in Berlin zu tun hat, was öfter vorkommt. Da bin ich nicht gram! Im Gegenteil, es entlastet mich sogar! Ich habe ihr auch gesagt, dass es mir viel zu anstrengend wäre, sie jedesmal zu treffen, wenn sie schon wieder da ist! Das ist ja gar nicht zu schaffen. Ich muss ja solche Erlebnisse immer ganz intensiv und gründlich verarbeiten, da käme ich gar nicht mehr hinterher. Auch bin ich – genauso wie sie selber – überhaupt kein Typ für ständigen Mail-Austausch oder sonstigen Kontakt. Oder womöglich telefonieren! Bitte nicht! Sie hat mir auch einigermaßen überzeugend versichert, dass sie mit ihrem Smartfon eigentlich nie telefoniert, nur eben so andere Sachen checkt. Ich denke, das war auch nicht gelogen, weil sie nicht der Typ dafür ist und es auch gar nicht nötig hat, mich zu belügen. So denke ich mir das. Es war ein ganz arg schöner Abend und ich kann mir gut vorstellen, dass wir uns spätestens in neun Jahren oder zehn, einmal wiedersehen. Würde mich total freuen. Wie ein Wiener Schnitzel! Ganz unter uns, habe ich mich aber auch deswegen so hopplahopp von heute auf morgen mit Lisa verabredet, weil ich eiskalt berechnend, ein bißchen Wienerisch hören wollte. Ich kann jetzt ja auch ein bißchen in Sachen Wien mitreden, wo ich selber da war, und es nun richtig zu schätzen weiß, mit dem Wiener Blut! Was ich gelegenheitshalber auch noch ausplaudern will, ist dass ich vielleicht doch noch einmal zur republica-Veranstaltung gehe, wenn ich sicher weiß, dass Lisa dort bei was mitmacht, was total gut sein kann. Dann fühle ich mich auch nicht so verloren, und weiß auf jeden Fall, dass mich etwas Lustiges dort erwartet. Wir haben aber nicht nur Blödsinn geredet gestern, sondern auch schon zwei, drei ernste Sachen. Mit Lisa kann man alles machen.
08. Februar 2015

https://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=1811922554



Ein Geburtstag in Berlin, privat. Ist so eine kleine Gratwanderung, was man schreiben kann, ohne die Privatsphäre zu beeinträchtigen. Nicht meine, aber es hat ja nicht bei mir stattgefunden. Wenn es ein öffentlich zugänglicher Ort wäre, hätte ich keine Scheu, zur Seite der Architekten zu verlinken, Details zu erwähnen, die gewissermaßen bauhistorisch hochinteressant sind, aber bei einem privaten Haus kann das geradezu heikel sein. Der Wiedererkennungswert ist einfach zu hoch. Also muss ich mich im Stillen daran erfreuen, dass ich das aus nächster Nähe sehen konnte. Man kann nur so viel sagen, man kommt nicht in so ein Bauwerk, ohne neugierig nach dem Architekten zu fragen. Aber weit draußen. Ich hatte mir zwar die Anfahrt – man muss fast schon schreiben Anreise, zwar mit allen Varianten von U-Bahn und S-Bahn und Bus und Fußweg ausgeguckt, aber dann bin ich doch der Bequemlichkeit halber einfach bis zum Ende der U-Bahnlinie gefahren und habe ein Taxi genommen. Ich war schon lange auf keiner größeren privaten Feier mehr. Es waren ungefähr fünfunddreißig bis vierzig Geburtstagsgäste, von denen ich außer der Gastgeberin zwei näher kannte. Und Jan war einer von beiden.

Was ich ohne weiteres erwähnen kann, ist dass die Gastgeberin die schöne Idee hatte, in einer kleinen Ansprache jeden Gast vorzustellen, sie stand dabei eine Stufe höher in dem großen Wohnraum, der eine höhere Ebene hatte, wie eine kleine Bühne, und hat sich einen nach dem anderen Gast vorgenommen. Das ist natürlich sehr interessant, weil sie Sachen erzählt hat, die man auch gerne wissen will, aber vielleicht nicht so direkt immer gleich unter vier Augen fragen würde. Also wie jeder heißt und was er so treibt. Na gut, nach dem Namen zu fragen, ist jetzt keine große Sache, aber das Gespräch mit der Frage nach der Beschäftigung oder dem Beruf bzw. der Berufung zu eröffnen, finde ich immer ein bißchen polizeiverhörmäßig. Bei einer Vorstellung musste Jan kalauern. Er konnte sich die Bemerkung „Ach? Was denn für einer? Geheim-‚Agent‘ oder was?“ nicht verkneifen. Was auch noch mit Gelächter quittiert wurde. Aber der ‚oder was‘ war eindeutig einer der bestgekleidetsten Männer. Ich habe ihn leider nicht fotografiert. Der andere bestgekleidete hat von Berufs wegen die selbstauferlegte Verpflichtung, eine gute Figur zu machen. Er erinnerte mich ein bißchen an Till Brönner. War er aber nicht. Es war also sehr nett, gleich ohne investigative Recherche zu wissen, wen man vor sich hat. Wenn ich jemals eine größere Feier machen sollte, werde ich das aufgreifen. Dass es nicht peinlich war, lag aber auch an der launigen Vortragsweise unseres Geburtstagskinds. Gut hat mir auch die Bezeichnung ‚Neu-Erwerbungen‘ für neuere Freundinnen und Freunde gefallen.



Ich hatte mich ja ungeplanterweise, wie bereits ausführlich dargelegt, von der Mutter des Geburtstagskindes entführen lassen. Das war nicht nur deswegen interessant, weil ich eine weitere schöne Welt betreten konnte, sondern auch, weil die doch größere Unterbrechung nach der Rückkehr zur Feier eine dramaturgische Entwicklung aufzeigte, mit der ich so nicht gerechnet hätte. Als mich die Bildhauerin ansprach, ging es noch sehr gesittet und ein wenig brav zu, getanzt hat noch keiner, es wurde nur so ein bißchen im Rhythmus gewippt. Aber das knappe Stündchen, das ich weg war, hat dazu geführt, dass die Party richtig in Schwung kam und fast alle getanzt haben. Ich hoffe, dass es nicht meine Abwesenheit gebraucht hat, um die Sache anzukurbeln. Aber das ist denke ich, auch ganz natürlich. Wer fängt schon stocknüchtern an, wie wild loszutanzen. Sehr animierend war auf jeden Fall unser Geburtstagskind, das mit Sicherheit mit zwanzig Jahren auch nicht virtuoser getanzt hat. Es war schon eine Freude, ihr zuzusehen.

Nachdem ich mir auch ein bißchen den Verstand weggetrunken hatte, habe ich beim D-Jay tolle Lieder aus den Achtzigern bestellt, zum Beispiel so total unbekannte, insidermäßige independent-Sachen wie The Passenger von Iggy Pop. Was er nicht hatte. War eben zu ausgefallen! Aber sehr gut kam bei mir auch die Alternative „porque te vas“ von Dings…. äh – wie hieß die – ? an. War lustig. Und dann Kraftwerk. Und „Jeans on„. Ja, man könnte sagen, es war eine bunte, launige Mischung. Früher hätte man sich ja geniert, zu solchen Sachen wie Porque te dings und Jeans on auch nur den kleinen Zeh zu bewegen, aber ich muss gestehen, ich habe mich gut amüsiert. Bei Jeans on kann man zum Beispiel auch super so eine erzählerische Tanzperformance hinlegen, weil der Text ja sehr anschaulich gestaltet ist. („When I wake up, in the morning light, I put on my Jeans, and I feel alright!“) Super! Man müsste viel öfter einfach tanzen gehen. Wo ich sonst schon keinen Sport mache, wäre das eine echte Alternative, um rüstig zu bleiben. Wer rastet, der rostet! Eines ist sicher: wenn man älter ist, verliert man ein paar Coolness-Zwangsvorstellungen, die auch eine gewisse Einschränkung bedeuten. Ich hätte auch kein Problem, zu Ein Bett im Kornfeld zu tanzen. Das war außerdem meine Jugend. Schade eigentlich, dass das nicht kam. Aber er hat schon gute Sachen aufgelegt, das waren jetzt ein paar Extrem-Beispiele. Adriano Celentano kommt zum Tanzen auch sehr gut. Ah, diese Stimme! Da ist Testosteron drin! Besonders wichtig, weil das in einem gewissen Alter ja auch bei den Herren ein wenig nachlässt.




Es galt, die Zeit bis zur Mitternachtsstunde zu überbrücken, bis endlich der Magnum-Champagnerkorken knallen würde, denn es wurde ja hineingefeiert! Der größte und stärkste Mann hat zum gemeinsamen Countdown den Champagner in die Kelche fließen lassen und wir haben das Geburtstagskind dreimal hoch leben lassen. Es war ein bißchen wie Silvester, das ich dieses Jahr ja nicht groß gefeiert habe, genauso wie das Jahr zuvor und das davor und das davor. Usw. Eigentlich doch schön, so ein bißchen mit Wein, Weib und Gesang das Leben zu zelebrieren. Ich kann da noch etwas lernen. Das einzige, was ich nicht nachmachen würde, sind Polaroid-Fotos mit Blitz. Aber es war unterhaltsam, die Instant-Abzüge nebeneinander zu betrachten. Meine eigenen Versuche sind auch keine Meisterwerke, das ist schon alles arg verrauscht, aber dafür kann man die Atmosphäre gut erahnen und alles weitere bleibt diskret, und dem Reich der Phantasie überlassen.





08. Februar 2015

https://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=1811922554



Ein Geburtstag in Berlin, privat. Ist so eine kleine Gratwanderung, was man schreiben kann, ohne die Privatsphäre zu beeinträchtigen. Nicht meine, aber es hat ja nicht bei mir stattgefunden. Wenn es ein öffentlich zugänglicher Ort wäre, hätte ich keine Scheu, zur Seite der Architekten zu verlinken, Details zu erwähnen, die gewissermaßen bauhistorisch hochinteressant sind, aber bei einem privaten Haus kann das geradezu heikel sein. Der Wiedererkennungswert ist einfach zu hoch. Also muss ich mich im Stillen daran erfreuen, dass ich das aus nächster Nähe sehen konnte. Man kann nur so viel sagen, man kommt nicht in so ein Bauwerk, ohne neugierig nach dem Architekten zu fragen. Aber weit draußen. Ich hatte mir zwar die Anfahrt – man muss fast schon schreiben Anreise, zwar mit allen Varianten von U-Bahn und S-Bahn und Bus und Fußweg ausgeguckt, aber dann bin ich doch der Bequemlichkeit halber einfach bis zum Ende der U-Bahnlinie gefahren und habe ein Taxi genommen. Ich war schon lange auf keiner größeren privaten Feier mehr. Es waren ungefähr fünfunddreißig bis vierzig Geburtstagsgäste, von denen ich außer der Gastgeberin zwei näher kannte. Und Jan war einer von beiden.

Was ich ohne weiteres erwähnen kann, ist dass die Gastgeberin die schöne Idee hatte, in einer kleinen Ansprache jeden Gast vorzustellen, sie stand dabei eine Stufe höher in dem großen Wohnraum, der eine höhere Ebene hatte, wie eine kleine Bühne, und hat sich einen nach dem anderen Gast vorgenommen. Das ist natürlich sehr interessant, weil sie Sachen erzählt hat, die man auch gerne wissen will, aber vielleicht nicht so direkt immer gleich unter vier Augen fragen würde. Also wie jeder heißt und was er so treibt. Na gut, nach dem Namen zu fragen, ist jetzt keine große Sache, aber das Gespräch mit der Frage nach der Beschäftigung oder dem Beruf bzw. der Berufung zu eröffnen, finde ich immer ein bißchen polizeiverhörmäßig. Bei einer Vorstellung musste Jan kalauern. Er konnte sich die Bemerkung „Ach? Was denn für einer? Geheim-‚Agent‘ oder was?“ nicht verkneifen. Was auch noch mit Gelächter quittiert wurde. Aber der ‚oder was‘ war eindeutig einer der bestgekleidetsten Männer. Ich habe ihn leider nicht fotografiert. Der andere bestgekleidete hat von Berufs wegen die selbstauferlegte Verpflichtung, eine gute Figur zu machen. Er erinnerte mich ein bißchen an Till Brönner. War er aber nicht. Es war also sehr nett, gleich ohne investigative Recherche zu wissen, wen man vor sich hat. Wenn ich jemals eine größere Feier machen sollte, werde ich das aufgreifen. Dass es nicht peinlich war, lag aber auch an der launigen Vortragsweise unseres Geburtstagskinds. Gut hat mir auch die Bezeichnung ‚Neu-Erwerbungen‘ für neuere Freundinnen und Freunde gefallen.



Ich hatte mich ja ungeplanterweise, wie bereits ausführlich dargelegt, von der Mutter des Geburtstagskindes entführen lassen. Das war nicht nur deswegen interessant, weil ich eine weitere schöne Welt betreten konnte, sondern auch, weil die doch größere Unterbrechung nach der Rückkehr zur Feier eine dramaturgische Entwicklung aufzeigte, mit der ich so nicht gerechnet hätte. Als mich die Bildhauerin ansprach, ging es noch sehr gesittet und ein wenig brav zu, getanzt hat noch keiner, es wurde nur so ein bißchen im Rhythmus gewippt. Aber das knappe Stündchen, das ich weg war, hat dazu geführt, dass die Party richtig in Schwung kam und fast alle getanzt haben. Ich hoffe, dass es nicht meine Abwesenheit gebraucht hat, um die Sache anzukurbeln. Aber das ist denke ich, auch ganz natürlich. Wer fängt schon stocknüchtern an, wie wild loszutanzen. Sehr animierend war auf jeden Fall unser Geburtstagskind, das mit Sicherheit mit zwanzig Jahren auch nicht virtuoser getanzt hat. Es war schon eine Freude, ihr zuzusehen.

Nachdem ich mir auch ein bißchen den Verstand weggetrunken hatte, habe ich beim D-Jay tolle Lieder aus den Achtzigern bestellt, zum Beispiel so total unbekannte, insidermäßige independent-Sachen wie The Passenger von Iggy Pop. Was er nicht hatte. War eben zu ausgefallen! Aber sehr gut kam bei mir auch die Alternative „porque te vas“ von Dings…. äh – wie hieß die – ? an. War lustig. Und dann Kraftwerk. Und „Jeans on„. Ja, man könnte sagen, es war eine bunte, launige Mischung. Früher hätte man sich ja geniert, zu solchen Sachen wie Porque te dings und Jeans on auch nur den kleinen Zeh zu bewegen, aber ich muss gestehen, ich habe mich gut amüsiert. Bei Jeans on kann man zum Beispiel auch super so eine erzählerische Tanzperformance hinlegen, weil der Text ja sehr anschaulich gestaltet ist. („When I wake up, in the morning light, I put on my Jeans, and I feel alright!“) Super! Man müsste viel öfter einfach tanzen gehen. Wo ich sonst schon keinen Sport mache, wäre das eine echte Alternative, um rüstig zu bleiben. Wer rastet, der rostet! Eines ist sicher: wenn man älter ist, verliert man ein paar Coolness-Zwangsvorstellungen, die auch eine gewisse Einschränkung bedeuten. Ich hätte auch kein Problem, zu Ein Bett im Kornfeld zu tanzen. Das war außerdem meine Jugend. Schade eigentlich, dass das nicht kam. Aber er hat schon gute Sachen aufgelegt, das waren jetzt ein paar Extrem-Beispiele. Adriano Celentano kommt zum Tanzen auch sehr gut. Ah, diese Stimme! Da ist Testosteron drin! Besonders wichtig, weil das in einem gewissen Alter ja auch bei den Herren ein wenig nachlässt.




Es galt, die Zeit bis zur Mitternachtsstunde zu überbrücken, bis endlich der Magnum-Champagnerkorken knallen würde, denn es wurde ja hineingefeiert! Der größte und stärkste Mann hat zum gemeinsamen Countdown den Champagner in die Kelche fließen lassen und wir haben das Geburtstagskind dreimal hoch leben lassen. Es war ein bißchen wie Silvester, das ich dieses Jahr ja nicht groß gefeiert habe, genauso wie das Jahr zuvor und das davor und das davor. Usw. Eigentlich doch schön, so ein bißchen mit Wein, Weib und Gesang das Leben zu zelebrieren. Ich kann da noch etwas lernen. Das einzige, was ich nicht nachmachen würde, sind Polaroid-Fotos mit Blitz. Aber es war unterhaltsam, die Instant-Abzüge nebeneinander zu betrachten. Meine eigenen Versuche sind auch keine Meisterwerke, das ist schon alles arg verrauscht, aber dafür kann man die Atmosphäre gut erahnen und alles weitere bleibt diskret, und dem Reich der Phantasie überlassen.





07. Februar 2015
VILLA AIR BEL. (85:47 min.) Würde ich einbetten, wenn es ginge.
Varian Fry gewidmet.
02. Februar 2015

https://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=1811922554



Ich glaube, sie hat mich angesprochen. Aus natürlicher Scheu hätte ich sie nicht von der Seite angequatscht, zumal sie sich bestens und lebhaft unterhalten hat. Aber wenn ich einmal siebenunddreißig Jahre älter bin wie heute, so wie sie jetzt, dann traue ich mich das bestimmt auch, so eine jüngere Frau anzusprechen. Eigentlich traue ich mich es heute schon, wenn ich so darüber nachdenke. Wie alt sind siebenunddreißig Jahre jüngere als ich? Zwölf- bis Dreizehnjährige. Ja, das kriege ich hin. Bestimmt halten die mich für uralt. Nach der Begegnung mit der Bildhauerin, die mich sehr gefreut hat, bin ich zuversichtlich, dass es vielleicht gar nicht so schwierig und kompliziert ist, sehr alt zu werden und sehr beweglich zu bleiben. Man darf nur nicht aufhören, mit dem Bewegen. Ich versuche, einen möglichst diskreten Eintrag zu den Bildern zu verfassen. Es war am Wochenende in Berlin. So ein bißchen außerhalb, wo man ein ganzes Weilchen fährt, aber noch Berlin. Ich sage aber nicht, welche Richtung. Das ist streng geheim! Jedenfalls hatte ich eine Einladung zu einer Geburtstagsparty. Das Geburtstagskind ist das Kind von der Bildhauerin. Und die Bildhauerin hat mich mal für ein halbes oder Dreiviertelstündchen von der Party entführt. Schon alleine wegen ihres tollen Armreifs war mir gleich vollkommen klar, dass es bestimmt ein sehr sehenswerter Ort ist, an dem sie lebt, gleich nebenan. Und weil sie sogar zweimal gefragt hat, ob ich Lust hätte, es zu sehen, und ich zweimal „Ja!“ gesagt habe, hat sie mich an die Hand genommen und nach drüben geführt, in ihr Zauberreich. Wo ganz viele Bilder und ganz viel Geschichte aus ganz viel Leben ist. Mehr darf ich jetzt aber nicht erzählen, obwohl sie mir sehr schöne Geschichten, auch anrührende und sehr persönliche erzählt hat. Und Fotos gezeigt. Ich hätte mich nicht getraut, einfach zu fotografieren, obwohl ich die Kamera über der Schulter dabei hatte. Die hatte ich sowieso bei mir. Aber als wir gerade im unteren Bereich, in ihrem Atelier waren, wovon es leider keine Fotos gibt, und sie mir eine phantastische Bohrmaschine aus dem achtzehnten Jahrhundert aus Gußeisen demonstriert hat, hat jemand wie wild an die Haustür geklopft (ich glaube, es gibt gar keine Klingel, was mir sehr gut gefällt, so prinzipiell), und da wurde die kleine Besichtigung unter vier Augen unterbrochen, was zuerst schade war. Aber dann war es Jan mit Manfred, der die Bildhauerin schon ein Weilchen kennt, also Jan, es ist quasi familiär, und wie er so ist, hat er sich und seinen Freund selber zur Besichtigung eingeladen und geniert sich auch nicht, gleich seine Absichtserklärung zu verkünden, dass er noch mal ein Portrait von ihr machen will, „…Nur mal gucken, wo!“ Also sozusagen sehr charmant präsentierte, vollendete Tatsachen. Es ist schon sehr schwer, ihm zu widersprechen. Sie war auch sehr bereitwillig, hat sogar noch gefragt, ob sie die Lippen machen soll oder die Haare. Aber die Frisur war prima. Ich habe mich da ja ganz rausgehalten. Aber als er dann so vorgeprescht ist, und die Führung fast schon übernommen hat und auch gleich zur Tat geschritten ist, habe ich mich auch nicht mehr geniert und mich dann doch getraut, ein paar Fotos zu machen. Ich bin mir nicht sicher, ob sie es gemerkt hat. Bei ihm schon. Aber ich mache das so undercovermäßig und halte die Kamera ja nie vors Gesicht, dass man das schon mal vergessen kann, dass ich schon auch etwas mache, mit meiner Kamera. Deswegen gibt es jetzt doch ein paar Bilder. Aber nicht von allem. Man könnte ein ganzes Buch über dieses schöne Zuhause machen. Und über sie sowieso. Ich habe sie gefragt, wo wir noch allein waren, ob sie eine Beziehung zu Computern hat, weil sie mir geflüstert hat, dass sie vor ihrer Berufung zur Bildhauerin Mathematik und Physik studiert hat, aber alles schon sehr lange her. Sie meinte etwas entschuldigend, dass sie leider nur ein Ipad hätte. Ach so. Hm, ja. Das ist natürlich sehr bedauerlich. Nur so ein altmodisches Ipad, wo sie manchmal, wenn ihr etwas einfällt, was im Internet sucht. Hätte ich mir ja denken können. Es ist mir fast ein bißchen schwer gefallen, wieder zur Party nebenan zurückzukehren, weil ich gespürt habe, sie ist ein unerschöpflicher Quell, der gerade wieder zu sprudeln angefangen hat. Aber dann hatte ich auch Durst und wollte mich gerne einmal wieder bei der nicht minder zauberhaften Gastgeberin in dem anderen Häuschen zeigen. Wir sind dann gemeinsam wieder zurück zur Party, wo inzwischen wie wild getanzt wurde, was auch sehr schön anzuschauen war. Aber immer eins nach dem anderen.





28. Januar 2015
https://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=1811922554

Beinah aktuell, die letzten Bilder, die im letzten Jahr entstanden sind, am 27. November 2014. Was statistisch bedeutet, dass ich zwischen dem ersten September und diesen Bildern fast ein Vierteljahr kein einziges Foto gemacht habe. Es war keine Askese und kein Plan, ich war nur so absorbiert von der Verarbeitung der Wien-Bilder, die ich derart intensiv und ultimativ auslotend betrieb, auch mit den Einträgen, dass sogar Victor aus Wien halb fragend, mit einem wie mir vorkam, kritischen Ton konstatierte, dass er den Eindruck hätte, dass ich irgendwie ‚festhänge‘ mit Wien. Ich weiß nicht, was er unter dem positiver(?) besetzten Gegenteil von ‚festhängen‘ versteht, ich weiß nur für mich, dass ich dazu neige, Eindrücke äußerst intensiv zu verarbeiten, indem ich maximal eintauche, mit nur erdenklicher Empathie und Recherche, auch rückwärtig, was aber sicher nicht in einem psychotischen Festklammern ausartet. Ich bringe Dinge gerne angemessen zu Ende, mit Ehrerbietung. So war das letzte Jahr in Bildern in der Tat, sehr stark von meinen Eindrücken von Wien dominiert, was keiner Relativierung bedarf, weil Wien keiner Relativierung bedarf. Genauso wenig wie Berlin einer Relativierung bedarf. Wo ich mich hinbewege, bin ich mit Haut und Haar, auch wenn ich mich daran erinnere. Und wer in diesen Tagen hier herumblättert, könnte auf die Idee kommen, ich hänge in Berlin fest, was ja auch stimmt. Aber nicht, wie an einem Galgen oder an einer behinderlichen Fußkette. Seit diesen Bildern hier, Ende November, sind keine mehr entstanden, ich bin nun auch in bildtechnischer Hinsicht mit der Aufarbeitung in der Gegenwart angelangt. Ich empfehle meinen Lesern, die Datierung der Bildstrecken zur Kenntnis zu nehmen. Das ist insofern interessant, weil sich daran eine Entwicklung ablesen lässt, dahingehend, dass ich scheinbar wieder mehr dazu komme, zu besonderen Gelegenheiten Bilder zu machen. Sieht mir doch sehr danach aus. Dass die Bildstrecken nun so kurz hintereinander kommen, entspricht nicht den Intervallen, in denen sie entstanden sind. Ich bin mir ganz sicher, dass es keinen instagram-Benutzer gibt, der ein Vierteljahr lang kein Bild macht. Interessante, dem Gegenwartsgeist gegenläufige Dynamik. Ich mag es, wenn ich zufällig an mir beobachte, dass sich meine Gewohnheiten und Befürfnisse ändern. Sich selbst zu überraschen ist ein interessantes Erleben. Und umso leichter möglich, wenn man keine Vorsätze fasst. Ich mache es mir noch einmal bequem und kopiere ein Stück von dem Novembereintrag unter die Bilder.


































„Ein bißchen Berlin zwischen all dem Wien. Donnerstag traf ich mich bei Hiltawsky mit Jan, da war so eine Eröffnung, Kate Moss huldigend. Sie war nicht da, aber dafür kam später Ina, was mich sehr freute. Wir haben viele, viele Bilder gemacht, die ich irgendwann im nächsten Jahr hochladen werde, wie es bei meinem meditativen Verarbeitungs-Tempo aussieht, aber damit einmal dokumentiert ist, dass ich nicht nur in Wien-Erinnerungen lebe, sondern auch noch in der Gegenwart iln Berlin, eine Aufnahme von Jan vom 27. November. Einer der Fotografen aus der Moss-Ausstellung war auch da, der Berliner Fotograf Jurgen Ostarhild. Sehr gesprächig auch. Wahrscheinlich weil die Atmosphäre auf seinen Bildern so lasziv war, fragte ihn ein anderer Mann launig, ob sie, Kate, ihn denn auch geküsst hätte? Daraufhin meinte Osterhild breit grinsend: „Natürlich. Kate küsst A L L E .“ Ina und ich sind danach noch in ins 3 minutes sur mer, wo…“ usw. (…)


27. Januar 2015
Ich muss nicht noch einmal alles rekapitulieren, was mich während des Films und danach bewegte. Ich habe damals, es war mein neunundvierzigster Geburtstag, in einem Kommentar beschrieben, was mich bewegte. In diesen Tagen war zu erfahren, dass der Film für den Oscar als bester Dokumentar-Film nominiert ist. Was ich verstehen kann. Ich mache auszugsweise copy-paste meines Kommentars vom ersten September, nach dem unmittelbaren Eindruck des Films, frisch aus dem Kino kommend. gaga, 1. Sep, 21:14



https://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=1811922554


„Endlich den sehr sehenswerten Finding Vivian Maier in der Vorstellung um 14:45 gesehen. Es waren außer mir nur ungefähr fünfzehn andere im Kino. Der vielbeschriebene und -gelobte Film hat mich teilweise seltsam berührt, wie wohl die meisten, die viel fotografieren und archivieren und sich manchmal fragen, was aus all dem werden soll. Großartiges Lebenswerk von zwiespältiger Persönlichkeit. Fällt mir auf, dass ich vor genau einem Jahr bei Hilma af Klint war, die ihr malerisches Lebenswerk auch unter Verschluss gehalten hat. Ich kann mir vorstellen, dass Vivian Maier auch einfach keine Lust darauf hatte, dass ihr Werk und ihr Tun und ihre Biographie diskutiert und zerfleddert wird. Wenn man es nicht zeigt, ist man auch nicht in der „Gefahr“, dass sich jemand kritisch damit auseinandersetzt. Bei Straßenfotografie, wie sie es betrieben hat, ist man sowieso an der Grenze des Illegalen, der Überschreitung der Persönlichkeitsrechte. Sie hat ja auch paparazzt. Ich konnte mich da auch seltsam wiedererkennen, als deutlich wurde, dass ihr viele Bilder nur gelungen sind, weil sie mit ihrer Rolleiflex – ähnlich wie ich mit dem schwenkbaren Display – oft nach unten geschaut hat, obwohl sie das Motiv fokussierte. Was nur mit dieser Kamera ging. Das war schon ein ziemliches déjà-vu. Allerdings gar nicht, was ihre sonstigen Vorlieben anging. Die widersprüchlichen Aussagen ihrer ehemaligen Kinder, was ihre liebevolle oder auch lieblose Zuwendung anging, haben auch einen seltsamen Nachgeschmack. (…) sicher für sie ein Grund, sich mindestens einmal im Grabe umzudrehen; aber ganz großes Kino“

Neunundvierzig
22. Januar 2015
Edwin. Nach sehr, sehr langer Zeit etwas geträumt, das mich nach dem Aufwachen unablässig beschäftigt, angenehm. Ich habe selten ganz schlimme Träume und ebenso selten ganz schöne. Es plätschert so dahin, das Erinnerbare, das Wenige ist gewohnt absurd oder alltäglich, manchmal mehr oder weniger amüsant, wenn der Bezug zur Wirklichkeit sehr deutlich ist und dann eine irreale Wendung nimmt. Aber letzte Nacht träumte ich etwas völlig Ungewohntes und Unerwartetes. So angenehm, dass ich bis zum Abend immer wieder davon gefangen war, und meine Konzentration darauf gerichtet habe, damit es mir nicht völlig entwischt. Ich überlegte sogar, ob ich es in einer privaten Datei einfach aufschreibe, ganz gegen meine Gewohnheiten der letzten zehn Jahre, in denen ich alles, wirklich alles, was ich schriftlich formulierte, auch veröffentlicht habe. Aber ich mag keine doppelte Buchführung. Lange schon habe ich nicht einmal mehr Freude daran, Freunden aufwändige Mitteilungen zu schreiben, von denen ich weiß, dass sie unter Verschluss bleiben werden. Als wären mir meine Gedanken, die ich mir die Mühe mache, in Worte zu fassen, zu kostbar, um sie exclusiv nur einem Menschen zugänglich zu machen. Also schreibe ich den schönen Traum in keine private Datei, in kein Notizbuch, wenn überhaupt, dann hier. Auch ärgere ich mich, wenn Blogger am Rande erwähnen, dass sie privat für sich irgendwelche Tagebücher nebenher schreiben, in die dann die wirklich existentiellen Vorgänge kommen. Mich ärgert das als Leserin. Ich will nicht mit einer entschärften Schmalspurversion der Lebensbewegungen abgespeist werden. Das ist Etikettenschwindel! Dann schon bitte gar keine schriftlichen Vermächtnisse, auch keine geheimen in der Schublade auf Papier. Man muss auch etwas wagen, sonst fühlt sich der Leser nicht ernst genommen und respektiert. Ja, man darf weglassen, wenn man allgemein die Erkenntnis hat, dass eine schriftliche Fixierung nichts weiter bringt. Aber nicht im stillen Kämmerchen, die interessanten Sachen schreiben und im Blog die leicht verdauliche Hausmannskost. Das ist literarisch irrelevant! Also Edwin. Wer ist Edwin? Zum Teufel, ich weiß es nicht. Aber die Traum-Freundin, die es auch in Wirklichkeit gibt, die aber in dieser keine so richtig enge Freundin-Freundin ist, hat mir also im Traum der letzten Nacht eine Verabredung zu einem gemeinsamen Treffen und Essen mit einem alten Schulfreund von ihr vermittelt. Sie haben (im Traum) wohl zusammen mehrere Schuljahre verbracht, bis zum Abitur. Das geschah in Berlin, in Ostberlin. So im Radius vom Prenzlauer Berg. Sie hat ihn lange nicht gesehen, es war auch keine Liebschaft, aber man war irgendwie befreundet und er war der kurioseste Typ in der Oberstufe. Und sie wollten sich zum Essen treffen, in einem beliebten, szenigen Restaurant, irgendwo zwischen ihrer und meiner Wohnung in Berlin, also der Radius zwischen Marienburger und Auguststraße. Ich könnte gerne mit. Warum sie auf die Idee kommt, keine Ahnung. Sie betont vor dem Treffen immer wieder, dass er wirklich sehr kurios sei. Auch was seine Kleidung anginge, die wäre zumindest damals sehr gewöhnungsbedürftig gewesen, denn er habe immer Knickerbocker getragen. Also diese Hosen, die über dem Knie aufhören. Keine Mode hätte ihn tangiert, stur hat er tagein, tagaus seine Knickerbocker angehabt. Was eben schon sehr gewöhnungsbedürftig gewesen sei. Aber sonst ein sehr interessanter und eigenwilliger Mensch, sehr belesen und intelligent. Ich stellte mir also vor dem geistigen Auge einen jüngeren Mann vor – denn sie hatte ihn ja auch zuletzt in ihren Zwanzigern gesehen, der schon recht nett, aber nicht gerade attraktiv ist, und im schlimmsten Fall immer noch die Knickerbocker-Hosen von damals anhaben könnte. Oder noch seltamere Kleidung. Schnitt. (Szenenwechsel.) Wir, die Freundin und ich, betreten weitläufige Räume unter dem Dach. Ich erkenne den roten Teppich, der in meinem Jugendzimmer unter dem Dach lag, hoher Flor, Wolle, mit Quadraten in verschiedenen Orange- und Rottönen. Es war in den Sechziger Jahren der Teppich im Wohnzimmer und ich bekam ihn dann später für mein Zimmer unter dem Dach. Ich weiß im Traum, es ist nicht mein Zimmer, aber es sieht meinem verblüffend ähnlich. Auf dem Teppich liegt ein schmal gebauter, junger erwachsener Mann. Ich kann das Alter schlecht schätzen, vielleicht zweiunddreissig, vierundreissig. Er liegt auf dem Rücken und trägt irgendeine unauffällige Kleidung, die aber auch gut passt, jedenfalls keine Knickerbocker-Hosen, so viel ist sicher. Er liegt mit geschlossenen Augen auf dem Rücken, wie im Halbschlaf. Vielleicht trägt er Leinenkleidung, wie man sie zum Meditieren anziehen könnte. Er hat längere Haare, sehr feines Haar, ganz leicht gewellt, die Haarfarbe so ein dunkleres Blond oder Hellbraun. Kinder haben so ähnliche Haare, ganz fein und seidig und gewellt. Ich erkenne, dass wir bei ihm zuhause sind, dem Schulfreund von damals, da wohnt er. Ich denke, ah ja, viel filigraner, als ich ihn mir vorgestellt habe. Die Freundin beginnt zur Begrüßung und um ihn zu wecken, langsam über ihn zu robben. Er wacht langsam aus einer Halbtrance auf und die Freundin rückt ganz in den Hintergrund. Er richtet sich auf und spricht zu mir, ganz bei sich und wie jemand, der in seiner eigenen Welt bleibt. Dabei ganz ernst. Er deutet mit der Hand in die andere Richtung der unendlichen Flucht der zeltartigen Dachgeschossräume, die am Ende eines dreieckigen Tunnels aus Holz, in einer Dachterrasse münden, wo die Sonne scheint, und auf einer Wäscheleine in strahlendem Licht zwei farbenfrohe Hippiehemden zum Trocknen schaukeln. Er sagt, er hat sie gerade gefärbt und ich entdecke bei genauerer Fokussierung, dass eine Art Ornament am Halsausschnitt gebatikt ist. Ich glaube, das eine Hemd ist aus lavendelblauem Leinen und das andere in einem Pfirsich-Ton, irgendein helles Orange. Ich denke im Traum, das ist ja alles fürchterlich hippiemäßig und auch ganz nett, aber doch irgendwie auch sehr vorbei. Hoffentlich kommen jetzt nicht auch noch buddhistische Kalendersprüche aus seinem Mund. Erst diese meditationsartige Teppichperformance und dann auch noch gebatikte Indienhemden. Ich drehe mich wieder zu ihm um, und sehe, dass er genauso ein Hemd wie die beiden auf der Leine, eines in Apricot anhat. Ich muss leider zugeben, dass es ziemlich cool an ihm aussieht, wie ich überhaupt feststelle, dass dieses ganze harmlose Hippieambiente in einem irriterenden Kontrast zu seiner Ausstrahlung steht. Seine Physiognomie geht so ein bißchen in Richtung David Bowie und er hat gar nicht Verbindliches oder Harmoniesuchendes in seinem Ausdruck. Er kommt mir sehr energisch und entschlossen, und auch ein bißchen arrogant vor, aber in einem Maß, das einen interessanten Ausgleich zu dem peace & love-Ambiente herstellt. Ich weiß nicht, was er sagt, außer dieser Anmerkung zu den gefärbten Hemden vielleicht auch nicht viel. Er spricht kaum und ich sehe auch keine Notwendigkeit. Er scheint sich daran gewöhnt zu haben, dass er in einem für andere unerreichbaren Universum existiert, in dem ohnehin kein adäquater Austausch möglich ist, weil es unwahrscheinlich ist, jemanden zu treffen, mit dem man auf einem visionären Level kommunizieren kann. Er wirkt weder unglücklich noch sehnsuchtsvoll, sondern wie jemand, der sich pragmatisch mit der Situation abgefunden hat und einen guten Umgang damit verwirklichen konnte. Ich bin fasziniert von dieser offensichtlichen Unabhängigkeit von irgendwelchen Parametern der Umgebung. Er macht was er will, lebt sein eigenes Ding und erwartet kein großartiges Verständnis. Jammert auch kein bißchen. Sicher selbstverliebt. Und darin selbstgenügsam. Fordert nur, in Ruhe gelassen zu werden. Und Einhaltung der Distanz. Die man aber ohnehin niemals wagen würde, zu durchbrechen. Wie ein wilder Krieger in den besten jungen Mannesjahren steht er da, ganz unaufgeregt und souverän. Unanfechtbar. Ich weiß im Traum, dass ich an einem ähnlichen Punkt bin. Sehr ähnlich sogar. Und dass ich, wie er, nicht auf der Suche bin. Ohne die geringste Erwartung. In erstaunlichem Fr
ieden mit den Dingen, wie sie nun einmal sind. Er schlägt mir vor, dass er mir den anderen großen Raum zeigt, in dem seine Objekte und Skulpturen sind. Richtung der Terrasse. In einem großen, schattigen Bereich des Dachgeschosses, bevor es auf die Terrasse geht, sind rundherum große, dunkle kubistische Objekte zu sehen. Große Steinquader, braun und aus Vulkangestein, in die er Zeichen geschlagen hat, bizarre Formen, Vertiefungen innerhalb der Quader. Es gibt auch Objekte, die ich gar nicht verstehe, die mir rätselhaft bleiben, auf eine mir gleichgültige Art. Es ist mir egal, dass ich es nicht verstehe, ich mache mir darüber keine Gedanken, nur den, dass ich es gut finde, dass er für etwas brennt, er eine so fulminante Berufung hat. Er macht sein Ding, wie ich meines mache, ich muss das nicht im Detail verstehen. Nur der, der es erschafft, weiß wofür und warum, das reicht. Die großen Objekte, manche bis zu vier bis sechs Kubikmeter, wirken aufwändig und kostspielig. Ich denke, dass man so nur arbeiten kann, wenn man die Logistik finanzieren kann, das Material, das schwere Gestein zu bekommen und zu transportieren. Vielleicht verkauft er die Objekte, wenn, dann müssen sie sehr teuer sein. Ich frage ihn nicht. Bei ungefähr diesem Gedanken ist die Freundin wieder im Raum, er ist weg in diesem Moment und sie flüstert mir mit gesenkter Stimme zu, dass er außerdem als Arzt arbeitet, eine Praxis hat, mit der er gutes Geld verdient. Ich bin abermals irritiert und beeindruckt, dass ein weiterer unerwarteter Aspekt an diesem ungewöhnlichen Schulfreund von ihr ist. Wir sind kurz vor dem Aufbruch in das Restaurant und ich will mich noch umziehen, ich habe wohl eine kleine Tasche mit Abendgarderobe dabei und bin plötzlich in einem Labyrinth von gekachelten Waschräumen und Toiletten und sehe als erstbestes eine Behindertentoilette, die ja bekanntlich sehr geräumig sind. Da kommt eine Reinigungsfrau und schaut mich prüfend an und ich gehe doch nicht hinein und laufe ein bißchen hektisch durch die gekachelten Gänge, ich will endlich fertig werden. Szenenwechsel (ich weiß nicht, ob ich schon umgezogen bin, ist auch nicht so wichtig). Wir sind zu dritt auf dem Fußweg zum Restaurant, es ist nicht mehr weit. Edwin läuft neben mir und unsere Freundin ein paar Schritte vor uns. Zuerst ist der Abstand zwischen ihm und mir, wie gewöhnlich zwischen guten Bekannten, wir sprechen kaum und laufen wortlos nebeneinander, aber es ist kein peinliches Schweigen, eher ein selbstverständliches. Im Gleichschritt geraten wir immer dichter nebeneinander und finden es ganz normal. Ich spüre fast schon die Körperwärme. Etwas neugierig aber nicht hysterisch aufgeregt. Ein bißchen verwundert, dass es ein gleichmäßiger Magnetismus zu sein scheint, der aber nicht auf kopfloser erotischer Anziehung beruht, sondern auf selbstverständlicher Vertrautheit, als ob die Distanz von höherer Macht zur richtigen Position korrigiert wird, wo die Energien am besten aufgehoben sind. Ich merke, sehr angenehm berührt, dass es ein gleichmäßiger Magnetismus ist und nur folgerichtig, dass sich mein linker Arm um seine Taille schiebt und da bleibt, als ob er da eben hingehört. Er stimmt all dem vollkommen zu. Ganz wortlos. Unaufgeregt. Sehr angenehm. Alles geschieht sehr friedlich und mit großem, aber unpathetischem Ernst. Es ist eine gute Handlung. Und sehr schön, so nah mit dieser engen Berührung nebeneinander zu gehen. Und da ist schon die Tür des Restaurants. Auch draußen sind Tische und Gäste. Es ist voll. Wir gehen so selbstverständlich in dieser inzwischen gegenseitigen Umarmung hinein, dass es uns selbst wundert, wie das sein kann, von einer Minute zur anderen. Ohne viele Worte. Vielleicht hat sich die Freundin an der Tür noch einmal umgedreht und ebenso verwundert gesehen, dass aus den vor wenigen Stunden völlig Unbekannten so ein vertrautes Paar geworden ist. Wie durch ein Wunder. Ich erinnere noch eine Szene, wir saßen am Tisch und wollten uns eigentlich nicht wieder berühren, aber etwas zog meine Hand auf seinen Oberschenkel, er saß neben mir, und umgekehrt genauso. Sie ruhte da einfach, wie daheim. All das war ganz unkompliziert und unaufgeregt. Kein ekstatisches Gefummel, keine Sentimentalität, keine verzehrenden Blicke, keine Atemlosigkeit. Nur tiefes Vertrauen. Keine Witzeleien, kein Lachen, nichts Schwärmerisches. Sehr ungewöhnlich, wie die Entdeckung eines neuen und doch vertrauten Landes. Ich machte mir vielleicht ein paar Gedanken, was das für ein seltsames Erlebnis sei und dass es sich nicht wie sich Verlieben anfühlt. Beinah sachlich stellte ich fest, dass er doch sehr gutaussehend war, gar nicht der vermeintlich peinlich gekleidete Eigenbrötler aus der Oberstufe meiner Freundin. Ein fein geschnittenes Gesicht, gerade nicht zu hübsch, dass es zu weich wirken würde. Aber niemand, in den ich mich verlieben würde, ich fände ihn interessant und ginge unaufgeregt an ihm vorbei. Aber ich verstand sehr viel von seiner Art. Mir gefiel diese tief verwurzelte Unabhängikeit von irgendeinem Diktat, ohne darüber große Worte zu verlieren. Ich fühlte mich frei neben jemandem, der so sehr bei sich ist. Und ihm ging es ebenso. Eine unerwartete Bereicherung, die keine große Änderung des Lebens fordert, nur ab und zu vertraute Nähe mit einer warmen Hand um die eigene Mitte. Szenenwechsel, einige Tage später. Er lud mich zu sich ein, zum Essen. Ein anderer Raum, irgendwo, wie ein Séparée in einem schönen alten, sehr noblen Restaurant. Sehr warmes Licht von kleinen Lampenschirmen. Er saß an einem Tisch und ich sah, dass er sehr gut gekleidet war. Überhaupt wirkte er sehr gepflegt, die immer noch schulterlangen Haare frisch gewaschen, ich erinnere keinen Geruch, auch kein Rasierwasser. Es hatte etwas Feierliches, Aristokratisches, wie er da so saß, in einem sehr dunkelblauen, fast schwarzem Hemd, das eine sehr starke, edle Textur hatte, zwischen Chintz und Rohseide, dazu eine farblich passende Hose, nicht dunkelblau, nicht schwarz, ein geheimnisvoller Farbton dazwischen. Ich weiß nicht, was wir gegessen haben, aber es war sehr gut. Er hatte einen Koch bestellt, der nur für uns kochte und es war erlesen. Auch der Wein, von dem ich noch nie gehört hatte, aber ich vermutete, dass es eine Rebe aus Österreich sein musste. Ich freute mich, dass ich eingeladen war, was mir nicht selbstverständlich erschien, da ich es meistens war, die die Rechnung übernahm (nicht bei ihm, ihn traf ich ja erst das zweite Mal). Ich kriegte an diesem Abend gar nicht mit, wann und wie er den Koch für all das bezahlte, es geschah völlig diskret. Ich mochte das, es war so souverän. Genauso hätte ich es auch gemacht. Genauso war ich es gewohnt. Dass ich das auch einmal von der anderen Seite erleben durfte, war sehr schön. Ich hörte auf irgendeinem Wege später, dass sich die Rechnung für dieses Essen mit dem Wein und allem auf insgesamt 1.885,30 Euro belief. Nicht er hatte es irgendjemandem erzählt, der Koch oder jemand vom Service war so beeindruckt, dass ihm so ein Essen so viel wert sei. Und er es auch bezahlen konnte, ohne Schwierigkeiten. Ich fing nun doch an nachzudenken, ob Edwin, so hieß er, obwohl ich fand, dass Michael oder Stefan besser zu ihm gepasst hätte, vielleicht auch von einem ererbten Vermögen profitiert, über das er mit seiner angeboren aristokratischen Haltung keine Worte verliert. Wie auch immer, ich mochte es. Ich wachte mit dem stark erinnerten Gefühl der vertrauten ersten Berührung meiner Hand um seine Taille, als wir zur Tür gingen, auf. Noch den ganzen Weg zur S-Bahn heute morgen, forschte ich in meinem Gedächtnis, ob ich nicht irgendwen kenne, der ihm richtig ähnelt, aber ich fand nur immer Bruchstücke. Der Körperbau und die Bewegungen wie der junge Helmut Berger, die eher schmalen Augen mit der konzentri
erten Augenpartie des ernsten David Bowie, ein bißchen Verwegenheit, wie Helge (den ich ein wenig kenne, der aber haarscharf nicht Edwin ist) auf diesem Buchcover erscheint. Irgendjemand dazwischen. Und sehr unabhängig. In jeder Hinsicht. Ich suchte sogar in Suchmaschinen und auf facebook nach jemandem mit diesem Namen, der Ähnlichkeit hat. Vielleicht Bildhauer ist. In Berlin? In Berlin gibt es keinen, der so heißt. Irgendwo in Süddeutschland ist ein Holz- und Eisbildhauer, der sogar ganz sympathisch aussieht und gar nicht unattraktiv, aber sein Gesicht ist zu weich, ein viel sentimentalerer Typ. Und auch die falsche Region. Er hatte keine Dialektfärbung. Er hat noch nicht einmal berlinert. Aber wir haben ja auch sehr wenig gesprochen. Ich will diesen Traum festhalten, in Worten, dann entwischen die Bilder nicht so leicht. Vielleicht treffe ich ihn irgendwann einmal wieder. Eines schönen Tages, oder sogar in einer schönen Nacht.
26. Januar 2015




https://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=1811922554




Im beinah letzten Moment zu David Bowies Retrospektive im Martin Gropius-Bau. Zwei Tage vor dem Ende, nach der Verlängerung. Das Schöne bei Bowie ist, dass man nicht erklären muss, warum man fasziniert ist. Bowie ist Bowie ist Bowie ist (…) …


Allerdings hatte ich vergessen, welches Ausmaß von Sex Appeal seine Performances hatten. In der Ausstellung waren zahllose Schaufensterpuppen mit seinem Kopf und seinem Körper, die seine schönsten Bühnenkostüme anhatten. Dann die liegende Bowie-Puppe, wie in einem Schneewittchensarg unter Glas. Ich war sehr verliebt in die Puppe und überlegte, ob ich recherchiere, ob man eine ersteigern kann, Preis egal. Aber wohin damit. Mir ins Bett legen? Wenn es dunkel ist, spürt und riecht man doch nur den harten Kunststoff. Was mich sehr – auch – faszinierte – waren die gemalten Bilder. Ich wusste nicht, dass David Bowie Ambitionen hat, zu malen. Es gab ein großformatiges Portrait eines männlichen Gesichts, sehr expressiv, elektrisch, von dem es heißt, dass es in seiner Schöneberger Bleibe in seinem Schlafzimmer über dem Bett hing. Und die schwarzweiß-Fotos, private, von Iggy und seiner sehr schönen Freundin in Berlin. Zahllose Monitore, die ihn im Film, in Videos zeigten. Reliquien ohne Ende. Fotografieren natürlich verboten, es war ja nicht die Eröffnung. Ich hatte unverschämtes Glück, dass ich nicht in der langen Schlange warten musste, das war reiner Zufall und ein bißchen Frechheit. Ich kannte vom Gropius-Bau, dass die Schlange, in der man ansteht, an der Seite endet, woher ich kam. Da war aber keine. Ich ging an den Säulen vorbei, an einem uniformierten Herrn vorbei, der mich nicht aufhielt, direkt hinein. Vielleicht, weil ich so sicher und zielstrebig wirkte, ließ er mich gewähren. Ich sah beim Vorbeigehen noch, dass in der anderen Richtung eine Menschenmenge war, scheinbar wartete – vielleicht irgendeine andere Veranstaltung – das dachte ich wirklich. In der Vorhalle, wo es die Tickets gibt, die ganz leer war, fragte mich der Mitarbeiter nach meiner Nummer – – – ? „Welche Nummer?“ Wie ich ohne Nummer hineingekommen bin? „Ich weiß nicht – ich bin einfach durchgegangen. Wieso?“ „Ja, also – eigentlich – normalerweise muss man ja…“ usw. usf. „Ach, hm – – – das wusste ich nicht, ehrlich! Vielleicht ist das mein Glückstag! Och bitte….!“ „Hm, hm… also gut… aber pscht…!“ Hier sind Videobilder.



25. Januar 2015

https://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=1811922554




Einen ganzen Monat hatte ich die Kamera nicht in der Hand gehabt. Am achten August hatte ich eine Geburtstagseinladung und lud die Akku-Batterien, und nahm sie in die Hand, um nicht ganz zu vergessen, wie man sie bedient. Ich verwechselte tatsächlich das Bedienelement, wo man sie anschaltet, mit dem für den Zoom. Bei der Gelegenheit spielte ich noch einmal das Spiel vor dem Spiegelschrank, kurz bevor ich losging. Eher spät, ich musste nach Charlottenburg. Ich war nicht in sehr geselliger Stimmung, aber ich hatte ein Mitbringsel für das Geburtstagskind schön verpackt und wollte auch aus freundschaftlicher Verbundenheit meinen Schweinehund überwinden. Ich fühlte mich mental erschöpft und absorbiert von den Renovierungsarbeiten in der Wohnung, in denen ich steckte, nachdem eine zwangsläufige Reparatur an mehreren Fensterrahmen durch den Eigentümer eine Baustellensituation in der Wohnung zur Folge hatte. Mit Musik und Fotografieren versuchte ich mich in launigere Stimmung bringen.



Als ich in der Galerie ankam, wo die Feier stattfand, war es bereits dunkel und alle Reden waren gehalten. Ich übergab nur mein Geschenk und verspürte keinen Drang, die Kamera zu benutzen. Ich sah nichts, was ich nicht schon einmal fotografiert hätte, oder sich besonders anbot. Jan und auch Ina, mit der ich mich bis dahin noch nie richtig unterhalten hatte, waren erfreulicherweise auch da und ich kam in ein intensives Gespräch mit ihr, währenddessen mir auch nicht danach war, den Fluss der Unterhaltung durch irgendein Gefuchtel mit der Kamera zu unterbrechen. Ich erinnere mich noch, dass sie mich verwundert fragte, ob ich gar nicht fotografiere. Ich erklärte ihr, dass ich nicht mehr so intensiv wie früher hinter Momentaufnahmen her bin. So oft denke ich nun, das habe ich schon hundert mal fotografiert, wozu noch eine weitere, geringfügig andere Variante. Ich habe kein einziges Bild von diesem Abend gemacht. Nur die paar zuhause. Das Licht, wo wir standen, als wir uns unterhielten, war allerdings auch nicht sehr geeignet, um jemanden in angemessenes Licht zu setzen, sonst hätte ich vielleicht einige Bilder von Ina gemacht, die sie auch zugelassen hätte. Aber ich wusste, es würde sich demnächst eine passendere Gelegenheit, in idealerem Licht bieten. Ich blieb nicht sehr lang, verabschiedete mich damit, dass ich wieder zurück zu meiner Baustelle ginge, die ich nur ausnahmsweise kurz verlassen hatte.

24. Januar 2015

https://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=1811922554
„Neunzehnhundertzwölf eröffnet, ist das Kant Kino eines der ältesten Kinos der Stadt. Eine wechselvolle Geschichte begleitet das Haus seitdem. Viele unserer älteren Gäste haben hier ihre ersten Kinoerfahrungen gemacht. 1905 als Ladenkino gegründet, wurde das Haus 1912 zu einem Kino mit großem Saal umgebaut.“

„Die „Lichtbildbühne“ schrieb zur Eröffnung am 16. November 1912: »…Das 900 Personen fassende Theater war gut gefüllt. Unter der Direktionsleitung von Oscar Jos. Loris klappte alles vorzüglich. Kapellmeister Alfred Günther präsentierte seine wackere Musikerschar, und so war alle Anwartschaft vorhanden, daß das Publikum dem gewohnten Zauber der Kinokunst unterlag. Das Programm wies folgende Piècen auf: Ouverture / Prolog, gesprochen von Max Mack, Regisseur der Vitascope Berlin / Gaumont-Woche, kinematographische Berichterstattung / Fritzchen und der dankbare Karpfen, Humoreske / O selig, ein Kind noch zu sein, Drama / Leben und Treiben in Indien, Landschaftliche Studie / Pause / außergewöhnliche Einlage: Direktor Oscar Jos. Loris, kön. röm. Hofkünstler, im Klaviervortrag und als Konzert-Kunstpfeifer / Tristo Ritorno, Tonbild, gesungen von Enrico Caruso / Treff-Bube, Drama in drei Akten / Das Liebespaar im Hydro-Aeroplan, komische Szene, gespielt von Max Linder / Schlußmarsch. (…) Der Ernemann-Apparat arbeitet wie immer gut; die Synchron-Einrichtung – ebenfalls von Ernemann – trat noch nicht in Funktion, da das Tonbild nicht zur Vorführung gelangt war. Die Bühnenfläche müßte mehr Tiefe erhalten. Ein Vorhang fehlt ebenfalls. Beim Treppenaufgang wirkt eine kreisrunde Deckenwölbung mit indirektem Licht ungemein reizvoll und prächtig. Die Bestuhlung, 50 cm hoch, ist praktisch und durabel. Das Theater hat eine gute Akustik. Der graue Mörtelbewurf an den Wänden dürfte auf dem Rang nicht bis zum Fußboden reichen; es fehlt unten eine glatte Wandverkleidung. Alles in allem ist viel Schönes, aber auch viel Falsches geschaffen worden. Da aber nach Schluß der Spezial-Eröffnungs-Vorstellung das zahlende Publikum in dichten Scharen gedrängt kam, ist alle Aussicht vorhanden, daß die „Kant-Lichtspiele“ ein gutes Geschäft werden, und das ist und bleibt das Angenehmste, was ein Theaterpraktiker konstatieren kann.« (…)“

Kinokompendium: »Das Kant-Kino ist eines der wenigen noch verbliebenen alten Kinos im Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf. Saal eins erhält 1956 seine noch heute bestehende Struktur. Damals werden durch den Architekten Hans Bielenberg die seitlichen Rangbalkone abgerissen um eine Cinemascope Leinwand einbauen zu können. Der restliche Rang bleibt dabei erhalten. Anfang der 80er wurde in das Off-Kino dann der Minisaal ‚Kid im Kant‘ mit damals fünfzehn Plätzen eingebaut (…) Der kleine Saal ‚Kid im Kant‘ hat etwas Besonderes zu bieten: Der Mittelgang führt links und rechts an elf mit Kinostuhl-Polsterung ausgestatteten Doppelsitzsofas vorbei, die eine ideale Sitzgelegenheit für Paare darstellen. Das Kant Kino ist mit seinen fünf Sälen ein etabliertes Haus für europäische Filmkunst, internationales Independent-Kino und den anspruchsvollen deutschen Film.« „Das Kant-Kino bleibt der Westcity erhalten.“


„Neben dem Kinoprogramm auf der Leinwand gab es in den 1970er- und 1980er-Jahren unter Betreiber Conny Konzack Live-Konzerte auf der Bühne davor. Alles was damals Rang und Namen in der Szene hatte, besonders der in jenen Jahren aufgekommenen Punk- und New-Wave-Bands, spielte dort im stets ausverkauften Saal. Gruppen wie Police oder Blondie waren hier auf Ihrer ersten Tournee zu Gast. Der Kinosaal in der Charlottenburger Kantstraße war so zu einem der angesagtesten Orte von ganz Berlin geworden.“ (…) Roxikon: »Conny Konzack hatte das etwas heruntergekommene Bezirkskino gepachtet und wollte es als Programmkino betreiben. Zum Programm gehörten auch – meist spät abends angesetzte – Musikfilme. Es lag für Konzack nahe, bald auch Konzerte in dem relativ kleinen Saal zu veranstalten, zumal die seinerzeit neue Musik aus England und den USA – Punk und New Wave – in Berlin keinen Ort hatte. Zunächst aber traten ab Dezember 1976 Bands wie Long Tall Ernie & The Shakers, Hölderlin, Can, Lok Kreuzberg und selbst der Pianist Friedrich Gulda auf. Kaum ein Jahr später aber waren auch Bands wie Doctors of Madness, The Vibrators, Mink De Ville, The Damned, später The Jam, Ultravox, The Dictators, Alberto Y Lost Trios Paranoyas, Blondie, The B 52’s, Dr. Feelgood und nahezu alle anderen Größen der älteren und neueren britischen und amerikanischen Rockmusik auf der Bühne des Kant-Kinos zu sehen. Die britische Rockband Simple Minds widmete dem Veranstaltungsort mit »Kant-Kino« ein knapp zwei Minuten dauerndes Instrumental. Joy Division setzten mit ihrem Song „Komakino“ dem Haus ein musikalisches Denkmal. „Bernard (Sumner) noted in May 1981 „…the atmosphere …strange… it was quite a lot like Manchester … Berlin … it had a cold atmosphere … Anonymous … an evil atmosphere. You could feel the evil – you could feel it from the war.“ Ein geplantes Konzert der Sex Pistols im Jahre 1978 wurde mehrmals in jeweils größere Säle verlegt, bis vier Tage vor dem Termin bekannt wurde, dass sich die Band aufgelöst hatte; die Karten waren bereits gedruckt. Der Einfluss der Konzerte im Kant-Kino auf die Berliner Musiker war enorm; Konzack, grundsätzlich an jeder Art von Musik interessiert, bot auch den Berliner Bands, darunter PVC, die Neubauten, die Ärzte, Nina Hagen und Spliff, ein Podium.« (…)„No Sleep ‚til Kant-Kino“

Als ich 1986 nach (West-)Berlin kam, war die Ära der Konzerte im Kant-Kino schon länger beendet – das letzte Konzert scheint 1982 stattgefunden zu haben. Aber der Kult lag noch in der Luft. Nach einer weiteren Durststrecke nahmen sich ein paar Investoren und Wim Wenders des Kinos an und hauchten ihm wieder Leben ein.

Ich war an jenem Sonntag im sehr schwülen, heißen Juli auf dem Weg zu einer Vormittags-Vorstellung des Films Yves Saint Laurent, der kaum noch wo lief. Ich erinnerte mich an das Plakat vor dem Actors Studio-Kino in Wien und wurde dadurch überhaupt erst auf den Film aufmerksam. Dann habe ich ihn wieder vergessen, da ich selten darüber nachdenke, ins Kino zu gehen – bis mir eine Freundin, die sehr frankophil ist, mich dadurch daran erinnerte, dass sie mir davon erzählte. Sie hatte den Streifen im Cinema Paris im Original angeschaut, da sie irgendwann einmal Französisch studiert hatte, und ein halbes oder ein Jahr lang in Paris kleine Franzosen in Deutsch unterrichtet hat. Ich sah mir den Trailer an und war hin- und hergerissen, ob sich dieser Film lohnt.

Zumindest schien der Hauptdarsteller gut gewählt zu sein. Ich dachte an diesem Sonntag auch daran, dass im Kino sicher eine Klima-Anlage für weniger schwüle Temperaturen sorgen würde. Ich litt unter der Luftfeuchtigkeit des letzten Sommers, ich konnte mich nicht erinnern, je soviele schwüle Tage am Stück erlebt zu haben, in denen man kaum weiß, wie man die Wohnung abkühlen könnte, nachdem schon alles abgedunkelt ist und die Fenster und Balkontüren nur nachts geöffnet. Im Schlafzimmer hatte ich Servierplatten mit reinem Meersalz aufgestellt, um der Luft Feuchtigkeit zu entziehen. Es war mitunter eine Qual. Dazu kam noch dieses Gefühl der (sehr real) zunehmenden Bedrohung von Wohnungsbesichtigungen durch Kaufinteressenten, ich hatte Lust auf einen inneren und äußeren Tapetenwechsel durch einen Kino-Besuch. Ich zog mich nicht sehr luftig an, weil ich im vielleicht angenehm gekühlten Kino auch nicht frieren wollte. Die Verbindung von mir in diese Ecke von Charlottenburg ist eigentlich ganz gut – ich kann mit der S-Bahn vom Hackeschen Markt bis zum S-Bahnhof Charlottenburg fahren, das dauert etwa fünfzehn Minuten, ohne umsteigen zu müssen. Dann noch ein paar Schritte durch die Wilmersdorfer Straße bis zur Kantstraße. Wenn man das Kino von außen sieht, die Fassade, denkt man eher, es wäre ein Nachkriegsbau. Ich nehme an, dass ehemaliger Fassadenstuck der vorübergehenden, unseligen Mode – in den Fünfziger Jahren glaube ich war das – zum Opfer gefallen ist, im Zuge der Modernisierung alles abzuklopfen. Ich war sehr pünktlich zur Vorstellung da, immerhin hatte ich mir an diesem Sonntag eigens den Wecker stellen müssen, da Ausschlafen sicher nicht dazu geführt hätte, dass ich es schaffe, in aller Herrgottsfrüh um 11:30 Uhr einer Kino-Vorstellung beizuwohnen. Es war recht leer, draußen war gleißende Hitze, innen angenehme Schummrigkeit.





Wikpedia: »Drehbeginn des Filmes war im Juni 2013, die Dreharbeiten dauerten etwa acht Wochen. Es wurde hauptsächlich in Paris und in Marrakesch (in den Räumlichkeiten der Stiftung „Fondation Pierre Bergé – Yves Saint Laurent“) gedreht.« Die Zeit schrieb „Mit diesen Schauspielern hätte man Besseres erzählen können.“ Ja. Vor allem der hypersensible Pierre Niney in der Rolle von Yves Saint Laurent hat sein ganzes Herzblut gegeben. Ich hatte keine so sehr übersteigerten Erwartungen, dachte nur so bei mir, dass es ein sehr sportliches Unterfangen ist, so ein opulentes Leben in einen kleinen Spielfilm zu packen. Die Ausstattung aber ist grandios. Leider handelt der Film nur von ein paar ausgewählten Lebensabschnitten und beschäftigt sich arg mit dem Privatleben, weniger mit seinem zum Teil revolutionären modischen Vermächtnis an die Frauen. Ich erinnere mich genau genommen nur an eine einzige Szene exakt, ich glaube, sie spielte während eines Urlaubes an einem großen Swimming Pool. Die Kamera zoomt von oben auf den türkisblauen Pool, wo auf einem Sprungbrett der junge Yves mit Sonnenbrille liegt. Das war so ein starkes, klares Bild, dass sich für mich alleine deshalb der Kinobesuch gelohnt hat. Aber kein Grund, jemandem den Film ans Herz zu legen. Es ist eine nette Abwechslung, ein, zwei Stunden Erholung in schönen Bildern zu finden, aber man kann sich auch anders ablenken. Ich hatte einen netten Vormittag und der Kaffee war auch passabel. Als der Abspann kam, war ich leicht irritiert, weil es wirkte, als hätte jemand versehentlich die letzte Stunde weggeschnitten, da hätte noch eine ganze Menge Geschichte und Leben kommen müssen. Aber nun gut, dann hätte das Ganze auch mindestens drei Stunden dauern müssen, es hat halt nicht sollen sein. Es gibt ja stattdessen einige Film-Dokumentationen über Yves Saint Laurent, als Nachhilfestunden. Sehr sehenswert finde ich diese, Yves Saint Laurent, die letzte Show. Ganz anrührend.










22. Januar 2015
Edwin. Nach sehr, sehr langer Zeit etwas geträumt, das mich nach dem Aufwachen unablässig beschäftigt, angenehm. Ich habe selten ganz schlimme Träume und ebenso selten ganz schöne. Es plätschert so dahin, das Erinnerbare, das Wenige ist gewohnt absurd oder alltäglich, manchmal mehr oder weniger amüsant, wenn der Bezug zur Wirklichkeit sehr deutlich ist und dann eine irreale Wendung nimmt. Aber letzte Nacht träumte ich etwas völlig Ungewohntes und Unerwartetes. So angenehm, dass ich bis zum Abend immer wieder davon gefangen war, und meine Konzentration darauf gerichtet habe, damit es mir nicht völlig entwischt. Ich überlegte sogar, ob ich es in einer privaten Datei einfach aufschreibe, ganz gegen meine Gewohnheiten der letzten zehn Jahre, in denen ich alles, wirklich alles, was ich schriftlich formulierte, auch veröffentlicht habe. Aber ich mag keine doppelte Buchführung. Lange schon habe ich nicht einmal mehr Freude daran, Freunden aufwändige Mitteilungen zu schreiben, von denen ich weiß, dass sie unter Verschluss bleiben werden. Als wären mir meine Gedanken, die ich mir die Mühe mache, in Worte zu fassen, zu kostbar, um sie exclusiv nur einem Menschen zugänglich zu machen. Also schreibe ich den schönen Traum in keine private Datei, in kein Notizbuch, wenn überhaupt, dann hier. Auch ärgere ich mich, wenn Blogger am Rande erwähnen, dass sie privat für sich irgendwelche Tagebücher nebenher schreiben, in die dann die wirklich existentiellen Vorgänge kommen. Mich ärgert das als Leserin. Ich will nicht mit einer entschärften Schmalspurversion der Lebensbewegungen abgespeist werden. Das ist Etikettenschwindel! Dann schon bitte gar keine schriftlichen Vermächtnisse, auch keine geheimen in der Schublade auf Papier. Man muss auch etwas wagen, sonst fühlt sich der Leser nicht ernst genommen und respektiert. Ja, man darf weglassen, wenn man allgemein die Erkenntnis hat, dass eine schriftliche Fixierung nichts weiter bringt. Aber nicht im stillen Kämmerchen, die interessanten Sachen schreiben und im Blog die leicht verdauliche Hausmannskost. Das ist literarisch irrelevant! Also Edwin. Wer ist Edwin? Zum Teufel, ich weiß es nicht. Aber die Traum-Freundin, die es auch in Wirklichkeit gibt, die aber in dieser keine so richtig enge Freundin-Freundin ist, hat mir also im Traum der letzten Nacht eine Verabredung zu einem gemeinsamen Treffen und Essen mit einem alten Schulfreund von ihr vermittelt. Sie haben (im Traum) wohl zusammen mehrere Schuljahre verbracht, bis zum Abitur. Das geschah in Berlin, in Ostberlin. So im Radius vom Prenzlauer Berg. Sie hat ihn lange nicht gesehen, es war auch keine Liebschaft, aber man war irgendwie befreundet und er war der kurioseste Typ in der Oberstufe. Und sie wollten sich zum Essen treffen, in einem beliebten, szenigen Restaurant, irgendwo zwischen ihrer und meiner Wohnung in Berlin, also der Radius zwischen Marienburger und Auguststraße. Ich könnte gerne mit. Warum sie auf die Idee kommt, keine Ahnung. Sie betont vor dem Treffen immer wieder, dass er wirklich sehr kurios sei. Auch was seine Kleidung anginge, die wäre zumindest damals sehr gewöhnungsbedürftig gewesen, denn er habe immer Knickerbocker getragen. Also diese Hosen, die über dem Knie aufhören. Keine Mode hätte ihn tangiert, stur hat er tagein, tagaus seine Knickerbocker angehabt. Was eben schon sehr gewöhnungsbedürftig gewesen sei. Aber sonst ein sehr interessanter und eigenwilliger Mensch, sehr belesen und intelligent. Ich stellte mir also vor dem geistigen Auge einen jüngeren Mann vor – denn sie hatte ihn ja auch zuletzt in ihren Zwanzigern gesehen, der schon recht nett, aber nicht gerade attraktiv ist, und im schlimmsten Fall immer noch die Knickerbocker-Hosen von damals anhaben könnte. Oder noch seltamere Kleidung. Schnitt. (Szenenwechsel.) Wir, die Freundin und ich, betreten weitläufige Räume unter dem Dach. Ich erkenne den roten Teppich, der in meinem Jugendzimmer unter dem Dach lag, hoher Flor, Wolle, mit Quadraten in verschiedenen Orange- und Rottönen. Es war in den Sechziger Jahren der Teppich im Wohnzimmer und ich bekam ihn dann später für mein Zimmer unter dem Dach. Ich weiß im Traum, es ist nicht mein Zimmer, aber es sieht meinem verblüffend ähnlich. Auf dem Teppich liegt ein schmal gebauter, junger erwachsener Mann. Ich kann das Alter schlecht schätzen, vielleicht zweiunddreissig, vierundreissig. Er liegt auf dem Rücken und trägt irgendeine unauffällige Kleidung, die aber auch gut passt, jedenfalls keine Knickerbocker-Hosen, so viel ist sicher. Er liegt mit geschlossenen Augen auf dem Rücken, wie im Halbschlaf. Vielleicht trägt er Leinenkleidung, wie man sie zum Meditieren anziehen könnte. Er hat längere Haare, sehr feines Haar, ganz leicht gewellt, die Haarfarbe so ein dunkleres Blond oder Hellbraun. Kinder haben so ähnliche Haare, ganz fein und seidig und gewellt. Ich erkenne, dass wir bei ihm zuhause sind, dem Schulfreund von damals, da wohnt er. Ich denke, ah ja, viel filigraner, als ich ihn mir vorgestellt habe. Die Freundin beginnt zur Begrüßung und um ihn zu wecken, langsam über ihn zu robben. Er wacht langsam aus einer Halbtrance auf und die Freundin rückt ganz in den Hintergrund. Er richtet sich auf und spricht zu mir, ganz bei sich und wie jemand, der in seiner eigenen Welt bleibt. Dabei ganz ernst. Er deutet mit der Hand in die andere Richtung der unendlichen Flucht der zeltartigen Dachgeschossräume, die am Ende eines dreieckigen Tunnels aus Holz, in einer Dachterrasse münden, wo die Sonne scheint, und auf einer Wäscheleine in strahlendem Licht zwei farbenfrohe Hippiehemden zum Trocknen schaukeln. Er sagt, er hat sie gerade gefärbt und ich entdecke bei genauerer Fokussierung, dass eine Art Ornament am Halsausschnitt gebatikt ist. Ich glaube, das eine Hemd ist aus lavendelblauem Leinen und das andere in einem Pfirsich-Ton, irgendein helles Orange. Ich denke im Traum, das ist ja alles fürchterlich hippiemäßig und auch ganz nett, aber doch irgendwie auch sehr vorbei. Hoffentlich kommen jetzt nicht auch noch buddhistische Kalendersprüche aus seinem Mund. Erst diese meditationsartige Teppichperformance und dann auch noch gebatikte Indienhemden. Ich drehe mich wieder zu ihm um, und sehe, dass er genauso ein Hemd wie die beiden auf der Leine, eines in Apricot anhat. Ich muss leider zugeben, dass es ziemlich cool an ihm aussieht, wie ich überhaupt feststelle, dass dieses ganze harmlose Hippieambiente in einem irriterenden Kontrast zu seiner Ausstrahlung steht. Seine Physiognomie geht so ein bißchen in Richtung David Bowie und er hat gar nicht Verbindliches oder Harmoniesuchendes in seinem Ausdruck. Er kommt mir sehr energisch und entschlossen, und auch ein bißchen arrogant vor, aber in einem Maß, das einen interessanten Ausgleich zu dem peace & love-Ambiente herstellt. Ich weiß nicht, was er sagt, außer dieser Anmerkung zu den gefärbten Hemden vielleicht auch nicht viel. Er spricht kaum und ich sehe auch keine Notwendigkeit. Er scheint sich daran gewöhnt zu haben, dass er in einem für andere unerreichbaren Universum existiert, in dem ohnehin kein adäquater Austausch möglich ist, weil es unwahrscheinlich ist, jemanden zu treffen, mit dem man auf einem visionären Level kommunizieren kann. Er wirkt weder unglücklich noch sehnsuchtsvoll, sondern wie jemand, der sich pragmatisch mit der Situation abgefunden hat und einen guten Umgang damit verwirklichen konnte. Ich bin fasziniert von dieser offensichtlichen Unabhängigkeit von irgendwelchen Parametern der Umgebung. Er macht was er will, lebt sein eigenes Ding und erwartet kein großartiges Verständnis. Jammert auch kein bißchen. Sicher selbstverliebt. Und darin selbstgenügsam. Fordert nur, in Ruhe gelassen zu werden. Und Einhaltung der Distanz. Die man aber ohnehin niemals wagen würde, zu durchbrechen. Wie ein wilder Krieger in den besten jungen Mannesjahren steht er da, ganz unaufgeregt und souverän. Unanfechtbar. Ich weiß im Traum, dass ich an einem ähnlichen Punkt bin. Sehr ähnlich sogar. Und dass ich, wie er, nicht auf der Suche bin. Ohne die geringste Erwartung. In erstaunlichem Fr
ieden mit den Dingen, wie sie nun einmal sind. Er schlägt mir vor, dass er mir den anderen großen Raum zeigt, in dem seine Objekte und Skulpturen sind. Richtung der Terrasse. In einem großen, schattigen Bereich des Dachgeschosses, bevor es auf die Terrasse geht, sind rundherum große, dunkle kubistische Objekte zu sehen. Große Steinquader, braun und aus Vulkangestein, in die er Zeichen geschlagen hat, bizarre Formen, Vertiefungen innerhalb der Quader. Es gibt auch Objekte, die ich gar nicht verstehe, die mir rätselhaft bleiben, auf eine mir gleichgültige Art. Es ist mir egal, dass ich es nicht verstehe, ich mache mir darüber keine Gedanken, nur den, dass ich es gut finde, dass er für etwas brennt, er eine so fulminante Berufung hat. Er macht sein Ding, wie ich meines mache, ich muss das nicht im Detail verstehen. Nur der, der es erschafft, weiß wofür und warum, das reicht. Die großen Objekte, manche bis zu vier bis sechs Kubikmeter, wirken aufwändig und kostspielig. Ich denke, dass man so nur arbeiten kann, wenn man die Logistik finanzieren kann, das Material, das schwere Gestein zu bekommen und zu transportieren. Vielleicht verkauft er die Objekte, wenn, dann müssen sie sehr teuer sein. Ich frage ihn nicht. Bei ungefähr diesem Gedanken ist die Freundin wieder im Raum, er ist weg in diesem Moment und sie flüstert mir mit gesenkter Stimme zu, dass er außerdem als Arzt arbeitet, eine Praxis hat, mit der er gutes Geld verdient. Ich bin abermals irritiert und beeindruckt, dass ein weiterer unerwarteter Aspekt an diesem ungewöhnlichen Schulfreund von ihr ist. Wir sind kurz vor dem Aufbruch in das Restaurant und ich will mich noch umziehen, ich habe wohl eine kleine Tasche mit Abendgarderobe dabei und bin plötzlich in einem Labyrinth von gekachelten Waschräumen und Toiletten und sehe als erstbestes eine Behindertentoilette, die ja bekanntlich sehr geräumig sind. Da kommt eine Reinigungsfrau und schaut mich prüfend an und ich gehe doch nicht hinein und laufe ein bißchen hektisch durch die gekachelten Gänge, ich will endlich fertig werden. Szenenwechsel (ich weiß nicht, ob ich schon umgezogen bin, ist auch nicht so wichtig). Wir sind zu dritt auf dem Fußweg zum Restaurant, es ist nicht mehr weit. Edwin läuft neben mir und unsere Freundin ein paar Schritte vor uns. Zuerst ist der Abstand zwischen ihm und mir, wie gewöhnlich zwischen guten Bekannten, wir sprechen kaum und laufen wortlos nebeneinander, aber es ist kein peinliches Schweigen, eher ein selbstverständliches. Im Gleichschritt geraten wir immer dichter nebeneinander und finden es ganz normal. Ich spüre fast schon die Körperwärme. Etwas neugierig aber nicht hysterisch aufgeregt. Ein bißchen verwundert, dass es ein gleichmäßiger Magnetismus zu sein scheint, der aber nicht auf kopfloser erotischer Anziehung beruht, sondern auf selbstverständlicher Vertrautheit, als ob die Distanz von höherer Macht zur richtigen Position korrigiert wird, wo die Energien am besten aufgehoben sind. Ich merke, sehr angenehm berührt, dass es ein gleichmäßiger Magnetismus ist und nur folgerichtig, dass sich mein linker Arm um seine Taille schiebt und da bleibt, als ob er da eben hingehört. Er stimmt all dem vollkommen zu. Ganz wortlos. Unaufgeregt. Sehr angenehm. Alles geschieht sehr friedlich und mit großem, aber unpathetischem Ernst. Es ist eine gute Handlung. Und sehr schön, so nah mit dieser engen Berührung nebeneinander zu gehen. Und da ist schon die Tür des Restaurants. Auch draußen sind Tische und Gäste. Es ist voll. Wir gehen so selbstverständlich in dieser inzwischen gegenseitigen Umarmung hinein, dass es uns selbst wundert, wie das sein kann, von einer Minute zur anderen. Ohne viele Worte. Vielleicht hat sich die Freundin an der Tür noch einmal umgedreht und ebenso verwundert gesehen, dass aus den vor wenigen Stunden völlig Unbekannten so ein vertrautes Paar geworden ist. Wie durch ein Wunder. Ich erinnere noch eine Szene, wir saßen am Tisch und wollten uns eigentlich nicht wieder berühren, aber etwas zog meine Hand auf seinen Oberschenkel, er saß neben mir, und umgekehrt genauso. Sie ruhte da einfach, wie daheim. All das war ganz unkompliziert und unaufgeregt. Kein ekstatisches Gefummel, keine Sentimentalität, keine verzehrenden Blicke, keine Atemlosigkeit. Nur tiefes Vertrauen. Keine Witzeleien, kein Lachen, nichts Schwärmerisches. Sehr ungewöhnlich, wie die Entdeckung eines neuen und doch vertrauten Landes. Ich machte mir vielleicht ein paar Gedanken, was das für ein seltsames Erlebnis sei und dass es sich nicht wie sich Verlieben anfühlt. Beinah sachlich stellte ich fest, dass er doch sehr gutaussehend war, gar nicht der vermeintlich peinlich gekleidete Eigenbrötler aus der Oberstufe meiner Freundin. Ein fein geschnittenes Gesicht, gerade nicht zu hübsch, dass es zu weich wirken würde. Aber niemand, in den ich mich verlieben würde, ich fände ihn interessant und ginge unaufgeregt an ihm vorbei. Aber ich verstand sehr viel von seiner Art. Mir gefiel diese tief verwurzelte Unabhängikeit von irgendeinem Diktat, ohne darüber große Worte zu verlieren. Ich fühlte mich frei neben jemandem, der so sehr bei sich ist. Und ihm ging es ebenso. Eine unerwartete Bereicherung, die keine große Änderung des Lebens fordert, nur ab und zu vertraute Nähe mit einer warmen Hand um die eigene Mitte. Szenenwechsel, einige Tage später. Er lud mich zu sich ein, zum Essen. Ein anderer Raum, irgendwo, wie ein Séparée in einem schönen alten, sehr noblen Restaurant. Sehr warmes Licht von kleinen Lampenschirmen. Er saß an einem Tisch und ich sah, dass er sehr gut gekleidet war. Überhaupt wirkte er sehr gepflegt, die immer noch schulterlangen Haare frisch gewaschen, ich erinnere keinen Geruch, auch kein Rasierwasser. Es hatte etwas Feierliches, Aristokratisches, wie er da so saß, in einem sehr dunkelblauen, fast schwarzem Hemd, das eine sehr starke, edle Textur hatte, zwischen Chintz und Rohseide, dazu eine farblich passende Hose, nicht dunkelblau, nicht schwarz, ein geheimnisvoller Farbton dazwischen. Ich weiß nicht, was wir gegessen haben, aber es war sehr gut. Er hatte einen Koch bestellt, der nur für uns kochte und es war erlesen. Auch der Wein, von dem ich noch nie gehört hatte, aber ich vermutete, dass es eine Rebe aus Österreich sein musste. Ich freute mich, dass ich eingeladen war, was mir nicht selbstverständlich erschien, da ich es meistens war, die die Rechnung übernahm (nicht bei ihm, ihn traf ich ja erst das zweite Mal). Ich kriegte an diesem Abend gar nicht mit, wann und wie er den Koch für all das bezahlte, es geschah völlig diskret. Ich mochte das, es war so souverän. Genauso hätte ich es auch gemacht. Genauso war ich es gewohnt. Dass ich das auch einmal von der anderen Seite erleben durfte, war sehr schön. Ich hörte auf irgendeinem Wege später, dass sich die Rechnung für dieses Essen mit dem Wein und allem auf insgesamt 1.885,30 Euro belief. Nicht er hatte es irgendjemandem erzählt, der Koch oder jemand vom Service war so beeindruckt, dass ihm so ein Essen so viel wert sei. Und er es auch bezahlen konnte, ohne Schwierigkeiten. Ich fing nun doch an nachzudenken, ob Edwin, so hieß er, obwohl ich fand, dass Michael oder Stefan besser zu ihm gepasst hätte, vielleicht auch von einem ererbten Vermögen profitiert, über das er mit seiner angeboren aristokratischen Haltung keine Worte verliert. Wie auch immer, ich mochte es. Ich wachte mit dem stark erinnerten Gefühl der vertrauten ersten Berührung meiner Hand um seine Taille, als wir zur Tür gingen, auf. Noch den ganzen Weg zur S-Bahn heute morgen, forschte ich in meinem Gedächtnis, ob ich nicht irgendwen kenne, der ihm richtig ähnelt, aber ich fand nur immer Bruchstücke. Der Körperbau und die Bewegungen wie der junge Helmut Berger, die eher schmalen Augen mit der konzentri
erten Augenpartie des ernsten David Bowie, ein bißchen Verwegenheit, wie Helge (den ich ein wenig kenne, der aber haarscharf nicht Edwin ist) auf diesem Buchcover erscheint. Irgendjemand dazwischen. Und sehr unabhängig. In jeder Hinsicht. Ich suchte sogar in Suchmaschinen und auf facebook nach jemandem mit diesem Namen, der Ähnlichkeit hat. Vielleicht Bildhauer ist. In Berlin? In Berlin gibt es keinen, der so heißt. Irgendwo in Süddeutschland ist ein Holz- und Eisbildhauer, der sogar ganz sympathisch aussieht und gar nicht unattraktiv, aber sein Gesicht ist zu weich, ein viel sentimentalerer Typ. Und auch die falsche Region. Er hatte keine Dialektfärbung. Er hat noch nicht einmal berlinert. Aber wir haben ja auch sehr wenig gesprochen. Ich will diesen Traum festhalten, in Worten, dann entwischen die Bilder nicht so leicht. Vielleicht treffe ich ihn irgendwann einmal wieder. Eines schönen Tages, oder sogar in einer schönen Nacht.




































