10. Oktober 2019

Ich muss allen meine Lieblings-Fernsehdokumentation ans Herz legen, die vierzigteilige Serie „Berlin, Schicksalsjahre einer Stadt“, beginnend mit 1961, endend mit dem Jahr 1999. https://www.rbb-online.de/berlin-schicksalsjahre So schön und bewegend. Es werden jeweils die Highlights aus Ost- und Westberlin eines jeden Jahres chronologisch mit altem Archiv-Material und Zeitzeugen-Interviews mit prominenten und unbekannten Berlinern, liebevoll zusammengeschnitten, gezeigt. Mir geht bei jeder Folge das Herz auf, ich liebe diese Stadt sehr. Wenn ich schreibe ‚diese‘ ist das im Grunde unangemessen distanziert. Meine. Mein Berlin.

Am kommenden Samstag ist das Jahr 1986 dran, für mich besonders aufregend, weil es das Jahr ist, in dem ich nach Berlin zog, am zweiten April. Ich fühlte mich wie neugeboren, mochte sofort alles, so wie man frisch verliebt unbedingt alles an seinem Liebsten gut findet, gut finden will, sich allem hingibt, ohne ein Haar in der Suppe zu suchen. Hat sich bis heute nicht verändert. Ich bin ein sehr treues Wesen. Ich freue mich sogar, den mittlerweile 77-jährigen Eberhard Diepgen in den Folgen über die Achtziger Jahre wiederzusehen, der damals Regierender war. „Ebi“ gehörte zu meinem zu entdeckenden Abenteuerspielplatz wie die Berliner Abendschau. Irgendwie mochte ich ihn, obwohl er in der falschen Partei war. Heute kann ich das ja zugeben. Ich habe damals immer grün gewählt, aber ich konnte schon immer Sympathien für einzelne Politiker von Parteien entwickeln, deren Programm mich insgesamt eher befremdete. Ich mochte zum Beispiel auch Norbert Blüm und Heiner Geißler. Wie auch immer – diese gigantische Doku ist ein wahrer Schatz, den ich nur allen, die Dokumentationen und vor allem Berlin lieben, ans Herz legen kann. Und sie ist komplett mit allen Folgen in der Mediathek vom rbb verfügbar. Meine Empfehlung für herzerwärmende Herbstabende im heimischen Wohnzimmer vor dem Fernseher.

05. Oktober 2019

Lese gerade auf gmx einen Artikel über die „Mittelmeerkost“, die als gesund angepriesen wird, was bestimmt nicht völlig verkehrt ist, folgendes ist dort zu lesen:

„Charakteristisch für die traditionelle Mittelmeerküche sind mediterranes Gemüse wie Tomate, Paprika, Zucchini oder Aubergine, Fisch und Olivenöl sowie Hülsenfrüchte und Obst.“

Ja, o.k. Aber dann lese ich:

„Ergänzt werden die Gerichte durch Vollkorn- und Milchprodukte. Statt ungesundem Salz werden frische Kräuter verwendet.“

Ich kann mich beim besten Willen nicht entsinnen, jemals beim Italiener, Spanier, Griechen oder Portugiesen ein Gericht mit „Vollkorn“ und ohne „ungesundes Salz“ gegessen zu haben. Durch die Bank backen die Mittelmeerländer Weißbrot, auch in Südfrankreich gibt es traditionelles helles Baguette, dann dieses (für mich) sehr langweilige Ciabatta bei den Italienern, wüsste nicht, dass sich das geändert hätte. Von wegen mediterrane Küche ohne Salz, das ist ja der allergrößte Unsinn. Ich esse seit Gedenken immer sehr gut gesalzene (und gepfefferte) Gerichte. Ich gebe sogar beim Kaffeekochen eine Prise Salz hinzu, was auch der eine oder andere „mediterrane“ Kaffeekoch praktiziert, da es sich sehr schön auf das Aroma auswirkt. Mein massiver Salzkonsum hat sich bis jetzt noch nicht nachteilig auf meine Verfassung ausgewirkt, laut der Charité-Studie sind meine Gefäße zehn Jahre jünger als es meinem biologischen Alter entspricht. Wüsste nicht, durch welches Kraut man Salz angemessen ersetzen kann. Ich liebe es mit Kräutern zu kochen, aber hatte noch nie den Eindruck, dass sich Salz geschmacklich durch Zusatz von Basilikum oder dergleichen erübrigt hätte. Also nicht alles glauben, was auf gmx und web.de an Unsinn verbreitet wird!

03. Oktober 2019

Gerade große Rührung und Aufregung in meiner engeren Familie. Ein Stück Familiengeschichte ist verfilmt worden, vom ZDF, vorgestern Erstausstrahlung auf 3Sat. „Der Doppelgänger von Ostberlin“. Der Film handelt von der ungewöhnlichen Flucht des Ostberliners Michael Schneider mit dem Pass eines Dänen. Es gab in den letzten Tagen mehrere Zeitungsartikel zu dieser Doku, im Berliner Fenster in der U-Bahn sah ich heute einen Teaser für diesen Beitrag in der B.Z. dazu.

Radio Eins hat ein Interview mit der Regisseurin gebracht, das kann man hier nachhören. Darin verrät sie auch etwas sehr Persönliches der Beteiligten. Nämlich, dass die unmittelbar Betroffenen, die Eltern und Michael vor den Interviews für die Doku nie mehr über das Thema gesprochen haben. Es hat bestimmt viel aufgewühlt, aber auch viel geheilt.

Das Thema ist natürlich eine Punktlandung zum Tag der deutschen Einheit und zum dreißigsten Jubiläum des Mauerfalls, aber es ist auch eine besondere Geschichte, die ich schon lange kenne, nämlich seit sie passiert ist, seit 1988. Der geflüchtete Michael ist mein Großneffe (obwohl er nur drei Jahre jünger ist als ich), der Enkel der Cousine meines Vaters. Da der Kontakt trotz der Mauer nie abgebrochen ist, und im Rahmen der Möglichkeiten intensiv gepflegt wurde, waren wir immer sehr gut auf dem Laufenden. Man hörte immer wieder Geschichten von Michaels Vater Wolfgang, der bis zu dessen Ausreise Ende der Siebziger mit Manfred Krug im Studio und auf den Bühnen der DDR aber auch international unterwegs war, man traf sich auch privat, und meine Familie hörte permanent von der beständigen Überwachung. Vor allem meine Tante Anna schickte sehr regelmäßig Westpakte zu ihrer Cousine Anna, der Oma von Michael, nach Ostberlin in die Ho-Chi-Minh-Straße (heute Weißenseer Weg), wo sie damals wohnte. Wir bekamen auch Päckchen im Gegenzug, wo dann liebevoll verpackt, Gesticktes und Geschnitztes aus dem Erzgebirge übersendet wurde und feine Karlsbader Oblaten, besonders zu Weihnachten.

Als Michael im März 1988 mit dem abgeluchsten Pass des Dänen rübergemacht hatte, war nichts mehr anderes Gespräch zwischen den Familienangehörigen in Ost und West. Viel konnte auch schon durch unsere familiäre Hauptinformantin, Michaels Oma kommuniziert werden, da sie bereits im Rentenalter war und in den Westen reisen durfte, wo sie dann meine Eltern besuchte. Am Telefon mit ferneren Verwandten andeutungsweise darüber zu sprechen war 1988 dann vermutlich auch schon egal, weil ja eh abgehört wurde und die Familie in Ostberlin sowieso nichts zu verbergen hatte, da gab es keinerlei Fluchtpläne. Sie wussten es wirklich nicht vorher, nur dass Michael immer schon die Welt sehen wollte, von der ihm sein Vater so viel erzählt hatte, wenn er von den Auslandsgastspielen und Jazzfestivals in aller Welt zurück kam.

Als seine Flucht geglückt war, begann er sehr bald sehr viel durch Europa zu reisen und ich erinnere mich an Fotos, die er seiner Familie vor allem aus Südfrankreich geschickt hatte, wo er sich die mondänen Ferienorte der Côte d’Azur einen nach dem anderen anschaute, und überhaupt alles. Auf einem Bild lehnte er an einem glamourösen Auto in Cannes oder Monte Carlo, einem Bentley oder Rolls Royce oder Jaguar, das weiß ich nicht mehr so genau, als wäre es seines. Ein Jahr nach seiner Flucht war ich zu Besuch bei seinen Eltern in Treptow, in der Wohnung, wo auch sein Zimmer bis zur Flucht war. Eine schöne, moderne Neubauwohnung mit einer Durchreiche von der Küche ins Wohnzimmer. Michaels Oma und Mama (die auch im Film zu sehen ist) zeigten mir Ostberlin, vor allem Mitte. Nie hätte ich im Juni 1989 gedacht, dass ich dort selbst einmal leben würde, sogar die bislang längste Spanne meines Lebens an ein- und demselben Ort.

Der Film ist sehr spannend aufgebaut, man zittert direkt mit, wenn die Szene am Grenzübergang Friedrichstr. mit dem falschen Pass minutiös nacherzählt wird, obwohl man doch weiß, dass es gut ausgegangen ist. Dass sich der Däne und Michael nun im Zuge dieser Dreharbeiten das erste mal im Leben begegnet sind, und sich gleich so nah waren, hat mich auch sehr gerührt. Diese Geschichte bringt nicht nur Michael und seine Eltern nach all der Zeit noch einmal zum Weinen, meine Eltern und meine Tante, die Michaels Familie als West-Verwandtschaft am nächsten waren, haben auch feuchte Augen. Diese Doku ist aber nicht nur spannend, wenn man einen familiären Bezug dazu hat, sie vermag wohl jeden mit einem Herz für Freiheit zu bewegen.

Hier noch ein paar Berichte dazu, im Berliner Kurier, im Stern, TV Spielfilm und auch Bild. Der Film ist bis 31.10.19 in der Mediathek von 3Sat, und wird am Sa, 5. Oktober um 19:15 und am 06.10. um 0:45 Uhr auf ZDFinfo ausgestrahlt.

1. Oktober 2019

Ich möchte noch ein paar Souvenirs von meinem Ganzkörper-MRT zeigen. Es wurden nicht alle Körperteile aufgezeichnet, der Schwerpunkt lag im Herzbereich, beim Gehirn, der Wirbelsäule und den inneren Organen. Es sind ein paar ganz schöne Aufnahmen dabei. Die beide ovalen Abbildungen zeigen die stufenweise Annäherung an die Gehirnhälften von oben, je mehr die Magnetwellen die Materie durchdringen, umso mehr wird von den tieferen Schichten zur Ansicht freigegeben. Das ist jetzt laienhaft von mir übersetzt. Ich habe noch viel mehr Bilder von diesen Bereichen auf der CD und die Möglichkeit, diese Durchdringung im Zeitraffer wie einen Film anzuschauen. Die Aufnahme der Wirbelsäule mit den vielen Bandscheiben und dem außerirdisch anmutenden Kopf, kommt wir vor wie eine Figur aus der Requisitenkammer eines Science Fiction Films mit größerem Budget. Die Aufnahme ist natürlich im Liegen gemacht, aber auf der CD ist sie auch senkrecht justiert, wirkt auch beeindruckender. Das, was aussieht wie eine Scheibe von einer französischen Gänseleber-Pastete im Teigmantel mit eingearbeiteten Trüffeln und so weiter sind meine Eingeweide im Querschnitt des unteren Torsos. Die Nieren kann man noch am besten erkennen. Das letzte Bild, ganz unten, mit dieser art déco-haften ornamentalen Anmutung, ist auf dem Weg durch den Brustkorb zum Herzen entstanden. Diese Bilder wollte ich nicht vorenthalten. Das war es jetzt für die nächsten Jahre mit Ansichten meines physischen Innenlebens. Schon alles sehr schön. Aber selbst der beste Magnetom kann nicht zeigen, wen man im Herzen trägt, wer in einer der Herzkammern wohnt oder gewohnt hat, und wieder ausgezogen ist, Spuren hinterlassen hat, Und das ist gut so.

19-09-30 MRT (1)

01. Oktober 2019

1

Groß- und Kleinhirn von Gaga Nielsen. Man könnte denken, ich bin eine Afrikanerin, mit so einer superkurzen Lockenfrisur. Die Haare sind nie drauf, auf den MRT-Bildern. Das Kleinhirn ist die ganz kleine Nuss innerhalb-unterhalb der großen Walnuss. Aufgezeichnet am 30. September 2019, 15:51 Uhr, Magnetom Berlin Ultrahigh Field Facility, Campus Buch. Untersuchung der Charité für eine Langzeitstudie im Auftrag der Bundesregierung. Ich schreibe das lieber jedesmal dazu, damit flüchtige Leser/innen nicht denken, ich hätte eine schlimme Krankheit und müsste deswegen in die Röhre. Ich mache das freiwillig und ehrenamtlich. Ich bin sehr fasziniert von Untersuchungen unter Hinzuziehung aufregender High End-Technologien. Mir gefallen sogar die ganzen Geräusche, die dieser Magnetom macht. An manchen Stellen hört es sich sogar an wie eine Kirchenorgel. Mysteriöse Symphonie aus dem All. Man würde sich auch nicht wundern, wenn man mit dem ganzen Apparat in die Umlaufbahn katapultiert würde.