18. Januar 2020

Aus meinem goldenen Notizbuch XXXVII.

  1. Januar 2020:

„Rosi, Ecke Gips, gegen halbzehn (abends), zwei Männer stehen an der Ecke (ich vorbei, von der U Weinmeisterstr. kommend, in die Gipsstr. biegend). Beide ca. Ende Dreißig bis schätzungsweise Mitte/Ende Vierzig (konnte sie nicht sehen, war schon dunkel, bin ja auch nicht stehen geblieben).

Der eine, kleinere zum anderen (Wortfetzen):

„(…) Selbsthilfegruppe, war zweimal da (…)“

(melodiöser, österreichischer Singsang, womöglich Wiener)

ich die Ohren wg. „Selbsthilfegruppe“ gespitzt)

„(…) Das ist wie eine große Familie“

(klang noch recht freundlich)

„(….) eine Mischung aus Familie und Schützenverein!“

(ich innerlich: oha – – merken!)

Er: „Ich HASSE das!“

Ja ja, die Österreicher. Schlimme Wahrheiten, melodiös verpackt!

07. Januar 2020

Gestern, am 6. Januar 2020 habe ich eine schöne Postkarte aus Portugal bekommen, aus der Hauptstadt Lissabon! Die Karte wurde am 8. Dezember 2019 geschrieben und verschickt. Also war sie dreißig Tage unterwegs. Da ich sehr romantisch bin, stelle ich mir vor, wie die Karte in einem schönen alten, von Hand gewebten Postsack sorgsam von einem feschen berittenen Boten in einer schönen Uniform, abgeholt wurde, der recht bald mit der kostbaren Fracht zum Hafen am Rio Tejo Fluss galoppiert ist.

Dort wurde der Postsack in ein schönes altes Postschiff gepackt, das Kurs auf Mitteleuropa genommen hat. Viele Wochen ging es nun auf hoher See durch winterliche Stürme, man machte Halt in Hafen von Bilbao im Königreich Spanien, wo auch die Vorräte für die Mannschaft mit der einen oder anderen spanischen Spezialität aufgefüllt wurden, nachdem sich die Fässer mit dem guten Madeira-Wein dem Ende neigten.

Von da ging es weiter nach Le Havre im herrlichen Frankreich, wo der Schiffskoch insbesondere die Rotweinvorräte erneuerte, um die nun anstehenden vielen Tausend Seemeilen mit Kurs auf den Hamburger Hafen mit Hilfe von bestem Bordeaux gut zu überstehen.

Nun ward das gute alte Postschiff nach vielen Wochen heil dort angekommen, und an der weihnachtlich geschmücken Hafeneinfahrt wartete bereits ein ebenfalls berittener, holsteinischer Kurier auf einem weißen Schimmel, um mit dem Postsack zum großen, berühmten Postverteilzentrum der alten Hansestadt zu reiten.

Alsbald wurde der große Postsack in aller Ruhe sorgsam ausgeleert und die vielen Liebesbriefe und Postkarten von fleißigen Händen mit einer goldgefassten Lupe begutachtet und sortiert, dabei wurde sich auch Zeit genommen, die vielen interessanten Briefmarken aus aller Herren Länder zu bewundern. Auch die Motive der Postkarten wurden von allen Arbeitern gewürdigt und manch eine liebe Nachricht in einer kleinen Kaffeepause laut vorgelesen und dabei herzlich gelacht oder anerkennend genickt. Die Briefe blieben überwiegend verschlossen, das gebietet der Anstand.

Nun wurden neue, kleinere Postsäcke aus feinstem Leinen bestückt, auf denen geheimnisvolle Zahlen standen. Das waren die Postleitzahlen. Diese waren von großer Wichtigkeit für den Kutscher, der zur Abendstunde mit der gelben Postkutsche mit dem von Hand aufgemalten schwarzen Posthorn, vorfahren würde, um all die kleinen Säcklein aufzuladen.

Der Kutscher trug einen schönen großen Zylinder und einen Frack. Auch hatte er ein warmes Wams aus Schaffell dabei, um den winterlichen Temperaturen zu trotzen, denn die Postkutsche war nicht geheizt. Das Wichtigste für ihn war, dass die kleinen Postsäcklein schön im Trockenen lagen, damit die Tinte auf den Postkarten nicht von Regentropfen verschmiert werden würde. Das war für ihn auch eine Frage der Berufsehre!

Um die vielen Meilen zwischen Hamburg und Berlin gut zu überstehen, und seinem treuen Gespann immer wieder die nötige Ruhepause zu verschaffen, wurden viele Pausen eingelegt, wo die Pferde getränkt und gelobt wurden, und der Kutscher eine kleine Brotzeit einahm.

Auch wurde ein- bis zweimal auf der langen Kutschfahrt Biwak gemacht, bei Ludwigslust und bei Wittenberge, wo es in den einfachen Herbergen und Schänken auch einen guten Tropfen zu verkosten gab und die Wirtstöchter gerne den Geschichten des wenn auch nicht mehr ganz jungen, doch noch lebenslustigen Postkutschers aus dem hohen Norden ein Ohr schenkten und in der anstehenden Silvesternacht auch die kalten Füße wärmten.

Nun ward es also Neujahr geworden und es hieß Abschiednehmen. Die Töchter winkten der Postkutsche noch lange hinterher, bis sie nicht mehr zu sehen war, und träumten fortan bei ihren Handarbeiten von den fernen Städten, von denen der wackere Geselle von der holsteinischen Post am Kaminfeuer so schön erzählt hatte.

Unser Kutscher traf indes bereits im schönen Postdam ein, wo er immer gerne war, und sich gerne mit den königlichen Kutschern im Park von Sans Souci auf ein Schwätzchen bei einem wärmenden Schnaps einfand, bis es weiter ging in die große Hauptstadt.

Die Pferde waren frisch getränkt und in leichtem Galopp näherte sich die Kutsche dem Brandenburger Tor. Da fuhr unser Kutscher besonders gerne durch, es war ein majestätisches Gefühl. Und schon sah er die goldene Kuppel des Berliner Schlosses, nun war es nicht mehr weit, für das kleine Postsäcklein mit der Postleitzahl 10119.

Wir schrieben nun den sechsten Januar des Jahres Zweitausendundzwanzig und ordnungsgemäß lieferte unser treuer Kutscher die Postsäcklein für Berlin im Hauptbezirk von Berlin ab, wo abermals fleißige Hände die Säcklein den bereits wartenden, selbstverständlich ebenfalls berittenen Kurieren in der stolzen preußischen Uniform übergaben.

Der schönste Kurier von allen, ein groß gewachsener, gut gebauter junger Mann hatte die Aufgabe, das Postsäcklein mit der Nummer 10119 zu öffnen und persönlich an den handschriftlich vermerkten Adressen zu übergeben.

So begab es sich, dass am gestrigen sechsten Januar eine Postkarte aus Lissabon mit einem schönen Lichtbild von einem portugiesischen Palast mit blauen Kacheln eingeworfen wurde, die ich in den Abendstunden aus dem Postkasten holte. Sie war wie neu und die Tinte war kein bißchen verschmiert.

Ich bedanke mich aufs Allerherzlichste bei der Absenderin, meiner Freundin Ina, die nun nach langen Reisen durch Europa wieder in ihrer Heimatstadt eingetroffen ist, sowie dem treuen Postkutscher aus Hamburg und der wackeren Mannschaft auf hoher See. Und allen berittenen Kurieren, in Lissabon, in Hamburg und ganz besonders dem feschen Boten aus Berlin!

02. Januar 2020

20-01-02 black lace (2)

Facebook fragt: Was machst du gerade? Gaga antwortet: ich gucke “Der große Gatsby“ auf arte, die Verfilmung von 1974, mit Robert Redford! Jetzt, wo die goldenen Zwanziger begonnen haben, kann man sich Inspiration für die nächsten rauschenden Feste holen. Schöne Kleider, schöne Frisuren, schöner Kopfschmuck. Heute eine schwarze Spitzenmaske erstanden und zur Stirnkrone umfunktioniert. Ich muss ja immer alles customizen. Wird eventuell morgen ausgeführt. Die Spitze unterhalb der Augen wegoperiert, so dass nur die Stirn bedeckt ist. Es soll ja auch bequem sein, und meine Augen stehen nicht so eng zusammen, wie es die Maske vorgibt. Auch sind wir ja nicht in den Goldenen Zwanzigern von Venedig, sondern Berlin. Also bitte. Eventuell fertige ich morgen ein Bild davon an. Zeichnung und Malerei eher nicht, die findet ja schon stundenlang am Gesicht statt, vielleicht ein Lichtbild. Morgen DIVA’s Night (oder so ähnlich).

P.S. aber Mia Farrow als Heulsuse Daisy ist schon etwas nervig bis langweilig…

Aber schöne alte Vokabeln, die man sofort dem Wortschatz einverleiben sollte:

  • Veranda
  • töricht
  • Übersee
  • Dienstpersonal
  • Brief
  • Teuerste
  • Tabak-Importeur
  • mein kleiner goldener Bleistift
  • bitte zieh deine Uniform an
  • und dann sag daß du mich liebst
  • erinnerst du dich noch an jene Nacht, damals?
  • alter Knabe
  • Entschuldigung
  • Was bin ich Ihnen schuldig?
  • Nimm dich doch ein bißchen zusammen!
  • Daisy, ich liebe dich!
  • Ich dachte, du wärst ein Gentleman!
  • Gott sieht alles!

01. Januar 2020

HAPPY NEW YEAR…! Ein schmerzarmes, erhebendes und segensreiches. Allen, die das lesen, mir selbst und dem Erdkreis. Und darüberhinaus. Venus und Mars, Jupiter, Neptun und Uranus. Und Pluto. Und Saturn. Und dem kleinen Merkur. Gestern keine angeklebten Wimpern spazieren geführt, aber getanzt. Mal wieder was Neues ausprobiert, im Humboldthain Club gelandet. Getränkemäßig etwas eingeschränkt, ich bin dann doch eine verwöhnte Prinzessin, wenn es um Schaumwein geht, auf Pils vom Fass umgeschwenkt, immerhin im Angebot. Ganz gute Elektrobeats auf dem oberen Dancefloor, unten mehr so Mainstream Pop, gegen halbdrei gabs eine Showeinlage von Victoria Bacon, feine Dragperformance, das Lokal hat gekocht. Lydia hatte Wunderkerzen dabei, die wir zur Mitternacht im Club abfackelten, waren nur draußen, um in die ruhigere Bar in dem würfelförmigen Bretterverschlag zu wechseln. Also wenig Feuerwerk mitbekommen, aber es knallte schon heftig auf dem Weg dahin. Der Club ist unglaublich nah an der S-Bahn Humboldthain, nur zwei Haltestellen von Oranienburger Str. entfernt. Um halbfünf war ich daheim, noch was gegessen, im Stehen in der Küche. Lange geschlafen, bis nachmittags um zwei. Kein Kater, kein miau! Nun einen dritten Kaffee und dann ins Atelier. Einziger Vorsatz, der mich aber auch das ganze letzte Jahr und noch länger begleitet: virtuos trinken. Immer nur gute Sachen, nicht durcheinander, damit man am nächsten Tag auch wieder Lust darauf hat. In diesem Sinne!