
Vorfreude, langsam stellt sie sich ein. Noch ein bisschen Alltag bis dahin. Gestern früh ist etwas passiert, das mich danach noch beschäftigte. Am Bahnsteig Hackescher Markt fuhr die S-Bahn ein, es waren nicht sehr viele Menschen, die zusteigen wollten. Darunter ein Herr, ca. Mitte oder Ende Sechzig, hochgewachsen, schlank, sehr gepflegt, gut gekleidet. In einer Hand einen Blindenstock. Die S-Bahn-Tür ging auf, er tastete mit dem Stock nach dem Eingang, aber war knapp zwei Meter zu weit rechts. Er stieß mehrmals an die Außenwand der S-Bahn. Ich rief ihm zu „weiter links, zwei Meter weiter links ist die Tür!“. Es waren erfahrungsgemäß nur noch Sekunden, bis sich die Türen schließen würden. Ich ging nah zu ihm und sagte bestimmt: „Fassen Sie mich an!“ Er tastete zögerlich nach meinem Oberarm, fand ihn aber gleich. Ich sagte: „Ich führe Sie! Halten Sie sich an mir fest!“. Geschickt folgte er mir durch die noch offene Tür, die sich sofort schloss.
Puh! Das war knapp! Er bedankte sich mehrmals und die anderen Fahrgäste, die wie angewurzelt dabei gestanden hatten, guckten nun auch ganz erleichtert, dass er es geschafft hatte. Ich sagte zu ihm: ich hoffe, dass sie sonst auch Hilfe bekommen, das sollte ja kein Problem sein, es sind ja meistens genug Fahrgäste auf den Bahnsteigen. Er bestätigte: „Ja, absolut, man bekommt immer Hilfe, muss ich wirklich sagen, danke noch mal.“ Ich: „Ist ja beruhigend.“
Dachte dann darüber nach, ob ich in solchen Situationen einen eingebauten Autopilot-Reflex habe, der willenlos abläuft, den eventuell nicht alle anderen eingebaut haben? Ich habe durchaus kein Helfersyndrom, biete mich nicht ständig für Hilfsarbeiten an, aber es fiel mir auch in der Vergangenheit ab und zu auf (und was mich selbst überraschte), dass ich in bestimmten Situationen, wo es auf zügiges Handeln ankommt, sehr knappe praktische Anweisungen von mir gebe und nicht über Handgriffe nachdenke.
Ich war früher mal Brandschutzhelferin, habe ich gerne gemacht, aber nie eine schlimme Notlage erlebt. Ich musste es wegen einer Entzündung im rechten Ellenbogengelenk aufgeben, weil ich längere Zeit nicht mehr die Kraft hatte, bei Lösch-Übungen alle Löschmittel kräftemäßig zu handhaben, wie zum Beispiel schwerere Feuerlöscher anzuheben und zu entsichern.
Als es vor zwei Jahren darum ging, den Leichnam meiner Mutter aus dem Pflegeheim (das keine Kühlung hatte) abzutransportieren, habe ich innerhalb von Minuten den Transport in die Wege geleitet, obwohl ich kurz vorher nicht die leiseste Ahnung hatte, dass das, so eine konkrete Beauftragung auf mich zukäme. Heutzutage werden neu gebaute Pflegeheime mit Kühlräumen für Verstorbene ausgestattet, aber nicht alle Seniorenheime werden nachgerüstet. Dinge, die man als Laie naiv voraussetzt (zumal nach Corona). Es gibt eine 36-Stundenfrist, innerhalb derer ein Verstorbener nach Todeseintritt in eine Leichenhalle oder Kühlzelle überführt werden muss. Der Countdown lief.
Ich hatte am Sonntag, dem 7. Juli 2024 gegen 18.30 Uhr, anderthalb Stunden nach Todeseintritt, von ihrem Tod erfahren, via Message meines Neffen, und keine Möglichkeit, in telefonischer Rücksprache mit ihm zu klären, welche Schritte nun unsererseits anstünden. ich ging naiv davon aus, dass hier ein Routine-Regelwerk einsetzen würde, eine festgelegte Dramaturgie von Seiten des Pflegeheims, bis der entsprechende zuständige Bestatter hinzukommt und für den Abtransport sorgt. Und bis dahin wäre ein Verstorbener in der Kühlung, dachte ich (dachte mein Neffe auch, wie sich später herausstellte). Ich hatte nach der Todesmitteilung kein Bedürfnis, sofort im Pflegeheim anzurufen, denn tot war sie ja nun schon, Schlimmeres konnte nicht mehr eintreten. Ich versuchte für mich diese existentielle Nachricht zu begreifen, zu erfassen und hielt innere Zwiesprache mit ihr, während ich zugleich in Abständen versuchte, meinen Neffen telefonisch zu erreichen. Es glückte nicht, ich bekam später eine Message mit der Erklärung, dass und warum er gerade nicht telefonieren kann. Ich ging zu Bett und vertagte alles Weitere auf den nächsten Tag.
Am folgenden Montag gegen zehn Uhr erhielt ich einen Anruf von der Seniorenresidenz, in der sie am Abend zuvor gestorben war und wurde informiert, dass die Abholung des Leichnams in nunmehr soundsoviel Stunden erfolgen müsste, sprich noch am selben Tag. Sie hätten bereits vergeblich versucht, meinen Neffen anzurufen, er hatte die Mailbox abgestellt. Die 36-Stunden-Frist wäre zwar „erst“ am Dienstag gegen 5 Uhr morgens abgelaufen, ich hatte und habe absolutes Verständnis, dass man dieses Zeitfenster nicht bis zum Letzten ausreizen wollte, zumal im Hochsommer.
Nach Ende des Telefonats ließ ich alles andere fallen und recherchierte im Eiltempo von Berlin aus übers Internet Bestattungsinstitute in der Region in Süddeutschland, wo sie war. Beim einem Namen der drei Institute, die regional am nächsten waren, klingelte etwas vom Klang her, als hätte mein Vater den Namen einmal fallen lassen.
Dort rief ich, ohne vorher irgendwelche Kosten zu eruieren und ohne Vergleiche anzustellen an, bat nachzusehen, ob die Bestattung meines Vaters durch das Institut gemacht wurde, man fand keine Akten, weil sie gerade alles digitalisiert hatten, aber nur zurückdatiert bis 2022, mein Vater war 2021 verstorben, falls ja, wären die Akten in einem Kellerarchiv.
Ich entschied nun: egal ob das nun der Bestatter des Vertrauens meiner Eltern war – der Transport hat Vorrang, ob das nun das Traditions-Institut war oder nicht, die Antworten wirkten kompetent und ich schilderte kurz, dass es um die Abholung meiner verstorbenen Mutter aus dem Pflegheim ginge, nannte, Ort, Adresse, Namen. Wir beendeten das Gespräch, um später weiter zu sprechen. Nach wenigen Minuten kam der Rückruf, dass der Leichnam in dreißig Minuten abgeholt wird.
Ich war so angetan von der zügigen Vorgehensweise, hatte ein so gutes Gefühl, dass ich dem Institut unverzüglich die gesamte Bestattung übertrug. Ich hatte auf deren Website auch gelesen, dass es das Institut schon Jahrzehnte gab und auf die Schnelle keine schlechten Bewertungen gesehen. Die Entscheidung hatte sich als gut erwiesen. Von diesem Tag an waren wir täglich mehrmals per Mail oder telefonisch im Austausch, ich hatte eine feste Ansprechpartnerin, die immer sofort im Thema war und mich nie abwimmelte. Ich bekam in kürzester Zeit die Papiere für die Freigabe zur Einäscherung etc. als pdf, unterschrieb, scannte, mailte es zurück. Die gesamte Auftragserteilung. Viele Einzelabsprachen zur Vorgehensweise, was zu bedenken ist, zur Sterbeurkunde, zu Gebühren, Auswahl der Urne, Terminfestlegung, über Wochen bis zur Beisetzung.
Aber das ist normal, zumal wenn man genauere Vorstellungen hat, wie es ablaufen soll, wenn es im Rahmen des Möglichen schön sein soll, angemessen, würdevoll. Ich habe jedes Detail selbst ausgewählt. Jede Blume, jedes Musikstück, was die Pastorin berücksichtigen soll, wenn sie spricht. Es war mir ein Liebesdienst. Übrigens hatte sich mein diffuses Gefühl, dass es sich um das Institut handeln könnte, das schon meine Großeltern väterlicherseits bestattet hat, bewahrheitet.
Schon sehr früh, als ich mittendrin war in der Organisation, in Gedanken Rücksprachen nach oben hielt, ob es so recht wäre („Mama?“) empfand ich es als sinnvoll, tröstlich und wichtig, dass ich mich im Alleingang darum kümmere und es nicht auf meinen Neffen abschiebe, verlagere, der räumlich näher dran war, mit ihr immer Kontakt hatte und sich um viele Belange mit dem Pflegeheim gekümmert hatte, wofür ich dankbar war, aber nun war ich dran. Ich sah es als wenn auch traurige, schöne Pflicht, bei deren Erfüllung ich zudem viel lernen würde. Mein durchaus nicht leichtfertiger Neffe war übrigens deshalb vorübergehend telefonisch nicht erreichbar, weil er mitten in für ihn sehr wichtigen Dreharbeiten steckte, die exakt zwischen ihrem Todestag und den Tagen danach terminiert waren.
Jedenfalls war ich auch da wie in einem Autopilot-Modus zugange, beobachte mich zwischendurch beim Luftholen selbst und wunderte mich über mein pragmatisches Verhalten, das erinnere ich noch sehr gut. Und gestern geschah das bei diesem kurzen Vorfall eben auch, als hätte sich ein Schalter umgelegt, obwohl sich eine Migräneattacke angeschlichen hatte und mich bereits in meinen Reflexen verlangsamt hatte. Wenns drauf ankommt, funktioniere ich scheinbar wie ein Schweizer Uhrwerk.


















































































































































































