Anfang letzer Woche, als auch die berühmte re:publica wieder vor der Tür stand, kriegte ich zufällig mit, dass man sich – mit dem Zusatz „TO WHOM IT MAY CONCERN“ unter dem Motto „Steinzeitbloggertreffen“ in einem Lokal treffen wollte. Ich wurde zwar nicht namentlich zum Kommen aufgefordert, aber als ich sah, dass auch Blogger damit angesprochen wurden, die nach mir damit angefangen hatten, und ich einige auch schon einmal in den letzten zehn Jahren getroffen hatte, und Bov dann auch noch twitterte, dass „auch Bronze- und Eiszeitpeople willkommen sind“, hatte ich die Zuversicht, dass es sich um eine für Interessierte offen gehaltene Veranstaltung handeln könnte, wo man nicht das Gefühl haben müsste, sich einer Gruppe von Bloggern aufzudrängen, die lieber unter sich bleiben will. Das hat mir gut gepasst, weil ich gerne Zusammenkünfte mag, wo nicht von vorneherein zementiert ist, wer dabei ist. Ich hatte die Hoffnung, dass vielleicht jemand dabei wäre, den ich lese und noch nie getroffen habe. Auch Neugier auf alte Bekannte spielte eine Rolle, denn es waren schon wieder einige Jahre ins Land gegangen, wo ich den einen oder die andere persönlich getroffen habe. Als ich dann los bin, wusste ich nur sehr grob, dass sicher auf jeden Fall Bov und Ronsens da wären und elfengleich, die ich nicht kannte, nur vom Blognamen, weil die drei sich darum gekümmert hatten, die Einladung zu twittern und auf facebook zu verteilen. Ich habe ja keinen twitter account, aber gerade in der Zeit der re:publica, wo ich auch gedanklich immer mal damit spiele, hier oder da hinzugehen, zu vereinzelten Events vielleicht, wird ja in dem Ausmaß über twitter kommuniziert, wie es früher in den Blogs der Fall war. Meines Wissens gab es kein einziges Blog, in dem von dem Treffen die Rede war, sicher nicht aus Geheimniskrämerei, sondern weil es allen in Fleisch und Blut übergegangen ist, so etwas zu twittern oder über facebook zu verteilen. Ich wollte das auch nicht schreiben, weil ich mir zum einen nicht anmaßen wollte, mich als Nicht-Initiatorin in vielleicht unerwünschte Einladungsgesten zu versteigen, und zum anderen hatte ich den Eindruck, dass diejenigen, für die das relevant war und die außerdem in Berlin waren, ohnehin noch mehr Kontakte und Informationsflow als ich in dieser Hinsicht hatten. Es fand in einem mexikanischen Lokal in der Raumerstraße statt, im Girasol. Da war ich auch noch nie. Ich kam ungefähr um halbneun an, wo im hinteren Raum an einem längeren Tisch schon einige bekannte Gesichter waren. Man ist dann doch froh, wenn zwei, drei Leute da sind, die einen nach Jahren noch erinnern. Bei Wortschnittchen war das einigermaßen sicher gestellt, weil wir uns letztes Jahr bei der re:publica gesehen hatten. Dann konnte ich gegenüber noch Melle erkennen, ich weiß aber nicht, ob er mich erkannt hat. Und Bov erinnerte sich zum Glück noch, was mich beruhigt hat. Wir sind mal 2007 bei einem Bloggertreffen in einem Lokal namens Walden gewesen, an den Namen der Kneipe konnte ich mich gar nicht mehr erinnern, aber Bov wusste es noch genau, und dass ich fotografiert hatte. Dafür erinnerte ich mich an ein sehr heikles Gesprächsthema von damals. Direkt mir gegenüber saß ein – darf man sagen – älterer Mann? Bei dem ich mir eine ganze Weile unsicher war, ob es sich um Don Dahlmann handeln könnte, den ich früher weiß Gott öfter getroffen habe, d. h. ich erinnere mich an seine Mimik und die Stimme usw. Der Mann mir gegenüber hatte schlohweißes Haar und auch so einen Bart wie Don, also wirklich einige Ähnlichkeit, aber als er dann zu sprechen anfing, beschloss ich, dass es jemand anders sein muss. Ich war auch ein bißchen beruhigt, weil er schon sehr viel älter aussah, als was dem ungefähren Alter von Don entsprechen müsste. Rechts von Bov saß ein anderer bärtiger Mann und nach einer ganzen Weile fiel mir ein, dass es sich um Praschl handeln müsste. Er sah für meine Begriffe auch nahezu unverändert aus, ich hatte ihn aber auch damals nie getroffen, kannte ihn nur von wenigen Fotos. Ah, der Praschl! Er hat mir auch bestätigt, dass er es ist, also keine Verwechslung. Links von dem vermeintlichen Don war elfengleich, die die Idee hatte und neben ihr Melle und dann ein Blogger, den ich überhaupt nicht kannte, ein ganz hübscher Blonder und neben ihm – was mich unheimlich gefreut hat – Mequito. Mek! Total unverändert. Und immer noch dieser wunderbare Südtiroler Akzent, nur ganz leicht. Ich war gleich wieder verliebt. Er hatte ein Ringelshirt und ein schwarzes Sakko darüber an und immer noch so schöne lange Wimpern. Weil er so hübsch anzusehen ist, habe ich mich noch viel weniger getraut, ihn zu fotografieren als die anderen. Ich war richtig gehemmt. Ich bin ohnehin schon gehemmt, eine private Gesellschaft mit dem Fotoapparat zu belästigen, denn so könnte man es bei dem weltweiten 24-Stunden overflow von instagram-Geknipse vom Aufstehen bis zum Schlafengehen schon empfinden. Ihm gegenüber saß Casino, Frau Casino, mit der ich vor sechs Jahren und gemeinsam mit Mek einmal einen schönen Abend verbracht habe. Als erstes ist mir eingefallen, dass wir beide derselbe Jahrgang sind und dieses Jahr Fünfzig werden. Mir war, als hätten wir uns erst letzte Woche getroffen, das war auch sehr schön. Manche hatten Essen bestellt, das kam aber alles so nach und nach, Wortschnittchen war noch dabei, ihren Teller leer zu essen, ich habe inzwischen ein Jever bestellt und ein Rumpsteak mit Ofenkartoffeln und Gemüse. Ziemlich gleichzeitig mit meinem Essen kam zu meiner Freude eine weitere Bloggerin, die ich von früher kannte und auch immer noch fleißig lese, Modeste. Sie hatte ein wahnsinnig elegantes graues Kleid an, mit so Viertelärmeln, ja eine Art Etuikleid mit kurzen Ärmeln aus einem ganz edlen Stoff. Sie war schon immer eine der elegantesten Bloggerinnen, da gibt es nichts zu diskutieren. Ihre ebenfalls sehr elegante Handtasche, so eine Art Kelly Bag – oder war es womöglich sogar eine – stellte sie auf einen der Stühle und da fiel mir ein, dass sie eigentlich doch eine Super-Zielgruppe für so einen Handtaschenhalter wäre, wie ich ihn neulich aus reiner Kauflust gekauft habe. Die Königin von England hat auch so ein Ding. Man klemmt den Haken an die Tischplatte, wenn man Essen geht und hängt die Tasche dran. Jetzt muss ich nur noch öfter essen gehen, damit sich das Ding amortisiert. Ich fürchte, ich habe nur so lange ich mein Steak mit dem Berg Kartoffeln verputzt habe, den Mund gehalten. Ein Bier nach dem anderen habe ich mir bestellt, es hat mir wirklich geschmeckt und dann war ich irgendwann so angetrunken, dass ich ohne Punkt und Komma Zeug erzählt habe, ich hoffe, die anderen waren nicht zu genervt, vor allem Wortschnittchen und Modeste mussten eventuell darunter leiden. Es ging von Klatsch und Tratsch über andere Blogger und re:publica-Hype, über Botox, Judy Winter & Peter Zadek, bis Treffen früherer Liebhaber (u. deren Lebensgefährtinnen), Versöhnung, Erbrecht und Testament.


Durch die Trunkenheit ermutigt, habe ich dann doch einmal die Kamera angemacht und irgendwie herumgeknipst, aber doch sehr verhalten. Inzwischen war noch Jens Scholz gekommen, der kam direkt von der re:publica und hatte auch einiges zu erzählen. Er wird auch nicht älter! Überhaupt kann man sagen: Bloggen scheint jung zu halten. Ronsens saß mal hier und mal da und zweimal war er vor meinem Objektiv. Ich habe wirklich gehofft, dass die wenigen Bilder irgendwie historisch interessant sein könnten. Aber man kann sich irren, besonders wenn man im fortgeschrittenen Zustand der Trunkenheit die Fähigkeit überschätzt, die Kamera richtig einzustellen und ruhig zu halten. Nach und nach mussten dann einige wieder aufbrechen, es war ja auch schon nach Mitternacht und der harte Kern wurde auch vom Service-Personal freundlich gebeten, langsam zum Ende zu kommen. Ich habe den Rest bezahlt, was noch offen war, es war mir auch schon wurscht und unter der Laterne vor der Tür haben sich die letzten Mohikaner, Bov und Ronsens und Casino und ich verabschiedet. Frau Casino und ich sind dann noch zu ihr um die Ecke, um den Hund für ein Gassi abzuholen und sie hat mich Richtung Taxi-Stand begleitet und ich habe bestimmt noch mehr unsinniges Zeug geplappert, aber mir ist es lustig vorgekommen. Ich hoffe, ihr auch ein bißchen.

https://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=1811922554


Daheim habe ich dann noch die Bilder von der Kamera geladen und war völlig perplex, dass ich so einen Schrott fotografiert habe. Das sind so ungefähr die schlechtesten, unbrauchbarsten Bilder, die ich in den letzten zehn Jahren fabriziert habe. Ein paar von dem Schrott habe ich aber zum steten Gedenken aufgehoben und in die Strecke genommen, als Mahnmal. Und ein bißchen auch als quasi künstlerisch interpretierbares Dokument materialisierter Trunkenheit. Während ich das schreibe, fällt mir ein, dass es mit Sicherheit der einzige Erlebnisbericht von diesem Bloggertreffen ist. Früher hätten alle ein, zwei Tage danach feinsäuberlich berichtet, dass man sich getroffen hat, und alle Namen schön verlinkt. Aber heute sind die Zeiten nun einmal anders. Nur Ronsens hat einen kleinen Tweet dazu geschrieben: „Steinzeitbloggers are nice bloggers (um nicht zu sagen the nicest)“. Es waren auch noch ein oder zwei andere Blogger/innen da, die ich leider namentlich nicht parat habe, das tut mir leid. Jedenfalls war es wieder einmal schön und interessant, nach längerer Zeit aufeinanderzutreffen. Viele haben wir auch vermisst, aber die hatten auch mitgeteilt, dass sie verhindert waren, es war ja auch eine superkurzfristige Idee, nur zwei Tage vor dem Treffen geboren. Felix zum Beispiel wollte ursprünglich mit seiner Frau Katia kommen, aber er hatte dann wohl Torschlusspanik, weil er seine re:publica-Rede noch überhaupt nicht vorbereitet hatte und deswegen Schularbeiten machen musste. Da hat man natürlich Verständnis. Obwohl er so ein begnadeter Vortragskünstler ist, dass er wahrscheinlich auch bei kompletter Improvisation – aber das ist ein anderes Thema. Wortschnittchen hat etwas dazu geschrieben, warum sie nicht zur re:publica in diesem Jahr gegangen ist. Manches davon kann ich sehr gut verstehen, einiges. Das habe ich ja auch in dem Kommentar darunter geschrieben. Jedenfalls wollte ich meine lieben Leserinnen und Leser irgendwie daran teilhaben lassen, dass wieder einmal so eine Art Mini-Blogmich war und ich auch dabeisein durfte. Es war nicht die Sensationsparty des Jahres, wie man ja auch einfach mal so, dreist, in Blogger-Übertreibungs-Tradition, behaupten könnte, weil ja die Daheimgebliebenen es nicht widerlegen können. Aber mir gehen solche Übertreibungen gegen den Strich, man braucht auch noch ein bißchen Luft nach oben, sonst gehen einem die Superlative aus, wenn sie dann einmal angemessen sind. Aber ein sehr angenehmer Abend mit sehr geistreichen Bloggern war es. Und als solchen wollte ich ihn hiermit einfach festgehalten haben.

2 Antworten auf „13. März 2015

  1. Oh toll, ein Kommentar wie früher!

    Heimchen und Parka Lewis. Mensch. Die Blogs von den anderen hab ich noch alle verfolgt, mehr oder weniger. Aber Praschl erst gestern wieder entdeckt, unter seinem „neuen“(?) antville ‚vague‘. Ich weiß gar nicht mehr, wie das früher hieß, nur dass es so ein Gemeinschaftsblog war – ist ja auch wurscht. Aber Jens war über all die Jahre unermüdlich, wenn auch nicht in der Dichte wie vor zehn Jahren und mehr. Aber das machen wir ja fast alle nicht mehr. Es ist ja auch so vieles erzählt und gesagt. Man schreibt jetzt vielleicht seltener und vielleicht gehaltvoller(?). Abgesehen vom twitter- und fb-Geplapper natürlich. Was da heute rausgehauen wird, war halt früher das Füllmaterial in den Blogs und hat für die Dichte gesorgt. Heutzutage werden Blogeinträge eher kuratiert präsentiert. Wörter-Vernissagen, sozusagen.

  2. Ich glaube, er ahnt nicht im Entferntesten, in welchem Ausmaß dieser ganz leichte Akzent seiner Attraktivität zuträglich ist. Er hat wohl das Ziel, ihn völlig abzutrainieren, weil er, nachdem ich ihm sagte, wie schön es ist, das nach langer Zeit wieder einmal zu hören, irritiert fragte: „Was??? Hört man das immer noch?“. Er ist einfach entzückend. Wobei er das natürlich auch wäre, wenn er ein Urberliner wäre oder ein Wiener oder ein Hamburger. Bei dem Dialekt, den man allerdings – z. B. – in Halle* spricht, wäre ich mir nicht ganz so sicher, ob das förderlich wäre. So wie Mek ist, ist er im Grunde perfekt. Vollendet. Hach. Seine Frau hat wirklich eine gute Wahl getroffen.

    *ich hatte da mal so eine einschlägige Begegnung mit einem deutschen Singer/Songwriter, der live auf der Bühne und seinen Platten völlig akzentfreies Deutsch präsentierte, was sehr attraktiv klang – oder immer noch klingt, aber kaum war er privat, ging es los mit dem Hallenser Zungenschlag (leida gor nischt seksi).

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