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Vierter März 2015, Mittwoch. Peter Lindbergh bei CO. Ich bin hin, weil ich etwas verifizieren wollte. Ob wir auf einer Wellenlänge sind. Das mit dem Signieren war nur ein Vorwand, der mir ganz recht war. Ich hatte nichts zum Signieren, so kaufte ich eines der Bücher, den soeben erschienenen neuen Bildband Images of Women II, 2005 – 2014. Nicht, weil ich ihn unbedingt besitzen wollte, sondern um nicht mit leeren Händen dazustehen, ein einfaches Blatt Papier oder eine Serviette wäre mir zu schäbig gewesen. Und jedes gekaufte Buch ist ja ein unwiderlegbares Kompliment. Er hätte ein bißchen zu tun und währenddessen macht man ein bißchen Konversation. Viele Menschen waren da. Sehr viele. Um nicht zu sagen: sehr, sehr viele. Und das bedeutete: sehr viel Warten. Ich hatte das Buch noch nicht und überlegte, ob mir die kurze Begegnung die Warterei wert wäre, schaute ein bißchen durch die übrigen Bildbände und ließ meinen Blick über das Publikum schweifen. Viele attraktive, eher jüngere Menschen zwischen zwanzig und Mitte dreißig, die oft mehr als ein Buch zum Signieren mitgebracht hatten. Nun war ich schon einmal da und etwas Besseres hatte ich auch nicht vor. Ich kaufte mir das neue Buch und suchte das Ende der Schlange, die sich wie eine Schnecke bis in die Büchernische wand, wo das große Panoramafenster ist, von dem aus man direkt auf den Bahnhof Zoo schauen kann. In derselben Ecke wo ich nun war, stand zufällig Jim Rakete rum und unterhielt sich mit einem älteren Herrn, der etwas Lustiges an sich hatte. Den Mann hatte ich noch nie gesehen, mir fiel seine elegante Kleidung auf und dass er nicht den Eindruck machte, anzustehen. Genauso wenig wie Jim Rakete.




Das wäre ja auch zu lustig gewesen. Ich wurde neugierig und fand, dass ich für die Warterei zumindest eine interessante Ecke erwischt hatte. Der lustige Mann richtete nun die Frage an mich, ob ich wüsste, was der Unterschied zwischen der Bibel und Aldi sei? „Nein“, pariere ich artig, „nämlich?“ Antwort: „In der Bibel steht die Schlange am Anfang.“ „Hm. ja.“ Ich lächelte milde. In der Hand hatte er einen ganz kleinen Bildband von Jim Rakete, wo irgendwas vom Wiener Burgtheater draufstand. Ich weiß leider nicht mehr, was er als nächstes zu mir gesagt hat, jedenfalls merkte man, dass er sich gerne selber reden hört und in keiner Hinsicht ein Blatt vor den Mund nimmt. Wegen des Büchleins ging es auf einmal um Wien und ich war noch ganz im Wien-Erinnerungsrausch, weil ich gerade die Bilder verarbeitet hatte und sagte in etwa – „Burgtheater? Da hat er also auch fotografiert?“ (Seitenblick zu Rakete) und „Hach ja, ich liebe Wien! Darauf er mit schulmeisternd gedehntem, bedrohlichem Unterton: „Hitler hat Wien auch geliebt!“ Ich: „Hm na ja.“ Was soll man dazu sagen. Der kauzige Herr merkt, dass ich nicht ganz so leicht zu amüsieren bin, wie er das sonst scheinbar gewohnt ist und guckt ein wenig irritiert. In dem Moment registriere ich, dass der Direktor von CO auch in die Nische kommt und den Mann und Rakete mit viel Hallo und Handschlag begrüßt, aber ich habe nicht belauscht, was sonst noch geplänkelt wurde. Eine ältere Dame gesellte sich dazu, die sehr starkes Make up trug, was ihr etwas Fellinihaftes verlieh, mir gefiel es. Ein expressionistischer Typ mit dunklen Haaren, lockig, halblang und sehr viel Eyeliner und sehr rotem Lippenstift. Und elegantem Kostüm. Gut und gerne von Chanel. Sie gehörte zu dem Mann, und ab und zu stand sie auch ein bißchen rum und beteiligte sich am Small talk. Also nicht mit mir, aber sie lächelte mich sehr sympathisierend an. Nun kam auch noch Gero von Boehm, den man ja auch schon mal im Fernsehen gesehen hat und von seinen Interviews kennt und es wurde sich abermals mit großem Hallo äußerst familiär begrüßt.

Da war ich ja in einer hochinteressanten Ecke gelandet. Mal gingen sie wieder weg, dann kamen sie wieder, ein Glas Wein in der Hand. Wenn Rakete schon so direkt neben mir stand, konnte ich ihn auch gleich mal fotografieren, dachte ich mir. Man sieht ihn ja öfter mal in Berlin bei derlei Gelegenheiten. Aber er steht nicht immer so schön still. Also habe ich ihm eröffnet, dass ich ihn nun paparazzen würde, nicht dass er sich dann beklagt, ich hätte es nicht angekündigt. So schön mit Riefenstahlscher Untersicht, wie Vivian Maier! Darauf erwähnte er die schöne Rolleiflex von ihr, ich weiß nicht mehr im Detail, was er dazu angemerkt hat, aber ich meinte daraufhin, dass das ja nun auch digital funktioniert, nicht wahr. Ich hatte den Eindruck, dass er noch darüber nachdachte, worauf ich hinauswill, da hatte ich ihn schon fotografiert und ich bin mir nicht sicher, ob er es in dem Moment realisiert hat. In einer Dokumentation vor einigen Jahren über ihn, als es schon üblich war, digital zu arbeiten, pflegte er noch ausdrücklich und ausschließlich analoge Fotografie. Aber ich gehe davon aus, dass das heute anders ist, wenigstens nicht mehr ausschließlich. Ich merkte noch an, dass es schon geschehen sei. Er hat so eine gewisse Art in sich hineinzuschmunzeln, die ihn ziemlich sympathisch wirken lässt. In Zeitlupe ging es vorwärts und ich knipste ein bißchen rundherum, unter anderem den sehr putzigen Hund mit der kranken, mit CO-Klebeband eingewickelten Pfote.


Leute kamen und gingen. Einmal stand Florian Langenscheidt schwer irritiert in der Meute und konnte wohl nicht fassen, dass sich diese von ihm vielleicht erhoffte, vermeintliche Insider-Veranstaltung als Massenattraktion gestaltet. Er schien ein wenig hin- und herzuüberlegen, in seinem wohlfrisierten Lockenkopf, und beschloss dann wohl, dass so eine Warterei nicht seine Sache ist. Ich hörte noch, dass der ältere lustige Mann mit Rakete darüber sprach, wo man anschließend hier noch hingehen könnte, demzufolge kein Einheimischer. Aha. Rakete antwortete, was ich ihm auch als für ihn passend auf den Kopf zugesagt hätte, am besten in die Paris Bar, die ist auch nah, da kann man nichts verkehrt machen. Inzwischen hatte ich mir gedanklich zurechtgelegt, dass es wahrscheinlich irgendeinen gemeinsamen Umtrunk mit Lindbergh und seiner Truppe geben wird, wo die Herren, die sich wahrscheinlich seit Gott-weiß-wann kennen, den Abend ausklingen lassen und ihre alten Anekdoten austauschen.

Ungefähr zwei Stunden später war ich dann endlich innerhalb der Schlange beim Café, wo Lindbergh ganz hinten saß und signierte. Mittlerweile gab es eine Ansage, dass bitte nicht mehr als zwei Sachen zum Signieren vorgelegt werden sollen, sonst werden wir heute nicht mehr fertig! Ich hatte ja nur das eine Buch und dachte aber, als zweites wäre die weiße CO-Tüte auch noch sehr hübsch, mit so einer Lindbergh-Signatur, wenn schon, denn schon. Um es kurz zu machen: ich stellte mich schon psychologisch darauf ein, dass ich ein freundliches Lächeln, Guten Tag und Auf Wiedersehen empfangen werde, und fertig ist die Laube. Die interessant geschminkte Lady ging immer mal wieder an mir mit ihrem Mann an der Schlange vorbei, meistens mit einem frischen Glas Weißwein in der Hand, und erkundigte sich bei mir besorgt, ob ich immer noch nicht dran wäre, was ich sehr warmherzig fand, denn die anderen fragte sie nicht. Bei dem Hin und Her war ich nun schon langsam wirklich neugierig geworden, warum die beiden so einfach mir nichts, dir nichts, an den Ordnern vorbei, hin und herlaufen können und warum sie sich überhaupt so ausdauernd dort aufhalten. So konnte ich mir nicht verkneifen, ihm zu sagen „Ich möchte ja mal zu gerne wissen, was man für einen Namen haben muss, um hier einfach so durchgehen zu können!“ Er: „Phh – ich will ja kein Buch signieren lassen, wie die alle.“ Das war mir nun schon klar, mittlerweile. Auf einmal sehe ich, wie er zehn Meter von mir entfernt von einem Reporter mit Fernsehkamera interviewt wird und ich ärgere mich langsam fast schon, dass ich keine noch so kleine Ahnung habe, wer der komische Kauz mit der kostspielig aussehenden Retro-Brille und dem Einstecktuch ist.

Vielleicht ein Kunstkritiker, den ich nicht kenne? Irgendwer vom Feuilleton? Da weiß man ja auch nicht, wie die aussehen. Auf jeden Fall scheint man sich für seine Meinung zu interessieren. Na toll. Hm. Immerhin sehe ich Lindbergh schon, er sitzt, ganz hinten auf der Bank, es geht nun plötzlich zügig voran. Mir wird mein Buch von einem Assistenten aus der Tüte genommen und mein Name wird ihm mitgeteilt. Die Audienz kann beginnen. Ich hatte ja diesen Kuhfellmantel an, der aber kein echtes Kuhfell ist, sondern so ein Webpelz aus einem Baumwolle- und Viskose-Gemisch. Peter Lindbergh begrüßt mich mit einem Blick, als wäre er gerade aufgewacht und einem sehr freundlichen „Hallo!“ und „Na – was haben wir denn hier? Das ist ja mal ein Mantel, ist das eine Kuh?“


Ich kläre ihn auf, worauf er meint, da hätte ich aber noch mal Glück gehabt. Und dass er mir jetzt etwas in das Buch schreiben würde, wo ich was zum Nachdenken hätte. Aber ich dürfte es erst zuhause durchlesen. Und dann würde ich mir wahrscheinlich denken: „Der blöde Hund!“ Er grinst mich über seine Brillenränder an, auf eine Art, dass man keinen Zweifel haben kann, dass er es faustdick hinter den Ohren hat. Er scheint sich sehr über sich und auch mich zu amüsieren und ermahnt mich noch ein weiteres mal, es erst zuhause zu lesen. Das finde ich blöd und sage „Na toll, möchte ja mal wissen, was da jetzt nun drin steht! Zur Strafe wird jetzt aber noch die Tüte signiert, hier, los! Auf gehts!“ Er signiert die CO-Tüte und ich gucke ihn extra böse dabei an. Er muss lachen und ich sage „Danke“ und „Tschüs“ und drehe mich um. Und als ich schon fast zur Tür raus bin, ruft er mir laut hinterher: „hey – – – ! Ganz toll – ganz toller Mantel, ganz, ganz toll, WIRK-LICH!!!“

Und zwinkert mir ein letztes Mal zu. Das war natürlich keine weltbewegende Konversation, aber im Vergleich zu denen vor mir, war das doch für seine Verhältnisse ein beträchtlicher Palaver und ich hatte Gewissheit, dass es bestimmt sehr lustig und kommunikativ wäre, mit ihm zu arbeiten. So wie ich es mir eigentlich gedacht habe. Nun bin ich ja nicht in der Verlegenheit mit ihm zu arbeiten, aber ich habe verifiziert, dass er in etwa so tickt, wie ich es mir immer schon dachte. Ganz unkompliziert.




Bevor ich die Klinke in die Hand nahm, mit meiner signierten Tüte mit dem Buch, kam ich noch ein letztes mal an dem lustigen Mann vorbei und ich hatte nach den vielen Begegnungen inzwischen das Bedürfnis, mich von ihm zu verabschieden, obwohl ich immer noch nicht wusste, wer er ist. Ich sagte zu ihm. „Sie halten es aber auch ganz schön lange hier aus, obwohl Sie doch gar nichts signiert haben wollen, wie kommt das?“ Er: „ich bin der Herausgeber. Ich habe noch nie irgendwo einen derartigen Andrang für ein Buch gesehen. Das schlägt alles, was ich bis jetzt gesehen habe. Aber ist natürlich erfreulich. Schönen Abend noch! Auf Wiedersehen!“ „Verstehe. Danke, Ihnen auch. „Herausgeber“ ist er also, mal daheim in Ruhe nachschauen, steht ja vielleicht im Buch drin.



Zuhause habe ich dann überhaupt das Buch erst einmal in Ruhe angeschaut – aber vorher schon in der S-Bahn die Widmung gelesen. Er hat mich ein bißchen auf den Arm genommen, der gute Peter Lindbergh, denn es steht nichts drin, was mir Anlass geben würde, ihn als blöden Hund in Erinnerung zu behalten. Im Impressum vom Buch stand dann aber nicht Herausgeber mit Vor- und Nachname, nur der Grafiker, der das Layout gemacht hat und wer die Texte geschrieben hat, u. a. Wim Wenders und Peter Handke. Im Schirmer-Mosel-Verlag erschienen. Ein nicht unbekannter Verlag, von dem wohl so ziemlich jeder den einen oder anderen Bildband im Regal haben dürfte. Ja, wer ist aber denn der Herausgeber? Wenn man also Schirmer und Mosel und Herausgeber googelt, kommen immer nur so Suchergebnisse, wo es um den Verlagsinhaber geht, der Lothar Schirmer heißt. Hm. Grübel, grübel. Mal Bildersuche machen, wie der ausschaut. Manchmal stehe ich ein bißchen auf der Leitung. War jedenfalls trotz der Warterei ein amüsanter Abend. Nichtzuletzt auch wegen Herrn Schirmer, dem lustigen Mann mit der Retrobrille und dem Einstecktuch, und seiner nett mitfühlenden Frau mit dem Lidstrich.





Eine Antwort auf „12. Mai 2015

  1. Vielen Dank für die Blumen. Ich habe früher auch schon mal Wauzis drin gehabt, aber nicht ausführlich genug präsentiert. Zum Beispiel dieses wuschelige Exemplar bei der republica14 paparazzt

    Der sieht dem CO-Wauwau sogar ähnlich, merke ich gerade, weiß wieder nicht wie die Sorte heißt. Irischer Hirtenhund oder so ähnlich. Oder Bobby, den sehr putzigen kleinen Begleiter von Henry d. W., ein Foxterrier, das erkenne sogar ich, ein ganz lieber:

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