[…]

Ich fühle, daß der Geist des Herrn,
Der redet in verschiedenen Zungen,
Hat Völker, Zeiten, nah und fern,
Durchhaucht, durchleuchtet und durchsungen.
Ob etwas herber oder reifer,
Ob etwas reicher oder steifer
Ihr seid Gewächs aus einen Kern
Für meinen Liebeseifer
Mög‘ euch die schmeichelnde Gewöhnung
Befreunden auch mit fremder Tönung,
Daß ihr erkennt: Weltpoesie
Allein ist Weltversöhnung.
Friedrich Rückert

„Kunst ist trotz ihrer Dynamik und der ihren Trägern eigenen Egozentrik immer eine Frieden stiftende Kraft. Wir wissen es, wir haben es gelernt und wir praktizieren aus dieser Kenntnis die befreiende, die heilende Kraft der Kunst. Darum muß aller Wahnsinn Kunst werden, alle Politik und jeder Wille, der sich auf die Verbesserung der Daseinsbedingungen des Menschen richtet, sollte kunstvoll sich manifestieren. Die einzig positive Revolution, die eine Chance hat, permanent den Menschen zu befreien und zu befruchten, ist das Wirken der Künstler. Die Freiheit der Kunst ist der einzige Garant der Freiheit des Menschen; diese Freiheit ist daher auch die erste, die ein Volk gezwungen wird aufzugeben, wenn ein Tyrann kommt, es zu beherrschen.“
Ernst Fuchs 1930 – 2015
12. November 2015
12. November 2015
09. November 2015

In den Morgenstunden hat ein genialer Künstler seiner irdischen Existenz den Rücken zugewandt, aber die Essenz seines Geistes hat die Welt nicht verlassen. Das Geschenk seiner Werke, der Werke von Ernst Fuchs, bleibt unserem Universum erhalten. Ich las von seinem Tod gar nicht in Nachrichtenportalen, wo es aber auch vermerkt wird, es wäre auch eine Schande, wenn nicht, sondern als ich nach Besuch meiner eigenen Seite hier sah, dass eibensang mir eine Nachricht geschrieben hatte. Anlass war, dass er sich bedankte für einen Link zu einem Text, den er, wie ich fand, lesen sollte. Sehr selten schicke ich Freunden Verlinkungen zu Texten, eigentlich nie. Ich schrieb ihm am siebten November:
„Lieber (…) ich las gerade einen derart interessanten, scharf analysierten Text über die Tabuisierung von Pathos als Hitlerfolge und die einhergehende Hofierung von Ironie, dass ich dachte, der Text wäre auch für dich lesenswert. Hier ist er (…).“
Dass ich ausgerechnet ihm diesen Text schickte, ist kein Zufall, da er sich in seinen Texten seit langem auch mit den Folgen des Nazi-Missbrauchs der germanischen Mythologie (sowie auch mit der Verunglimpfung des sehr viel älteren, und an sich sehr schönen Heils-Begriffs) und deren Rehabilitation beschäftigt, nicht nur theoretisch. Das berührt auch unbedingt die Bedeutung von Pathos, worüber Alban Nikolai Herbst so durchdacht schreibt. („Leidenschaftliche Liebe ist ihrer Natur nach pathetisch (…) Auch Trauer schließt Ironie aus. (…) Ein ironischer Orgasmus (…) ist nicht möglich.“). Sein Text ist eingebettet in den Kontext einer persönlichen Betroffenheit als Autor. Um diesen Kontext zu verstehen, sollte man einige Einträge zurückblättern und begreift dann, worauf sich die Eingangsabsätze beziehen. Ich meine aber, dass der verlinkte Text ab dem zweiten Absatz, durchaus auch aus dem Kontext gehoben, einen derart fulminant eigenständigen Wert besitzt, der, wenn es nach mir ginge, in Schul- und Geschichtsbücher gehört. Seine Lektüre ermöglicht zu begreifen, wie sehr wir aufgrund unserer deutschen Geschichte konditioniert wurden und uns selbst weiter konditionieren, im Zweifel der Ironie anstelle der Ergriffenheit den Vorzug zu geben. Eibensang schrieb:
„(…) sei ganz innig bedankt für diesen wirklich hervorragenden Text… Ich antworte so spät, weil ich dieser Tage im Mega-Endspurt einer umfänglichen Schreibarbeit bin, deren Abgabetermin ich schon um Wochen überschritten habe, weshalb es grad arg drückt… Anderes Thema: Soeben hörte ich, dass Ernst Fuchs gestorben ist. Ich bin dir so dankbar, dass du mir sein Werk gezeigt hast… Als wunderschönen Tag hab ich das in Erinnerung, als wir durch diese Villa wandelten… .“
So erfuhr ich heute vom Tod von Ernst Fuchs. Wir besuchten seine Villa in Wien im Mai Zweitausendvierzehn. Ich hatte damals, anlässlich dieser Wien-Reise sehr viel geschrieben und fotografiert. und ganz besonders viel an jenem Tag in der Fuchs-Villa. Ich glaube, es gibt – meines Wissens – (im Netz und überhaupt) keine vergleichbar detaillierte fotografische Dokumentation der Fuchs-Villa von Otto Wagner in Hütteldorf in Wien. Es war ein großes Erlebnis und ich ehrte jeden einzelnen Raum, den wir betreten durften, mit einer eigenen Bildstrecke und eigenem Text. Diese gesammelten Texte und Bilder-Alben der Fuchs-Villa sind hier als Sammlung zusammengefasst. Wer also ein wenig gedenken und flanieren möchte, ist herzlich willkommen. Ernst Fuchs, dieser phantastische und sehr freie Künstler, hat sich die Erlaubnis erteilt, jegliche Ergriffenheit, besonders transzendentale, in seinen Werken zu manifestieren. So ist auch in der Villa in jedem Winkel ein Geist zu spüren, der zu religiöser Hingabe zu den Dingen, besonders auch den irdischen, fähig ist. Der um die Verbundenheit von allem weiß. Den keine Angst vor Pathos beschränkte. Wahres Pathos ist nicht aufgesetzte, peinlich parfümierte Pose, nicht affektiert geschauspielerte Ergriffenheit als kalkuliertes, billiges Mittel der Publikumsmanipulation, sondern nicht mehr und nicht weniger als Manifestation einer tiefen Empfindung. Hier ist das vielleicht letzte Interview mit Ernst Fuchs zu lesen, das der Wiener Kurier mit ihm in der Villa geführt hat. Ein erfülltes Leben hat sich vollendet. Wie man es sich wünscht.
08. November 2015
07. November 2015
Gestern im Postkasten eine Einladung zur Mammographie, ein Serienbrief an weibliche Berlinerinnen zwischen 50 und 60 glaube ich (habe den Brief nicht mehr). Diese Untersuchungsart, wo die weibliche Brust mit Röntgenstrahlen untersucht wird. Ich habe das noch nie machen lassen. Ich war ja vor acht Wochen beim Ganzkörper-MRT. Im Internet las ich heute morgen eine Vielzahl von Berichten, dass MRT-(Magnetresonanztomographie) Screenings zuverlässigere und genauere Ergebnisse liefern als Röntgen-Screenings. Zudem ohne Strahlenbelastung. Aber kostspieliger. Darüber wird verständlicherweise viel diskutiert und sich echauffiert. Ich war dankbar, dass ich durch diesen Zufall der Auswahl für die Nationale Kohorte das Ganzkörper-MRT hatte. Ein MRT nur des Brustbereiches kostet ca. vierhundert Euro. Ganzkörper zwischen 800 Euro bis zu einen vierstelligen Betrag. Ich habe bei der Screening-Stelle angerufen und gebeten, mich für den angedachten Termin zu streichen, wegen des MRTs, das ich gerade hatte. Alle drei Jahre soll das Screening wiederholt werden. Ich werde im fünf-Jahres-Rhythmus von der Charité durchleuchtet. Wenn sich keine Beschwerden in der Zwischenzeit entwickeln, will ich erst wieder in fünf Jahren zu den Untersuchungen gehen. Ich finde das geradezu fahrlässig, dass diese veraltete Röntgen-Diagnostik noch in Betracht gezogen, wird, wenn man weiß, dass es harmlosere diagnostische Techniken gibt, die zudem weniger peinlich und zuverlässiger sind. Manchmal fragt man sich, warum evolutionäre Entwicklungen so zäh von statten gehen. Die Lobby, die interessiert ist, an der alten Röntgen-Technik zu verdienen, könnte ebensogut auf MRT-Technologie umschwenken. Aber das ist wohl das gleiche aufwändige, arbeitsintensive Umbau-Problem, wie der Umstieg von Energiegewinnung durch Kernspaltung auf Solar- oder Windenergie. Ich lebe gerne in dieser Zeit, aber manchmal geht mir das alles zu langsam und ich denke, die Generationen in fünfzig Jahren werden fassungslos den Kopf darüber schütteln, dass wir so lange aus derart unvernünftigen Gründen, trotz Verfügbarkeit unwiderlegbar fortschrittlicherer Methoden, veraltete Technologien hofiert haben. Ich weiß nicht, ob ich an Wiedergeburt glauben kann oder soll. In dieser Hinsicht würde ich es mir wünschen, um all den gelebten Fortschritt in den nächsten Dekaden und Jahrhunderten zu genießen. Ich bin davon sehr überzeugt. Selbst, wenn am Ende der Weltuntergang stehen sollte. Aber die Erde wird nicht am technischen Fortschritt zugrunde gehen, sondern wenn, an der Dummheit oder einer Naturgewalt.
07. November 2015
05. November 2015
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Hatte lange keine Lust, das Haus zu verlassen, meine Wohnung. Bis Ina auf fb kurz fragte, ob wir uns sehen, sie würde sich darüber freuen. Samstag, 30. Oktober 2015. Oder war das Freitag. Ja. Ich glaube ja. Ja, das war Freitag. Ich zog mir etwas Unspektakuläres an. Schwarz von Kopf bis Fuß. Nur den Gürtel aus diesem recycelten Zahnrad und dem zugeschnittenen Fahrradschlauch. Schwarzweißer Mantel. Viertel vor zehn bei Carpentier. Ich sage zu Manfred, ich käme auf ein akademisches Viertelstündchen. Sah Ina gleich im Durchgang mit ihrem alten Verehrer, dem Frauenarzt. Ich solle mir einen Eindruck der Bilder verschaffen, und ihr sagen, was ich davon halte, sie sei gespannt. Ein Teil meiner Antwort lautete „irrelevant“. Ich ging noch ein bißchen ins Detail. Das war mir alles zu tot, ausdruckslos. Inflationäre Spielerei mit analogen Effekten, Doppelbelichtungen, dekorative Schleier und Muster über und hinter Frauengesichtern, Close ups, aber trotzdem keine spürbare Nähe. Null. Am Reißbrett entwickelt und abgearbeitet. Nach tatsächlich nur einer Viertelstunde fragte Jan im Vorbeigehen, ob ich mit ihm und Ina mitkommen würde, sie wollten etwas essen, bei einem Thailänder. Ich mag thailändisches Essen. Und die Gesellschaft der beiden. Lieber als Herumstehen und trinken und feststellen, dass kein Wunder geschieht, was das Publikum angeht. Um diese spätere Zeit finden sich keine neuen Gäste mehr ein, sehr selten. Wir gingen zur Kantstraße, ein neueres Lokal, so zwischen Savignyplatz und Fasanenstr. Alles war irgendwie grün. Schilfgrün, lindgrün. Die loungeartig eingebauten, grün gepolsterten Sitzbänke. Stylish. Nur das thailändische Paar, das das Lokal betreibt war noch da. Auf der Tageskarte stand ganz oben „Grünes Curry“. Warum nicht. Ina und Jan nahmen zwei unterschiedliche andere Gerichte. Wir waren die einzigen und auch die letzten Gäste, die bewirtet wurden. Das Essen kam sehr schnell und auch unsere Biere. Alles sehr gepflegt, sehr schönes Geschirr, in dem die Speisen serviert wurden, frei von jeder Folklore, formschön, weißes Porzellan in besonderen Formen, sehr schwungvoll aber doch schlicht gehalten. Mein Essen sah aus wie ein Haufen Salat mit ein bißchen Reis auf der Seite, ich war etwas enttäuscht. Ich dachte, da wäre Huhn drin und alles mögliche an Gemüse. Als ich zu essen begann, war ich mit jedem Bissen überraschter. Unter dem vermeintlichen Salathaufen waren so viele köstliche Stücke, auch Huhn und Gemüse in einer wunderbar schmeckenden sahnigen Soße, wahrscheinlich mit Kokosmilch. Es war ein einziger Genuß. Wir unterhielten uns beim Essen und unterbrachen uns zum Teil.

Jan sagte einmal, er fände es gut, wenn Ina und ich uns unterhielten, er würde das sehr interessant finden, was wir uns zu erzählen hätten. Dann erzählten wir und er hatte auch eine Anmerkung und kam ins Plaudern und wollte nicht unterbrochen werden. Ich fand es beinah komisch, weil er uns erst aufgefordert hatte, dass wir uns miteinander unterhalten sollten, Ina und ich, und als wir seinen Redefluss mit Anmerkungen und Einlassungen unterbrachen, wurde er ein bißchen zickig. Eigentlich fand ich es lustig, dass jeder so furchtbar dringend etwas erzählen wollte. Und tatsächlich fanden wir auch alle alles mehr oder weniger interessant genug. Es hat sich dann justiert. Jan erzählte, dass er Ai Weiwei treffen wird, weil eine Freundin, die Maskenbildnerin ist, ihn zu einer Aufzeichnung mitnimmt, wo sie ihn schminken muss, vor allem abpudern. Die thailändischen Gastgeber warfen uns freundlich raus, es war schon spät, sie wollten ihren Feierabend, sicher mehr als wohlverdient. Wir gingen ein paar Häuser weiter, nach rechts, zur Paris Bar, wo wir einen kleinen Tisch fanden und noch ein bißchen weitertranken. Angejahrtes Publikum. Ein bißchen unsexy, zu gesettelt, zu satt. Auf eine hochkultivierte Art ein bißchen spießig. Da fehlt die Schaufel Dreck. Aber immer wieder schön, die vielen Bilder an den Wänden. Ich erzählte Ina, dass ich an Silvester, das ich sonst nicht auswärts begehe, im Radialsystem sein werde, bei den Neubauten. Eine eher unkarnevaleske Art zu feiern. Nicht so hysterisch, nehme ich an. Ina fand es interessant und ich versprach ihr, noch in der Nacht ein Ticket für sie zu ordern. Was ich auch tat. Hat doch gut getan, sich aufzurappeln, vor die Tür zu gehen, am dreißigsten Oktober 2015

01. November 2015
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1. 18.08.2007, Hamburg. 2. 19.07.2008, Berlin. 3. 19.03.2009, Berlin. 4. 28.10.2015, Berlin. Statistisch treffen sich kid37 und Gaga Nielsen alle zwei Jahre. 75 Prozent der Treffen finden in Berlin statt. Hundert Prozent der Treffen in Berlin finden im Bezirk Mitte statt. 66,66 Prozent der Treffen in der Auguststraße im Lokal Ruz. 33,33 Prozent der Begegnungen in Berlin finden in der Leipziger Straße, im Museum für Kommunikation statt. 25 Prozent aller Treffen finden am Geburtstag von kid37 statt. 60 Prozent der Treffen in Hamburg finden auf dem Friedhof in Ohlsdorf statt. 10 Prozent der Treffen in Hamburg finden an den Landungsbrücken statt, die übrigen 30 Prozent auf Sankt Pauli. Davon entfallen ca. 17 Prozent auf ein portugiesisches Restaurant und 13 Prozent auf das Rotlichtmilieu, die Reeperbahn. Die Gespräche drehen sich zu 100 Prozent um perspolitische Befindlichkeiten. Wir sind ja Befindlichkeitsblogger. Auch Kultur spielt mitunter eine Rolle, aber das fließt so organisch ein, denn wir sind ja beide sehr kultiviert. Der Gesprächsanteil, der sich um andere Blogger innerhalb des Befindlichkeitsaustausches dreht, ist um einige Prozentpunkte gesunken, ich will mich da jetzt aber nicht auf eine Zahl festlegen.











Bei unserer ersten Begegnung in Hamburg war der noch sehr viel höher. Obwohl die statistische Verteilung des zweijährigen Intervalls der Begegnungen nicht der Realität entspricht, da sich zwischen 2007 und 2009 ein jährlicher Rhythmus ergab, und die letzten fünf bis sechs Jahre keine Begegnung (außer im Internet), war unser Treffen nicht befremdlich. Jedenfalls nicht für mich. Das Fremdeln hat ungefähr 3 Minuten und 37 Sekunden gedauert, dann war es verschwunden. Ich habe mich sehr gefreut. Das nächste mal treffen wir uns bestimmt wieder in Berlin, weil ich kein richtiges Reisefieber habe und noch dabei bin zu begreifen, dass meine Wohnung voraussichtlich immer noch für mich da ist, wenn ich Berlin einmal für ein paar Tage verlassen sollte. Ich arbeite noch an diesem Besichtigungstrauma. Kid37 arbeitet dagegen an seinem Berlintrauma und ist da schon ganz gut vorangekommen. Ich habe mich sogar getraut, ihm ein Proviantpäckchen mitzugeben, das ich in einen schwarzen Einkaufsbeutel aus Stoff mit dem Aufdruck C/O BERLIN gepackt habe. Der Beutel ist sicherheitshalber so gestaltet, dass man ihn auch mit der Beschriftung zur Körperseite tragen kann, dann sieht man von außen nur den schwarzen Stoff. Wenn man selber schwarz angezogen ist, was bei kid37 zu ungefähr 97,37 Prozent wahrscheinlich ist, wird der Beutel geradezu unsichtbar. Der Beutel war mein offizielles Geburtstagsgeschenk. Ich habe auch so einen.







Um ehrlich zu sein, sogar drei. Er hat schöne lange Henkel, man kann den Einkauf über der Schulter tragen, sehr praktisch. Ich bin ja immer für praktische Geschenke. Ich habe kid37 erlaubt, dass er auch einen Blogeintrag schreiben kann – Unsinn – ich meine, ich habe ihm ausdrücklich erlaubt, dass er Fotos von unserem Treffen posten darf, ganz nach Belieben, und dass es mich freuen würde, wenn er einen Eintrag posten würde, weil er ja nicht so oft postet, in den letzten Monaten. Außerdem hat er noch nie über ein Treffen mit mir gebloggt. Über hundert Prozent unserer Treffen hat er nichts geschrieben, als hätten wir etwas zu verheimlichen! Weiß er da eventuell mehr als ich? Ich habe jedenfalls nichts zu verheimlichen und zeige alle Fotos her. Vier in der Reihe sind von ihm, also von den gemeinsamen Selbstportraits. Die wollte er erst nicht herausrücken, aber ich habe ihn mit dem Versprechen überredet, dass ich das so zurechtschnippeln kann, dass es passt.


Oder findet irgendjemand, dass hier Fotos zu sehen sind, die nicht passen oder die man lieber hätte wegschmeißen sollen? Ich finde nicht. Falls doch, bitte fundiert begründen. Ich freue mich immer noch über den Besuch von kid37 und über alle Bilder. Und meine Leser/innen bestimmt auch. Es gibt heutzutage viel zu wenige Berichte über Treffen von befreundeten Bloggern mit Bildmaterial. Ich werde das weiter kultivieren. Bei fünfzig Prozent unserer Treffen habe ich gar keine Portraitfotos von ihm gemacht, ich war zu schüchtern das eine mal, und das andere Mal hat es sich nicht ergeben. Somit sind hundert Prozent aller Fotos, auf denen er zu sehen ist, im Ruz und in der Auguststraße entstanden. Und zwar bei denkbar schwierigen Lichtverhältnissen, es war immer schummrig oder dunkel. Und wenn man das noch berücksichtigt, sind die Bilder doch wirklich mehr als in Ordnung. Das nächste mal wünsche ich mir eine andere Location für unser Shooting, man muss auch mal für Experimente offen sein. Ich könnte mir auch vorstellen, dass man sich mal in Westberlin trifft. No Risk, no Fun.

01. November 2015
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1. 18.08.2007, Hamburg. 2. 19.07.2008, Berlin. 3. 19.03.2009, Berlin. 4. 28.10.2015, Berlin. Statistisch treffen sich kid37 und Gaga Nielsen alle zwei Jahre. 75 Prozent der Treffen finden in Berlin statt. Hundert Prozent der Treffen in Berlin finden im Bezirk Mitte statt. 66,66 Prozent der Treffen in der Auguststraße im Lokal Ruz. 33,33 Prozent der Begegnungen in Berlin finden in der Leipziger Straße, im Museum für Kommunikation statt. 25 Prozent aller Treffen finden am Geburtstag von kid37 statt. 60 Prozent der Treffen in Hamburg finden auf dem Friedhof in Ohlsdorf statt. 10 Prozent der Treffen in Hamburg finden an den Landungsbrücken statt, die übrigen 30 Prozent auf Sankt Pauli. Davon entfallen ca. 17 Prozent auf ein portugiesisches Restaurant und 13 Prozent auf das Rotlichtmilieu, die Reeperbahn. Die Gespräche drehen sich zu 100 Prozent um perspolitische Befindlichkeiten. Wir sind ja Befindlichkeitsblogger. Auch Kultur spielt mitunter eine Rolle, aber das fließt so organisch ein, denn wir sind ja beide sehr kultiviert. Der Gesprächsanteil, der sich um andere Blogger innerhalb des Befindlichkeitsaustausches dreht, ist um einige Prozentpunkte gesunken, ich will mich da jetzt aber nicht auf eine Zahl festlegen.











Bei unserer ersten Begegnung in Hamburg war der noch sehr viel höher. Obwohl die statistische Verteilung des zweijährigen Intervalls der Begegnungen nicht der Realität entspricht, da sich zwischen 2007 und 2009 ein jährlicher Rhythmus ergab, und die letzten fünf bis sechs Jahre keine Begegnung (außer im Internet), war unser Treffen nicht befremdlich. Jedenfalls nicht für mich. Das Fremdeln hat ungefähr 3 Minuten und 37 Sekunden gedauert, dann war es verschwunden. Ich habe mich sehr gefreut. Das nächste mal treffen wir uns bestimmt wieder in Berlin, weil ich kein richtiges Reisefieber habe und noch dabei bin zu begreifen, dass meine Wohnung voraussichtlich immer noch für mich da ist, wenn ich Berlin einmal für ein paar Tage verlassen sollte. Ich arbeite noch an diesem Besichtigungstrauma. Kid37 arbeitet dagegen an seinem Berlintrauma und ist da schon ganz gut vorangekommen. Ich habe mich sogar getraut, ihm ein Proviantpäckchen mitzugeben, das ich in einen schwarzen Einkaufsbeutel aus Stoff mit dem Aufdruck C/O BERLIN gepackt habe. Der Beutel ist sicherheitshalber so gestaltet, dass man ihn auch mit der Beschriftung zur Körperseite tragen kann, dann sieht man von außen nur den schwarzen Stoff. Wenn man selber schwarz angezogen ist, was bei kid37 zu ungefähr 97,37 Prozent wahrscheinlich ist, wird der Beutel geradezu unsichtbar. Der Beutel war mein offizielles Geburtstagsgeschenk. Ich habe auch so einen.







Um ehrlich zu sein, sogar drei. Er hat schöne lange Henkel, man kann den Einkauf über der Schulter tragen, sehr praktisch. Ich bin ja immer für praktische Geschenke. Ich habe kid37 erlaubt, dass er auch einen Blogeintrag schreiben kann – Unsinn – ich meine, ich habe ihm ausdrücklich erlaubt, dass er Fotos von unserem Treffen posten darf, ganz nach Belieben, und dass es mich freuen würde, wenn er einen Eintrag posten würde, weil er ja nicht so oft postet, in den letzten Monaten. Außerdem hat er noch nie über ein Treffen mit mir gebloggt. Über hundert Prozent unserer Treffen hat er nichts geschrieben, als hätten wir etwas zu verheimlichen! Weiß er da eventuell mehr als ich? Ich habe jedenfalls nichts zu verheimlichen und zeige alle Fotos her. Vier in der Reihe sind von ihm, also von den gemeinsamen Selbstportraits. Die wollte er erst nicht herausrücken, aber ich habe ihn mit dem Versprechen überredet, dass ich das so zurechtschnippeln kann, dass es passt.


Oder findet irgendjemand, dass hier Fotos zu sehen sind, die nicht passen oder die man lieber hätte wegschmeißen sollen? Ich finde nicht. Falls doch, bitte fundiert begründen. Ich freue mich immer noch über den Besuch von kid37 und über alle Bilder. Und meine Leser/innen bestimmt auch. Es gibt heutzutage viel zu wenige Berichte über Treffen von befreundeten Bloggern mit Bildmaterial. Ich werde das weiter kultivieren. Bei fünfzig Prozent unserer Treffen habe ich gar keine Portraitfotos von ihm gemacht, ich war zu schüchtern das eine mal, und das andere Mal hat es sich nicht ergeben. Somit sind hundert Prozent aller Fotos, auf denen er zu sehen ist, im Ruz und in der Auguststraße entstanden. Und zwar bei denkbar schwierigen Lichtverhältnissen, es war immer schummrig oder dunkel. Und wenn man das noch berücksichtigt, sind die Bilder doch wirklich mehr als in Ordnung. Das nächste mal wünsche ich mir eine andere Location für unser Shooting, man muss auch mal für Experimente offen sein. Ich könnte mir auch vorstellen, dass man sich mal in Westberlin trifft. No Risk, no Fun.

27. Oktober 2015
Vielleicht steckt in mir doch eine Medizinerin. Ich meine nicht Heilpraktikerin, sondern: Chefärztin. Leitende Position in der Berlin Ultrahigh Field Facility. B.U.F.F. Schon alleine die Abkürzung. Passt auch in eine der Sprechblasen im Inneren. An den Wänden des Kubus, auf allen Stockwerken, befinden sich riesige Cartoons, in der Tradition von Clark Kent. Alleine wegen dieses Comic Strips hat es sich gelohnt, sich als Probandin für eine Ganzkörper-Magnetresonanz-Tomographie der NaKo zur Verfügung zu stellen.
Aber eins nach dem andern, zum rekapitulieren. Die NaKo („Nationale Kohorte“) hatte mich und noch 9.999 andere Berliner/innen per Zufallsgenerator ausgewählt, um in einer Langzeitstudie, die vom Bundesgesundheitsministerium in Auftrag gegeben wurde, über einen Zeitraum von dreissig Jahren (oder auch länger) in vier-Jahres-Abständen mit allen erdenklichen modernen Technologien und Tests und Befragungen, die körperliche und psychische Verfassung, Gesundheit und Leistungsfähigkeit zu dokumentieren, zu untersuchen, und anhand der Datenfülle Rückschlüsse auf mögliche Ursachen von Volkskrankheiten oder eben Volksgesundheiten abzuleiten. Man hat mich zunächst Ende August sechs Stunden lang in der Charité einer Reihe von Tests unterzogen, alle möglichen Flüssigkeiten abgezapft, ich musste Denkspielchen machen, Gedächtnis- und Belastungstests, noch dazu an einem sehr heißen Hochsommertag in unklimatisierten Räumen. Und drei Tage später hatte ich einen Termin für ein Ganzkörper-MRT, das zweitausend der zehntausend Berliner bekommen, sogenannte Level-2-Probanden. Es kämen nicht alle zehntausend in Frage, da man diese Untersuchung nicht jedem zumuten kann. Man wurde befragt, ob man sich in der Lage sieht, eine ganze Stunde lang komplett regungslos in einer Liegeposition zu verharren. Da keine Stimmungsaufheller oder andere Psychopharmaka bei dieser Studie in Frage kommen, schieden Probanden mit Platzangst von vorneherein aus. Ebenso Personen mit Tätowierungen (wegen des unwägbaren Metallanteils in den Farbpigmenten), Piercings und metallhaltigen Prothesen. Außerdem war Glitzer-Make up ausdrücklich untersagt. Letzeres hätte in meinem Fall der einzige Hinderungsgrund sein können, aber ich dachte, es ist schon einmal machbar, im Dienste der Forschung für ein bis drei Stunden auf das übliche Glitzer-Make up zu verzichten. Selbst auf die Gefahr hin, dass mich keiner mehr auf den Fotos erkennt. Ich hatte natürlich geplant, ausführlichst zu fotografieren. Leider enthält meine Kamera aber Metall-Elemente und musste deswegen in der Umzieh-Kabine bleiben. Ich konnte den Kubus auch nicht so ohne weiteres durch eine offene Tür betreten. Überall waren Warnschilder, auf einem stand gefährlich MAGNETOM! Es war schon ein bißchen Science Fiction-mäßig.
Aber genau das hatte ich mir ja insgeheim erhofft. Ich hege aus einer Art allgemeiner Neugier Sympathie für futuristische Apparate und Hochtechnologie, die uns ja letzen Endes auch ermöglicht, hier im Internet herumzugurken. Ich klingelte an einer Metall-Säule bei „Nationale Kohorte“ und eine Stimme meldete sich. Ich gab an, dass ich einen Termin als Level-2-Probandin habe, um 15:30 Uhr. Die weibliche Stimme sagte, ich werde abgeholt. Eine Assistentin kam aus dem Kubus und bat mich durch den Eingang, ihr zu folgen. Ich sah im Treppenaufgang als erstes den schwebenden Clark Kent und war schon sehr fasziniert. Wir fuhren ins Obergeschoss des Würfels und ich wurde ungefähr eine halbe Stunde lang aufgeklärt, was mit mir gemacht wird, und zu Erkrankungen und Operationen und Metallteilen und Tattoos befragt. Ich wiederum fragte nach Stimmungsaufhellern und dem Musikprogramm. Der Mitarbeiter war sehr amüsiert und eröffnete mir, dass er mich nach Hause schicken müsste, wenn ich der Meinung sei, ich bräuchte für diese Untersuchung im Dienste der Forschung Stimmungsaufheller, weil ich sonst unter Angstzuständen litte. Wenn dem so sei, käme ich nicht in Frage. Da ich aber offensichtlich gar nicht vorgab, ernsthafte Ängste zu haben, gab es keinen Grund für mich, das zu behaupten. Ich war ja auch viel zu neugierig auf den Apparat. Es entspann sich noch eine Diskussion darum, ob ich nicht doch ein kleines Foto machen könnte, von dem beeindruckenden Gerät, in dem ich verschwinden würde, bevor es losginge. Für mein Blog hier, ich hätte es doch meinen Lesern versprochen etc. pp. und wie stünde ich nun da, wenn ich mit leeren Händen zurückkäme, meine Glaubwürdigkeit wäre dahin. Aber er blieb knallhart. Im Übrigen hatte er zwei Piercings am Ohr. Ich wurde stutzig. Wird hier etwa mit zweierlei Maß gemessen? Angeblich keine Metallteile beim Magnetom und er darf doch so hinein? Das wären Aluminium-Piercings klärte er mich auf, Aluminium wäre kein Problem. Also ich kam nicht weiter in der Fotosache. Nun gut. Ich wurde mit einer weißen Kluft und weißen Schlappen in die Umziehkabine entlassen. Dort habe ich (allerdings erst danach) ein paar Fotos gemacht. Man sieht nur eine weiße Zelle mit einem Spiegel. In dem weißen Anzug sah ich eigentlich aus wie die Chefärztin, also auf jeden Fall professioneller als die Mitarbeiter der B.U.F.F, die nicht einmal weiß gekleidet waren. Ich sagte zu dem jungen Mann, der die Untersuchung steuern würde: „Ich finde, ich sehe aus, als würde ich hier arbeiten oder?“ Er meinte in etwa „Ja, absolut, soll ich Frau Doktor sagen?“.
„Ja, gerne!“. Aber die ganzen Witzeleien nützten nichts. Ich fragte noch mal, ob ich nicht doch vielleicht ein Foto, nur so durch die offene Tür…? „Nein. Müssen Sie dann eben Ihren Lesern beschreiben!“ Ich bekam Ohrstöpsel und einen Kopfhörer. Aber nicht für Musikberieselung, sondern für das Empfangen von Befehlen, die man mir geben würde. Atembefehle, um genau zu sein. Wenn Musik laufen würde, könnte ich die Kommandos überhören, daher, nicht wahr. Ich rechnete mit dem schlimmsten Krawall, denn meine Leser hatten mich ja bereits vorgewarnt und ich hatte zur Vorbereitung auch schon nervige youtube-Videos angeschaut und vor allem angehört. Fürchterliches Gehämmer und Gefiepe, ohne Unterlass. Damit rechnete ich nun. Aber es kam doch sehr viel anders. meine Gliedmaßen wurden noch einmal in Position gerückt, ich lag flach auf dem Rücken, unter den Kniekehlen waren Polster zur Positionierung. Dann wurden an der Brust und am Kopf irgendwelche Drähte und Sensoren angelegt und zuguterletzt so eine Art Gitterhelm über meinen Kopf gelegt. Das war schon recht Doktor-Frankenstein-mäßig futuristisch. Ab und zu hat es schon mal gesummt. Man teilte mir mit, dass ich die Augen schließen könnte oder auch sollte und dann wieder konnte ich es halten, wie ich wollte. Ich wurde rückwärts komplett in die Röhre gefahren und hatte die Augen mal so ein bißchen blinzelnd auf, als ich gerade wieder durfte, und sah ein Farbenspiel über mir in allen Spektralfarben, eine ganze Weile war es so rosa-pink, sehr hübsch. Wie man sich das bei Farbtherapie-Bestrahlung vorstellt. Dann sollte ich die Augen wieder schließen und die ersten Scan-Geräusche fingen an. Es waren ganz viele unterschiedliche Töne und die ersten fünf Minuten gab es noch keine Atemkommandos. Ich hatte weder Angst noch Beklemmungen, rechnete allerdings dauernd damit, dass noch ganz schlimmes Hämmern oder dergleichen käme, das war aber nur manchmal vereinzelt der Fall. Es gab ziemlich viele Pausen zwischen den Tönen, manchmal über einen Zeitraum von bis zu zehn, fünfzehn Sekunden überhaupt keine Geräusche. Es war also gut auszuhalten. Die Liegeposition war auch o.k. Noch. Dann begannen die Kommandos von einer Frauenstimme über Kopfhörer, ich wurde aufgefordert, einen möglichst langen, tiefen Atemzug zu nehmen, dann wieder möglichst lange auszuatmen, dann die Luft anzuhalten. Und so weiter und so fort. Dann wieder umgekehrt. Dann war wieder ein paar Minuten das Scan-Geräusch, dann wieder Kommandos. Der Rhythmus war recht unberechenbar, man wusste nicht, wann das nächste Kommando-Intervall kommt und wieviele. Also konnte ich nicht einfach wegdämmern und ein Nickerchen machen. Die Geräusche waren weiterhin sehr erträglich, überwiegend ganz leichtes Tackern und Summen, aber nichts, was so unangenehm gewesen wäre, wie ein Presslufthammergeräusch oder quietschende Tafel-Kreide oder eine Alarm-Sirene. Die Auto-Alarmanlagen, die manchmal bei mir mitten in der Nacht in der Nachbarschaft zu tröten anfangen, sind weitaus unangenehmer, als die Geräuschpalette von diesem MRT-Apparat. Aber da gibt es sicher auch Unterschiede. Ich war ja immerhin in der BERLIN ULTRAHIGH FIELD FACILITY! Mich beeindruckt der Name so dermaßen, ich kann ihn gar nicht oft genug tippen. Nach ungefähr einer halben Stunde sagte mir der Untersuchungsleiter über Kopfhörer, dass ich jetzt die Hälfte überstanden hätte und es sähe schon alles sehr gut aus, wir kämen gut voran! Von da an zählte ich schon ein bißchen die Minuten, aber ich musste weiter aufmerksam mitarbeiten. Es war schon auch Arbeit. Aber so in den letzten zwanzig Minuten war ich noch einmal besonders gefordert. Mir schlief nämlich mein linker Fuß, besonders im Bereich der Zehen ein, es bizzelte schon so komisch, wie kleine Stecknadeln, der Fuß wollte Bewegung, nur ein bißchen rotieren, nur ein ganz kleines bißchen. Aber ich durfte ja nicht. Dann hätte unterbrochen werden müssen, und an einer bestimmten Stelle wieder von vorne und dann hätte alles womöglich noch eine halbe Stunde länger gedauert. Ich wollte es nur zu Ende bringen und versuchte mit meinem Fuß und dem dort befindlichen Blutkreislauf zu kommunizieren. Nun gab auch ich Kommandos. Natürlich ohne Worte. Ich befahl meinen fünf Zehen und dem vorderen Fußballen bitte noch durchzuhalten, es wäre ja nun bald vorbei und dann könnten sie sich bewegen, wie nie zuvor in ihrem ganzen Leben. Ich versuchte innerlich eine Art Bewegung im Fuß zu simulieren, indem ich partielle Muskelanspannung in den Zehen betrieb und gleichzeitig Bewegung vermied. Ein Kraftakt. Unglaublich. Ich versuchte dann wieder an etwas ganz anderes zu denken. Schöne Erlebnisse aus der Vergangenheit. Aber dann gab es wieder ein Kommando. Aber so ein Kommando lenkt ja auch ein bißchen ab. Und dann endlich die Erlösung. „Sie haben es geschafft.“. Alles bestens. Sehr gut geworden. Ich fuhr aus der Röhre und der Kopfkäfig und die Kabel und Sensoren wurden entfernt. Ich richtete mich langsam wieder auf und ließ die Zehen kreisen, bis wieder Gefühl zu spüren war. Ich erzählte dem Chef-Kommandeur, dass die letzte Viertelstunde echte Arbeit war, wirklich größte Anstrengung, aber ich wollte es nicht versauen. Er hat zugegeben, dass das schon eine außergewöhnlich lange Angelegenheit ist, aber dafür wären die Aufnahmen auch vollständig verwertbar geworden. Ich hatte ja vorher auch noch beklagt, dass ich nicht nur keine Fotos kriege, sondern auch keine DVD wie andere Patienten. Aber ich bin ja eben keine Patientin. Er hat mir das erklärt, dass diese DVDs nur für die weiter behandelnden Ärzte gemacht werden und es sich dabei niemals um ein Ganzkörper-MRT handelt, nur partielle Aufnahmen, eingegrenzte Regionen oder Organe. Bei mir wäre das durch die Ganzkörperdokumentation so eine riesige und komplexe Datenfülle, das könnte man nicht mal eben so brennen und mir mitgeben, abgesehen davon, dass es sich um internes Studienmaterial handelt, das nur für die NaKo bestimmt ist. Aber er könnte mir ausnahmsweise ein paar Einblicke auf seinem Monitor geben. Ich könnte mich einstweilen wieder umziehen und dann zeigt er mir ein paar Sachen. Ich bin doch leicht erschöpft in die Kabine und habe hinter verschlossener Tür ein paar Fotos geschossen, weil ich ja nun auch wusste, andere Aufnahmen dürfte ich gar nicht machen. Wenigstens meinen ultrahigh magnetisierten Zustand und diesen Anzug wollte ich festhalten.
Ich sah ein bißchen verwurstelt aus. Ich machte schnell ein paar Bilder, zog dann schnell meine Sachen an und ging in den Raum, wo er das Datenmaterial auf einem Rechner hatte, er hatte zwei große Monitore vor sich und führte mir meinen Schädel in 3-D vor. Ich fand ihn eigentlich sehr schön, vor allem das Kleinhirn gefiel mir ausnehmend gut, wie ein kleines Bäumchen. So auf den ersten Blick sah es nicht aus, also ob dort irgendein unheimlicher Fleck wäre, der auf irgendetwas zu Operierendes schließen ließe. Aber der technische Versuchsleiter klärte mich auf, dass die abschließenden Auswertungen von einem Ärzteteam gemacht werden, nicht von ihm, er kontrolliert nur die Aufnahme und die Datenverarbeitung, aber er meinte auch beschwichtigend, dass man das schon erkennen würde, wenn da jetzt etwas stark Abnormes wäre. Ich konnte mir dann noch ein paar Körperpartien aussuchen, die ich gucken durfte. Stark hat mich die Wirbelsäule beeindruckt, mit den Bandscheiben und den Fasern, und allem was da so ist, überhaupt, wie knackig so ein Skelett aussieht. Jedenfalls – in meinem Fall – bedeutend knackiger, als wenn ich dieselben Partien auf herkömmlichen Fotos sehe. Es ist schon ein Wunderwerk. Die Gebärmutter hat mich auch interessiert, weil die anders als bei anderen ausschaut und ich sie seit 1986 nicht mehr gesehen habe. Der Assistent war sofort im Bilde, ich hatte ihm aber auch vorher gesagt, dass ich einen Uterus duplex habe, und er meinte noch, angesichts der MRT-Bilder, dass der schon sehr gut ausgeprägt wäre, klar getrennt. Sieht ein bißchen wie ein Herz aus. Na gut, wie auch immer. Es war seltsam bewegend, sich aus dieser inneren Perspektive zu sehen. Diese hochkomplexe Körpermaschine aus Abermillionen Einzelteilen. Ich war dann doch ganz zufrieden, auch ohne Fotos und DVD. So eine MRT-DVD hätte ich ja auch nicht mal eben bei Fllickr oder youtube hochladen können. Ich weiß ja gar nicht, was das für ein Format ist. Als ich nun noch mehr Ecken der Etage gesehen hatte, weil ich unbedingt aufs Klo musste, und noch mehr der tollen Cartoons entdeckte, sprach ich den Mitarbeiter noch mal darauf an, ob ich nicht vielleicht wenigstens von einem der Bilder ein Foto machen könnte…? Nein, leider untersagt, überall, tut ihm ja auch leid. Er erzählte mir aber, dass es die Geschichte von einem Patienten ist, der von einem Magnetresonanz-Tomographen eingesogen und verschluckt wird und was er da dann alles erlebt. Ich versicherte wahrheitsgemäß, dass es mir (trotzdem) Spaß gemacht hat und sehr interessant war. Er verabschiedete mich sehr freundlich mit den Worten „Na, dann sehen wir uns ja wieder in vier Jahren! Bis dann!“ Schon komisch, so eine Verabredung in vier Jahren zu haben. Nach unten habe ich dann die Treppe genommen und dann doch ganz schnell heimlich ein einziges Foto von dem fliegenden Clark Kent im Treppenhaus gemacht (ganz ohne Gewissensbisse!)
Und dann bin ich aus dem Würfel herausgegangen. Zur Bushaltestelle, Richtung S-Bahn Berlin Buch, wo ich dann den Spaziergang zwischen Gestrüpp und Pferdekoppel gemacht habe, der Eintrag vorher. Als ich daheim war, kam ich auf die Idee, im Internet zu schauen, ob der Wandcartoon nicht irgendwo dokumentiert ist, es ist ja keine beliebige Tapete. Und ich fand die Seite des Künstlers mit einer Dokumentation dieses ganzen Projektes mit sehr schönen Fotos. So gut hätte ich das auf die Schnelle gar nicht fotografieren können. Und natürlich gibt es auch Bilder von dem Apparat, wo ich drin war, auf verschiedenen Seiten der B.U.F.F mit vielen zusätzlichen Informationen. Ich hatte mich natürlich auch erkundigt, inwieweit ich eine Auswertung bekommen würde, bzw. ob überhaupt, von diesem Ganzkörper-MRT. Man hat mir gesagt, wenn bei der Auswertung, die unmittelbar in den darauffolgenden Tagen stattfindet, ein Befund zutage tritt, eine Unregelmäßigkeit, die näher untersucht werden sollte oder einer ärztlichen Behandlung bedürfte, würde man angerufen werden und den Befund auch per Post mitgeteilt bekommen. Das ist in einigen – selteneren – Fällen auch schon geschehen. In zwei hatten Level-2-Probanden unverzüglich, wenige Stunden nach dem MRT, eine jeweils lebensrettende Operation. Wenn alles normal aussieht, bekommt man keinen Anruf und keine Post. Wenn Post kommt, dann sehr bald, ca. drei Tage danach. Ich habe die drei Tage überstanden, kein Anruf. Und noch mehr Tage. Keine Post von der B.U.F.F. Nur die Gesamtauswertung mit allen möglichen Werten der Charité, von der Untersuchung davor, der sechsstündigen. Alles soweit in Ordnung. Die Details sind wohl eher für Mediziner interessant, die ganzen Fachausdrücke, da braucht man ja ein Lexikon. Ich habe ganz viel gegoogelt, weil ich nur die wenigstens Werte auf Anhieb verstanden habe. Die Leberwerte sind seltsamerweise sogar eher im unteren Bereich. Darauf einen Toast.
27. Oktober 2015
Vielleicht steckt in mir doch eine Medizinerin. Ich meine nicht Heilpraktikerin, sondern: Chefärztin. Leitende Position in der Berlin Ultrahigh Field Facility. B.U.F.F. Schon alleine die Abkürzung. Passt auch in eine der Sprechblasen im Inneren. An den Wänden des Kubus, auf allen Stockwerken, befinden sich riesige Cartoons, in der Tradition von Clark Kent. Alleine wegen dieses Comic Strips hat es sich gelohnt, sich als Probandin für eine Ganzkörper-Magnetresonanz-Tomographie der NaKo zur Verfügung zu stellen.

Aber eins nach dem andern, zum rekapitulieren. Die NaKo („Nationale Kohorte“) hatte mich und noch 9.999 andere Berliner/innen per Zufallsgenerator ausgewählt, um in einer Langzeitstudie, die vom Bundesgesundheitsministerium in Auftrag gegeben wurde, über einen Zeitraum von dreissig Jahren (oder auch länger) in fünf-Jahres-Abständen mit allen erdenklichen modernen Technologien und Tests und Befragungen, die körperliche und psychische Verfassung, Gesundheit und Leistungsfähigkeit zu dokumentieren, zu untersuchen, und anhand der Datenfülle Rückschlüsse auf mögliche Ursachen von Volkskrankheiten oder eben Volksgesundheiten abzuleiten. Man hat mich zunächst Ende August sechs Stunden lang in der Charité einer Reihe von Tests unterzogen, alle möglichen Flüssigkeiten abgezapft, ich musste Denkspielchen machen, Gedächtnis- und Belastungstests, noch dazu an einem sehr heißen Hochsommertag in unklimatisierten Räumen. Und drei Tage später hatte ich einen Termin für ein Ganzkörper-MRT, das zweitausend der zehntausend Berliner bekommen, sogenannte Level-2-Probanden. Es kämen nicht alle zehntausend in Frage, da man diese Untersuchung nicht jedem zumuten kann. Man wurde befragt, ob man sich in der Lage sieht, eine ganze Stunde lang komplett regungslos in einer Liegeposition zu verharren. Da keine Stimmungsaufheller oder andere Psychopharmaka bei dieser Studie in Frage kommen, schieden Probanden mit Platzangst von vorneherein aus. Ebenso Personen mit Tätowierungen (wegen des unwägbaren Metallanteils in den Farbpigmenten), Piercings und metallhaltigen Prothesen. Außerdem war Glitzer-Make up ausdrücklich untersagt. Letzeres hätte in meinem Fall der einzige Hinderungsgrund sein können, aber ich dachte, es ist schon einmal machbar, im Dienste der Forschung für ein bis drei Stunden auf das übliche Glitzer-Make up zu verzichten. Selbst auf die Gefahr hin, dass mich keiner mehr auf den Fotos erkennt. Ich hatte natürlich geplant, ausführlichst zu fotografieren. Leider enthält meine Kamera aber Metall-Elemente und musste deswegen in der Umzieh-Kabine bleiben. Ich konnte den Kubus auch nicht so ohne weiteres durch eine offene Tür betreten. Überall waren Warnschilder, auf einem stand gefährlich MAGNETOM! Es war schon ein bißchen Science Fiction-mäßig.

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Aber genau das hatte ich mir ja insgeheim erhofft. Ich hege aus einer Art allgemeiner Neugier Sympathie für futuristische Apparate und Hochtechnologie, die uns ja letzen Endes auch ermöglicht, hier im Internet herumzugurken. Ich klingelte an einer Metall-Säule bei „Nationale Kohorte“ und eine Stimme meldete sich. Ich gab an, dass ich einen Termin als Level-2-Probandin habe, um 15:30 Uhr. Die weibliche Stimme sagte, ich werde abgeholt. Eine Assistentin kam aus dem Kubus und bat mich durch den Eingang, ihr zu folgen. Ich sah im Treppenaufgang als erstes den schwebenden Clark Kent und war schon sehr fasziniert. Wir fuhren ins Obergeschoss des Würfels und ich wurde ungefähr eine halbe Stunde lang aufgeklärt, was mit mir gemacht wird, und zu Erkrankungen und Operationen und Metallteilen und Tattoos befragt. Ich wiederum fragte nach Stimmungsaufhellern und dem Musikprogramm. Der Mitarbeiter war sehr amüsiert und eröffnete mir, dass er mich nach Hause schicken müsste, wenn ich der Meinung sei, ich bräuchte für diese Untersuchung im Dienste der Forschung Stimmungsaufheller, weil ich sonst unter Angstzuständen litte. Wenn dem so sei, käme ich nicht in Frage. Da ich aber offensichtlich gar nicht vorgab, ernsthafte Ängste zu haben, gab es keinen Grund für mich, das zu behaupten. Ich war ja auch viel zu neugierig auf den Apparat. Es entspann sich noch eine Diskussion darum, ob ich nicht doch ein kleines Foto machen könnte, von dem beeindruckenden Gerät, in dem ich verschwinden würde, bevor es losginge. Für mein Blog hier, ich hätte es doch meinen Lesern versprochen etc. pp. und wie stünde ich nun da, wenn ich mit leeren Händen zurückkäme, meine Glaubwürdigkeit wäre dahin. Aber er blieb knallhart. Im Übrigen hatte er zwei Piercings am Ohr. Ich wurde stutzig. Wird hier etwa mit zweierlei Maß gemessen? Angeblich keine Metallteile beim Magnetom und er darf doch so hinein? Das wären Aluminium-Piercings klärte er mich auf, Aluminium wäre kein Problem. Also ich kam nicht weiter in der Fotosache. Nun gut. Ich wurde mit einer weißen Kluft und weißen Schlappen in die Umziehkabine entlassen. Dort habe ich (allerdings erst danach) ein paar Fotos gemacht. Man sieht nur eine weiße Zelle mit einem Spiegel. In dem weißen Anzug sah ich eigentlich aus wie die Chefärztin, also auf jeden Fall professioneller als die Mitarbeiter der B.U.F.F, die nicht einmal weiß gekleidet waren. Ich sagte zu dem jungen Mann, der die Untersuchung steuern würde: „Ich finde, ich sehe aus, als würde ich hier arbeiten oder?“ Er meinte in etwa „Ja, absolut, soll ich Frau Doktor sagen?“.

„Ja, gerne!“. Aber die ganzen Witzeleien nützten nichts. Ich fragte noch mal, ob ich nicht doch vielleicht ein Foto, nur so durch die offene Tür…? „Nein. Müssen Sie dann eben Ihren Lesern beschreiben!“ Ich bekam Ohrstöpsel und einen Kopfhörer. Aber nicht für Musikberieselung, sondern für das Empfangen von Befehlen, die man mir geben würde. Atembefehle, um genau zu sein. Wenn Musik laufen würde, könnte ich die Kommandos überhören, daher, nicht wahr. Ich rechnete mit dem schlimmsten Krawall, denn meine Leser hatten mich ja bereits vorgewarnt und ich hatte zur Vorbereitung auch schon nervige youtube-Videos angeschaut und vor allem angehört. Fürchterliches Gehämmer und Gefiepe, ohne Unterlass. Damit rechnete ich nun. Aber es kam doch sehr viel anders. meine Gliedmaßen wurden noch einmal in Position gerückt, ich lag flach auf dem Rücken, unter den Kniekehlen waren Polster zur Positionierung. Dann wurden an der Brust und am Kopf irgendwelche Drähte und Sensoren angelegt und zuguterletzt so eine Art Gitterhelm über meinen Kopf gelegt. Das war schon recht Doktor-Frankenstein-mäßig futuristisch. Ab und zu hat es schon mal gesummt. Man teilte mir mit, dass ich die Augen schließen könnte oder auch sollte und dann wieder konnte ich es halten, wie ich wollte. Ich wurde rückwärts komplett in die Röhre gefahren und hatte die Augen mal so ein bißchen blinzelnd auf, als ich gerade wieder durfte, und sah ein Farbenspiel über mir in allen Spektralfarben, eine ganze Weile war es so rosa-pink, sehr hübsch. Wie man sich das bei Farbtherapie-Bestrahlung vorstellt. Dann sollte ich die Augen wieder schließen und die ersten Scan-Geräusche fingen an. Es waren ganz viele unterschiedliche Töne und die ersten fünf Minuten gab es noch keine Atemkommandos. Ich hatte weder Angst noch Beklemmungen, rechnete allerdings dauernd damit, dass noch ganz schlimmes Hämmern oder dergleichen käme, das war aber nur manchmal vereinzelt der Fall. Es gab ziemlich viele Pausen zwischen den Tönen, manchmal über einen Zeitraum von bis zu zehn, fünfzehn Sekunden überhaupt keine Geräusche. Es war also gut auszuhalten. Die Liegeposition war auch o.k. Noch. Dann begannen die Kommandos von einer Frauenstimme über Kopfhörer, ich wurde aufgefordert, einen möglichst langen, tiefen Atemzug zu nehmen, dann wieder möglichst lange auszuatmen, dann die Luft anzuhalten. Und so weiter und so fort. Dann wieder umgekehrt. Dann war wieder ein paar Minuten das Scan-Geräusch, dann wieder Kommandos. Der Rhythmus war recht unberechenbar, man wusste nicht, wann das nächste Kommando-Intervall kommt und wieviele. Also konnte ich nicht einfach wegdämmern und ein Nickerchen machen. Die Geräusche waren weiterhin sehr erträglich, überwiegend ganz leichtes Tackern und Summen, aber nichts, was so unangenehm gewesen wäre, wie ein Presslufthammergeräusch oder quietschende Tafel-Kreide oder eine Alarm-Sirene. Die Auto-Alarmanlagen, die manchmal bei mir mitten in der Nacht in der Nachbarschaft zu tröten anfangen, sind weitaus unangenehmer, als die Geräuschpalette von diesem MRT-Apparat. Aber da gibt es sicher auch Unterschiede. Ich war ja immerhin in der BERLIN ULTRAHIGH FIELD FACILITY! Mich beeindruckt der Name so dermaßen, ich kann ihn gar nicht oft genug tippen. Nach ungefähr einer halben Stunde sagte mir der Untersuchungsleiter über Kopfhörer, dass ich jetzt die Hälfte überstanden hätte und es sähe schon alles sehr gut aus, wir kämen gut voran! Von da an zählte ich schon ein bißchen die Minuten, aber ich musste weiter aufmerksam mitarbeiten. Es war schon auch Arbeit. Aber so in den letzten zwanzig Minuten war ich noch einmal besonders gefordert. Mir schlief nämlich mein linker Fuß, besonders im Bereich der Zehen ein, es bizzelte schon so komisch, wie kleine Stecknadeln, der Fuß wollte Bewegung, nur ein bißchen rotieren, nur ein ganz kleines bißchen. Aber ich durfte ja nicht. Dann hätte unterbrochen werden müssen, und an einer bestimmten Stelle wieder von vorne und dann hätte alles womöglich noch eine halbe Stunde länger gedauert. Ich wollte es nur zu Ende bringen und versuchte mit meinem Fuß und dem dort befindlichen Blutkreislauf zu kommunizieren. Nun gab auch ich Kommandos. Natürlich ohne Worte. Ich befahl meinen fünf Zehen und dem vorderen Fußballen bitte noch durchzuhalten, es wäre ja nun bald vorbei und dann könnten sie sich bewegen, wie nie zuvor in ihrem ganzen Leben. Ich versuchte innerlich eine Art Bewegung im Fuß zu simulieren, indem ich partielle Muskelanspannung in den Zehen betrieb und gleichzeitig Bewegung vermied. Ein Kraftakt. Unglaublich. Ich versuchte dann wieder an etwas ganz anderes zu denken. Schöne Erlebnisse aus der Vergangenheit. Aber dann gab es wieder ein Kommando. Aber so ein Kommando lenkt ja auch ein bißchen ab. Und dann endlich die Erlösung. „Sie haben es geschafft.“. Alles bestens. Sehr gut geworden. Ich fuhr aus der Röhre und der Kopfkäfig und die Kabel und Sensoren wurden entfernt. Ich richtete mich langsam wieder auf und ließ die Zehen kreisen, bis wieder Gefühl zu spüren war. Ich erzählte dem Chef-Kommandeur, dass die letzte Viertelstunde echte Arbeit war, wirklich größte Anstrengung, aber ich wollte es nicht versauen. Er hat zugegeben, dass das schon eine außergewöhnlich lange Angelegenheit ist, aber dafür wären die Aufnahmen auch vollständig verwertbar geworden. Ich hatte ja vorher auch noch beklagt, dass ich nicht nur keine Fotos kriege, sondern auch keine DVD wie andere Patienten. Aber ich bin ja eben keine Patientin. Er hat mir das erklärt, dass diese DVDs nur für die weiter behandelnden Ärzte gemacht werden und es sich dabei niemals um ein Ganzkörper-MRT handelt, nur partielle Aufnahmen, eingegrenzte Regionen oder Organe. Bei mir wäre das durch die Ganzkörperdokumentation so eine riesige und komplexe Datenfülle, das könnte man nicht mal eben so brennen und mir mitgeben, abgesehen davon, dass es sich um internes Studienmaterial handelt, das nur für die NaKo bestimmt ist. Aber er könnte mir ausnahmsweise ein paar Einblicke auf seinem Monitor geben. Ich könnte mich einstweilen wieder umziehen und dann zeigt er mir ein paar Sachen. Ich bin doch leicht erschöpft in die Kabine und habe hinter verschlossener Tür ein paar Fotos geschossen, weil ich ja nun auch wusste, andere Aufnahmen dürfte ich gar nicht machen. Wenigstens meinen ultrahigh magnetisierten Zustand und diesen Anzug wollte ich festhalten.

Ich sah ein bißchen verwurstelt aus. Ich machte schnell ein paar Bilder, zog dann schnell meine Sachen an und ging in den Raum, wo er das Datenmaterial auf einem Rechner hatte, er hatte zwei große Monitore vor sich und führte mir meinen Schädel in 3-D vor. Ich fand ihn eigentlich sehr schön, vor allem das Kleinhirn gefiel mir ausnehmend gut, wie ein kleines Bäumchen. So auf den ersten Blick sah es nicht aus, also ob dort irgendein unheimlicher Fleck wäre, der auf irgendetwas zu Operierendes schließen ließe. Aber der technische Versuchsleiter klärte mich auf, dass die abschließenden Auswertungen von einem Ärzteteam gemacht werden, nicht von ihm, er kontrolliert nur die Aufnahme und die Datenverarbeitung, aber er meinte auch beschwichtigend, dass man das schon erkennen würde, wenn da jetzt etwas stark Abnormes wäre. Ich konnte mir dann noch ein paar Körperpartien aussuchen, die ich gucken durfte. Stark hat mich die Wirbelsäule beeindruckt, mit den Bandscheiben und den Fasern, und allem was da so ist, überhaupt, wie knackig so ein Skelett aussieht. Jedenfalls – in meinem Fall – bedeutend knackiger, als wenn ich dieselben Partien auf herkömmlichen Fotos sehe. Es ist schon ein Wunderwerk. Die Gebärmutter hat mich auch interessiert, weil die anders als bei anderen ausschaut und ich sie seit 1986 nicht mehr gesehen habe. Der Assistent war sofort im Bilde, ich hatte ihm aber auch vorher gesagt, dass ich einen Uterus duplex habe, und er meinte noch, angesichts der MRT-Bilder, dass der schon sehr gut ausgeprägt wäre, klar getrennt. Sieht ein bißchen wie ein Herz aus. Na gut, wie auch immer. Es war seltsam bewegend, sich aus dieser inneren Perspektive zu sehen. Diese hochkomplexe Körpermaschine aus Abermillionen Einzelteilen. Ich war dann doch ganz zufrieden, auch ohne Fotos und DVD. So eine MRT-DVD hätte ich ja auch nicht mal eben bei Fllickr oder youtube hochladen können. Ich weiß ja gar nicht, was das für ein Format ist. Als ich nun noch mehr Ecken der Etage gesehen hatte, weil ich unbedingt aufs Klo musste, und noch mehr der tollen Cartoons entdeckte, sprach ich den Mitarbeiter noch mal darauf an, ob ich nicht vielleicht wenigstens von einem der Bilder ein Foto machen könnte…? Nein, leider untersagt, überall, tut ihm ja auch leid. Er erzählte mir aber, dass es die Geschichte von einem Patienten ist, der von einem Magnetresonanz-Tomographen eingesogen und verschluckt wird und was er da dann alles erlebt. Ich versicherte wahrheitsgemäß, dass es mir (trotzdem) Spaß gemacht hat und sehr interessant war. Er verabschiedete mich sehr freundlich mit den Worten „Na, dann sehen wir uns ja wieder in fünf Jahren! Bis dann!“ Schon komisch, so eine Verabredung in fünf Jahren zu haben. Nach unten habe ich dann die Treppe genommen und dann doch ganz schnell heimlich ein einziges Foto von dem fliegenden Clark Kent im Treppenhaus gemacht (ganz ohne Gewissensbisse!)

Und dann bin ich aus dem Würfel herausgegangen. Zur Bushaltestelle, Richtung S-Bahn Berlin Buch, wo ich dann den Spaziergang zwischen Gestrüpp und Pferdekoppel gemacht habe, der Eintrag vorher. Als ich daheim war, kam ich auf die Idee, im Internet zu schauen, ob der Wandcartoon nicht irgendwo dokumentiert ist, es ist ja keine beliebige Tapete. Und ich fand die Seite des Künstlers mit einer Dokumentation dieses ganzen Projektes mit sehr schönen Fotos. So gut hätte ich das auf die Schnelle gar nicht fotografieren können. Und natürlich gibt es auch Bilder von dem Apparat, wo ich drin war, auf verschiedenen Seiten der B.U.F.F mit vielen zusätzlichen Informationen. Ich hatte mich natürlich auch erkundigt, inwieweit ich eine Auswertung bekommen würde, bzw. ob überhaupt, von diesem Ganzkörper-MRT. Man hat mir gesagt, wenn bei der Auswertung, die unmittelbar in den darauffolgenden Tagen stattfindet, ein Befund zutage tritt, eine Unregelmäßigkeit, die näher untersucht werden sollte oder einer ärztlichen Behandlung bedürfte, würde man angerufen werden und den Befund auch per Post mitgeteilt bekommen. Das ist in einigen – selteneren – Fällen auch schon geschehen. In zwei hatten Level-2-Probanden unverzüglich, wenige Stunden nach dem MRT, eine jeweils lebensrettende Operation. Wenn alles normal aussieht, bekommt man keinen Anruf und keine Post. Wenn Post kommt, dann sehr bald, ca. drei Tage danach. Ich habe die drei Tage überstanden, kein Anruf. Und noch mehr Tage. Keine Post von der B.U.F.F. Nur die Gesamtauswertung mit allen möglichen Werten der Charité, von der Untersuchung davor, der sechsstündigen. Alles soweit in Ordnung. Die Details sind wohl eher für Mediziner interessant, die ganzen Fachausdrücke, da braucht man ja ein Lexikon. Ich habe ganz viel gegoogelt, weil ich nur die wenigstens Werte auf Anhieb verstanden habe. Die Leberwerte sind seltsamerweise sogar eher im unteren Bereich. Darauf einen Toast.
25. Oktober 2015



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Dritter September 2015. Nach der Ganzkörper-Magnetresonanz-Tomographie. Ich kam aus einem Gebäude in Berlin Buch, einem Kubus mit starker magnetischer Strahlung, der „Berlin Ultrahigh Field Faciltiy“ (ein paar wenige Aufnahmen davon ein andermal). Weil auf dieser Strecke am Rande von Berlin keine S-Bahn parallel Richtung Mitte unterwegs ist, muss man länger warten, als an Haltestellen in der Innenstadt. Ich erinnerte mich, dass Zucker erwähnt hatte, dass es eine Kuhwiese hinter der S-Bahn gibt. Ich mag Kühe sehr gerne und wollte Aussschau danach halten. Ich fand eine Pferdekoppel und wildes Gestrüpp in der Abendsonne.

Es war so gegen achtzehn Uhr. Ich fragte den Mann, der auf der Koppel zwischen ein paar Hühnern herumwirtschaftete, nach der Kuhwiese, er zeigte mir die Richtung, und meinte, dass es sicher noch ein Spaziergang von einer Viertelstunde wäre. Das war mir zu lang, bei dem schwindenden Licht. Ich freute mich an dem Szenario, verlor beim Stapfen durchs hohe Gras meine Sonnenbrille, als ich mich nach irgendetwas bückte… nach einer Blume vielleicht, einem blauen Natternkopf, die ich nur näher betrachten wollte. Ich entdeckte wilde, gelbe, reife Kürbisse und pflückte einen kleinen und einen kindskopfgroßen. Da fiel mir die fehlende Sonnenbrille auf. Ich ging genau den Weg zurück durch das hohe Gras, ich fand sie und ging zurück zur nahen S-Bahn, die auch gleich kam. Ich war ein bißchen ruhebedürftig, weil ich eine ganze Stunde lang völlig regungslos liegen musste und dabei Atemkommandos befolgen, was keine erholsame Angelegenheit war. Ich bekam danach keinen Anruf und keine Post von der Berlin Ultrahigh Field Facility. Was das nur erdenklich gute Ergebnis war.

19. Oktober 2015

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In der letzten Woche vom August lebte dieser mein Selbstvergewisserungs-Impuls wieder auf, der sich in den letzten zwei, drei Jahren beruhigt hat. (Nun auch wieder). Aber diese letzten Tage vor diesem runden, fünfzigsten Geburtstag schienen mir angemessen. Zeit hatte ich auch. Selten habe ich Muße, durchs Lafayette zu spazieren, in aller Ruhe, als gäbe es nichts Anderes, nichts Wichtigeres, nichts Interessanteres. Ich mag Luxuskaufhäuser, kostspielige Auslagen, mit viel Liebe zum kleinsten Detail ausstaffierte Schaufenster und Vitrinen. Ich hatte Lust ins Lafayette zu gehen, mit aller Zeit der Welt, mit Hingabe und Interesse und Respekt, wie man eine hochkarätige Kunstausstellung besucht. Ich sehe das auf gleicher Ebene. Für mich sind hochwertige Produkte, mit denen wir uns kleiden, einbalsamieren, schmücken, die wir uns einverleiben, eine Kunstform. Dinge, die eine starke emotionale Kraft haben, ich finde es sogar magisch, alchimistisch, in welche Zustände ein großartiger Wein einen versetzen kann. Das sind Seelenzustände, die durch Einwirkung auf unsere Materie manipuliert werden. Auf andere Ebenen katapultiert. Das vermag auch elektrisierend schöne Kleidung. Wenn wir uns erlesen kleiden, werden wir bildende Künstler an uns selbst. Ich weiß nicht, ob ich meine Kamera dabei hatte. Ich glaube es gar nicht. Ich wusste, dass ich Ausschau nach Blanquette de Limoux halten wollte, im Untergeschoss, einem Schaumwein aus dem Languedoc, der für meinen Geschmack mehr Potenzial in Richtung Champagner hat als Crémant. Ich muss das noch genauer eruieren, ich trinke mich da systematisch durch. Bislang spricht alles dafür. Zum Lafayette zu kommen, ist von mir aus am einfachsten, wenn ich mit der U-Bahn vom Oranienburger Tor bis Französische Straße fahre, und da ist es auch schon. Auf der Straßenebene, wo es Kosmetik und Parfum und Taschen und Schuhe und Gürtel und Tücher und Hüte und Schals gibt, ging ich, ohne etwas zu suchen, auch durch die Auslagen mit Schmuck, sehr schönem Modeschmuck. Sehr fein gearbeitete Preziosen, die nicht unbedingt aus hochkarätigem Gold oder Silber sind, aber dennoch als Kunsthandwerk einen eigenständigen hohen Wert besitzen. ich entdeckte Halsschmuck in einer Vitrine von langani. ich ließ die Vitrine mit dem Schlüssel öffnen und hielt mir eine Preziose vor einem Spiegel an den Hals und war schon entschieden. Und noch ein zweites Exemplar. Selten kaufe ich Schmuck, sehr selten. Alle Jubeljahre. Es war ja ein Jubeljahr. Ich beschloss, das wird ein Nachmittag, an dem ich mir Geburtstagsgeschenke schenke. Dann fuhr ich mit der Rolltreppe nach oben, wo es Kleidung gibt. Und ziemlich viel Personal im Vergleich zur Kundenfrequenz. Kaum war ich oben, fiel mir an der hintersten Wand eines Bereiches ein animalisches Muster an einem Mantel auf. Er hing zur Präsentation auf einem Bügel, es gab keine weiteren Exemplare. Ich hoffte sehr, dass mir die Größe passen würde, ich war sofort verliebt. Ganze Filme löste dieses Muster und die Silhouette in mir aus. Ich nahm ihn selbst von der Wand und veschwand in der Kabine, ganz aufgeregt. Der Preis war mir nachrangig. Ein Exponat, das ich in meiner Sammlung haben möchte, mein Leben lang. ich probierte ihn an. Und ich fand ihn für mich gemacht. Das ist keineswegs immer so, dass ich etwas auf dem Bügel sehe und anprobiere und es mir ebenso gefällt. Er war nicht heruntergesetzt, ein neues Modell offenbar, und doch nur eines da. Es war immerhin noch ein Preis im dreistelligen Bereich, nicht einmal fünfhundert Euro. Ich kaufe doch sowieso viel weniger als alle anderen. Das wäre mein kostspieligstes Geschenk, das ich mir mache. Es war eine Freude, Geld dafür auszugeben. Die Damen vom Verkauf überzeugten mich, dass die Kundenkarte vom Lafayette doch noch einen beträchtlichen Nachlass bringen würde, zwanzig Prozent, für diesen ersten Einkauf damit. Ich musste nicht einmal umständlich ein Formular ausfüllen, alles haben die Damen gemacht, sehr charmant und zuvorkommend. Mit der Karte habe ich dann im Untergeschoss zwei Sorten Blanquette de Limoux gekauft, die erhielt ich mit der Karte auch günstiger. Ich verließ das Lafayette durch das Untergeschoss, diese schöne Passage zum Quartier 206 mit dem Art Déco-inspirierten Bodenmosaik aus schwarzem und weißen Marmor, über das zu laufen, mir jedes mal ein sakrales Gefühl verursacht. Es ist erhebend, der Gang durch eine Kathedrale. Damit war das für mich ein Tag mit einem erfüllenden Erlebnis. Der Gottesdienst bestand nicht in profanem Konsum, sondern in hingebungsvoller Würdigung der Kunst, irdische Materialien in Vollendung in eine Form zu fassen, die einen göttlichen Aspekt mit irdischem Sensorium erlebbar macht.


Auf diesen Bildern trage ich nichts von den erstanden Dingen, denn sie entstanden ja davor. Aber ich verbinde auch mit diesen Dingen persönliche Geschichte und Erinnerungen. Die Tasche mit dem Leopardenfell(imitat) begleitete mich 1995 Tag für Tag, auch bei einer Reise nach Paris und sie ist fast auf jedem Foto dieser Reise zu sehen, ich habe sie seit vielen Jahren nicht mehr benutzt, hüte sie aber, und alle Erinnerungen, die damit verbunden sind. Bei dem massiven, goldenen Anhänger, den man für einen Thorshammer halten könnte, der jedoch die Replik eines aztekischen Opfermessers ist, handelt es sich um die Kopie eines Exponats aus dem Museo del Oro in Bogotá, das ich nie sah, doch in Jugendjahren war ich vom Gold der Azteken und Inkas fasziniert, und später hatte ich einen kolumbianischen Liebhaber, der mir diese Kultur noch auf andere Weise näher brachte. Er war sehr an den Mythologien unserer Welt interessiert, nicht nur seiner Herkunftskultur, eine seiner Bibeln war „Die weiße Göttin“ von Ranke-Graves, die er mir auch zum Geburtstag mit einer sehr schönen Widmung überreichte. Wir waren gemeinsam in jener Ausstellung in Berlin auf der Museumsinsel, in der es viele Leihgaben aus dem großen Goldmuseum seiner Heimatstadt gab. Das ist sehr lange her. Etwa Anfang, Mitte der Neunziger Jahre.

Die Schuhe sind noch nicht annähernd so betagt, aber sie haben bereits einen besonderen Wert, weil sie eine besondere Anfertigung sind, da es im Handel solche Schuhe nicht so leicht zu finden gibt, zumal nicht für meine Größe. Es ist selten, dass ein italienischer Hersteller ein Modell für meine Maße produziert. Ich liebe Schuhe aus Lackleder, und diese Schnürschuhe mit der farblich abgesetzen Ledersohle sind besonders fein gearbeitet.

Es sind Dinge fürs Leben.
22. Oktober 2015
22. Oktober 2015
19. Oktober 2015
„(…) Ich schreibe nicht, um zu sagen, was ich denke, sondern um zu erfahren, was ich weiß“ (Autor unbekannt). Jedes Wort stimmt. Denn der Akt des Schreibens ist wie Tiefseetauchen. Um in der Tiefe (des Unbewussten, des Intuitiven) auf Neuland zu stoßen: auf das, was – bisher – in einem verborgen war.
Andreas Altmann. Frauen.Geschichten
19. Oktober 2015

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In der letzten Woche vom August lebte dieser mein Selbstvergewisserungs-Impuls wieder auf, der sich in den letzten zwei, drei Jahren beruhigt hat. (Nun auch wieder). Aber diese letzten Tage vor diesem runden, fünfzigsten Geburtstag schienen mir angemessen. Zeit hatte ich auch. Selten habe ich Muße, durchs Lafayette zu spazieren, in aller Ruhe, als gäbe es nichts Anderes, nichts Wichtigeres, nichts Interessanteres. Ich mag Luxuskaufhäuser, kostspielige Auslagen, mit viel Liebe zum kleinsten Detail ausstaffierte Schaufenster und Vitrinen. Ich hatte Lust ins Lafayette zu gehen, mit aller Zeit der Welt, mit Hingabe und Interesse und Respekt, wie man eine hochkarätige Kunstausstellung besucht. Ich sehe das auf gleicher Ebene. Für mich sind hochwertige Produkte, mit denen wir uns kleiden, einbalsamieren, schmücken, die wir uns einverleiben, eine Kunstform. Dinge, die eine starke emotionale Kraft haben, ich finde es sogar magisch, alchimistisch, in welche Zustände ein großartiger Wein einen versetzen kann. Das sind Seelenzustände, die durch Einwirkung auf unsere Materie manipuliert werden. Auf andere Ebenen katapultiert. Das vermag auch elektrisierend schöne Kleidung. Wenn wir uns erlesen kleiden, werden wir bildende Künstler an uns selbst. Ich weiß nicht, ob ich meine Kamera dabei hatte. Ich glaube es gar nicht. Ich wusste, dass ich Ausschau nach Blanquette de Limoux halten wollte, im Untergeschoss, einem Schaumwein aus dem Languedoc, der für meinen Geschmack mehr Potenzial in Richtung Champagner hat als Crémant. Ich muss das noch genauer eruieren, ich trinke mich da systematisch durch. Bislang spricht alles dafür. Zum Lafayette zu kommen, ist von mir aus am einfachsten, wenn ich mit der U-Bahn vom Oranienburger Tor bis Französische Straße fahre, und da ist es auch schon. Auf der Straßenebene, wo es Kosmetik und Parfum und Taschen und Schuhe und Gürtel und Tücher und Hüte und Schals gibt, ging ich, ohne etwas zu suchen, auch durch die Auslagen mit Schmuck, sehr schönem Modeschmuck. Sehr fein gearbeitete Preziosen, die nicht unbedingt aus hochkarätigem Gold oder Silber sind, aber dennoch als Kunsthandwerk einen eigenständigen hohen Wert besitzen. ich entdeckte Halsschmuck in einer Vitrine von langani. ich ließ die Vitrine mit dem Schlüssel öffnen und hielt mir eine Preziose vor einem Spiegel an den Hals und war schon entschieden. Und noch ein zweites Exemplar. Selten kaufe ich Schmuck, sehr selten. Alle Jubeljahre. Es war ja ein Jubeljahr. Ich beschloss, das wird ein Nachmittag, an dem ich mir Geburtstagsgeschenke schenke. Dann fuhr ich mit der Rolltreppe nach oben, wo es Kleidung gibt. Und ziemlich viel Personal im Vergleich zur Kundenfrequenz. Kaum war ich oben, fiel mir an der hintersten Wand eines Bereiches ein animalisches Muster an einem Mantel auf. Er hing zur Präsentation auf einem Bügel, es gab keine weiteren Exemplare. Ich hoffte sehr, dass mir die Größe passen würde, ich war sofort verliebt. Ganze Filme löste dieses Muster und die Silhouette in mir aus. Ich nahm ihn selbst von der Wand und veschwand in der Kabine, ganz aufgeregt. Der Preis war mir nachrangig. Ein Exponat, das ich in meiner Sammlung haben möchte, mein Leben lang. ich probierte ihn an. Und ich fand ihn für mich gemacht. Das ist keineswegs immer so, dass ich etwas auf dem Bügel sehe und anprobiere und es mir ebenso gefällt. Er war nicht heruntergesetzt, ein neues Modell offenbar, und doch nur eines da. Es war immerhin noch ein Preis im dreistelligen Bereich, nicht einmal fünfhundert Euro. Ich kaufe doch sowieso viel weniger als alle anderen. Das wäre mein kostspieligstes Geschenk, das ich mir mache. Es war eine Freude, Geld dafür auszugeben. Die Damen vom Verkauf überzeugten mich, dass die Kundenkarte vom Lafayette doch noch einen beträchtlichen Nachlass bringen würde, zwanzig Prozent, für diesen ersten Einkauf damit. Ich musste nicht einmal umständlich ein Formular ausfüllen, alles haben die Damen gemacht, sehr charmant und zuvorkommend. Mit der Karte habe ich dann im Untergeschoss zwei Sorten Blanquette de Limoux gekauft, die erhielt ich mit der Karte auch günstiger. Ich verließ das Lafayette durch das Untergeschoss, diese schöne Passage zum Quartier 206 mit dem Art Déco-inspirierten Bodenmosaik aus schwarzem und weißen Marmor, über das zu laufen, mir jedes mal ein sakrales Gefühl verursacht. Es ist erhebend, der Gang durch eine Kathedrale. Damit war das für mich ein Tag mit einem erfüllenden Erlebnis. Der Gottesdienst bestand nicht in profanem Konsum, sondern in hingebungsvoller Würdigung der Kunst, irdische Materialien in Vollendung in eine Form zu fassen, die einen göttlichen Aspekt mit irdischem Sensorium erlebbar macht.


Auf diesen Bildern trage ich nichts von den erstanden Dingen, denn sie entstanden ja davor. Aber ich verbinde auch mit diesen Dingen persönliche Geschichte und Erinnerungen. Die Tasche mit dem Leopardenfell(imitat) begleitete mich 1995 Tag für Tag, auch bei einer Reise nach Paris und sie ist fast auf jedem Foto dieser Reise zu sehen, ich habe sie seit vielen Jahren nicht mehr benutzt, hüte sie aber, und alle Erinnerungen, die damit verbunden sind. Bei dem massiven, goldenen Anhänger, den man für einen Thorshammer halten könnte, der jedoch die Replik eines aztekischen Opfermessers ist, handelt es sich um die Kopie eines Exponats aus dem Museo del Oro in Bogotá, das ich nie sah, doch in Jugendjahren war ich vom Gold der Azteken und Inkas fasziniert, und später hatte ich einen kolumbianischen Liebhaber, der mir diese Kultur noch auf andere Weise näher brachte. Er war sehr an den Mythologien unserer Welt interessiert, nicht nur seiner Herkunftskultur, eine seiner Bibeln war „Die weiße Göttin“ von Ranke-Graves, die er mir auch zum Geburtstag mit einer sehr schönen Widmung überreichte. Wir waren gemeinsam in jener Ausstellung in Berlin auf der Museumsinsel, in der es viele Leihgaben aus dem großen Goldmuseum seiner Heimatstadt gab. Das ist sehr lange her. Etwa Anfang, Mitte der Neunziger Jahre.

Die Schuhe sind noch nicht annähernd so betagt, aber sie haben bereits einen besonderen Wert, weil sie eine besondere Anfertigung sind, da es im Handel solche Schuhe nicht so leicht zu finden gibt, zumal nicht für meine Größe. Es ist selten, dass ein italienischer Hersteller ein Modell für meine Maße produziert. Ich liebe Schuhe aus Lackleder, und diese Schnürschuhe mit der farblich abgesetzen Ledersohle sind besonders fein gearbeitet.

Es sind Dinge fürs Leben.
17. Oktober 2015
Vielleicht doch häufiger Einträge. Ich mag das, wenn gute Schreiber in zeitlicher Dichte posten. Wenn das Potenzial da ist, nehme ich immer eine Zeile oder auch nur eine halbe mit, die mich inspiriert. Spielt keine Rolle, wieviel unveröffentlichtes Bildmaterial auf meiner Festplatte schlummert. Kann sowieso nicht in drei Tagen bewältigt werden. Hingabe ist entscheidend. Nicht etwas aufgreifen, zu dem man gerade nicht die große Liebe hat. Wobei die Liebe manchmal auch mit der Beschäftigung kommt, der Konzentration auf eine Sache. Ich lasse das noch ein bißchen ruhen. Es kommt, wie es kommt, wie es sich bemerkbar macht, nach vorne drängt. In den vergangenen vier Wochen traf ich zweimal auf Vera von Lehndorff. Dabei sind viele Aufnahmen entstanden. Die sie auch gesehen hat. Und mochte. Sogar sehr. Aber das erfuhr ich nicht von ihr selbst, sondern von Holger Trülzsch, ihrem Lebensfreund, der mir vor einer Woche erzählte, dass sie ihm davon erzählte. Freute mich sehr, natürlich. Zumal sie sehr umfangreich in der Reihe zu sehen ist und dafür bekannt ist, dass sie es zwar hinnimmt, bei öffentlichen Gelegenheiten abgelichtet zu werden, sich aber sehr bedeckt hält, wenn sie jemand exclusiv treffen möchte, um sie zu fotografieren. Was mich aber auch nicht so sehr wundert. Mir ginge es ähnlich. Ach was – mir geht es ähnlich. Nur dass ich keine vergleichbare legendäre Historie habe, von den größten Fotografen aller Zeiten eingefangen worden zu sein. Ich wollte gar nicht über Vera Lehndorff schreiben. Fange ich einmal an, gehen sie durch die Gedanken, die Inspirationsfragmente. Was einem so unterschwellig unterläuft. Der immerwährende Subtext des Gedankenstroms. Ich bin ein wenig scheu, jeden Gedankenfetzen, der ein bißchen schillert, zu posten. Oft sind sie auch flüchtig, diese Erscheinungen. So oft beobachte ich Kleinigkeiten in der S-Bahn oder beim Einkaufen. Ich neige zu einer etwas lakonischen Betrachtungsweise der Dinge. Und ich will eigentlich gar nicht so gerne Lakonisches lesen. Das nutzt sich auch ab. Es ist ein bißchen Mode geworden. Wahrscheinlich macht es die richtige Mischung. Ich bin nicht aus Kalkül lakonisch, es ist eher impulsiv. Charakterimmanent. Oder lebensalterbedingt? Ich weiß es nicht genau. Als Mode nutzt es sich jedenfalls ab. Man darf es nicht instrumentalisieren, dann droht Inflation und Langeweile. Mir ging ganz etwas anderes durch den Kopf, als ich gerade zu tippen anfing. Nämlich: ich erinnere ein paar deutliche Bilder aus einem Traum von gestern oder vorgestern. Und immer wenn Bilder sehr deutlich sind, sehr plastisch und gar nicht so sehr phantastisch, sondern nur ein bißchen, bleiben sie mir scheinbar eher haften. Ich habe hier zuhause von der Buchpremiere neulich, von Bov, noch zwei weitere Exemplare des Buches, außer meinem eigenen. Ich würde die gerne weitergeben, verschenken, an jemanden, den es interessiert, der neugierig ist. Ich mailte deshalb kid37 an die mir bekannte Mailadresse, über die wir uns seit Jahr und Tag zum Geburtstag gratulieren und manchmal ein paar persönlichere Zeilen wechseln, fragte ihn, ob er daran Interesse hätte. Ich schob noch eine Mail hinterher, dass es natürlich gratis wäre, also kein Verkaufsangebot, das hatte ich nicht so klar formuliert, in der ersten Mitteilung. Das war vor etwa vier Tagen. Schon sehr ungewöhnlich, über diesen Zeitraum so gar keine Reaktion zu erhalten. Ich begann ein wenig zu grübeln. Ob die Zeiten vorbei sind, wo er diese Mail-Adresse täglich nach Eingängen prüft? (Er hat noch eine andere) Oder ob ich im Spam-Filter gelandet bin? So existenziell wichtig ist es dann auch wieder nicht, dass ich deswegen in Hamburg anrufen würde. Wir telefonieren äußerst selten. Aber dann träumte ich vor etwa zwei Tagen, dass ich mit ihm kommunizierte, ich weiß nicht, ob wir sprachen oder mailten oder skypten (ich skype nicht, weiß aber was das ist). Jedenfalls gab ich ihm noch einmal zur Kenntnis, dass ich ein, zwei Exemplare zu vergeben hätte. Seine Antwort bestand darin, dass er mir die Möglichkeit eröffnete, über ein visuelles Fenster Einblick in seine Wohnung zu nehmen, und nicht nur IN die Wohnung, insbesondere das Wohnzimmer, sondern auch auf den Ausblick aus dem Fenster. Ich erinnerte mich im Traum, dass wir den ja teilweise schon kannten, und dass seine Wohnung in Hamburg am Fluss liegt, ganz nah am Wasser, wo er Boote sehen kann, Ufergestrüpp und etwas, das aussieht wie Schrebergärten. So meine ich es zu erinnern. Jedenfalls öffnete sich ein elliptisch geformter Fokus innerhalb des Bildes, mit weichgezeichneten Rändern, so ähnlich, wie wenn man durch ein Fernglas sieht, und im Fokus erschien eine Hütte, ein Häuschen. Mit Holz verkleidet, wettergegerbt, eine dunkle Hütte. Und kid37 meinte: „Siehst du das? Ich wohne hundert Meter Luftlinie davon entfernt, ich sehe es jeden Tag aus dem Wohnzimmer, warum soll ich da noch ein Buch darüber lesen? Ich habe es dauernd vor der Nase, jeden Tag, ständig!“ Und ich: „Ach…! Da bei dir in Hamburg ist das Auerhaus? Das ist ja wirklich sehr nah.“ Kid37: „Eben!“ Ich verstand natürlich sofort, dass er damit als Adresse für meine zu verschenkenden (übrigens signierten) Exemplare ausfiel. Die Traum-Kamera machte noch einen Schwenk durch sein Wohnzimmer, das mich sehr überraschte. Nicht weil es so durchgestylt war, sondern weil ich gewisse Arrangements so nicht erwartet hätte. Es war ein sehr großer Wohnraum, der etwas dachgeschossartiges hatte. Ich weiß nicht, ob dort schräge Wände sind, aber das Gefühl war so heimelig, wie ich es mit solchen Räumen verbinde. Ich wohne ja selber unter schrägen Wänden. Ich glaube, der Boden war mit Sisal bespannt und es gab kleine Inseln mit Bodenkissen und Tabletts. Besonders ein Tablett fiel mir auf. Ich überlegte, ob ich es ihm überlassen hätte, mir kam es so bekannt vor, aus Schilfblättern geflochten, rechteckig, darauf sehr schöne, sehr polierte Kristallgläser für Wein. Zwei. Sehr einladend. Alles sehr gepflegt. Man hätte sofort ein Fotoshooting machen können. Liebe zum Detail bei allen Gegenständen. Erlesene Gegenstände aus Silber, Kerzenhalter, Schatullen, kleine Preziosen. Dann wurde langsam abgeblendet, der Fokus verkleinerte sich, bis das Bild verschwand. Das war das Letzte, woran ich mich erinnere.
27. September 2015
Sieben Tage. Sieben Lieder. Sieben irreguläre Facebook-Beiträge.
No. 1
21. September 2015
Duke Meyer hatte die lustige Idee, mir (die ich nie irgendwelche Spielchen mitmache) die sieben-Tage-sieben-Lieder-meiner Wahl-Geschichte zuzuschanzen. Wie wir alle, habe auch ich natürlich nicht sieben, sondern siebenhundert Lieblingslieder, aber ich werde mich sieben Stücken widmen, die in diesen Tagen von Bedeutung sind, einige davon sind es auch schon lange oder gar länger. Ich beginne mit einem Song, von dem ich hoffe, dass er auch für Duke und seine Leser/innen eine Entdeckung ist. Tatsächlich höre ich das Lied allen Ernstes nahezu täglich und zwar mehrfach, weil es sich auf meiner aktuellen Lieblingsplaylist befindet. Es ist zu fünfzig Prozent von einem Interpreten, von dem ich noch nie Fan war und es auch nicht werde, zumindest nicht als Sänger oder Musiker, aber in diesem Lied hat er mich komplett überzeugt. Also nichts gegen Campino als Mensch, aber sein sonstiges Oeuvre mit dieser Gruppe mit den karierten Hosen ist nicht mein Ding (tschuldigung – ich bin ÄRZTE!). So, kommen wir nun endlich zu dem Werk. Es ist ein – ja ich möchte sagen – nicht von subtiler Erotik freies Liebeslied, zu dem Wim Wenders ein Video gedreht hat (er ist mit Herrn Campino gut Freund). Die Dame, die da (für mich umwerfend) singt, ist die nicht minder prominente österreichische Schauspielerin Birgit Minichmayr. Man munkelt, die beiden wären seinerzeit ein Paar gewesen. Der Song ist in – ich möchte jetzt nicht sagen „symbiotischer Zusammenarbeit“ zustande gekommen, denn ich war nicht dabei, aber ich spüre da auch so einen Vibe. Ich habe mir das Lied nach ungefähr siebenhundertmal Hören noch nicht überhört, es trifft mich tief. Und es heißt ►Auflösen.

No. 2
22. September 2015
Für Duke. 2/7. Von allen Liedern, die ich von Rio kenne und liebe, geht mir dieses am allermeisten zu Herzen. Ich habe beim Hören schon oft geweint (auf eine schöne Art). Ich weiß (oder glaube), dass dieses zauberhafte Nachtlied von Rio gar nicht so viele kennen. Überhaupt mochte ich ihn am liebsten in den Aufnahmen, wo er alleine daheim am Klavier gespielt hat und dazu gesungen, ganz ohne Studioeffekte. Da hört man sein zartes Gemüt und sein unfassbar großes Talent. Ich mag seine unaffektierte Phrasierung, alles. Und seine Dichtkunst. Ich habe ihn sehr geliebt. (Wie wir alle.) ►Rio Reiser – Frühlingssturm
Ich bin der Nachtwind, hörst du mich?
Ich trage die Fahne, ich frage nicht,
ahne den Morgen, der schmale Streifen
am Horizont zeigt mir den Weg.
Ich bin der Morgenstern, siehst du mich?
Ich küsse die Schlafenden, ich frage nicht,
suche die Blumen, der winzige Tropfen
Silbertau zeigt mir den Weg.
Ich bin die Sonne, fühlst du mich?
ich trockne die Tränen, ich frage nicht,
wecke das Leben, die kleine Knospe
am Apfelbaum zeigt mir den Weg.
Ich bin der Frühlingssturm, kennst du mich?
Ich bringe den Regen, ich frage nicht,
trage die Wünsche, die vergrabene Hoffnung
in deinem Herzen, zeig mir den Weg.

No. 3
23. September 2015
Mein drittes von sieben Liedern ►Rammstein: Frühling in Paris Man hört es ja. Was soll ich sagen. Mit Till Lindemann würde ich notfalls auch äh… Kamillentee trinken.

No. 4
24. September 2015
Hier Nummer Vier: ►Duke Meyer: Wo. Aus einem Blogeintrag, in dem ich beschreibe, was ich mit diesem Song von 2014 und mit Duke verbinde: „(…) Er erinnerte mich ein bißchen an die Sachen von Grace Jones aus den Achtzigern, die wir damals auch gehört hatten. Das Album „Warm Leatherette“ lief rauf und runter, Duke hörte das mindestens genauso oft wie ich, damals. Ich erinnere mich an Abende in Wohngemeinschaftsküchen, wo die Platte lief. Damals hatten wir noch keine CDs. Und er zuckte zum Beat mit seinen langen Gliedmaßen. In seiner Leopardenhose, klopfte mit den beringten und bereiften Händen und Armen den Rhythmus auf den Küchentisch und ich freute mich am Vibrieren…“ Die ganze (sehr persönliche) Geschichte kann man da lesen.

No. 5
25. September 2015
mein 5/7 ►Lou Reed – Modern Dance. Seine Musik hat mein Leben begleitet, seit ich ihn 1980 durch einen jungen Musiker entdeckt hatte, mit dem ich in seinem ersten Auto wilde Fahrten zu wilden Wäldern unternahm und die Fenster waren heruntergekurbelt und im Kassettenrekorder lief die erste Soloplatte von Lou Reed – „Lou Reed“.(vor allem Wild Child hatte es mir angetan). Ich wünschte mir die Platte zum Geburtstag (zum fünfzehnten glaube ich) und hörte sie rund um die Uhr, keine andere mehr. Die Version von „Berlin“ darauf ist die schönste, die ich kenne, sehr intim „In Berlin by the Wall, you were five foot, ten inches tall…it was very nice, oh honey, it was paradise….“) Wenige Zeit danach hörte ich mir die ganzen V.U.-Sachen an und verliebte mich auch noch sehr in John Cale und Nico sowieso. Aber Lou hatte ein eigenständiges Werk, das beinah noch stärker war, unvergleichlich. Und so gut wie ich es kenne, so viel ich gehört habe, in all den Jahren, fünfunddreißig Jahre ist es nun, gibt es einen bestimmten Song, der mich mehr getroffen hat als alle anderen, mehr als Wild Child und Perfect Day und Coney Island Baby, die ich auch sehr liebe – er ist von der Platte Ecstasy aus dem Jahr 2000.
„(…) Or maybe I should get a farm in southern France
where the winds are wispy and the villagers dance
and you and I we’d sleep beneath a moon
moon in June and sleep till noon
And maybe you and I could fall in love
regain the spirit that we once had
you’d let me hold you and touch the night
that shines so bright, so bright with fright
Doin‘ a modern dance…“

No. 6
26. September 2015
6/7 Habe mich verzettelt. Wie soll man sich entscheiden. Ich poste jetzt als Nummer Sechs von Sieben einen Song – oder vielmehr eine Cover-Version, die ich erst vor einer Viertelstunde entdeckt habe, und die mich auf Anhieb begeistert. Die (Grammy-winning) Civil Wars kannte ich schon und auch „Billy Jean“ aber nicht diese Live-Version von den beiden. ►The Civil Wars – Billie Jean

No. 7
27. September 2015
7/7 ►Cosmic/poetrYclub – Widerspruch. Sehr persönlicher Bezug. Sowohl der Text, den Friedrich Rückert schrieb, als auch die Musik von Cosmic, sein Vortrag, der mir ans Herz greift. Aus einer für mich sehr wichtigen Zeit. Die Visuals im Hintergrund waren von mir, ich projezierte und nahm gleichzeitig auf und so entstand dieses Video. Eine Erinnerung an eine Begegnung, die mir neue Horizonte und Möglichkeiten eröffnete. Der Text von Friedrich Rückert war in diesem Moment, als ich die Performance aufnahm, mehr als irgendein Text, den Cosmic vertont hatte. Das hatte er mit vielen von Rückert getan, in diesem Projekt poetrYclub, von dem ich ein Teil wurde. Es war auch ein Ausdruck unserer persönlichen Verbindung. Das war alles sehr bedeutend für mich. Ebenso wichtig wie die Begegnung mit Duke vor mittlerweile fünfunddreißig Jahren. Ein Meilenstein. Damit schließe ich diese kleine Reihe von sieben Liedern.
„Zufrieden sein und klagen ist ein Widerspruch. Getrost sein und verzagen ist ein Widerspruch. Uneinig sein und einig ist nicht einerlei. Sich zanken und vertragen ist ein Widerspruch. In Flucht zu schlagen einen Feind, und von dem Feind zu sein in Flucht geschlagen, ist ein Widerspruch. Zu suchen und zu meiden Eins zu gleicher Zeit. Zu fliehn und nachzujagen ist ein Widerspruch. Zu predigen für taube Ohren ist verkehrt. Und stummen Mund zu fragen ist ein Widerspruch. Sich weise dünken, und unwissend wissen sich, reich, und an Brocken nagen, ist ein Widerspruch. Die Königskrone tragen und den Bettelstab, sich härmen und behagen, ist ein Widerspruch. Doch Stab und Krone trägt mein Herz; und was es härmt, und was ihm mag behagen, ist ein Widerspruch. Unwissend weiß mein Herz, und weise dünkt es sich; Mein Herz, ich muß es sagen, ist ein Widerspruch. Ich pred’ge tauben Ohren, frage stummen Mund; Mein Herz mit seinen Plagen ist ein Widerspruch. Ich such‘ und meide, flieh‘ und jag‘, es schlägt mein Herz, Mein Herz mit seinem Schlagen ist ein Widerspruch. Uneinig ist’s und einig, und verträgt nur Zank; Mein Herz und sein Betragen ist ein Widerspruch. Zufrieden ist’s, und klagt, getrost, und zagt; mein Herz in diesen Frühlingstagen ist ein Widerspruch.“

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17. Oktober 2015
No. 8
(unerfragte Acht/7)
►NUR ZUR ERINNERUNG
Quartär — Tertiär — Kreide — Jura — Trias — Perm — Karbon — Devon — Silur — Ordovizium — Kambrium — Proterozoikum — Archaikum
Hinter den Zähnen, zwischen den Lippen,
Die Zunge küsst hervor das Wort
Als Dreh-, Mittel-, Angelpunkt
Nur zur Erinnerung
Alles muss zurück auf Anfang
Nur zur Erinnerung
Alles muss zurück auf Anfang
Nur zur Erinnerung
Alles muss wieder haut- und haargenau porentief zurück
In die alte Ordnung
Die Ordnung vor der Ordnung
Die tobende warme Ordnung
Ich setz‘ mich zusammen aus Sekundärrohstoffen
Wiederverwertbarem Staub
Zusammengeklaubt aus den Zwischenräumen
Langgereister Staub
Ich setz mich zusammen aus zerstörten Sternen
Linke Hände und das Herz
Aus dem Gold geplatzter Sonnen
Interstellarem Erz
Ich singe das Wort, weit weit weg
Manchmal sogar unbemannt
Manchmal tritt es ein im spitzen Winkel
Verglüht nicht, landet unverbrannt
Alles muss zurück auf Anfang
Nur zur Erinnerung
Alles muss zurück auf Anfang
Nur zur Erinnerung
Alles muss wieder haut- und haargenau porentief zurück
In die alte Ordnung
Die Ordnung vor der Ordnung
Vor, vor, vor, der Ordnung
Ich setz mich neu zusammen
Aus intergalaktischem Müll
Aus verworfenen Ideen
Am billigem, teuren Make-Up
Meinetwegen neonfarbenem Tüll
Den Spiegel zerbrochen
Ohne Vorbild, ungestalt
Die Augen geschlossen
Kein Nachbild mehr
Kein Tod mehr an der Arbeit
Ja.
Blixa Bargeld 2013
17. Oktober 2015
Vielleicht doch häufiger Einträge. Ich mag das, wenn gute Schreiber in zeitlicher Dichte posten. Wenn das Potenzial da ist, nehme ich immer eine Zeile oder auch nur eine halbe mit, die mich inspiriert. Spielt keine Rolle, wieviel unveröffentlichtes Bildmaterial auf meiner Festplatte schlummert. Kann sowieso nicht in drei Tagen bewältigt werden. Hingabe ist entscheidend. Nicht etwas aufgreifen, zu dem man gerade nicht die große Liebe hat. Wobei die Liebe manchmal auch mit der Beschäftigung kommt, der Konzentration auf eine Sache. Ich lasse das noch ein bißchen ruhen. Es kommt, wie es kommt, wie es sich bemerkbar macht, nach vorne drängt. In den vergangenen vier Wochen traf ich zweimal auf Vera von Lehndorff. Dabei sind viele Aufnahmen entstanden. Die sie auch gesehen hat. Und mochte. Sogar sehr. Aber das erfuhr ich nicht von ihr selbst, sondern von Holger Trülzsch, ihrem Lebensfreund, der mir vor einer Woche erzählte, dass sie ihm davon erzählte. Freute mich sehr, natürlich. Zumal sie sehr umfangreich in der Reihe zu sehen ist und dafür bekannt ist, dass sie es zwar hinnimmt, bei öffentlichen Gelegenheiten abgelichtet zu werden, sich aber sehr bedeckt hält, wenn sie jemand exclusiv treffen möchte, um sie zu fotografieren. Was mich aber auch nicht so sehr wundert. Mir ginge es ähnlich. Ach was – mir geht es ähnlich. Nur dass ich keine vergleichbare legendäre Historie habe, von den größten Fotografen aller Zeiten eingefangen worden zu sein. Ich wollte gar nicht über Vera Lehndorff schreiben. Fange ich einmal an, gehen sie durch die Gedanken, die Inspirationsfragmente. Was einem so unterschwellig unterläuft. Der immerwährende Subtext des Gedankenstroms. Ich bin ein wenig scheu, jeden Gedankenfetzen, der ein bißchen schillert, zu posten. Oft sind sie auch flüchtig, diese Erscheinungen. So oft beobachte ich Kleinigkeiten in der S-Bahn oder beim Einkaufen. Ich neige zu einer etwas lakonischen Betrachtungsweise der Dinge. Und ich will eigentlich gar nicht so gerne Lakonisches lesen. Das nutzt sich auch ab. Es ist ein bißchen Mode geworden. Wahrscheinlich macht es die richtige Mischung. Ich bin nicht aus Kalkül lakonisch, es ist eher impulsiv. Charakterimmanent. Oder lebensalterbedingt? Ich weiß es nicht genau. Als Mode nutzt es sich jedenfalls ab. Man darf es nicht instrumentalisieren, dann droht Inflation und Langeweile. Mir ging ganz etwas anderes durch den Kopf, als ich gerade zu tippen anfing. Nämlich: ich erinnere ein paar deutliche Bilder aus einem Traum von gestern oder vorgestern. Und immer wenn Bilder sehr deutlich sind, sehr plastisch und gar nicht so sehr phantastisch, sondern nur ein bißchen, bleiben sie mir scheinbar eher haften. Ich habe hier zuhause von der Buchpremiere neulich, von Bov, noch zwei weitere Exemplare des Buches, außer meinem eigenen. Ich würde die gerne weitergeben, verschenken, an jemanden, den es interessiert, der neugierig ist. Ich mailte deshalb kid37 an die mir bekannte Mailadresse, über die wir uns seit Jahr und Tag zum Geburtstag gratulieren und manchmal ein paar persönlichere Zeilen wechseln, fragte ihn, ob er daran Interesse hätte. Ich schob noch eine Mail hinterher, dass es natürlich gratis wäre, also kein Verkaufsangebot, das hatte ich nicht so klar formuliert, in der ersten Mitteilung. Das war vor etwa vier Tagen. Schon sehr ungewöhnlich, über diesen Zeitraum so gar keine Reaktion zu erhalten. Ich begann ein wenig zu grübeln. Ob die Zeiten vorbei sind, wo er diese Mail-Adresse täglich nach Eingängen prüft? (Er hat noch eine andere) Oder ob ich im Spam-Filter gelandet bin? So existenziell wichtig ist es dann auch wieder nicht, dass ich deswegen in Hamburg anrufen würde. Wir telefonieren äußerst selten. Aber dann träumte ich vor etwa zwei Tagen, dass ich mit ihm kommunizierte, ich weiß nicht, ob wir sprachen oder mailten oder skypten (ich skype nicht, weiß aber was das ist). Jedenfalls gab ich ihm noch einmal zur Kenntnis, dass ich ein, zwei Exemplare zu vergeben hätte. Seine Antwort bestand darin, dass er mir die Möglichkeit eröffnete, über ein visuelles Fenster Einblick in seine Wohnung zu nehmen, und nicht nur IN die Wohnung, insbesondere das Wohnzimmer, sondern auch auf den Ausblick aus dem Fenster. Ich erinnerte mich im Traum, dass wir den ja teilweise schon kannten, und dass seine Wohnung in Hamburg am Fluss liegt, ganz nah am Wasser, wo er Boote sehen kann, Ufergestrüpp und etwas, das aussieht wie Schrebergärten. So meine ich es zu erinnern. Jedenfalls öffnete sich ein elliptisch geformter Fokus innerhalb des Bildes, mit weichgezeichneten Rändern, so ähnlich, wie wenn man durch ein Fernglas sieht, und im Fokus erschien eine Hütte, ein Häuschen. Mit Holz verkleidet, wettergegerbt, eine dunkle Hütte. Und kid37 meinte: „Siehst du das? Ich wohne hundert Meter Luftlinie davon entfernt, ich sehe es jeden Tag aus dem Wohnzimmer, warum soll ich da noch ein Buch darüber lesen? Ich habe es dauernd vor der Nase, jeden Tag, ständig!“ Und ich: „Ach…! Da bei dir in Hamburg ist das Auerhaus? Das ist ja wirklich sehr nah.“ Kid37: „Eben!“ Ich verstand natürlich sofort, dass er damit als Adresse für meine zu verschenkenden (übrigens signierten) Exemplare ausfiel. Die Traum-Kamera machte noch einen Schwenk durch sein Wohnzimmer, das mich sehr überraschte. Nicht weil es so durchgestylt war, sondern weil ich gewisse Arrangements so nicht erwartet hätte. Es war ein sehr großer Wohnraum, der etwas dachgeschossartiges hatte. Ich weiß nicht, ob dort schräge Wände sind, aber das Gefühl war so heimelig, wie ich es mit solchen Räumen verbinde. Ich wohne ja selber unter schrägen Wänden. Ich glaube, der Boden war mit Sisal bespannt und es gab kleine Inseln mit Bodenkissen und Tabletts. Besonders ein Tablett fiel mir auf. Ich überlegte, ob ich es ihm überlassen hätte, mir kam es so bekannt vor, aus Schilfblättern geflochten, rechteckig, darauf sehr schöne, sehr polierte Kristallgläser für Wein. Zwei. Sehr einladend. Alles sehr gepflegt. Man hätte sofort ein Fotoshooting machen können. Liebe zum Detail bei allen Gegenständen. Erlesene Gegenstände aus Silber, Kerzenhalter, Schatullen, kleine Preziosen. Dann wurde langsam abgeblendet, der Fokus verkleinerte sich, bis das Bild verschwand. Das war das Letzte, woran ich mich erinnere.
11. Oktober 2015
Zu tun. Aber Freitag. Ullrich am Zoo. Suche in der Spirituosenabteilung, kein Personal, frage Mitarbeiterin, die zwischen Keks- und Alnatura-Regal herumräumt: „Entschuldigung, ich suche nach etwas Bestimmten in der Spirituosenabteilung, kann es einfach nicht finden, obwohl es eigentlich nicht so was Seltenes ist… und sie sind ja immer sehr gut sortiert – hab schon überall geguckt…- “ Verkäuferin zieht Funksprechgerät aus dem Kittel „Moment!“.- „Hier steht eine junge Frau, die bräuchte mal Hilfe, Gang vier!“ „Ohh… DANKE für die junge Frau!“. Winkt ab: „Nee, dit is nur, wissense – dann kommen die schneller!“
14. Oktober 2015
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Das wird ein Eintrag über einen schönen Abend, aber keine Buchkritik. Ich will ehrlich sein: nicht Bücher treiben mich mit der Kamera vor die Tür. Menschen, Kontakte, Persönlichkeiten. Menschen, Tiere, Sensationen. Aber eines muss ich doch sagen. So kann man ein Buch auch vorstellen. In einem Club, in dem – na gut auch eine Lesebühne stattfndet – aber sonst eher musiziert wird. Und einen Musiker – nein, zwei – einladen. Ich meine gehört zu haben, dass der Musiker Robert Stadlober auch als Schauspieler tätig ist. Ja natürlich – ja – ich weiß es. Das ist eine Art durch die Blume zu sagen, ich nehme ihm den Musiker ab, ich habe ihn gesehen und gehört und es gibt Beweise. Ich finde sogar, dass man das auf den Fotos sehen kann, auch wenn die Tonspur fehlt. Dieser Mensch gibt sich total hin. Und gelesen hat er auch. Aus dem Buch, das ich da noch nicht kannte, nur auszugsweise. Ich sage es ganz unverblümt: ich bin nicht die Zielgruppe für solche Jugenderinnerungen, mich beschäftigen andere Dinge in meiner Gegenwart. Aber EGAL. Also dieser Stadlober. Mit seiner trotzigen Schnute. Ein bißchen arrogant sieht er aus. Könnte man denken.










Tatsächlich glaube ich, er ist hochkonzentriert und fokussiert. Auf Qualität. Hohe Professionalität. Dieser nicht so kleine Raum war in ein blaues Dunkel getaucht, als er gelesen hat, Auszüge – er hat den Text als Hörbuch eingesprochen. Er wurde unsichtbar. Der Text wurde nicht gelesen, er hat etwas erzählt, mit einem maximalen Verzicht auf Effekthascherei, so dass der Effekt auf mich kaum größer hätte sein können. Ich war sehr beeindruckt, wie alles, was er erzählte, in den Vordergrund rückte und ich nicht über die Person Stadlober nachdachte. Das passiert mir nämlich, wenn jemand beim Lesen mit kalkulierten Effekten arbeitet. Ich denke über den Effekt und den Impetus nach und der Text erhält kaum noch Aufmerksamkeit. Bov hat auch gelesen. Und auch das war gut – aber nicht das, was der geniale Sprecher Stadlober auf die Bühne gebracht hat. Wenn ich Bov höre, läuft bei mir ein anderer Film ab, ich denke an ihn als Blogger und als warmherzigen und scharfsinnigen Menschen, und dass wir derselbe Jahrgang sind.


So ein Zeug geht mir durch den Kopf. Dass wir beide seit langem in Berlin Heimat gefunden haben, ultimativ, lange schon. Ich wusste, dass Bovs Buchpremiere einige Blogger locken würde, die ich auch kenne und lange oder länger nicht mehr gesehen habe. Immer wieder gerne sehe. Oder sogar noch nie gesehen habe. Das war auch ein Highlight für mich. Und dass man sich gemeinsam daran freut, wenn jemand aus diesem Kreis sein Buch in den Händen hält. Nicht sein erstes, aber dennoch. Es ist so ein Sympathieding, dass ich da ganz unbedingt hinwollte und ihm ein paar Bilder als Erinnerung schenken. Weil man solche Abende ja nicht jedes Jahr seines Lebens erlebt. Und ich wollte ihn so sympathisch einfangen, wie ich ihn immer erlebe, so selten ich ihn sehe. Das habe ich – glaube ich – hingekriegt. Doch. Isa war extra aus Hamburg gekommen. Und Mek und Modeste waren da. Und Doro und Elvira. Und Katia und Wortschnittchen saßen da, und ruhepuls, die ich noch nie vorher live sah. Es gab gar keinen vorbereiteten Tisch für unseren Autor, um zu signieren, da habe ich kurzerhand einen abgeräumt, der in der Ecke mit Flyern und Postkarten bestückt war, neben den Büchertisch bugsiert und einen Stuhl dazu. Und darauf geachtet, dass er an einer Stelle steht, wo einigermaßen Licht ist, weil ich ja Fotos machen wollte. Und die sollten unbedingt brauchbar werden, denn ich wollte ja der schönen Widmung in meinem Buch gerecht werden. Ehrensache. Danach bin ich trunken heim gelaufen. Invalidenstraße. Gartenstraße. Tor. Kleine August, Joachim. Ich finde Lesungen sollten immer mit Signiertischen und Live-Musik sein. Und so sympathischen Autoren. Und bitte immer auch mit mir.

11. Oktober 2015
Zu tun. Aber Freitag. Ullrich am Zoo. Suche in der Spirituosenabteilung, kein Personal, frage Mitarbeiterin, die zwischen Keks- und Alnatura-Regal herumräumt: „Entschuldigung, ich suche nach etwas Bestimmten in der Spirituosenabteilung, kann es einfach nicht finden, obwohl es eigentlich nicht so was Seltenes ist… und sie sind ja immer sehr gut sortiert – hab schon überall geguckt…- “ Verkäuferin zieht Funksprechgerät aus dem Kittel „Moment!“.- „Hier steht eine junge Frau, die bräuchte mal Hilfe, Gang vier!“ „Ohh… DANKE für die junge Frau!“. Winkt ab: „Nee, dit is nur, wissense – dann kommen die schneller!“
10. Oktober 2015
29. September 2015
Die Wege von flickr sind mitunter auch unergründlich. Seit vorgestern ‚folgt‘ mir ein spanischer Professor für Philosophie, der kein einziges Bild von annähernd 45.000 Fotos in meinem Zugang favorisiert hat. Er kennt niemanden, den ich kenne, soweit eruierbar, postet auf youtube u. a. spanischsprachige Vorträge über Bücher von Sloterdijk. Schon alles sehr seltsam. Würde mich mal interessieren, welche Bilder ihn bewogen haben, meinen Aktivitäten zu folgen. Normalerweise haben solche follower vorangehend irgendeine oder mehrere Aufnahmen gesehen, die sie favorisierten oder gar kommentierten (bei mir selten, weil ich keine community-Pflege betreibe und nur ca. einmal im Jahr irgendein Bild kommentiere). Aber so aus dem Vakuum – schon komisch. Meine häufigsten Favorisierungen bekomme ich übrigens von Fetischisten. Gürtel-Fetischisten um genau zu sein. Da wurde mir erst bewusst, wie viele Bilder ich mit Gürteln gemacht habe. Na ja, auch eine Art Erkenntnis. Wenn man deren Favoriten dann in der Reihe sieht und immer mal wieder mich, könnte man denken, ich wäre meinerseits eine Gürtel-Fetischistin. Ist aber Unfug. Ich finde die nur gut. Wie eben auch Schuhe und gut sitzende Jacken und Mäntel. Und dann gibt es noch so ein paar U.S.-amerikanische (männliche) Fans meines Streams, die ein paar in Germany gesperrte Inhalte begutachten konnten und nun seit Jahren auf mehr hoffen. Tja. Viel Freude beim Warten.
29. September 2015
Das ist so schön gesagt, ich muss es nochmal posten. Den Eintrag vom 25. Februar 2009 copypasten:
»Mit einer Schreibmaschine ist es, als würde man durch Schlamm stapfen. Ein Computer, das ist Eisschnelllauf. Eine gleißende Explosion. Natürlich, wenn man nichts in sich hat, ist es egal, auf was man schreibt.«
Charles Bukowski
29. September 2015
Das ist so schön gesagt, ich muss es nochmal posten. Den Eintrag vom 25. Februar 2009 copypasten:
»Mit einer Schreibmaschine ist es, als würde man durch Schlamm stapfen. Ein Computer, das ist Eisschnelllauf. Eine gleißende Explosion. Natürlich, wenn man nichts in sich hat, ist es egal, auf was man schreibt.«
Charles Bukowski
29. September 2015
Die Wege von flickr sind mitunter auch unergründlich. Seit vorgestern ‚folgt‘ mir ein spanischer Professor für Philosophie, der kein einziges Bild von annähernd 45.000 Fotos in meinem Zugang favorisiert hat. Er kennt niemanden, den ich kenne, soweit eruierbar, postet auf youtube u. a. spanischsprachige Vorträge über Bücher von Sloterdijk. Schon alles sehr seltsam. Würde mich mal interessieren, welche Bilder ihn bewogen haben, meinen Aktivitäten zu folgen. Normalerweise haben solche follower vorangehend irgendeine oder mehrere Aufnahmen gesehen, die sie favorisierten oder gar kommentierten (bei mir selten, weil ich keine community-Pflege betreibe und nur ca. einmal im Jahr irgendein Bild kommentiere). Aber so aus dem Vakuum – schon komisch. Meine häufigsten Favorisierungen bekomme ich übrigens von Fetischisten. Gürtel-Fetischisten um genau zu sein. Da wurde mir erst bewusst, wie viele Bilder ich mit Gürteln gemacht habe. Na ja, auch eine Art Erkenntnis. Wenn man deren Favoriten dann in der Reihe sieht und immer mal wieder mich, könnte man denken, ich wäre meinerseits eine Gürtel-Fetischistin. Ist aber Unfug. Ich finde die nur gut. Wie eben auch Schuhe und gut sitzende Jacken und Mäntel. Und dann gibt es noch so ein paar U.S.-amerikanische (männliche) Fans meines Streams, die ein paar in Germany gesperrte Inhalte begutachten konnten und nun seit Jahren auf mehr hoffen. Tja. Viel Freude beim Warten.
27. September 2015
Sieben Tage. Sieben Lieder. Sieben irreguläre Facebook-Beiträge.
No. 1
21. September 2015
Duke Meyer hatte die lustige Idee, mir (die ich nie irgendwelche Spielchen mitmache) die sieben-Tage-sieben-Lieder-meiner Wahl-Geschichte zuzuschanzen. Wie wir alle, habe auch ich natürlich nicht sieben, sondern siebenhundert Lieblingslieder, aber ich werde mich sieben Stücken widmen, die in diesen Tagen von Bedeutung sind, einige davon sind es auch schon lange oder gar länger. Ich beginne mit einem Song, von dem ich hoffe, dass er auch für Duke und seine Leser/innen eine Entdeckung ist. Tatsächlich höre ich das Lied allen Ernstes nahezu täglich und zwar mehrfach, weil es sich auf meiner aktuellen Lieblingsplaylist befindet. Es ist zu fünfzig Prozent von einem Interpreten, von dem ich noch nie Fan war und es auch nicht werde, zumindest nicht als Sänger oder Musiker, aber in diesem Lied hat er mich komplett überzeugt. Also nichts gegen Campino als Mensch, aber sein sonstiges Oeuvre mit dieser Gruppe mit den karierten Hosen ist nicht mein Ding (tschuldigung – ich bin ÄRZTE!). So, kommen wir nun endlich zu dem Werk. Es ist ein – ja ich möchte sagen – nicht von subtiler Erotik freies Liebeslied, zu dem Wim Wenders ein Video gedreht hat (er ist mit Herrn Campino gut Freund). Die Dame, die da (für mich umwerfend) singt, ist die nicht minder prominente österreichische Schauspielerin Birgit Minichmayr. Man munkelt, die beiden wären seinerzeit ein Paar gewesen. Der Song ist in – ich möchte jetzt nicht sagen „symbiotischer Zusammenarbeit“ zustande gekommen, denn ich war nicht dabei, aber ich spüre da auch so einen Vibe. Ich habe mir das Lied nach ungefähr siebenhundertmal Hören noch nicht überhört, es trifft mich tief. Und es heißt ►Auflösen.

No. 2
22. September 2015
Für Duke. 2/7. Von allen Liedern, die ich von Rio kenne und liebe, geht mir dieses am allermeisten zu Herzen. Ich habe beim Hören schon oft geweint (auf eine schöne Art). Ich weiß (oder glaube), dass dieses zauberhafte Nachtlied von Rio gar nicht so viele kennen. Überhaupt mochte ich ihn am liebsten in den Aufnahmen, wo er alleine daheim am Klavier gespielt hat und dazu gesungen, ganz ohne Studioeffekte. Da hört man sein zartes Gemüt und sein unfassbar großes Talent. Ich mag seine unaffektierte Phrasierung, alles. Und seine Dichtkunst. Ich habe ihn sehr geliebt. (Wie wir alle.) ►Rio Reiser – Frühlingssturm
Ich bin der Nachtwind, hörst du mich?
Ich trage die Fahne, ich frage nicht,
ahne den Morgen, der schmale Streifen
am Horizont zeigt mir den Weg.
Ich bin der Morgenstern, siehst du mich?
Ich küsse die Schlafenden, ich frage nicht,
suche die Blumen, der winzige Tropfen
Silbertau zeigt mir den Weg.
Ich bin die Sonne, fühlst du mich?
ich trockne die Tränen, ich frage nicht,
wecke das Leben, die kleine Knospe
am Apfelbaum zeigt mir den Weg.
Ich bin der Frühlingssturm, kennst du mich?
Ich bringe den Regen, ich frage nicht,
trage die Wünsche, die vergrabene Hoffnung
in deinem Herzen, zeig mir den Weg.

No. 3
23. September 2015
Mein drittes von sieben Liedern ►Rammstein: Frühling in Paris Man hört es ja. Was soll ich sagen. Mit Till Lindemann würde ich notfalls auch äh… Kamillentee trinken.

No. 4
24. September 2015
Hier Nummer Vier: ►Duke Meyer: Wo. Aus einem Blogeintrag, in dem ich beschreibe, was ich mit diesem Song von 2014 und mit Duke verbinde: „(…) Er erinnerte mich ein bißchen an die Sachen von Grace Jones aus den Achtzigern, die wir damals auch gehört hatten. Das Album „Warm Leatherette“ lief rauf und runter, Duke hörte das mindestens genauso oft wie ich, damals. Ich erinnere mich an Abende in Wohngemeinschaftsküchen, wo die Platte lief. Damals hatten wir noch keine CDs. Und er zuckte zum Beat mit seinen langen Gliedmaßen. In seiner Leopardenhose, klopfte mit den beringten und bereiften Händen und Armen den Rhythmus auf den Küchentisch und ich freute mich am Vibrieren…“ Die ganze (sehr persönliche) Geschichte kann man da lesen.

No. 5
25. September 2015
mein 5/7 ►Lou Reed – Modern Dance. Seine Musik hat mein Leben begleitet, seit ich ihn 1980 durch einen jungen Musiker entdeckt hatte, mit dem ich in seinem ersten Auto wilde Fahrten zu wilden Wäldern unternahm und die Fenster waren heruntergekurbelt und im Kassettenrekorder lief die erste Soloplatte von Lou Reed – „Lou Reed“.(vor allem Wild Child hatte es mir angetan). Ich wünschte mir die Platte zum Geburtstag (zum fünfzehnten glaube ich) und hörte sie rund um die Uhr, keine andere mehr. Die Version von „Berlin“ darauf ist die schönste, die ich kenne, sehr intim „In Berlin by the Wall, you were five foot, ten inches tall…it was very nice, oh honey, it was paradise….“) Wenige Zeit danach hörte ich mir die ganzen V.U.-Sachen an und verliebte mich auch noch sehr in John Cale und Nico sowieso. Aber Lou hatte ein eigenständiges Werk, das beinah noch stärker war, unvergleichlich. Und so gut wie ich es kenne, so viel ich gehört habe, in all den Jahren, fünfunddreißig Jahre ist es nun, gibt es einen bestimmten Song, der mich mehr getroffen hat als alle anderen, mehr als Wild Child und Perfect Day und Coney Island Baby, die ich auch sehr liebe – er ist von der Platte Ecstasy aus dem Jahr 2000.
„(…) Or maybe I should get a farm in southern France
where the winds are wispy and the villagers dance
and you and I we’d sleep beneath a moon
moon in June and sleep till noon
And maybe you and I could fall in love
regain the spirit that we once had
you’d let me hold you and touch the night
that shines so bright, so bright with fright
Doin‘ a modern dance…“

No. 6
26. September 2015
6/7 Habe mich verzettelt. Wie soll man sich entscheiden. Ich poste jetzt als Nummer Sechs von Sieben einen Song – oder vielmehr eine Cover-Version, die ich erst vor einer Viertelstunde entdeckt habe, und die mich auf Anhieb begeistert. Die (Grammy-winning) Civil Wars kannte ich schon und auch „Billy Jean“ aber nicht diese Live-Version von den beiden. ►The Civil Wars – Billie Jean

No. 7
27. September 2015
7/7 ►Cosmic/poetrYclub – Widerspruch. Sehr persönlicher Bezug. Sowohl der Text, den Friedrich Rückert schrieb, als auch die Musik von Cosmic, sein Vortrag, der mir ans Herz greift. Aus einer für mich sehr wichtigen Zeit. Die Visuals im Hintergrund waren von mir, ich projezierte und nahm gleichzeitig auf und so entstand dieses Video. Eine Erinnerung an eine Begegnung, die mir neue Horizonte und Möglichkeiten eröffnete. Der Text von Friedrich Rückert war in diesem Moment, als ich die Performance aufnahm, mehr als irgendein Text, den Cosmic vertont hatte. Das hatte er mit vielen von Rückert getan, in diesem Projekt poetrYclub, von dem ich ein Teil wurde. Es war auch ein Ausdruck unserer persönlichen Verbindung. Das war alles sehr bedeutend für mich. Ebenso wichtig wie die Begegnung mit Duke vor mittlerweile fünfunddreißig Jahren. Ein Meilenstein. Damit schließe ich diese kleine Reihe von sieben Liedern.
„Zufrieden sein und klagen ist ein Widerspruch. Getrost sein und verzagen ist ein Widerspruch. Uneinig sein und einig ist nicht einerlei. Sich zanken und vertragen ist ein Widerspruch. In Flucht zu schlagen einen Feind, und von dem Feind zu sein in Flucht geschlagen, ist ein Widerspruch. Zu suchen und zu meiden Eins zu gleicher Zeit. Zu fliehn und nachzujagen ist ein Widerspruch. Zu predigen für taube Ohren ist verkehrt. Und stummen Mund zu fragen ist ein Widerspruch. Sich weise dünken, und unwissend wissen sich, reich, und an Brocken nagen, ist ein Widerspruch. Die Königskrone tragen und den Bettelstab, sich härmen und behagen, ist ein Widerspruch. Doch Stab und Krone trägt mein Herz; und was es härmt, und was ihm mag behagen, ist ein Widerspruch. Unwissend weiß mein Herz, und weise dünkt es sich; Mein Herz, ich muß es sagen, ist ein Widerspruch. Ich pred’ge tauben Ohren, frage stummen Mund; Mein Herz mit seinen Plagen ist ein Widerspruch. Ich such‘ und meide, flieh‘ und jag‘, es schlägt mein Herz, Mein Herz mit seinem Schlagen ist ein Widerspruch. Uneinig ist’s und einig, und verträgt nur Zank; Mein Herz und sein Betragen ist ein Widerspruch. Zufrieden ist’s, und klagt, getrost, und zagt; mein Herz in diesen Frühlingstagen ist ein Widerspruch.“

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26. September 2015
22. September 2015





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Wünsche mir, der Eintrag wäre schon verfasst. Von Zauberhand. Ich möchte lieber Dinge tun, die sich einfach so ergeben. Hier ein Kommentar, dort ein paar Zeilen. Bei einem Freund auf facebook, der mich in ein Spielchen verstrickt, es hat mit Musik zu tun, und da bin ich anfällig, poste auf seiner Pinnwand, oder wie das heißt „oder wie das heißt“ schreibe ich jedesmal, ich kann es mir nicht merken. Sieben Tage, sieben Lieder. Ich kann Duke nichts abschlagen. Ich wählte Auflösen. Mit viel Erklärung. Schon möchte ich jeden kommentierten Buchstaben wieder meinem Blog einverleiben. Es gehört doch alles zusammen. Es ist doch ein Werk. Ein Werk. Ich verstehe das. In beiden Kommentaren zufällig – oder unzufällig ein Bezug zu Wim Wenders. Nein, ist kein Zufall.








Alles schwingt mit und fließt ein, was einen gerade zuletzt beschäftigt hat. So entsteht das Gewebe, das einmalige Muster, die unverwechselbare Textur. Jetzt bin ich bei Wim Wenders, ich habe es geschafft. In diesem Eintrag und mit der Kamera. Seltsam, wie ich noch vor gut vier Wochen davon schrieb, dass ich manchmal so ein Gefühl habe, jemandem zu begegnen, irgendwann. Und nur vier Wochen später war es plötzlich so weit.

Das war kein Hexenwerk. Ich bin ja auch aus eigener Kraft dort hingegangen. Ich sah schon einen Tag vorher, dass die Presseagentin dieselbe Lady war, die ich zufällig an anderer Stelle getroffen hatte und wir hatten uns gut unterhalten. Vera Lehndorff und Holger Trülzsch im Box.Freiraum in Friedrichshain. Dort habe ich unendlich viele Bilder gemacht. Gegen Mitternacht knallte eine Magnum Dom Perignon, Holger Trülzsch hatte Geburtstag und vier Musiker aus Syrien katapultierten uns mit den Klängen einer arabischen Oud, einem Keyboard und zwei Trommeln in eine ferne, verlorene Landschaft. Doch ich komme schon wieder weg von meiner Geschichte. Ich war wieder fasziniert, wie dynamisch Wim Wenders war, obgleich ich ihn nicht zum ersten mal sah. Ich meine seine Bewegungen. Es brauchte bei diesem Anlass keinerlei Rechtfertigung mit der Kamera zu agieren. Ich beobachtete eine Situation im oberen Bereich der Galerie. Ein schwer bewaffneter Fotograf positionierte sich und fokussierte Wim, er nahm geradezu artig eine brauchbare Pose ein. Aber er hielt immer noch eine Bierflasche, die zwangsläufig mit im Fokus gewesen wäre und das Bild zer- oder zumindest gestört hätte. Ich sprang impulsiv ins noch nicht ausgelöste Bild und griff reflexartig, als sei ich die engagierte Assistentin, nach der störenden Flasche und zauberte sie auf den Boden, wo sie nicht mehr das Bild störte. Ich bemerkte knapp erklärend „die Flasche muss weg.“ Wim und der Fotograf waren eine Viertelsekunde perplex und nickten dann zustimmend. Nun konnte es losgehen. Wie kann man das nicht sehen. Ich meine, der Fotograf. Das begreife ich nicht. Dann hielt ich Ausschau nach einem bestimmten Bild, einer Fotografie von ihm, die er bei „Four Corners“ gemacht hatte, jener Ecke, wo die vier US-Bundesstaaten Utah, Arizona, Colorado und New Mexico aufeinandertreffen.






Ich sah das Bild in der online Pressemappe, es war mein liebstes, aber es war nicht in der Ausstellung zu sehen. Gerade kam er wieder vorbei und ich fragte ihn im Vorbeigehen nach jenem Bild, er sagte, dass es nicht dabei sei und ich sah seine innere Verwunderung, dass jemand tatsächlich eine konkrete Aufnahme ansprach. Irgendein Amischlitten in dieser weiten Wüstenlandschaft, in der ich auch einmal war, in dieser Ecke im Südwesten der USA. Auf einem alten Chevrolet oder was auch immer, saß ein Tier… ein Vogel… ein Rabe, eine Krähe? Ich weiß es nicht mehr. Die Presseagentin hatte inzwischen Geburtstagsbescherung. Wir stellten fest, dass wir nur wenige Tage auseinander liegen, vierzehn Tage. Derselbe Jahrgang. Ich mochte die Stimmung um sie und ihre Assistentinnen, besonders Alexandra. Und die bildschöne Tochter. Und dann war da noch das Fiona Bennett-Geschöpf mit der Schleife. Auch so ein Wesen, das das Lächeln, um nicht zu sagen Lachen nicht verlernt hat. Und zuguterletzt Fiona selbst. Noch nie sah ich ein Bild von Fiona Bennett, auf dem sie so flirrend, vibrierend und feurig gewirkt hätte, wie in der Realität. Sie war aber in diesem Moment auch sehr angetan, Wim zu sehen. Die beiden kannten sich. Und weil ich gerade noch so mit den beiden Fionas geflirtet hatte und wir nun bei Wim standen, purzelte es aus mir heraus, zu fragen, ob sie sich kennen (ja, ja!), die Frage war auch halb rhetorisch, und ich bemerkte, dass ich das sehr amüsant fände, weil ich ausgerechnet sie, Fiona immer wieder beim Frühstücken in der Milchbar unten vom Haus, in dem ich wohne, sehe und andererseits gegenüber im Al Contadino eben ihn, also Wim – und dass ich jedesmal denke, dass ich niemals Fotos machen würde, so aus dem Fenster. Und Fiona grinst und ich setzte noch nach „ich SEHE das ja immer alles!“ und Wim guckt erst leicht unwirsch und muss die Information verarbeiten und schüttelt dann den Kopf und macht so „nein, nein…ach! Wieso – ist doch… ach pfh nö, wieso?!“ Fiona Bennett wollte unbedingt von ihrer Assistentin mit Wim fotografiert werden, und da sie mir dauernd so lustig zuzwinkerte, konnte ich die Kamera auch nicht weglegen und Wim ließ sich das alles sehr gerne gefallen. „Aber heute habe ich euch paparazzt.“ versicherte ich, und Fiona freute sich wie eine Schneekönigin. Und Wim fand das auch nicht unamüsant, schien mir. Ein geladener Zirkel hatte dann noch ein Dinner, wo auch immer. Ich hatte mich auch amüsiert und rauschte an der bereits auf dem Hinterhof wartenden Taxikolonne vorbei, auf die Potsdamer Straße, hinein in die Nacht.




22. September 2015





https://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=237555616







Wünsche mir, der Eintrag wäre schon verfasst. Von Zauberhand. Ich möchte lieber Dinge tun, die sich einfach so ergeben. Hier ein Kommentar, dort ein paar Zeilen. Bei einem Freund auf facebook, der mich in ein Spielchen verstrickt, es hat mit Musik zu tun, und da bin ich anfällig, poste auf seiner Pinnwand, oder wie das heißt „oder wie das heißt“ schreibe ich jedesmal, ich kann es mir nicht merken. Sieben Tage, sieben Lieder. Ich kann Duke nichts abschlagen. Ich wählte Auflösen. Mit viel Erklärung. Schon möchte ich jeden kommentierten Buchstaben wieder meinem Blog einverleiben. Es gehört doch alles zusammen. Es ist doch ein Werk. Ein Werk. Ich verstehe das. In beiden Kommentaren zufällig – oder unzufällig ein Bezug zu Wim Wenders. Nein, ist kein Zufall.








Alles schwingt mit und fließt ein, was einen gerade zuletzt beschäftigt hat. So entsteht das Gewebe, das einmalige Muster, die unverwechselbare Textur. Jetzt bin ich bei Wim Wenders, ich habe es geschafft. In diesem Eintrag und mit der Kamera. Seltsam, wie ich noch vor gut vier Wochen davon schrieb, dass ich manchmal so ein Gefühl habe, jemandem zu begegnen, irgendwann. Und nur vier Wochen später war es plötzlich so weit.

Das war kein Hexenwerk. Ich bin ja auch aus eigener Kraft dort hingegangen. Ich sah schon einen Tag vorher, dass die Presseagentin dieselbe Lady war, die ich zufällig an anderer Stelle getroffen hatte und wir hatten uns gut unterhalten. Vera Lehndorff und Holger Trülzsch im Box.Freiraum in Friedrichshain. Dort habe ich unendlich viele Bilder gemacht. Gegen Mitternacht knallte eine Magnum Dom Perignon, Holger Trülzsch hatte Geburtstag und vier Musiker aus Syrien katapultierten uns mit den Klängen einer arabischen Oud, einem Keyboard und zwei Trommeln in eine ferne, verlorene Landschaft. Doch ich komme schon wieder weg von meiner Geschichte. Ich war wieder fasziniert, wie dynamisch Wim Wenders war, obgleich ich ihn nicht zum ersten mal sah. Ich meine seine Bewegungen. Es brauchte bei diesem Anlass keinerlei Rechtfertigung mit der Kamera zu agieren. Ich beobachtete eine Situation im oberen Bereich der Galerie. Ein schwer bewaffneter Fotograf positionierte sich und fokussierte Wim, er nahm geradezu artig eine brauchbare Pose ein. Aber er hielt immer noch eine Bierflasche, die zwangsläufig mit im Fokus gewesen wäre und das Bild zer- oder zumindest gestört hätte. Ich sprang impulsiv ins noch nicht ausgelöste Bild und griff reflexartig, als sei ich die engagierte Assistentin, nach der störenden Flasche und zauberte sie auf den Boden, wo sie nicht mehr das Bild störte. Ich bemerkte knapp erklärend „die Flasche muss weg.“ Wim und der Fotograf waren eine Viertelsekunde perplex und nickten dann zustimmend. Nun konnte es losgehen. Wie kann man das nicht sehen. Ich meine, der Fotograf. Das begreife ich nicht. Dann hielt ich Ausschau nach einem bestimmten Bild, einer Fotografie von ihm, die er bei „Four Corners“ gemacht hatte, jener Ecke, wo die vier US-Bundesstaaten Utah, Arizona, Colorado und New Mexico aufeinandertreffen.






Ich sah das Bild in der online Pressemappe, es war mein liebstes, aber es war nicht in der Ausstellung zu sehen. Gerade kam er wieder vorbei und ich fragte ihn im Vorbeigehen nach jenem Bild, er sagte, dass es nicht dabei sei und ich sah seine innere Verwunderung, dass jemand tatsächlich eine konkrete Aufnahme ansprach. Irgendein Amischlitten in dieser weiten Wüstenlandschaft, in der ich auch einmal war, in dieser Ecke im Südwesten der USA. Auf einem alten Chevrolet oder was auch immer, saß ein Tier… ein Vogel… ein Rabe, eine Krähe? Ich weiß es nicht mehr. Die Presseagentin hatte inzwischen Geburtstagsbescherung. Wir stellten fest, dass wir nur wenige Tage auseinander liegen, vierzehn Tage. Derselbe Jahrgang. Ich mochte die Stimmung um sie und ihre Assistentinnen, besonders Alexandra. Und die bildschöne Tochter. Und dann war da noch das Fiona Bennett-Geschöpf mit der Schleife. Auch so ein Wesen, das das Lächeln, um nicht zu sagen Lachen nicht verlernt hat. Und zuguterletzt Fiona selbst. Noch nie sah ich ein Bild von Fiona Bennett, auf dem sie so flirrend, vibrierend und feurig gewirkt hätte, wie in der Realität. Sie war aber in diesem Moment auch sehr angetan, Wim zu sehen. Die beiden kannten sich. Und weil ich gerade noch so mit den beiden Fionas geflirtet hatte und wir nun bei Wim standen, purzelte es aus mir heraus, zu fragen, ob sie sich kennen (ja, ja!), die Frage war auch halb rhetorisch, und ich bemerkte, dass ich das sehr amüsant fände, weil ich ausgerechnet sie, Fiona immer wieder beim Frühstücken in der Milchbar unten vom Haus, in dem ich wohne, sehe und andererseits gegenüber im Al Contadino eben ihn, also Wim – und dass ich jedesmal denke, dass ich niemals Fotos machen würde, so aus dem Fenster. Und Fiona grinst und ich setzte noch nach „ich SEHE das ja immer alles!“ und Wim guckt erst leicht unwirsch und muss die Information verarbeiten und schüttelt dann den Kopf und macht so „nein, nein…ach! Wieso – ist doch… ach pfh nö, wieso?!“ Fiona Bennett wollte unbedingt von ihrer Assistentin mit Wim fotografiert werden, und da sie mir dauernd so lustig zuzwinkerte, konnte ich die Kamera auch nicht weglegen und Wim ließ sich das alles sehr gerne gefallen. „Aber heute habe ich euch paparazzt.“ versicherte ich, und Fiona freute sich wie eine Schneekönigin. Und Wim fand das auch nicht unamüsant, schien mir. Ein geladener Zirkel hatte dann noch ein Dinner, wo auch immer. Ich hatte mich auch amüsiert und rauschte an der bereits auf dem Hinterhof wartenden Taxikolonne vorbei, auf die Potsdamer Straße, hinein in die Nacht.




13. September 2015
https://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=237555616





Es begab sich, dass ich nach dem Sommerfest am 29. August auf die fb-Seite des Literarischen Colloquiums ging, um zu sehen, ob jemand Bilder gemacht hat. Ich selbst hatte kaum fotografiert, da ich sehr spät kam, als alle Lesungen bereits vorbei waren. Ich kam um zu trinken, zu plaudern und zu tanzen. Zwei Freundinnen, die ich traf, erzählten, dass die Lesung von Ulrich Matthes sehr gut gewesen sei. Ich fragte noch, ob so gut war, WAS er las oder WIE er las (es war wohl ein Kapitel aus tschick von Wolfgang Herrndorf, von dem ich selbst nur das einleitende Kapitel kenne, was ich „nett“ fand, aber nicht packend). Die Antwort war „Es war, WIE er las“. Mir durchaus verständlich, denn ich hatte erst zwei Tage zuvor Gelegenheit gehabt, ihm zwei Stunden in einem Gespräch zuzuhören und mochte seinen für einen Schauspieler auffallend unpathetischen Duktus. Ich hatte ihn aber auch fotografiert, und deswegen schien mir das auch in dieser Hinsicht kein Versäumnis. Ich sah ihn noch draußen auf der Terrasse und erwähnte im Vorbeigehen, dass ich den Link mit den Bildern seiner Agentin gemailt habe. Seine Unterarme sind vermutlich noch nie derart von einer Kamera fokussiert worden. Aber das ist eine andere Geschichte. Als ich ankam, es war schon dunkel – ich rede immer noch vom 29. August, nicht von dem Abend von Alban Nikolai Herbst – spielte eine Gruppe, die ich nicht kannte, Männer im mittleren Alter, in für meinen Geschmack äußerst unattraktiver Bühnenkleidung. Ich ging sogar so weit, den Sänger der Gruppe zu bitten, seinen seltsamen roten Anorak auszuziehen. Es war ein erwachsener Mann, der Ähnlichkeit mit Wondratschek in seinen jüngeren Jahren hatte. Er lächelte nur irritiert und behielt das seltsame Kleidungsstück an. Ich machte kaum Bilder, es ging mir gegen den Strich, ich verlor die Lust, das war mir alles zu unattraktiv. Als mein Akku den Geist aufgab, war ich nicht weiter unglücklich darüber, weil ich auf niemanden traf, den abzulichten, ich als einmalige Gelegenheit empfunden hätte. Als ich auf der facebook-Seite vom LCB war, wollte ich mich nur vergewissern, ob vielleicht vorher, als es noch hell war, interessante Gesichter dabei waren. Das interessanteste war das von Christian Brückner, den man eigentlich bei jedem Sommerfest vom LCB antreffen kann, mein Freund Jan hat ihn fotografiert. Er ist immer ein Bild wert. Aber auch ihn hatte ich schon mehr als ausgiebig abgelichtet, gemeinsam mit Michael Ballhaus. Also nicht so viel versäumt. Als ich eigentlich schon kurz davor war, wieder wegzuklicken, sah ich in der Seitenleiste als kommendes Event vom LCB die Ankündigung einer Lesung von Alban Nikolai Herbst. Mit einem sehr guten Foto von Renate von Mangoldt, die seit Jahrzehnten Schriftsteller portraitiert, insbesondere für das Literarische Colloquium. Selbst, wenn ich nicht im Hinterkopf gehabt hätte, dass es sich um jemanden handelt, der auch bei Twoday schreibt, und zwar ziemlich genauso lange wie ich, seit 2004, hätte mich die Veranstaltung vielleicht nur aufgrund des Bildes von Renate von Mangoldt neugierig gemacht. Es zeigt einen Charakterkopf mit einem amüsierten Ausdruck. Ausgesprochen sympathisch. Mit Bedacht gekleidet, elegant. Also das vollständige Gegenteil der Anorak-Aufmachung des Sängers der Popgruppe da neulich, der nebenbei auch Schriftsteller ist. Mein Impuls war, dass ich diese zufällige Gelegenheit nutzen wollte, mir ein eigenständiges Bild dieses lesenden Autors zu machen, der seit Jahren auf der twoday-Startseite vorkommt, den ich aber – das schreibe ich ganz neutral – zumindest bislang – nicht oder sehr selten lese. Dafür gibt es verschiedene Gründe. Ich habe in den letzten zehn Jahren sehr punktuell quergelesen, vor allem immer wenn twoday abgestürzt ist, war mein erster Impuls zu checken, ob die Vielschreiber mehr wissen oder schon wieder etwas posten konnten. Und da gehört er dazu. Seit langem besuche ich nicht mehr aus anderen Gründen die twoday-Startseite, wo man sieht, wer zuletzt aktualisiert hat. Es ist ein chronologisches Ranking. Damals, als alles anfing, interessierte es mich, neue Blogs zu entdecken, dafür war die Seite gut. Wenn es heute bei meiner Seite hakt, schaue ich als erstes, ob andere auch nicht aufrufbar sind und dann auf diese Startseite, ob womöglich alles zusammengebrochen ist. Er scheint häufig etwas zu überarbeiten, schreibt aber auch annähernd täglich, und ist damit mehr oder weniger dauerhaft auf dieser Startseite. Man kam zu keinem Zeitpunkt daran vorbei, zumindest seine Existenz zur Kenntnis zu nehmen. Inzwischen gibt es immer wieder Abwanderungswellen, von twoday zur eigenen Domain oder anderen Hostern. Er ist jedoch dabei geblieben. Und ich auch. Irgendwo las ich, dass er mit Knallgrau, der Firma in Wien, die twoday betreibt, eine besondere Vereinbarung hat, was die Archivierung seines online-Werks, Die Dschungel angeht. Aber so genau weiß ich es nicht. So sporadisch ich alle paar Jahre ein wenig dort gelesen hatte, fiel mir doch auf, dass vor allem seine Kommentare, die er nicht so häufig wo anders hinterließ (zumindest nicht da, wo ich las), schnell polarisierten. Man konnte den Eindruck gewinnen, dass diejenigen, die sich in die Kommentarstränge verstrickt hatten, mit großer Leidenschaft bei der Sache waren, entweder wurde nahezu ehrfürchtiger Beifall gezollt oder unsachliche Spitzfindigkeiten gepostet. Man könnte fast von einer Hass-Liebe sprechen. Ein Blogger in der Nachbarschaft, der sich nicht als Wald- und Wiesen-Befindlichkeits-Hobby-Blogger präsentiert, sondern als Berufs-Autor, der Teile seines Work in progress veröffentlicht und auf der ganzen Klaviatur fiktionaler Ebenen spielt. Opulent, intensiv, auf vieles Bezug nehmend, was in vorherigen Kapiteln behandelt wurde, mehrere Stränge und Ebenen. Ich merkte recht bald, dass mich diese Vielschichtigkeit der Einträge überfordert. Vor allem zeitlich. Um dem als Leser gerecht zu werden, überhaupt noch etwas beurteilen zu können, aber auch um es zu genießen, müsste ich mich in die Systematik dieser verschiedenen Stränge und ihrer Figuren einarbeiten. Wenn ich das nicht täte, würde ich nur die Hälfte oder weniger begreifen. Man könnte sagen, ich habe aus Respekt vor diesem komplexen, schillernden Werk, darauf verzichtet, mich da einzulesen. Natürlich konnte ich auch ohne die Zusammenhänge zu identifizieren, sehen, dass da jemand eine virtuose Schreibe hat. Letzten Endes begibt man sich als Leser in einen Kosmos, der einen fasziniert, wenigstens in einem einzelnen Asprekt und es wird ein geradezu familiärer Teil des eigenen Lebens. Wenn ich sehr viel Freizeit hätte, wurde ich vielleicht einsteigen. Wer weiß. Egal, was dieses Werk daüberhinaus beinhalten mag, ist für mich auf Anhieb erkennbar, dass es sich um eine Ausnahmeerscheinung handelt, auch was die Interaktion mit Lesern angeht. Eine durchaus faszinierende Ausnahmeerscheinung. Für mich war immer interessant, dass es sich um jemanden zu handeln scheint, der sich nicht hinter seinem Werk versteckt. Es gab Bilder von ihm. Die Erscheinung passte zu dem, was man selbst beim Querlesen frei phantasierend assoziieren konnte und das ist – das dürfen Sie mir glauben – nicht der Regelfall. Ich bin schon aus allen Wolken gefallen, wie manche attraktive Schreibe keine Fortsetzung in der persönlichen Präsenz hatte. Das wollte ich verifizieren, ich hatte auch an dem Abend noch nichts anderes vor. Das war die Vorrede, wie ich überhaupt auf die Idee gekommen bin, dahin zu gehen. Ein bißchen viel Vorrede, möchte ich fast meinen. Das kommt daher, dass ich mir denken könnte, dass es ein paar
Leser gibt, also ich meine jetzt Leser von mir, die zu irgendeinem Zeitpunkt auch in irgendeinen Strang bei oder mit ihm verstrickt waren, denn sonst gäbe es ja keine Motivation, sich irgendwie dezidiert über ihn zu äußern. Wie gesagt – ich bin nicht kompetent, das allumfassend zu beurteilen und zu bewerten, ich werde mich da nicht einarbeiten. Wo ich mich aber durchaus gerne einarbeite, ist ein persönlicher Eindruck. Ein selbstgemachtes Video, in dem jemand etwas liest, zeigt ein Fragment einer Selbstinszenierung. Aufnahmen von anderen zeigen deren Projektion, bei starker Selektion. Wenn man alle Quellen heranzieht, die inszenierten, die gekonnten, die dilettantischen, die Zufallsergebnisse, fügen sich die Teile zu einem Bild, das den kleinsten gemeinsamen Nenner aufzeigt, das Profil.


Ich war also sehr gespannt. Um nicht völlig ahnungslos dazustehen, sah und hörte ich mir bevor ich hinging, einige Sequenzen in Form von Videos und Podcasts an, in denen er auszugsweise aus dem Buch las, das dort erstmalig öffentlich präsentiert wurde, dem Roman „Traumschiff“. Es gibt da einiges online, er verlinkt das auch kontinuierlich, wie ich inzwischen weiß, da ich seit dem letzten Twoday-Absturz wieder einmal auf seiner Seite war und ein wenig rückwärts gelesen habe. Die Rubrik Arbeitsjournal entspricht noch am ehesten dem, was man sich unter einem Weblog vorstellt. Man kann sich da gut einlesen. Ich las also da ein bißchen rückwärts und fand das recht uneitel und nahbar, was da mitgeteilt wurde. Die Passagen aus dem Buch, die ich gehört hatte, waren gut gewählt, alles atmosphärisch dicht, worum es geht, kann man in verschiedenen Rezensionen lesen. Ein Thema, für das man die richtige Jahreszeit seines eigenen Lebens braucht, um es zu genießen und zu würdigen. Wer mein Blog nicht kennt, wird nicht wissen oder ahnen können, dass mir die letzten Dinge, das Gewahrwerden der irdischen Endlichkeit, seit meinem einundzwanzigsten Lebensjahr näher sind, als man sich das gemeinhin wünschen würde. Ich habe das sozusagen studiert. Es ist nicht angstbesetzt und daher auch kein angstbesetzter Impuls, wenn ich – augenblicklich – nicht nach fokussiert letzten Betrachtungen in Romanen Ausschau halte. Doch ich würdige das sehr und verstehe manches. Es ist keine dumme Nichtbeachtung oder mangelnde Tiefsinnigkeit, viel mehr eine Frage der Zeit, will sagen, des richtigen Zeitpunkts, wann ich auf die umfassende Lektüre dieses Romans Lust haben werde.


So kam ich also im Colloquium an, ohne das Buch gelesen zu haben und ohne eine langjährige, umfassend im Thema stehende Dschungel-Leserin zu sein. Ich kam etwas zu spät, ca. zwanzig Minuten nach Acht, und er war schon auf der Bühne, neben ihm eine Moderatorin. Der Saal war bestimmt zu zwei Dritteln, wenn nicht mehr, gefüllt. Es waren bedeutend mehr Gäste gekommen, als er in seinem Arbeitsjournal befürchtet hatte. Ich freute mich für ihn, unbekannterweise. Auf der Bühne saß ein erstaunlich aufgeräumt wirkender Mann in einem hellen Leinenanzug, der viel lächelte und mit großer Aufmerksamkeit und Konzentration die Fragen der jungen Moderatorin beantwortete. Ich versuchte eine Position zu finden, die mir erlaubte Bilder zu machen, die das Gesicht weder mit durchkreuzenden Mikrofonen noch Wasserflaschen beeinträchtigen. Das war ein kleiner Balanceakt, denn ich wollte in der andächtigen absoluten Stille, die nur durch die Bühnenakteure durchbrochen wurde, keine Geräusche durch Schritte und Tritte verursachen, auch niemandem die Sicht nehmen. Durch die beabsichtigte Umsicht hatte ich zum Teil das Gefühl, ich bewegte mich ungewollt besonders umständlich und damit auffällig. Aber es hat immerhin nichts gepoltert. Nur die Stühle quietschten mitunter, wenn sich ein Gast etwas anders hinsetzte als vorher. Da las also mein Blognachbar. Im Übrigen recht gut und mit angenehmer Stimme, und schien gar nicht recht geeignet, Objekt für allertiefste Aversionen werden zu können.

Vielleicht hat er sich ja auch verändert. Ich vermag das alles nicht zu beurteilen. Ich kümmerte mich vor allem darum, Bilder einzufangen, die mir den Eindruck vermitteln, es hätte sich gelohnt hinzugehen. Das fand ich schon beim Fotografieren. Denn auch das Publikum schien mir sehr sympathisch. Weder auf der Bühne, noch im Auditorium konnte ich irgendeinen Kotzbrocken ausmachen. Als die Lesung beendet war, verlangte Herr Herbst nach einem Glas Wein, das er sich anschicken wollte, selbst zu holen. Er hat es also keinesfalls autoritär geordert. Es gibt da diesen kleinen Nebenraum mit der Bar, der direkt zur Terrasse führt. Man holte sich Getränke und kam ein bißchen ins Gespräch. Viele schöne Frauen waren da, einige waren mir besonders aufgefallen. Man unterhielt sich, als wäre es ein eher familiäres Zusammentreffen, nach einer Viertelstunde hatte ich nicht mehr das Gefühl, mit allen unbekannt zu sein und Lust, noch länger zu verweilen. Ich fragte viele der Gäste, was sie hierhin bewegt hatte, und wurde meinerseits gefragt, was mich bewegt hatte. Da konnte ich wahrheitsgemäß erklären, dass wir seit über zehn Jahren, also Zweitausendvier, beide bei twoday schreiben und ich ihn nicht lese und er mich nicht liest und dass das natürlich verbindet. Und dass wir beide nicht abgewandert sind. Und ich nun eben doch einmal neugierig war, was das für ein Mensch ist, dieser Alban Nikolai Herbst. An dem Abend haben wir nur sehr bruchstückhafte Sätze gewechselt, ich erwähnte im Vorbeigehen, dass ich hoffte, dass mein Aktionsradius nicht gestört hat, da ich einen Winkel finden wollte, der mir Bilder ohne Mikros und Wasserflaschen im Gesicht ermöglicht. Er hat mich nicht angeblafft oder blasiert ignoriert, sondern durchaus freundlich gelächelt. Im Gespräch mit anderen hat er weder unbotmäßig die Stimme erhoben, noch sich unnötig wichtig gemacht. Sein Sohn war auch da, ich kam mit ihm, dessen Mama und deren Freundin ins Gespräch, erfuhr aber erst im Verlauf unserer Unterhaltung von dem familiären Zusammenhang.




Ganz gleich, mit wem ich mich unterhielt, es hatte den Anschein, dass es aufrichtig freundschaftliche Gefühle zu dem Autor gibt. Und warum auch nicht. Lange, sehr lange, unterhielt ich mich mit Kevin, einem Autor aus Los Angeles, der seit langem in Berlin lebt. Und last but not least mit Phyllis, die auch noch immer bei twoday ist, mit ihrem tainted talents-Ateliertagebuch. Ich mochte sie sofort. Es war ein wirklich sehr schöner Abend. Die bis zum Schluss blieben, sortierten sich nach „fahre mit der S-Bahn“ und „nicht“. Ich fuhr auch mit der S-Bahn, Richtung Osten. Meine Kamera machte noch ein paar Bilder, die ich trunken, wie ich war, nicht ganz beabsichtigt hatte, aber dennoch sind ein paar Aufnahmen dabei, die ich zu schade zum Wegwerfen finde. Das war also dieser Abend mit der Lesung und wie das alles kam. Und kaufen Sie gerne das Traumschiff-Buch. Es ist ein gutes Buch. Und es ist ein guter Autor. Und sympathisch dazu. Ich vermute, dass statistische Erhebungen zutage fördern würden, dass seine unerbittlichsten Kritiker noch keine Gelegenheit zu einer persönlichen Begegnung hatten. Holen Sie das doch einfach nach.


17. September 2015
Meryl Streep (66) gets Guitar Lesson from Neil Young (69).
15. September 2015
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Youkali Tango. Kurt Weill. Höre ich sehr oft. Es gehört zu einer Wiedergabeliste, die ich sehr oft höre. In der Liste ist auch High Voltage Queen. Und Sing. Und Summertime. Und Libertango. Und Sunday Lover. Und Fang mich an. Und Folle de toi. Und Anybody seen my baby. Und Wo. Und Steine. Und Auflösen. Und Breakdown. Und Erinnert. Und The Music Played. (Nicht von Kurt Weill.) Als es nur wenige Tage zu meinem Geburtstag war, wollte ich den countdown mit einer dichteren Bildfolge festhalten. Es ist sehr lange her, dass über einen gewissen Zeitraum nahezu oder sogar täglich Bilder von mir entstanden sind. Ich hatte mehr Zeit als sonst und wollte mir in Bildern vorführen, wie ich diese vermeintliche Klippe umschiffe. Es war nicht einmal ein kleines Korallenriff und schon gar kein Eisberg. Fünf Tage im schönen Alter von neunundvierzig lagen noch vor mir. Ich habe sie auch gut verbracht und wertgeschätzt. Aber als die fünf Tage vorbei waren, ging es natürlich innerhalb von Stunden schnell bergab. Man macht sich keine Vorstellung.



Kaum ist man fünfzig, geht es los. Man kann auf die Uhr schauen. Morgens beim Aufwachen schmerzen die Knochen, man kommt praktisch kaum noch ohne Hilfe aus dem Bett. Aufgrund der starken Eintrübung der Sehfähigkeit tapert man halb blind ins Badezimmer, wo man größte Schwierigkeiten hat, die Duschwanne zu finden, geschweige denn zu überwinden. Über Nacht verlieren die Haare die natürliche Pigmentierung und fallen aus. Der Stoffwechsel ist annähernd eingestellt. Man sitzt den ganzen Tag herum und stiert unmotiviert aus dem Fenster und hat keine Pläne mehr. Man ist alt. Die Leute (Männer sowieso) bemitleiden einen oder nehmen keine Notiz mehr von einem. So ist es ab fünfzig. Man gehört zum alten Eisen. Ein Neutrum dazu. Früher war man Frau, nun ist man Seniorin. So ist das. So hat man es immer befürchtet. Auftakt zu einem geschlechtslosen Dasein.

Na gut, vielleicht habe ich jetzt doch ein wenig übertrieben. Ich hatte jetzt ja zwei Wochen Zeit, mich mit dem neuen Lebensabschnitt, dem Eintritt in das sechste Lebensjahrzehnt zu arrangieren. Ich kann keine Tipps geben, außer dass man sich ungeniert mit den Tatsachen konfrontieren sollte. Alles stimmt, was ich geschrieben habe, aber zum Glück in weitaus geringerem Ausmaß. Wenn man es geschickt anstellt, lassen sich die sehr einschränkenden Alterserscheinungen sicher noch ein bis drei Jahrzehnte hinauszögern. Ich bin noch nicht bereit für die Alters- oder Wechseljahre-Depression, falls sie überhaupt an die Tür klopft. Vielleicht ist es ja so ähnlich wie mit manchen Drogen, die die Grundstimmung verstärken, herausarbeiten. Es wurde immer empfohlen, keine LSD-Experimente zu machen, wenn die psychische Konstitution labil ist oder zur Depression tendiert. Nur Gras rauchen, wenn es einem halbwegs gut geht, sonst mentaler Einbruch. Ich bin bis jetzt sehr gerne Fünfzig. Vielleicht sind die schwersten Prüfungen vom Schicksalsgott in meinem Fall in die erste Lebenshälfte gestopft worden und jetzt bin ich endlich dran.

Ein paar Sachen gehen ja noch. Und man sollte sowieso immer in Übung bleiben. Mit allem. Überhaupt mit allem. Außer vielleicht Kinderkriegen. Nicht alles, was man abhaken muss, ist eine Tragödie. Tragisch sind nur zwanghafte Vorstellungen über die eigene Person und was man meint, das einem im Leben zusteht. Das ist doch das ganze Drama. Ich hatte gerade ein interessantes Erlebnis, was Verzicht und Belohnung angeht. Geradezu mysteriös. Aber ich kann daraus kein Gesetz ableiten. Das erzähle ich aber ein andermal, es ist spät, ich brauche meinen Schönheitsschlaf, damit ich auf Siebenundvierzig geschätzt werde.

14. September 2015

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Kopiert aus dem Eintrag von gestern. „(…)hatte kaum fotografiert, da ich sehr spät kam, als alle Lesungen bereits vorbei waren. Ich kam, um zu trinken, zu plaudern und zu tanzen. Zwei Freundinnen, die ich traf, erzählten, dass die Lesung von Ulrich Matthes sehr gut gewesen sei. Ich fragte noch, ob so gut war, WAS er las oder WIE er las (es war wohl ein Kapitel aus tschick von Wolfgang Herrndorf, von dem ich selbst nur das einleitende Kapitel kenne, was ich „nett“ fand, aber nicht packend). Die Antwort war „Es war, WIE er las“. Mir durchaus verständlich (…) Ich sah ihn noch draußen auf der Terrasse (…) Als ich ankam, es war schon dunkel (…) spielte eine Gruppe, die ich nicht kannte, Männer im mittleren Alter, in für meinen Geschmack äußerst unattraktiver Bühnenkleidung. Ich ging sogar so weit, den Sänger der Gruppe zu bitten, seinen seltsamen roten Anorak auszuziehen. Es war ein erwachsener Mann, der Ähnlichkeit mit Wondratschek in seinen jüngeren Jahren hatte. Er lächelte nur irritiert und behielt das seltsame Kleidungsstück an. Ich machte kaum Bilder, es ging mir gegen den Strich, ich verlor die Lust, das war mir alles zu unattraktiv. Als mein Akku den Geist aufgab, war ich nicht weiter unglücklich darüber, weil ich auf niemanden traf, den abzulichten, ich als einmalige Gelegenheit empfunden hätte.“ Aber das wilde Tanzen im Kaminsaal war es wert. Ina und Ann und sogar Jan. Ich wusste gar nicht, dass ich so leicht animierbar bin, wenn jemand einen starken Impuls in der Richtung hat. Besinnungslos, ohne Verstand. Wird ja auch nicht gebraucht beim Tanzen. Ich war gar nicht unten am See, es war auch schon dunkel. Ich erwähne nicht, wie die Gruppe hieß, die auf der Terrasse spielte. Handwerklich solide, auch die Texte, aber zu nett, zu geplätschert, da tat nichts weh. Braucht man nicht verlinken oder erwähnen. Hat auch einen fürchterlichen Namen. Bandnamen sind wichtig. Gar nicht so leicht, einen zu finden, der nicht peinlich oder gewollt originell klingt. Aber nicht mein Problem. Egal. Erwähnenswert scheint mir etwas völlig anderes. Es fällt mir zunehmend auf, wie viele (auch mir bekannte) Menschen bei diversen Events auf facebook auf „going“ klicken, anstatt auf „maybe“ oder „can’t go“ und dann in keinster Weise erscheinen.


Verstehe ich nicht. So wenig Überblick über den Terminkalender und die virtuellen Aktivitäten? (Pseudo)Aktivitäts-Aktionismus? Wenn ich bei einem Event angebe, ich gehe hin, ist das sicher wie das Amen in der Kirche. Wenn auch manchmal sehr spät. Und wenn mir etwas querliegt, ändere ich die Angabe. Na ja. Mir fehlt da vielleicht der Spieltrieb und ich nehme das alles so ernst und verbindlich, wie ich es handhabe. Oder diejenigen, die ich nicht sehe, haben einen anderen Biorhythmus als ich und kommen zur Kaffeestunde, wenn sich ein Nachtfalter wie ich noch nicht einmal die Wimpern getuscht hat, geschweige denn, etwas angezogen.



13. September 2015
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Es begab sich, dass ich nach dem Sommerfest am 29. August auf die fb-Seite des Literarischen Colloquiums ging, um zu sehen, ob jemand Bilder gemacht hat. Ich selbst hatte kaum fotografiert, da ich sehr spät kam, als alle Lesungen bereits vorbei waren. Ich kam um zu trinken, zu plaudern und zu tanzen. Zwei Freundinnen, die ich traf, erzählten, dass die Lesung von Ulrich Matthes sehr gut gewesen sei. Ich fragte noch, ob so gut war, WAS er las oder WIE er las (es war wohl ein Kapitel aus tschick von Wolfgang Herrndorf, von dem ich selbst nur das einleitende Kapitel kenne, was ich „nett“ fand, aber nicht packend). Die Antwort war „Es war, WIE er las“. Mir durchaus verständlich, denn ich hatte erst zwei Tage zuvor Gelegenheit gehabt, ihm zwei Stunden in einem Gespräch zuzuhören und mochte seinen für einen Schauspieler auffallend unpathetischen Duktus. Ich hatte ihn aber auch fotografiert, und deswegen schien mir das auch in dieser Hinsicht kein Versäumnis. Ich sah ihn noch draußen auf der Terrasse und erwähnte im Vorbeigehen, dass ich den Link mit den Bildern seiner Agentin gemailt habe. Seine Unterarme sind vermutlich noch nie derart von einer Kamera fokussiert worden. Aber das ist eine andere Geschichte. Als ich ankam, es war schon dunkel – ich rede immer noch vom 29. August, nicht von dem Abend von Alban Nikolai Herbst – spielte eine Gruppe, die ich nicht kannte, Männer im mittleren Alter, in für meinen Geschmack äußerst unattraktiver Bühnenkleidung. Ich ging sogar so weit, den Sänger der Gruppe zu bitten, seinen seltsamen roten Anorak auszuziehen. Es war ein erwachsener Mann, der Ähnlichkeit mit Wondratschek in seinen jüngeren Jahren hatte. Er lächelte nur irritiert und behielt das seltsame Kleidungsstück an. Ich machte kaum Bilder, es ging mir gegen den Strich, ich verlor die Lust, das war mir alles zu unattraktiv. Als mein Akku den Geist aufgab, war ich nicht weiter unglücklich darüber, weil ich auf niemanden traf, den abzulichten, ich als einmalige Gelegenheit empfunden hätte. Als ich auf der facebook-Seite vom LCB war, wollte ich mich nur vergewissern, ob vielleicht vorher, als es noch hell war, interessante Gesichter dabei waren. Das interessanteste war das von Christian Brückner, den man eigentlich bei jedem Sommerfest vom LCB antreffen kann, mein Freund Jan hat ihn fotografiert. Er ist immer ein Bild wert. Aber auch ihn hatte ich schon mehr als ausgiebig abgelichtet, gemeinsam mit Michael Ballhaus. Also nicht so viel versäumt. Als ich eigentlich schon kurz davor war, wieder wegzuklicken, sah ich in der Seitenleiste als kommendes Event vom LCB die Ankündigung einer Lesung von Alban Nikolai Herbst. Mit einem sehr guten Foto von Renate von Mangoldt, die seit Jahrzehnten Schriftsteller portraitiert, insbesondere für das Literarische Colloquium. Selbst, wenn ich nicht im Hinterkopf gehabt hätte, dass es sich um jemanden handelt, der auch bei Twoday schreibt, und zwar ziemlich genauso lange wie ich, seit 2004, hätte mich die Veranstaltung vielleicht nur aufgrund des Bildes von Renate von Mangoldt neugierig gemacht. Es zeigt einen Charakterkopf mit einem amüsierten Ausdruck. Ausgesprochen sympathisch. Mit Bedacht gekleidet, elegant. Also das vollständige Gegenteil der Anorak-Aufmachung des Sängers der Popgruppe da neulich, der nebenbei auch Schriftsteller ist. Mein Impuls war, dass ich diese zufällige Gelegenheit nutzen wollte, mir ein eigenständiges Bild dieses lesenden Autors zu machen, der seit Jahren auf der twoday-Startseite vorkommt, den ich aber – das schreibe ich ganz neutral – zumindest bislang – nicht oder sehr selten lese. Dafür gibt es verschiedene Gründe. Ich habe in den letzten zehn Jahren sehr punktuell quergelesen, vor allem immer wenn twoday abgestürzt ist, war mein erster Impuls zu checken, ob die Vielschreiber mehr wissen oder schon wieder etwas posten konnten. Und da gehört er dazu. Seit langem besuche ich nicht mehr aus anderen Gründen die twoday-Startseite, wo man sieht, wer zuletzt aktualisiert hat. Es ist ein chronologisches Ranking. Damals, als alles anfing, interessierte es mich, neue Blogs zu entdecken, dafür war die Seite gut. Wenn es heute bei meiner Seite hakt, schaue ich als erstes, ob andere auch nicht aufrufbar sind und dann auf diese Startseite, ob womöglich alles zusammengebrochen ist. Er scheint häufig etwas zu überarbeiten, schreibt aber auch annähernd täglich, und ist damit mehr oder weniger dauerhaft auf dieser Startseite. Man kam zu keinem Zeitpunkt daran vorbei, zumindest seine Existenz zur Kenntnis zu nehmen. Inzwischen gibt es immer wieder Abwanderungswellen, von twoday zur eigenen Domain oder anderen Hostern. Er ist jedoch dabei geblieben. Und ich auch. Irgendwo las ich, dass er mit Knallgrau, der Firma in Wien, die twoday betreibt, eine besondere Vereinbarung hat, was die Archivierung seines online-Werks, Die Dschungel angeht. Aber so genau weiß ich es nicht. So sporadisch ich alle paar Jahre ein wenig dort gelesen hatte, fiel mir doch auf, dass vor allem seine Kommentare, die er nicht so häufig wo anders hinterließ (zumindest nicht da, wo ich las), schnell polarisierten. Man konnte den Eindruck gewinnen, dass diejenigen, die sich in die Kommentarstränge verstrickt hatten, mit großer Leidenschaft bei der Sache waren, entweder wurde nahezu ehrfürchtiger Beifall gezollt oder unsachliche Spitzfindigkeiten gepostet. Man könnte fast von einer Hass-Liebe sprechen. Ein Blogger in der Nachbarschaft, der sich nicht als Wald- und Wiesen-Befindlichkeits-Hobby-Blogger präsentiert, sondern als Berufs-Autor, der Teile seines Work in progress veröffentlicht und auf der ganzen Klaviatur fiktionaler Ebenen spielt. Opulent, intensiv, auf vieles Bezug nehmend, was in vorherigen Kapiteln behandelt wurde, mehrere Stränge und Ebenen. Ich merkte recht bald, dass mich diese Vielschichtigkeit der Einträge überfordert. Vor allem zeitlich. Um dem als Leser gerecht zu werden, überhaupt noch etwas beurteilen zu können, aber auch um es zu genießen, müsste ich mich in die Systematik dieser verschiedenen Stränge und ihrer Figuren einarbeiten. Wenn ich das nicht täte, würde ich nur die Hälfte oder weniger begreifen. Man könnte sagen, ich habe aus Respekt vor diesem komplexen, schillernden Werk, darauf verzichtet, mich da einzulesen. Natürlich konnte ich auch ohne die Zusammenhänge zu identifizieren, sehen, dass da jemand eine virtuose Schreibe hat. Letzten Endes begibt man sich als Leser in einen Kosmos, der einen fasziniert, wenigstens in einem einzelnen Asprekt und es wird ein geradezu familiärer Teil des eigenen Lebens. Wenn ich sehr viel Freizeit hätte, wurde ich vielleicht einsteigen. Wer weiß. Egal, was dieses Werk daüberhinaus beinhalten mag, ist für mich auf Anhieb erkennbar, dass es sich um eine Ausnahmeerscheinung handelt, auch was die Interaktion mit Lesern angeht. Eine durchaus faszinierende Ausnahmeerscheinung. Für mich war immer interessant, dass es sich um jemanden zu handeln scheint, der sich nicht hinter seinem Werk versteckt. Es gab Bilder von ihm. Die Erscheinung passte zu dem, was man selbst beim Querlesen frei phantasierend assoziieren konnte und das ist – das dürfen Sie mir glauben – nicht der Regelfall. Ich bin schon aus allen Wolken gefallen, wie manche attraktive Schreibe keine Fortsetzung in der persönlichen Präsenz hatte. Das wollte ich verifizieren, ich hatte auch an dem Abend noch nichts anderes vor. Das war die Vorrede, wie ich überhaupt auf die Idee gekommen bin, dahin zu gehen. Ein bißchen viel Vorrede, möchte ich fast meinen. Das kommt daher, dass ich mir denken könnte, dass es ein paar
Leser gibt, also ich meine jetzt Leser von mir, die zu irgendeinem Zeitpunkt auch in irgendeinen Strang bei oder mit ihm verstrickt waren, denn sonst gäbe es ja keine Motivation, sich irgendwie dezidiert über ihn zu äußern. Wie gesagt – ich bin nicht kompetent, das allumfassend zu beurteilen und zu bewerten, ich werde mich da nicht einarbeiten. Wo ich mich aber durchaus gerne einarbeite, ist ein persönlicher Eindruck. Ein selbstgemachtes Video, in dem jemand etwas liest, zeigt ein Fragment einer Selbstinszenierung. Aufnahmen von anderen zeigen deren Projektion, bei starker Selektion. Wenn man alle Quellen heranzieht, die inszenierten, die gekonnten, die dilettantischen, die Zufallsergebnisse, fügen sich die Teile zu einem Bild, das den kleinsten gemeinsamen Nenner aufzeigt, das Profil.


Ich war also sehr gespannt. Um nicht völlig ahnungslos dazustehen, sah und hörte ich mir bevor ich hinging, einige Sequenzen in Form von Videos und Podcasts an, in denen er auszugsweise aus dem Buch las, das dort erstmalig öffentlich präsentiert wurde, dem Roman „Traumschiff“. Es gibt da einiges online, er verlinkt das auch kontinuierlich, wie ich inzwischen weiß, da ich seit dem letzten Twoday-Absturz wieder einmal auf seiner Seite war und ein wenig rückwärts gelesen habe. Die Rubrik Arbeitsjournal entspricht noch am ehesten dem, was man sich unter einem Weblog vorstellt. Man kann sich da gut einlesen. Ich las also da ein bißchen rückwärts und fand das recht uneitel und nahbar, was da mitgeteilt wurde. Die Passagen aus dem Buch, die ich gehört hatte, waren gut gewählt, alles atmosphärisch dicht, worum es geht, kann man in verschiedenen Rezensionen lesen. Ein Thema, für das man die richtige Jahreszeit seines eigenen Lebens braucht, um es zu genießen und zu würdigen. Wer mein Blog nicht kennt, wird nicht wissen oder ahnen können, dass mir die letzten Dinge, das Gewahrwerden der irdischen Endlichkeit, seit meinem einundzwanzigsten Lebensjahr näher sind, als man sich das gemeinhin wünschen würde. Ich habe das sozusagen studiert. Es ist nicht angstbesetzt und daher auch kein angstbesetzter Impuls, wenn ich – augenblicklich – nicht nach fokussiert letzten Betrachtungen in Romanen Ausschau halte. Doch ich würdige das sehr und verstehe manches. Es ist keine dumme Nichtbeachtung oder mangelnde Tiefsinnigkeit, viel mehr eine Frage der Zeit, will sagen, des richtigen Zeitpunkts, wann ich auf die umfassende Lektüre dieses Romans Lust haben werde.


So kam ich also im Colloquium an, ohne das Buch gelesen zu haben und ohne eine langjährige, umfassend im Thema stehende Dschungel-Leserin zu sein. Ich kam etwas zu spät, ca. zwanzig Minuten nach Acht, und er war schon auf der Bühne, neben ihm eine Moderatorin. Der Saal war bestimmt zu zwei Dritteln, wenn nicht mehr, gefüllt. Es waren bedeutend mehr Gäste gekommen, als er in seinem Arbeitsjournal befürchtet hatte. Ich freute mich für ihn, unbekannterweise. Auf der Bühne saß ein erstaunlich aufgeräumt wirkender Mann in einem hellen Leinenanzug, der viel lächelte und mit großer Aufmerksamkeit und Konzentration die Fragen der jungen Moderatorin beantwortete. Ich versuchte eine Position zu finden, die mir erlaubte Bilder zu machen, die das Gesicht weder mit durchkreuzenden Mikrofonen noch Wasserflaschen beeinträchtigen. Das war ein kleiner Balanceakt, denn ich wollte in der andächtigen absoluten Stille, die nur durch die Bühnenakteure durchbrochen wurde, keine Geräusche durch Schritte und Tritte verursachen, auch niemandem die Sicht nehmen. Durch die beabsichtigte Umsicht hatte ich zum Teil das Gefühl, ich bewegte mich ungewollt besonders umständlich und damit auffällig. Aber es hat immerhin nichts gepoltert. Nur die Stühle quietschten mitunter, wenn sich ein Gast etwas anders hinsetzte als vorher. Da las also mein Blognachbar. Im Übrigen recht gut und mit angenehmer Stimme, und schien gar nicht recht geeignet, Objekt für allertiefste Aversionen werden zu können.

Vielleicht hat er sich ja auch verändert. Ich vermag das alles nicht zu beurteilen. Ich kümmerte mich vor allem darum, Bilder einzufangen, die mir den Eindruck vermitteln, es hätte sich gelohnt hinzugehen. Das fand ich schon beim Fotografieren. Denn auch das Publikum schien mir sehr sympathisch. Weder auf der Bühne, noch im Auditorium konnte ich irgendeinen Kotzbrocken ausmachen. Als die Lesung beendet war, verlangte Herr Herbst nach einem Glas Wein, das er sich anschicken wollte, selbst zu holen. Er hat es also keinesfalls autoritär geordert. Es gibt da diesen kleinen Nebenraum mit der Bar, der direkt zur Terrasse führt. Man holte sich Getränke und kam ein bißchen ins Gespräch. Viele schöne Frauen waren da, einige waren mir besonders aufgefallen. Man unterhielt sich, als wäre es ein eher familiäres Zusammentreffen, nach einer Viertelstunde hatte ich nicht mehr das Gefühl, mit allen unbekannt zu sein und Lust, noch länger zu verweilen. Ich fragte viele der Gäste, was sie hierhin bewegt hatte, und wurde meinerseits gefragt, was mich bewegt hatte. Da konnte ich wahrheitsgemäß erklären, dass wir seit über zehn Jahren, also Zweitausendvier, beide bei twoday schreiben und ich ihn nicht lese und er mich nicht liest und dass das natürlich verbindet. Und dass wir beide nicht abgewandert sind. Und ich nun eben doch einmal neugierig war, was das für ein Mensch ist, dieser Alban Nikolai Herbst. An dem Abend haben wir nur sehr bruchstückhafte Sätze gewechselt, ich erwähnte im Vorbeigehen, dass ich hoffte, dass mein Aktionsradius nicht gestört hat, da ich einen Winkel finden wollte, der mir Bilder ohne Mikros und Wasserflaschen im Gesicht ermöglicht. Er hat mich nicht angeblafft oder blasiert ignoriert, sondern durchaus freundlich gelächelt. Im Gespräch mit anderen hat er weder unbotmäßig die Stimme erhoben, noch sich unnötig wichtig gemacht. Sein Sohn war auch da, ich kam mit ihm, dessen Mama und deren Freundin ins Gespräch, erfuhr aber erst im Verlauf unserer Unterhaltung von dem familiären Zusammenhang.




Ganz gleich, mit wem ich mich unterhielt, es hatte den Anschein, dass es aufrichtig freundschaftliche Gefühle zu dem Autor gibt. Und warum auch nicht. Lange, sehr lange, unterhielt ich mich mit Kevin, einem Autor aus Los Angeles, der seit langem in Berlin lebt. Und last but not least mit Phyllis, die auch noch immer bei twoday ist, mit ihrem tainted talents-Ateliertagebuch. Ich mochte sie sofort. Es war ein wirklich sehr schöner Abend. Die bis zum Schluss blieben, sortierten sich nach „fahre mit der S-Bahn“ und „nicht“. Ich fuhr auch mit der S-Bahn, Richtung Osten. Meine Kamera machte noch ein paar Bilder, die ich trunken, wie ich war, nicht ganz beabsichtigt hatte, aber dennoch sind ein paar Aufnahmen dabei, die ich zu schade zum Wegwerfen finde. Das war also dieser Abend mit der Lesung und wie das alles kam. Und kaufen Sie gerne das Traumschiff-Buch. Es ist ein gutes Buch. Und es ist ein guter Autor. Und sympathisch dazu. Ich vermute, dass statistische Erhebungen zutage fördern würden, dass seine unerbittlichsten Kritiker noch keine Gelegenheit zu einer persönlichen Begegnung hatten. Holen Sie das doch einfach nach.


11. September 2015
11. September 2015
11. September 2015
11. September 2015
07. September 2015

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Freitag, vierter September. Nachmittags um vier. In Charlottenburg, in der Galerie von Johanna Breede. Sie zeigt Bilder von Sheila Rock und Beat Presser. Was für Namen. Rock und Beat. Auch wenn man selbst viel fotografiert und viel gesehen hat, kennt man nicht jeden bemerkenswerten Fotografen, nicht jede bemerkenswerte Fotografin. Das kann man alles gar nicht schaffen, bewältigen. Ich bin ja keine Kuratorin, die dafür bezahlt wird, sich da auszukennen. Es sind Zufälle, dass ich das erfahre, einen Termin mitbekomme. Manchmal Verteiler, in denen ich bin, manchmal weitergeleitete Infos, oft durch Jan, wofür ich dankbar bin. Ich renne nicht in jede Ausstellung, aber wenn ich das Gesicht eines Fotografen sehe – oder einer Fotografin – kann es unabhängig von deren Werk passieren, dass ich neugierig werde. Es gab ein Gespräch mit beiden zu ihrer an jenem Nachmittag noch laufenden Ausstellung bei Johanna Breede in der Fasanenstraße. Ich finde, es ist eine der schönsten Galerien in Berlin überhaupt. Ich bin da ein bißchen empfindlich. Ich fühle mich oft nicht sehr wohl in Ausstellungsräumen, weil das Licht zu kalt und hart ist, die Details nebensächlich. Ich mag es genau so, wie es bei Johanna Breede ist. Mit dem weißlackierten Parkettboden, den subtilen Spotlights auf die Exponate. Der schöne Fuß des Macs auf dem Schreibtisch, diese Halbkugel. Die Markise. Das sind Details, die auch sehr in die Fasanenstraße passen. Das ist für mich die Fasanenstraße, die ich in bestimmten Abschnitten sehr, sehr mag. Eine Atmosphäre, die es nirgendwo in Ostberlin gibt, auch nicht in den schönsten Seitenstraßen vom Gendarmenmarkt. Das ist das alte Westberlin und seine atmosphärische Patina, eine lässige Eleganz, die nicht viel Veränderung braucht, seit Jahren nicht, eher Maßnahmen zur Erhaltung. Was Klasse hat. muss sich nicht dauernd neu erfinden.


Vogue UK erwähnt in einem Beitrag zu Sheila Rock: „Legendary music photographer Sheila Rock will launch her new book, Punk (…) The picture-based tome is a visual documentation of the punk movement in London, featuring never-seen-before shots of pivotal musicians including The Clash, Chrissie Hynde, Paul Weller and The Sex Pistols. The collection of photos had previously been stored in a box in Rock’s garden shed. „I looked at how much work I had actually done at the time and realised that I had actually captured an interesting moment in time on many levels,“ Im deutschsprachigen Wikipediaeintrag zu Beat Presser steht u. a.:



„Bereits im Alter von 15 Jahren beschloss Presser Fotograf zu werden. Im Jahr 1972 unternahm er eine mehrmonatige Weltreise (…) Presser begann 1973 bei Mansutti in Basel eine Ausbildung als Fotograf, die er an 1974 in Paris bei Peter Knapp fortsetzte. Ab 1975 folgte eine Ausbildung zum Kameraassistenten (…) Nach einer kurzen Tätigkeit als Matrose arbeitete Presser unter anderem in New York. (…) Danach war er in Paris für verschiedene Modefotografen tätig und verlegte das Fotomagazin Palm Beach News (…) (…) In den 1980er Jahren arbeitete Presser eng mit dem Regisseur Werner Herzog und dem Schauspieler Klaus Kinski zusammen. So dokumentierte er die Entstehung der Filme Fitzcarraldo (1982) und Cobra Verde (1987). Die während der Zusammenarbeit mit Herzog und Kinski entstandenen Fotos bildeten die Basis mehrerer von Presser veröffentlichter Bildbände und Ausstellungen (…)“ usw. usf. Ich glaube nicht, dass ich großartig erklären muss, dass es interessant ist, diese beiden Fotografen aus nächster Nähe zu erleben. In der Ausstellung waren kaum Portraits zu sehen, wir sahen von beiden (die sich ebenfalls bei einer Ausstellung in der Galerie von Johanna Breede kennenlernten, 2010 wie ich erfahren habe) Aufnahmen aus beider Archiven, die in einem Zusammenhang zum Meer standen. Aus vielen Ländern, vielen Küsten. Virtuose Aufnahmen. Bei einer sehr schönen von ihm, die ein Segelboot, ich glaube irgendwo in Asien, mit aufgeblähtem Segel in voller Fahrt zeigte, wies er darauf hin, dass er leider die obere Spitze des Segels nicht einfangen konnte, aufgrund der Dynamik… das war sehr sympathisch, dass er das anmerkte. Wer ein gutes Auge hat, und selbst fotografiert, sieht das. Ein anderer bemerkt es wahrscheinlich gar nicht. Eine Kleinigkeit. Mit meinen Aufnahmen der beiden bin ich nicht so zufrieden. Ich konnte ihn zwar vom Ausdruck her teilweise ganz gut einfangen, aber alle Bilder sind verrauscht, da beide niemals im direkten Lichtpegel standen. Ich habe Beat einen Link zu den Bildern gemailt, und er hat mir geantwortet, was mich freute, weil er mehr als nur „Danke, viele Grüße“ schrieb, (was nicht selbstverständlich ist) sondern noch einige Gedanken dazu, wie zum Beispiel, dass er die digitale Revoulution in der Fotografie und die neuen Möglichkeiten, die sich dadurch entfalten, fasziniert beobachtet. Er kannte zum Beispiel flickr nicht. Wenn er durch meinen Account Bekanntschaft damit macht, hat er allerdings auch ein exorbitant bestücktes Beispiel eines digitalen Streams vor sich.


Aber nicht den schlechtesten. Solche kleinen Begegnungen sind eine große Bereicherung. Sie kosten weder Eintritt noch sonstige Bemühungen. Außer hinzugehen. Aus dem Augenwinkel sah ich, dass Matthias Harder ebenfalls gekommen war. Er ist Direktor der Newton Foundation und mein Jahrgang. Auch sehr sympathisch.


Ich habe keinen weiteren Kontakt an diesem Nachmittag gesucht, denn ich sah durch das Fenster, dass es sich aufgehellt hatte und hatte Lust, auf die unerwartet in Sonne getauchte Fasanenstraße zu gehen, nach Hause. Über den Kudamm. Es hatte kurz geregnet und nun strahlte die Spätsommersonne wieder. Wunderbar. Ich liebe den KuDamm, diese Ecke. Die Rotunde vom Kranzler. Ich könnte die fotografieren, als hätte ich sie noch nie gesehen. Oder zum ersten Mal. Auch mit dem blöden Gerry Weber-Schriftzug darunter. Ich erinnere mich noch, wie Mitte der Achtziger, als das ganze Gebäude noch das Café Kranzler war, die Stühle und Kaffeehaustische auf dem Trottoir standen. Das fehlt mir an der Ecke. Da gehören diese kleinen Marmortischchen wieder hin und auch unten die rotweiß-gestreiften Markisen, nicht nur ganz oben, wo die verkleinerte Kranzler-Reminiszenz zuhause ist. Aber trotzdem alles gut, alles schön. Jammern auf hohem Niveau ist passé. Bei mir eh. Lange schon. Ich hoffe, dass unsere Refugees bald, irgendwann, eines nicht zu fernen Tages, einen ruhigen Punkt finden, wo sie ein permanentes Dach über dem Kopf haben und einfach nur über den KuDamm laufen können. Nur um zu schauen. Mehr habe ich auch nicht gemacht. Einfach nur schauen und in die Septembersonne blinzeln. Mehr habe ich dazu jetzt nicht zu sagen, ich muss auch schlafen gehen. Ich hatte ein paar Tage frei, in denen ich machen konnte, was ich wollte und habe viel geschlafen. Morgen dann wieder ein anderer Rhythmus. Aber auch ein guter.
07. September 2015

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Freitag, vierter September. Nachmittags um vier. In Charlottenburg, in der Galerie von Johanna Breede. Sie zeigt Bilder von Sheila Rock und Beat Presser. Was für Namen. Rock und Beat. Auch wenn man selbst viel fotografiert und viel gesehen hat, kennt man nicht jeden bemerkenswerten Fotografen, nicht jede bemerkenswerte Fotografin. Das kann man alles gar nicht schaffen, bewältigen. Ich bin ja keine Kuratorin, die dafür bezahlt wird, sich da auszukennen. Es sind Zufälle, dass ich das erfahre, einen Termin mitbekomme. Manchmal Verteiler, in denen ich bin, manchmal weitergeleitete Infos, oft durch Jan, wofür ich dankbar bin. Ich renne nicht in jede Ausstellung, aber wenn ich das Gesicht eines Fotografen sehe – oder einer Fotografin – kann es unabhängig von deren Werk passieren, dass ich neugierig werde. Es gab ein Gespräch mit beiden zu ihrer an jenem Nachmittag noch laufenden Ausstellung bei Johanna Breede in der Fasanenstraße. Ich finde, es ist eine der schönsten Galerien in Berlin überhaupt. Ich bin da ein bißchen empfindlich. Ich fühle mich oft nicht sehr wohl in Ausstellungsräumen, weil das Licht zu kalt und hart ist, die Details nebensächlich. Ich mag es genau so, wie es bei Johanna Breede ist. Mit dem weißlackierten Parkettboden, den subtilen Spotlights auf die Exponate. Der schöne Fuß des Macs auf dem Schreibtisch, diese Halbkugel. Die Markise. Das sind Details, die auch sehr in die Fasanenstraße passen. Das ist für mich die Fasanenstraße, die ich in bestimmten Abschnitten sehr, sehr mag. Eine Atmosphäre, die es nirgendwo in Ostberlin gibt, auch nicht in den schönsten Seitenstraßen vom Gendarmenmarkt. Das ist das alte Westberlin und seine atmosphärische Patina, eine lässige Eleganz, die nicht viel Veränderung braucht, seit Jahren nicht, eher Maßnahmen zur Erhaltung. Was Klasse hat. muss sich nicht dauernd neu erfinden.


Vogue UK erwähnt in einem Beitrag zu Sheila Rock: „Legendary music photographer Sheila Rock will launch her new book, Punk (…) The picture-based tome is a visual documentation of the punk movement in London, featuring never-seen-before shots of pivotal musicians including The Clash, Chrissie Hynde, Paul Weller and The Sex Pistols. The collection of photos had previously been stored in a box in Rock’s garden shed. „I looked at how much work I had actually done at the time and realised that I had actually captured an interesting moment in time on many levels,“ Im deutschsprachigen Wikipediaeintrag zu Beat Presser steht u. a.:



„Bereits im Alter von 15 Jahren beschloss Presser Fotograf zu werden. Im Jahr 1972 unternahm er eine mehrmonatige Weltreise (…) Presser begann 1973 bei Mansutti in Basel eine Ausbildung als Fotograf, die er an 1974 in Paris bei Peter Knapp fortsetzte. Ab 1975 folgte eine Ausbildung zum Kameraassistenten (…) Nach einer kurzen Tätigkeit als Matrose arbeitete Presser unter anderem in New York. (…) Danach war er in Paris für verschiedene Modefotografen tätig und verlegte das Fotomagazin Palm Beach News (…) (…) In den 1980er Jahren arbeitete Presser eng mit dem Regisseur Werner Herzog und dem Schauspieler Klaus Kinski zusammen. So dokumentierte er die Entstehung der Filme Fitzcarraldo (1982) und Cobra Verde (1987). Die während der Zusammenarbeit mit Herzog und Kinski entstandenen Fotos bildeten die Basis mehrerer von Presser veröffentlichter Bildbände und Ausstellungen (…)“ usw. usf. Ich glaube nicht, dass ich großartig erklären muss, dass es interessant ist, diese beiden Fotografen aus nächster Nähe zu erleben. In der Ausstellung waren kaum Portraits zu sehen, wir sahen von beiden (die sich ebenfalls bei einer Ausstellung in der Galerie von Johanna Breede kennenlernten, 2010 wie ich erfahren habe) Aufnahmen aus beider Archiven, die in einem Zusammenhang zum Meer standen. Aus vielen Ländern, vielen Küsten. Virtuose Aufnahmen. Bei einer sehr schönen von ihm, die ein Segelboot, ich glaube irgendwo in Asien, mit aufgeblähtem Segel in voller Fahrt zeigte, wies er darauf hin, dass er leider die obere Spitze des Segels nicht einfangen konnte, aufgrund der Dynamik… das war sehr sympathisch, dass er das anmerkte. Wer ein gutes Auge hat, und selbst fotografiert, sieht das. Ein anderer bemerkt es wahrscheinlich gar nicht. Eine Kleinigkeit. Mit meinen Aufnahmen der beiden bin ich nicht so zufrieden. Ich konnte ihn zwar vom Ausdruck her teilweise ganz gut einfangen, aber alle Bilder sind verrauscht, da beide niemals im direkten Lichtpegel standen. Ich habe Beat einen Link zu den Bildern gemailt, und er hat mir geantwortet, was mich freute, weil er mehr als nur „Danke, viele Grüße“ schrieb, (was nicht selbstverständlich ist) sondern noch einige Gedanken dazu, wie zum Beispiel, dass er die digitale Revoulution in der Fotografie und die neuen Möglichkeiten, die sich dadurch entfalten, fasziniert beobachtet. Er kannte zum Beispiel flickr nicht. Wenn er durch meinen Account Bekanntschaft damit macht, hat er allerdings auch ein exorbitant bestücktes Beispiel eines digitalen Streams vor sich.


Aber nicht den schlechtesten. Solche kleinen Begegnungen sind eine große Bereicherung. Sie kosten weder Eintritt noch sonstige Bemühungen. Außer hinzugehen. Aus dem Augenwinkel sah ich, dass Matthias Harder ebenfalls gekommen war. Er ist Direktor der Newton Foundation und mein Jahrgang. Auch sehr sympathisch.


Ich habe keinen weiteren Kontakt an diesem Nachmittag gesucht, denn ich sah durch das Fenster, dass es sich aufgehellt hatte und hatte Lust, auf die unerwartet in Sonne getauchte Fasanenstraße zu gehen, nach Hause. Über den Kudamm. Es hatte kurz geregnet und nun strahlte die Spätsommersonne wieder. Wunderbar. Ich liebe den KuDamm, diese Ecke. Die Rotunde vom Kranzler. Ich könnte die fotografieren, als hätte ich sie noch nie gesehen. Oder zum ersten Mal. Auch mit dem blöden Gerry Weber-Schriftzug darunter. Ich erinnere mich noch, wie Mitte der Achtziger, als das ganze Gebäude noch das Café Kranzler war, die Stühle und Kaffeehaustische auf dem Trottoir standen. Das fehlt mir an der Ecke. Da gehören diese kleinen Marmortischchen wieder hin und auch unten die rotweiß-gestreiften Markisen, nicht nur ganz oben, wo die verkleinerte Kranzler-Reminiszenz zuhause ist. Aber trotzdem alles gut, alles schön. Jammern auf hohem Niveau ist passé. Bei mir eh. Lange schon. Ich hoffe, dass unsere Refugees bald, irgendwann, eines nicht zu fernen Tages, einen ruhigen Punkt finden, wo sie ein permanentes Dach über dem Kopf haben und einfach nur über den KuDamm laufen können. Nur um zu schauen. Mehr habe ich auch nicht gemacht. Einfach nur schauen und in die Septembersonne blinzeln. Mehr habe ich dazu jetzt nicht zu sagen, ich muss auch schlafen gehen. Ich hatte ein paar Tage frei, in denen ich machen konnte, was ich wollte und habe viel geschlafen. Morgen dann wieder ein anderer Rhythmus. Aber auch ein guter.
06. September 2015
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Ach, laß uns in die Wolken fallen
und tauche mit mir in die Himmel.
Ach, Laß uns in die Wolken fallen.




Rio besuchen ist einen Bruder besuchen. Wie meinen Bruder besuchen. Nicht den König von Deutschland, nicht den Ton Steine Scherben-Superstar. Bruder besuchen. Hab nur ein bißchen gegossen, nichts hingelegt. Bloß ein Stückchen von meinem Herz.
05. September 2015
Manchmal kommen wirklich interessante Sachen beim Verlesen raus. Ich war gerade auf facebook, wo ich nicht alle features durch den Adblocker gesperrt habe, nur manche. Ich mache da ja keinerlei „Spiele“ und poste auch selbst keine Statusmeldungen, sondern kommentiere nur bei anderen rum. Gerade gab es in dem Activity-Stream so eine Reklame. Ich habe gelesen „Gestalte deine Eifersucht“. Huch! Hieß aber in Wirklichkeit „Gestalte deine Elfenstadt“. Nun ja. Lässt wieder viel Interpretationsspielraum zu. Ich war früher sehr eifersüchtig und hatte auch Grund dazu, habe mich aber immer angestrengt, die Symptome zu unterdrücken und es nicht auszuleben. Hat man mir aber mit Sicherheit trotzdem punktuell angemerkt. Großer Vorteil von einem beziehungslosen Beziehungsstatus: kein Anlass zur Eifersucht. Ist sehr angenehm.
05. September 2015
Manchmal kommen wirklich interessante Sachen beim Verlesen raus. Ich war gerade auf facebook, wo ich nicht alle features durch den Adblocker gesperrt habe, nur manche. Ich mache da ja keinerlei „Spiele“ und poste auch selbst keine Statusmeldungen, sondern kommentiere nur bei anderen rum. Gerade gab es in dem Activity-Stream so eine Reklame. Ich habe gelesen „Gestalte deine Eifersucht“. Huch! Hieß aber in Wirklichkeit „Gestalte deine Elfenstadt“. Nun ja. Lässt wieder viel Interpretationsspielraum zu. Ich war früher sehr eifersüchtig und hatte auch Grund dazu, habe mich aber immer angestrengt, die Symptome zu unterdrücken und es nicht auszuleben. Hat man mir aber mit Sicherheit trotzdem punktuell angemerkt. Großer Vorteil von einem beziehungslosen Beziehungsstatus: kein Anlass zur Eifersucht. Ist sehr angenehm.
01. September 2015


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Ja. NAKO. Klingt ein bißchen wie eine Sushi-Variante. Ewig nicht mehr gegessen. Mochte ich eigentlich sehr. Wie fange ich an – mir kommt der vergangene Tag so voll vor – und erschöpfend war er zudem – ich kann mich gar nicht mehr richtig sammeln. Müde bin ich. Aber nicht lebensmüde. Gar nicht. Rechtschaffen müde. Ich spazierte sehr, sehr (sehr, sehr) früh Richtung Charité. Die Bilder sind zwischen 6:46 und 6:47 entstanden. Unten, an der Haustür, als ich losging, schaute ich auf meinen kleinen Reisewecker, um die Zeit zu stoppen, wie lange ich zur Charité in der Luisenstraße brauche, zu Fuß. Es gibt keine schnellere Verbindung mit S-Bahn oder U-Bahn oder Tram als zu Fuß., also kann ich gleich laufen, denn keine Verbindung erspart einen längeren Fußweg. Wo ich mich sowieso ein bißchen zu sparsam bewege, insgesamt. Es war klar, dass ein heißer Tag in Berlin auf uns wartet, von 34 bis 35 Grad war die Rede. Ich hatte wieder alles in meiner Wohnung gegen die Hitze verbarrikadiert und lief los. Ein bißchen übermüdet, weil ich nicht richtig einschlafen konnte, nur so vor mich hindöste, wie man das vor größeren Reisen oder wichtigen Abflugterminen kennt. Da bin ich beim Einschlafen ganz wuschig und denke dauernd dran, dass ich unbedingt einschlafen muss und auf keinen Fall die zwei Wecker, die ich sicherheitshalber gestellt habe, überhören darf. Die Charité hat mir leider – oder vielleicht auch glücklicherweise, den ersten Termin gegeben. Um 7:45 sollte es losgehen mit den Untersuchungen für die „Nationale Kohorte“ und man wurde gebeten, zehn Minuten früher da zu sein, bei der Anmeldung in Zimmer 1 b 03 oder so ähnlich. Da ich sowieso nicht richtig schlafen konnte, bin ich schon um 5:30 aufgestanden und habe mich in Ruhe fertig gemacht. Kaffee trinken war verboten. Nüchtern kommen! Ich hatte sogar den Tag zuvor keinen Alkohol getrunken. Ganz brav. Sollen ja gute Ergebnisse rauskommen. Ich sollte auch erstmalig einen Glucose-Toleranz-Test kriegen, mit dem man auch Diabetes-Erkrankungen herauskriegt. Wenn ich versuche, mich an alles zu erinnern, wird mir fast ein bißchen schwindelig. Es war so viel und so viele Fragen und ging Schlag auf Schlag. Über sechs Stunden hat es gedauert, nur ganz kleine Pausen dazwischen, in denen man aufs Klo konnte oder einen neuen Becher Wasser holen. Jetzt verstehe ich, dass Zucker neulich bemerkte, man würde an meinen Kommentaren merken, dass ich noch nicht viel Erfahrung mit Krankenhäusern hätte, als ich mich wunderte, dass die Patienten bei den hohen Temperaturen nicht in in irgendeiner Form gekühlten Räumen sind. Heutzutage! Die Räume vom Charité-Campus in der Luisenstraße 13 haben keine Außenjalousien und keine Klimaanlage. Das Forscherteam oder besser das Team der Mitarbeiterinnen, die die Werte ermitteln und die Befragungen machen, ist komplett weiblich. Ich hatte mit ein, zwei, drei, vier – fünf verschiedenen Mitarbeiterinnen zu tun. Also mit allen. Die Leiterin des Forschungszentrums von Berlin ist ein echter HIngucker. Wahnsinnig attraktiv. Und noch ganz jung. Also im Vergleich zu mir. So um Ende Zwanzig schätze ich. Dunkelbraune glatte Haare, so eine Mischung aus Sandra Bullock und Carly Simon. Leider habe ich nicht ein einziges Foto von ihr und auch von den anderen nicht, und auch von überhaupt gar nichts vor Ort. Ich war einfach zu beschäftigt und dann wieder zu erschöpft und dann habe ich mich auch nicht getraut. Bei den ungefähr zehn Untersuchungen in den verschiedensten Labors verging die Zeit doch recht schnell. Und was man alles gefragt wird. Eigentlich alles! Nur mein Blog habe ich nicht erwähnt – es geht ja doch hauptsächlich um die Gesundheit, nicht um Hobbies. Weil es so warm war, konnte ich mich nicht richtig auf die Gedächtnistests konzentrieren. Da habe ich sowieso Schwierigkeiten. Als ich spaßeshalber mal diverse Stunden Schauspielunterricht hatte, ist leider auch zutage getreten, dass ich mir nur mit größter Anstrengung drei bis fünf Sätze merken kann. Wenn man den Beruf ernst nimmt, reicht es halt nicht, sich nur sinngemäß den Inhalt zu merken und frei wiederzugeben. Aber an Talent hat es mir nicht gefehtl! Nur die Sache mit dem Text merken. Aber ich schweife ab. Alles mögliche ist untersucht worden, gewogen und gemessen hat man mich auch. Ich bin zwei Zentimeter geschrumpft und wiege zehn Kilo mehr als ich gedacht habe. Ich wiege mich so selten, dass da schon mal eine größere Veränderung sein kann. Verstehe ich aber trotzdem nicht so richtig. weil mir eigentlich dieselben Anziehsachen passen, wie beim letzten Wiegen vor ungefähr einem halben Jahr. Ist ja auch egal, Hauptsache, man kriegt die Sachen noch zu und kann das eigene Gewicht beim Treppensteigen noch nach oben hieven. Jetzt werde ich aber langsam wirklich müde. Aber das ist auch o.k. Es ist auf meiner Uhr 2:33 Uhr. Bin ich schon ganz schön lange auf. Jetzt gehe ich aber schlafen. Ein paar wenige Ergebnisse habe ich schon erfahren, der eine Apparat, der die Funktion und Dichte und Flexibilität der Gefäßwände misst, hat angezeigt, dass meine Gefäße einem Lebensalter von vierundvierzig entsprechen. Ich habe mir auch gerne dazu gratulieren lassen, denn das hört man natürlich gern, dass man jüngere Gefäße hat, als man selber ist. Die Damen hatten schon auch mitgekriegt, dass es der letzte Tag war, an dem ich mich als neunundvierzig ausgeben konnte und haben sich mit mir gefreut. Und jetzt sagt der Kalender, dass ich fünfzig bin. Tatsächlich! Ist es schon so weit. Aber ist nicht schlimm, im Gegenteil. Ein paar meiner Leser haben das ja auch schon hinter sich und ich sage, es ist ein Privileg, in guter Verfassung möglichst alt zu werden. So, jetzt gehe ich endlich schlafen. Und morgen ein schöner, kleiner Ausflug.
02. September 2015
Ich war gerade bei Rio. Gießen. Obwohl es ja gestern Abend schön geregnet hat, aber heute wieder viel Sonnenschein, aber nicht mehr so furchtbare Bruthitze. Endlich kann ich die Sonne wieder genießen und suche nicht nur Schatten und geschlossene Räume. Die schönsten (Spät-)Sommertage fangen an. Endlich kriegt meine Haut ein paar Strahlen ab, so wenig war ich nocn nie draußen, wie in den letzten drei Monaten. Wie ein Maulwurf unter der Erde vergraben. Endlich wieder Licht und Luft und keine Verbarrikadierungen mehr, das ist so schön. Gestern im Grunewald ist mir aufgefallen, dass es tief im Wald viel kühler ist als außerhalb, da konnte ich es gut aushalten, obwohl es auch über 28 Grad im Schatten war. Und ein laues Lüftchen. Also Wald an zu warmen Tagen, wenn man doch mal raus will, muss ich mir merken. Ich war noch nie am Grab von Rio, seit er hier liegt. Was für ein heiter anmutender Friedhof, so licht und hell und freundlich. Und links vom Eingang ein kleines Café mit aufgespannten Sonnenschirmen und alten, verschnörkelten Gartenstühlen, ein bißchen italienisch. Und Palmen in Kübeln. Entzückend. Also ein Mini-Café auf dem Friedhof, nicht davor! Rios Grab ist – wenn man es weiß – leicht zu finden. Auf der mittleren Hauptachse, gegenüber vom Eingang, immer geradeaus, und dann so hundert Meter vor dem Ende, vor dem großen Steinkreuz in der Mitte links. Ganz liebevoll geschmückt von seinen Fans, und Blumen und ein Krönchen und zwei gerahmte Fotos. Hinter einem Busch steht eine große gefüllte Gießkanne, da habe ich ein bißchen gesprengt. Hat Freude gemacht. Dann wieder heim, mit der S-Bahn, von Yorckstraße bis Oranienburger Straße, ohne umsteigen. Ein paar wenige Fotos gemacht. Ging gerade noch, ich habe den Fehler begangen, mir vorgestern Akkus zu kaufen, die nicht wiederaufladbar sind und ich habe sie doch in die Ladestation, jetzt sind sie hinüber. Das „do not recharge“ war so klein gedruckt und sie waren so teuer, dass ich gedacht habe, bei dem Preis müssten die rechargeable sein. Blöd! Muss ich morgen zu Saturn und neue kaufen, rechargeable. Morgen ist mein NaKo-Termin mit der Ganzkörper-Computertomographie. Ich kriege übrigens laut Broschüre keinerlei Stimmungsaufheller. Morgen also nach Berlin Buch, aber erst am Nachmittag, kann ich vorher noch zu Saturn.
02. September 2015
Ich war gerade bei Rio. Gießen. Obwohl es ja gestern Abend schön geregnet hat, aber heute wieder viel Sonnenschein, aber nicht mehr so furchtbare Bruthitze. Endlich kann ich die Sonne wieder genießen und suche nicht nur Schatten und geschlossene Räume. Die schönsten (Spät-)Sommertage fangen an. Endlich kriegt meine Haut ein paar Strahlen ab, so wenig war ich nocn nie draußen, wie in den letzten drei Monaten. Wie ein Maulwurf unter der Erde vergraben. Endlich wieder Licht und Luft und keine Verbarrikadierungen mehr, das ist so schön. Gestern im Grunewald ist mir aufgefallen, dass es tief im Wald viel kühler ist als außerhalb, da konnte ich es gut aushalten, obwohl es auch über 28 Grad im Schatten war. Und ein laues Lüftchen. Also Wald an zu warmen Tagen, wenn man doch mal raus will, muss ich mir merken. Ich war noch nie am Grab von Rio, seit er hier liegt. Was für ein heiter anmutender Friedhof, so licht und hell und freundlich. Und links vom Eingang ein kleines Café mit aufgespannten Sonnenschirmen und alten, verschnörkelten Gartenstühlen, ein bißchen italienisch. Und Palmen in Kübeln. Entzückend. Also ein Mini-Café auf dem Friedhof, nicht davor! Rios Grab ist – wenn man es weiß – leicht zu finden. Auf der mittleren Hauptachse, gegenüber vom Eingang, immer geradeaus, und dann so hundert Meter vor dem Ende, vor dem großen Steinkreuz in der Mitte links. Ganz liebevoll geschmückt von seinen Fans, und Blumen und ein Krönchen und zwei gerahmte Fotos. Hinter einem Busch steht eine große gefüllte Gießkanne, da habe ich ein bißchen gesprengt. Hat Freude gemacht. Dann wieder heim, mit der S-Bahn, von Yorckstraße bis Oranienburger Straße, ohne umsteigen. Ein paar wenige Fotos gemacht. Ging gerade noch, ich habe den Fehler begangen, mir vorgestern Akkus zu kaufen, die nicht wiederaufladbar sind und ich habe sie doch in die Ladestation, jetzt sind sie hinüber. Das „do not recharge“ war so klein gedruckt und sie waren so teuer, dass ich gedacht habe, bei dem Preis müssten die rechargeable sein. Blöd! Muss ich morgen zu Saturn und neue kaufen, rechargeable. Morgen ist mein NaKo-Termin mit der Ganzkörper-Computertomographie. Ich kriege übrigens laut Broschüre keinerlei Stimmungsaufheller. Morgen also nach Berlin Buch, aber erst am Nachmittag, kann ich vorher noch zu Saturn.
02. September 2015
Das von Gian-Piero war auch eine schöne Aktion. Glücklicherweise hat die LaGeSo mit Hilfe von Vivantes und der Charité seit gestern nun selbst das Catering sichergestellt. Und das THW hat große Zelte aufgestellt. So sei es. Man muss sich auch klarmachen, dass es ein Kompliment für Deutschland ist, wenn diese armen Flüchtlinge unser Land als neue Heimat wählen. Vielleicht führt diese herausfordernde Lage dazu, dass sich mehr Menschen hierzulande bewusst werden, auf was für einem hohen Standard wir hier leben. Das wünsche ich mir. Und nichtzuletzt ist jeder Mensch, der hier lebt, jemand der früher oder später auch kaufen und konsumieren muss, ob er will oder nicht. Und das ist doch sonst immer sehr erwünscht, dass recht viel gekauft wird. Für die, die nur ihren Kontostand im Auge haben. Das wird sich einpendeln.
01. September 2015


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Ja. NAKO. Klingt ein bißchen wie eine Sushi-Variante. Ewig nicht mehr gegessen. Mochte ich eigentlich sehr. Wie fange ich an – mir kommt der vergangene Tag so voll vor – und erschöpfend war er zudem – ich kann mich gar nicht mehr richtig sammeln. Müde bin ich. Aber nicht lebensmüde. Gar nicht. Rechtschaffen müde. Ich spazierte sehr, sehr (sehr, sehr) früh Richtung Charité. Die Bilder sind zwischen 6:46 und 6:47 entstanden. Unten, an der Haustür, als ich losging, schaute ich auf meinen kleinen Reisewecker, um die Zeit zu stoppen, wie lange ich zur Charité in der Luisenstraße brauche, zu Fuß. Es gibt keine schnellere Verbindung mit S-Bahn oder U-Bahn oder Tram als zu Fuß., also kann ich gleich laufen, denn keine Verbindung erspart einen längeren Fußweg. Wo ich mich sowieso ein bißchen zu sparsam bewege, insgesamt. Es war klar, dass ein heißer Tag in Berlin auf uns wartet, von 34 bis 35 Grad war die Rede. Ich hatte wieder alles in meiner Wohnung gegen die Hitze verbarrikadiert und lief los. Ein bißchen übermüdet, weil ich nicht richtig einschlafen konnte, nur so vor mich hindöste, wie man das vor größeren Reisen oder wichtigen Abflugterminen kennt. Da bin ich beim Einschlafen ganz wuschig und denke dauernd dran, dass ich unbedingt einschlafen muss und auf keinen Fall die zwei Wecker, die ich sicherheitshalber gestellt habe, überhören darf. Die Charité hat mir leider – oder vielleicht auch glücklicherweise, den ersten Termin gegeben. Um 7:45 sollte es losgehen mit den Untersuchungen für die „Nationale Kohorte“ und man wurde gebeten, zehn Minuten früher da zu sein, bei der Anmeldung in Zimmer 1 b 03 oder so ähnlich. Da ich sowieso nicht richtig schlafen konnte, bin ich schon um 5:30 aufgestanden und habe mich in Ruhe fertig gemacht. Kaffee trinken war verboten. Nüchtern kommen! Ich hatte sogar den Tag zuvor keinen Alkohol getrunken. Ganz brav. Sollen ja gute Ergebnisse rauskommen. Ich sollte auch erstmalig einen Glucose-Toleranz-Test kriegen, mit dem man auch Diabetes-Erkrankungen herauskriegt. Wenn ich versuche, mich an alles zu erinnern, wird mir fast ein bißchen schwindelig. Es war so viel und so viele Fragen und ging Schlag auf Schlag. Über sechs Stunden hat es gedauert, nur ganz kleine Pausen dazwischen, in denen man aufs Klo konnte oder einen neuen Becher Wasser holen. Jetzt verstehe ich, dass Zucker neulich bemerkte, man würde an meinen Kommentaren merken, dass ich noch nicht viel Erfahrung mit Krankenhäusern hätte, als ich mich wunderte, dass die Patienten bei den hohen Temperaturen nicht in in irgendeiner Form gekühlten Räumen sind. Heutzutage! Die Räume vom Charité-Campus in der Luisenstraße 13 haben keine Außenjalousien und keine Klimaanlage. Das Forscherteam oder besser das Team der Mitarbeiterinnen, die die Werte ermitteln und die Befragungen machen, ist komplett weiblich. Ich hatte mit ein, zwei, drei, vier – fünf verschiedenen Mitarbeiterinnen zu tun. Also mit allen. Die Leiterin des Forschungszentrums von Berlin ist ein echter HIngucker. Wahnsinnig attraktiv. Und noch ganz jung. Also im Vergleich zu mir. So um Ende Zwanzig schätze ich. Dunkelbraune glatte Haare, so eine Mischung aus Sandra Bullock und Carly Simon. Leider habe ich nicht ein einziges Foto von ihr und auch von den anderen nicht, und auch von überhaupt gar nichts vor Ort. Ich war einfach zu beschäftigt und dann wieder zu erschöpft und dann habe ich mich auch nicht getraut. Bei den ungefähr zehn Untersuchungen in den verschiedensten Labors verging die Zeit doch recht schnell. Und was man alles gefragt wird. Eigentlich alles! Nur mein Blog habe ich nicht erwähnt – es geht ja doch hauptsächlich um die Gesundheit, nicht um Hobbies. Weil es so warm war, konnte ich mich nicht richtig auf die Gedächtnistests konzentrieren. Da habe ich sowieso Schwierigkeiten. Als ich spaßeshalber mal diverse Stunden Schauspielunterricht hatte, ist leider auch zutage getreten, dass ich mir nur mit größter Anstrengung drei bis fünf Sätze merken kann. Wenn man den Beruf ernst nimmt, reicht es halt nicht, sich nur sinngemäß den Inhalt zu merken und frei wiederzugeben. Aber an Talent hat es mir nicht gefehtl! Nur die Sache mit dem Text merken. Aber ich schweife ab. Alles mögliche ist untersucht worden, gewogen und gemessen hat man mich auch. Ich bin zwei Zentimeter geschrumpft und wiege zehn Kilo mehr als ich gedacht habe. Ich wiege mich so selten, dass da schon mal eine größere Veränderung sein kann. Verstehe ich aber trotzdem nicht so richtig. weil mir eigentlich dieselben Anziehsachen passen, wie beim letzten Wiegen vor ungefähr einem halben Jahr. Ist ja auch egal, Hauptsache, man kriegt die Sachen noch zu und kann das eigene Gewicht beim Treppensteigen noch nach oben hieven. Jetzt werde ich aber langsam wirklich müde. Aber das ist auch o.k. Es ist auf meiner Uhr 2:33 Uhr. Bin ich schon ganz schön lange auf. Jetzt gehe ich aber schlafen. Ein paar wenige Ergebnisse habe ich schon erfahren, der eine Apparat, der die Funktion und Dichte und Flexibilität der Gefäßwände misst, hat angezeigt, dass meine Gefäße einem Lebensalter von vierundvierzig entsprechen. Ich habe mir auch gerne dazu gratulieren lassen, denn das hört man natürlich gern, dass man jüngere Gefäße hat, als man selber ist. Die Damen hatten schon auch mitgekriegt, dass es der letzte Tag war, an dem ich mich als neunundvierzig ausgeben konnte und haben sich mit mir gefreut. Und jetzt sagt der Kalender, dass ich fünfzig bin. Tatsächlich! Ist es schon so weit. Aber ist nicht schlimm, im Gegenteil. Ein paar meiner Leser haben das ja auch schon hinter sich und ich sage, es ist ein Privileg, in guter Verfassung möglichst alt zu werden. So, jetzt gehe ich endlich schlafen. Und morgen ein schöner, kleiner Ausflug.
29. August 2015

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Es war selbstverständlich kein Zufall, dass Ulrich Matthes und ich im Partnerlook gekleidet waren – braunes Hemd bzw. Shirt und schwarze Hose. Man spricht sich da kurz vorher ab: „Was ziehst du an? Wonach ist dir heute? So farbmäßig?“ Wir haben da eigentlich nie Probleme. Er ist ein friedfertiger, umgänglicher Typ. Ganz anders als seine Rollen. Angeblich spielt er immer Bösewichte. Ich kann das nicht so genau beurteilen, weil ich die Filme nicht kenne und auch sehr selten Tatort schaue. Wir haben einfach anderes zu tun! Äh ja. In der Nachbarschaft, im KW, war eine kleine Gesprächsrunde, da hat er mitgemacht. Er und diese Journalistin, die neulich auch Rosa befragt hat. Ich denke immer ein bißchen an Witta Pohl, wenn ich sie sehe. Das scheint ein etwas unsachlicher Eintrag zu werden. Es war ein recht ernstes Thema, dem ich ohnehin nicht gerecht werden könnte, also werde ich mich besser auf die Nebensächlichkeiten konzentrieren und nicht mit einer ehrgeizigen Abhandlung „On Violence“ dilettieren. Nicht hier und heute. Er hat interessante und auch kluge Sachen gesagt. Wie aber nicht anders erwartet. Das ist ja kein dummer, eitler Selbstdarsteller, der in jeder Talkshow herumsitzt und für sich Reklame macht. Braucht er allerdings wohl auch nicht. Man spürt, dass es sich um einen tiefgründigen, eigenständige Gedanken entwickelnden Menschen handelt. Und das sage ich nicht bloß, weil wir uns so nahe stehen und uns in Kleiderfragen abstimmen.

Was natürlich nicht stimmt, da ist wohl meine Phantasie mit mir durchgegangen. Ich muss gestehen, dass mich seine Arme stark fasziniert haben. Die wirken sehr durchtrainiert. Einmal habe ich ihn beim Sommerfest vom LCB am Wannssee aus der Nähe gesehen, da waren entweder die Haare dunkler gefärbt, oder er war früher so dunkel. Das Helle steht im besser, macht weicher. Jedenfalls hat er mich damals nicht so beeindruckt, er stand mit seiner damaligen Freundin, die aufwändig gestylt war und aussah, als ob sie gerne viel Geld ausgibt, etwas gelangweilt am Rande der Tanzfläche im Kaminsaal. Ich dachte mir nur, aha, das ist also dieser wahnsinnig gefeierte Schauspieler, na gut – meinethalben.

Er sah seinerzeit aus, als ob er nicht ganz fit gewesen wäre. Aber vorgestern, im KW, wirkte er sehr gut drauf und kraftvoll. Er hat jede Menge Mutterwitz. Ulrich Matthes ist gebürtiger Berliner, ein Westberliner. Und er hat exakt diese gewisse Art, ab und zu so ein bißchen zu berlinern, so absichtslos selbstverständlich, die mir ein unerklärliches Heimatgefühl vermittelt. Dasselbe Phänomen wie bei Jan, der spricht genauso. Ich könnte ihm lange zuhören, also jetzt Herrn Matthes (aber Jan natürlich auch), nicht nur, weil er nie etwas Dummes sagt, sondern alleine, wie er es sagt. Jetzt muss ich mich langsam mal anziehen und zurechtmachen. Heute ist auch wieder Sommerfest im LCB und ich will doch mal gucken, wer heute so am Rande der Tanzfläche im Kaminzimmer stehen wird. Jan kommt jedenfalls auch. Und Ina, mit ihr war ich anschließend ein paar Hausnummern weiter, bei dem Spanier, Ecke Kleine Hamburger. Tapasteller und Wein und feurige Reden schwingen.


23. August 2015







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Wenn es Rosa nicht geben würde, müsste man ihn erfinden. Dabei kann man es eigentlich belassen. Nur vielleicht noch soviel, dass mir kein anderer Mensch der Öffentlichkeit einfällt, der in Interviews so gerne und mit echtem Interesse den Spieß umdreht, oder es zumindest versucht, und seinen Gastgeber im Gegenzug befragt. „Wie ist das denn bei dir? Erzähl DU doch mal! Du hast doch soweit ich weiß, Kinder und bist schon länger verheiratet, wie läuft das denn so bei euch?“ Man hat nicht das Gefühl, dass er das macht, um sein Gegenüber zu irritieren. Ich finde es schade, wenn das Potenzial eines durch seine Initiative lebhafteren Gesprächsverlaufs mit einer gouvernantenhaft schulmeisternden Ermahnung abgeblockt wird. Zumal wenn man eine gestandene Journalistin im mittleren Alter ist und sich auf der Bühne mit kess übergeschlagenen Beinen in Fickmich-Schuhen präsentiert. Die sich im Übrigen sehr gut fürs Fotografieren machen. So ist es nun mal leider, manchmal sind die präsentierten Schuhe wilder und provozierender als die präsentierten Gedanken. Aber doch schade, zumal Rosa sehr nett fragt. Er soll noch lange genau so weitermachen. Denn wie ich schon eingangs schrieb: wenn es Rosa von Praunheim nicht geben würde, müsste man ihn erfinden.




20. August 2015

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Ich glaube, der Sonntag am Pfingstwochenende. Ungefähr alle fünf Jahre frage ich jemanden, was eigentlich an Pfingsten im Unterschied zu Ostern gefeiert wird. Hat alles irgendetwas mit der Leidensgeschichte von Jesus zu tun, Kreuzigung, Auferstehung, Himmelfahrt. Jedenfalls hat nie jemand auf Anhieb die richtige Antwort und dann gucken wir alle in Wikipedia nach und vergessen es wieder über die nächsten Jahre. Aber dass es einen Oster- und Pfingstmontag gibt, das können sich eigentlich alle ohne Probleme merken. Man ist halt persönlich betroffen. Warum bin ich an diesem Pfingstsonntag, ja ich glaube es war Sonntag, zu diesem Flohmarkt? Ich war unternehmungslustig und auf meiner Ausflugsziel-Liste war keins dabei, das sich für einen Kurzausflug, den man mal eben am Nachmittag über die Bühne bringt, angeboten hätte. Ich schlafe halt gerne aus und trinke in aller Ruhe viel guten Kaffee mit Schlagobers und flaniere durchs Internet und dann mache ich mich zurecht und überlege endlich einmal in geradezu meditativer Versenkung, was ich anziehen könnte. Ziehe mich noch mal um. Und noch mal. So ist es halt. Aber ich mag das, dabei erhole ich mich. Termine nehme ich nur notgedrungen in Kauf, wenn ich dafür bezahlt werde oder es ein konkretes einmaliges Ereignis gibt, das ich nicht versäumen will. Aber wann kommt letzteres schon vor. Mir fiel irgendwo, ich glaube am Alex, ein Plakat auf, dass es diesen Antikmarkt am Ostbahnhof am Pfingstwochenende gibt. Feier der Schöpfung, Feier der Materie!



Ich bin keine häufige Flohmarktbesucherin, aber wenn, dann bin ich voll bei der Sache. Ich habe ja schon so viel Zeug in der Wohnung, eigentlich gibt es keinen materiellen Gegenstand, den ich dringend bräuchte. Aber hin und wieder verliebe ich mich in ein Ding, wegen einer vollendeten Silhouette oder eines besonderen Materials oder der Vereinigung von beidem, das ist der Idealfall.



Und dann ein bißchen feilschen und plauschen und flirten. Ja, auf Flohmärkten wird viel geflirtet. Ein guter Händler lässt sich keine Gelegenheit entgehen, mit einer potenziellen, guten Kundin wie mir zu flirten. Sonst hätte er seinen Beruf verfehlt. Auf diesem kleinen Antikmarkt hinter dem Ostbahnhof war ich noch nie. Er ist sehr sympathisch und es war ideales Wetterchen. Ich fragte immer artig, ob ich dies oder das fotografieren dürfte, denn ich habe die Erfahrung gemacht, wenn man auf Märkten oder in Läden einfach drauflosfotografiert, wird das manchmal als respektlos empfunden und man erntet strenge Blicke oder die Bitte, das zu unterlassen.


Aber kaum fragt man, wird es mit einem warmen Lächeln erlaubt. Die Händler freuen sich, dass sie höflich gefragt werden und es dann erlauben dürfen. Das ist so ein Spielchen. Zum Beispiel an dem Stand mit dem Radierwasser. Ja! Radierwasser, nicht Rasierwasser. Ich war hin und weg von dem Döschen und dem Gegenstand, auch wenn ich ihn nicht brauche. Noch nie vorher gesehen. Verschlossen stand er auf dem Tisch, der Tintentod. Ich fragte also, ob ich wohl eventuell ein Foto davon machen dürfte und kriegte die Erlaubnis. Ich habe ein Foto gemacht, dann hat er die Dose auseinandergenommen und noch mal neu hindrapiert und mich mit einer Geste aufgefordert, noch mal zu fotografieren.


Das war sehr charmant, er meinte „so sieht man es noch besser, so müssen Sie es auch fotografieren!“. So ein Händler hat eben seinen Stolz, es ist sein Revier, wenn auch mitunter nur ein Tapeziertisch. Man muss immer Respekt zeigen, wenn man von jemandem etwas will. Ein heiliges Gesetz. Man will es ja mit Wohlwollen kriegen und nicht hart darum kämpfen. Gekauft habe ich aber unverhoffterweise doch ein paar schöne Dinge, für die ich auch Verwendung habe. Eine Lupe. Meine erste Lupe! Mit einem schönen Horngriff. Einen kleinen Schrankknauf, der ist jetzt an einer Oberschranktür in der Küche. Dann ein Ebenholzkästchen, eigentlich ein Hummidor, aber das Feuchtigkeitsthermometer, ich weiß nicht mehr den Fachausdruck, hat gefehlt. Ich wollte aber nur ein schönes Kästchen aus so einem herrlich gestreiften Ebenholz.





Und innen drin in dem Kästchen war als Überraschung noch ein kleineres, mit dem KaDeWe-Logo eingebrannt, aus einem anderen Holz, das kleine Kästchen riecht ein bißchen wie Sandelholz, ist aber bestimmt was anderes. Da waren mal Zigarillos drin. Ach, das KaDeWe! Mein KaDeWe. Ich liebe es einfach. Und wo ich mit meinem kleinen Rundgang und meinen vielen kleinen Schwätzchen mit den Händlern fertig war und schon fast wieder bei der S-Bahn, war da noch ein letzter Stand mit einem kleinen Brillenetui aus falschem Kroko. Für 1 Euro! Das musste ich haben, das passt genau zu meiner kleinen Lesebrille, die ich fast nie aufsetze. Aber wird sicher noch kommen. Ich will jetzt nicht sagen „time is on my side“, sondern eher auf der Seite der Brille. An der Straße der Pariser Kommune kommt man vorbei, wenn man vom Flohmarkt zum Vordereingang vom Ostbahnhof spaziert. Der Name hat mir schon immer gefallen. Es ist jetzt nicht so eine pariserisch romantische Straße, wie der Name anmuten könnte, aber egal. Er klingt gut, er erzählt ja eine ganze Geschichte. Wie die „Straße des 17. Juni“. Als Postanschrift macht sich das sicher sehr gut: „Gaga Nielsen, Straße der Pariser Kommune 17“. Toll! Hinziehen will ich trotzdem nicht. Aber schön, dass ich mal da bei dem Flohmarkt war. Antikmarkt heißt er ja. War ein prima Ausflug.



Ein Händler hat mir seine Karte gegeben, er hat sogar ein Buch geschrieben über sein Leben als Flohmarkthändler, seine Memoiren. Hab ich jetzt aber nicht griffbereit. Er hat einen besonderen Stand, ihm hab ich das Ebenholzkästchen abgekauft. Aber das war nicht das Besondere, sondern dass er einen Tisch hat, auf dem lauter Instrumente und Werkzeuge, überwiegend aus Metall liegen, die ein normaler Mensch nicht kennt. Teilweise Sachen, Werkzeuge, die es in unserer heutigen Zivilisation nicht mehr gibt. Und wenn man richtig rät, was es ist, kriegt man von ihm irgendwas. Oder was billiger. Lustig war der. Er hatte zum Beispiel ein komisches Teil, wie eine lange Zange. Ich hätte gedacht, vielleicht um Gurken aus einem Fass zu holen, das war aber um geklöppelte Spitzenhandschuhe beim Trocknen in Form zu bringen. Aus Holz glaube ich. Weiß ich aber nicht mehr. Sehr interessant. Die aufgehängte Beinprothese hat mich auch stark fasziniert, so schön aus Leder genäht. Und der runde kleine Ofen. Und die ganz große Puppe. Und ein Bücherantiquar hatte zwei sensationelle Ausgaben von Fibeln mit bösen Zeichnungen auf geschöpftem Papier von George Grosz. Eins war Der Spießer-Spiegel von 1925. Zeitlos schön! Der Markt dort ist regelmäßig, wie viele Flohmärkte in Berlin, man hat also keinen Notstand, wenn einem nach Trödel und Antiquitäten gucken der Sinn steht. Also viele schöne Sachen zu sehen und demzufolge schöner Ausflug!





20. August 2015

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Ich glaube, der Sonntag am Pfingstwochenende. Ungefähr alle fünf Jahre frage ich jemanden, was eigentlich an Pfingsten im Unterschied zu Ostern gefeiert wird. Hat alles irgendetwas mit der Leidensgeschichte von Jesus zu tun, Kreuzigung, Auferstehung, Himmelfahrt. Jedenfalls hat nie jemand auf Anhieb die richtige Antwort und dann gucken wir alle in Wikipedia nach und vergessen es wieder über die nächsten Jahre. Aber dass es einen Oster- und Pfingstmontag gibt, das können sich eigentlich alle ohne Probleme merken. Man ist halt persönlich betroffen. Warum bin ich an diesem Pfingstsonntag, ja ich glaube es war Sonntag, zu diesem Flohmarkt? Ich war unternehmungslustig und auf meiner Ausflugsziel-Liste war keins dabei, das sich für einen Kurzausflug, den man mal eben am Nachmittag über die Bühne bringt, angeboten hätte. Ich schlafe halt gerne aus und trinke in aller Ruhe viel guten Kaffee mit Schlagobers und flaniere durchs Internet und dann mache ich mich zurecht und überlege endlich einmal in geradezu meditativer Versenkung, was ich anziehen könnte. Ziehe mich noch mal um. Und noch mal. So ist es halt. Aber ich mag das, dabei erhole ich mich. Termine nehme ich nur notgedrungen in Kauf, wenn ich dafür bezahlt werde oder es ein konkretes einmaliges Ereignis gibt, das ich nicht versäumen will. Aber wann kommt letzteres schon vor. Mir fiel irgendwo, ich glaube am Alex, ein Plakat auf, dass es diesen Antikmarkt am Ostbahnhof am Pfingstwochenende gibt. Feier der Schöpfung, Feier der Materie!



Ich bin keine häufige Flohmarktbesucherin, aber wenn, dann bin ich voll bei der Sache. Ich habe ja schon so viel Zeug in der Wohnung, eigentlich gibt es keinen materiellen Gegenstand, den ich dringend bräuchte. Aber hin und wieder verliebe ich mich in ein Ding, wegen einer vollendeten Silhouette oder eines besonderen Materials oder der Vereinigung von beidem, das ist der Idealfall.



Und dann ein bißchen feilschen und plauschen und flirten. Ja, auf Flohmärkten wird viel geflirtet. Ein guter Händler lässt sich keine Gelegenheit entgehen, mit einer potenziellen, guten Kundin wie mir zu flirten. Sonst hätte er seinen Beruf verfehlt. Auf diesem kleinen Antikmarkt hinter dem Ostbahnhof war ich noch nie. Er ist sehr sympathisch und es war ideales Wetterchen. Ich fragte immer artig, ob ich dies oder das fotografieren dürfte, denn ich habe die Erfahrung gemacht, wenn man auf Märkten oder in Läden einfach drauflosfotografiert, wird das manchmal als respektlos empfunden und man erntet strenge Blicke oder die Bitte, das zu unterlassen.


Aber kaum fragt man, wird es mit einem warmen Lächeln erlaubt. Die Händler freuen sich, dass sie höflich gefragt werden und es dann erlauben dürfen. Das ist so ein Spielchen. Zum Beispiel an dem Stand mit dem Radierwasser. Ja! Radierwasser, nicht Rasierwasser. Ich war hin und weg von dem Döschen und dem Gegenstand, auch wenn ich ihn nicht brauche. Noch nie vorher gesehen. Verschlossen stand er auf dem Tisch, der Tintentod. Ich fragte also, ob ich wohl eventuell ein Foto davon machen dürfte und kriegte die Erlaubnis. Ich habe ein Foto gemacht, dann hat er die Dose auseinandergenommen und noch mal neu hindrapiert und mich mit einer Geste aufgefordert, noch mal zu fotografieren.


Das war sehr charmant, er meinte „so sieht man es noch besser, so müssen Sie es auch fotografieren!“. So ein Händler hat eben seinen Stolz, es ist sein Revier, wenn auch mitunter nur ein Tapeziertisch. Man muss immer Respekt zeigen, wenn man von jemandem etwas will. Ein heiliges Gesetz. Man will es ja mit Wohlwollen kriegen und nicht hart darum kämpfen. Gekauft habe ich aber unverhoffterweise doch ein paar schöne Dinge, für die ich auch Verwendung habe. Eine Lupe. Meine erste Lupe! Mit einem schönen Horngriff. Einen kleinen Schrankknauf, der ist jetzt an einer Oberschranktür in der Küche. Dann ein Ebenholzkästchen, eigentlich ein Hummidor, aber das Feuchtigkeitsthermometer, ich weiß nicht mehr den Fachausdruck, hat gefehlt. Ich wollte aber nur ein schönes Kästchen aus so einem herrlich gestreiften Ebenholz.





Und innen drin in dem Kästchen war als Überraschung noch ein kleineres, mit dem KaDeWe-Logo eingebrannt, aus einem anderen Holz, das kleine Kästchen riecht ein bißchen wie Sandelholz, ist aber bestimmt was anderes. Da waren mal Zigarillos drin. Ach, das KaDeWe! Mein KaDeWe. Ich liebe es einfach. Und wo ich mit meinem kleinen Rundgang und meinen vielen kleinen Schwätzchen mit den Händlern fertig war und schon fast wieder bei der S-Bahn, war da noch ein letzter Stand mit einem kleinen Brillenetui aus falschem Kroko. Für 1 Euro! Das musste ich haben, das passt genau zu meiner kleinen Lesebrille, die ich fast nie aufsetze. Aber wird sicher noch kommen. Ich will jetzt nicht sagen „time is on my side“, sondern eher auf der Seite der Brille. An der Straße der Pariser Kommune kommt man vorbei, wenn man vom Flohmarkt zum Vordereingang vom Ostbahnhof spaziert. Der Name hat mir schon immer gefallen. Es ist jetzt nicht so eine pariserisch romantische Straße, wie der Name anmuten könnte, aber egal. Er klingt gut, er erzählt ja eine ganze Geschichte. Wie die „Straße des 17. Juni“. Als Postanschrift macht sich das sicher sehr gut: „Gaga Nielsen, Straße der Pariser Kommune 17“. Toll! Hinziehen will ich trotzdem nicht. Aber schön, dass ich mal da bei dem Flohmarkt war. Antikmarkt heißt er ja. War ein prima Ausflug.



Ein Händler hat mir seine Karte gegeben, er hat sogar ein Buch geschrieben über sein Leben als Flohmarkthändler, seine Memoiren. Hab ich jetzt aber nicht griffbereit. Er hat einen besonderen Stand, ihm hab ich das Ebenholzkästchen abgekauft. Aber das war nicht das Besondere, sondern dass er einen Tisch hat, auf dem lauter Instrumente und Werkzeuge, überwiegend aus Metall liegen, die ein normaler Mensch nicht kennt. Teilweise Sachen, Werkzeuge, die es in unserer heutigen Zivilisation nicht mehr gibt. Und wenn man richtig rät, was es ist, kriegt man von ihm irgendwas. Oder was billiger. Lustig war der. Er hatte zum Beispiel ein komisches Teil, wie eine lange Zange. Ich hätte gedacht, vielleicht um Gurken aus einem Fass zu holen, das war aber um geklöppelte Spitzenhandschuhe beim Trocknen in Form zu bringen. Aus Holz glaube ich. Weiß ich aber nicht mehr. Sehr interessant. Die aufgehängte Beinprothese hat mich auch stark fasziniert, so schön aus Leder genäht. Und der runde kleine Ofen. Und die ganz große Puppe. Und ein Bücherantiquar hatte zwei sensationelle Ausgaben von Fibeln mit bösen Zeichnungen auf geschöpftem Papier von George Grosz. Eins war Der Spießer-Spiegel von 1925. Zeitlos schön! Der Markt dort ist regelmäßig, wie viele Flohmärkte in Berlin, man hat also keinen Notstand, wenn einem nach Trödel und Antiquitäten gucken der Sinn steht. Also viele schöne Sachen zu sehen und demzufolge schöner Ausflug!





16. August 2015
Es ist wieder so weit. Der Zeiger der Uhr, also die Anzeige rechts unten auf meinem Rechner, nähert sich der Zeit, in der ich langsam in Stimmung komme, etwas zu schreiben. Der Eintrag von heute Nachmittag fällt in eine andere Kategorie. Lesen und Copypasten schaffe ich mitunter auch am helllichten Tag. Wobei, so licht sind die Lichtverhältnisse an meinen Tagen hier in der Wohnung gar nicht. Es ist alles ein wenig gemildert und gedimmt durch vielfältige Vorkehrungsmaßnahmen, die reguläre Außentemperatur von 30 bis 35 Grad draußen zu halten. Ich will gar nicht aufzählen, was ich dazu alles machen muss, da ich keine Außenjalousien an den Fenstern und Glastüren meiner lauschigen Wohnung unter dem Dach habe. Aber so gut wie in diesem Jahr habe ich es noch nie hingekriegt. Man kann es gerade so aushalten drinnen. Wäsche für die Waschmaschine entsteht nicht an meinen Wochenenden. Außer Geschirr- und Handtuch. Thermometer hab ich nicht, es würde ja nichts an der Temperatur ändern. Immerhin habe ich an dem Südbalkon an den großen Glasfenstern an den Außenseiten Rollos aus dem Baumarkt angebracht. Links und rechts zwei Schräubchen in den Holzrahmen. Innen ein Rollo, außen ein Rollo. Das bringt schon was. Na ja. An den Fenstern nicht. Das ist mir zu wackelig, also außen nicht, innen schon. Wollte ich gar nicht im Detail erzählen – egal. Ich mache noch ein paar zusätzliche Sachen, damit es immerhin vom Gefühl her nicht mehr als dreißig Grad hier hat. Obwohl – es würde mich doch mal interessieren.
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Mein Gott, wie langweilig, dieses Geschwafel über Hitzedämmmaßnahmen. Das ist jetzt schon das zweite Wort mit drei gleichen Konsonanten nebeneinander in einem Blogeintrag. Dabei versuche ich drei-gleiche-Konsonanten-hintereinander-Wörter zu umgehen. Hat es eben nicht geklappt. Ich werde ein bißchen rammdösig, wenn mein Hirn nicht im idealen Temperaturmodus ist. Der ist auf jeden Fall niedriger. Ich will nicht über zu warm oder zu kalt oder wie mache ich es mir kühler oder wärmer nachdenken.

Das sind so archaische Sachen, die man eigentlich nicht mehr haben will, in unserer Luxuszivilisation. Oder mit herzzerreißenden Flüchtlings-Geschichten konfrontiert werden. Auch das noch. Mir tut das alles weh. Sollte es auch. Ist schon richtig so. Ich habe ein Familientrauma, was das Thema anbelangt, ich kann da gar nicht in eigenen Worten einsteigen, ohne mich in furchtbare, über Generationen vererbte Erinnerungszustände hineinzumanövrieren.

Deswegen gibt es nur mal so einen gecopypasteten Eintrag wie heute Nachmittag. Denn ich bin gar nicht nur so eine weltfremde Kunst- und Kulturflaneurin, die im schicken Elfenbeinturm in Mitte nichts weiter mitkriegt. Ich kriege viel zu viel mit. Aber von Fremdschmerzen wird nichts besser. Oder vielleicht doch, wenn man es vermittelt. Ich habe keinen Grund zu jammern. Aber andere, und das soll man respektieren und einfach das Herz zeigen, das man ja zu haben glaubt. Die Bilder, die ich hier in dem Eintrag habe, haben mit all dem gar nichts zu tun, außer dass sie Dokument meiner Existenz am 26. Mai 2015 sind. Ich kann mich sehr gut an den Moment erinnern, die zwei Minuten, in denen die Bilder entstanden sind. Ich war nämlich ein bißchen aufgeregt und vorfreudig. Ich war kurz davor, zur Autorenbuchhandlung am Savignyplatz aufzubrechen. Das war das erste mal, dass ich sicher war, nur ein paar Introbilder zu fabrizieren, auf die bestimmt noch ganz viele mit anderen Menschen folgen würden. Und vor allem mit einem speziellen anderen Menschen, mit Roswitha Hecke. Ich sage ja, ich arbeite mich hier nicht mehr chronologisch durch mein jüngeres Bildarchiv, das noch nicht gepostet ist. Am 26. Mai dachte ich, es wäre der Tag, an dem Roswitha Hecke in der Autorenbuchhandlung ihre Pigalle-Ausstellung eröffnet. Ich ging also hin, war bereits kurz nach Sieben da, also neunzehn Uhr meine ich, und wunderte mich sehr, dass ich nahezu leere Räume vorfand. Am Verkaufstresen die wahnsinnig attraktive Mitarbeiterin, die mir erklärte, dass ich einen Monat zu früh gekommen wäre. Das sei erst am 26. Juni (ich war dann ja auch da, am 26., habe ich ja alles längst gebloggt). So stand ich da, in der leeren Autorenbuchhandlung, und war vor allem froh für Roswitha Hecke, dass die Veranstaltung doch kein Flop war, für die sich keine Sau interessiert. Hätte mich aber auch gewundert.

Die Autorenbuchhandlung hat ein liebevoll gesetztes, vierteljährlich erscheinendes Magazin namens Geistesblüten, mit schönen Artikeln und Fotos. Die Mitarbeiterin hat mir ein Exemplar mitgegeben und in der S-Bahn fing ich an zu lesen. Plötzlich hatte ich unerwartet einen freien Abend vor mir. Dabei habe ich ganz viele freie Abende. Ja, ich möchte sagen, mein Leben, mein abendliches Leben, besteht mehr oder weniger aus freien Abenden, das nur vereinzelt, sehr vereinzelt, von Unternehmungen unterbrochen wird, die aufgrund meiner hingebungsvollen Dokumentation dazu führen, dass genau der gegenteilige Eindruck entsteht, ich wäre ständig unterwegs, quasi von einer Einladung und Party zur anderen. Wenn ich in mein Blog schaue, kommt es mir bald selber so vor. Aber man muss nur mal das Datum der Bilder anschauen. Da sind ganz große Abstände dazwischen. Und in denen sitze ich nur hier in der abgedunkelten Bude und tippe fleißig Blogeinträge über so gut wie nie stattfindende Abendverabredungen oder ausgefallene. In der Zeitschrift war auch ein Bericht von Christiane Höllger über ihre Freundin Romy Schneider. War aber glaube ich jetzt nichts, was man nicht schon mal woanders gelesen hätte. Aber trotzdem ganz schön. Das dazu.
14. August 2015
Gratuliere, lieber Wim Wenders. Schon siebzig Jahre, allerhand. Wie schnell die Zeit vergeht, man dreht sich um, fährt sich gerade noch schwungvoll durchs Haar und schon sind wieder zehn Jahre vorbei. Weder habe ich alle Filme von ihm gesehen, noch habe ich die, die ich gesehen habe, alle verstanden. Manche Bilder sind hängen geblieben. Natürlich aus dem Himmel über Berlin. Neulich kam auf arte „Der amerikanische Freund“ mit Bruno Ganz und Dennis Hopper. Ich konnte rein gar nichts damit anfangen. Weder mit den Dialogen noch mit der verworrenen Geschichte, noch den Figuren. Trotz Respekt für die Schauspieler. Hat mir nicht gefallen. Den Himmel über Berlin finde ich stellenweise auch unerträglich pathetisch, dann wieder zu Herzen gehend. Starke Bilder der Stadt. Das wechselt sehr. Ich mochte teilweise das Video, das er mit Frau Minichmayr und diesem Sänger aus Düsseldorf zu dem sehr schönen Song Auflösen gedreht hat. Vor allem, weil ich das Lied mag und man spürt, dass zwischen den beiden echte Energie herrscht. Aber eigentlich gratuliere ich Wim Wenders viel mehr wegen meiner Eindrücke von ihm aus der Nachbarschaft und manchen kurzen Momenten auf roten Teppichen, wo er befragt wird. Wo ich nebenbei noch niemals dabei war, das hört sich jetzt ja fast so an. Auch haben wir uns noch nie unterhalten, aber ich sehe ihn manchmal mit wehendem Haar und sehr jugendlich wirkend, auf dem Fahrrad hier herumradeln, mit ziemlich viel Tempo. Bestimmt nicht wie ein älterer Herr, der das Eintrittsalter in den Ruhestand überschritten hat. Manchmal sitzt er auch da unten, vor meinem Fenster, beim Al Contadino, wo ich mich nie trauen würde, ihn zu fotografieren. Und wenn er einem mal entgegenkommt, passiert nicht dauernd, aber schon mal, dann schaut er sehr wach und aufmerksam. Ich habe den Eindruck, er interessiert sich für die Welt und was ihn umgibt. Keine Arroganz geht von ihm aus, viel mehr eine außerordentlich komplexe Wahrnehmungsfähigkeit. Er ist mir einfach sympathisch und ich freue mich, dass er auch hier wohnt und dabei so gut geschnittene Anzüge trägt und so interessante Brillen, und immer noch die Haare wirft, als wäre er gerade mal dreißig. Das steht ihm gut und er sollte das unbedingt weiter so halten. Und immer schön Fahrrad fahren und dabei freundlich gucken. Ich wünsche gute Gesundheit und noch viele vergnügte Jahre. Vielleicht ergibt es sich ja doch irgendwann einmal, dass wir ein Schwätzchen halten. Mit Löwen verstehe ich mich ja schon immer sehr gut!
15. August 2015
„(…) Eine Variante der neuen Realität erwartete mich und meine neunjährige Tochter in Berlin an einer Bushaltestelle. Wir wollten zurück in unser Übergangswohnheim, als mein Blick auf ein junges Liebespaar fiel. Die beiden tauschten heiße Küsse in inniger Umarmung aus – als seien sie allein auf der Welt.
Nur meine Kleine starrte das Paar an – mit einer Mischung aus Überraschung und Schüchternheit. Automatisch legte ich meine Hand auf ihre Augen, dann schob ich meinen Körper als Sichtschutz zwischen die Liebenden und mein Kind. Meine Reaktion war auch ein Schutz meiner selbst: Ich wollte meine Frau und mich vor einem kindlichen Fragesturm schützen.
(…) Natürlich findet man auch immer nette, fremde Menschen, die in der U-Bahn oder an der Bushaltestelle helfen. Manche schauen sogar auf ihrem Smartphone nach, wenn ich die Schilder des Berliner Schienenersatzverkehrs nicht verstehe. Auch viele Berliner scheinen sie nicht zu verstehen.
Berlin ist für mich eine typische westeuropäische Stadt. Der öffentliche Nahverkehr funktioniert, es ist sauber, grün und bislang habe ich mich noch nicht bedroht gefühlt. Berlins lange Arme umarmen mich einfach, sie erinnern mich ständig daran, dass ich in Europa bin.“
Yahya Al-Aous (41) ist syrischer Journalist. Er saß von 2002 bis 2004 im Gefängnis. Seit zwei Monaten lebt er mit seiner Familie in einem Übergangswohnheim in Berlin.
SZ Magazin
14. August 2015


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Zwei Uhr zwanzig. Schon wieder so spät. Es ist einfach meine Zeit, ich wünschte selbst, die würde sich nicht derart spät nachts einfinden. Wenn ich Verabredungen habe, abendliche, nicht nächtliche (die mir mehr (sehr) liegen würden), habe ich immer das Gefühl, mir läuft die Zeit davon. Ich dusche, balsamiere mich ein, tusche meine Wimpern usw. usf., höre Musik. Im Internet (hab gerade versehentlich getippt Hinternet ) schnell noch irgendwas nachlesen, checken, gucken, wieder hängen bleiben. Noch ein Glas trinken. Noch ein paar bestimmte Songs, die mich sehr zuverlässig elektrisieren. Anybody seen my Baby? High Voltage Queen. Schuhe. Welche Schuhe? Stiefel? Doch mal wieder ein Kleid. Ach nein, doch nicht. Schmuck? Ja, aber nein, nicht das. Das andere. Martialischer. Härter. Nicht so nett. Das Zebra-Teil. Das liebe ich, darin fühle ich mich immer richtig. Auf eine nicht zu nette, unopportunistische, autonome Art gut und richtig. Ich war schon angetan, dass Doro in ihrer Einladung „ab 21 Uhr“ geschrieben hatte. Nicht diese Kindergeburtstagsuhrzeiten wie bei Eröffnungen. 19 Uhr. Bitte. Da trinke ich meinen dritten Nachmittagskaffee. Und mit dem eigentlichen Trinken versuche ich immer noch nach Einbruch der Dunkelheit zu beginnen. Die ist derzeit bei ca. halbzehn. Dafür bin ich um zwei aber auch noch nicht haltlos betrunken. Was war das nun für eine Party? Mir kommt die Betitelung selbst ein bißchen aus dem Fenster gelehnt vor, weil erneut keine Bilddokumentation entstanden ist. Und auch hier war die Kamera immer in meiner Griffweite. Diesmal waren es nicht zu komplizierte Lichtverhältnisse und auch waren einige Gesichter da, die ich sehr gerne gesehen habe und gerne einmal einfangen möchte. Manche zum ersten mal. Andere gerne einmal wieder. Jedoch alles, jeder Moment schien mir zu privat. Man kann nicht einfach in einer privaten Wohnung, die nicht die eigene ist, und in der man selbst erstmalig zu Gast ist, ohne Aufforderung der Gastgeberin herumfotografieren. Das gehört sich nicht, es sei denn, sie würde es sich wünschen. Sie hätte sich einiges wünschen können und dürfen. Denn sie hatte Geburtstag. Denselben, den ich in knapp drei Wochen habe. Also dieselbe Zahl. Wir sind derselbe Jahrgang, Doro und ich. Dass ich überhaupt dort war, sein durfte, rührte von dem Abend, als Sebastian seine Hochzeit im Circus Lemke feierte. Dort war Doro auch und fragte mich, ob ich nicht Lust hätte, am kommenden Samstag zu ihrer kleinen Geburtstagsfeier zu kommen. Ich hatte sogar sehr Lust, denn immer, wenn ich Doro sehe, so selten das ist, habe ich aus unerfindlichen Gründen ein Empfinden von Vertrautheit und Verbundenheit, als wäre sie eine alte Schulfreundin, mit der man sich an Pferde erinnert, die man früher zusammen gestohlen hat. Ich weiß nicht, ob es ihr ein bißchen ähnlich geht, aber mir geht es so. Was aber nicht dazu führt, dass man von Stund an denkt, man müsste sich nun dauernd verabreden und so schnell wie möglich wieder sehen. Gar nicht. Aber manchmal. Und dann sehr gerne. Ohne Wenn und Aber. Jeder hat so sein eigenes Leben zusammengebastelt, in fünf vollendeten Dekaden. Es gibt Rituale und Verpflichtungen. Schöne und langweiligere. Aber ab und zu kann man nebeneinander in einer schönen Bar oder in einem schönen Wohnzimmer sitzen und gemeinsam laut denken, ein bißchen Telepathie pflegen. Und lachen. An diesem schönen Abend traf ich endlich zum ersten mal Kitty Koma, die mit ihrem Gefährten gekommen war. Eigentlich nur um die Ecke. Wir wohnen alle nicht so sehr weit voneinander entfernt. An ihr war mir gar nichts fremd oder befremdlich. Ich mochte sie sofort, aber irgendwie wusste ich das vorher schon, oder hoffte es zumindest. Modeste war auch da. Und Wortschnittchen. Und Engl, die sich alle drei auf eine schöne Art entwickelt haben. Anne, die auch bei Sebastians Feier im Circus Lemke war, war ebenfalls da, sie hatte ein Kleid mit einem Muster an, das mich total in den Bann zog. Und noch ganz viele andere, die ich nicht kannte. Überwiegend in etwa meinem, unserem Alter. Zehn Jahre mehr oder weniger, da wollen wir nicht kleinlich sein. Mek kam später auch noch, zu meiner allergrößten Freude, denn er ist immer meine Augenweide. Bitte nicht falsch verstehen, viele waren attraktiv anzusehen, aber bei Mek fotografiere ich innerlich immer. Eigentlich filme ich ihn sogar. Aber das ist kein Geheimnis. Wenn er nicht verheiratet wäre, würde ich solche Sachen wahrscheinlich nicht schreiben. Aber ich bin ja jenseits von Gut und Böse. O.k. Nein, Quatsch. Ich bin nicht jenseits von Gut und Böse. Es ist 2:47 Uhr, ich fange an zu faseln. Natürlich trinke ich auch. Das ist normal um diese Zeit, wenn man noch nicht schläft, oder? Blanquette de Limoux. Mek schrieb vor einer Weile einen Eintrag, in dem er diesen Abend erwähnte, vor allem den letzten Abschnitt. Kann man hier nachlesen. Wir saßen in einer sehr kleinen Runde, Mek, Modeste, das Geburtstagskind, noch eine Freundin von ihr und ich, in diesem wunderbaren Berliner Zimmer. So schöner Stuck an der Decke, so behutsam freigelegt, restauriert. Ich habe mich eigentlich wie daheim gefühlt, obwohl mein Daheim ganz anders aussieht. Doro und ich saßen unter einer großen bemalten Leinwand mit Kois, diesen orangeroten Fischen. So ein schönes Bild. Mek hat das Talent, jedes Gespräch, zu dem er stößt, zu intensivieren und in eine interessantere Richtung zu lenken, kommt mir jedenfalls so vor. Ohne ihn hätten wir uns mit Sicherheit keine Sekunde über Sexblogs unterhalten, oder ob es reizvoll sein könnte, über dieses Thema zu schreiben. Irgenwie anders. Weiß der Geier. Nicht so, wie man das kennt. So eindimensional, monothematisch, nicht so tausendmal gelesen und klischeehaft. Wir ließen uns gerne auf seine Gedanken ein. Wobei ich mir nicht sicher bin, ob wir uns nicht auch auf ein anderes Thema mit ähnlicher Konzentration eingelassen hätten, einfach um der Freude willen, mit dem Intensitätspotenzial seiner und unserer Gedanken zu spielen, ein bißchen herumzujonglieren. Wie auch immer. Es ist spät. Es war spät. Es dämmerte bereits, wir erlebten die blaue Stunde, in dieser schönen kleinen Runde. An diesem Abend wurde nicht getanzt, nicht mit Beinen, aber doch ein bißchen mit und in Gedanken.
14. August 2015
Gratuliere, lieber Wim Wenders. Schon siebzig Jahre, allerhand. Wie schnell die Zeit vergeht, man dreht sich um, fährt sich gerade noch schwungvoll durchs Haar und schon sind wieder zehn Jahre vorbei. Weder habe ich alle Filme von ihm gesehen, noch habe ich die, die ich gesehen habe, alle verstanden. Manche Bilder sind hängen geblieben. Natürlich aus dem Himmel über Berlin. Neulich kam auf arte „Der amerikanische Freund“ mit Bruno Ganz und Dennis Hopper. Ich konnte rein gar nichts damit anfangen. Weder mit den Dialogen noch mit der verworrenen Geschichte, noch den Figuren. Trotz Respekt für die Schauspieler. Hat mir nicht gefallen. Den Himmel über Berlin finde ich stellenweise auch unerträglich pathetisch, dann wieder zu Herzen gehend. Starke Bilder der Stadt. Das wechselt sehr. Ich mochte teilweise das Video, das er mit Frau Minichmayr und diesem Sänger aus Düsseldorf zu dem sehr schönen Song Auflösen gedreht hat. Vor allem, weil ich das Lied mag und man spürt, dass zwischen den beiden echte Energie herrscht. Aber eigentlich gratuliere ich Wim Wenders viel mehr wegen meiner Eindrücke von ihm aus der Nachbarschaft und manchen kurzen Momenten auf roten Teppichen, wo er befragt wird. Wo ich nebenbei noch niemals dabei war, das hört sich jetzt ja fast so an. Auch haben wir uns noch nie unterhalten, aber ich sehe ihn manchmal mit wehendem Haar und sehr jugendlich wirkend, auf dem Fahrrad hier herumradeln, mit ziemlich viel Tempo. Bestimmt nicht wie ein älterer Herr, der das Eintrittsalter in den Ruhestand überschritten hat. Manchmal sitzt er auch da unten, vor meinem Fenster, beim Al Contadino, wo ich mich nie trauen würde, ihn zu fotografieren. Und wenn er einem mal entgegenkommt, passiert nicht dauernd, aber schon mal, dann schaut er sehr wach und aufmerksam. Ich habe den Eindruck, er interessiert sich für die Welt und was ihn umgibt. Keine Arroganz geht von ihm aus, viel mehr eine außerordentlich komplexe Wahrnehmungsfähigkeit. Er ist mir einfach sympathisch und ich freue mich, dass er auch hier wohnt und dabei so gut geschnittene Anzüge trägt und so interessante Brillen, und immer noch die Haare wirft, als wäre er gerade mal dreißig. Das steht ihm gut und er sollte das unbedingt weiter so halten. Und immer schön Fahrrad fahren und dabei freundlich gucken. Ich wünsche gute Gesundheit und noch viele vergnügte Jahre. Vielleicht ergibt es sich ja doch irgendwann einmal, dass wir ein Schwätzchen halten. Mit Löwen verstehe ich mich ja schon immer sehr gut!
14. August 2015


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Zwei Uhr zwanzig. Schon wieder so spät. Es ist einfach meine Zeit, ich wünschte selbst, die würde sich nicht derart spät nachts einfinden. Wenn ich Verabredungen habe, abendliche, nicht nächtliche (die mir mehr (sehr) liegen würden), habe ich immer das Gefühl, mir läuft die Zeit davon. Ich dusche, balsamiere mich ein, tusche meine Wimpern usw. usf., höre Musik. Im Internet (hab gerade versehentlich getippt Hinternet ) schnell noch irgendwas nachlesen, checken, gucken, wieder hängen bleiben. Noch ein Glas trinken. Noch ein paar bestimmte Songs, die mich sehr zuverlässig elektrisieren. Anybody seen my Baby? High Voltage Queen. Schuhe. Welche Schuhe? Stiefel? Doch mal wieder ein Kleid. Ach nein, doch nicht. Schmuck? Ja, aber nein, nicht das. Das andere. Martialischer. Härter. Nicht so nett. Das Zebra-Teil. Das liebe ich, darin fühle ich mich immer richtig. Auf eine nicht zu nette, unopportunistische, autonome Art gut und richtig. Ich war schon angetan, dass Doro in ihrer Einladung „ab 21 Uhr“ geschrieben hatte. Nicht diese Kindergeburtstagsuhrzeiten wie bei Eröffnungen. 19 Uhr. Bitte. Da trinke ich meinen dritten Nachmittagskaffee. Und mit dem eigentlichen Trinken versuche ich immer noch nach Einbruch der Dunkelheit zu beginnen. Die ist derzeit bei ca. halbzehn. Dafür bin ich um zwei aber auch noch nicht haltlos betrunken. Was war das nun für eine Party? Mir kommt die Betitelung selbst ein bißchen aus dem Fenster gelehnt vor, weil erneut keine Bilddokumentation entstanden ist. Und auch hier war die Kamera immer in meiner Griffweite. Diesmal waren es nicht zu komplizierte Lichtverhältnisse und auch waren einige Gesichter da, die ich sehr gerne gesehen habe und gerne einmal einfangen möchte. Manche zum ersten mal. Andere gerne einmal wieder. Jedoch alles, jeder Moment schien mir zu privat. Man kann nicht einfach in einer privaten Wohnung, die nicht die eigene ist, und in der man selbst erstmalig zu Gast ist, ohne Aufforderung der Gastgeberin herumfotografieren. Das gehört sich nicht, es sei denn, sie würde es sich wünschen. Sie hätte sich einiges wünschen können und dürfen. Denn sie hatte Geburtstag. Denselben, den ich in knapp drei Wochen habe. Also dieselbe Zahl. Wir sind derselbe Jahrgang, Doro und ich. Dass ich überhaupt dort war, sein durfte, rührte von dem Abend, als Sebastian seine Hochzeit im Circus Lemke feierte. Dort war Doro auch und fragte mich, ob ich nicht Lust hätte, am kommenden Samstag zu ihrer kleinen Geburtstagsfeier zu kommen. Ich hatte sogar sehr Lust, denn immer, wenn ich Doro sehe, so selten das ist, habe ich aus unerfindlichen Gründen ein Empfinden von Vertrautheit und Verbundenheit, als wäre sie eine alte Schulfreundin, mit der man sich an Pferde erinnert, die man früher zusammen gestohlen hat. Ich weiß nicht, ob es ihr ein bißchen ähnlich geht, aber mir geht es so. Was aber nicht dazu führt, dass man von Stund an denkt, man müsste sich nun dauernd verabreden und so schnell wie möglich wieder sehen. Gar nicht. Aber manchmal. Und dann sehr gerne. Ohne Wenn und Aber. Jeder hat so sein eigenes Leben zusammengebastelt, in fünf vollendeten Dekaden. Es gibt Rituale und Verpflichtungen. Schöne und langweiligere. Aber ab und zu kann man nebeneinander in einer schönen Bar oder in einem schönen Wohnzimmer sitzen und gemeinsam laut denken, ein bißchen Telepathie pflegen. Und lachen. An diesem schönen Abend traf ich endlich zum ersten mal Kitty Koma, die mit ihrem Gefährten gekommen war. Eigentlich nur um die Ecke. Wir wohnen alle nicht so sehr weit voneinander entfernt. An ihr war mir gar nichts fremd oder befremdlich. Ich mochte sie sofort, aber irgendwie wusste ich das vorher schon, oder hoffte es zumindest. Modeste war auch da. Und Wortschnittchen. Und Engl, die sich alle drei auf eine schöne Art entwickelt haben. Anne, die auch bei Sebastians Feier im Circus Lemke war, war ebenfalls da, sie hatte ein Kleid mit einem Muster an, das mich total in den Bann zog. Und noch ganz viele andere, die ich nicht kannte. Überwiegend in etwa meinem, unserem Alter. Zehn Jahre mehr oder weniger, da wollen wir nicht kleinlich sein. Mek kam später auch noch, zu meiner allergrößten Freude, denn er ist immer meine Augenweide. Bitte nicht falsch verstehen, viele waren attraktiv anzusehen, aber bei Mek fotografiere ich innerlich immer. Eigentlich filme ich ihn sogar. Aber das ist kein Geheimnis. Wenn er nicht verheiratet wäre, würde ich solche Sachen wahrscheinlich nicht schreiben. Aber ich bin ja jenseits von Gut und Böse. O.k. Nein, Quatsch. Ich bin nicht jenseits von Gut und Böse. Es ist 2:47 Uhr, ich fange an zu faseln. Natürlich trinke ich auch. Das ist normal um diese Zeit, wenn man noch nicht schläft, oder? Blanquette de Limoux. Mek schrieb vor einer Weile einen Eintrag, in dem er diesen Abend erwähnte, vor allem den letzten Abschnitt. Kann man hier nachlesen. Wir saßen in einer sehr kleinen Runde, Mek, Modeste, das Geburtstagskind, noch eine Freundin von ihr und ich, in diesem wunderbaren Berliner Zimmer. So schöner Stuck an der Decke, so behutsam freigelegt, restauriert. Ich habe mich eigentlich wie daheim gefühlt, obwohl mein Daheim ganz anders aussieht. Doro und ich saßen unter einer großen bemalten Leinwand mit Kois, diesen orangeroten Fischen. So ein schönes Bild. Mek hat das Talent, jedes Gespräch, zu dem er stößt, zu intensivieren und in eine interessantere Richtung zu lenken, kommt mir jedenfalls so vor. Ohne ihn hätten wir uns mit Sicherheit keine Sekunde über Sexblogs unterhalten, oder ob es reizvoll sein könnte, über dieses Thema zu schreiben. Irgenwie anders. Weiß der Geier. Nicht so, wie man das kennt. So eindimensional, monothematisch, nicht so tausendmal gelesen und klischeehaft. Wir ließen uns gerne auf seine Gedanken ein. Wobei ich mir nicht sicher bin, ob wir uns nicht auch auf ein anderes Thema mit ähnlicher Konzentration eingelassen hätten, einfach um der Freude willen, mit dem Intensitätspotenzial seiner und unserer Gedanken zu spielen, ein bißchen herumzujonglieren. Wie auch immer. Es ist spät. Es war spät. Es dämmerte bereits, wir erlebten die blaue Stunde, in dieser schönen kleinen Runde. An diesem Abend wurde nicht getanzt, nicht mit Beinen, aber doch ein bißchen mit und in Gedanken.
12. August 2015
Ich halte mich nicht mehr an die strikte Chronologie der Ereignisse. Aus irgendeinem Grund habe ich mehr Lust, mich mit den jüngeren Ereignissen und Ausflügen zu befassen. Das hier wird wieder ein Eintrag, wo man sich die Bilder selbst dazudenken muss. Denken Sie sich doch mal sechshundert Zeichnungen von sechshundert anonymen Zeichnern und im Anschluss ein paar Aufnahmen von mir und ein paar anderen Menschen. Wieder hatte ich die Kamera dabei. Akku geladen, Objektiv geputzt. Nicht ein Foto gemacht. Aber diesmal lag die Sache etwas anders. Der Abend war nicht so kurz wie neulich in Friedrichshain in der Fotogalerie. Ich muss gestehen, ich wäre von selber nicht auf die Ausstellung der „Anonymen Zeichner“ gestoßen. Weil aber mein lieber Freund (und ich sage nicht mehr Bloggerfreund, weil mir das zu schlicht vorkommt und die Sache nicht trifft) Sebastian dort und dabei war, hatte ich Lust darauf. Sogar Lust, etwas zu kaufen. Mir gefiel die Vorstellung, vor so vielen Zeichnungen zu stehen, die Bilder mit den Augen zu scannen und dann vielleicht fasziniert an einem so kleben zu bleiben, dass ich es haben will. Alle Bilder hatten denselben Preis, zweihundert Euro. Ich habe extra darauf geachtet, dass ich genug Bargeld dabei habe. Auf der Internetseite des Projekts sah ich sogar ein ganz bestimmtes Bild, das ich gerne real angeschaut hätte. Leider war es nicht vor Ort.
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Ich bin sehr selten in Moabit, äußerst selten. Ich wusste, dass noch wenigstens Elvira, die in Moabit wohnt, dort sein würde. An dem Abend hatte ich Lust, mich nicht schwarzweiß anzuziehen, was ich oft mache. Es widerfährt mir eher, ich fühle mich in schwarzweiß sehr wohl. Kann man auch nicht erklären. Aber wenn ich womöglich ein sehr buntes Bild kaufen würde, wäre es doch schön, wenn ich selber bunt wäre. Man ist ja auch ein Exponat von anonymen Zeichnungen, wenn man so wild gemusterte Sachen anhat. Nie erfährt man, wer den Stoff entworfen, „gezeichnet“ hat. Ich hatte also zweihundert Euro im Geldbeutel und noch ein bißchen mehr, um auch was zu trinken kaufen zu können. Und für alle Fälle ein Taxi zu bezahlen (also zurück). Wenn es spät ist, hat man ja oft keine Lust, sich auf irgendwelche komplizierten U- oder S-Bahnverbindungen oder womöglich Nachtbusse einzulassen. Wenn es sehr spät ist und man sehr trunken ist, will man heim und zwar so schnell wie möglich. Auch dieser Abend war ein sehr warmer Sommerabend. Irgendwo musste ich umsteigen, auf dem Hinweg. Wie war das noch? Kommt mir schon wieder vor wie ewig lange her. Es war ein paar Tage vor dem Abend im Löwenpalais, andere Bilder in meinem Kopf überlagern die Kleinigkeiten der Erinnerung. Ich musste jedenfalls zur Turmstraße. Ach ja: vom Rosenthaler Platz bin ich bis Osloer gefahren und dann Richtung Steglitz mit der U 9 bis Turmstraße. So war das. Ein gutes Stück noch gelaufen, aber ich hatte meine schwarzen Reeboks an den Füßen, da kommt es auf hundert Meter mehr oder weniger nicht an. Viele Leute waren vor dem Eingang. Die Raucher, denkt man zuerst. Aber als ich hineinging, kam mir so eine stickig heiße Luft entgegen, viel heißer als draußen und sehr sauerstoffarm, dass wahrscheinlich selbst eine vor der Tür inhalierte Zigarette mehr Sauerstoff transportiert hätte. Ich ging ziemlich schnell durch die Raumfluchten mit den vielen hundert Zeichnungen. Alle sehr klein, meistens nur DIN A 4. Die mich interessierte, fand ich nicht, aber dafür Sebastian, der mit einem Kollegen am Fenster saß. Wir begrüßten uns freudig und ich schaute gleich noch mal weiter, ob ich das Bild nicht doch entdecke. Das von Sebastian hing auch anonym da, wie alle, aber ich habe es nicht entdeckt und zugegebenermaßen auch nicht wissenschaftlich danach gesucht.



An der Theke mit den Getränken war eine kleine Warteschlange, ich haderte, mir etwas zu holen und tat es doch nicht, es war einfach so stickig. Ich fragte noch bei der Kuratorin nach dem Bild, sie erklärte, es wäre aus dem Archiv und nicht da. Ich lief noch mal schnell an allen Wänden vorbei, die Luft wurde langsam wirklich knapp. Eine kleine Zeichnung oder vielmehr ein Bild, zwischen elektrischem Pink und Magenta, es sah aus wie mit Wasserfarben gepinselt, gefiel mir ganz gut, aber es war mir keine zweihundert Euro wert. Dafür war es zu beliebig und mickrig. Viel Amateurhaftes klebte an den Wänden, und darunter eher selten, komplexe, aufwändige Zeichnungen, mitunter von mysteriösen Welten. Im Grunde war Alles und Nichts dabei. Ich hatte genug gesehen. Aus dem Augenwinkel sah ich zufällig die wunderbare Angela Winkler mit einer Freundin an den Wänden vorbeiflanieren, sie guckte sehr konzentriert, als ob sie nach einem bestimmten Bild Ausschau hält und sah außerordentlich gut aus, und wenn ich zum Paparazzen neigen würde, hätte ich sie fotografiert. Aber sie war ja privat dort, nicht um von irgendwelchen Besuchern mit der Kamera gestalkt zu werden. So käme es mir vor, wenn ich die Situation derart ausgenutzt hätte. Ich ging hinaus und war ein bißchen orientierungslos, weil ich Sebastian drinnen nicht mehr gefunden hatte. Gegenüber von der Eingangstür war im Gewimmel eine Bank, auf der saß Konstantin. Konstantin, der Kunstkontakter. Wir begrüßten uns herzlich und wir kamen schnell ins Gespräch. Über alles mögliche. Er hat immer recht bizarre Outfits an. Eine staatstragende Offiziersmütze oder wie man das nennt, ein gelbes T-Shirt glaube ich, und so eine leuchtorange Straßenbauarbeiterhose, wenn ich es recht erinnere. Er taxierte mich von oben bis unten und meinte: „Na ja, du warst ja schon immer eine der wenigen, die avantgardemäßig unterwegs war, immer ganz ausgefallene Sachen an!“ Das war aber schon irgendwie anerkennend gemeint, wie ich Konstantin kenne. Er fragte mich Verschiedenes aus der Vergangenheit, auch was bestimmte Verbindungen und Beziehungen angeht, die er zum Teil anders interpretiert hat, als sie waren. Ich staunte, an was für Details und Szenen er sich erinnert. An irgendeinen Moment vor der damaligen Galerie Sakamoto, wo er meinte gesehen zu haben, wie ich und – – – na ja. Unsinn. Egal. Auf jeden Fall offenbar viel Phantasie bei Konstantin im Spiel. Ich musste lachen. Außerdem alles ewig her. Ich erwähnte in dem Zusammenhang, dass ich eine ganze Weile sehr wenig unterwegs war. Wegen Liebeskummer.


Konstantin wetterte „Na siehst du, hättest du damals mich genommen, hättest du keinen Liebeskummer gehabt, selber Schuld!“ Das ist so ein wiederkehrendes Geplänkel, dem man nicht zuviel Gewicht beimessen sollte. Sagen wir, Ausdruck einer gewissen Grundsympathie, was mir im übrigen jahrelang nicht klar war. Ich dachte, dass er nicht sonderlich viel von mir hält, aufgrund seiner früheren unterkühlt-autoritären Begrüßungsgesten. Na ja, so kann man sich täuschen. Aber nun weiß ich ja, dass er im Grunde ein weichherziger Mensch ist, der lediglich aus strategischen Gründen auch sehr streng gucken kann. Wir unterhielten uns noch recht ausführlich, über sein Elternhaus und seinen Vater und seine Mutter, seinen Herkunftsort und wie sich seine Eltern kennengelernt hatten. Beide leben nicht mehr. Auch so eine Dynamik, die sich in letzter Zeit wiederholt. Ich beginne mit jemandem ein harmloses, mitunter sogar albernes Geplauder und auf einmal wird daraus ein sehr ernstes Gespräch. Ist mir aber auch nicht unangenehm. Mittlerweile sah ich Elvira vorbeilaufen, sie ging in die Galerie aber sah mich nicht. Nach circa zehn Minuten kam sie wieder raus, ihr Liebster war auch dabei, und auch Sebastian war wieder da. Wir seilten uns in eine in Laufweite liegende Kneipe ab. Noch eine Freundin von Elvira kam dazu und auch noch ein anderer anonymer Zeichner, der sein Bild auf seinem Handy zeigte. Es war mir sogar aufgefallen, weil es so aufwändig und vielschichtig gezeichnet war. Als die Kneipe draußen nicht mehr bediente, zogen wir weiter in einen unheimlich schönen Biergarten, es war schon lange dunkel und wir tranken viel und hatten ein paar gegrillte Spieße und führten an dem langen Tisch lange, vertraute Gespräche. Ich dachte nicht eine Sekunde daran, irgendjemanden fotografieren zu wollen. Es war ja auch viel zu dunkel und man muss nicht jeden lebenswerten Moment als materialisierte Erinnerung bannen. Hat man ja früher auch nicht gemacht. Man erinnert sich auch ohne Kamerabilder an so einen schönen Abend. Das ist also diesmal die Erklärung, wieso es vom ersten August nur ein paar Bilder meiner Garderobe gibt.
12. August 2015
Ich halte mich nicht mehr an die strikte Chronologie der Ereignisse. Aus irgendeinem Grund habe ich mehr Lust, mich mit den jüngeren Ereignissen und Ausflügen zu befassen. Das hier wird wieder ein Eintrag, wo man sich die Bilder selbst dazudenken muss. Denken Sie sich doch mal sechshundert Zeichnungen von sechshundert anonymen Zeichnern und im Anschluss ein paar Aufnahmen von mir und ein paar anderen Menschen. Wieder hatte ich die Kamera dabei. Akku geladen, Objektiv geputzt. Nicht ein Foto gemacht. Aber diesmal lag die Sache etwas anders. Der Abend war nicht so kurz wie neulich in Friedrichshain in der Fotogalerie. Ich muss gestehen, ich wäre von selber nicht auf die Ausstellung der „Anonymen Zeichner“ gestoßen. Weil aber mein lieber Freund (und ich sage nicht mehr Bloggerfreund, weil mir das zu schlicht vorkommt und die Sache nicht trifft) Sebastian dort und dabei war, hatte ich Lust darauf. Sogar Lust, etwas zu kaufen. Mir gefiel die Vorstellung, vor so vielen Zeichnungen zu stehen, die Bilder mit den Augen zu scannen und dann vielleicht fasziniert an einem so kleben zu bleiben, dass ich es haben will. Alle Bilder hatten denselben Preis, zweihundert Euro. Ich habe extra darauf geachtet, dass ich genug Bargeld dabei habe. Auf der Internetseite des Projekts sah ich sogar ein ganz bestimmtes Bild, das ich gerne real angeschaut hätte. Leider war es nicht vor Ort.
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Ich bin sehr selten in Moabit, äußerst selten. Ich wusste, dass noch wenigstens Elvira, die in Moabit wohnt, dort sein würde. An dem Abend hatte ich Lust, mich nicht schwarzweiß anzuziehen, was ich oft mache. Es widerfährt mir eher, ich fühle mich in schwarzweiß sehr wohl. Kann man auch nicht erklären. Aber wenn ich womöglich ein sehr buntes Bild kaufen würde, wäre es doch schön, wenn ich selber bunt wäre. Man ist ja auch ein Exponat von anonymen Zeichnungen, wenn man so wild gemusterte Sachen anhat. Nie erfährt man, wer den Stoff entworfen, „gezeichnet“ hat. Ich hatte also zweihundert Euro im Geldbeutel und noch ein bißchen mehr, um auch was zu trinken kaufen zu können. Und für alle Fälle ein Taxi zu bezahlen (also zurück). Wenn es spät ist, hat man ja oft keine Lust, sich auf irgendwelche komplizierten U- oder S-Bahnverbindungen oder womöglich Nachtbusse einzulassen. Wenn es sehr spät ist und man sehr trunken ist, will man heim und zwar so schnell wie möglich. Auch dieser Abend war ein sehr warmer Sommerabend. Irgendwo musste ich umsteigen, auf dem Hinweg. Wie war das noch? Kommt mir schon wieder vor wie ewig lange her. Es war ein paar Tage vor dem Abend im Löwenpalais, andere Bilder in meinem Kopf überlagern die Kleinigkeiten der Erinnerung. Ich musste jedenfalls zur Turmstraße. Ach ja: vom Rosenthaler Platz bin ich bis Osloer gefahren und dann Richtung Steglitz mit der U 9 bis Turmstraße. So war das. Ein gutes Stück noch gelaufen, aber ich hatte meine schwarzen Reeboks an den Füßen, da kommt es auf hundert Meter mehr oder weniger nicht an. Viele Leute waren vor dem Eingang. Die Raucher, denkt man zuerst. Aber als ich hineinging, kam mir so eine stickig heiße Luft entgegen, viel heißer als draußen und sehr sauerstoffarm, dass wahrscheinlich selbst eine vor der Tür inhalierte Zigarette mehr Sauerstoff transportiert hätte. Ich ging ziemlich schnell durch die Raumfluchten mit den vielen hundert Zeichnungen. Alle sehr klein, meistens nur DIN A 4. Die mich interessierte, fand ich nicht, aber dafür Sebastian, der mit einem Kollegen am Fenster saß. Wir begrüßten uns freudig und ich schaute gleich noch mal weiter, ob ich das Bild nicht doch entdecke. Das von Sebastian hing auch anonym da, wie alle, aber ich habe es nicht entdeckt und zugegebenermaßen auch nicht wissenschaftlich danach gesucht.



An der Theke mit den Getränken war eine kleine Warteschlange, ich haderte, mir etwas zu holen und tat es doch nicht, es war einfach so stickig. Ich fragte noch bei der Kuratorin nach dem Bild, sie erklärte, es wäre aus dem Archiv und nicht da. Ich lief noch mal schnell an allen Wänden vorbei, die Luft wurde langsam wirklich knapp. Eine kleine Zeichnung oder vielmehr ein Bild, zwischen elektrischem Pink und Magenta, es sah aus wie mit Wasserfarben gepinselt, gefiel mir ganz gut, aber es war mir keine zweihundert Euro wert. Dafür war es zu beliebig und mickrig. Viel Amateurhaftes klebte an den Wänden, und darunter eher selten, komplexe, aufwändige Zeichnungen, mitunter von mysteriösen Welten. Im Grunde war Alles und Nichts dabei. Ich hatte genug gesehen. Aus dem Augenwinkel sah ich zufällig die wunderbare Angela Winkler mit einer Freundin an den Wänden vorbeiflanieren, sie guckte sehr konzentriert, als ob sie nach einem bestimmten Bild Ausschau hält und sah außerordentlich gut aus, und wenn ich zum Paparazzen neigen würde, hätte ich sie fotografiert. Aber sie war ja privat dort, nicht um von irgendwelchen Besuchern mit der Kamera gestalkt zu werden. So käme es mir vor, wenn ich die Situation derart ausgenutzt hätte. Ich ging hinaus und war ein bißchen orientierungslos, weil ich Sebastian drinnen nicht mehr gefunden hatte. Gegenüber von der Eingangstür war im Gewimmel eine Bank, auf der saß Konstantin. Konstantin, der Kunstkontakter. Wir begrüßten uns herzlich und wir kamen schnell ins Gespräch. Über alles mögliche. Er hat immer recht bizarre Outfits an. Eine staatstragende Offiziersmütze oder wie man das nennt, ein gelbes T-Shirt glaube ich, und so eine leuchtorange Straßenbauarbeiterhose, wenn ich es recht erinnere. Er taxierte mich von oben bis unten und meinte: „Na ja, du warst ja schon immer eine der wenigen, die avantgardemäßig unterwegs war, immer ganz ausgefallene Sachen an!“ Das war aber schon irgendwie anerkennend gemeint, wie ich Konstantin kenne. Er fragte mich Verschiedenes aus der Vergangenheit, auch was bestimmte Verbindungen und Beziehungen angeht, die er zum Teil anders interpretiert hat, als sie waren. Ich staunte, an was für Details und Szenen er sich erinnert. An irgendeinen Moment vor der damaligen Galerie Sakamoto, wo er meinte gesehen zu haben, wie ich und – – – na ja. Unsinn. Egal. Auf jeden Fall offenbar viel Phantasie bei Konstantin im Spiel. Ich musste lachen. Außerdem alles ewig her. Ich erwähnte in dem Zusammenhang, dass ich eine ganze Weile sehr wenig unterwegs war. Wegen Liebeskummer.


Konstantin wetterte „Na siehst du, hättest du damals mich genommen, hättest du keinen Liebeskummer gehabt, selber Schuld!“ Das ist so ein wiederkehrendes Geplänkel, dem man nicht zuviel Gewicht beimessen sollte. Sagen wir, Ausdruck einer gewissen Grundsympathie, was mir im übrigen jahrelang nicht klar war. Ich dachte, dass er nicht sonderlich viel von mir hält, aufgrund seiner früheren unterkühlt-autoritären Begrüßungsgesten. Na ja, so kann man sich täuschen. Aber nun weiß ich ja, dass er im Grunde ein weichherziger Mensch ist, der lediglich aus strategischen Gründen auch sehr streng gucken kann. Wir unterhielten uns noch recht ausführlich, über sein Elternhaus und seinen Vater und seine Mutter, seinen Herkunftsort und wie sich seine Eltern kennengelernt hatten. Beide leben nicht mehr. Auch so eine Dynamik, die sich in letzter Zeit wiederholt. Ich beginne mit jemandem ein harmloses, mitunter sogar albernes Geplauder und auf einmal wird daraus ein sehr ernstes Gespräch. Ist mir aber auch nicht unangenehm. Mittlerweile sah ich Elvira vorbeilaufen, sie ging in die Galerie aber sah mich nicht. Nach circa zehn Minuten kam sie wieder raus, ihr Liebster war auch dabei, und auch Sebastian war wieder da. Wir seilten uns in eine in Laufweite liegende Kneipe ab. Noch eine Freundin von Elvira kam dazu und auch noch ein anderer anonymer Zeichner, der sein Bild auf seinem Handy zeigte. Es war mir sogar aufgefallen, weil es so aufwändig und vielschichtig gezeichnet war. Als die Kneipe draußen nicht mehr bediente, zogen wir weiter in einen unheimlich schönen Biergarten, es war schon lange dunkel und wir tranken viel und hatten ein paar gegrillte Spieße und führten an dem langen Tisch lange, vertraute Gespräche. Ich dachte nicht eine Sekunde daran, irgendjemanden fotografieren zu wollen. Es war ja auch viel zu dunkel und man muss nicht jeden lebenswerten Moment als materialisierte Erinnerung bannen. Hat man ja früher auch nicht gemacht. Man erinnert sich auch ohne Kamerabilder an so einen schönen Abend. Das ist also diesmal die Erklärung, wieso es vom ersten August nur ein paar Bilder meiner Garderobe gibt.
10. August 2015
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Das Löwenpalais im Grunewald. Letzten Mittwoch war ich da. Es ist die Residenz einer Kunststiftung, der Stiftung Starke, die das Vermächtnis des Vaters an den Sohn war. Eine schöne Idee, Künstlerwohnungen gibt es auch dort. Yoko Ono war auch mal „Artist in Residence“ in der Kunststiftung Starke. Ist aber an mir vorbeigegangen. Jedenfalls ergab es sich, dass ich diesen Ort besuchte, weil an dem Abend ein Sommerfest stattfand. Vom Garten mit den Gästen habe ich gar keine Aufnahmen. Aber das hat schon alles seinen Grund. Sicher wird man anhand der Bilder denken: Holla, das ist ja mal ein Ambiente, nicht von schlechten Eltern, hier lässt es sich feiern! Es ist halt immer so eine Sache mit der Klientel. Ich hatte gewissermaßen die Schlußfolgerung gezogen, dass das Publikum in der Stiftung Starke stark den schönen Künsten zugeneigt sein würde, was u. a. auch an der Betitelung der Feier lag, die ich hier aber lieber unerwähnt lasse. Man konnte sich da eigenmächtig auf die Gästeliste setzen lassen, sofern man überhaupt von der Veranstaltung wusste. Ich hatte mir den Weg zur Königsallee im Grunewald ausgeguckt und ausgedruckt. Das Fahrgastinfo der BVG schlug mir vor, bis Westkreuz mit der S-Bahn zu fahren und dann zu laufen. Angeblich 1,2 Kilometer. Mir kam es beim Blick auf die Landkarte, also den Stadtplan, schon recht weiträumig vor, was da mit vorgeblich 1,2 Kilometern avisiert wurde, aber wird schon stimmen. Das ist doch alles von Profis programmiert, die werden das ja wohl wissen. Kann natürlich auch sein, dass hin und wieder die Luftlinie angegeben wird. Aber da muss man sich flexibel zeigen. Während ich am Westkreuz treppauf, treppab den Ausgang suchte, war ich schon recht gut eingelaufen und froh, dass meine Lackstiefelchen um einiges bequemer sind, als sie aussehen. Ich gabelte einen Herrn in arbeitstauglicher Kleidung auf der Treppe auf, der wirkte, als ob er sich auskennt, und hielt ihm meinen gedruckten Plan unter die Nase. Ob es da noch einen anderen Ausgang gibt, wollte ich wissen. „Nein, hier gibt es nur einen, wo wollense denn hin? Ach! Richtung Halensee! Ich muss zum Trabener Steig, meine Richtung, könnse mir einfach hinter her!“ „Na gut, dann lauf ich Ihnen hinterher!“ „Ist mir auch schon lange nicht mehr passiert, dass mir eine Frau hinterherläuft, dass ich das noch erleben darf! Haha“. Er musste dann bei irgendeinem Stellwerk oder was das war, zu seiner Arbeit, Abendschicht. Ich fand mich dann auch alleine zurecht. Wenn man erst einmal das gruselige Westkreuz mit seinem Fahrbahn- und Schienengewirr hinter sich hat, und am Halensee ist, spaziert es sich doch sehr schön. Obwohl es nun nicht mein Ziel war, den Abend mit einem Spaziergang zu verleben. Na gut, hat man es mal gesehen, das ganze Drumherum.




Tolle Villen, tolle Portale, alles sehr schön und lauschig. So hässlich wie das Westkreuz ist, so schön ist die Ecke vom Grunewald. Altehrwürdige, hochherrschaftliche Bauten. Wahnsinnig ruhig. Nur Vogelgezwitscher. Ab und zu ein teures Automobil im Schritttempo. Langsam wäre ich schon gerne angekommen. An einer Bushaltestelle kam ich vorbei. Wie ärgerlich, dort konnte ich feststellen, dass ich nur mit der S-Bahn weiter bis Grunewald hätte fahren müssen und dann zwei Bushaltestellen in die Königsallee, schon wäre ich bequem dort gewesen. Aber nun ja, eine Möglichkeit, die Umgebung zu erkunden. Fotos habe ich dabei nicht gemacht. Endlich kam das Ziel näher. Rechter Hand ein See mit viel Entengrütze drauf, der Dianasee glaube ich. Oder war es der Königssee? Man bringt das dann auch durcheinander. Also ich war ungefähr um kurz nach Zwanzig Uhr oder so da. Eigentlich sehr zeitig. Die Damen, Hostessen nennt man das auch, zwei Stück, hakten die Gästeliste ab und man kriegte noch ein Los für eine Tombola und einen Gutschein für irgendein Getränk, was mit Wodka, der dort promotet wurde. Als ich durch den Garten der Villa in den rückwärtigen Eingangsbereich mit der Freitreppe und der Terrasse ging, hatte ich sehr schnell einen umfassenden Eindruck des Publikums. Ich möchte es so sagen: es ist ein sehr spezielles Publikum gewesen. Finanzielle Engpässe spielen eher keine Rolle, war so mein Eindruck. Sicher wird auch gerne mal ein Kunstwerk gekauft, das sollte schon drin sein. Die Damen waren alle besonders zurechtgemacht. Das kennt man ja auch von irgendwelchen anderen Abendveranstaltungen, aber hier war es irgendwie so ein bißchen wie man es in den Episoden von Kir Royal immer gesehen hat. Wenn Baby Schimmerlos mit seiner Senta in dieses italienische Lokal gegangen ist, Bussi Bussi. Und viele Handtaschen mit Herstellervermerk. Hellroter Lippenstift und sehr brauner Teint. Es waren aber auch sehr schöne Partykleider darunter. Mit viel Paillettenglitzer. Die Frisuren saßen auch sehr gut. Die Herren trugen viel Weiß. Weiße Hemden und auch die eine oder andere weiße Hose. Als ich das Geschehen überblickt hatte, ging ich zum ersten mal in die Villa. Dort freute ich mich über die rosa-violette Opulenz im Salon. Die putzigen Sitzmöbel konnte ich alle durchprobieren, weil es drinnen nicht sehr voll war. Die meisten waren draußen, außer wenn sie was zum Trinken an der Bar holten. Ich holte mir auch was. Ein amerikanisches Bier. Hat mir sogar sehr gut geschmeckt, Überraschung. Heineken heißt es, ganz bekannt, habe ich bisher immer vermieden, aber kann man trinken. Ich grübelte ein bißchen, wo meine Freunde wohl bleiben, denn ich war mit Jan und Ina und Ann verabredet. Die wollten auch kommen und standen doch auch auf dieser Gästeliste. Ich hoffte, dass sie nicht etwa schon da gewesen waren und wieder gegangen sind, weil ihnen das Publikum etwas – – äh – na ja. Nennen wir es beim Namen: suspekt war. Ich überlegte, ich könnte die Hostessen fragen, ob sie die Namen schon abgehakt haben, habe ich auch gemacht. Sie waren aber noch gar nicht da gewesen. Also beschloss ich, mich zu beschäftigen, bis die vertrauten Gesichter hoffentlich noch eintreffen. Ich fotografierte ein bißchen herum, die Löwen, trank mein Heineken und ging wieder durch den Garten, hinein in die Villa, zur leeren Tanzfläche. Guter Sound. Die Bässe und der gute Klang animierten mich, doch nicht einfach abzuhauen, sondern weiter zu warten. Ich beobachtete die Leute und kam mir ein bißchen vor wie in so einer Gesellschaft, wie bei den jungen Royals. Wenn da Hochzeiten gefeiert werden, sehen die Leute auch so ähnlich aus. Adrett und gut betucht und ein bißchen verklemmt und langweilig, aber insgesamt sehr ihrer gesellschaftlichen Relevanz sicher. Es gab einen Flügel und ein Klavier im Salon. Ich hob den Deckel und drückte auf ein paar Tasten, einfach so zum Zeitvertreib. Ich klappte den Deckel wieder zu, eine junge Frau hatte mir zugeschaut und fragte erwartungsfroh, ob ich spielen wollte? Sie hoffte wohl auf ein bißchen Abwechslung und Action. Ich sagte: „ich wollte schon gerne, aber ich kann leider nicht!“ Echtes Bedauern zeichnete sich auf ihrem Gesicht ab. Mein erstes Bier war gerade leer, als ich mich anschickte, mich wieder einzureihen, für ein zweites Glas Heineken. Da erblickte ich Ann in der Tür, sie kam zur Terrasse rein und ich umarmte sie begeistert. Ob Ina auch dabei wäre? Und Jan? Ja, ja, die sind auch dabei. Sie waren vorher noch bei irgendeiner Ausstellungseröffnung. Ich war wie erlöst. Ina war gut drauf und amüsierte sich mit Ann und mir über das eine oder andere gelungene Outfit der Grunewald-Society. Nur Jan machte ein Gesicht wie drei Tage Regenwetter. So hatte ich ihn überhaupt noch nicht erlebt. Als hätte er Magenschmerzen. Er war überhaupt nicht in seinem Element, dabei hatte ich gehofft, er könnte Geschmack an dem einen oder anderen Outfit der Damen finden und es ein bißchen dokumentieren. Da war nichts zu machen. Ausgerechnet Jan, der mich erst auf die Idee gebracht hatte, durch seine Bilder, ins Löwenpalais zu gehen, eröffnete mir, er hätte sich hier eigentlich immer schon irgendwie unwohl gefühlt. Na toll. Schön, dass ich das jetzt erfahre, schön, dass wir mal drüber gesprochen haben! Ina und Ann hingegen demonstrierten mir sehr überzeugend ihre Partylaune und versicherten mehrfach, dass sie es sehr amüsant fänden. Ich fand es von da an ja auch sehr amüsant, weil wir hatten ja schließlich uns und wann würde man jemals wieder so eine Veranstaltung aus nächster Nähe sehen können! Wir holten uns Getränke und suchten uns einen netten Platz im hinteren Garten, wo Tische und Sitzmöbel waren. Wir plauschten über Gott und die Welt, es wurde sogar tiefsinnig.







Kann schon mal passieren. Plötzlich kam ein Herr vom Service und kündigte an, dass jetzt die Livemusik anfangen würde und dann wäre gegen zehn die Tomobola. Eine Porsche-Sonnenbrille und eine Porsche-Armbanduhr gab es zu gewinnen. Mittlerweile war Jan einfach abgehauen, es war ihm zu blöd, er sagte nicht mal Bescheid. Wir alberten dann zu dritt herum, dass wir ihm ja als Trostpreis unsere gewonnenen Porsche-Brillen und Uhren schenken könnten. Wir haben viel gelacht. Also nicht wegen Jan, sondern weil wir uns gut unterhalten haben. Weil wir uns so verquatscht haben, sind wir zur spät zur Tombola in den großen Saal, die Leute kamen uns schon alle entgegen. Wir waren genau fünf Minuten zu spät. Alle Preise waren vergeben. Ein Mann, den ich fragte meinte, alle die aufgerufen waren, waren auch da und haben Preise abgeholt. Demzufolge hatten wir drei also alle Nieten! Aber jede Niete hatte eine Nummer. Ich hatte glaube ich 187. Niete Nummer 187! Also keine Porsche-Armbanduhr für Jan. Dumm gelaufen. Aber als sich der Saal leerte, legte die Sängerin richtig los. Sie gab einfach alles. Ein langes, enganliegendes Kleid hatte sie an, mit silbernen Pailletten von oben bis unten. Sie hat geglitzert wie eine Disco-Kugel und wenn man nicht so genau hingeschaut hat, hätte man denken können, es ist Mariah Carey. Aber zwanzig Jahre früher. Sie hat viele Songs sehr gut performt. Ja, man könnte sagen, sie hat alles gegeben. Besonders ein Lied von Amy Winehouse hat sie sehr gut hingekriegt. Es gab aber auch so Sachen von Tina Turner, „Private Dancer“ und den „Happy“-Song. Wir drei hatten die Tanzfläche fast für uns. Die Grunewald-Society hatte es nicht so mit Tanzen, aber wir dafür umso mehr. Ich hatte inzwischen schon mein viertes Heineken und fühlte mich sehr rhythmisch, wie ich da so mit Ina und Ann herumkasperte. Es war richtig schön. Lag jetzt aber nicht unbedingt am Konzept des Veranstalters und der Löwenvilla, sondern wahrscheinlich mehr an uns. Und natürlich am Heineken.







10. August 2015
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Das Löwenpalais im Grunewald. Letzten Mittwoch war ich da. Es ist die Residenz einer Kunststiftung, der Stiftung Starke, die das Vermächtnis des Vaters an den Sohn war. Eine schöne Idee, Künstlerwohnungen gibt es auch dort. Yoko Ono war auch mal „Artist in Residence“ in der Kunststiftung Starke. Ist aber an mir vorbeigegangen. Jedenfalls ergab es sich, dass ich diesen Ort besuchte, weil an dem Abend ein Sommerfest stattfand. Vom Garten mit den Gästen habe ich gar keine Aufnahmen. Aber das hat schon alles seinen Grund. Sicher wird man anhand der Bilder denken: Holla, das ist ja mal ein Ambiente, nicht von schlechten Eltern, hier lässt es sich feiern! Es ist halt immer so eine Sache mit der Klientel. Ich hatte gewissermaßen die Schlußfolgerung gezogen, dass das Publikum in der Stiftung Starke stark den schönen Künsten zugeneigt sein würde, was u. a. auch an der Betitelung der Feier lag, die ich hier aber lieber unerwähnt lasse. Man konnte sich da eigenmächtig auf die Gästeliste setzen lassen, sofern man überhaupt von der Veranstaltung wusste. Ich hatte mir den Weg zur Königsallee im Grunewald ausgeguckt und ausgedruckt. Das Fahrgastinfo der BVG schlug mir vor, bis Westkreuz mit der S-Bahn zu fahren und dann zu laufen. Angeblich 1,2 Kilometer. Mir kam es beim Blick auf die Landkarte, also den Stadtplan, schon recht weiträumig vor, was da mit vorgeblich 1,2 Kilometern avisiert wurde, aber wird schon stimmen. Das ist doch alles von Profis programmiert, die werden das ja wohl wissen. Kann natürlich auch sein, dass hin und wieder die Luftlinie angegeben wird. Aber da muss man sich flexibel zeigen. Während ich am Westkreuz treppauf, treppab den Ausgang suchte, war ich schon recht gut eingelaufen und froh, dass meine Lackstiefelchen um einiges bequemer sind, als sie aussehen. Ich gabelte einen Herrn in arbeitstauglicher Kleidung auf der Treppe auf, der wirkte, als ob er sich auskennt, und hielt ihm meinen gedruckten Plan unter die Nase. Ob es da noch einen anderen Ausgang gibt, wollte ich wissen. „Nein, hier gibt es nur einen, wo wollense denn hin? Ach! Richtung Halensee! Ich muss zum Trabener Steig, meine Richtung, könnse mir einfach hinter her!“ „Na gut, dann lauf ich Ihnen hinterher!“ „Ist mir auch schon lange nicht mehr passiert, dass mir eine Frau hinterherläuft, dass ich das noch erleben darf! Haha“. Er musste dann bei irgendeinem Stellwerk oder was das war, zu seiner Arbeit, Abendschicht. Ich fand mich dann auch alleine zurecht. Wenn man erst einmal das gruselige Westkreuz mit seinem Fahrbahn- und Schienengewirr hinter sich hat, und am Halensee ist, spaziert es sich doch sehr schön. Obwohl es nun nicht mein Ziel war, den Abend mit einem Spaziergang zu verleben. Na gut, hat man es mal gesehen, das ganze Drumherum.




Tolle Villen, tolle Portale, alles sehr schön und lauschig. So hässlich wie das Westkreuz ist, so schön ist die Ecke vom Grunewald. Altehrwürdige, hochherrschaftliche Bauten. Wahnsinnig ruhig. Nur Vogelgezwitscher. Ab und zu ein teures Automobil im Schritttempo. Langsam wäre ich schon gerne angekommen. An einer Bushaltestelle kam ich vorbei. Wie ärgerlich, dort konnte ich feststellen, dass ich nur mit der S-Bahn weiter bis Grunewald hätte fahren müssen und dann zwei Bushaltestellen in die Königsallee, schon wäre ich bequem dort gewesen. Aber nun ja, eine Möglichkeit, die Umgebung zu erkunden. Fotos habe ich dabei nicht gemacht. Endlich kam das Ziel näher. Rechter Hand ein See mit viel Entengrütze drauf, der Dianasee glaube ich. Oder war es der Königssee? Man bringt das dann auch durcheinander. Also ich war ungefähr um kurz nach Zwanzig Uhr oder so da. Eigentlich sehr zeitig. Die Damen, Hostessen nennt man das auch, zwei Stück, hakten die Gästeliste ab und man kriegte noch ein Los für eine Tombola und einen Gutschein für irgendein Getränk, was mit Wodka, der dort promotet wurde. Als ich durch den Garten der Villa in den rückwärtigen Eingangsbereich mit der Freitreppe und der Terrasse ging, hatte ich sehr schnell einen umfassenden Eindruck des Publikums. Ich möchte es so sagen: es ist ein sehr spezielles Publikum gewesen. Finanzielle Engpässe spielen eher keine Rolle, war so mein Eindruck. Sicher wird auch gerne mal ein Kunstwerk gekauft, das sollte schon drin sein. Die Damen waren alle besonders zurechtgemacht. Das kennt man ja auch von irgendwelchen anderen Abendveranstaltungen, aber hier war es irgendwie so ein bißchen wie man es in den Episoden von Kir Royal immer gesehen hat. Wenn Baby Schimmerlos mit seiner Senta in dieses italienische Lokal gegangen ist, Bussi Bussi. Und viele Handtaschen mit Herstellervermerk. Hellroter Lippenstift und sehr brauner Teint. Es waren aber auch sehr schöne Partykleider darunter. Mit viel Paillettenglitzer. Die Frisuren saßen auch sehr gut. Die Herren trugen viel Weiß. Weiße Hemden und auch die eine oder andere weiße Hose. Als ich das Geschehen überblickt hatte, ging ich zum ersten mal in die Villa. Dort freute ich mich über die rosa-violette Opulenz im Salon. Die putzigen Sitzmöbel konnte ich alle durchprobieren, weil es drinnen nicht sehr voll war. Die meisten waren draußen, außer wenn sie was zum Trinken an der Bar holten. Ich holte mir auch was. Ein amerikanisches Bier. Hat mir sogar sehr gut geschmeckt, Überraschung. Heineken heißt es, ganz bekannt, habe ich bisher immer vermieden, aber kann man trinken. Ich grübelte ein bißchen, wo meine Freunde wohl bleiben, denn ich war mit Jan und Ina und Ann verabredet. Die wollten auch kommen und standen doch auch auf dieser Gästeliste. Ich hoffte, dass sie nicht etwa schon da gewesen waren und wieder gegangen sind, weil ihnen das Publikum etwas – – äh – na ja. Nennen wir es beim Namen: suspekt war. Ich überlegte, ich könnte die Hostessen fragen, ob sie die Namen schon abgehakt haben, habe ich auch gemacht. Sie waren aber noch gar nicht da gewesen. Also beschloss ich, mich zu beschäftigen, bis die vertrauten Gesichter hoffentlich noch eintreffen. Ich fotografierte ein bißchen herum, die Löwen, trank mein Heineken und ging wieder durch den Garten, hinein in die Villa, zur leeren Tanzfläche. Guter Sound. Die Bässe und der gute Klang animierten mich, doch nicht einfach abzuhauen, sondern weiter zu warten. Ich beobachtete die Leute und kam mir ein bißchen vor wie in so einer Gesellschaft, wie bei den jungen Royals. Wenn da Hochzeiten gefeiert werden, sehen die Leute auch so ähnlich aus. Adrett und gut betucht und ein bißchen verklemmt und langweilig, aber insgesamt sehr ihrer gesellschaftlichen Relevanz sicher. Es gab einen Flügel und ein Klavier im Salon. Ich hob den Deckel und drückte auf ein paar Tasten, einfach so zum Zeitvertreib. Ich klappte den Deckel wieder zu, eine junge Frau hatte mir zugeschaut und fragte erwartungsfroh, ob ich spielen wollte? Sie hoffte wohl auf ein bißchen Abwechslung und Action. Ich sagte: „ich wollte schon gerne, aber ich kann leider nicht!“ Echtes Bedauern zeichnete sich auf ihrem Gesicht ab. Mein erstes Bier war gerade leer, als ich mich anschickte, mich wieder einzureihen, für ein zweites Glas Heineken. Da erblickte ich Ann in der Tür, sie kam zur Terrasse rein und ich umarmte sie begeistert. Ob Ina auch dabei wäre? Und Jan? Ja, ja, die sind auch dabei. Sie waren vorher noch bei irgendeiner Ausstellungseröffnung. Ich war wie erlöst. Ina war gut drauf und amüsierte sich mit Ann und mir über das eine oder andere gelungene Outfit der Grunewald-Society. Nur Jan machte ein Gesicht wie drei Tage Regenwetter. So hatte ich ihn überhaupt noch nicht erlebt. Als hätte er Magenschmerzen. Er war überhaupt nicht in seinem Element, dabei hatte ich gehofft, er könnte Geschmack an dem einen oder anderen Outfit der Damen finden und es ein bißchen dokumentieren. Da war nichts zu machen. Ausgerechnet Jan, der mich erst auf die Idee gebracht hatte, durch seine Bilder, ins Löwenpalais zu gehen, eröffnete mir, er hätte sich hier eigentlich immer schon irgendwie unwohl gefühlt. Na toll. Schön, dass ich das jetzt erfahre, schön, dass wir mal drüber gesprochen haben! Ina und Ann hingegen demonstrierten mir sehr überzeugend ihre Partylaune und versicherten mehrfach, dass sie es sehr amüsant fänden. Ich fand es von da an ja auch sehr amüsant, weil wir hatten ja schließlich uns und wann würde man jemals wieder so eine Veranstaltung aus nächster Nähe sehen können! Wir holten uns Getränke und suchten uns einen netten Platz im hinteren Garten, wo Tische und Sitzmöbel waren. Wir plauschten über Gott und die Welt, es wurde sogar tiefsinnig.







Kann schon mal passieren. Plötzlich kam ein Herr vom Service und kündigte an, dass jetzt die Livemusik anfangen würde und dann wäre gegen zehn die Tomobola. Eine Porsche-Sonnenbrille und eine Porsche-Armbanduhr gab es zu gewinnen. Mittlerweile war Jan einfach abgehauen, es war ihm zu blöd, er sagte nicht mal Bescheid. Wir alberten dann zu dritt herum, dass wir ihm ja als Trostpreis unsere gewonnenen Porsche-Brillen und Uhren schenken könnten. Wir haben viel gelacht. Also nicht wegen Jan, sondern weil wir uns gut unterhalten haben. Weil wir uns so verquatscht haben, sind wir zur spät zur Tombola in den großen Saal, die Leute kamen uns schon alle entgegen. Wir waren genau fünf Minuten zu spät. Alle Preise waren vergeben. Ein Mann, den ich fragte meinte, alle die aufgerufen waren, waren auch da und haben Preise abgeholt. Demzufolge hatten wir drei also alle Nieten! Aber jede Niete hatte eine Nummer. Ich hatte glaube ich 187. Niete Nummer 187! Also keine Porsche-Armbanduhr für Jan. Dumm gelaufen. Aber als sich der Saal leerte, legte die Sängerin richtig los. Sie gab einfach alles. Ein langes, enganliegendes Kleid hatte sie an, mit silbernen Pailletten von oben bis unten. Sie hat geglitzert wie eine Disco-Kugel und wenn man nicht so genau hingeschaut hat, hätte man denken können, es ist Mariah Carey. Aber zwanzig Jahre früher. Sie hat viele Songs sehr gut performt. Ja, man könnte sagen, sie hat alles gegeben. Besonders ein Lied von Amy Winehouse hat sie sehr gut hingekriegt. Es gab aber auch so Sachen von Tina Turner, „Private Dancer“ und den „Happy“-Song. Wir drei hatten die Tanzfläche fast für uns. Die Grunewald-Society hatte es nicht so mit Tanzen, aber wir dafür umso mehr. Ich hatte inzwischen schon mein viertes Heineken und fühlte mich sehr rhythmisch, wie ich da so mit Ina und Ann herumkasperte. Es war richtig schön. Lag jetzt aber nicht unbedingt am Konzept des Veranstalters und der Löwenvilla, sondern wahrscheinlich mehr an uns. Und natürlich am Heineken.







04. August 2015


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In letzter Zeit passiert es immer wieder, dass ich die Wohnung verlasse, mit ein paar Bildern auf der Speicherkarte, die ich nur zum Aufwärmen mache, für die Kamera und mich bzw. als Intro, und dann bin ich am Ziel und kein einziges weiteres Bild entsteht. Aber die paar Bilder, die im Grunde nur zeigen, wie ich das Haus verlassen habe, will ich dann auch nicht löschen, wenn sie nicht totaler Mist sind. Oft wird fotografiert wo ich bin, mit Kameras aber auch mit Smartphones. Wie es eben heutzutage so ist. Und nur in sehr unberechenbaren Momenten habe ich den Impuls, die Kamera zu benutzen. Eine Ausnahme ist, wenn ich weiß, es wird jemand dort sein, den ich sowieso gerne ablichten möchte, wie Roswitha Hecke oder Vera Lehndorff. In einer Situation, die es ohnehin erlaubt und kein besonderes Einverständnis verlangt. Natürlich ist es unangemessen, die Strecke mit „Fotogalerie Friedrichshain“ zu betiteln. Das ist für mein privates Archiv, zur besseren Einordnung. Ich kann rekapitulieren, in welchen Zusammenhang ich die Bilder gemacht habe. Die Fotogalerie Friedrichshain eröffnete an diesem 30. Juli eine Retrospektive, anlässlich ihres dreißigjähriges Bestehens als erste „kommunale Fotogalerie“ der DDR, mit dem damals in der DDR ungewöhnlichen Vorhaben, zeitgenössische Fotografie als Kunstform auszustellen. Die Räume sind unverändert seit dreißig Jahren im Erdgeschoss eines Plattenbaus am Helsingforser Platz in Friedrichshain.

Als ich kam, nicht zu Beginn der Eröffnung,, sondern so gegen halb- oder dreiviertelneun, waren die Gespräche mit den Gründervätern in vollem Gange. Jan war auch schon eine Weile da und fotografierte und hörte zu. Auf der anderen Seite des Raumes sah ich Manfred Carpentier am Boden sitzen und auch zuhören. Ich ließ mich auch auf den Boden sinken, das war am bequemsten, und hörte zu. Erinnerungen aus den letzten dreißig Jahren. Ich war da noch nie, in dieser Galerie, die eine historische Bedeutung für Ostberliner Fotografen hat. Es gab keinen Winkel und kein Motiv, das ich unbedingt hätte einfangen wollen, es hat einfach nicht gezündet, an diesem Abend bei mir. Wir unterhielten uns noch eine Weile draußen, ich holte mir nicht einmal ein Getränk. Ein Fotograf, der mir bekannt vorkam, den ich aber nicht mehr zuordnen konnte, blieb vor Jan und mir stehen und hatte dieses Wiedererkennen im Gesicht, wenn man jemanden nach langer Zeit wieder sieht oder erkennt. Ich wusste immer noch nicht. Er ja. Wir trafen uns vor sieben Jahren bei der Fotobild, einer Fotografenmesse im Tempelhofer Flughafen. Ich hatte ihn damals auch abgelichtet und es gab in einem launigen Kommentar ein Foto von ihm, hier in meinem Blog, das zu sehr animierten Antwortkommentaren von Leserinnen führte. Es war recht schmeichelhaft für ihn. Ein paar Jahre danach, wir hatten nicht das geringste seither miteinander zu tun gehabt, schickte er mir eine Mail mit der Bitte, die Bilder, auf denen er zu sehen ist, offline zu setzen. Ich habe die tags entfernt, die die Zuordnung zu ihm ermöglichen. Was das sollte, war mir ein echtes Rätsel, vielleicht irgendwelche Frauengeschichten und damit verbundene Komplikationen. Ich sprach ihn auf den Zirkus mit den Bildern an und warum er sich da so komisch hatte. Er grinste mich an und wusste es selber nicht mehr, nur an die Geschichte an sich erinnerte er sich. Wir haben dann noch ein bißchen anderweitig geplaudert und ich habe ihm versichert, dass ich ganz bestimmt kein Bild von diesem Abend von ihm veröffentlichen werde, da hätte er gar nichts zu befürchten, weil ich nämlich ÜBERHAUPT KEINE Bilder mache, nicht wahr. Also alles sehr unproblematisch. „Ja, seh ick ja.“ Hat er er kein Problem damit. Na bitte.

Ich bin dann recht bald – in der Tat ohne ein einziges Glas von irgendetwas getrunken zu haben – zurück zur S-Bahn gestiefelt. Im wahrsten Sinne des Wortes. Diese Stiefel hatte ich früher so oft an, als ich unterwegs war. Sie machen so ein aggressives Klack-klack beim Laufen. Man kommt sich selber wie eine Domina vor. Und in der U-Bahnhaltestelle, am Alex, hörte ich den Hall von meinen Schritten. Ich war dann auch froh, als ich sie bald wieder ausziehen konnte. War ein sehr kurzer Auftritt. Eine disziplinierte Laufübung und eine geschlossene Bildungslücke hat mir der Abend gebracht. Jan und Manfred sind gemeinsam nach Hause gefahren, Richtung Charlottenburg. Er hat eine ganze Reihe Bilder von diesem Abend gemacht, vor allem, bevor ich gekommen bin. Ich bin in dieser Reihe nicht zu sehen, macht aber nichts. Ich habe ja ein paar Beweisfotos, wenn auch nicht an jenem historischen Ort entstanden.
03. August 2015
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Es begab sich so. Irgendwann im Mai oder Juni sah ich in der swr-Mediathek die Sendung „Nachtcafé“ mit dem Thema „Gelassen älter werden“. In der Gesprächsrunde war u. a. Kai Wiesinger, der als Schauspieler eine gewisse Bekanntheit hat. Mich hat er nie sonderlich beeindruckt, weder mit seiner Erscheinung, noch seiner Darstellungskunst, noch der Qualität der Produktionen, in denen er aufgetaucht ist. Wobei mir auch kein einziger Filmtitel einfällt, wo er mitspielt, obwohl das sicher nicht wenige waren. Aber ich bin sowieso seit Jahren überhaupt nicht auf dem Laufenden, was deutsche Fernseh- oder Kinoproduktionen angeht. Trifft im übrigen auch auf ausländische zu. Der letzte Film, der mich im Kino beeindruckt hat, war „Only Lovers left alive“ von Jim Jarmusch. Wie auch immer, ich bin im Grunde nicht kompetent, mir ein Urteil über die Qualität des gegenwärtigen Fernseh- und Kinoschaffens zu erlauben, weil es nur von seltenen Zufällten gespeist ist, dass ich mir überhaupt etwas aus dem Spielfilm-Genre anschaue. Nun saß da aber in der Runde Kai Wiesinger zu einem Thema, das mich durchaus nicht unberührt lässt. Vertreter meiner Generation plauderten über Ach und Weh des Alterns, aber auch über die guten Seiten. Im Zuge des Gesprächs mit Herrn Wiesinger wurde, zum Thema der Talkrunde passend, eine Serie erwähnt, die wohl zunächst nur im Internet zu sehen war, die da heißt „Der Lack ist ab“. Er hat die Reihe selbst konzipiert und produziert und spielt auch in jeder Folge mit. Nach dem Gespräch fand ich ihn doch recht sympathisch und humorvoll und weniger glatt gebügelt als gedacht und suchte mal nach dieser Serie mit dem schönen Titel im Internet. Mittlerweile wurde sie wohl auch im Fernsehen gesendet, hier bei ProSieben kann man die Reihe auch anschauen. Die Folgen werden dem Titel schon ganz gut gerecht. Herr Wiesinger sitzt in seiner Rolle mit seiner Lebensgefährtin (rein zufällig gespielt von seiner Lebensgefährtin Bettina Zimmermann) in einer schicken Charlottenburger Eigentumswohnung und man unterhält sich im Freundeskreis über seine Befindlichkeiten. Sozusagen Befindlichkeitsbloggen in Gesprächsform. Es hat mir recht gut gefallen, die Episoden sind eher kurz, so zehn bis fünfzehn Minuten und es sind interessante Gastschauspieler dabei, die man auch mehr oder weniger kennt. Jedenfalls wirken die Konversationen schon sehr aus dem Leben gegriffen, was man ja nicht so oft hat. Kann man schon mal anschauen, so zwischendurch. Danach hatte ich jedenfalls den Eindruck, dass Herr Wiesinger doch ein ganz patenter Darsteller ist und die Dialoge hat er sich ja vermutlich auch selber ausgedacht, Also am Küchentisch, mit seiner Lebensgefährtin, die auch sehr gut spielt. Und nun hatte ich also gerade präsent, dass dieser deutsche Schauspieler diese mich thematisch stark betreffende Serie produziert hat, als mir diese Mitteilung ins Postfach flatterte, dass eben der Herr Wiesinger im Einstein eine Ausstellung eigener Photographien zeigt. Das war mir nun auch neu, dass er jetzt auch noch fotografiert. Denkt man schon auch gerne, der Name wird nicht unausschlaggebend gewesen sein, dass nun die Ergebnisse von mutmaßlichen Hobby-Knipsereien, die in großzügig bemessener Tagesfreizeit entstanden sind, in einer Galerie gezeigt werden. Schauspieler singen, Schauspieler schreiben Kinderbücher, Schauspieler fotografieren, Schauspieler machen in Immobilien. Kennt man ja. Ich war aber schon neugierig, weil ich mittlerweile den Eindruck hatte, Herr Wiesinger ist ein aufgewecktes Kerlchen, durchaus mit gewissen Ansprüchen. Dann habe ich gesehen, dass er eine Seite hat, die sich nur auf seine Fotografie bezieht, und nicht erst seit gestern. Das sah mir doch recht interessant aus und so habe ich mich entschieden, mir die Sache aus der Nähe anzusehen. Es war ein heißer Tag in Berlin, man suchte automatisch die Schattenseite, auf dem Weg durch die Straßen. Vom Bahnhof Friedrichstraße ist man zu Fuß recht schnell beim Einstein. Klimatisierte Räume! Kam mir jedenfalls so vor. Gerald, der Inhaber vom Café und der Galerie sprach ein paar einleitende Worte. Die Bilder waren sehr groß und atmosphärisch, er arbeitet systematisch mit Bewegungsunschärfe, die Aufnahmen wirken intim, privat ohne etwas preiszugeben, das peinlich wäre. Man denkt nie too much information, obwohl Nacktheit eine Rolle spielt. Das ist sehr feinsinnig umgesetzt. Die schöne Gefährtin von Wiesinger, Bettina Zimmermann war auch da. Eine göttinengleiche Erscheinung. Wirklich bildschön. Ich wollte sie aber nicht so im Vorbeigehen abschießen, ich kenne sie ja nicht. Ihn ja nun auch nicht, aber bei so einer Eröffnungsansprache ist das Szenario doch offiziell und es ist nicht ungewöhnlich, dass fotografiert wird. Ich bin recht bald wieder gegangen, ohne es darauf anzulegen, mit ihm ins Gespräch zu kommen. Obwohl das sicher nicht schwierig gewesen wäre. Es hat mich komischerweise überhaupt nicht beschäftigt. Die Bilder sprechen ja für sich und ich hätte beim besten Willen schlichtweg nicht gewusst, wonach ich ihn befragen soll. Insofern war das alles genauso in Ordnung. Ich habe einen erstaunlich unterentwickelten Drang, mich da heranzuwanzen. Ich wüsste nicht wofür. Er ist ja auch nicht mein Beuteschema. Aber schon ausgesprochen sympathisch! Er hat Witz und einen warmherzigen Humor scheint mir. Also ich wünsche ihm alles Gute. Und seiner Bettina. Und so weiter. Und mir natürlich auch.








27. Juli 2015
Berlin, Juli 1945
Min. 1:15, 2:06, 2:35, 3:10, 3:34, 4:24, 5:18
28. Juli 2015

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Bißchen Fotoroman. Bravo-Fotoroman mit Erwachsenen. Ohne Auszieh-Szenen. Wenn man groß ist, muss man das nicht mehr dauernd erkunden, wie das alles funktioniert. Wir kamen von Roswitha Hecke und ließen uns ein bißchen in diese Richtung, Pariser Straße treiben, weil Jan sagte, er wollte da unbedingt hin, ein guter alter Freund, der Maler Heiner Lerch, hatte eine Eröffnung bei Taube. So eine Sache der Verbundenheit. Gehen wir auch mal in die Richtung, warum nicht. Westberlin. In der Pariser Straße, der Ecke da, wo man gerade in Wilmersdorf ist, nicht mehr Charlottenburg, aber gefühlt doch, denke ich immer an die „Weiße Maus“ am Ludwigkirchplatz. Eine Bar, die es vermutlich nicht mehr gibt. Da hing Mitte der Achtziger eine Replik des berühmten Anita-Berber-Portraits mit dem roten Kleid von George Grosz Dix und Yma Sumac sang, das war damals schwer in Mode, ja beinah ein bißchen Avantgarde. Schöne Nächte, nicht einmal so viele, aber eindrucksvolle. Aber ich schweife ab. Der Maler Heiner Lerch hat eine virtuose Hand, was Farben und den Auftrag anbelangt. Manchmal unterlaufen mir Reime, keine Absicht. Also man steht so herum und plaudert, ich rauchte eine Zigarillo von Manfred, ziemlich starkes, scharfes Zeug. Gut, dass die Galerien oft diese tiefgezogenen Fensterrahmen haben, da kann man schön sitzen und in die Luft gucken. Wir haben uns dann erst einmal getrennt.






Ina und ich wollten was zu essen holen und dann damit zu Manfred in seine Carpentier-Galerie und da noch was dazu trinken, er hatte ein paar Flaschen offen. Und Jan wollte auch noch kommen und Manfred ging schon mal vor. Wir waren in so einem recht elegant wirkenden italienischen Take-away, Imbiss klingt zu ordinär für das Etablissement. Die hatten da schwere, goldgerahmte Spiegel an der terrakotta- oder ochsenblutfarben getünchten Wand und alles irgendwie schick wie ein Miniatur-Steh-Restaurant. Ristorante meine ich natürlich. Ich habe für mich eine gegrillte Hähnchenbrust mit Pommes Frites und Gemüse und Salat genommen und Ina hatte glaube ich einen Thunfischsalat und sie meinte, wir müssten noch Pizza für Jan mitnehmen. Der isst ja eigentlich alles, so weit ich mich erinnere. Sehr unkompliziert. Ich habe den Ober-Pizza-Bäcker gefragt, welche Pizza er denn als seine beste beurteilt, das war so eine mit allem möglichen und Ruccola war auch drauf und ein ganz hauchzarter Schinken, toll. Die habe ich dann genommen. Manfred hatte mittlerweile (u. a.) eine Flasche Gavi aus dem Gefrierfach exhumiert und mit ein bißchen Schütteln löste sich dann sehr lustig der kleine gefrorene Pfropf und lugte so aus dem Flaschenhals, dass Ina und ich nicht anders konnten als albern zu kichern. Wie die Backfische! hätte meine Oma Alma gesagt. Backfisch sagt man schon lange nicht mehr. Ein Verlust. Ich führe das hiermit wieder ein. Manfred schaute uns an, als ob wir nicht alle Tassen im Schrank hätten. Wie kann man sich nur derart albern haben, wegen so einem kleinen Eispimmel. Ich könnte mich schon wieder kaputt lachen, wenn ich daran denke. Immer wieder haben wir ihn rausflutschen lassen und immer wieder war es schön! Gott, wie albern. Egal. Spaß muss sein! Inzwischen kam doch noch Jan, der sich schon wieder irgendwo verzettelt hatte, aber das kennt man ja, darüber wundert sich schon längst niemand mehr, der ihn länger kennt. Die Pizza war schon lau, aber immer noch exzellent. Er war sehr zufrieden mit meiner Bestellung. Nach dem sehr albernen Kunststück, das wir auch noch Jan demonstrieren wollten, was aber leider nicht mehr so gut funktioniert hat, weil der Wein inzwischen schon wieder komplett flüssig war, hat sich das Gespräch entgegen allen Erwartungen überraschend ernsthaft entwickelt. Wir haben uns selber gewundert. Auch, weil wir uns vielleicht nicht so oft in so einer eher hermetischen Situation begegnen, meistens sind da mehr Leute, oder es ist irgendeine trubelige Sache. Aber so in der geschlossenen Galerie, in der Ecke mit der schwarzen Ledercouch, wo garantiert niemand mehr dazukommen würde, konnte man sich auch auf etwas ernstere Gespräche einlassen, weil es möglich war, und nicht aus Höflichkeit anderen Gästen gegenüber, kurz gehalten werden musste. Das war sehr interessant. Ungefähr das Gegenteil von dem Herumgealber mit dem kleinen Piephahn. Irgendwann verabschiedete sich Jan und Ina und ich brachen dann auch zeitgleich auf. Wir liefen erst irgendwie Richtung KuDamm – oder dachten es zumindest – und plötzlich und es war so eine schöne laue Nacht – flanierten wir so ziellos herum, bis es uns selber auffiel, dass eine immer der anderen hinterherlief, aber keine hatte ein bestimmtes Ziel. Wir kamen ganz schön rum. Wir mussten dann sogar noch U-Bahn fahren, ich glaube, wie waren auf einmal am Fehrbelliner Platz und dieses nächtliche, im wahrsten Sinne des Wortes „um die Häuser ziehen“ erinnerte mich stark an die Zeit, als ich zwanzig war und mich auch gerne so durch die Nacht treiben ließ, immer auf Entdeckungsreise. Nachdem wir so viel gelaufen waren und dabei natürlich ununterbrochen gequatscht und gelacht hatten, wollten wir uns noch ein wohlverdientes Glas genehmigen. Und so landeten wir nach dieser exorbitanten Runde wieder am Savignyplatz, draußen vor dem Brel. Ich hatte irgendeinen Weißwein, ich weiß es nicht mehr genau. Mir kam es gar noch nicht so spät vor, wie es gewesen sein muss. Aber das war es! Und das machte gar nichts. In dieser Nacht habe ich gemerkt, dass ich immer noch ein unruhiger Geist bin, der unveränderten Genuß darin findet, sich durch die Nacht treiben zu lassen. Aber natürlich nur in allerbester Gesellschaft.
25. Juli 2015



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Wir hatten uns mehr oder weniger verabredet. Jan wollte kommen und Ina auch. Wegen Roswitha. Hecke. Kann man vielleicht auch einfach der Bequemlichkeit halber auf den Eintrag bei Wikipedia verlinken. Was auch immer da stehen mag, es vermittelt nicht die Anziehungskraft der Person. Das wusste ich aber schon vorher, bevor ich da hin bin, weil ich sie nicht zum ersten mal gesehen habe. Wir standen uns schon einmal vor circa sieben Jahren in einer kleinen Ausstellung in einer Galerie, die es nicht mehr gibt, Auge in Auge gegenüber. Damals war ich nicht so zurückhaltend wie in der Autorenbuchhandlung. Der Rahmen war damals familiärer und da war viel Sympathie, auf beiden Seiten. Jedenfalls war sie da, um eine Ausstellung, die da noch bis Oktober hängt, zu eröffnen. „Pigalle“. Bilder aus dem letzten Jahrhundert. Eine fast private Annäherung an transsexuelle Paradiesvögel in Paris. Mitte der siebziger Jahre hat sie die Bilder gemacht. Rosa von Praunheim hat sie in ein Gespräch verwickelt, geplant, deswegen hat er auch ein Mikro in der Hand, obwohl man das in dem kleinen Literaturcafé gar nicht unbedingt gebraucht hätte. Irgendwie bin ich ein bißchen zu faul, ins Detail zu gehen, merke ich gerade. Herr Sartorius hat auch gesprochen, er hat auch schon die eine oder andere Einleitung bei ihren Bildbänden geschrieben. Kann man ja alles googeln, wie – wo – was, wer die Leute sind. Auch Erika Rabau. Noch so eine Legende. Ich habe mich über den Moment gefreut, als Erika Roswitha so von hinten den Arm um die Schultern gelegt hat, diese Zuneigungsbekundung. Diese beiden lebenden Legenden unter den Fotografinnen. Jan hatte Roswitha Hecke schon am Tag vorher, am Nachmittag dort angetroffen und sie fotografiert. Er nennt sie gerne die Elfenkönigin. Das ist mir nachvollziehbar. Ein sehr schönes Gesicht, stolz und eigensinnig wirkt es. Aber sie ist auch humorvoll und hintersinnig. Nicht so schwer zu Lachen zu bringen. So kann man mit Siebzig sein. Das geht alles. Auf einem der Bilder, den Fotografien von ihr an der Wand, ist ein Paar, zwei Frauen, die in einem Pariser Café sitzen und sich küssen. Ina und ich taten es der Fotografie gleich, was uns sehr amüsierte. Man hat ja auch Publikum. Ich weiß gar nicht, ob ich so ungeniert in der Öffentlichkeit für ein Bild küssen würde, wenn es ohne diesen verspielten Hintergrund wäre. Es war auch die Lust, sich ein bißchen exaltiert zu verhalten, ein wenig der Atmosphäre der Bilder in den Raum zu bringen. Und es waren die Tage, als viele bei facebook die Regenbogenfarben über ihr Profilbild gelegt haben. Das war sozusagen meine, unsere Solidaritätsbekundung zum Thema Leben und leben lassen. Ich habe schon häufiger bedauert, dass ich leider überhaupt keine homoerotische Veranlagung habe. Ich liebe Frauen sehr, einige besonders, und obwohl ich ganz sachlich ihre erotische Qualität sehen kann, löst es nicht den Impuls bei mir aus, mich da körperlich anzunähern. Ich bin leider total heterosexuell veranlagt.


Aber man kann ja mal ein bißchen so tun als ob. Ich finde, man sieht gar nicht, dass ich sonst keine Frauen küsse. Ina ist meines Wissens auch – erotisch – zu ungefähr null Prozent an Frauen interessiert, aber sie kann mich, glaube ich, ziemlich gut leiden und riechen. Ich mag sie auch sehr gerne. Wir hatten danach auch noch viel Spaß. Wir sind noch weitergezogen, eine andere Galerie, was zu essen geholt, dann zu Manfred, der auch bei Roswitha war, in seine Galerie und lange zu viert geredet, recht privat. Und Ina und ich liefen dann noch durch die laue Nacht – verliefen uns sehr wirr und schön und endeten dann noch im Brel. Aber ich greife vor.


28. Juli 2015

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Bißchen Fotoroman. Bravo-Fotoroman mit Erwachsenen. Ohne Auszieh-Szenen. Wenn man groß ist, muss man das nicht mehr dauernd erkunden, wie das alles funktioniert. Wir kamen von Roswitha Hecke und ließen uns ein bißchen in diese Richtung, Pariser Straße treiben, weil Jan sagte, er wollte da unbedingt hin, ein guter alter Freund, der Maler Heiner Lerch, hatte eine Eröffnung bei Taube. So eine Sache der Verbundenheit. Gehen wir auch mal in die Richtung, warum nicht. Westberlin. In der Pariser Straße, der Ecke da, wo man gerade in Wilmersdorf ist, nicht mehr Charlottenburg, aber gefühlt doch, denke ich immer an die „Weiße Maus“ am Ludwigkirchplatz. Eine Bar, die es vermutlich nicht mehr gibt. Da hing Mitte der Achtziger eine Replik des berühmten Anita-Berber-Portraits mit dem roten Kleid von George Grosz Dix und Yma Sumac sang, das war damals schwer in Mode, ja beinah ein bißchen Avantgarde. Schöne Nächte, nicht einmal so viele, aber eindrucksvolle. Aber ich schweife ab. Der Maler Heiner Lerch hat eine virtuose Hand, was Farben und den Auftrag anbelangt. Manchmal unterlaufen mir Reime, keine Absicht. Also man steht so herum und plaudert, ich rauchte eine Zigarillo von Manfred, ziemlich starkes, scharfes Zeug. Gut, dass die Galerien oft diese tiefgezogenen Fensterrahmen haben, da kann man schön sitzen und in die Luft gucken. Wir haben uns dann erst einmal getrennt.






Ina und ich wollten was zu essen holen und dann damit zu Manfred in seine Carpentier-Galerie und da noch was dazu trinken, er hatte ein paar Flaschen offen. Und Jan wollte auch noch kommen und Manfred ging schon mal vor. Wir waren in so einem recht elegant wirkenden italienischen Take-away, Imbiss klingt zu ordinär für das Etablissement. Die hatten da schwere, goldgerahmte Spiegel an der terrakotta- oder ochsenblutfarben getünchten Wand und alles irgendwie schick wie ein Miniatur-Steh-Restaurant. Ristorante meine ich natürlich. Ich habe für mich eine gegrillte Hähnchenbrust mit Pommes Frites und Gemüse und Salat genommen und Ina hatte glaube ich einen Thunfischsalat und sie meinte, wir müssten noch Pizza für Jan mitnehmen. Der isst ja eigentlich alles, so weit ich mich erinnere. Sehr unkompliziert. Ich habe den Ober-Pizza-Bäcker gefragt, welche Pizza er denn als seine beste beurteilt, das war so eine mit allem möglichen und Ruccola war auch drauf und ein ganz hauchzarter Schinken, toll. Die habe ich dann genommen. Manfred hatte mittlerweile (u. a.) eine Flasche Gavi aus dem Gefrierfach exhumiert und mit ein bißchen Schütteln löste sich dann sehr lustig der kleine gefrorene Pfropf und lugte so aus dem Flaschenhals, dass Ina und ich nicht anders konnten als albern zu kichern. Wie die Backfische! hätte meine Oma Alma gesagt. Backfisch sagt man schon lange nicht mehr. Ein Verlust. Ich führe das hiermit wieder ein. Manfred schaute uns an, als ob wir nicht alle Tassen im Schrank hätten. Wie kann man sich nur derart albern haben, wegen so einem kleinen Eispimmel. Ich könnte mich schon wieder kaputt lachen, wenn ich daran denke. Immer wieder haben wir ihn rausflutschen lassen und immer wieder war es schön! Gott, wie albern. Egal. Spaß muss sein! Inzwischen kam doch noch Jan, der sich schon wieder irgendwo verzettelt hatte, aber das kennt man ja, darüber wundert sich schon längst niemand mehr, der ihn länger kennt. Die Pizza war schon lau, aber immer noch exzellent. Er war sehr zufrieden mit meiner Bestellung. Nach dem sehr albernen Kunststück, das wir auch noch Jan demonstrieren wollten, was aber leider nicht mehr so gut funktioniert hat, weil der Wein inzwischen schon wieder komplett flüssig war, hat sich das Gespräch entgegen allen Erwartungen überraschend ernsthaft entwickelt. Wir haben uns selber gewundert. Auch, weil wir uns vielleicht nicht so oft in so einer eher hermetischen Situation begegnen, meistens sind da mehr Leute, oder es ist irgendeine trubelige Sache. Aber so in der geschlossenen Galerie, in der Ecke mit der schwarzen Ledercouch, wo garantiert niemand mehr dazukommen würde, konnte man sich auch auf etwas ernstere Gespräche einlassen, weil es möglich war, und nicht aus Höflichkeit anderen Gästen gegenüber, kurz gehalten werden musste. Das war sehr interessant. Ungefähr das Gegenteil von dem Herumgealber mit dem kleinen Piephahn. Irgendwann verabschiedete sich Jan und Ina und ich brachen dann auch zeitgleich auf. Wir liefen erst irgendwie Richtung KuDamm – oder dachten es zumindest – und plötzlich und es war so eine schöne laue Nacht – flanierten wir so ziellos herum, bis es uns selber auffiel, dass eine immer der anderen hinterherlief, aber keine hatte ein bestimmtes Ziel. Wir kamen ganz schön rum. Wir mussten dann sogar noch U-Bahn fahren, ich glaube, wie waren auf einmal am Fehrbelliner Platz und dieses nächtliche, im wahrsten Sinne des Wortes „um die Häuser ziehen“ erinnerte mich stark an die Zeit, als ich zwanzig war und mich auch gerne so durch die Nacht treiben ließ, immer auf Entdeckungsreise. Nachdem wir so viel gelaufen waren und dabei natürlich ununterbrochen gequatscht und gelacht hatten, wollten wir uns noch ein wohlverdientes Glas genehmigen. Und so landeten wir nach dieser exorbitanten Runde wieder am Savignyplatz, draußen vor dem Brel. Ich hatte irgendeinen Weißwein, ich weiß es nicht mehr genau. Mir kam es gar noch nicht so spät vor, wie es gewesen sein muss. Aber das war es! Und das machte gar nichts. In dieser Nacht habe ich gemerkt, dass ich immer noch ein unruhiger Geist bin, der unveränderten Genuß darin findet, sich durch die Nacht treiben zu lassen. Aber natürlich nur in allerbester Gesellschaft.
27. Juli 2015
Berlin, Juli 1945
Min. 1:15, 2:06, 2:35, 3:10, 3:34, 4:24, 5:18
25. Juli 2015



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Wir hatten uns mehr oder weniger verabredet. Jan wollte kommen und Ina auch. Wegen Roswitha. Hecke. Kann man vielleicht auch einfach der Bequemlichkeit halber auf den Eintrag bei Wikipedia verlinken. Was auch immer da stehen mag, es vermittelt nicht die Anziehungskraft der Person. Das wusste ich aber schon vorher, bevor ich da hin bin, weil ich sie nicht zum ersten mal gesehen habe. Wir standen uns schon einmal vor circa sieben Jahren in einer kleinen Ausstellung in einer Galerie, die es nicht mehr gibt, Auge in Auge gegenüber. Damals war ich nicht so zurückhaltend wie in der Autorenbuchhandlung. Der Rahmen war damals familiärer und da war viel Sympathie, auf beiden Seiten. Jedenfalls war sie da, um eine Ausstellung, die da noch bis Oktober hängt, zu eröffnen. „Pigalle“. Bilder aus dem letzten Jahrhundert. Eine fast private Annäherung an transsexuelle Paradiesvögel in Paris. Mitte der siebziger Jahre hat sie die Bilder gemacht. Rosa von Praunheim hat sie in ein Gespräch verwickelt, geplant, deswegen hat er auch ein Mikro in der Hand, obwohl man das in dem kleinen Literaturcafé gar nicht unbedingt gebraucht hätte. Irgendwie bin ich ein bißchen zu faul, ins Detail zu gehen, merke ich gerade. Herr Sartorius hat auch gesprochen, er hat auch schon die eine oder andere Einleitung bei ihren Bildbänden geschrieben. Kann man ja alles googeln, wie – wo – was, wer die Leute sind. Auch Erika Rabau. Noch so eine Legende. Ich habe mich über den Moment gefreut, als Erika Roswitha so von hinten den Arm um die Schultern gelegt hat, diese Zuneigungsbekundung. Diese beiden lebenden Legenden unter den Fotografinnen. Jan hatte Roswitha Hecke schon am Tag vorher, am Nachmittag dort angetroffen und sie fotografiert. Er nennt sie gerne die Elfenkönigin. Das ist mir nachvollziehbar. Ein sehr schönes Gesicht, stolz und eigensinnig wirkt es. Aber sie ist auch humorvoll und hintersinnig. Nicht so schwer zu Lachen zu bringen. So kann man mit Siebzig sein. Das geht alles. Auf einem der Bilder, den Fotografien von ihr an der Wand, ist ein Paar, zwei Frauen, die in einem Pariser Café sitzen und sich küssen. Ina und ich taten es der Fotografie gleich, was uns sehr amüsierte. Man hat ja auch Publikum. Ich weiß gar nicht, ob ich so ungeniert in der Öffentlichkeit für ein Bild küssen würde, wenn es ohne diesen verspielten Hintergrund wäre. Es war auch die Lust, sich ein bißchen exaltiert zu verhalten, ein wenig der Atmosphäre der Bilder in den Raum zu bringen. Und es waren die Tage, als viele bei facebook die Regenbogenfarben über ihr Profilbild gelegt haben. Das war sozusagen meine, unsere Solidaritätsbekundung zum Thema Leben und leben lassen. Ich habe schon häufiger bedauert, dass ich leider überhaupt keine homoerotische Veranlagung habe. Ich liebe Frauen sehr, einige besonders, und obwohl ich ganz sachlich ihre erotische Qualität sehen kann, löst es nicht den Impuls bei mir aus, mich da körperlich anzunähern. Ich bin leider total heterosexuell veranlagt.


Aber man kann ja mal ein bißchen so tun als ob. Ich finde, man sieht gar nicht, dass ich sonst keine Frauen küsse. Ina ist meines Wissens auch – erotisch – zu ungefähr null Prozent an Frauen interessiert, aber sie kann mich, glaube ich, ziemlich gut leiden und riechen. Ich mag sie auch sehr gerne. Wir hatten danach auch noch viel Spaß. Wir sind noch weitergezogen, eine andere Galerie, was zu essen geholt, dann zu Manfred, der auch bei Roswitha war, in seine Galerie und lange zu viert geredet, recht privat. Und Ina und ich liefen dann noch durch die laue Nacht – verliefen uns sehr wirr und schön und endeten dann noch im Brel. Aber ich greife vor.


19. Juli 2015

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Mittwoch, achter Juli 2015. Eine Feier im Circus Lemke, einer sehr lauschigen Bar in der Selchower Straße, in der Nähe vom U-Bahnhof Boddinstraße. Da fährt meine U8 hin, da musste ich nicht mal umsteigen. Sebastian und seine Gefährtin hatten am Vormittag geheiratet, nicht zum ersten mal (also erstmalig dereinst nicht sich, andere Kandidaten). Aber nun mit viel Übung und Lebenserfahrung wollten sie es ein zweites mal wagen. Ich freute mich über das Ereignis und die Einladung, obwohl ich nicht zu denjenigen gehöre, die bei Hochzeitsneuigkeiten selige Glücksaufwallungen kriegen. Dazu hat man schon zu viel Scheitern gesehen und auch selber mitgemacht, wenn auch in meinem Fall ohne Trauschein. Ich freue mich eher, weil die beiden sich freuen und so ein warmes, leichtes Gefühl dabei vermitteln, trotz ihrer Erfahrungen. Dass die Braut an dem Tag auch noch einen besonderen Geburtstag feierte, hat wahrscheinlich nicht nur mich überrascht. Eigentlich sind die Lokale, wo es nahezu unmöglich ist, unverrauschte Bilder zustande zu bekommen, die schönsten. Schon lange nicht mehr in einer derart schummrigen Bar gewesen. Bei dem Licht sehen alle recht vorteilhaft aus, abgesehen davon, dass es sich nicht leicht dokumentieren lässt. Ich war ja nun auch nicht mit Stativ unterwegs und hatte auch keinesfalls die Absicht, den Abend mit Ablichten zu verbringen. Mein Akku war auch nahezu am Ende, ich hatte ihn gar nicht aufgeladen, weil ich dachte, für eine Handvoll Bilder wird es noch reichen. Als ich mit eingeschaltetem Monitor kein einziges Bild mehr auslösen konnte, habe ich ihn ausgemacht und nach ungefähr zehn Jahren zum ersten mal wieder über den Sucher fokussiert. Ganz seltsames Gefühl. Weil man nicht diskret dabei vorgehen kann. Das bin ich überhaupt nicht gewohnt, so normal ist es für mich, dass ich nahezu unbemerkt aus der Hüfte schießen kann, und mich dabei unterhalten, ohne dass sich die Art der Aufmerksamkeit ändert oder beeinträchtigt wird. Nicht alle, die bei dem Fest waren, sind eingefangen, oder nicht so, wie ich es gerne gewollt hätte. Aber ich speichere Eindrücke auch sehr intensiv auf meiner eingebauten Festplatte ab, ohne die Kamera zu benutzen. Schöne Gespräche, warme Blicke, schöner Abend. Den Circus Lemke kann ich empfehlen. Rauchen durfte man auch, obwohl ich das nur noch selten mache. Weil ich so überraschend von der Feier erfahren habe, war mein Mitbringsel ein bißchen improvisiert, ein Foto, das ich vor zwei Jahren gemacht habe, wo sie beide zu sehen sind, und bestens gelaunt. Diesmal habe ich leider kein Foto für euch, wo ihr beide drauf seid, aber ihr seid trotzdem eine Runde weiter. Ich bin mit einem Taxi heimgefahren, es war schon gegen drei Uhr, da fuhr meine U8 nicht mehr. Egal. Denn es war alles sehr schön.




19. Juli 2015

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Mittwoch, achter Juli 2015. Eine Feier im Circus Lemke, einer sehr lauschigen Bar in der Selchower Straße, in der Nähe vom U-Bahnhof Boddinstraße. Da fährt meine U8 hin, da musste ich nicht mal umsteigen. Sebastian und seine Gefährtin hatten am Vormittag geheiratet, nicht zum ersten mal (also erstmalig dereinst nicht sich, andere Kandidaten). Aber nun mit viel Übung und Lebenserfahrung wollten sie es ein zweites mal wagen. Ich freute mich über das Ereignis und die Einladung, obwohl ich nicht zu denjenigen gehöre, die bei Hochzeitsneuigkeiten selige Glücksaufwallungen kriegen. Dazu hat man schon zu viel Scheitern gesehen und auch selber mitgemacht, wenn auch in meinem Fall ohne Trauschein. Ich freue mich eher, weil die beiden sich freuen und so ein warmes, leichtes Gefühl dabei vermitteln, trotz ihrer Erfahrungen. Dass die Braut an dem Tag auch noch einen besonderen Geburtstag feierte, hat wahrscheinlich nicht nur mich überrascht. Eigentlich sind die Lokale, wo es nahezu unmöglich ist, unverrauschte Bilder zustande zu bekommen, die schönsten. Schon lange nicht mehr in einer derart schummrigen Bar gewesen. Bei dem Licht sehen alle recht vorteilhaft aus, abgesehen davon, dass es sich nicht leicht dokumentieren lässt. Ich war ja nun auch nicht mit Stativ unterwegs und hatte auch keinesfalls die Absicht, den Abend mit Ablichten zu verbringen. Mein Akku war auch nahezu am Ende, ich hatte ihn gar nicht aufgeladen, weil ich dachte, für eine Handvoll Bilder wird es noch reichen. Als ich mit eingeschaltetem Monitor kein einziges Bild mehr auslösen konnte, habe ich ihn ausgemacht und nach ungefähr zehn Jahren zum ersten mal wieder über den Sucher fokussiert. Ganz seltsames Gefühl. Weil man nicht diskret dabei vorgehen kann. Das bin ich überhaupt nicht gewohnt, so normal ist es für mich, dass ich nahezu unbemerkt aus der Hüfte schießen kann, und mich dabei unterhalten, ohne dass sich die Art der Aufmerksamkeit ändert oder beeinträchtigt wird. Nicht alle, die bei dem Fest waren, sind eingefangen, oder nicht so, wie ich es gerne gewollt hätte. Aber ich speichere Eindrücke auch sehr intensiv auf meiner eingebauten Festplatte ab, ohne die Kamera zu benutzen. Schöne Gespräche, warme Blicke, schöner Abend. Den Circus Lemke kann ich empfehlen. Rauchen durfte man auch, obwohl ich das nur noch selten mache. Weil ich so überraschend von der Feier erfahren habe, war mein Mitbringsel ein bißchen improvisiert, ein Foto, das ich vor zwei Jahren gemacht habe, wo sie beide zu sehen sind, und bestens gelaunt. Diesmal habe ich leider kein Foto für euch, wo ihr beide drauf seid, aber ihr seid trotzdem eine Runde weiter. Ich bin mit einem Taxi heimgefahren, es war schon gegen drei Uhr, da fuhr meine U8 nicht mehr. Egal. Denn es war alles sehr schön.




18. Juli 2015


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Wir liefen nach Veruschka von der Universität der Künste in der Hardenbergstraße, in die Fasanenstraße und überlegten beim Gehen, wo man noch etwas trinken könnte. Wir irrten ein bißchen herum und waren schon in der Ludwigkirchstraße beim Lokal von Dieter Meier, dem von Yello, der irgendetwas Argentinisches eröffnet hat, wir sind mal kurz durchgelaufen, ein recht elegant wirkendes Esslokal mit Tischdecken, aber gerade nicht das, wonach uns war, aber man hat es mal gesehen (ein edleres Steakhaus mit Biofleisch, wie ich lese). Irgendeine Galerie war auch auf dem Weg, mit Sachen aus Ozeanien, kostspieligen, sehr schönen Objekten, aber nicht so sehr interessanten Gästen und Getränken, also weiter. Da fiel mir ein, im Café Wintergarten im Literaturhaus, hinten beim Kollwitzmuseum, ist es doch immer nett. Also wieder in die Fasanenstraße. Man sitzt da ein bißchen wie in einem alten Stadtpalais in Wien, und wenn man die Welt- und Stadtgeschichte kennt, weiß man auch, dass der Vergleich nur deswegen bemüht werden muss, weil man keine lebendige Erinnerung mehr an eine Fülle solcher Bauten in Berlin haben kann, obwohl es sie in großer Dichte gab. Man kann also auch inne halten und sich daran freuen, dass man an einem Ort ist, der vor gut siebzig Jahren nicht so sehr besonders oder selten gewesen ist, wie er einem heute vorkommen muss. Wenn Jan und ich unterwegs sind, ist es ungefähr wie den bestellten Kaffee trinken, wenn dabei fotografiert wird, keine Ankündung oder besondere Erwähnung geht voran. Wir unterhalten uns dabei ununterbrochen weiter, als ob die Kamera überhaupt nicht benutzt wird, so normal ist es. Er hat an dem Abend allerdings ungewöhnlich viele Aufnahmen von mir gemacht, die ich überwiegend gar nicht kenne.




Ob sie jemals von ihm bearbeitet oder mir zugänglich gemacht werden, weiß ich auch nicht, das kann er wohl selber nicht sagen, weil kein Tag vergeht, an dem nicht eine neue Reihe an irgendeinem Ort entsteht. Und dann gibt es da so seine ihm besonders am Herzen liegenden Modelle. Ich bin ja keines seiner Modelle, sondern eine gute Freundin. Ich glaube sogar, eine sehr gute. Im Gegensatz zu seinen Modellen bin ich etwas sperrig, wenn es um geplante Foto-Aktionen geht. Ich ziere mich, wenn ich bestimmte Haltungen einnehmen soll, sofort komme ich mir unnatürlich und gespreizt vor und entsprechend unlocker ist mein Gesichtsausdruck. Fotomodell hätte ich nie werden können, nur mein eigenes, da gehorche ich auf Befehl. Nach dem Literaturcafé sind wir noch den KuDamm entlang geschlendert, da war so auf der Höhe zwischen Kranzler und Gedächtniskirche eine schwarzweiße Fotowand mit historischen Aufnahmen von zerstörten Fassaden, da habe ich besonders viele Bilder von Jan gemacht, es war auch nicht ganz so dunkel da. Mitterweile merke ich, dass er sich ganz gerne fotografieren lässt, manchmal sagt er sogar „los, fotografier mich mal, da vor der Wand, das kommt bestimmt gut!“ Als ich ihn kennengelernt habe, war er noch ein bißchen kamerascheu, so wenig daran gewöhnt, selbst fotografiert zu werden. Vielleicht hat sich das auch gelegt, weil er entdeckt hat, dass er fotogen ist, obwohl er nicht mehr zwanzig ist. Ich finde sogar, gerade weil er nicht mehr zwanzig ist. Aber mir ist, als hätte er ein starkes Bewusstsein gehabt, dass er ein sehr hübscher junger Mann war, so um die Zwanzig. Warum er das später nicht mehr so deutlich empfunden hat, weiß ich nicht. Aber inzwischen hat sich seine Selbstwahrnehmung wieder eingerenkt. Doch, doch.









Als ich vorletzten Mittwoch bei Sebastians Hochzeitsfeier war, gestand er mir, dass er vor einigen Jahren, als ich in großer Dichte private Bilder machte und hier postete, auf denen ganz viel Jan war und dann kurze Zeit später auch noch Cosmic, er darüber grübelte, ob es eine Art Polyamorie-Modell wäre, das wir praktizieren. Ich musste lachen. Ein wenig war mir schon klar, dass so vielfältige persönliche Aufnahmen Irritation auslösen können, was aber letzten Endes auch völlig scheißegal ist. Lass die Leute doch denken, was sie wollen, ermunterte Jan mein Tun. Wenn es die Phantasie anheizt, bitte sehr. Es war kein „Polyamorie“-Modell, denn es gab keine Notwendigkeit für derlei Etiketten. Sämtliche Gefühle waren intensiv, ob freundschaftlicher oder erotischer Natur. Wer welche Sorte hatte, war dynamisch bis unausgewogen. Jan und Cosmic mochten sich freundschaftlich gerne, sie kannten sich auch schon, bevor ich sie kennenlernte. Eine aufregende, inspirierende und bereichernde Zeit. Heute stehen wir uns freundschaftlich gegenüber, egal was passiert ist. Ein Schatz von Erinnerungen, den wir hüten. Die Details verrate ich dann in meiner siebentausendseitigen Lebensbeichte, die ich vielleicht einmal schreibe, wenn irgendwann einmal nichts mehr anderes zu tun ist.


14. Juli 2015

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Wieder Vera. Veruschka. Wenn ich nicht hin und wieder erwähnt hätte, dass ich sie schon hier und da erleben konnte, hätte ich das gar nicht gewusst. Nirgendwo ein Plakat oder augenfälliger Hinweis. Nein, man muss sich mit dem Vorlesungsverzeichnis der UdK Berlin, der Universität der Künste beschäftigen, dann weiß man von solchen Veranstaltungen. Was ich bislang nicht gemacht habe. Aber eine langjährige Bekannte, die sich gerne mit dem Verzeichnis beschäftigt, hat mich darauf aufmerksam gemacht. Das Schöne ist ja, dass man zu diesen Vorlesungen einfach gehen kann, ohne immatrikuliert zu sein. Man muss sich weder ausweisen noch Eintritt bezahlen. Und wenn man frühzeitig kommt, kriegt man auch einen Platz. Und lauscht mehr oder weniger hochkarätigen Erörterungen oder Gesprächen. Kommt natürlich auf die Protagonisten an. Das Gute bei Vera von Lehndorff ist, egal welch schlichten Geistes die Fragestellung ist, sie reagiert immer auf eine Art, die Substanz in die Angelegenheit bringt. Manchmal auch nur durch einen subtil unwirschen Blick. So eine Andeutung von „was fragt der mich hier denn?“ Aber so charmant drübergelächelt. Sieht man vielleicht auch nur, wenn man sich wissenschaftlich mit Veruschka, Vera Gottliebe Anna Gräfin von Lehndorff beschäftigt hat. Wir sahen Filmsequenzen von ihren Performances. Sagen wir performancehafte Kurzfilme. Kleine atmosphärische Kurzfilme, wie Traumsequenzen. Das ist mir nicht so fremd. Nun kenne ich auch ihre Biographie recht gut und kann mich dann schon auch einmal mit Vera von Lehndorff gemeinsam über die Fragestellung wundern. Unlängst bei CO, diesem Blow up-Symposium, war auch so ein Meister seines Fachs an ihrer Seite. Aber ich will mich an dieser Stelle nicht weiter in fragwürdige Details der Fragestellung versteigen. Jedenfalls ging es in der UdK-Gesprächsreihe „Diversität im Dialog“ an diesem Abend um das Thema „Tod und Altern„. Wir sahen in Vera von Lehndorffs Filmsequenzen unter anderem Szenen, in denen sie mit einer Vorstellung von irdischem, veritabel erdenreichem Begrabensein spielte, sich vergrabend ins Erdreich. Asche spielte auch eine Rolle, wie so oft bei ihren Werken. Damit malt sie auch. Mich interessierte, ob die Asche in einer der Filmszenen von einem bestimmten Objekt rührte – Papier oder etwas anderem von Bedeutung vielleicht – Briefe, Aufzeichnungen – ? Aber so detailliert wollte ich dann auch nicht nachbohren. Sie sagte aber, dass diese Art sehr heller Asche von Papier ist. Und dann gab es auch eine Aufzeichnung einer Performance in Berlin, in der man sie auf einer Chaiselongue sah, ganz in Grau gekleidet, wie der Bezugsstoff des Möbels und eine Zwiesprache mit ihrem gerade gestorbenen (unsichtbaren) Kater hielt. Der auch so ein graues Fell hatte. Das fand ich sehr anrührend. Sie erinnerte sich an Dinge, die sie ärgerten, als er noch lebte, das Zerfetzen von jeglichem Papier zu Papierschnitzeln, das ihr auf einmal fehlte. Ich fand das wahrhaftig, wie sie da mit ihrem Kater im Nirwana sprach. Danach kommentierte sie so etwas in der Art wie „na ja, ist vielleicht doch nicht so gut – ein bißchen kitschig vielleicht, oder?“ So, als ob sie bei sich zuhause wäre und sich etwas von sich anschaut, und halb zu sich selber spricht, wie man so Selbstgespräche führt. Und lächelt dabei so ein bißchen unsicher ins Publikum. Da musste ich aber ganz deutlich widersprechen. Dass es überhaupt nicht kitschig war, sondern im Gegenteil sehr anrühernd. Und sie: „Ja?(??)“ Mit so einem erfreut-überraschten Ausdruck. „Ja, wirklich. Das war sehr schön.“ Und wie man sieht, wie sie sich über das Lob freut. Ein paar andere im Publikum haben es auch noch einmal bekräftigt. Alle waren ihr zugetan. Aber das ist ja immer so. So selten es solche Gelegenheiten gibt. Es war das vierte mal, dass ich sie gesehen habe. Aus nächster Nähe. Aber so jung und leicht wie die beiden letzten Male kam sie mir noch nie vor. Und als sie wirklich jung an Jahren war, schon gar nicht. Vera von Lehndorff, die sich in der Blüte ihrer Jugend das Leben nehmen wollte, weil sie vor Dunkelheit nicht ein noch aus wusste. Ganz hell war sie, wie sie da direkt vor mir saß, in ihrem gerade begonnenen siebenundsiebzigsten Jahr, eine Freude. Wie immer. Jan war auch da. Mein guter Freund, dem ich nicht erklären muss, warum man jeden sich bietenden Termin mit Vera Lehndorff rot im Kalender anstreichen sollte. Er hat auch ein paar Aufnahmen gemacht, hier.





Der Mann, der links von ihr zu sehen ist, hat bei ihren gefilmten Performances der letzteren Jahre die Kamera geführt und mit ihr die Dramaturgie entwickelt. Leider habe ich seinen Namen nicht präsent, er wird auch nicht auf der Seite der UdK namentlich erwähnt. Es gibt von diesen jüngeren Werken kaum etwas im Netz (nur das, eventuell war es daher Christopher Roth). Auf youtube finden sich ein paar Sachen, die sie mit Holger Trülzsch gemacht hat, aber das war lange vor dem, was wir an diesem Abend sahen.























Im Auditorium waren Menschen zwischen Zwanzig und Siebzig. Nicht so sehr eine Frage des Alters, Zugang zu finden. Byung-Chul Han, der das Gespräch leitete, hatte wohl den Lehrauftrag präsent, als er zwecks Vorstellung Teile aus ihrem Wikipedia-Eintrag aufgriff, so wie man einem Marsmännchen Veruschka gerne erklären will. Aber wir sind doch Erdbewohner.

14. Juli 2015

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Wieder Vera. Veruschka. Wenn ich nicht hin und wieder erwähnt hätte, dass ich sie schon hier und da erleben konnte, hätte ich das gar nicht gewusst. Nirgendwo ein Plakat oder augenfälliger Hinweis. Nein, man muss sich mit dem Vorlesungsverzeichnis der UdK Berlin, der Universität der Künste beschäftigen, dann weiß man von solchen Veranstaltungen. Was ich bislang nicht gemacht habe. Aber eine langjährige Bekannte, die sich gerne mit dem Verzeichnis beschäftigt, hat mich darauf aufmerksam gemacht. Das Schöne ist ja, dass man zu diesen Vorlesungen einfach gehen kann, ohne immatrikuliert zu sein. Man muss sich weder ausweisen noch Eintritt bezahlen. Und wenn man frühzeitig kommt, kriegt man auch einen Platz. Und lauscht mehr oder weniger hochkarätigen Erörterungen oder Gesprächen. Kommt natürlich auf die Protagonisten an. Das Gute bei Vera von Lehndorff ist, egal welch schlichten Geistes die Fragestellung ist, sie reagiert immer auf eine Art, die Substanz in die Angelegenheit bringt. Manchmal auch nur durch einen subtil unwirschen Blick. So eine Andeutung von „was fragt der mich hier denn?“ Aber so charmant drübergelächelt. Sieht man vielleicht auch nur, wenn man sich wissenschaftlich mit Veruschka, Vera Gottliebe Anna Gräfin von Lehndorff beschäftigt hat. Wir sahen Filmsequenzen von ihren Performances. Sagen wir performancehafte Kurzfilme. Kleine atmosphärische Kurzfilme, wie Traumsequenzen. Das ist mir nicht so fremd. Nun kenne ich auch ihre Biographie recht gut und kann mich dann schon auch einmal mit Vera von Lehndorff gemeinsam über die Fragestellung wundern. Unlängst bei CO, diesem Blow up-Symposium, war auch so ein Meister seines Fachs an ihrer Seite. Aber ich will mich an dieser Stelle nicht weiter in fragwürdige Details der Fragestellung versteigen. Jedenfalls ging es in der UdK-Gesprächsreihe „Diversität im Dialog“ an diesem Abend um das Thema „Tod und Altern„. Wir sahen in Vera von Lehndorffs Filmsequenzen unter anderem Szenen, in denen sie mit einer Vorstellung von irdischem, veritabel erdenreichem Begrabensein spielte, sich vergrabend ins Erdreich. Asche spielte auch eine Rolle, wie so oft bei ihren Werken. Damit malt sie auch. Mich interessierte, ob die Asche in einer der Filmszenen von einem bestimmten Objekt rührte – Papier oder etwas anderem von Bedeutung vielleicht – Briefe, Aufzeichnungen – ? Aber so detailliert wollte ich dann auch nicht nachbohren. Sie sagte aber, dass diese Art sehr heller Asche von Papier ist. Und dann gab es auch eine Aufzeichnung einer Performance in Berlin, in der man sie auf einer Chaiselongue sah, ganz in Grau gekleidet, wie der Bezugsstoff des Möbels und eine Zwiesprache mit ihrem gerade gestorbenen (unsichtbaren) Kater hielt. Der auch so ein graues Fell hatte. Das fand ich sehr anrührend. Sie erinnerte sich an Dinge, die sie ärgerten, als er noch lebte, das Zerfetzen von jeglichem Papier zu Papierschnitzeln, das ihr auf einmal fehlte. Ich fand das wahrhaftig, wie sie da mit ihrem Kater im Nirwana sprach. Danach kommentierte sie so etwas in der Art wie „na ja, ist vielleicht doch nicht so gut – ein bißchen kitschig vielleicht, oder?“ So, als ob sie bei sich zuhause wäre und sich etwas von sich anschaut, und halb zu sich selber spricht, wie man so Selbstgespräche führt. Und lächelt dabei so ein bißchen unsicher ins Publikum. Da musste ich aber ganz deutlich widersprechen. Dass es überhaupt nicht kitschig war, sondern im Gegenteil sehr anrühernd. Und sie: „Ja?(??)“ Mit so einem erfreut-überraschten Ausdruck. „Ja, wirklich. Das war sehr schön.“ Und wie man sieht, wie sie sich über das Lob freut. Ein paar andere im Publikum haben es auch noch einmal bekräftigt. Alle waren ihr zugetan. Aber das ist ja immer so. So selten es solche Gelegenheiten gibt. Es war das vierte mal, dass ich sie gesehen habe. Aus nächster Nähe. Aber so jung und leicht wie die beiden letzten Male kam sie mir noch nie vor. Und als sie wirklich jung an Jahren war, schon gar nicht. Vera von Lehndorff, die sich in der Blüte ihrer Jugend das Leben nehmen wollte, weil sie vor Dunkelheit nicht ein noch aus wusste. Ganz hell war sie, wie sie da direkt vor mir saß, in ihrem gerade begonnenen siebenundsiebzigsten Jahr, eine Freude. Wie immer. Jan war auch da. Mein guter Freund, dem ich nicht erklären muss, warum man jeden sich bietenden Termin mit Vera Lehndorff rot im Kalender anstreichen sollte. Er hat auch ein paar Aufnahmen gemacht, hier.





Der Mann, der links von ihr zu sehen ist, hat bei ihren gefilmten Performances der letzteren Jahre die Kamera geführt und mit ihr die Dramaturgie entwickelt. Leider habe ich seinen Namen nicht präsent, er wird auch nicht auf der Seite der UdK namentlich erwähnt. Es gibt von diesen jüngeren Werken kaum etwas im Netz (nur das, eventuell war es daher Christopher Roth). Auf youtube finden sich ein paar Sachen, die sie mit Holger Trülzsch gemacht hat, aber das war lange vor dem, was wir an diesem Abend sahen.























Im Auditorium waren Menschen zwischen Zwanzig und Siebzig. Nicht so sehr eine Frage des Alters, Zugang zu finden. Byung-Chul Han, der das Gespräch leitete, hatte wohl den Lehrauftrag präsent, als er zwecks Vorstellung Teile aus ihrem Wikipedia-Eintrag aufgriff, so wie man einem Marsmännchen Veruschka gerne erklären will. Aber wir sind doch Erdbewohner.

11. Juli 2015
10. Juli 2015
05. Juli 2015
Wind, Donner, Doria.
05. Juli 2015
Wind, Donner, Doria.
04. Juli 2015


Ich warte immer noch auf das nicht kommen wollende Unwetter. Gut den Tag rumgekriegt. Eigentlich war mein Plan für den Fall der unerträglichen Hitze daheim, eine Flucht in ein gut klimatisiertes Museum, die sind ja allgemein alle gut klimatisiert. Ins Bauhaus-Archiv zum Beispiel. Meine Wohnung hatte ich schon in aller Herrgottsfrüh nach nächtlichem Durchlüften, mit mehreren Lagen heruntergezogener Rollos, hermetisch geschlossenen Fenstern und behelfs in die Gaubenfenster gedrückter Sitzpolster, als Dämmung, gegen die Höchsttemperaturen verbarrikadiert. Auf jedem Balkon einen Sonnenschirm. Dazu im Badezimmer eine volle Badewanne und ein gefülltes Waschbecken mit kaltem Wasser, von dem ein bißchen Kühle in die Luft steigt. Gar nicht, um da etwa selber reinzugehen und mich abzukühlen. Das hat so überraschend gut funktioniert, dass ich nicht einmal das Bedürfnis hatte, mich in regelmäßigen Abständen zu duschen. Ich bin dann einfach dringeblieben und hab ein bißchen Fernseh geschaut und nachgedacht und gelesen und gedöst, zwischendurch ein Nachmittagsnickerchen im lauen Schlafzimmer. Also, es ging recht gut. Mir hat auch davor gegraust, nach außen zu treten, in eine Luft wie ein heißer Föhn. Meine Überlegung war, wenn es schwer erträglich würde, ein Taxi zu rufen, mit der Bitte „eines mit Klimaanlage“, das mich dann direkt vors klimatisierte Museum fährt. Aber das war mir dann auch zu umständlich, irgendwie. Dann war der Tag auch schon bald gut herumgebracht, mit meinem Herumgetrödel. Nur die Fenster habe ich jetzt ein bißchen zu frühzeitig wieder geöffnet, da hätte ich noch eine Stunde warten sollen. Lieber erst so gegen Mitternacht wieder aufmachen, frühestens! Muss ich mir für morgen merken. Jetzt kommt langsam ein laues Lüftchen durch meine Gemächer, alle Balkontüren und Fenster sind auf. Es ist dunkel. Mal schauen, ob das Unwetter nur eine Ente war. Dann gieße ich noch selber. Komisch, dass mir früher, als Kind und Jugendliche, die höchsten Temperaturen lieb waren, bis auf ganz seltene, extreme Sommernächte in meinem Dachzimmer in meinem Elternhaus. Mir ist, als hätte ich jeden Hochsommerstrahl um die dreißig Grad in praller Sonne badend ausgekostet. Eigenartige Wandlung. Jetzt laufe ich im Schatten, wenn es über fünfundzwanzig Grad hat. Zwischen zweiundzwanzig und fünfundzwanzig Grad ist mir am liebsten. Na ja, es kühlt ja angeblich schon bald wieder ab, übermorgen, am Montag. Und mit um die siebenundzwanzig Grad kann ich auch noch sehr gut leben.
27. Juni 2015


MEINE ZEIT IST GEKOMMEN, WENN SIE WIEDER SO ZUM LACHEN IST DASS ES SICH LOHNT, DRITTE ZÄHNE ANZUSCHAFFEN steht da oben. Wolfgang Neuss hat das geschrieben. Vielleicht nicht direkt persönlich an die Wand vom Ex und Pop, aber in seinem kleinen Zimmer in der Ufa-Fabrik, unweit entfernt, in Tempelhof. Das war der Abend, dem mein lauschiger Ausflug zur Liebermannvilla, zum Großen Wannsee und zum Kleinen, mit dem Kleistgrab vorangegangen war. Ein extremer Tapetenwechsel, der als erste, aber nicht letzte Station den Besuch in einer kleinen Galerie in Neukölln hatte, wo der liebe Bloggerfreund Sebastian Rogler eine ausgiebige Serie kleinformatiger, liebevoll gerahmter Fotografien gemeinsam mit einem befreundeten Fotografen zeigte. Da passte kein blumenreicher Wannsee-Sommerfrische-Mantel und ich wusste sicher, dass ich mich dafür umziehen würde. Irgendwas Urbaneres. Aber erst einmal ein schönes Fußbad und ein bißchen ins Internet.


Und essen und trinken und sich in Ausgehstimmung bringen. Das ist nicht so selbstverständlich gegeben, wenn man vorher viele, viele eindrucksvolle Stunden unterwegs war. Eine Ausstellung von jemandem, den man kennt und mag zu besuchen, bringt mich teilweise in ein Dilemma. Wenn man nichts weiter mit dem Künstler zu schaffen hat, geht man halt hin und nach ein, zwei Gläsern auch wieder weg, weiter oder heim, ohne auf die Idee zu kommen, sich bei irgendjemandem entschuldigen zu müssen, dass man nicht drei bis fünf Stunden am selben Ort bleibt. So lange braucht man ja auch im Allgemeinen nicht, um eine Reihe von Bildern anzuschauen und ein bißchen zu plaudern, falls es sich überhaupt ergibt. Aber da war ich von vorneherein so befangen, dass ich mir dachte, es ist ohnehin besser zu handhaben, wenn ich eher spät als früh hingehe, weil ich dann zum einen ein bißchen erholter von dem langen Ausflug wäre, und zum anderen zeitlich näher an der „…noch-wo-was-trinken“-Phase, die den Künstler mit einschließt.

Ich bin auch ein unruhiger Typ, wenn ich in so Galerien unterwegs bin. Früher, als ich mich öfter bei solchen Gelegenheiten unter die Leute gemischt habe, war ich oft mit Jan unterwegs, der es auch gerne hat, in Bewegung zu bleiben und oft den Ort zu wechseln. Es sei denn, man hätte eine Einladung, die mit einem Essen verbunden ist, aber das ist ja was ganz anderes. Also ich zog mich in aller Ruhe um und entschied mich für den schwarzen Lackmantel, den ich im Bikini aufgegabelt hatte und der bei der Berliner Fashionweek mitlaufen durfte. Der Gürtel ist auch aus dem Bikini, von einem Designer im Erdgeschoss, der neben Lampen auch Gürtel aus alten Reifenmänteln und Zahnrädern von ausrangierten Fahrrädern bastelt, lauter schöne Einzelstücke. Ich finde, ich kann an der Stelle ein bißchen ins Detail gehen, denn die Ausstellung hatte ja immerhin was mit Mode zu tun. Es war schon sehr spät, als ich hin bin, das ist nicht von der Hand zu weisen.


Es war fast schon dunkel. Ein Schimmer der blauen Stunde lag noch in der Abendluft, als ich die Emser Straße in Neukölln entlangstapfte. Eigentlich eine nicht unvertraute Gegend, weil in einer der Parallelstraßen mein Atelier ist, wo ich leider allzu selten tätig bin, in den letzten Jahren. Aber ich habe mich immer schon wenig in den angrenzenden Straßen aufgehalten, wenn ich schon einmal dort war. Leuchtturm Neukölln stand über dem kleinen Ausstellungsraum mit großer Glasfront und von Drinnen leuchtete grelles Neonlicht. Die noch verbliebenen Gäste standen fast ausnahmslos auf dem inzwischen dunklen Gehweg vor der Tür und viele rauchten und hatten ein Bier in der Hand. Ich erkannte Sebastian schon von weitem, er unterhielt sich angeregt mit zwei oder drei Frauen, andere Grüppchen unterhielten sich ebenfalls angeregt. Ich kannte niemandem außer Sebastian, was schade war, denn ich hatte gehofft, wenigstens zwei oder drei Bloggerinnen anzutreffen, Anousch oder Anne oder Kitty Koma.

https://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=1811922554

Aber nix da. Die waren entweder nicht da oder schon wieder weg. Wie blöd! Ich ging nach innen und schaute mir die Werke, zum Teil auch erotische an. Ich kam sehr gut durch, weil ja mehr oder weniger alle draußen standen und fand im hinteren Bereich eine Nische, wo es Bier und Wein und ein Körbchen für die Geldscheine gab. Eine andere Frau hielt mit mir Ausschau nach jemandem, der die Getränke verkaufen könnte, aber da war niemand, so habe ich kurzerhand entschieden, das Geschäft selbst in die Hand zu nehmen. Auf einem Kärtchen stand glaube ich der Getränkepreis und so bedienten wir uns und legten das Geld brav ins Körbchen. Ich nahm ein Bier. Als ich wieder hinaus ging, kam ich mit einem bärtigen, nicht unattraktiven Mann ins Gespräch, der sich an mich von der Republica im letzten Jahr erinnerte, ich mich aber nicht an ihn, was mir ein bißchen peinlich war. Er plauderte von der diesjährigen Republica, wo ich ja nicht war, und hatte viel Lobendes zu berichten, als zu später Stunde Elvira, die früher als Saoirse auf twoday gebloggt hat, mit ihrem Mann des Weges kam.

Wir haben früher manches Geburtstagsfest zusammen bei ihr gefeiert, auch schon wieder lange her. Wir freuten uns beide über das Wiedersehen und ich klärte sie auf, dass mein allgemeiner Rückzug von Parties und Geselligkeiten nichts mit ihr zu tun hatte, sondern alleine auf mir selbst beruhte. Da war sie leicht beruhigt.

Inzwischen hatte sie geheiratet, auch das war an mir vorbeigegangen, weil ich nicht lückenlos Neuigkeiten meiner facebook-Freunde verfolge. Sie erzählte, dass sie noch eine Einladung von einer Freundin am selben Abend hätte, die im Ex und Pop bei einem Konzert auftritt. Ich war gleich Feuer und Flamme und auch perplex, weil ich dachte, das Ex und Pop würde es gar nicht mehr geben. In den Achtziger Jahren habe ich dort so manche Nacht zum Tag gemacht, es war einer dieser Kultorte, wo es nichts Besonderes war, dass Nick Cave, Blixa Bargeld und Jim Jarmusch neben einem am Tresen standen. Ich erinnerte dunkel, dass es vor dem Standort in der Mansteinstraße zuerst woanders war, irgendwo in Schöneberg. Aber diese neue Adresse, die Elvira hatte, in der Potsdamer Straße, war mir völlig unbekannt. Gerne hätte ich mich auch Sebastian angeschlossen, der noch in eine Bar namens Circus Lemke was trinken ging, um den Abend ausklingen zu lassen. Ich war hin- und hergerissen, am liebsten wäre ich überall hingangen, aber das hätte zeitlich nicht hingehauen. Und so hat die Neugier gesiegt, was aus dem Ex und Pop geworden ist.




Wir nahmen ein Taxi und schon von außen sah es genauso abgerockt aus wie früher. Und drinnen hatte ich auch ein Déjà-vu nach dem anderen. Obwohl andere Räume, anderes Gekritzel, andere Möbel. Es war atmosphärisch und räumlich so sehr ähnlich dem Laden in der Mansteinstraße, dass ich mir ein bißchen wie zurückgebeamt vorkam. Leider aber keine bekannten Gesichter von früher. Ich kam mir fast vor wie ein Dinosaurier und Elvira amüsierte sich über meine verstaubten Erinnerungen. Die Waschräume, also die Klos, waren auch sehr sehenswert. Man hat sich gleich zuhause gefühlt. Vorausgesetzt, man war früher in solchen Läden zuhause. Nur die Livemusik war ein bißchen zu gepflegt und chillig, da hat ein bißchen der Punk gefehlt, aber nett war es trotzdem. Ich kriegte Lust, wieder öfter in solche Läden zu gehen und vor lauter Übermut rauchte ich sogar eine Zigarette, die mir ausgezeichnet schmeckte, ganz mild. Ich glaube eine Gauloise aus ökologischem Anbau oder so ähnlich. Was es eben heutzutage alles so gibt. Ich hatte den Eindruck, dass diese Sorte Gauloise früher irgendwie schärfer geschmeckt hat, also so ein bißchen kratzig. Wie auch immer, ich habe die Zigarette vom ersten bis zum letzten Zug genossen. Wir tranken wieder Bier und nachdem wir einen umfassenden Eindruck vom Repertoire der Musiktruppe hatten, nahm die Umtriebigkeit wieder überhand und wir hatten Lust auf einen Ortswechsel. Und was lag da näher, als das Kumpelnest um die Ecke. Als wir auf der Postdamer an einer Ampel standen, fiel mir auf einmal der gigantische Pfeiler mit dem Jugendstilfrauenkopf auf. Ich war sehr begeistert, mitten auf der nicht sehr attraktiven Postdamer Straße plötzlich so ein schönes Relikt aus alter Zeit zu sehen. Das Kumpelnest kannte ich auch von ganz früher. Mir ist, als wäre ich sogar auf der Eröffnungsparty 1987 gewesen. Ich war aber auch in den Jahrzehnten danach ab und zu mal da. Ich könnte nicht beschwören, dass die ornamentale Auslegware an der Wand noch die originale von damals ist, sie wirkt irgendwie so neu, aber vielleicht haben sie die verräucherten Wände auch einfach mal schamponiert. Wir wackelten stark animiert mit den Hüften, gerade so, dass das Bier nicht überschwappt, und freuten uns an der pinkorangen Lightshow und den gutgelaunten Gästen, die uns umringten. Lauter junge Männer und Frauen, die richtig tanzten. Also auch die Männer. Ein Pärchen war dabei, die hätten direkt bei Let’s Dance antreten können, eine Augenweide. Besonders seine Moves, wie wir Fachleute sagen. So endete der Tag nach einem Ausflug in die heile Welt von Wannsee mit Friede-Freude-Eierkuchen im Kumpelnest 3000. War schön.
27. Juni 2015


MEINE ZEIT IST GEKOMMEN, WENN SIE WIEDER SO ZUM LACHEN IST DASS ES SICH LOHNT, DRITTE ZÄHNE ANZUSCHAFFEN steht da oben. Wolfgang Neuss hat das geschrieben. Vielleicht nicht direkt persönlich an die Wand vom Ex und Pop, aber in seinem kleinen Zimmer in der Ufa-Fabrik, unweit entfernt, in Tempelhof. Das war der Abend, dem mein lauschiger Ausflug zur Liebermannvilla, zum Großen Wannsee und zum Kleinen, mit dem Kleistgrab vorangegangen war. Ein extremer Tapetenwechsel, der als erste, aber nicht letzte Station den Besuch in einer kleinen Galerie in Neukölln hatte, wo der liebe Bloggerfreund Sebastian Rogler eine ausgiebige Serie kleinformatiger, liebevoll gerahmter Fotografien gemeinsam mit einem befreundeten Fotografen zeigte. Da passte kein blumenreicher Wannsee-Sommerfrische-Mantel und ich wusste sicher, dass ich mich dafür umziehen würde. Irgendwas Urbaneres. Aber erst einmal ein schönes Fußbad und ein bißchen ins Internet.


Und essen und trinken und sich in Ausgehstimmung bringen. Das ist nicht so selbstverständlich gegeben, wenn man vorher viele, viele eindrucksvolle Stunden unterwegs war. Eine Ausstellung von jemandem, den man kennt und mag zu besuchen, bringt mich teilweise in ein Dilemma. Wenn man nichts weiter mit dem Künstler zu schaffen hat, geht man halt hin und nach ein, zwei Gläsern auch wieder weg, weiter oder heim, ohne auf die Idee zu kommen, sich bei irgendjemandem entschuldigen zu müssen, dass man nicht drei bis fünf Stunden am selben Ort bleibt. So lange braucht man ja auch im Allgemeinen nicht, um eine Reihe von Bildern anzuschauen und ein bißchen zu plaudern, falls es sich überhaupt ergibt. Aber da war ich von vorneherein so befangen, dass ich mir dachte, es ist ohnehin besser zu handhaben, wenn ich eher spät als früh hingehe, weil ich dann zum einen ein bißchen erholter von dem langen Ausflug wäre, und zum anderen zeitlich näher an der „…noch-wo-was-trinken“-Phase, die den Künstler mit einschließt.

Ich bin auch ein unruhiger Typ, wenn ich in so Galerien unterwegs bin. Früher, als ich mich öfter bei solchen Gelegenheiten unter die Leute gemischt habe, war ich oft mit Jan unterwegs, der es auch gerne hat, in Bewegung zu bleiben und oft den Ort zu wechseln. Es sei denn, man hätte eine Einladung, die mit einem Essen verbunden ist, aber das ist ja was ganz anderes. Also ich zog mich in aller Ruhe um und entschied mich für den schwarzen Lackmantel, den ich im Bikini aufgegabelt hatte und der bei der Berliner Fashionweek mitlaufen durfte. Der Gürtel ist auch aus dem Bikini, von einem Designer im Erdgeschoss, der neben Lampen auch Gürtel aus alten Reifenmänteln und Zahnrädern von ausrangierten Fahrrädern bastelt, lauter schöne Einzelstücke. Ich finde, ich kann an der Stelle ein bißchen ins Detail gehen, denn die Ausstellung hatte ja immerhin was mit Mode zu tun. Es war schon sehr spät, als ich hin bin, das ist nicht von der Hand zu weisen.


Es war fast schon dunkel. Ein Schimmer der blauen Stunde lag noch in der Abendluft, als ich die Emser Straße in Neukölln entlangstapfte. Eigentlich eine nicht unvertraute Gegend, weil in einer der Parallelstraßen mein Atelier ist, wo ich leider allzu selten tätig bin, in den letzten Jahren. Aber ich habe mich immer schon wenig in den angrenzenden Straßen aufgehalten, wenn ich schon einmal dort war. Leuchtturm Neukölln stand über dem kleinen Ausstellungsraum mit großer Glasfront und von Drinnen leuchtete grelles Neonlicht. Die noch verbliebenen Gäste standen fast ausnahmslos auf dem inzwischen dunklen Gehweg vor der Tür und viele rauchten und hatten ein Bier in der Hand. Ich erkannte Sebastian schon von weitem, er unterhielt sich angeregt mit zwei oder drei Frauen, andere Grüppchen unterhielten sich ebenfalls angeregt. Ich kannte niemandem außer Sebastian, was schade war, denn ich hatte gehofft, wenigstens zwei oder drei Bloggerinnen anzutreffen, Anousch oder Anne oder Kitty Koma.

https://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=1811922554

Aber nix da. Die waren entweder nicht da oder schon wieder weg. Wie blöd! Ich ging nach innen und schaute mir die Werke, zum Teil auch erotische an. Ich kam sehr gut durch, weil ja mehr oder weniger alle draußen standen und fand im hinteren Bereich eine Nische, wo es Bier und Wein und ein Körbchen für die Geldscheine gab. Eine andere Frau hielt mit mir Ausschau nach jemandem, der die Getränke verkaufen könnte, aber da war niemand, so habe ich kurzerhand entschieden, das Geschäft selbst in die Hand zu nehmen. Auf einem Kärtchen stand glaube ich der Getränkepreis und so bedienten wir uns und legten das Geld brav ins Körbchen. Ich nahm ein Bier. Als ich wieder hinaus ging, kam ich mit einem bärtigen, nicht unattraktiven Mann ins Gespräch, der sich an mich von der Republica im letzten Jahr erinnerte, ich mich aber nicht an ihn, was mir ein bißchen peinlich war. Er plauderte von der diesjährigen Republica, wo ich ja nicht war, und hatte viel Lobendes zu berichten, als zu später Stunde Elvira, die früher als Saoirse auf twoday gebloggt hat, mit ihrem Mann des Weges kam.

Wir haben früher manches Geburtstagsfest zusammen bei ihr gefeiert, auch schon wieder lange her. Wir freuten uns beide über das Wiedersehen und ich klärte sie auf, dass mein allgemeiner Rückzug von Parties und Geselligkeiten nichts mit ihr zu tun hatte, sondern alleine auf mir selbst beruhte. Da war sie leicht beruhigt.

Inzwischen hatte sie geheiratet, auch das war an mir vorbeigegangen, weil ich nicht lückenlos Neuigkeiten meiner facebook-Freunde verfolge. Sie erzählte, dass sie noch eine Einladung von einer Freundin am selben Abend hätte, die im Ex und Pop bei einem Konzert auftritt. Ich war gleich Feuer und Flamme und auch perplex, weil ich dachte, das Ex und Pop würde es gar nicht mehr geben. In den Achtziger Jahren habe ich dort so manche Nacht zum Tag gemacht, es war einer dieser Kultorte, wo es nichts Besonderes war, dass Nick Cave, Blixa Bargeld und Jim Jarmusch neben einem am Tresen standen. Ich erinnerte dunkel, dass es vor dem Standort in der Mansteinstraße zuerst woanders war, irgendwo in Schöneberg. Aber diese neue Adresse, die Elvira hatte, in der Potsdamer Straße, war mir völlig unbekannt. Gerne hätte ich mich auch Sebastian angeschlossen, der noch in eine Bar namens Circus Lemke was trinken ging, um den Abend ausklingen zu lassen. Ich war hin- und hergerissen, am liebsten wäre ich überall hingangen, aber das hätte zeitlich nicht hingehauen. Und so hat die Neugier gesiegt, was aus dem Ex und Pop geworden ist.




Wir nahmen ein Taxi und schon von außen sah es genauso abgerockt aus wie früher. Und drinnen hatte ich auch ein Déjà-vu nach dem anderen. Obwohl andere Räume, anderes Gekritzel, andere Möbel. Es war atmosphärisch und räumlich so sehr ähnlich dem Laden in der Mansteinstraße, dass ich mir ein bißchen wie zurückgebeamt vorkam. Leider aber keine bekannten Gesichter von früher. Ich kam mir fast vor wie ein Dinosaurier und Elvira amüsierte sich über meine verstaubten Erinnerungen. Die Waschräume, also die Klos, waren auch sehr sehenswert. Man hat sich gleich zuhause gefühlt. Vorausgesetzt, man war früher in solchen Läden zuhause. Nur die Livemusik war ein bißchen zu gepflegt und chillig, da hat ein bißchen der Punk gefehlt, aber nett war es trotzdem. Ich kriegte Lust, wieder öfter in solche Läden zu gehen und vor lauter Übermut rauchte ich sogar eine Zigarette, die mir ausgezeichnet schmeckte, ganz mild. Ich glaube eine Gauloise aus ökologischem Anbau oder so ähnlich. Was es eben heutzutage alles so gibt. Ich hatte den Eindruck, dass diese Sorte Gauloise früher irgendwie schärfer geschmeckt hat, also so ein bißchen kratzig. Wie auch immer, ich habe die Zigarette vom ersten bis zum letzten Zug genossen. Wir tranken wieder Bier und nachdem wir einen umfassenden Eindruck vom Repertoire der Musiktruppe hatten, nahm die Umtriebigkeit wieder überhand und wir hatten Lust auf einen Ortswechsel. Und was lag da näher, als das Kumpelnest um die Ecke. Als wir auf der Postdamer an einer Ampel standen, fiel mir auf einmal der gigantische Pfeiler mit dem Jugendstilfrauenkopf auf. Ich war sehr begeistert, mitten auf der nicht sehr attraktiven Postdamer Straße plötzlich so ein schönes Relikt aus alter Zeit zu sehen. Das Kumpelnest kannte ich auch von ganz früher. Mir ist, als wäre ich sogar auf der Eröffnungsparty 1987 gewesen. Ich war aber auch in den Jahrzehnten danach ab und zu mal da. Ich könnte nicht beschwören, dass die ornamentale Auslegware an der Wand noch die originale von damals ist, sie wirkt irgendwie so neu, aber vielleicht haben sie die verräucherten Wände auch einfach mal schamponiert. Wir wackelten stark animiert mit den Hüften, gerade so, dass das Bier nicht überschwappt, und freuten uns an der pinkorangen Lightshow und den gutgelaunten Gästen, die uns umringten. Lauter junge Männer und Frauen, die richtig tanzten. Also auch die Männer. Ein Pärchen war dabei, die hätten direkt bei Let’s Dance antreten können, eine Augenweide. Besonders seine Moves, wie wir Fachleute sagen. So endete der Tag nach einem Ausflug in die heile Welt von Wannsee mit Friede-Freude-Eierkuchen im Kumpelnest 3000. War schön.
19. Juni 2015
Vorhin Anruf von der Charité. „Guten Tag, Charité Berlin, die NaKo. Wir möchten gerne Termine mit Ihnen abstimmen. Sie wurden als Level 2-Probandin gewählt.“
„?“
„Das bedeutet, Sie gehören zu den Probanden*, die eine Ganzkörper-Untersuchung erhalten, einschließlich MRT„
Ausgiebige Befragung: Erkrankungen, Operationen, Medikamente.
„Haben Sie Metallteile im Körper?“
„Nein, nicht mehr.“
„Tragen Sie Permanent-Make up?“
„Nein.“
„Sind Sie tätowiert?“
„Noch nicht!“
„Können Sie eine Stunde auf dem Rücken liegen?“
„Ja.“
Wir vereinbaren zwei Termine. Am 31. August 2015 sechs Stunden Komplett-Untersuchung in der Charité im Forschungszentrum in der Luisenstraße und drei Tage später, am 3. September in Berlin Buch, eine Stunde Ganzkörper-MRT.
„Und bitte kein Glitzer-Make up!“
*) 2000 von 10.000 kriegen eine Ganzkörper-Untersuchung, die anderen 8000 nur einfachere Herz-Kreislauf-etc.-Untersuchungen.
21. Juni 2015

https://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=1811922554



Laß mich. Du hörst, was ich beschloß, eh würdest du den Strom, wenn er herab von Bergen schießt, als meiner Seele Donnersturz regieren. Ist’s nicht, als ob ich eine Leier zürnend zertreten wollte, weil sie still für sich, im Zug des Nachtwinds, meinen Namen flüstert? Dem Bären kauert‘ ich zu Füssen mich, und streichelte das Pantherthier, das mir in solcher Regung nahte, wie ich ihm. Mein ewiger Gedanke, wenn ich wachte, mein ew’ger Traum warst du. Die ganze Welt lag wie ein ausgespanntes Musternetz vor mir. In jeder Masche, weit und groß, war deiner Thaten eine eingeschürzt. Und in mein Herz, wie Seide weiß und rein, mit Flammenfarben jede brannt‘ ich ein. Wie Priam fleh’nd in deinem Zelt erschien und heiße Thränen weint‘ ich, wenn ich dachte, daß ein Gefühl doch, Unerbittlicher, den marmorharten Busen dir durchzuckt. O laß dies Herz zwei Augenblick‘ in diesem Strom der Lust, wie ein besudelt Kind, sich untertauchen. Wenn es mir möglich wär, wenn ich’s vermöchte, das Aeußerste, das Menschenkräfte leisten, hab‘ ich gethan, Unmögliches versucht. Mein Alles hab‘ ich an den Wurf gesetzt. Der Würfel, der entscheidet, liegt, er liegt: Begreifen muß ich’s, und daß ich verlor.


Ich war so ruhig, Prothoe, wie das Meer, das in der Bucht des Felsen liegt; nicht ein Gefühl, das sich in Wellen mir erhob. Dies Wort: sei ruhig jagt mich plötzlich jetzt, wie Wind die offnen Weltgewässer, auf. Was ist es denn, das Ruh‘ hier nöthig macht? Ihr steht so seltsam um mich, so verstört, und sendet Blicke, bei den ew’gen Göttern, in meinen Rücken hin, als stünd ein Unhold, mit wildem Antlitz dräuend, hinter mir. Du hörst’s, es war ja nur ein Traum. Daß der Stern, auf dem wir athmen, geknickt, gleich dieser Rosen einer, läge. Daß ich den ganzen Kranz der Welten so, wie dies Geflecht der Blumen, lösen könnte. Dies Herz, weil es sein muß, bezwingen will ich’s, und thun mit Grazie, was die Noth erheischt. Recht habt ihr auch. Warum auch wie ein Kind gleich, weil sich ein flücht’ger Wunsch mir nicht gewährt, Mit meinen Göttern brechen? Kommt hinweg. Das Glück, gesteh‘ ich, wär mir lieb gewesen, doch fällt es mir aus Wolken nicht herab, Den Himmel drum erstürmen will ich nicht. Das Unglück, sagt man, läutert die Gemüther, ich empfand es nicht. Erbittert hat es, Götter mich und Menschen in unbegriff’ner Leidenschaft empört. Wie seltsam war, auf jedem Antlitz, mir, wo ich sie traf, der Freude Spur verhaßt. Wie mögt‘ ich alles jetzt, was mich umringt, zufrieden gern und glücklich sehn. Der Mensch kann groß, ein Held, im Leiden sein. Doch göttlich ist er, wenn er selig ist. Heinrich von Kleist , Penthesilea




Ich gehe am See spazieren, sehe unzählige Enten und Vögel, die in der Luft herum fliegen und zwitschern. Sie piepsen leise vor sich her und singen ihr Lied des Lebens. Doch wenn ich diese Klänge höre, höre ich nur mein Sterbelied. Nun denke ich, ist auch für mich die Zeit gekommen, Abschied von dieser Welt zu nehmen… (…)



Meine liebste Marie, mitten in dem Triumphgesang, den meine Seele in diesem Augenblick des Todes anstimmt, muß ich noch einmal Deiner gedenken und mich Dir, so gut wie ich kann, offenbaren: Dir, der einzigen, an deren Gefühl und Meinung mir etwas gelegen ist; alles andere auf Erden, das Ganze und Einzelne, habe ich völlig in meinem Herzen überwunden. Nur so viel wisse, (…) daß ich sterbe, weil mir auf Erden nichts mehr zu lernen und zu erwerben übrig bleibt. Lebe wohl! Du bist die allereinzige auf Erden, die ich jenseits wieder zu sehen wünsche.

Ich kann nicht sterben, ohne mich, zufrieden und heiter, wie ich bin, mit der ganzen Welt, und somit auch, vor allen anderen, meine teuerste Ulrike, mit Dir versöhnt zu haben. (…) Du hast an mir getan, ich sage nicht, was in Kräften einer Schwester, sondern in Kräften eines Menschen stand, um mich zu retten: Die Wahrheit ist, dass mir auf Erden nicht zu helfen war. (21. November 1811)



Als ich an diesem fünfzehnten Mai, von der Liebermann-Villa kommend, immer am Großen Wannsee mit seinen Segler- und Ruderclubs entlang, auf dem Weg zur S-Bahn war, hatte ich nicht daran gedacht, dass ich ganz in der Nähe von Kleists Grab am Kleinen Wannsee war. Selbst wenn es mir präsent gewesen wäre, hätte ich mich nicht eigens auf den Weg dorthin begeben, obwohl ich es immer schon einmal besuchen wollte. So viel Ausflug und Eindrücke hatte ich, dass es für drei gereicht hätte. Ich schaute hinunter zu den weißen Booten in der Bucht vom Kleinen Wannsee und freute mich an dem Flirren und Blühen und war im Geiste schon halb auf dem Bahnsteig, als ich unwiderruflich zum Greifen nah, ein Schild zu meiner Rechten sah. Und obwohl ich in all den Jahren schon so oft in dieser Ecke war, hatte ich mich nie dahin verirrt. Ich war so übervoll von Eindrücken, dass nicht mehr viel in mich hineinzupassen schien, aber die Füße taten mir noch gar nicht weh und müde war ich auch noch nicht, und die Kamera machte mit, also warum nicht noch dieser eine kleine Spaziergang.



Ich wusste schon so in etwa um das Schicksal von Heinrich von Kleist und seiner Geliebten, aber genauer habe ich mich erst danach mit den beiden und seinen Motiven befasst. Es ist schon traurig, weil er auch das Paradiesische auf Erden erkennen konnte, das ihm aber nicht in aller Fülle zuteil wurde. Er hatte es schwer als Dichter, konnte kaum davon leben und wurde sehr zensiert und kritisiert. Der einzige Text von ihm, den ich genauer kenne, sogar recht gut, ist der Auszug aus Penthesilea, mit dem dieser Eintrag beginnt, und den ich sehr liebe, weil er mir in einer schweren Zeit aus dem Herzen gesprochen hat und mich getröstet. Obwohl das nicht das richtige Wort ist. Es gab keinen Trost, aber er hat zauberhafte Worte für das Unsägliche gefunden. Das ist meine Verbindung zu Heinrich von Kleist. Ich war überrascht, wie hügelig es dort ist, wo er liegt. Eine Allee mit Kopfsteinpflaster führt dorthin. Ein bißchen verwunschen ist es auch, dort am Kleinen Wannsee. Und danach bin ich aber wirklich zu S-Bahn und heimgefahren.


Zum zweihundertsten Todestag von Heinrich von Kleist
Heinrich von Kleist im Projekt Gutenberg
So trugen ihn zwei Engel fort
Am Grabe Kleists
Spurensuche
Briefe
19. Juni 2015
Vorhin Anruf von der Charité. „Guten Tag, Charité Berlin, die NaKo. Wir möchten gerne Termine mit Ihnen abstimmen. Sie wurden als Level 2-Probandin gewählt.“
„?“
„Das bedeutet, Sie gehören zu den Probanden*, die eine Ganzkörper-Untersuchung erhalten, einschließlich MRT„
Ausgiebige Befragung: Erkrankungen, Operationen, Medikamente.
„Haben Sie Metallteile im Körper?“
„Nein, nicht mehr.“
„Tragen Sie Permanent-Make up?“
„Nein.“
„Sind Sie tätowiert?“
„Noch nicht!“
„Können Sie eine Stunde auf dem Rücken liegen?“
„Ja.“
Wir vereinbaren zwei Termine. Am 31. August 2015 sechs Stunden Komplett-Untersuchung in der Charité im Forschungszentrum in der Luisenstraße und drei Tage später, am 3. September in Berlin Buch, eine Stunde Ganzkörper-MRT.
„Und bitte kein Glitzer-Make up!“
*) 2000 von 10.000 kriegen eine Ganzkörper-Untersuchung, die anderen 8000 nur einfachere Herz-Kreislauf-etc.-Untersuchungen.
15. Juni 2015
15. Juni 2015
14. Juni 2015
13. Juni 2015
Berlin – die Symphonie der Großstadt, 1927
Der Film ist so zauberhaft, ich muss ihn als extra Eintrag posten, nicht nur als versteckten Kommentar.
(vorneweg 40 Sek. Reklame, dann einundsechzig Minuten Film!)
13. Juni 2015

Ein bißchen Lokalkolorit. Die Berliner Polizei twittert gestern und heute ihre Einsätze. Das kriegt man ja sonst alles gar nicht mit.
Mann grillt auf einem Gehweg in Neukölln. #24hPolizei
Gleichberechtigte Schlägerei unter Frauen und Männern auf einer Straße in Müggelheim #24hPolizei
Ein Sportbegeisterter möchte die Minigolfbahn in Kreuzberg nicht verlassen. #24hPolizei
Gesundheitsbewusster Dieb in Tempelhof: Festnahme in einem Bioladen. #24hPolizei
Im Tiergartentunnel wird der Verkehr durch eine Hochzeitsgesellschaft beeinträchtigt. Die Gäste tanzen auf der Fahrbahn. #24hPolizei
In Charlottenburg werden Passanten durch einen nackten Mann auf der Fahrbahn belästigt. #24hPolizei
Die @berliner_fw benötigt in Köpenick unsere Hilfe. Eine Frau randaliert im Rettungswagen. #24hPolizei
Anwohner melden: Nerviger Saxophonist spielt seit Stunden immer die gleichen fünf Akkorde. Neukölln #24hPolizei
In Spandau wurde ein Mann von seiner Ex-Freundin geschlagen. Er möchte von uns keine Hilfe. #24hPolizei
Eine verwirrte Person wirft in Neukölln Gläser auf die vorbeifahrenden Fahrzeuge. Wir eilen zum Ort. #24hPolizei
Sternhagelvoll auf dem Sterndamm in Schöneweide. Vorsicht: Betrunkener Fußgänger auf der Fahrbahn unterwegs. Wir eilen hin. #24hPolizei
In Treptow liegt ein Mann aus unbekannten Gründen in einem Vorgarten. #24hPolizei
Spontane Demo mit fünf Personen in Mitte. Wir kümmern uns. #24hPolizei
Eine Mutter in Treptow wollte Hilfe bei Streitschlichtung ihrer Kinder. Wir konnten mit Ratschlägen am Telefon weiterhelfen. #24hPolizei .
In einem Spätkauf in Charlottenburg wird Alkohol an Jugendliche verkauft. #24hPolizei
Spontandemo von Skatern auf der Schillingbrücke in Mitte. Wir begleiten. #24hPolizei
Im Strandbad Müggelsee in Köpenick kam es zu mehreren Handydiebstählen. #24hPolizei
Am U-Bahnhof Steglitz wird Drogenhandel betrieben. Wir fahren hin. #24hPolizei
Beschwerden gehen ein. Vor dem KaDeWe soll ein Straßenmusiker echt schlecht musizieren. #24hPolizei
In Kreuzberg möchte uns jemand Schusswaffen übergeben, die er in seiner Wohnung hat. #24hPolizei
Ein Mann wäscht sich unbekleidet auf dem Gehweg. Charlottenburg #24hPolizei
In einem Hotelzimmer in Mitte wurde durch einen Gast die Einrichtung nachhaltig zerlegt. #24hPolizei
13. Juni 2015

Ein bißchen Lokalkolorit. Die Berliner Polizei twittert gestern und heute ihre Einsätze. Das kriegt man ja sonst alles gar nicht mit.
Mann grillt auf einem Gehweg in Neukölln. #24hPolizei
Gleichberechtigte Schlägerei unter Frauen und Männern auf einer Straße in Müggelheim #24hPolizei
Ein Sportbegeisterter möchte die Minigolfbahn in Kreuzberg nicht verlassen. #24hPolizei
Gesundheitsbewusster Dieb in Tempelhof: Festnahme in einem Bioladen. #24hPolizei
Im Tiergartentunnel wird der Verkehr durch eine Hochzeitsgesellschaft beeinträchtigt. Die Gäste tanzen auf der Fahrbahn. #24hPolizei
In Charlottenburg werden Passanten durch einen nackten Mann auf der Fahrbahn belästigt. #24hPolizei
Die @berliner_fw benötigt in Köpenick unsere Hilfe. Eine Frau randaliert im Rettungswagen. #24hPolizei
Anwohner melden: Nerviger Saxophonist spielt seit Stunden immer die gleichen fünf Akkorde. Neukölln #24hPolizei
In Spandau wurde ein Mann von seiner Ex-Freundin geschlagen. Er möchte von uns keine Hilfe. #24hPolizei
Eine verwirrte Person wirft in Neukölln Gläser auf die vorbeifahrenden Fahrzeuge. Wir eilen zum Ort. #24hPolizei
Sternhagelvoll auf dem Sterndamm in Schöneweide. Vorsicht: Betrunkener Fußgänger auf der Fahrbahn unterwegs. Wir eilen hin. #24hPolizei
In Treptow liegt ein Mann aus unbekannten Gründen in einem Vorgarten. #24hPolizei
Spontane Demo mit fünf Personen in Mitte. Wir kümmern uns. #24hPolizei
Eine Mutter in Treptow wollte Hilfe bei Streitschlichtung ihrer Kinder. Wir konnten mit Ratschlägen am Telefon weiterhelfen. #24hPolizei .
In einem Spätkauf in Charlottenburg wird Alkohol an Jugendliche verkauft. #24hPolizei
Spontandemo von Skatern auf der Schillingbrücke in Mitte. Wir begleiten. #24hPolizei
Im Strandbad Müggelsee in Köpenick kam es zu mehreren Handydiebstählen. #24hPolizei
Am U-Bahnhof Steglitz wird Drogenhandel betrieben. Wir fahren hin. #24hPolizei
Beschwerden gehen ein. Vor dem KaDeWe soll ein Straßenmusiker echt schlecht musizieren. #24hPolizei
In Kreuzberg möchte uns jemand Schusswaffen übergeben, die er in seiner Wohnung hat. #24hPolizei
Ein Mann wäscht sich unbekleidet auf dem Gehweg. Charlottenburg #24hPolizei
In einem Hotelzimmer in Mitte wurde durch einen Gast die Einrichtung nachhaltig zerlegt. #24hPolizei
08. Juni 2015


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Ich kann mich nicht entsinnen, je so lang mit einem Eintrag herumgetan zu haben. Vor lauter Respekt und dem Bedürfnis, Max Liebermann so viel Ehre zu erweisen, wie überhaupt nur möglich, habe ich viele Tage damit verbracht, immer wieder die Reihenfolge der Bilder zu ändern. Das Ganze ruhen zu lassen. Wieder angefangen, wieder umsortiert. Damit die Reihenfolge wie der Film wird, den ich empfunden habe, als ich da war. Es ist nicht egal, welches Bild einem anderen folgt. Nichts ist egal. Alles ist wichtig. Alles hat Bedeutung. Und als ich durch seinen Garten lief, mit diesem großem Respekt, mit Ehrfurcht und Gedenken – war ich mir keineswegs sicher, dass er meine Schritte nicht bemerkt. Meine Schritte in seinem Reich, seinem liebgewonnenen Refugium am Großen Wannsee. Keiner kann das wissen. Man muss davon ausgehen, dass die ewigen Seelen ein Auge auf ihre irdischen Herzensdinge haben. Nicht nur ihre Nachkommen. Warum nicht auf einen Ort, der zu Lebzeiten so große Bedeutung hatte? Ich kann diesen Ort nicht vereinnahmen, als beliebigen Ausflugsort banalisieren, umdeuten, ohne auf seinen Erschaffer, Schöpfer Max Liebermann hinzuweisen und mich vor ihm zu verneigen. Und sehr dafür Danke zu sagen, dass ich da herumlaufen darf. So ist das. Deshalb brauche ich so lange, um diese Bilder hier zu zeigen. Weil ich viele Texte recherchiert habe, in denen die Geschichte dieses Ortes gewürdigt wird. Und Max Liebermann. Glücklicherweise fand ich Schriftverkehr von Max Liebermann, in dem er über Details zum Bau der Villa spricht. Alle diese folgenden kursiven Absätze rühren aus diesen Fundstücken. Es sind viele. Und das ist angemessen. Denn Max Liebermann war ein ganz Großer. Mit jeder Lektüre jedes Fundstückes ist er mir mehr ans Herz gewachsen. Sehr.




Im Alter von 62 Jahren legte sich Max Liebermann einen Sommersitz im damals vornehmsten Villenviertel Berlins zu. 1909 erwarb er in der Villenkolonie Alsen eines der letzten freien Wassergrundstücke am Wannsee, ein lang gestrecktes, etwa 7000 Quadratmeter umfassendes Grundstück an der Seestraße 42, heute Colomierstr. 3. Die zum Wannsee gelegene Ostfassade der Villa wird durch einen zentralen zweigeschossigen Mittelrisaliten mit dreieckigem Giebel und Oculus gegliedert. Auf dieser Seite der Villa gelangt man durch Terrassentüren von allen Räumen des Erdgeschosses auf die breite Terrasse und kann den Blick über die Blumenterrasse, die große Wiese, Heckengärten und Birkenallee im seeseitigen Garten schweifen lassen. Die Familie Liebermann bezog das Haus im Juli 1910 und verbrachte bis kurz vor Max Liebermanns Tod 1935 jährlich die Sommermonate am Wannsee.



In der Folgezeit unterlag das Haus einer wechselvollen Nutzung: 1940 wurde Martha Liebermann von den Nationalsozialisten gezwungen, das Grundstück an die Deutsche Reichspost zu verkaufen, die in der Villa ein »Schulungslager« für ihre »weibliche Gefolgschaft« einrichtete. Gegen Ende des Krieges diente das Haus als Lazarett. Nach 1945 wurde die Liebermann-Villa gemeinsam mit der benachbarten Villa Hamspohn zur Chirurgischen Abteilung des Städtischen Krankenhauses Wannsee. Max Liebermanns Atelier fungierte als Operationssaal.



Liebermanns in den USA lebende Tochter Käthe Riezler erhielt die Villa 1951 zurück. Sie schloss mit dem Wannsee-Krankenhaus einen Mietvertrag. Ihre Tochter Maria White, die als Kind auf vielen Bildern Max Liebermanns zu sehen ist, verkaufte die Villa schließlich 1958 an das Land Berlin. Der verwaltende Bezirk Steglitz-Zehlendorf verpachtete die Villa dann im Herbst 1971 nach zweijährigem Leerstand für 30 Jahre an den Deutschen Unterwasser-Club (DUC). Dieser richtete dort ein Vereinsheim mit einer Aus- und Fortbildungsstätte für Taucher ein, was bauliche Veränderungen im Inneren des Hauses zur Folge hatte. Zwar erreichte die Max-Liebermann-Gesellschaft 1995, dass die Villa unter Denkmalschutz gestellt wurde, der Bezirk verlängerte aber im gleichen Jahr den Pachtvertrag mit den Tauchsportlern vorzeitig um weitere zwanzig Jahre. Zum 150. Geburtstag Max Liebermanns im Jahr 1997 erwirkte die Max-Liebermann-Gesellschaft, dass der Berliner Senat die museale Nutzung der Villa beschloss. Er stellt allerdings keine finanziellen Mittel zur Verfügung. Nachdem 2002 ein gleichwertiges Ausweichgrundstück für den DUC gefunden werden konnte, begann die Max-Liebermann-Gesellschaft mit privaten Mitteln die Villa zu restaurieren und für die Nutzung als Museum umzuwandeln. Seit Ende April Zweitausendsechs sind Haus und der Garten originalgetreu wiederhergestellt und für die Öffentlichkeit als Künstlerhaus, Museum und Garten dauerhaft zugänglich. Die Heckengärten allerdings mussten bei der Eröffnung 2006 noch Fragment bleiben, da ein viereinhalb Meter breiter Streifen vom Grundstück abgetrennt und in der Nutzung eines benachbarten Sportvereines blieb. Erst nach Jahren unermüdlichen Ringens gelang es im Jahr 2013, diesen Grundstückstreifen dem Garten wieder einzugliedern und die Heckengärten zu vollenden. Im Mai 2014 konnten die Bauarbeiten in den Heckengärten von Max Liebermann abgeschlossen werden. Den Abschluss bildete die Ergänzung der Ufermauer und Rekonstruktion des historischen Liebermann-Steges, der zehn Meter aufs Wasser hinausführt und in einer Aussichtsplattform endet. Heute erstrahlen das Haus und der Garten in altem Glanz.








Lange hatte der Berliner Maler von einem solchen Ort geträumt, mit großem Garten und Bäumen. 1910 verwirklichte er schließlich diesen Traum am Wannsee. »Von allen Ländern lächelt jenes Eckchen der Erde mich an« zitierte Liebermann Hölderlin, um Freunden sein neues Domizil zu beschreiben. Künstlerisches Sehen heißt nicht nur optisches Sehen, sondern auch Erschauen der Natur. Nur wer den Odem Gottes in der Natur spürt, wird in Wirklichkeit lebendig gestalten können, nur der Pantheist… (…)«











Liebermann entschloss sich vergleichsweise spät, sich neben seinem ererbten Stadtquartier am Pariser Platz, einen Sommersitz im damals nobelstem Villenvorort Berlins zuzulegen. Im Sommer 1909 erwarb er eines der letzten freien Doppelgrundstücke mit Wasserzugang zum Großen Wannsee und beauftragte Paul Otto Baumgarten mit dem Bau seines Hauses. Baumgarten hatte sich als Villen- und Landhausbauer einen Namen gemacht. Während die Planung des Gartens in der umfangreichen Korrespondenz zwischen Liebermann und Alfred Lichtwark gut dokumentiert ist, konnte die Entstehungsgeschichte des Hauses nur anhand von Bauakten und einigen wenigen Kommentaren in Briefen Liebermanns rekonstruiert werden. Das wenige aber vermittelt einen lebendigen Eindruck vom Planungs- und Bauablauf, von der Zusammenarbeit zwischen dem Bauherr und seinem Architekten.



Liebermann plante ein Gesamtkunstwerk von Haus und Garten und die erste wichtige Voraussetzung war die Entscheidung, den Standort des Hauses in die Mitte des langgestreckten Grundstückes zu legen. „Wenn ich hier am Ufer stehe, so will ich durch das Haus hindurch auf den Teil des Gartens sehen können, der dahinter liegt. Vor dem Haus soll eine einfache Wiese angelegt werden, so dass ich von den Zimmern aus ohne Hindernis auf den See sehen kann. Und links und rechts vom Rasen will ich gerade Wege. Das ist die Hauptsache. Noch etwas: das Zimmer, das in der Achse liegt, soll der Essraum sein. So… – Und nun bauen Sie!“




Baumgartens erste Pläne sahen auf der Westfassade u.a. eine mittig angeordnete, zweigeschossige Loggia vor, die Fassade zum Wannsee hin hat ein heruntergezogenes Mansardwalmdach und in der Mitte ein wuchtiges, glockenähnliches Kuppeldach über einem sich aus der Fassade vorwölbenden zweigeschossigen Vorbau, vor dem wiederum zwei Säulen stehen, die einen Balkon tragen. Liebermann war jedenfalls nicht zufrieden, als Baumgarten ihm am 25. Juli 1909 die fertigen Pläne zur Unterschrift vorlegte. An seinen Freund und Berater bei der Gartengestaltung Alfred Lichtwark schreibt er einen Tag später: „Gestern habe ich den ganzen Tag gebaut u. über den Grundriß sind wir so ziemlich klar (ich bringe die Pläne mit). Nicht so über die Fassade, die zu sehr nach einem Bauernhause aussieht: ich möchte ein Landhaus, das sich ein Städter gebaut hat. Wie überall ist das Einfachste das Schwerste.“ Die Bleistiftskizze eines Giebels auf einem Plan der Wannseefassade, die möglicherweise bei der zitierten Besprechung mit Baumgarten entstand, lässt erahnen, was Liebermann sich unter einem „Landhaus eines Städters“ vorstellte. Am nächsten Tag reichte Baumgarten die Pläne beim Bauamt Wannsee ein, wo sie zügig, Ende August 1909 genehmigt wurden.


Mitte September begann das Baugeschäft mit der Ausführung. Bereits Ende Oktober war der Bau soweit fortgeschritten, daß Liebermann Lichtwark berichten konnte: „Meine Sommerresidenz kömmt in nächster Zeit unter Dach, dann muß das Haus nach polizeilicher Vorschrift sechs Wochen stehn bleiben, ohne daß daran gearbeitet werden darf. Anfangs nächsten Jahres kann es inwendig verputzt werden u. im Mai von außen, sodaß wir Anfang Juli etwa es beziehen können. So meint wenigstens der Architekt, ob sein Optimismus berechtigt ist, weiß ich freilich nicht. Bis jetzt freuen wir uns und haben noch keine Fehler entdeckt.“ Der endgültige Entwurf sah ein kubisch reduziertes Gebäude mit einer begradigten Fassade und einem einfachen Walmdach vor. Die Räume im Inneren sind symmetrisch um die Mittelachse herum angeordnet. Im Erdgeschoss befindet sich ein großes, durch eine mittige Tür mit dem Esszimmer auf der Wannseeseite verbundenes Kaminzimmer, mit dem von Liebermann gewünschten Durchblick von Osten nach Westen, Im Obergeschoss liegen die Schlafräume der Familie, mit Blick auf den Großen Wannsee und das Atelier.



Ende März 1910 berichtete Liebermann seinem Freund Lichtwark: „Vorigen Sonnabend waren wir wieder in Wannsee und bis jetzt haben wir weder am Bau wie am Garten etwas entdeckt, was wir anders gewünscht hätten … In 14 Tagen wird die Villa fertig sein, sodaß wir an die innre Einrichtung gehen können.“ Am 6. April, genervt von den Querelen bei den Vorbereitungen der zehnten Jahresausstellung der Secession, – „am liebsten schmeiße ich ihnen den ganzen Kram vor die Füße“ -, konnte Liebermann Lichtwark von weiteren Fortschritten in Wannsee berichten. Nach seinem Einzug stellte Liebermann fest, dass er mit dem Gärtnerhaus nicht zufrieden war. Es störte ihn beim Blick aus seinem Atelierfenster und darüber hinaus beeinträchtigte es – von der Straße aus betrachtet – die repräsentative Hauptfront des Hauses und damit die Gesamtwirkung erheblich. Es folgte die schrittweise Neuplanung diverser Nebenanlagen: des Pförtnerhauses, der Abortanlage, der Garten- und Terrassenmauern und eines Teepavillons am Ufer des Wannsees, die sich teilweise noch bis Ende des Jahres 1911 hinzogen Im Frühjahr 1910 hatten die Arbeiten am Haus Fortschritte gemacht. Am 4. Mai 2010 schrieb Liebermann an Alfred Lichtwark: „Wir waren vorgestern wieder in Wannsee: bis auf die Inneneinrichtung ists fertig und auch der Garten fängt schon an. So weit wirs bis jetzt beurtheilen können, finden wir es durchaus gelungen. Die Terrassen sind fertig, jetzt wird das sechs Meter breite Stück in den See geschüttet und im Juli können wir hoffentlich die Villa beziehen. Bis dahin kommen Sie hoffentlich noch her, um Ihr Urtheil abzugeben.“ Am 26. Juli 1910 war es dann endlich so weit.


Liebermann bezog mit seiner Frau Martha, seiner Tochter Käthe und dem Dackel Männe seine Villa am Wannsee. Am 31. Juli berichtete er Lichtwark „Seit 5 Tagen leben wir nun hier und ich empfinde zum ersten Male in meinem Leben das Gefühl, auf der eigenen Scholle zu sitzen. Hier kann ich meine Ellenbogen wenigstens nach beiden Seiten ausstrecken, ohne – anzustoßen. Auch habe ich bis jetzt nichts bemerkt, was ich hätte anders machen sollen: die vorhandenen Fehler waren nicht zu umgehn, höchstens vermittelst viel größerer Geldaufwendungen. Aber, wie mir Arnhold, der mich eben besuchte, sagte, aus der Situation bezug auf die Gartenanlage, die wir Ihnen verdanken: die ist nach einstimigen Urtheilen eminent gelungen. Lichtwark kam im Oktober zu Besuch und stellte fest, dass Haus und Garten fertig seien. In seinem Bericht für die Verwaltung der Hamburger Kunsthalle notierte er, Liebermann sei sehr stolz: „Sehen Sie, diese zehn Finger haben alles in zwei Jahren ermalt, Grundstück, Haus, Gartenanlage und Einrichtung. Wenn mir jemand vor zehn Jahren gesagt hätte, daß es einmal so kommen würde, hätte ich gelacht.“



Fern des Großstadtlärms fand Liebermanns Flucht vor der Industriekultur, der seine Familie ihren Reichtum verdankte, ihr beschauliches Ende. Denn im Unterschied zu seinen Nachbarn, die allesamt größere Villen bewohnten und Gärten im englischen Stil angelegt hatten, legte Liebermann Wert auf den bürgerlichen Charakter seines Hauses und mehr noch auf die „bürgerliche Architektur“ seines Gartens. Auf seinem eigenen Anwesen kam es schließlich zum harmonischen Nebeneinander von ländlicher Idylle und bürgerlicher Kommodität. 1922 schrieb Max Liebermann an Fritz Stahl, einen Redakteur beim Berliner Tageblatt: „Schade, dass Sie nicht zu meinem Geburtstage hier waren. Es war sehr nett und auf Augenblicke vergaß man der fürchterlichen Zeitläufe. Sehn Sie sich doch mal mein ‚Schloß‘ am See an, übermütig sieht’s nicht aus, aber ich glaube, dass es nach mir aussieht.“


Scherzhaft nannte Max Liebermann seine Sommervilla »Klein-Versailles«. Liebermann repräsentierte eine Position, mit der sich ein Bürgertum identifizierte, das sich dem Bildungshumanismus des 19. Jahrhunderts verpflichtet fühlte und liberal gesinnt war. »In Liebermann bewundere ich Berlin«, schrieb Thomas Mann, der den toleranten Geist der Stadt von keinem anderen besser repräsentiert fühlte. Und: »Ich finde es königlich, daß er den geweckt schnoddrigen Berliner Jargon spricht, frank und unverfälscht, und wenn ich bei ihm bin, in seinem Haus am Pariser Platz, fühle ich mich im Brenn- und Sammelpunkt erheiternder und mächtiger Charakterköpfe, an repräsentativ symbolischem Ort, in der Residenz des genius loci: eine Empfindung, zu der das Fluidum von Freiheit, Kühnheit, Größe, Souveränität nicht wenig beiträgt, das die rassig-feine und ritterliche, im strengsten Sinne liebenswürdige Person des Hausherrn umwittert.« Auch in Wannsee fanden diese Kreise zueinander. Das passende Naturkorrelat zum Künstlersubjekt Liebermann war zu dieser Zeit längst sein Garten am Wannsee. In den Jahren des Krieges, in denen er nicht mehr verreisen konnte, fand er dort seine wichtigsten Motive und investierte den Großteil seiner verbleibenden Arbeitskraft in den Wannseegarten. Die Colonie Alsen an den Ufern des Großen Wannsees war mehr als nur das sommerliche Zentrum des Berliner Geistes- und Kulturlebens. Hier lebten viele der bedeutendsten Mäzene, die Kunstsammlerin Margarete Oppenheim, Eduard Arnhold, Robert und Franz von Mendelsohn, die ihre van Goghs und Manets zum großen Teil ebenso der Nationalgalerie vermachten wie die Bankiersfamilie von der Heydt. Hier lebten die Verleger Ferdinand Springer und Gustav Langenscheidt und der gefeierte Operateur Sauerbruch, und hier ging auch Albert Einstein als Freund vieler Familien ein und aus.



Zum letzten offiziellen Höhepunkt im Leben Max Liebermanns geriet die Feier zu seinem 85. Geburtstag. Im Sommer 1932 fand am Wannsee ein großes Fest statt, in dessen Verlauf dem Maler die Ehrenbürgerschaft der Stadt Berlin verliehen wurde. Doch nur ein halbes Jahr später marschierten schon die braunen Horden unter den Fenstern von Liebermanns Stadtwohnung durchs Brandenburger Tor. „Ick kann jar nich so viel fressen, wie ick kotzen möchte!“ flucht Liebermann beim Betrachten des Fackelzugs zu Adolf Hitlers Machtübernahme am 30. Januar 1933. Als schließlich auch die Bücher brannten, trat Liebermann aus der Akademie der Künste aus und verriet der jüdischen Central-Vereins-Zeitung seine Motive: „Ich habe während meines langen Lebens mit allen meinen Kräften der deutschen Kunst zu dienen gesucht. Nach meiner Überzeugung hat Kunst weder mit Politik noch mit Abstammung zu tun, ich kann daher der Preußischen Akademie der Künste, deren ordentliches Mitglied ich seit mehr als 30 Jahren und deren Präsident ich zwölf Jahre gewesen bin, nicht länger angehören, da dieser mein Standpunkt keine Geltung mehr hat.“ Liebermann, Berliner Ehrenbürger und Präsident der Preußischen Akademie der Künste, legte am Tag nach der Bücherverbrennung im Mai 1933 alle öffentlichen Ämter nieder.


Am 8. Februar 1935 starb Max Liebermann, 87-jährig, eines natürlichen Todes. Vorher war er schon zwei Jahre lang totgeschwiegen worden. Ihm, der immer ein offenes Haus für Freunde und Gäste gepflegt hatte, wurde auf dem jüdischen Friedhof in der Schönhauser Allee nur von wenigen Getreuen das letzte Geleit gegeben. Am 20. Januar 1942 fand in der Nachbarschaft seines Gartens die Wannseekonferenz statt, um die Auslöschung der Juden bis ins kleinste Detail zu regeln. Sein Haus am Großen Wannsee sowie sein Stadthaus am Brandenburger Tor wurden der Familie durch »Arisierung« geraubt. Einigen Angehörigen der großen Liebermann-Familie war es gelungen, ins Ausland zu flüchten, andere endeten in den Vernichtungslagern der Nazis. 1943 sollte auch Liebermanns 86-jährige Frau Martha nach Theresienstadt deportiert werden. Bevor es dazu kam, nahm sie sich das Leben. Liebermanns Ehefrau Martha vergiftete sich am 10. März 1943, unmittelbar vor der Deportation. Aus ihrem im Museum ausgestellten letzten Brief spricht ihre fatale Verzweiflung.





»Das Höchste, wozu es der Mensch bringen kann, ist: sich zur Freiheit durchzukämpfen, seiner Intuition folgen zu dürfen. Die Freiheit wird einem nicht geschenkt, sondern sie muss erobert werden, und dieser Kampf heißt das Leben.« Max Liebermann, 1931
Quellen
Luise Berlin
Rückzug ins Refugium
Paradies am Wannsee
Wikipedia Colonie Alsen
Wikipedia Max Liebermann
Max Liebermann-Gesellschaft
Projekt Gutenberg Max Liebermann
Baugeschichte der Liebermann-Villa
06. Juni 2015
Hab gerade aus dem Fenster geguckt, zur Domkuppel. Und was sehe ich da… – entgegen allen Erwartungen und Berechnungen, die Spitze vom Rohgerüst der Kuppel, der Rotunde vom Schloss. Wie oft hab ich ihn die Richtung geguckt und hin- und herüberlegt, ob ich einen Blick davon erhaschen kann, eines Tages. Und nun ist sie wirklich ein bißchen zu sehen, zwischen einer der Kleinen und der ganz großen Domkuppel, seh ich das Häubchen. Mal schauen was noch ganz oben drauf kommt. Hier in der Webcam, sieht man, wie weit es schon ist. Spannend. Am Wochenende 12. bis 14. Juni ist Richtfest an der Baustelle, da schaue ich vielleicht hin.
06. Juni 2015
Oh. Winnetou ist tot. In den Armen seiner Frau eingeschlafen. Heute. Wie jung er doch mit 86 Jahren noch gewirkt hat. Ich war schon sehr als Kind in ihn verliebt. In Old Shatterhand nie, der war natürlich sympathisch und alles, aber mehr so wie ein Onkel. Aber bei Winnetou sind meine kleinen Kinderknie weich geworden. Pierre Brice hat sich ja auch später noch sehr für die Indianer eingesetzt, nicht nur in der wichtigsten Rolle seines Lebens. In den ewigen Jagdgründen wird er einen ganz besonders schönen Platz bekommen, da bin ich mir ganz sicher. Farewell, liebster Winnetou.


Do not stand at my grave and weep
I am not there
I do not sleep
I am a thousand winds that blow
I am the diamond glints on snow
I am the sunlight on ripened grain
I am the gentle autumn rain
When you awaken in the morning’s hush
I am the swift uplifting rush
Of quiet birds in circled flight
I am the soft stars that shine at night
Do not stand at my grave and cry
I am not there
I did not die
Mary Elizabeth Frye















































