10. Juli 2022

Lorenzkirche. Der U-Bahnhof. Das erwähnte Zitat der Rosette über dem Hauptportal der Westfassade – sehr gelungen. Ich betrachte den U-Bahnhof nun mit dem Wissen um viele andere U-Bahnhöfe, vor allem in Berlin natürlich, aber auch in Paris oder London. Ende der Siebziger Jahre gebaut. Mir dämmert, dass die Fahrt mit der U-Bahn vom Nürnberger Hauptbahnhof die eine Station zur Lorenzkirche in meinen Träumen noch heute eine Rolle spielt. Es gibt wiederholte Sequenzen, vor allem die lange Rolltreppe am Hauptbahnhof hinunter in den U-Bahn-Bauch. So lange Rolltreppen kenne ich nur aus Paris. In meinen Träumen bin ich in Eile, um einen Zug zu erwischen, der Zug fährt immer Richtung Prag, es ist viel Umsteigen, Hektik um verlorenes Gepäck, vergessene Fahrkarten, die, warum auch immer, nicht rechtzeitig gekauft wurden. Als ich nach langer langer Zeit wieder diese Rolltreppe nach unten fuhr, erkannte ich diese Szenen, was für ein Déjà vu. Zumal mich diese Bahnhöfe bald vier Jahrzehnte nicht tangieren. Das verrückte, geheimnisvolle Unterbewusstsein.

09. Juli 2022

Ich hatte Abkühlung, Inspiration und Stärkung gefunden, als ich die Lorenzkirche durch den kleinen seitlichen Eingang wieder verließ. Meine letzte Aufnahme in der Kirche war der Tauftisch, der mir sehr gefiel und möglicherweise vom gleichen Bildhauer stammt, wie die neueren Bronzetüren. Ich wechselte noch ein paar Worte mit einer Ordensschwester im Habit, sie machte in der Kirche den Besucherdienst. In der Mitte des Kirchenschiffes, weit vor dem Altar, hängen ungefähr drei rote Stoffbahnen wie Schals von der Decke, unterschiedlich lang. Ich wollte wissen, ob das dauerhaft da hängt und welche Bedeutung es hat. Sie erklärte mir, dass diese Stoffbahnen das Feuer des Heiligen Geistes symbolisieren und immer zu Ostern angebracht werden. Wie lange sie dort hängen, weiß ich nicht, aber zur Adventszeit kommt ein Adventskranz an dieselbe Stelle.

Ich trat auf den Lorenzer Platz und ging links in die Königstraße, in meiner Tasche hatte ich eine aus Berlin mitgebrachte Schneeballhortensienblüte, mit kleiner Wasserversorgung aus Plastiktütchen um den Stengel. Ein Mitbringsel für meine Mama, die an diesem Tag Geburtstag hatte, mein nächster Weg war der Nürnberger Hauptbahnhof, von wo ich zu ihr fuhr. Man geht einfach die Königstraße entlang, sieht schon von weitem einen großen runden, dicken Turm, den Frauentorturm und daneben den Eingang zum Handwerkerhof, geht durch und verlässt damit die Altstadt durch das Frauentor, und schon steht man vor dem Bahnhof. Man könnte auch linksrum, um den Turm, aber durch den Handwerkerhof ist es der schönere und auch kürzere Weg. Diesen Weg bin ich sehr, sehr oft gegangen. Bestimmt siebenhundert mal.

09. Juli 2022

Liebe Gemeinde. Am vergangenen Montag widmete ich mich bereits mit einem Eintrag dem altehrwürdigen Netzgewölbe der Basilika Sankt Lorenz. Zu meiner allergrößten Freude meldete sich daraufhin einer der Restauratoren höchstpersönlich zu Wort, nämlich der bildende Künstler und ausgebildete Restaurator Sebastian Rogler, der mir seit mindestens siebzehn Jahren ein treuer Freund unter den mir bekannten Bloggern geworden ist. Im Jahre 2009 stand er mit Hilfe eines eingezogenen Arbeitsbodens unter der Decke und verrichtete Restaurierungsarbeiten am Netz. Er verlinkte sogar ein Video von der Fahrstuhlfahrt nach oben zu seinem Arbeitsplatz unter der Decke.

Da ich das Gewölbe ausnehmend schön finde und den Gedanken, dass da ein lebender Mensch daran arbeiten darf, absolut elektrisierend, muss ich das noch einmal würdigen. Es schafft eine lebendige Verbindung zu den Baukünstlern und Stukkateuren der Vergangenheit, bis zurück in die Spätgotik.

Ich finde das ganz und gar aufregend. Die Lorenzkirche wurde im zweiten Weltkrieg so sehr zerstört, dass seither durch Restauratoren grundlegende Aufbauarbeiten verrichtet werden mussten und weiterhin werden. In der Kirche sind immer einige Bereiche wegen dieser Arbeiten abgehängt, und die Zerstörung liegt nun siebenundsiebzig Jahre zurück. Ich ziehe meinen Hut vor dieser Leistung, die künstlerisch aufwändigsten Details der Renaissance wieder herzustellen.

Hinzu kommt, dass es zeigt, dass es in unserer Welt immer noch Menschen gibt, die altes Kunsthandwerk am Leben halten und es eigentlich auch möglich wäre, bei neuen Bauwerken künstlerisch hochwertig und komplex zu arbeiten. Wonach wir uns eigentlich alle sehnen. In Verbindung mit neuesten Technologien könnte einiges sogar leichter als früher bewerkstelligt werden. Ich fordere alle Architekten auf, eine neue Ära einzuläuten, die aufwändigen Gestaltungselementen wieder einen angemessenen Raum gibt.

09. Juli 2022

In meinem sakralen Feuilleton-Blog ist auch Platz für den Engelsgruß, die „Angelic Salutation“ von Veit Stoß. Ein ausgenommen hübscher Name für einen Bildhauer, wie ich finde. 1517 bis 1518 hat der damals schon betagte Holzschnitzer die beiden Figuren, den Erzengel Gabriel und die künftige Mutter Maria aus Lindenholz gezaubert. Sie hängen hoch oben im Chor der Lorenzkirche. Schätzungsweise sind die Figuren mit dem umgebenden ovalen Rosenkranz zweieinhalb bis drei Meter groß. Einmal sind sie wohl schon abgestürzt und seither mit einer schweren Kette verankert. Im zweiten Weltkrieg wurden sie zum Schutz vor Bombenangriffen heruntergelassen und versteckt eingebunkert und haben auch diesen Krieg unbeschadet überstanden. Die Lorenzkirche wurde vielfach schlimm getroffen.

Der Engel verkündet Maria gerade, dass sie mit dem kleinen Erlöser schwanger ist, woraufhin ihr vor Schreck das Gesangbuch oder was sie da auch immer hält, aus der Hand rutscht. Also kein Wunschkind womöglich! Sie hat sich dann ja arrangiert, sonst gäbe es nicht so viele Abbildungen der Mutter Maria mit ihrem Söhnchen, auf denen es den Anschein hat, dass sie sich ordentlich um den Säugling sorgt und kümmert. Das Täubchen über ihrem Kopf gefällt mir ausnehmend gut. Vom Typ erinnert sie mich an die bezaubernde Braut von meinem Neffen, was mir wohl gerade deshalb auffällt, weil ich seit einigen Tagen dreihundert Bilder von der Hochzeit editiere. Ich bin noch nicht so weit, dass ich sage: „Ich kann kein Brautkleid mehr sehen!“ – weil es war schon arg schön…!

09. Juli 2022

Der Kirchgang ist noch nicht beendet! Ab sofort biete ich meine seelsorgerischen Dienste jeden Donnerstag von 17 – 18 Uhr hinter dieser schmucken Tür von St. Lorenz an. Gerne finden Sie sich zeitig ein und warten im Gestühl auf mich. Wer es zeitlich nicht einzurichten vermag, kann sich auch hier aussprechen, ich habe immer ein offenes Ohr. Das bleibt alles hinter dieser Tür. Es handelt sich um keinen Beichtstuhl, die Lorenzkirche ist ja evangelisch-lutherisch. Ein schlechtes Gewissen ist also nicht von Nöten. Manchmal möchte man nur seine Sorgen mit jemandem teilen. Dafür bin ich gerne da! Ich habe ja auch schon so manches erleben dürfen, nichts Menschliches ist mir fremd. Liebeskummer, Eifersucht, Mordgelüste. Die Kommentare sind jetzt freigeschaltet!

08. Juli 2022

Schönes Hütchen, der Zauberhut von St. Lorenz. Ich habe kein einziges Foto von der ganzen Basilika gemacht, vielleicht weil ich die Silhouette in mir gespeichert habe, aber die Details bislang nie so genau betrachete. Die Rosette über dem Portal ist schon auch spektakulär, habe ich auch nicht fotografiert. Sie wird sogar im U-Bahnhof Lorenzkirche an den Wänden mit großen Metallreliefs zitiert. Es gibt längst unzählbare Fotos im Internet davon. Man kann auch nicht jeden Winkel der Welt noch einmal selbst fotografieren, da käme man zu gar nichts mehr. Ein Anspruch auf Vollständigkeit wäre irrsinnig und unrealistisch. Abgesehen davon, gefällt mir auch nicht jedes Detail in und an Kirchen. Beim Stephansdom in Wien zum Beispiel mag ich das Dach mit dem Zickzackmuster sehr, aber so gar nicht das stilistische Kraut- und Rüben-Sammelsurium der verschiedenen Bauabschnitte. Oder der Berliner Hohenzollern-Dom: gefällt mir von innen überhaupt nicht, überladene Dekoration, aber die große, runde türkise Kuppel und die kleineren Kuppeln mit den musizierenden Figuren dazwischen habe ich fest ins Herz geschlossen. Und den Kuppelrundgang!

07. Juli 2022

Das ist der linke Durchgangsflügel des Hauptportals der Lorenzkirche. Die Mädchen auf dem Foto in meinem vorigen Eintrag hatten sich vor dem rechten Durchgangsflügel des Portals niedergelassen. Ich gehe davon aus, dass das offenbar werktags geschlossene Hauptportal der Westfassade mit den prächtigen Löwen-Türklopfern zu Gottesdiensten und Konzerten geöffnet wird.

06. Juli 2022

An einem heißen Tag wie diesem sitzt es sich auch schön im Schatten auf den Stufen vor dem Löwenportal der Lorenzkirche. Mittags, wenn die Schule aus ist, kann man sich mit den Freundinnen hinsetzen und wichtige Sachen beprechen, bevor man heim muss. Man wird bestimmt nie weggejagt, weil das schöne eiserne Hauptportal mit den Löwenköpfen meistens geschlossen ist, der Besucher-Eingang ist rechts um die Ecke, auf der Seite. Andere, ebenso renommierte Kirchen in Nürnberg haben nie diese Anziehung für junge Menschen gehabt. Es liegt ganz sicher auch an dem belebten, zentralen Ort, wo so viele Menschen die Königstraße entlang des Wegs gehen, und man einen weiten Blick über den Lorenzer Platz hat, zur Karolinenstraße, im Rücken immer das vertraute, schützende Portal der uralten Kathedrale.

05. Juli 2022

Und das, meine Damen und Herren, ist der Brunnen vor der Lorenzkirche, an dem sich vor vierzig Jahren die Jugend so gerne traf. Er heißt Tugendbrunnen und ist den sieben mittelalterlichen Tugenden gewidmet, nämlich: Gerechtigkeit (Kranich – Symbol der Wachsamkeit, verbundene Augen, Waage und Schwert), Glaube (Kreuz und Kelche), Liebe (zwei Kinder), Hoffnung (Anker) und Großmut (Löwe), Mäßigkeit (Krug und Schale) und Geduld (Lamm). Erbaut 1584 bis 1589 in der sinnenfrohen Zeit der Renaissance vom Nürnberger Erzgießer Benedikt Wurzelbauer.

Damals haben wir uns in keinster Weise mit den Brunnen-Figuren und ihrer Bedeutung aufgehalten, wir waren viel zu sehr mit den lebendigen Brunnenfiguren auf den Stufen beschäftigt. Es war ein buntes Völkchen, das auch gerne das eine oder andere Kraut dort geraucht hat. Damals war Punk und Gebatiktes in Mode. Man sah entweder schwarze, löchrige Klamotten, Nieten, Sicherheitsnadeln und Leder oder späten Hippiestyle, hennarote Haare, indische Stoffe, Jesuslatschen und selbstgefärbte Windeln in Pastellfarben um den Hals. Wenn das Wetter nicht mitspielte, zog man weiter zum „KOMM“, dem Hot Spot der rebellischen Nürnberger Jugend.

Im Hintergrund zu sehen: die Burg mit dem Sinwellturm, dem Wahrzeichen von Nürnberg. Wem die Silhouette bekannt vorkommt: es ist das Firmenlogo der Nürnberger Versicherung. Übrigens habe ich gerade den zweihundertsten Tag in Folge, ohne einen Tag Pause gebloggt, das System hat mir hierzu gerade gratuliert. Ich hoffe, diese beachtliche Leistung findet auch Anerkennung bei meiner Leserschaft!

04. Juli 2022

Hello Followers! Me last thursday inside the very instagrammable „Lorenzkirche“ in Nuremberg. I highly recommend to visit! Habe noch weitere siebenundzwanzig Aufnahmen des Sakralbaus, die ich noch nicht hochgeladen habe. Die Lorenzkirche war in meiner Jugend ein beliebter Treffpunkt, um sich dort zu verabreden, besonders der Brunnen davor. In die Kirche hinein ist man eigentlich nie gegangen. Sie liegt sehr zentral in der Königstraße und hat einen eigenen U-Bahnhof. Das ist schon eine Errungenschaft für eine Kirche, einen persönlichen U-Bahnhof zu bekommen. Ich gratuliere der Lorenzkirche hierzu recht herzlich! Diesmal war der U-Bahnhof für mich auch von Bedeutung, weil in der Nähe von meinem recht schicken Hotel. Auch instagrammable!

03. Juli 2022

Albrecht Dürer und ich. Ich glaube, da läuft irgendwas. Nein, nicht erotisch, aber er lief mir gestern immer wieder überraschend über den Weg, das kann doch kein Zufall sein. Nun wird jeder sagen, das ist lächerlich, da in Nürnberg an allen Ecken Reklame für Albrecht Dürer zu finden ist. Noch dazu bin ich gestern Vormittag keinesfalls zufällig im Albrecht Dürer-Haus gewesen, wo er bis zu seinem Tod gelebt hat.

Dennoch möchte ich folgende Situationen zu bedenken geben: ein Wohnhaus aus den Fünfziger Jahren fiel mir wegen seiner aparten Fassadengestaltung besonders ins Auge. Als ich jene bildschöne grafische Verzierung ablichtete und dabei etwas nach rechts ging, um den Winkel zu ändern, entdeckte ich eine Gedenktafel mit dem Hinweis, dass an jener Stelle das Wohnhaus des Goldschmieds Albrecht Dürer gestanden hatte, des Vaters von Albrecht Dürer dem Maler.

Dann setzte ich mich zur Überbrückung der Zeit bis mein Zug fuhr, auf eine Buswartebank gegenüber meines Hotels, das innen die schönsten Albrecht Dürer-Bilder an der Wand hat, was ich bisher auf eine Idee des Interior Designers zurückführte, der wusste, dass Nürnberg und Albrecht Dürer immer eine gute Kombi ist.

Als ich die Fassade des nach dem zweiten Weltkrieg gebauten Hotelgebäudes am Hauptmarkt 17, Ecke Waaggasse 7 auf mich wirken ließ, entdeckte ich rechts oberhalb vom seitlichen Eingang eine Gedenktafel, die Auskunft darüber gab, dass an genau dieser Stelle das Haus gestanden hatte, in dem Albrecht Dürer geboren wurde. Das kann doch kein Zufall sein. Ich fühle mich Albrecht Dürer jedenfalls inniglich freundschaftlich verbunden. In das Hotel würde ich sofort wieder gehen.

Gestern war nach dem Auschecken aus dem Hotelzimmer noch so viel Zeit bis mein Zug fuhr, dass ich eine gründliche Tour durch die Altstadt und die Burganlage machen konnte. War wunderschön.

Ich ärgerte mich ein bißchen, dass ich nie vorher in den Burggärten war, durch Besuche beim Bardentreffen war mir lediglich der Burggraben bekannt. Auch auf dem Sinwellturm war ich. Habe fast die ganze Altstadt dokumentiert, wann ich all das hochladen werde, wissen die Götter. Also: da kommt noch ganz ganz viel.

02. Juli 2022

Guten Morgen aus Nürnberg! Neffe prima unter die Haube gebracht, war sehr schön. Erst meine dritte Hochzeit. Ich war auf wesentlich mehr Beerdigungen. Ich fände es schön, wenn da ein bißchen aufgeholt würde. Nun muss ich packen für die Rückreise nach Berlin.

30. Juni 2022

Gruß aus Nürnberg! Als Eintrag für heute copypaste ich einen Auszug aus den Kommentaren unter meinem gestrigen Eintrag zu den beiden Mitbringseln. Die historische Altstadt von Nürnberg nie intensiver als heute wahrgenommen. Mehr Bilder davon folgen – nun schlafen, morgen Trauung.

„(…) Ich bin gerade auf meinem King Size Bett im Dachgeschoss vom Hotel Sorat Saxx, direkt gegenüber vom Standesamt am Nürnberger Hauptmarkt und kann immer noch nicht fassen, dass ich aus dem Fenster auf die goldenen Spitzen vom Schönen Brunnen schaue. Hab ich auch alles schon verewigt. Da lieg ich gerade drauf 🙂 Und die Schöne von Dürer guckt zu. Ein hypermodernes Hotelzimmer, wo man einige high-technische Zusammenhänge erst durchschauen muss, aber sonst große Klasse… pikant: die Holzplatte rechts von der Schönen ist eine Schiebetür, die den Blick auf die Badewanne freigibt, durch eine Scheibe kann man vom Bett ins Bad gucken…. wenn man möchte. Das Original von Dürers junger Venezianerin hängt im „Kunsthistorischen“ in Wien (wie der Wiener gerne abkürzt).“

29. Juni 2022

Immerhin schon mal Mitbringsel verpackt: ein Geburtstag, eine Hochzeit. Damit qualifiziere ich mich unwiderlegbar für den Nachhaltigkeitspreis in Sachen Verpackung. Geburtstagsgeschenk ist in (unbenutzter) großer Serviette, Hochzeitsgeschenk in sexy schwarzem Latex, vulgo Müllsack. Ich benutze keinen Tesafilm, sondern weiß die Sachen geschickt einzuschlagen und mache mit dem Geschenkband eine einfache Schleife, die alles zusammenhält, aber kein Aufschneiden und Gefummel erfordert, kann also auch wiederbenutzt werden. Ich habe einfach an alles gedacht! Der Müllsack ist natürlich jungfräulich und nicht aufgeschnitten, und kann für anfallenden Müll bei der Hochzeitsfeier genutzt werden. Bin zufrieden mit meinem Werk! Und nun werde ich mal langsam anfangen zu packen. Ich finde ein starkes Zeichen, wie uninteressant ich die diesjährige Bachelorette finde ist, dass ich die Sendung nicht mal zum Vorwand nutze, die Packerei weiteraufzuschieben. TV ist aus, ich hör Musik. Hab mich schon bei Tina entschuldigt. Die Bachie ist mir zu showgirl- und geschäftsmäßig, nicht feinstofflich genug, hab ich vorhin erläutert.

29. Juni 2022

Ich muss schon wieder packen, schon wieder keine Lust meine Siebensachen zusammenzusuchen. Mick Jagger wäre wegen dieser ständigen Packerei schon mal ein schwieriger Beruf für mich. Der heutige Stones Presale für die Waldbühne am 3. August hat nur noch Tickets von 500 – 850 Euro. Mal sehen, was sich morgen noch so bewegt. Es gibt schon auch Grenzen, was meine Investitionsbereitschaft angeht. Heute Mittag war ich leider nicht an meinem ideal konfigurierten Gerät, da gabs noch alle Varianten, aber ich wurde durch irgendeine Sicherheitseinstellung behindert. Es geht los bei 192 Euro, günstigere gibts in der vergleichsweisen kleinen Waldbühne nicht. Erfahrungsgemäß kommt nach einigen Tagen wieder Bewegung in die Ticketauswahl. Und wer hat es nicht schon selbst erlebt: vor Ort gibts dann Tickets, die andere überzählig haben. Also: ich gehe so oder so hin.

P.S. musste gerade lachen, obwohl es unanständig ist… im Stones Forum, wo die Konzerte, Örtlichkeiten und Ticket Sales der Sixty Tour diskutiert werden, warnt einer die anderen vor den vielen vielen vielen beschwerlichen Stufen in der Waldbühne und dass man ins Stolpern käme. Ist vielleicht doch ein Hinweis auf das höhere Alter des durchschnittlichen Stones Fans. Ich bin ja auch nicht mehr Zwanzig, aber lache gemein drüber. Ich muss mal in mich gehen… wahrscheinlich ein mittelschweres Petra Pan-Syndrom (dabei fällt mir fast täglich auf, dass ich bei der Treppe zum S-Bahnsteig Hackescher Markt früher grundsätzlich zwei Stufen auf einmal genommen habe. Wann hat das eigentlich aufgehört…)

27. Juni 2022

HOBBY II. HURRA. Schnipsel gratis Gay-Magazin und Tombola-Losnummer aus dem Schmutzigen Hobby, Kleber, Acryl, Schaumweinmanschette, Fragmente Horoskop Dez.-Vogue, Leinwand 30 x 40, 18. Jan. 2020, Staatl. Museen v. Gaganien

Wer sich nun fragt, was mich dazu treibt, aus einem gratis Gay-Magazin Bilder und Reklamebotschaften auszuschneiden und zu verarbeiten, dem kann ich antworten: weil mir die Bilder und Botschaften gefallen! Dazu muss ich kein schwuler Mann sein. Mich spricht eine bestimmte, gekonnte körperbetonte Ästhetik immer an, und die ist bei so einem Gay-Magazin ganz, ganz weit vorne. In der Hörzu oder im Spiegel fände ich nicht so ansprechendes Bildmaterial. Also wie dieser Mann da vor der Sonne steht. Ganz wundervoll. Da die Gedanken frei sind, kann ich ihm beliebige Interessen zuphantasieren. Wer nun noch wissen möchte, wie ich zu dem Magazin gekommen bin: es lag stapelweise gratis im Toilettenbereich vom Schmutzigen Hobby, dem Club, wo ich im November und Dezember 2019 immer fleißig mit Lydia zu den Viewing Parties zur TV-Show „Queen of Drags“ gepilgert bin. Ich hatte schon mal ein Werk gefertigt, wo ich ein ausgeschnittenes Foto aus dem Heft und Tombola-Lose verarbeitet hatte. Mit viel Pink und Orange. Hier. Titel: „Schmutziges Hobby“.

26. Juni 2022

GOTT V.. Abgetrennte Hutkrempe von blind in den Einkaufswagen gelegten (weil kein Spiegel vorhanden), unkleidsamen gestreiftem Aldi-Sonnenhut zu 4,99 €, Fragment Ausdruck Möbelstoffmuster Terence Ikat Peacock v. Schumacher, Spiegelscherben von Volkers glammy Tablett aus Liebenburg; Lower Saxonia, Acryl, Acrylstifte, Kleber, 3D-Leinwand 60 x 60 cm, 19., 20., 21., 22. und 23. Juni 2022, Staatliche Museen von Gaganien, Sammlung Fasanenstraße

25. Juni 2022

Zu später Stunde etwas Lokalkolorit für meine auswärtige Leserschaft. Gerade auf dem Weg zur U-Bahnhaltestelle Hermannstr., in eben jener, flanieren zwei junge, in eine philosophische Unterhaltung vertiefte Herren an mir vorbei, ich vermute eingeborene Neuköllner, ich höre den vielleicht wichtigsten Satz der gesamten Unterhaltung: „EY FUCK IT – es ist nicht alles nur Scheiße!“

24. Juni 2022

Annabelle, ach Annabelle…
du bist die Schönste
…im Balkon-Gestell…!

Kenner werden sie kennen. Annabelle ist natürlich meine bei mir sehr beliebte Schneeballhortensie, welche eben so heißt. Ältere Semester denken bei Annabelle aber auch ganz schnell an Reinhard Meys Annabelle. Als Kind hab ich das Lied öfter gehört, es lief im Radio! Ich erinnerte nur die Zeile „Du bist so herrlich intellektuell“. Beim Recherchieren nach dem vollständigen Text des Liedes klappte mir ganz unintellektuell die Kinnlade runter, weil das ist ja ganz, ganz, ganz viel Text! Und schmissig formuliert.

Reinhard Mey war schon auch immer ein bißchen frech. Heute wäre da ganz Vieles noch diskussionswürdiger als damals, schätze ich mal. Zum Beispiel die letzte Zeile: „Und zum Zeichen deiner Emanzipation beginnt bei dir der Bartwuchs schon“. Äh. Ja. Ich kann da drüber ehrlich gesagt trotzdem lachen. Meine Lieblingsstelle ist: „Annabelle, erhör‘ mein Fleh’n, lass uns zu einem Diskussionsabend geh’n!“ Je länger ich den Text sacken lasse, umso aktueller kommt er mir vor. Ist jetzt aber nur meine ganz persönliche, eventuell leicht hedonistisch geprägte Privatmeinung. Ansonsten widme ich den heutigen Eintrag natürlich Annabelle, aber auch Lydia, die der Meinung war, ich könnte meinen Nordbalkon mehr featuren. Et voilà: Balkon-Gestell!

Annabelle, ach Annabelle
Du bist so herrlich unkonventionell
Du bist so wunderbar negativ
Und so erfrischend destruktiv
Annabelle, ach Annabelle
Du bist so herrlich intellektuell
Ich bitte dich, komm sei so gut
Mach meine heile Welt kaputt!

Früher war ich ahnungslos wie ein Huhn
Doch sie erweitert mein Bewusstsein nun
Und diese Bewusstseinserweiterung
Ist für mich die schönste Erheiterung
Seit ich auf ihrem Bettvorleger schlief
Da bin ich ungeheuer progressiv
Ich übe den Fortschritt und das nicht faul
Nehme zwei Schritt auf einmal und fall‘ aufs Maul

Annabelle, ach Annabelle
Du bist so herrlich unkonventionell
Du bist so wunderbar negativ
Und so erfrischend destruktiv
Annabelle, ach Annabelle
Du bist so herrlich intellektuell
Ich bitte dich, komm sei so gut
Mach meine heile Welt kaputt!

Früher hab‘ ich oft ein eigenes Auto benutzt
Hab‘ mir zweimal täglich die Zähne geputzt
Hatte zwei bis drei Hosen und ein paar Mark in bar
Ich erröte, wenn ich denk‘ was für ein Spießer ich war
Seit ich Annabelle hab‘, sind die Schuhe unbesohlt
Meine Kleidung hab‘ ich nicht mehr von der Reinigung abgeholt
Und seit jenem Tag gehör‘ ich nicht mehr zur Norm
Denn ich trage jetzt die Nonkonformisten-Uniform

Annabelle, ach Annabelle
Du bist so herrlich unkonventionell
Du bist so wunderbar negativ
Und so erfrischend destruktiv
Annabelle, ach Annabelle
Du bist so herrlich intellektuell
Ich bitte dich, komm sei so gut
Mach meine heile Welt kaputt!

Früher, als ich noch ein Spießer war
Ging ich gern ins Kino, in Konzerte sogar
Doch mit diesem passiv-kulinarischen Genuss
Machte Annabelle kurzentschlossen Schluss
Wenn wir heut‘ ausgehn‘, dann geschieht das allein
Um gesellschaftspolitisch auf dem Laufenden zu sein
Heut‘ bitt‘ ich: „Annabelle, erhör‘ mein Fleh’n
Lass uns zu einem Diskussionsabend geh’n!

Annabelle, ach Annabelle
Du bist so herrlich unkonventionell
Du bist so wunderbar negativ
Und so erfrischend destruktiv
Annabelle, ach Annabelle
Du bist so herrlich intellektuell
Ich bitte dich, komm sei so gut
Mach meine heile Welt kaputt!

Früher hab‘ ich manchen Tag und manche Nacht
Auf dem Fußballplatz und in der Kneipe zugebracht
Mit Freunden geplaudert, meine Zeit verdöst
Doch dann hat Annabelle mich von dem Übel erlöst
Heut‘ sitz‘ ich vor ihr und hör‘ mit offenem Mund
Wenn sie für mich doziert, Theorien aufstellt und
Ich wünsche, diese Stunden würden nie vergeh’n
Ich könnt‘ ihr tagelang zuhör’n, ohne ein Wort zu versteh’n

Annabelle, ach Annabelle
Du bist so herrlich unkonventionell
Du bist so wunderbar negativ
Und so erfrischend destruktiv
Annabelle, ach Annabelle
Du bist so herrlich intellektuell
Ich bitte dich, komm sei so gut
Mach meine heile Welt kaputt!

Früher dachte ich korruptes Spießerschwein
Wer was schaffen will, der müsste fröhlich sein
Doch jetzt weiß ich, im Gegenteil
Im Pessimismus liegt das Heil!
Früher hab‘ ich nämlich gerne mal gelacht
Doch auch hier hat sie mich weitergebracht
Heut‘ weiß ich, die Lacherei war reaktionär
Infolgedessen denk‘ ich nach und schreite ernst einher

Annabelle, ach Annabelle
Du bist so herrlich intellektuell
Zerstör‘ mir meine rosa Brille
Und meine Gartenzwergidylle!
Annabelle, ach Annabelle
Du bist so herrlich intellektuell
Ich bitte dich, komm sei so gut
Mach‘ meine heile Welt kaputt!

Früher saß ich gerne tagelang
Vorm Fernsehapparat und aß und trank
Und war ein zufriedener Konsument
Doch im höchsten Grade dekadent
Dann hat Annabelle mich vor nicht langer Zeit
Vom Konsumterror befreit
Nur noch geist’ge Werte sind’s, die ich begehr‘
Und von nun an bleibt der Kühlschrank leer!

Annabelle, ach Annabelle
Du bist so herrlich unkonventionell
Du bist so wunderbar negativ
Und so erfrischend destruktiv
Annabelle, ach Annabelle
Du bist so herrlich intellektuell
Ich bitte dich, komm sei so gut
Mach meine heile Welt kaputt!

Früher war ich, wie das alles zeigt
Einem billigen Vergnügen niemals abgeneigt
Doch ab heute wird nicht mehr genossen
Dafür diskutier’n wir beide unverdrossen
Wenn ich zu Ihren Füßen lieg‘
Dann üb‘ ich an mir selbst Kritik
Und zum Zeichen ihrer Sympathie
Nennt sie mich „Süßer Auswuchs kranker Bourgeoisie“

Annabelle, ach Annabelle
Du bist so herrlich unkonventionell
Du bist so herrlich emanzipiert
Und hast mich wie ein Meerschweinchen dressiert
Annabelle, ach Annabelle
Du bist so herrlich intellektuell
Und zum Zeichen deiner Emanzipation
Beginnt bei dir der Bartwuchs schon

Reinhard Mey, 1972

22. Juni 2022

Rechtschaffen müde, aber nicht vom Bachelorette-Gucken. Gerade Tina, die nachfragte, folgende Mitteilung geschickt:

„War bis jetzt in meiner Werkstatt, da ist es kühler und ich wollte an einem Bild arbeiten… die Bachie hat mich nicht angezogen…. wollte erst pünktlich zum Gucken heim, dann war das Herummalen schöner, dachte, wegen so einer trashigen Tante lass ich mein Bild nicht liegen, wo ich gerade im Flow war…. hab dort kein Internet, sonst hätt ich dir Bescheid gegeben… dachte mir, du weißt dich eh auch zu beschäftigen, ist ja nicht unser Lebensinhalt…“

20. Juni 2022

TANZ DER WIDDER. Malificent. Spiegelscherben von ausrangiertem, barocken glammy Volker-Spiegeltablett aus Liebenburg, Umschlaghochglanzkarton, Schattenfugenrahmen, Kleber, 15 x 25 cm, 11. Juni 2022, Staatliche Museen v. Gaganien

19. Juni 2022

NIKE MAGISTA. Nike x Olivier Rousteing Collection Air Footscape Magista QS15 v. 2015, Goldacryl, Gaganisches Blattgold, 15. Juni 2022, 10 x 31 cm, Königliche Turnschuhsammlung von Gaganien.

Ich hatte in der letzten Woche quasi die Ehre mit dem Chefdesigner des Hauses Balmain, Olivier Rousteing und Nike für dieses besondere Paar von Schuhen zu kooperieren. Olivier zeichnet für die Silhouette und die textilen Partien mit dem schönen eingewebten Muster verantwortlich, Nike hat die technische Umsetzung und Herstellung ermöglicht, meine Aufgabe war das Finish mit Blattgold im oberen Bereich des Modells.

Leider wissen bislang weder Olivier Rousteing noch Nike von der Existenz dieses High End-Exclusiv-Modells, das es sage und schreibe nur einmal gibt! Nämlich in Gaganien! Für die normalsterblichen Käufer und Turnschuhsammler wurde 2015 ein ähnliches Modell auf den Markt gebracht, hier zu sehen.

Ich hatte es neulich bei Ebay entdeckt, als ich für meine Turnschuh-Story mit dem schwarzweißen Modell recherchierte, das sich Mick Jagger und ich 2015 gleichzeitig gekauft hatten. Bei unserem Chat zur neuen Bachelorette-Staffel habe ich Tina erläutert, wieso ich nicht so viel wie sonst dabei chatten konnte, ich copypaste die entsprechenden Absätze:

„(…) Ich guck jetzt mal in Ruhe und melde mich im Extremfall Ich vergolde gerade nebenher Nikes mit Blattgold. (…) war mit meiner Anlegemilch beschäftigt. Ich finde „Anlegemilch“ klingt immer ein bißchen nach Stillen, oder? (so heißt das Medium, das man unter dem Blattgold aufträgt) Trocknet gerade noch durch, dann die Blattgoldblätter. Sieht auch aus wie Muttermilch! Riecht aber wohl anders, Muttermilch ist angeblich recht süßlich, die Anlegemilch riecht ein bißchen wie Knoblauch. (…) ich hab mir so seltene „Sneaker“, also Turnschuhe, bei ebay geschossen, die so ein faszinierendes Gold-auf-Schwarz-Gewebe haben, passen auch super, aber das Design hat von der Silhouette her Mängel, die ich erst beim Anziehen realisierte, will sie aber nicht nach England zurückschicken, jetzt gleiche ich die schwarzen Partien mit echtem Blattgold aus, damit die Silhouette nicht mehr wie komische Pantoffeln aussieht. Musste den Stoff aber erst mit Acryl grundieren, damit die Anlegemilch nicht komplett aufgesogen wird. Complicated! Aber bald ist das Werk vollendet. So ne Schuhe hat dann natürlich keiner, es gibt ja so bekloppte Sneaker-Sammler, denen fallen die Augen raus, wenn sie die Schuhe sehen… hihi“

19. Juni 2022

DEDICATED TO GLAM. transformiertes Spiegeltablett aus Liebenburg, in memoriam Frühstückstablett „Post“@Liebenburg, Goldacryl, Spiegelscherben, Schaumweinmanschette „Mousseux Rosé“ v. Weingut Carl Jung, Kleber, schwarze Papprückwand 24 x 36 cm, 07., 08. und 11. Juni 2022, Staatliche Museen v. Gaganien

Vor zwei Wochen zu Pfingsten saß ich bei Volker-Glam in seiner Küche in Liebenburg und wir sprachen über die von ihm geplante Bewirtung der Gäste und er präsentierte mir seine Servierplatten und Tabletts, darunter ein angeschlagenes Exemplar mit Spiegelplatte, welches er auf keinen Fall benutzen würde, da mit Sprung in der Ecke. Er hatte noch ein zweites, heiles, und legte mir das angeknackste vor die Nase mit der Ansage: „Das kannst du weiterverarbeiten!“

Er hatte also aufmerksam meine Zutaten einiger Werke zur Kenntnis genommen, immer wieder tauchen Scherben von Spiegeln auf. Dem Auftrag Folge leistend, habe ich das kleine Tablett mit rüber in die Post genommen, mir zunächst Erdbeeren und Kaffee zum Frühstück darauf serviert, dabei geschickt den Sprung mit den Erdbeeren bedeckt, und es hernach in meine Reisetasche gesteckt. Da ich ja „verabeiten“ sollte, konnte ich es nicht einfach so belassen.

Ich schraubte die Rückwandpappe ab, nahm den gebrochenen Spiegel raus und haute mit dem Hammer drauf. Nur zwei Teile zum Weiterverarbeiten wäre mir entschieden zu wenig gewesen. Dann nahm ich die Säge und sägte einen der beiden Griffe ab. Schnell Acrylgold drüber, um das abgesägte Elend zu überdecken, dann weiter Goldacryl auf die von Hause aus schwarze Rückwandpappe gekleckert, die Farbflasche war sowieso gerade auf. Unter den Splittern waren ein paar passende Exemplare, um ein paar aparte Akzente zu setzen und die Bestandteile wieder zusammenzuführen.

In das Griffloch des nicht abgesägten Griffs klebte ich ein Stück vom Wappen der von Glam bevorzugten Schaumweinsorte vom Weingut Carl Jung, das sich auf alkoholfreie Weine und Schaumweine spezialisiert hat. Auf den Kopf gestellt zufällig ein barockes L, wie der Familienname des Gutsherrn von Liebenburg. Also L wie Ludewig aber auch wie Liebenburg. It’s a match! Fertig war das Prunkstück, Auftrag ausgeführt! Die übrigen Spiegelsplitter hab ich zum Teil auch schon weiterverarbeitet, kommt alles noch.

19. Juni 2022

CAFÉ CENTRAL. Pouring XV., Siliconöl, Goldacryl, Lackmarker, Pouring Medium, Leinwand, Schattenfuge, Blattgold, 33 x 33 cm, 05., 06., 08. September 2019, Staatliche Museen von Gaganien.

An diesem heißen Juni-Sonntag lade ich zu einem Eiskaffee oder wahlweise zu einer Eisschokolade ins Café Central. Natürlich das Original in Wien! Vor acht Jahren habe ich ein paar Fotos gemacht und einen ausgiebigen Eintrag über das Café Central in Wien geschrieben. So eine Betitelung eines Bildes ist eine intuitive Angelegenheit. Man spürt, wie es heißt und welcher Name passt. Das Gold und die sahnigen Eiskaffeeperlen haben mich ans Café Central erinnnert. Nicht ans Griensteidl und nicht ans Hawelka,, auch nicht ans Schwarzenberg oder ans Jelinek, ausschließlich ans Café Central im Palais Ferstel. Daher! Ich wünsche einen angenehm temperierten Platz und ein schönes laues Lüftchen.

18. Juni 2022

Letzte Minuten in Goslar: vorbei an der Klubgartenstraße 12, Fachwerkvilla mit grüner Hecke und Vorgarten, drinnen die Beratungsstelle des Landkreises Goslar für Eltern, Kinder und Jugendliche. Noch ein Blick auf die orangeblaue, ca. drei Meter breite Wandbemalung von 2022 am Eingang einer Unterführung, vermutlich ein Durchgang unterirdisch unter den Bahngleisen hindurch.

Wer sich fragt, wieso ich in der guten Stunde nicht die einmalige Gelegenheit ergriffen habe, mir ein bißchen mehr von der Goslarer Weltkulturerbe-Altstadt anzuschauen: ich hatte ja die ganze Zeit bei meinem kleinen Rundgang um den Bahnhofsvorplatz meine schwere große und eine kleinere Reisetasche dabei, daher konnte ich keine größeren Sprünge machen. Ich hatte ein Supersparticket, das nur für einen bestimmten Zug zu einer bestimmten Uhrzeit gültig war, wenn ich erst ausgekundschaftet hätte, wo ich ein Schließfach für mein Gepäck finde, um dann in die Altstadt zu spazieren, hätte das wahrscheinlich alleine schon genauso lang gedauert wie meine wissenschaftliche Erkundung der Klubgartenstraße und der Zug wäre ohne mich abgefahren.

Ich empfinde aber wohl auch deshalb kein niemals nicht wiedergutzumachendes Versäumnis, weil ich ab frühester Jugend schon so manches legendäre Fachwerk-Altstädtchen sehen durfte, als da wären Bamberg, Dinkelsbühl, Rothenburg und viele, viele, viele Male die Altstadt von Nürnberg. Übrigens hat die Spandauer Altstadt, besonders der Teil Kolk auch Fachwerkgässchen. Der Potsdamer Cecilienhof ist gar ein Fachwerkschloss. Der Bühnenturm des Theater des Westens ist in Fachwerkkonstruktion im oberen Bereich gebaut. In Pankow gibt es die Majakowski-Villa, reinstes Fachwerk, dann das kuriose Fachwerk-Überbleibsel-Haus vom Restaurant Paris-Moskau zwischen Bellevue und Hauptbahnhof. In Schöneberg gibt es ein Seniorenheim für Demenzpatienten in einer Fachwerkvilla.

Überhaupt lustig: wenn man googelt „Fachwerkhaus Berlin“: annähernd Null Suchergebnisse, googelt man hingegen „Fachwerkvilla Berlin“: schöne Ergebnisse. Auch mit Kaufangeboten, z. B. in Nikolassee. Und: ich hatte mal eine Fernbeziehung, einen Lover, der in Süddeutschland auch in einem puppigen Fachwerkhaus lebte. So viel zu meiner persönlichen Fachwerkbiographie. Last but not least wohnt Herr Ludewig in Liebenburg auf einem Anwesen, das man als Fachwerkensemble bezeichnen muss. Und da war ich ja auch drin. Und natürlich die POST! Ich kenne Fachwerk also von innen und außen.

Zwanzig Minuten vor Abfahrt ging ich zum Bahnhof, ins Gebäude hinein, wo ich mir im Deutsche Bahn-Shop einen Kaffee holte. Eigentlich war auch Bockwurst im Reiseshop im Angebot, die war aber gerade alle. Sehr nette Verkäuferin. Ich bestätige, dass in dieser Region kein auffälliger Dialekt gesprochen wird, wir sind ja nicht weit von Braunschweig, von dem man sagt, dass dort das beste Hochdeutsch zu hören ist. Alles was mir so vom Volke zu Ohren kam, war einwandfrei zu verstehen und hätte im deutschen Fernsehen ohne Untertitel gesendet werden können.

Nächste Etappe: Bahnsteig 2, Zug Richtung Braunschweig. Auf die Bank gesetzt, Maiswaffeln, Apfel und Bifi von meinem kleinen Reiseproviant aufgegessen und in Martensteins „Die neuen Leiden des alten M.“ geschmökert, bis der Zug einfuhr. Im Zug von Goslar nach Braunschweig hatte ich einen angenehmen Fensterplatz und machte ein paar Bilder durchs Fenster.

Dort angekommen, wechselte ich zu meinem ICE nach Berlin, beim Runtergehen auf der Treppe zum anderen Bahnsteig fiel mir wieder das gelbschwarze Aida-Plakat vom Staatstheater Braunschweig ins Auge, wie schon bei der Hinfahrt, und ich überlegte, davor ein Selfie zu machen, was aber hauptsächlich den Grund hatte, dass Volker zum Staatstheater Braunschweig gehört. Ich war dann aber ein bißchen müde und nicht in Stimmung, mich da so auffällig davor zu stellen und zu fotografieren. Da guckt ja jeder direkt drauf, der die Treppe runtergeht. Also kein Aida-Plakat-Selfie. Volker kennt es allerhöchstwahrscheinlich auswendig.

Meine letzte Etappe war die Fahrt mit dem ICE von Braunschweig nach Berlin, die ich komplett im Speisewagen verbrachte, allerdings ohne Speisen, nur mit einem, wie bereits erwähnt, nicht sehr schmackhaften, alkoholfreien Bitburger Pils, dem Martenstein und Blicken aus dem Fenster. Viel blühender Raps. Eigentlich war die wirklich letzte Reiseetappe ja die Fahrt mit der S-Bahn vom Hauptbahnhof bis zum Hackeschen Markt, aber das fände ich jetzt doch etwas sehr prätentiös von einer Reiseetappe zu sprechen. Dann müsste man ja auch noch die Wanderung mit dem Gepäck vom S-Bahnhof die Rosenthaler Straße entlang, in die Gipsstraße bis zur August- Ecke Joachimstraße berücksichtigen. Also ich war am Pfingstmontagabend wieder daheim in Berlin. Eine gute Reise.

17. Juni 2022

Noch einmal Goslar, Bismarckstr. 1/Ecke Tappenstraße, auch in Bahnhofsnähe. Fiel mir auf – wie auch nicht. Ein Prachtgebäude, das zu recherchieren unfassbar langwierig war, weil es nicht auf googlemaps namentlich benannt wird. Der wunderschöne alte Kasten steht seit sieben Jahren leer. Dereinst war er legendär, nämlich das in Goslar berühmte Odeon-Theater. 1893 eröffnet als Bahnhofshotel „Schützenhof“, hinzu kam 1899 „Röttgers Kaisersaal“ mit Tanzveranstaltungen und ab 1922 Filmvorführungen, 1949 Umbau und festliche Eröffnung als Filmtheater Odeon, später auch Theaterbühne und Konzertsaal. Der Veranstaltungsbetrieb wurde aufgrund zunehmender baulicher und technischer Defekte 2015 eingestellt. Was für ein großer Verlust! Das gestern von mir präsentierte Hotel „Niedersächsischer Hof“ erwähnt auf seiner Seite zur Historie mit Stolz, dass insbesondere Künstlerinnen und Künstler, die Gastspiele im Odeon-Theater gaben, bevorzugt im gegenüber liegenden Niedersächsischen Hof logierten. Vor meinem inneren Auge entsteht ein kultureller, abendlicher Mittelpunkt der eleganten Gesellschaft, der dem Bahnhofsviertel besonderes Leben, Flair und Glanz verlieh. Muss man das Ende dieser Ära nicht bedauern?

Wikipedia weiß: „Am 22. Dezember 2015 wurde durch den Rat der Stadt aufgrund des nicht darstellbaren Finanzierungskonzeptes die endgültige Einstellung des Spielbetriebs beschlossen.“ Was hat man denn unter einem „nicht darstellbaren Finanzierungskonzept“ zu verstehen? Man fasst sich an den Kopf. Vielleicht geht in Goslar der ganze Denkmalschutz-Etat für die Instandhaltung der über 1500 Fachwerkhäuser drauf, die zum Weltkulturerbe erklärt wurden. Meine weiteren Recherchen haben ergeben, dass das Gebäude von einem Investor gekauft wurde, dessen Pläne sind, dort Mietwohnungen einzubauen. Eine erste Adresse. So eine Wohnung sei jedem gegönnt, aber wenn man alte Fotos von dem Filmtheatersaal sieht, blutet einem schon das Herz, dass man dort keinen schönen Film-, Theater- oder Konzertabend mehr verbringen kann. Die bestehenden Goslarer Theater scheinen allesamt in profaneren Bauwerken untergebracht zu sein. Merkwürdige Politik. Im Forum „Goslarer Geschichten“ werden Erinnerungen und Geschichten und historische Daten von Goslarern zusammengetragen, die ein gutes Bild der Geschichte des Odeon-Theaters ergeben. Ich habe mich besonders in die kleine Feuertreppe, links vom 1100-Jahre-Goslar-Plakat verliebt.

16. Juni 2022

„Hotel Niedersächsischer Hof – Haus Pieper“, Klubgartenstraße 1 – 2, in Goslar am Bahnhof. Eröffnet an 17. April 1930, schönster Dampferstil. Interieur leider stilistisch überhaupt nicht beibehalten. Der Architekt Heinrich Ehelolf (1859-1940) wird auf der Seite des Hotels zur Geschichte des Hauses unerklärlicherweise nicht erwähnt. Der Geschichtsverein Goslar bezeichnet Ehelolf als wichtigsten Architekten der Stadt seiner Zeit und schreibt: „1930 zog Ehelolf sich aus dem Berufsleben zurück. Er kam damit der Ablehnung seiner individualistischen, „nicht-völkischen“ Architektur durch die Nationalsozialisten zuvor.“ Somit sein letztes Werk. Die Silhouette und das Relief der Schrift löst etwas in mir aus wie Fünfziger Jahre-Sonntag-Nachmittagsfilme mit Bernhard Wicki und Liselotte Pulver. Er gefällt mir, dieser unübersehbare, gemauerte Dampfer, den Hotelier Pieper in Auftrag gab. Nicht sein erstes Hotel, er hatte bereits das Hotel Achtermann, ebenso in der Nähe.

16. Juni 2022

Nach mehrwöchiger Pause unseres kleinen TV-Chats, begrüßen Tina und ich die neue Bachelorette und ihre männlichen Bewerber und werden sie mit gut gekühlten Getränken durch den Sommer begleiten. Gestern Abend, am Mittwoch, 15. Juni 2022, 20:15 Uhr gings los.

Tina
Ich habs eingeschaltet.

Gaga
Ich auch

Tina
Hu, du blinkst gar nicht aktiv.

Gaga
Rechner hat gerade Updates gemacht, aber ich hab den TV von Beginn an an. Lasse das Party-Gogo-Girl, das mal richtig „Bums in die Hütte bringen will“ auf mich wirken. Sympathiefaktor bislang eher nicht sehr hoch…. na ja, mal schauen. Hat so einen triumphierenden Zug mitunter, der mir unheimlich ist. Aber keine vorschnellen Urteile! Ich guck jetzt mal in Ruhe und melde mich im Extremfall Ich vergolde gerade nebenher Nikes mit Blattgold.

Tina
Was hatte sie am Anfang für ein Aua, weswegen sie abgemagert ist und alles? Na ja, wie dem auch sei. Sie sieht jedenfalls aus wie ein Topmodel. Eine leicht normalere Frau würde sich auch mal gut machen.

Gaga
Ich finde, sie ist bisher das ausgeprägteste „Show Girl“, schon von Berufs wegen… „Schauspielerin“, geübtes Anknipsen von Strahle-Lächeln für die Kamera. Sie hat kreisrunden Haarausfall und trägt Perücken, hat sich die Haare abrasiert. Bisher sahen 80 Prozent der Kandidaten aus wie die Herren, die ich bei tinder weggewischt habe. Äußerlich viel Bushido, er gerade speziell…

Tina
Ach, da waren auch genug Blondies.

Gaga
Frage mich, ob die Kandidaten doch beim Casting befragt werden, auf welchen Frauentyp sie vorwiegend stehen.

Tina
Sind schon objektiv schöne Männer. Auch so mancher Blondie.

Gaga
Es gab schon in jedem Cast ein, zwei mit türkischem oder arabischen Background, hier sind es aber doch mehr als früher, meine ich. Wobei die ja auch Deutschland mitrepräsentieren, schon klar. Inzwischen sind bei Werbeshootings people of color höher dotiert von der Gage als hellhäutige, weil es der Trend ist, aktuell.

Tina
Können ja am Ende mal durchzählen.

Gaga
Ist mir eigentlich auch schnuppe, fiel mir nur auf. Sobald ich einen sehe, der mein Typ ist, guck ich vorwiegend auf den.

Tina
Aber Migrationshintergrund läuft auch in der Literaturszene schon seit Jahren gut oder gar besser. Hatte gerade so einen Zeit Podcast mit Olga Grasnovja gehört.

Gaga
Ja, ist eine Mode und Vermarktungsaspekt, wird sich langfristig wieder ausgleichen. Jetzt sind die eben mal dran, hoffe bald ist es mal schnurz.

Tina
Schade, dass Behinderte und Rentner keine Rolle spielen. Nein, das war jetzt mal zynisch.

Gaga
Dir stünde ein osteuropäischerer Name auch gut zu Gesicht! Tina ist ja schon ok, nur der Nachname muss noch nachjustiert werden. Schuberova, Schublinsky…

Tina
„Ist wieder keiner aus dem Osten“ sagt meine Mutter. Ja, der Osten ist auch immer unterrepräsentiert, das stimmt schon.

Gaga
Woher will sie wissen, dass keiner aus dem Osten dabei ist? Abwarten und analysieren!

Tina
Steht doch immer die Stadt dazu.

Gaga
Ach so… hab nicht drauf geachtet…. war mit meiner Anlegemilch beschäftigt. Ich finde „Anlegemilch“ klingt immer ein bißchen nach Stillen, oder? (so heißt das Medium, das man unter dem Blattgold aufträgt) Trocknet gerade noch durch, dann die Blattgoldblätter. Daher konnte ich gerade chatten!

Tina
Ah. ja. Und klingt absolut so.

Gaga
Sieht auch aus wie Muttermilch! Riecht aber wohl anders, Muttermilch ist angeblich recht süßlich, die Anlegemilch riecht ein bißchen wie Knoblauch.

Tina
Ich wünsche mir, dass du dir einen lustigen Cocktail ausdenkst und ihn dann genau so nennst.

Gaga
ich hab mir so seltene „Sneaker“, also Turnschuhe, bei ebay geschossen, die so ein faszinierendes Gold-auf-Schwarz-Gewebe haben, passen auch super, aber das Design hat von der Silhouette her Mängel, die ich erst beim Anziehen realisierte, will sie aber nicht nach England zurückschicken, jetzt gleiche ich die schwarzen Partien mit echtem Blattgold aus, damit die Silhouette nicht mehr wie komische Pantoffeln aussieht. Musste den Stoff aber erst mit Acryl grundieren, damit die Anlegemilch nicht komplett aufgesogen wird. Complicated! Aber bald ist das Werk vollendet. So ne Schuhe hat dann natürlich keiner, es gibt ja so bekloppte Sneaker-Sammler, denen fallen die Augen raus, wenn sie die Schuhe sehen… hihi

Tina
Ah, hi hi hi

Gaga
Aber jetzt Bachie gucken!

Tina
Ja.

Gaga
Also die Kandidatin ist schon sehr von sich erotisiert, was der Sache natürlich zuträglich ist….

Tina
Manche haben auch wieder entfernte Ähnlichkeit mit Timo. Heul.

Gaga
(welcher speziell?) https://www.rtl.de/cms/bachelorette-2022-alle-kandidaten-diese-maenner-kaempfen-um-sharon-battiste-4975952.html

Tina
Keiner speziell. Einige mal ein bisschen. Augen. Seitenwinkel usw.

Gaga
Ah ja. Bessere Übersicht:
https://www.rtl.de/cms/sendungen/show/die-bachelorette/kandidaten.html Für mich ist leider kein Schnuffi dabei. Ich finde ihre Körpersprache, besonders das Gestikulieren, etwas geschäftsmäßig, modisch-aufgesetzt.

Tina
Nun ja, ist vielleicht ein neuer Akzent der Produzenten. Der letzte Bachelor war auch schon so ein Vollprofi.

Gaga
Ich guck jetzt mal, was die Twitterer über die neue Bachie schreiben und dann leg ich das Gold auf! Wenn ich was Amüsantes auf Twitter oder so finde, schick ich dirs!

Tina
Ja, ich freue mich schon. Auch über den eventuellen Blogging-Eintrag.

Gaga
Lustig bei den Twitter-Beiträgen: die reiten total auf den komisch hochgekrempelten Hochwasserhosen der Kandidaten rum, fiel mir tw. auch auf, habs aber nicht erwähnt…
https://twitter.com/hashtag/bachelorette?lang=de Gruß an deine Mutter, Danny Liedtke ist aus Sachsen-Anhalt:
https://twitter.com/champagnetoney/status/1537161267105959938 Also die Twitter-Leute sind schon lustig:
https://twitter.com/Glycosid/status/1537145963877384192
Guts Nächtle!

Tina
Ja, Schlaf du auch gut

Gaga
<3

15. Juni 2022

Klubgartenstraße 5 in Goslar, direkt am Bahnhof. Die Villa fiel mir als erstes auf, bei meinem kleinen Rundgang um den Bahnhofsplatz. Die beiden Taxifahrer strafften sich etwas, als sie sahen, dass ich meine Kamera herausholte. In dieser beschaulichen Villa möchte man gerne auf ein Tässchen Kaffee oder Tee geladen sein. Eventuell machbar, wenn man einen Termin mit der dort ansässigen Goslarer Wirtschaftsförderung vereinbart.

Pippi Langstrumpf könnte die Villa auch gefallen, so wie mir! In einer bestimmten Richtung kann man bewaldete Hügel sehen, wir sind im berühmten Harz. Genau genommen, im West-Harz. Dass ich überhaupt über Goslar gefahren bin, war der wiederholten Anmerkung von Volker geschuldet, dass Liebenburg in der Nähe von Goslar sei. Also war das für mich die anzupeilende Reiseroute.

Als wir zu Besuch bei Mutter Ludewig waren, wo ich eine ausgezeichnete Bulette aß, und sie mich nach meiner Anreise befragte, und ich von der halbstündigen Busfahrt berichtete, erfuhr ich, dass Salzgitter-Bad näher gewesen wäre, da gibt es auch einen Bahnhof, und der ruckelige Bus fährt von dort nur eine Viertelstunde nach Liebenburg. Aber ich war mal in Goslar, wenn auch nur am Bahnhof.

Ich weiß, dass es Weltkulturerbe ist, vor allem wegen der unversehrten Altstadt mit viel Fachwerk. Rund um den Bahnhofsplatz ist kaum Fachwerk, das hatte ich aber ja schon in Liebenburg und bei der Busfahrt ausgiebig gesehen. Volker dachte, Goslar hat man eher schon mal gehört als Salzgitter. Aber mir waren beide Ortsnamen gleich geläufig. Ich hatte ihn allerdings nicht gefragt, was die bequemste Anreise mit Zug und Bus wäre.

15. Juni 2022

Wir nehmen Abschied von Liebenburg und gehen noch einmal durch den Garten und winken der kleinen Windmühle zu und herzen den Gastgeber. Gesehen habe ich: die Poststraße mit der Bushaltestelle, die Pension zur Post und das Anwesen mit vielen Fachwerkhäuschen von Herrn Ludewig, auch von innen! Alte Freundinnen und Freunde des Hausherren durfte ich treffen und Speis und Trank genießen, dafür vielen herzlichen Dank! Nun hieß es wieder auf den Überlandbus warten, der sich Harz-Bus nennt und der ganz schöne Kurven fährt. Es geht auf und ab und um die Ecke und im Kreis und mir war ein bißchen schummrig dabei. Eine gute halbe Stunde dauert die Fahrt bis Goslar, von wo mein Zug nach Braunschweig fuhr. In Goslar hatte ich eine Stunde und zwanzig Minuten Wartezeit, die ich auf einer schattigen Bank draußen vor dem Bahnhof verbrachte. Es war ganz schön heiß geworden. Nach zwanzig Minuten hatte ich mich ein bißchen von der ruckeligen Busfahrt erholt und drehte zu Fuß eine Runde um den Bahnhofsplatz. Da habe ich ein paar schöne Bauwerke fotografiert. Der Bahnhofsplatz wird gerade umgebaut, ich habe keine Baustellenabsperrungen abgelichtet, wie die aussehen, kann sich jeder vorstellen. Aber drumherum ist es so schön historisch, wie man es sich als Reisende wünscht. Kommen auch noch Bilder. Ich finde es selbst amüsant, wie ich eine winzige Wochenendreise über Pfingsten zu einer Riesensache aufbausche. Das ist ein Trick. Ich halte Ausschau nach kleinen Sensationen, wo ich gehe und stehe, und da sind sie dann auch. In einem Fachwerkhaus in Liebenburg oder einer Villa in Bel Air. Man nimmt den pittoresken Blick und die Sehenswürdigkeiten immer mit, das ist in einem drin.

14. Juni 2022

„Grün, grün, grün sind alle meine (…) grün, grün, grün ist alles, was ich hab.“ Das Anwesen des Gutsherren, Volker Karl Freiherr Ludewig zu Liebenburg besticht durch seinen gepflegten Rasen, dichte, blühende Hecken und vielgestaltiges, praktisches als auch formschönes, gleichwohl modernes wie auch historisches Sitzmobiliar im Außenbereich des weitläufigen Parks. Sehr achtet der Gutsherr auf korrespondierende Details beim Interieur, auch in den Nebengelassen, wie einem kleinen Badezimmer in den Wirtschaftsräumen (für das sehr gut untergebrachte Gesinde). Es gibt seltene, historische Seifendosen zu bewundern, die auch noch in Benutzung sind. Der auf Reinlichkeit bedachte Freiherr sorgt persönlich dafür, dass die Lieblingsmarke der Damen, „Janine D.“ aus dem Hause 4711, stets vorrätig ist. Die weibliche Dienerschaft weiß es zu danken und umgarnt seine Herrschaft mit zartem Duft.

14. Juni 2022

RAPHAEL. Erzengel, W.T.F. Corona II., Leinen-Tuch, Grundierung, Zeitungsfragmente, Goldacryl, Spachtel, Karton, 43 x 63 cm, 14., 15., 16. März und 04. April 2020, Staatliche Museen von Gaganien

Der Erzengel Raphael ist der Schutzpatron der Kranken. In der christlichen Mythologie die heilende Hand Gottes. Als ich ihn im März 2020 durch dieses Bild wegen Corona anrief, hätte ich nicht gedacht, dass er so lange braucht. Ich schätze, er ist kein Berliner. Ich widme meine Raphael-Ikone Mick Jagger und meiner Mama und allen, die Gesundheit und Heilung erhoffen. Und dem Geburtstagskind Cosima. Ein Engel an der Seite ist immer schön.

13. Juni 2022

Gute Besserung, Mick! Ich trinke auf deine baldige Genesung. Wir wissen natürlich alle, dass Keith länger leben wird, weil er uns alle überleben wird, aber du musst bitte noch mithalten, zumal du ja sehr viel dafür tust. Keith hat erst vor drei Jahren mit dem Rauchen aufgehört und sieht richtig erholt aus. Wer hätte das 1971 gedacht! 1977 hast du Jerry erzählt, dass du angeblich manchmal Heroin rauchen würdest, aber wir beide wissen, dass du dich nur ein bißchen interessant machen wolltest, Rauchen war noch nie wirklich dein Ding. Von daher wird deine jungfräuliche Lunge das bißchen Covid wegstecken. Das erwarte ich einfach. Also: pfleg dich und dann geht’s weiter! Mel will doch weiter Insta-Fotos von deinen Spaziergängen machen. Wollen wir alle sehen! Gruß und Kuß! 💋

13. Juni 2022

Ich erkläre, wieso ich so unermüdlich Einträge über meine kleine Reise nach Liebenburg poste. Mir ist, als müsste ich dem Aufwand und der Hingabe des Gastgebers irgendwie gerecht werden. Ja, auch meinem eigenen Aufwand! Das kann ja nicht sein, dass man Wochen vorher plant und recherchiert und nach einer Unterkunft sucht und passenden Zugverbindungen und Pläne ausdruckt und Busverbindungen studiert und sich Gedanken über die Garderobe macht und dann kommt am Ende nur eine Fußnote raus, ein durchlaufender Posten in der timeline. Neben Erinnerungen, die im eigenen Kopf und Herz versteckt sind. Es muss etwas damit zu tun haben, dass Volker und ich einen beinah schon historischen Blogger-Hintergrund haben, wenn er auch eher Blogger im Ruhestand ist. Mir kommt es vor, als wären vor fünfzehn Jahren mit großer Hingabe Erlebnisaufsätze in Blogs verfasst worden, besonders wenn man sich untereinander traf. Nun war das zwar kein Bloggertreffen, aber ohne den Hintergrund wären wir uns kaum begegnet. Mir tut es leid um Fotos, die nur in einem Album herumliegen, ohne dass die Geschichten dazu erzählt werden, das ist mir immer noch ein Bedürfnis. Es bereichert mein Erlebnis. Vielleicht schreibe ich stellvertretend für all die Blogger, die früher bei Volkers Festen waren, die mir entgangen sind, da wir uns immer verfehlten, auch wenn man irgendwie voneinander wusste.

13. Juni 2022

Hallo, ich bin Nessi Ludewig! Ich wohne im Garten auf der Hollywoodschaukel und passe auf, dass die Pink- und Erdbeerquote eingehalten wird. Bitte immer pinke Blumen schenken und Erdbeeren bereithalten. Die Hollywoodschaukel ist der Thron vom derzeitigen Gutsherr zu Liebenburg, Herrn Ludewig.

13. Juni 2022

Intime Ausblicke! Der Fensterausguck mit Dächern und Grün ist, was ich rechts aus dem Fenster von der Post gesehen habe. Links davon ist das Fachwerkhaus mit den privaten Fenstern von Herrn Ludewig, er wohnt wirklich genau neben der Post, weswegen ich auch sehr froh war, dort ein Zimmerchen zu bekommen. Einmal bin ich müßig auf dem Doppelbett gelegen und habe ein bißchen gechillt und im Internet rumgeguckt und ein Schläfchen gemacht und nicht dauernd auf die Uhr geschaut, da höre ich in einem doch recht autoritären Tonfall durchs Fenster, wie man das so aus der Kindheit kennt: „ESSEN STEHT AUF DEM TISCH!“ Ich hatte mich mit Herrn Ludwig für 19:30 Uhr verabredet, also ich dachte, ich gehe dann mal rüber, und wir machen zusammen das Abendessen, da hatte er es schon ganz alleine gekocht und pünktlich auf den Tisch gebracht! Es war schon 19:35 Uhr als der Ruf kam. War mir etwas peinlich. Hab mich dann gesputet! Es gab Würstchengulasch und Kroketten, hab alles aufgegessen, hat mir gut geschmeckt! Mir hat ewig keiner was gekocht! Supernett!!!

12. Juni 2022

Wenn ich schon bei Anziehsachen bin, die Paillettenhose von Herrn Ludewig. Man fragt sich, warum die Hose so komisch hochgekrempelt ist. Auch ein Wermutstropfen für den Gastgeber, sicher hätte er lieber seine Leopardenslipper anstatt eines riesigen, orthopädischen Plastikstiefels damit kombiniert. Er hat sich den Vorderfuß beim Blumengießen gebrochen. Hände und Füße weg von Extremsportarten!

12. Juni 2022

Heute vor einer Woche begab es sich, dass ich postete: „Gruß aus der Post, habe die Küche geputzt und mache mich zurecht für die Party!“ Für die Leserinnern und Leser, die seither beschäftigt, wie ich mich zurecht gemacht habe, präsentiere ich nun Bildmaterial.

Ich hatte zum zweiten Mal ein cremeweißes Spitzenkleid an, bodenlang! Vor drei Jahren habe ich es mir zum Geburtstag gekauft. Leider sieht man auf den Bildern von letzter Woche nur das Oberteil, da es in der Post keinen großen Spiegel gab. Hier auf den alten Fotos sieht man es ganz.

Dazu habe ich meine uralten, und ebenfalls nur circa zwei- bis dreimal getragenen rosa Wildleder-Zehensandalen von Ralph Lauren angehabt, aufgepeppt mit einem weißen Spitzenschleifchen. Diesmal hab ich mir ein Stirnband angezogen, leider sieht man auf den Fotos nicht, dass die Lederstreifen auf einer Seite silbern glitzern. Ich dachte mir, das wäre ein angemessenes Outfit für ein Gartenfest. Im Etikett vom Kleid steht „Hallhuber Donna“. Gabs auch in Schwarz, in Cremeweiß hat es mir aber besser gestanden.

Als ich zur Gartenparty tapste, hatte ich schnell noch ein Gänseblümchen als Mitbringsel für das Geburtstagskind gepflückt. Kam gut an! Ein Geschenk sollte von Herzen kommen und nicht nach dem Geldbeutel bemessen sein.

Mein Highlight waren die Komplimente von Miriam, die selbst immer spitze aussieht, andere Komplimente habe ich leider nicht erhalten. Sie meinte sogar „Du siehst aus wie eine Braut!!!“ Hoffe, ich bin damit nicht irgendwie ins Fettnäpfchen getreten, war ja schließlich keine Hochzeit! Und der Gastgeber hat ja auch eine Schippe draufgelegt, mit seiner Paillettenhose. Also…!

12. Juni 2022




Fotoalbum Liebenburg: habe schon einige Bilder daraus gepostet und was erzählt, die anderen werden auch noch hier gepostet und mit exclusiven Insider-Berichten unterfüttert! Von Goslar um den Bahnhof rum habe ich auch Fotos und ein paar aus dem Zugfenster. Die poste ich extra. Ich pflege die gute alte Tradition der Reiseberichterstattung, das geht natürlich nicht hoppla-hopp mit einem einzigen Eintrag. Wer es langweilig findet, kann ja wegklicken!


10. Juni 2022

Liebreizende Liebenburger. Habe mit meiner Kamera geübt, während Herr Ludewig die Partyreste weggeräumt hat. Er hat das sehr gut und zügig gemacht, da er ein praktisch veranlagter Typ ist. Von den Bildern haben ja alle was, er auch! Ich habe lange keine Blümchen geknipst. Warum nur. Ja, alles hat man schon mal ähnlich gesehen, aber doch ist jede Blume einmalig und wird nie wieder genauso entstehen. Solche wundervollen Wesen. Wenn man so eine Blüte anschaut, ist das so ähnlich, wie wenn man psychedelische Drogen genommen hat, nur ohne Kater hinterher. Ich kann das beurteilen, weil ich vor vierzig Jahren sehr experimentierfreudig mit gewissen Substanzen war. Am meisten haben mich psychoaktive Sachen interessiert, vor allem LSD. Interessante Erfahrungen, die erstaunliche Wahrnehmungstüren aufstoßen können, wovon man erfahrungstechnisch immer noch profitieren kann, wenn der Trip vorbei ist. Aber es sollten gute Drogen sein, beste Qualität, nichts Dubioses. Darauf sollte man ja sowieso immer achten, auch bei alkoholischen Getränken. Ich bin da inzwischen recht virtuos und habe höchst selten einen Kater. Wenn mir jemand drittklassige Ware anbietet, lasse ich die Finger davon. Ich spreche jetzt von Alkohol, vor allem Wein und Schaumwein, da kenne ich mich sehr gut aus. Wenn es keine gute Qualität gibt, schwenke ich notfalls auf gutes Leitungswasser um. Das ist hierzulande geschmacklich und auch sonst risikofrei. Und Jever geht auch immer. Was rauchen selten, hätte aber mal wieder Lust. Dann aber verbietet sich Alkohol wieder. Verträgt sich nicht!

09. Juni 2022

In einem Liebenburger Fachwerkhaus versteckt sich eine Zauberwelt, von der man unzählige Bilder machen könnte, aber das gehört sich nicht. Es ist mir nicht oft passiert, dass ich mich in einer Wohnung, die nicht meine ist, so sehr daheim fühle. Die schönsten Wohnräume, die ich bisher betreten haben, waren von Frauen, nur wenige von Männern. Jan hat sehr virtuos und liebevoll gestaltete, ja eklektische Räume in Frohnau. Auch Alban. Volkers Refugium in der Lausitzer Straße war mir gleich vertraut, und so ist es auch mit diesem in Liebenburg. Die wenigen Details, die ich zeige, sind Zitate, die etwas erahnen lassen. Natürlich gibt es viele Bücherregale und Bilder an den Wänden, kleine Kommoden und Truhen und Tischchen, schönste Trouvaillen, bequeme, antiquarische Sessel aus den Fünfziger Jahren, sehr warmes, subtiles Licht, das von alten, gefältelten Lampenschirmen verströmt wird. Einen großen, gemütlichen Küchentisch, ein Schlafzimmer mit einer Wand wie in einem venezianischen Palazzo, so schön ist der Putz von Hundert Jahren abgetragen. Ein geliebtes Filmarchiv und eine sich schwer biegende Kleiderstange mit verheißungsvoll glitzernden Gewändern. Und immer Musik – die mir selbst unbekannterweise vertraut vorkommt. Da ich in der Post direkt nebenan schlief, musste ich irgendwann doch aus dem Sessel aufstehen und in mein eher profanes Zimmerchen wechseln. Aber eigentlich war ich innerlich immer noch in der Zauberwelt nebenan, bei Marilyn und Audrey und David und Glam.

08. Juni 2022

Was mir vorhin auch noch durch den Kopf ging, als ich vor mich hinpinselte: ein Glück, dass die Stones bei ihrer SIXTY-Tour nicht heute in Berlin gespielt haben. Dann wäre nämlich äußerste Gefahr gewesen, dass Mick Jagger mal wieder den KuDamm entlang hätte flanieren wollen, und zwar am Vormittag, Richtung KadeWe und zufällig wäre da der gestörte Fahrer angerast gekommen und hätte Mick Jagger totgefahren! Ein Glück, dass die Stones nicht in Berlin spielen. Bisher hab ich mich ja geärgert, man könnte sogar sagen, ich war beleidigt deswegen. Aber nun bin ich froh! Mick Jagger postet seit Start der Tour ständig Fotos von seinen Spaziergängen durch die Innenstädte der Orte, wo sie gerade spielen.

08. Juni 2022

Ich präsentiere zwei wichtige Türen in Niedersachsen. Die eine von der Post, die andere von Herrn Ludewig. Für mich eindeutig die wichtigsten Türen, durch die ich mehrfach gehen durfte. Es handelt sich bei den zugehörigen Häusern um Liebenburger Fachwerk (behaupte ich Kraft meiner Wassersuppe) in ortstypischer Farbgebung, nämlich hübschen Tönen von Taubengraublau über Flaschengrün zu Petrolgrün. Andernorts mag gewöhnliches Dunkelbraun dominieren, hier liebt man es etwas freundlicher und experimenteller. Nun könnte man denken, ich sei qualifiziert, solche Vergleiche anzustellen. Eigentlich nicht, aber ich habe auch in meiner Kindheit und Jugend häufiger Fachwerkhäuser gesehen, und kann mich so direkt nicht an andersfarbiges Gebälk als dunkelbraun gestrichenes erinnern. Von daher: gut beobachtet!

08. Juni 2022

Eigentlich hat mich ab heute Vormittag gedanklich nur noch beschäftigt, ob der Unfallverursacher am Tauentzien privat gestört ist oder politisch motiviert, in offizieller Mission. Ich habe alle halbe Stunde nach neuen Informationen zur Ermittlung und Befragung des Fahrers gesucht. Ich wollte wissen, ob jetzt eine neue Terror-Psychoterror-Phase mit Einschränkungen, Ängsten und Kontrollen droht. Insofern wünschte ich mir, dass es ein individueller Amoklauf war. Ich bin dann, ohne neuere Erkenntnisse in mein Atelier gefahren, wo ich weder Internet, noch TV, noch Radio habe. Auch nicht haben will. Dort versucht, einen inneren Tapetenwechsel hinzukriegen, ging so einigermaßen, mit etwas Alkohol nachgeholfen. Ich will mir meine kostbare Lebenszeit nicht von gruseligen, destruktiven Taten anderer dominieren lassen, die ich ohnehin nicht beeinflussen kann. Was mir (u. a.) unendlich leid tut ist, dass die zehnte Schulklasse aus Nordhessen, mit der die totgefahrene Lehrerin unterwegs war, nun bis zum Lebensende ein Trauma hat, das mit Berlin verbunden ist. Das hat Berlin und auch der Kudamm und der Tauentzien nicht verdient. Ich hoffe, sie werden gut psychologisch betreut und können es irgendwie verarbeiten. Jetzt beschäftige ich mich zur Erholung wieder mit meinen Fotos von meiner kleinen Reise nach Niedersachsen.

08. Juni 2022

Bin in Charlottenburg, war aber nicht in der Menschenmenge, in die vor einer Stunde am Tauentzien ein PKW gefahren ist. Dreißig Verletzte, ein Toter. Schlimm. Entweder ist die Person irre oder hat die Kontrolle aus anderen Gründen verloren… ist noch nicht bekannt. Gruß aus der Fasanenstraße.

07. Juni 2022

Man macht ja immer mindestens drei Fotos. Das sind die anderen beiden von gestern Vormittag nach der Feier. Und: jeweils ohne Kater. Endlich gelernt, Entsprechendes in richtiger Dosis zu trinken.

07. Juni 2022

…Essen gabs auch. Alles selbst vorbereitet, ich durfte zuarbeiten. Handwerkliche Arbeiten gefallen mir gut, alles wo man richtig anpacken und mit anfassen kann. Ich bin eindeutig ein haptischer Typ und finde Materie großartig! Deswegen war ich in Algebra nicht besonders gut, aber in Geometrie ganz hervorragend. Demzufolge ist Buddhismus keine geeignete Weltanschauung für mich, da wohl eines der Ideale ist, sich maximal von der Anhaftung an irdische Materie zu lösen. Ich könnte mich darin wälzen! Ich will alles Irdische sehen, berühren und fühlen und schmecken und riechen.

07. Juni 2022

Die herrlichen Blumen sind selbst aus dem Garten gepflückt! So einen schönen Strauß habe ich selten gesehen, wenn überhaupt. Eine alte Freundin von Volker hat sie zu seinem Geburtstagsfest mitgebracht, man konnte sich gar nicht sattsehen. Gut, dass ich sie fotografiert habe, so kann man sich immer wieder dran erfreuen.

07. Juni 2022

Abschiedsfoto von gestern mit Herrn Ludewig und Nessi Ludewig! Ich habe meinen Harz-Bus 860 nach Goslar und den Zug nach Braunschweig und den Zug nach Berlin Hauptbahnhof pünktlich erwischt und bin wieder daheim in Berlin. Im Zug von Braunschweig nach Berlin habe ich mich in den Speisewagen gesetzt und wollte ein kleines Bitburger Pils bestellen. Mir war so, obwohl ich tagsüber selten Bier oder andere Sachen mit Alkohol trinken mag. Ausgerechnet da war das normale Bitburger alle und es gab nur noch alkoholfreies Bitburger. Hab ich dann genommen, hat mir nicht geschmeckt! Es ist irgendwie weniger herb, würde ich nicht nochmal bestellen. In Berlin scheint es geregnet zu haben, weil die Blumentöpfe gar nicht trocken waren. Ich habe den gestrigen Tag eigentlich nur mit Heimfahren und Auspacken verbracht und dann spät noch Bilder durchgucken. Ich hab noch mehr. Nachher.

06. Juni 2022

Abschiedsgruß aus der Post! Kleines Frühstück auf dem Bett. Habe schon gepackt und gehe noch rüber zu Herrn Ludewig um mich zu verabschieden. Dann fahre ich mit dem Harzbus über Land nach Goslar, von wo mein Zug nach Braunschweig fährt. Dort steige ich um in den Zug nach Berlin. Der Bus fährt um 11:49 Uhr vor der Post ab, ich darf ihn nicht verpassen! Er fährt nur alle zwei Stunden! Habe noch mehr Fotos gemacht, zeige ich wenn ich wieder daheim in Berlin bin!

04. Juni 2022

VERGESSEN. Acryl, Leinwand, Rahmen Genua Gold, 47 x 37 cm, 28. Juli und 17. November 2019, Staatliche Museen v. Gaganien. Das Bild heißt „vergessen“, weil ich vergessen habe, wie ich es nennen wollte. „Life on Mars“ vielleicht? Bin unsicher — vergessen.

03. Juni 2022

Heute morgen, mein kleiner Nordbalkon, 9:17 Uhr. Ganz oben, auf der hellen Wand, links von den beiden Baumwipfeln saß ein Täubchen und sonnte sich. Als ich die Kamera nahm, ließ ich mir Zeit, weil sie ja schon eine ganze Weile dasaß. Als ich sie fokussieren wollte, flog sie weg. Aber ich seh sie noch vor mir. Ein hübsches, hellgraues Täubchen. Und ein ganz besonders schöner, klarer, sommerlicher Morgen. Darunter im Schatten explodiert meine blaue Hortensie, links davon meine Annabelle, die Schneeballhortensie. man sieht schon die kleinen grünen Knospen, die zu den Blütenbällen werden. Nicht auf dem Foto, aber wenn ich ganz nah hingehe. Ich habe keinen der beiden Büsche beschnitten. Die normale, aber auch die Schneeballhortensie liebt lichten Schatten. Also ein schattiges Plätzchen unter großem, offenen Himmel. Als ich einmal aus Gründen der Schönheitssehnsucht blaue Hortensien auf einem knalligen Südbalkon hegte, merkte ich bald, dass sie sich einen Sonnenschirm wünschen. Haben sie bekommen, war aber anstrengend. Ich bin eine faule aber hingebungsvolle Gärtnerin. Mit viel Liebe wird gepflanzt und das soll dann bitte jahrelang immer wieder kommen, ohne Zurechtschneiden und Düngen, nur mit Gießen. Bis jetzt spielen die beiden mit, die Annabelle und die blaue Hortensie da in der Mitte. Nur Blaudünger hab ich mal ins Gießwasser gemacht. Wegen Blau! Bin schon mächtig gespannt.

02. Juni 2022

Zwei vier Tage alte Fotos von mir zu posten, geht eindeutig schneller als Exemplare von meinem Gepinsel. Daher. Ich beschäftige mich gerade gedanklich damit, dass ich morgen mein Reiseköfferchen packen muss. Wie immer keine Lust, die Sache anzugehen. Wenn ich erst den Reißverschluss zumache, komme ich auch in Aufbruchstimmung. Dabei ist es eine Minireise. Ich fahre nur zweieinhalb Tage in ein anderes Bundesland, in dem ich allerdings noch nie war. Dort übernachte ich in einer Herberge, die „Zur Post“ heißt. Wie in guten alten Postkutschenzeiten! Es geht nach Liebenburg, das ist ein Ort im Harz, in der Nähe von Goslar. Bei der Erwähnung von Goslar bekamen bisher alle einen begeisterten Gesichtsausdruck: „Goslar! Da ist es sehr schön!“ Umso besser. Ich habe jedenfalls schon mal mehr Lust wohin zu fahren, wo die Reaktion keine mitleidiger Blick ist. Ich hatte schon immer so eine komische Antriebsschwäche, wenn es ums Packen geht. Was Reisen angeht, war ich früher hochgradig begeistert, durch die Welt zu gondeln, und letztlich ist es ja immer noch so, wenn ich dann erst mal unterwegs bin. Aber bis jetzt liege ich noch mehr oder weniger regungslos herum. Wobei Bloggen ja auch nicht ohne ist und durchaus als Aktivität bewertet werden kann. Mein Ziel ist, morgen im Drogeriemarkt noch erforderliche Sachen für meinen Kulturbeutel zu kaufen und mir über die Reisegarderobe klar zu werden. Es gibt nämlich ein Geburtstagsfest zu feiern und es würde mir die Packerei erleichtern, wenn es einfach heißen würde: „Zieh bitte ein dramatisches Abendkleid an“ oder alternativ: „Egal, was immer du anziehst, du siehst absolut phantastisch aus!“

01. Juni 2022

Gruß nach Liebenburg zu Geburtstagskind Volker-Glam! Willkommen im Juni und Deinem neuen Lebensjahr! Bin gerade wieder aufgestanden. Nach einem langen Arbeitstag mit einem Riesenschnitzel und Bier und Holunderschnaps am späteren Nachmittag bettschwer fast auf den Holztisch bei der Dicken Wirtin geklatscht. Gerade noch zur S-Bahn geschafft, daheim gleich ins Bett. Nun wieder wach für eine kleine Mitteilung und Darjeeling!

30. Mai 2022

GOTT. (Das Auge). Gefundene Styroporkugel, Pin-Nadeln, French Press-Metallstab und Sieb, Versandrohr, beschwert mit tausend Infoblättern, Grundierung, Spachtel, Durchmesser 12 cm, Höhe 86 cm, 2016, 2017, 23. September 2018, Staatl. Museen v. Gaganien

27. Mai 2022

Sehr putzig und interessant: dreijähriges, groß gewachsenes Mädchen, das besonders gerne malt und bastelt, schaut sich dreißig Bilder von mir an. Ich zeige ihr das erste, das aussieht wie Eierschalen von frisch geschlüpften Küken, sie juchzt: „cool“ und steckt ihre kleinen Fingerchen in die Löcher und bohrt drin rum. Ihre Mama wollte sie aus Respekt davon abhalten, aber ich erlaube es ihr.

Die Hälfte der Bilder hat angeklebte Fundsachen, die offenbar zum Anfassen einladen. Mit Wonne tastet sie die verschiedenen Oberflächen und Materialien ab und freut sich über jede Vertiefung und jedes Loch, wo sie den Finger reinstecken kann. Ich kriege selber Lust, die Finger reinzustecken, einfach so! Ich freue mich an der kindlichen Begeisterung und wie unterschiedlich sie reagiert.

Auf ein Bild, das für mich irgendwie eine Art Echse (aus Holzkeilen auf einer Leinwand, mit einem Zickzackmuster aus Goldacryl) ist, rennt sie zielgerichtet zu und fragt was es ist. Ich sage: „irgendsoein Krabbeltier“. Sie sagt: „ICH WEISS ES!“ Mama: „Ja? Was ist es denn?“. „EINE AMEISE!“ und streichelt die Holzbeinchen und sagt anerkennend: „Cool!“. Ich bestätige etwas opportunistisch, dass es sich um eine „GOLDAMEISE“ handelt. Meines Erachtens handelt es sich bereits um ein Kompliment, dass sich jemand Gedanken macht, welche Spezies ich da erschaffen habe.

Als sie weg war, hab ich mich nochmal extra gefreut, dass ich die Bilder ja auch anfassen kann. So oft und so viel ich will. Super! Die Staatlichen Museen von Gaganien sind da sehr großzügig, was man gar nicht genug schätzen kann! Ich interveniere bei Betatsch-Attacken eigentlich nur, wenn ich weiß, dass ich partiell einen dieser dubiosen Kalkstifte benutzt habe, die nie richtig durchtrocknen. Aber da fällt mir gerade nur das Bild mit den zweihundertsechsunddreißig Streifen ein.

27. Mai 2022

SECRET. Assemblage: Eintrittskarte, Postkarten Matisse, Picasso, Macke, Zakynthos, Santorini, Briefmarken, Einkaufstüte, Klebstoff, Karton, 38 x 64 cm, 6. Mai 2018, Staatliche Museen von Gaganien

Sehen Sie: genau das bleibt mein Geheimnis. Ganz rechts gibt es einen grünlichen Schnipsel, das ist eine Eintrittskarte, die mir eine Begegnung mit denkwürdigen Folgen bescherte. Ich habe sie aus Gründen der Geheimhaltung umgedreht, aber nicht festgeklebt :-)

27. Mai 2022

Der alte Martenstein schreibt sich im nachfolgenden Kapitel seines Werkes „Die neuen Leiden des alten M.“ seinen Neid auf bildende Künstler von der Seele. Teil der im Internet hängenden Leseprobe, daher gestatte ich mir, das Eingangskapitel „Das Schreiben“ in Gänze zu copypasten:

„Ach, Sie sind Maler? Wie interessant. Ich bin gegen die bildende Kunst. Den Kunstbetrieb lehne ich ab. Warum? Hauptsächlich aus Neid. Ich bin Autor, wissen Sie. Ich schreibe Kolumnen, Reportagen, Romane, ich erfinde Geschichten, man könnte wohl sagen, dass ich künstlerisch tätig bin, wenngleich auf einem anderen Feld.

Das Problem dabei ist, dass man sich immer was Neues einfallen lassen muss. Ein gewisser Sound ist natürlich da, ein Autor muss einen Sound haben. Wenn aber jeder Text klingt wie der andere, wendet das Publikum sich ab. Das Publikum verlangt schon ein bisschen Abwechslung.

Die Leute wollen unterhalten werden, oder berührt. Wenn Sie Unterhaltung nicht hinbekommen, können Sie es als Autor mit tiefen Gedanken probieren, gehen Sie halt auf die intellektuelle Schiene. Und wenn Sie auch das nicht hinkriegen, dann tun Sie so, als ob. Werden Sie dunkel, raunen Sie, weichen Sie aus ins Ungefähre. Oft funktioniert das. Wenn die Leute etwas nicht verstehen, dann werden zumindest einige von ihnen denken, es sei groß, was, wie wir beide wissen, nur selten tatsächlich der Fall ist. Die Musik funktioniert übrigens ganz ähnlich wie die Literatur, meiner Erfahrung nach.

In der bildenden Kunst brauchen Sie eine Idee, nur eine. Und das ziehen Sie dann durch, wieder und immer wieder. Sie gießen Tiere in Plastik ein. Oder Autos in Beton. Sie verfremden Schreibmaschinen. Malen Sie einfarbig. Machen Sie Bilder aus lauter Nägeln, aus lauter Punkten, aus Buchstaben, malen Sie mit Blut, kommen Sie, Ihnen wird schon was einfallen. Es muss natürlich neu sein, das, was ich gerade aufgezählt habe, gibt es alles schon. Sie müssen eine Marke werden, wiedererkennbar.

Wenn Sie zu Ihrem Kram eine Theorie haben und reden können, umso besser, aber das muss nicht sein. Wichtig ist, dass Sie als Typ was hermachen. Sie müssen ein Typ sein. Es muss rüberkommen, dass Sie das, was Sie tun, einfach tun müssen, verstehen Sie.

Handwerkliche Fertigkeiten sind nicht erforderlich, Handwerk ist 19. Jahrhundert. Es muss nicht gefallen oder gut gemacht sein, es muss beeindrucken, es muss wirken. Legen Sie ein geschlachtetes Tier in eine Glasbox, stellen Sie den Verwesungsprozess aus, Maden, Fliegen, das gefällt nicht, aber es beeindruckt. Leider gibt es auch das schon.

Wenn Sie Glück haben, kommen Sie mit einer einzigen Idee Ihr ganzes Leben lang über die Runden. Das ist es, worauf ich neidisch bin. Klar, bei uns Autoren wird auch mit Wasser gekocht. Viele schreiben immer wieder das gleiche Buch, ich könnte Namen nennen. Aber das darf bei uns eben nicht zu sehr auffallen. Bei euch ist es ein Vorteil, bei uns ist es ein Nachteil. Wenn ich ein Jahr lang über das gleiche Thema etwa das Gleiche schreibe, immer besser vielleicht sogar, immer perfekter, werfen die mich raus. Wenn Sie zwanzig Jahre lang das Gleiche machen, sind Sie am Ende vielleicht Millionär.

Sie werden lachen: Ich kaufe Kunst. O ja. Ich investiere. Festgeld wirft nichts mehr ab, für Aktien bin ich nicht blöd genug oder nicht schlau genug. Wirtschaftlich glaube ich an die bildende Kunst. Im Herzen bin ich für die Realisten, ich glaube, das habe ich deutlich gemacht. Ich bin Realist, oder Reaktionär, wenn Sie so wollen. Das ist ja fast das Gleiche. Die Neue Leipziger Schule finde ich ganz gut, Neo Rauch und so was, obwohl die natürlich nicht mehr so gut malen können wie die Alte Leipziger Schule, Tübke, Mattheuer und Konsorten, die Alten waren besser, klar. Aber der Wille zählt. Die Jungen probieren es wenigstens.

Das ist alles sehr teuer, leider. Ich kaufe, was ich mir leisten kann, auch wenn ich nicht immer überzeugt bin. Ein Buch würde ich niemals als Geldanlage kaufen, nur aus Neugier, ein Buch ist eine ganz miese Investition. Das ist der Unterschied.“

26. Mai 2022

CÔTE D’AZUR. Selektierte Fragmente Siebdruckstoff Achtziger Jahre, Keramiktellerrand-Scherben, Ausdruck „El Morocco“-Nachtclub-Anzeige 50er Jahre, Klebstoff, Lackmalstift, Leinwand, 53 x 73 cm, 17. Februar 2019, Staatliche Museen von Gaganien

25. Mai 2022

ZAUBERKREIS: LANZE-PFLANZE, GELEGE, GOLD-PLISSEE, SHRINE. Altes, rundes Verkehrsschild vom Straßenrand (Baustelle Gipsstraße), Frühstücksbrettchen, Blattgold, Acrylstifte, zwei ausrangierte Spülschrankgriffe, Kleber, Pralinenschachteleinlagen, Eyelinerverschlusskappen, Acryl, Teilsegment Styroporverpackung Onyx-Weinkühler, 36 sinnlose Zierknöpfe, Spiralen Stiebel Eltron-Boiler, Spiegelkachelscherben, Segment OH-Folienschachtel, Kaffeetassenverpackungsschachtel, Lackstift, 3D-Leinwand, 60 x 60 x 4 cm, 4., 12., 14., 15., 16., 17., 18., 19. und 22. Mai 2022, Staatliche Museen von Gaganien, Privatsammlung Fasanenstraße

25. Mai 2022

NIKOLAUS. Pralinenschachtel, Klebe-Etikett, Lackmalstifte, 10 x 10 x 2 cm, 05.(?6.?) Dezember 2017, Staatl. Museen v. Gaganien

Wenn mir jemand eine kleine Schachtel Lindt-Pralinen oder Niederegger Marzipan oder Nougateier auf den Schreibtisch legt, und der Anlass eines dieser abendländischen Kalenderfeste ist, werde ich einen Teufel tun, die Gabe mit dem Hinweis zurückzuweisen, dass ich weder an den Osterhasen, noch an das Christkind noch an den Nikolaus glaube. Vielmehr verspeise ich den Inhalt mit Begeisterung und verziere die Schachtel so lange, bis alle Spuren des Anlasses verwischt sind und sich das Ergebnis in meinen persönlichen gaganischen Festtagskalender einfügt. Bei dem Dings ist mir aber wohl ein Schönheitsfehler unterlaufen. Ich habe es mangels Phantasie „Nikolaus“ genannt. Und dazu vermerkt „ca. 5. Dez.“. Nikolaus ist – glaube ich – am 6. Dezember. Egal. Kann sein, dass ich die Schachtel schon am Vorabend erhielt und sogleich öffnete und transformierte. Das ist auch ein Vorteil: wenn man sich nicht weiter für diesen Festkalender interessiert, ist man auch nicht verpflichtet, Nikolauspralinen am Nikolaustag zu essen. Und man kann einfach im Mai ein Nikolaus-Dings posten! Die Schachtel liegt in meiner Werkstatt im Bad und enthält, wenn sie nicht gerade leer ist, Notfall-Kopfwehtabletten, nämlich Aspirin.

24. Mai 2022

SHE’S A RAINBOW. The extraordinary Life of Anita Pallenberg“. Ausgelesen. Meine Eselsohren in Notizen übertragen und nachrecherchiert. Da auch einige Filme genannt wurden, die ich nicht kannte, war das eine aufwändige Nachbereitung. Die Notizen sind auf dem einen Bild zu sehen. Wenn es noch „Der große Preis“ mit Wim Thoelke geben würde, könnte ich jetzt als Kandidatin mit dem Thema „Anita Pallenberg“ antreten. Ich wusste ja schon einiges über sie, da sie mich seit Gedenken faszinierte, in dem Buch ist alles Erfahrbare zu ihrer Biografie chronologisch aufgearbeitet. Das vorletzte Kapitel deprimierte mich etwas, weil es die Lebensphase war, wo sie von Keith getrennt war, ihre vitalsten Zeiten vorbei waren und sie orientierungslos und verbraucht wirkte.

Die letzten zwanzig Jahre ihres Lebens schienen dann wieder besser zu sein, sie hatte neue Interessen und Kontakte, machte eine Ausbildung an der Hochschule für Modedesign in London, überwand ihre Heroin- und Alkoholabhängigkeit und wurde wieder überall eingeladen und als Kultfigur verehrt. Sie wirkt in Interviews immer gelassen und heiter und leicht amüsiert. Ihre Verbindung zu Keith wurde zu einer engen Freundschaft, sie wohnte auch in der Nähe von Redlands und zog in den letzten Lebenswochen zu Keith und Patti, wo sie von beiden bis zu ihrem Tod umsorgt wurde. Am Ende bleiben doch die Bilder ihrer strahlenden Persönlichkeit, die wir aus den Sechziger und Siebziger Jahren erinnern, die lässige Ikone aus Performance.

Nur einmal habe ich mich richtig geärgert, als vom Autor behauptet wird, Nico hätte sich an Anita Pallenberg orientiert und sie imitiert. Das ist absolut lächerlich. Tatsächlich hatte Nico den ikonographischen Look mit den glatten, langen blonden Haaren und dem langen Pony vor Anita, und Nico war eine profilierte originäre Musikerin, Sängerin und Songschreiberin, die vielmehr von Anita hätte idolisiert werden können. Sie hatten Überschneidungen in ihren privaten und beruflichen Kreisen, beide Beziehungen zu Brian Jones, dieselbe Pariser Modelagentur, waren zeitgleich in Rom, beide blond und überragend gutaussehend. Und beide charismatisch. Jede hatte ihre eigenen Qualitäten.

Ich las das Buch auf Deutsch, musste häufiger über nachlässiges Lektorat bei der Übersetzung hingweglesen. Mir war nicht klar, dass Anita doch bis wenige Jahre vor ihrem Tod 2017 immer wieder kleine Filmrollen in größeren Produktionen hatte. Die Filmschnipsel habe ich mir auch angesehen. In einem Madonna-Video von 1998 kommt sie auch vor, „Drowned World“, mehr oder weniger sich selbst als Partygast spielend. Das legendäre Himmelbett aus Performance ging übrigens nach den Dreharbeiten in ihren Besitz über, stand seitdem in ihrer Wohnung in Chelsea.

22. Mai 2022

GOLDEN FAIL. Pouring XI., Siliconöl, Pouring Medium, Acryl, Schaumweingoldalumanschettenschnipsel, Pappkarton, 21,5 x 30 cm, 27./28. August 2019, Staatliche Museen v. Gaganien. Eventuell der letzte transformierte Fehlversuch der Pouring-Experimentreihe 2019. Da war mir dann klar, das ist einfach nicht mein Ding, dieses hippiehafte Farbgeschwurbel, das sich da ansatzweise abzeichnet. Sollen andere machen, die nicht mit dem Pinsel umzugehen wissen! Das rosa Dings fügt sich so in meiner pinkrosa Schatzkammer ein, gehört aber nicht zu den Werken, die ich im Gaga Nielsen-Pavillon auf der nächsten Documenta in Kassel präsentieren wollen würde. So zwischen Abfall und Beifang!

22. Mai 2022

Gestern war ich ganz alleine beim Berlin Beat Club! Es war trotzdem schön. Meine Kamera habe ich daheim gelassen, was ich aber schon bald bedauerte. Ich hatte einen Platz an dem langen Tisch rechts von der Bühne, wo schon andere Gäste waren. Es kamen noch drei dazu, zwei reifere Herren, die eine zierliche Frau in ihre Mitte nahmen. Sie gehörte wohl zu dem einen. Der andere Mann, der über Eck quasi fast neben mir saß, hatte den Stuhl zum Tisch gedreht, wie er normalerweise steht. Ich gab ihm den Tipp, er könnte den Stuhl drehen, so dass er Richtung Bühne gucken könnte. Er entgegnete: „Aber dann kann ich Sie ja gar nicht mehr sehen!“ Ich deutete Richtung Bühne und erklärte: „DA spielt die Musik!“ Er gab zu bedenken: „So schön sind die aber nicht!“ Da kam auch schon meine Currywurst, die mir Hans empfohlen hatte. Er saß (wie meistens, wenn er nicht auf der Bühne steht) bevor es losging, im Biergarten, wo ich Hallo sagte. Zur Currywurst trank ich, wie im Rickenbackers immer, ein kleines Jever. Daraus werden dann immer mehrere kleine Jever, die ich irgendwann nicht mehr zähle. Meistens vier bis fünf. Ich könnte mir natürlich auch gleich ein großes Jever bestellen, aber ich trinke lieber aus den kleineren Tulpen. Das große kommt in so dicken, schweren Henkelgläsern, da schmeckt es mir nicht so gut.

Um dazuzukommen, warum ich bedauerte, die Kamera daheim gelassen zu haben: es waren die Gäste. Weibliche Gäste, die zum Teil spektakulär waren, und damit meine ich nicht mich. Hinter unserem Tisch saß eine schlanke Brünette mit schulterlangem Haar, ca. Mitte/Ende Vierzig, ein silbergraues Paillettentop legte ihre herrlich gebräunten, straffen Arme frei. Dazu eine toll sitzende hellgraue Hose mit scharfer Bügelfalte. Schönes Abend-Make up mit stark betonten, dunkel geschminkten Augen, Ein strahlendes Lächeln ließ ihre schönen weißen Zähne sehen. Als sie an mir vorbeiging, machte ich ihr ein Kompliment für ihren Look: „Das ist ein ganz tolles Outfit, ich ärgere mich gerade, dass ich meine Kamera nicht mitgenommen habe!“ Sie griff mir ergriffen an den Arm und strahlte: „DANKE!!!!“

Die zweite Dame, die mich fesselte, war eine schätzungsweise 82 – 87-jährige Lady von filigraner Statur mit hennarot gefärbtem, hochgesteckten Haar und einem kirschrot geschminkten Mund, die einen farbenfroh geometrisch gemusterten Glockenrock mit einer dunkelroten Häkelweste kombiniert hatte. Dazu vielerlei Schmuck, über dem Arm eine rote Henkeltasche, rotlackierte Fingernägel und in der rechten Hand stets ein kleines Gläschen, wie eine Schnapstulpe, in der eine klare Flüssigkeit war, von der ich nicht sagen könnte, ob es Wodka oder Leitungswasser war. Sie ließ es nicht aus der Hand und es war mysteriöserweise immer halb gefüllt. Manchmal nippte sie daran. Sie tanzte an allen Tischen vorbei und gab sich den Songs aus den Sechzigern und Siebzigern hin. Bei Jimi Hendrix war sie besonders in ihrem Element und hob beide Arme, um sie im Rhythmus zu wiegen.

Des weiteren gab es jüngeres weibliches Publikum zu begrüßen. Zwei circa 23-jährige junge Frauen standen hinter einem älteren Pärchen, der Mann im Rollstuhl. Ob sie zusammengehörten, kann ich nicht beurteilen. Mir fiel auf, dass die Mädels die ganze Zeit beim Mittanzen im Stehen ihre Gläser in der Hand behielten, obwohl vor ihnen ein Tisch stand, wo noch Platz zum Abstellen gewesen wäre. Da im Rickenbackers überwiegend eine ältere Generation feiert, also bei meiner angefangen, nach oben offen, stellt man traditionell das Glas auf den Tisch, bevor man tanzt. Tanzen heißt ja nicht, auf einer Stelle stehend mit der Fußspitze wippen. Das kostbare Naß möchte man ungern verschütten.

Aber: ich habe gelernt, dass der jüngeren Generation, also sprich den Millenials und wohl auch der in den Dreißigern eingetrichtert wurde, das Getränk niemals aus der Hand zu geben, damit keiner k.o.-Tropfen reinschütten kann. Das war in meiner Jugend natürlich überhaupt kein Thema. Und auch das Rickenbackers-Publikum hätte sicher Probleme zu beantworten, wo es solche k.o.-Tropfen überhaupt zu kaufen gibt. Man fühlt sich dort zu Recht von der Problematik unbehelligt. Da die beiden jungen Frauen nun auf meiner Sichtachse waren und ich auch deswegen immer hingucken musste, weil die eine Blonde im Ringelshirt eine unheimliche Ähnlichkeit mit den beiden jüngeren Töchtern von Keith Richards hatte, sie sah aus wie die heimliche dritte Schwester von Theodora und Alexandra. Als sich die Stimmung bis zum Geht-nicht-mehr steigerte, wir waren inzwischen bei den Top Ten der gestrigen Beat Club-Hitparade, und die Tanzereien ekstatischer wurden, beobachtete ich, wie Theodora-Alexandra die älteren Herrschaften am Tisch vor sich mutig fragte, ob sie ihr Glas abstellen dürfte. Sie durfte. Mit etwas noch zaghaften Bewegungen tanzte sie zum ersten mal in ihrem jungen Leben ohne Getränk in der Hand. Sie probierte ganz neue Armbewegungen aus, das klappte recht gut!

Auch mich hielt es natürlich nicht mehr auf meinem Stuhl, die Currywurst war längst verspeist, Zeit für etwas Bewegung. Unter den Top Ten waren zum Teil kuriose Titel wie „Here Comes The Sun“, was ja sehr schön ist, aber nicht so wirklich die Tanznummer erster Kategorie. Auf Platz eins war „Riders On The Storm“. Schön als Ausklang. Aber getanzt hab ich bei „Wild Thing“ und „Paint it Black“ und noch ein paar anderen Nummern und der Zugabe „Gloria“. Auch herrlich zum Mitsingen. Mein Kavalier am Tisch ließ es sich bei allen Titeln in denen irgendwas mit „I love you“ vorkam, nicht nehmen, mich gestenreich anzusingen, ich sang kräftig mit. Zum Abschied küsste er mir die Hand, ich ließ ihn gewähren, da er so eine nette Bemerkung zu meinem Lächeln gemacht hatte: „Kennst du die Mona Lisa? Die lächelt ja immer. Und Dein Lächeln….!“ Ich habe es als Kompliment genommen.

Auch noch bemerkenswert war die Stimmungsänderung bei der eingangs von mir erwähnten Damenbegleitung zwischen den beiden Herren am Tisch. Die kleine dunkelhaarige Frau trank gut gefüllte Gläser mit schätzungsweise Weißwein und schwang auch das Tanzbein. Ihr Tanzstil war so eine Mischung aus verhaltenem Aggressionsabbau und Hingabe. Einmal sah sie begeistert aus, dann wieder wütend. Nach dem dritten sehr großen Glas stierte sie plötzlich schlecht gelaunt vor sich hin und schimpfte in einer Art Selbstgespräch mit dem Rest der Welt. Ich verstand es nicht, die Musik war zum Glück zu laut. Mein Tischkavalier überredete sie dann noch mal zum Tanzen und sie beruhigte sich wohl. Aber es hatte nichts mit mir zu tun, das weiß ich ganz bestimmt. Denn ihr Verehrer saß ja auf der anderen Seite hinter ihr. Ein Nichttänzer. Aber immerhin stand er für ein Selfie mit dem Smartphone zur Verfügung. Bildunterschift „superhappy@Rickenbackers“. Oder so.

21. Mai 2022

Beim Aufwachen. Was ich vorhin beim Aufwachen als Erstes gesehen habe. Das ist die Perspektive geradeaus und halbrechts, wenn ich noch im Bett liege. Kann man auch mal präsentieren. Würde mich interessieren, was andere sehen, wenn sie die Augen aufschlagen! Heute ist Drinnenwetter in Berlin. Sonne im Herzen…

20. Mai 2022

Berlin, Freitag Abend, 20.22 Uhr, Regen, Donner, hier oben mein von der heutigen Sonnenwärme aufgeladenes Dachgeschoss. Ich wünsche ein schönes Wochenende. Morgen wohl auch Regen, am Abend Berlin Beat Club – allein – immerhin Getränke-Begleitung! :-)

18. Mai 2022

Mein Salbei blüht! Schon ein paar Wochen. Ich weiß, dass das keine Prachtstaude ist, aber ich hänge an dem Gewächs, das seit mindestens sieben Jahren auf meinem Balkon steht, tapfer jeden Winter meistert und die heißesten Sonnentage auf der Südseite übersteht. Ich habe diese etwas ins Kraut geschossene Pflanze noch nie blühen sehen, meine Dankbarkeit kennt keine Grenzen. Du tapferes Blümelein hast dir jetzt wirklich einen Eintrag verdient!

17. Mai 2022

GOLDEN WARRIOR. Zeitungspapier (Artikel mit Lieblingsfoto von Che Guevara), beim Bearbeiten gerissen, versaut, Fragmente m. Wasserfarbe, Acryl und Aquarellpapierfragmenten mit schwarzer Tinte, Kleber, Pappkarton weiterverarbeitet, 16./29. Februar 2020, 1./2./3./4./5. März 2020, 30,5 x 43 cm, Staatl. Museen v. Gaganien

16. Mai 2022

Heute, 16. Mai 2022, 234. Geburtstag von Friedrich Rückert.
Ganz viele seiner Zeilen berühren mich wie Musik. (Sind es.)

10-05-12 (30)

Auf Erden gehest du und bist der Erde Geist;
Die Erd erkennt dich nicht, die dich mit Blüten preist.

Auf Sonnen stehest du und bist der Sonne Geist;
Die Sonn erkennt dich nicht, die dich mit Strahlen preist.

Im Winde wehest du und bist der Lüfte Geist;
Die Luft erkennt dich nicht, die dich mit Atmen preist.

Auf Wassern gehest du und bist des Wassers Geist;
Das Wasser kennt dich nicht, das dich mit Rauschen preist.

Im Herzen stehest du und bist der Liebe Geist;
Und dich erkennt das Herz, das dich mit Liebe preist.

„Auf Erden gehest du“, Friedrich Rückert
(* 16.05.1788, † 31.01.1866)

15. Mai 2022

NEMRUT. Unterlagekarton Pouring Mitte August bis September 2019, Finish: Acryl, Goldmarker, Blattvergoldung Rahmen, 26. und 27. Oktober 2019, 45 x 55 cm, Staatliche Museen von Gaganien

Ich trage mich momentan zwar nicht mit Verkaufsabsichten, aber wenn doch irgendwann, hat das Vorkaufsrecht für dieses Bild auf jeden Fall Ina, die es irgendwann in den letzten drei Jahren in meinem Atelier sah. Es gibt noch vier andere Bilder, von denen ich genau weiß, wer sie am liebsten hätte. Ich merke mir das. Meinen großen Phoenix A. H., meinen Baby-Adler D. G., Gott IV. I. L. und Scorpio A. T. Aber bevor es so weit ist, checke ich mal die High End Reproduktionsmöglichkeiten. Ich weiß, ich weiß, das ist dann nicht das Original, aber ich möchte das ja mit Museumsqualität.

14. Mai 2022

Bißchen durchwachsen das Wetter in Berlin heute, aber nicht schlecht. Wenn die Sonne kommt, sehr frühlingshaft. Gerade wieder eine Wolke vor der Sonne. Mal gucken. Ich fahre ins Atelier.

13. Mai 2022

Über die Jahre habe ich einundsechzig Alben-Sammlungen auf Flickr angelegt. Das sind immer mehrere thematisch gebündelte Alben, die zum Beispiel einer bestimmten Person gewidmet sind, der ich häufiger begegnet bin, oder einer Location oder einer Reise. Die meisten wissen gar nichts davon, dass es von ihnen so eine Sammlung gibt, ich habe das selten publik gemacht, dass sie existieren, insofern könnten da einige Überraschungen dabei sein. In Berlin heute ein wenig wolkig, Genau das richtige Wetter, um in Fotokisten zu stöbern.

12. Mai 2022

Bemerkenswerteste Beobachtung bislang heute: U8-Bahnsteig Leinestr. gegen 17 Uhr: zwei muslimische, evt. türkische junge Frauen, von Hause aus schon sehr hübsch, haben ihr Make up auf der Wartebank ausgebreitet und schminken sich von A – Z. Als Spiegel dient das jeweilige Smartphone. Alles sehr gekonnt und zügig. Mir fällt auf, dass die Eine ca. 5 mal routiniert pudert und konturiert. Dann wurden Wimpern angeklebt. Dann kam die U-Bahn. Sie setzten sich beide links von mir und führten ihr Werk fort.

Der Blick der Einen begegnete meinem und sie lächelte mich etwas verlegen aber auch verschmitzt an. Ich sagte: „Ihr macht das richtig gut, sieht jetzt schon gut aus – finde ich gut!“ Sie bedankten sich und es wurde eine dicke helle Contouring-Creme unter den Augen aufgetragen. Die musste natürlich noch verwischt, also verblendet werden.

Die Wimpern waren so Knef-mäßig, für meinen Geschmack etwas zu künstlich und ich erlaubte mir zu sagen, dass man die Wimpern früher (heute ja eigentlich auch noch) etwas zurechtschnitt, die Kontur anpasste. Die Eine meinte, ja ja, das hätte sie auch gemacht. Ich nehme an, das ist einfach der Trend, dass es auch künstlich und over the top aussehen soll.

Ich fragte, ob die Lippen auch noch drankämen, beide schüttelten energisch den Kopf. Es sah aber auch schon so vollendet aus. Betonung eben eindeutig auf den stark geschminkten Augen. Die Andere sagte dann zu mir, dass ihre Mutter es nicht mag, wenn sie sich stark schminkt. Ich sagte: „Ja ja, so sind alle Mütter.“ Sie lächelte und beide mussten aussteigen, wir wünschten uns noch einen schönen Abend.

P.S. weil es so wunderbar passt, „ALLES HELAL“ von der zauberhaften ELIF:

11. Mai 2022

Ich habe kein Insta, kein TikTok, kein Twitter, kein Telegram, kein Handy, kein Tablet, kein Whatsapp. Bin ich uncool? Und wenn ja, womit muss ich anfangen? Mit welchen Veränderungen in meinem Leben kann ich rechnen?

P.S. ich hab was vergessen: ich hab auch kein Netflix und kein Spotify und kein Auto. Und rauche fast nie.

11. Mai 2022

Rosa von Praunheim hat eine sehr gut lesbare Handschrift, was ich begrüße und lobend erwähnen möchte. Ich konnte – ohne andere um Hilfe bitten zu müssen – erkennen, dass auf dem Schild steht:

Ich bin nicht tot
Ich schlafe nur
und
träum von Dir

Hat mich aber auch inhaltlich gleich stark angesprochen!