Ich habe versäumt zu erwähnen, dass der Affenfelsen im Nürnberger Stadtplan anders heißt, nämlich „Am Ölberg“. Und da fängt eine Straße an, die von einer Seite von der Neutormauer begrenzt wird, die Straße heißt auch Neutormauer. Hier gibt es linker Hand ganz normale Wohnhäuser, manche sehr farbenfroh, wie hier Ecke Radbrunnengasse. Mich zog es an der alten Sandsteinmauer entlang, im Halbschatten immer der Nase nach. Ich hatte nun keinerlei konkrete Pläne mehr, außer mich ohne Blick auf die Uhr treiben zu lassen, innerhalb der Altstadt zu bleiben. Ich war neugierig, ob ich weitere Déjà-vus bekomme. Wie einen plötzlich an einer Ecke eine Erinnerung an ein Erlebnis befällt. Ich konnte nicht einmal erinnern, ob ich je zuvor so gezielt an der Neutormauer entlang gegangen bin. Zu lange her, alles. Und Nürnberg ist nicht so klein. Es gibt schon Ecken, wo ich nie war, auch innerhalb der Altstadt. Jedes Gässchen kennt man wohl nur in einer Kleinstadt. Früher hätte ich nie gewagt, mich für eine Mietwohnung in der historischen Altstadt zu interessieren. Meine Freunde wohnten damals überwiegend in Gostenhof oder in der Südstadt, das galt noch als bezahlbar. Viele in WGs. Wenn man da jemanden besuchte, hatte man gleich eine Handvoll neuer Bekanntschaften, sehr praktisch, wenn man jung und erlebnishungrig ist. Ich selbst wohnte nie in einer WG, hat sich nicht so ergeben, und ein kleines Reich für mich erschien mir auch reizvoller. Genug Kontakte hatte ich ja. Meine erste eigene, also gemietete Wohnung in Gostenhof war im Hinterhof, der war sehr gesellig und grün, mit Biergartenbänken und im Vorderhaus eine WG mit vielen guten Freunden. Eigentlich habe ich da irgendwie mitgewohnt, saß dauernd mit ihnen zusammen in der Küche, wir kochten und feierten zusammen und so war ich bestens vernetzt. So ein Künstlervölkchen. Alle hatten irgendwas mit Musik und Kino zu tun. Eine aus der WG war die Cousine von Hannes Jänicke, sie schrieb Filmkritiken. Ob sie ihn da löblich erwähnt hat, ist mir aber nicht bekannt. Was ich an WGs nicht so attraktiv fand, war das gemeinsame Benutzen des Badezimmers, dass man sich da irgendwie absprechen muss und auch mal anstehen wie auf Klassenfahrt im Landschulheim. Das erschien mir unkomfortabel.
Als Teenie hatte ich eine Freundin, die mit ihrer Familie in einem schicken Bungalow in einem Vorort irgendwo zwischen Nürnberg und Fürth wohnte. Ihre Mama war eine ganz schicke Frau mit platinblondem Pagenkopf. Die Küche im Bungalow war offen, hatte einen weiß gekalkten Tresen zum Wohnbereich. Einmal hatte meine Freundin die Idee, dass wir ihre Mama in Nürnberg abholen, wo sie privat in einer Wohnung zum Essen eingeladen war. Bei ihrem besten Freund, der ein älterer Professor war. Unverheiratet lebte er alleine in einer Wohnung in der Nähe der Burg. Das war der aufregendste Besuch in einer Wohnung, an den ich mich erinnern kann. Alles wirkte supermodern und schick und durchgestylt. Viele große Bücherwände, moderne Kunstwerke an den Wänden. Und der Knaller: durch die großzügigen Fenster im Esszimmer – wo eine lange Tafel ganz edel gedeckt war – ich glaube mit einer Tischplatte aus Glas – sah man die nächtlich beleuchtete Kaiserburg. Ich war schwer beeindruckt. So toll wollte ich auch einmal wohnen! So etwas hatte ich bis dahin nur in französischen Filmen gesehen. Da muss ich wohl abgespeichert haben, dass man sich so eine Hammerwohnung nur als Professor leisten kann, von denen man ja wusste, dass sie schön viel verdienen. Und ich war ja kein Professor! Also habe ich mich nicht getraut, nach einer Wohnung in der Nähe der Burg zu schauen.
Süße Grüße aus Berlin. Fotos von vorhin, Pfingstmontag. War, ist, super Wetter. Ich habe rumgewerkelt, wieder an so einem Kaleidoskop. Gestern angefangen, teilweise schockiert, was ich da gefunden und angeordnet habe. Wie ich mir vor zweiundzwanzig Jahren den Arsch aufgerissen hatte, mit unfassbarer Hingabe einen Internetauftritt (für wen) entworfen habe, einzelne Seiten, super aufwändig, war dann auch nicht umsetzbar, zu komplex. Aber so schön und detailliert, was ich mir da ausgedacht hatte. Von den entworfenen Seiten hatte ich kleine Ausdrucke gemacht. Die habe ich heute angeordnet. Entzückend. Unglaublich. Jetzt kann ich es wenigstens so auf diese Weise würdigen. Nun Nr. 5. Wäre ja auch schade. Mir schwebt schon eine Ausstellung vor, in der ich Themenräume mache, einzelnen Herren gewidmet. Das werden mindestens drei sehr opulente Räume. Träume, keine Schäume…!
Der Affenfelsen. An diesem sehr hitzigen 2. Juli 2022 war er am frühen Nachmittag leer, die Sonne brannte heiß. Am frühen Abend gab es Halbschatten, und so manche hatten sich niedergelassen.
Eine Treppe im Gestein vom Affenfelsen führt in die Altstadt. Eine meiner liebsten Ecken. Wenn ich dort wohnen würde, dann am liebsten in der Nähe der Burg. Ich habe mal im Internet neugierhalber Mietwohnungen in St. Sebald recherchiert und war überrascht, dass sie gar nicht so extrem teuer wie erwartet waren.
Hier sehen wir die Freiung, beliebter Aussichtspunkt der Kaiserburg, von unten. Die Burg ist auf einen Sandsteinfelsten gebaut, der Affenfelsen genannt wird. Schon immer ein beliebter Treffpunkt in der Nürnberger Altstadt, zu Füßen der Burg. Unverfehlbar, und es sitzt sich recht angenehm auf dem Gestein.
Jetzt habe ich aber das letzte Tor hinter mir gelassen. Um das Burggelände tut sich auch immer etwas. Eine Braut steht herum, aber die ist nicht echt. Sie posiert vermutlich für Fotos für ein Brautmodengeschäft. Echte Bräute stehen nicht gelangweilt ohne Bräutigam herum. Außerdem strahlt eine echte Braut und hat auch einen Brautstrauß. Den Look mit den superlangen Fingernägeln finde ich auch etwas speziell. Sehr bling-bling alles. Wähnte mich Sekunden in Dubai. Mir war nicht klar, welcher Hintergrund fokussiert wurde. Da wo ich stand, war keine Burg. Für ein Burgfräuleinfoto hätte er in die andere Richtung halten müssen.
Das war so ein Ausguck über eine hölzerne Treppe, wie ein gezimmerter Balkon im Allgäu. Am anderen Ende vom Gelände, wo es zu den Burggärten geht. Zu denen komme ich auch noch ausgiebig, viele Stunden später. Alle hatten Hüte auf, außer mir!
Noch ein Tor und noch ein Tor und noch ein Tor. Das Verwinkelte und die Unüberschaubarkeit zaubern den besonderen Charme der Nürnberger Kaiserburg. Ich begeistere mich für jeden Torbogen.
Zurück zur Kaiserburg. Nach den kaiserlichen Gemächern, Eisbecher im Burgcafé und dem Sinwellturm hatte ich doch ganz Wesentliches gesehen und spazierte vom Burgberg abwärts, der Meute hinterher, zu diesem Tor. Vielleicht war das das Himmelstor.
Es geht weiter. Mein drittes oder viertes Kaleidoskop-Werk, work in progress. In wenigen Jahren, ja teilweise heute schon, wird es vielleicht gar keine gedruckten Eintrittskarten mehr geben. Ich hebe heute auch schon keine digitalen Tickets mit QR-Code mehr auf, die ich ausgedruckt bei mir hatte. In solche ästhetisch irrelevanten Dokumente meiner Ausgehaktivitäten wickle ich Obst- und Gemüseschnippelabfall, um Obstfliegen im Mülleimer entgegenzuarbeiten. Aber früher! Ja früher, da gab es fein gedruckte Eintritts-Billets, die man gerne einmal wieder angeschaut hat. Ich hätte fast geschrieben „in die Hand genommen“, aber das stimmt ja nicht, das wäre ja gelogen. Wer macht einmal im Jahr die Schachtel mit den Reliquien auf und hält sie nach und nach gegen das Licht. Niemand. Nur, wenn es ans Ausmisten geht, oder man gezielt etwas sucht. Aber selbst um ein Datum einer Veranstaltung zu rekonstruieren, braucht es kein gedrucktes Ticket, alles, was im digitalen Zeitalter über die Bühne ging, ist im Internet dokumentiert. Wollte ich wissen, wann genau die Veranstaltung war, zu der jeweilige Flyer mit den Fotos von Saskia oder Maria oder Jenny gehörte, kann ich in meinem facebook-Veranstaltungs-Archiv suchen, oder noch schneller finde ich es in meinem digitalen Foto-Archiv, wo ich die Damen ordentlich mit ihrem Namen und dem Datum getagged und in Alben gepackt habe. Meine Reliquien-Bilder mit dem wilden Kaleidoskop an Tickets, Zetteln, Quittungen, Flyern und Bildchen sind absehbar ein Auslauf-Modell. Antiquierte, nostalgische Dokumente, Schätze einer untergehenden Ära.
Jetzt hätte ich fast die Gurkenmaske vergessen. Unverzeihlich. Einer meiner Top-Favoriten beim Maskenball. Katia war ein bißchen pikiert, als ich ihr mitteilte, dass ihr Sachbearbeiterinnen-Kostüm ernsthafte Konkurrenz bekommen hat, und fand es nicht so überzeugend, nur ein FOTO von einer Gurkenmaske als Maske zu präsentieren. Ich muss ihr doch zustimmen, dass die perfekte Gurkenmaske natürlich mit echten Gurkenscheiben gemacht werden muss. Diese Steigerung der an sich sehr hübschen Idee umzusetzen, behalte ich mir für den nächsten Maskenball vor. Quark wird ja nach einer Weile trocken und bröckelig, ich würde, um die Schicht unter den Gurkenscheiben für die Ballnacht dauerhaft zu machen, evt. auf ein Töpfchen Eldena von Aldi ausweichen. Aber sonst tipptopp die Maske! Auch das Frotteetuch um die Schultern. Ich weiß nicht, wer die Leute waren, aber sie waren nett.
Zuguterletzt mehr Hintergrund zur Geschichte des Balls der Künstlerinnen, habe ich heute erst auf der fb-Seite der Alexander und Renata Camaro Stiftung gelesen: „(…) Der erste Ball der Künstlerinnen fand als Gegenstück zu den absurd prächtigen Hofbällen der späten Wilhelminischen Zeit statt, die im krassen Widerspruch zu den Lebensverhältnissen der übrigen Bevölkerung standen. Wir kennen die Bälle von den Bildern Adolph von Menzels und von denen des berüchtigten Direktors der Hochschule der Künste Anton von Werner, der den Frauen den Zugang zum Studium verweigerte und dessen Haus sich heute noch auf der anderen Straßenseite der Potsdamer Straße befindet. Dieser Ball ist also unter der Direktion von Käthe Kollwitz allen Konventionen zum Trotz als freier Maskenball erfunden worden. Frauen verkleideten sich, Männer waren als Frauen willkommen. Es sollte der Zeit und „trotz alledem“ etwas Freudvolles entgegengesetzt werden.“ An Käthe Kollwitz hätte ich zuletzt als Initiatorin eines wilden Tanzvergnügens gedacht, aber man lernt nicht aus! Sie war zuerst Schülerin an der Zeichenschule, dann dort Lehrerin und ab 1901 bis zu ihrem Tod 1945 (mit achtundsiebzig) Vereinsmitglied.
Auf der Vereins-Seite lese ich: „Bereits um 1900 feierten die Künstlerinnen opulente Kostümfeste in den jetzigen Räumen der Camaro Stiftung. Das Haus wurde 1893 für den Verein der Berliner Künstlerinnen 1867 e. V. als Mal- und Zeichenschule erbaut und die lichten, hohen Räume sind einst wie heute ein prachtvoller Rahmen für ausgelassene Feste.“ Das lässt vermuten, dass Käthe Kollwitz gleich zu Beginn ihrer Vereinsmitgliedschaft 1901, da war sie vierunddreißig, tatkräftig ihre Idee mit dem Ball umsetzte.
Die Damen. Ja – aber was für Damen? Das verhält sich so, ich zitiere: „DerVerein der Berliner Künstlerinnen 1867 e.V.ist der älteste, aktive Zusammenschluss Bildender Künstlerinnen in Deutschland, gegründet 1867, als Frauen der Zugang zur Kunsthochschule verwehrt war. Der Verein vergibt alle zwei Jahre den „Marianne-Werefkin-Preis“ an zeitgenössische Künstlerinnen. Unter anderem waren Lotte Laserstein, Käthe Kollwitz und Paula Modersohn-Becker Mitgliederinnen des Vereins.“ Der Verein hatte früher eine Balltradition, die letztes Jahr wiederbelebt wurde. Einmal im Jahr findet nun wieder ein Maskenball statt, bei dem sich die Künstlerinnen in besonderer Aufmachung präsentieren. Faszinierend, dass der Ball in denselben Räumen stattfindet, wo er früher war. Heute befindet sich in dem Gebäude in der Potsdamer Straße 98 die Alexander und Renata Camaro-Stiftung. Was für eine schöne Tradition, dort zu tanzen, wo schon Lotte Laserstein, Käthe Kollwitz, Paula Modersohn-Becker und auch Jeanne Mammen feierten. Ein guter Geist in diesen ehrwürdigen Räumen. Zum Ball der Künstlerinnen sind übrigens auch Herren geladen!
Ich bin eine Romantikerin aus dem Bilderbuch. Das führt offenbar dazu, dass ich von Orten angezogen werde, die ein besonders romantisches Potenzial haben. Die ehre ich dann ausführlich, gebe mich hin und ignoriere den Rest der Zivilisation, der mir ein Dorn im Auge ist, sehr erfolgreich. Ich kultiviere die Idee, das Schöne auf ein Podest zu heben und das Unwirtliche absichtsvoll nicht mit Aufmerksamkeit zu ehren. Vielleicht bringt das dem Rest der Welt und der Evolution nichts, aber mir persönlich sehr viel. Ganz insgeheim hoffe ich, mit der Würdigung des unstrittig Schönen ein bißchen zu manipulieren, Vorstellungen einer schöneren, heileren Welt zu verankern. Als Inspiration, als Plan. Idealismus, oder? Mich fasziniert immer wieder, dass es Erscheinungsformen in unserer irdischen und himmlischen Welt gibt, auf deren Schönheit sich ein großer Teil der Menschheit einigen kann. Selten bzw. nie gehört, dass jemand einen strahlenden, farbintensiven Sonnenauf- oder Untergang langweilig oder gar hässlich findet. Oder ein Tierkind im Vollbild seines flauschigen Kindchenschemas. Die jährliche Flieder- oder Pfingstrosen-Blüte zum Kotzen fände. Nichts davon je gehört.
Surprise, surprise… gut zehn Minuten Fußweg vom Alex und der donnernden, monströsen Mollstraße, tausendvierhundert Meter. Ja, wirklich. Verstecktes Paradies. Nur ich. Und Vogelgezwitscher
Bin Fan: „Zwergenwiese Zwiebelschmelz“ (vegan). Vollmundig. Kein Fan: „Gelato Glassico Eispralinen Mango Maracuja“ (vegan). Nicht vollmundig. Essenstechnisch habe ich vom Gourmet-Aspekt keine Berührungsängste mit tierischen Nahrungsmitteln, zeige mich aber auch offen für nicht-tierische Nachbauten, wenn die Bestandteile nicht übermäßig dubios sind. Für wiederholten Kauf ist aber der Gourmet-Aspekt unerlässlich. Gilt auch für Tierisches.
Nicht viel Text, nur Gedenken. Der Engel mit dem Grünspankleid trauert um die im Ersten Weltkrieg gefallenen Söhne der Mariengemeinde. Ich finde leider keinen Bildhauerverweis.
Als erster deutscher Brauer wurde Bötzow mit seinem Qualitätsbier zum „Hoflieferanten seiner Majestät des Königs von Preußen“ ernannt. Und als solchem gebührte dem Familienoberhaupt und seinen Angehörigen mehr als ein Grab auf dem herrlichen alten Friedhof, der an das Bötzowviertel grenzt. Hat mans mal gehört! Ich schummle ein bißchen mit den Fotos in diesem Eintrag. Der gotisch insprierte Spitzbogeneingang zu einem Mausoleum hat nichts mit Bötzow zu tun. Der gehört zum Mausoleum Zeitler, einer zu großem Reichtum gekommenen Weberfamilie. Ein Sproß, Carl Ludwig Zeitler, wurde Baumeister und entwarf das Mausoleum. Mit seinen Brüdern war er Zeit seines Lebens Förderer der Wissenschaften und Begründer verschiedener wohltätiger Stiftungen. Noch nie gehört? Ich auch nicht. Aber nun!
Aber schon auch hübsch, der kleine Kulissen-Tempel, gewissermaßen die Reihenhausvariante. Das war dann wohl seinerzeit für das kleinere Portemonnaie, wenn es für etwas Freistehendes oder den großen Tempel nicht gereicht hat. Aber immer noch imposanter als die Pappkulisse für Diana in Althorp. Gerüchte besagen, dass sie gar nicht auf der kleinen Insel beigesetzt wurde, sondern in der Familiengruft der Spencers in der Kapelle. Aber William und Harry wären ja an der Quelle, und die haben der Insel immer wieder Besuche abgestattet. Wer hat recht?
Der Evangelische Friedhofsverband Berlin Stadtmitte erläutert das Grab mit dem hübschen Familiennamen Dionysius: „Gotisierende Erbbegräbniswand mit vorgelagerter Gruft aus dem Jahr 1817. (…) Die Familie legte ganz offenbar Wert aus die Darstellung ihrer christlichen Religion. Der antike Weingott Dionysus war vermutlich nicht der „Namenspate“ des vermutlich aus einem (christlichen) Vornamen abgeleiteten Familiennamens, sondern der Heilige Dionysius aus vorreformatorischer Zeit.“ . Wenn in diesem Fall auch nicht der lustvolle Dionysos der Familie den Namen gab, will ich dennoch dessen Bedeutung in Erinnerung bringen. Bei Wikipedia heißt es u. a.: „Dionysos ist in der griechischen Götterwelt der Gott des Weines, der Freude, der Trauben, der Fruchtbarkeit, des Wahnsinns und der Ekstase. (…) In der Literatur und Poesie wird er häufig als Lysios (…) („der Sorgenbrecher“) bezeichnet.“ Dass er als auch Sorgenbrecher betitelt wird, war mir neu. Hübsch. Sehr, sehr hübsch. Klingt wie aus einem alten Film mit Heinz Erhardt. Plane, mich alsbald auf einen Sorgenbrecher zu verabreden. Oder auch zwei! Ach was – aller guten Dinge sind drei!
Mehr Pomp! Ich oute mich als Fan bombastischer Grabstätten. Was bei der vergleichsweise schlichten Grabstätte von Familie Ende passiert ist, täte mich auch interessieren. Das sieht aus, als wäre vor dem Rundbogen irgendetwas entfernt worden, ein Relief oder eine Figur. Das kann doch nicht das Ende der Familie Ende gewesen sein, so eine leere Fläche. Wer liegt denn da alles? Ich mache mir Gedanken über das Familien-Ende der Familie Ende!
Spreeathen. Auch auf meinem Rückweg von der Musikbrauerei. Da, wo die Greifswalder anfängt, gibt es auf der Anhöhe, dem echten Prenzlauer Berg, einen denkmalgeschützten Friedhof. Er heißt Georgen Parochial I. und hat selten schöne alte Grabstätten.
Die Abendsonne schien warm, ich ließ mich ein bißchen treiben.
Greifswalder Straße. Mein Rückweg von der Klimtshow in der Musikbrauerei war ein Spaziergang die Greifswalder Straße entlang, Laufrichtung Alexanderplatz. Bestimmt keine Empfehlung in Reiseführern, diese verkehrsreiche Straße für einen Spaziergang zu wählen. Aber ich hatte auf dem Hinweg auf der anderen Straßenseite von weitem diese Ladenfassade des Tattooladens gesehen, die wollte ich näher betrachten. Es korrespondierte stilistisch vorzüglich mit dem eben in der Projektion Gesehenen. So konnte ich meine Stimmung ein bißchen in die reale Außenwelt ausdehnen. Sehr gelungen, das Art Déco-inspirierte Fassadenelement. Und wenige Schritte weiter kam auf einmal das Hotel Adele. Auch wie ausgesucht, denn eines der letzten Projektionsbilder war Adele Bloch-Bauer. Dazwischen ein fast archaisch anmutendes Fassadentattoo, Herrn Putin gewidmet, auch geschmackvoll, schwarz auf sandfarbenem Ocker. Zuletzt fing mein Blick die rhythmisch gut gegliederte Fassade des neuen großen Gold Palais Hotel auf der gegenüberliegende Straßenseite. Dank meines ausgeprägten Talents, die Welt ausschnittweise zu fokussieren, das heißt, wie ein Location Scout durch einen Passepartoutrahmen zu betrachten, war es dann ein durchaus angenehmer Spaziergang. Ich bin übrigens nicht tätowiert.
Es wird noch mal bunt. Und damit schließe ich das Kapitel „Wie ich neulich bei der Multimedia-Show über Gustav war“. Übrigens bin ich nicht in jedem Fall von großen bunten Visuals oder Animationen beeindruckbar. Das muss schon geschmackssicher dargeboten sein. Ich sah einmal ausschnittsweise auf youtube einen animierten Zeichentrickfilm über das Leben von Vincent van Gogh, im Stil seiner Bilder aufbereitet. Ich konnte mir das nur zwei Minuten anschauen, mir wurde fast körperlich schlecht von dem Geflimmer, ich empfand da überhaupt keinen Mehrwert. Aber Viele fanden das Experiment toll, ja sensationell. Ich bin prinzipiell für alle Experimente, erlaube mir aber auch, etwas nicht zu mögen. Schnuppe ist mir dabei, ob es Mainstream ist oder nicht. Dass etwas breiten Anklang findet, ist für mich kein Auswahl- oder Ablehn-Kriterium für Qualität oder Relevanz. Ein großer Bekanntheitsgrad basiert auf einer Mischung aus gekonntem Marketing und dem Potenzial für breite Resonanz. Zu diesem Potenzial gehört unbedingt auch der Wille des Künstlers „da“ hinzuwollen. Also ganz nach oben. Gustav Klimt hatte diesen Willen. Und Albrecht Dürer und Gustav Mahler und Elvis usw. usf. Und die waren alle toll. Das wussten sie und wollten es dem Rest der Welt zeigen. Meine Privat-These zu weltlichem Erfolg ist seit geraumer Zeit, dass der Wille, sich professionellem Marketing zu unterziehen, genauso stark ausgeprägt sein muss, wie das künstlerische Potenzial und absolute Bereitschaft zur unausgesetzten Fokussierung darauf, in der DNA sein muss. Wer vor und nach dem Gepinsel oder Konzert oder Aufnahmestudio lieber chillt, kommt dann da eben niemals hin. Außerdem muss man den Status auch aushalten können, eine öffentlich bekannte Person zu sein. Einige kriegen es sehr konsequent hin, ihr Privatleben nahezu geheim zu halten, aber irgendetwas sickert halt immer durch. Wer privat in „it’s complicated“-Konstellationen lebt, wird mit einem prominenteren Status ein paar zusätzliche, Herausforderungen bekommen. Das will alles fein bedacht sein.
Letzter Eintrag für diesen Tag. Es dämmert. Ich habe nach langer Zeit gestaubsaugt, mit seltener Lust. Danach Bordeaux getrunken und eine Kiste davon bestellt, fand den so gut, Château Mont-Saint-Pey 2020. Bestellt Jahrgang 2013. Hoffe gut. Bis morgen.
Lavendel, Terracotta. Die geheime Kraft der Farben. Neulich ging mir durch den Kopf, ob es auf anderen Planeten Farben gibt, die wir nicht kennen, unvorstellbare Schattierungen, Töne, die wir niemals sehen werden. Ich ging an einem frühen, sonnigen Nachmittag die Hermannstraße entlang, ich fokussiere dann zumeist die alten Fassaden. Ein Mietshaus aus dem vorletzten Jahrhundert hatte einen Farbton zwischen Pastellgrün und Beige. Mir fiel die Bezeichnung für diesen Farbton nicht ein. Aber es gibt eine. Chamois ging mir durch den Kopf, aber das ist es auch nicht. Farben inspirieren mich ungeheuer. Ich bade darin, wenn sie mich in angenehmer Weise anspringen. Da tun sich Gefühlsexplosionen, ganze Zeitalter auf. Dieses Pastellviolett und angestaubte Orange. Was passiert da bei mir. Eine sehr verführerische Farbkombination ist für mich Orange mit Blau. Glücksgefühle, ekstatische Energien.
Ich sehe es so, dass die Weiterverarbeitung von bestehenden Kunstwerken mit zeitgenössischen Medien eine Erweiterung darstellt, als ob das Ur-Werk Kinder und Enkel bekommt. Das ursprüngliche Kunstwerk wird dadurch weder zerstört noch geschmälert, sondern erweitert und geehrt. Ich bin mir sicher, dass Gustav von oben herunterschaut und elektrisiert und voller Wohlwollen nickt. Es ist wie bei der Show „Sing meinen Song“. Die Coverversion vernichtet niemals das Lied, auf dem sie basiert, sondern ehrt die Grundidee und das hohe künstlerische Potenzial der Komposition. Meiner Erfahrung nach kommt Unverständnis oder bildungsbürgerlich borniertes Naserümpfen nur von klischeehaft rezipierenden, unoriginellen Zeitgenossen, die selbst in keiner Kunstform schöpferisch sind. Das Ist auffällig. Wer aus kreativem Holz geschnitzt ist, liebt das freie Spiel mit Medien und Mitteln aus Prinzip, hat das als Werkseinstellung, ohne x-beliebige Ergebnisse zu bejubeln. Das ist die Liebe zur Freiheit der Kunst. Wie Ludwig Hevesi so schön formuliert hat: „Der Zeit ihre Kunst, der Kunst ihre Freiheit.“ Ist im Wiener Secessionsgebäude eingemeißelt. Nicht von Klimt, das Zitat, wie es fälschlich auf der Infoseite der Münchner Klimtshow steht. Aber wir wissen ja, dass die Urheberschaft von gefälligen Zitaten nur seltenst geprüft wird.
Visuals, visuals, visuals. Auch auf dem Boden. Der scheint mitunter zu schwanken, wie ein Schiff bei hohem Seegang. Körperliche Erfahrung. Die Show ist in München noch bis 27. Juni zu sehen.
More Stuff. Visuals, Visuals, Visuals. Als ich den Abspann der Show sah, war ich baff, wieviele Visual Designer da zugange waren. Als ich vor fünfzehn Jahren den Poetryclub regelmäßig bei Bühnenperformances und Konzerten mit meinen Visuals bespielte, war das eine One Woman Show, die mich konzentrationsmäßig komplett forderte. Die Vorbereitung, welche Sequenz auf welchen Takt, welches Musikstück zu sehen sein muss, dann den Ablauf während der Show zu steuern. Bei der Klimtshow ist das alles vorprogammiert, es gibt keine Interaktion mit einer Live Performance, die berücksichtigt werden muss. Aber ich habe dennoch allergrößten Respekt vor dieser visuellen Meisterleistung.
Platz gefunden, zu meinen Füßen. Immer wieder aufs Neue eine Überraschung, wo ein Bild seinen Platz findet. Ich hatte eine Wand im Flur im Kopf, von der ich dafür extra sechs kleinere Bilder abhängte. Farblich hätte es gepasst, auch von der Größe, aber da hatte es nicht das Licht, das es braucht, ja fordert! Ging mir schon oft so, dass ich dachte, den idealen Platz zu wissen, dann hält man es hin und ist enttäuscht. Und dann findet sich doch noch ein Platz, wo es sich entfalten kann. Jetzt lehnt es in meinem Schlafzimmer an der Wand, vor einem Wandbehang. Ein bißchen Schatzkammer Cleopatra-Nofretete. Wie ihr Schlafzimmer wohl ausgesehen hat?
Alte Redensart, gerade zum ersten mal gehört: wenn ein weibliches Baby über dem errechneten Geburtstermin ist: „die putzt sich noch“. Und bei Buben? Oder werden das dann besonders eitle Jungs? Muss mir jetzt jedenfalls vorstellen, dass das gemeinte Mädchen, das gestern fällig gewesen wäre, noch an ihren Babyflaum-Löckchen herummacht.
Das Datum mit dem Ort steht für den großen Brand von Schloss Immendorf, wo bis zum 8. Mai 1945 wichtige österreichische Kunstschätze in Sicherheit gebracht wurden, unter anderem – angeblich – 16 Werke von Klimt, die dort – angeblich – verbrannten. Wichtige Werke. Grauenvolle Vorstellung wie diese Bilder in Flammen aufgehen. Es gibt aber Zweifel an der Behauptung der verbrannten Klimtbilder, wie ich in dem folgenden Artikel las.
Die Wiener Secession ist in meiner DNA. Bei wenig anderen Gruppierungen habe ich annähernd vergleichbare familiäre ‚Kollegen‘-Empfindungen. Ähnlich vorhanden auch bei der Glasgow School, zu der Charles Rennie Mackintosh und seine Frau Margaret MacDonald Mackintosh zählten. Und bei der Bloomsbury Group, um Vanessa Bell und Duncan Grant. Das ist rein emotional und stark verankert. Mitunter läuft in meinem Kopf ein phantasiertes Qualitätsmanagement ab. Ich sitze vor meinem Werk, Bild oder Skulptur, annähernd fertig oder auf der Zielgeraden, und befrage eine andere Epoche, ob es den Segen erhält. Ein weiteres von mir gerne imaginiertes Qualitätskriterium ist, ob es sich als Grabmal eignen könnte. Nicht für mich, für irgendwen, grundsätzlich. Es geht dabei um die Aura des Erhabenen, Ewigen. Daher kommt auch, dass ich oft so extrem handwerklich aufwändige Sachen mache. Als ob mir die Koryphäen einer versunkenen Ära über die Schulter sehen, und könnte ich deren Blick channeln. Das mag für jemanden bizarr oder sogar lächerlich klingen, der anders vorgeht, aber es widerfährt mir.
Sequenzen der Visuals vom Beethovenfries. Als ich das Werk im Original im Secessionsgebäude in Wien sah, musste ich weinen. Das komplexeste, welthaltigste und ergreifendste Werk von Klimt.
Als mich Ina vor ein paar Tagen animierte, mit Ihr zum Maskenball der Künstlerinnen zu gehen, stand ich vor der Herausforderung, mir eine Maske zu besorgen! Oder zu basteln. Nachdem ich mich ergebnislos im Bett gewälzt hatte, stand ich am Tag des Balls, gestern am Samstag recht früh auf, um eine alte Stiermaske aus Pappe zu suchen, die ich vor zwanzig Jahren mal gebastelt hatte. Ich konnte sie aber nicht finden. Ich ärgerte mich fast schon, dass das Motto „Maske“ war, schließlich musste ich nun lange genug Maske tragen, auch ohne Ball. Ich wurde schon ein bißchen bockig. Dann fiel mir ein, dass ich doch noch unbenutzte FFP2-Masken in meinem Haushalt habe. Damit musste sich doch was anstellen lassen. Auf jeden Fall wollte ich Luft kriegen, aber die Ohrenhenkel könnte man bestimmt brauchen. Ich holte die Nagelschere und fing an zu operieren. Zuerst schnippelte ich das Mittelteil raus und stellte fest, dass das weder gut aussieht, noch bequem ist, das Kinnteil störte. Ich operierte weiter. Am Ende waren nur noch die Ohrenhenkel dran und ein schmaler Rand vom oberen Ende. Auf der Seite war der Rand noch breiter, da habe ich dann keck Fransen hineingeschnitten. Ich wollte mehr Fransen! Das waren dann die vier anderen FFP2-Masken. Es gefiel mir ganz gut und ich konnte das Ding in die Tasche stecken. Fertig für den Maskenball! Ich war damit zwar nicht die absolute Ballkönigin aber die originelle Idee wurde gelobt. Und auch nachhaltig, irgendwie!
Bin heute noch gar nicht zum Bloggen gekommen, wegen Fotos. Also denen von gestern Abend. Ich war mit Ina beim Ball der Künstlerinnen im Camaro-Haus. Und da treffe ich unerwartet aber hocherfreut Katia! Sie sah einfach toll aus, für mich eine der besten Verkleidungen. Sie ist als Sachbearbeiterin gegangen! Mit Bürotasse und selbst gebastelter Marlboroschachtel in der Bluse. Toll. Einfach toll. Und schicker Haarfrisur, sehr gepflegt! Da, in dem Flickr-Album sind alle Bilder, könnt ihr schon mal gucken:
Und nun hereinspaziert, in den Haupttempel der großen Projektion. So viel Wien ums Eck in Berlin! Die Fortsetzung folgt anderntags, voraussichtlich morgen. Muss mich nun kunstgerecht präparieren. Es steht ein Maskenball an, hoffe, meine Maskerade kommt an!
Hernach passieren wir ein Chambre séparée. Ein funkelnder, turmhoher Raum mit Spiegeln und Goldpailletten. Ein Kind wollte gar nicht mehr weitergehen, es war so verliebt in sein Spiegelbild in der Glitzerwelt. Erwachsene trauen sich nie, sich so lange anzuschauen, obwohl sie es doch vielleicht auch gerne möchten!
Im Eingangs-Parcours von Klimts Kuss empfangen einen Zitate-Banner. Mutmaßlich Zitate von Klimt, aber so ganz sicher kann man sich da nie sein. „Alle Kunst ist erotisch“ steht da zum Beispiel. Könnte von ihm sein. Für ihn war das sicher der Fall. Für mich auch, aber bei Einigen wird sich da Widerspruch regen. Gustav war jedenfalls der Chef-Erotiker unter den Künstlern seiner Zeit, da gibt es kein Vertun. Der gute Schiele hat ihn sich zum Vorbild genommen, er war sein Schüler. Klimt war Schieles Mentor und hat ihn unterstützt, indem er Zeichnungen von ihm kaufte. First Things First: bitte Schularbeiten machen und das erotische zeichnerische Werk von Klimt studieren. Nicht immer nur Adele, den Kuss und die Attersseebilder und jovial abwinken. Nachsitzen!
Gestern Nachmittag begab es sich, dass ich mich in die Musikbrauerei in der Greifswalder Str. 23 begab. Dort läuft noch heute und morgen die Multimedia-Hommage an Gustav, die Show heißt „Klimts Kuss„. Hat mir gefallen, so in den Bildern zu baden. Ich konnte mich unverzüglich auf das Visuelle einlassen, ohne Schautafeln zu lesen, weil ich unendlich viel über Gustav und sein Werk gelesen habe. Auch mit Emilie Flöge habe ich mich eine Weile wissenschaftlich befasst. Aber letzten Endes wird das auch in dem großen Raum mit den psychedelischen Projektionen noch einmal erzählt. Ich kriege den Begriff nicht über die Lippen, wie so aufbereitete Shows mit Visuals neuerdings genannt werden, nicht, weil ich einen Sprachfehler hätte, sondern aus sprachästhetischen Gründen. Das Wort, das mit i anfängt und mit v aufhört, klingt für mich wie eine Operationsmethode, unangenehm. Ich bin da empfindlich. Ich habe hundertvierzehn Fotos dort gemacht, poste ich noch nach und nach. Hier sind alle, für den Gesamteindruck.
Da fehlen mir selbst die Worte. Die goldene Schachtel ausgekippt. Was so zueinanderfindet, im Goldrausch. Als ich das letzte Fragment setzte, kam im Zufallsmodus „When we walked in fields of Gold“, die Aufnahme von Eva Cassidy (geschrieben von Sting).
KALEIDOSKOP I. Goldene Zeiten. „When we walked in fields of Gold.“ Spannkeile, Goldfolie, Messingteile, geknacktes Keller-Vorhängeschloss, geflochtenes Lederarmband, kupferfarbene Taschenhenkel, Spiegelscherben, Moser Roth-Caramell-Schokoladenpapier, handbemalte Streichholzschachteln von Ana Schönsteiner, Streichholzschachtel Theatercafé Schweinfurt, Lindt-Osterhasengoldpapier, Klimt-Beethoven-Fries-Bild-Schnipsel von Info-Flyern 2014 Wiener Secession, LOVE-Stretchborte von Surfbooties, Domaine Houchart-Côtes de Provence-Rotwein-Etikett (Flasche 2008 mit Cosmic im Hanffeld getrunken), Fotoschnipsel Designerstuhl, Schokoladenschachtel Original Beans, Gaga Nielsen-Visitenkarten, Haftnotiz mit Tel.-Nr. Jan und Telefonkritzelei, ausgeschnittene Drucke von Ausstellungsflyer, Verpackungsfüllstoff Papiernetz, Fragment VOGUE-Seite, Schnipsel Tagesspiegel-Zeitungsartikel mit Sonnenuntergang mit Palmen-Foto, Teetassengoldscherbe, aufgefaltete Trüffel-Goldschachtel, Zacken-Fragmente Ausdruck Gaga Nielsen-Bild „Evolution“, Postkartentüte mit Aufdruck „AT PUNKT“, blattvergoldetes Textilnetzfragment, blattvergoldete Papier-Zieharmonika, Eichenblätter vom Anita-Berber-Park, Jenny Kittmann-„Bargeflüster“-Booklet-Kuvert mit Widmung 17.11.2022, Herzblatt aus Pfütze Joachimstraße, Drucke von Frantisek-Kupka-Bildern „Amorpha, warm chromatic“ und „Ordonnance sur verticales en jaune“ 1913, Nielsen-Verpackungskarton, aufgesammelte Havel-Muscheln, Briefmarke aus den Siebzigern mit Jugendstilkopf, orange Halsmanschette Ginflasche, Fragmente zerlegte Geschenkschachtel mit Roségold-Arabesken, Etiketten von vier Flaschen Grauburgunder Schloss Bockfließ „Adele I“ mit Klimt-Motiv, Ausdruck Gaga Nielsen-Bild „Feuer des Lebens“, Foto Gaga Nielsen, aufgetrenntes Paillettenmäppchen, Postkarte mit Portrait-Zeichnung von Leonardo da Vinci, Flyer von Karl Neukauf-Konzert 2017, zerteilter Ausdruck „The Wassail“ von Charles Rennie Mackintosh 1900, Neil Young-Portraitfoto Siebziger Jahre, Zuckertütchen Café Einstein, Visitenkarten UFA Talentbase und Ana Schönsteiner, Zündholzheftchen Grill Royal, Visitenkarte Café Bleibtreu, goldfarbene Metallsägeblätter, oranger Einbandkarton, Klebstoff, Kleiderbügelrundhölzer, Bambus-Stöckchen von Blumentöpfen, Papprückwand, Barockrahmen Bordeauxgold, 107,5 x 157,5 cm, 10. – 11., 13. – 16., 18. – 19., 21. – 25., 27. – 29. April 2023 und 7. – 11. Mai 2023, Staatliche Museen von Gaganien
Der Mai, so schön. Mit das Beste, was das Leben auf Erden zu bieten hat. Im Frühling verlieben sich die Menschen in die Erde, die lebende Materie. Herrliche, flirrende Materie. Die Erdmaterie. Das ist nicht verwerflich, sondern Würdigung des irdischen Lebens. In dem Moment, wo man durch das lichternde Grün streift, gehört es einem, auf jedem Meter. Und wer danach kommt, der hat es auch. Ich frage mich manchmal, ob Menschen, die viel Geld für einen Garten mit Zaun ausgeben, dieses Gefühl nicht kennen, durch eine grüne Wildnis zu streifen, mit dem Gefühl, dass einem das alles gehört. Mir reichen diese Sekunden von Besitz. Wichtig ist die Freiheit, diese Schätze besuchen zu können. Das ist der Reichtum.
Moos und Magnolie, Mai in den verwilderten Prinzessinnengärten. Was so ein wundervolles Grabmal wohl einmal gekostet haben mag? Unbezahlbar, wie nun Moos ihr Haar zum Leben erweckt.
So sieht es in meinem Kopf aus, Stand 8. Mai 2023. Ich fabriziere eine neue Serie, die ich „Kaleidoskop“ nenne und römisch durchnummeriere. Dieses Exemplar heißt „Kaleidoskop II“ und hat mehrere Untertitel, nämlich „Das sentimentale Archiv“ – „gaga vision gallery“ und „kunterbunt“. Das war der Schachtelinhalt mit den kunterbunten Sachen, Schwerpunkt blau-weiß-orange. Es ist bisher das kleinste Bild der Serie, nämlich 50 x 70 cm. Es besteht aus: Zeitungsartikelschnipseln, in der Mitte einem Mousepad mit einem Foto und kleinen Bildern von mir, das mir einnmal eine liebe Frau geschenkt hat. Sie hatte das Bild ca. 2001 von der damaligen Startseite meiner Homepage runtergeladen. Damals benutzte ich noch Mousepads, heute nicht mehr. Außerdem im Bild mit demselben Motiv: zwei übrig gebliebene Visitenkarten, daneben eine Visitenkarte vom Café Bleibtreu, Stoffstückchen von einem kunterbunten Seitenstreifen einer Lieblingsjeans, die irgendwann am Hintern zerissen ist. Die Hose hatte ich Ende der Neunziger Jahre bei Orsay in Steglitz gekauft, der bunte eingenähte Streifen an den Hosenbeinen hatte so eine mexikanisch angehauchte Anmutung, ich habe ihn nun defragmentiert. Des weiteren im Bild: zwei Ausdrucke von zwei eigenen Gemälden, „orangeblue“ und „Julimond„, das auf Stoffresten von Jenny basiert. Bei den Schnipseln aus Illustrierten ist u. a. ein buntes Bild von Otmar Alt dabei, rechts unten. Außerdem ein Computerausdruck eines Lieblingsbildes von André Lhote, links oben. Dann noch Schnipsel von einer Eintrittskarte von 2018 für den Berlin Beat Club in der Freiluftbühne an der Zitadelle, und last but not least: ein Flugticket vom Mai 2014 für die Strecke Berlin-Vienna. Links, mittlere Höhe, der Flieger! Dann habe ich noch mit Acrylmalstiften drübergemalt, um alles miteinander zu verbinden, so wie in meinem bunten Kopf.
KALEIDOSKOP II. kunterbunt. Das sentimentale Archiv. gaga vision gallery. Memorabilia, Mousepad, Seitenstreifen Lieblingsjeans, Acryl, Kleber, Papprückwand, Holzrahmen, 50 x 70 cm, 30. April, 7. und 8. Mai 2023, Staatliche Museen v. Gaganien
Las gerade bei Kirchhoff die selten gehörte Wendung „mit Aplomb“. Musste nachsehen, was das nochmal heißt. Kontext bei Kirchhoff: „(…) und Cathy, oder wie sie hieß, kam mit Aplomb auf die jungen Beine, nahm ihren Rucksack und ging (…).“
Wikipedia definiert Aplomb so: „Das (oder der) Aplomb (vom lateinischen plumbum „Blei“, „Senkblei“, im Französischen aplomb oder auch à plomp „senkrecht“) ist ein prägnanter Ausdruck für eine gerade, sichere Haltung, ein selbstsicheres Auftreten, Nachdrücklichkeit in der Rede, Gelassenheit bis hin zur Dreistigkeit. Im Balletttanz bezeichnet der Begriff Aplomb die Fähigkeit zum Abfangen einer Bewegung, entspricht also der Balance. Im 18. Jahrhundert, als das tägliche Verhalten in den höheren Gesellschaftsschichten stark von Tanzbewegungen geprägt war, wurde der Ausdruck Aplomb generell für ein souveränes bis stürmisches Verhalten verwendet, ähnlich der Bravour.“
In der Definition gefällt mir besonders das Bild „Gelassenheit bis hin zur Dreistigkeit“. Nicht die Haltung gefällt mir, die Beschreibung dieses speziellen Auftretens ist ungeheuer prägnant. Bei Kirchhoff hätte vielleicht „souverän“ oder „mit Verve“ besser gepasst, aber wer bin ich, Kirchhoff Vorschläge zu unterbreiten. Das Buch ist ja auch schon gedruckt und er wird sich schon etwas dabei gedacht haben. Vielleicht kannte er auch den Ballett-relevanten Bezug von „Aplomb“, mit dem „Gleichgewicht ausbalancieren“ oder im Sinne von senkrecht, dann passt es wieder. Aber wer kennt diesen Bezug schon. Ich hatte nie Ballett-Unterricht. Ob Kirchhoff spezielle Kenntnisse von Ballett-Tanz hat? Aber an der Stelle klingt „mit Aplomb“ auch einfach gut. Knackig. Vom musikalischen her schon in Ordnung, und er ist ja ein musikalischer Schriftsteller. Sehr guter Rhythmus in seiner Schreibe.
Der kleine Fliederbusch auf dem Balkon blüht wieder. Erst seit vier oder fünf Jahren beglückt mich ein Seitentrieb mit Blüten, bestimmt zehn Jahre gab es keine, ich dachte, er wäre tot und dass es eine blöde Idee war, einen Fliederbaum auf dem Balkon halten zu wollen, wenn ich auch von Anfang an ein relativ großes Erdreich für einen Balkon, ein kleines Beet für ihn geschaffen habe. Was da jetzt alles grünt, ist winterhart und immer da, der Bambus ist auch immergrün. Ich habe seit drei Jahren nichts dazugepflanzt. Am meisten freut mich, dass die Schneeballhortensie und die Hortensie daneben sich so gut eingelebt haben, dass sie jetzt im dritten Jahr wieder schön sprießen und bald blühen. Ich bin eine faule Gärtnerin, am liebsten soll alles wachsen, wie es will und bitte wiederkommen. Ich gieße momentan auch fast noch gar nicht, das mache ich aber schon ordentlich, wenn heiße Tage kommen. Für den schattigen Balkon auf der Nordseite sind Hortensien wie gemacht, die mögen das. Aber der Flieder reckt sich zur Sonne, die kriegt er nur, wenn er sich ein bißchen anstrengt. Macht er fein!
Die vier kleinen Wanderfalkenkinder im Sinwellturm sind ganz schön gewachsen und das weiße flauschige Babykleid („Dunenkleid“), das ausgesehen hat wie der Bühnenmantel von Marlene Dietrich, wird gerade durch richtige, dunkle Federn ausgewechselt. Sieht aus, als hätte jemand einen Aschenbecher drübergekippt! Gestern Nachmittag große Aufregung, ein Falkenkind ist bei Flugübungen abgestürzt, ja, das gibt’s! Die können das nicht sofort perfekt. Hab ich auch nicht gewusst, die Feuerwehr musste kommen und den Kleinen vom Dach bergen.
Die Mitteilung im Logbuch: „7.5.2023 Erfolgreiche Rettungsaktion – Herzlichen Dank! Unsere vier jungen Wanderfalken sind nun wieder gemeinsam in Horst. Ein männlicher Jungvogel war gegen 17 Uhr bei Flugübungen abgestürzt. Wir haben umgehend die Rettungsaktion in die Wege geleitet (Vielen Dank auch an die Burgverwaltung Nürnberg). Die Berufsfeuerwehr konnte den Vogel mit Unterstützung eines Falkners vom Dach bergen. Kurze Zeit später wurde er wieder zu seinen Geschwistern zurück in den Horst gesetzt.“
TIARA TIME…! Just in case you missed MORE TIARAS ♕ Minute 1:46 – 1:49 ist speziell interessant :-) Wie ich mich in diesen Haufen Royalisten aus dem Commonwealth eingeschmuggelt habe? Ich bin Fan von Fiona, einer Youtuberin, die den Channel „Avid Gardener“ betreibt. Sie hatte vor drei Wochen die Idee, wir, ihre Zuschauer, sollten ihr Tiara-Fotos schicken, um das historische Ereignis der Krönung von Charles III. zu würdigen. Sie schrieb ihre Mailadresse unter ihren Aufruf und ich schickte ihr die zwei Fotos, die da jetzt bei Minute 1:46 zu sehen sind. Viele der Bilder sind echt ganz schön blurry, das schreibt sie ja auch, aber die Geste zählt. Wirklich lustige Leute, die mitgemacht haben. Fiona stammt gebürtig aus Brighton, wo sie aufgewachsen ist, lebt aber seit ein paar Jahren in Gibraltar und macht dort mit ihrem Mann Graham Dolphin Safaris. Er hat ihr geholfen, die Fotos in das Video einzubauen. Eine schöne Erinnerung. Zumal es bei der Krönung auf den Wunsch von Charles keine Tiaras gab, es sollte ein tagestaugliches Outfit getragen werden. Nur Catherine hat ein bißchen geschummelt, mit ihrem Kopfputz. Sah wie eine Tiara aus, war aber keine, sondern nur ein silbern colorierter Blätter-Haarreif.
Und Elisabeth schaut von oben zu. Das vierte Bild meines Elisabeth-Quartetts. Nun King Charles mit seiner Camilla auf dem Balkon, die schweren Kronen auf den Häuptern. Die Düsenflieger sind über den Buckinghampalast gedüst. Der wichtigste Teil der britischen Operette ist über die Bühne gegangen. Catherine toll in Alexander McQueen mit dem blauroten Cape und der Blütenblätter-Tiara, passend zu Prinzessin Charlotte, die Kleine winkt, süß wie immer. Das Volk jubelt. ♕ GOD SAVE THE KING.
ELIZABETH AD ASTRA. Bemalte Prints historischer Elisabeth-Briefmarken, Kleber, Acryl, Blattsilber, Blattgold, Jadesteine, Spiegelmosaiksteine, Strass, Leinwand, 64 x 74 x 4 cm, 30. September 2022, 9. – 13. Oktober, 15. – 17. Oktober, 20. Oktober, 22. – 23. Oktober, 25. – 30. Oktober 2022, 2. und 4. November 2022, Staatliche Museen von Gaganien, Königliche Sammlung ♕
Jetzt begreift man erst die Grandezza dieser Krönung, die Repräsentanten anderer Religionen in die Liturgie einzubinden. Wunderbares Symbol für den Weltfrieden.
Zur feierlichen Einstimmung auf die Krönung von Charles III. zeige ich das dritte Bild von vier Bildern, die anlässlich des Abschieds von Elisabeth II. entstanden sind. Welcher Tag könnte besser dafür passen, als der Tag der Krönungsfeierlichkeiten ihre Sohnes und Nachfolgers, Charles III. Ich poste dies, während ich die Fernsehbilder verfolge. Abwechselnd RTL mit Frauke Ludowig und Guido Maria Kretschmer und die Berichterstattung im Ersten mit Leontine von Schmettow und anderen Gästen. Ich schaue überwiegend Frauke und Guido, die ich beide sehr schätze, und in den Werbepausen schalte ich um. Tolles Musikprogramm in der Westminster Abbey, schöne feierliche Einstimmung. Am 2. Juni 1953 hat es auch in London geregnet, so wie heute. Wie wir gelernt haben, kein schlechtes Vorzeichen. Regen bringt Segen. Vorhin habe ich Nick Cave in den Reihen der Gäste in der Westminster Abbey entdeckt (schwarzer Anzug, weißes Hemd).
IN MEMORIAM ELIZABETH II. Ausdrucke vergrößerter historischer Briefmarken zur Krönung von Elizabeth II. am 2. Juni 1953, Kleber, Acryl, Blattgold, Strass, Leinwand, 50 x 100 x 4 cm, 27. – 30. September 2022, 9. – 13. Oktober, 15. – 17. Oktober, 20. Oktober, 22. – 23. Oktober, 25. – 30. Oktober 2022, 2. November 2022, Staatliche Museen von Gaganien, Königliche Sammlung ♕
And now to something completely different! WAITING FOR THE CORONATION!♕ Ich habe meine bevorzugten Youtuber, die sich ganz der royalen Berichterstattung verschrieben haben. Eingeweihten sind „According 2taz„, „Lady C. (Lady Colin Campbell)„, „River„, „PDina„, „Avid Gardener“ und neuerdings auch „The Vintage Read Show“ ein Begriff, um nur die Sympathischsten zu nennen (for what it’s worth). Die Aufregung auf diesen Channels ist nun groß, da die Krönung unmittelbar bevorsteht. Ich mache daher nun einen innerlichen Switch, inneren Tapetenwechsel, um dieses Ereignis ab jetzt und am Wochenende zu würdigen. Da wird hier so manches von mir gepostet. Was ich sehr genieße, die tatsächlichen Alltagsredewendungen mitzukriegen und die bei bestimmten Worten unterschiedliche Aussprache. Das britische Englisch ist mir schon das Liebste. Ich bin ganz verliebt, wie zum Beispiel Taz Wochenende auf Englisch ausspricht. Das habe ich tatsächlich jetzt erst so richtig gelernt. Sie sagt „Wiek-Hend.“ PDina, die Amerikanerin, sagt „Wiekend“, wie wir es in der Schule gelernt haben. Die Australier glaube ich auch. Die genannten Youtuber sind aus Großbritannien, Nordamerika und Australien. It’s Tiara Time! Stay Tuned! ♕
10:10 S-Bahn Richtung Hbf., 3er Gruppe Berliner Rentner. 2 Damen, 1 Herr. „Man müsste viel öfter mal so….“ (Geste zum Fenster hinaus) „sich das alles mal wieder so“. Die Eine: „wie meinst Du das?“ „Na ja, wg. all dem, was jetzt so lange nicht ging“ (Gespräch kommt auf Spandau) „Spandau dit is ja ooch – hast det einmal jesehn und denn isset jut.“
Reisegruppe ca. 20 Personen, sammelt sich im Bistro, ich finde ein Plätzchen auf einer Polsterbank mit Tisch, links von mir ein junger Mann, der eifrig Zahlenkolonnen auf seinem Notebook studiert, ab und zu telefoniert er kurz leise, tauscht sich mit jemandem auf Englisch über seine Analysen aus, ich lausche aber nicht richtig. Er scheint tatsächlich zu arbeiten, kein Herumgedaddel, keine lautstarken Poser-Telefonate mit viel Getue, alles mit gesenkter Stimme. Die Reisegruppe, offenbar Kollegen, hauptsächlich Frauen, tauscht sich hingegen mit gar nicht gesenkten Stimmen aus. Es geht auf Elf zu, die ersten Sektfläschchen werden für die Runde geordert. Ich versuche mich auf Bodo Kirchhoff zu konzentrieren, brauche ungefähr 10 Minuten für eine Seite. Ich versuche aus dem Austausch der Damen herauszuhören, um welche Berufsgruppe oder Branche es sich handeln könnte. Eine Wortführerin, ca. Ende Dreißig, brünett, attraktiv, schicke Pferdeschwanzfrisur, eng sitzende Jeans, langärmliges, creme-weißes Shirt mit PARIS-Applikation und rotem Herz über dem i
(braungebrannt, gute Zähne), gibt ein Erlebnis zum besten. Inhalt sinngemäß ein Geburtsvorgang. Fragen zur Namenswahl für den Säugling, und dass mitgeteilt wurde, man wolle das Kind erst sehen (verstehe ich komplett). Die Pferdeschwanz-Kollegin berichtet im Ton des Unverständnisses. Ich tippe nun auf medizinisches Fachpersonal. Krankenschwestern, Ärzte! Die zwei Männer in der Gruppe haben kurzärmlige Poloshirts an und wirken auch irgendwie Ärzte-haft. Durchtrainiert, ruhige Ausstrahlung, intelligent, zupackend, kompetent. Die ganze Gruppe wirkt auf mich pragmatisch, praktisch veranlagt, zupackend aber auch gebildet. Gutes Gruppenverhalten, Teamgeist, unegoistisch. „Paris“ bestellt sich nun Currywurst und ist pünktlich zum Ausstieg in Leipzig fertig. Eine andere Kollegin sammelt die leeren Sekt-Pappbecher ein. Mitunter ging es im Palaver auch um Kostümierungen, die bevorzustehen scheinen. Eventuell Teambuilding-Maßnahme mit Ringelpiez mit Anfassen in Leipziger Seminarhotel? Ich weiß es nicht und werde es nie erfahren. Nur kriegte ich noch mit, dass der Bistro-Chef der ganzen Gruppe ein Gratis-Getränk ausgab. Ich vermute als Entschädigung für die entfallenen Platzreservierungen für die Großgruppe. Ich horche auf, sage „oh! Ein Getränk???“ Eine Kollegin aus der Gruppe klärt mich auf, durchaus freundlich: „Ja, aber nicht für Sie, Sie gehören ja nicht zu unserer Gruppe!“ Ich verstehe. Ich hatte ja auch keine entfallene Platzreservierung zu beklagen, da ich nie reserviere. Ich habe gerne die freie Auswahl, ohne Aufpreis. Es findet sich fast immer ein Plätzchen, manchmal auch auf dem weichen Teppich auf dem Gang. Nach Leipzig habe ich Lust auf einen Platzwechsel, nehme Buch und Umhängetasche und finde…
(…) einen Premiumplatz im Bord-Restaurant, weniger Meter vom Bordbistro. Sogleich kommt eine nette blonde Kellnerin mit Zopffrisur, adrett geflochten, und nimmt die Bestellung auf. Es ist kurz vor 12 Uhr, ich bestelle gegen meine sonstigen Gewohnheiten eine warme Mahlzeit, nämlich Chili con Carne, dazu ein kleines Bitburger. So früh trinke ich sonst nie, aber es korrespondiert einwandfrei mit dem Chili con Carne, das superheiß mit einem extra Tütchen Chiliflocken serviert wird. Heißes Chili, kaltes Pils, prima! Nebenher lese ich wieder im Kirchhoff, komme nicht recht voran, weil ich abermals der Konversation am Nebentisch folge. Ein Mann, eine Frau, offenbar Zugbekanntschaft, tauschen sich angeregt über ihren bisherigen beruflichen Werdegang aus. Er Hamburger Slang, sie leicht fränkisch. Auf meiner Sichtachse außerdem zwei, drei Männer, ca. um die Vierzig, der Eine in einer Art maritimen Freizeitlook gekleidet, dunkelblau-cremeweiß fein geringeltes Shirt, darüber ein lockeres dunkelblaues Sakko, hellgraue Popelinehose, Turnschuhe, guter Haarschnitt, brünett. Gutaussehend. Eine stylishe Brille mit Retro-Gestell à la Woody Allen liegt vor ihm auf dem Tisch, während er sich angeregt mit seinem Gegenüber austauscht. Mitunter geht sein Blick direkt in meine Richtung. Ich verstehe nicht, was gesprochen wird, aber höre die Stimmlage, relativ hoch und hell für einen „so“ aussehenden Mann. Mir fällt auf, dass er dadurch massiv an Attraktivität für mich verliert.
Ein älterer Mann, ca. Anfang Sechzig, intellektuell wirkend, schlank, groß, leicht furchige Gesichtszüge, betritt das Bordrestaurant und fragt mich, ob an meinem (2er-)Tisch noch Platz sei. Ich sage ja, er nimmt mir gegenüber Platz, ich löffle mein Chili. Er fragt, ob es gut ist, ich sage ja, „auch schön scharf“. Und dass es ja auch nur zwei Sachen zur Auswahl gibt: Chili con Carne und Curry Wurst (also an warmen Speisen, sonst Wraps und Baguettes). Er bestellt auch das Chili und eine Coke Zero. Ich denke kurz darüber nach, ob er trockener Alkoholiker ist. Viele Fahrgäste bestellen – wie ich auch – auf Reisen auch schon mal früher ein alkoholhaltiges Begleitgetränk. Er bestellt sehr routiniert zu seinem Chili eine „Extrawurst“, nämlich ein „getoastetes Brötchen mit extra Butter“. Die Kellnerin muss leider bei der extra Butter passen. Dass er das regulär mit dem Chili servierte Brötchen „getoasted“ bestellt hat, hat sie wohl geflissentlich übergangen. Kurz bevor sein Chili an den kleinen Tisch kommt, bin ich mit meinem fertig und kann Platz für seines machen, indem ich den dicken Kirchhoff zu mir ziehe. Ich bemerke mehr Lust zu haben, diese kleinen Reisebeobachtungen aufzuschreiben, als zu lesen. So sitze ich nun hier und schreibe auf DIN A4-Papier. Schon die vierte Seite! Leere Rückseiten meiner ausgedruckten Reise-Infos. Jetzt: „Bamberg“. Danach „Erlangen“. Da steige ich aus!
21:15 / ICE 500 → Erlangen, Bln. Gesundbrunnen.
Bord-Restaurant. Currywurst mit Pommes (m. einer Extra Portion Chiliflocken! Dafür gabs schönes Trinkgeld). Das zweite Bitburger. Nun satt. Nach Ankunft in Erlangen Umsteigen in die S1 nach Fürth, Notar-Termin. Mein Neffe Valerian wusste nicht, dass ich mit der S-Bahn aus Erlangen komme, aber wir fanden uns unten im Gang zu den Bahnsteigen. Seine Sabrina war auch da, wir drückten uns. Dann Richtung Innenstadt spaziert, noch Zeit bis zum Notar-Termin, ich war gegen 14:05 angekommen, der Termin um 15 Uhr. Wir tranken Cappucchino im sehr sommerlichen Sonnenschein im Café … (Casa Pane) am xy-Platz (Friedrichstr. 8) mit Zuckerbäckerfassade(keine Fotos gemacht, Kamera daheim). Vorher unterwegs noch Mandarinen und Pfingstrosen für Mama besorgt. Nun Spaziergang zum Notar in der Königstr.. Was für eine Lage! Direkt am Wiesengrund, hier lässt es sich notariell arbeiten, toll. Der Notar hatte einen späteren Termin im Kalender, 16 Uhr, noch ein Mandant/Klient vor uns. Gehen wir spazieren, er würde auf dem Handy anrufen (Valerians) wenn der Klient vor uns versorgt wäre. Wir spazierten zum Wiesengrund und tauschten uns aus. Eingemachtes. Keine Details. Dann klingelte auch schon der Notar durch, weit vor 16 Uhr. Wir gingen zurück, ich hatte die Mama-Pfingstrosen zum Glück von der Notariatsfachangestellten ins Wasser stellen lassen. In einem sehr modernen Besprechungszimmer empfing uns der Stellvertreter des Notars, ein sehr adretter junger Mann in Schlips und Anzug. Und es ging los! Und dann kam uns der RÜCKLÄUFIGE MERKUR (!) dazwischen. →
Klärungsbedarf. (Hier Schweigepflicht) Ein neuer Termin, nach weiteren Abstimmungen, wurde anberaumt. So blöd das war, ich war auch erleichtert, weil ich erst tags zuvor in die Ephemeriden geschaut hatte, und gesehen, dass Merkur bis einschl. 15. Mai 23 rückläufig ist. Keine Verträge schließen! Urältestes Astrologengesetz. Keine Verträge um wichtige Angelegenheiten unterzeichnen. Puh, das war knapp. Der Notar hatte so entschieden. Ende Juni dann, da capo. Kein rückläufiger Merkur. Dann endlich zum Mama-Besuch. Und nun schreibe ich dies im ICE 500, zurück nach Berlin, auf dem letzten freien Platz meiner Reiseunterlagen-Zettellage. Im Bord-Restaurant sitzen außer mir nur noch Männer im Alter zwischen 35 und 50. Der Mann gegenüber hat vorhin seine Freundin(?) am Telefon angelogen. Er hatte nur eine Flasche Bier vor sich und kokettierte:
Und mit diesem halb fertigen Satz bricht mein handschriftlicher Reisebereicht komplett ab. Ich guckte wohl irgendwie nachdenkend in die Luft und nahm einen Schluck und legte den Stift hin. Der letzte Satz wäre in etwa so weitergegangen: „(…) Er hatte nur eine Flasche Bier vor sich und kokettierte: „ich sitze wie immer im Bordrestaurant, ich esse mich doch immer komplett durch die Karte“. Ich dachte so bei mir: Du Aufschneider! Überhaupt neigte er stark zum Ausschmücken seiner Erlebnisse, ich meinte, bei allem eine Übertreibung herauszuhören. Auf seiner picobello sauberen Tischhälfte war außer einem Bierglas und der Bierflasche kein einziger Fussel oder Krümel einer verzehrten Speise. Ich dachte mir so meinen Teil über diesen Herrn! Wahrscheinlich nimmt er es auch sonst nicht so genau mit der Wahrheit! Oder aber ich täusche mich, und er hat, bevor ich kam, schon jede Menge verzehrt, aber warum ist dann der Tisch so sauber?“
Aber das konnte ich nicht mehr schreiben, denn es entspann sich mit meinem Gegenüber, dem ich gerade mangelnde Wahrheitsliebe unterstellt hatte, ein sehr, sehr langes, durchaus anregendes Gespräch bis zum Ende der Fahrt nach Berlin.
Und das kam so: der plaudernde Geselle mir gegenüber hatte sein Telefonat mittlerweile beendet. Am Nebentisch saßen zwei Enddreißiger und der Eine fragte die Kellnerin nach einer Weinempfehlung. Oder doch lieber Bier? Mein Gegenüber mischte sich keck ein – man könnte es auch hilfsbereit nennen – und empfahl das von ihm gewählte Craft Beer (Name der Biersorte vergessen). Ich mischte mich nun ebenso keck ein: „ICH empfehle Bitburger!“ Die uns umringenden Herren begannen zu lachen. Der Orientierung suchende Herr am Nebentisch warf ein: „ja – und aber Wein?“ Ich: „Na was steht denn da, was gibt es denn? Ich kenne mich da ein bißchen aus!“ Der Weintrinker: „irgendein Cuvée“ Ich bat ihn, mir die Karte, auf die er gerade geguckt hatte, rüberzureichen. Da gab es in der Rotweinabteilung irgendeinen aus Baden Württemberg, hörte sich vertrauenswerweckend an, das sagte ich ihm. „Jedenfalls besser als ein Italiener!“ Die Kellnerin schwirrte vorbei: „wir haben nur vorzügliche Weine!“. Ich: „klingt gut!“.
Mein Gegenüber begann nun leicht zu rebellieren – oder man könnte auch sagen, seine freundliche Craft Beer-Empfehlung zu bestärken, also in meine Richtung: „Das ist WIRKLICH süffig!“ Ich schaute mir neugierig und durchaus anerkenned das Etikett seiner Flasche an (da stand der komische Name und Bio und dass Brot vergoren wird) und verteidigte mein Bitburger. „Ich mag es möglichst herb!“ Er führte nun en detail aus, wie er die Einführung dieser Craft Beer-Sorte als Fahrgast quasi begleitet hat und ein social media posting darüber abgesetzt hat. Auch das Datum war ihm wichtig, mir mitzuteilen. Ich winkte ab, das sei doch wohl nicht so wichig. Er insistierte. Wohl am 27 April. Oder war es der 27. März? Jedenfalls tränke er seit Einführung im Bord-Restaurant nichts mehr anderes, und er fahre annähernd täglich mit der Bahn!
Irgendwie war der Palaver mit ihm dann doch recht launig, er entschuldigte sich, dass er mich bei meinen sicher wichtigen Notizen unterbrochen hätte. Nun war es an mir, zu erhellen, worum es sich bei meinen Notizen handelte. Sein Gesicht hellte sich merklich interessiert auf! Ich ließ ihn wissen, dass es meine Reisenotizen während der heutigen Bahnfahrten waren, wo ich unter anderem meine Gedanken zu anderen Fahrgästen festhielte. Ob ich zu ihm auch was geschrieben hätte, wollte er wissen. Ich: „Ich war gerade dabei!“ Er: „ACH!“ Ich teilte ihm nun mit, dass ich das ja alles bloggen wollte und abfotografieren. Er gab mir den Tipp es aber auch noch abzutippen, weil er es machen würde, weil perfektionistisch in solchen Sachen. Ich überlegte. Hm ja. Da kam mir die Idee, ihn zu fragen, ob er versuchen wollte, meine Notizen zu entziffern, ich war unsicher, ob das meine Leser überhaupt lesen könnten und er wäre da ein hervorragender Proband. Ich schob ihm alle Notizblätter zu. Unverzüglich begann er vorzulesen und konnte das Meiste sofort richtig identifizieren. Hin und wieder kam er ins Stocken und ich musste Nachhilfe erteilen. Meistens hatte ich selbst bei den Stellen, wo er sich schwer tat, Probleme das Gelesene zu erkennen. Aber ich hatte ja schon einige Jahrzehnte Übung voraus und so klappte es im Teamwork recht gut.
Da er an den Stellen ein gewisses Amusement erkennen ließ, die mich selber amüsierten, musste ich nun eingestehen, dass mir da kein blöder Aufschneider, sondern, ein offenbar recht scharfsinniger junger Mann gegenüber saß. Man stellte sich nun ordungsmäß namentlich vor. Ich erfuhr auch sein Alter (42) und noch so manches mehr. Matthias, so sein Name, fand speziell die Stelle gut, wo ich meine Enterotisierung aufgrund der unerwartet hohen Stimme des einen attraktiven Fahrgastes beschrieb. Die Stelle fand ich auch selber sehr gelungen! Der langen Rede kurzer Sinn: wir kamen nach Ende der Lektüre meiner Notizen von Hölzchen auf Stöckchen und recht schnell zeigte sich, dass mir da doch eine recht komplexe Persönlichkeit gegenüber saß. Sogar Klavier spielen konnte er! Auch ernste Themen fanden ihren Platz in unserer intensiven Konversation. Das letzte Bitburger ging auf seine Rechnung. Wofür ich mich bedankte. Ich versicherte ihm noch, ihm einen Link zu diesem bevorstehenden Eintrag hier zu übersenden. Dies wird noch heute geschehen! Er stieg am Hbf aus, ich fuhr bis zur Endstation Gesundbrunnen und von da mit der U8 bis Rosenthaler Platz. Was für ein Tag. Ich fiel schwer ins Bett.
Heute ganz lang offline, muss in einer guten halben Stunde los, der ICE wartet auf mich. Bzw. wartet nicht! Sonne scheint, zuerst ein Notar-Termin mit meinem Neffen, dann Mama-Besuch. Am Abend mit dem ICE zurück. Schalte mich gegen Mitternacht wieder zu. Habt einen guten Tag.
Während ich derzeit unterwegs das sehr dicke „Die Liebe in groben Zügen“ von Kirchhoff in S-Bahn- und U-Bahn-Zügen lese, fange ich zunehmend an, Passagen, ganze halbe Kapitel zu überblättern. Warum ist dieses Buch so dick, warum diese staubigen Franz von Assisi-Einschübe. Ich möchte kein Schriftsteller sein, dessen Buch von mir renzensiert wird. Ich werde immer ungeduldiger, kommt es mir vor, wenn ein Buch in geschwätziges Ausleuchten von Nebenschauplätzen abdriftet. Als Hauptplot wurde doch die Liebesbeziehung eines reiferen Paares avisiert, beide beginnen Liebeleien mit anderen und sind dennoch unangetastet verbunden. Die Abschnitte sind gelungen, wo er genau bei diesem Kern der Geschichte bleibt. Großartige Passagen gibt es da. Und dann wieder zuviel Havanna und Geschwätzigkeit, die wohl für Atmosphäre herhalten soll, um die Seiten zu füllen… weil man es erlebt hat? Ich befrage mich, wann mich ein Text packt. Mich interessieren Hintergedanken. Das meist Unausgesprochene. Dafür lohnt es sich schon fast, Schriftsteller zu werden, weil man in einem Roman sehr persönliche Wahrheiten und Hintergedanken veröffentlichen kann, ohne als verräterisch oder indiskret zu gelten.
Les Climats, Pohlstr. 75, Nähe Potsdamer Str., Tiergarten. Nach dem Essen. Lauschiger Abend in guter Gesellschaft. Habe Vin Orange aus dem Burgund getrunken, der blind wie ein mineralischer, herber Weißwein mit wenig Säure schmeckt, aber im Glas hellrot ist. Da ich blumige Weine nicht mag, sehr gute Wahl.
Nach Einbruch der Dunkelheit zeigt sich der besondere Eingangsbereich der Potsdamer Straße 98 auch als ein besonderer Ausgangsbereich. Hier flaniert man dann, genießt den Gang, und was ins beste Licht gesetztes Bauwerk kann! Erhebend.
SOBOTTKA & NIELSEN. Klingt wie eine Firma, ist aber keine. Wir hätten auch ein sehr unterschiedliches Geschäftsmodell. Einerseits gut, weil der unterschiedliche, ja völlig konträre Ansatz im Ergebnis außer Konkurrenz wäre, andererseits kämen bald doch die Alphatiere raus. Wir sind beide sehr eigenwillig und rechthaberisch. Interessant finde ich schon die unterschiedliche Herangehensweise bei Selfies. Ich schmeiße mich in die Situation hinein, lege Wert auf Nähe, also emotionale, nicht nur Köpfe zusammenstecken, denke nicht darüber nach, ob ich einen interessanteren Gesichtsausdruck anbieten könnte, lediglich, ob das Licht in dem entsprechenden Winkel vorteilhaft ist. Jan fokussiert sich selbst, ein echter Kontrollblick! Ich baue darauf, dass es die Emotion schon richten wird, und auch was Entsprechendes über die Rampe kommt. Und das tut es. Aber wenn man genug Action macht und ihn belustigt, erwischt man auch mal einen unkontrollierten Treffer. Voilà! Wie heißt es in der Ferrero Küsschen-Werbung: Guten Freunden gibt man auch mal ein Küsschen. Wenigstens alle fünfzehn Jahre, das ist schon mal drin. Ich wünsche einen sehr schönen ersten Mai!
Mit ihrer Fotografen-Adler-Antenne hat sie bemerkt, dass ich sie von der Treppe fokussiert habe, die versierte Angelika Platen. Im Hintergrund der Ausstellungsraum mit ihren Künstlerportraits. Schwerpunkt Bildene Kunst. Darunter Superstars, die zum Zeitpunkt der Aufnahme auch schon bekannt waren, aber nicht im heutigen Ausmaß. Sehr spannend, ihre Biographie nachzulesen.
Angelika Platen von draußen, durch die Scheiben eingefangen. Mein erster Besuch der neuen Verlagsräume von Wasmuth & Zohlen im Gartenhaus des Kunstpalais in der Potsdamer Straße.
Was für eine beeindruckende Eingangssituation in der Potsdamer Straße 98. Passend zu einem Verlag, der sich Architektur widmet. Ich war auf dem Weg zur Ausstellungseröffnung der Fotografin Angelika Platen in den Räumen des Verlags Wasmuth & Zohlen.
Vorgestern… oder war es gestern – nein, vorgestern, bei Wasmuth & Zohlen. Jan Sobottka und ich, auf den Tag fünfzehn Jahre, nachdem wir uns bei Sakamoto trafen. Wir haben ein bißchen herumgekaspert.
Bin leicht genervt! Gegenmaßnahme: Foto posten, wo ich nicht leicht genervt war. Scheinbar sogar gut drauf! Ein Glück, dass ich weiß, wieso ich genervt bin! Stelle ich mir schlimm vor, übellaunig zu sein und nicht zu wissen, wieso-warum-weshalb. Soll es geben. Ich bin super strukturiert und habe einen Ordnungs-Tick. Das ist nicht bei allen der Fall, das weiß ich. Ich leide etwas darunter, wenn ich mit Sachen konfrontiert bin, wo ich mit der Ordnung anderer zurecht kommen muss, weil ins kalte Wasser geschubst. Ist zwar keine Operation am offenen Herzen, aber recht lästig!
Allerschönste Version von „Try to Remember“ von Harry Belafonte. Live gesungen. Ist seit vielen Jahren auf meiner Lieblings-Playlist.
Try to remember the kind of September When life was slow and oh, so mellow Try to remember the kind of September When grass was green and the grain was yellow
Try to remember the kind of September When you were a young and a callow fellow Try to remember and if you remember Then follow, follow
Try to remember when life was so tender That no one wept except the willow Try to remember when life was so tender that dreams were kept beside your pillow
Try to remember when life was so tender When love was an ember about to billow Try to remember and if you remember Then follow, follow
Deep in December, it’s nice to remember Although you know the snow will follow Deep in December, it’s nice to remember Without a hurt the heart is hollow
Deep in December, it’s nice to remember Fire of September that made you mellow Deep in December, our hearts should remember And follow, follow, follow
Foto vom Samstag als Eintrag. Bin geschäftig. Arbeiten, werkeln, hin- und herfahren, lesen (Bodo Kirchhoff, „Die Liebe in groben Zügen“), essen, trinken, aufräumen, dies und das, von jedem was.
Liebe Freunde, insbesondere Sebastian. Bitte einmal dieses Gemälde ansehen. Ein Werk ohne erkennbaren Autor. Es wurde gerade restauriert, die Leinwand war doubliert, mit Wachs geklebt. Es muss mehrfach vom Rahmen genommen worden sein, unter anderem zu einer früheren Restaurierung, da es Spuren einer solchen gab. Die vielen alten Nagellöcher im Rahmen zeigen wohl auf, dass es mindestens dreimal abgenommen und wieder gerahmt wurde. Die Herkunft ist nur bis ca. zu den Fünfziger oder Sechziger Jahren zurückzuverfolgen, wo das Bild in München im Kunsthandel landete. Es gab erstaunlich geringe Spuren von Etiketten, Aufklebern. Nur zwei sehr kleine, mit einer Nummer. Es ist ein Mysterium. Die Restauratorin vermutet wenigstens achtzehntes Jahrhundert, aber vielleicht älter. Da sie keine Kunsthistorikerin ist, war das eher Vermutung aufgrund bisheriger Restaurierungserfahrungen. Ich sehe in dem Motiv zwei Jünglinge, der vordere einen Griffel oder Pinsel haltend, der hintere ist vielleicht sein Lehrer. Oder ein Geliebter? Ich sehe hier keine Frau(en). Und Ihr?
Gestern die Abendstimmung in Berlin Frohnau, bei Ina und Mirjam. Jetzt kann ich den Weg von der S-Bahn dorthin schon auswendig.
Immer den Edelhofdamm entlang und dann rechts. Kam mir das erste mal vor ein paar Jahren einiges länger vor, ich musste auch wen fragen. Wege, die bekannt sind, gehen sich so viel schneller.
Diabetiker bitte die Insulinspritze bereithalten, es wird zuckersüß. Vorhin tippte ich Lydia im Chat: „jetzt chillen sie wieder… die weißen Knäuel…. als ich das erste maldraufgeguckthabe, dachte ich, da liegt die alte Federboa von Marlene Dietrich in der Ecke… bis sie sich bewegt hat!“ Vorhin, als ich das erste mal Mama und Papa gleichzeitig kurz bei Beute-Übergabe gesehen habe, begriff ich, dass ich bisher den Papa für die Mama hielt, er ist kleiner und rundlicher als Mama Wanderfalke. Gelesen: „Die Geschlechter unterscheiden sich nicht in der Farbe, sehr wohl aber durch ihre Größe. So sind die weiblichen Wanderfalken mit einer Körpergröße von 51 cm und einer Flügelspannweite von 114 cm ihren männlichen Artgenossen, deren Größe sich, bei kleinen Exemplaren, auf 35 cm und eine Flügelspannweite von 79 cm beläuft, körperlich klar überlegen.“ Wer hätte es gedacht! Das auf dem Foto da unten ist Mama. Und noch beeindruckender: „Der Wanderfalke gehört zur Familie der Falkenartigen. Er zählt zu den größten Vertretern der Familie und ist mit einer Spitzengeschwindigkeit von mehr als 320 km/h das schnellste Tier des Planeten.“ Das sprengt meine Vorstellungskraft. SAGENHAFT.
Es ist vollbracht, der Sinwellturm ist bestiegen, nun wieder vorsichtig die Wendeltreppe hinunter und dann bergab, durchs Himmelstor (oder heißt es anders?). Das war doch ein im wahrsten Sinne des Wortes erhebender Auftakt der Fortsetzung meiner Ausflugsdokumentation. Ich hoffe, ich habe nichts Wichtiges vergessen, ist ja schon wieder ein Dreivierteljahr her! Ich kann nur noch verifizieren, dass nach meiner Rückkehr lauter Stones-Jubiläums-Veranstaltungen waren, da war ich dann zu sehr damit beschäftigt. Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben, ich habe mich schon wieder eingegroovt! Mir ist noch alles recht präsent.
Und nun endlich der Ausblick vom Sinwellturm! Ich habe mein Objektiv durch die Querstreben geschoben, für den schönsten Blick auf die Spielzeugstadt von oben! Hauptsächlich Richtung Sebalduskirche, das sind die beiden spitzen Türmchen nebeneinander, mehr so rechts. Der dicke, eckige Turm heißt Heidenturm oder auch Margarethenturm und ist mit der älteste Bauteil der Burg. Er und der Sinwellturm wurden im Zweiten Weltkrieg nicht zerstört. Sehr gute Qualität! Angeblich kommt der Name Heidenturm daher, dass er zu römischen Zeiten erbaut wurde, im ersten Viertel des dreizehnten Jahrhunderts. Nürnberg gilt nicht nur als die Lebkuchen-, Bratwurst- Laugenbrezen-, Christkindlesmarkt- Kaiserburg- und Dürerstadt, sondern auch als die Spielzeugstadt, weil dort beginnend im 15. Jahrhundert die ersten serienmäßigen Holz- und Blechspielzeuge, Schaukel- und Steckenpferde, Trommeln, Puppen und vollständig eingerichteten Puppenhäuser gefertigt wurden, damals als „Tand“ bezeichnet (was aber erst in jüngerer Zeit die despektierliche Konnotation bekam), und sich bis heute die bekanntesten Spielzeughersteller dort finden. Seit den Fünfziger Jahren gibt es die Spielwarenmesse, sie gilt weltweit als die wichtigste Messe, die „Leitmesse“ für neue Spielsachen. Und ein Spielzeugmuseum hat Nürnberg auch. Mir fällt gerade auf, dass es die ganzen Nürnberger Verkaufsschlager ja auch auf dem Christkindlesmarkt gibt. Betende Hände, Lebkuchen, Tand und eine Bratwurstsemmel auf die Hand! Älteste Nachweise des Marktes datieren auf 1530. Da dünkt mir ein Zusammenhang. Was wäre die Welt ohne Tand.
Tataaa…! So sieht der runde Sinwellturm oben von drinnen aus. Die zur Sicherung angebrachten Querstreben an den Fenstern nimmt man von unten gar nicht wahr. Es kann keiner herauspurzeln. In der Mitte, wo die Treppe aufhört, gibt es noch so eine Art extra Treppen-Leiter mit einer hölzernen Falltür nach oben. Die war aber abgeschlossen, ich hab dran gerüttelt, der geheime Raum hat mich interessiert. Ob da der Brutkasten ist, wo die Turmfalken brüten? Ich glaube, ja. Jedenfalls brüten seit zehn Jahren Turmfalken im Sinwellturm, genauer: Wanderfalken, und es gibt zwei Webcams. Zum Brutkasten und zum Abfluggitter. Hier…!
Und nun bitte nach links zum Eingang vom SINWELLTURM. Ich lese im Wikipedia-Eintrag zum Turm, dass „sinwell“ im Mittelhochdeutschen „gewaltig rund“ bedeutete. Das ist er! Gewaltig und rund. Erbaut in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts, lag er schon auf der Sichtachse von Albrecht Dürers Atelier und Wohnhaus gegenüber der Burg. Der putzige und trutzige 41 Meter hohe Turm wächst direkt aus dem Felsen heraus, was ich recht sehenswert finde. Burgen werden ja meistens auf dem höchsten Punkt eines Ortes errichtet, hier kann man den Sandstein sehr schön erkennen. Wir laufen also linksrum am Fundament vorbei, direkt zum Eingang, vor dem die sehr nette Turmwächterin mit Sonnenbrille residiert und mir ein Foto erlaubt, garniert mit ihrem freundlichsten Lächeln. Ich darf einfach hinein, weil ich ein Kombi-Ticket für die Burg und den Turm gekauft habe.
Der SINWELLTURM in Nürnberg. Bestimmt werden sich noch einige daran erinnern, dass ich im letzten Sommer viele Fotos und Einträge über meinen Besuch in Nürnberg gepostet habe. Ich habe alle in eine Sammlung auf Flickr gepackt, im jeweiligen Album sind auch immer die zugehörigen Blogeinträge verlinkt, meine Erlebnisaufsätze. So hat das in meiner Schulzeit geheißen, wenn es als Hausaufgabe oder Schulaufgabe in Deutsch, einem meiner beiden liebsten Fächer, was zu schreiben gab, waren das vor allem in den ersten Schuljahren Erlebnisaufsätze. Die Lehrerinnen waren immer sehr erstaunt über meine Phantasie. bzw. wie ich die Details ausschmückte. Dabei habe ich gar nichts dazu erfunden, das dachten sie nur, ich habe eben nur sehr genau hingeguckt und beschrieben! Deswegen schaffe ich es auch locker, aus einem Besuch von gerade mal zweieinhalb Tagen ein Riesending mit Hunderten von Fotos und Aberdutzenden Einträgen zu generieren.
Der langen Rede kurzer Sinn: es geht weiter! Ich war nämlich noch lange nicht fertig, als ich den letzten Eintrag am 2. September 2022 verfasste, der sich mit einem Besuch im Burgcafé beschäftigte, wo ich ausruhte und mich mit einem Eis und einem Getränk erfrischte, nachdem ich die Burg-Gemächer ausführlich besichtigt hatte. Vor mir lag als nächstes der heiß ersehnte Besuch des Sinwellturms, dem Wahrzeichen der Silhouette der Nürnberger Altstadt, neben der Kaiserburg gelegen. Und da sind wir nun. An diesem Hochsommertag des 2. Juli 2022. Noch nie war ich oben auf dem Turm, heute war der Tag gekommen. Der Winter ist nun vorbei, es ist wieder Ausflugswetter, bitte folgen Sie mir auffällig!
Ein innerlich und äußerlich äußerst anstrengender Tag. Seelisch, körperlich. Ich kam nicht dagegen an. Meistens kriege ich die Kurve durch Ablenkungsmanöver, Augen und Hände irgendwie beschäftigen. Aber dieser Tag zeigte sich störrisch und widerspenstig. Am besten nicht unnötig verlängern und schlafen. Hoffentlich träume ich keinen Mist. Ich habe mir gestern Abend wohl zu lange alte Fotos angeschaut. Es gibt da ein paar Strecken, die ich nie hochgeladen habe, von 2015 und 2016 und weniger alte. Die älteren habe mich seltsam berührt, da war ich sieben, acht Jahre jünger. Bei einer Strecke, die superschöne Fotos hat, von Valentinswerder, kriegte ich richtig schlechte Laune, weil ich mich an die Gesamtsituation erinnerte, die schwierig war. Und ich sehe so attraktiv dabei aus. Könnte ich jetzt noch rückwärts kotzen! Ich kann da jetzt nicht in weitere Details gehen, aber ich tat mir einfach leid! Das hat sich bis in den heutigen Tag gezogen, ich spüre es. Vorhin habe ich sogar geweint, nur kurz, aber ich brauchte wohl irgendein Ventil. Was habe ich früher oft geweint. Ein Glück, dass das vorbei ist. Kann mich jetzt tatsächlich gar nicht mehr erinnern, wann davor. Ach doch, aus Trauer, als ein junger, netter Kollege gekündigt hat, noch gar nicht lange her, sechs Wochen, und davor im Sommer, als mein Neffe geheiratet hat, waren Freudentränen.
P.S. vielleicht auch noch am 19. September, bei der Beisetzung der Queen, könnte ich jetzt aber nicht beschwören. Auf jeden Fall gabs auch mal kurz zwischendurch ein paar Tränen wegen Lizzie, echte Trauer.
Goldene Zeiten. Für mich auch überraschend, welche Reliquien sich zusammenfinden, wenn das Ordnungskriterium die Farbe ist. Zuerst waren auch noch gelb-weiße Elemente dabei, viele Eintrittskarten, z. B. ist das Logo der Philharmonie-Tickets gelb und gold. Aber als ich es anordnete, erkannte ich, dass die gelben Teile mit reinweißen Partien nicht hineingehören. Das ist eine extra Sammlung. Ich finde es auch amüsant, dass durch die Farbwelt-Auswahl jedes Element hervorgehoben wird, wie auf einen Thron gesetzt. Manche haben es auch verdient. Zum Beispiel die goldene Hülle mit Widmung des Booklets von Jenny’s Bargeflüster. Oder ein besonders schönes Etikett eines provencalischen Rotweins, der in einer besonderen Situation getrunken wurde. Oder die selbst an der Havel aus dem Wasser aufgesammelten Muscheln. Ich weiß zu jedem Teil eine Geschichte zu erzählen. Dazwischen Bambus-Stäbe von diversen Blumentöpfen. Die mittlere, breiteste Säule ist schon fertig. Das Goldpapier ober- und unterhalb des mittleren Motivs stammt von zwei Lindt-Hasen. Die Säulen links und rechts davon sind erst grob nach Breite angeordnet. Das aufzubringen wird noch viele, viele Stunden Arbeit brauchen, das Werk. Den Goldrrahmen habe ich schon bestellt, 100 x 150 cm. Mit Rückwand, die ist der stabile Untergrund. Darauf kommt das alles.
So fangen Bilder an. Also meine. Schachteln auskippen, dann nach Farben sortieren und wie beim Puzzeln hin- und herschieben. Eigentlich ganz einfach. Das ist seit Freitag die rosapinkeflieder Ecke. Die liegt da noch ein ganzes Weilchen, weil ich jetzt an goldenen Zeiten arbeite. Wie der Name schon sagt. Davon gibt es auch work in progress-Bilder, die haben schon richtig angefangen.
Bevor ich mich wieder meinen eigenen Reliquien und Memorabilia zur Weiterverarbeitung zuwende, eine charmante Idee, die ich gerade in der neuesten Folge von Architectural Digest „Open Door“ sah. AD ist zu Besuch in einer alten Hollywood-Villa im spanischen Kolonialstil aus den Zwanziger Jahren, die von einem jüngeren Schauspielerpaar und zwei Kleinkindern bewohnt wird. An der Wand zur Treppe zum Obergeschoss ist eine Erinnerungswand mit gerahmten Fotos. Außerdem gibt es einen breiten, schmalen Holzrahmen mit bekritzelten Zetteln mit einem Restaurantlogo. Der Hausherr erklärt (ab Minute 7:00), dass es sich um eine schriftliche Konversation zwischen seiner Frau und ihm in einem Lokal in Paris handelt. Sie hatten sich sehr gestritten und verständigten sich nur noch über diese Zettel. Er hatte sie bewahrt und ließ sie rahmen und schenkte sie ihr. Sehr charmant. Next Level, aus Scheiße Gold gemacht. Den Tiefpunkt nicht unter den Teppich gekehrt, sondern angenommen und vergoldet. Wie diese vergoldeten Risse in geklebtem japanischem Porzellan, Kintsugi.
Happy Birthday, LIEBER JAN, zu Deinem besonderen heutigen Geburtstag. Das Bild ist vor fünfzehn Jahren entstanden, am 26. April 2008, in der Galerie Sakamoto in Kreuzberg. Dort haben wir uns zum ersten mal getroffen und eigentlich sofort Freundschaft geschlossen. Die Galerie gibt es schon lange nicht mehr. Aber Dich! Und mich. Schön, dass es Dich gibt 🧡. Many Happy Returns.