31. Juli 2022

Den letzten Eintrag für heute widme ich meiner alten Freundin Dorit. Was für eine Freude, sie wiederzusehen. Wir sind ein bißchen schicksalshaft verbunden, weil es ihr Auto war, in dem mein Bruder gegen einen Baum fuhr. Das Auto war kaputt und mein geliebter Bruder auch. Eine Ente war das und später meinten einige: „Scheiße, wenn es keine Ente gewesen wäre, könnte er noch leben“. Das ist alles lange her, 1987, am vierten Juli. Dorit kannte ich aber nicht erst dadurch, sondern lange vorher, als ich noch in Nürnberg lebte. Sie gehörte zum Freundeskreis, der hauptsächlich aus Musikern bestand. Und sie spielte auch in verschiedenen Bands und wurde ein Paar mit Richard, den ich schon erwähnte, Valerians Patenonkel. Sie heirateten sogar und bekamen zwei bildschöne Söhne. Dorit und Richard spielten Schlagzeug in verschiedenen Bands, ob es bei den beiden öfter mal gekracht hat, weiß ich nicht. Kann auch sein, dass Schlagzeuger/innen privat eher besonnen sind, weil sie sich ja schon an der Schießbude abreagieren. Jedenfalls haben beide einen goldenen schwarzen Humor und sind nun schon lange wieder getrennt, aber das Verhältnis ist so gut und freundschaftlich, dass sie beide zusammen auf die Bühne in der Hochzeitslocation sind. Richard hat diesmal Gitarre gespielt und gesungen, Dorit die Percussion gemacht. Eine der bekannteren Bands, in der sie bis 2019 Drums gespielt hat, waren die Shiny Gnomes, die ab Mitte der Achtziger für ihren Garagen-Punk von Spex und dem Rolling Stone gefeiert wurden. Wir beide sind derselbe Jahrgang und ich würde behaupten, unser Humor liegt auf derselben Wellenlänge. Außerdem ist sie eine der herzlichsten, warmherzigsten Persönlichkeiten die ich kenne. Einen der schönen Söhne hab ich auch fotografiert. Ein Töchterchen kam noch hinterher, aber nicht von Richard. Die Elfe war auch da und hat am Coolsten von allen getanzt, sie hat den Rhythmus ihrer Mutter im Blut und vor lauter Bewunderung habe ich ganz vergessen, ein Foto von ihr zu machen. Tolle Kinder, tolle Mutter, tolle Dorit. Nur eben leider Scheißauto. Alle Fotos, auf denen ich zu sehen bin, hat Dorit gemacht. Neben mir ist eine andere coole Socke von früher zu sehen, die DJane Mrs Flow, Anja. Sie spielte mit Dorit bei „DIE SHIVAS“ und hat gesungen und Gitarre gespielt; auch supernett <3

31. Juli 2022

Ich habe mir zwischendurch mal die Hochzeitsfotos von Christian Lindner und seiner Braut angeschaut, die haben eine Woche später geheiratet. Was da so veröffentlicht wurde, wirkt etwas showmäßig. Das Brautkleid mit dem komplett nackten Rücken fände ich als Partykleid akzeptabel, aber nicht für eine Trauung. Die Braut, die auch was mit Medien zu tun hat, präsentiert ein kameragerecht geübtes, extrabreites Lachen mit viel extraweißen Zähnen, der Bräutigam hält aber nicht mit und wirkt etwas verknautscht und verknittert. Mir fehlt die Innigkeit. Vielleicht war er aber auch schwer verkatert, es wurde ja wohl drei Tage lang gefeiert, daher auch die unterschiedlichen rückenfreien weißen Outfits der Braut.

Außerdem habe ich mir gerade Fotostrecken von kommerziellen Hochzeitsfotografen angeschaut. Überwiegend gekünstelt, ausgezirkelt und hindrapiert. Aber neuerdings (nehme ich an) auch Posen, die an den Kopulationsakt erinnern. Da fehlen mir die Worte. Auf einem Foto sieht man eine felsige Naturlandschaft, der Bräutigam hat die Beine ausgestreckt, sitzt direkt auf dem Gestein, sie ihm gegenüber, auf ihm drauf, schlingt die nackten Schenkel mit Strapstätowierung um seine Körpermitte. Hilfe…! Bin ich prüde?

31. Juli 2022

Getanzt wurde auch…! Nach der Trauung ging es nach Erlenstegen, das ist ein etwas entlegener Nürnberger Stadtteil, der von Wikipedia als Villenvorort bezeichnet wird. Ich war in meinem ganzen Leben vermutlich insgesamt dreimal in Erlenstegen, die Hochzeit eingerechnet. Dort wohnten betuchtere Nürnberger, aber es gab auch ein besetztes Haus, in dem eine anarchistische Kleinkunstszene ihr Unwesen trieb, da war ich zweimal. Aber zurück zur Hochzeit. Es gab zuerst Mittagessen in einer vormals gutbürgerlichen Traditionsgaststätte, die nun neu als veganes Restaurant bewirtschaftet wird. Zur Vorspeise gab es große Sushiplatten und danach individuell gewählte Gerichte, ich hatte ein veganes Schnitzel mit Pommes Frites, schaffte es aber nicht alleine. Valerian hielt die kürzeste Ansprache der Welt, war aber lustig. Die Fahrt von der Nürnberger Innenstadt dorthin wurde mit verschiedenen Fahrgemeinschaften im Auto absolviert. Ich hatte einen besonders netten Freund von Valerian, mit dem er auch studiert und zusammengewohnt hatte als Fahrer, seine Freundin war auch dabei. Während der Fahrt erzählte ich ihnen, dass ich die Tante von Valerian bin und wie überhaupt alles kam, also wie sich Valerians Eltern kennengelernt hatten. Da spielte ich nämlich eine tragende Rolle. Genau genommen, meine Schwärmerei für den Sänger einer Band. Ich war lange vor Beginn eines Konzertes vor Ort und machte im Lokal Französischhausaufgaben, die Nürnberger Location hieß „Desi“ in St. Johannes und gibt es immer noch. Es hätte sich nicht gelohnt, nach der Schule erst heimzufahren, in den Vorort von Nürnberg, wo ich bei meinen Eltern wohnte, und dann wieder zurück, so überbrückte ich die Zeit bis Konzertbeginn in der Desi-Kneipe, vor dem Konzertsaal. Eine allein dort ebenfalls sitzende Frau, 1983 war sie 27, stand auf und sprach mich an, was ich denn da mache. So kamen wir ins Gespräch und wurden bald danach Freundinnen. So lernte sie meinen Bruder kennen, der mit ihr zwei Söhne bekam, zuerst Richard Keita 1985, der leider nicht mehr lebt und Valerian, der 1987 im Dezember geboren wurde, drei Monate nach dem Unfall meines Bruders. Ich denke manchmal darüber nach, ob sich mein Bruder und Valerians Mama auch anders kennengelernt hätten, ohne das Bekanntmachen durch mich. Also ob das Schicksal so clever seinen Weg findet, so oder so. Aber das sind müßige Überlegungen. Doris, Valerians Mama, hatte damals schon einen kleinen, ihren ersten Sohn, Nik. Der ging dann später oft mit uns zu Konzerten der Band, wo wir uns kennengelernt hatten. Die ganze Band gehörte dann zu unserem Freundeskreis, ich kannte sie ja schon vorher. Der Drummer der Band, Richard, wurde Valerians Patenonkel und der war natürlich auch da, was sehr schön war.

Nach dem Essen ging es weiter in Erlenstegen, zum Ort der Hochzeitsparty, dem Arche Noah Saal. Es gab Sektempfang und Hochzeitstorte und Luftballons steigen lassen und eine Diaschau von seinen Brüdern und Speis und Trank und eine Leinwand, wo von allen ein Bild gemalt werden konnte, und kleine Auftritte von Freunden mit live Musik, eine Photobox und ein Gruppenfoto in der Sonne und eine DJane aus dem Freundeskreis und natürlich einen Hochzeitstanz. Bei solchen Hochzeitstänzen fiebere ich immer innerlich mit, weil man ja oft ein Paar vor sich hat, das normalerweise nicht auf diese Art zu tanzen gewohnt ist. Schritte müssen bedacht werden, die Drehrichtung, alle gucken zu. Puh! Also: gut gemacht. Der Rest war dann Freestyle tanzen, da hab ich auch mitgemacht. Die Fotos hier von mir sind so nebenher entstanden, ich war nicht als Hochzeitsfotografin engagiert, dafür gab es drei andere Fotografinnen und Fotografen und gefilmt wurde auch. Und jeder zweite Gast (von Neunzig) hat auch noch mit dem Smartphone geknipst und gefilmt. Da Valerian professionell mit Film und Fotografie zu tun hat, gab es keinerlei Mangel an visueller Dokumentationsbereitschaft. Aber ich hatte verständlicherweise eine speziell emotionale Herangehensweise.

31. Juli 2022

Oben im Foyer vom Nürnberger Rathaus steht eine große venezianische Gondel. Warum die da steht, ist mir nicht bekannt, aber durch die Nähe zum Trausaal werden wahrscheinlich alle Paare von ihren fotografierenden Angehörigen genötigt, sich hineinzusetzen. Und es macht ja auch Spaß. Die Blumenkinder sind auch gleich hineingekrabbelt. Was auch sehr praktisch ist: wenn man aus dem Rathaus kommt, hat man als Kulisse die Frauenkirche und kann Fotos machen, die aussehen, als hätte man in der Kirche geheiratet. Was vielleicht sogar möglich ist, aber setzt wohl voraus, dass man katholisch ist. Meines Wissens ist das bei Sabrina und Valerian nicht der Fall. Eigentlich hofft man ja inständig, dass es am Tag der Hochzeit nicht regnet, zumal Anfang Juli. Der Tag war eingebettet in zwei Hochsommertage mit über dreißig Grad, aber der erste Juli zeigte sich anfänglich bedeckt und mit Nieselregen. So haben wir Fotos mit Regenschirm machen können, der Brautvater hat ihn gehalten. Es war also keine theatralische Foto-Requisite, wie es gerne mal mit weißen Spitzenschirmchen gemacht wird. Auf dem einen Foto kann man den Regen richtig sehen, aber alle hatten genug Sonne im Herzen. Am Nachmittag kam der blaue Himmel wieder zum Vorschein.

P.S. Nun habe ich erfahren, dass die Gondel auch ein möglicher Ort für die Eheschließung ist. Es gibt einen großen und einen kleinen Trausaal und die Gondel. Wir waren im großen Trausaal. Man kann aber auch auf der Kaiserburg heiraten. Ich nehme an, da war kein Termin mehr frei, da gibt es nur handverlesene. Da Valerian ein Kind der Kaiserburg ist, er wuchs in einer Straße direkt unterhalb der Burg auf, wäre das auch eine schöne Wahl gewesen.

30. Juli 2022

Achtung, es wird romantisch. Das waren meine bisherigen Einträge über meinen Besuch in Nürnberg zwar auch schon, weil ich einen romantischen Blick auf alles habe, aber endlich kommen wir zum Hauptanlass meiner kleinen Reise. Es wurde geheiratet. Und nicht irgendwer, sondern mein Neffe Valerian, der Sohn meines Bruders, der seinen Vater nie gekannt hat, heiratete seine Sabrina. Und nicht mal so hopplahopp, gerade bei Tinder nach rechts gewischt und gleich das Aufgebot bestellt. Sie kennen sich schon ein paar Jahre und haben die halbe Welt gemeinsam bereist. Aber tatsächlich war es ein Match bei Tinder. Gibt es also auch. Und wenn ich mich recht erinnere, hat mir Valerian einmal erzählt, dass er sehr schnell so ein Gefühl hatte, dass er sie heiraten möchte und es ihr auch gesagt. Große Freude, der ganze Tag, diese zauberhafte Verbindung, die meinen ganzen Segen hat. Natürlich gibt es mehr Bilder von der Zeremonie im Rathaus am Nürnberger Hauptmarkt, aber das sind doch recht private und auch familiäre Fotos, die vor allem für die Beteiligten bestimmt sind. Ich versuche aber trotzdem ein bißchen Teilhaben zu ermöglichen. Wie man sieht, können auch Bilder in der Rückenansicht sehr viele Gefühle zeigen. Das Brautkleid von Sabrina fand ich ganz wunderschön, auch die Frisur mit den eingeflochtenen Wiesenblümchen. Alles so ungekünstelt, obwohl natürlich mit viel Bedacht zurechtgemacht.

Ich war etwas überrascht, dass es doch sehr klassisch ablief und sich beide auch klassisch wie ein Brautpaar kleideten. War für mich nicht so gesetzt, weil beide sehr freigeistig und locker sind. Aber an so einem besonderen Tag hat man dann vielleicht doch mal Lust auf althergebrachte Traditionen. Die Trauzeugen waren Valerians ältester Bruder Nik (der einen anderen Vater hat) und Trauzeugin eine der besten Freundinnen von Sabrina. Musik gab es auch, vor der eigentlichen Trauung wurde ein Lied gespielt, das beiden viel bedeutet, ich weiß den Titel leider nicht, aber es ging zu Herzen, ich musste auch ein bißchen weinen. Auf dem Tisch brannte eine Kerze, die auch mit Wiesenblumen geschmückt war, und nach der Trauung sang eine Freundin von Sabrina ein Lied zur Gitarre. Ich war bei dieser Trauungszeremonie im Standesamt die einzige direkte „Blutsverwandte“ väterlicherseits von Valerian, seine Tante.

29. Juli 2022

Ein letzter, möglicherweise langweiliger Heimatkunde-Eintrag inclusive Fotos vom Nürnberger Hauptmarkt OHNE Brautkleid (kommt noch!). Die Kathedrale, die ich auch aus dem Hotelzimmer sehen konnte, heißt im Volksmund Frauenkirche, aber wohl offiziell „Unserer Lieben Frau“. Ich war nicht drin, weil sie für eine kostenpflichtige Veranstaltung geschlossen war, und ich kann mich beim besten Willen nicht erinnern, ob ich sie jemals in meinem Leben betreten habe. Aber beim Vorbeilaufen konnte ich mich ganz kurz am Anblick der märchenhaften Decke der Eingangshalle erfreuen, weil die Tür immer wieder mal kurz für die Gäste aufging.

Märchenhaft ist auch die große Spieluhr mit der türkisblau-goldenen Mondkugel. In der Mitte sitzt Kaiser Karl IV. und Punkt Zwölf Uhr Mittags fangen die Fanfarenbläser links und rechts von ihm an, ihre Fanfaren zu heben. Dann gehen Türchen auf und ein Zug von sieben holzgeschnitzten Figuren umkreist den Kaiser dreimal, das sind die sieben Kurfürsten. Was für ein größenwahnsinniges Spektakel sich dieser Karl zugedacht hat. Die stolze Kirche ist 1352 bis 1362 – wieder einmal – auf seine Veranlassung gebaut worden. Da soll es auch schon Spielfiguren gegeben haben, aber dieses bis heute zu bewundernde, sogenannte „Männleinlaufen“ ist von 1509 und tatsächlich noch in Betrieb. Im zweiten Weltkrieg wurde es im legendären Kunstbunker versteckt. Schon grandios, diese Mechanik. Als ich die Fotos gemacht habe, war die Mondkugel noch ganz Türkisblau, kein bißchen Gold, es war nämlich Neumond. Es gibt ein Video vom Männleinlaufen, da zeigt die Mondkugel eine goldene Sichel. Schon bemerkenswert, in welchen Ausmaß der Landesherrscher und die Kirche miteinander verstrickt waren. Obwohl man sich bei Putin auch vorstellen könnte, dass er sich so ein Denkmal setzt. Bei Königin Elisabeth oder Kanzler Olaf Scholz wohl eher nicht.

Über dem Hauptportal, direkt unter dem Männleinlaufen, vor dem Fenster, ist übrigens auch der Balkon auf dem das Christkind bei der Eröffnung vom Christkindlesmarkt steht und die Ansprache hält. Ich habe gelesen, dass das Christkind schwindelfrei sein muss, weil die Balkonbrüstung nicht sehr hoch ist. Das könnte für meinen Auftritt ein Hindernis sein. Außerdem gibt es bei den Bewerbungsmodalitäten eine Altersvorschrift, Bewerberinnen müssen im Alter zwischen 16 bis 19 sein. Da müsste ich etwas schummeln. Im Grunde trage ich ja immer noch eine Sechzehn-, Siebzehn-, Achtzehn- und auch Neunzehnjährige in mir. Es sind dann eben noch ein paar Alterssorten dazugekommen, seitdem. Man hat einfach mehr zu bieten! Außerdem muss die Bewerberin über 160 cm groß sein, das überbiete ich locker. Steht alles hier.

28. Juli 2022

Da capo: Schöner Brunnen. Ja, ja – auch davon habe ich schon einige Bilder gezeigt – aber ausschließlich aus meinem Hotelzimmerfenster. Mir ist, als wäre einem der Brunnen schon als Kind nahgebracht worden, auch weil viel Gerede und Gewese um den goldenen Ring war und ist, der in einem Gitter hängt und sich drehen lässt. Dann kann man sich etwas wünschen und darf nicht darüber sprechen und es wird wahr. Es gibt aber noch einen zweiten drehbaren Ring, einen Eisenring, Insider meinen, der wäre noch wirksamer. Darüber wurden auch schon Aufsätze verfasst, hier ist einer. Alles Wichtige zur übrigen Geschichte des 1385 auf Wunsch von Kaiser Karl IV. erstmalig gebauten Schmuckstückes vom Nürnberger Hauptmarkt kann in diesem Flyer nachgelesen werden. Er wurde zig mal restauriert, eine der ersten Bemalungen stammte von Albrecht Dürers Lehrer. Der gesamte Brunnen musste wegen Baufälligkeit schon einmal komplett erneuert werden und auch der drehbare Messingring wurde vielfach ersetzt, da anfällig für Diebstahl. Die Nazis fanden den Brunnen im Gegensatz zum Neptunbrunnen so bedeutsam und kostbar, dass sie ihn während des zweiten Weltkriegs zum Schutz in einen Betonmantel gossen. Was in den wirren Naziköpfen da im einzelnen vorging, dass der Schöne Brunnen ein Guter war und der Neptunbrunnen ein Böser – ich will es gar nicht so genau wissen. Anyway: ein hübsches, schmuckes Türmchen, gerade wenn man auf seinem Hotelbett liegt und die Spitze sehen kann. Ist wohl rund siebzehn Meter hoch, das gute Stück. Ich vermute, dass ich den Ring als Kind einmal gedreht habe, man wurde ja fast schon dazu verpflichtet, wenn man da war, aber man wollte es sicher auch. Ich habe nicht die leiseste Ahnung, was ich mir da gewünscht haben könnte und daher auch nicht, ob es in Erfüllung ging. Diesmal hab ich gar nicht daran gedacht – aber nicht dass ich gar keine Wünsche mehr hätte.

27. Juli 2022

In den Abendstunden traf ich am 30. Juni wieder am Hauptmarkt bei meinem Hotel ein. Den Blick aus dem Hotelzimmer habe ich ja schon ausgiebig gezeigt. Wenn man auf dem Platz steht, gibt es noch ein paar andere Ecken und Perspektiven. Versäumt habe ich, die eine Seite des Platzes zu fotografieren, wo fast über die ganze Länge einer der vier Seiten des Platzes ungefähr zwanzig bis dreißig relativ große Olivenbäume vor einem Restaurant stehen, das ist sehr schön und mediterran; gab es „zu meiner Zeit“ nicht.

Der Hauptmarkt war eigentlich selten ein Ziel bei meinen jugendlichen Aufenthalten in Nürnberg. Man ging daran vorbei, überquerte ihn auf dem Weg von da nach dort. Da ich schon als Jugendliche kein Fan vom Weihnachtskult war, zog mich der berühmte Christkindlesmarkt auch nicht an, ich machte vielmehr extra einen Bogen darum. Das wäre auch heute für mich nicht die attraktivste Jahreszeit für einen Besuch. Allerdings hätte ich doch Lust, die Eröffnungsansprache vom „Christkind“ hoch oben auf der Empore der Frauenkirche einmal zu erleben, denn das hat schon etwas Märchenhaftes, dass da so ein lebendiger Rauschgoldengel mit einer hohen goldenen Krone und einem prächtigen Gewand mit Trompetenärmeln steht und feierliche Worte an die Sterblichen da unten richtet. Es gibt einige youtube Videos davon, schon sehr putzig. Man hat sich als Kind auch immer gefragt, wie man wohl Christkind werden kann, ob man dafür von Natur aus lange hellblonde Haare haben muss. Es war ein großes Geheimnis und Mysterium. Ich könnte mir eigentlich heute vorstellen, dass ich dort einmal als Christkind stehe, die Haarfarbe täte nun auch passen.

Ich erinnere mich allerdings, dass ich mit einer Freundin einmal ganz gezielt zum Hauptmarkt gegangen bin, weil dort eine Kundgebung stattfand. Anlässlich eines Wahlkampfes war Franz Josef Strauß als Redner auf dem Hauptmarkt angekündigt, und wo Strauß war, gab es auch jede Menge Gegner von ihm und ich gehörte dazu. Es ging uns um eine Gegenkundgebung, zu demonstrieren, dass Nürnberg nicht nur aus CSU-Anhängern besteht und dass sich der behäbige, erzkonservative Strauß nicht zu sicher fühlen sollte. Ich erinnere mich an das Riesenaufgebot von Polizei, eventuell hatten wir auch noch alte „Stoppt Strauß“-Sticker von der Gegenkampagne zu seiner Kanzlerkandidatur 1980, das weiß ich nicht mehr genau. Ein Banner oder Plakat hatte ich nicht zum Hochhalten und war auch sonst eher vorsichtig, wir demonstrierten mehr so am Rand mit, von wo man gut vor der Polizei flüchten konnte. Ich warf auch nicht mit faulen Eiern oder Tomaten oder Farbbeuteln, weil ich das schon damals unwürdig und primitiv fand, aber Farbe durch meine Präsenz wollte ich schon bekennen. Es war aufregend, natürlich war es für uns auch ein Event, wo man Gleichgesinnte in großer Zahl traf. Sehen und gesehen werden! Es kann gut und gerne sein, dass auf dem Hauptmarkt 25.000 Menschen waren, Anhänger von Strauß und wir, seine Gegnerinnen. Der große Platz kann offenbar so eine riesige Menge aufnehmen. Ich vermute, das muss die Kundgebung Anfang 1983 gewesen sein, die in einem Buch über Markus Söder als sein Erweckungserlebnis geschildert wird. Der Straußfan Söder trat anschließend entflammt in die Partei ein, der im Januar 1967 geborene Markus war gerade 16 geworden. Ich war da ja schon um einiges reifer als er, nämlich genau Siebzehneinviertel.

1809 bis 1895 rahmten alle vier Seiten des Platzes feste Marktstände, gemauerte Kolonnaden, in denen Waren feilgeboten wurden. Außer dem Schönen Brunnen gab es noch den Neptunbrunnen auf dem Platz, den die Nazis aus ideologischen Befindlichkeiten abbauen ließen, er steht im Nürnberger Stadtpark.

26. Juli 2022

Kleiner Ausflug nach Stein bei Nürnberg, wo seit 1761 Bleistifte von Faber-Castell fabriziert werden. Inzwischen auch noch in acht anderen Ländern der Erde. Faber-Castell ist weltweit der größte Hersteller von Blei- und Buntstiften und macht übrigens auch Kajalstifte und Lipliner und so weiter für große Kosmetikfirmen. Die alten Werkstätten begegneten mir auf meinem Weg, als ich einen Umweg machte, um meine Mama zu ihrem Geburtstag zu besuchen. Mir war an diesem heißen Junitag in der Mittagshitze, als hätte ich eine Bilderbuchseite aus einem anderen Jahrhundert vor mir. Wie ein Echo aus einer vergangenen Zeit. Fast wie Spielzeug in groß, oder eine Illustration. Auch der zum Teil kursive Schriftzug ist so ungewöhnlich, so gar nicht industriell. Es ist auch ein Museum drin, habe ich gelesen. Karl Lagerfeld hat nur mit Stiften von Faber-Castell gezeichnet und der hat bestimmt gewusst, was das Beste ist. Wenn wir als Kinder zu Weihnachten Buntstifte bekommen haben, waren die auch von Faber-Castell und man hat schon als Kind gewusst, das sind besonders gute, ja die besten. Und dann hat man anerkennend genickt und feierlich gesagt: „von Faber-Castell!“. Stabilo-Stifte kommen auch aus Nürnberg, die sind auch gut, aber eben nicht von Faber-Castell.

25. Juli 2022

Unrepräsentativer, polizeiprotokollartiger Tagebucheintrag vom 23. Mai 1981 in gekünstelt ordentlich leserlicher Schulkind-Handschrift, könnte auch die Beschreibung eines Tathergangs aus der damals beliebten ZDF-Kriminalsendung „Aktenzeichen XY ungelöst“ sein:

„23.05.’81

Am Freitag, dem 22. Mai Neunzehnhunderteinundachtzig, einem regnerischen Frühlingsabend entschloß sich Gabriele Anna-Johanna* mit oder ohne Antje-Kirsten B.** wegzugehen. Nürnberg sollte ihr Ziel sein. Sie ging allein. Das städtische Kommunikationszentrum war die erste Stätte, in die es die Fünfzehnjährige zog. In jenem bevorzugte sie das Teehaus mit dem exotisch klingenden Namen „Chaihaus e. V.“

Kommunikationszentrum
Königstr. 93
8500 Nürnberg
Tel. 0911/223647

Zur selben Zeit hatten sich ca. 300 Jugendliche im Festsaal eingefunden, um am dort stattfindenden 2(?)-tägigen Kabarettfest teilzunehmen. Ihr war der Preis von sieben Mark zu teuer und das Angebot zu wenig reizvoll. So rauchte sie zwei Zigaretten (Godewind/Old Holborne), wurde von Peter (Fotograf, 25, Schönling, xxx (unleserlich)) im Haar gekrault, gegrüßt. Fand sich schleimig berührt. Strich den ausgeschriebenen Marshall-Amp aus* (U. Neumann), was Verwunderung erregte – ständig auf der Suche nach ihrem Trugbild** – entschloß sie sich in die Kneipe Misthaufen zu fahren, nicht ohne in dem im Bahnhof eingerichteten Michel-Tabakwaren-Laden ein Päckchen der irischen Zigarettenmarke „Sweet Afton“ zu vier Mark erstanden zu haben. Sie schritt zu U-Bahn, Richtung Bärenschanze, stieg ein, ohne die gültige Fahrkarte gestempelt zu haben, sie fuhr, wie es im Volksmund genannt wird, schwarz. Als ihr langsam bewußt wurde, was sie soeben tat, beschlich sie ein leises Gefühl von Selbstzufriedenheit und Vorfreude. Angekommen Endstation Bärenschanze, es regnete noch

[ hier Seitenumbruch, am oberen Seitenrand in großformatigen Druckbuchstaben in Klammern: (oh nein, ich übertreibe nie!) ]

immer, steckte sie sich eine Zigarette an und schlang sich ein indisches, schwarz-weinrot-beige gemustertes Baumwolltuch von Jordan* um das schulterlange dunkelblond-kupferfarbene Haar, und ging die Fürther Straße, wo sie einige Passanten nach dem Weg zur Seeleinsbühlstraße fragte, entlang. Sie wußte jetzt, wo sie hinmußte und rauchte unterwegs noch bis zu vier Zigaretten. Manchmal, wenn sie sich mit der fast zu Ende gerauchten eine nächste anzündete, fiel etwas Asche auf den dunkelblauen großen Baumwollpullover (Fruit oft he Loom), die man auch „Sweat-Shirts“ nannte, aber auch die in derselben Farbe gehaltene Feincordhose (Texwood) in Röhrenform blieb nicht verschont. Darunter trug sie eine weite, an Rücken und Schulterpartie geraffte Bluse (Orsay), die in einem warmen Kupferton gehalten war. Obwohl das Wasser in ihre weiß-roten Leder-Turnschuhe (Puma) einzutreten drohte, war sie zufrieden. Sie fühlte sich so, wie die Bezeichnung ihrer Schuhe war: „Winner“.“

Fußnoten:

*amtliche Vornamen
**meine damalige beste Freundin
***vermutliches Verkaufsangebot an einem schwarzen Brett
****“Trugbild“: ein in unserer Freundinnenclique verklausulierter Begriff für einen Angeschmachteten, wobei man davon ausging, dass man in seiner Erotisierung superlative Eigenschaften dazuphantasierte, die höchstwahrscheinlich nicht vorhanden waren.
*****“Jordan“: Name der seit den Siebzigern angesagtesten Nürnberger Hippie-Boutique mit indischen Kleidern, Tüchern und Accessoires

Abgetippter Eintrag mit Bleistiftzeichnung aus meinem Tagebuch vom 23. Mai 1981. Bin überrascht, wieviel Aufmerksamkeit ich Zigaretten gewidmet habe. Damals scheine ich ernsthafte Ambitionen gehabt zu haben, Raucherin zu werden, und muss es offenbar auch täglich intensiv praktiziert haben. Die Zeichnung zeigt den Haupteingang vom KOMM in der Königstraße 93, gegenüber vom großen runden Turm zwischen Frauentor und vom Königstor, wo auch der Handwerkerhof ist. Ich habe ein paar historische Fotos des damaligen Eingangs zusammenrecherchiert, die meiner Zeichnung entsprechen.

Diesen merkwürdigen Eintrag mit Zeitkolorit verdanken wir meiner Erinnerung, dass ich die Front, die Kopfseite mit dem Eingang des in Nürnberg damals legendären KOMMs gezeichnet habe. Es spielte schon eine große Rolle in meiner Jugend. Dort traf man sich im erwähnten Chai-Haus, der Teestube unterm Dach, wo Räucherstäbchen abgefackelt wurden und gekifft wurde. Ein schummriges Ambiente mit indischen Tüchern an den Wänden und Matratzen auf dem Boden. Dann war der Kommfestsaal noch wichtig, wo größere Konzerte stattfanden. Dort habe ich zum Beispiel Ton Steine Scherben in den Achtzigern erlebt, Rio trug nur einen beigen Trenchcoat auf dem nackten Oberkörper. Wahrscheinlich hatte er eine Jeans oder eine Lederhose an.

Auch eine Kneipe und eine Disco gab es, Filmvorführungen, Zusammenkünfte, Ausstellungen, Diskussionen. Das KOMM war unersetzlich, The Place to Be für alle, die cool und links und alternativ und rebellisch und widerspenstig waren. Da wollte ich dazu gehören.

Der Eintrag vom Mai 1981 entstand gut zwei Monate nach den Massenverhaftungen, ein Ereignis, das es bis in die Tagesschau schaffte. Hausbesetzer-Sympathisanten, die einen Hausbesetzer-Doku im Komm schauten, wurden massenhaft verhaftet. Einfach so. Gibt einen extra Wikipedia-Eintrag dazu:

„Als Massenverhaftung von Nürnberg wird die Verhaftung von 141 Personen am 5. März 1981 im Nürnberger Kulturzentrum KOMM durch die Bayerische Polizei bezeichnet.“

Danach war man noch solidarischer mit dem KOMM als sowieso schon. Und was wurde daraus, aus dem KOMM? Später hieß es K4, jetzt heißt es Künstlerhaus, es gibt immer noch viele alternative künstlerische Initiativen, auch Gastronomie. Ist ja alles prima. Die Stadt nimmt seit 20 Jahren Geld in die Hand, um das im Krieg teilweise stark beschädigte, riesige Künstlerhaus von 1910 zu renovieren und instandzusetzen und ist nun beim dritten Bauabschnitt, dem hinteren Teil. In diesem Artikel wird die Geschichte des Hauses erzählt. Bei meiner Recherche habe ich auch eine Postkarte mit der ganz ursprünglichen, intakten Fassade entdeckt. Wo diese runden Schwingen übriggeblieben waren und eine Litfaßsäule stand, waren früher zwei runde Türmchen.

Leider gibt es bei diesen Bemühungen einen visuellen Wermutstropfen. Die ursprüngliche historische Fassade an der Kopfseite wurde nicht wiederhergestellt, sondern in brachialster Weise eine Stahl-und Glaskonstruktion, ein phantasieloser, kalter Würfel davor geklatscht, der in keinem einzigen Aspekt mit der ursprünglichen Fassade korrespondiert. Als ich das am 30. Juni zum erstem mal sah, sank mir das Herz. Das war ein trauriger Moment. Ich stand fassungslos davor. Ich konnte mich nicht überwinden, den gesamten Stahl- und Glasklotz, der mir wie eine seelenlose Ohrfeige vorkommt, zu fotografieren. Ich fokussierte links daran vorbei, wo mich die Erinnerung nostalgisch einzuholen vermochte, da wo Filmhaus dransteht. Diesen Seiten-Eingang haben wir damals auch oft benutzt. Wir kannten jeden Winkel und jedes Schlupfloch.

Ich fragte eine Gruppe jüngerer Männer, die in der Nähe stand, seit wann das dort stünde. Sie antworteten: „schon ewig, wir kennen es gar nicht anders.“ Tja. Ich war eben sehr lange nicht da. Meine Recherchen haben ergeben, dass die Bauzeit von 2000 – 2002 gewesen sein muss. Also schon zwanzig Jahre her. Da waren die Jungs noch kleine Kinder. Ich war einfach perplex. Da es nun schon eine längere Weile dasteht, gibt es vielleicht irgendwann eine neue Ära, wo man einen Abriss und Rückbau andenken kann.

Auf der Seite „baukunst nürnberg“ fand ich folgenden Vermerk dazu:

„Königstraße 93, 1998-2001, Architekturbüro Grabow + Hofmann, Nürnberg. Der Neubau eines Eingangstrakts am Künstlerhaus von 1911 hat die Gemüter der Bevölkerung erregt. Vor das historistische Gebäude wurde ein Beton-Glaskubus gesetzt. Die Sensibilität des Vorhabens ergibt sich aus seiner prominenten Lage am Eingang der Altstadt gegenüber dem Hauptbahnhof und der unmittelbaren Nähe zu Baudenkmälern wie dem Königstorturm. Die Anforderung, daß ein Bauwerk in seine Umgebung passen muss, versuchte man hier durch das kompromisslose Konfrontieren von Gegensätzen zu erfüllen.“

Kompromissloses Konfrontieren von Gegensätzen ist eine geradezu obszöne Beschönigung. Hier wurde die ursprüngliche ach so „gegensätzliche“ historische Fassade erstickt und ausradiert. Der Glas- und Stahlklotz ist nicht einmal innovativ oder extravagant, ich erkenne keinerlei künstlerische Qualität. X-beliebig, vor jede historische Fassade zu stellen und immer wäre man bestürzt. Auch ein Glaskubus kann grandios sein, für sich, frei positioniert, im Austausch mit dem Licht der Umgebung. Aber das.

Damals saßen immer mehrere Jugendliche auf den Eingangsstufen oder im Schneidersitz davor, auch die ersten Punks. Es hatte etwas Vereinnahmendes. Ein eigener Palast für die wilde, unangepasste Jugend. Wir waren stolz darauf, dass wir das selbstverwaltete KOMM hatten. Wer mitarbeitete, hatte Lust. Dort gab es niemanden, der sich wie ein Aufpasser oder Erziehungsberechtigter verhielt, ein wahrer Traum von Freiheit.

Als ich mich wehmütig umdrehte, sah ich diese beiden Gesellen zu Füßen des Turms sitzen, sie erinnerten mich an damals, weil sie genau der Klientel entsprachen, die damals vor dem Eingang saß. Und nun wählten sie den Fuß des großen dicken Turmes, um den Tag dort gut gelaunt zu vergammeln. Der Eine war zu jung, um das Komm noch zu kennen, der andere erinnerte sich vielleicht. Ich fragte nicht nach, sondern nur, ob ich sie fotografieren dürfte – und wie man sieht, sie waren nicht verlegen zu posieren. Ganz früher hätte man von Tagedieben gesprochen, in den Sechzigern und Siebzigern und auch noch in den Achtzigern von Gammlern. Wie man das heute nennt oder schimpft, weiß ich gar nicht. Ist mir eigentlich auch egal. Ich wollte sie nicht näher kennenlernen, sondern das Echo meiner Jugenderinnerung einfangen. Schöner Moment, dieser letzte meines Streifzugs durch die Königstraße.

25. Juli 2022

Problematisierungskultur. Problematisierungslust. Problematisierungsmode. Problematisierungswonne. Problematisierungsdrang. Problematisierungswahn.

24. Juli 2022

Ganz nah am Königstor, auf den letzten Metern der Königstraße. Zuerst kommt der Gasthof Bocksbeutelstube, in dem man auch übernachten kann und direkt daneben das Hotel Victoria und da ist auch gleich das Königstor mit dem Eingang zum Handwerkerhof, dem ich mich schon gewidmet habe. Erst heute Vormittag habe ich begriffen, wieso mir die Königstraße so heimelig erschien, anders als früher. Ich spreche von vor ca. 36 Jahren, als ich aus Nürnberg wegzog. Neben meiner rosa Touristenperspektive und dem strahlenden blauen Himmel lag es sicher auch an dem nicht mehr vorhandenen Autoverkehr. Ab dem Königstor wurde die Königstraße ab Ende Mai 2022 zur Fußgängerzone erklärt. Ebenso die Theatergasse und noch eine andere. Aber weitere Straßen in der St. Lorenzer Altstadt sind seit längerem Fußgängerzonen, auch die waren mir als solche nicht vertraut. Und noch mehr, vor allem in St. Sebald, sollen dazu kommen. Früher gab es „DIE“ Fußgängerzone, die Breite Gasse. Das ist nun eine von vielen, das ist eine Politik, die mir als leidenschaftlicher Flaneurin überaus zusagt. Man hat erkannt, dass sich der Charme der Altstadt noch besser entfalten kann und infolgedessen auch der dort ansässige Handel profitiert, weil ein Einkaufsbummel einen neuen Reiz bekommt, da nun noch ausgiebiger gebummelt werden kann. Die dreidimensionale Welt sinnlich zu erfahren, kann eben nicht durch Streetview und Amazon (die ich auch oft benutze) ersetzt werden.

24. Juli 2022

Und weiter Richtung Königstor. Vorbei am schmalen Durchgang zum Klarissenplatz, wo jetzt das Neue Museum steht, man sieht die Stahl- und Glaskonstruktion am Ende des Gässchens. Den Besuch habe ich mir für ein andermal aufgehoben. Wir sind auf der Höhe Königstr. 76, dreht man sich um, hat man über den Sonnenschirmen die spitzen Türmchen von St. Lorenz im Blick.

24. Juli 2022

Der Eindruck hat sich nun verfestigt, dass Sandstein der bevorzugte Baustoff in Nürnberg war, und in den Altstadtvierteln wie St. Lorenz und St. Sebald besonders dicht erhalten oder wiederhergestellt. Das schmale Haus vom Hotel Drei Raben ist nicht denkmalgeschützt, das gilt wohl als Durchschnittsware. Schön, dass die Beschriftung so sorgsam ausgeführt ist. Wieviel die Typographie doch ausmacht. Das Hotel ist von innen nicht so mein Geschmack, die Zimmer sind mir zu seltsam dekoriert, auch die Themen zu aufdringlich, mit den überdimensionalen Spielzeugfiguren. Aber die Lage ist toll, auch mitten in der Königstraße, mehr oder weniger schräg gegenüber der Mauthalle. Man könnte denken, dass das mit dem Sandstein jemandem, der diese Wege Hunderte, wenn nicht Tausende Male ging, schon früher hätte auffallen können. Aber woran denkt man, wenn man von A nach B geht, im Alltag? An das Ziel, was man als Nächstes vorhat. Aber bestimmt nicht an Baustoffe. Flanierenderweise interessiert es einen. Das Schöne an Sandsteinfassaden ist, wenn sie nicht getüncht oder sonstwie versiegelt sind, dass sie zu atmen scheinen, lebendige, gewachsene Strukturen zeigen. Man legt gerne die Hand auf einen warmen Stein. Erdend und beruhigend.

24. Juli 2022

Es folgt eine exzessive Fotostrecke der Markisen der Mauthalle. In der Mitte der Königstraße ist ein Platz, der Hallplatz, da steht die Mauthalle, ein Schild mit Hinweis auf den „Mautkeller“. Mein privater, persönlicher Bezug: mein Vater ist in den Siebziger Jahren dort häufiger aufgetreten, entweder mit seiner Band oder einer Kapelle. Er spielte in mehreren Formationen, heute würde man Coverbands sagen, in Swingorchestern, aber auch Blaskapellen und aushilfsweise bei den Nürnberger Symphonikern. Weil ich den wiederkehrenden Satz „Heute Abend spielen wir im Mautkeller/in der Mauthalle“ im Ohr habe. Meines Wissens war ich nie drin, auch nicht im Kellerlokal. Das denkmalgeschützte Riesengebäude war im Mittelalter der größte Nürnberger Kornspeicher. Mir gefallen die gestreiften Markisen, ich finde, es sollte an allen Häusern Markisen an den Fenstern geben, das gibt so ein leichtes, luftiges, mediterranes Flair. Da ich mich nicht entscheiden konnte, welche Fotos ich davon weglasse, sind es nun so viele geworden. Seltsam, dass ich beim Recherchieren überhaupt keine Hinweise finde, dass es im Mautkeller mal eine kleine Bühne gab. Vieles geht doch trotz Internet verlorden, es gibt keine Spuren. Vielleicht war früher eine im Kellerlokal. Mein Vater ist da aufgetreten, das weiß ich ganz bestimmt. 1498 bis 1502 erbaut, also hat der Maler Albrecht Dürer mit eigenen Augen gesehen, wie sie gebaut wurde.

23. Juli 2022

Mein Schulweg, die Königstraße entlang, über den Hallplatz, vorbei an Obstständen beim Hotel „Deutscher Kaiser“, Richtung Bahnhof, auch mein Weg am 30. Juni, ein Donnerstag, gegen Mittag, kurz vor 13 Uhr. Vielleicht war die junge Frau mit dem Pferdeschwanz auch auf dem Weg nach Hause… oder machte eine Mittagspause.

23. Juli 2022

Richtung Museumsbrücke, Hausnummer Königstraße 1, die Königspassage. Nürnberg hat nicht nur Mittelalterflair, sondern ausgiebige Einkaufsmöglichkeiten, Kaufhäuser, Boutiquen, Cafés, eine Fußgängerzone, die Breite Gasse, alle bekannten Markengeschäfte. Es ist keine Kleinstadt, hat aber eine romantisch-gemütliche Patina. Die Königstraße hat noch eine zweite Passage mit Fünfziger Jahre-Charme, die Ostermayr-Passage in der Königstr. 33 – 37. Dort besuchte ich zwei Jahre von 1982 bis 1984 eine Sprachenschule. Sie war in den oberen Etagen, darunter gab es ein zweigeschossiges, elegantes Café, das umgebaut und neu eröffnet wurde, das Café Opera. Ich war nicht da, hatte aber ein Wiederkennen, als ich die Fotos sah. Dort gab es die butterigsten Croissants, wir holten sie in der Pause oder gingen nach Schulschluss hin. In meiner Klasse war die damalige Miss Franken, eine kurvige Blondine mit Solarium-Teint und extrem weißen Zähnen, die sich mehr durch Markenkleidung als durch Sprachtalent hervortat. Wir anderen trugen eher Understatement, gerne Schwarz. Sie ist mir ausschließlich in Pastell in Erinnerung, puderrosa Poloshirts von Lacoste und hellblaue, knallenge Jeans von Fiorucci. Sie war „Popper“. Sie hatte mehr Taschengeld als wir, da sie auch modelte und weilte daher täglich im nicht ganz billigen Kaffeehaus mit der runden Balustrade, die beide Etagen verband.

23. Juli 2022

Mitten in der Königstraße, gegenüber der Lorenzkirche, da wo die Karolinenstraße anfängt, steht das Nassauer Haus, ein mittelalterlicher Wohnturm, unten ist eine rustikale Gastwirtschaft. Dieser Turm hat mich noch nie beschäftigt, auch habe ich ihn nie betreten, er ist einfach immer dagewesen. Das Besondere am Blick auf eine Stadt, die man seit seiner Kindheit kannte ist, dass die wichtigsten Erinnerungen ganz wenig mit Sehenswürdigkeiten zu tun haben und sich deshalb auch nur Erinnerungen vordrängen, die einen ganz privaten persönlichen Bezug haben. Das ging mir mit dem Platz vor der Lorenzkirche so, und als ich in Richtung Karolinenstraße blickte, fiel mir sofort und ausschließlich eine mich elektrisierende, aufregende Begegnung ein, die links von diesem Nassauer Haus passierte. Ich schrieb sie auch in mein Tagebuch.

Wenn ich jetzt nicht zu bequem wäre, die Stelle zu suchen, bzw. erstmal das Datum zu verifizieren und dann das entsprechende Tagebuch überhaupt zu finden, würde ich daraus zitieren. So schreibe ich hier jetzt nur, dass ich zwischen 1983 und 1985 im Vorbeigehen einen jungen Mann sah, damals Mitte Zwanzig, der mich stark beschäftigte. Er war nicht allein, seine wesentlich ältere Freundin lief neben ihm. Er stolzierte geradezu über diesen Platz und fiel auch auf, da er sich immer extravagant kleidete. Bis dahin war ich ihm immer im näheren Freundes- und Bekanntenkreis begegnet, in einer Gruppensituation. Von der Freundin wusste ich, da sie immer und überall dabei war, auch als seine Chauffeurin. Ich war völlig aufgewühlt, weil ich mich auf diese zufällige Begegnung (die noch nicht einmal gegenseitig war, die liefen einfach nur vorbei und ich sah sie, sie mich aber vermutlich nicht) innerlich nicht vorbereiten konnte, so wie sonst. Ich spürte überdeutlich, wie stark meine erotisierten Gefühle waren. Obwohl sie mich auch kannten, aber wohl nicht wahrnahmen, hatte ich keinen Impuls sie anzusprechen. Ich war nur an einer Begegnung mit ihm alleine interessiert und hatte keine Lust auf höflichen, zu nichts führenden Small Talk mit seiner mutterhaft agierenden Freundin. Das ist natürlich keine adäquate Geschichte für einen Reiseführer durch Nürnberg für Gott und die Welt, den ich aber auch gar nicht zu verfassen beabsichtige. Für mich einfach reflexartig mit dieser Stelle in der Königstraße, Ecke Karolinenstraße verbunden. Beim Durchsehen der Fotos fällt mir jetzt erst auf, wieviele aufgemalte Sonnenuhren es in Nürnberg an mittelalterlichen Bauwerken gibt.

22. Juli 2022

Letztes Kapitel Hotelflurbilder. Noch einmal gegenübergestellt Jakob Fugger seitenverkehrt in der Hotelbar und Jakob Fugger im Original, auch wieder im Besitz der Alten Pinakothek, aber in Augsburg hängend, und noch einmal ich vor Kaiser Maximilian I., den Albrecht Dürer kurz nach seinem Tod malte, wohl im Auftrag von Jakob Fugger. Das Maximilian I. Bild hängt wieder in Wien im KHM. Albrecht hat erreicht, was er wollte: sehr bekannt werden. Seit über einem halben Jahrtausend beschäftigen sich die Menschen mit ihm und seinem Werk. Auch bei meinen kommenden Fotoalben spielt er immer wieder mal eine Rolle, am Ende werden alle denken, sie waren in Nürnberg und sind mit Albrecht auf Du und Du. Mir kommt er auch schon vor wie ein alter Freund von früher. Komisch, dass er nicht bei der Hochzeit von meinem Neffen war. Vielleicht war er gerade wieder in Venedig und konnte deshalb nicht dabei sein, Albrecht Dürer wurde übrigens nur knapp 57 Jahre alt, er starb sechs Wochen vor seinem 57. Geburtstag. Und ich werde in knapp sechs Wochen exakt genauso alt! Da ich noch Hunderte Fotos aus Nürnberg zu verarbeiten habe, werde ich mir ganz gewiss keinen unzeitigen Abgang gestatten!

22. Juli 2022

Die Sonne tritt soeben in das Zeichen Löwe! Auch im Flur des Hotel Saxx gibt es einen Löwen, natürlich von Albrecht Dürer. Wer hätte es gedacht: das große Tier ist im Original eine sehr kleine Zeichnung, von der vermutet wird, dass sie von Dürer unterwegs bei seiner ersten Venedigreise 1494 mit Aquarell und Deckweiß angefertigt wurde, möglicherweise erst später mit Gold erhöht. Das Pergamentblatt ist nur 12,6 x 17,2 Zentimeter groß. Einen leibhaftigen Löwen hat Albrecht Dürer – soweit bekannt – zu dem Zeitpunkt noch nicht lebendig vor sich gehabt, ebensowenig wie sein berühmtes Rhinocerus auf einer persönlichen Naturstudie beruht. Da es in Venedig aber schon damals an allen Ecken Löwen gab, wird davon ausgegangen, dass ein Markuslöwe seine Vorlage war. Auf der Seite der Hamburger Kunsthalle, die dieses kostbare Pergament seit 1863 im Kupferstichkabinett bei „Zeichnungen, Deutschland, 15. – 18. Jh.“ verwahrt, finden sich ausführliche kunsthistorische Mutmaßungen und Untersuchungsergebnisse.

22. Juli 2022

Klein im Original und groß im Hotelflur. „OSWOLT KREL 1499“ hat Albrecht mit feinem Pinsel in Gold über das Portrait geschrieben. Der junge Mann war der Rechnungsführer der „Großen Ravensburger Handelsgesellschaft“ und weilte nur vorübergehend in Nürnberg. Ich gehe davon aus, dass das auch ein Auftragsportrait war. Es ist auf ein Stück Lindenholz im Format 49,7 x 38,9 cm gemalt und der Mittelteil eines Triptychons. Das gute Stück ist seit 1828 im Besitz der Alten Pinakothek in München. Im Dürersaal des Albrecht Dürer-Hauses befindet sich eine hochkarätige Kopie des Triptychons, von 1961 von Andreas Bach.

21. Juli 2022

Ich komme noch einmal auf meine Schlafzimmergenossin, die junge Venezianerin von Dürer zurück. Ich hatte gleich so ein vertrautes Gefühl, aber mir war doch tatsächlich völlig entfallen, dass sie auf dem alten 5-Mark-Schein war. Die viel kleineren grünen 5-Mark-Scheine waren für uns als Kinder etwas ganz Besonderes. Sie waren so selten. Oder es kam uns nur so vor. Man freute sich über jeden, den man im Portemonnaie oder im Sparschwein hatte, viel mehr als über ein 5-Mark-Stück. Sie waren so hübsch und kleinformatig wie Spielgeld und das Mädchen guckte auch nicht so streng und schulmeisternd, man hätte sie gerne als Freundin gehabt. Das fiel mir gestern alles erst wieder ein, als ich mir den Elsbeth-Tucher-Zwanzigmarkschein anschaute, daneben waren auch die anderen Geldscheine abgebildet. Das schöne Portrait der namenlosen Venezianerin ist aus dem Jahr 1505. Das nur 24,2 x 32,5 cm kleine Original hängt seit 1923 im Kunsthistorischen Museum in Wien. Auf dem blaugrauen Zehnmarkschein war ein Mann mit langen lockigen Haaren und ich glaube, wir dachten, das sei Albrecht Dürer, weil es im Zusammenhang mit den Geldscheinen immer hieß, die sind alle irgendwie von Dürer. Hat aber gar nicht bei allen gestimmt. Zum abgebildeten langhaarigen Herrn heißt es: „Bartloser junger Mann“ (nach älterer Ansicht nach einem Gemälde von Albrecht Dürer oder Anton Neupauer, nach neuerer Forschung nach einem frühen Bildnis von Lucas Cranach dem Älteren, welches sich in landgräflich-hessischem Privatbesitz befindet und nicht öffentlich zugänglich ist)“. Wie auch immer – Albrecht Dürer war schon in meiner Kindheit sehr präsent. Ein „household name“ sozusagen.

21. Juli 2022

Im Hotelflur vor Elsbeth Tucher. Das Original „Bildnis der Elsbeth Tucher“ aus dem Jahr 1499 von Albrecht Dürer hängt in der Gemäldegalerie „Alte Meister“ in Kassel. 1961 bis 1992 zierte Elsbeth Tucher den bundesrepublikanischen Zwanzigmarkschein. Ich kann mich dunkel erinnern, dass ich mich als Kind gefragt habe, womit es die gestreng dreinblickende, humorlos wirkende Frau mit der seltsamen Haube geschafft hat, auf einem Geldschein zu landen, den Millionen Menschen im Portemonnaie haben. Dass es ausschließlich dem ruhmreichen Maler des Auftragsportraits zu verdanken ist, hat mir keiner erklärt. Oder ich habe es vergessen.

21. Juli 2022

Im Frühstückrestaurant vom Hotel Saxx. Auch da habe ich mir ein schönes Plätzchen mit Blick auf den Schönen Brunnen gewählt. Links und rechts von mir saßen Hotelgäste. Es gibt ein großes Buffet und tollen Kaffee, kann man auch nach oben aufs Zimmer nehmen. Hier mein erster Gang mit Obstsalat und Joghurt, danach holte ich mir noch Rührei und Nürnberger Rostbratwürstchen. Ich geniere mich grundsätzlich etwas, in einem Restaurant mit der Kamera zu hantieren. Das war am 1. Juli 2022, danach lief ich rüber zum Rathaus, zum Trausaal, wo geheiratet wurde. Auch weil das Paar vegan lebt, hatte ich keinen starken Impuls, meine Würstchen zu fotografieren. Am nächsten Tag nahm ich mir einen Frühstücksteller und Kaffee nach oben aufs Zimmer, dafür gibt es extra Kaffeebecher zum Mitnehmen. Frühstück gibt es ab ziemlich früh bis elf Uhr. Am Nachmittag wird es zum Nachmittagscafé erklärt, ich vermute dann auch für Laufkundschaft, also Passanten.

20. Juli 2022

Wir kommen nun in die Badestube mit stattlicher Badewanne, die durch einen kessen, hinter einer Holzschiebetür versteckten, gläsernen Durchblick eingesehen werden kann. Man muss sich vorstellen, dass links von der Schiebetür die venezianische Dürerschönheit vom Schlafzimmer ist. Ich hatte kein direktes Bedürfnis ins Bad zu schauen, während ich auf dem herrlichen King Size Bett lag, aber anderen mag es da anders gehen, z. B. Paaren. Eine Badewanne hätte ich jetzt auch nicht dringend gebraucht, weil ich vor allem duschen möchte, aber die Großzügigkeit dieses Badezimmers würde manchen vielleicht animieren, von einem Wellnessbereich zu sprechen. Gestört hat mich allerdings, dass der Föhn so seltsam konstruiert ist, dass man zum Föhnen dauernd auf einen Knopf drücken muss, sonst tut sich nichts. Was sich der Föhndesigner dabei gedacht haben könnte, erschließt sich mir nicht. Der Druck vom Duschstrahl hätte ein bißchen stärker sein können, das hab ich aber bei meiner Abreise hinterlassen, und es wurde eifrig notiert. Auch angenehm: die unkomplizierte rundum-Gepäckaufbewahrung vor dem Ein- und nach dem Ausschecken, wenn man noch unbelastet flanieren will, bis die eigentliche Abreise ist. Gefallen hat mir auch beim Abschied, nachdem ich erwähnte, dass ich dort jederzeit wieder übernachten würde, mir der Herr vom Empfang (mit dem Eiskübel) einen tiefen, ernsten Blick zukommen ließ und sehr bestimmt sagte: Wir WARTEN auf Sie! Und dann noch so ein subtiles Schmunzeln hinterher. Hier logiert man gerne! Das Hotel gibt es seit März 2014 in dieser Ausstattung, ich hätte gedacht, es ist noch neuer, wirkt alles sehr einladend und frisch. Einfach picobello.

20. Juli 2022

Man sieht mir an der Nasenspitze an: ich war angetan. Eben noch einmal geschaut, wann der Schöne Brunnen im Auftrag von Kaiser Karl IV. erbaut wurde: 1385 bis 1396. Also hat ihn der kleine, 1471 geborene Albrecht Dürer auch schon vor der Nase gehabt, wenn er aus seinem Geburtshaus gelugt hat. Sein Vater war ein sehr erfolgreicher Goldschmied und hatte ab 1468 ein Ladenlokal am Hauptmarkt, ich vermute, da hat die Familie auch gewohnt, und da ist der kleine Albrecht auf die Welt gekommen, da wo ich geschlafen habe! Vielleicht nicht genau unterm Dach, aber wer weiß. Toll. 1475, als Albrecht vier war, hat der Vater ein Haus „in bester Lage“ erwerben können, das war vermutlich das Haus in der Bergstraße, zwischen Hauptmarkt und Burg. Also ist der Mini-Albrecht seine ersten vier Lebensjahre hier herumscharwenzelt. Die 1361 eröffnete Frauenkirche gegenüber prägte damals auch schon lange das Bild des Hauptmarkts, also bot sich dem kleinen Albrecht Dürer mehr oder weniger das gleiche Bild wie mir im Jahre 2022. Wie aufregend! Noch toller wäre, wenn die Zimmer einen Minikühlschrank hätten, also eine Minibar, aber der sehr zuvorkommende Herr vom Empfang hat Abhilfe geschaffen, indem er mir für meine Flasche einen großen Kühler mit Eis serviert hat, damit ich meinen Schlaftrunk perfekt gekühlt einnehmen konnte.

19. Juli 2022

Ich begebe mich zurück nach Nürnberg – erinnernderweise. Und zwar zum Hotel, in dem ich die drei Tage logierte. Ich finde logieren klingt etwas gehobener, das wird dem Haus gerecht. Von außen ist es eher eines der unspektakuläreren Bauwerke am Hauptmarkt. Es hat die Adresse Hauptmarkt 17, der Eingang ist um die Ecke, Waaggasse 7. Dieses Sorat-Hotel heißt Saxx und ich nehme an, das ist eine Anspielung auf Hans Sachs, den Meistersinger – aber ich kann mich irren. Der Mann im Entrée, der Richtung Bar schaut, ist aber nicht Hans Sachs, sondern der von Albrecht Dürer um 1518 gemalte „Jakob Fugger, der Reiche“. Im Original schaut Jakob Fugger in die andere Richtung, ich vermute, der Interior Designer fand es aparter, wenn er zur Bar schaut, dann kann er auch besser nachbestellen, wenn das Glas leer ist. Jakob Fugger war superreich aber auch supersozial und hat die erste Sozialsiedlung der Erdgeschichte einrichten lassen, wo Arme fast nichts für das Wohnen bezahlen müssen. Die Miete beträgt drei Gebete pro Tag und stattliche 88 Cent Jahresmiete, die Fuggerei in Augsburg. Aber ich schweife ab. Jedenfalls ist das eines der vielen großen Albrecht Dürer-Portraits im Hotel, die sich durch alle Etagen und Flure und Zimmer ziehen. Ich war sehr davon angetan.

Als nächstes bitte ich um Beachtung des Fotos vom Dach, insbesondere der Fenster ganz oben. Rechts sind zwei mit halb heruntergelassenen Jalousien, das waren meine Fenster. Auf einem weiteren Bild präsentiere ich, was es unterhalb der Jalousie durch das Fenster zu sehen gab. Für Menschen, die noch nie einen touristischen Trip nach Nürnberg gemacht haben: ich habe direkt auf den Hauptmarkt und den Schönen Brunnen geschaut. Ganz wundervoller Ausblick. Tatsächlich habe ich genau das Zimmer bekommen, das mir auf den Fotos am besten gefallen hat, im Dachgeschoss in der fünften Etage mit der Zimmernummer 503.

18. Juli 2022

Diese ungeplante Langzeitbelichtung von meinem südlichen Wohnzimmerbalkonausblick in der Nacht vom 15. Juli hat etwas Wesentliches erfasst, das mich vor dreiundzwanzig Jahren bewog, genau an diese Ecke zu ziehen: es war die hohe Energie, die hier in der Luft liegt. Wer weiß, was vom Fernsehturm für Vibrations ausgehen, und noch dazu der Vollmond daneben. Ich wohnte vorher im schläfrigen südlichen Wilmersdorf, Nähe Friedenau, da beim Rüdesheimer Platz. Ein Unterschied wie Tag und Nacht.

Schon das Tempo, in dem sich die Menschen hier fortbewegen ist anders. Und doch ist es hier oben still und erholsam. Ich höre zwar das Feiern vom Park am Gipsdreieck und das Kindergequake vom Spielplatz und so ein Grundrauschen von den Lokalen unten, aber alles sehr friedlich, ganz unaggressiv. Immer noch ein Gefühl wie in einer Ferienwohnung irgendwo am Mittelmeer. Bin dankbar. Bei der Hochzeit neulich fragte mich ein alter Freund, den ich seit Jahrzehnten nicht mehr getroffen hatte, der mich früher ab und zu in Schöneberg besuchte (und auch bei mir gemeldet war, um nicht zur Bundeswehr zu müssen), wo ich inzwischen wohne. Er kennt Berlin ganz gut, hatte auch mal eine Fernbeziehung hier. Ich antwortete „in Mitte, schon über zwanzig Jahre jetzt…“ Er darauf: „Hat wahrscheinlich Vor- und Nachteile, oder?“ Ich: „Nö. Nur Vorteile :-)“ Also ernsthaft, das war eine ironiefreie Antwort.

Wie kapriziös müsste ich sein, um hier nach Defiziten Ausschau zu halten. So lange ich es bezahlen kann, ist es mein Paradies, mein Adlerhorst. Wer mich jemals besucht hat, versteht das aber auch. Als Luxusproblem könnte man natürlich anführen, dass ich die türkise Kuppel vom Berliner Dom sehen muss, was mir ein christlichen Glaubensbekenntnissen abholder Freund einmal als für ihn hochproblematisch anführte. Ich war etwas sprachlos. Der Blick auf die Domkuppel war unter anderem ein absoluter Teaser für mich, als ich die Wohnung besichtigte, und da war ich schon fünf Jahre aus der Kirche ausgetreten. Ich liebe runde Kuppeln, was sich darunter rituell religionsmäßig abspielt, ist mir wumpe.

17. Juli 2022

Frau Nielsen am 12. Juli 2022, vor und nach dem Konzert. Ich saß anschließend noch mit Lydia bis halbzwei draußen in der warmen Sommernacht in einer Kneipe in der Kastanienallee. Erstaunlich voll für Dienstag weit nach Mitternacht. Ich saß zwar auch da, aber wusste, dass ich am nächsten Tag erst mittags anfange zu arbeiten, was nicht so üblicherweise der Fall ist. Heute habe ich wirklich viele Einträge gemacht, das ist nun der elfte. Jetzt ist erst mal Schluss mit Berichten und Gedankengängen über dieses Stones-Jubiläumskonzert. Ich verfolge nun still weiter, wie die SIXTY-Tour der echten Stones verläuft. Gerade haben sie in Wien gespielt. Am Abend vor dem Konzerttag hat sich Mick an einer Würstelbude mit einer Bierdose knipsen lassen, den Tag nach dem Konzert ging sein Sightseeing mit seiner Freundin weiter, und er hat im Hofburggarten eine Truppe von jungen Wienerinnen in Aufregung versetzt, die dort einen Junggesellinnenabschied begingen und ihn erkannten, Gab schöne Fotos, er ganz Hahn im Korb. Ganz der Alte. Weiter so! I like…! Für unser Berliner Stones Konzert am 3. August in der Waldbühne hab ich immer noch kein bezahlbares Ticket. Ich verfolge täglich den Fansale von Eventim. Einmal gabs schon eins der unteren Kategorie, da aber nun Ina auch mitkommen will, schau ich nach zwei. Unser Plan ist aktuell, wir fahren mit einer gut gekühlten Flasche einfach zur Waldbühne und gucken, was da so angeboten wird. A bisserl was geht immer!

17. Juli 2022

Last but not least: Danke an die Band und an den Frannz Club, der Get Stoned anlässlich des 60. Stones-Geburtstags eine Marquee-Club-mäßige Bühne bot. Schwer vorzustellen, dass die echten Stones in zehn Jahren noch auf Tour gehen, aber Cover- und Tributebands wie Get Stoned und Brown Sugar werden in Berlin die Stonesfahne weiter hochhalten und uns grandiose Konzerte mit den besten Stones-Nummern spielen. Because IORR – but I like it.

17. Juli 2022

Um nochmal auf Get Stoned zurückzukommen. Die Jagger-Signature Moves sind schon ziemlich gut. Mick macht viele Armbewegungen nach vorne und wedelt gerne rum. Immer mal die Hand in die Hüfte. Die Bewegungen müssen zackig gespreizt und ein bißchen kasperlemäßig sein. Ich wünsche mir weniger Schnute, weil ausreichend Schnute hat Mick-Martin von Natur aus.

17. Juli 2022

Gaga und Ina üben Selfie. Beide haben noch nicht verstanden, wo man hinschauen muss, damit es aussieht, als ob man in die Kamera schaut. Ina sollte es eigentlich wissen, ihr gehört das Smartphone nämlich, und es ist nicht ihr erstes Foto. Gaga hat immerhin begriffen, dass Begeisterung und absolute Hingabe gefragt ist, und lächelt fein, das ist sogar echt, weil sie sich gefreut hat. Ina wird beim Selfiemachen immer ganz ernst, sie ist unsicher, wie sie gucken soll. Danach hat sie wieder gelacht, aber beim Knipsen hat sie’s nicht geschafft. Sie müssen noch sehr viel üben!

17. Juli 2022

Ich vermute ja, dass der Mick-Sänger Martin Glaß der große Bruder vom Keith-Gitarristen Florian Glaß ist. Der Bassist sieht ein bißchen wie Bruce Willis aus. Die Get Stoned-Stones spielen in der klassischen Stones-Besetzung mit Schlagzeug, Bass, zwei Gitarristen, Sänger und einer Sängerin für Backing Vocals. Die Bläser-Section Sticky Stones ist nur manchmal dabei. Allerdings trauert die Band um ihren Keyboarder, der wohl festes Bandmitglied war und vor ca. zwei Jahren gestorben ist. Es gab eine Gedenkminute mit einem extra Song für ihn. Jetzt spielen sie vermutlich einige Songs nicht mehr, für die man traditionell einen Pianisten in der Band braucht. Der Ronnie Wood-Gitarrist ist schon etwas älter, der Schlagzeuger auch. Sie sehen aus wie aus einer Folge Beat Club aus den Siebzigern, richtige Urgesteine. Man merkt, dass es eine gewachsene Band ist. Sie treten seit 2006 auf.

17. Juli 2022

War, Children – It’s just a shot away – It’s just a shot away – It’s just a shot away – It’s just a shot away – It’s just a shot away – Love, Sister – It’s just a kiss away – It’s just a kiss away – It’s just a kiss away – It’s just a kiss away – It’s just a kiss away – Kiss away, kiss away. Gimme Shelter. GET STONED, 12. Juli 2022. Backing Vocal-Sängerin Kristin Panzlaff und Front-Mick Jagger Martin Glaß.

17. Juli 2022

Mit so einem Mantel kann man auch bei mir punkten. Ich liebe es über alle Maßen, wenn einer dergestalt den Mick gibt. Das ist doch neben der Musik mit der Hauptspaß beim Stones-Covern. Wer das nicht versteht, hat den Stones Spirit nicht verstanden! Es gab mal ein Cover von Paint it Black vom London Symphony Orchestra, sehr beeindruckend, da wäre ich jetzt nicht so streng, und erwarte auch nicht, dass der Soloviolinist über die Bühne springt und mit dem Hintern wackelt, aber wenn die Original Arrangements mehr oder weniger das Vorbild sind, muss es einen Mick und einen Keith geben, alles andere kann mich nicht überzeugen!

17. Juli 2022

Danke an meine zuckersüßen Begleiterinnen Ina und Lydia, ohne die der Stones-Sixty-Abend mit Get Stoned im Frannz Club nur halb so schön gewesen wäre. Ich habe ja noch andere, genauso zuckersüße Freundinnen, die sind aber nicht alle so durch die Bank für Herumgetanze zu Stones-Hits zu begeistern.

Ich kann mir ja immer gar nicht vorstellen, dass jemand die Moves von Jagger und den ganzen Stones-Spirit, der ja schon eine Form der Religion ist, nicht Weltklasse findet.

Ich war schon als Kind Stones-Fan, es wurde dann eigentlich immer schlimmer. Bis auf einen kleinen Einbruch in meinem Fantum Mitte der Neunziger, weil mir ein Stoneskonzert im Olympiastadion nicht so super gefiel. Die Beziehungskrise ist aber längst überwunden. Ich bin einfach nur froh, dass es sie noch gibt.

16. Juli 2022

Vorgestern, am 14. Juli 2022. Bei einer Buchpremiere im Bücherbogen am Savignyplatz wurde „Schwule Architekten – Gay Architects, verschwiegene Biografien vom 18. bis zum 20. Jahrhundert“ von Wolfgang Voigt und Uwe Bresan vorgestellt. Erschienen im Verlag für Architekturgeschichte Wasmuth & Zohlen. Hier ist eine Leseprobe, zweisprachig in Deutsch und Englisch.

Ich copypaste eine kleine Facebook-Konversation zwischen dem Fotografen Jan Sobottka und mir, bevor ich hinging:

Jan Sobottka
(…) Kommst du?

Gaga Nielsen
Nein, leider nicht, eben erst entdeckt, ich gehe gleich zum Bücherbogen am Savignyplatz, wo eine Buchvorstellung (über schwule Architekten) von Wasmuth und Zohlen stattfindet, um 19:30 Uhr. Ina ist natürlich da.

Jan Sobottka
wie blöd… schade
… schwuler Minimalismus …vorstellbar?

Gaga Nielsen
es geht nicht um „schwulenspezifische“ Architektur (falls es so was überhaupt gibt), sondern um die Geschichte von Architekten, die diesen Aspekt ihres Lebens im letzten Jahrhundert akribisch vertuschen mussten, um arbeiten zu dürfen und an relevante Aufträge zu kommen (wenn ich es richtig verstanden habe…) Natürlich ist schwuler Minimalismus nicht nur vorstellbar, sondern vorhanden, da ästhetische Neigungen nicht von sexueller Präferenz gesteuert sind, soweit ich weiß. Es ist sicher kein Zufall, dass es unter heterosexuellen Menschen sowohl zu Opulenz neigende, als auch Minimalismus liebende gibt. Was dich sicher nicht überrascht 🙂

14. Juli 2022

Die schönsten Performances von Mick sind die vom Rock’n’Roll Circus 1968. Nie hat er schöner und lässiger mit der Kamera geflirtet. Eine Augenweide. Bei Sympathy For The Devil zieht er gegen Ende sein Shirt aus und lässt aufgemalte Tattoos an seinem sehnigen Körper sehen. Er singt und kreischt und robbt über den Boden, ganz das schöne Tier. Er sieht leicht bekifft aus, aber sogar das steht ihm, dieser leicht verschleierte, entrückte Blick. Brian Jones dagegen… na ja. Er fügt sich in die Rolle der Nebenfigur, arbeitet das Erforderliche so ab, aber er hat mich nie angezogen.

13. Juli 2022

The Berlin Rockchicks Gaga, Lydia & Ina yesterday celebrating the 60th anniversary of The Rolling Stones @Frannz Club in Berlin. On stage the fabulous Get Stoned feat. The Sticky Stones! What a Night. Cheers to the Glimmer Twins and Many Happy Returns <3

13. Juli 2022

Ohrwurm seit gestern Abend. „Let’s drink to the hard workin‘ people, let’s think of the lowly of birth, spare a thought for the rag-tagged people, let’s drink to the salt of the earth….“ Salt of the Earth vom Beggars Banquet Album von 1968 ist so ein toller Song. Kenne ich seit einem halben Jahrhundert, klar! Aber bis gestern noch nie so gänsehautmäßig live erleben dürfen…

Es war ganz wundervoll, das Stones Sixty-Jubiläumskonzert von GET STONED. Der ganze Frannz Club hat Salt of the Earth gesungen… und alle anderen Songs auch. Und Miss You war schon wieder super! Der Sänger hatte einen ganz tollen langen, champagnerfarbenen Satinmantel an, später tolle Glitzerhemdchen und natürlich bei Sympathy for the Devil wieder seinen Zylinder und den Zauberstab. Auch immer sehr apart, wenn das Mikro mal zwischendurch in die Hose gesteckt wird, so schräg in den Hosenbund. Muss natürlich zur Figur passen. Sehr kess, gefällt mir. Die Bläser waren auch sehr attraktiv. Der allgemeine Liebling (bei einer repräsentativen Umfrage) von Ina, Lydia und mir ist der junge Keith-Gitarrist der Gruppe, Flori. Er ist so sehr in der Musik, es fließt entspannt aber doch hochkonzentriert aus ihm heraus. Dabei hat er immer so ein leichtes Schmunzeln um die Lippen. Ganz arg begabt. Also: es war toll. Schön ist auch, dass man für frische Luft in den Biergarten vom Frannz Club kann. Musste mir vorstellen, dass da neulich im Mai tatsächlich die Ärzte auf der relativ kleinen Bühne gespielt haben. Sie hatten eine Clubtour in Berlin und die war natürlich innerhalb von Sekunden komplett ausverkauft. Ist klar. Gestern war aber auch schön voll. Ein sing- und tanzfreudiges Publikum – wie wir! Fotos werden nachgereicht.

12. Juli 2022

St. Klara. Oder vielmehr der moderne Eingangsbereich, eine Vorkapelle mit dem Namen Pirckheimerkapelle. Wir sind nur wenige Meter vom Königstor entfernt, dem Eingang zum Handwerkerhof in der Königstraße. St. Klara ist etwas nach hinten versetzt in der Königstraße Ecke Klaragasse. Alles fotografiert auf meinem Weg zwischen meinem Hotel, dem Sorat Saxx am Hauptmarkt und dem Hauptbahnhof.

Ich habe keinerlei Erinnerung an St. Klara und diese ganz spezielle Ecke, wie ausradiert. Mich zog der 2006 bis 2007 umgebaute, nun moderne Spitzbogen-Eingang von weitem magnetisch an. Da der Tag heiß war, um die 32 Grad oder mehr, lockte der kühle, schattige Eindruck. Die eigentliche alte, konservierte Kapelle ist darüber indirekt zugänglich, ich warf einen Blick durch ein Innenfenster auf den mittelalterlichen Gottesraum. Grandioser Vorraum, klasse zeitgenössische Innenarchitektur. Wie ich immer sage: wenn der Entwurf, die Qualität hochkarätig ist, verträgt sich Neues sehr gut mit Altem, das ebenfalls eine hohe Qualität hat. Nie bei Architektur und Formgebung sparen, niemals! Wie wir sehen, sind Bauwerke mit das Nachhaltigste, was unsere Zivilisation hervorgebracht hat und leider Gottes sind darum eben auch die missratensten Bauwerke überaus nachhaltig, um diesen mittlerweile ausgeleierten Modebegriff zu benutzen. „Nachhaltigkeit“ ist nicht per se „gut“, sondern lediglich eine zeitbezogene Eigenschaft. Mein Interesse an der Nachhaltigkeit von Billig-Architektur ist gleich Null. Bausünden einstampfen und zwar nachhaltig! Kurzum: was da in der Vorkapelle der St. Klara-Kirche gemacht wurde, ist einfach schön. Magisches Licht. Erhebend.

Seit wann die schmerzensreiche Hiob-Skulptur aus den Fünfziger Jahren von Gerhard Marcks dort steht, vermag ich nicht zu verifizieren. Ich finde es dokumentationswürdig, dass vor einer mittelalterlichen Kapelle eine Figur eines Künstlers steht, der aus der Berliner Secession stammt und dem Bauhaus verbunden war, dessen Werke von den Nazis als entartet eingestuft wurden, außerdem ein Autodidakt, der größtes künstlerisches Renommée erlangte (eigenes Museum) und vieles noch selbst erlebte. Will sagen: in dieser Stadt ist nicht nur Platz für Mittelalter-Folklore, was man zunächst meinen könnte, wenn man meine bisherigen Fotografien sieht. Ich habe mich explizit und mit Wonne den historischen Ecke gewidmet, die ich als Jugendliche als Alltagskulisse selbstverständlich nahm, aber nicht relevant, mich damit näher zu beschäftigen.

Die biblische Geschichte des gramgebeugten Hiob, der nach Ruhm und Erfolg alles verlor, hat in der Bibel übrigens ein Happy End, damit vom lieben Gott begründet, dass er trotz der Plagen an seinem Glauben festhielt. Was für jeden schön ist, der harte Prüfungen durchstehen muss, ob seelisch oder körperlich. Wenn das der Deal sein sollte, glaube ich gerne! Wenn ich auch 1994 bei vollem Bewusstsein aus der evangelischen Kirche ausgetreten bin.

11. Juli 2022

Der Handwerkerhof. Ich hatte schon erwähnt, dass der Handwerkerhof für mich, vom Hauptbahnhof kommend, eine ideale Durchgangspassage zur Königsstraße darstellte. Nicht mehr und nicht weniger. Nie wäre man auf die Idee gekommen, sich dort niederzulassen und etwas zu essen oder trinken oder sich gar dort mit jemandem zu verabreden – völlig indiskutabel. Der Handwerkerhof galt als disneyhafte Touristenfalle. Die mangelnde Authentizität ließ sich schon an der lebkuchenhäuschenartigen Kulissenarchitektur erkennen, dazu Abtrennungen mit Jägerzaun, alles eng und puppenstübchenhaft vollgestopft, eine Kirmesbude neben der anderen, so das harte Urteil. Der Handwerkerhof konnte einfach nicht überzeugen. Man war sich einig, das ist ausschließlich für die touristische Zielgruppe „Christkindlesmarkt“ erschaffen worden, die ganzjährig einen kleinen Weihnachtsmarkt benötigt. Als aufgeklärter junger Mensch eilte man schnell durch, um zum place to be zu kommen, nämlich dem exakt gegenüberliegenden KOMM. (Ich komme noch ausführlich dazu)

Ich muss allerdings sagen, als ich nun vor einer guten Woche vom Bahnhof kommend, etwas müde mit meiner schweren Reisetasche durch das Frauentor trat, empfand ich so etwas wie eine kleine Idylle. Fast hätte ich mich in eines der puppigen Lokale in den Halbschatten gesetzt. Ich hatte die rosa Touristenbrille auf. Mein Zeitplan gab das aber nicht so recht her, ich wollte auch erst mal zum Hotel und mein Gepäck loswerden. Es ergab sich dann auch zu einem anderen Zeitpunkt nicht mehr, sich dort niederzulassen, wäre jetzt auch nicht meine allererste Wahl für ein Treffen, aber ich sehe das Ensemble nun mit einer gewissen Altersmilde. Der Handwerkerhof wurde 1971, im „Dürerjahr“, seinem 500. Geburtstag, aus der Taufe gehoben und sollte 1972 wieder abgebaut werden. Das Handwerkerdörflein kam so gut an, dass man es im ehemaligen Waffenhof am Frauentorturm ließ. So gibt es bis heute den Handwerkerhof. Was mir jedoch ausnehmend gut gefällt, sind die gestreiften Holztore der beiden Eingänge Königstor und Frauentor. Hier gehe ich aber von der traditionellen Altstadtmöblierung aus. Wirkt auf mich doch recht überzeugend.

10. Juli 2022

Lorenzkirche. Der U-Bahnhof. Das erwähnte Zitat der Rosette über dem Hauptportal der Westfassade – sehr gelungen. Ich betrachte den U-Bahnhof nun mit dem Wissen um viele andere U-Bahnhöfe, vor allem in Berlin natürlich, aber auch in Paris oder London. Ende der Siebziger Jahre gebaut. Mir dämmert, dass die Fahrt mit der U-Bahn vom Nürnberger Hauptbahnhof die eine Station zur Lorenzkirche in meinen Träumen noch heute eine Rolle spielt. Es gibt wiederholte Sequenzen, vor allem die lange Rolltreppe am Hauptbahnhof hinunter in den U-Bahn-Bauch. So lange Rolltreppen kenne ich nur aus Paris. In meinen Träumen bin ich in Eile, um einen Zug zu erwischen, der Zug fährt immer Richtung Prag, es ist viel Umsteigen, Hektik um verlorenes Gepäck, vergessene Fahrkarten, die, warum auch immer, nicht rechtzeitig gekauft wurden. Als ich nach langer langer Zeit wieder diese Rolltreppe nach unten fuhr, erkannte ich diese Szenen, was für ein Déjà vu. Zumal mich diese Bahnhöfe bald vier Jahrzehnte nicht tangieren. Das verrückte, geheimnisvolle Unterbewusstsein.

09. Juli 2022

Ich hatte Abkühlung, Inspiration und Stärkung gefunden, als ich die Lorenzkirche durch den kleinen seitlichen Eingang wieder verließ. Meine letzte Aufnahme in der Kirche war der Tauftisch, der mir sehr gefiel und möglicherweise vom gleichen Bildhauer stammt, wie die neueren Bronzetüren. Ich wechselte noch ein paar Worte mit einer Ordensschwester im Habit, sie machte in der Kirche den Besucherdienst. In der Mitte des Kirchenschiffes, weit vor dem Altar, hängen ungefähr drei rote Stoffbahnen wie Schals von der Decke, unterschiedlich lang. Ich wollte wissen, ob das dauerhaft da hängt und welche Bedeutung es hat. Sie erklärte mir, dass diese Stoffbahnen das Feuer des Heiligen Geistes symbolisieren und immer zu Ostern angebracht werden. Wie lange sie dort hängen, weiß ich nicht, aber zur Adventszeit kommt ein Adventskranz an dieselbe Stelle.

Ich trat auf den Lorenzer Platz und ging links in die Königstraße, in meiner Tasche hatte ich eine aus Berlin mitgebrachte Schneeballhortensienblüte, mit kleiner Wasserversorgung aus Plastiktütchen um den Stengel. Ein Mitbringsel für meine Mama, die an diesem Tag Geburtstag hatte, mein nächster Weg war der Nürnberger Hauptbahnhof, von wo ich zu ihr fuhr. Man geht einfach die Königstraße entlang, sieht schon von weitem einen großen runden, dicken Turm, den Frauentorturm und daneben den Eingang zum Handwerkerhof, geht durch und verlässt damit die Altstadt durch das Frauentor, und schon steht man vor dem Bahnhof. Man könnte auch linksrum, um den Turm, aber durch den Handwerkerhof ist es der schönere und auch kürzere Weg. Diesen Weg bin ich sehr, sehr oft gegangen. Bestimmt siebenhundert mal.

09. Juli 2022

Liebe Gemeinde. Am vergangenen Montag widmete ich mich bereits mit einem Eintrag dem altehrwürdigen Netzgewölbe der Basilika Sankt Lorenz. Zu meiner allergrößten Freude meldete sich daraufhin einer der Restauratoren höchstpersönlich zu Wort, nämlich der bildende Künstler und ausgebildete Restaurator Sebastian Rogler, der mir seit mindestens siebzehn Jahren ein treuer Freund unter den mir bekannten Bloggern geworden ist. Im Jahre 2009 stand er mit Hilfe eines eingezogenen Arbeitsbodens unter der Decke und verrichtete Restaurierungsarbeiten am Netz. Er verlinkte sogar ein Video von der Fahrstuhlfahrt nach oben zu seinem Arbeitsplatz unter der Decke.

Da ich das Gewölbe ausnehmend schön finde und den Gedanken, dass da ein lebender Mensch daran arbeiten darf, absolut elektrisierend, muss ich das noch einmal würdigen. Es schafft eine lebendige Verbindung zu den Baukünstlern und Stukkateuren der Vergangenheit, bis zurück in die Spätgotik.

Ich finde das ganz und gar aufregend. Die Lorenzkirche wurde im zweiten Weltkrieg so sehr zerstört, dass seither durch Restauratoren grundlegende Aufbauarbeiten verrichtet werden mussten und weiterhin werden. In der Kirche sind immer einige Bereiche wegen dieser Arbeiten abgehängt, und die Zerstörung liegt nun siebenundsiebzig Jahre zurück. Ich ziehe meinen Hut vor dieser Leistung, die künstlerisch aufwändigsten Details der Renaissance wieder herzustellen.

Hinzu kommt, dass es zeigt, dass es in unserer Welt immer noch Menschen gibt, die altes Kunsthandwerk am Leben halten und es eigentlich auch möglich wäre, bei neuen Bauwerken künstlerisch hochwertig und komplex zu arbeiten. Wonach wir uns eigentlich alle sehnen. In Verbindung mit neuesten Technologien könnte einiges sogar leichter als früher bewerkstelligt werden. Ich fordere alle Architekten auf, eine neue Ära einzuläuten, die aufwändigen Gestaltungselementen wieder einen angemessenen Raum gibt.

09. Juli 2022

In meinem sakralen Feuilleton-Blog ist auch Platz für den Engelsgruß, die „Angelic Salutation“ von Veit Stoß. Ein ausgenommen hübscher Name für einen Bildhauer, wie ich finde. 1517 bis 1518 hat der damals schon betagte Holzschnitzer die beiden Figuren, den Erzengel Gabriel und die künftige Mutter Maria aus Lindenholz gezaubert. Sie hängen hoch oben im Chor der Lorenzkirche. Schätzungsweise sind die Figuren mit dem umgebenden ovalen Rosenkranz zweieinhalb bis drei Meter groß. Einmal sind sie wohl schon abgestürzt und seither mit einer schweren Kette verankert. Im zweiten Weltkrieg wurden sie zum Schutz vor Bombenangriffen heruntergelassen und versteckt eingebunkert und haben auch diesen Krieg unbeschadet überstanden. Die Lorenzkirche wurde vielfach schlimm getroffen.

Der Engel verkündet Maria gerade, dass sie mit dem kleinen Erlöser schwanger ist, woraufhin ihr vor Schreck das Gesangbuch oder was sie da auch immer hält, aus der Hand rutscht. Also kein Wunschkind womöglich! Sie hat sich dann ja arrangiert, sonst gäbe es nicht so viele Abbildungen der Mutter Maria mit ihrem Söhnchen, auf denen es den Anschein hat, dass sie sich ordentlich um den Säugling sorgt und kümmert. Das Täubchen über ihrem Kopf gefällt mir ausnehmend gut. Vom Typ erinnert sie mich an die bezaubernde Braut von meinem Neffen, was mir wohl gerade deshalb auffällt, weil ich seit einigen Tagen dreihundert Bilder von der Hochzeit editiere. Ich bin noch nicht so weit, dass ich sage: „Ich kann kein Brautkleid mehr sehen!“ – weil es war schon arg schön…!

09. Juli 2022

Der Kirchgang ist noch nicht beendet! Ab sofort biete ich meine seelsorgerischen Dienste jeden Donnerstag von 17 – 18 Uhr hinter dieser schmucken Tür von St. Lorenz an. Gerne finden Sie sich zeitig ein und warten im Gestühl auf mich. Wer es zeitlich nicht einzurichten vermag, kann sich auch hier aussprechen, ich habe immer ein offenes Ohr. Das bleibt alles hinter dieser Tür. Es handelt sich um keinen Beichtstuhl, die Lorenzkirche ist ja evangelisch-lutherisch. Ein schlechtes Gewissen ist also nicht von Nöten. Manchmal möchte man nur seine Sorgen mit jemandem teilen. Dafür bin ich gerne da! Ich habe ja auch schon so manches erleben dürfen, nichts Menschliches ist mir fremd. Liebeskummer, Eifersucht, Mordgelüste. Die Kommentare sind jetzt freigeschaltet!

08. Juli 2022

Schönes Hütchen, der Zauberhut von St. Lorenz. Ich habe kein einziges Foto von der ganzen Basilika gemacht, vielleicht weil ich die Silhouette in mir gespeichert habe, aber die Details bislang nie so genau betrachete. Die Rosette über dem Portal ist schon auch spektakulär, habe ich auch nicht fotografiert. Sie wird sogar im U-Bahnhof Lorenzkirche an den Wänden mit großen Metallreliefs zitiert. Es gibt längst unzählbare Fotos im Internet davon. Man kann auch nicht jeden Winkel der Welt noch einmal selbst fotografieren, da käme man zu gar nichts mehr. Ein Anspruch auf Vollständigkeit wäre irrsinnig und unrealistisch. Abgesehen davon, gefällt mir auch nicht jedes Detail in und an Kirchen. Beim Stephansdom in Wien zum Beispiel mag ich das Dach mit dem Zickzackmuster sehr, aber so gar nicht das stilistische Kraut- und Rüben-Sammelsurium der verschiedenen Bauabschnitte. Oder der Berliner Hohenzollern-Dom: gefällt mir von innen überhaupt nicht, überladene Dekoration, aber die große, runde türkise Kuppel und die kleineren Kuppeln mit den musizierenden Figuren dazwischen habe ich fest ins Herz geschlossen. Und den Kuppelrundgang!

07. Juli 2022

Das ist der linke Durchgangsflügel des Hauptportals der Lorenzkirche. Die Mädchen auf dem Foto in meinem vorigen Eintrag hatten sich vor dem rechten Durchgangsflügel des Portals niedergelassen. Ich gehe davon aus, dass das offenbar werktags geschlossene Hauptportal der Westfassade mit den prächtigen Löwen-Türklopfern zu Gottesdiensten und Konzerten geöffnet wird.

06. Juli 2022

An einem heißen Tag wie diesem sitzt es sich auch schön im Schatten auf den Stufen vor dem Löwenportal der Lorenzkirche. Mittags, wenn die Schule aus ist, kann man sich mit den Freundinnen hinsetzen und wichtige Sachen beprechen, bevor man heim muss. Man wird bestimmt nie weggejagt, weil das schöne eiserne Hauptportal mit den Löwenköpfen meistens geschlossen ist, der Besucher-Eingang ist rechts um die Ecke, auf der Seite. Andere, ebenso renommierte Kirchen in Nürnberg haben nie diese Anziehung für junge Menschen gehabt. Es liegt ganz sicher auch an dem belebten, zentralen Ort, wo so viele Menschen die Königstraße entlang des Wegs gehen, und man einen weiten Blick über den Lorenzer Platz hat, zur Karolinenstraße, im Rücken immer das vertraute, schützende Portal der uralten Kathedrale.

05. Juli 2022

Und das, meine Damen und Herren, ist der Brunnen vor der Lorenzkirche, an dem sich vor vierzig Jahren die Jugend so gerne traf. Er heißt Tugendbrunnen und ist den sieben mittelalterlichen Tugenden gewidmet, nämlich: Gerechtigkeit (Kranich – Symbol der Wachsamkeit, verbundene Augen, Waage und Schwert), Glaube (Kreuz und Kelche), Liebe (zwei Kinder), Hoffnung (Anker) und Großmut (Löwe), Mäßigkeit (Krug und Schale) und Geduld (Lamm). Erbaut 1584 bis 1589 in der sinnenfrohen Zeit der Renaissance vom Nürnberger Erzgießer Benedikt Wurzelbauer.

Damals haben wir uns in keinster Weise mit den Brunnen-Figuren und ihrer Bedeutung aufgehalten, wir waren viel zu sehr mit den lebendigen Brunnenfiguren auf den Stufen beschäftigt. Es war ein buntes Völkchen, das auch gerne das eine oder andere Kraut dort geraucht hat. Damals war Punk und Gebatiktes in Mode. Man sah entweder schwarze, löchrige Klamotten, Nieten, Sicherheitsnadeln und Leder oder späten Hippiestyle, hennarote Haare, indische Stoffe, Jesuslatschen und selbstgefärbte Windeln in Pastellfarben um den Hals. Wenn das Wetter nicht mitspielte, zog man weiter zum „KOMM“, dem Hot Spot der rebellischen Nürnberger Jugend.

Im Hintergrund zu sehen: die Burg mit dem Sinwellturm, dem Wahrzeichen von Nürnberg. Wem die Silhouette bekannt vorkommt: es ist das Firmenlogo der Nürnberger Versicherung. Übrigens habe ich gerade den zweihundertsten Tag in Folge, ohne einen Tag Pause gebloggt, das System hat mir hierzu gerade gratuliert. Ich hoffe, diese beachtliche Leistung findet auch Anerkennung bei meiner Leserschaft!

04. Juli 2022

Hello Followers! Me last thursday inside the very instagrammable „Lorenzkirche“ in Nuremberg. I highly recommend to visit! Habe noch weitere siebenundzwanzig Aufnahmen des Sakralbaus, die ich noch nicht hochgeladen habe. Die Lorenzkirche war in meiner Jugend ein beliebter Treffpunkt, um sich dort zu verabreden, besonders der Brunnen davor. In die Kirche hinein ist man eigentlich nie gegangen. Sie liegt sehr zentral in der Königstraße und hat einen eigenen U-Bahnhof. Das ist schon eine Errungenschaft für eine Kirche, einen persönlichen U-Bahnhof zu bekommen. Ich gratuliere der Lorenzkirche hierzu recht herzlich! Diesmal war der U-Bahnhof für mich auch von Bedeutung, weil in der Nähe von meinem recht schicken Hotel. Auch instagrammable!

03. Juli 2022

Albrecht Dürer und ich. Ich glaube, da läuft irgendwas. Nein, nicht erotisch, aber er lief mir gestern immer wieder überraschend über den Weg, das kann doch kein Zufall sein. Nun wird jeder sagen, das ist lächerlich, da in Nürnberg an allen Ecken Reklame für Albrecht Dürer zu finden ist. Noch dazu bin ich gestern Vormittag keinesfalls zufällig im Albrecht Dürer-Haus gewesen, wo er bis zu seinem Tod gelebt hat.

Dennoch möchte ich folgende Situationen zu bedenken geben: ein Wohnhaus aus den Fünfziger Jahren fiel mir wegen seiner aparten Fassadengestaltung besonders ins Auge. Als ich jene bildschöne grafische Verzierung ablichtete und dabei etwas nach rechts ging, um den Winkel zu ändern, entdeckte ich eine Gedenktafel mit dem Hinweis, dass an jener Stelle das Wohnhaus des Goldschmieds Albrecht Dürer gestanden hatte, des Vaters von Albrecht Dürer dem Maler.

Dann setzte ich mich zur Überbrückung der Zeit bis mein Zug fuhr, auf eine Buswartebank gegenüber meines Hotels, das innen die schönsten Albrecht Dürer-Bilder an der Wand hat, was ich bisher auf eine Idee des Interior Designers zurückführte, der wusste, dass Nürnberg und Albrecht Dürer immer eine gute Kombi ist.

Als ich die Fassade des nach dem zweiten Weltkrieg gebauten Hotelgebäudes am Hauptmarkt 17, Ecke Waaggasse 7 auf mich wirken ließ, entdeckte ich rechts oberhalb vom seitlichen Eingang eine Gedenktafel, die Auskunft darüber gab, dass an genau dieser Stelle das Haus gestanden hatte, in dem Albrecht Dürer geboren wurde. Das kann doch kein Zufall sein. Ich fühle mich Albrecht Dürer jedenfalls inniglich freundschaftlich verbunden. In das Hotel würde ich sofort wieder gehen.

Gestern war nach dem Auschecken aus dem Hotelzimmer noch so viel Zeit bis mein Zug fuhr, dass ich eine gründliche Tour durch die Altstadt und die Burganlage machen konnte. War wunderschön.

Ich ärgerte mich ein bißchen, dass ich nie vorher in den Burggärten war, durch Besuche beim Bardentreffen war mir lediglich der Burggraben bekannt. Auch auf dem Sinwellturm war ich. Habe fast die ganze Altstadt dokumentiert, wann ich all das hochladen werde, wissen die Götter. Also: da kommt noch ganz ganz viel.

02. Juli 2022

Guten Morgen aus Nürnberg! Neffe prima unter die Haube gebracht, war sehr schön. Erst meine dritte Hochzeit. Ich war auf wesentlich mehr Beerdigungen. Ich fände es schön, wenn da ein bißchen aufgeholt würde. Nun muss ich packen für die Rückreise nach Berlin.