02. März 2016

NICO 70 20 (144)
Long time no see… vor siebeneinhalb Jahren. Zufällig entdeckt – Ari Paeffgen (Boulogne… Delon) ehrt in Berlin seine Mama Nico. So viel Ähnlichkeit. Mit beiden. Ich erinnere noch, dass Ari sehr gerührt war.

25. Februar 2016

Sehe ich gerade – 37 Grad – „Sugardaddy – suche Jugend, biete Geld„. Interessant. Eigentlich alle Folgen aus dieser Reihe. Die bewertungsfreie Dokumentation gefällt mir. Alles keine Arschlöcher. Menschen, Gefühle. Seltsam, ich war nie in dieser Situation, trotz Verbindungen zu bedeutend älteren Männern in früheren Lebensjahren. Eher umgekehrt, meistens war ich liquider als mein männliches Gegenüber, ohne dass der jeweilige Mann jünger gewesen wäre (bis auf wenige Ausnahmen). Ein weites Feld. Ich könnte Romane darüber schreiben (drängt aber nicht).

20. Februar 2016

16-02-14 Grüner Salon (1)

Soeben Bilder hochgeladen. Vom vierzehnten Februar. Irgendwann dann auch ein Eintrag. Mit Hingabe. Alles andere ist kalter Kaffee. Das ist der Grund, weshalb alles so lange dauert. Mitunter. Ja, es gibt Bilder, die ich früher online gestellt habe und immer noch nichts dazu geschrieben. Das bestimmt eine Kraft, die es braucht, um angemessen zu agieren. In allem. Ich teile nicht die Idee, dass zeitliche Nähe zum Geschehen eine Qualität an sich darstellt, es sei denn, wir reden vom Bewusstseinsstrom. Aber das ist ja nicht der Fall. Hier gibt es Bewusstseinsströme und das dazu passende Bildmaterial. Und wenn ich im Fluss bin, und alle Gedanken um jemanden oder eine Erinnerung kreisen, intensiv genug, dann wird es etwas zu erfahren geben. Was hinter den Bildern liegt. Und in meinem Kopf. Oder Herz. Oder Körper. Oder allem.

Komm, wir fahren Paternoster.

07. Februar 2016

Ich schaue normal keinen Tatort, außer alle zehn Jahre vielleicht einen der Klassiker wie Reifezeugnis mit Nasti Kinski, oder den einen mit der Elsner oder den anderen mit Curd Jürgens, die ich auf VHS-Kassetten habe, aber jetzt schaue ich mir einen an. Die gmx-Notiz dazu veführt mich. „Bizarrer Sex-Tod im Tatort. Wider den Casting-Wahnsinn: So war der „Tatort: Sternschnuppe“ aus Wien“ Sex-Tod, Casting-Wahnsinn und Wien. Das sind ja gleich drei Teaser, die mich locken. Hoffentlich ist er schon in der Mediathek, wofür hat man einen modernen Fernsehapparat. Wenn Sex und Gewalttätigkeit drin ist, kann man das nur nach 20 Uhr schauen, also muss ich es jetzt machen, die nächsten Tage vergesse ich es wieder oder bin anderweitig beschäftigt.

07. Februar 2016

Ich schaue normal keinen Tatort, außer alle zehn Jahre vielleicht einen der Klassiker wie Reifezeugnis mit Nasti Kinski, oder den einen mit der Elsner oder den anderen mit Curd Jürgens, die ich auf VHS-Kassetten habe, aber jetzt schaue ich mir einen an. Die gmx-Notiz dazu veführt mich. „Bizarrer Sex-Tod im Tatort. Wider den Casting-Wahnsinn: So war der „Tatort: Sternschnuppe“ aus Wien“ Sex-Tod, Casting-Wahnsinn und Wien. Das sind ja gleich drei Teaser, die mich locken. Hoffentlich ist er schon in der Mediathek, wofür hat man einen modernen Fernsehapparat. Wenn Sex und Gewalttätigkeit drin ist, kann man das nur nach 20 Uhr schauen, also muss ich es jetzt machen, die nächsten Tage vergesse ich es wieder oder bin anderweitig beschäftigt.

04. Februar 2016

Wie bin ich drauf. Das erste mal seit Jahren, dass mich eine gmx-Meldung in jeder Hinsicht anspricht. „Nach 41 Jahren für tot erklärt“. Lord Lucian oder so ähnlich, irgendein britischer Adeliger in Schlips und Anzug, sehr gelungenes s/w-Portrait. Irgendwie bizarr und sophisticated. Karl Lagerfeld hat mal – – – wie war das – irgendwas mit Normalität – – – „ich habe kein Interesse, keine Kapazitäten — er hat es besser formuliert – ach ja, hier. Schon mal gepostet. „Ich habe kein Verlangen nach Normalität“. Verlangen. Das war es. Ein schönes Wort. Verlangen. Verlangen. Verlangen. Ich könnte darin baden.

04. Februar 2016

Wie bin ich drauf. Das erste mal seit Jahren, dass mich eine gmx-Meldung in jeder Hinsicht anspricht. „Nach 41 Jahren für tot erklärt“. Lord Lucian oder so ähnlich, irgendein britischer Adeliger in Schlips und Anzug, sehr gelungenes s/w-Portrait. Irgendwie bizarr und sophisticated. Karl Lagerfeld hat mal – – – wie war das – irgendwas mit Normalität – – – „ich habe kein Interesse, keine Kapazitäten — er hat es besser formuliert – ach ja, hier. Schon mal gepostet. „Ich habe kein Verlangen nach Normalität“. Verlangen. Das war es. Ein schönes Wort. Verlangen. Verlangen. Verlangen. Ich könnte darin baden.

28. Januar 2016

Kein Foto. Wieder nichts. Ein Tag mit enormer Kraft. Keine Metapher. Sehr wenig getrunken gestern. Länger geschlafen als sonst. Macht viel aus. Wann lerne ich endlich Maß zu halten. Hatte gestern Abend schon sehr früh Lust, einfach ins Bett zu gehen, zu dösen, ein bißchen schlummern, dann Tiefschlafphasen. Wie ein Bär geschlafen. Völlig unverkatert aufgewacht. Das müsste man halten. Ich möchte den Zustand so gerne halten. Und doch die Korken knallen lassen. Ich sitze hier schon wieder bei einem Glas, das sich wie von Zauberhand füllt, sobald es geleert wurde. Die reinste Hexerei. Ich habe ausnahmsweise die sehr alten Kristallflöten meiner Oma Alma genommen. Wieso denn Mehrzahl. Ich habe zwei davon, aber nur eine, aus der ich trinke. Da passt nicht so viel hinein, man bekommt beim derart häufigen Nachfüllen schneller den Eindruck, dass es nun langsam vielleicht genug sein könnte. Ich predige bei abendlichen Zusammenkünften gerne die hohe Kunst des „Virtuosen Trinkens“, sollte aber auch danach leben. Das bedeutet, unbedingt (erstklassigen) Alkohol zu trinken, wenn einem danach ist, aber auch an alkoholfreie Flüssigkeit dazwischen zu denken und aufzuhören, wenn die Grenze erreicht ist. Ich fürchte, ich denke mehr an alkoholfreie Flüssigkeiten als sie auch zu trinken. Ich hole mir sofort ein Glas Wasser. Moment. Erledigt. Ganz schnell heruntergekippt, wie bittere Medizin. Dabei tut es so gut. Und jetzt wieder das andere Glas. Ich trinke auf Alma. Meine Oma Alma. Und auf Mek. Der hat heute Geburtstag. Ich habe auf seiner fb-timeline behauptet, ich würde ein Glas auf ihn trinken. „Nein. zwei.“ Das kann ich nicht einfach nur dahin tippen. Also virtuos trinken bedeutet, man trinkt so tänzerisch durchchoreographiert, bis man rechtschaffen müde und beschwingt in die Federn sinkt, aber nicht derart hochkonzentriert, und natürlich schon gar nicht durcheinander, dass man am nächsten Tag womöglich einen schweren Kopf hat oder den Kater nicht einmal mit 5 x 2 Aspirin im Zweistundenrhythmus in den Griff kriegt. Virtuos bedeutet, mit maximalem Genuss und irgendwie hemmungslos zu trinken, bis man erotisiert ins Schlafzimmer wankt taum tanzt. Und am nächsten Tag, ich meine natürlich Abend, kann man schon wieder trinken. Ohne Berührungsängste. Ohne Probleme. Denn wenn es anders wäre, hätte man ein ernsthaftes Alkoholproblem. Und das möchte man doch nicht. Gerne möchte ich morgen Abend weiter trinken. Im Moment hat auch dauernd jemand auf facebook Geburtstag, das nimmt gar kein Ende. Morgen Abend möchte ich wirklich gut drauf sein und auch so aussehen. Das hängt ja auch noch zusammen. Schlafen, ausreichend Trinken. Weiß man ja. Jetzt fällt mir wieder ein, wieso ich gestern keine Lust hatte, etwas zu trinken, oder kaum. Mir war nicht schlecht, ich war ganz gut beieinander. Ich hatte weder Lust weiter im Internet zu lesen, noch in einem Buch, sondern machte den Fernseher an. Da kam auf Vox eine Sendung über Auswanderer, Goodbye Deutschland, so eine Serie. Die meisten wandern nach Mallorca aus, wie es scheint. Und da war eine Frau die auf der Bauchbinde als Alter 43 hatte. Ich bin erschrocken. Sehr braun gebrannt. Die Sonne oder vielleicht auch das Solarium oder beides hat Spuren hinterlassen. In der Dokumentation hat sie zwei verschiedene Männer getroffen, ungefähr zehn Jahre jünger. Eine Fitnesstrainerin. Seit fünf Jahren auf der Suche nach einem Gefährten, Liebhaber oder so ähnlich. Womit sie natürlich nicht unrecht hat, ist die Aussage, dass man Sex an jeder Ecke haben kann, aber Sex mit jemandem, den man liebt, das sei die Hohe Kunst. Große Neuigkeiten. Ja, ja. Schon mal gehört. Stimmt natürlich, wenn man mit sich umzugehen weiß. Wobei Herzensneigung und sexuelle Attraktion nicht unbedingt etwas mteinander zu tun haben. Wenn es zusammenkommt, handelt es sich in der Tat um einen Sechser im Lotto. Bevor ich jetzt noch weitere abgedroschene Binsen hier präsentiere, trinke ich lieber noch eine Kleinigkeit. Nur einen winzigen Schluck. Geht ja fast nichts hinein, in diese filigranen Kristallgläser. Das kann keine Sünde sein. Wie die Liebe. Usw. usf. Dass sie mir gerne Zarah-Leander-Lieder vorgesungen hat, hab ich schon mal erzählt, oder? Bestimmt. Gute Nacht, Alma. Gute Nacht, Leser. Gute Nacht.

02. Februar 2016

https://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=261948265


Bei diesem Beitrag war ich immerhin schon am weitesten. Einige Aufnahmen aus der umfangreichen Strecke ausgewählt. Den Embed-Code für die jeweiligen Bilder eingefügt, die Bildgröße für den Blogeintrag angepasst. Breite 386 Pixel. Seither ruhte der Eintrag unter den Entwürfen. Neben einigen anderen, die nicht ganz so weit fortgeschritten waren, sind. Seit Wochen, bald Monaten, will sich der drängende Impuls nicht einstellen, die Bilder hier zu posten und etwas dazu zu schreiben. Obgleich ich mit großem Elan bei diesem Konzert war. Und noch dazu ein gewissermaßen Aha-Erlebnis hatte. Normalerweise erwarte ich nicht, dass der Hauptprotagonist eines Abends, eines Konzertes, zumal wenn es sich um mehr als Lokalprominenz handelt, ausgesucht auf meine Anwesenheit reagiert. Wie ich auf seine. Es ist ja nun ausgesucht, wenn ich irgendwo hingehe und die Kamera dabeihabe, bewusst den Akku geladen habe, damit ich Aufnahmen machen kann. Das ist ja alles nicht ausgewürfelt oder Zufall. Viel mehr war es eine zufällige Angelegenheit, dass ich in den Tagen vor dem Konzert auf der Website vom A-Trane war, diesem besonders schönen, viele sagen ‚legendären‚ Jazz-Club in Charlottenburg, in dem ich zwar in den letzten dreißig Jahren schon einige Male war, dessen Programm ich aber nicht dauernd verfolge. Ich bin auch insgesamt sehr wählerisch, wann und warum und ob ich überhaupt irgendwohin gehe. Ich kriege es nicht mehr zusammen, wieso ich im November auf der Seite war. Aber mir stach sofort das Foto von Dominic Miller ins Auge, ich hatte einen elektrischen Impuls. Erst eine ganze Weile später wurde mir bewusst, dass es sich um diesen Gitarristen handelt, dem die prägnanten Gitarrenakkorde in den Stücken von Sting zu verdanken sind. Dessen Gesamtwerk ich im übrigen in keinster Weise studiert habe, ich besitze kein einziges seiner Soloalben (und von Police auch nur die für mich nostalgisch-sentimental besetzte Outlandos d’Amour-Scheibe mit dem geliebten Roxanne). Vieles ist mir zu beliebig, nicht zwingend genug. Für meine Begriffe ist Stings „I’m an Englishman in New York“ eines der grauenhaftesten Lieder der Musikgeschichte, ein langweilig dahinplätscherndes Gedudel sondergleichen, eine x-beliebige Melodie ohne Dramaturgie und Spannung. Damit kann man mich foltern. Doch hin und wieder nehme ich durch einen Zufall irgendetwas von ihm mehr als gelangweilt oder wohlwollend zur Kenntnis. Nebenbei finde ich ihn äußerst sympathisch und durchaus viril. Im Zuge dessen hatte ich vor einiger Zeit sehr angetan dieses Video entdeckt und verlinkt, in dem auch Dominic Miller zu sehen ist. Und zwar mehr, als nur ein aus Gründen des professionellen Respekts geduldeter Begleitmusiker am äußersten Bildrand, neben dem vom Scheinwerfer geküssten Superstar. Ich mochte und mag die Intimität in diesem Video, die private Atmosphäre des Settings, die Augenhöhe. Und ich mag die beiden in diesem Video als Menschen und nichtzuletzt auch sehr als Männer. Sehr attraktiv und sinnlich, sensitiv, beide. Dominic Miller begleitet Sting seit mittlerweile mehr als drei Jahrzehnten kontinuierlich auf den Bühnen der Welt und bei der Entstehung seiner Songs. So ist eine Freundschaft entstanden. Beinah jeder kennt Fragile. Dieses Kleinod von 1987 ist auch Dominic Millers Werk, seine überaus behutsame Gitarre. Als ich mich am zehnten November letzten Jahres in die Schlange vor dem Eingang einreihte, hatte ich aber eher dieses Schlaflied von Dominic Miller im Kopf, eine Verneigung vor den Kompositionen für Gitarre von Johann Sebastian Bach. Miller hat eine klassische Ausbildung genossen, und danach mit äußerster Virtuosität sein Repertoire ins Grenzenlose erweitert. Ich muss zugeben, ich hatte nicht damit gerechnet, dass er eine solche Menge von Konzertbesuchern anlocken würde, aber was weiß ich denn. Ich fand zunächst in Türnähe einen Stehplatz. Sämtliche Sitzplätze waren reserviert und belegt. Ein Trio von Männern im mittleren Alter (aber vermutlich etwas jünger als ich) bot mir einen vierten Platz an einem Tisch mit einem Barhocker an, ich nahm ihn dankend an. Auch deswegen dankbar, weil ich die Kamera auf der hölzernen Balustrade absetzen konnte und damit die Kamera stabilisieren. Ich ließ mir ein Jever bringen, in einem passenden Glas. Als die Musiker die Bühne betraten, war die Begeisterung im Publikum geradezu furios. Alles, was wir nun hörten, wurde dem gerecht. Ich war hin und weg von der Brillianz des Klanges, der Tontechnik des A-Trane. Aber auch jeder Ton jedes Stückes war vollendet, ich kannte die wenigsten. Es war unerwartet hypnotisch. Crossover, der nicht wie ein Gemischtwarenladen aus prätentiöser Tonakrobatik aus aller Herren Länder daherkam, sondern ein gleichermaßen filigran wie ekstatisch gestuftes Tongewebe. Absolut virtuos. Es gab keinen Stargitarristen, der sich begleiten lässt, es spielte keine Rolle, wer welchen Ton an welchem Instrument herstellte, alleine der Gottesdienst am zauberhaften Klang zählte. Dann gab es eine Pause. Ich wechselte den Platz, bewegte mich in den hinteren Bereich, wo es auch nicht weit zu den Toiletten ist. Und zur Künstlergarderobe, wie ich bald lernte.

Wegen der Pause war es nicht mehr so dicht gedrängt auf der Couch links von der Bühne, ich setzte mich auf die gepolsterte Armlehne und wollte sofort aufstehen, als ein Mann zurück kam, der dort seinen Platz neben ein paar Freundinnen hatte. Alle sehr nett, lächelten mich warm an, er aber nicht doch, wenn ich mich ausruhen möchte, gerne… Ich hatte die Tür zu den Toiletten im Blick, sie ging dauernd auf und zu, ich hatte den Eindruck, dass da noch etwas anderes vor sich ging. Ich hatte schon das dritte Jever und musste sowieso mal. Rechts, gegenüber vom Damenklo stand die Tür auf. Vier blendend gelaunte Männer standen herum und schienen sich launige Geschichten zu erzälen, es wurde geschäkert und gelacht. Die Musiker. Rechts von mir im Türrahmen Dominic Miller. THIS is interesting! entfuhr es mir. Vier Männerköpfe drehten sich zu mir und schauten amüsiert und man könnte sagen, interessiert. Ich öffnete kurz die Tür zum Damenklo und schloss sie wieder, denn wie üblich war alles belegt, man stand bereits an, es war recht eng. Da konnte ich auch vor der Tür warten. Ich spielte zum Zeitvertreib mit der Kamera rum und natürlich auch, um vielleicht ganz zufällig irgendein Bild zu machen, Richtung Garderobe versteht sich. Diese Männer sahen nicht aus, als ob sie mir etwas verübeln könnten. Mike Lindup, der Sänger und Keyboarder kam aus der Garderobe und gab sich Kamera-interessiert, ob das die Soundso-Lumix wäre. Er nannte irgendeine Modellnummer, ich war in dem Moment wirklich überfragt, ich merke mir das auch nicht, nach einer Weile der Dauerbenutzung, gehen mir die Bezeichnungen verloren, es ist mir einfach egal. Aber er sah auch nicht aus, als ob er sich wirklich über meine Kamera unterhalten wollte. Ich musste lachen, das war so ungelenk aber doch charmant und ich drohte ihm, ihn zu paparazzen, er ging brav zurück in die Garderobe, ich schaute wieder auf dem Damenklo, ob sich mittlerweile etwas getan hätte, kam wieder zurück, Schulter zuckend. Dominic Miller fixierte mich und wurde aktiv. Er kam aus der Garderobe, noch ein bißchen näher, als zuvor sein Freund, aber nicht zu nah, und sah mich sehr ernst an. Ich war äußerst gespannt, was nun kommen würde. Er wirkte ein bißchen schüchtern aber dennoch forsch. Er meinte, ich sollte es mal mit der Herrentoilette versuchen. „It’s the best thing, you can do. BELIEVE ME.“ Er musste mich gar nicht lange überreden, ich praktiziere das ohnehin häufiger, wenn mir die Schlange im Damenklo zu lang ist, und das ist sie oft. Mein Gott, wie er mich dabei ansah. Ich war hin und weg. So ernst. Man hätte denken können, gleich hält er um meine Hand an. Aber ich war auch leicht betrunken. Ich ging also aufs Herrenklo, da war gerade der Bassist mit seinem Geschäft fertig und wusch sich die Hände, irritiert lächelnd fragt er mich, ob er die Toiletten verwechselt hat. Nein, nein, no, no, don’t worry, everthing’s fine. Ich musste – wie erwartet – überhaupt nicht warten und war auch gleich fertig. Als ich die Tür öffne, schauen mich Mike Lindup und Dominic Miller erwartungsvoll an, Miller kommt wieder aus der Garderobe und erkundigt sich, ob es in Ordnung war, alles okay? Perfect. I told you. Er schaut mir noch ein bißchen in die Augen und ich will den Betrieb nicht aufhalten, das Konzert muss ja weiter gehen, die Meute wartet schon. Ich suchte mir einen strategisch guten Platz, nah an der Bühne, aber sehr seitlich. Ich fotografierte und tänzelte diskret herum. Ich beobachtete, dass Dominic Miller registriert hatte, wo ich mit der Kamera war. Ich stand hinter Mike Lindup und seinem Keyboard. Hier war der Klang noch hervorragender. Miller erzählte zwischen den Stücken launige Geschichten und erwähnte – in keinster Weise beiläufig – , dass er fünf oder sechs Kinder hat. Jedenfalls sehr viele, und wehrte mit gespielter Bescheidenheit den Applaus ab. Allerhand. Für die will gesorgt werden. Sicher gibt es auch eine Mutter. Oder mehrere. Jedenfalls scheint es sich um einen sinnenfreudigen Mann zu handeln. Er erinnerte mich auch ein bißchen an meinen allerersten Liebhaber. Was mir so alles durch den Kopf ging, während ich fotografierte und mich die Musik in sonstwelche Sphären beamte. Für solche Subtexte ist immer Raum. Mir ging durch den Kopf in welchen Garderoben ich in den letzten Jahren war, wie familiär sich dieser Backstage-Bereich anfühlt, wie sich sofort ein Gefühl von Vertrauen einstellt. Nicht im Publikum, und wenn, dann immer dann, wenn ich einen Musiker rieche. Ich glaube, ich sehe, ob einer Gitarren in seiner Wohnung hat. Und vielleicht spüren die Jungs das. In dem Moment dachte ich, ich sollte wieder viel öfter zu Konzerten gehen, Live-Musik hören. Während die Gedanken schwingten, fiel mir plötzlich meine Sonnenbrille ein, meine Kälteschutzbrille, die ich vor allem im Winter trage, noch mehr als im Sommer. Hatte ich sie nicht vorhin noch, als ich auf der Sofalehne saß? Nun stand ich drei Meter weiter, an der Bühne und sie war nicht mehr bei mir. Mein Blick scannte die Ecke mit dem Sofa und ich sah sie auf dem Tisch. Die Damen und der Herr von vorhin sahen meinen suchenden Blick und deuteten darauf. Ich freute mich, und angelte peitschenschnell mit dem langen Arm quer nach unten zum Tisch, um die schwarze Brille aufzuklauben. Möglich, dass es irgendwie lustig aussah, zumindest war es wohl ein unerwarteter Bewegungsablauf innerhalb des andächtigen Publikums. Als ich die Brille greife, sehe ich Dominic Miller um Konzentration ringen, er sieht aus, als ob er sich das Lachen verkneifen muss und wirkt überhaupt insgesamt äußerst amüsiert. Ich bin ein bißchen verliebt. Ab da war ich wieder artig. Niemand wurde in seinem Bewegungsspielraum beeinträchtigt. Ich bildete mir ein, dass mich das Publikum taxiert und sich irgendwelche Gedanken macht. Aber sicher nicht mehr als ich. Nach einigen Zugaben und schier nicht enden wollendem Beifall gingen die Herren von der Bühne, Miller musste an mir vorbei, hielt kurz inne und schaute mich wieder auf eine Art an, dass mir leicht anders wurde. Ich sagte leise „it was – – really – great“. Und er hypnotisiert mich noch ein letztes mal und flüstert zugeneigt „…yes…..??“.






Die Reihen leerten sich langsam, aber es war noch immer sehr voll. Ich wusste, dass die Jungs nun erst einmal tief Luft holen würden und ein Bier in der Garderobe trinken, sich den Schweiß von der Stirn wischen. Und dann vielleicht einige Zeit später an die Bar kämen. Ich war ein bißchen durcheinander. Und wenn ich dann noch da wäre. Und dann. Herrje. Ich wollte gar nicht weiterdenken. Ich ging zum Ausgang in die Nacht. So kurz kam mir die S-Bahnfahrt vom Savignyplatz zum Hackeschen Markt noch nie vor. Dominic Miller hat ein paar Tage später ein Foto von dem Abend aus dieser Reihe getwittert, da waren sie schon längst in weiter Ferne, irgendwo in Belgien oder in Amsterdam oder… oder



02. Februar 2016

https://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=261948265


Bei diesem Beitrag war ich immerhin schon am weitesten. Einige Aufnahmen aus der umfangreichen Strecke ausgewählt. Den Embed-Code für die jeweiligen Bilder eingefügt, die Bildgröße für den Blogeintrag angepasst. Breite 386 Pixel. Seither ruhte der Eintrag unter den Entwürfen. Neben einigen anderen, die nicht ganz so weit fortgeschritten waren, sind. Seit Wochen, bald Monaten, will sich der drängende Impuls nicht einstellen, die Bilder hier zu posten und etwas dazu zu schreiben. Obgleich ich mit großem Elan bei diesem Konzert war. Und noch dazu ein gewissermaßen Aha-Erlebnis hatte. Normalerweise erwarte ich nicht, dass der Hauptprotagonist eines Abends, eines Konzertes, zumal wenn es sich um mehr als Lokalprominenz handelt, ausgesucht auf meine Anwesenheit reagiert. Wie ich auf seine. Es ist ja nun ausgesucht, wenn ich irgendwo hingehe und die Kamera dabeihabe, bewusst den Akku geladen habe, damit ich Aufnahmen machen kann. Das ist ja alles nicht ausgewürfelt oder Zufall. Viel mehr war es eine zufällige Angelegenheit, dass ich in den Tagen vor dem Konzert auf der Website vom A-Trane war, diesem besonders schönen, viele sagen ‚legendären‚ Jazz-Club in Charlottenburg, in dem ich zwar in den letzten dreißig Jahren schon einige Male war, dessen Programm ich aber nicht dauernd verfolge. Ich bin auch insgesamt sehr wählerisch, wann und warum und ob ich überhaupt irgendwohin gehe. Ich kriege es nicht mehr zusammen, wieso ich im November auf der Seite war. Aber mir stach sofort das Foto von Dominic Miller ins Auge, ich hatte einen elektrischen Impuls. Erst eine ganze Weile später wurde mir bewusst, dass es sich um diesen Gitarristen handelt, dem die prägnanten Gitarrenakkorde in den Stücken von Sting zu verdanken sind. Dessen Gesamtwerk ich im übrigen in keinster Weise studiert habe, ich besitze kein einziges seiner Soloalben (und von Police auch nur die für mich nostalgisch-sentimental besetzte Outlandos d’Amour-Scheibe mit dem geliebten Roxanne). Vieles ist mir zu beliebig, nicht zwingend genug. Für meine Begriffe ist Stings „I’m an Englishman in New York“ eines der grauenhaftesten Lieder der Musikgeschichte, ein langweilig dahinplätscherndes Gedudel sondergleichen, eine x-beliebige Melodie ohne Dramaturgie und Spannung. Damit kann man mich foltern. Doch hin und wieder nehme ich durch einen Zufall irgendetwas von ihm mehr als gelangweilt oder wohlwollend zur Kenntnis. Nebenbei finde ich ihn äußerst sympathisch und durchaus viril. Im Zuge dessen hatte ich vor einiger Zeit sehr angetan dieses Video entdeckt und verlinkt, in dem auch Dominic Miller zu sehen ist. Und zwar mehr, als nur ein aus Gründen des professionellen Respekts geduldeter Begleitmusiker am äußersten Bildrand, neben dem vom Scheinwerfer geküssten Superstar. Ich mochte und mag die Intimität in diesem Video, die private Atmosphäre des Settings, die Augenhöhe. Und ich mag die beiden in diesem Video als Menschen und nichtzuletzt auch sehr als Männer. Sehr attraktiv und sinnlich, sensitiv, beide. Dominic Miller begleitet Sting seit mittlerweile mehr als drei Jahrzehnten kontinuierlich auf den Bühnen der Welt und bei der Entstehung seiner Songs. So ist eine Freundschaft entstanden. Beinah jeder kennt Fragile. Dieses Kleinod von 1987 ist auch Dominic Millers Werk, seine überaus behutsame Gitarre. Als ich mich am zehnten November letzten Jahres in die Schlange vor dem Eingang einreihte, hatte ich aber eher dieses Schlaflied von Dominic Miller im Kopf, eine Verneigung vor den Kompositionen für Gitarre von Johann Sebastian Bach. Miller hat eine klassische Ausbildung genossen, und danach mit äußerster Virtuosität sein Repertoire ins Grenzenlose erweitert. Ich muss zugeben, ich hatte nicht damit gerechnet, dass er eine solche Menge von Konzertbesuchern anlocken würde, aber was weiß ich denn. Ich fand zunächst in Türnähe einen Stehplatz. Sämtliche Sitzplätze waren reserviert und belegt. Ein Trio von Männern im mittleren Alter (aber vermutlich etwas jünger als ich) bot mir einen vierten Platz an einem Tisch mit einem Barhocker an, ich nahm ihn dankend an. Auch deswegen dankbar, weil ich die Kamera auf der hölzernen Balustrade absetzen konnte und damit die Kamera stabilisieren. Ich ließ mir ein Jever bringen, in einem passenden Glas. Als die Musiker die Bühne betraten, war die Begeisterung im Publikum geradezu furios. Alles, was wir nun hörten, wurde dem gerecht. Ich war hin und weg von der Brillianz des Klanges, der Tontechnik des A-Trane. Aber auch jeder Ton jedes Stückes war vollendet, ich kannte die wenigsten. Es war unerwartet hypnotisch. Crossover, der nicht wie ein Gemischtwarenladen aus prätentiöser Tonakrobatik aus aller Herren Länder daherkam, sondern ein gleichermaßen filigran wie ekstatisch gestuftes Tongewebe. Absolut virtuos. Es gab keinen Stargitarristen, der sich begleiten lässt, es spielte keine Rolle, wer welchen Ton an welchem Instrument herstellte, alleine der Gottesdienst am zauberhaften Klang zählte. Dann gab es eine Pause. Ich wechselte den Platz, bewegte mich in den hinteren Bereich, wo es auch nicht weit zu den Toiletten ist. Und zur Künstlergarderobe, wie ich bald lernte.

Wegen der Pause war es nicht mehr so dicht gedrängt auf der Couch links von der Bühne, ich setzte mich auf die gepolsterte Armlehne und wollte sofort aufstehen, als ein Mann zurück kam, der dort seinen Platz neben ein paar Freundinnen hatte. Alle sehr nett, lächelten mich warm an, er aber nicht doch, wenn ich mich ausruhen möchte, gerne… Ich hatte die Tür zu den Toiletten im Blick, sie ging dauernd auf und zu, ich hatte den Eindruck, dass da noch etwas anderes vor sich ging. Ich hatte schon das dritte Jever und musste sowieso mal. Rechts, gegenüber vom Damenklo stand die Tür auf. Vier blendend gelaunte Männer standen herum und schienen sich launige Geschichten zu erzälen, es wurde geschäkert und gelacht. Die Musiker. Rechts von mir im Türrahmen Dominic Miller. THIS is interesting! entfuhr es mir. Vier Männerköpfe drehten sich zu mir und schauten amüsiert und man könnte sagen, interessiert. Ich öffnete kurz die Tür zum Damenklo und schloss sie wieder, denn wie üblich war alles belegt, man stand bereits an, es war recht eng. Da konnte ich auch vor der Tür warten. Ich spielte zum Zeitvertreib mit der Kamera rum und natürlich auch, um vielleicht ganz zufällig irgendein Bild zu machen, Richtung Garderobe versteht sich. Diese Männer sahen nicht aus, als ob sie mir etwas verübeln könnten. Mike Lindup, der Sänger und Keyboarder kam aus der Garderobe und gab sich Kamera-interessiert, ob das die Soundso-Lumix wäre. Er nannte irgendeine Modellnummer, ich war in dem Moment wirklich überfragt, ich merke mir das auch nicht, nach einer Weile der Dauerbenutzung, gehen mir die Bezeichnungen verloren, es ist mir einfach egal. Aber er sah auch nicht aus, als ob er sich wirklich über meine Kamera unterhalten wollte. Ich musste lachen, das war so ungelenk aber doch charmant und ich drohte ihm, ihn zu paparazzen, er ging brav zurück in die Garderobe, ich schaute wieder auf dem Damenklo, ob sich mittlerweile etwas getan hätte, kam wieder zurück, Schulter zuckend. Dominic Miller fixierte mich und wurde aktiv. Er kam aus der Garderobe, noch ein bißchen näher, als zuvor sein Freund, aber nicht zu nah, und sah mich sehr ernst an. Ich war äußerst gespannt, was nun kommen würde. Er wirkte ein bißchen schüchtern aber dennoch forsch. Er meinte, ich sollte es mal mit der Herrentoilette versuchen. „It’s the best thing, you can do. BELIEVE ME.“ Er musste mich gar nicht lange überreden, ich praktiziere das ohnehin häufiger, wenn mir die Schlange im Damenklo zu lang ist, und das ist sie oft. Mein Gott, wie er mich dabei ansah. Ich war hin und weg. So ernst. Man hätte denken können, gleich hält er um meine Hand an. Aber ich war auch leicht betrunken. Ich ging also aufs Herrenklo, da war gerade der Bassist mit seinem Geschäft fertig und wusch sich die Hände, irritiert lächelnd fragt er mich, ob er die Toiletten verwechselt hat. Nein, nein, no, no, don’t worry, everthing’s fine. Ich musste – wie erwartet – überhaupt nicht warten und war auch gleich fertig. Als ich die Tür öffne, schauen mich Mike Lindup und Dominic Miller erwartungsvoll an, Miller kommt wieder aus der Garderobe und erkundigt sich, ob es in Ordnung war, alles okay? Perfect. I told you. Er schaut mir noch ein bißchen in die Augen und ich will den Betrieb nicht aufhalten, das Konzert muss ja weiter gehen, die Meute wartet schon. Ich suchte mir einen strategisch guten Platz, nah an der Bühne, aber sehr seitlich. Ich fotografierte und tänzelte diskret herum. Ich beobachtete, dass Dominic Miller registriert hatte, wo ich mit der Kamera war. Ich stand hinter Mike Lindup und seinem Keyboard. Hier war der Klang noch hervorragender. Miller erzählte zwischen den Stücken launige Geschichten und erwähnte – in keinster Weise beiläufig – , dass er fünf oder sechs Kinder hat. Jedenfalls sehr viele, und wehrte mit gespielter Bescheidenheit den Applaus ab. Allerhand. Für die will gesorgt werden. Sicher gibt es auch eine Mutter. Oder mehrere. Jedenfalls scheint es sich um einen sinnenfreudigen Mann zu handeln. Er erinnerte mich auch ein bißchen an meinen allerersten Liebhaber. Was mir so alles durch den Kopf ging, während ich fotografierte und mich die Musik in sonstwelche Sphären beamte. Für solche Subtexte ist immer Raum. Mir ging durch den Kopf in welchen Garderoben ich in den letzten Jahren war, wie familiär sich dieser Backstage-Bereich anfühlt, wie sich sofort ein Gefühl von Vertrauen einstellt. Nicht im Publikum, und wenn, dann immer dann, wenn ich einen Musiker rieche. Ich glaube, ich sehe, ob einer Gitarren in seiner Wohnung hat. Und vielleicht spüren die Jungs das. In dem Moment dachte ich, ich sollte wieder viel öfter zu Konzerten gehen, Live-Musik hören. Während die Gedanken schwingten, fiel mir plötzlich meine Sonnenbrille ein, meine Kälteschutzbrille, die ich vor allem im Winter trage, noch mehr als im Sommer. Hatte ich sie nicht vorhin noch, als ich auf der Sofalehne saß? Nun stand ich drei Meter weiter, an der Bühne und sie war nicht mehr bei mir. Mein Blick scannte die Ecke mit dem Sofa und ich sah sie auf dem Tisch. Die Damen und der Herr von vorhin sahen meinen suchenden Blick und deuteten darauf. Ich freute mich, und angelte peitschenschnell mit dem langen Arm quer nach unten zum Tisch, um die schwarze Brille aufzuklauben. Möglich, dass es irgendwie lustig aussah, zumindest war es wohl ein unerwarteter Bewegungsablauf innerhalb des andächtigen Publikums. Als ich die Brille greife, sehe ich Dominic Miller um Konzentration ringen, er sieht aus, als ob er sich das Lachen verkneifen muss und wirkt überhaupt insgesamt äußerst amüsiert. Ich bin ein bißchen verliebt. Ab da war ich wieder artig. Niemand wurde in seinem Bewegungsspielraum beeinträchtigt. Ich bildete mir ein, dass mich das Publikum taxiert und sich irgendwelche Gedanken macht. Aber sicher nicht mehr als ich. Nach einigen Zugaben und schier nicht enden wollendem Beifall gingen die Herren von der Bühne, Miller musste an mir vorbei, hielt kurz inne und schaute mich wieder auf eine Art an, dass mir leicht anders wurde. Ich sagte leise „it was – – really – great“. Und er hypnotisiert mich noch ein letztes mal und flüstert zugeneigt „…yes…..??“.






Die Reihen leerten sich langsam, aber es war noch immer sehr voll. Ich wusste, dass die Jungs nun erst einmal tief Luft holen würden und ein Bier in der Garderobe trinken, sich den Schweiß von der Stirn wischen. Und dann vielleicht einige Zeit später an die Bar kämen. Ich war ein bißchen durcheinander. Und wenn ich dann noch da wäre. Und dann. Herrje. Ich wollte gar nicht weiterdenken. Ich ging zum Ausgang in die Nacht. So kurz kam mir die S-Bahnfahrt vom Savignyplatz zum Hackeschen Markt noch nie vor. Dominic Miller hat ein paar Tage später ein Foto von dem Abend aus dieser Reihe getwittert, da waren sie schon längst in weiter Ferne, irgendwo in Belgien oder in Amsterdam oder… oder



28. Januar 2016

Kein Foto. Wieder nichts. Ein Tag mit enormer Kraft. Keine Metapher. Sehr wenig getrunken gestern. Länger geschlafen als sonst. Macht viel aus. Wann lerne ich endlich Maß zu halten. Hatte gestern Abend schon sehr früh Lust, einfach ins Bett zu gehen, zu dösen, ein bißchen schlummern, dann Tiefschlafphasen. Wie ein Bär geschlafen. Völlig unverkatert aufgewacht. Das müsste man halten. Ich möchte den Zustand so gerne halten. Und doch die Korken knallen lassen. Ich sitze hier schon wieder bei einem Glas, das sich wie von Zauberhand füllt, sobald es geleert wurde. Die reinste Hexerei. Ich habe ausnahmsweise die sehr alten Kristallflöten meiner Oma Alma genommen. Wieso denn Mehrzahl. Ich habe zwei davon, aber nur eine, aus der ich trinke. Da passt nicht so viel hinein, man bekommt beim derart häufigen Nachfüllen schneller den Eindruck, dass es nun langsam vielleicht genug sein könnte. Ich predige bei abendlichen Zusammenkünften gerne die hohe Kunst des „Virtuosen Trinkens“, sollte aber auch danach leben. Das bedeutet, unbedingt (erstklassigen) Alkohol zu trinken, wenn einem danach ist, aber auch an alkoholfreie Flüssigkeit dazwischen zu denken und aufzuhören, wenn die Grenze erreicht ist. Ich fürchte, ich denke mehr an alkoholfreie Flüssigkeiten als sie auch zu trinken. Ich hole mir sofort ein Glas Wasser. Moment. Erledigt. Ganz schnell heruntergekippt, wie bittere Medizin. Dabei tut es so gut. Und jetzt wieder das andere Glas. Ich trinke auf Alma. Meine Oma Alma. Und auf Mek. Der hat heute Geburtstag. Ich habe auf seiner fb-timeline behauptet, ich würde ein Glas auf ihn trinken. „Nein. zwei.“ Das kann ich nicht einfach nur dahin tippen. Also virtuos trinken bedeutet, man trinkt so tänzerisch durchchoreographiert, bis man rechtschaffen müde und beschwingt in die Federn sinkt, aber nicht derart hochkonzentriert, und natürlich schon gar nicht durcheinander, dass man am nächsten Tag womöglich einen schweren Kopf hat oder den Kater nicht einmal mit 5 x 2 Aspirin im Zweistundenrhythmus in den Griff kriegt. Virtuos bedeutet, mit maximalem Genuss und irgendwie hemmungslos zu trinken, bis man erotisiert ins Schlafzimmer wankt taum tanzt. Und am nächsten Tag, ich meine natürlich Abend, kann man schon wieder trinken. Ohne Berührungsängste. Ohne Probleme. Denn wenn es anders wäre, hätte man ein ernsthaftes Alkoholproblem. Und das möchte man doch nicht. Gerne möchte ich morgen Abend weiter trinken. Im Moment hat auch dauernd jemand auf facebook Geburtstag, das nimmt gar kein Ende. Morgen Abend möchte ich wirklich gut drauf sein und auch so aussehen. Das hängt ja auch noch zusammen. Schlafen, ausreichend Trinken. Weiß man ja. Jetzt fällt mir wieder ein, wieso ich gestern keine Lust hatte, etwas zu trinken, oder kaum. Mir war nicht schlecht, ich war ganz gut beieinander. Ich hatte weder Lust weiter im Internet zu lesen, noch in einem Buch, sondern machte den Fernseher an. Da kam auf Vox eine Sendung über Auswanderer, Goodbye Deutschland, so eine Serie. Die meisten wandern nach Mallorca aus, wie es scheint. Und da war eine Frau die auf der Bauchbinde als Alter 43 hatte. Ich bin erschrocken. Sehr braun gebrannt. Die Sonne oder vielleicht auch das Solarium oder beides hat Spuren hinterlassen. In der Dokumentation hat sie zwei verschiedene Männer getroffen, ungefähr zehn Jahre jünger. Eine Fitnesstrainerin. Seit fünf Jahren auf der Suche nach einem Gefährten, Liebhaber oder so ähnlich. Womit sie natürlich nicht unrecht hat, ist die Aussage, dass man Sex an jeder Ecke haben kann, aber Sex mit jemandem, den man liebt, das sei die Hohe Kunst. Große Neuigkeiten. Ja, ja. Schon mal gehört. Stimmt natürlich, wenn man mit sich umzugehen weiß. Wobei Herzensneigung und sexuelle Attraktion nicht unbedingt etwas mteinander zu tun haben. Wenn es zusammenkommt, handelt es sich in der Tat um einen Sechser im Lotto. Bevor ich jetzt noch weitere abgedroschene Binsen hier präsentiere, trinke ich lieber noch eine Kleinigkeit. Nur einen winzigen Schluck. Geht ja fast nichts hinein, in diese filigranen Kristallgläser. Das kann keine Sünde sein. Wie die Liebe. Usw. usf. Dass sie mir gerne Zarah-Leander-Lieder vorgesungen hat, hab ich schon mal erzählt, oder? Bestimmt. Gute Nacht, Alma. Gute Nacht, Leser. Gute Nacht.

23. Januar 2016

Seductive. Verführerisch, wunderbare Erotik. Zufällig entdeckt. Die ersten vier Takte Walk on by, aber dann ein ganz eigenes Werk mit lässigen Bacharachzitaten und einer großartigen männlichen Stimme. Ein Erfolg aus der Jahrtausendwende der London-based Band Cousteau. Vornehmlich – außer in Großbritannien – in Italien und den USA, lese ich. Zu verdanken der Verwendung in italienischen und amerikanischen Werbeclips. Heute zum ersten mal gehört. Aus irgendeinem Grund erinnerte ich mich heute nach dem Aufwachen an eine Begegnung auf einem Schiff. Vor fast sechsundzwanzig Jahren, 1990. Ich war auf dem Weg von Harwich nach Hoek van Holland, nach einer Woche, die mich neben London, vor allem durch Wales geführt hatte, auf den Spuren von Dylan Thomas. Zunächst nach Swansea und dann nach Carmarthen, wo er in Laugharne, in seinem entlegenen Boat House in einer Bucht, mit Blick auf die Gezeiten, an der Küste lebte. Ich fuhr damals mit dem Schiff, beginnend mit einer Zugfahrt von Berlin nach Rotterdam, Hoek van Holland und dann einem Wechsel zur Fähre Richtung England. Harwich heißt der Hafen, Grafschaft Essex. Von da mit dem Zug nach London, und nach einer Übernachtung in einer Absteige am Kings Cross von Paddington nach Wales. Und genauso zurück. Mit Eindrücken und zwei Büchern, die ich im Boat House kaufte, über die Liebesgeschichte von Dylan und seiner Frau und noch ein anderes. Und Audio-Kassetten mit Lesungen, Aufnahmen seiner beseelt vibrierenden Stimme. Do not go gentle into that good night. Ich war verliebt in seine exzessive Empfindsamkeit und so war es eine Art Pilgerfahrt. In der Westminster Abbey interessierte mich nur die Gedenkplatte mit seinem Namen. Ich fand sofort die Tafeln von Shakespeare und Elizabeth Barrett-Browning und ihrem Mann Robert Browning in der Poet’s Corner. Die steinern aufgebahrte Mary Queen of Scots nicht weit davon, aber Dylans Gedenktafel fand ich nicht. So fragte ich doch endlich nach längerem Suchen einen Wärter, ob er mir bei der Suche helfen könnte. „Excuse me – I’m looking for Dylan Thomas‘ memorial, it must be somewhere here in the Poet’s Corner, but I just can’t find it…!?“. Der uniformierte Wärter hört mir aufmerksam zu und beginnt zu schmunzeln, während er mir rät: „Just look at your feet.“ Ich stand mit den Füßen auf einer schwarzen Marmorplatte mit einer Gravur
DYLAN THOMAS
27 October 1914
9 November 1953
Time held me green and dying
Though I sang in my chains like the sea
Buried at Laugharne
.
Ich blickte ungläubig auf den Boden. Die Westminster Abbey wird mir immer in Erinnerung bleiben. Nach zwei, drei Tagen im beschaulichen Dörflein Laugharne fuhr ich mit dem Zug wieder zurück nach London, wo ich hauptsächlich spazieren ging und zur Kenntnis nahm, dass es viele gut gekleidete Männer in dunklen Anzügen mit weißem Hemd und Krawatte im Straßenbild gab, die sich sehr souverän darin bewegten. Ich war auch im VOGUE House in Mayfair, im Kellerarchiv, weil gerade ein großformatiger Bildband über The Sixties, a Decade in Vogue erschienen war, den man dort erwerben konnte. Ich erinnere mich noch an die unendlichen Archivregale mit mehreren Jahrzehnten alter Ausgaben der britischen Vogue. Den großen Bildband hatte ich auch im Gepäck auf meiner Rückreise. Ich hatte keine Kabine gemietet, sondern verbrachte die Überfahrt nach Hoek van Holland in einer der Lounges auf dem Zwischendeck. ich wechselte von Deck zu Deck, es gab mehrere Räume mit Ruhesesseln und einen sehr großen mit violetten Polstermöbeln, wo die meisten Reisenden die Überfahrt verbrachten. Man konnte sich etwas zu trinken holen und die Füße hochlegen. Ich hatte mir zuletzt in London im Bahnhof ein paar Socken mit dem eingewebten Union Jack auf der Fußsohle gekauft. Obwohl ich schon damals keine ‚lustigen‘ Socken trug, die gefielen mir. Ich hatte die Schuhe ausgezogen und diese Socken an und legte die Füße hoch, auf einen gegenüber geschobenen Sessel, es gab ja genug davon, und begann zu lesen. In dem Buch über Dylans Geschichte mit seiner Frau Caitlin. Nach einer Weile spürte ich – und sah auch – aus dem Augenwinkel, dass mich ein Mann fixierte, der etwa zehn, fünfzehn Meter von mir entfernt saß. Er schien auch allein zu reisen. Sein intensiver Blick war unausweichlich. Er wartete, bis ich ihn offen anblickte und stand langsam auf. Mit zurückhaltender Vorsicht, aber doch seltsam entschieden, deutete er mit seinem Blick auf meine Strümpfe und sagte ohne Koketterie „I like your socks“. Es klang wie eine Liebeserklärung. Ich erlaubte ihm, sich neben mich zu setzen. Er stellte seinen Seesack auf den Teppich und suchte meinen Blick, hielt ihn ohne Unterbrechung, während wir uns in kürzester Zeit erzählten, woher wir gerade kamen, und wieso, weshalb, warum und wohin uns der weitere Weg führte. Wir tranken etwas und rauchten auch. Ich weiß nicht mehr, ob es drinnen war, aber ich glaube schon. Damals gab es noch kein uneingeschränktes Rauchverbot in öffentlichen Räumen, oder es war ein Bereich, in dem es erlaubt war. Ich erinnere das Gefühl, dass er mir Feuer gab. Er erzählte, dass er eigentlich aus Wales kommt, aber in London als Studio-Gitarrist arbeitet. Und jetzt gerade auf dem Weg zu guten Freunden in Amsterdam sei. Wir sprachen sehr bald über Wesentliches. Es wurde unweigerlich metaphysisch. Tod, letzte Dinge. Damals interessierte mich immer das Geburtsdatum, wenn ich eine gewisse Energie spürte. Wir kamen auf Astrologie zu sprechen, ich erzählte ihm, dass ich wiederholt eine seltsame Affinität zu Skorpionen hätte. Er atmete hörbar und fixierte mich. Sein Geburtstag sei der 9. November. Er hieß Ray. Wir verbrachten die ganze Überfahrt miteinander. Neun Stunden blieben wir wach. Als das Schiff angelegt hatte, verabschiedeten wir uns draußen am Pier. Ich glaube, noch war es dunkel. Wir waren die ganze Nacht gefahren, langsam dämmerte es. Es war fast ein Kuss, den wir uns zum Abschied gaben. Unsere Wangen berührten sich, wir umarmten uns. Er flüsterte „You’re a heavy going woman.“ Mehrmals. Ich gab ihm meine Adresse. Ich war nicht verliebt, aber beflügelt. Ich erinnere nicht, ob ich seine Adresse hatte. Selbst wenn, wollte ich es bei dieser Begegnung belassen. Einige Jahre später erhielt ich einen Brief. Ich glaube, es war etwa fünf Jahre später. Darin lag eine Zeichnung mit seinem Portrait, eine Freundin hatte es gezeichnet, wie er schrieb, und dass er mich nicht vergessen konnte, in all den Jahren. Und dass er das kleine Blatt Papier mit der Adresse, das ich ihm gegeben hatte, verloren glaubte, und es plötzlich wieder auftauchte, als er aus einer Wohnung auszog. Der Zettel lag am Boden an der Wand hinter dem Bett. Er hatte nie dort nachgesehen. Ich habe auf diesen Brief nicht geantwortet. Es war lange her und immer noch eine aufregende Erinnerung. Aber ich war anderweitig absorbiert. Ich weiß nicht, wo ich den Briefumschlag mit diesem Brief habe. Solche Dinge werfe ich eigentlich nicht weg, aber ich will auch nicht alles auf den Kopf stellen und danach suchen. So wichtig ist es auch wieder nicht. Ich erinnerte mich nur heute daran, an diese intensive Zuwendung. Und dass er einen ganz kurzen Nachnamen hatte, an den ich mich absolut nicht erinnern kann. Ich suchte im Internet nach Seiten mit den häufigsten walisischen Familiennamen. Überflog alle, besonders die kurzen. Dann eine Seite mit britischen Familiennamen. Ich blieb bei „Moor“ hängen, obgleich ich auch da kein Déjà-vu hatte, nur weil er auch kurz war und irgendwie ähnlich. Ich gab im Internet ein „Ray Moor“ und „London“ und „Guitar“ und „Recordings“ und unter den ersten Suchergebnissen war Davey Ray Moor. Ich sah nach Bildern und Videos und fand dabei dieses von Cousteau. Davey Ray Moor war ein Sänger. Ein anderer Ray. Ich habe den Ray von dieser unvergesslichen nächtlichen Überfahrt von Harwich nach Hoek van Holland nicht gefunden, aber dieses Lied. Er sagte mir, wie alt er ist, sein Geburtsjahr, ich weiß es nicht mehr genau. Vielleicht 1957. Ist auch nicht wichtig. Wer weiß, ob er noch lebt. Damals war ich knapp fünfundzwanzig. Und auch ein Vierteljahrhundert ist es her.

There’s something there
Amongst the fallen fruit and flowers
Won’t rest
Only minutes, only hours
Unless
Now the morning breaks in showers
I’m left
With the North Wind breathing down my neck
On The Last Good Day of The Year
Don’t know where I end and where you begin

23. Januar 2016

https://www.youtube.com/embed/8uQJ2uFhurM
Seductive. Verführerisch, wunderbare Erotik. Zufällig entdeckt. Die ersten vier Takte Walk on by, aber dann ein ganz eigenes Werk mit lässigen Bacharachzitaten und einer großartigen männlichen Stimme. Ein Erfolg aus der Jahrtausendwende der London-based Band Cousteau. Vornehmlich – außer in Großbritannien – in Italien und den USA, lese ich. Zu verdanken der Verwendung in italienischen und amerikanischen Werbeclips. Heute zum ersten mal gehört. Aus irgendeinem Grund erinnerte ich mich heute nach dem Aufwachen an eine Begegnung auf einem Schiff. Vor fast sechsundzwanzig Jahren, 1990. Ich war auf dem Weg von Harwich nach Hoek van Holland, nach einer Woche, die mich neben London, vor allem durch Wales geführt hatte, auf den Spuren von Dylan Thomas. Zunächst nach Swansea und dann nach Carmarthen, wo er in Laugharne, in seinem entlegenen Boat House in einer Bucht, mit Blick auf die Gezeiten, an der Küste lebte. Ich fuhr damals mit dem Schiff, beginnend mit einer Zugfahrt von Berlin nach Rotterdam, Hoek van Holland und dann einem Wechsel zur Fähre Richtung England. Harwich heißt der Hafen, Grafschaft Essex. Von da mit dem Zug nach London, und nach einer Übernachtung in einer Absteige am Kings Cross von Paddington nach Wales. Und genauso zurück. Mit Eindrücken und zwei Büchern, die ich im Boat House kaufte, über die Liebesgeschichte von Dylan und seiner Frau und noch ein anderes. Und Audio-Kassetten mit Lesungen, Aufnahmen seiner beseelt vibrierenden Stimme. Do not go gentle into that good night. Ich war verliebt in seine exzessive Empfindsamkeit und so war es eine Art Pilgerfahrt. In der Westminster Abbey interessierte mich nur die Gedenkplatte mit seinem Namen. Ich fand sofort die Tafeln von Shakespeare und Elizabeth Barrett-Browning und ihrem Mann Robert Browning in der Poet’s Corner. Die steinern aufgebahrte Mary Queen of Scots nicht weit davon, aber Dylans Gedenktafel fand ich nicht. So fragte ich doch endlich nach längerem Suchen einen Wärter, ob er mir bei der Suche helfen könnte. „Excuse me – I’m looking for Dylan Thomas‘ memorial, it must be somewhere here in the Poet’s Corner, but I just can’t find it…!?“. Der uniformierte Wärter hört mir aufmerksam zu und beginnt zu schmunzeln, während er mir rät: „Just look at your feet.“ Ich stand mit den Füßen auf einer schwarzen Marmorplatte mit einer Gravur
DYLAN THOMAS
27 October 1914
9 November 1953
Time held me green and dying
Though I sang in my chains like the sea
Buried at Laugharne
.
Ich blickte ungläubig auf den Boden. Die Westminster Abbey wird mir immer in Erinnerung bleiben. Nach zwei, drei Tagen im beschaulichen Dörflein Laugharne fuhr ich mit dem Zug wieder zurück nach London, wo ich hauptsächlich spazieren ging und zur Kenntnis nahm, dass es viele gut gekleidete Männer in dunklen Anzügen mit weißem Hemd und Krawatte im Straßenbild gab, die sich sehr souverän darin bewegten. Ich war auch im VOGUE House in Mayfair, im Kellerarchiv, weil gerade ein großformatiger Bildband über The Sixties, a Decade in Vogue erschienen war, den man dort erwerben konnte. Ich erinnere mich noch an die unendlichen Archivregale mit mehreren Jahrzehnten alter Ausgaben der britischen Vogue. Den großen Bildband hatte ich auch im Gepäck auf meiner Rückreise. Ich hatte keine Kabine gemietet, sondern verbrachte die Überfahrt nach Hoek van Holland in einer der Lounges auf dem Zwischendeck. ich wechselte von Deck zu Deck, es gab mehrere Räume mit Ruhesesseln und einen sehr großen mit violetten Polstermöbeln, wo die meisten Reisenden die Überfahrt verbrachten. Man konnte sich etwas zu trinken holen und die Füße hochlegen. Ich hatte mir zuletzt in London im Bahnhof ein paar Socken mit dem eingewebten Union Jack auf der Fußsohle gekauft. Obwohl ich schon damals keine ‚lustigen‘ Socken trug, die gefielen mir. Ich hatte die Schuhe ausgezogen und diese Socken an und legte die Füße hoch, auf einen gegenüber geschobenen Sessel, es gab ja genug davon, und begann zu lesen. In dem Buch über Dylans Geschichte mit seiner Frau Caitlin. Nach einer Weile spürte ich – und sah auch – aus dem Augenwinkel, dass mich ein Mann fixierte, der etwa zehn, fünfzehn Meter von mir entfernt saß. Er schien auch allein zu reisen. Sein intensiver Blick war unausweichlich. Er wartete, bis ich ihn offen anblickte und stand langsam auf. Mit zurückhaltender Vorsicht, aber doch seltsam entschieden, deutete er mit seinem Blick auf meine Strümpfe und sagte ohne Koketterie „I like your socks“. Es klang wie eine Liebeserklärung. Ich erlaubte ihm, sich neben mich zu setzen. Er stellte seinen Seesack auf den Teppich und suchte meinen Blick, hielt ihn ohne Unterbrechung, während wir uns in kürzester Zeit erzählten, woher wir gerade kamen, und wieso, weshalb, warum und wohin uns der weitere Weg führte. Wir tranken etwas und rauchten auch. Ich weiß nicht mehr, ob es drinnen war, aber ich glaube schon. Damals gab es noch kein uneingeschränktes Rauchverbot in öffentlichen Räumen, oder es war ein Bereich, in dem es erlaubt war. Ich erinnere das Gefühl, dass er mir Feuer gab. Er erzählte, dass er eigentlich aus Wales kommt, aber in London als Studio-Gitarrist arbeitet. Und jetzt gerade auf dem Weg zu guten Freunden in Amsterdam sei. Wir sprachen sehr bald über Wesentliches. Es wurde unweigerlich metaphysisch. Tod, letzte Dinge. Damals interessierte mich immer das Geburtsdatum, wenn ich eine gewisse Energie spürte. Wir kamen auf Astrologie zu sprechen, ich erzählte ihm, dass ich wiederholt eine seltsame Affinität zu Skorpionen hätte. Er atmete hörbar und fixierte mich. Sein Geburtstag sei der 9. November. Er hieß Ray. Wir verbrachten die ganze Überfahrt miteinander. Neun Stunden blieben wir wach. Als das Schiff angelegt hatte, verabschiedeten wir uns draußen am Pier. Ich glaube, noch war es dunkel. Wir waren die ganze Nacht gefahren, langsam dämmerte es. Es war fast ein Kuss, den wir uns zum Abschied gaben. Unsere Wangen berührten sich, wir umarmten uns. Er flüsterte „You’re a heavy going woman.“ Mehrmals. Ich gab ihm meine Adresse. Ich war nicht verliebt, aber beflügelt. Ich erinnere nicht, ob ich seine Adresse hatte. Selbst wenn, wollte ich es bei dieser Begegnung belassen. Einige Jahre später erhielt ich einen Brief. Ich glaube, es war etwa fünf Jahre später. Darin lag eine Zeichnung mit seinem Portrait, eine Freundin hatte es gezeichnet, wie er schrieb, und dass er mich nicht vergessen konnte, in all den Jahren. Und dass er das kleine Blatt Papier mit der Adresse, das ich ihm gegeben hatte, verloren glaubte, und es plötzlich wieder auftauchte, als er aus einer Wohnung auszog. Der Zettel lag am Boden an der Wand hinter dem Bett. Er hatte nie dort nachgesehen. Ich habe auf diesen Brief nicht geantwortet. Es war lange her und immer noch eine aufregende Erinnerung. Aber ich war anderweitig absorbiert. Ich weiß nicht, wo ich den Briefumschlag mit diesem Brief habe. Solche Dinge werfe ich eigentlich nicht weg, aber ich will auch nicht alles auf den Kopf stellen und danach suchen. So wichtig ist es auch wieder nicht. Ich erinnerte mich nur heute daran, an diese intensive Zuwendung. Und dass er einen ganz kurzen Nachnamen hatte, an den ich mich absolut nicht erinnern kann. Ich suchte im Internet nach Seiten mit den häufigsten walisischen Familiennamen. Überflog alle, besonders die kurzen. Dann eine Seite mit britischen Familiennamen. Ich blieb bei „Moor“ hängen, obgleich ich auch da kein Déjà-vu hatte, nur weil er auch kurz war und irgendwie ähnlich. Ich gab im Internet ein „Ray Moor“ und „London“ und „Guitar“ und „Recordings“ und unter den ersten Suchergebnissen war Davey Ray Moor. Ich sah nach Bildern und Videos und fand dabei dieses von Cousteau. Davey Ray Moor war ein Sänger. Ein anderer Ray. Ich habe den Ray von dieser unvergesslichen nächtlichen Überfahrt von Harwich nach Hoek van Holland nicht gefunden, aber dieses Lied. Er sagte mir, wie alt er ist, sein Geburtsjahr, ich weiß es nicht mehr genau. Vielleicht 1957. Ist auch nicht wichtig. Wer weiß, ob er noch lebt. Damals war ich knapp fünfundzwanzig. Und auch ein Vierteljahrhundert ist es her.

There’s something there
Amongst the fallen fruit and flowers
Won’t rest
Only minutes, only hours
Unless
Now the morning breaks in showers
I’m left
With the North Wind breathing down my neck
On The Last Good Day of The Year
Don’t know where I end and where you begin

19. Januar 2015


Pluto Trigon Pluto. Für später, Memoiren. „Damals stand Pluto im Steinbock in exaktem Trigon zu meinem Jungfrau-Pluto“. Und für jetzt. Nie mehr blättere ich in Ephemeriden. Einmal im Jahr vielleicht. Dann brauche ich die Flohmarktlupe, die Buchstaben sind so klein. Dieser Rosenkreuzerverlag hat so eine kleine Typo gewählt auf den butterbrotpapierdünnen Seiten der NASA-Daten, die sie da abgedruckt haben. In den Ephemeriden steht der Sternenlauf, die Bewegungen unseres Sonnen- Mond- und Planetensystems. Als es noch kein Internet gab, brauchte man das, wenn man ein Horoskop stellen wollte. Und ich wollte. Damals. Seit vielen Jahren gibt es dafür Computerprogramme, aber ich brauche keines. Ich kümmere mich nicht mehr darum. Nur ganz selten, aus einer verspielten Laune sehe ich eine Konstellation nach. Man sollte sich nicht in ein Schema fügen. Ich mag Menschen, die sich über Astrologie lustig machen, das entspricht meinem Freigeist. Und dann bin ich wieder perplex, wenn ich skorpionische Energie spüre. Die ich so benenne, weil mir nichts Prägnanteres in den Sinn kommt. Ich könnte auch sagen plutonisch. Aber auch Mars spielt dabei eine Rolle. Die Energien, die man braucht, wenn man einen Kampf bestehen will. Aggression. Allerdings kontrollierte Aggression, nicht impulsiv eruptive Widderkraft. Die mich aber auch sehr amüsiert. Als ich noch sehr jung war und mich im Alter von etwa siebzehn Jahren ernsthaft mit Astrologie zu beschäftigen begann, war mir Widder-Energie suspiekt. Ich hatte wohl so eine elegische Phase, vermute ich. Heute schätze ich das gewitzte Feuer, das dem Widder-Archetypen entspricht, sehr. Ich bin leicht zu amüsieren, wenn jemand einen feurigen Geist an den Tag legt. Schnell denkt, sich schnell bewegt. Schlagabtausch. Aber auch sehr gefährliche Charaktere. Ich halte dagegen, kann dann ein Vernichtungsschlag werden. Würde es, wenn ich noch unreif genug wäre, das zuzulassen. Aber bitte – Sie müssen nicht versuchen, diese astrologischen Einwürfe nachzuvollziehen, es soll nicht in Arbeit ausarten. Zumal ich mich auch nicht mehr damit befasse. Aber dennoch bleibt ein Geheimnis, ein Mysterium, mit dem ich manchmal in Gedanken spiele. Nur ein nächtlicher Gedankenstrom. Ich trinke schon wieder Sancerre. Wie am Samstag. Ein anderer Eintrag. David liebte diesen Wein. Und ich liebe ihn, weil er so viel Erde hat. Ganz viel.

12. Januar 2016

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Und die Lebenden ehren. Blixa, den ich Ende des vergangenen Jahres zweimal kurz hintereinander auf der Bühne sah. Ich hätte gedacht, hatte eigentlich vor, Lament angemessen, in einer Art Verdichtung zu beschreiben. Vielleicht habe ich das schon, als ich nur wenige Worte postete, auf der Seite des Events auf facebook. Ich schrieb am Tag danach – oder war es noch in der Nacht – „Berührend, virtuos, transzendent. Ein heilender Exorzismus. Was für ein Abend. Meisterwerk.“ Mehr ist mir nicht möglich. Und doch wird das kein Eintrag, um von diesem besonderen Abend zu berichten. Dann müssten Bilder der anderen Musiker zu sehen sein. Ganz unbedingt Alexander Hacke. Der immer noch mit Blixa in meinem Kopf Lament I. singt. Mit dieser Geste jener erhobenen Hand, der offenen Handfläche, dem Publikum zugewandt, die ein Segen war. Weil ich es nicht besser weiß, mutmaße ich, dass es eine Art Obertongesang war, der mit Hilfe eines mir schleierhaften Effektgerätes verstärkt und moduliert wurde. Ein ganz zauberhaftes Rätsel, ein nie gehörter Klang menschlicher Stimmen, der ineinandergriff, viele Minuten lang, das Grauen transformierte, auflöste, in einem heilenden Klang. Mehr noch als mysteriös, fühlte es sich mystisch an. Ich stand wie verwurzelt mit dem Boden, die Hände auf meinem Bauch gefaltet. Dachte noch, wie ich dastehe, wie in einer Kirche, zur Andacht. Nie gehört, nie erlebt. Heute ist der Geburtstag von Blixa, der dieses Kunststück vollbrachte, nicht alleine, aber er hat einen wesentlichen Anteil. Ohne ihn gäbe es dieses Stück nicht und überhaupt nichts, was die erschütternde Qualität der Neubauten in ihren hervorragendsten Werken ausmacht. Ich habe einen sehr ernsthaften Menschen gesehen, der mit hoher Konzentration das Beste abliefert, was ihm möglich ist. Und das ist viel. Unvergleichlich sowieso. IT MOVES. Bedankt.



11. Januar 2016



Liebe. Eckzähne. Stimme. Gestik. Scharfsinn, Vision. Wille. Blick. Freigeist. Schöngeist. Wärme. Witz. Bei Georg schrieb ich vorhin: „Als ich das Video am Samstag sah, wurde ich sehr traurig. Denn es war mir klar, dass das ernst ist. Schon bei „Where are we now“ nahm ich Abschied, das war der Bruch, er sah da schon so geschwächt aus, dass ich nicht mehr glauben konnte, dass er noch viele Jahre hat. Aber er hat so viel gegeben. Mehr ging nicht.“ […]


This way or no way
You know, I’ll be free
Just like that bluebird
Now ain’t that just like me
Oh I’ll be free

10. Januar 2016

laser wayne stabil kranker scheiß. Bin vielleicht in einer Phase des Aufnehmens, atme ein. Lasse auf mich wirken. Aber bleibe dran. Viele Eindrücke in den letzten Wochen, die ich auch nicht unbedingt vermitteln kann, selbst wenn ich wollte. Bräuchte viel Erklärung, Kontext. Familiäres, Begegnungen, Eindrücke, die in keine Schubladen passen. Innere Bewegungen. Heilprozess(e). Und Bilder, Bilder. Ich schreibe weiter, das sicher.

01. Januar 2016

15-12-31 Greatest Hits (35)
https://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=261948265
15-12-31 Greatest Hits (18)
Komm auf meine Sonnenbarke sang Blixa gestern. Ich hatte eine Flasche Champagner auf der Terrasse versteckt, zur Kühlung gebunkert. Wir tranken einstweilen den sehr guten Rieslingsekt vom Radialsystem bis es Mitternacht war. Gläser waren dann ja da. Viele Fotos gemacht. Die sind nun auf der Festplatte neben all den anderen Bildern aus Zweitausendfünfzehn, die ich noch nicht gepostet habe, So schöne Sachen dabei. Auch während der Aufführung von LAMENT am 28. Dezember habe ich fotografiert. Sollte man eigentlich nur am Anfang, aber später habe ich dann, eher flüchtig agierend, einige Bilder von Blixa eingefangen, die mich selbst überraschten. Ich bin nur ganz leicht verkatert. Ina und ich haben gestern Nacht viel getanzt, zum Glück tun mir die Füße nicht weh, weil ich in weiser Voraussicht Schuhe anhatte, die ich gar nicht spüre. Jetzt mache ich mich fertig für einen Kinobesuch zu einem Film über den Naturphilosophen und Mystiker Jacob Böhme, in Anwesenheit des sehr charismatischen Regisseurs Ronald Steckel. Ich wünsche ein frohes und sehr interessantes neues Jahr!

01. Januar 2016

15-12-31 Greatest Hits (35)
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15-12-31 Greatest Hits (18)
Komm auf meine Sonnenbarke sang Blixa gestern. Ich hatte eine Flasche Champagner auf der Terrasse versteckt, zur Kühlung gebunkert. Wir tranken einstweilen den sehr guten Rieslingsekt vom Radialsystem bis es Mitternacht war. Gläser waren dann ja da. Viele Fotos gemacht. Die sind nun auf der Festplatte neben all den anderen Bildern aus Zweitausendfünfzehn, die ich noch nicht gepostet habe, So schöne Sachen dabei. Auch während der Aufführung von LAMENT am 28. Dezember habe ich fotografiert. Sollte man eigentlich nur am Anfang, aber später habe ich dann, eher flüchtig agierend, einige Bilder von Blixa eingefangen, die mich selbst überraschten. Ich bin nur ganz leicht verkatert. Ina und ich haben gestern Nacht viel getanzt, zum Glück tun mir die Füße nicht weh, weil ich in weiser Voraussicht Schuhe anhatte, die ich gar nicht spüre. Jetzt mache ich mich fertig für einen Kinobesuch zu einem Film über den Naturphilosophen und Mystiker Jacob Böhme, in Anwesenheit des sehr charismatischen Regisseurs Ronald Steckel. Ich wünsche ein frohes und sehr interessantes neues Jahr!

29. Dezember 2015

„Wecker – das unverzichtbare Accessoire zum pünktlichen Aufwachen“
Noch nie so betrachtet. Accessoires kann man ja nie genug haben. Gerade im Internet-Laden von Galeria Kaufhof gelesen. Wollte einen 10-Euro-Gutschein einlösen, den man aber nur bei online-Einkauf nutzen kann und habe nach Getränken, also einem bestimmten Getränk mit Kohlensäure geschaut. Die weitere Bedingung ist, dass man für mindestens 59 Euro einkauft, damit man 10 Euro erlassen kriegt. So dachte ich mir, ich kaufe im online-shop ganz clever drei bis X Flaschen von einer bestimmten Marke, die vom 27. bis 31. Dezember um zwanzig Prozent reduziert ist. Ist aber leider „derzeit im online shop nicht verfügbar“. Ist nicht so schlimm, war gerade am Alex bei Galeria, um schon mal ein paar Flaschen von dem vergünstigten Getränk zu bunkern, vier Stück. An der Kasse – ich muss es doch erzählen, auch wenn meine Leser wahrscheinlich nicht die Zielgruppe sind, also nicht unbedingt. Schon als ich in die Getränkeabteilung steuere, sehe ich auf der Höhe von dem Tresen mit den Teesorten diesen jungen Musiker von dieser Gruppe, ein Gitarrist mit langen Haaren, der sehr freundlich an der Ecke zu warten scheint. Ich dachte mir schon, der wird auf seine Gefährtin warten, man kauft ein, man wohnt wahrscheinlich in der Nähe. Hab beim zügigen Durchlaufen geguckt, ob die bildhübsche Sängerin, die ja bekanntlich seine Gefährtin ist, auch in der Nähe ist, aber nicht gesehen, ich habe auch nicht viel Zeit damit zugebracht, sondern bin direkt weiter zum Regal mit dem interessanten vergünstigten Getränk. Vier Flaschen unter die beiden Arme gepackt und schnurstracks zur Kasse, nicht verzetteln. Ich hatte sogar ausreichend Bargeld, grob überschlagen. Jetzt stand im Internet aber ein anderer Preis pro Flasche, knapp fünf Euro weniger. Andererseits gab es in der Getränkeabteilung ein Schild, dass bis Silvester alle Sorten von dem Getränk, von allen Marken, zwanzig Prozent Preisnachlass kriegen. Nun war meine kurze Überlegung, ist der reguläre Preis z. Z. überall reduziert und teilweise noch nicht richtig ausgepreist und darauf gibt es nochmal 20 Prozent oder gibts hier nur die zwanzig Prozent, somit wären wir wieder beim Internet-Einkaufspreis. Ich wollte nur sicher gehen und spreche die Kassiererin darauf an, dass im Internet von vorneherein ein anderer Preis steht, aber alles ganz schnell, ich wollte ja den Betrieb nicht aufhalten, ich hasse das, wenn Kunden umständliche Befindlichkeiten an der Kasse äußern, und nun fing ich auch schon so an. Aus dem Augenwinkel sah ich, dass nun jemand hinter mir an die Kasse kam, um ebenfalls zu zahlen. Ach, der langhaarige Musiker. Und wer steht daneben, dachte ich mir’s doch. Also die Verkäuferin überzeugte mich, dass es überall gleich viel kostet, nur unterschiedlich avisiert wird und ich reiche ihr den Betrag in vier Scheinen. Es machte irgendwas mit ,01 Euro am Ende, sie fragt, ob ich vielleicht einen Cent habe, ich gucke nach und finde nur ein zwei-Cent-Stück, das ich ihr anbiete, mit den Worten: „ich hab nur zwei Cent, ich weiß nicht, ob Ihnen das was nützt?“ Die Kasserin ist hin- und hergerissen, ob ihr das was nützt oder ob es ihr nichts nützt. Da greift die bildhübsche Sängerin in ihr Portemonnaie und gibt der Kasserin den fehlenden Cent, den sie von mir hätte haben wollen. Ich bin nun auch irritiert und überlege, ob es der Spenderin etwas nützt, wenn ich ihr meine zwei Cent gebe und halte sie mit Fragezeichenblick in ihre Richtung, sie winkt deutlich ab „ach was.“ Kassierin gibt mir einen Euro zurück und meint „na ja nu hamse nen Glücks-Zent, der bringt Glück!“ Ich „Danke!“ in Richtung Sängerin, übrigens wirklich auch in echt sehr, sehr hübsch, nur etwas kleiner als gedacht, und sage noch (Schwerpunkt Richtung Kassiererin, aber natürlich auch ein Drittel Sängerin), „Na dann wünsche ich guten Rutsch allerseits!“ Kassiererin und Sängerin wünschen mir dasselbe. Und weg war ich, direkt zum Ausgang. Das war also die Geschichte, wo ich einmal von der bildhübschen Sängerin, einen Cent von ihrer Gage geschenkt gekriegt habe. Gerade vorhin. Bringt mir vielleicht wirklich Glück, der Cent. Noch sind die interessanten Getränke um 20 Prozent reduziert! Ich habe mir übrigens verkniffen zu gucken, was die beiden einkaufen und aufs Band legen, nur so ein frisches Rosmarin-Sträußchen habe ich mitgekriegt, weil es unmittelbar neben meinen vier Flaschen gelegen hat. Also ich fand die Sängerin ja schon immer sehr sympathisch, auch gerade in der Jury von Voice of Germany. Und wie gesagt bildhübsch! Als ich dann daheim war, also jetzt vorhin gerade, wollte ich eben noch den 10-Euro-Gutschein einlösen, bevor ich es vergesse. Nur bis Silvester gilt er noch. Und nun haben sie das Getränk nicht. Und ich weiß nicht, was ich sonst dort bestellen könnte. Aus lauter Orientierungslosigkeit habe ich mir Wecker angeschaut. Aber ich brauche gar keinen Wecker. Ich habe schon zwei. Mir fällt wirklich nichts ein. Soll ich vielleicht für irgendjemanden irgendwas bestellen? Aber muss für mindestens neunundfünfzig Euro sein!

29. Dezember 2015

„Wecker – das unverzichtbare Accessoire zum pünktlichen Aufwachen“
Noch nie so betrachtet. Accessoires kann man ja nie genug haben. Gerade im Internet-Laden von Galeria Kaufhof gelesen. Wollte einen 10-Euro-Gutschein einlösen, den man aber nur bei online-Einkauf nutzen kann und habe nach Getränken, also einem bestimmten Getränk mit Kohlensäure geschaut. Die weitere Bedingung ist, dass man für mindestens 59 Euro einkauft, damit man 10 Euro erlassen kriegt. So dachte ich mir, ich kaufe im online-shop ganz clever drei bis X Flaschen von einer bestimmten Marke, die vom 27. bis 31. Dezember um zwanzig Prozent reduziert ist. Ist aber leider „derzeit im online shop nicht verfügbar“. Ist nicht so schlimm, war gerade am Alex bei Galeria, um schon mal ein paar Flaschen von dem vergünstigten Getränk zu bunkern, vier Stück. An der Kasse – ich muss es doch erzählen, auch wenn meine Leser wahrscheinlich nicht die Zielgruppe sind, also nicht unbedingt. Schon als ich in die Getränkeabteilung steuere, sehe ich auf der Höhe von dem Tresen mit den Teesorten diesen jungen Musiker von dieser Gruppe, ein Gitarrist mit langen Haaren, der sehr freundlich an der Ecke zu warten scheint. Ich dachte mir schon, der wird auf seine Gefährtin warten, man kauft ein, man wohnt wahrscheinlich in der Nähe. Hab beim zügigen Durchlaufen geguckt, ob die bildhübsche Sängerin, die ja bekanntlich seine Gefährtin ist, auch in der Nähe ist, aber nicht gesehen, ich habe auch nicht viel Zeit damit zugebracht, sondern bin direkt weiter zum Regal mit dem interessanten vergünstigten Getränk. Vier Flaschen unter die beiden Arme gepackt und schnurstracks zur Kasse, nicht verzetteln. Ich hatte sogar ausreichend Bargeld, grob überschlagen. Jetzt stand im Internet aber ein anderer Preis pro Flasche, knapp fünf Euro weniger. Andererseits gab es in der Getränkeabteilung ein Schild, dass bis Silvester alle Sorten von dem Getränk, von allen Marken, zwanzig Prozent Preisnachlass kriegen. Nun war meine kurze Überlegung, ist der reguläre Preis z. Z. überall reduziert und teilweise noch nicht richtig ausgepreist und darauf gibt es nochmal 20 Prozent oder gibts hier nur die zwanzig Prozent, somit wären wir wieder beim Internet-Einkaufspreis. Ich wollte nur sicher gehen und spreche die Kassiererin darauf an, dass im Internet von vorneherein ein anderer Preis steht, aber alles ganz schnell, ich wollte ja den Betrieb nicht aufhalten, ich hasse das, wenn Kunden umständliche Befindlichkeiten an der Kasse äußern, und nun fing ich auch schon so an. Aus dem Augenwinkel sah ich, dass nun jemand hinter mir an die Kasse kam, um ebenfalls zu zahlen. Ach, der langhaarige Musiker. Und wer steht daneben, dachte ich mir’s doch. Also die Verkäuferin überzeugte mich, dass es überall gleich viel kostet, nur unterschiedlich avisiert wird und ich reiche ihr den Betrag in vier Scheinen. Es machte irgendwas mit ,01 Euro am Ende, sie fragt, ob ich vielleicht einen Cent habe, ich gucke nach und finde nur ein zwei-Cent-Stück, das ich ihr anbiete, mit den Worten: „ich hab nur zwei Cent, ich weiß nicht, ob Ihnen das was nützt?“ Die Kasserin ist hin- und hergerissen, ob ihr das was nützt oder ob es ihr nichts nützt. Da greift die bildhübsche Sängerin in ihr Portemonnaie und gibt der Kasserin den fehlenden Cent, den sie von mir hätte haben wollen. Ich bin nun auch irritiert und überlege, ob es der Spenderin etwas nützt, wenn ich ihr meine zwei Cent gebe und halte sie mit Fragezeichenblick in ihre Richtung, sie winkt deutlich ab „ach was.“ Kassierin gibt mir einen Euro zurück und meint „na ja nu hamse nen Glücks-Zent, der bringt Glück!“ Ich „Danke!“ in Richtung Sängerin, übrigens wirklich auch in echt sehr, sehr hübsch, nur etwas kleiner als gedacht, und sage noch (Schwerpunkt Richtung Kassiererin, aber natürlich auch ein Drittel Sängerin), „Na dann wünsche ich guten Rutsch allerseits!“ Kassiererin und Sängerin wünschen mir dasselbe. Und weg war ich, direkt zum Ausgang. Das war also die Geschichte, wo ich einmal von der bildhübschen Sängerin, einen Cent von ihrer Gage geschenkt gekriegt habe. Gerade vorhin. Bringt mir vielleicht wirklich Glück, der Cent. Noch sind die interessanten Getränke um 20 Prozent reduziert! Ich habe mir übrigens verkniffen zu gucken, was die beiden einkaufen und aufs Band legen, nur so ein frisches Rosmarin-Sträußchen habe ich mitgekriegt, weil es unmittelbar neben meinen vier Flaschen gelegen hat. Also ich fand die Sängerin ja schon immer sehr sympathisch, auch gerade in der Jury von Voice of Germany. Und wie gesagt bildhübsch! Als ich dann daheim war, also jetzt vorhin gerade, wollte ich eben noch den 10-Euro-Gutschein einlösen, bevor ich es vergesse. Nur bis Silvester gilt er noch. Und nun haben sie das Getränk nicht. Und ich weiß nicht, was ich sonst dort bestellen könnte. Aus lauter Orientierungslosigkeit habe ich mir Wecker angeschaut. Aber ich brauche gar keinen Wecker. Ich habe schon zwei. Mir fällt wirklich nichts ein. Soll ich vielleicht für irgendjemanden irgendwas bestellen? Aber muss für mindestens neunundfünfzig Euro sein!

27. Dezember 2015


Ja, das ist starker Tobak. Ein Feuerwerk in Farbfotografie, abgehandelt in einem Motiv. In der Konversation mit sehr visuellen Menschen, was beinah zwingend auch ein fotografisches Auge einschließt, höre ich mich immer wieder sagen, dass ich nur dann die Farbversion einer Aufnahme bevorzuge, wenn die Farbe an sich ein erhebender Teil der Bildaussage ist. Wenn die Farbe etwas zeigt, was mir einen Kraftstoß versetzt, Elektrizität, Aufregung. Das kann man auch ganz grundsätzlich als professionelles hohes Ziel fokussieren, innerhalb des Gebotenen, ob naturbelassen oder initiiert, das magische Farbspektrum zu beackern. Das ist bewunderungswürdig. Das können nur wenige. Wer nicht inszeniert, so wie ich, kann leichter Befriedigung finden, wenn alles ergebnisoffen ist und kein Dogma herrscht. Wenn man gerne Menschen fotografiert, die man an einem Ort vorfindet, der nicht den eigenen Vorlieben angepasst wurde, was den Hintergrund und auch die Farbwelt angeht, kann man das Durcheinander von wenig erhebenden bis grausamen Farbkombinationen in Umgebung und Kleidung oft sehr gut durch einen Schwarzweiß-Filter, die Umsetzung in Grauwerte, neutralsieren und muss nicht auf ein Motiv verzichten,, das ein schönes Licht, einen schönen Ausdruck in einem ansonsten unnötige Aufmerksamkeit fordernden farblichen Durcheinander zeigt. Sonnenuntergänge sehen in Grauwerten nur dann erwärmend oder inspirierend aus, wenn sich eine Wolkenstruktur zeigt, die Reflexe einfangen kann, ein einfach nur gleichmäßig flächiger Farbverlauf von hell- nach dunkelgrau wirkt meistens tot. Der Himmel, die Himmelsbilder, die gestern vor meinen Fenstern nach Westen projiziert wurden, provozierten mich so in ihren beinah absurden Farben und den Streifen, dass ich die Kamera nehmen musste. Ich könnte in diesem Eintrag keine weiteren Bilder aus der Strecke einfügen. Ich habe es versucht.

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Das ist zuviel. Zuviel Fototapete. Inflationäre Buntheit. Nicht zum Aushalten. Aber zwei Bilder sind noch erträglich und ein guter Impuls. Meine Welt ist voller Farben. Sehr schönen, die sich gegenseitig aufwerten. In jedem Raum ein anderes Spektrum, sehr differenziert, aber nicht beliebig. Ich weiß um die Kraft von Farbe und umgebe mich damit. Schwarzweiß dominiert nur in meiner Küche und rund um dem Tisch. Aber auch da gibt es Details, die die Orgie brechen. Äpfel und Orangen. Eine nachtblau und weiß gemusterte japanische Teekanne, farbige Keramikschalen, ein massiver Griff aus Holz an der schwersten meiner Kupferpfannen.

Wann mag zum ersten mal in der Geschichte der Fotografie eine naturgetreue Farbaufnahme eines Sonnenunterganges möglich gewesen sein? Sicher sehr lange her. Die Farbfotografie. Etwa hundert Jahre könnte es her sein, etwa um 1905. „Sergei Michailowitsch Prokudin-Gorski unternahm ab 1905 ein aufwendiges Projekt, das ihn von 1909 bis 1915 durch das gesamte russische Reich führte, um dieses in ca. 10 000 Farbaufnahmen festzuhalten. Von 1909 bis 1931 legte Albert Kahn eine Kollektion von 72 000 Farbfotos an, Die Archive des Planeten.“ Da wird so manches Himmelsbild dabei gewesen sein. Eine Sensation wird es gewesen sein. So von Ergriffenheit begleitet, wie man das immer wieder in der Wirklichkeit erfährt. Mir geht es beinah jedes mal so. Wenn die Sonne mit besonderen Farben aufgeht oder sinkt, dann halte ich inne, egal wobei, und nehme mir diese wenigen Minuten, die es dafür braucht und halte Andacht. Und manchmal, selten nur, greife ich zu meiner Kamera.

22. Dezember 2015


https://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=261948265

Drei Kuppeln. Die gleiche Stunde, vorgestern am Sonntag. In der Mitte ist der Nachwuchs, die Berliner Schloss-Kuppel, die immer noch nur Gerüst ist, seit dem Richtfest im Sommer. Man baut von unten nach oben. Alles. Wirklich alles. Immer erst das Fundament, die tragenden Elemente. Die Kuppel ist die Marabufeder, der Kopfschmuck. Ich habe es seit einer Weile begriffen, ich schaue nicht mehr jeden Tag genau hin. Aber am Sonntag war etwas anders in der Silhouette, die ich aus meinem Fenster zur Auguststraße sehe. Das Kuppelgerüst hat einen Weihnachtsbaum auf die Spitze gekriegt. Das gibt der Form eine arabeske Anmutung, die schön in die Weihnachtszeit passt. Das Jesuskind ist ja auch aus der arabischen Welt. Ein kleiner Aladin. Ich sitze gerade im Dunkeln, denn nun ist kaum noch Licht draußen, nur das Display meines Notebooks leuchtet. Und die Lampe vom Küchenherd. Ich sitze am Küchentisch. Der Herd muss heute die Wohnung warmhalten, denn in unserem Haus ist heute die Heizungsanlage ausgefallen, morgen erst wird ein Ersatzteil eingebaut. Es gibt auch kein fließendes warmes Wasser. Aber ich habe in meinem größten Suppentopf, einer großen Wokpfanne und dem Teekessel heißes Wasser zubereitet. Jetzt sinniere ich noch darüber, ob und wenn ja, wie ich damit eine Haarwäsche meistere, ohne mich zu verbrühen. Eine Katzenwäsche mit kaltem Wasser habe ich vorhin schon gemacht, aber ich würde mich am allerliebsten duschen. Das ist mir aber zu riskant mit diesem Gewerk. Auch würde das Wasser gar nicht reichen. Ich könnte für die Haarwäsche einen Krug mit warmen Wasser bereiten, indem ich das heiße mit dem kalten aus der Leitung mische und erst einmal die Haare befeuchte, damit die flüssige Seife in den Haaren aufgeschäumt werden kann. Ich muss sparsam arbeiten. Dann einwirken lassen. Nun das Waschbecken im Badezimmer mit der ersten Füllung heißem und kaltem Wasser mischen, für das grobe Ausspülen. Ich müsste den Kopf eine Weile möglichst tief in das randvolle Becken eintauchen, um den größten Seifenschaum herauszuspülen. Dann könnte ich das Wasser aus dem Becken lassen und die Haare freischwebend, vom Kopf weghaltend, mit kaltem Wasser aus dem Hahn gründlich ausspülen. Dann noch einmal das Becken füllen und ein zweites mal den Rest vom Kopf spülen. Und wieder kalt nur den Haarstrang. Eventuell noch ein weiteres mal. So könnte das gehen. Wollen wir doch mal sehen.

09. Dezember 2015


Haben andere auch Einträge in Warteschleifen? Die darauf warten, geschrieben zu werden? Ich meine, zu wissen, dass man etwas festhalten will, das einem widerfuhr. Irgendein Erleben, Erlebnis. Aber es angemessen einzufangen, geht nicht nach Stundenplan. Und manchmal weiß man auch gar nicht, worauf die Sache hinauswill. Manches muss noch ein bißchen ruhen. Reifen ist ein zu großes Wort. Es sind ja keine derart historischen Ereignisse… nur für meine Historie. Sobald Bilder entstanden sind, denen ich einen Wert zugestehe, lege ich mir eine Verpflichtung auf, etwas Angemessenes dazu zu schreiben. Aber alles nicht mehr chronologisch.. Nicht mehr eilig. Irgendwann. Wenn es einen Wert hat, geht er nicht in ein paar Wochen verloren. So selten ich in diesen Tagen Einladungen wahrnehme, so intensiv erlebe ich sie. Und suche nach Intensität. oder mache einen Abgang. Ohne Erklärung. Geschieht nicht mehr so häufig. Der Instinkt ist geschärft, was sich lohnen könnte. Aber auch bin ich nicht mehr so genügsam. Zumeist gibt es eine Interaktion, die ich entweder provoziere oder zulasse. Keine Angst vor großen Tieren. Lange nicht mehr. Aber große Tiere müssen auch ihre Größe bestätigen, sonst vergeht mir die Lust. Das ist jetzt wirklich kryptisch und so war es nicht beabsichtigt. Ich trinke einen sehr guten Haut-Médoc und muss auch schlafen gehen. Fast hätte ich das in eine Bildstrecke geschrieben, die in der Schleife ist. Aber nur weil man trunken und müde ist, muss man nicht fahrlässig werden. Auch nicht in unbezahlten Blogeinträgen. Außerdem lausche ich mit halbem Ohr mir neuer Musik. Und darum höre ich jetzt lieber auf.

22. Dezember 2015


https://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=261948265

Drei Kuppeln. Die gleiche Stunde, vorgestern am Sonntag. In der Mitte ist der Nachwuchs, die Berliner Schloss-Kuppel, die immer noch nur Gerüst ist, seit dem Richtfest im Sommer. Man baut von unten nach oben. Alles. Wirklich alles. Immer erst das Fundament, die tragenden Elemente. Die Kuppel ist die Marabufeder, der Kopfschmuck. Ich habe es seit einer Weile begriffen, ich schaue nicht mehr jeden Tag genau hin. Aber am Sonntag war etwas anders in der Silhouette, die ich aus meinem Fenster zur Auguststraße sehe. Das Kuppelgerüst hat einen Weihnachtsbaum auf die Spitze gekriegt. Das gibt der Form eine arabeske Anmutung, die schön in die Weihnachtszeit passt. Das Jesuskind ist ja auch aus der arabischen Welt. Ein kleiner Aladin. Ich sitze gerade im Dunkeln, denn nun ist kaum noch Licht draußen, nur das Display meines Notebooks leuchtet. Und die Lampe vom Küchenherd. Ich sitze am Küchentisch. Der Herd muss heute die Wohnung warmhalten, denn in unserem Haus ist heute die Heizungsanlage ausgefallen, morgen erst wird ein Ersatzteil eingebaut. Es gibt auch kein fließendes warmes Wasser. Aber ich habe in meinem größten Suppentopf, einer großen Wokpfanne und dem Teekessel heißes Wasser zubereitet. Jetzt sinniere ich noch darüber, ob und wenn ja, wie ich damit eine Haarwäsche meistere, ohne mich zu verbrühen. Eine Katzenwäsche mit kaltem Wasser habe ich vorhin schon gemacht, aber ich würde mich am allerliebsten duschen. Das ist mir aber zu riskant mit diesem Gewerk. Auch würde das Wasser gar nicht reichen. Ich könnte für die Haarwäsche einen Krug mit warmen Wasser bereiten, indem ich das heiße mit dem kalten aus der Leitung mische und erst einmal die Haare befeuchte, damit die flüssige Seife in den Haaren aufgeschäumt werden kann. Ich muss sparsam arbeiten. Dann einwirken lassen. Nun das Waschbecken im Badezimmer mit der ersten Füllung heißem und kaltem Wasser mischen, für das grobe Ausspülen. Ich müsste den Kopf eine Weile möglichst tief in das randvolle Becken eintauchen, um den größten Seifenschaum herauszuspülen. Dann könnte ich das Wasser aus dem Becken lassen und die Haare freischwebend, vom Kopf weghaltend, mit kaltem Wasser aus dem Hahn gründlich ausspülen. Dann noch einmal das Becken füllen und ein zweites mal den Rest vom Kopf spülen. Und wieder kalt nur den Haarstrang. Eventuell noch ein weiteres mal. So könnte das gehen. Wollen wir doch mal sehen.

12. Dezember 2015


Mein ekstatischster Moment in dieser Woche war die Ekstase eines anderen Menschen. Ich ging am Abend die Gipsstraße entlang, Richtung Joachim, von der Rosenthaler Straße kommend. Es war längst dunkel, vielleicht neunzehn Uhr. Die Straßenlaternen und Schaufenster leuchteten. Kurz bevor man rechts in die Joachimstraße abbiegen kann, gibt es auf der rechten Seite in der Gipsstraße ein Turnschuhgeschäft. Nur Leute meiner Generation oder älter, reden von Turnschuhen, ich weiß. „Sneakers“ wird heute bevorzugt gesagt, sonst wirkt man altbacken, das möchte man natürlich nicht. Jedenfalls ist dieses Turnschuhgeschäft sehr modisch und wirkt nicht wie ein Laden für Sportartikel. Es ist mehr so eine Anlaufstelle für modebewusste Leute, die extravagante Turnschuhmodelle als Accessoire betrachten und vielleicht auch besondere Modelle sammeln. Wie heißt der Laden bloß. Ich war sogar schon einmal drin und habe Turnschuhe gekauft, die mir schon mindestens vier oder fünf mal beim Vorbeilaufen im Schaufenster aufgefallen waren. Ich bin rein, habe sie anprobiert und gekauft. Und zwei Tage später war ein Artikel in der Daily Mail mit einem Foto von Mick Jagger, wie er bei einer bekannten jungen Sängerin als Gast bei ihrem Konzert erscheint – wer war die junge Frau – Taylor Swift glaube ich, die wird ja sehr umjubelt, derzeit – und er sang also ein Duett mit ihr und er hatte meine Turnschuhe an! Aber das wollte ich doch überhaupt nicht erzählen. Das war nicht mein ekstatisches Erlebnis aus zweiter Hand, ist ja auch viel länger her. Sicher wollen Sie jetzt wissen, welche Schuhe das sind, die Mick Jagger und ich neulich gekauft haben – Moment – – – Hier, bitte beachten Sie die Sohle. Und hier eine Art Aufnahme von mir mit dem gleichen Modell. Nun sollte man vielleicht auch noch die Mühe investieren herauszufinden, wie der Laden heißt, an dem ich immerhin jeden Tag mindestens ein- bis zweimal vorbeilaufe. Also gut, ich google auch das. Moment – – – oh – die sind ja auch toll – – – uh – , ja also dieses Geschäft. Aber was ich doch eigentlich vermitteln wollte, war: ich laufe gestern an diesem Schaufenster vorbei und gucke so halb hin, alles wieder sehr schön präsentiert, auf eine unsportliche Art dekoriert, die auch mich anspricht, man hat mehr den Eindruck von einem stylishen Schuhgeschäft mit eben sehr hip präsentierter Auslage. Das habe ich schon durchaus realisiert. Aber dann kommt ein Mann – wahrscheinlich jünger als ich (so Väter von jüngeren Kindern sind ja überwiegend jünger als ich) mir entgegen, und noch irgendein Erwachsener, ich glaube, ein anderer Mann, und ein Kind, ein Mädchen, ungefähr zwischen sieben und neun Jahren alt. Grob geschätzt. Man schlendert so einher, als das Mädchen plötzlich einen ekstatischen Schrei ausstößt. Jedes andere Adjektiv wäre untertrieben. Es war so ein Laut, den man bei erwachsenen Menschen einem orgiastischen Erleben zuordnen würde. Bei Kindern nennt man das dann eher verniedlichend „jauchzen“. Also das Kind hat demzufolge einen Jauchzer von sich gegeben. Gefolgt von dem fassungslos begeisterten Ausruf: „ROT!!! COOOOL!!!!!“. Ja, ja. Sicher doch, das Schaufenster war mit roten Lampen beleuchtet, es war also rot ausgestrahlt. Unsereiner, wir Älteren, gehen da ganz cool und unberührt darüber hinweg, aber so eine Sieben- oder Acht- oder Neunjährige, der ist das göttliche Bewusstseinsstadium noch nicht abhanden gekommen, dass ein rot ausgeleuchtetes Schaufenster mit Turnschuhen, das Potenzial in sich trägt, über die Schönheit der Farbe Rot in einen Freudentaumel zu geraten. Und das meine ich ohne jede Ironie. Ich habe das Gesicht des kleinen Mädchens gesehen. Man kann nur von Verzückung sprechen. Und ich habe auch das Gesicht des Vaters gesehen. Im ersten Moment irritiert, dann sehr amüsiert. Am Ende beglückt. Er fing an zu kichern, so mäandernd in Richtung quieken. Er wusste in dem Moment wieder, dass dieses Kind an seiner Seite, durch seine ewig neue Betrachtung der Welt, ein beständiger Denkzettel ist, die Welt eben wie neu zu betrachten, immer wieder neu. Ich war zwar nun nicht gerade perplex, aber gleichwohl erfreut. Es war eine reine Freude. Ein wirklich schöner Moment. Und im Grunde ein Gottesdienst. Was ich mir darunter vorstelle. Aufregendes, rotes elektrisches Licht in einem Schaufenster mit tief empfundener Begeisterung zu ehren. Das Glück, zu sehen. Das Glück zu sehen.

09. Dezember 2015


Haben andere auch Einträge in Warteschleifen? Die darauf warten, geschrieben zu werden? Ich meine, zu wissen, dass man etwas festhalten will, das einem widerfuhr. Irgendein Erleben, Erlebnis. Aber es angemessen einzufangen, geht nicht nach Stundenplan. Und manchmal weiß man auch gar nicht, worauf die Sache hinauswill. Manches muss noch ein bißchen ruhen. Reifen ist ein zu großes Wort. Es sind ja keine derart historischen Ereignisse… nur für meine Historie. Sobald Bilder entstanden sind, denen ich einen Wert zugestehe, lege ich mir eine Verpflichtung auf, etwas Angemessenes dazu zu schreiben. Aber alles nicht mehr chronologisch.. Nicht mehr eilig. Irgendwann. Wenn es einen Wert hat, geht er nicht in ein paar Wochen verloren. So selten ich in diesen Tagen Einladungen wahrnehme, so intensiv erlebe ich sie. Und suche nach Intensität. oder mache einen Abgang. Ohne Erklärung. Geschieht nicht mehr so häufig. Der Instinkt ist geschärft, was sich lohnen könnte. Aber auch bin ich nicht mehr so genügsam. Zumeist gibt es eine Interaktion, die ich entweder provoziere oder zulasse. Keine Angst vor großen Tieren. Lange nicht mehr. Aber große Tiere müssen auch ihre Größe bestätigen, sonst vergeht mir die Lust. Das ist jetzt wirklich kryptisch und so war es nicht beabsichtigt. Ich trinke einen sehr guten Haut-Médoc und muss auch schlafen gehen. Fast hätte ich das in eine Bildstrecke geschrieben, die in der Schleife ist. Aber nur weil man trunken und müde ist, muss man nicht fahrlässig werden. Auch nicht in unbezahlten Blogeinträgen. Außerdem lausche ich mit halbem Ohr mir neuer Musik. Und darum höre ich jetzt lieber auf.

06. Dezember 2015

Wer hätte gedacht, dass mir ein algorithmischer facebook-Vorschlag in der rechten Seitenleiste das heute (bis zu dieser Stunde) größte Amusement beschert.
Suggested Groups
Auswandern nach Russland! (Interessengemeinschaft)
2,103 members

Sie sind aber ganz herzlich eingeladen, das zu übertrumpfen. Meine Erheiterungskapazitäten sind noch nicht erschöpft.

06. Dezember 2015

Wer hätte gedacht, dass mir ein algorithmischer facebook-Vorschlag in der rechten Seitenleiste das heute (bis zu dieser Stunde) größte Amusement beschert.
Suggested Groups
Auswandern nach Russland! (Interessengemeinschaft)
2,103 members

Sie sind aber ganz herzlich eingeladen, das zu übertrumpfen. Meine Erheiterungskapazitäten sind noch nicht erschöpft.

30. November 2015











Da capo Ernst Fuchs. Im Bett. Noch niemals, nicht in zwöf Jahren, habe ich aus meinem Bett gebloggt. Ich habe den Rechner heruntergefahren, nach einem Sonntag, der in den letzten Stunden ganz Ernst Fuchs gewidmet war. Total. Auf youtube noch einmal zwei wunderbare Dokumentationen gefunden, eine davon die Urversion des Zusammenschnittes, den der ORF unlängst mit dem Label „Eros und Mystik“ gesendet hat. Im Original blumig betitelt „Mit den Augen der Seele„. Viel ausführlicher, viel stimmiger, unkastrierter. Vieles, was Fuchs erzählt, gibt in der epischen Ausführlichkeit erst Sinn, man begreift. Es lohnt sehr, die zehn Sequenzen anzusehen. Und ein weiterer Dokumentarfilm, der anhand des Titels „Die phantastische Kunst“ den Eindruck erweckt, es handele sich lediglich um eine kunsthistorische Abhandlung, aber nein. Wir erfahren viel, ganz Wesentliches über Ernst Fuchs und sein Verständnis vom Schöpfungsakt und seine Liebe zu Kindern, die auch zu Wort kommen (nicht alle sechzehn, aber einige). Eine fulminante, gegenseitige Liebeserklärung. Dann fand ich auch noch ein dreigeteiltes Video, in dem dokumentiert wurde, wie Ernst Fuchs in den Achtziger Jahren, 1987, seinen jungen Freund Falco portraitierte, der während der Sitzungen ein Gedicht nach dem anderen rezitiert. Was für ein Schöngeist. Da hatten sich zwei gefunden. Alles im Großen Salon der Fuchs-Villa. Damals stand auch schon die Jugendstil-Dame am Fenster. Der Salon war Atelier. Eines der Fuchs-Kinder, ein kleines Mädchen (oder ein Enkelkind?) springt ins Zimmer, will den Pinsel greifen, mit väterlicher Güte verwehrt er sanftmütig den Pinsel und schlägt dem kleinen Nackedei vor, ein eigenes Bild zu malen, auf schönem großen Papier! Also auch sehr sehenswert. Und zuguterletzt spazierte ich durch die facebook-Alben der Familie und der Trauergäste. Dabei fand ich ein Album, in dem all die Bilder zu sehen sind, die ich mir bislang nur vorstellte, weil es kein offizielles Bildmaterial gibt, nicht von der Beisetzung und dem Empfang, dem Agape, wie es genannt wird, danach in der Fuchsvilla. Die Bilder sind öffentlich einsehbar und deswegen meine ich, es ist kein Verbrechen, wenn ich wenigen freundlich Interessierten den Zugang ermögliche, hier lesen ja eh nur ein paar handverlesene Exoten mit, die meine Spezialinteressen halbwegs nachvollziehen können. Ich erinnerte mich in den letzten Tagen immer wieder daran, wie es war, durch diese Räume der Fuchsvilla zu schreiten und immer wieder fassungslos fasziniert vor der Gewalt dieser Werke innezuhalten. Dass das ein einziger Mensch erschaffen haben kann. Immer wieder heißt es, er habe altmeisterlich gemalt. Ja. Anders kann man es nicht sagen. Wer kann das noch. Wie Arik Brauer sagt, niemand hätte das gekonnt, außer ihm, ganz unvorstellbar heutzutage. Unersetzlich. Kaum zu fassen. Er konnte selbst darüber staunen. In dem einen Film sagt er, dass er bei manchem, was er so früh geschaffen hat, ein Empfinden hat, dass es von einer derartigen Genialität war, dass ihn eigentlich besser gleich der Schlag hätte treffen sollen, was sollte da noch kommen? Und was er danach zum Teil für einen Blödsinn fabriziert hätte, am besten gleich vergessen. Das war nicht kokett. Es stimmt ja auch, unter Abertausend Zeichnungen, Radierungen, Gemälden ist fürchterlicher Kitsch. Aber die Gewalt seiner genialsten Werke stellt alles in den Schatten. So dermaßen. Ich musste dem großen Fuchs jetzt noch einmal die letzte Ehrerbietung zollen. Zwar war ich am Mittwoch nicht in Person und Verkörperung bei seinem Requiem im Stephansdom und seiner Beisetzung, aber in Gedanken. Bei meiner Seel. Und deswegen habe ich noch einmal den Rechner genommen, in mein Bett, um das zu schreiben, ihm zu gedenken, ihn und all das, was er erschaffen hat, zu erinnern.

30. November 2015











Da capo Ernst Fuchs. Im Bett. Noch niemals, nicht in zwöf Jahren, habe ich aus meinem Bett gebloggt. Ich habe den Rechner heruntergefahren, nach einem Sonntag, der in den letzten Stunden ganz Ernst Fuchs gewidmet war. Total. Auf youtube noch einmal zwei wunderbare Dokumentationen gefunden, eine davon die Urversion des Zusammenschnittes, den der ORF unlängst mit dem Label „Eros und Mystik“ gesendet hat. Im Original blumig betitelt „Mit den Augen der Seele„. Viel ausführlicher, viel stimmiger, unkastrierter. Vieles, was Fuchs erzählt, gibt in der epischen Ausführlichkeit erst Sinn, man begreift. Es lohnt sehr, die zehn Sequenzen anzusehen. Und ein weiterer Dokumentarfilm, der anhand des Titels „Die phantastische Kunst“ den Eindruck erweckt, es handele sich lediglich um eine kunsthistorische Abhandlung, aber nein. Wir erfahren viel, ganz Wesentliches über Ernst Fuchs und sein Verständnis vom Schöpfungsakt und seine Liebe zu Kindern, die auch zu Wort kommen (nicht alle sechzehn, aber einige). Eine fulminante, gegenseitige Liebeserklärung. Dann fand ich auch noch ein dreigeteiltes Video, in dem dokumentiert wurde, wie Ernst Fuchs in den Achtziger Jahren, 1987, seinen jungen Freund Falco portraitierte, der während der Sitzungen ein Gedicht nach dem anderen rezitiert. Was für ein Schöngeist. Da hatten sich zwei gefunden. Alles im Großen Salon der Fuchs-Villa. Damals stand auch schon die Jugendstil-Dame am Fenster. Der Salon war Atelier. Eines der Fuchs-Kinder, ein kleines Mädchen (oder ein Enkelkind?) springt ins Zimmer, will den Pinsel greifen, mit väterlicher Güte verwehrt er sanftmütig den Pinsel und schlägt dem kleinen Nackedei vor, ein eigenes Bild zu malen, auf schönem großen Papier! Also auch sehr sehenswert. Und zuguterletzt spazierte ich durch die facebook-Alben der Familie und der Trauergäste. Dabei fand ich ein Album, in dem all die Bilder zu sehen sind, die ich mir bislang nur vorstellte, weil es kein offizielles Bildmaterial gibt, nicht von der Beisetzung und dem Empfang, dem Agape, wie es genannt wird, danach in der Fuchsvilla. Die Bilder sind öffentlich einsehbar und deswegen meine ich, es ist kein Verbrechen, wenn ich wenigen freundlich Interessierten den Zugang ermögliche, hier lesen ja eh nur ein paar handverlesene Exoten mit, die meine Spezialinteressen halbwegs nachvollziehen können. Ich erinnerte mich in den letzten Tagen immer wieder daran, wie es war, durch diese Räume der Fuchsvilla zu schreiten und immer wieder fassungslos fasziniert vor der Gewalt dieser Werke innezuhalten. Dass das ein einziger Mensch erschaffen haben kann. Immer wieder heißt es, er habe altmeisterlich gemalt. Ja. Anders kann man es nicht sagen. Wer kann das noch. Wie Arik Brauer sagt, niemand hätte das gekonnt, außer ihm, ganz unvorstellbar heutzutage. Unersetzlich. Kaum zu fassen. Er konnte selbst darüber staunen. In dem einen Film sagt er, dass er bei manchem, was er so früh geschaffen hat, ein Empfinden hat, dass es von einer derartigen Genialität war, dass ihn eigentlich besser gleich der Schlag hätte treffen sollen, was sollte da noch kommen? Und was er danach zum Teil für einen Blödsinn fabriziert hätte, am besten gleich vergessen. Das war nicht kokett. Es stimmt ja auch, unter Abertausend Zeichnungen, Radierungen, Gemälden ist fürchterlicher Kitsch. Aber die Gewalt seiner genialsten Werke stellt alles in den Schatten. So dermaßen. Ich musste dem großen Fuchs jetzt noch einmal die letzte Ehrerbietung zollen. Zwar war ich am Mittwoch nicht in Person und Verkörperung bei seinem Requiem im Stephansdom und seiner Beisetzung, aber in Gedanken. Bei meiner Seel. Und deswegen habe ich noch einmal den Rechner genommen, in mein Bett, um das zu schreiben, ihm zu gedenken, ihn und all das, was er erschaffen hat, zu erinnern.

28. November 2015

Anschauen
(Wondratschek erzählt, R.: André Heller, noch vier Tage verfügbar)
Mehrfach gesehen, mit Gewinn. „in jedem Zimmer gibt es EINE Ecke, die interessanter ist, als die übrigen drei. Setz dich DER gegenüber. Diesen Rat gab ich meinem Sohn“. Und „Die Schönheit eines Satzes, dafür brauch ich keine Industrie, keine „Meinungsindustrie“. Und „Wenn Leute glauben, dass man Dichter wird, indem man Gedichte schreibt, sind sie unendlich im Irrtum“. Und „In Rom habe ich dir unter den Rock gegriffen, in dieser Nacht wurden tausend Katzen geboren“.

28. November 2015

Anschauen
(Wondratschek erzählt, R.: André Heller, noch vier Tage verfügbar)
Mehrfach gesehen, mit Gewinn. „in jedem Zimmer gibt es EINE Ecke, die interessanter ist, als die übrigen drei. Setz dich DER gegenüber. Diesen Rat gab ich meinem Sohn“. Und „Die Schönheit eines Satzes, dafür brauch ich keine Industrie, keine „Meinungsindustrie“. Und „Wenn Leute glauben, dass man Dichter wird, indem man Gedichte schreibt, sind sie unendlich im Irrtum“. Und „In Rom habe ich dir unter den Rock gegriffen, in dieser Nacht wurden tausend Katzen geboren“.

09. November 2015


In den Morgenstunden hat ein genialer Künstler seiner irdischen Existenz den Rücken zugewandt, aber die Essenz seines Geistes hat die Welt nicht verlassen. Das Geschenk seiner Werke, der Werke von Ernst Fuchs, bleibt unserem Universum erhalten. Ich las von seinem Tod gar nicht in Nachrichtenportalen, wo es aber auch vermerkt wird, es wäre auch eine Schande, wenn nicht, sondern als ich nach Besuch meiner eigenen Seite hier sah, dass eibensang mir eine Nachricht geschrieben hatte. Anlass war, dass er sich bedankte für einen Link zu einem Text, den er, wie ich fand, lesen sollte. Sehr selten schicke ich Freunden Verlinkungen zu Texten, eigentlich nie. Ich schrieb ihm am siebten November:

„Lieber (…) ich las gerade einen derart interessanten, scharf analysierten Text über die Tabuisierung von Pathos als Hitlerfolge und die einhergehende Hofierung von Ironie, dass ich dachte, der Text wäre auch für dich lesenswert.
Hier ist er (…).“
Dass ich ausgerechnet ihm diesen Text schickte, ist kein Zufall, da er sich in seinen Texten seit langem auch mit den Folgen des Nazi-Missbrauchs der germanischen Mythologie (sowie auch mit der Verunglimpfung des sehr viel älteren, und an sich sehr schönen Heils-Begriffs) und deren Rehabilitation beschäftigt, nicht nur theoretisch. Das berührt auch unbedingt die Bedeutung von Pathos, worüber Alban Nikolai Herbst so durchdacht schreibt. („Leidenschaftliche Liebe ist ihrer Natur nach pathetisch (…) Auch Trauer schließt Ironie aus. (…) Ein ironischer Orgasmus (…) ist nicht möglich.“). Sein Text ist eingebettet in den Kontext einer persönlichen Betroffenheit als Autor. Um diesen Kontext zu verstehen, sollte man einige Einträge zurückblättern und begreift dann, worauf sich die Eingangsabsätze beziehen. Ich meine aber, dass der verlinkte Text ab dem zweiten Absatz, durchaus auch aus dem Kontext gehoben, einen derart fulminant eigenständigen Wert besitzt, der, wenn es nach mir ginge, in Schul- und Geschichtsbücher gehört. Seine Lektüre ermöglicht zu begreifen, wie sehr wir aufgrund unserer deutschen Geschichte konditioniert wurden und uns selbst weiter konditionieren, im Zweifel der Ironie anstelle der Ergriffenheit den Vorzug zu geben. Eibensang schrieb:
„(…) sei ganz innig bedankt für diesen wirklich hervorragenden Text… Ich antworte so spät, weil ich dieser Tage im Mega-Endspurt einer umfänglichen Schreibarbeit bin, deren Abgabetermin ich schon um Wochen überschritten habe, weshalb es grad arg drückt… Anderes Thema: Soeben hörte ich, dass Ernst Fuchs gestorben ist. Ich bin dir so dankbar, dass du mir sein Werk gezeigt hast… Als wunderschönen Tag hab ich das in Erinnerung, als wir durch diese Villa wandelten… .“
So erfuhr ich heute vom Tod von Ernst Fuchs. Wir besuchten seine Villa in Wien im Mai Zweitausendvierzehn. Ich hatte damals, anlässlich dieser Wien-Reise sehr viel geschrieben und fotografiert. und ganz besonders viel an jenem Tag in der Fuchs-Villa. Ich glaube, es gibt – meines Wissens – (im Netz und überhaupt) keine vergleichbar detaillierte fotografische Dokumentation der Fuchs-Villa von Otto Wagner in Hütteldorf in Wien. Es war ein großes Erlebnis und ich ehrte jeden einzelnen Raum, den wir betreten durften, mit einer eigenen Bildstrecke und eigenem Text. Diese gesammelten Texte und Bilder-Alben der Fuchs-Villa sind hier als Sammlung zusammengefasst. Wer also ein wenig gedenken und flanieren möchte, ist herzlich willkommen. Ernst Fuchs, dieser phantastische und sehr freie Künstler, hat sich die Erlaubnis erteilt, jegliche Ergriffenheit, besonders transzendentale, in seinen Werken zu manifestieren. So ist auch in der Villa in jedem Winkel ein Geist zu spüren, der zu religiöser Hingabe zu den Dingen, besonders auch den irdischen, fähig ist. Der um die Verbundenheit von allem weiß. Den keine Angst vor Pathos beschränkte. Wahres Pathos ist nicht aufgesetzte, peinlich parfümierte Pose, nicht affektiert geschauspielerte Ergriffenheit als kalkuliertes, billiges Mittel der Publikumsmanipulation, sondern nicht mehr und nicht weniger als Manifestation einer tiefen Empfindung. Hier ist das vielleicht letzte Interview mit Ernst Fuchs zu lesen, das der Wiener Kurier mit ihm in der Villa geführt hat. Ein erfülltes Leben hat sich vollendet. Wie man es sich wünscht.