Seit vielen Wochen, ja Monaten versuche ich eine gewisse Unbeschwertheit, Tiefenentspannung wiederzuerlangen, wie ich sie vor etwa anderthalb Jahren hatte. Langsam, nach und nach und nach scheint sich etwas zu lichten. Die Gedanken vor dem Einschlafen und beim Aufwachen sind nicht mehr ganz so vergrübelt und schwer. Nicht zu verwechseln mit einer diffusen, unwägbaren Depression. Einfach begründetes Nachdenken über konkrete Entwicklungen, Begebenheiten und Konsequenzen, die mich in der Einschlaf- und Aufwachsituation einholen, wenn ich keine vielfältigen Ablenkungsmanöver habe, wie beim Tagesbewusstsein der Fall. Ich vermute, dass niemand in meinem direkten Umfeld ahnt, was für bleischwere Gedankengänge mich zeitweise beschäftigen. Wenn das (zumeist im Bett liegend) der Fall ist, bin ich auch immer ein wenig beleidigt, dass mir jene zähen, oft ergebnislosen Gedankengänge konkrete Stunden Lebenszeit abziehen. So ähnlich, als würde ich genötigt, die Beweggründe von Putin auseinanderzuklamüsern, die Ukraine zu beanspruchen und dafür diesen nicht enden wollenden Krieg in Kauf zu nehmen. Vielleicht aber bin ich mit meinem kleinen nächtlichen Gefühls- und Gedankenkrieg langsam durch und finde dauerhaften inneren Waffenstillstand. Das wäre sehr erholsam.

Letzte Nacht, ohne das gezielt zu beabsichtigen, im Bett über weite Strecken in eine Haltung gefunden und sie erst beim Aufwachen bemerkt, die sich sehr leicht und angenehm anfühlte. Ich hatte auf dem Rücken liegend, alle Viere, Arme und Beine gerade von mir gestreckt, wie ein großes X, nicht unähnlich der bekannten Zeichnung von Leonardo da Vinci des „vitruvianischen Menschen“ im Kreis. Wieder fiel mir auf, wie ideal mein breites Bett nur für mich alleine ist. In der Position hätte maximal eine Katze neben mir Platz. Ich schlafe überhaupt am besten alleine. Nicht ausnahmslos am liebsten, aber die schönen Momente beim Einschlafen und vielleicht auch Aufwachen, mit Bauch, Armen und Beinen, der warmen Haut eines anderen in Kontakt zu sein, sind oft nur Minuten.

Schläft man erst einmal, dreht sich doch meist jeder recht bald in die für ihn bequemste, gewohnte Position. Und das ganze nächtliche Potpourri von Schlafgeräuschen, Atmen, Aussetzern, Schnarchen oder vielleicht sogar Seufzern und Gebrabbel braucht eigentlich auch keiner. Im Gegenteil fühle ich mich irgendwie unangenehm ausgeliefert, auf dem Präsentierteller, wenn ich Dinge über meinen Schlaf erfahre, die ich selbst nicht bemerkte und vollständig außerhalb meiner Konrolle liegen. Ich kann mich erinnern, dass ich vor vielen Jahren einmal tränenüberströmt aufgewacht bin. Mein Gesicht war nass. Ich hatte alleine geschlafen und sehr traurig und schmerzhaft geträumt. Ich möchte nicht, dass jemand so etwas mitbekommt.

Aber letzte Nacht fühlte ich innere Ruhe, so wachte ich auf. Eine Verfassung, um sich auf eine kleine Reise einzustimmen, zu freuen. Habe die Idee, alle meine Anziehsachen, die blauweiß gemustert sind, vorzugsweise dunkelblau und weiß, im Wohnzimmer auf dem Boden auszubreiten und dann zu entscheiden, was ich davon mitnehme. So dass es sich auch untereinander gut kombinieren lässt. Das reduziert jedenfalls angenehm die Auswahl.

Wettermäßig scheint sich die Temperatur in vierzehn Tagen bei um die zwanzig Grad einzupendeln. Noch kein Herbst, genug Sonne, an der man sich dann aber mit jedem Strahl besonders freut, die wunderbar wärmt. Bin gespannt, ob ich auch ins Wasser gehe. Habe es jedenfalls vor, weil nie bedauert, wenn ich mich einmal überwand. Nur wenn Quallen angespült würden, wäre das nicht so verlockend. Diese Wunderorganismen bewundere ich lieber mit gebührendem Abstand, außerhalb vom Wasser, auch wenn sie harmlos sind. Der Spätsommer gilt schon als Hauptsaison für diese Quallen an der Ostsee. Habe ich zur gleichen Zeit, Ende August, Anfang September, auch vielfach auf Hiddensee gesehen. Auf Sylt vergangenes Jahr seltener. Bin ohne Scheu ins Wasser. War ganz wunderbar.

Vor fast einem halben Jahrhundert, wohl 1977, ich war zwölf, war ich mit meiner damals besten Freundin Caroline und ihren Eltern in den Sommerferien auf der kroatischen Insel Lošinj, damals noch Jugoslawien. In allen Geschäften hing ein Portrait von Tito. Jedenfalls habe ich da zum ersten Mal das Meer gesehen, die Adria, und bin auch darin geschwommen. Schönes, klares Wasser, felsige Küsten, wie ich sie liebe. Eine Feuerqualle erwischte mich und ich hatte eine tiefe, blutende Wunde an der Schulter. Es fühlte sich an, als ob jemand ein heißes Bügeleisen auf die nackte Haut drückt, exakt wie eine Brandverletzung und sah auch so aus. Hat länger gedauert, bis es heilte. Die längliche Wunde hatte etwa die Größe von einem kleinen Hühnerei. Noch viele Jahre hatte ich dort eine Narbe und sogar jetzt gibt es noch eine ganz kleine Spur davon, weil meine Haut dort minimal weniger bräunt. Die rötlichen Feuerquallen sehen aber auffallend anders aus, als diese bekannten runden, flachen, aspik-artig durchsichtigen Mondquallen, die harmlos sind. Es soll auch manchmal Feuerquallen in der Ostsee geben, aber eher selten. Hoffe nicht.

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