19. Januar 2012

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Kleines Dschungel–Buch. Die meisten Kreaturen wollte keiner mehr haben und ich habe sie vor dem Mülleimer gerettet. Der komische Kaktus, der auf einmal so grüne Blätter aus der Seite kriegt, nach vielen Jahren, ist lieblos in einer Art Raucher-Aufenthaltsraum verkümmert. Dann wurde das Rauchen verboten und alles ausgeräumt und gestrichen und das stachelige Wesen stand ziemlich eklig nach altem Rauch müffelnd in einer schattigen Ecke, von niemandem gepflegt, aber man war wohl auch zu faul den einen Meter hohen vergammelten Kaktus irgendwo zu begraben, geschweige denn zu retten. Mir tat er leid und ich wollte sehen, ob er nach all den Jahren des Kränkelns gesund und kräftig werden könnte. So ein großer Kaktus ist teuer! Ich habe ihn erst mal kräftig abgeduscht und ausgelüftet und in einen guten Topf mit so kleinen Wüstensteinchen. Das scheint er zu mögen, er ist ganz fit und kriegt auf einmal diese Blätter auf der Seite, wie eine kleine Diva mit einem Fächer oder einer Blume im Haar. Die anderen Gewächse sind auch irgendwo gefunden oder aussortiert worden. Nur die Agave und den Bambus hab ich mal gekauft. Alle anderen Sachen, die ich nicht identifizieren kann, sind ganz von selber gewachsen. Einen Grapefruitbaum habe ich erst nach Monaten identifiziert, an den Blättern und Stacheln. Ich schmeiße immer die Obstkerne in die Blumentöpfe. Manchmal aus zwei bis drei Metern Entfernung. Ich habe deswegen jede Menge Orangenbaumkinder, in allen Größen. Wenn also wer einen braucht. Dass es Orangenbäumchen sind, kann ich deswegen so sicher sagen, weil ich keine Zitronen esse und auch keine Mandarinen und Grapefruit nur ganz selten, alle zwei Jahre. In den nächsten Monaten dürften allerdings einige Pflaumenbäumchen das Licht der Welt meiner Wohnung entdecken, da hab ich einiges verteilt, in den letzten Wochen. Gießen ist so eine Gefühlssache. Früher ist mir viel eingegangen, weil ich überbemüht war, eben immer viel, viel zu gießen und hab manches Pflänzchen wohl ertränkt. Jetzt habe ich scheinbar nur Pflanzen und Gestrüpp, das nichts groß übel nimmt. Ich kann auch mal zwei Wochen verreisen, vorher schön gießen und wenn ich nach Hause komme, können sie wieder gut was vertragen aber keiner ist tot. Und auf dem Balkon, hinten raus, hab ich sowieso nur Zeugs aus dem Wald und was da eben wachsen mag. So Heckmeck gibt es bei mir nicht, mit Pflanzen im Frühling raus und im Winter rein. Das ist mir alles zu umständlich. Ich wollte ausnahmsweise in diesem Sommer meinem Grapefruitbaum eine Sommerfrische auf dem Südbalkon bescheren, als besondere Zuwendung. Keine gute Idee! Ich musste ihn anbinden, am Dach, so windig war es in seiner Zwei-Meter-Höhe, der knalligen Südsonne und dem Wind ausgesetzt. Er hat ganz beleidigt und vertrocknet ausgeschaut. Die Blätter sind immer blasser geworden und dann sind welche abgefallen und ich habe Panik gekriegt. Er sah schon halb tot aus. Dann hab ich ihn wieder reingestellt, nach mehrwöchiger Sommer-Tortur im Freien. Er hat sich sofort berappelt. Kein einziges neues Blatt hat er draußen gekriegt, im Gegenteil! Und sonst, voher, dauernd neue! Alle Nase lang! Ich hatte ein ganz schlechtes Gewissen. Und dann war er endlich wieder an seinem windgeschützen Platz an der Fensterscheibe zum Balkon und schon nach drei Tagen hat er wie verrückt angefangen, neue kleine Blätter zu machen. Ich habe fast geweint! Und nach zwei Wochen hab ich die Blätter gezählt. Siebzehn neue Blätter! Und große Blätter! Das war wahrscheinlich einer der schönsten Momente im letzten Jahr. Also ich bin eine faule aber bemühte Gärtnerin von meinem kleinen Dschungel. Ich denke, recht viel besser als bei mir ist es woanders auch nicht! Ebendrum.

11. Januar 2012

Bitte nicht meine dumme Angewohnheit übernehmen, sich niemals für Kündigungsfristen von freudig geschlossenen Verträgen zu interessieren. Will ich gar nicht weiter ausführen. Passt nicht so super zu meinen Ersparnisbestrebungen im guten neuen Jahr, aber das nenne ich dann immer euphemistisch Lehrgeld. Wird mir nimmer mehr passieren! Egal. Stets will ich aus meinen Fehlern lernen. Ich wäre auch so eine Kandidatin für irgendeine Knalltüte heiraten und dann aus, finito und ich habe irgendwelche dummen Sachen unterschrieben, in meiner für-immer-und-ewig-Verliebtheit. Oh je oh je. Besser, dass ich nie jemanden geehelicht habe. Die Tendenz zeichnet sich bei mir schon vorher ab, bevor das überhaupt ein Thema sein könnte. Dieses Unterstützende, Solidarische, stets hilfreich zur Stelle. Ein Problem, das ich jedenfalls gerade nicht habe. Wenn man es hat, nimmt man es meistens gar nicht wahr, das Materielle ist ja so ein schnödes, weltliches Thema, Hauptsache alles fließt usw. usf. und meine rosa Träumereien kriegen Futter. Dass ich jemals bei der Hinwendung zu Männern auf ihre materiellen Verhältnisse geachtet hätte, kann mir wirklich niemand nachsagen. Heute auch noch nicht. Aber ich bin vielleicht sensibilisiert, was den Ehrgeiz angeht, sich aus eigener Kraft zu erhalten. Ich deute das inzwischen auch als eine Art Charakterstärke, einen Zug von Rücksichtnahme, den Willen zu zeigen, in einem ausgewogenen Maß zu geben und zu beanspruchen. Zeit zu investieren, um einen gesellschaftlichen Beitrag zu liefern, der gebraucht und gefragt ist, nicht nur selbstgefällig egozentrisch zu definieren, welche Gegenleistung andere als brauchbar verifizieren sollen, weil es der bequemere Weg ist und dann griesgrämig Beschwerde führen, wenn die Hokuspokus-Ich-AG keine Kundschaft findet. Ich bin da erstaunlich streng, stelle ich fest. Ich habe größten Respekt vor den Menschen, die sich nicht zu schade sind, einfache aber notwendige und von mir hochgradig geschätzte Dienstleistungen zu erbringen, zum Beispiel an der Kasse von Aldi oder bei der Müllabfuhr. Die größten Helden des Alltags haben meistens keinen bekannten Namen. Da gab es neulich bei dieser Bambiverleihung den Preis für Menschen, die ehrenamtlich arbeiten. Großartig. Dagegen diese ganzen Poser-Jobs, wo nichts wirklich Notwendiges zustande kommt, diese ganzen Consultants und Blablabla-Berater. Täte sich die Erde auf, keiner würde auch nur einen vermissen. Außer vielleicht privat, haha. War da was? Nö.
Ein Hoch auf alle wahren Arbeiter und Arbeiterinnen. Ein Hoch auf alle Aldi-Kassiererinnen und die Damen und Herren hinter der Theke bei Butter Lindner. Und die Jungs von der BSR. Ich liebe, ehre und achte euch. Und alle Bus- und Taxifahrer. Und die ganzen anderen, die dauernd irgendetwas machen, damit Berlin funktioniert. Ich schließe alle Köche, Bäcker, Lieferanten, Kellner, Sanitäter, Handwerker, Montierer, Installateure, Pförtner, Friseure, Verkäuferinnen, Regaleinräumerinnen und Reinigungskräfte in mein Gute-Nacht-Gebet ein. Heute, morgen und immerdar. AMEN.

15. Januar 2012


Das Wochenende ist nun vorbei, bitte machen Sie sich bettfertig! Ich natürlich auch. Keiner ist ausgenommen. Davon ausgehend, dass hier keine Tagediebe mitlesen! Aber selbst wenn, gilt diese Empfehlung auch für Menschen mit unbegrenzter Tagesfreizeit, da ich aus eigener Erfahrung versichern kann, ein Tagesablauf frei von jeder Verpflichtung führt auf Dauer zur Verlotterung. Doch, doch. Man will es nicht wahrhaben, aber so ist es. Seinerzeit, also vor ungefähr fünfundwanzig Jahren, als ich wenig Veranlassung hatte, vor – sagen wir halbdrei – am Nachmittag aufzustehen, war ich im Anschluss vollauf damit beschäftigt, den damals noch auf achtzehn Uhr terminierten Ladenschluss nicht zu versäumen, sprich die letzte Möglichkeit abzupassen, die notwendigsten Sachen für das in den Abendstunden angedachte Frühstück zu erwerben. Das war vielleicht ein Stress. Ich war vollauf beschäftigt, es war praktisch kaum, bzw. nur unter absolutem Hochdruck zu schaffen. Ich hätte wirklich nicht gewusst, wann ich da noch hätte arbeiten sollen. Nach ausgiebigem Frühstück, man musste bereits Licht anmachen, war ich dann vollumfänglich mit der Aufgabe beschäftigt, mir zu überlegen, was ich zum Ausgehen anziehen soll. Schließlich wollte man nicht zweimal hintereinander in denselben Klamotten auftreten. Mit Auftreten meine ich jetzt nicht etwa ein Bühnenengagement, obwohl es schon auch einen gewissen Performance-Charakter hatte, jede zweite Nacht möglichst aufsehenerregend im Dschungel und im Anschluss in der Dominabar einzulaufen. Ich denke, ich habe es immer ganz gut hingekriegt, aber das war natürlich mit jeder Menge Vorarbeit verbunden. Ständig musste man sich neue Kombinationen der vorhandenen Abendgarderobe überlegen. Ein Glück, dass es damals schon Second Hand-Klamotten zum Kilopreis gab, da war ich dann glücklicherweise in Sachen Extravaganz immer ganz vorne mit dabei. Dann natürlich das Make up. Da musste ordentlich was drauf, schon wegen der Augenringe und dann schluckt die Beleuchtung in diesen schummrigen Etablissements ja auch unheimlich Farbe. Es war schon auch eine schöne Zeit, aber auf Dauer doch recht anstrengend. Denn wie bereits erwähnt, konnte ich diese Bühnenleistung nur jede zweite Nacht zu hundert Prozent absolvieren. Da man orts- und situationsbedingt genötigt war, das eine oder andere alkoholhaltige Getränk zu sich zu nehmen, sowie aus Solidarität und um die Form zu wahren, an der einen oder anderen Tüte gezogen hat, gab es im Anschluss einen nicht unbeträchtlichen Erholungsbedarf. Leider stand der zeitliche Aufwand, den man benötigte, um die verschiedenen Flüssigkeiten und Substanzen einzunehmen, in keinem Verhältnis zu den Bemühungen des Körpers, die Sachen wieder loszuwerden, um wieder aufs Neue loszulegen. Eine Nacht durchfeiern, eineinhalb Tage durchschlafen, im Anschluss erholen. Es war in jedem Fall ein hartes Stück Arbeit, das mir rückblickend irgendwann einfach zu anstrengend geworden ist. Burn out! Deswegen war irgendwann Schluss mit dem stressigen Nachtleben und dem Tagediebstahl! Ja gut, man mag mir nachsagen, ich bin da in gewisser Hinsicht bequem und leistungsunwillig. Sei’s drum! Es ist mir einfach zu anstrengend und außerdem bin ich seit geraumer Zeit in dem Alter, wo man mit jedem zusätzlichen Stündchen Nachtschlaf bei Tageslicht um mindestens ein Jahr besser aussieht. Nein, ich will nicht schreiben jünger, aber besser eben! Deswegen: Gute Nacht!

15. Januar 2012


Das Wochenende ist nun vorbei, bitte machen Sie sich bettfertig! Ich natürlich auch. Keiner ist ausgenommen. Davon ausgehend, dass hier keine Tagediebe mitlesen! Aber selbst wenn, gilt diese Empfehlung auch für Menschen mit unbegrenzter Tagesfreizeit, da ich aus eigener Erfahrung versichern kann, ein Tagesablauf frei von jeder Verpflichtung führt auf Dauer zur Verlotterung. Doch, doch. Man will es nicht wahrhaben, aber so ist es. Seinerzeit, also vor ungefähr fünfundwanzig Jahren, als ich wenig Veranlassung hatte, vor – sagen wir halbdrei – am Nachmittag aufzustehen, war ich im Anschluss vollauf damit beschäftigt, den damals noch auf achtzehn Uhr terminierten Ladenschluss nicht zu versäumen, sprich die letzte Möglichkeit abzupassen, die notwendigsten Sachen für das in den Abendstunden angedachte Frühstück zu erwerben. Das war vielleicht ein Stress. Ich war vollauf beschäftigt, es war praktisch kaum, bzw. nur unter absolutem Hochdruck zu schaffen. Ich hätte wirklich nicht gewusst, wann ich da noch hätte arbeiten sollen. Nach ausgiebigem Frühstück, man musste bereits Licht anmachen, war ich dann vollumfänglich mit der Aufgabe beschäftigt, mir zu überlegen, was ich zum Ausgehen anziehen soll. Schließlich wollte man nicht zweimal hintereinander in denselben Klamotten auftreten. Mit Auftreten meine ich jetzt nicht etwa ein Bühnenengagement, obwohl es schon auch einen gewissen Performance-Charakter hatte, jede zweite Nacht möglichst aufsehenerregend im Dschungel und im Anschluss in der Dominabar einzulaufen. Ich denke, ich habe es immer ganz gut hingekriegt, aber das war natürlich mit jeder Menge Vorarbeit verbunden. Ständig musste man sich neue Kombinationen der vorhandenen Abendgarderobe überlegen. Ein Glück, dass es damals schon Second Hand-Klamotten zum Kilopreis gab, da war ich dann glücklicherweise in Sachen Extravaganz immer ganz vorne mit dabei. Dann natürlich das Make up. Da musste ordentlich was drauf, schon wegen der Augenringe und dann schluckt die Beleuchtung in diesen schummrigen Etablissements ja auch unheimlich Farbe. Es war schon auch eine schöne Zeit, aber auf Dauer doch recht anstrengend. Denn wie bereits erwähnt, konnte ich diese Bühnenleistung nur jede zweite Nacht zu hundert Prozent absolvieren. Da man orts- und situationsbedingt genötigt war, das eine oder andere alkoholhaltige Getränk zu sich zu nehmen, sowie aus Solidarität und um die Form zu wahren, an der einen oder anderen Tüte gezogen hat, gab es im Anschluss einen nicht unbeträchtlichen Erholungsbedarf. Leider stand der zeitliche Aufwand, den man benötigte, um die verschiedenen Flüssigkeiten und Substanzen einzunehmen, in keinem Verhältnis zu den Bemühungen des Körpers, die Sachen wieder loszuwerden, um wieder aufs Neue loszulegen. Eine Nacht durchfeiern, eineinhalb Tage durchschlafen, im Anschluss erholen. Es war in jedem Fall ein hartes Stück Arbeit, das mir rückblickend irgendwann einfach zu anstrengend geworden ist. Burn out! Deswegen war irgendwann Schluss mit dem stressigen Nachtleben und dem Tagediebstahl! Ja gut, man mag mir nachsagen, ich bin da in gewisser Hinsicht bequem und leistungsunwillig. Sei’s drum! Es ist mir einfach zu anstrengend und außerdem bin ich seit geraumer Zeit in dem Alter, wo man mit jedem zusätzlichen Stündchen Nachtschlaf bei Tageslicht um mindestens ein Jahr besser aussieht. Nein, ich will nicht schreiben jünger, aber besser eben! Deswegen: Gute Nacht!

15. Januar 2012


Aber gestern war auch endlich Tag der Krankabine! Das Lied von Hilde trifft es schon sehr gut. Ich lebe wirklich seit ich hier bin zwischen Kränen. Fast immer zerschneidet ein gelber Arm eines Krans den Himmel aus mindestens einem Fenster. Manchmal sind die Bewegungen so dicht über meinem Balkon nach hinten raus, das sich die riesigen Arme wie gigantische Dinosaurier über mich zu beugen scheinen. Aber sie haben keine Grasbüschel im Maul sondern tonnenschwere Betongewichte. Sie bewegen sich wie in Zeitlupe, sehr gezielt und elegant. Ganz ruhig, mit einer exakten Choreographie. Ich habe mich ganz und gar daran gewöhnt. Im letzten Winter wäre es nicht möglich gewesen, eine Krankabine zu fotografieren. Viel zu viel Eis und Schnee. Aber in diesem Januar wird fleißig weiter gewerkelt. Die FR.tronic-Kabine gehört zum Kran der Baustelle, die ich mit einiger Aufregung beobachte. Hier entsteht das Berliner Architektenbüro von Sir David Chipperfield, dem letzten Preisträger des Mies van der Rohe Award for European Architecture. Seine Baustelle schräg vor dem Küchenfenster zu haben, macht mich ein bißchen stolz, obwohl ich in keinster Weise daran beteiligt bin. Es ist ein erhebendes Gefühl, dass er der Ecke derart die Ehre gibt und vor meinen Augen an einem Haus gebastelt wird, das er entworfen hat und in dem er an seinen europäischen Projekten arbeiten wird, wenn er nicht gerade in London oder Mailand oder Shanghai herumbastelt!
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15. Januar 2012


Den Blick nach Norden gerichtet, zeigt sich der Himmel Blau. Und im Osten. Heute auch. Gestern in der Auguststraße. Aus der Tür vom Balkon im Norden und aus dem Badezimmerfenster. Die Mauer begrenzt im hinteren Bereich die Südterrasse meiner netten Nachbarin. Ich schätze sie etwas jünger als mich. Wir tauschen nette Sätze im Fahrstuhl, ich weiß sonst nichts über sie, außer dass sie ein ziemlich cooler Typ ist und sie einen ziemlich interessanten Job zu haben scheint, weil sie mal mit einer großen Reisetasche mit mir auf den Aufzug nach unten wartete und ich fragte, ob sie in Urlaub fährt und sie meinte, nicht ganz. Beruflich, nach Australien. Ich habe mich dann aber nicht getraut, weiter nachzufragen. Und im Sommer hat sie öfter Besuch auf der Terrasse, mit dem sie Englisch spricht. Sie ist aber selber Berlinerin, sie hat diesem typischen Tonfall, den echte Berliner haben, auch wenn sie Hochdeutsch sprechen. Und neulich als Wahl war, sind wir zeitgleich auf den letzten Drücker losgedüst, in die Kastanienschule um die Ecke, in der Gipsstraße. Sie ist so schön zurückhaltend und unaufdringlich ohne dabei schüchtern zu wirken. Sehr angenehm. Und sie bohrt kein einziges Loch in die Wand, seit sie da wohnt. Auch schon ein paar Jahre. Ich glaube, ich bin mittlerweile die langjährigste Mieterin in unserem Haus. Sie hält es aber auch schon relativ lange hier aus. Wüsste gerade auch keinen Grund, woanders hinzuziehen. Eine Zeit lang dachte ich vorübergehend darüber nach, mir ein Häuschen in ländlicher Umgebung zu mieten, mit uneinsehbarem kleinen Garten. Aber das mit dem uneinsehbar war in meiner Preisliga nicht zu verwirklichen. Dann habe ich die Idee beiseite gelegt. Kein Gedanke mehr. Ich danke dem lieben Gott, dass ich so ein gutes Versteck gefunden habe. Blauen Himmel zu sehen und dabei nicht gesehen zu werden, ist eines der schönsten Dinge auf der Welt.
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11. Januar 2012

Bitte nicht meine dumme Angewohnheit übernehmen, sich niemals für Kündigungsfristen von freudig geschlossenen Verträgen zu interessieren. Will ich gar nicht weiter ausführen. Passt nicht so super zu meinen Ersparnisbestrebungen im guten neuen Jahr, aber das nenne ich dann immer euphemistisch Lehrgeld. Wird mir nimmer mehr passieren! Egal. Stets will ich aus meinen Fehlern lernen. Ich wäre auch so eine Kandidatin für irgendeine Knalltüte heiraten und dann aus, finito und ich habe irgendwelche dummen Sachen unterschrieben, in meiner für-immer-und-ewig-Verliebtheit. Oh je oh je. Besser, dass ich nie jemanden geehelicht habe. Die Tendenz zeichnet sich bei mir schon vorher ab, bevor das überhaupt ein Thema sein könnte. Dieses Unterstützende, Solidarische, stets hilfreich zur Stelle. Ein Problem, das ich jedenfalls gerade nicht habe. Wenn man es hat, nimmt man es meistens gar nicht wahr, das Materielle ist ja so ein schnödes, weltliches Thema, Hauptsache alles fließt usw. usf. und meine rosa Träumereien kriegen Futter. Dass ich jemals bei der Hinwendung zu Männern auf ihre materiellen Verhältnisse geachtet hätte, kann mir wirklich niemand nachsagen. Heute auch noch nicht. Aber ich bin vielleicht sensibilisiert, was den Ehrgeiz angeht, sich aus eigener Kraft zu erhalten. Ich deute das inzwischen auch als eine Art Charakterstärke, einen Zug von Rücksichtnahme, den Willen zu zeigen, in einem ausgewogenen Maß zu geben und zu beanspruchen. Zeit zu investieren, um einen gesellschaftlichen Beitrag zu liefern, der gebraucht und gefragt ist, nicht nur selbstgefällig egozentrisch zu definieren, welche Gegenleistung andere als brauchbar verifizieren sollen, weil es der bequemere Weg ist und dann griesgrämig Beschwerde führen, wenn die Hokuspokus-Ich-AG keine Kundschaft findet. Ich bin da erstaunlich streng, stelle ich fest. Ich habe größten Respekt vor den Menschen, die sich nicht zu schade sind, einfache aber notwendige und von mir hochgradig geschätzte Dienstleistungen zu erbringen, zum Beispiel an der Kasse von Aldi oder bei der Müllabfuhr. Die größten Helden des Alltags haben meistens keinen bekannten Namen. Da gab es neulich bei dieser Bambiverleihung den Preis für Menschen, die ehrenamtlich arbeiten. Großartig. Dagegen diese ganzen Poser-Jobs, wo nichts wirklich Notwendiges zustande kommt, diese ganzen Consultants und Blablabla-Berater. Täte sich die Erde auf, keiner würde auch nur einen vermissen. Außer vielleicht privat, haha. War da was? Nö.
Ein Hoch auf alle wahren Arbeiter und Arbeiterinnen. Ein Hoch auf alle Aldi-Kassiererinnen und die Damen und Herren hinter der Theke bei Butter Lindner. Und die Jungs von der BSR. Ich liebe, ehre und achte euch. Und alle Bus- und Taxifahrer. Und die ganzen anderen, die dauernd irgendetwas machen, damit Berlin funktioniert. Ich schließe alle Köche, Bäcker, Lieferanten, Kellner, Sanitäter, Handwerker, Montierer, Installateure, Pförtner, Friseure, Verkäuferinnen, Regaleinräumerinnen und Reinigungskräfte in mein Gute-Nacht-Gebet ein. Heute, morgen und immerdar. AMEN.

08. Januar 2012


Gestern, am Samstag war ich nach sehr langer Zeit wieder einmal im KaDeWe. Vorher ein kleiner Schlenker zum Alex, bei Galeria Kaufhof was gucken. Das Gleiche wollte ich auch im Kadewe anschauen. Nach was bestimmten gucken, was ich vorher nur auf Fotos im Internet gesehen habe. Im Kadewe war das Teil da, das mich interessiert hat. Was, hab ich gestern schon beim Kommentieren erzählt. Ich gehe zwar neuerdings zu Aldi, aber bei Gegenständen, die ein Leben lang halten sollen und auch noch möglichst schön sein sollen, würde ich jetzt eher nicht beim Lebensmitteldiscounter gucken. Wie auch immer – ich war also im Kadewe, in meinem Kadewe sage ich ja immer ein bißchen angeberisch. Nicht, dass ich jetzt eine Kaufhaus-Erbin wäre, aber das Kadewe macht mich immer ein bißchen stolz. Und sentimental. Und glücklich. Es versöhnt komplett mit der Warenwelt und der Freude am Überfluss. Die Schaufenster sind so schön, dass man eigentlich dauernd fotografieren muss. Drinnen ist es leider nicht erlaubt, dabei könnte man mehrere Wochen nur damit zubringen, die schönsten Sachen zu fotografieren. In der Parfümeriewarenabteilung ist alles so glamourös und verspiegelt und für jede Marke extravagant möbliert, dass ich mir jedesmal wie Alice hinter den Spiegeln im Wunderland vorkomme. Und überall sieht man filigrane schöne junge Männer, die an Kundinnen ihre Visagisten-Kunst zeigen. Die Verkäuferinnen möchte man auch dauernd fotografieren. Die Pagenköpfe, die Coco Chanel-Gesichter, die Haltung. Attitude. Ich bin ganz verliebt. Eigentlich müsste ich mir auferlegen, zu jeder Jahreszeit wenigstens einmal hingehen, um die Auslagen und die neuen Schaufenster zu bewundern. Es gibt immer ein Thema und immer ist es zauberhaft umgesetzt. Und ein bißchen burlesk. Diesmal, zur Weihnachtszeit war das Thema „Märchen“. Das könnte jetzt furchtbar süß und kitschig sein, ist es aber nicht, weil diese unfassbaren Schaufenstergestalter einen absoluten Draht dafür haben, immer eine kleine Irritation einzubauen. Sie haben die Schaufensterpuppen anders geschminkt, den Puppen kleine beleidigte Schnuten gemalt und burleske Strümpfe und frivole Posen eingebaut. Rapunzel schlägt kess die Beine übereinander, der lange blonde Zopf liegt als Haarteil auf dem Boden. Rapunzel in ihrem kleinen Luxus-Boudoir, in ihrem plüschigen Ankleidezimmer, ihrer Garderobe vor dem Märchen-Auftritt. Man schaut sich das an und ist sofort in einer anderen Welt. Deswegen liebe ich das Kadewe so fürchterlich. Das passiert mir in keinem anderen Kaufhaus. So habe ich mir als Kind das schönste und aufregendste Kaufhaus der ganzen Welt vorgestellt. Ich glaube, der liebe Gott persönlich hat sich das Kadewe ausgedacht. Am Tauentzien fange ich jedesmal wieder an zu glauben, dass die Welt im Grunde gut und voll von Wundern ist.
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05. Januar 2012

Jetzt war es gerade wieder so weit. Ich habe ja neulich diese schlimme Beichte abgelegt. Ich sitze vor dem Geschreibsel und trete aus meinem Körper aus* und beobachte mich, wie ich zwischen fassungslos und kopfschüttelnd vor den gewissen Einträgen sitze. Ich muss glaube ich mal die Filmkamera installieren, wenn ich mich durch diese Beiträge arbeite. Mal abgesehen von meiner astrologischen Intention, Plutos Potenzial am Individuum zu studieren, ist es inzwischen auf eine leicht perverse Art interessant für mich, klischeehafte Gedankenwelten und die Kommentarresonanz darauf zu betrachten. Wenn ich es nicht soeben mit eigenen Augen gelesen und gesehen hätte, würde ich es für das Werk eines begabten Satirikers halten, der sich über esoterische Lebenswelten aus organischem Selbstanbau lustig macht. Aber das ist ernst gemeint, was ich da sehe. Ich kann ja leider nicht verlinken. Ein Jammer! Man muss sich in etwa vorstellen – verdammt, ich darf es ja nicht genauer beschreiben. Also stellen Sie sich mal ungefähr die Begriffe (ich wähle absichtlich andere!) „Steinzeit-Yoga“, „Filzen in der Frauengruppe“, „Beckenboden-Meditation“, „Rohkost-Wochenende Tübingen“ in kalligraphisch ambitionierter Schnörkelschrift vor. Und dann denken Sie doch bitte einmal über Ihre persönlichen großen Lebensthemen im vergangenen Jahr nach. Auch Ihnen sollte es möglich sein, sich in eine liebevolle Meditation über die wichtigsten Ereignisse zu begeben, die sie zum Abschluss als Collage unter der Zuhilfename von schadstofffreien Naturmaterialien gestalten dürfen. An sich eine schöne Idee, wenn ich so darüber nachdenke. Weiß gar nicht, was es da den Kopf zu schütteln gibt. Bin ich etwa neidisch auf die Kreativität, die mir da in aller Herrgottsfrühe in Pastellfarben entgegenschlägt? Ich muss vielleicht doch noch einmal in mich gehen. Und diese negativen Einträge, die müssen auch aufhören. Das ist ganz schlecht für mein Karma. Ich muss meinen Geist noch besser von diesen schlechten albernen Gedanken rein halten.

*Out of Body Experience

07. Januar 2012


Achten Sie in diesen Tagen und Wochen in Ihrem Bekannten- Freundes- und Verwandtenkreis auf Geburtstagskinder der letzten März- und der letzten Septemberwoche. Die haben es gerade nicht leicht. Turbulenzen, Machtkämpfe, Abrupte Lebensveränderungen. Stellungswechsel, Beziehungsende, unberechenbarer Wechsel der Lebensrichtung. Schon ein Weilchen. Zehn Monate. Macht sich auch noch ein Weilchen bemerkbar. Ebenfalls bei Geburtsdaten Ende Juni und Ende Dezember. Das Pluto-Uranus-Quadrat. Das mir im Übrigen ohnehin ‚gut‘ dafür scheint, scheinbar stabile Verbindungen zu überprüfen. Achte ich mehr darauf oder gibt es in den letzten Wochen wirklich mehr überraschende Trennungen von Paaren, die eine besonders stabile Verbindungen nach außen zu tragen schienen? Pluto in Steinbock, Uranus in Widder. Obwohl sich die Zeichen nicht gegenüber stehen, keine Opposition bilden, sondern ein noch unangenehmeres Quadrat, empfinde ich die beiden Zeichen als äußerst konträr. Berechnung trifft Impulsivität. Reglementiert, Die Erde erstickt nur erste Flammen. Aber der Feuerherd ist nicht oberflächlich genug, um erstickt werden zu können. Es schwelt im Untergrund. Eruptiv. Lava. Da nützen die ganzen schönen, akribischen Berechnungen nichts. Die explosiven Kräfte arbeiten sich an die Oberfläche und finden ein Ventil. Noch eine Schaufel Erde drauf oder zubetonieren wird nicht helfen. Die Unwägbarkeit des Lebens begreifen lernen. Akzeptieren. Verstehen lernen. Man muss es ja nicht lieben. Aber es hilft natürlich. Todsicher ist nur der Tod.

Von wegen Polyamory

„Sogenannte Schlafpläne, ein ausgeklügeltes Rotationsprinzip und fest vereinbarte Vetorechte sollen die konfliktträchtigen Mehrfachbeziehungen entschärfen. Dennoch, das räumen viele der in Felix Ihlefeldts Buch zu Wort kommenden „Polys“ ein, wird die andauernde Bearbeitung der Gefühle, der Zwang zur Dauerkommunikation als belastend empfunden, mündet nicht selten in den Terror der Intimität, der schließlich doch zu Heimlichkeiten führt und Fluchtreflexe auslöst. Es gehört zur Ironie solcher Avantgardismen, dass in ihnen längst überwunden geglaubte quasireligiöse Bewältigungsmuster wiederkehren, eine Art kollektiver pietistischer Seelenschau.“
Klingt dann ja doch etwas anstrengend. Von dem energetischen Wirrwarr im großen bunten Beziehungseintopf ganz zu schweigen. Ich glaube, dass es Menschen gibt, die gerne in ‚die Breite’ lieben und andere, die lieber in ‚die Tiefe’ lieben. Eine Frage der Lust und Freude an Konzentration und verbindender Intensität. Diese Spielart, die Liebessendung auf mehrere kleine Päckchen verteilt an verschiedene Adressen zu senden, entspricht astrologisch den Veranlagungen der Zeichen Zwillinge und Wassermann.
Jungfrau und Skorpion stehen im Quadrat zu einer oberflächlich-verspielten Handhabung dieses Bereiches. Wenn die Bereitschaft zur Hingabe eintritt, erwacht der Appetit, die Intensität auszuloten, die Energiespirale unverfälscht nach oben zu treiben. Das funktioniert, wenn es diesen positiven Erfahrungswert gibt, dass ungestreute Hingabe, absolute Konzentration, den Zugang zu einer reinen, (durchaus machtvollen), aufladenden Energie bietet, die auf dem Boden unerschütterten Vertrauens pulsiert. Ein starkes Ladegerät.
Insofern sind vertrauenswürdige, klare, transparente Verhältnisse auf beiden Seiten eine gute Voraussetzung für einen ungehinderten Elektrizitätsfluss. Ich wage zu bezweifeln, dass polyamouröse Konstellationen selbst bei maximaler propagierter Toleranz (denn diese müsste ja bei diesem hohen Anspruch an Nicht-Verheimlichung gegeben sein), frei von energetischen Störungen sind. Meiner Ansicht nach gibt es eine Ebene, eine unsichtbare aber dennoch vorhandene, sehr wohl spürbare Ebene, auf der sich verheimlichte Ressentiments und Eifersuchtsgefühle manifestieren und wirken. Auf das gesamte Beziehungsgeflecht einen Einfluss haben. Wie die Überlappung von zwei Radiofrequenzen. Man hört weder den einen, noch den anderen Sender unbeeinträchtigt. Der Genuss wird getrübt und die Wertschätzungsmöglichkeit jeder einzelnen Sendung gemindert. Man nimmt die Tonstörung wahr, hört weder das eine noch das andere Lied in seiner vollen Schönheit mit allen Frequenzen und allen lauten und leisen Tönen. Die filigrane Schönheit des einzelnen Stückes wird zertönt, gebrochen. Das große Konzert verkommt zu einem Klangbrei.
Natürlich ist meine Wahrnehmung skorpionisch. Für ein zwillings-dominiertes (Betonung auf dominiert, meint: auch in den Aspekten im Horoskop, die im Bezug auf Partnerschaft und Sexualität relevant sind) Bewusstsein ist die bunt gemischte Aufführung ein lustiges Spektakel mit ulkigen Tönen ohne tiefere Bedeutung. Skorpionische Hingabe ist Gottesdienst. Tief ernst. Und es darf muss sogar gelacht werden. Heiligstes Sakrament*.
*Unter einem Sakrament (von kirchenlateinisch sacramentum religiöses Geheimnis dies von spätlateinisch sacramentum Weihe [zum Kriegsdienst] von lateinisch sacer heilig unverletzlich; voraus liegt gr. mysterion ) wird in den christlichen Kirchen nach Augustinus ein sichtbares Zeichen verstanden das auf die unsichtbare Wirklichkeit Gottes hinweist sie vergegenwärtigt und an ihr Anteil gibt.

05. Januar 2012

Jetzt bin ich ja von den Socken. Wie kann Xavier den guten Rüdiger nicht „mitnehmen“ und dafür die zickige Katja, nur wegen langweiliger Frauenquote. Die fliegt als nächste raus. Zack. Völlig unangemessene Entscheidung. Rüdiger Skoczowsky ist in jeder Hinsicht zauberhaft. Also wirklich. Mir fehlen die Worte. Oder traut er sich das nur, weil er eh mit ihm arbeiten wird und schon alles Mögliche auf dem Weg ist. Kann gut sein. Ich habe ja nun in den letzten Wochen gelernt, dass er offenbar mit Bedacht entscheidet.

Was mich heute ja schwer irritiert hat, dass nicht alle Coaches zu allen Darbietungen etwas sagen durften. Oder wollten. Kryptisches System. Am Anfang hat man von Nena noch dreimal was gehört und dann war Sendepause aus ihrer Ecke. Wie hängt das zusammen? Mich hätte mal interessiert, was sie über die singenden Damen gesagt hätte. Aber vielleicht wäre das nicht begeistert genug gewesen. Sie ist ja sehr ehrlich. Und wenn sie dann schon mal sagt, sie möchte nichts dazu sagen, weil sie damit nichts anfangen kann, wie in den Battleshows zuvor öfter mal passiert, ist vielleicht Friede Freude Eierkuchen in der elektrisierten Voice-Showhalle da hinten in Adlershof gefährdet. Vielleicht kriegen dafür die BossHosse und Naidoo morgen ab und zu einen Maulkorb. Wäre aber schade. Mir sind inzwischen eigentlich alle Coaches ans Herz gewachsen, mit ihrem launig losen Mundwerk. Besonders das von diesem Rea. Der entwickelt sich langsam zu meinem Liebling in der Riege. Außer Nena natürlich. Nena ist die Königin. Ich war in den Achtzigern absolut kein Fan von ihrem Gequake, aber in den letzten Jahren ist stetiglich meine Zuneigung zu ihr gewachsen. Scheinen jedenfalls alle das Herz auf dem rechten Fleck zu haben. Bis auf die Sache da oben versteht sich. Dass mir so ein Schnitzer nicht noch mal passiert. Die BossHosse haben dieselbe Entscheidung getroffen, die ich auch getroffen hätte. Völlig richtig. Weiter so, Jungs.

05. Januar 2012

Jetzt war es gerade wieder so weit. Ich habe ja neulich diese schlimme Beichte abgelegt. Ich sitze vor dem Geschreibsel und trete aus meinem Körper aus* und beobachte mich, wie ich zwischen fassungslos und kopfschüttelnd vor den gewissen Einträgen sitze. Ich muss glaube ich mal die Filmkamera installieren, wenn ich mich durch diese Beiträge arbeite. Mal abgesehen von meiner astrologischen Intention, Plutos Potenzial am Individuum zu studieren, ist es inzwischen auf eine leicht perverse Art interessant für mich, klischeehafte Gedankenwelten und die Kommentarresonanz darauf zu betrachten. Wenn ich es nicht soeben mit eigenen Augen gelesen und gesehen hätte, würde ich es für das Werk eines begabten Satirikers halten, der sich über esoterische Lebenswelten aus organischem Selbstanbau lustig macht. Aber das ist ernst gemeint, was ich da sehe. Ich kann ja leider nicht verlinken. Ein Jammer! Man muss sich in etwa vorstellen – verdammt, ich darf es ja nicht genauer beschreiben. Also stellen Sie sich mal ungefähr die Begriffe (ich wähle absichtlich andere!) „Steinzeit-Yoga“, „Filzen in der Frauengruppe“, „Beckenboden-Meditation“, „Rohkost-Wochenende Tübingen“ in kalligraphisch ambitionierter Schnörkelschrift vor. Und dann denken Sie doch bitte einmal über Ihre persönlichen großen Lebensthemen im vergangenen Jahr nach. Auch Ihnen sollte es möglich sein, sich in eine liebevolle Meditation über die wichtigsten Ereignisse zu begeben, die sie zum Abschluss als Collage unter der Zuhilfename von schadstofffreien Naturmaterialien gestalten dürfen. An sich eine schöne Idee, wenn ich so darüber nachdenke. Weiß gar nicht, was es da den Kopf zu schütteln gibt. Bin ich etwa neidisch auf die Kreativität, die mir da in aller Herrgottsfrühe in Pastellfarben entgegenschlägt? Ich muss vielleicht doch noch einmal in mich gehen. Und diese negativen Einträge, die müssen auch aufhören. Das ist ganz schlecht für mein Karma. Ich muss meinen Geist noch besser von diesen schlechten albernen Gedanken rein halten.

*Out of Body Experience

04. Januar 2012


Die alte Narbe. Drücke mich vorm Staubsaugen. Und vorm dreißig Kleider von der linken Hälfte der Kleiderstange hängen, damit der Heizungsableser ohne Umstände den an der rückwärtigen Wand befindlichen Zähler ablesen kann. Und vorm Staubsauger und Zeugs aus dem Schränkchen unter der Spüle räumen und mal wieder durchwischen, damit der Ableser morgen früh zügig und ohne Zeitverlust den Wasserverbrauch ablesen kann. Morgen früh ab Sieben wohlgemerkt. Kann aber auch Neun werden. Man legt sich da nicht so fest. Ein echter Fortschritt für die gesamte Mietwohnungen bewohnende Menschheit wäre, sämtliche abzulesene Zähler und Facility-Gedöns in separate Kellerräume zu verlagern, wo sich der geschätzte Hausmeister gebündelt drum kümmert, den Zugang zu den Zählern zu gewährleisten. Völliger Planungsfehler. Das mag ja zur Jahrhundertwende 1899 erforderlich gewesen sein, aber ich wohne immerhin in einer Hütte Baujahr 1997 und da haben sie es erstaunlicherweise schon auf die Reihe gekriegt, die Stromzähler für alle Mietwohnungen in den Keller zu verlagern. Ich nehme an, dass in diesem Jahrtausend entstandene Wohnungen schon etwas fortschrittlicher bestückt sind. Wer litte nicht unter Ableseterminen. Selbst vergleichsweise gesellige Menschen brechen nicht in Begeisterung aus, wenn sie einem fremden Mann (und es sind immer Männer) die Wohnungstür öffnen müssen und ihn durch diverse private Räumlichkeiten lotsen, die man im Normalfall nicht einmal guten Bekannten zugänglich macht. Okay, ich mache den Zirkus nun auch schon ein paar Jahre mit. Aber früher wurde bei mir nie Warmwasser oder Heizung abgelesen, kann mich nicht erinnern. Dafür spar ich mir jetzt die Stromableserbesuche. Das macht übrigens auch dann noch Vattenfall, wenn man einen Vertrag bei greenpeace energy hat oder Lichtblick oder sonstwo. Hoheitlicher Stromableser-Monopol-Auftrag. Ist mir eigentlich egal. Und ist auch kein Geheimnis. Das wird in den diversen Stromverträgen der alternativen Anbieter haarklein erklärt, wie das zusammenhängt. Ich glaube, ich muss jetzt doch mal was machen, für das Erfolgserlebnis. Außerdem ist Prokrastinieren so Eighties, um nicht zu sagen Seventies. Frumpy.

04. Januar 2012


Die alte Narbe. Drücke mich vorm Staubsaugen. Und vorm dreißig Kleider von der linken Hälfte der Kleiderstange hängen, damit der Heizungsableser ohne Umstände den an der rückwärtigen Wand befindlichen Zähler ablesen kann. Und vorm Staubsauger und Zeugs aus dem Schränkchen unter der Spüle räumen und mal wieder durchwischen, damit der Ableser morgen früh zügig und ohne Zeitverlust den Wasserverbrauch ablesen kann. Morgen früh ab Sieben wohlgemerkt. Kann aber auch Neun werden. Man legt sich da nicht so fest. Ein echter Fortschritt für die gesamte Mietwohnungen bewohnende Menschheit wäre, sämtliche abzulesene Zähler und Facility-Gedöns in separate Kellerräume zu verlagern, wo sich der geschätzte Hausmeister gebündelt drum kümmert, den Zugang zu den Zählern zu gewährleisten. Völliger Planungsfehler. Das mag ja zur Jahrhundertwende 1899 erforderlich gewesen sein, aber ich wohne immerhin in einer Hütte Baujahr 1997 und da haben sie es erstaunlicherweise schon auf die Reihe gekriegt, die Stromzähler für alle Mietwohnungen in den Keller zu verlagern. Ich nehme an, dass in diesem Jahrtausend entstandene Wohnungen schon etwas fortschrittlicher bestückt sind. Wer litte nicht unter Ableseterminen. Selbst vergleichsweise gesellige Menschen brechen nicht in Begeisterung aus, wenn sie einem fremden Mann (und es sind immer Männer) die Wohnungstür öffnen müssen und ihn durch diverse private Räumlichkeiten lotsen, die man im Normalfall nicht einmal guten Bekannten zugänglich macht. Okay, ich mache den Zirkus nun auch schon ein paar Jahre mit. Aber früher wurde bei mir nie Warmwasser oder Heizung abgelesen, kann mich nicht erinnern. Dafür spar ich mir jetzt die Stromableserbesuche. Das macht übrigens auch dann noch Vattenfall, wenn man einen Vertrag bei greenpeace energy hat oder Lichtblick oder sonstwo. Hoheitlicher Stromableser-Monopol-Auftrag. Ist mir eigentlich egal. Und ist auch kein Geheimnis. Das wird in den diversen Stromverträgen der alternativen Anbieter haarklein erklärt, wie das zusammenhängt. Ich glaube, ich muss jetzt doch mal was machen, für das Erfolgserlebnis. Außerdem ist Prokrastinieren so Eighties, um nicht zu sagen Seventies. Frumpy.

02. Januar 2012

Schon komisch, wenn man zufällig über einen Wikipediaeintrag über den aktuellen Stand der privaten Verhältnisse von jemandem erfährt, dem man andere Verhältnisse zugeordnet hatte, miteinander zu tun habender Weise. Seltsam, das in einem Lexikoneintrag zu lesen, ohne es vorher durch den persönlichen Kontakt wenigstens am Rande mitbekommen zu haben. Na gut, gehen wir davon aus, dass man mit seinem Scheitern nicht hausieren geht, aber wie kommen solche Informationen in diese Wikipediaeinträge? Muss der Betroffene zustimmen, dass der Stand der privaten Beziehungen erwähnt wird? Grübel, grübel. Es betrifft mich zwar nicht weiter, aber ich stelle das Kuriosum fest, diese Irritation. Das muss schon nicht einfach sein, wenn bei zunehmender Öffentlichkeit die privaten Beziehungen von Außenstehenden abgehandelt werden. Vielleicht greifen deswegen so viele Prominente zu stimmungskonditionierenden Hilfsmitteln, um den ganzen Quatsch von Getratsche und Gerede auszuhalten. Aber sie haben es ja vorher gewusst. Einige beherrschen ja doch die große Kunst, ihre privaten Beziehungen völlig undercover zu pflegen. Und diejenigen, denen das gelingt, erklären es damit, dass sie der Presse bei diesem Thema nicht zuarbeiten, eine strikte Grenze ziehen. Kann man schlussfolgern, wer mit seinem privaten Beziehungskrempel in der Öffentlichkeit vorkommt, hat versäumt die Grenze zu setzen oder zeigt sich kooperativ. Na ja, alles nicht mein Problem. Musste angesichts dieser zufälligen Entdeckung an eine andere Geschichte denken. Eine Frau erzählte mir vor Jahren, sie sei als Patientin beim Arzt gewesen, im Wartezimmer lagen verschiedene Zeitschriften aus. Eine Publikation der aufgefächerten Magazine war aus dem Laden, bei dem sie arbeitete. Die neueste Ausgabe einer monatlich erscheinenden Zeitschrift. Beim eher absichtslosen Durchblättern der Neuerscheinung fand sie ihren Namen mit der Information, dass sie für eine bestimmte Sache die Ansprechpartnerin sei, wovon sie bis zu diesem Arztbesuch keinerlei Kenntnis hatte. Nach ihrer Rückkehr, wieder genesen, erfuhr sie in einem spontan anberaumten Gespräch, dass sie ab sofort dieses neue Wirkungsfeld inne hat. So richtig überraschend war die Überraschung dann aber leider nicht mehr. Kann alles passieren. Das Leben macht Purzelbäume, die man sich als Drehbuchautor nicht herausnehmen dürfte, ohne sich den Vorwurf einzuhandeln, hoffnungslos konstruierte Geschichten abzuliefern.

01. Januar 2012

Ich habe gerade das Datum getippt und bemerkt, dass die Zahl 2012 eine für mich viel interessantere Aura hat, als 2011. Kann ich schlecht erklären. Die Zahl wirkt schon rein visuell auf mich visionärer. Aufstrebender. Mögen andere an Weltuntergang denken, der stand ja schon häufiger auf der Agenda. Zweitausendelf wirkte als Zahl bereits passiv und zurückgezogen. Ich bin da natürlich auch befangen. 2012 ist offener. Moderner. Experimentierfreudiger. Dynamischer. Behaupte ich einfach mal so, Kraft meiner Wassersuppe. Astrologen gucken in dem Jahr gebannt auf das wiederkehrende, Unruhe stiftende, hochexplosive Pluto-Uranus-Quadrat, das wir im März 2011 an Fukushima studieren durften. Da ist die letzte Messe noch nicht gesungen. Die persönlichen Konstellationen von Individuen stehen aber auf einem anderen Blatt. Den Stier-Jupiter habe ich im letzten Jahr nicht großartig bemerkt. Von wegen schönes Trigon zu meiner Sonne. Dafür aber Pluto, der sich bereits im ermutigend kraftspendenden Sextil zu meinem Skorpionmars befand und sich nach einigem Hin und Her nun endlich wieder dynamisch auf diese Konstellation zubewegt. Ich glaube hoffe bete, etwas überwunden zu haben, eine Sache, die mich die letzten drei Monate sehr beschäftigte, mir Kraft nahm. Etwas körperliches. Ich habe tatsächlich angefangen zu beten. Und noch strikter gelebt. Ich vermute, denke, beides hat geholfen.

Aber nun das neue Jahr, das ich wirklich von Herzen willkommen heiße. Mir sind in den letzten zwei Jahren Dinge widerfahren, über die ich so schnell nichts schreiben werde können. Ich habe zwar keinen Weg gesehen, aber bin einfach weiter gegangen. Die Dinge vor Augen gehalten, die noch gut sind, in meinem Leben. Und jetzt möchte ich Hundertsieben werden. Oder eine andere schöne Zahl mit Sieben. Nur Siebenundvierzig wäre mir zu früh, um zu gehen. So alt werde ich in diesem Jahr. Und Siebenundfünfzig ist mir auch zu bald. Und Siebenundsechzig auch. Ab Siebenundsiebzig lasse ich mit mir reden. Aber auch nur bedingt. Immerhin ist Vera von Lehndorff im kommenden Mai Dreiundsiebzig und wenn ich sie so sehe, fände ich Siebenundsiebzig doch auch entschieden übereilt. Mein erster Januar 2012 begann in gewisser Weise spektakulär, da ich meiner bereits Ende November beendeten privaten Prohibiton endlich Taten folgen ließ. Ich bunkerte in meinem Kühlschrank seit einer Einladung zwei übriggebliebene Dosen Prosecco vom Berliner Currywurstmuseum. Die gab’s mal gratis und ich dachte, wenn du mal Gäste haben solltest, sorge vor! Punkt Mitternacht öffnete ich als mein exclusivster Gast eine der beiden gut gekühlten Dosen, mit einem eher mittelmäßigen Geschmackserlebnis rechnend. Der Augenblick war mir nicht zu schade, um die alkoholhaltige Flüssigkeit auf zwei Champagnergläser zu verteilen und mit mir selber anzustoßen. Aus so einem Champagnerkelch schmeckt doch alles gleich viel besser. Ein erfrischendes Getränk zur Mitternachtsstunde, das mir wohl bekommen ist. Ich war dann auch ein bißchen stolz deswegen, weil ich mich endlich überwunden habe, pünktlich zur Geburtstunde des neuen Jahres.
http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=109615
Gut ausgeruht nach festem Schlaf, unverkatert und insgesamt guter Dinge stand ich auf und war bereit, wichtige Dinge anzugehen. Ein kleiner Neujahrsausflug stand an. Zuerst den Müll runterbringen und dann mal Fotos von der Hütte hier mit mir drauf machen. Hab ich noch nie von unten fotografiert, meinen kleinen Kensington Palast. Die Luft war mild und ich musste gar nicht weinen. Die Sonnenbrille hab ich nur aus Gewohnheit aufgesetzt. So gefällt sogar mir spazierengehen. Frost und Schnee hat mir kein bißchen gefehlt, müsste ich lügen. Dann in mein Atelier – nein halt! – vorher war noch etwas ganz Wichtiges zu erledigen. Ich bin zur Sparkassenfiliale in der Hermannstraße und habe meinen Kontostand geprüft und neues Wirtschaftsgeld für Januar abgeholt. Den Kontostand hab ich sogar fotografiert! Na ja. Ein bißchen albern, aber ich kann mich eben noch freuen. Und dann bin ich in mein Atelier, mein stiefmütterlich vernachlässigtes Kabuff, und habe in den Briefkasten geguckt und zur Feier des Tages ein bißchen sauber gemacht. Man muss nach einigen Monaten immer ein paar Sachen machen, auch wenn man gar nicht da war. Zum Beispiel das alte Herbstlaub vom Balkon putzen. Und die Reste vom Feuerwerk. Hat sich gelohnt. Alles wieder picobello. Ging eigentlich ganz fix. Im Briefkasten war nur Reklame. Dann bin ich wieder heimgefahren, in die Auguststraße, mit meiner U 8. Und habe neue Umschläge präpariert. Ich bin bereit für das neue Jahr.

Allen, die mich gut leiden können, wünsche ich ein schönes, glückliches, gesundes und heilsames und so weiter Jahr. Was eben so gebraucht wird. Bei Eugene hab ich mit Panzerknackerlachen unter den Neujahrsglückwunsch geschrieben, dass ich durchaus nicht Allen ein gutes neues Jahr wünsche, aber dafür ein gerechtes. Ihr wünsche ich natürlich ein supergutes, weil sie es verdient hat. Und ihr auch. Und ich auch.

01. Januar 2012

Ich habe gerade das Datum getippt und bemerkt, dass die Zahl 2012 eine für mich viel interessantere Aura hat, als 2011. Kann ich schlecht erklären. Die Zahl wirkt schon rein visuell auf mich visionärer. Aufstrebender. Mögen andere an Weltuntergang denken, der stand ja schon häufiger auf der Agenda. Zweitausendelf wirkte als Zahl bereits passiv und zurückgezogen. Ich bin da natürlich auch befangen. 2012 ist offener. Moderner. Experimentierfreudiger. Dynamischer. Behaupte ich einfach mal so, Kraft meiner Wassersuppe. Astrologen gucken in dem Jahr gebannt auf das wiederkehrende, Unruhe stiftende, hochexplosive Pluto-Uranus-Quadrat, das wir im März 2011 an Fukushima studieren durften. Da ist die letzte Messe noch nicht gesungen. Die persönlichen Konstellationen von Individuen stehen aber auf einem anderen Blatt. Den Stier-Jupiter habe ich im letzten Jahr nicht großartig bemerkt. Von wegen schönes Trigon zu meiner Sonne. Dafür aber Pluto, der sich bereits im ermutigend kraftspendenden Sextil zu meinem Skorpionmars befand und sich nach einigem Hin und Her nun endlich wieder dynamisch auf diese Konstellation zubewegt. Ich glaube hoffe bete, etwas überwunden zu haben, eine Sache, die mich die letzten drei Monate sehr beschäftigte, mir Kraft nahm. Etwas körperliches. Ich habe tatsächlich angefangen zu beten. Und noch strikter gelebt. Ich vermute, denke, beides hat geholfen.

Aber nun das neue Jahr, das ich wirklich von Herzen willkommen heiße. Mir sind in den letzten zwei Jahren Dinge widerfahren, über die ich so schnell nichts schreiben werde können. Ich habe zwar keinen Weg gesehen, aber bin einfach weiter gegangen. Die Dinge vor Augen gehalten, die noch gut sind, in meinem Leben. Und jetzt möchte ich Hundertsieben werden. Oder eine andere schöne Zahl mit Sieben. Nur Siebenundvierzig wäre mir zu früh, um zu gehen. So alt werde ich in diesem Jahr. Und Siebenundfünfzig ist mir auch zu bald. Und Siebenundsechzig auch. Ab Siebenundsiebzig lasse ich mit mir reden. Aber auch nur bedingt. Immerhin ist Vera von Lehndorff im kommenden Mai Dreiundsiebzig und wenn ich sie so sehe, fände ich Siebenundsiebzig doch auch entschieden übereilt. Mein erster Januar 2012 begann in gewisser Weise spektakulär, da ich meiner bereits Ende November beendeten privaten Prohibiton endlich Taten folgen ließ. Ich bunkerte in meinem Kühlschrank seit einer Einladung zwei übriggebliebene Dosen Prosecco vom Berliner Currywurstmuseum. Die gab’s mal gratis und ich dachte, wenn du mal Gäste haben solltest, sorge vor! Punkt Mitternacht öffnete ich als mein exclusivster Gast eine der beiden gut gekühlten Dosen, mit einem eher mittelmäßigen Geschmackserlebnis rechnend. Der Augenblick war mir nicht zu schade, um die alkoholhaltige Flüssigkeit auf zwei Champagnergläser zu verteilen und mit mir selber anzustoßen. Aus so einem Champagnerkelch schmeckt doch alles gleich viel besser. Ein erfrischendes Getränk zur Mitternachtsstunde, das mir wohl bekommen ist. Ich war dann auch ein bißchen stolz deswegen, weil ich mich endlich überwunden habe, pünktlich zur Geburtstunde des neuen Jahres.
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Gut ausgeruht nach festem Schlaf, unverkatert und insgesamt guter Dinge stand ich auf und war bereit, wichtige Dinge anzugehen. Ein kleiner Neujahrsausflug stand an. Zuerst den Müll runterbringen und dann mal Fotos von der Hütte hier mit mir drauf machen. Hab ich noch nie von unten fotografiert, meinen kleinen Kensington Palast. Die Luft war mild und ich musste gar nicht weinen. Die Sonnenbrille hab ich nur aus Gewohnheit aufgesetzt. So gefällt sogar mir spazierengehen. Frost und Schnee hat mir kein bißchen gefehlt, müsste ich lügen. Dann in mein Atelier – nein halt! – vorher war noch etwas ganz Wichtiges zu erledigen. Ich bin zur Sparkassenfiliale in der Hermannstraße und habe meinen Kontostand geprüft und neues Wirtschaftsgeld für Januar abgeholt. Den Kontostand hab ich sogar fotografiert! Na ja. Ein bißchen albern, aber ich kann mich eben noch freuen. Und dann bin ich in mein Atelier, mein stiefmütterlich vernachlässigtes Kabuff, und habe in den Briefkasten geguckt und zur Feier des Tages ein bißchen sauber gemacht. Man muss nach einigen Monaten immer ein paar Sachen machen, auch wenn man gar nicht da war. Zum Beispiel das alte Herbstlaub vom Balkon putzen. Und die Reste vom Feuerwerk. Hat sich gelohnt. Alles wieder picobello. Ging eigentlich ganz fix. Im Briefkasten war nur Reklame. Dann bin ich wieder heimgefahren, in die Auguststraße, mit meiner U 8. Und habe neue Umschläge präpariert. Ich bin bereit für das neue Jahr.

Allen, die mich gut leiden können, wünsche ich ein schönes, glückliches, gesundes und heilsames und so weiter Jahr. Was eben so gebraucht wird. Bei Eugene hab ich mit Panzerknackerlachen unter den Neujahrsglückwunsch geschrieben, dass ich durchaus nicht Allen ein gutes neues Jahr wünsche, aber dafür ein gerechtes. Ihr wünsche ich natürlich ein supergutes, weil sie es verdient hat. Und ihr auch. Und ich auch.

31. Dezember 2011


Heute Nachmittag die Kamera aus dem schwarzen Kubus befreit. Hat funktioniert. Um mich meiner nicht nur geistigen Existenz zu vergewissern. Ich spielte mit dem Gedanken, anlässlich der finalen Gelegenheit ein festlich glitzerndes Kleid anzuziehen, hab es auch anprobiert, aber das war nicht das Gebot der Stunde. Am hellichten Nachmittag im silbernen Paillettenkleid Partystimmung vorzutäuschen, wirkt doch recht aufgesetzt. Also wieder ausgezogen. Dann ein anderes, langärmliges, eher kurzes, enganliegendes Kleid angezogen, aus flauschigem schwarzem Nickistoff mit großen roten Mohnblumen drauf. Jawohl, solche Kleider befinden sich in meinem Schrank. Immer wenn ich es anhabe, gibt es ein Kompliment. Ich habe dann ein paar Fotos gemacht und mich wieder umgezogen. In meine komfortablen Abhäng-Klamotten, ein langwärmliges schwarzes T-Shirt mit Charlie Chaplin drauf, eine bequeme, verwaschene Hose aus Nickistoff, die dereinst auch mal schwarz war und darüber ein dunkelblau-grün karierter Flanellponcho, mit anderen Worten: Kraut und Rüben. Dann hab ich die Bilder von der Kamera auf die Festplatte geladen und gemerkt, ich war mit der Situation offenbar noch nicht ganz vertraut. Nicht so toll. Bis auf eins alle Bilder gelöscht. Da die Kamera noch in Griffweite lag, hab ich noch mal von vorne angefangen, in meinen allein-daheim-und-kein-Besuch-zu-erwarten-Anziehsachen. Deswegen wirken die Bilder auch nicht ganz so unnatürlich, weil ich nur dasselbe gemacht habe, wie halt immer. Irgendwie gucken und ab und zu Faxen machen. Und die Klamotten sieht man sowieso kaum. Man muss das alles dokumentieren. Jedenfalls hin und wieder. Die Zeit rast und auf einmal ist man Siebzig oder Hundertsieben und versucht sich zu erinnern. Wie man war. Und alles. Wer, wie, wo, was. Bilder helfen auf die Sprünge. Man sieht dann auch, dass es einem besser geht, als man manchmal denkt. Jedenfalls sehe ich kein armes Schwein. Das beruhigt dann doch. Nun wird das Poesiealbum Zweitausendelf zugeklappt und am ersten Januar ein neues angelegt. Vielleicht wird es ja im neuen Jahr sogar wieder einmal Bilder mit Menschen geben. Ich mag gemeinsame Bilder gerne. Aber dafür kommt natürlich nicht jeder Passant an jeder Ampel in Frage. Mal gucken. Ich hege und pflege mich einfach weiter, dann habe ich mir wenigstens in dieser Hinsicht nichts vorzuwerfen. Das wäre auch so ein Vorsatz. Ich hab ja nie welche, weil gerade neues Jahr vor der Tür steht, sondern immer mal mittendrin welche. Aber das wäre ein guter Vorsatz. So zu leben, dass man sich nichts vorzuwerfen hat. Ein großer Vorsatz. Ich meine jetzt aber nicht etwa vorrangig meinen ökologischen Fußabdruck. So, Ende. FiNiTo.
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30. Dezember 2011

Das geht wohl nicht nur mir so. Diese Anwandlungen, hier und da noch ein bißchen Ordnung in die Dinge zu bringen, gegen Jahresende. Liegen gebliebene Sachen zu erledigen, das Köfferchen fertig zu packen, vor dem anstehenden Geburtsereignis. Man merkt das auch sehr schön in den bunten Blättern. Die Trennungsmeldungen häufen sich, je näher der letzte Tag des Jahres rückt. Ist mir auch schon untergekommen. Sogar mehrfach, wenn ich zurückdenke. zweimal auf der einen Seite, zweimal auf der anderen. Aber ich wollte jetzt eigentlich nicht zuguterletzt aus dem Nähkästchen plaudern. Ich räume nur Sachen auf, keine Menschen. Das ist gerade kein Thema, dafür ist mir das Kultivieren inniger Verbindungen im Augenblick zu fern. Ferner als Australien. Ungefähr so weit weg wie der gute alte Mond. Vielleicht sollte ich nicht so spät bloggen, da gerät die Sache leicht aus dem Ruder. Andererseits gibt es nun auch nicht viel über den Kürbis zu erzählen, den ich auf den Bildern geschlachtet habe. Ich meine natürlich transformiert. Ein bißchen wie Holzschnitzarbeiten. Bildhauerei im Grunde. Bei Aldi habe ich in den letzten Wochen keinen Kürbis gesehen. Schade. Ich hab dann auch schon mal einen bei meinem Superspar in der Rosi gekauft und Kokosmilch. Hat Aldi nämlich auch nie, soweit ich das Sortiment überblicke.

Jedenfalls räume ich nur die letzten Bilder auf, hier in meinem kleinen Archivschränkchen im weltweiten Internet. Morgen auch noch ein paar und dann wäre das auch erledigt. Wieder was vom Tisch! Und dann habe ich ja noch vor, zuguterletzt noch einmal in diesem Jahr ein Bild oder auch zwei von mir zu machen. Schon dreieinhalb Monate ohne aktuelles Gaga Nielsen-Bild, das schleift. Hoffentlich erkennt man mich noch. Ich gehe mal schlafen, damit ich morgen einigermaßen aussehe, fürs Bild. So machen das die Topmodels auch immer, habe ich gelesen. Ausreichend Schlaf und keinen Alkohol. Gute Nacht, Zweitausendelf, du komisches Jahr. Morgen sind wir noch einmal verabredet. Bitte sei recht pünktlich.
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30. Dezember 2011

Das geht wohl nicht nur mir so. Diese Anwandlungen, hier und da noch ein bißchen Ordnung in die Dinge zu bringen, gegen Jahresende. Liegen gebliebene Sachen zu erledigen, das Köfferchen fertig zu packen, vor dem anstehenden Geburtsereignis. Man merkt das auch sehr schön in den bunten Blättern. Die Trennungsmeldungen häufen sich, je näher der letzte Tag des Jahres rückt. Ist mir auch schon untergekommen. Sogar mehrfach, wenn ich zurückdenke. zweimal auf der einen Seite, zweimal auf der anderen. Aber ich wollte jetzt eigentlich nicht zuguterletzt aus dem Nähkästchen plaudern. Ich räume nur Sachen auf, keine Menschen. Das ist gerade kein Thema, dafür ist mir das Kultivieren inniger Verbindungen im Augenblick zu fern. Ferner als Australien. Ungefähr so weit weg wie der gute alte Mond. Vielleicht sollte ich nicht so spät bloggen, da gerät die Sache leicht aus dem Ruder. Andererseits gibt es nun auch nicht viel über den Kürbis zu erzählen, den ich auf den Bildern geschlachtet habe. Ich meine natürlich transformiert. Ein bißchen wie Holzschnitzarbeiten. Bildhauerei im Grunde. Bei Aldi habe ich in den letzten Wochen keinen Kürbis gesehen. Schade. Ich hab dann auch schon mal einen bei meinem Superspar in der Rosi gekauft und Kokosmilch. Hat Aldi nämlich auch nie, soweit ich das Sortiment überblicke.

Jedenfalls räume ich nur die letzten Bilder auf, hier in meinem kleinen Archivschränkchen im weltweiten Internet. Morgen auch noch ein paar und dann wäre das auch erledigt. Wieder was vom Tisch! Und dann habe ich ja noch vor, zuguterletzt noch einmal in diesem Jahr ein Bild oder auch zwei von mir zu machen. Schon dreieinhalb Monate ohne aktuelles Gaga Nielsen-Bild, das schleift. Hoffentlich erkennt man mich noch. Ich gehe mal schlafen, damit ich morgen einigermaßen aussehe, fürs Bild. So machen das die Topmodels auch immer, habe ich gelesen. Ausreichend Schlaf und keinen Alkohol. Gute Nacht, Zweitausendelf, du komisches Jahr. Morgen sind wir noch einmal verabredet. Bitte sei recht pünktlich.
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29. Dezember 2011

Unterwegs in Berlin. Unterwegs in Australien. Unterwegs in Osttimor. Unterwegs im Wohnzimmer. Unterwegs im Kopf. Unterwegs in den Wolken. Unterwegs auf dem Teppich. Unterwegs im Herz. Farin macht das gut. Er fokussiert mit den Augen und drückt mit dem Herzen ab. Aus diesem Grund macht er das gut. Ich habe seine Bilderbücher gerne, auch wegen der kleinen Geschichten von unterwegs. Weil er als Musiker bekannt ist, ist er ab und zu dem Angriff ausgesetzt, dass er mit seinen Bildern nur deswegen professionelle Aufmerksamkeit bekommt, weil seine ergebene Fangemeinde hypnotisiert alles erwirbt, was er produziert, und er deshalb für den Verlag und für Lumas ein verlässlich lukrativer Künstler im Repertoire ist. Von den Lumas-Editionen will ich gar nicht reden, aber die Bildbände sind mit sehr viel Liebe gemacht. Ohne berufsglobetrottermäßigen Anspruch auf Vollständigkeit, gemäß seiner ganz persönlichen Reiseroute und Dramaturgie. Das erwarte ich vor anderem von so einem Bildband.

Foto: Farin Urlaub
Auch wenn er selbst selten zu sehen ist. Man sieht, worauf es ihm ankommt und damit erweckt er sofort mein Vertrauen. Gerne könnte es auch noch persönlicher sein. Der Film aus der Kamera und auch der Film aus dem Kopf. Aber das war ja nicht der letzte Streich. Vorausschauend hatte er gleich sein Erstlingswerk mit der Nummer Eins untertitelt. Nun macht er zum Glück sowieso immer weiter, weil er gar nicht mehr anders kann – so sehr wie er Blut geleckt hat – auch ohne den gnädigen Segen der ausgebildeten und spärlicher mit Erfolg gesegneten Kollegen. Tatsächlich zeichnet es die bemerkenswerteren unter den Kunstschaffenden aus, dass sie kein Diktat des Mediums hinnehmen, sich jegliches zueigen machen. So wie Kinder keinerlei Begrenzungen in ihrem Spieltrieb mögen. Und wenn er morgen anfinge, großformatig zu malen, hätte jede Leinwand seine furiose Farin Urlaub-Handschrift.
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Abgesehen davon meine ich durchaus, dass sich in der Handschrift sehr viel von der Kraft und des Potenzials eines Menschen andeutet. Und das begreife ich nicht im engeren Sinne graphologisch. Na gut, vielleicht im weiteren. Aber Wagemut, Kraft und Impulsivität zeigt sich in jedem Strich. Bei jeglichem Gekritzel. Kühner Strich, kühnes Herz. Nein, nein, ich meine keine prätentiösen Angeber-Poser-Kringel. Straight. Um ganz ehrlich zu sein, kann der Eindruck einer Handschrift großes Misstrauen bei mir erregen. Gefährlich sind übertrieben große, bauchige Unterschlaufen. Und auch ausgezirkelt extra große Oberschlaufen wie Luftballons. Nicht die Sorte, die eben auch mal zwischendurch groß wird, weil das Herz beim Schreiben gerade heiß war, sondern aus kultiviertem Prinzip. Ich habe das bei Menschen beobachtet, die gerne mehr in der Welt darstellen wollen, als die Substanz real ermöglicht. Mir auch sehr suspekt, angepasste, ewig gleichförmige kringelige Kleinmädchen-Schriften wie brave Häkelborten. Mit solchen Menschen kann ich keinen Draht finden. Nicht von Herzen. Und nicht vom Geist. Ich glaube ganz sicher, dass sich visionäres Potenzial in jeder Lebensregung und -bewegung Bahn bricht. In jedem Kringel und jedem Krakel. In jedem Strich und jedem Punkt.

28. Dezember 2011

Hey, ich war im Schwimmbad. Leider hab ich meinen Badeanzug vergessen und durfte nur am Beckenrand stehen und zugucken. War aber auch schön. Ich traue mich sowieso nicht vom Turm springen, wie die anderen. Toll, wie die das machen. Ich schaue aber gerne zu. Trauen würde ich mich das nie. Nie im Leben! Der Schwimmkurs, wo ich elf war, hat mir gelangt. Ich kann aber trotzdem ganz gut schwimmen. Am liebsten im Meer. Ganz weit raus. Und ganz allein. Bis man fast schon ein bißchen Kribbeln hat, ob es nicht zu weit ist, weil man muss ja auch noch zurück. Hab es bis jetzt aber immer geschafft. Lange her, dass ich am Meer war und drin geschwommen bin. Die ganzen letzten Ost- und Nordseeferien war mir immer das Wasser zu kalt. Ich bin da zimperlich. In einer sizilianischen Bucht war es schön. Und in ein paar griechischen. Bestimmt fahre ich bald wieder einmal ans Meer. An eins zum Schwimmen. Weil ich ja spare. Ich bin ganz schön gut darin und muss mich selber loben, so zum Jahresende.

Normalerweise kann und darf man ja gar keine Schwimmbad- oder Freibadfotos machen, ohne dass man sich komisch oder zurecht peinlich vorkommt. Aber das war ein besonderer Tag. Alle haben den Schwimmern und Springern begeistert zugeguckt. War nämlich auch ISTAF. Obwohl im Olympiabad gar kein Wettbewerb war, sondern normales Sommerfreibad. Man kann aber toll zugucken vom Olympiagelände, und das ist einfach schön, bei so einem Badewetter. Man fühlt sich gleich erfrischt, an einem heißen Sommertag in Berlin. Kleiner anachronistischer Eintrag, aber chronologisch. Mir ist jedes Wetter recht. Inzwischen. Früher war ich da auch mäkelig und hatte Befindlichkeiten. Aber seit ich weiß, dass Gesundheit viel wichtiger ist als Badewetter, finde ich alles gut, was da draußen so vor sich geht. Was sich der Wettergott so überlegt. Ich bin gewappnet. Hauptsache, ich kann selber bestimmen, ob ich vor die Tür gehe zum Spazierengehen. Das ist das Allerwichtigste. Ich gehe nämlich nie spazieren, wenn es kalt ist. Weil es mir nicht gefällt und ich weinen muss. Wegen der Kälte auf den Augäpfeln. Deswegen ist jetzt wieder Sonnenbrillenwetter für mich. Wenn jemand bei unter zehn Grad eine Frau, die mir ähnlich sieht durch Mitte laufen sieht, mit Brille auf der Nase, weil wieder der gute alte Ostwind weht, bin ich es.
http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=109615

28. Dezember 2011

Hey, ich war im Schwimmbad. Leider hab ich meinen Badeanzug vergessen und durfte nur am Beckenrand stehen und zugucken. War aber auch schön. Ich traue mich sowieso nicht vom Turm springen, wie die anderen. Toll, wie die das machen. Ich schaue aber gerne zu. Trauen würde ich mich das nie. Nie im Leben! Der Schwimmkurs, wo ich elf war, hat mir gelangt. Ich kann aber trotzdem ganz gut schwimmen. Am liebsten im Meer. Ganz weit raus. Und ganz allein. Bis man fast schon ein bißchen Kribbeln hat, ob es nicht zu weit ist, weil man muss ja auch noch zurück. Hab es bis jetzt aber immer geschafft. Lange her, dass ich am Meer war und drin geschwommen bin. Die ganzen letzten Ost- und Nordseeferien war mir immer das Wasser zu kalt. Ich bin da zimperlich. In einer sizilianischen Bucht war es schön. Und in ein paar griechischen. Bestimmt fahre ich bald wieder einmal ans Meer. An eins zum Schwimmen. Weil ich ja spare. Ich bin ganz schön gut darin und muss mich selber loben, so zum Jahresende.

Normalerweise kann und darf man ja gar keine Schwimmbad- oder Freibadfotos machen, ohne dass man sich komisch oder zurecht peinlich vorkommt. Aber das war ein besonderer Tag. Alle haben den Schwimmern und Springern begeistert zugeguckt. War nämlich auch ISTAF. Obwohl im Olympiabad gar kein Wettbewerb war, sondern normales Sommerfreibad. Man kann aber toll zugucken vom Olympiagelände, und das ist einfach schön, bei so einem Badewetter. Man fühlt sich gleich erfrischt, an einem heißen Sommertag in Berlin. Kleiner anachronistischer Eintrag, aber chronologisch. Mir ist jedes Wetter recht. Inzwischen. Früher war ich da auch mäkelig und hatte Befindlichkeiten. Aber seit ich weiß, dass Gesundheit viel wichtiger ist als Badewetter, finde ich alles gut, was da draußen so vor sich geht. Was sich der Wettergott so überlegt. Ich bin gewappnet. Hauptsache, ich kann selber bestimmen, ob ich vor die Tür gehe zum Spazierengehen. Das ist das Allerwichtigste. Ich gehe nämlich nie spazieren, wenn es kalt ist. Weil es mir nicht gefällt und ich weinen muss. Wegen der Kälte auf den Augäpfeln. Deswegen ist jetzt wieder Sonnenbrillenwetter für mich. Wenn jemand bei unter zehn Grad eine Frau, die mir ähnlich sieht durch Mitte laufen sieht, mit Brille auf der Nase, weil wieder der gute alte Ostwind weht, bin ich es.
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26. Dezember 2011

Tief eingetaucht in Veras Lebenslauf. Manche Tagebuchgedanken und Erkenntnisse über das eigene Schicksal, die Bestimmung, auch im Privaten, so verblüffende gedankliche Parallelen, dass ich sie einerseits hier hinschreiben wollte, andererseits die ungeschützte Darbietung scheue. Als ob der Vorhang vollkommen beiseite gezogen ist, warum die Faszination von Anfang an für mich so groß war. Dieses zutiefst Vertraute. Nun leben wir beide in Berlin, äußerst zurückgezogen, auslotend und transformierend mit der eigenen Biographie beschäftigt. Zunehmend heiter […]. Ziemlich verrückt. Wer Ihre alten Einträge in dem Buch lesen würde, könnte auf diesem Umweg begreifen, wie ich in Vielem ticke. Als ich auch noch las, dass die Insel Spetsai eine besondere Bedeutung hatte in ihrem Leben, in einer tiefen Krise, war ich nur einmal mehr fasziniert. Diese griechische Insel, die mir Anfang der Neunziger etwas bedeutete, kennt niemand, dem ich je begegnete. Sie hatte dort einen entscheidenden Unfall. Einen frei gewählten Sturz von dem die Narbe an ihrem Kinn rührt. Danach wurde vieles leichter.

Davor war ich auch sehr bewegt von einem Buch. Und noch vor jenem las ich Friedrich Holländers Von Kopf bis Fuß, aus dem ich manches zitierte. Seit vielen Jahren hatte ich noch ein zweites Buch von ihm im Regal, beide lagen seit Ende der Neunziger dort, nur kurz angelesen und beiseite gelegt, anderes vorgezogen und beide vergessen. Es war nicht die richtige Zeit, als ich sie kaufte, mir fehlte die Konzentration. Jetzt hatte ich sie. Das Buch nach Holländers Erinnerungen war ein Roman, den er 1941 schrieb, in der deutschen Übersetzung heißt er Menschliches Treibgut. Dieser Roman, zehn Jahre nach der Emigration über Paris nach Amerika geschrieben, hat mich tief bewegt. Ich hätte gar nicht gewusst, was ich daraus zitieren sollte. Der Venedig-Effekt. Man ist dort und legt den Fotoapparat nieder, weil man der Flut der Eindrücke nicht Herr wird. Was soll man zuerst belichten. Jeden Schritt, 360 Grad? Holländer schrieb das Buch auf Englisch (Those Torn from Earth), er suchte die Herausforderung mit der Sprache, aber ich las es auf Deutsch, eine sehr gute Übersetzung, die erst nach seinem Tod entstand. Und sein Ton ist wunderbar getroffen. Eine warme Empfehlung. Mehr noch als seine Autobiographie. Obwohl diese mir noch transparenter und zugänglicher machte, in welchem Ausmaß er über diese Schicksale aus eigener Erfahrung schrieb. Im Nachwort zu Menschliches Treibgut von Volker Kühn, werden die fiktiven Figuren erhellt. Wer sich dahinter verbarg. Für fast jeden Protagonisten gab es das Vorbild eines Emigranten aus Holländers Umfeld. Thomas Mann schrieb betroffen das Vorwort.

Und nun liegt ein schwerer Brocken vor mir, Albert Speers Erinnerungen, nach der Veröffentlichung 1969 innerhalb kürzester Zeit ein Bestseller. Vieles wurde später in Frage gestellt, was er zu seinen Gunsten darstellt. Einer der wenigen Nazis im Büßergewand, dem man nachsagt, er hätte sein Bedauern so geschickt in den Fokus gestellt, dass viele Fakten zu seinen Ungunsten, die er unter den Teppich kehrte, gerne verdrängt wurden. Die Deutschen brauchten nach dem Krieg eine Identifikationsfigur wie Speer. Einen guten Nazi. Dann konnte man auch sich selbst vergeben, wenn er sich vergab, wenn ihm vergeben wurde, konnte man selbst Vergebung erhoffen. Aber wie gesagt, das Buch liegt vor mir. Ich mag das gerade sehr, tieferes Verständnis für Zusammenhänge zu erlangen, in dem ich mich mit Schlüsselfiguren und historischen Schlüsselmomenten beschäftige. Das hat durchaus sehr viel mit mir und meinem eigenen Leben zu tun. Es ist kein fluchtgleiches Verreisen wie ein Tauchgang in ferne Ozeane, mir begegnet währenddessen viel, das in mir und meiner Generation und der Gegenwart fortwirkt. Und es hilft meinem Verstehen über die oftmals, vielfach tragische Dynamik, die Dramaturgie der Zeit. Und des Schicksals.

20. Dezember 2011













http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=109615
Also nun. Ich war dann auch nicht mehr kompetent, etwas auszusortieren. Ja, das sind viele Bilder. Ich will nur mal zeigen, wie ein Sportereignis im Olympiastadion durch meinen unsportlichen Blickwinkel aussieht. Meine Güte, ich war noch nie bei so was dabei. Das war wirklich schön, nicht nur weil das Wetter schön war, sondern weil dreiundfünfzigtausendirgendwas Berliner auf einen Haufen gute Stimmung verbreiten, zumal wenn die Sonne scheint und ein derartiges Großereignis am Start ist. Unproblematisch und undepressiv. Auch mal schön! Man musste nicht damit rechnen, dass der Banknachbar eine Betroffenheitsdiskussion vom Zaun bricht. Auch die Kinder waren gut drauf und haben nicht genervt, weil sie was zu gucken hatten. Putzig, wie freiwillig konzentriert die kids dem Ganzen gefolgt sind. Alles so freiwillig. Hatte alles überhaupt keine Ähnlichkeit mit meinen Erinnerungen an den Sport- und Turnunterricht mit Trillerpfeife zu Schulzeiten. Freiwillige Körperdisziplin ist eine feine Sache, scheint mir. Die beiden da unten, die am oberen Ring die Eintrittskarten checkten, sind ein Sinnbild für die Stimmung. Ach, was soll ich noch schreiben. Selber gucken. Ich hab nicht so viel herumsortiert wie sonst, da ist viel ähnliches, aber das wird schon nicht gleich Muskelkater verursachen.

18. Dezember 2011


Seit zwei Monaten keine Kamera in der Hand gehabt. Blick auf schönes, selbst gemachtes Essen, besonders gestern. So farbig, der Nachtisch. Wie ein expressives Gemälde. rosa, weiß, violett. Auch die Suppe mit der Sahne, Rote Beete, Ingwer, Tomatenmark für Orange, der Bratling aus der Pfanne. Ich schaue es an, schiebe die Schüsseln auf die kleinformatige schwarze Holzstäbchenmatte. Es sieht überall schön aus. Jeder würde den Fotoapparat holen. Bei den meisten wäre er griffbereit. Nicht hier. Soll ich Wochen später erklären, dass ich das am 17. Dezember gerührt und gebrutzelt habe? Die Kamera, die ich am liebsten nehme, ist in einer schwarzen Schachtel in einem Schrank. Eine Schachtel wie ein matter schwarzer Würfel, mit dem Signet von Versace oben. Glänzend Schwarz auf Mattschwarz. Eine große Tasse war einst darin verpackt, ein sehr stabiler Karton. Wie ein Schatulle. Ideal für die Kamera. Die Tasse geht langsam kaputt vom vielen Kaffeetrinken. Sie hat schon einen Sprung und einen halben. Ja, ich mache mir schönes Essen für den einzigen Blick von mir selbst, nicht für die Nachwelt erhalten. Doch, schon ein bißchen schade. Das hätte einen bunten Blogeintrag gegeben. Ich hätte in Farbe fotografiert. Mich habe ich auch seit September nicht mehr abgelichtet. Seit dem großen Fest der Leichtathletik, am elften September. Also schon mehr als ein Vierteljahr. Aber letztendlich bin ich auch so wahrscheinlich weltweit die Bloggerin mit den meisten Bildern von sich im Netz. Das Jahr neigt sich dem Ende, weniger als zwei Wochen noch. Ich versuche noch die Sachen hochzuladen, die da dämmern, auch wenn mir gerade der Bezug ein wenig verloren gegangen ist, auch wegen der Jahreszeit. Vielleicht gibt es am Ende ja doch noch ein Bild, ein zeitlich näheres. Und vielleicht habe ich mich auch verändert. Mal sehen.

20. Dezember 2011













http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=109615
Also nun. Ich war dann auch nicht mehr kompetent, etwas auszusortieren. Ja, das sind viele Bilder. Ich will nur mal zeigen, wie ein Sportereignis im Olympiastadion durch meinen unsportlichen Blickwinkel aussieht. Meine Güte, ich war noch nie bei so was dabei. Das war wirklich schön, nicht nur weil das Wetter schön war, sondern weil dreiundfünfzigtausendirgendwas Berliner auf einen Haufen gute Stimmung verbreiten, zumal wenn die Sonne scheint und ein derartiges Großereignis am Start ist. Unproblematisch und undepressiv. Auch mal schön! Man musste nicht damit rechnen, dass der Banknachbar eine Betroffenheitsdiskussion vom Zaun bricht. Auch die Kinder waren gut drauf und haben nicht genervt, weil sie was zu gucken hatten. Putzig, wie freiwillig konzentriert die kids dem Ganzen gefolgt sind. Alles so freiwillig. Hatte alles überhaupt keine Ähnlichkeit mit meinen Erinnerungen an den Sport- und Turnunterricht mit Trillerpfeife zu Schulzeiten. Freiwillige Körperdisziplin ist eine feine Sache, scheint mir. Die beiden da unten, die am oberen Ring die Eintrittskarten checkten, sind ein Sinnbild für die Stimmung. Ach, was soll ich noch schreiben. Selber gucken. Ich hab nicht so viel herumsortiert wie sonst, da ist viel ähnliches, aber das wird schon nicht gleich Muskelkater verursachen.

18. Dezember 2011


Seit zwei Monaten keine Kamera in der Hand gehabt. Blick auf schönes, selbst gemachtes Essen, besonders gestern. So farbig, der Nachtisch. Wie ein expressives Gemälde. rosa, weiß, violett. Auch die Suppe mit der Sahne, Rote Beete, Ingwer, Tomatenmark für Orange, der Bratling aus der Pfanne. Ich schaue es an, schiebe die Schüsseln auf die kleinformatige schwarze Holzstäbchenmatte. Es sieht überall schön aus. Jeder würde den Fotoapparat holen. Bei den meisten wäre er griffbereit. Nicht hier. Soll ich Wochen später erklären, dass ich das am 17. Dezember gerührt und gebrutzelt habe? Die Kamera, die ich am liebsten nehme, ist in einer schwarzen Schachtel in einem Schrank. Eine Schachtel wie ein matter schwarzer Würfel, mit dem Signet von Versace oben. Glänzend Schwarz auf Mattschwarz. Eine große Tasse war einst darin verpackt, ein sehr stabiler Karton. Wie ein Schatulle. Ideal für die Kamera. Die Tasse geht langsam kaputt vom vielen Kaffeetrinken. Sie hat schon einen Sprung und einen halben. Ja, ich mache mir schönes Essen für den einzigen Blick von mir selbst, nicht für die Nachwelt erhalten. Doch, schon ein bißchen schade. Das hätte einen bunten Blogeintrag gegeben. Ich hätte in Farbe fotografiert. Mich habe ich auch seit September nicht mehr abgelichtet. Seit dem großen Fest der Leichtathletik, am elften September. Also schon mehr als ein Vierteljahr. Aber letztendlich bin ich auch so wahrscheinlich weltweit die Bloggerin mit den meisten Bildern von sich im Netz. Das Jahr neigt sich dem Ende, weniger als zwei Wochen noch. Ich versuche noch die Sachen hochzuladen, die da dämmern, auch wenn mir gerade der Bezug ein wenig verloren gegangen ist, auch wegen der Jahreszeit. Vielleicht gibt es am Ende ja doch noch ein Bild, ein zeitlich näheres. Und vielleicht habe ich mich auch verändert. Mal sehen.

10. Dezember 2011

Vorhin bei Aldi entdeckt: eine Dose Kidneybohnen, vierhundertfünfundzwanzig Milliliter, für fünfunddreißig Cent. Wenn es mal hart auf hart kommt, gibt es einen Monat lang Kidneybohnen-Diät, jeden Tag eine Dose, an besonderen Festtagen auch mal zwei. Dann müsste man für die Hauptmahlzeiten pro Monat nur noch knapp zehn Euro einkalkulieren. Unglaublich. Aber okay, so weit ist es noch nicht. Ich habe sogar geschafft, das Budget der letzten Woche nicht auszuschöpfen und nun runde zehn Euro bis zum nächsten Umschlag übrig. Ha!
Auf dem Rückweg von der U-Bahn am Rosenthaler Platz über die Linienstraße in meine Straße biegend, die neuere Baustelle schräg gegenüber von meiner Hütte genauer angeschaut. Seltsame Variante von Bauzaun oder wie man das nennen soll, aus rotlackierten Hölzern, so karierte Streben, wie Raumteiler im Chinarestaurant, aber haushoch. Auf das Schild geguckt: David Chipperfield Architects. Dachte erst, die bauen da was im Auftrag in die Lücke. Wunderte mich nur, dass das Objekt nicht wie üblich beschrieben wird, mit „Wohnhaus“ oder „Apartmenthaus“ oder „Bürohaus“. Tatsächlich bauen sie das Berliner Büro des Architekten selbst. Daher keine weiteren Erklärungen am Schild. Wird bestimmt toll. Ein großartiger Architekt. Er hat unter anderem die Dolce & Gabbana Stores entworfen. Ich sehe aus dem Küchenfenster den Kran von der Baustelle, der ist auch besonders schön, kommt es mir vor. So schön, dass ich ihn schon fotografiert habe. So einen hab ich noch nie hier in der Ecke gesehen, und in meiner Ecke gab es viele Kräne in den letzten dreizehn Jahren. Wahrscheinlich der Ferrari oder Rolls Royce unter den Kränen. Ganz schön spannend, was da wohl entsteht. Man sieht nichts, nur diese hohe rote Hölzerwand, wie ein Paravent. Das Haus gefällt mir besonders gut. America’s Cup Pavillon in Valencia. Furiose Baukunst. Das Berliner Architekten Team bringt bestimmt großartige Vibrations in die Ecke schräg gegenüber. Bei visionärer Architektur schlägt mein Herz ganz hoch.

10. Dezember 2011

„Im Schmerz ist für Sentimentalität kein Platz. Nur Wehwehchen machen sentimental. Beim Äußersten an Leid hören die Schnörkel auf. Wenn man nicht seelisch krepieren will, muss man in die tiefste Tiefe des Schmerzes hinabtauchen und sich irgendwann mit beiden Beinen vom Grund abstoßen.“
Erika Pluhar
Ein lesenswertes Interview.

10. Dezember 2011

Vorhin bei Aldi entdeckt: eine Dose Kidneybohnen, vierhundertfünfundzwanzig Milliliter, für fünfunddreißig Cent. Wenn es mal hart auf hart kommt, gibt es einen Monat lang Kidneybohnen-Diät, jeden Tag eine Dose, an besonderen Festtagen auch mal zwei. Dann müsste man für die Hauptmahlzeiten pro Monat nur noch knapp zehn Euro einkalkulieren. Unglaublich. Aber okay, so weit ist es noch nicht. Ich habe sogar geschafft, das Budget der letzten Woche nicht auszuschöpfen und nun runde zehn Euro bis zum nächsten Umschlag übrig. Ha!
Auf dem Rückweg von der U-Bahn am Rosenthaler Platz über die Linienstraße in meine Straße biegend, die neuere Baustelle schräg gegenüber von meiner Hütte genauer angeschaut. Seltsame Variante von Bauzaun oder wie man das nennen soll, aus rotlackierten Hölzern, so karierte Streben, wie Raumteiler im Chinarestaurant, aber haushoch. Auf das Schild geguckt: David Chipperfield Architects. Dachte erst, die bauen da was im Auftrag in die Lücke. Wunderte mich nur, dass das Objekt nicht wie üblich beschrieben wird, mit „Wohnhaus“ oder „Apartmenthaus“ oder „Bürohaus“. Tatsächlich bauen sie das Berliner Büro des Architekten selbst. Daher keine weiteren Erklärungen am Schild. Wird bestimmt toll. Ein großartiger Architekt. Er hat unter anderem die Dolce & Gabbana Stores entworfen. Ich sehe aus dem Küchenfenster den Kran von der Baustelle, der ist auch besonders schön, kommt es mir vor. So schön, dass ich ihn schon fotografiert habe. So einen hab ich noch nie hier in der Ecke gesehen, und in meiner Ecke gab es viele Kräne in den letzten dreizehn Jahren. Wahrscheinlich der Ferrari oder Rolls Royce unter den Kränen. Ganz schön spannend, was da wohl entsteht. Man sieht nichts, nur diese hohe rote Hölzerwand, wie ein Paravent. Das Haus gefällt mir besonders gut. America’s Cup Pavillon in Valencia. Furiose Baukunst. Das Berliner Architekten Team bringt bestimmt großartige Vibrations in die Ecke schräg gegenüber. Bei visionärer Architektur schlägt mein Herz ganz hoch.

10. Dezember 2011

Zwölf Uhr neununddreißig. Wie lange brauche ich eigentlich für so einen Blogeintrag, mal gucken. Ich trödle gerade rum, weil ich gerade ausgekundschaftet habe, dass Aldi in der Brunnenstraße bis 20:00 Uhr auf hat. Die Waschmaschine macht ihre lustigen Geräusche und der Kaffee schmeckt. Gestern neuen geholt, aber nicht bei Aldi sondern bei Edeka am Hackeschen Markt. Superspar heißt der Supermarkt. Die Preise sind allerdings nicht so supersparmäßig, wie ich ja nun gelernt habe. Vier Produkte habe ich gekauft, die nicht bei Aldi erhältlich sind: 1 Kürbis, 1 Dose Kokosmilch, 1 Päckchen Lavazza-Kaffee, 1 Tüte Seitenbacher No. 107. Schon am Gemüsestand bin ich fast mit einem Mann zusammengerumpelt, aber nur fast, der mir irgendwie bekannt vorgekommen ist. Ich weiß aber nicht wo ich ihn hintun soll. Er hat mich irgendwie so vertraulich angelächelt. Man hat gemerkt, dass ich ihm wohl sympathisch bin. Ich war ein bißchen verwundert über die Reaktion, weil es schon ein bißchen mehr war als das übliche Höflichkeitslächeln, wenn man jemandem ausweicht. Vorm Kaffeeregal war er dann auch zufällig zugange und lächelt die ganze Zeit so in sich hinein. An der Kasse standen wir dann parallel an und ich hatte das Gefühl, dass er guckt, was ich gekauft habe und überhaupt. Ich komme einfach nicht drauf wo ich ihn hintun soll. Als ob ich sein Gesicht von irgendeinem Foto kenne. Oder einem Bandplakat. Er passt jedenfalls in das klassische Rockmusiker-Klischee. Der macht bestimmt was mit Musik. Einen Moment überlegte ich, ob er vielleicht Blogs liest und mich von Fotos von meinem Blog her kennt und deswegen so lächelt. Es war schon nah am Grinsen. Irritierend. Er sah ziemlich interessant aus. Attraktiv. Größer als ich und ein bißchen längere dunkle Haare, aber nicht so eine schlimme Hippie-Matte. So Typ Anthony Kiedis in älter, Ende Vierzig – obwohl der ist ja auch nicht mehr so jung. Und irgendwie so ein leichter D’Artagnan-Bart, aber nur minimal, mehr so ausgezirkelt hinrasiert. Na ja, wie auch immer. Ich war relativ ungestylt, aber in der Spiegelung der Schaufensterscheiben hab ich gesehen, dass ich auf eine unprätentiöse Art irgendwie ganz cool rübergekommen bin, mit meiner schwarzen Rocker-Lederjacke und dem schwarzen Nicki-Kapuzen-Teil drunter. Von der morgendlichen Schminke war nicht mehr viel da, aber ich war ganz souverän drauf und das hat man wohl gesehen. Schätze ich mal. Ich entwickle immer mehr so ein Lausbuben-Ego, habe ich das Gefühl. Ganz weit weg von Tussi und Dame. Mehr so Pferdestehlen. So, Eintrag fertig. Sonne blendet gerade auch, ist gerade rausgekommen. Zwölf Uhr siebenundfünfzig. Achtzehn Minuten für den Blogeintrag!

05. Dezember 2011

Warnung – sehr langer Eintrag
Mit Vernunft (…) wird die Fähigkeit des menschlichen Geistes bezeichnet, von einzelnen Beobachtungen und Erfahrungen auf universelle Zusammenhänge in der Welt zu schließen, deren Bedeutung zu erkennen und danach zu handeln – insbesondere auch im Hinblick auf die eigene Lebenssituation (…) Wikipedia

Ich bemühe mich sehr um Vernunft. Mehr als je zuvor. Vernunft kann aber auch sein, über die Stränge zu schlagen, wenn die Kraft einen oben auf der Welle trägt, zu ungeahnten Horizonten. Jetzt ist eine andere Zeit, ich erkenne das. Die Wellen sind nicht furios, nicht sensationell, eher gleichmäßig, unspektakulär. Was war eher da, die Henne oder das Ei? Die Reduktion der Ereignisse oder die Reduktion der Motivation?. Oder beides parallel. Ich glaube ja, mehr oder weniger gleichzeitig. Die Welle zog sich zurück und ich mich mit ihr. Ich kümmere mich um Dinge, die mir sehr lange keinen Gedanken wert waren. Unerwarteterweise erfahre ich bei meiner relativ jungen Beschäftigung mit Preisen für Lebenshaltungskosten eine Art Forscherglück. Ach, das klingt so beschönigend. Es ist vielleicht auch nur deshalb wahr, weil ich es nur aus einem vorübergehenden Engpass betreibe. Vor etwa fünfzehn Jahren hatte ich das auch mal, da war es aber schlimmer und schwieriger in den Griff zu bekommen. Es ist nicht existentiell, das muss man hinzufügen. Wenn man innerhalb einiger Monate mit knallharter Disziplin wieder in den grünen Bereich kommt, ohne außerordentliche Zuwendungen, ist es noch kein Desaster.
Ich war einfach sehr leichtsinnig in den letzten Jahren. Bequem auch, viel unterwegs, viele Taxifahrten, um schneller im Bett zu sein. Ich habe mir allen Ernstes Holunderbeersaft aus der Privatkelterei van Nahmen zu Butter Lindner in der Rosenthaler Straße liefern lassen, vom Catering Service. Eine ganze Kiste. Damit ich möglichst bequem, im Vorbeigehen (ich laufe jeden Tag an dem Laden vorbei) immer mal wieder ein Fläschchen holen konnte. Dass die Flasche zum Preis von knapp sieben Euro mehr als einen Euro oder sogar noch mehr teurer war als in der Feinschmecker-Abteilung von Galeria Kaufhof am Alexanderplatz, war mir die Bequemlichkeit wert. Man muss vielleicht wissen, dass der Kaufhof am Alex nur eine sehr, sehr kurze Haltestelle von dem Butter Lindner-Laden in der Rosenthaler entfernt ist. Aber: hin und zurück inclusive an der Kasse anstehen bestimmt ein halbes Stündchen Lebenszeit.
Aber was ich mache, mache ich ganz. Über die Stränge schlagen oder Klausur. Mit großem Sportsgeist habe ich mir also seit Anfang November auferlegt, mit fünfzig Euro Wirtschaftsgeld pro Woche auszukommen. Bis jetzt hat es prima geklappt. Das Wirtschaftsgeld ist für Lebensmittel und Hygieneartikel zu verwenden. Alles andere wird, bis auf meine BVG-Monatskarte, vom Konto abgebucht. Für den ganzen Dezember habe ich insgesamt 220 Euro zur Verfügung. Ich packe die fünfzig Euro-Scheine für eine Woche immer in einen Umschlag, den ich beschrifte. Ich darf nur noch einmal pro Monat zum Geldautomaten gehen und da hebe ich das ganze mir zustehende Wirtschaftsgeld in einer Transaktion ab. Was für ein Gefühl neulich, nach längerer Zeit keinen Minusbetrag mehr auf der Kontostand-Zwangsanzeige des Sparkassen-Geldautomaten zu sehen. Neuerdings hole ich mir sogar freiwillig Kontoauszüge, was ich in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren tunlichst vermieden habe.
Wenn ich dann also das Bargeld habe, gehe ich freudig meine vier bis fünf Briefumschläge für den jungfräulichen Monat beschriften. Und zukleben! Das hat mir vor vielen Jahren schon einmal aus der Misere geholfen. Die Hemmschwelle ist viel, viel größer, als wie wenn das Geld so offen Kraut und Rüben griffbereit im Portmonnaie liegt. Ich würde mich vor mir selber schämen, wenn ich vor der Zeit einen neuen Umschlag öffnen würde. Lieber verzichte ich auf etwas! Es ist ja meistens nur ein paar Tage, bis der nächste Umschlag dran ist. Und wie groß die Freude dann ist! Unter anderem bin ich ja bis vor kurzem mehr oder weniger jeden Tag in dem einen oder anderen gastronomischen Betrieb zu Gast gewesen. Und wenn es nur die durchaus preisgünstige TU Mensa war. Kleinvieh macht auch Mist. Das läppert sich!
Um auf die oben erwähnte Welle zurückzukommen: da trifft es sich ganz gut, dass meine Verfassung im Moment sowieso etwas Klösterliches hat. Das passt eigentlich alles ganz gut zusammen. Schauen, was man wirklich braucht. Ich habe noch nie zuvor einen derartigen Genuss bei einer Tasse Lavazza-Cappuccino mit einer doppelten Portion Espresso oben drauf gehabt, wie in diesen Tagen. Mein größter Luxus nunmehr! Früher: gewöhnlich! Ich habe früher nicht mitgezählt. Was für eine Vorfreude auf kleine Dinge sich entwickeln. Es ist furios. Ich bin in kürzester Zeit eine Top-Fachkraft in Sachen Preisvergleich im Lebensmittelhandel geworden. Noch vor acht Wochen hätte ich nur vage beantworten können, was ein Stück Butter kostet, wenn es preisgünstig ist. Ich habe die Sachen einfach nach Appetit, Qualität und Schönheit der Verpackung ausgeguckt, in den Wagen gelegt und an der Kasse bezahlt. Hat immer einwandfrei geklappt. Bis ich nun doch dahinter gekommen bin, dass ein signifikanter Zusammenhang zwischen meinem Desinteresse am Preisvergleich und meinem unverändert homöopathischen Kontostand bestehen könnte.
Nun habe ich zwar kein Auto aber zwei Mieten zu bezahlen. Das haut schon ganz schön rein. Über die Höhe wollen wir hier nicht sprechen. Des weiteren bin ich seit vielen Jahren im Naturschutzbund stilles, zahlendes Mitglied, damit ordentlich viele Hektar Landschaft für Biosphärenreservate gekauft werden können. Dann habe ich einen Kabelanschluss, obwohl ich seit ungefähr vier Jahren nur noch zweimal im Jahr den Fernseher anschalte. GEZ, Ehrensache. Schließlich höre ich zu gerne die Internetkonserven von Bettina Rusts sonntäglicher Radiosendung. Ob meine zwei Greenpeace Energy-Verträge für die beiden Mietobjekte nun sonderlich preisgünstig sind, weiß ich gar nicht, aber das ist für mich eher ein Politikum, eine Frage, was und auch wen man unterstützen will mit seinem Schotter. Eine Frage der Vernunft.
Sehr wohl allerdings in Frage zu stellen ist mein Vertrag für den Internetzugang. Und hier muss ich endlich Schritte einleiten. Dieser mein Vertrag widerspricht nun jedweder Vernunft. Es ist direkt peinlich zuzugeben. Ich kriege es kaum über die Tasten. Ich habe vor vielen Jahren, zu vielen Jahren, eine Flatrate für Internet und Telefon gebucht, die seinerzeit quasi der Rolls Royce unter den Internetzugängen war. Aber die Zeiten ändern sich! Damals wollte ich einfach nur das schnellste Internet wo gibt, Geld spielt keine Rolle. Sehr freundlich war der Kundendienst zu mir, schon damals waren alle möglichen Extras drin, die ich gar nicht genutzt habe. Hauptsache schnelles Internet! Nun wurden aber alle Internets auf einmal ganz schnell, nicht nur meins mit dem teuren Vertrag. Und auf einmal kam ein Anruf, dass jetzt noch ein Extra dazukommt und ob ich das haben will, der Preis wäre der gleiche.
Oder so ähnlich. Oder nein, es war noch anders, es hieß glaube ich, es gibt jetzt noch ein schnelleres Internet und da ist auch gleich automatisch so ein Entertaiment-Paket dabei, irgendwas für den Fernseher, was mich aber gar nicht interessiert hat, weil ich wollte ja immer noch nur schnelles, schnelles Internet! Also hab ich ja gesagt, mir doch egal, ob da was für den Fernseher dabei ist. Auf einmal liegt irgendwann kurz nach diesem Anruf ein Paketzusteller-Zettel im Briefkasten, ich sollte bei der Schauspieleragentur in der ersten Etage ein Paket abholen. Ich hab mich erstmal gefreut, weil man weiß ja nie, Überraschung, Überraschung! Und bei der Schauspieleragentur im ersten Stock war ich auch noch nie, vielleicht geht die Tür auf und lauter tolle prominente deutsche männliche Schauspieler stehen vor mir, die in echt unerwartet attraktiv und sympathisch ausschauen. Also nichts wie hin und das Paket geholt.
Was soll ich sagen: die Agentur-Inhaberin öffnet die Tür, hinter ihr an der Wand sehe ich lauter Schwarzweiß-Portraitfotos von Schauspielern, sie ist aber leider alleine in den Räumlichkeiten, wie es scheint, da man keine Stimmen hört. Eine sehr attraktive Brünette, die mich angetan anlächelt. Schade, dass ich keine Schauspielerin bin, bestimmt könnte sie viel für mich tun. Aber um zur Sache zu kommen: ich zeige ihr meinen Paketzettel und sie hat das Ding schon gleich griffbereit neben der Tür. Ein nicht zu kleiner Karton. Ungefähr so groß wie die Verpackung für einen ziemlich großen Videorecorder. Also DVD-Player für die Jüngeren. So Stereoanlagen-Receiver-aus-den-Achtzigern-Größe. Um es kurz zu machen: es stand unverkennbar der Name von meiner Internet-Zugang-Firma drauf. Sehr verwirrend. Ich habe es ihr aus der Hand genommen und mich mit einem besonders verbindlichen Lächeln verabschiedet. Man weiß ja nie.
Oben, im fünften Stock mache ich den Karton vorsichtig auf, obwohl ja schon drauf stand, was drin ist. Ich wollte mich nur von der Größe des gewichtigen Objekts überzeugen. Ein großer, schwerer schwarzer Kasten, mit einem eingeschweißten Umschlag mit persönlichen Zugangsdaten für dieses Entertainment-Paket. Kann man irgendwie an den Fernseher anschließen, vorausgesetzt vermutlich, man hat ein besonders neuzeitliches Modell, was ich aber bestimmt nicht besitze. Mir eigentlich auch völlig schnurz. Das Ding hat nichts extra gekostet, weil ich den Vertrag in der Einführungswoche gemacht habe, wo der Kasten umsonst dabei war. Ein Receiver quasi für Fernsehprogramme auf Abruf. So ähnlich, wie man wahrscheinlich jetzt schon seit geraumer Zeit in den Internet-Mediatheken alles mögliche anschauen kann, nur halt weltweiter und unbegrenzter, was weiß ich. Egal. Wohin mit dem Kasten? Nun hat er seit einigen Jahren seinen Platz in der Bettwäschetruhe im Schlafzimmer.
Unangeschlossen. Ich brauche das alles nicht. Es interessiert mich nicht. Ich wollte den Kasten schon verschenken, aber dann bräuchte ja derjenige so einen blöden teuren Vertrag wie ich, so eine Scheiße! Ich zahle also seit ich-weiß-nicht-wann diesen Entertainment-Quatsch für den Fernseher und habe über Jahre überhaupt nicht das immense Spar-Potenzial realisiert, wenn ich den Vertrag nur etwas schlichter halten würde. Nun fällt es mir wie Schuppen aus den Haaren! O.k. ich habe damit Arbeitsplätze gesichert, so was sage ich mir dann immer. Ist auch wichtig! Aber nun sind mal andere dran, ich habe mein Scherflein lange genug dazu beigetragen. Somit ist eines meiner nächsten Lebensziele, diesen komischen Entertainment-Internet-Vertrag meinen tatsächlichen Konsumgewohnheiten anzupassen. Damit könnte sich mein wöchentliches Wirtschaftsgeld glatt um zehn Euro erhöhen, wenn nicht mehr. So viel also zur Haushaltslage. Der Haushalt ist im Prinzip bereits konsolidiert, nun geht es darum Überschuss zu erwirtschaften.
Dann könnte ich vielleicht sogar mal wieder, so wie früher, die eine oder andere extravagante Fernreise in Betracht ziehen. Ich denke, das wird sich alles zur rechten Zeit finden. Im Moment wüsste ich sowieso noch nicht, wo ich als nächstes hinwollte. Es gibt also kein echtes Fernwehproblem. Ich habe noch so viele Bilder von früheren Reisen in mir. Das will alles wohl überlegt sein. Meine Prognose ist, wenn ich genug Extra-Geld auf dem Konto habe, und damit meine ich so viel, dass ich mir auch noch qualitativ hochwertigen Zahnersatz nach der Rückkehr leisten könnte, ohne in den roten Bereich zu kommen, ist es so weit. Dann wird sich alles fügen und plötzlich wird es einen fernen Ort geben, zu dem es mich unweigerlich zieht, ihn zu entdecken. Aber erst mal nicht.
Und das Gleiche gilt für die anderen Dinge. Menschen zu treffen, freiwillig. Mit ihnen zu sprechen. Im Moment muss ich verstehen und begreifen und sortieren. Das braucht viel Zeit. Es ist nämlich so, wenn man wie ich keine Lust auf Geplauder hat, in der Begegnung den Tiefgang sucht, kann das Gegenüber zu Recht erwarten, dass man um diese Qualität zu erreichen, von sich wesentliche Dinge preisgibt, sich offenbart. Was einen im Tiefsten bewegt. Und genau das kann ich im Augenblick nicht bieten. Es ist mir kein Bedürfnis, aus einem Schutzbedürfnis. Über manche Dinge, die man laut aussprach, denkt man später – ich hätte es gar nicht sagen sollen, nicht laut aussprechen. Ich habe es stark damit gemacht. Dem Unwürdigen dadurch Raum und Gewicht geschenkt.
Darum geht es. Darum ist es nicht immer gut, sich auszusprechen. Ich wünschte, ich hätte mich in einiger Hinsicht in den letzten Jahren weniger offenbart. Und ich wünschte, manche hätten mir manches nicht erzählt. Dinge, die ich nicht richtig fand, dass sie mein Ohr erreichten. Indiskretion aus Vertrauen. Nur gut gemeint, aber nicht gut, nicht richtig bei mir angekommen, auf einer filigranen, schwer greifbaren, vielleicht ätherischen Ebene mir nicht gut bekommen. Ich glaube, das ist ein fürchterlich langer Blogeintrag. Ich muss bestimmt ein paar Absätze reinmachen, bevor ich ihn veröffentliche. Die letzten Tage fühlte ich mich zu schwach etwas zu schreiben. Auch physisch. Deswegen ist es jetzt so viel geworden. Man muss die Gunst der Stunde nutzen. Auch beim Bloggen. Beim Schreiben. Immer. Auf der Welle reiten.

05. Dezember 2011

Warnung – sehr langer Eintrag
Mit Vernunft (…) wird die Fähigkeit des menschlichen Geistes bezeichnet, von einzelnen Beobachtungen und Erfahrungen auf universelle Zusammenhänge in der Welt zu schließen, deren Bedeutung zu erkennen und danach zu handeln – insbesondere auch im Hinblick auf die eigene Lebenssituation (…) Wikipedia

Ich bemühe mich sehr um Vernunft. Mehr als je zuvor. Vernunft kann aber auch sein, über die Stränge zu schlagen, wenn die Kraft einen oben auf der Welle trägt, zu ungeahnten Horizonten. Jetzt ist eine andere Zeit, ich erkenne das. Die Wellen sind nicht furios, nicht sensationell, eher gleichmäßig, unspektakulär. Was war eher da, die Henne oder das Ei? Die Reduktion der Ereignisse oder die Reduktion der Motivation?. Oder beides parallel. Ich glaube ja, mehr oder weniger gleichzeitig. Die Welle zog sich zurück und ich mich mit ihr. Ich kümmere mich um Dinge, die mir sehr lange keinen Gedanken wert waren. Unerwarteterweise erfahre ich bei meiner relativ jungen Beschäftigung mit Preisen für Lebenshaltungskosten eine Art Forscherglück. Ach, das klingt so beschönigend. Es ist vielleicht auch nur deshalb wahr, weil ich es nur aus einem vorübergehenden Engpass betreibe. Vor etwa fünfzehn Jahren hatte ich das auch mal, da war es aber schlimmer und schwieriger in den Griff zu bekommen. Es ist nicht existentiell, das muss man hinzufügen. Wenn man innerhalb einiger Monate mit knallharter Disziplin wieder in den grünen Bereich kommt, ohne außerordentliche Zuwendungen, ist es noch kein Desaster.
Ich war einfach sehr leichtsinnig in den letzten Jahren. Bequem auch, viel unterwegs, viele Taxifahrten, um schneller im Bett zu sein. Ich habe mir allen Ernstes Holunderbeersaft aus der Privatkelterei van Nahmen zu Butter Lindner in der Rosenthaler Straße liefern lassen, vom Catering Service. Eine ganze Kiste. Damit ich möglichst bequem, im Vorbeigehen (ich laufe jeden Tag an dem Laden vorbei) immer mal wieder ein Fläschchen holen konnte. Dass die Flasche zum Preis von knapp sieben Euro mehr als einen Euro oder sogar noch mehr teurer war als in der Feinschmecker-Abteilung von Galeria Kaufhof am Alexanderplatz, war mir die Bequemlichkeit wert. Man muss vielleicht wissen, dass der Kaufhof am Alex nur eine sehr, sehr kurze Haltestelle von dem Butter Lindner-Laden in der Rosenthaler entfernt ist. Aber: hin und zurück inclusive an der Kasse anstehen bestimmt ein halbes Stündchen Lebenszeit.
Aber was ich mache, mache ich ganz. Über die Stränge schlagen oder Klausur. Mit großem Sportsgeist habe ich mir also seit Anfang November auferlegt, mit fünfzig Euro Wirtschaftsgeld pro Woche auszukommen. Bis jetzt hat es prima geklappt. Das Wirtschaftsgeld ist für Lebensmittel und Hygieneartikel zu verwenden. Alles andere wird, bis auf meine BVG-Monatskarte, vom Konto abgebucht. Für den ganzen Dezember habe ich insgesamt 220 Euro zur Verfügung. Ich packe die fünfzig Euro-Scheine für eine Woche immer in einen Umschlag, den ich beschrifte. Ich darf nur noch einmal pro Monat zum Geldautomaten gehen und da hebe ich das ganze mir zustehende Wirtschaftsgeld in einer Transaktion ab. Was für ein Gefühl neulich, nach längerer Zeit keinen Minusbetrag mehr auf der Kontostand-Zwangsanzeige des Sparkassen-Geldautomaten zu sehen. Neuerdings hole ich mir sogar freiwillig Kontoauszüge, was ich in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren tunlichst vermieden habe.
Wenn ich dann also das Bargeld habe, gehe ich freudig meine vier bis fünf Briefumschläge für den jungfräulichen Monat beschriften. Und zukleben! Das hat mir vor vielen Jahren schon einmal aus der Misere geholfen. Die Hemmschwelle ist viel, viel größer, als wie wenn das Geld so offen Kraut und Rüben griffbereit im Portmonnaie liegt. Ich würde mich vor mir selber schämen, wenn ich vor der Zeit einen neuen Umschlag öffnen würde. Lieber verzichte ich auf etwas! Es ist ja meistens nur ein paar Tage, bis der nächste Umschlag dran ist. Und wie groß die Freude dann ist! Unter anderem bin ich ja bis vor kurzem mehr oder weniger jeden Tag in dem einen oder anderen gastronomischen Betrieb zu Gast gewesen. Und wenn es nur die durchaus preisgünstige TU Mensa war. Kleinvieh macht auch Mist. Das läppert sich!
Um auf die oben erwähnte Welle zurückzukommen: da trifft es sich ganz gut, dass meine Verfassung im Moment sowieso etwas Klösterliches hat. Das passt eigentlich alles ganz gut zusammen. Schauen, was man wirklich braucht. Ich habe noch nie zuvor einen derartigen Genuss bei einer Tasse Lavazza-Cappuccino mit einer doppelten Portion Espresso oben drauf gehabt, wie in diesen Tagen. Mein größter Luxus nunmehr! Früher: gewöhnlich! Ich habe früher nicht mitgezählt. Was für eine Vorfreude auf kleine Dinge sich entwickeln. Es ist furios. Ich bin in kürzester Zeit eine Top-Fachkraft in Sachen Preisvergleich im Lebensmittelhandel geworden. Noch vor acht Wochen hätte ich nur vage beantworten können, was ein Stück Butter kostet, wenn es preisgünstig ist. Ich habe die Sachen einfach nach Appetit, Qualität und Schönheit der Verpackung ausgeguckt, in den Wagen gelegt und an der Kasse bezahlt. Hat immer einwandfrei geklappt. Bis ich nun doch dahinter gekommen bin, dass ein signifikanter Zusammenhang zwischen meinem Desinteresse am Preisvergleich und meinem unverändert homöopathischen Kontostand bestehen könnte.
Nun habe ich zwar kein Auto aber zwei Mieten zu bezahlen. Das haut schon ganz schön rein. Über die Höhe wollen wir hier nicht sprechen. Des weiteren bin ich seit vielen Jahren im Naturschutzbund stilles, zahlendes Mitglied, damit ordentlich viele Hektar Landschaft für Biosphärenreservate gekauft werden können. Dann habe ich einen Kabelanschluss, obwohl ich seit ungefähr vier Jahren nur noch zweimal im Jahr den Fernseher anschalte. GEZ, Ehrensache. Schließlich höre ich zu gerne die Internetkonserven von Bettina Rusts sonntäglicher Radiosendung. Ob meine zwei Greenpeace Energy-Verträge für die beiden Mietobjekte nun sonderlich preisgünstig sind, weiß ich gar nicht, aber das ist für mich eher ein Politikum, eine Frage, was und auch wen man unterstützen will mit seinem Schotter. Eine Frage der Vernunft.
Sehr wohl allerdings in Frage zu stellen ist mein Vertrag für den Internetzugang. Und hier muss ich endlich Schritte einleiten. Dieser mein Vertrag widerspricht nun jedweder Vernunft. Es ist direkt peinlich zuzugeben. Ich kriege es kaum über die Tasten. Ich habe vor vielen Jahren, zu vielen Jahren, eine Flatrate für Internet und Telefon gebucht, die seinerzeit quasi der Rolls Royce unter den Internetzugängen war. Aber die Zeiten ändern sich! Damals wollte ich einfach nur das schnellste Internet wo gibt, Geld spielt keine Rolle. Sehr freundlich war der Kundendienst zu mir, schon damals waren alle möglichen Extras drin, die ich gar nicht genutzt habe. Hauptsache schnelles Internet! Nun wurden aber alle Internets auf einmal ganz schnell, nicht nur meins mit dem teuren Vertrag. Und auf einmal kam ein Anruf, dass jetzt noch ein Extra dazukommt und ob ich das haben will, der Preis wäre der gleiche.
Oder so ähnlich. Oder nein, es war noch anders, es hieß glaube ich, es gibt jetzt noch ein schnelleres Internet und da ist auch gleich automatisch so ein Entertaiment-Paket dabei, irgendwas für den Fernseher, was mich aber gar nicht interessiert hat, weil ich wollte ja immer noch nur schnelles, schnelles Internet! Also hab ich ja gesagt, mir doch egal, ob da was für den Fernseher dabei ist. Auf einmal liegt irgendwann kurz nach diesem Anruf ein Paketzusteller-Zettel im Briefkasten, ich sollte bei der Schauspieleragentur in der ersten Etage ein Paket abholen. Ich hab mich erstmal gefreut, weil man weiß ja nie, Überraschung, Überraschung! Und bei der Schauspieleragentur im ersten Stock war ich auch noch nie, vielleicht geht die Tür auf und lauter tolle prominente deutsche männliche Schauspieler stehen vor mir, die in echt unerwartet attraktiv und sympathisch ausschauen. Also nichts wie hin und das Paket geholt.
Was soll ich sagen: die Agentur-Inhaberin öffnet die Tür, hinter ihr an der Wand sehe ich lauter Schwarzweiß-Portraitfotos von Schauspielern, sie ist aber leider alleine in den Räumlichkeiten, wie es scheint, da man keine Stimmen hört. Eine sehr attraktive Brünette, die mich angetan anlächelt. Schade, dass ich keine Schauspielerin bin, bestimmt könnte sie viel für mich tun. Aber um zur Sache zu kommen: ich zeige ihr meinen Paketzettel und sie hat das Ding schon gleich griffbereit neben der Tür. Ein nicht zu kleiner Karton. Ungefähr so groß wie die Verpackung für einen ziemlich großen Videorecorder. Also DVD-Player für die Jüngeren. So Stereoanlagen-Receiver-aus-den-Achtzigern-Größe. Um es kurz zu machen: es stand unverkennbar der Name von meiner Internet-Zugang-Firma drauf. Sehr verwirrend. Ich habe es ihr aus der Hand genommen und mich mit einem besonders verbindlichen Lächeln verabschiedet. Man weiß ja nie.
Oben, im fünften Stock mache ich den Karton vorsichtig auf, obwohl ja schon drauf stand, was drin ist. Ich wollte mich nur von der Größe des gewichtigen Objekts überzeugen. Ein großer, schwerer schwarzer Kasten, mit einem eingeschweißten Umschlag mit persönlichen Zugangsdaten für dieses Entertainment-Paket. Kann man irgendwie an den Fernseher anschließen, vorausgesetzt vermutlich, man hat ein besonders neuzeitliches Modell, was ich aber bestimmt nicht besitze. Mir eigentlich auch völlig schnurz. Das Ding hat nichts extra gekostet, weil ich den Vertrag in der Einführungswoche gemacht habe, wo der Kasten umsonst dabei war. Ein Receiver quasi für Fernsehprogramme auf Abruf. So ähnlich, wie man wahrscheinlich jetzt schon seit geraumer Zeit in den Internet-Mediatheken alles mögliche anschauen kann, nur halt weltweiter und unbegrenzter, was weiß ich. Egal. Wohin mit dem Kasten? Nun hat er seit einigen Jahren seinen Platz in der Bettwäschetruhe im Schlafzimmer.
Unangeschlossen. Ich brauche das alles nicht. Es interessiert mich nicht. Ich wollte den Kasten schon verschenken, aber dann bräuchte ja derjenige so einen blöden teuren Vertrag wie ich, so eine Scheiße! Ich zahle also seit ich-weiß-nicht-wann diesen Entertainment-Quatsch für den Fernseher und habe über Jahre überhaupt nicht das immense Spar-Potenzial realisiert, wenn ich den Vertrag nur etwas schlichter halten würde. Nun fällt es mir wie Schuppen aus den Haaren! O.k. ich habe damit Arbeitsplätze gesichert, so was sage ich mir dann immer. Ist auch wichtig! Aber nun sind mal andere dran, ich habe mein Scherflein lange genug dazu beigetragen. Somit ist eines meiner nächsten Lebensziele, diesen komischen Entertainment-Internet-Vertrag meinen tatsächlichen Konsumgewohnheiten anzupassen. Damit könnte sich mein wöchentliches Wirtschaftsgeld glatt um zehn Euro erhöhen, wenn nicht mehr. So viel also zur Haushaltslage. Der Haushalt ist im Prinzip bereits konsolidiert, nun geht es darum Überschuss zu erwirtschaften.
Dann könnte ich vielleicht sogar mal wieder, so wie früher, die eine oder andere extravagante Fernreise in Betracht ziehen. Ich denke, das wird sich alles zur rechten Zeit finden. Im Moment wüsste ich sowieso noch nicht, wo ich als nächstes hinwollte. Es gibt also kein echtes Fernwehproblem. Ich habe noch so viele Bilder von früheren Reisen in mir. Das will alles wohl überlegt sein. Meine Prognose ist, wenn ich genug Extra-Geld auf dem Konto habe, und damit meine ich so viel, dass ich mir auch noch qualitativ hochwertigen Zahnersatz nach der Rückkehr leisten könnte, ohne in den roten Bereich zu kommen, ist es so weit. Dann wird sich alles fügen und plötzlich wird es einen fernen Ort geben, zu dem es mich unweigerlich zieht, ihn zu entdecken. Aber erst mal nicht.
Und das Gleiche gilt für die anderen Dinge. Menschen zu treffen, freiwillig. Mit ihnen zu sprechen. Im Moment muss ich verstehen und begreifen und sortieren. Das braucht viel Zeit. Es ist nämlich so, wenn man wie ich keine Lust auf Geplauder hat, in der Begegnung den Tiefgang sucht, kann das Gegenüber zu Recht erwarten, dass man um diese Qualität zu erreichen, von sich wesentliche Dinge preisgibt, sich offenbart. Was einen im Tiefsten bewegt. Und genau das kann ich im Augenblick nicht bieten. Es ist mir kein Bedürfnis, aus einem Schutzbedürfnis. Über manche Dinge, die man laut aussprach, denkt man später – ich hätte es gar nicht sagen sollen, nicht laut aussprechen. Ich habe es stark damit gemacht. Dem Unwürdigen dadurch Raum und Gewicht geschenkt.
Darum geht es. Darum ist es nicht immer gut, sich auszusprechen. Ich wünschte, ich hätte mich in einiger Hinsicht in den letzten Jahren weniger offenbart. Und ich wünschte, manche hätten mir manches nicht erzählt. Dinge, die ich nicht richtig fand, dass sie mein Ohr erreichten. Indiskretion aus Vertrauen. Nur gut gemeint, aber nicht gut, nicht richtig bei mir angekommen, auf einer filigranen, schwer greifbaren, vielleicht ätherischen Ebene mir nicht gut bekommen. Ich glaube, das ist ein fürchterlich langer Blogeintrag. Ich muss bestimmt ein paar Absätze reinmachen, bevor ich ihn veröffentliche. Die letzten Tage fühlte ich mich zu schwach etwas zu schreiben. Auch physisch. Deswegen ist es jetzt so viel geworden. Man muss die Gunst der Stunde nutzen. Auch beim Bloggen. Beim Schreiben. Immer. Auf der Welle reiten.

04. Dezember 2011

Das Frag den Abendwind-Lied gefällt mir noch besser. Aber da ist nicht so eine tolle Ansage* von Thomas Fritsch drin. Schon lange die alten Françoise Hardy-Schallplatten nicht mehr gehört. Françoise Hardy hat mir schon immer gut gefallen, nicht nur wie sie singt. Sie guckt immer so eigenwillig. Dass sie super aussieht, immer schon sehr modern und untussimäßig, kommt noch erschwerend hinzu. So wollte ich von klein auf werden. Hosenanzüge haben mir immer schon besser gefallen als Kostüme. Vielleicht weil die Hosenanzug-Frauen nicht nach Mutti, Tante und Kaffeeklatsch sondern mehr nach schicken Abenteuern, Safari und um-die-Welt-Reisen ausgeschaut haben. Aber ohne Drei-Wetter-Taft. Und bunte Minikleider und lange Partykleider mit wilden Paisley- und Pucci-Mustern wollte ich auch noch anziehen.

Mini und Maxi hat man damals dazu gesagt. Midi war uninteressant. Nicht Fisch, nicht Fleisch. Total spießig. Aber lange Partykleider, rückenfrei. Einfach super. Leider habe ich nie eines gehabt. Mangels Party-Einladungen in meiner Kindheit. Und später dann waren lange Partykleider auf einmal unmodern. Nie wäre man in die Disco mit langem Kleid gegangen, die Hippiezeit war auch schon vorbei. Schade. Und jetzt wo ich groß bin, läd mich auch keiner zu Parties mit langen Kleidern ein. Ganz schön blöd.
* „…im schwarzen Smoking von Yves Saint-Laurent, dem letzten Modeschrei.“

04. Dezember 2011

Das Frag den Abendwind-Lied gefällt mir noch besser. Aber da ist nicht so eine tolle Ansage* von Thomas Fritsch drin. Schon lange die alten Françoise Hardy-Schallplatten nicht mehr gehört. Françoise Hardy hat mir schon immer gut gefallen, nicht nur wie sie singt. Sie guckt immer so eigenwillig. Dass sie super aussieht, immer schon sehr modern und untussimäßig, kommt noch erschwerend hinzu. So wollte ich von klein auf werden. Hosenanzüge haben mir immer schon besser gefallen als Kostüme. Vielleicht weil die Hosenanzug-Frauen nicht nach Mutti, Tante und Kaffeeklatsch sondern mehr nach schicken Abenteuern, Safari und um-die-Welt-Reisen ausgeschaut haben. Aber ohne Drei-Wetter-Taft. Und bunte Minikleider und lange Partykleider mit wilden Paisley- und Pucci-Mustern wollte ich auch noch anziehen.

Mini und Maxi hat man damals dazu gesagt. Midi war uninteressant. Nicht Fisch, nicht Fleisch. Total spießig. Aber lange Partykleider, rückenfrei. Einfach super. Leider habe ich nie eines gehabt. Mangels Party-Einladungen in meiner Kindheit. Und später dann waren lange Partykleider auf einmal unmodern. Nie wäre man in die Disco mit langem Kleid gegangen, die Hippiezeit war auch schon vorbei. Schade. Und jetzt wo ich groß bin, läd mich auch keiner zu Parties mit langen Kleidern ein. Ganz schön blöd.
* „…im schwarzen Smoking von Yves Saint-Laurent, dem letzten Modeschrei.“

30. November 2011

»Ansonia«. Es ist eine Adresse. Wer braucht jetzt mehr als eine Adresse? Es ist ein Bett. Wer braucht jetzt mehr als ein Bett? Wer nicht aus dem Morgenmantel will, nicht über den Damm ins Bistro gehen, der hat einen Spirituskocher hinter der spanischen Wand versteckt. Wie Hanna Luke, die exilierte Schriftstellerin im vierten Stock, die in ein und demselben Topf, über dem blauen Flämmchen ihren Tee, ihre Eier und ihre Morphiumspritze abkocht. (…) Der eine wandert zum Montparnasse, zu seiner schäbigen Bleibe. Der andere zwei Querstraßen hinauf, zur Avenue Wagram. Dort macht ein Mädchen das Trottoir, ein rothaariges Mädchen, das »die Spinne« genannt wird. Sie hat einen Spezialpreis für Emigranten. Man kann bei ihr liegen, die ganze Nacht, und ihr von der Bayreuther Straße erzählen, und vom kleinen Grunewaldsee.
Friedrich Hollaender, Von Kopf bis Fuß, S. 268, 276, 277

27. November 2011


Die Protagonisten in meinen Träumen der letzten Nächte gehen immer weiter zurück in der Zeit, in meiner Biographie. Wie befremdlich, im Schlaf so lebendig Männern zu begegnen, die längst kein Teil meines Lebens mehr sind und wieder eine gemeinsame Gegenwart zu haben, mitten in der Nacht. Die Gefühle entsprechen auch nicht der Gegenwart. Der Vergangenheit auch nicht, eher so eine Melange. Unaufgeregt zwar, aber nicht annähernd so gleichgültig wie im Wachzustand. Verrückt. Zudem so scheinbar völlig unbrauchbar. Damit kann man nicht arbeiten. Es wirkt so unnütz, mit Erinnerungen aufgehalten zu werden, die keine Bedeutung für die Gegenwart mehr haben. Als ob man genötigt wird, Filme anzuschauen, die man vor zwanzig Jahren oder mehr interessant fand, aber schon seit zehn Jahren belanglos.
Wenigstens ist das Empfinden im Traum nicht so gelangweilt, immerhin. Ich erinnere mich deutlich, dass ich auf eine besitzergreifende Art den Arm um die Taille eines längst Verflossenen legte. Wir gingen nebeneinander und er hatte irgend etwas sehr Zugewandtes gesagt, eine Art Bekenntnis von unerwarteter Verbindlichkeit, das mich zu dieser Geste veranlasste. Es könnte sogar die Bekundung einer Heiratsabsicht gewesen sein, der ich zustimmte, wobei ich mich träumend über meine Zustimmung wunderte. Noch im Traum fragte ich mich einen Moment, ob es trotz des Antrages angemessen sei, jemanden so besitzergreifend mit dem Arm um die Taille zu halten und für andere sichtbar eine Straße entlangzulaufen. Wir haben das auch damals nie gemacht. Ich kann mich auch nicht erinnern, dass ich mir das gewünscht hätte. Nein, ich glaube nicht. Nicht bei ihm. Er war gerade so groß wie ich und ich hatte keine Sehnsucht nach demonstrativen, körperlichen Gunstbezeugungen in aller Öffentlichkeit. So groß war meine Liebe auch nicht. Die körperliche Verbundenheit beschränkte sich auf unsere Wohnungen, da war es völlig normal, ineinander verhakt und verschlungen auf dem Sofa oder Bett liegend einen Film zu schauen. Bei anderen vermisste ich eine umarmende Geste unterwegs aber manchmal doch. Besonders wenn es draußen kalt war. Und besonders bei einem.
Ich hatte und habe große Scheu vor demonstrativen Gesten in der Öffentlichkeit, wenn sie nicht von dem anderen ausgehen. Ich sehe es auch nicht so gerne, wenn Paare sich raumgreifend an den Händen halten und wie selbstverständlich die ganze Breite des Gehweges einnehmen. Es wirkt auch eher selten unvermeidlich innig, oft wie antrainiert und von den Frauen ausgehend, und auf eine Art demonstrativ, die ich nicht mag. Es befremdet mich sogar. Deswegen ist mir dieser eine Moment des Traums vielleicht noch als einziger so konkret erinnerbar. Auf eine prägnante Art zu abstrakt, mir so wenig entsprechend. Alles andere ist versunken.

27. November 2011


Die Protagonisten in meinen Träumen der letzten Nächte gehen immer weiter zurück in der Zeit, in meiner Biographie. Wie befremdlich, im Schlaf so lebendig Männern zu begegnen, die längst kein Teil meines Lebens mehr sind und wieder eine gemeinsame Gegenwart zu haben, mitten in der Nacht. Die Gefühle entsprechen auch nicht der Gegenwart. Der Vergangenheit auch nicht, eher so eine Melange. Unaufgeregt zwar, aber nicht annähernd so gleichgültig wie im Wachzustand. Verrückt. Zudem so scheinbar völlig unbrauchbar. Damit kann man nicht arbeiten. Es wirkt so unnütz, mit Erinnerungen aufgehalten zu werden, die keine Bedeutung für die Gegenwart mehr haben. Als ob man genötigt wird, Filme anzuschauen, die man vor zwanzig Jahren oder mehr interessant fand, aber schon seit zehn Jahren belanglos.
Wenigstens ist das Empfinden im Traum nicht so gelangweilt, immerhin. Ich erinnere mich deutlich, dass ich auf eine besitzergreifende Art den Arm um die Taille eines längst Verflossenen legte. Wir gingen nebeneinander und er hatte irgend etwas sehr Zugewandtes gesagt, eine Art Bekenntnis von unerwarteter Verbindlichkeit, das mich zu dieser Geste veranlasste. Es könnte sogar die Bekundung einer Heiratsabsicht gewesen sein, der ich zustimmte, wobei ich mich träumend über meine Zustimmung wunderte. Noch im Traum fragte ich mich einen Moment, ob es trotz des Antrages angemessen sei, jemanden so besitzergreifend mit dem Arm um die Taille zu halten und für andere sichtbar eine Straße entlangzulaufen. Wir haben das auch damals nie gemacht. Ich kann mich auch nicht erinnern, dass ich mir das gewünscht hätte. Nein, ich glaube nicht. Nicht bei ihm. Er war gerade so groß wie ich und ich hatte keine Sehnsucht nach demonstrativen, körperlichen Gunstbezeugungen in aller Öffentlichkeit. So groß war meine Liebe auch nicht. Die körperliche Verbundenheit beschränkte sich auf unsere Wohnungen, da war es völlig normal, ineinander verhakt und verschlungen auf dem Sofa oder Bett liegend einen Film zu schauen. Bei anderen vermisste ich eine umarmende Geste unterwegs aber manchmal doch. Besonders wenn es draußen kalt war. Und besonders bei einem.
Ich hatte und habe große Scheu vor demonstrativen Gesten in der Öffentlichkeit, wenn sie nicht von dem anderen ausgehen. Ich sehe es auch nicht so gerne, wenn Paare sich raumgreifend an den Händen halten und wie selbstverständlich die ganze Breite des Gehweges einnehmen. Es wirkt auch eher selten unvermeidlich innig, oft wie antrainiert und von den Frauen ausgehend, und auf eine Art demonstrativ, die ich nicht mag. Es befremdet mich sogar. Deswegen ist mir dieser eine Moment des Traums vielleicht noch als einziger so konkret erinnerbar. Auf eine prägnante Art zu abstrakt, mir so wenig entsprechend. Alles andere ist versunken.

27. November 2011

(…) Lucie Mannheim war jüdischer Herkunft und begab sich deshalb 1933 nach Großbritannien ins Exil. Sie spielte in London Theater und arbeitete beim deutschen Programm der BBC mit. Während des Krieges sprach sie oft im Rundfunk und appellierte an die Soldaten, den Krieg aufzugeben. Sie sang eine als Anti- Hitler-Version bekannte Persiflage auf Lale Andersens Lili Marleen.

Gesang: Lucie Mannheim
Ich muss heut‘ an Dich schreiben,
mir ist das Herz so schwer.
Ich muss zuhause bleiben, und lieb‘ Dich doch so sehr. Dass Du tust nur Deine Pflicht, doch trösten kann mich das ja nicht. Ich wart‘ an der Laterne. Deine Lili Marleen. Was ich still hier leide, weiß nur der Mond und ich. Einst schien er auf uns beide, nun scheint er nur auf mich. Mein Herz tut mir so bitter weh, wenn ich an der Laterne steh‘ mit meinem eig’nen Schatten. Deine Lili Marleen. Vielleicht fällst Du in Russland, vielleicht in Afrika. Doch irgendwo, da fällst Du, so will’s Dein Führer ja! Und wenn wir doch uns wiederseh’n, oh möge die Laterne steh’n, in einem andern Deutschland. Deine Lili Marleen. Der Führer ist ein Schinder, das seh’n wir hier genau, zu Waisen macht er Kinder, zur Witwe jede Frau. Und wer an allem schuld ist, den – will ich an der Laterne seh’n. Hängt ihn an die Laterne!
Deine Lili Marleen

25. November 2011

Ob ich es wagen sollte, noch einmal einen Blogeintrag zu riskieren? Bin heute zwar etwas langsam, aber dabei nicht unentspannt, vielleicht das warme Vollbad vorhin. Ich glaube, die jungen Leute nennen das gerne chillen. Komisch, es gibt mitunter aus der Jugendsprache rührende Begriffe, die mir zwar überaus geläufig sind, aber dieser Ausdruck hat es noch nie in meinen aktiven Wortschatz geschafft. Der kann sich noch so anstrengen, er schafft es einfach nicht. Wahrscheinlich ist mein Lebensstil insgesamt nicht chillig genug, es fehlen vermutlich die Anlässe für die sinnvolle Verwendung im Alltag. Noch früher hat man dazu ‚abhängen‘ gesagt. Nun ja, die Schulzeiten sind bei mir schon länger vorbei, als Abhängen noch als Variante attraktiver Freizeitgestaltung zur Auswahl stand.
Am Hackeschen Markt (eine hochfrequente wie gleichermaßen hoch frequentierte Ecke in der Mitte von Berlin, für Ortsunkundige) kleben jetzt überall große Werbeplakate für „The Voice of Germany„. Hab ich gestern auch geguckt, weil ich Lena – Quatsch – Nena gut leiden kann, und die anderen Coaches kommen auch ganz sympathisch rüber, sogar mitunter dieser Naidoo, der es sonst ausgezeichnet drauf hat, mit seiner latenten Oberlehrer-Klugscheißer-Miene und der unvermeidlichen (und für seinen speziellen Typ nicht kleidsamen) Mütze im Verbund mit entschieden zu dickem Brillengestell, nicht nur optisch meinen Langmut zu strapazieren. Die Boss-Hoss-Jungs sind anscheinend ganz okay, auch wenn ich mir keine Platte kaufen muss. Und der andere mit den längeren Haaren, dieser Brite (oder Ire?), wo ich mir den Namen nie merken kann – Raymon oder so ähnlich, wirkt in dieser Aufgabe direkt temperamentvoll, im Gegensatz zu seinen mir allerdings nur dunkel erinnerbaren Bühnenleistungen. Ach, wobei – ich kann das gar nicht beurteilen. Habe vielleicht vor fünfzehn Jahren mal ein, zwei Auftritte im Fernsehen mitgekriegt, mehr nicht. Einen Hit gab es wohl auch, an den ich mich aber auch so gar nicht erinnern kann.
Aber dass unsere Nena neuerdings Gitarre spielt, finde ich ja sehr niedlich. Hat sie vielleicht zum Fünfzigsten geschenkt gekriegt. Sieht sehr schick aus. Und die jungen Sänger im Wettbewerb recht talentiert. Aber auch die nicht mehr ganz so jungen. Schön, dass die Altersgruppe keine Rolle zu spielen scheint. Eine aus Amerika eingewanderte Sängerin ist sogar schon dreiundfünfzig und hat nach Sexy-Hexie-Manier, aber auch mit viel Stimme, ziemlich aufgemischt. Und dann dieser Charles Dings… (Nachtrag: Simmons) der das Lied von Seal gesungen hat. Alter Profi halt. Lustigerweise selber Gesangs-Coach und sehr angenehmer, besonnener Charakter scheint mir. Er kann mutmaßlich mehr als die fünf Hobby-Coaches aus der Jury zusammen. Ich vermute, sie erhoffen sich eher, von ihm zu lernen. Und dafür kriegt er ein bißchen Nachhilfeunterricht, wie er sich prominenter ins Bühnenlicht setzt. Sicher ein guter Deal für ihn. Und dann war da noch so ein introvertiert wirkender ganz arg sympathischer Josef mit einem breiten bayrischen Akzent, der mir mit seinem Gesang auch ans Herz ging und der dauernd von der innigen Bindung zu seinem Zwillingsbruder geredet hat. Man wollte gleich Zwilling sein. Den Rest habe ich schon wieder mehr oder weniger vergessen. Also nicht komplett, aber nicht so wichtig. Frau Kutschera mit dem Piratentuch hat mich vom Gesicht her ein bißchen an Nico erinnert. Sehr hübsch. Viel Stimme und Temperament auch.
Schon ein anderes Level in dieser Sendung, keine Frage. Und Sebastian Deyle oder wie der heißt, ein Soap-Star und Moderator wie ich gestern erst gelernt habe, ist ja äußerst attraktiv anzusehen. Er hat den Schlager auch ganz anmutig gesungen, hat aber nicht gelangt. Aber so peinlich wie die Klatschpresse tut, war es ja nun weiß Gott nicht. Klavier hat er auch gespielt. Und der Anzug hat toll gesessen. Ein schöner junger Mann. Eher suspekt bis unsympathisch war mir hingegen der exaltierte, leicht angekokst wirkende dunkelhäutige Sänger, der wohl schon mal Backgroundsänger bei Nena war und diktatorisch verkündet hat, er verträgt kein Nein. Ich hab den Namen vergessen. Bin zu faul auf die Seite zu gucken. Das würde meinen Chill beeinträchtigen. Ach ja – und die IKEA-Kassiererin aus Israel war auch noch sympathisch und talentiert. Na jedenfalls stehe ich da vorhin so an der Kreuzung am Hackeschen Markt an der Ampel und gucke auf die riesen Plakate mit den vier Coaches mit ihren zum Victory-Zeichen gereckten Händchen und denke so: was muss das für die beiden Berliner Jungs von Boss Hoss für ein Gefühl sein, sich in einer Reihe mit Nena und Naidoo, der alten Betschwester und diesem Raimonn oder wie er heißt so riesig und wirklich gut fotografiert überall in der City zu sehen. Schön für die beiden.

Ich nehme jetzt noch weiter gepflegt meinen Tee und esse sicher noch das eine oder andere Häppchen und lasse es sonst einen schönen ruhigen Abend in der warmen Hütte sein, an diesem historischen Tag. Jawohl, historisch. Heute jährt sich der Tag, an dem ich beschloss, für einen längeren Zeitraum dem Alkoholgenuss zu entsagen. So als Test, ob man das aushält, mental. Und um zu sehen, ob sich ungeahnte Kräfte entfalten. Ich kann schon ein Fazit ziehen. Ein strenges Jahr ist aber dann auch genug. Wenn ich am 25. November 2010 den ersten Tag auf Alkohol verzichtet habe und heute ist wieder der 25. November, dann ist das Jahr doch voll. Oder nicht sogar schon einen Tag drüber? Jedenfalls ist die Prohibition morgen beendet. Was aber nicht heißen muss, dass ich ab dann wieder trinken muss. Es wäre nur kein Sakrileg mehr.
P.S. bei der Suche nach dem Josef-Link gerade gesehen, heute gab’s ja schon die zweite Folge. Dachte, das käme nur einmal die Woche. Dann gucke ich jetzt mal die Konserve von heute.

23. November 2011

Sensationell. Wahnsinn! Ich habe gerade einen phantastischen Kommentar unter meinem vorigen Blogeintrag gehabt, der seinesgleichen sucht und als ich dabei war – aufmerksam wie ich bin – den Antwortkommentar zu verfassen und ihn speichern wollte, hieß es, der Kommentar Nr. Soundso existiert nicht mehr.
Falls jemand nicht in den kurzen Genuss dieses putzigen Feedbacks zu meiner Person gekommen ist, habe ich auf die Schnelle den noch auf meinem Monitor sichtbaren Kommentarbeitrag fix kopiert und gesichert! Mir ist einfach am Herzen gelegen zu dokumentieren, was einem im Internet an Gunstbezeugungen so widerfahren kann. Ich habe keine Ahnung, wer hinter dem Werk, ja dieser Liebeserklärung steckt, ob Mann oder Frau, wer weiß es genau („97tel“ – ob 97 das Geburtsjahr ist? Mal schnell rechnen: Vierzehnjährige, schreiben die so? Und lesen mein Blog? Ich wäre angenehm überrascht). Jedenfalls hat sich da jemand offenbar leidenschaftlich mit mir befasst. Ich stelle mir das Ganze übrigens so ein bißchen gerappt vor. Hier also nun der leider von der Verfasserin oder vom Verfasser wieder gelöschte Kommentar (Ich schreibe deswegen leider, weil ich ja gerne ein bißchen Action brauchen kann, in meinem langweiligen, erfolglosen Leben – aber lesen Sie selbst!):
~
97tel – 23. Nov, 22:23
du bist so haesslich,
du bist alt,
du bist erfolglos,
du bist so absolut erfuellt von neid und missgunst.
du hast keine Freunde,
weil du mit deiner selbstverliebtheit
dein Umfeld abstoesst und ankotzt
du feierst dich
das ist dein lebensinhalt
haelst dich fuer die groesste
du langweilst, sobald man dich kennt
der neid ist dein zweites gesicht
die bosheit das dritte
du hungerst nach zuneigung
fragst dich wieso andere geliebt werden
du nicht
deswegen spionierst du
allein aus diesem grund
um den schluessel zu finden
fuer dich
arme, einsame, gefallsuechtige gaga
die grossmaeuligen reden
was wurde wahr davon ?
die jahre schreiten ins land
du vergehst
du verfaellst
du feierst dich weiter
filmst dich weiter
wer ausser dir will dich sehen?
nicht jeder erfolglose ist ein kuenstler
Dauersozialleistungsbezug
davon zu leben ist nicht wirklich kunst
warum lehnen dich deine brueder und schwestern
aus der satanischen loge ab?
es ist leichter andere abzulehnen
bevor diese anderen dich ablehnen
das ist deine lebensphilosophie
was ist aus dir geworden?
nicht mehr
als du vor zwanzig jahren warst
was bist du?
alte, haessliche, einsame frau
blenderin
doch das gelingt nur noch im internet
wo dich niemand kennt
und dir abnehmen koennte
dass hinter dir nichts steckt
ausser boshaftigkeit
und neid
und gier
immer im mittelpunkt zu stehen
arme gaga
wenn der pc aus ist
bist du verschwunden
aus unserem leben
das ist sehr gut so
fuehre nur dich und deine blogger weiter in die irre
das entspricht dir
irre und kaputt

[ Ende des Kommentars ]
Daraufhin verfasste ich folgenden Antwortkommentar, den ich ja nun leider nicht an der ursprünglichen Stelle veröffentlichen konnte, da beim Antworten auf der Ebene des „Ur“-Kommentars auch mein Antwortkommentar durch den Verfasser des Werkes gelöscht wurde:
g a g a – 23. Nov, 23:02
Da hat aber jemand viel Zeit investiert. Ich wusste gar nicht, dass ich solche leidenschaftlichen Gedankengänge auszulösen vermag. Ich sitze ganz fasziniert davor. Auch der Rhythmus oder soll ich sagen: das Versmaß ist interessant. So viel Mühe, um mit mir ins Gericht zu gehen. Sicher haben Sie in allem Recht. Man könnte sagen: ein Steckbrief meiner Person ohne Fehl und Tadel.
Hart trifft mich allerdings der Absatz:
„nicht jeder erfolglose ist ein kuenstler
Dauersozialleistungsbezug
davon zu leben ist nicht wirklich kunst“
Das schmerzt mich insofern etwas, ja ich möchte sagen, ich fühle mich ertappt, da ich diesen Gedanken (im Bezug auf diverse Zeitg) – äh – tja – auch schon hatte. Aber Schwamm drüber.
Was Sie mir aber vielleicht noch erklären könnten, ist der vorletzte Absatz. Sie schreiben da:
„wenn der pc aus ist
bist du verschwunden
aus unserem leben“.
Ist das im Umkehrschluss so zu verstehen, dass, wenn Ihr PC angeschaltet ist, ich ein Teil von Ihrem („unserem…“) Leben (und dem Ihrer Familie?) bin und dementsprechend analog dazu „verschwunden“, wenn Sie den PC ausschalten? Ich frage auch nur deshalb, weil ich mir nicht sicher bin, ob Ihnen der Widerspruch zu den Ausführungen im (Moment, es sind so viele Absätze) siebten Absatz? (Also diesen meine ich und da insbesondere die dritte Zeile: „(…) du feierst dich weiter / filmst dich weiter / wer ausser dir will dich sehen?“) bewusst ist?
(Das frage ich mich übrigens auch immerzu: „Wer will mich sehen?“. Eine zentrale Frage, die mich außerordentlich beschäftigt.) Danke, dass Sie durch diesen komplexen, aufwändigen, ja ich möchte sagen beinah liebevollen Kommentar (aus tiefer Hass-Liebe vermute ich) das Kernproblem noch einmal ins Zentrum rücken. Vielleicht können Sie mir ja behilflich sein, meine charakterlichen Defizite zu kurieren.
Der einzige Absatz, den ich gar nicht nachvollziehen kann, ist der mit dem religiösen Bezug „warum lehnen dich deine brueder und schwestern aus der satanischen loge ab?“ Entschuldigung, dass ich jetzt hier gerade lachend vor dem Rechner sitze, ich will mich ja nicht lustig machen.
Lehnen die mich wirklich ab? Ist das so? Wer genau lehnt mich denn da ab? Vielleicht kann ich mit den „Brüdern und Schwestern“ ja mal ein Wort unter vier oder sechs Augen sprechen. Also danke noch mal. Ich freue mich über jeden Kommentar und auf bald!
Mit freundlichen Grüßen
Gaga Nielsen
P.S. Gerne dürfen Sie mir auf diesen Kommentar antworten!

[ Ende meines Kommentars ]
Sicher war es nur ein dummes Versehen, dass dieser aufwändige Kommentar so schnell wieder gelöscht wurde – eben mal auf die falsche Taste gekommen! Aber ich bin ja pfiffig in Sachen Datensicherung. Keine Ursache, gern geschehen!

25. November 2011

Ob ich es wagen sollte, noch einmal einen Blogeintrag zu riskieren? Bin heute zwar etwas langsam, aber dabei nicht unentspannt, vielleicht das warme Vollbad vorhin. Ich glaube, die jungen Leute nennen das gerne chillen. Komisch, es gibt mitunter aus der Jugendsprache rührende Begriffe, die mir zwar überaus geläufig sind, aber dieser Ausdruck hat es noch nie in meinen aktiven Wortschatz geschafft. Der kann sich noch so anstrengen, er schafft es einfach nicht. Wahrscheinlich ist mein Lebensstil insgesamt nicht chillig genug, es fehlen vermutlich die Anlässe für die sinnvolle Verwendung im Alltag. Noch früher hat man dazu ‚abhängen‘ gesagt. Nun ja, die Schulzeiten sind bei mir schon länger vorbei, als Abhängen noch als Variante attraktiver Freizeitgestaltung zur Auswahl stand.
Am Hackeschen Markt (eine hochfrequente wie gleichermaßen hoch frequentierte Ecke in der Mitte von Berlin, für Ortsunkundige) kleben jetzt überall große Werbeplakate für „The Voice of Germany„. Hab ich gestern auch geguckt, weil ich Lena – Quatsch – Nena gut leiden kann, und die anderen Coaches kommen auch ganz sympathisch rüber, sogar mitunter dieser Naidoo, der es sonst ausgezeichnet drauf hat, mit seiner latenten Oberlehrer-Klugscheißer-Miene und der unvermeidlichen (und für seinen speziellen Typ nicht kleidsamen) Mütze im Verbund mit entschieden zu dickem Brillengestell, nicht nur optisch meinen Langmut zu strapazieren. Die Boss-Hoss-Jungs sind anscheinend ganz okay, auch wenn ich mir keine Platte kaufen muss. Und der andere mit den längeren Haaren, dieser Brite (oder Ire?), wo ich mir den Namen nie merken kann – Raymon oder so ähnlich, wirkt in dieser Aufgabe direkt temperamentvoll, im Gegensatz zu seinen mir allerdings nur dunkel erinnerbaren Bühnenleistungen. Ach, wobei – ich kann das gar nicht beurteilen. Habe vielleicht vor fünfzehn Jahren mal ein, zwei Auftritte im Fernsehen mitgekriegt, mehr nicht. Einen Hit gab es wohl auch, an den ich mich aber auch so gar nicht erinnern kann.
Aber dass unsere Nena neuerdings Gitarre spielt, finde ich ja sehr niedlich. Hat sie vielleicht zum Fünfzigsten geschenkt gekriegt. Sieht sehr schick aus. Und die jungen Sänger im Wettbewerb recht talentiert. Aber auch die nicht mehr ganz so jungen. Schön, dass die Altersgruppe keine Rolle zu spielen scheint. Eine aus Amerika eingewanderte Sängerin ist sogar schon dreiundfünfzig und hat nach Sexy-Hexie-Manier, aber auch mit viel Stimme, ziemlich aufgemischt. Und dann dieser Charles Dings… (Nachtrag: Simmons) der das Lied von Seal gesungen hat. Alter Profi halt. Lustigerweise selber Gesangs-Coach und sehr angenehmer, besonnener Charakter scheint mir. Er kann mutmaßlich mehr als die fünf Hobby-Coaches aus der Jury zusammen. Ich vermute, sie erhoffen sich eher, von ihm zu lernen. Und dafür kriegt er ein bißchen Nachhilfeunterricht, wie er sich prominenter ins Bühnenlicht setzt. Sicher ein guter Deal für ihn. Und dann war da noch so ein introvertiert wirkender ganz arg sympathischer Josef mit einem breiten bayrischen Akzent, der mir mit seinem Gesang auch ans Herz ging und der dauernd von der innigen Bindung zu seinem Zwillingsbruder geredet hat. Man wollte gleich Zwilling sein. Den Rest habe ich schon wieder mehr oder weniger vergessen. Also nicht komplett, aber nicht so wichtig. Frau Kutschera mit dem Piratentuch hat mich vom Gesicht her ein bißchen an Nico erinnert. Sehr hübsch. Viel Stimme und Temperament auch.
Schon ein anderes Level in dieser Sendung, keine Frage. Und Sebastian Deyle oder wie der heißt, ein Soap-Star und Moderator wie ich gestern erst gelernt habe, ist ja äußerst attraktiv anzusehen. Er hat den Schlager auch ganz anmutig gesungen, hat aber nicht gelangt. Aber so peinlich wie die Klatschpresse tut, war es ja nun weiß Gott nicht. Klavier hat er auch gespielt. Und der Anzug hat toll gesessen. Ein schöner junger Mann. Eher suspekt bis unsympathisch war mir hingegen der exaltierte, leicht angekokst wirkende dunkelhäutige Sänger, der wohl schon mal Backgroundsänger bei Nena war und diktatorisch verkündet hat, er verträgt kein Nein. Ich hab den Namen vergessen. Bin zu faul auf die Seite zu gucken. Das würde meinen Chill beeinträchtigen. Ach ja – und die IKEA-Kassiererin aus Israel war auch noch sympathisch und talentiert. Na jedenfalls stehe ich da vorhin so an der Kreuzung am Hackeschen Markt an der Ampel und gucke auf die riesen Plakate mit den vier Coaches mit ihren zum Victory-Zeichen gereckten Händchen und denke so: was muss das für die beiden Berliner Jungs von Boss Hoss für ein Gefühl sein, sich in einer Reihe mit Nena und Naidoo, der alten Betschwester und diesem Raimonn oder wie er heißt so riesig und wirklich gut fotografiert überall in der City zu sehen. Schön für die beiden.

Ich nehme jetzt noch weiter gepflegt meinen Tee und esse sicher noch das eine oder andere Häppchen und lasse es sonst einen schönen ruhigen Abend in der warmen Hütte sein, an diesem historischen Tag. Jawohl, historisch. Heute jährt sich der Tag, an dem ich beschloss, für einen längeren Zeitraum dem Alkoholgenuss zu entsagen. So als Test, ob man das aushält, mental. Und um zu sehen, ob sich ungeahnte Kräfte entfalten. Ich kann schon ein Fazit ziehen. Ein strenges Jahr ist aber dann auch genug. Wenn ich am 25. November 2010 den ersten Tag auf Alkohol verzichtet habe und heute ist wieder der 25. November, dann ist das Jahr doch voll. Oder nicht sogar schon einen Tag drüber? Jedenfalls ist die Prohibition morgen beendet. Was aber nicht heißen muss, dass ich ab dann wieder trinken muss. Es wäre nur kein Sakrileg mehr.
P.S. bei der Suche nach dem Josef-Link gerade gesehen, heute gab’s ja schon die zweite Folge. Dachte, das käme nur einmal die Woche. Dann gucke ich jetzt mal die Konserve von heute.

20. November 2011


Janeth Jepkosgei Busienei
Hier sehen Sie den Kopf, den Halbtorso sowie die Arme und die Sonnenbrille von Janeth Jepskosgei Busienei. Auf dem Bild drunter sehen Sie die Beine und die Füße von Janeth Jepskosgei Busienei. Alle Fotos von Janeth Jepskosgei Busienei mit dem fehlenden Stück in der Mitte können Sie hier anschauen. Wer Janeth Jepskosgei Busienei genau ist und warum ich hier lauter Bilder von Janeth Jepskosgei Busienei einklebe, erkläre ich später.

Ich habe ja neulich schon angedeutet, dass ich zum großen Stadionfest der Leichtathletik gegangen bin, weil mir das Schicksal aus heiterem Himmel eine Eintrittskarte beschert hat. Das hat natürlich ganz hervorragend zu meinem aktuellen Studiengang „Leni Riefenstahl, das Olympiastadion und Ich!“ gepasst und ich habe auch gleich die Chance meines Lebens gesehen, mal so was ähnliches wie Olympia in echt zu erleben. Noch dazu in meinem persönlichen Olympiastadion! Solche Winke des Schicksals muss man einfach erkennen und nutzen. Ich hatte ja so überhaupt keine Vorstellung, was mich dort genau erwartet. Mein sportlicher Proviant war exakt auf die Sicherheitsvorschriften, die ich vorher haarklein auf der Internetseite vom großen Stadionfest nachgelesen und auswendig gelernt hatte, zugeschnitten: zwei kleine Tetrapäckchen mit Saft und einen Apfel.
Sportive, kleinformatige Kost, die in mein sportliches, improvisiertes Hüfttäschchen passte und den Flüssigkeitshaushalt regulieren würde, falls ich mich beim Zuschauen bei den verschiedenen sportlichen Disziplinen zu stark echauffieren sollte. Mein Fotoapparat musste natürlich auch noch hinein, da war also kein Spielraum mehr für hartgekochte Eier (die als potenzielle Wurfgeschosse bestimmt ohnehin streng verboten wären) oder sonstige Zwischenmahlzeiten. Als Oberbekleidung wählte ich eine sportiv geschnittene, strapazierfähige sowie pflegeleichte blaue Baumwollhose, ein Turnleibchen mit gutem Tragekomfort eines Sportbekleidungsherstellers mit toll sportlich wirkenden Streifen auf der Seite und natürlich Turnschuhe. Davon erhoffte ich mir, nicht allzu sehr als Fremdkörper unter den sicherlich zu erwartenden, größtenteils sportlich aktiven Besuchern und Athleten aufzufallen.
Dazu muss man vielleicht erwähnen, dass Turnsport, insbesondere alles, was sich gemeinhin als Leichtathletik bezeichnet, neben Mathematik und Physik nicht zu meinen Lieblingsfächern in der Schule zählte. Zur Beweisführung kann ich notfalls ein Potpourri von Schulzeugnissen mit dem Leistungsvermerk: Sport: mangelhaft vorlegen. Wobei unter mangelhaft vor allem mangelnde Beteiligung zu verstehen ist. Aber das war gestern! Seit dem elften September 2011 habe ich einen völlig neuen Zugang zur Leichtathletik. Zumindest theoretisch. Schon als ich mir das Oberteil mit den sportlichen Rallyestreifen oder wie das heißt, auf der Seite angezogen habe, ist eine Art Verwandlung in mir vorgegangen. Beim letzten prüfenden Blick in den Spiegel hatte ich den Eindruck, dass es auch für uneingeweihte Passanten sicher keinen Zweifel geben könnte, dass nur das große Stadionfest der Leichtathletik mein Ziel sein konnte. Federnden Schrittes lief ich in persönlicher Bestzeit zur S-Bahn, die mich ebenfalls in Bestzeit direkt zum Stadion fuhr. Sogar die S-Bahn war interessiert, mir den Leichathletik-Sport an diesem sonnigen Tag näher zu bringen. Sie fuhr an mehreren Haltestellen vorbei, um mich noch schneller zum Olympiastadion zu bringen. Ein Zeichen! Souverän bewegte ich mich mit der sportiv gekleideten Menge, die zum Stadion strömte.

Ich war in meinem Element! Wir waren alle eine große Familie und ich war ein Teil von ihr! Ob Groß, ob Klein: alle trugen dieselben Rallyestreifen auf der Seite. Na gut, ich will es nicht übertreiben, manchmal gab es auch Anziehsachen von anderen Turnsport-Bekleidungsherstellern mit pfiffigen Ornamenten, die ich auch schon das eine oder andere Mal bei Karstadt Sport oder in der Spitzenprofi-Abteilung von Galeria Kaufhof entdeckt hatte. Manche hatten eine schiefe Sichel auf der Mütze eingestickt oder ein kleines Raubkätzchen auf dem Sportdress. Als ich im Stadion drin war, habe ich gleich gesehen, dass ich genau die richtige Wahl getroffen hatte, mit meinem Dress. Die anderen Athleten außer mir hatten genau solche Streifen auf der Seite. Und eben auch Janeth Jepskosgei Busienei. Man muss nämlich unbedingt wissen, dass Janeth Jepskosgei Busienei eine der schnellsten Läuferinnen der ganzen Welt ist. Also der ERDE! Sie wohnt in Kenia, obwohl, so genau weiß ich gar nicht, ob sie da wohnt, sie ist ja dauernd unterwegs, aber auf jeden Fall kommt sie von da. Wie eben alle wichtigen Spitzenläufer. Nun war ich ja quasi durch meinen professionellen Partnerlook mit J.J.B. prädestiniert, mich ihr etwas näher als gewöhnlich anzunähern. Man könnte sagen: auf Augenhöhe. Wir Sportskanonen haben eben eine Antenne dafür, wo die idealen Bedingungen für das unerlässliche Warm up vor so einem wichtigen Wettkampf zu finden sind. Ich merke, der Eintrag wird schon wieder viel zu lang und der Leser hat schon wieder keine Lust weiterzulesen! Mir geht das ja auch langsam auf die Nerven, aber ich versuche es nun, WEISS GOTT! kurz zu machen!
Wir Sport-Profis stellen uns natürlich immer wieder die Frage, wie schaffen es diese Kenianer, dermaßen schnell zu laufen, obwohl sie offensichtlich keine anderen Trainingsbedingungen und die gleiche Ausrüstung wie unsereiner von demselben Hersteller haben, der auch mich und die anderen Spitzenprofis sponsert. Schauen Sie sich meine Bilder an und schon haben Sie die Antwort. Ich liefere Ihnen exklusives Herrschaftswissen, in Sachen professionelles Warm up. Die kenianische Läuferstaffel nimmt die Sache mit dem Warm up, wie sie ursprünglich gemeint war. Warm up ist ja englisch und heißt auf deutsch Wärm auf. Also Aufwärmen. Niemals war die Rede von obskuren Turn- oder Streck-Übungen, um sich bereit für den Wettkampf zu machen, das steckt in dem Wort überhaupt nicht drin. Jedenfalls Janeth Jepskosgei Busieneis Warm up vor dem Wettkampf geht dergestalt vor sich, dass sie sich mit ihren Kameradinnen und Kameraden ein sonniges Plätzchen sucht und wärmende, langärmlige Kleidung anbehält, bis es so weit ist, auch wenn es draußen sommerliche Temperaturen hat. Das wärmt ordentlich auf und während man ein wenig in der Sonne oder im Halbschatten döst, ein kleines Nickerchen macht, sammeln sich die Kräfte und der gesamte Organismus wärmt sich für den großen Wettkampf auf. Ein-, zweimal geräkelt und schon geht es mit maximaler Sprungkraft in den großen Kampf. Das macht der Löwe im Busch nicht anders und auch ich praktiziere dies mit großem Erfolg. Die Leute in Kenia sind einfach noch näher an diesem Geheimwissen dran. Aber da ich ein stark intuitiver Typ bin, habe ich mir diese Herangehensweise schon in jungen Jahren zueigen gemacht und ich denke, meine Erfolgsgeschichte spricht eine eigene Sprache.

So, das wäre also erstmal das Wichtigste in Sachen Warm up von meiner Seite. Wenn Sie sich die einzelnen Übungen noch einmal genauer, also im Detail betrachten wollen, empfehle ich Ihnen die Großansicht hier der Diaschau mit dem diesbezüglichen Lehrstoff. Außerdem möchte ich Sie insbesondere auf diese zwei Schautafeln mit einem ganz wichtigen Einführungstext hinweisen.
http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=109615
Und da das hier ja nun keine Larifiari-Veranstaltung ist, wird sich erst einmal ordentlich draußen aufgewärmt, bevor es im Stadion zur Sache geht. Sie können sich also schon mal warm anziehen.

23. November 2011

Sensationell. Wahnsinn! Ich habe gerade einen phantastischen Kommentar unter meinem vorigen Blogeintrag gehabt, der seinesgleichen sucht und als ich dabei war – aufmerksam wie ich bin – den Antwortkommentar zu verfassen und ihn speichern wollte, hieß es, der Kommentar Nr. Soundso existiert nicht mehr.
Falls jemand nicht in den kurzen Genuss dieses putzigen Feedbacks zu meiner Person gekommen ist, habe ich auf die Schnelle den noch auf meinem Monitor sichtbaren Kommentarbeitrag fix kopiert und gesichert! Mir ist einfach am Herzen gelegen zu dokumentieren, was einem im Internet an Gunstbezeugungen so widerfahren kann. Ich habe keine Ahnung, wer hinter dem Werk, ja dieser Liebeserklärung steckt, ob Mann oder Frau, wer weiß es genau („97tel“ – ob 97 das Geburtsjahr ist? Mal schnell rechnen: Vierzehnjährige, schreiben die so? Und lesen mein Blog? Ich wäre angenehm überrascht). Jedenfalls hat sich da jemand offenbar leidenschaftlich mit mir befasst. Ich stelle mir das Ganze übrigens so ein bißchen gerappt vor. Hier also nun der leider von der Verfasserin oder vom Verfasser wieder gelöschte Kommentar (Ich schreibe deswegen leider, weil ich ja gerne ein bißchen Action brauchen kann, in meinem langweiligen, erfolglosen Leben – aber lesen Sie selbst!):
~
97tel – 23. Nov, 22:23
du bist so haesslich,
du bist alt,
du bist erfolglos,
du bist so absolut erfuellt von neid und missgunst.
du hast keine Freunde,
weil du mit deiner selbstverliebtheit
dein Umfeld abstoesst und ankotzt
du feierst dich
das ist dein lebensinhalt
haelst dich fuer die groesste
du langweilst, sobald man dich kennt
der neid ist dein zweites gesicht
die bosheit das dritte
du hungerst nach zuneigung
fragst dich wieso andere geliebt werden
du nicht
deswegen spionierst du
allein aus diesem grund
um den schluessel zu finden
fuer dich
arme, einsame, gefallsuechtige gaga
die grossmaeuligen reden
was wurde wahr davon ?
die jahre schreiten ins land
du vergehst
du verfaellst
du feierst dich weiter
filmst dich weiter
wer ausser dir will dich sehen?
nicht jeder erfolglose ist ein kuenstler
Dauersozialleistungsbezug
davon zu leben ist nicht wirklich kunst
warum lehnen dich deine brueder und schwestern
aus der satanischen loge ab?
es ist leichter andere abzulehnen
bevor diese anderen dich ablehnen
das ist deine lebensphilosophie
was ist aus dir geworden?
nicht mehr
als du vor zwanzig jahren warst
was bist du?
alte, haessliche, einsame frau
blenderin
doch das gelingt nur noch im internet
wo dich niemand kennt
und dir abnehmen koennte
dass hinter dir nichts steckt
ausser boshaftigkeit
und neid
und gier
immer im mittelpunkt zu stehen
arme gaga
wenn der pc aus ist
bist du verschwunden
aus unserem leben
das ist sehr gut so
fuehre nur dich und deine blogger weiter in die irre
das entspricht dir
irre und kaputt

[ Ende des Kommentars ]
Daraufhin verfasste ich folgenden Antwortkommentar, den ich ja nun leider nicht an der ursprünglichen Stelle veröffentlichen konnte, da beim Antworten auf der Ebene des „Ur“-Kommentars auch mein Antwortkommentar durch den Verfasser des Werkes gelöscht wurde:
g a g a – 23. Nov, 23:02
Da hat aber jemand viel Zeit investiert. Ich wusste gar nicht, dass ich solche leidenschaftlichen Gedankengänge auszulösen vermag. Ich sitze ganz fasziniert davor. Auch der Rhythmus oder soll ich sagen: das Versmaß ist interessant. So viel Mühe, um mit mir ins Gericht zu gehen. Sicher haben Sie in allem Recht. Man könnte sagen: ein Steckbrief meiner Person ohne Fehl und Tadel.
Hart trifft mich allerdings der Absatz:
„nicht jeder erfolglose ist ein kuenstler
Dauersozialleistungsbezug
davon zu leben ist nicht wirklich kunst“
Das schmerzt mich insofern etwas, ja ich möchte sagen, ich fühle mich ertappt, da ich diesen Gedanken (im Bezug auf diverse Zeitg) – äh – tja – auch schon hatte. Aber Schwamm drüber.
Was Sie mir aber vielleicht noch erklären könnten, ist der vorletzte Absatz. Sie schreiben da:
„wenn der pc aus ist
bist du verschwunden
aus unserem leben“.
Ist das im Umkehrschluss so zu verstehen, dass, wenn Ihr PC angeschaltet ist, ich ein Teil von Ihrem („unserem…“) Leben (und dem Ihrer Familie?) bin und dementsprechend analog dazu „verschwunden“, wenn Sie den PC ausschalten? Ich frage auch nur deshalb, weil ich mir nicht sicher bin, ob Ihnen der Widerspruch zu den Ausführungen im (Moment, es sind so viele Absätze) siebten Absatz? (Also diesen meine ich und da insbesondere die dritte Zeile: „(…) du feierst dich weiter / filmst dich weiter / wer ausser dir will dich sehen?“) bewusst ist?
(Das frage ich mich übrigens auch immerzu: „Wer will mich sehen?“. Eine zentrale Frage, die mich außerordentlich beschäftigt.) Danke, dass Sie durch diesen komplexen, aufwändigen, ja ich möchte sagen beinah liebevollen Kommentar (aus tiefer Hass-Liebe vermute ich) das Kernproblem noch einmal ins Zentrum rücken. Vielleicht können Sie mir ja behilflich sein, meine charakterlichen Defizite zu kurieren.
Der einzige Absatz, den ich gar nicht nachvollziehen kann, ist der mit dem religiösen Bezug „warum lehnen dich deine brueder und schwestern aus der satanischen loge ab?“ Entschuldigung, dass ich jetzt hier gerade lachend vor dem Rechner sitze, ich will mich ja nicht lustig machen.
Lehnen die mich wirklich ab? Ist das so? Wer genau lehnt mich denn da ab? Vielleicht kann ich mit den „Brüdern und Schwestern“ ja mal ein Wort unter vier oder sechs Augen sprechen. Also danke noch mal. Ich freue mich über jeden Kommentar und auf bald!
Mit freundlichen Grüßen
Gaga Nielsen
P.S. Gerne dürfen Sie mir auf diesen Kommentar antworten!

[ Ende meines Kommentars ]
Sicher war es nur ein dummes Versehen, dass dieser aufwändige Kommentar so schnell wieder gelöscht wurde – eben mal auf die falsche Taste gekommen! Aber ich bin ja pfiffig in Sachen Datensicherung. Keine Ursache, gern geschehen!

22. November 2011

Oh Mein Gott, wie ich das hasse! Jetzt war einige Jahre Ruhe in unseren gehobenen, hochintellektuellen Premium-Bloggerkreisen mit diesem Stöckchen-Unfug, und nun geht die Seuche wieder los! Neuerdings kommt die Heimsuchung im neuen Gewande, als „Award“ betitelt. Alter Wein in neuen Schläuchen! Bei „Award“ denke ich – altbacken wie ich nun einmal zuweilen bin – immer noch an weitere vergoldete Trophäen für den Kaminsims meiner Villa in den Hollywood Hills. Einen zweiten Oscar zum Beispiel. Oder endlich das Bambi für das Lebenswerk. Eine goldene Kamera meinethalben. Aber nein. Es handelt sich um ein heimatloses Gespenster-Banner, das winselnd durch das Internet schwirrt. „Nimm mich mit, nimm mich mit, mir ist kalt, ich habe Hunger…! Erbarme dich, zeige ein Herz!“. Das könnte mir ja nun prinzipiell alles herzlich wurscht sein, wenn nicht ausgerechnet ein mir nicht nur zutiefst sympathischer, sondern außerdem auch noch persönlich bekannter Blog-Nachbar das Ding um die Ohren gehauen hätte. Keine Sorge, ich schlage nicht zurück und verteile nichts weiter. Denn, wie ich bereits im Kommentar bei dem lieben Schneck vermerkte: Ich hasse Kettenbriefe. Und wenn ich damit den Weltuntergang verursache und wegen mir Kinder in Afrika verhungern müssen! Ja, ich bin dann schuld, schieben Sie es einfach auf mich. Alles.
Mich aufgrund ungeheuchelter Sympathie nun aber doch irgendwie verpflichtet fühlend und schon auch weil er mich – wie ich im Übrigen finde, völlig angemessen – als „Königin des Kommentarwesens“ tituliert , habe ich mich in einer schwachen Minute hinreißen lassen, den Wunsch zu erfüllen. Man sollte wohl, soweit ich es beim Querlesen erfassen konnte, sieben Sachen verkünden, die vermutlich noch keiner über einen weiß. Oder halt jedenfalls das Internet nicht. Da ich ja in den letzten Tagen ohnehin diese seltsamen Beicht-Tendenzen entwickle, wäre der von mir angeführte Quatsch wahrscheinlich sowieso früher oder später Gegenstand eines künftigen Blogeintrages geworden. Was habe ich schon noch zu verlieren?!? Ich komme nun langsam in das Alter, wo als Motto gilt: nach mir die Sintflut! Ich werde die sieben Sachen aber nicht hier drunter kopieren. Die können Sie dann ja bei ihm lesen, wenn Sie vor Neugier brennen. Für meinen Geschmack fallen meine sieben Sachen ja fast schon unter too much information. Was man nie über George Clooney wissen wollte. Aber mir ist auf die Schnelle nichts anderes eingefallen und ich wollte es hinter mich bringen! Also: Sie sind gewarnt und ich habe meine Pflicht und Schuldigkeit getan. Und man werfe mir nicht noch vor, dass das ja alles oberflächliches Zeug ist. Ja, ich bin nun einmal Opfer des Schönheitswahns! Besser, schöner, toller! Möglicherweise handelt es sich auch um eine spätpubertäre Trotzreaktion meinerseits, da mir immer eingebläut wurde, dass es nur und ausschließlich auf die inneren Werte ankäme, Körperpflege und Reinlichkeit, ja schon auch wichtig, Kernseife! Gepflegte Kleidung, keine Löcher, keine Flecken. Was sollen sonst die Leute denken! Aber sonst: innere Werte! „Sei wie das Veilchen im Moose, sittsam bescheiden und rein, und nicht wie die stolze Rose, die immer bewundert will sein!“
Das ist eines der wenige Gedichte, dass ich aus dem Effeff auswendig aufsagen kann. Es stand nämlich zweimal in meinem Poesiealbum drin! Doppelt hält besser! Nicht, dass das Kind noch eitel wird. Manche Erziehungsbestrebungen scheinen nicht vollständig zu fruchten. Das mit der Empfehlung, in jeder Hinsicht Bescheidenheit zu demonstrieren, habe ich im Übrigen erst gewagt ein klein wenig in Frage zu stellen, als ich angefangen habe zu bloggen. Kommt mir jedenfalls gerade so vor. Auch wenn das jetzt etwas kokett oder unglaubwürdig klingen mag: ich war meine ganze Kindheit hindurch erste Anwärterin auf den Schüchternheitsaward. Mich persönlich anzusprechen hat schon gelangt und ich habe große, erschrockene Bambi-Augen gemacht, bin vor sehr viel Verlegenheit sehr rot geworden und habe feuchte Patschehändchen gekriegt. Das klingt zwar putzig und sympathisch, wenn man es erzählt, aber angefühlt hat es sich überhaupt nicht gut. Ich weiß gar nicht, ob ich mich für irgendetwas geschämt habe. Vielleicht so prinzipiell. Für die Erbsünde.
Die anderen Monsterkinder fanden es jedenfalls ungemein lustig, dass ich immer so zuverlässig, wie beim Lichtschalter-Anknipsen rot wurde vor lauter Verlegenheit und Nicht-aus-noch-ein. Und haben fein gelacht. Meine Zahnlücke war den anderen Kindern auf jeden Fall (neben noch anderen Details, auf die ich jetzt nicht näher eingehen möchte, beziehungsweise, die ich offenbar erfolgreich und ultimativ verdrängt habe und auch nicht wiedervorzuholen gedenke) ein gefundenes Fressen, um mich damit nach Herzenslust aufzuziehen. Widerworte zu geben, auf die Idee wäre ich nie gekommen. Ich war zwar innerlich so eine Mischung aus wütend, traurig und verletzt aber sich wehren war viel zu gefährlich. Das würde nur noch mehr Böses nach sich ziehen. Tritte und Schubsen. Das gab es auch schon ohne Widerworte. Zu gefährlich. „Sei wie das Veilchen im Moose, sittsam, bescheiden und rein und nicht wie…“
Als insgeheimer größter Fan der in alberne pinkfarbene Schleierhosen gekleideten, für meinen Kindergeschmack sehr hübschen und stets gut gelaunten, und zudem überall beliebten „bezaubernden Jeannie“ sowie der stark geschminkten Daliah Lavi und der kessen Suzi Quatro, welche allesamt nicht nur optische, ja man könnte sagen freche Gegenpole zu den mich umgebenden, nicht sehr farbenfrohen und auch anderweitig irgendwie unfrohen (Haus-)Frauen-Vorbildern gewertet werden dürfen, habe ich natürlich innerlich rebelliert. Im Fernseher, in der Hitparade und in der Reklame (außer in der doofen Margarine-Familie- und Waschmittelwerbung) waren lauter bunte, vogelfreie Sixties- und Seventies-Creme-21-Mädchen mit langen Haaren und quietschbunten Miniröcken, ohne ‚Kieck und Ei‘, und in der echten doofen Erwachsenenwelt wimmelte es vor bescheidenen, ältlichen Frauen mit pflegeleichter, kurz geschnittener Dauerwelle und Faltenrock, die sich ihren angeheirateten Männern unterordneten und überwiegend als Haushaltshilfe glänzten. Da wollte ich dann schon recht frühzeitig lieber in den Fernseher rein, in die pinkfarbene Zauberflaschenwelt der bezaubernden und äußerst eigenwilligen Jeannie aus Amerika. Aber habe ich es denn nötig mich zu rechtfertigen? Nein, nein und abermals nein! Aus dem Alter bin ich raus. Wenn ich in gut dreieinhalb Jahren mein fünfzigstes Wiegenfest begehe, werden sich die Widerworte wahrscheinlich ohnehin erübrigen. Alter schafft Respekt! Ich freu mich drauf. Ha! Für Fragen zu Problemzonen* stehe ich jederzeit vollumfänglich zur Verfügung. Und zuguterletzt möchte ich mich doch bei dem lieben Schneck dafür bedanken, da am Ende trotz anfänglichem Herumgemosere, die Initialzündung für einen wie ich doch finde, ganz schönen Blogeintrag herausgekommen ist.

Danke sehr, mein Lieber.
*auch geistigen

22. November 2011

Oh Mein Gott, wie ich das hasse! Jetzt war einige Jahre Ruhe in unseren gehobenen, hochintellektuellen Premium-Bloggerkreisen mit diesem Stöckchen-Unfug, und nun geht die Seuche wieder los! Neuerdings kommt die Heimsuchung im neuen Gewande, als „Award“ betitelt. Alter Wein in neuen Schläuchen! Bei „Award“ denke ich – altbacken wie ich nun einmal zuweilen bin – immer noch an weitere vergoldete Trophäen für den Kaminsims meiner Villa in den Hollywood Hills. Einen zweiten Oscar zum Beispiel. Oder endlich das Bambi für das Lebenswerk. Eine goldene Kamera meinethalben. Aber nein. Es handelt sich um ein heimatloses Gespenster-Banner, das winselnd durch das Internet schwirrt. „Nimm mich mit, nimm mich mit, mir ist kalt, ich habe Hunger…! Erbarme dich, zeige ein Herz!“. Das könnte mir ja nun prinzipiell alles herzlich wurscht sein, wenn nicht ausgerechnet ein mir nicht nur zutiefst sympathischer, sondern außerdem auch noch persönlich bekannter Blog-Nachbar das Ding um die Ohren gehauen hätte. Keine Sorge, ich schlage nicht zurück und verteile nichts weiter. Denn, wie ich bereits im Kommentar bei dem lieben Schneck vermerkte: Ich hasse Kettenbriefe. Und wenn ich damit den Weltuntergang verursache und wegen mir Kinder in Afrika verhungern müssen! Ja, ich bin dann schuld, schieben Sie es einfach auf mich. Alles.
Mich aufgrund ungeheuchelter Sympathie nun aber doch irgendwie verpflichtet fühlend und schon auch weil er mich – wie ich im Übrigen finde, völlig angemessen – als „Königin des Kommentarwesens“ tituliert , habe ich mich in einer schwachen Minute hinreißen lassen, den Wunsch zu erfüllen. Man sollte wohl, soweit ich es beim Querlesen erfassen konnte, sieben Sachen verkünden, die vermutlich noch keiner über einen weiß. Oder halt jedenfalls das Internet nicht. Da ich ja in den letzten Tagen ohnehin diese seltsamen Beicht-Tendenzen entwickle, wäre der von mir angeführte Quatsch wahrscheinlich sowieso früher oder später Gegenstand eines künftigen Blogeintrages geworden. Was habe ich schon noch zu verlieren?!? Ich komme nun langsam in das Alter, wo als Motto gilt: nach mir die Sintflut! Ich werde die sieben Sachen aber nicht hier drunter kopieren. Die können Sie dann ja bei ihm lesen, wenn Sie vor Neugier brennen. Für meinen Geschmack fallen meine sieben Sachen ja fast schon unter too much information. Was man nie über George Clooney wissen wollte. Aber mir ist auf die Schnelle nichts anderes eingefallen und ich wollte es hinter mich bringen! Also: Sie sind gewarnt und ich habe meine Pflicht und Schuldigkeit getan. Und man werfe mir nicht noch vor, dass das ja alles oberflächliches Zeug ist. Ja, ich bin nun einmal Opfer des Schönheitswahns! Besser, schöner, toller! Möglicherweise handelt es sich auch um eine spätpubertäre Trotzreaktion meinerseits, da mir immer eingebläut wurde, dass es nur und ausschließlich auf die inneren Werte ankäme, Körperpflege und Reinlichkeit, ja schon auch wichtig, Kernseife! Gepflegte Kleidung, keine Löcher, keine Flecken. Was sollen sonst die Leute denken! Aber sonst: innere Werte! „Sei wie das Veilchen im Moose, sittsam bescheiden und rein, und nicht wie die stolze Rose, die immer bewundert will sein!“
Das ist eines der wenige Gedichte, dass ich aus dem Effeff auswendig aufsagen kann. Es stand nämlich zweimal in meinem Poesiealbum drin! Doppelt hält besser! Nicht, dass das Kind noch eitel wird. Manche Erziehungsbestrebungen scheinen nicht vollständig zu fruchten. Das mit der Empfehlung, in jeder Hinsicht Bescheidenheit zu demonstrieren, habe ich im Übrigen erst gewagt ein klein wenig in Frage zu stellen, als ich angefangen habe zu bloggen. Kommt mir jedenfalls gerade so vor. Auch wenn das jetzt etwas kokett oder unglaubwürdig klingen mag: ich war meine ganze Kindheit hindurch erste Anwärterin auf den Schüchternheitsaward. Mich persönlich anzusprechen hat schon gelangt und ich habe große, erschrockene Bambi-Augen gemacht, bin vor sehr viel Verlegenheit sehr rot geworden und habe feuchte Patschehändchen gekriegt. Das klingt zwar putzig und sympathisch, wenn man es erzählt, aber angefühlt hat es sich überhaupt nicht gut. Ich weiß gar nicht, ob ich mich für irgendetwas geschämt habe. Vielleicht so prinzipiell. Für die Erbsünde.
Die anderen Monsterkinder fanden es jedenfalls ungemein lustig, dass ich immer so zuverlässig, wie beim Lichtschalter-Anknipsen rot wurde vor lauter Verlegenheit und Nicht-aus-noch-ein. Und haben fein gelacht. Meine Zahnlücke war den anderen Kindern auf jeden Fall (neben noch anderen Details, auf die ich jetzt nicht näher eingehen möchte, beziehungsweise, die ich offenbar erfolgreich und ultimativ verdrängt habe und auch nicht wiedervorzuholen gedenke) ein gefundenes Fressen, um mich damit nach Herzenslust aufzuziehen. Widerworte zu geben, auf die Idee wäre ich nie gekommen. Ich war zwar innerlich so eine Mischung aus wütend, traurig und verletzt aber sich wehren war viel zu gefährlich. Das würde nur noch mehr Böses nach sich ziehen. Tritte und Schubsen. Das gab es auch schon ohne Widerworte. Zu gefährlich. „Sei wie das Veilchen im Moose, sittsam, bescheiden und rein und nicht wie…“
Als insgeheimer größter Fan der in alberne pinkfarbene Schleierhosen gekleideten, für meinen Kindergeschmack sehr hübschen und stets gut gelaunten, und zudem überall beliebten „bezaubernden Jeannie“ sowie der stark geschminkten Daliah Lavi und der kessen Suzi Quatro, welche allesamt nicht nur optische, ja man könnte sagen freche Gegenpole zu den mich umgebenden, nicht sehr farbenfrohen und auch anderweitig irgendwie unfrohen (Haus-)Frauen-Vorbildern gewertet werden dürfen, habe ich natürlich innerlich rebelliert. Im Fernseher, in der Hitparade und in der Reklame (außer in der doofen Margarine-Familie- und Waschmittelwerbung) waren lauter bunte, vogelfreie Sixties- und Seventies-Creme-21-Mädchen mit langen Haaren und quietschbunten Miniröcken, ohne ‚Kieck und Ei‘, und in der echten doofen Erwachsenenwelt wimmelte es vor bescheidenen, ältlichen Frauen mit pflegeleichter, kurz geschnittener Dauerwelle und Faltenrock, die sich ihren angeheirateten Männern unterordneten und überwiegend als Haushaltshilfe glänzten. Da wollte ich dann schon recht frühzeitig lieber in den Fernseher rein, in die pinkfarbene Zauberflaschenwelt der bezaubernden und äußerst eigenwilligen Jeannie aus Amerika. Aber habe ich es denn nötig mich zu rechtfertigen? Nein, nein und abermals nein! Aus dem Alter bin ich raus. Wenn ich in gut dreieinhalb Jahren mein fünfzigstes Wiegenfest begehe, werden sich die Widerworte wahrscheinlich ohnehin erübrigen. Alter schafft Respekt! Ich freu mich drauf. Ha! Für Fragen zu Problemzonen* stehe ich jederzeit vollumfänglich zur Verfügung. Und zuguterletzt möchte ich mich doch bei dem lieben Schneck dafür bedanken, da am Ende trotz anfänglichem Herumgemosere, die Initialzündung für einen wie ich doch finde, ganz schönen Blogeintrag herausgekommen ist.

Danke sehr, mein Lieber.
*auch geistigen

17. November 2011

So ein Blog lässt sich ja auch wunderbar als Beichtstuhl benutzen. Macht man ja in wahrhaftiger Abgründigkeit so gut wie nie, wenn man ehrlich ist. Die kleinen Alltagsbekenntnisse, die man herausposaunt, sind meistens noch rational für andere nachvollziehbar und ethisch vertretbar. Ich habe mich soeben, obwohl ich nicht katholisch bin, im Badezimmer entschlossen, Beichte über ein abgründiges Tun meinerseits abzulegen.
BEICHTE:
Ich, Gaga Nielsen, verfolge seit circa einem halben Jahr drei Blogs, deren Schreiber mich nicht die Bohne interessieren. Ich missbrauche das akribische Studium ihrer Weblog-Einträge lediglich zur vergleichenden Analyse der möglichen Auswirkungen des laufenden Pluto-Transits. Da mir rein zufällig die Geburtsdaten zur Kenntnis kamen, als sie an anderer Stelle kommentierten, wurden sie zum Opfer einer Langzeitstudie meinerseits. Zum Teil sind mir die Schreiber oder ihre Einträge suspekt oder sogar unsympathisch. Ich lese ungeachtet dessen jeden Eintrag und Kommentar und verfolge zum Teil sogar deren Kommentartätigkeit an anderer Stelle, um zusätzliches Forschungsmaterial zur Verdichtung des jeweiligen Psychogramms zu bekommen. Zu diesen drei Weblogs kommen noch zwei Personen des öffentlichen Lebens, die mir ausgesprochen unsympathisch sind, aber ebenfalls die passende Konstellation im Geburtshoroskop aufweisen, um als Studienobjekt geeignet zu sein. Da diese beiden Personen der Öffentlichkeit in keinster Weise bloggen, bin ich auf das Studium ihrer biographischen Bewegungen durch Veröffentlichungen aus zweiter Hand, durch die Presse und in Foren angewiesen, wo diese Personen umfangreich stattfinden.
Nie im Leben käme ich auf die Idee, bei den von mir analysierten Bloggern einen Kommentar zu hinterlassen. Ich sitze ohnehin meist leicht genervt bis gelangweilt vor den mittelmäßigen Ergüssen, die vor blumigen Beschönigungen nur so strotzen. Die betreffenden Blogs bieten qualitativ einigermaßen vertretbares, wenn auch wenig aufschlussreiches Bildmaterial, aber glänzen vor allem in zwei Fällen durch systematisches Unter-den-Teppich-Kehren der vorhandenen eruptiven Vorgänge. Das Unterstellen eruptiver Vorgänge ist keine Phantasterei meinerseits, sondern tritt zu Tage, wenn man zwischen den Zeilen liest. Mich interessieren aber lediglich vorrangig diese plutonischen Bewegungen. Mal gibt es zwischendurch überraschend abgründige Offenbarungen, meistens andeutungsweise („wenn ich darüber schreiben würde, was sonst noch bei mir los ist, ich kann euch sagen!) in Nebensätzen oder einem Kommentar, die in dem einen Fall dann auch gerne wieder nach einer gewissen Zeit gelöscht oder modifiziert werden, um das Prinzip der Darstellung einer erfolgreichen Lebensdynamik zu bedienen. Sehr interessant. Haarsträubend wird es immer dann, wenn die eine Person über Zukunftspläne spricht, in denen regelmäßig eine hanebüchene Selbstüberschätzung zu Tage tritt, was das vorhandene Talent anbelangt, das Voraussetzung zur Ausführung der Pläne wäre.
Durch diese Beobachtungen durfte ich auch lernen, dass es Bloggerkreise gibt, in denen Kommentartätigkeit zu 99 Prozent inhaltlich darin besteht, sich gegenseitig einen tollen Tag, eine tolle Woche oder ein tolles Wochenende zu wünschen. Tag für Tag, Woche für Woche, Wochenende für Wochenende. So kommen erstaunlich umfangreiche Kommentaraktivitäten- und stränge zustande. Für mich natürlich langweilig, aber wenn man wissenschaftlich arbeitet, bleibt es natürlich nicht aus, in der konkreten Feldforschung auch mit undynamischem Studienmaterial zu arbeiten. Und auch das ermöglicht wiederum eine langfristige, gefestigte Aussage über das Psychogramm.
Bei dem dritten Psychogramm anhand eines Weblogs handelt es sich eher um eine indirekte Studie des Geschriebenen. In dem Fall interessiert mich nicht die bloggende Person selbst, sondern die Darstellung der Beziehung zu einer relevanten (mir ebenfalls unbekannten und nur aufgrund des zufällig entdeckten Geburtsdatums gewählten) Nativität. Sprich: die Person, die als Beziehungspartner beschrieben wird und die Befindlichkeit der Beziehung spiegelt.
Zur Beruhigung: keines meiner Studienobjekte sind mir persönlich bekannte Blogger. Ich habe keinen davon getroffen oder bei ihm oder ihr kommentiert und bin auch in keinster Weise daran interessiert.
Über mein eigenes Psychogramm wollen wir doch an dieser Stelle lieber nicht sprechen. Ich habe selbstverständlich meine AbGründe.
ENDE DER BEICHTE.

20. November 2011


Janeth Jepkosgei Busienei
Hier sehen Sie den Kopf, den Halbtorso sowie die Arme und die Sonnenbrille von Janeth Jepskosgei Busienei. Auf dem Bild drunter sehen Sie die Beine und die Füße von Janeth Jepskosgei Busienei. Alle Fotos von Janeth Jepskosgei Busienei mit dem fehlenden Stück in der Mitte können Sie hier anschauen. Wer Janeth Jepskosgei Busienei genau ist und warum ich hier lauter Bilder von Janeth Jepskosgei Busienei einklebe, erkläre ich später.

Ich habe ja neulich schon angedeutet, dass ich zum großen Stadionfest der Leichtathletik gegangen bin, weil mir das Schicksal aus heiterem Himmel eine Eintrittskarte beschert hat. Das hat natürlich ganz hervorragend zu meinem aktuellen Studiengang „Leni Riefenstahl, das Olympiastadion und Ich!“ gepasst und ich habe auch gleich die Chance meines Lebens gesehen, mal so was ähnliches wie Olympia in echt zu erleben. Noch dazu in meinem persönlichen Olympiastadion! Solche Winke des Schicksals muss man einfach erkennen und nutzen. Ich hatte ja so überhaupt keine Vorstellung, was mich dort genau erwartet. Mein sportlicher Proviant war exakt auf die Sicherheitsvorschriften, die ich vorher haarklein auf der Internetseite vom großen Stadionfest nachgelesen und auswendig gelernt hatte, zugeschnitten: zwei kleine Tetrapäckchen mit Saft und einen Apfel.
Sportive, kleinformatige Kost, die in mein sportliches, improvisiertes Hüfttäschchen passte und den Flüssigkeitshaushalt regulieren würde, falls ich mich beim Zuschauen bei den verschiedenen sportlichen Disziplinen zu stark echauffieren sollte. Mein Fotoapparat musste natürlich auch noch hinein, da war also kein Spielraum mehr für hartgekochte Eier (die als potenzielle Wurfgeschosse bestimmt ohnehin streng verboten wären) oder sonstige Zwischenmahlzeiten. Als Oberbekleidung wählte ich eine sportiv geschnittene, strapazierfähige sowie pflegeleichte blaue Baumwollhose, ein Turnleibchen mit gutem Tragekomfort eines Sportbekleidungsherstellers mit toll sportlich wirkenden Streifen auf der Seite und natürlich Turnschuhe. Davon erhoffte ich mir, nicht allzu sehr als Fremdkörper unter den sicherlich zu erwartenden, größtenteils sportlich aktiven Besuchern und Athleten aufzufallen.
Dazu muss man vielleicht erwähnen, dass Turnsport, insbesondere alles, was sich gemeinhin als Leichtathletik bezeichnet, neben Mathematik und Physik nicht zu meinen Lieblingsfächern in der Schule zählte. Zur Beweisführung kann ich notfalls ein Potpourri von Schulzeugnissen mit dem Leistungsvermerk: Sport: mangelhaft vorlegen. Wobei unter mangelhaft vor allem mangelnde Beteiligung zu verstehen ist. Aber das war gestern! Seit dem elften September 2011 habe ich einen völlig neuen Zugang zur Leichtathletik. Zumindest theoretisch. Schon als ich mir das Oberteil mit den sportlichen Rallyestreifen oder wie das heißt, auf der Seite angezogen habe, ist eine Art Verwandlung in mir vorgegangen. Beim letzten prüfenden Blick in den Spiegel hatte ich den Eindruck, dass es auch für uneingeweihte Passanten sicher keinen Zweifel geben könnte, dass nur das große Stadionfest der Leichtathletik mein Ziel sein konnte. Federnden Schrittes lief ich in persönlicher Bestzeit zur S-Bahn, die mich ebenfalls in Bestzeit direkt zum Stadion fuhr. Sogar die S-Bahn war interessiert, mir den Leichathletik-Sport an diesem sonnigen Tag näher zu bringen. Sie fuhr an mehreren Haltestellen vorbei, um mich noch schneller zum Olympiastadion zu bringen. Ein Zeichen! Souverän bewegte ich mich mit der sportiv gekleideten Menge, die zum Stadion strömte.

Ich war in meinem Element! Wir waren alle eine große Familie und ich war ein Teil von ihr! Ob Groß, ob Klein: alle trugen dieselben Rallyestreifen auf der Seite. Na gut, ich will es nicht übertreiben, manchmal gab es auch Anziehsachen von anderen Turnsport-Bekleidungsherstellern mit pfiffigen Ornamenten, die ich auch schon das eine oder andere Mal bei Karstadt Sport oder in der Spitzenprofi-Abteilung von Galeria Kaufhof entdeckt hatte. Manche hatten eine schiefe Sichel auf der Mütze eingestickt oder ein kleines Raubkätzchen auf dem Sportdress. Als ich im Stadion drin war, habe ich gleich gesehen, dass ich genau die richtige Wahl getroffen hatte, mit meinem Dress. Die anderen Athleten außer mir hatten genau solche Streifen auf der Seite. Und eben auch Janeth Jepskosgei Busienei. Man muss nämlich unbedingt wissen, dass Janeth Jepskosgei Busienei eine der schnellsten Läuferinnen der ganzen Welt ist. Also der ERDE! Sie wohnt in Kenia, obwohl, so genau weiß ich gar nicht, ob sie da wohnt, sie ist ja dauernd unterwegs, aber auf jeden Fall kommt sie von da. Wie eben alle wichtigen Spitzenläufer. Nun war ich ja quasi durch meinen professionellen Partnerlook mit J.J.B. prädestiniert, mich ihr etwas näher als gewöhnlich anzunähern. Man könnte sagen: auf Augenhöhe. Wir Sportskanonen haben eben eine Antenne dafür, wo die idealen Bedingungen für das unerlässliche Warm up vor so einem wichtigen Wettkampf zu finden sind. Ich merke, der Eintrag wird schon wieder viel zu lang und der Leser hat schon wieder keine Lust weiterzulesen! Mir geht das ja auch langsam auf die Nerven, aber ich versuche es nun, WEISS GOTT! kurz zu machen!
Wir Sport-Profis stellen uns natürlich immer wieder die Frage, wie schaffen es diese Kenianer, dermaßen schnell zu laufen, obwohl sie offensichtlich keine anderen Trainingsbedingungen und die gleiche Ausrüstung wie unsereiner von demselben Hersteller haben, der auch mich und die anderen Spitzenprofis sponsert. Schauen Sie sich meine Bilder an und schon haben Sie die Antwort. Ich liefere Ihnen exklusives Herrschaftswissen, in Sachen professionelles Warm up. Die kenianische Läuferstaffel nimmt die Sache mit dem Warm up, wie sie ursprünglich gemeint war. Warm up ist ja englisch und heißt auf deutsch Wärm auf. Also Aufwärmen. Niemals war die Rede von obskuren Turn- oder Streck-Übungen, um sich bereit für den Wettkampf zu machen, das steckt in dem Wort überhaupt nicht drin. Jedenfalls Janeth Jepskosgei Busieneis Warm up vor dem Wettkampf geht dergestalt vor sich, dass sie sich mit ihren Kameradinnen und Kameraden ein sonniges Plätzchen sucht und wärmende, langärmlige Kleidung anbehält, bis es so weit ist, auch wenn es draußen sommerliche Temperaturen hat. Das wärmt ordentlich auf und während man ein wenig in der Sonne oder im Halbschatten döst, ein kleines Nickerchen macht, sammeln sich die Kräfte und der gesamte Organismus wärmt sich für den großen Wettkampf auf. Ein-, zweimal geräkelt und schon geht es mit maximaler Sprungkraft in den großen Kampf. Das macht der Löwe im Busch nicht anders und auch ich praktiziere dies mit großem Erfolg. Die Leute in Kenia sind einfach noch näher an diesem Geheimwissen dran. Aber da ich ein stark intuitiver Typ bin, habe ich mir diese Herangehensweise schon in jungen Jahren zueigen gemacht und ich denke, meine Erfolgsgeschichte spricht eine eigene Sprache.

So, das wäre also erstmal das Wichtigste in Sachen Warm up von meiner Seite. Wenn Sie sich die einzelnen Übungen noch einmal genauer, also im Detail betrachten wollen, empfehle ich Ihnen die Großansicht hier der Diaschau mit dem diesbezüglichen Lehrstoff. Außerdem möchte ich Sie insbesondere auf diese zwei Schautafeln mit einem ganz wichtigen Einführungstext hinweisen.
http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=109615
Und da das hier ja nun keine Larifiari-Veranstaltung ist, wird sich erst einmal ordentlich draußen aufgewärmt, bevor es im Stadion zur Sache geht. Sie können sich also schon mal warm anziehen.

18. November 2011

http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=109615
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit, die Führung ist beendet, bitte begeben Sie sich zum Ausgang. Da hinten, steht groß dran: AUSGANG, EXIT. Was? Trinkgeld? Das ist aber ganz reizend von Ihnen, vielen Dank! Ich kann es gut gebrauchen, ich muss nämlich zur Zeit sparen. Aber das können Sie ja nicht wissen, weil Sie mein Blog nicht lesen. Ich mache nämlich nicht nur sagenhafte, einmalige, nie dagewesene Führungen über das Olympiagelände, sondern schreibe auch manchmal Befindlichkeitskram ins Internet hinein. Kennen Sie doch, Internet. Mit Computer. Ist ja auch nicht so wichtig. Aber das heute, war doch mal was anderes. Sie haben eine Menge neue Sachen über Berlin gelernt und ich auch. Sie müssen nämlich wissen, für mich war das auch das erste Mal, dass ich die Führung gemacht habe. Ja! Hätten Sie nicht gedacht was? Ich habe einfach ein bißchen improvisiert und Sie haben es gar nicht bemerkt. Ich bin nämlich keineswegs sonderlich sport- oder olympiainteressiert oder Nazi-Architektur-Sachverständige oder womöglich gar studierte Nationalsozialismus-Forscherin. Nichts von alledem. Naja, obwohl jetzt vielleicht schon ein bißchen!

Wissen Sie, es geht mir ähnlich wie Ihnen: Sie leben ja nun auch schon ewig und drei Tage hier in unserem schönen Berlin, das ja nun mittlerweile wieder Hauptstadt ist. Und wenn man so wie ich, wie bereits erwähnt, sparen muss, kommt man direkt auf die Idee, sich mal vor der eigenen Haustüre umzuschauen. Und da ist mir aufgefallen, dass es ziemlich viele Touristen hierher zieht. Das muss doch einen Grund haben, dachte ich so bei mir. Und dann ist da ja auch noch meine Beschäftigung mit Frau Riefenstahl, aber das wird Sie vielleicht jetzt nicht so interessieren. Dass ich keine Nazi-Freundin bin, und auch sonst nicht zu Verharmlosungen neige, müssten Sie jetzt aber eigentlich schon mitbekommen haben, wenn Sie mir gut zugehört haben. Ach, haben Sie nicht? Keine Zeit oder woanders hingeguckt? Sehen Sie, ich habe ja für alles Verständnis, man kann das ja auch alles gar nicht auf einmal verdauen. Und dann immer noch meine privaten Betrachtungen und Befindlichkeiten zwischen den vielen Erklärungen. Ich habe doch für alles Verständnis. Und sehen Sie, deshalb habe ich für Sie, für zuhause, noch einmal eine kleine Sammlung der ganzen Etappen und Geschichten unserer heutigen kleinen Führung über das historische Olympiagelände angefertigt. Vielleicht haben Sie ja doch irgendwann einmal die Ruhe. Und wenn Sie dann noch Lust haben, mir eine kleine Rückmeldung zu geben, ob es Ihnen gefallen hat, freut es mich umso mehr. Das ist mir noch lieber als Trinkgeld. Aber Trinkgeld ist natürlich auch toll! Ich werde mir gleich davon eine schöne Tasse Kaffee gönnen. Vielen Dank und:
Auf Wiedersehen

1. Intro | 2.Entry | 3.Stadion | 4.Schwimmstadion | 5.Areal | 6.Pferd | 7.Maifeld 8. Langemarck | 9. Glockenturm | 10. Glocke 1936 | 11. Kl. Marchhof | 12. EXIT

18. November 2011

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Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit, die Führung ist beendet, bitte begeben Sie sich zum Ausgang. Da hinten, steht groß dran: AUSGANG, EXIT. Was? Trinkgeld? Das ist aber ganz reizend von Ihnen, vielen Dank! Ich kann es gut gebrauchen, ich muss nämlich zur Zeit sparen. Aber das können Sie ja nicht wissen, weil Sie mein Blog nicht lesen. Ich mache nämlich nicht nur sagenhafte, einmalige, nie dagewesene Führungen über das Olympiagelände, sondern schreibe auch manchmal Befindlichkeitskram ins Internet hinein. Kennen Sie doch, Internet. Mit Computer. Ist ja auch nicht so wichtig. Aber das heute, war doch mal was anderes. Sie haben eine Menge neue Sachen über Berlin gelernt und ich auch. Sie müssen nämlich wissen, für mich war das auch das erste Mal, dass ich die Führung gemacht habe. Ja! Hätten Sie nicht gedacht was? Ich habe einfach ein bißchen improvisiert und Sie haben es gar nicht bemerkt. Ich bin nämlich keineswegs sonderlich sport- oder olympiainteressiert oder Nazi-Architektur-Sachverständige oder womöglich gar studierte Nationalsozialismus-Forscherin. Nichts von alledem. Naja, obwohl jetzt vielleicht schon ein bißchen!

Wissen Sie, es geht mir ähnlich wie Ihnen: Sie leben ja nun auch schon ewig und drei Tage hier in unserem schönen Berlin, das ja nun mittlerweile wieder Hauptstadt ist. Und wenn man so wie ich, wie bereits erwähnt, sparen muss, kommt man direkt auf die Idee, sich mal vor der eigenen Haustüre umzuschauen. Und da ist mir aufgefallen, dass es ziemlich viele Touristen hierher zieht. Das muss doch einen Grund haben, dachte ich so bei mir. Und dann ist da ja auch noch meine Beschäftigung mit Frau Riefenstahl, aber das wird Sie vielleicht jetzt nicht so interessieren. Dass ich keine Nazi-Freundin bin, und auch sonst nicht zu Verharmlosungen neige, müssten Sie jetzt aber eigentlich schon mitbekommen haben, wenn Sie mir gut zugehört haben. Ach, haben Sie nicht? Keine Zeit oder woanders hingeguckt? Sehen Sie, ich habe ja für alles Verständnis, man kann das ja auch alles gar nicht auf einmal verdauen. Und dann immer noch meine privaten Betrachtungen und Befindlichkeiten zwischen den vielen Erklärungen. Ich habe doch für alles Verständnis. Und sehen Sie, deshalb habe ich für Sie, für zuhause, noch einmal eine kleine Sammlung der ganzen Etappen und Geschichten unserer heutigen kleinen Führung über das historische Olympiagelände angefertigt. Vielleicht haben Sie ja doch irgendwann einmal die Ruhe. Und wenn Sie dann noch Lust haben, mir eine kleine Rückmeldung zu geben, ob es Ihnen gefallen hat, freut es mich umso mehr. Das ist mir noch lieber als Trinkgeld. Aber Trinkgeld ist natürlich auch toll! Ich werde mir gleich davon eine schöne Tasse Kaffee gönnen. Vielen Dank und:
Auf Wiedersehen

1. Intro | 2.Entry | 3.Stadion | 4.Schwimmstadion | 5.Areal | 6.Pferd | 7.Maifeld 8. Langemarck | 9. Glockenturm | 10. Glocke 1936 | 11. Kl. Marchhof | 12. EXIT

16. November 2011

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Wieso denn jetzt noch mehr Bilder von einer Glocke? Eine berechtigte, leicht zu beantwortende Frage. Wie man unschwer erkennen kann, hängt sie nicht im Turm. Das gewaltige, 4,28 Meter hohe Teil steht auf dem Kleinen Marchhof und ist gesprungen, als der Turm 1947 durch die britischen Streitkräfte gesprengt wurde. Bei Wikipedia heißt es, der Turm brannte und war vom Einsturz bedroht, daher die Sprengung. Wir sehen also den Wiederaufbau des Glockenturms, und eine Kopie der Glocke, nicht das Original. Es ist doch wirklich gut, wenn man Bilder macht, die man dann zuhause auf sich wirken lassen kann. Mir fiel jetzt erst, wo ich die Bilder in Ruhe betrachtete auf, dass die zweite Version der Glocke im Turm gar keine Replik ist. Die Beschriftung sieht völlig anders aus, keine Fraktur. An der Stelle wo bei der originalen Glocke die Hakenkreuze waren, ist bei der neuen Glocke nichts. Verständlich. Sogar auf der alten Glocke wurden die kleinen Hakenkreuze am unteren Rand leicht gemorpht. Ich habe auch kein Eichblatt mehr auf der neuen Glocke gesehen. Und der Adler sieht anders aus. Ganz anders. Auf der neuen Glocke ist der Adler, wie man ihn von den alten Fünfmark-Stücken kannte. Ähnlich dem, der heutzutage im Bundestag hängt. Der Adler auf der alten Glocke gefällt mir besser, er ist schlichter, archaischer. Ich meine nicht, wofür er damals herhielt, sondern die reine Silhouette und sein Ausdruck.

Ich mag Adler sehr gerne und bedaure, dass so viele Menschen damit schnöden Idioten-Nationalismus in Verbindung bringen. Das hat er nicht verdient. Der Adler hat mich schon einmal beschäftigt, zur Fußball-Weltmeisterschaft 2006, als in Berlin und auch überall sonst in Deutschland die beinah gesamte Bevölkerung im WM-Fieber war. Ein bunter Tanz aller Kulturen, die S-Bahn gefüllt mit trommelnden Fans aus aller Herren Länder, mit bunter Kriegsbemalung in ihren jeweiligen Landesfarben auf der Backe. Und die deutschen Gastgeber genauso bunt bemalt in ihren drei Farben, mittendrin. Ein großes fröhliches Fest. Die reinste Love Parade. Und da fing ich an zu bedauern, dass es keine coolen T-Shirts mit einem sexy Adler darauf gibt. Das wäre ganz nach meinem Geschmack gewesen. Man ist ja schließlich auch wer und hat einen Vogel. In dem Blogeintrag von damals sieht man ein selber entworfenes Shirt, das leider nie gedruckt wurde, weil ich keine online-Anbieter fand, die preisgünstig ein freigewähltes weißes Motiv auf Schwarz drucken konnten. Umgekehrt wäre einfach gewesen, aber ich wollte Weiß auf Schwarz! Ich hatte mir sogar eine Schablone gebastelt, in Originalgröße, um zu testen, wie es aussehen würde. Für mich war die Assoziation eher die eines grandiosen, unwiderstehlich kraftvollen Totems. Na gut, das war er für die Idioten früher auch. Aber ich meinte mehr im Geiste von Indianer spielen. Aber nicht kindermäßig, sondern cool wie Lenny Kravitz, kombiniert mit schwarzem Leder, Damals nahm ich den modernen Adler zur Vorlage. Den alten hätte ich mich nicht getraut, obwohl er schöner ist. Wer will schon für einen Nazi gehalten werden. Ich bestimmt nicht. Aber das würde man vielleicht auch mit dem neuen Adler auf der Brust. Na ja, Schwamm drüber. Aber ich finde die Idee immer noch ganz gut.

Wie schrieb ich damals so schön: „den Nazi-Deppen den Adler entreißen“. Die vergewaltigten Elemente und Symbole in einen neuen Kontext bringen. Oder in den ursprünglichen. Den sie vor dieser Ära der Gewalt und Menschenverachtung hatten. Das gilt natürlich auch für das sogenannte Hakenkreuz. Das alte Sonnensymbol, das Sonnenrad, das weiß Gott keine Erfindung der Nazis war, aber das weiß man ja heutzutage selbst mit Minimalbildung, dass die Swastika aus einem völlig anderen Kontext kommt. Wir werden sicher nicht mehr erleben, dass diese Symbole die unbefleckte Unschuld zurückerhalten, die sie verdienen. Vielleicht in fünfhundert oder tausend Jahren. Nicht, dass mich das zutiefst bekümmern würde, oder ich eine Sehnsucht hätte, diese Rune zu kritzeln. Dennoch ist es der Verlust der Gebrauchsmöglichkeit von Details unserer archaischen Herkunft. Das ist nur eine Erklärung, wieso ich mich so ungeniert vor diesem Adler zeige. Eigentlich ist es mein Adler. Ich erhebe Besitzanspruch. Mein Adler ist ein guter, kraftvoller Adler mit Weitblick, Weisheit und Verstand. Finger weg, Alt- und Neo-Nazis.

17. November 2011

So ein Blog lässt sich ja auch wunderbar als Beichtstuhl benutzen. Macht man ja in wahrhaftiger Abgründigkeit so gut wie nie, wenn man ehrlich ist. Die kleinen Alltagsbekenntnisse, die man herausposaunt, sind meistens noch rational für andere nachvollziehbar und ethisch vertretbar. Ich habe mich soeben, obwohl ich nicht katholisch bin, im Badezimmer entschlossen, Beichte über ein abgründiges Tun meinerseits abzulegen.
BEICHTE:
Ich, Gaga Nielsen, verfolge seit circa einem halben Jahr drei Blogs, deren Schreiber mich nicht die Bohne interessieren. Ich missbrauche das akribische Studium ihrer Weblog-Einträge lediglich zur vergleichenden Analyse der möglichen Auswirkungen des laufenden Pluto-Transits. Da mir rein zufällig die Geburtsdaten zur Kenntnis kamen, als sie an anderer Stelle kommentierten, wurden sie zum Opfer einer Langzeitstudie meinerseits. Zum Teil sind mir die Schreiber oder ihre Einträge suspekt oder sogar unsympathisch. Ich lese ungeachtet dessen jeden Eintrag und Kommentar und verfolge zum Teil sogar deren Kommentartätigkeit an anderer Stelle, um zusätzliches Forschungsmaterial zur Verdichtung des jeweiligen Psychogramms zu bekommen. Zu diesen drei Weblogs kommen noch zwei Personen des öffentlichen Lebens, die mir ausgesprochen unsympathisch sind, aber ebenfalls die passende Konstellation im Geburtshoroskop aufweisen, um als Studienobjekt geeignet zu sein. Da diese beiden Personen der Öffentlichkeit in keinster Weise bloggen, bin ich auf das Studium ihrer biographischen Bewegungen durch Veröffentlichungen aus zweiter Hand, durch die Presse und in Foren angewiesen, wo diese Personen umfangreich stattfinden.
Nie im Leben käme ich auf die Idee, bei den von mir analysierten Bloggern einen Kommentar zu hinterlassen. Ich sitze ohnehin meist leicht genervt bis gelangweilt vor den mittelmäßigen Ergüssen, die vor blumigen Beschönigungen nur so strotzen. Die betreffenden Blogs bieten qualitativ einigermaßen vertretbares, wenn auch wenig aufschlussreiches Bildmaterial, aber glänzen vor allem in zwei Fällen durch systematisches Unter-den-Teppich-Kehren der vorhandenen eruptiven Vorgänge. Das Unterstellen eruptiver Vorgänge ist keine Phantasterei meinerseits, sondern tritt zu Tage, wenn man zwischen den Zeilen liest. Mich interessieren aber lediglich vorrangig diese plutonischen Bewegungen. Mal gibt es zwischendurch überraschend abgründige Offenbarungen, meistens andeutungsweise („wenn ich darüber schreiben würde, was sonst noch bei mir los ist, ich kann euch sagen!) in Nebensätzen oder einem Kommentar, die in dem einen Fall dann auch gerne wieder nach einer gewissen Zeit gelöscht oder modifiziert werden, um das Prinzip der Darstellung einer erfolgreichen Lebensdynamik zu bedienen. Sehr interessant. Haarsträubend wird es immer dann, wenn die eine Person über Zukunftspläne spricht, in denen regelmäßig eine hanebüchene Selbstüberschätzung zu Tage tritt, was das vorhandene Talent anbelangt, das Voraussetzung zur Ausführung der Pläne wäre.
Durch diese Beobachtungen durfte ich auch lernen, dass es Bloggerkreise gibt, in denen Kommentartätigkeit zu 99 Prozent inhaltlich darin besteht, sich gegenseitig einen tollen Tag, eine tolle Woche oder ein tolles Wochenende zu wünschen. Tag für Tag, Woche für Woche, Wochenende für Wochenende. So kommen erstaunlich umfangreiche Kommentaraktivitäten- und stränge zustande. Für mich natürlich langweilig, aber wenn man wissenschaftlich arbeitet, bleibt es natürlich nicht aus, in der konkreten Feldforschung auch mit undynamischem Studienmaterial zu arbeiten. Und auch das ermöglicht wiederum eine langfristige, gefestigte Aussage über das Psychogramm.
Bei dem dritten Psychogramm anhand eines Weblogs handelt es sich eher um eine indirekte Studie des Geschriebenen. In dem Fall interessiert mich nicht die bloggende Person selbst, sondern die Darstellung der Beziehung zu einer relevanten (mir ebenfalls unbekannten und nur aufgrund des zufällig entdeckten Geburtsdatums gewählten) Nativität. Sprich: die Person, die als Beziehungspartner beschrieben wird und die Befindlichkeit der Beziehung spiegelt.
Zur Beruhigung: keines meiner Studienobjekte sind mir persönlich bekannte Blogger. Ich habe keinen davon getroffen oder bei ihm oder ihr kommentiert und bin auch in keinster Weise daran interessiert.
Über mein eigenes Psychogramm wollen wir doch an dieser Stelle lieber nicht sprechen. Ich habe selbstverständlich meine AbGründe.
ENDE DER BEICHTE.

17. November 2011


Der sogenannte Kleine Marchhof ist das Areal zwischen dem Maifeld und linker Hand vom Stadion. Die Historie ist für mich nicht so spannend oder relevant, der Platz hat heute keine besondere Funktion mehr. Im Gegensatz zu der Ära, bevor das ’neue‘ Olympiastadion 1934 – 1936 erbaut wurde. Da, wo heute das Stadion ist, war auch früher eine Stätte der Körperertüchtigung und athletischer Wettbewerbe, damals hieß es Deutsches Stadion, dessen Architekt Otto March war. Aber das nur am Rande. Ich habe einfach als ich der Menge der Bilder, die ich gemacht hatte, gewahr wurde, beschlossen kleinere und damit besser verdauliche Häppchen daraus zu machen und da bot sich die kleine Serie des Kleinen Marchhofs an. Auch weil das Licht und die Stimmung dort so anders war. Es war schon später Nachmittag und die Sonne stand schon tief, als ich mich langsam Richtung Ausgang bewegte. Ich dachte an die vielen griechischen Tempel, die ich in den Neunziger Jahren besucht hatte, als ich viel und gerne auf griechische Inseln reiste. Zwischen dem Franken- und dem Schwabenturm sank die Sonne so schön und reflektierte einen Abglanz in diesen verglasten Bodeneinlassungen, deren Sinn ich bis heute nicht ganz erhellt habe. Wie Solar-Paneele sind sie in den Rasen eingefügt. Es könnten auch Deckenlichter für darunter liegende Räume sein. Die Vorstellung gefällt mir. Der Kleine Marchhof. Eine kleine Etappe mit besonderem Licht. Mehr nicht.

http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=109615

17. November 2011

Meta meta. Ich schreibe mich gerade unter einem Beitrag von Frau Klugscheißer in den Kommentaren um Kopf und Kragen, falls es jemanden interessiert. Es geht um das Bloggen selbst und um Kommentaraktivitäten und nichtzuletzt um Klatschvieh, wie ich es gerne nenne. Die böse Formulierung ist nicht von mir, sondern ich habe sie irgendwann bei einem lieben Freund, dem sehr geschätzten Jochen Reinecke aufgegabelt.
Kleine Kostprobe:
– Anfang des Kommentars –
gaga, 17. November 2011, 10:33
„Insofern hat FB und Co eben einen Trend erspürt, nämlich die abzuholen, die trotz eingeschränkten Audruckrepertoires sich dennoch ausdrücken möchten und ihnen zudem Leser in Form von Freunden/Followern zu garantieren.“
Musste eben lachen, ob der Formulierung, aber so einfach ist es nicht. Eingeschränktes Ausdrucksrepertoire wird auch von vielen gepflegt, die durchaus zu mehr fähig werden, sich aber vermutlich lieber auf twittertimelines verzetteln, auf vielen Hochzeiten tanzen und hier und dort schnell mal ihre Eloquenz in 140 Zeichen unter Beweis stellen. Die meisten Twitterer wären vermutlich hochgradig beleidigt, wenn man ihnen eingeschränktes Ausdrucksrepertoire unterstellen würde, und betrachten das im Gegenteil sogar als eine Art Sport ihr sensationelles Ausdrucksrepertoire auf wenige Worte einzudampfen. Ich habe da auch überhaupt nichts dagegen und muss auch manchmal über die Äußerungen lachen, die ich allerdings nur selektionsweise von der Kaltmamsell kenne, die ja immer diese kleinen Sammlungen postet.
Ich habe im Laufe der Zeit ein bißchen schlechte Laune darüber bekommen, dass sich auf fb, wo ich das Spielchen vor ca. zwei Jahren auch mal ein paar Wochen verfolgte, Leute, die früher ausgiebig und mit schöner Regelmäßigkeit, ja Liebe bloggten, ihren Fokus dann auf fb verlegten und ihre Zeit mit dem verplempern, was sie für „vernetzen“ halten. Und auch die bloggenden Twitterer haben meist ihren Aktionsschwerpunkt massiv verlagert.
Das ist das, was ich mit Grundrauschen meine, es geht überhaupt nicht darum, sich schriftlich zu äußern, wertvolle Gedanken zu formulieren, sondern um Kontaktpflege und sich der eigenen Existenz und Wertschätzung auf einem leicht zu handelnden Niveau zu versichern.
Ist ja auch alles erlaubt und in Ordnung, wenn es sich kuschelig anfühlt. Ich darf mir überhaupt nicht herausnehmen, mich darüber zu erheben, weil ich komplett anders ticke, das sind für mich Ereignisse auf fremden Planeten. Ich schreibe in meinem Blog im Grunde Schulaufsätze, bei denen ich mir viel Mühe gebe, meine gedankliche Dynamik in Worte zu fassen. Der Unterschied zu früher (also zu Schulzeiten) ist nur, ich kann mich nicht darauf verlassen, dass jemand den Part der Lehrerin übernimmt, die sich das in Ruhe durchliest und Anmerkungen dazu macht. Und mir eine Note gibt. Das hätte ich eigentlich ganz gerne, einen dynamischen gedanklichen Ausstausch, aber das ist offenbar zu viel verlangt, der Anspruch von mir ist eindeutig zu hoch. Natürlich finde ich es schade, dass ich das Gefühl habe, mit großer Gewissenhaftigkeit an meine aufwändigen Aufsätze ranzugehen (ich rede jetzt nicht unbedingt von diesen kleineren Äußerungen zwischendurch, das geht ruckzuck, meine Gedanken rotieren sowieso immer turbomäßig) aber keine auf ähnlichem Level rotierenden Leser zu haben. Bzw. gibt es zwar welche, die den Intellekt durchaus hätten, aber sich dann nicht an einem Kommentar abarbeiten wollen. Und sei es nur „ich verfolge das mit Interesse, habe aber das Gefühl, keinen ebenbürtigen Kommentar formulieren zu können“. Ein bißchen beleidigt bin ich da auch schon, gebe ich zu, da ich ja nun bei einem Blick in die Zugriffszahlen sehe, dass es durchaus gelesen wird. Ich merke, ich muss gerade sehr aufpassen, dass ich nicht überheblich werde.
Das fängt schon da an, dass sich mir die Haare bei dem Beispiel sträuben, den Sie oben anführten. Von wegen, manche könnten eben so toll schreiben, dass sie auch über einen Furz bloggen könnten. Lassen Sie mal die Kirche im Dorf. Es wird bereits über den Furz gebloggt. Und nicht auf sensationellem literarischen Niveau. Man muss sich eben auch bei den Lesern entscheiden: will man Klatschvieh, schreibt man am besten gut verdaulichen Durchschnitt. Wenn der Fokus nicht auf intensivem Grundrauschen in Form von Plapper-Feedback liegt, kann man sich überlegen, ob man sich originärem Denken und dessen Formulierung verschreibt, aber auf quantitaves Feedback verzichtet.
Ja, die kleinen Heimaten. So ist es.
– Ende des Kommentars –

16. November 2011

http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=109615
Wieso denn jetzt noch mehr Bilder von einer Glocke? Eine berechtigte, leicht zu beantwortende Frage. Wie man unschwer erkennen kann, hängt sie nicht im Turm. Das gewaltige, 4,28 Meter hohe Teil steht auf dem Kleinen Marchhof und ist gesprungen, als der Turm 1947 durch die britischen Streitkräfte gesprengt wurde. Bei Wikipedia heißt es, der Turm brannte und war vom Einsturz bedroht, daher die Sprengung. Wir sehen also den Wiederaufbau des Glockenturms, und eine Kopie der Glocke, nicht das Original. Es ist doch wirklich gut, wenn man Bilder macht, die man dann zuhause auf sich wirken lassen kann. Mir fiel jetzt erst, wo ich die Bilder in Ruhe betrachtete auf, dass die zweite Version der Glocke im Turm gar keine Replik ist. Die Beschriftung sieht völlig anders aus, keine Fraktur. An der Stelle wo bei der originalen Glocke die Hakenkreuze waren, ist bei der neuen Glocke nichts. Verständlich. Sogar auf der alten Glocke wurden die kleinen Hakenkreuze am unteren Rand leicht gemorpht. Ich habe auch kein Eichblatt mehr auf der neuen Glocke gesehen. Und der Adler sieht anders aus. Ganz anders. Auf der neuen Glocke ist der Adler, wie man ihn von den alten Fünfmark-Stücken kannte. Ähnlich dem, der heutzutage im Bundestag hängt. Der Adler auf der alten Glocke gefällt mir besser, er ist schlichter, archaischer. Ich meine nicht, wofür er damals herhielt, sondern die reine Silhouette und sein Ausdruck.

Ich mag Adler sehr gerne und bedaure, dass so viele Menschen damit schnöden Idioten-Nationalismus in Verbindung bringen. Das hat er nicht verdient. Der Adler hat mich schon einmal beschäftigt, zur Fußball-Weltmeisterschaft 2006, als in Berlin und auch überall sonst in Deutschland die beinah gesamte Bevölkerung im WM-Fieber war. Ein bunter Tanz aller Kulturen, die S-Bahn gefüllt mit trommelnden Fans aus aller Herren Länder, mit bunter Kriegsbemalung in ihren jeweiligen Landesfarben auf der Backe. Und die deutschen Gastgeber genauso bunt bemalt in ihren drei Farben, mittendrin. Ein großes fröhliches Fest. Die reinste Love Parade. Und da fing ich an zu bedauern, dass es keine coolen T-Shirts mit einem sexy Adler darauf gibt. Das wäre ganz nach meinem Geschmack gewesen. Man ist ja schließlich auch wer und hat einen Vogel. In dem Blogeintrag von damals sieht man ein selber entworfenes Shirt, das leider nie gedruckt wurde, weil ich keine online-Anbieter fand, die preisgünstig ein freigewähltes weißes Motiv auf Schwarz drucken konnten. Umgekehrt wäre einfach gewesen, aber ich wollte Weiß auf Schwarz! Ich hatte mir sogar eine Schablone gebastelt, in Originalgröße, um zu testen, wie es aussehen würde. Für mich war die Assoziation eher die eines grandiosen, unwiderstehlich kraftvollen Totems. Na gut, das war er für die Idioten früher auch. Aber ich meinte mehr im Geiste von Indianer spielen. Aber nicht kindermäßig, sondern cool wie Lenny Kravitz, kombiniert mit schwarzem Leder, Damals nahm ich den modernen Adler zur Vorlage. Den alten hätte ich mich nicht getraut, obwohl er schöner ist. Wer will schon für einen Nazi gehalten werden. Ich bestimmt nicht. Aber das würde man vielleicht auch mit dem neuen Adler auf der Brust. Na ja, Schwamm drüber. Aber ich finde die Idee immer noch ganz gut.

Wie schrieb ich damals so schön: „den Nazi-Deppen den Adler entreißen“. Die vergewaltigten Elemente und Symbole in einen neuen Kontext bringen. Oder in den ursprünglichen. Den sie vor dieser Ära der Gewalt und Menschenverachtung hatten. Das gilt natürlich auch für das sogenannte Hakenkreuz. Das alte Sonnensymbol, das Sonnenrad, das weiß Gott keine Erfindung der Nazis war, aber das weiß man ja heutzutage selbst mit Minimalbildung, dass die Swastika aus einem völlig anderen Kontext kommt. Wir werden sicher nicht mehr erleben, dass diese Symbole die unbefleckte Unschuld zurückerhalten, die sie verdienen. Vielleicht in fünfhundert oder tausend Jahren. Nicht, dass mich das zutiefst bekümmern würde, oder ich eine Sehnsucht hätte, diese Rune zu kritzeln. Dennoch ist es der Verlust der Gebrauchsmöglichkeit von Details unserer archaischen Herkunft. Das ist nur eine Erklärung, wieso ich mich so ungeniert vor diesem Adler zeige. Eigentlich ist es mein Adler. Ich erhebe Besitzanspruch. Mein Adler ist ein guter, kraftvoller Adler mit Weitblick, Weisheit und Verstand. Finger weg, Alt- und Neo-Nazis.

16. November 2011

Siebenundsiebzig Komma Siebzehn Meter. Das klingt nicht so sensationell hoch, aber schön. Ich also rauf auf den mir bis dato unbekannten Glockenturm, der wie ein Riesenschornstein aus der Langemarckhalle wächst. Berlin hat eine Reihe Aussichtspunkte. Den Grunewaldturm, den ich nur von unten kenne. Den Fernsehturm natürlich. War ich oben. Den Funkturm? Kann man da überhaupt rauf? War ich auch noch nicht. Den Müggelturm. War ich vor zwei Jahren. Die Kantine vom sogenannten „Steglitzer Kreisel“, dem Bezirksamt von Steglitz. Ein 27 Etagen hoher kleiner Wolkenkratzer, in dem mir beide Male leicht schwindelig wurde im Fahrstuhl, nicht wegen der Aussicht, sondern wegen des veränderten Luftdrucks. Man musste schlucken, wie manchmal im Flieger. In die Kantine konnte ja jeder rein, hatte mir mal jemand verraten. Hat keiner kontrolliert. War ja vielleicht auch völlig erlaubt.

Aber wir sind ja beim Glockenturm am Olympiastadion, der von außen nun wirklich keine bemerkenswerte Architektur aufweist. Halt ein viereckiger Turm. Man nimmt den gläsernen Fahrstuhl, bis es nicht weiter geht und zur Aussichtsplattform muß man eine recht schmale Treppe hoch, ein bißchen gefährlich, wie meistens bei der obersten Etage von Türmen. Ich bin zum Glück nicht gehbehindert und hatte keine Probleme mit dem Aufstieg. Zum Glück schreibe ich deswegen, weil es mir sehr bewusst wurde beim Hochgehen, was für ein Glück das ist. Die letzten zwei Meter der Treppe nach oben musste ich nämlich eine ganze Weile in die Ecke an die Wand gedrückt innehalten, bis ein vor mir mehr stehender als gehender junger Mann oben angelangt war. Es gab keinen Spielraum, um mich gefahrlos an ihm vorbeizubewegen. Ich schätze ihn Mitte Zwanzig. Er wurde begleitet, ja geleitet und fest gehalten. Mit unübersehbarem Kraftaufwand. Eine junge Frau gab ihm Anleitungen, sagte ihm, ob er sich mit den Füßen an der Kante einer Stufe befindet und hielt ihn mit all ihrer Kraft. Er stand nicht aufrecht, aber versuchte sich so gut wie möglich in voller Länge aufzurichten, offenkundig hauptsächlich mit der Kraft seiner Arme. Ich sah das Zittern der Muskeln seiner Hand und der Unterarme. Und die Anspannung der jungen Frau, die all ihre Kraft aufbrachte. Es sah gefährlich aus. Ich war hin- und hergerissen zwischen Befürchtung und Bewunderung. Ein riskantes, beinah akrobatisches Unterfangen. Die junge Frau signalisierte, dass sie keine Hilfe brauchen konnte, ich hatte ihr einen fragenden Blick zugeworfen. Ein falscher ungeübter Handgriff meinerseits hätte die Sache offenkundig noch gefährlicher gemacht. Womöglich hätte ich ihm den Arm verdreht und ihm eher weh getan als geholfen. Ich begriff gar nicht vollständig, welche Behinderung er genau hatte. Ich dachte an schwere motorische Störungen und Muskelschwund. Ich stand gefühlte zehn Minuten auf dem engen Treppenabsatz, dicht an die Wand des Turms gedrückt um möglichst wenig Platz einzunehmen und sah ehrfürchtig gebannt zu. Was für ein Kraftakt. Dann öffnete die Frau die schwere Eisentür zur Plattform, sie war die ganze Zeit zu, weil er den Griff der Tür zum Festhalten und zum nach oben Ziehen brauchte. Der Weg war wieder frei. Ich brauchte für den Weg, den er in zehn Minuten zurücklegte, zehn Sekunden.


Oben ließ ich mich vom Wind durchpusten und sah die Waldbühne zum ersten Mal von oben. Und das Olympiastadion natürlich. Schon schön, das nach einem guten Vierteljahrhundert in Berlin mal gesehen zu haben. Und die jagenden Wolken. Und die komische Antenne da. Wofür die wohl gut ist. Die Mütze flog mir gleich vom Kopf und wehte in eine andere Ecke der Plattform. Ich fing sie wieder ein und klemmte sie mir unter den Arm. Der junge Mann mit der Gehbehinderung und die Frau waren nur recht kurz oben, weil sie es wahrscheinlich auch kräftemäßig nicht übertreiben konnten. Ich war ein ganzes Weilchen oben und vergaß ein bißchen die Zeit. Bestimmt eine Viertelstunde. Bis auf einen kleinen Jungen war da niemand. Dann hatte ich alle Eindrücke fest im Gedächtnis, im Herzen und der Kamera und machte mich auf den Rückweg. Der junge Mann und seine Helferin hatten es noch nicht ganz die Treppe herunter geschafft, aber fast. Da sah ich den Rollstuhl. Sie half ihm in den Rollstuhl, der am Treppenende wartete. Da begriff ich erst, dass der junge Mann nicht gehbehindert, sondern gelähmt war. Deshalb sah es aus, als ob die Füße bei seinem Bemühen sich fortzubewegen, nur passiv der Richtung folgen, die er sich mit seinen Armen erarbeitete. Ich war noch tiefer beeindruckt als ohnehin schon. Mir war nach Lachen und Weinen zugleich, aufgewühlt wartete ich auf den Fahrstuhl nach unten. Es rotierte in meinem Kopf. Weil es keinen behindertengerechten Zugang zur Aussichtsplattform gab, hatte er seine Helferin dazu gebracht, den riskanten Aufstieg durch die Kraft seiner Arme zu wagen, um in den Genuss dieses Ausblickes über seine Heimatstadt Berlin zu kommen. Auf einen Aussichtsturm, dessen Bauherren Behinderte als unwertes Leben betrachtet hatten. Es rauschte in meinem Kopf. Die Ära ist vorbei.

Niemals wird irgendein Behinderter in diesem Land mehr ungestraft diskriminiert, gequält, verletzt oder umgebracht werden. Und ich habe zwei gesunde Beine, die mich Treppen aus eigener Kraft hochtragen. Was für ein ganz und gar unvergesslicher Nachmittag.
http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=109615

15. November 2011

(…) Erinnert sich gar nicht, daß wir zusammen auf die Schule gegangen sind. Sagt munter »Sie«. – Gut. Sie. Mir ist das recht. Ich bin ohnehin schwer zum DU zu kriegen. Ich finde mit »Sie« bleibt in der schärfsten Diskussion eine kleine Verbeugung. Ich hab sie gern, die hübsche Glaswand. Bis die Franzosen »Tu« sagen, kann ein Menschenalter vergehen. Je vous aime, da liegt noch Achtung drin, ein Artikel, den man so notwendig braucht in der Liebe. Emma, trag mir mal den Koffer. Sehen Sie, was ich meine?
Friedrich Hollaender, Von Kopf bis Fuß, S. 94

14. November 2011

Mal ein bißchen Farbe. Ist auch gar nicht grau hier. Sonniger November. War bis jetzt nur einmal wolkig, vor drei oder vier Tagen.

Es gibt jeden Tag ordentlich Sonnenflecken auf dem Teppich. Wenn ich das Fenster der Gaube zur Auguststraße aufmache und die Sonne so tief steht, kriegt man ein paar Stunden schön was ab. Und muss nicht frieren. Draußen sind die Menschen warm eingepackt, gehen aber gerne raus, weil die Sonne lockt. Sehe ich, wenn ich zum Spielplatz runtergucke. Immer ordentlich was los.
Zur Zeit muss ich sparen. Ich habe einen super Sparplan gemacht. Ich darf in sieben Tagen fünfzig Euro ausgeben. Bis der Monat rum ist. Die fünfzig-Euro-Scheine sind in beschriftete Umschläge verpackt. Solche Spielchen gefallen mir. Neulich war ich sogar bei Aldi und habe mit großer Begeisterung meinen Einkaufszettel abgearbeitet und dabei immer mit einem Stift Notizen gemacht, wieviel das kostet, um zwischendurch zu überschlagen, ob ich noch in meinem Budget bin. Ich habe dann bald gemerkt, dass keine Gefahr besteht und drei Sachen vor der Kasse aufgehört, zu addieren. Das mache ich jetzt immer, das macht Spaß! Zumindest für ein Weilchen. Am Schwierigsten finde ich allerdings, nicht nur bei Aldi, die Käsepreise zu vergleichen. In jeder Packung ist ein anderes Gewicht abgepackt und auf den Schildern steht immer sowohl der absolute Packungspreis als auch der Preis für 100 Gramm oder 1 Kilo von der jeweiligen Käsesorte. Das macht mich ganz wuschig, dass das nicht einheitlich ist! Dauernd muss man umrechnen! Das ist ganz schön anstrengend. Aber sonst gibt es keine Probleme beim Preisvergleich. Ich achte natürlich trotzdem auf Qualitätsprodukte! Interessant, dass Cashewkerne, die ich in großem Umfang verzehre, auch bei Aldi nicht superbillig sind. Das ist ganz bestimmt angemessen. Ich glaube, eine Dose 1,59 EUR.
Sehr begeistert bin ich, dass es zur Zeit immer Beutel mit Elstar-Äpfeln aus Brandenburg oder anderen umliegenden Bundesländern zu tollen Preisen gibt. Das ist meine Lieblingssorte und die Äpfelchen sind vertrauenserweckend klein und krumm und schief. Das schafft Vertrauen! Empört hingegen bin ich über die neue Marotte bei den anderen parfümierten Apfelsorten aus dem Ausland, die ich eh nicht kaufe, weil sie mir nicht schmecken, mit ihrem aufgeplusterten Fruchtfleisch und dem parfümierten Zuckerwasser-Aroma: Aufkleber auf jedem einzelnen Apfel! Als es neulich noch keine neue Elstar-Ernte gab, musste ich mal notgedrungen solche ausländischen erstehen. Was für ein Gepopel mit dem Aufkleber. Ich bin richtig zornig geworden deswegen!
Was ich nicht mehr bei Aldi kaufen werde, ist der tiefgefrorene Rahmspinat, der ist mir zu versuppt. Ohne Rahm gibt’s nicht bei Aldi. Spinat ist super wegen Magnesium. Auch in den Cashews! Soll auch gut sein, wenn der Eisprung weh tut. Das ist also, was mich gerade so persönlich beschäftigt! Ansonsten verzichte ich weitgehend auf soziale Kontakte, was als seelische Rekonvaleszenz zu verstehen ist. Eine Art Kur!
Des weiteren überlege ich mir, ob ich mir mal wieder Haarfarbe im Drogeriemarkt kaufe, weil die unteren Haarspitzen so ausgeblichen ausschauen. Nicht mal wegen den grauen, die ab und zu auftauchen. Noch hat keiner mit dem Finger auf mich gezeigt und gesagt: „Schau mal, die alte Frau da hinten“. Insofern bin ich da ganz relaxed. Außerdem gibt es immer mal wieder ein paar investigative junge Leute am Hackeschen Markt, die den Passanten irgendwelche Spenden oder Mitgliedschaften für wohltätige Initiativen abringen wollen. Kinderschutz, Tierschutz, Amnesty International. Und einige arbeiten mit dem Trick, einen mit „junge Frau…!“ anzusprechen. Das funktioniert zwar nicht bei mir, aber ich freu mich trotzdem! Und ich werde immer geduzt von den jungen Studenten! Ich habe ja mal gelernt, dass laut Knigge, der oder die Ältere dem Jüngeren das Du anbietet. Von Hause aus duzen macht man ja eigentlich nur unter Hippies und SPD-Genossen und in der Jugend, wenn man sich sicher wähnt, es mit seinesgleichen zu tun zu haben. Insofern: vielen Dank an die jungen Studenten!
Neulich war ich allerdings ein wenig ungehalten. So ein junger, obzwar nicht unattraktiver Kinder-Patenschaften-in-Afrika-Werber hat sich irgendeinen Satz zurecht gelegt, so sinngemäß (und hat sich im Übrigen e r d r e i s t e t , mich zu siezen, der Lümmel): „Sie mögen doch sicher auch Kinder?“ Da ich es wie so oft eilig hatte, so schnell als nur möglich zurück in meine einsiedlerische Wohnung zu kommen, war ich nicht verhandlungsbereit und habe behauptet „Nein! Ich kann Kinder nicht ausstehen! Ich fresse Kinder!“ Er daraufhin: „Ja aber dann ist das doch genau das Richtige! Sie machen so eine Patenschaft und dann haben Sie eins zum Fressen!“ Und grinst mich breit an. Damit hat er mich natürlich versöhnlich gestimmt und ich habe ihm zum Abschied ein aufmunterndes Lächeln geschenkt. Geradezu beschwingt bin ich weiter zur Ampel. Allerdings ohne Patenschaft.
Also mehr habe ich jetzt wirklich nicht zu berichten. Zu intimeren Bekenntnissen bin ich im Moment nicht bereit. Wobei ich nicht dafür garantieren kann, dass nicht doch etwas zu Tage tritt, wenn jemand geschickt nachbohrt. Ich bin aber auf jeden Fall in Hab-Acht-Stellung!

14. November 2011

(…) Paul Graetz beugt sich nach vorn, wo Knackfuß sein Ohr hat. »Der liebe Gott«, flüstert er. »Ringelnatz …« Wie bitte? »Das ist Ringelnatz – – pscht!« Ringelnatz? Wie heißen bloß die Leute hier!
So alle paar Jahrhunderte wird ein Lyriker geboren, bei dem die Verse kichern, aber sie haben sich nicht die Tränen aus den Kommas gewischt. Jetzt können wir wieder zwei Jahrhunderte warten.
Diese Verse – ! Sie sind alle so zum Schreien komisch, – aber, werte Herren, was sie so traurig macht, das können Sie auch mit Alkohol nicht herausreiben. Er selbst war, wenn er die Bühne betrat, mit dem ewigen Schnapsglas wie bewaffnet, um sich Mut zu machen. Mut? Wozu?
Ach, wissen Sie, es erfordert Mut, anderen das Gelächter der Einsamkeit mitzuteilen. Es gibt da allerhand zu überwinden. Unter anderem den kleinen Scherzartikel: Scham.

Friedrich Hollaender, Von Kopf bis Fuß, S. 81

14. November 2011

Mal ein bißchen Farbe. Ist auch gar nicht grau hier. Sonniger November. War bis jetzt nur einmal wolkig, vor drei oder vier Tagen.

Es gibt jeden Tag ordentlich Sonnenflecken auf dem Teppich. Wenn ich das Fenster der Gaube zur Auguststraße aufmache und die Sonne so tief steht, kriegt man ein paar Stunden schön was ab. Und muss nicht frieren. Draußen sind die Menschen warm eingepackt, gehen aber gerne raus, weil die Sonne lockt. Sehe ich, wenn ich zum Spielplatz runtergucke. Immer ordentlich was los.
Zur Zeit muss ich sparen. Ich habe einen super Sparplan gemacht. Ich darf in sieben Tagen fünfzig Euro ausgeben. Bis der Monat rum ist. Die fünfzig-Euro-Scheine sind in beschriftete Umschläge verpackt. Solche Spielchen gefallen mir. Neulich war ich sogar bei Aldi und habe mit großer Begeisterung meinen Einkaufszettel abgearbeitet und dabei immer mit einem Stift Notizen gemacht, wieviel das kostet, um zwischendurch zu überschlagen, ob ich noch in meinem Budget bin. Ich habe dann bald gemerkt, dass keine Gefahr besteht und drei Sachen vor der Kasse aufgehört, zu addieren. Das mache ich jetzt immer, das macht Spaß! Zumindest für ein Weilchen. Am Schwierigsten finde ich allerdings, nicht nur bei Aldi, die Käsepreise zu vergleichen. In jeder Packung ist ein anderes Gewicht abgepackt und auf den Schildern steht immer sowohl der absolute Packungspreis als auch der Preis für 100 Gramm oder 1 Kilo von der jeweiligen Käsesorte. Das macht mich ganz wuschig, dass das nicht einheitlich ist! Dauernd muss man umrechnen! Das ist ganz schön anstrengend. Aber sonst gibt es keine Probleme beim Preisvergleich. Ich achte natürlich trotzdem auf Qualitätsprodukte! Interessant, dass Cashewkerne, die ich in großem Umfang verzehre, auch bei Aldi nicht superbillig sind. Das ist ganz bestimmt angemessen. Ich glaube, eine Dose 1,59 EUR.
Sehr begeistert bin ich, dass es zur Zeit immer Beutel mit Elstar-Äpfeln aus Brandenburg oder anderen umliegenden Bundesländern zu tollen Preisen gibt. Das ist meine Lieblingssorte und die Äpfelchen sind vertrauenserweckend klein und krumm und schief. Das schafft Vertrauen! Empört hingegen bin ich über die neue Marotte bei den anderen parfümierten Apfelsorten aus dem Ausland, die ich eh nicht kaufe, weil sie mir nicht schmecken, mit ihrem aufgeplusterten Fruchtfleisch und dem parfümierten Zuckerwasser-Aroma: Aufkleber auf jedem einzelnen Apfel! Als es neulich noch keine neue Elstar-Ernte gab, musste ich mal notgedrungen solche ausländischen erstehen. Was für ein Gepopel mit dem Aufkleber. Ich bin richtig zornig geworden deswegen!
Was ich nicht mehr bei Aldi kaufen werde, ist der tiefgefrorene Rahmspinat, der ist mir zu versuppt. Ohne Rahm gibt’s nicht bei Aldi. Spinat ist super wegen Magnesium. Auch in den Cashews! Soll auch gut sein, wenn der Eisprung weh tut. Das ist also, was mich gerade so persönlich beschäftigt! Ansonsten verzichte ich weitgehend auf soziale Kontakte, was als seelische Rekonvaleszenz zu verstehen ist. Eine Art Kur!
Des weiteren überlege ich mir, ob ich mir mal wieder Haarfarbe im Drogeriemarkt kaufe, weil die unteren Haarspitzen so ausgeblichen ausschauen. Nicht mal wegen den grauen, die ab und zu auftauchen. Noch hat keiner mit dem Finger auf mich gezeigt und gesagt: „Schau mal, die alte Frau da hinten“. Insofern bin ich da ganz relaxed. Außerdem gibt es immer mal wieder ein paar investigative junge Leute am Hackeschen Markt, die den Passanten irgendwelche Spenden oder Mitgliedschaften für wohltätige Initiativen abringen wollen. Kinderschutz, Tierschutz, Amnesty International. Und einige arbeiten mit dem Trick, einen mit „junge Frau…!“ anzusprechen. Das funktioniert zwar nicht bei mir, aber ich freu mich trotzdem! Und ich werde immer geduzt von den jungen Studenten! Ich habe ja mal gelernt, dass laut Knigge, der oder die Ältere dem Jüngeren das Du anbietet. Von Hause aus duzen macht man ja eigentlich nur unter Hippies und SPD-Genossen und in der Jugend, wenn man sich sicher wähnt, es mit seinesgleichen zu tun zu haben. Insofern: vielen Dank an die jungen Studenten!
Neulich war ich allerdings ein wenig ungehalten. So ein junger, obzwar nicht unattraktiver Kinder-Patenschaften-in-Afrika-Werber hat sich irgendeinen Satz zurecht gelegt, so sinngemäß (und hat sich im Übrigen e r d r e i s t e t , mich zu siezen, der Lümmel): „Sie mögen doch sicher auch Kinder?“ Da ich es wie so oft eilig hatte, so schnell als nur möglich zurück in meine einsiedlerische Wohnung zu kommen, war ich nicht verhandlungsbereit und habe behauptet „Nein! Ich kann Kinder nicht ausstehen! Ich fresse Kinder!“ Er daraufhin: „Ja aber dann ist das doch genau das Richtige! Sie machen so eine Patenschaft und dann haben Sie eins zum Fressen!“ Und grinst mich breit an. Damit hat er mich natürlich versöhnlich gestimmt und ich habe ihm zum Abschied ein aufmunterndes Lächeln geschenkt. Geradezu beschwingt bin ich weiter zur Ampel. Allerdings ohne Patenschaft.
Also mehr habe ich jetzt wirklich nicht zu berichten. Zu intimeren Bekenntnissen bin ich im Moment nicht bereit. Wobei ich nicht dafür garantieren kann, dass nicht doch etwas zu Tage tritt, wenn jemand geschickt nachbohrt. Ich bin aber auf jeden Fall in Hab-Acht-Stellung!

14. November 2011

[ Ich muss den Eintrag von vorhin nochmal neu posten, weil ich schon wieder was hintendran geklöppelt habe. Passiert manchmal, dass mir eine halbe Stunde später noch Zeug dazu einfällt und ich dann editierend weiterstricke und der geneigte Leser kriegt es gar nicht mit. Das stiftet unnötige Verwirrung! ]
Bei meinem morgendlichen Spaziergang durch das Internet sehr gerührt bei der Rubrik „wir begrüßen die neuen Berliner“ oder so ähnlich von der Berliner Morgenpost angehalten und freudig einen Blick auf die neuesten Babyfotos geworfen. Entweder stimmt irgendwas nicht mit mir oder die meisten Neugeborenen sehen wirklich nicht sehr attraktiv aus bzw. ist der Anteil an ansprechenden Gesichtszügen keinesfalls höher als in anderen Altersgruppen. Unter den ungefähr zwanzig Babies waren ungefähr eineinhalb, die für meine Begriffe eine angenehme Persönlichkeit ausstrahlen und das sogenannte Kindchenschema im Gesichtchen präsentieren. Hat mich doch überrascht. Entspricht aber auch meiner live-Erfahrung in der S-Bahn. Die meisten Kleinkinderbündel sind nicht gutaussehender als der durchschnittliche erwachsene S-Bahnfahrgast.
In meinem persönlichen Umf entfernteren Bekanntenkreis gab es in den letzten Monaten ebenfalls Kindersegen. Ist leider auch keines dabei, das ich unbedingt hüten möchte. Ich habe da wahrscheinlich auch komische Vorlieben. Mich selber fand ich als Kleinkind außerordentlich putzig. Auch die Kinderfotos, die Blogger neulich von sich gepostet haben, waren überraschend attraktiv. Man bekam gleich Adoptionsgefühle. Ich bin ein bißchen hin- und hergerissen bei der Babygalerie in der Mopo. Einerseits tun mir die betreffenden Babies leid, dass ich sie nicht niedlich finden kann, andererseits denke ich, da sieht man mal, dass das mit der Reinkarnation vielleicht doch kein Humbug ist. Als ob jede Menge alte Gesichter in der Wiege liegen würden. Ich sehe bei einigen* eher alte Männer und Frauen als unbefleckte unschuldige Kinderseelen. Zum Teil gruselt es mich da sogar. Ob das anderen auch so geht? Ist ja auch eines dieser Tabus, Babies nicht wahllos herzig zu finden und auch nicht höflichkeitshalber so zu tun als ob.
Hab noch mal geguckt. Die Rubrik heißt „Willkommen in Berlin“ und der Anteil ist doch etwas höher. Neun von achtundvierzig Babies sehen ganz niedlich aus. Die Idee mit der Rubrik finde ich aber sehr trotzdem anrührend. Eine schöne Geste, wenn man frisch ausgeschlüpft ist, gleich einen begeisterten Zeitungsartikel geschrieben zu kriegen. Ich wollte damit im Übrigen auch nicht zum Ausdruck bringen, dass unattraktive Babies abgeschafft gehören. Das müsste man dann schon auf alle Altersgruppen ausweiten und das Spektrum macht die Welt ja auch wieder interessant. Wenn alle gleich attraktiv wären, wäre die Welt ja auch langweilig auf Dauer. War jetzt eigentlich mehr so eine Selbstbeobachtung, Ausdruck einer gewissen Irritation oder besser Erhellung, was meine eigenen Hinwendungs-Ambitionen angeht.
Man könnte auch sagen: eine schöne Tradition, wenigstens die kleinsten Menschen lückenlos glauben zu machen, sie sind hochgradig liebenswert, so wie sie halt zufällig sind. Eine barmherzige kleine Schwindelei, die niemandem wehtut. Erklärt allerdings vielleicht auch, das Gefühl der Frustration beim fortschreitenden Älterwerden, wenn es nicht mehr gemäß unausgesprochener gesellschaftlicher Vereinbarung gepflegt wird, die Mitmenschen wahllos mit Zuneigung und Komplimenten zu beglücken. Ich unterstelle mal, dass es keinen derart grausamen pubertären Mutationsprozess gibt, der aus superlativen Engeln durchschnittliche Erwachsene gebiert. Glaube ich zumindest nicht.
Ich denke, die Wahrheit liegt wie so oft in der Mitte. Die scharfen Kanten der Babypersönlichkeit sind nicht so sehr weit von denen der Erwachsenenpersönlichkeit entfernt. Immerhin geben die meisten Eltern von mehreren Kindern zu, dass der Nachwuchs schon im frühesten Lebensalter dezidierte und oft sehr unterschiedliche Charaktereigenschaften an den Tag legt. Na ja, big news. Dank Internet und Bloggerei können wir als Erwachsene die abhanden gekommene, lückenlose Begeisterung über die eigene Person einigermaßen ausgleichen, indem wir uns möglichst toll mit schlauen Texten und tollen Bildchen präsentieren. Quasi für Erwachsenen-Duzi-Duzi. Also ich bin froh drum!
Jetzt wollte ich eigentlich mal etwas leicht Konsumierbares schreiben, na ja.
* Nr. 6., 15., 29., 44.

14. November 2011

Der Hahn auf dem Hof
und die Spatzen vorm Haus
die lachen die kleinen
Langschläferchen aus
Nun schnell in die Strümpfchen
in Höschen und Kleid
„Guten Morgen, Frau Sonne
jetzt sind wir so weit!“
(Verf. unbek.)

13. November 2011

Ich wusste nicht, was es damit auf sich hat. So weit gingen meine Recherchen nicht, bevor ich hinging, zu dieser Langemarckhalle. Könnte man im ersten Moment denken, vielleicht irgendso ein Turnvater, der alte Langemarck. Wird schon seine Verdienste um den Sport gehabt haben. Klingt auf jeden Fall markig. Haha. Nun ja. Scherz beiseite. Das ist in der Tat das Bauwerk, in Anbetracht dessen originärer Bestimmung mir das Lachen vergeht. Ich weiß, dass nicht nur ich da eine Bildungslücke habe oder besser hatte, insofern kann ich mein Unwissen jetzt ganz ungeniert eingestehen.

Fragen Sie mal irgendeinen Berliner oder eine Berlinerin unter Siebzig, wo die Langemarckhalle steht und was es damit auf sich hat. Ein großes Fragezeichen wird auf der Stirn stehen. Was einem als naiven Besucher wie mir schon auffallen kann ist, dass es kaum Hinweisschilder gibt, wo die Halle namentlich erwähnt ist. Eigentlich gar keine. Ich hab keines gesehen. Es heißt immer „zum Glockenturm“. Oder „historic olympic grounds“. Oder das Schild ist gut versteckt. Es steht auch nicht außen dran. Ich habe den Namen der Halle erstmalig registriert, als ich anfing in Wikipedia etwas über den Glockenturm und das Maifeld zu lesen. Man muß sich vorstellen, dass man die Langemarckhalle vom olympischen Gelände aus, beim Blick auf das Maifeld in der Ferne sieht. Der vielzitierte „Führerstand“ erwächst aus der ersten Etage der Halle wie eine Terrasse. Man muss allerdings eine Wanderung um mehrere Ecken machen, bis man zum rückwärtigen Zugang der Halle gelangt. Kurz und gut: ich betrat die Halle, vorbei an den schießschartenschmalen alten Kassennischen und ging zuerst in die Ausstellung zur Geschichte der olympischen Spiele zu ebener Erde. Wuchtige Pfeiler aus dem allseits verwendeten Muschelkalk schon in der Halle im Eingangsbereich. Die Ausstellung zeigt einige großformatige Tafeln mit alten Fotografien und Erklärungen zur Verstrickung der Spiele mit dem nationalsozialistischen Regime. In einem Nebenraum läuft ein Film, eine Dokumentation.

Man kann die Treppe nehmen oder den gläsernen Fahrstuhl nach oben. In der ersten Etage landet man in einer großzügigen Halle, von der aus offenkundig der Zugang zum ‚Führerstand‘ ist. Man kann leider nicht raus. Die Glastüren sind verschlossen. Der Bereich zur Terrasse wirkt mit seiner großen Glasfront wie eine exklusive Wohnhalle in einem Hitchcockfilm. Nur die Möbel, der Kamin und die Teppiche fehlen. Und Tippi Hedren. Durch die Scheibe sehe ich das Olympiastadion wie einen fernen Tempel, ein Kolosseum vor mir liegen. Ich begreife das System der Blickachsen. Furios, Herr March. Sehr gelungen. Erhaben schweift der Blick über das Maifeld zum Stadion. Parallel zur Terrasse ist eine Art Caféteria ohne Personal. Mit ein paar Freischwingern und einem Kaffeeautomaten. Es gefällt mir. Auch so schön leer. Außer mir ist niemand da. Keine großartigen Hinweistafeln. Ich ziehe mir einen Becher Kaffee und beginne diese große Halle auszuloten, die sich über die ganze Länge zu erstrecken scheint. Seltsame mattschwarze Gedenktafeln in der Form von Ritterschilden reihen sich aneinander, auf denen irgendwelche Reservekorps- und Regiment-Divisions-weiß-der-Geier-Nummern in Goldbuchstaben graviert oder aufmontiert sind. Darüber der Reichsadler. Spätestens da ist auch mir klar, dass hier keine Kollegen von Turnvater Jahn geehrt wurden. Offensichtlich eine hehre Gedenkhalle für alte Militaristen. Ich stehe irgendwie beklommen davor und wundere mich gleichwohl über den ungenutzen Platz. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass da früher irgendwelche Möbel drin waren. Es ist einfach nur eine leere, monumentale, sehr hohe Halle mit zahllosen dicken Quader-Säulen, den unvermeidlichen Fackelhaltern reihum und eben diesen düsteren Tafeln. Nur die schmaleren Wände zu beiden Seiten sind noch wert genauer betrachtet zu werden. Das Licht gleißt über die hintere, westliche Steinwand und man sieht die Schlagschatten der eingemeißelten Großbuchstaben. Die Typen klar und modern. Sie entsprechen gar nicht dem Klischee der Nazi-Ästhetik. Von Fraktur keine Spur.

Ich lese
IHR HEILIGEN
GRAUEN REIHEN
GEHT UNTER WOLKEN
DES RUHMS
UND TRAGT
DIE BLUTIGEN WEIHEN
DES HEIMLICHEN KÖNIGSTUMS
Walter Flex
Aha. Ich bin viel zu gefangen von der gesamten Architektur und der Typographie und den Schatten und dem intensiven Sonnenlicht, um den Spruch verstehen zu wollen. Ich will das lieber gar nicht so genau wissen. Als ich fotografiere, sehe ich eigentlich nur die beiden Wörter „heimlichen Königstums“. Die beiden Wörter sind zwar auch schon mysteriös in der Kombination aber mit denen kann ich für die Dauer des Aufenthalts und auf meinen Fotos leben. Worum es eigentlich geht, ahnt man ja ohnehin schon dunkel. Dass es eine Hymne an den Heldentod ist, der ganze Langemarck-Mythos sich um die Verherrlichung des Todes für das Vaterland dreht, erfahre ich erst viel später zu Hause, als ich im Internet auf den Begriff Langemarck-Mythos stoße. Kein Turnvater. Ein Schlachtfeld. Keine Nazi-Erfindung. Viel älter, aber ganz in deren wirrem Sinn. Die Saat, die hier aufging, wurde schon früher gelegt, lese ich später. Aber in diesem Moment gelingt es mir noch das Licht der warmen Spätsommersonne auf dem Stein zu genießen. Es kommt mir beinah vor, als stände ich sonstwo in Ägypten vor einer monumentalen Wand des Pharaonenkults. Da ist ja auch immer alles Mögliche in Steinwände eingemeißelt. Und immer riesig. Und immer scheint die Sonne. So sieht es wenigstens auf den Bildern aus, die man kennt. Ich war noch nie in Ägypten, aber habe mich als Kind intensiv zu diesen Pharaonenstätten geträumt. Ich fahre mit der Hand darüber. Der Stein hat eine angenehme Ausstrahlung. Solche Wände hätte ich auch gerne im Wohnzimmer. Ohne die Sprüche. Die Sonne bringt mich für einen Moment zum Lachen, und dass es nur noch historische Kulissen sind, von einem eingemotteten Stück mit abgelaufener Spielzeit.

Bei meinen Recherchen daheim finde ich diesen Blogeintrag. Der Verfasser weiß ein paar Sachen, die ich nirgendwo anders gelesen habe. Über die teilweise Zerstörung der Halle bei der Sprengung des Glockentrums durch die Briten und den erstaunlich widerstandslosen Wiederaufbau nach dem Krieg durch Werner March. Und er schreibt: „Was der Weltöffentlichkeit vorenthalten wurde: bevor der Führer die Spiele des Friedens eröffnete, zog er sich privat zum Heldengedenken in eben jene Halle zurück.“ Ich nehme an, man findet solche Hinweise in Hitler-Biographien. Ich habe nie eine gelesen. Jedenfalls genug Stoff zum Nachdenken. Kein anderer Bereich des Olympiageländes hat mich derart befremdet, wie die historisch unveränderte Sinngebung dieser Halle. Die Architektur an sich hat dennoch viele gelungene Aspekte. Das ist also die Halle, deren Namen kaum noch einer kennt. Die Berliner, die ich später danach fragte, egal ob gebürtig oder zugezogen, wussten rein gar nichts davon. Und ich habe keine jungen Menschen danach gefragt. Eigentlich auch kein Wunder, denn sie ist kaum zweckzuentfremden, außer vielleicht für andere Ausstellungsexperimente. Oder als kommerziell genutzte Partylocation. Abgeschieden genug wäre es für hohe nächtliche Dezibel, dagegen stünde aber sicher der Denkmalschutz. Wer den Glockenturm nicht besucht oder die Ausstellung, kommt niemals zufällig daran vorbei. Ich weiß natürlich nicht, ob sich nicht irgendwelche Nazi-Spinner oder Neo-Militaristen zu Hitlers Geburtstag oder am 10. November, um dieser Schlacht zu gedenken, heimlich dort verabreden und der Erinnerung huldigen.

Ich hatte eine gewisse Befangenheit, diesen Eintrag anzugehen. Mir war gefühlsmäßig eher nach Drüberzappen. Aber wenn man diesen ungemütlichen Aspekt schon in Bildern berührt, darf man im Eintrag nicht fahrlässig drübertänzeln, über den Abgrund. Mal schnell husch husch ist nicht bei dem Ganzen. Dafür wiegt dann eben doch alles zu schwer. Man muss nach unten schauen, sich ein Bild der Lage machen und dann mit einem beherzten Schritt über den Abgrund schreiten. Auf die sichere Seite mit dem festen Boden. Nun habe ich diese Etappe endlich hinter mir. Wer diesen Eintrag gelesen hat, kann jetzt jedenfalls mitreden und weiß mehr über die Langemarckhalle als die meisten Berliner. Ich habe zwar hier in meinem Blog eine kleine Pause eingelegt, zwischen meinen olympischen Begehungen, aber in der Realität hat das alles an einem einzigen Tag stattgefunden. Will sagen, ich bin nicht zehnmal mit meiner militärisch anmutenden Tarnkappe und der blauen Sonnenbrille los, falls jemand befürchtet, ich ziehe zu jeder Gelegenheit dieselben Klamotten an. In vier Stunden kann man eine Menge sehen und festhalten. Und dann hat man eine Menge zu verarbeiten. Auf vielen Ebenen. Und das ist noch nicht alles.
http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=109615

13. November 2011

Ich wusste nicht, was es damit auf sich hat. So weit gingen meine Recherchen nicht, bevor ich hinging, zu dieser Langemarckhalle. Könnte man im ersten Moment denken, vielleicht irgendso ein Turnvater, der alte Langemarck. Wird schon seine Verdienste um den Sport gehabt haben. Klingt auf jeden Fall markig. Haha. Nun ja. Scherz beiseite. Das ist in der Tat das Bauwerk, in Anbetracht dessen originärer Bestimmung mir das Lachen vergeht. Ich weiß, dass nicht nur ich da eine Bildungslücke habe oder besser hatte, insofern kann ich mein Unwissen jetzt ganz ungeniert eingestehen.

Fragen Sie mal irgendeinen Berliner oder eine Berlinerin unter Siebzig, wo die Langemarckhalle steht und was es damit auf sich hat. Ein großes Fragezeichen wird auf der Stirn stehen. Was einem als naiven Besucher wie mir schon auffallen kann ist, dass es kaum Hinweisschilder gibt, wo die Halle namentlich erwähnt ist. Eigentlich gar keine. Ich hab keines gesehen. Es heißt immer „zum Glockenturm“. Oder „historic olympic grounds“. Oder das Schild ist gut versteckt. Es steht auch nicht außen dran. Ich habe den Namen der Halle erstmalig registriert, als ich anfing in Wikipedia etwas über den Glockenturm und das Maifeld zu lesen. Man muß sich vorstellen, dass man die Langemarckhalle vom olympischen Gelände aus, beim Blick auf das Maifeld in der Ferne sieht. Der vielzitierte „Führerstand“ erwächst aus der ersten Etage der Halle wie eine Terrasse. Man muss allerdings eine Wanderung um mehrere Ecken machen, bis man zum rückwärtigen Zugang der Halle gelangt. Kurz und gut: ich betrat die Halle, vorbei an den schießschartenschmalen alten Kassennischen und ging zuerst in die Ausstellung zur Geschichte der olympischen Spiele zu ebener Erde. Wuchtige Pfeiler aus dem allseits verwendeten Muschelkalk schon in der Halle im Eingangsbereich. Die Ausstellung zeigt einige großformatige Tafeln mit alten Fotografien und Erklärungen zur Verstrickung der Spiele mit dem nationalsozialistischen Regime. In einem Nebenraum läuft ein Film, eine Dokumentation.

Man kann die Treppe nehmen oder den gläsernen Fahrstuhl nach oben. In der ersten Etage landet man in einer großzügigen Halle, von der aus offenkundig der Zugang zum ‚Führerstand‘ ist. Man kann leider nicht raus. Die Glastüren sind verschlossen. Der Bereich zur Terrasse wirkt mit seiner großen Glasfront wie eine exklusive Wohnhalle in einem Hitchcockfilm. Nur die Möbel, der Kamin und die Teppiche fehlen. Und Tippi Hedren. Durch die Scheibe sehe ich das Olympiastadion wie einen fernen Tempel, ein Kolosseum vor mir liegen. Ich begreife das System der Blickachsen. Furios, Herr March. Sehr gelungen. Erhaben schweift der Blick über das Maifeld zum Stadion. Parallel zur Terrasse ist eine Art Caféteria ohne Personal. Mit ein paar Freischwingern und einem Kaffeeautomaten. Es gefällt mir. Auch so schön leer. Außer mir ist niemand da. Keine großartigen Hinweistafeln. Ich ziehe mir einen Becher Kaffee und beginne diese große Halle auszuloten, die sich über die ganze Länge zu erstrecken scheint. Seltsame mattschwarze Gedenktafeln in der Form von Ritterschilden reihen sich aneinander, auf denen irgendwelche Reservekorps- und Regiment-Divisions-weiß-der-Geier-Nummern in Goldbuchstaben graviert oder aufmontiert sind. Darüber der Reichsadler. Spätestens da ist auch mir klar, dass hier keine Kollegen von Turnvater Jahn geehrt wurden. Offensichtlich eine hehre Gedenkhalle für alte Militaristen. Ich stehe irgendwie beklommen davor und wundere mich gleichwohl über den ungenutzen Platz. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass da früher irgendwelche Möbel drin waren. Es ist einfach nur eine leere, monumentale, sehr hohe Halle mit zahllosen dicken Quader-Säulen, den unvermeidlichen Fackelhaltern reihum und eben diesen düsteren Tafeln. Nur die schmaleren Wände zu beiden Seiten sind noch wert genauer betrachtet zu werden. Das Licht gleißt über die hintere, westliche Steinwand und man sieht die Schlagschatten der eingemeißelten Großbuchstaben. Die Typen klar und modern. Sie entsprechen gar nicht dem Klischee der Nazi-Ästhetik. Von Fraktur keine Spur.

Ich lese
IHR HEILIGEN
GRAUEN REIHEN
GEHT UNTER WOLKEN
DES RUHMS
UND TRAGT
DIE BLUTIGEN WEIHEN
DES HEIMLICHEN KÖNIGSTUMS
Walter Flex
Aha. Ich bin viel zu gefangen von der gesamten Architektur und der Typographie und den Schatten und dem intensiven Sonnenlicht, um den Spruch verstehen zu wollen. Ich will das lieber gar nicht so genau wissen. Als ich fotografiere, sehe ich eigentlich nur die beiden Wörter „heimlichen Königstums“. Die beiden Wörter sind zwar auch schon mysteriös in der Kombination aber mit denen kann ich für die Dauer des Aufenthalts und auf meinen Fotos leben. Worum es eigentlich geht, ahnt man ja ohnehin schon dunkel. Dass es eine Hymne an den Heldentod ist, der ganze Langemarck-Mythos sich um die Verherrlichung des Todes für das Vaterland dreht, erfahre ich erst viel später zu Hause, als ich im Internet auf den Begriff Langemarck-Mythos stoße. Kein Turnvater. Ein Schlachtfeld. Keine Nazi-Erfindung. Viel älter, aber ganz in deren wirrem Sinn. Die Saat, die hier aufging, wurde schon früher gelegt, lese ich später. Aber in diesem Moment gelingt es mir noch das Licht der warmen Spätsommersonne auf dem Stein zu genießen. Es kommt mir beinah vor, als stände ich sonstwo in Ägypten vor einer monumentalen Wand des Pharaonenkults. Da ist ja auch immer alles Mögliche in Steinwände eingemeißelt. Und immer riesig. Und immer scheint die Sonne. So sieht es wenigstens auf den Bildern aus, die man kennt. Ich war noch nie in Ägypten, aber habe mich als Kind intensiv zu diesen Pharaonenstätten geträumt. Ich fahre mit der Hand darüber. Der Stein hat eine angenehme Ausstrahlung. Solche Wände hätte ich auch gerne im Wohnzimmer. Ohne die Sprüche. Die Sonne bringt mich für einen Moment zum Lachen, und dass es nur noch historische Kulissen sind, von einem eingemotteten Stück mit abgelaufener Spielzeit.

Bei meinen Recherchen daheim finde ich diesen Blogeintrag. Der Verfasser weiß ein paar Sachen, die ich nirgendwo anders gelesen habe. Über die teilweise Zerstörung der Halle bei der Sprengung des Glockentrums durch die Briten und den erstaunlich widerstandslosen Wiederaufbau nach dem Krieg durch Werner March. Und er schreibt: „Was der Weltöffentlichkeit vorenthalten wurde: bevor der Führer die Spiele des Friedens eröffnete, zog er sich privat zum Heldengedenken in eben jene Halle zurück.“ Ich nehme an, man findet solche Hinweise in Hitler-Biographien. Ich habe nie eine gelesen. Jedenfalls genug Stoff zum Nachdenken. Kein anderer Bereich des Olympiageländes hat mich derart befremdet, wie die historisch unveränderte Sinngebung dieser Halle. Die Architektur an sich hat dennoch viele gelungene Aspekte. Das ist also die Halle, deren Namen kaum noch einer kennt. Die Berliner, die ich später danach fragte, egal ob gebürtig oder zugezogen, wussten rein gar nichts davon. Und ich habe keine jungen Menschen danach gefragt. Eigentlich auch kein Wunder, denn sie ist kaum zweckzuentfremden, außer vielleicht für andere Ausstellungsexperimente. Oder als kommerziell genutzte Partylocation. Abgeschieden genug wäre es für hohe nächtliche Dezibel, dagegen stünde aber sicher der Denkmalschutz. Wer den Glockenturm nicht besucht oder die Ausstellung, kommt niemals zufällig daran vorbei. Ich weiß natürlich nicht, ob sich nicht irgendwelche Nazi-Spinner oder Neo-Militaristen zu Hitlers Geburtstag oder am 10. November, um dieser Schlacht zu gedenken, heimlich dort verabreden und der Erinnerung huldigen.

Ich hatte eine gewisse Befangenheit, diesen Eintrag anzugehen. Mir war gefühlsmäßig eher nach Drüberzappen. Aber wenn man diesen ungemütlichen Aspekt schon in Bildern berührt, darf man im Eintrag nicht fahrlässig drübertänzeln, über den Abgrund. Mal schnell husch husch ist nicht bei dem Ganzen. Dafür wiegt dann eben doch alles zu schwer. Man muss nach unten schauen, sich ein Bild der Lage machen und dann mit einem beherzten Schritt über den Abgrund schreiten. Auf die sichere Seite mit dem festen Boden. Nun habe ich diese Etappe endlich hinter mir. Wer diesen Eintrag gelesen hat, kann jetzt jedenfalls mitreden und weiß mehr über die Langemarckhalle als die meisten Berliner. Ich habe zwar hier in meinem Blog eine kleine Pause eingelegt, zwischen meinen olympischen Begehungen, aber in der Realität hat das alles an einem einzigen Tag stattgefunden. Will sagen, ich bin nicht zehnmal mit meiner militärisch anmutenden Tarnkappe und der blauen Sonnenbrille los, falls jemand befürchtet, ich ziehe zu jeder Gelegenheit dieselben Klamotten an. In vier Stunden kann man eine Menge sehen und festhalten. Und dann hat man eine Menge zu verarbeiten. Auf vielen Ebenen. Und das ist noch nicht alles.
http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=109615

04. November 2011

Ab 21.

All of the clips used in this film came from a reel of 35mm nitrate found in an old theater somewhere in Pennsylvania. The projectionist clipped these scenes to meet local moral standards of the time.

04. November 2011

Ab 21.

All of the clips used in this film came from a reel of 35mm nitrate found in an old theater somewhere in Pennsylvania. The projectionist clipped these scenes to meet local moral standards of the time.

16. Oktober 2011


Die Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung schreibt in ihren einleitenden Worten zur Geschichte des Olympiageländes:
„Mit Olympiastadion und Olympiagelände besitzt Berlin wohl die bedeutendste monumentale Sportanlage des 20. Jahrhunderts in Europa. Die Anlage (…) zeigt ein Jahrhundert deutscher Sportgeschichte, von der Wiederbelebung der olympischen Idee bis zum modernen Sport. Die Bauten, Freiflächen und Skulpturen vereinen sich zu einem einzigartigen Gesamtkunstwerk, zu einem wirkungsvollen Monument von Architektur und Raumgestaltung der nationalsozialistischen Ära. Die Anlage erinnert an die engen Verflechtungen von Sport und Macht, an die politischen Ideen und Ideologien, die (…) im Dritten Reich und auch in der Nachkriegszeit mit Körperkultur und Sport verbunden waren.“

In der Tat findet man sich im monumentalen Bühnenbild eines vergangenen Stückes mit denkbar theatralischer Ambition. Wie hätte das seine Wirkung verfehlen können. Und weiter zum Maifeld:
„Das Maifeld verdeutlicht die Einheit von Sport, Architektur und nationalsozialistischer Ideologie. Als nationaler Festplatz sollte das Maifeld an die Foren antiker Städte anknüpfen. Die gewaltige Rasenfläche, eingefasst von einem Stufenwall mit Sitzreihen, war als Aufmarschplatz für Kundgebungen gedacht. (…) Skulpturen und Reliefs schließen sich mit der Architektur und den gestalteten Freiflächen zu einer künstlerischen Einheit zusammen. Die Bildwerke gliedern die freien Flächen, sie vermitteln zwischen Wegen und Achsen und geben der Landschaft die Wirkung eines feierlichen Haines. An der Gestaltung der Skulpturen waren namhafte Bildhauer des Neoklassizismus beteiligt. Die Statuen verklären den gestählten menschlichen Körper, die im Sport sichtbare menschliche Kraft und den Siegeswillen. Auffallend ist der bewußte Rückgriff auf die antike Kunst, besonders auf die archaische Phase der griechischen Skulptur.“ Dr. Matthias Donath

Wikipedia vermerkt zur Größe und zur Nutzung nach der Nazi-Ära:
„Das Maifeld ist 112.000 m² groß und kann bis zu 250.000 Besucher aufnehmen. Die Tribünen bieten noch einmal Platz für 60.000 Zuschauer. (…) 1945 bis 1994 war es Teil des britischen Hauptquartiers in Berlin. Hier fanden bis 1994 die alljährlichen – von tausenden von Berlinern besuchten – Geburtstagsparaden der britischen Truppen für Königin Elisabeth II. statt. Das Maifeld gehörte zum Areal der britischen Truppen, die hier Cricket- ,Rugby-, Polo- und andere Wettkämpfe veranstalteten.“
Die Geschichte im Hinterkopf zu haben, schadet nicht, wenn man sich dorthin begibt. Man wird im Übrigen auch durch Tafeln darüber informiert. Es ist kein unkommentierter Ort. Das Maifeld ist ein eingezäunter Bereich auf dem Gelände. Man kann da nicht mal eben so drüberlaufen. Man kann nett mit den freundlichen Mitarbeitern, die den Eingang zwischen den beiden Rosseführern von Joseph Wackerle bewachen, plaudern und versuchen sie zu becircen. Dahingehend, ob man nicht eventuell vielleicht doch, nur ein paar kleine Schritte, nur um mal die beiden Rosseführer von vorne zu sehen, nur einmal? Nein? Wirklich nicht? Die erste wirklich sehr nette Dame war hartnäckig und hat mir den Zugang verwehrt. Der zweite Versuch bei einem jungen Mann gelang. „Ich verspreche auch, dass ich die Rosseführer nicht klaue! Ehrenwort!“

Ja, doch. Das hat mich beeindruckt. Nicht nur, dass ich das Feld überhaupt betreten durfte, sondern dieses frontal vor den monumentalen Figuren zu stehen, anstatt nur durch die Eisenstäbe des Zauns zu lugen. Insofern sehen Sie hier exclusives Bildmaterial, insbesondere was die Köpfe der beiden jungen Männer, die die Pferde führen angeht. Ungeachtet dessen, dass ich den Riefenstahl-Tick mit der Untersicht gerne kultiviere – da bleibt einem nun gar nichts anderes übrig. Wie hoch mögen die sein? Sechs Meter? Gut und gerne. Und wenn man Beeindruckendes sieht, versucht man freilich das Eindrücklichste des Eindrucks widerzugeben. Sicher kann man auch Bilder davon machen, die den Ort banalisieren. Man kann schlechtere Perspektiven wählen, den Zaun einbeziehen, alles Mögliche. Aber der Zaun hat mich nicht weiter beeindruckt. Die Pferde waren es. Und der Rhythmus der Elemente. Die Rosseführer halten übrigens Handtücher in der Hand, habe ich irgendwo gelesen. Eine lustige Vorstellung eigentlich. Zwei junge kräftige Männer kehren von einem splitternackten (?!?) Ritt auf großen Pferden zurück und irgendwer hat ihnen ein Handtuch in die Hand gedrückt, um sich den Schweiß abzutrocknen. Nicht unsinnlich, das Szenario. Oder haben sie sich den Lendenschurz vom Leib gerissen, echauffiert vom Ritt? Na ja, die griechischen Figuren waren ja auch mal gerne nackig. Das muss nicht immer schlüssig sein. In der Kunst ist ja alles erlaubt. Ich denke auch nur überhaupt darüber nach, weil die auftraggebenden Herrschaften seinerzeit auf so einem ausgeprägt naturalistischen Trip waren und das Szenario ja eher eine sehr abstrakte Situation zeigt. Selbst in der Antike waren unbekleidete Ritte eher nicht die Mode. Wenn ich mir allerdings vorstelle, die beiden Jungs hätten alternativ eine römisch anmutende Gladiatorenrüstung an, gefällt mir die nackerte Variante besser.

Als ich meine Bilder so durchgeschaut habe, fiel mir auf, dass ich noch nie Postkarten gesehen habe, die diese Figuren zeigen. Da ist das historisch verständliche Tabu wohl doch noch zu groß. Politisch korrekte Befangenheit, Behutsamkeit sozusagen. Mehr als einer würde sich finden, der einer olympischen Postkarten-Edition, die die Rosseführer berücksichtigt und damit zwangsläufig ehrt, neo-nazistisches Sympathisantentum unterstellt. Da müssen noch ein paar Jährchen ins Land ziehen. Denn wer zerbricht sich heute schon bei einer Auslandsreise beim Besuch historischer Bauwerke den Kopf über den nicht selten von ebenbürtigem Größenwahn geprägten diktatorischen Kontext der dargebotenen Bauwerke und Bildhauereien, oder würde gar den Besuch oder Kauf einer Postkarte aus Gründen politischer Korrektheit meiden. Aber in meinem kleinen Blog darf ich das zeigen. Wir wollen ja auch daraus lernen, nicht wahr. Was hat unseren Vorfahren derart die Sinne vernebelt. An der Stelle kommt man mit Empathie und Verständnisforschung weiter als mit Verurteilung und Tabuisierung. Ich sehe, dass sich die ver(w)irrten Machthaber einer wirkungsvollen multimedialen Marketingmaschine bedient haben. In Stein gemeißelte Propaganda. Natürlich ist das nicht neu. Für mich ist allerdings interessant, dass es in der visuellen Sprache der Überwältigungsstrategie auch mich beeindruckende Elemente gibt. Der hysterisch-cholerische Duktus der Ansprachen der Protagonisten hingegen war mir nie als charismatisch nachvollziehbar. So gar nicht. Nicht einmal im Ansatz. Ein Mirakel.

Auf der gegenüberliegende Seite des Maifelds befindet sich der vielzitierte „Führerstand“. Die exklusive Ansprachetribüne für den seinerzeitigen Chefdogmatiker. Man kann den Stand auf einigen Bildern von Weitem erkennen. Ich konnte wegen der begrenzten Aufenthaltserlaubnis nicht näher ran. Der Zugang zu dieser Tribüne erfolgt über die Langemarckhalle, die sich unmittelbar dahinter erstreckt. Eine spätere Bildreihe. Zu gewaltig die Halle, aus deren Mitte der siebenundsiebzig Meter hohe Glockenturm erwächst, der einem einen gewaltigen Rundum-Blick über die Stadtlandschaft und das angrenzende Waldgebiet mit der Waldbühne schenkt.
http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=107931

16. Oktober 2011


Man sollte nicht denken, Blogeinträge über geschichtliche Zusammenhänge wären nicht privat. Alles was ich schreibe ist privat. Meine private Interessenslage ist das sogenannte „Schicksal“ zu verstehen. Und das findet nicht im Vakuum statt, sondern in einem Land, mit Zeitgenossen, die einen Lebensweg wählen. Eine Art zu leben. Die Verstrickungen unserer Vorfahren reichen immer in unser eigenes Leben. Aber das wollte ich jetzt eigentlich gar nicht großartig erklären. Ich kann mich tief in ein Thema versenken, es ausloten, abarbeiten. Und dann ein Kapitel schließen, wenn aus den Fragezeichen Punkte geworden sind.
Letzte Nacht träumte ich etwas, woran ich mich sogar erinnere, die letzte Sequenz. Irgendeine Wohnung oder Wohngemeinschaft. Menschen, die mir in den letzten drei vier Jahren nahestanden (und jetzt nicht mehr), an einer langen Tafel, die Gesellschaft hat sich gerade aufgelöst, ist in Aufbruchstimmung, verstreut in die verschiedenen Zimmer der Wohnung. Es ist taghell. Die Tafel hat ein weißes Tischtuch. Jemand, der mir wichtig war, mäandert immer wieder zum Tisch, beobachtet mich, während ich abräume. Ich habe vor, den Tisch komplett abzuräumen, sauberzumachen. Konzentriere mich darauf die Teller zu stapeln, die Krümel zusammenzuschieben, fühle mich taxiert. Ich lasse mich nicht aus dem Konzept bringen, aus Trotz. Ich werde diese Blickattacke einfach ignorieren. Kein Blick mehr. Keine Energie, keine Kraft mehr in diese Richtung. Ich bin damit fertig. Es bekäme mir nicht.
Ich bücke mich unter den Tisch, um eine vermeintliche Serviette aufzuheben. Aber es ist ein gefalteter Brief. Auf diese Art transparentes Butterbrotpapier geschrieben. Ein Din A-5-Blatt. Ich erkenne die Handschrift, mit schwarzem Filzstift, lese ich einen Brief an mich. Jemand, der mir vor mehr als zehn Jahren etwas bedeutete und plötzlich verschwand, muss hier gewesen sein, ohne dass ich es bemerkte. Er schreibt, er müsste mich treffen, um mit mir zu reden. An einem See. Es ist ein See in der Nähe der Wohnung, ich glaube ein Waldsee. Mit Seerosen. Ich bin sehr überrascht und weiß doch, ich werde nicht hingehen. Er schreibt, er hätte mir eine Menge zu sagen, zu erklären. „4 Tonnen“. Schreibt er. Ich sehe ihn dabei grinsen, weil er selbst weiß, es ist eine alberne Metapher. Wie aus einem Donald Duck-Heft. Er hätte mir vier Tonnen zu sagen. Mir ist das zu viel, nach der langen Zeit.
Ich fühle mich einen Moment wie gerührt, ein warmes Gefühl wie Versöhnung. Aber vier Tonnen reden will ich nicht. Ich will auch sonst nichts. Auch nicht treffen. Nicht erinnert werden. Nichts aufwärmen. Wenn es auch schön ist, plötzlich nach all den Jahren zu bemerken, dass man nicht völlig vergessen war. Oder die Erinnerung wieder erwacht ist. Er will es aufarbeiten, deswegen soll ich heute vormittag um soundsoviel Uhr am See sein. Ich stelle fest, dass die Zeit des vorgeschlagenen Treffpunkts schon einige Stunden vorbei ist. Es ist schon Nachmittag. Der am-Tisch-Mäandernde sieht, dass ich einen sehr persönlichen Brief an mich lese. Es ist ihm nicht recht. Ich sehe es an seinem unruhigen Gesichtsaudruck. Ich finde, es geht ihn nichts an. Und es ist auch zu spät, mich anzusehen, als gäbe es eine Verbindung oder Verbindlichkeit. Ich fühle mich niemandem mehr verbunden und bin auch froh, dass sich die Sache mit dem See erledigt hat. Ein bißchen tut es mir schon für den Mann am See leid, aber ich muss die Gewichtungen in meinem Leben richtig verteilen. Trotzdem empfinde ich eine ganz kleine warme Freude über den Brief, diesen späten Versuch. Ich wache auf und stehe ganz früh auf. Wie noch nie an einem Sonntag ohne besondere Pläne. Es war noch dunkel.
Ich ließ ein heißes Bad ein. Ich badete meiner Erinnerung nach noch nie morgens, direkt nach dem Aufstehen. Mir war so sehr nach einem heißen Bad. Ich nahm die Flasche mit dem Shampoo aus der Dusche und stellte sie auf den Badewannenrand. Ich habe mir zuletzt zu Besuch bei einer Freundin die Haare in der Badewanne gewaschen. Es passte zu dem Traum und dem Tag, alles mögliche anders zu machen als sonst. So viel war es dann auch nicht, aber ich fing schon irgendwann gegen Acht an, den Blogeintrag über das Maifeld zu verfassen. Feinsäuberlich. Akribisch. Ordentlich wie ich bin. An alles gedacht. Politische Korrektheit. Widersprüchlichkeiten. Eingeständnisse. Relativierung. Alles. Ich finde, ich mache das gut, mit diesen historisch eingefärbten Blogeinträgen. Man muss sich auch mal selber loben.
Das war also was ich träumte, was ich erinnere. Und das war nur der Schluss. Ich träume so intensiv, immer, und kann kaum etwas greifen, erinnern, festhalten. Eine Sache fällt mir aber gerade ein, die gar nichts mit mir zu tun hat. Ich träumte, dass die bloggende Kaltmamsell ein Job-Angebot für eine leitende Stelle beim Technischen Hilfswerk bekommt, irgendeine interessante Führungsposition. Ich weiß nicht, warum ich darüber informiert war im Traum. Ich kriegte es einfach mit. Und sie erzählte dann, dass sie die Stelle wahrscheinlich annehmen wird, weil sie das mit ihren sozialen Idealen gut vereinbaren kann, die Zielsetzung des Technischen Hilfswerks. Ich fand das auch gut. Sie muss bestimmt sehr lachen, wenn sie das liest. Als ich es vor einiger Zeit träumte, dachte ich beim Aufwachen: „gar nicht so abwegig. Gute Sache eigentlich!“. Sie war auch sehr zufrieden mit ihrer neuen Perspektive. Das Technische Hilfswerk agiert ja auch weltweit. Sehr spannend. Keine Ahnung, wie solche Sachen in meinen Kopf kommen. Mitten in der Nacht. Apropos. Gute Nacht.

16. Oktober 2011


Man sollte nicht denken, Blogeinträge über geschichtliche Zusammenhänge wären nicht privat. Alles was ich schreibe ist privat. Meine private Interessenslage ist das sogenannte „Schicksal“ zu verstehen. Und das findet nicht im Vakuum statt, sondern in einem Land, mit Zeitgenossen, die einen Lebensweg wählen. Eine Art zu leben. Die Verstrickungen unserer Vorfahren reichen immer in unser eigenes Leben. Aber das wollte ich jetzt eigentlich gar nicht großartig erklären. Ich kann mich tief in ein Thema versenken, es ausloten, abarbeiten. Und dann ein Kapitel schließen, wenn aus den Fragezeichen Punkte geworden sind.
Letzte Nacht träumte ich etwas, woran ich mich sogar erinnere, die letzte Sequenz. Irgendeine Wohnung oder Wohngemeinschaft. Menschen, die mir in den letzten drei vier Jahren nahestanden (und jetzt nicht mehr), an einer langen Tafel, die Gesellschaft hat sich gerade aufgelöst, ist in Aufbruchstimmung, verstreut in die verschiedenen Zimmer der Wohnung. Es ist taghell. Die Tafel hat ein weißes Tischtuch. Jemand, der mir wichtig war, mäandert immer wieder zum Tisch, beobachtet mich, während ich abräume. Ich habe vor, den Tisch komplett abzuräumen, sauberzumachen. Konzentriere mich darauf die Teller zu stapeln, die Krümel zusammenzuschieben, fühle mich taxiert. Ich lasse mich nicht aus dem Konzept bringen, aus Trotz. Ich werde diese Blickattacke einfach ignorieren. Kein Blick mehr. Keine Energie, keine Kraft mehr in diese Richtung. Ich bin damit fertig. Es bekäme mir nicht.
Ich bücke mich unter den Tisch, um eine vermeintliche Serviette aufzuheben. Aber es ist ein gefalteter Brief. Auf diese Art transparentes Butterbrotpapier geschrieben. Ein Din A-5-Blatt. Ich erkenne die Handschrift, mit schwarzem Filzstift, lese ich einen Brief an mich. Jemand, der mir vor mehr als zehn Jahren etwas bedeutete und plötzlich verschwand, muss hier gewesen sein, ohne dass ich es bemerkte. Er schreibt, er müsste mich treffen, um mit mir zu reden. An einem See. Es ist ein See in der Nähe der Wohnung, ich glaube ein Waldsee. Mit Seerosen. Ich bin sehr überrascht und weiß doch, ich werde nicht hingehen. Er schreibt, er hätte mir eine Menge zu sagen, zu erklären. „4 Tonnen“. Schreibt er. Ich sehe ihn dabei grinsen, weil er selbst weiß, es ist eine alberne Metapher. Wie aus einem Donald Duck-Heft. Er hätte mir vier Tonnen zu sagen. Mir ist das zu viel, nach der langen Zeit.
Ich fühle mich einen Moment wie gerührt, ein warmes Gefühl wie Versöhnung. Aber vier Tonnen reden will ich nicht. Ich will auch sonst nichts. Auch nicht treffen. Nicht erinnert werden. Nichts aufwärmen. Wenn es auch schön ist, plötzlich nach all den Jahren zu bemerken, dass man nicht völlig vergessen war. Oder die Erinnerung wieder erwacht ist. Er will es aufarbeiten, deswegen soll ich heute vormittag um soundsoviel Uhr am See sein. Ich stelle fest, dass die Zeit des vorgeschlagenen Treffpunkts schon einige Stunden vorbei ist. Es ist schon Nachmittag. Der am-Tisch-Mäandernde sieht, dass ich einen sehr persönlichen Brief an mich lese. Es ist ihm nicht recht. Ich sehe es an seinem unruhigen Gesichtsaudruck. Ich finde, es geht ihn nichts an. Und es ist auch zu spät, mich anzusehen, als gäbe es eine Verbindung oder Verbindlichkeit. Ich fühle mich niemandem mehr verbunden und bin auch froh, dass sich die Sache mit dem See erledigt hat. Ein bißchen tut es mir schon für den Mann am See leid, aber ich muss die Gewichtungen in meinem Leben richtig verteilen. Trotzdem empfinde ich eine ganz kleine warme Freude über den Brief, diesen späten Versuch. Ich wache auf und stehe ganz früh auf. Wie noch nie an einem Sonntag ohne besondere Pläne. Es war noch dunkel.
Ich ließ ein heißes Bad ein. Ich badete meiner Erinnerung nach noch nie morgens, direkt nach dem Aufstehen. Mir war so sehr nach einem heißen Bad. Ich nahm die Flasche mit dem Shampoo aus der Dusche und stellte sie auf den Badewannenrand. Ich habe mir zuletzt zu Besuch bei einer Freundin die Haare in der Badewanne gewaschen. Es passte zu dem Traum und dem Tag, alles mögliche anders zu machen als sonst. So viel war es dann auch nicht, aber ich fing schon irgendwann gegen Acht an, den Blogeintrag über das Maifeld zu verfassen. Feinsäuberlich. Akribisch. Ordentlich wie ich bin. An alles gedacht. Politische Korrektheit. Widersprüchlichkeiten. Eingeständnisse. Relativierung. Alles. Ich finde, ich mache das gut, mit diesen historisch eingefärbten Blogeinträgen. Man muss sich auch mal selber loben.
Das war also was ich träumte, was ich erinnere. Und das war nur der Schluss. Ich träume so intensiv, immer, und kann kaum etwas greifen, erinnern, festhalten. Eine Sache fällt mir aber gerade ein, die gar nichts mit mir zu tun hat. Ich träumte, dass die bloggende Kaltmamsell ein Job-Angebot für eine leitende Stelle beim Technischen Hilfswerk bekommt, irgendeine interessante Führungsposition. Ich weiß nicht, warum ich darüber informiert war im Traum. Ich kriegte es einfach mit. Und sie erzählte dann, dass sie die Stelle wahrscheinlich annehmen wird, weil sie das mit ihren sozialen Idealen gut vereinbaren kann, die Zielsetzung des Technischen Hilfswerks. Ich fand das auch gut. Sie muss bestimmt sehr lachen, wenn sie das liest. Als ich es vor einiger Zeit träumte, dachte ich beim Aufwachen: „gar nicht so abwegig. Gute Sache eigentlich!“. Sie war auch sehr zufrieden mit ihrer neuen Perspektive. Das Technische Hilfswerk agiert ja auch weltweit. Sehr spannend. Keine Ahnung, wie solche Sachen in meinen Kopf kommen. Mitten in der Nacht. Apropos. Gute Nacht.

16. Oktober 2011


Die Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung schreibt in ihren einleitenden Worten zur Geschichte des Olympiageländes:
„Mit Olympiastadion und Olympiagelände besitzt Berlin wohl die bedeutendste monumentale Sportanlage des 20. Jahrhunderts in Europa. Die Anlage (…) zeigt ein Jahrhundert deutscher Sportgeschichte, von der Wiederbelebung der olympischen Idee bis zum modernen Sport. Die Bauten, Freiflächen und Skulpturen vereinen sich zu einem einzigartigen Gesamtkunstwerk, zu einem wirkungsvollen Monument von Architektur und Raumgestaltung der nationalsozialistischen Ära. Die Anlage erinnert an die engen Verflechtungen von Sport und Macht, an die politischen Ideen und Ideologien, die (…) im Dritten Reich und auch in der Nachkriegszeit mit Körperkultur und Sport verbunden waren.“

In der Tat findet man sich im monumentalen Bühnenbild eines vergangenen Stückes mit denkbar theatralischer Ambition. Wie hätte das seine Wirkung verfehlen können. Und weiter zum Maifeld:
„Das Maifeld verdeutlicht die Einheit von Sport, Architektur und nationalsozialistischer Ideologie. Als nationaler Festplatz sollte das Maifeld an die Foren antiker Städte anknüpfen. Die gewaltige Rasenfläche, eingefasst von einem Stufenwall mit Sitzreihen, war als Aufmarschplatz für Kundgebungen gedacht. (…) Skulpturen und Reliefs schließen sich mit der Architektur und den gestalteten Freiflächen zu einer künstlerischen Einheit zusammen. Die Bildwerke gliedern die freien Flächen, sie vermitteln zwischen Wegen und Achsen und geben der Landschaft die Wirkung eines feierlichen Haines. An der Gestaltung der Skulpturen waren namhafte Bildhauer des Neoklassizismus beteiligt. Die Statuen verklären den gestählten menschlichen Körper, die im Sport sichtbare menschliche Kraft und den Siegeswillen. Auffallend ist der bewußte Rückgriff auf die antike Kunst, besonders auf die archaische Phase der griechischen Skulptur.“ Dr. Matthias Donath

Wikipedia vermerkt zur Größe und zur Nutzung nach der Nazi-Ära:
„Das Maifeld ist 112.000 m² groß und kann bis zu 250.000 Besucher aufnehmen. Die Tribünen bieten noch einmal Platz für 60.000 Zuschauer. (…) 1945 bis 1994 war es Teil des britischen Hauptquartiers in Berlin. Hier fanden bis 1994 die alljährlichen – von tausenden von Berlinern besuchten – Geburtstagsparaden der britischen Truppen für Königin Elisabeth II. statt. Das Maifeld gehörte zum Areal der britischen Truppen, die hier Cricket- ,Rugby-, Polo- und andere Wettkämpfe veranstalteten.“
Die Geschichte im Hinterkopf zu haben, schadet nicht, wenn man sich dorthin begibt. Man wird im Übrigen auch durch Tafeln darüber informiert. Es ist kein unkommentierter Ort. Das Maifeld ist ein eingezäunter Bereich auf dem Gelände. Man kann da nicht mal eben so drüberlaufen. Man kann nett mit den freundlichen Mitarbeitern, die den Eingang zwischen den beiden Rosseführern von Joseph Wackerle bewachen, plaudern und versuchen sie zu becircen. Dahingehend, ob man nicht eventuell vielleicht doch, nur ein paar kleine Schritte, nur um mal die beiden Rosseführer von vorne zu sehen, nur einmal? Nein? Wirklich nicht? Die erste wirklich sehr nette Dame war hartnäckig und hat mir den Zugang verwehrt. Der zweite Versuch bei einem jungen Mann gelang. „Ich verspreche auch, dass ich die Rosseführer nicht klaue! Ehrenwort!“

Ja, doch. Das hat mich beeindruckt. Nicht nur, dass ich das Feld überhaupt betreten durfte, sondern dieses frontal vor den monumentalen Figuren zu stehen, anstatt nur durch die Eisenstäbe des Zauns zu lugen. Insofern sehen Sie hier exclusives Bildmaterial, insbesondere was die Köpfe der beiden jungen Männer, die die Pferde führen angeht. Ungeachtet dessen, dass ich den Riefenstahl-Tick mit der Untersicht gerne kultiviere – da bleibt einem nun gar nichts anderes übrig. Wie hoch mögen die sein? Sechs Meter? Gut und gerne. Und wenn man Beeindruckendes sieht, versucht man freilich das Eindrücklichste des Eindrucks widerzugeben. Sicher kann man auch Bilder davon machen, die den Ort banalisieren. Man kann schlechtere Perspektiven wählen, den Zaun einbeziehen, alles Mögliche. Aber der Zaun hat mich nicht weiter beeindruckt. Die Pferde waren es. Und der Rhythmus der Elemente. Die Rosseführer halten übrigens Handtücher in der Hand, habe ich irgendwo gelesen. Eine lustige Vorstellung eigentlich. Zwei junge kräftige Männer kehren von einem splitternackten (?!?) Ritt auf großen Pferden zurück und irgendwer hat ihnen ein Handtuch in die Hand gedrückt, um sich den Schweiß abzutrocknen. Nicht unsinnlich, das Szenario. Oder haben sie sich den Lendenschurz vom Leib gerissen, echauffiert vom Ritt? Na ja, die griechischen Figuren waren ja auch mal gerne nackig. Das muss nicht immer schlüssig sein. In der Kunst ist ja alles erlaubt. Ich denke auch nur überhaupt darüber nach, weil die auftraggebenden Herrschaften seinerzeit auf so einem ausgeprägt naturalistischen Trip waren und das Szenario ja eher eine sehr abstrakte Situation zeigt. Selbst in der Antike waren unbekleidete Ritte eher nicht die Mode. Wenn ich mir allerdings vorstelle, die beiden Jungs hätten alternativ eine römisch anmutende Gladiatorenrüstung an, gefällt mir die nackerte Variante besser.

Als ich meine Bilder so durchgeschaut habe, fiel mir auf, dass ich noch nie Postkarten gesehen habe, die diese Figuren zeigen. Da ist das historisch verständliche Tabu wohl doch noch zu groß. Politisch korrekte Befangenheit, Behutsamkeit sozusagen. Mehr als einer würde sich finden, der einer olympischen Postkarten-Edition, die die Rosseführer berücksichtigt und damit zwangsläufig ehrt, neo-nazistisches Sympathisantentum unterstellt. Da müssen noch ein paar Jährchen ins Land ziehen. Denn wer zerbricht sich heute schon bei einer Auslandsreise beim Besuch historischer Bauwerke den Kopf über den nicht selten von ebenbürtigem Größenwahn geprägten diktatorischen Kontext der dargebotenen Bauwerke und Bildhauereien, oder würde gar den Besuch oder Kauf einer Postkarte aus Gründen politischer Korrektheit meiden. Aber in meinem kleinen Blog darf ich das zeigen. Wir wollen ja auch daraus lernen, nicht wahr. Was hat unseren Vorfahren derart die Sinne vernebelt. An der Stelle kommt man mit Empathie und Verständnisforschung weiter als mit Verurteilung und Tabuisierung. Ich sehe, dass sich die ver(w)irrten Machthaber einer wirkungsvollen multimedialen Marketingmaschine bedient haben. In Stein gemeißelte Propaganda. Natürlich ist das nicht neu. Für mich ist allerdings interessant, dass es in der visuellen Sprache der Überwältigungsstrategie auch mich beeindruckende Elemente gibt. Der hysterisch-cholerische Duktus der Ansprachen der Protagonisten hingegen war mir nie als charismatisch nachvollziehbar. So gar nicht. Nicht einmal im Ansatz. Ein Mirakel.

Auf der gegenüberliegende Seite des Maifelds befindet sich der vielzitierte „Führerstand“. Die exklusive Ansprachetribüne für den seinerzeitigen Chefdogmatiker. Man kann den Stand auf einigen Bildern von Weitem erkennen. Ich konnte wegen der begrenzten Aufenthaltserlaubnis nicht näher ran. Der Zugang zu dieser Tribüne erfolgt über die Langemarckhalle, die sich unmittelbar dahinter erstreckt. Eine spätere Bildreihe. Zu gewaltig die Halle, aus deren Mitte der siebenundsiebzig Meter hohe Glockenturm erwächst, der einem einen gewaltigen Rundum-Blick über die Stadtlandschaft und das angrenzende Waldgebiet mit der Waldbühne schenkt.
http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=107931

11. Oktober 2011

Das Schicksal hat oft ein ganz grottiges Timing. Wie oft wird irgendeinem Unfug unnötig lange Dauer verliehen. Bis einem die Quälerei zum Halse heraushängt. Hätte man den Unsinn nicht abkürzen können. Oder macht man das selber? Ist man selber das Schicksal? Womöglich. Oder auch. Ach, was weiß ich. Zum Beispiel Genugtuung*: Genugtuung* ist doch nur „genug tuend“, so lange sie gebraucht wird. Benötigt wird. In der Not. Was soll zum Beispiel um mehrere Jahre verspätete Genugtuung*, die einen nicht mehr weiter interessiert. Das ist doch alles nicht effizient, lieber Gott, der du da auch immer mit rumrührst in dem ganzen Brei. (Man muß auch mal wirtschaften lernen!) Und wo bleibt da das Qualitätsmanagement? Was sind das denn überhaupt für Qualitätsstandards bei dir da droben? Da geht doch alles drunter und drüber! Daher kommt wahrscheinlich auch der Spruch: „Viele Köche verderben den Brei!“ Wahrscheinlich wirst du dir immer ewig nicht mit den anderen Bereichsleitern einig, mit dem Allah und dem Buddha und wie sie alle heißen. Anstatt mich alleine schalten und walten zu lassen! Gerne übernehme ich die Hauptgeschäftsführung!

Da käme schon was Vernünftiges dabei raus. Jedenfalls schlechter als der übliche Kraut- und Rüben-Schicksalseintopf allenthalben könnte es auch nicht sein. Aber man lässt mich ja nicht! Mir geht das auch insgesamt alles zu langsam. Ich finde Schandtaten sollten sofort vom Schicksal geahndet werden. Ansonsten: Verzugszinsen. Fünfzig Prozent. Zack. Bums. Fertig. Aber eigentlich scheiße ich auf die Zinsen. Ich bin für reinen Tisch. Und wenn ich sage „Instant Karma“, dann meine ich Instant Karma. Ist das jetzt klar? Hallo? Ist da oben noch wer? Etwa schon Feierabend? Sprich, nicht: fünf Jahre später, wenn sich schon kaum wer mehr an die Tat erinnert, sondern spätestens (!) fünf Monate später. Ich denke, ich habe mich klar ausgedrückt. Im Übrigen bin ich für einen klaren Führungsstil mit transparenten Zielsetzungen. Freundlich aber bestimmt. Und zur nächsten Besprechung rasieren Sie drei sich bitte die albernen Rauschebärte ab. Was sollen unsere jüngeren Kundinnen denken.
*) vulgo: Vergeltung

11. Oktober 2011

Das Schicksal hat oft ein ganz grottiges Timing. Wie oft wird irgendeinem Unfug unnötig lange Dauer verliehen. Bis einem die Quälerei zum Halse heraushängt. Hätte man den Unsinn nicht abkürzen können. Oder macht man das selber? Ist man selber das Schicksal? Womöglich. Oder auch. Ach, was weiß ich. Zum Beispiel Genugtuung*: Genugtuung* ist doch nur „genug tuend“, so lange sie gebraucht wird. Benötigt wird. In der Not. Was soll zum Beispiel um mehrere Jahre verspätete Genugtuung*, die einen nicht mehr weiter interessiert. Das ist doch alles nicht effizient, lieber Gott, der du da auch immer mit rumrührst in dem ganzen Brei. (Man muß auch mal wirtschaften lernen!) Und wo bleibt da das Qualitätsmanagement? Was sind das denn überhaupt für Qualitätsstandards bei dir da droben? Da geht doch alles drunter und drüber! Daher kommt wahrscheinlich auch der Spruch: „Viele Köche verderben den Brei!“ Wahrscheinlich wirst du dir immer ewig nicht mit den anderen Bereichsleitern einig, mit dem Allah und dem Buddha und wie sie alle heißen. Anstatt mich alleine schalten und walten zu lassen! Gerne übernehme ich die Hauptgeschäftsführung!

Da käme schon was Vernünftiges dabei raus. Jedenfalls schlechter als der übliche Kraut- und Rüben-Schicksalseintopf allenthalben könnte es auch nicht sein. Aber man lässt mich ja nicht! Mir geht das auch insgesamt alles zu langsam. Ich finde Schandtaten sollten sofort vom Schicksal geahndet werden. Ansonsten: Verzugszinsen. Fünfzig Prozent. Zack. Bums. Fertig. Aber eigentlich scheiße ich auf die Zinsen. Ich bin für reinen Tisch. Und wenn ich sage „Instant Karma“, dann meine ich Instant Karma. Ist das jetzt klar? Hallo? Ist da oben noch wer? Etwa schon Feierabend? Sprich, nicht: fünf Jahre später, wenn sich schon kaum wer mehr an die Tat erinnert, sondern spätestens (!) fünf Monate später. Ich denke, ich habe mich klar ausgedrückt. Im Übrigen bin ich für einen klaren Führungsstil mit transparenten Zielsetzungen. Freundlich aber bestimmt. Und zur nächsten Besprechung rasieren Sie drei sich bitte die albernen Rauschebärte ab. Was sollen unsere jüngeren Kundinnen denken.
*) vulgo: Vergeltung

09. Oktober 2011


Muschelkalk also, die Skulpturen sind aus Muschelkalk. Da auf dem Areal. Ich ziehe die Bezeichnung Areal der etwas banalen Benennung „Olympiapark“ des ehemaligen „Reichssportfelds“ vor. Olympiapark klingt mir arg naiv nach Vergnügungspark, auch wenn es durchaus etwas davon hatte, als ich einige Tage später beim ISTAF das Vegnügen hatte, denselben Ort an einem Sommertag mit fröhlichen Kindern und Würstchen- und Saftbuden zu sehen.
Obwohl ich einen Plan in der Tasche hatte, bin ich wie meistens der Nase nach gelaufen. Auf dem Weg zum Glockenturm kommt man automatisch an der gewaltigen Nike vorbei. Der „German Nike“, wie sie im Internet gerne bezeichnet wird. Vielleicht wegen des germanisch anmutenden Eichenblattes, das sie in der Hand hält. Ich finde, dass sie für eine stolze Siegesgöttin ein bißchen zu wenig wie ein Alphatier guckt, eher wie ein unterwürfiges Mädchen, das dem Sieger huldvoll das Eichenblatt als Trophäe reicht. Auch schaut sie dabei arg ernst. Wahrscheinlich „erhaben“ oder so ähnlich gemeint. Siegesfreude könnte sich schon in ihrem Antlitz spiegeln, finde ich. Na ja. Die Nazi-Bildhauereien sind ja durchweg nicht für feurige Begeisterung oder nennenswerte Lebensfreude im Ausdruck berühmt. Da fügt sich die recht unfroh dreinschauende „Goddess of Victory“ von Bildhauer Willy Meller nahtlos ein.

Gegenüber des Eingangs der Langemarckhalle, am Zugang zur Waldbühne sind zwei Reliefs von einem gewissen Adolf Wamper, „Heldenehrung und Poesie“. Wieder der schöne Stein. Das rechte nennt sich auch wahlweise „Künstlerische Feier“, Frauenpaar mit Lorbeer und Leier. Also offenbar die „Poesie“. Am Beseeltesten an diesem Werk erscheint mir der Muschelkalkstein. Ich habe zwar einen großen Sinn für alles Monumentale, doch die Größe allein macht es leider auch nicht. Schade drum. Aber der Stein. Der Stein. Der macht wert, auch den beiden splitternackten Diskuswerfern von Karl Albiker ein, zwei Blicke zu schenken.

Und irgendwo dazwischen „hinter dem Osteingang des Stadions eine Reihe von 2,5 m hohen Muschelkalkpfeilern mit den Austragungsorten der Olympischen Spiele, den Namen deutscher Wettkampfsieger und Reliefdarstellungen einzelner Sportarten.“
http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=107931
Die mir erwähnenswertesten Skulpturen auf dem gesamten Areal sind die beiden „Rosseführer“ mit ihren riesigen Pferden auf dem Maifeld, denen unbedingt eine eigene Strecke gebührt. Denn die rocken schon ganz schön, obwohl sie in gleichem Maße ungerührt und desinteressiert aus der Wäsche gucken, wie der Rest.

10. Oktober 2011


ich kann auch Farbfotos

Nein, nein, es gibt kein Entkommen. Wir befinden uns weiterhin auf dem leidigen Olympiagelände und das wird noch ein Weilchen durchexerziert. In diesen Dingen bin ich streng. Bevor wir uns gemeinschaftlich zum Maifeld mit den stolzen Rosseführern und ihren Zossen bewegen, gucken wir uns noch ein richtiges echtes Pferd an. Es stand so rum hinter einem Zaun, ich glaube man nennt das Stall und neben dem weißen war noch ein braunes Pferd aber das weiße war näher an mir dran und auch fotogener. Ich würde sagen: ein schönes Pferd. Ich kenne mich da ja nicht so aus und gehe rein nach äußerem Eindruck und Sympathie. Ja, ich möchte sagen: ein herzensgutes Pferd mit einem ausgezeichneten Charakter. Einem schönen inneren wie auch äußeren Wesen. Der Reitsportverein da am Maifeld, zu dem das Pferdchen gehört, macht auch Reittherapie lese ich auf der Internetseite. Für behinderte Menschen. Gegen alles Mögliche. Burnout sicher auch: „Reittherapie verbessert die Motorik, das Lernen & Sprechen, die Wahrnehmung, das Verhalten und das Selbstwertgefühl. Ängste werden abgebaut, eigene Grenzen erkannt.“ Na bitte. Einwandfrei.
http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=107931

Bestimmt ein besonders sensibles Pferd. Ich habe eine gute Wahl getroffen, als ich es für meine Fotos ausgesucht habe. Ich beglückwünsche mich nachträglich zu dieser hervorragenden Wahl.