23. März 2015


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Schöne Löwen. Von mir aus könnten viel mehr Löwen herumstehen. In Venedig geizt man ja auch nicht damit. Eine Frage der Politik. Mal schauen, welche Partei für mehr Löwenskulpturen im Stadtbild ist. Sphinxhaft liegend, leicht schläfrig, gefallen sie mir am allerbesten. Das Entspannte überträgt sich auf den eilenden Stadtbewohner. Ich wüsste schon, was die Stadt so richtig voranbringen würde. Die goldenen Visionen purzeln mir nur so aus dem Kopf. Ich darf gar nicht darüber nachdenken.

Und man komme mir nicht mit Geld. Für Olympia wäre auch Geld dagewesen. Nur mit dem Unterschied, dass sich eine nennenswerte Mehrheit der Berliner für mehr Löwen im Stadtbild aussprechen würde, der Berliner ist ja tierlieb. Daher bin ich dafür.

23. März 2015


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Schöne Löwen. Von mir aus könnten viel mehr Löwen herumstehen. In Venedig geizt man ja auch nicht damit. Eine Frage der Politik. Mal schauen, welche Partei für mehr Löwenskulpturen im Stadtbild ist. Sphinxhaft liegend, leicht schläfrig, gefallen sie mir am allerbesten. Das Entspannte überträgt sich auf den eilenden Stadtbewohner. Ich wüsste schon, was die Stadt so richtig voranbringen würde. Die goldenen Visionen purzeln mir nur so aus dem Kopf. Ich darf gar nicht darüber nachdenken.

Und man komme mir nicht mit Geld. Für Olympia wäre auch Geld dagewesen. Nur mit dem Unterschied, dass sich eine nennenswerte Mehrheit der Berliner für mehr Löwen im Stadtbild aussprechen würde, der Berliner ist ja tierlieb. Daher bin ich dafür.

22. März 2015


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Ich musste endlich einmal wieder auf der Museumsinsel nach dem Rechten sehen, den Kolonnadenhof beim Eingang zum Neuen Museum inspizieren. Und das neue Neue Museum selbst natürlich.

Lange mussten die Mitarbeiter auf meinen Besuch warten, es war mir schon langsam ein bißchen peinlich. Insbesondere, nachdem mein Nachbar, Herr Chipperfield, schon wieder lauter andere Sachen gebaut und fertig gestellt hat. Sein Haus in der Baulücke schräg gegenüber von meinem Adlerhorst ist auch schon längst fertig. Schön ist es geworden. Aber weil ich viel Respekt, ja geradezu Ehrfurcht vor dem Neuen Museum und dem, was er daraus gemacht hat, hatte, konnte ich nicht einfach mal so husch husch bei nächster Gelegenheit vorbeischauen. Ich wollte es schon ein bißchen zelebrieren. Mit ausgiebig Zeit und Muße und Hingabe.



Man sollte keinesfalls davon ausgehen, dass ich zufällig Sachen anhatte, die farblich mit dem Elbsandstein der Säulen korrespondieren. Ich mache so etwas bewusst. Stellen Sie sich vor, ich hätte einen mintgrünen Sport-Anorak aus abwaschbarem Nylon mit lila Rallyestreifen angehabt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das Nofretete gefallen hätte. Die Mitarbeiter müssen sicher auch viele schlimme Jacken sehen, so einen langen Museumstag über. Ich wollte da gerne ein bißchen Abwechslung fürs Auge bieten. Wobei ich bei der Durchsicht meiner Bilder lobend festhalten muss, dass viele Passanten schlichte schwarze Wintermäntel getragen haben. Das ist relativ unproblematisch fürs Bild. Danke dafür. Ich kenne einige Berliner, die zwar schon mehrfach auf der Museumsinsel waren, über die Jahre hinweg, aber nicht unbedingt in jedem Museum und auch nicht unbedingt im Neuen Museum, seit Herr Chipperfield dieses verblüffende Meisterwerk aus Restaurierung und Modernisierung abgeliefert hat, das die weltweit bedeutendsten Architekturpreise bekommen hat. Wenn man es betritt, weiß man warum. Ich war noch niemals zuvor in einem Museum, in dem so eine starke Aura von Geschichte und Vergänglichkeit in den Räumen liegt. Die Intensität des alten Gemäuers mit den freigelegten, verblichenen Fresken, die die Exponate umgeben, kann man kaum in Worte fassen. Ich war vorher ehrfürchtig und danach bin ich es noch mehr. Ich kann die Bilder nicht in einer einzigen Strecke zusammenfassen. Es gibt viele Höhepunkte, die ich irgendwie auseinanderdividieren muss.


Der Kolonnadenhof ist natürlich historisch, vom Schinkel-Schüler August Stüler, wie das ganze Neue Museum. Die Nofretete macht sich gut, da zwischen den Säulen. Sie hat im Museum einen Ehrenplatz unter einer Kuppel. Der einzige Bereich, in dem man nicht fotografieren darf, sehr sakral inszeniert. Aber das gilt auch für die anderen Abteilungen. Das Licht ist grandios gesetzt, besonders im Ägyptischen Hof. Ich habe erwartet, ein ehrwürdiges Museum zu sehen, aber ich fand mich in einem Tempel wieder.

21. März 2015


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(…) Es wird von Amazonenköniginnen und Stadtgründerinnen berichtet, dabei werden Amazonen immer als Normal­sterbliche beschrieben; oft werden sie in Kämpfen besiegt, stellenweise werden ihre Grabstätten genannt. Zwei Waffen sind den Darstellungen von Amazonen ab dem fünften Jahrhundert v. Chr. eigentümlich: die Doppelaxt, auch als Labrys oder Amazonenaxt bezeichnet, sowie ein kleiner, halbmondförmiger Schild, die Pelte. Ihre typische Kleidung besteht aus einem kurzen Chiton, der oft die rechte Brust unbedeckt lässt. Homer setzte die Mythen und Sagen um die Amazonen als bekannt voraus, folglich gab es sie schon vor seiner Zeit. In der Argonautensage wagen die Argonauten nicht, an bestimmten Abschnitten der Schwarzmeerküste anzulegen, an denen die Amazonen gelebt haben sollen. Amazonen, die im nördlichen Kaukasus gelebt haben würden die meiste Zeit des Jahres unter sich leben, Ackerbau, Vieh- und Pferdezucht betreiben, auf die Jagd gehen und Kriegsgeschäfte tätigen. An zwei Monaten im Frühling würden sie sich mit den Gargariern auf einem Berg, der beide Gebiete trennt, treffen und mit ihnen bei Dunkelheit Kinder zu zeugen. Waren alle Amazonen schwanger, verließen sie die Garganer. Die aus diesen Verbindungen gezeugten Mädchen zogen die Amazonen selber auf, die Jungen übergaben sie den Gargariern. Das Motiv der Amazonenkönigin diente Heinrich von Kleist 1808 als Vorlage für sein gleichnamiges Drama Penthesilea, in dem allerdings Achilles von Penthesilea erschlagen wird. Als diese erkennt, dass sie und ihre Hundemeute das Objekt ihrer Begierde zerfleischt haben, stirbt sie durch „ein vernichtendes Gefühl“ selbst. Kleists Drama bildete auch die literarische Vorlage zu der um 1885 entstandenen Sinfonischen Dichtung Penthesilea des österreichisch-slowenischen Komponisten Hugo Wolf. Auch in die bildende Kunst des 20. Jahrhunderts fanden die Amazonen Eingang. Ihre Rolle in der Geschichte der Frauen machte die feministische Künstlerin Judy Chicago deutlich: In ihrer Arbeit The Dinner Party widmete sie den Amazonen eines der neununddreissig Gedecke am Tisch.“


„Penthesilea oder Penthesileia ist in der griechischen Mythologie die Tochter der Amazonenkönigin Otrere und des olympischen Kriegsgottes Ares. Im Sagenkreis des Trojanischen Krieges ist sie selber die Königin der Amazonen. Erwähnt wird Penthesilea in der Aithiopis, einem Arktinos von Milet 750 v. Chr. zugeschriebenen Epos, und um Zwanzig v. Christus kurz in der Aeneis von Vergil.“

(…) Mein ewiger Gedanke, wenn ich wachte, mein ew’ger Traum warst du. Die ganze Welt lag wie ein ausgespanntes Musternetz vor mir. In jeder Masche, weit und groß, war deiner Thaten eine eingeschürzt. Und in mein Herz, wie Seide weiß und rein, mit Flammenfarben jede brannt‘ ich ein. Wie Priam fleh’nd in deinem Zelt erschien und heiße Thränen weint‘ ich, wenn ich dachte, daß ein Gefühl doch, Unerbittlicher, den marmorharten Busen dir durchzuckt. O laß dies Herz zwei Augenblick‘ in diesem Strom der Lust, wie ein besudelt Kind, sich untertauchen. Wenn es mir möglich wär, wenn ich’s vermöchte, das Aeußerste, das Menschenkräfte leisten, hab‘ ich gethan, Unmögliches versucht. Mein Alles hab‘ ich an den Wurf gesetzt. Der Würfel, der entscheidet, liegt, er liegt: Begreifen muß ich’s, und daß ich verlor. Ich war so ruhig, Prothoe, wie das Meer, das in der Bucht des Felsen liegt; nicht ein Gefühl, das sich in Wellen mir erhob. Dies Wort: sei ruhig jagt mich plötzlich jetzt, wie Wind die offnen Weltgewässer, auf. Was ist es denn, das Ruh‘ hier nöthig macht? Ihr steht so seltsam um mich, so verstört, und sendet Blicke, bei den ew’gen Göttern, in meinen Rücken hin, als stünd ein Unhold, mit wildem Antlitz dräuend, hinter mir. Du hörst’s, es war ja nur ein Traum. Daß der Stern, auf dem wir athmen, geknickt, gleich dieser Rosen einer, läge. Daß ich den ganzen Kranz der Welten so, wie dies Geflecht der Blumen, lösen könnte. Dies Herz, weil es sein muß, bezwingen will ich’s, und thun mit Grazie, was die Noth erheischt. Recht habt ihr auch. Warum auch wie ein Kind gleich, weil sich ein flücht’ger Wunsch mir nicht gewährt, Mit meinen Göttern brechen? Kommt hinweg. Das Glück, gesteh‘ ich, wär mir lieb gewesen, doch fällt es mir aus Wolken nicht herab, Den Himmel drum erstürmen will ich nicht. Das Unglück, sagt man, läutert die Gemüther, ich empfand es nicht. Erbittert hat es, Götter mich und Menschen in unbegriff’ner Leidenschaft empört. Wie seltsam war, auf jedem Antlitz, mir, wo ich sie traf, der Freude Spur verhaßt. Wie mögt‘ ich alles jetzt, was mich umringt, zufrieden gern und glücklich sehn. Der Mensch kann groß, ein Held, im Leiden sein. Doch göttlich ist er, wenn er selig ist. Heinrich von Kleist, Penthesilea

Amazone zu Pferde ist eine Bronzeplastik des deutschen Bildhauers Louis Tuaillon, die sich in Berlin auf der Museumsinsel befindet. Eine junge Amazone reitet auf einem Pferd und hält eine Streitaxt in der rechten Hand. Louis Tuaillon (1862–1919) schuf die lebensgroße Bronzeplastik in den Jahren 1890 bis 1895 in Rom. Das Werk war eine Überraschung auf der Großen Berliner Kunstausstellung 1895 und machte Tuaillon schlagartig bekannt. Die Nationalgalerie kaufte es an und stellte es 1898 auf. 1903 wurden von der Plastik Abformungen und davon Verkleinerungen sowie später auch Güsse gefertigt. 1905 ließ der Deutsche Kaiser Wilhelm II. einen überlebensgroßen Abguss anfertigen (3 m lang, 1,50 m breit und 5,50 m hoch) und im Berliner Tiergarten-Park aufstellen. Später schenkten Frauen aus Ostpreußen dem exilierten Kaiserpaar einen verkleinerten Abguss des Standbildes für ihren Garten im Haus Doorn, wo es heute noch steht.“ (…)

16. März 2015


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Hell soll nun ein Lied erschallen;
weit hinaus ins Land soll´s zieh´n.
Preis der Herrlichsten von allen
Alma Mater von Berlin.
Und wenn and´re jubelnd singen,
preisen Täler, Berg und Höhn,
dann soll unser Lied erklingen
unserem alten Spree-Athen.


Wo wird mehr der Speer geschwungen,
tiefer in das Glas geblickt,
schönrer Frauen Hold besungen
die ein Burschenherz entzückt.
Wo kann frohere Gesellen
in der weiten Welt man sehn,
als da wo die grünen Wellen
zieh´n durchs alte Spreeathen.


Akropolis adieu
Ich muss geh’n,
die weißen Rosen sind verblüht
was wird gescheh’n?
Ich wär‘ so gern geblieben
Akropolis adieu



Ein fremder Wind weht übers Meer,
und morgen sind wir schon allein.
Komm lass‘ uns tanzen,
vergiss die Sorgen.
Es wird vielleicht nie mehr so sein.


Will sich Herz und Geist erlaben,
wenn der Alltag sorgen schafft.
Aus der Fülle deiner Gaben
spendest stets du Wunderkraft
Und wenn die Linden blühen –
Kinde! Nein! Was ist das schön.
Dann als Bursche stolz zu ziehen
durch das alte Spreeathen.




Auf drum lasst die Gläser klingen.
Heil Berlin! Dir gilt mein Trunk.
Flieht die Zeit auf schnellen Schwingen,
in dir bleibt man ewig jung.
Und muss ich von dir einst scheiden,
ruf ich dir auf Wiederseh’n.
Sei gegrüßt in allen Zeiten
du mein altes Spreeathen.



Kehr als alter Herr Frau ich wieder
in die Musenstadt zurück,
in den Kreis der lieben Brüder
lenk ich eilends meinen Schritt.
Und dann soll´n die Becher kreisen,
bis dass früh die Hähne kräh’n.
Und in Liedern will ich preisen,
dich mein altes Spreeathen.

Otto Lob, 1899, Georg Buschor, 1971


Alte Nationalgalerie

03. März 2015

Endlich.
Land Berlin führt Verordnung über Genehmigungsvorbehalt zur Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen in sozialen Erhaltungsgebieten ein
Pressemitteilung vom 03.03.2015
Aus der Sitzung des Senats am 3. März 2015:
Das Land Berlin hat die Voraussetzungen dafür geschaffen, dass die Bezirke künftig in den Erhaltungsgebieten entscheiden können, ob die Umwandlung von Mietwohnungen in Wohnungseigentum genehmigungsfähig ist oder nicht. Der Senat hat dazu – wie bereits in der Senatsklausur vereinbart – die von Stadtentwicklungs- und Umweltsenator Andreas Geisel vorgelegte Verordnung über einen Genehmigungsvorbehalt für die Begründung von Wohneigentum oder Teileigentum in Erhaltungsgebieten (Umwandlungsverordnung) erlassen.
Senator Geisel: „Wir wollen lebendige und sozial durchmischte Kieze in Berlin. Jeder sollte die Möglichkeit haben, in allen Teilen der Stadt wohnen zu können. Mit der Umwandlungsverordnung schützen wir Mieterinnen und Mieter in besonders gefährdeten Gebieten vor Verdrängung.”
Mit dem Genehmigungsvorbehalt zur Umwandlung in den sozialen Erhaltungsgebieten kommt ein weiteres wichtiges städtebauliches und wohnungspolitisches Instrument zur Anwendung, denn in den letzten Jahren gab es in Berlin eine deutliche Steigerung der Umwandlungen, mit überproportionalem Anteil in sozialen Erhaltungsgebieten.
Mit der Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen geht häufig eine Entmietung der Häuser einher mit anschließender teurer Modernisierung. Damit wird der Ausstattungsstandard der Wohnungen oft auf ein überdurchschnittliches Niveau angehoben. In den meisten Fällen werden umgewandelte Wohnungen weiterhin als Mietwohnungen angeboten und nicht von den Erwerbern selbst genutzt. Die Mieten dieser Wohnungen liegen deutlich höher als bei nicht umgewandelten Wohnungen. Die Umwandlung führt damit zur Veränderung der bisherigen Gebietsbevölkerung.
Die Umwandlungsverordnung wird die Ziele in den sozialen Erhaltungsgebieten wirksam unterstützen. In den momentan mit Rechtsverordnung durch die Bezirke ausgewiesenen 21 sozialen Erhaltungsgebieten leben rund 300.000 Berlinerinnen und Berliner. Künftig wird von den Bezirken auf der Grundlage des § 172 des Baugesetzbuches, einem Bundesgesetz, geprüft, ob die Begründung von Wohnungs- und Teileigentum genehmigt werden kann. Wenn sich der Eigentümer verpflichtet, innerhalb von sieben Jahren nur an die Mieter zu veräußern, kann die Umwandlung genehmigt werden.

12. März 2015


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Das Selbstportrait von ihr, mit dem die Ausstellung beworben wird, war vermutlich aus den Fünfziger oder Sechziger Jahren. Da sie nicht sehr modebewusst gekleidet war, kann es auch sein, dass das Bild in einer Zeit entstanden ist, in der die Mode schon um einiges weiter war. Eine Ausstellung, Ausstellungseröffnung, in der die Fotografin nur als Jahrzehnte altes Selbstportrait präsent ist. Es kann nur gemutmaßt werden, ob sie den posthumen Ruhm gemocht hätte. Wahrscheinlich doch. Sie hat ja ein paar wenige, aufwändige Abzüge von Fotografien anfertigen lassen, mit genauen Angaben zur Papierqualität und so weiter, also ging es ihr nicht nur um den Prozess des Einfangens eines Bildes. Irgendwie ein seltsamer Bruch oder eine Leerstelle, wenn nicht einmal ein irgendwie befugter Erbe oder beauftragter Verwalter eines solchen Nachlasses zugegen ist. Reden werden gehalten, aber ich konnte keine Aufmerksamkeit dafür aufbringen, was an den Rednerinnen selbst lag, eine Sammlerin und noch jemand. Das Willy-Brandt-Haus macht ganz interessante Ausstellungen, immer wieder, der „Freundeskreis„. Aber wenn ich ehrlich bin, werde ich mit der Architektur des Gebäudes nicht warm, auch die Lage ist irgendwie… na ja. Eine Ecke, in der ich nicht wohnen möchte. Durch das viele Glas des Gebäudes, muss man Flächen für die Hängung durch Stellwände erzwingen, was schon zeigt, dass es sich nicht ursächlich um ein Gebäude handelt, das für Ausstellungen konzipiert ist. Das stehen dann so rechtwinklig, wie vom Reißbrett, die Wände, und die Bilder hängen in etwas phantasieloser Anordnung wie in der Straße der Besten nebeneinander. Die Abzüge sind ganz schön geworden. Viele gelungene Aufnahmen mit gewissermaßen versteckter Kamera, der diskreten Art der doppeläugigen Rolleiflex. Ich habe mich ein bißchen berappeln müssen, um hinzugehen, weil ich mich wie verkatert fühlte, ohne nennenswert viel getrunken zu haben, am Abend zuvor. Dann hat mich Jan irgendwie in einem kurzen Mailaustausch doch motiviert und ich wollte das ja auch sehen.












Nach den Reden und der Eröffnung der Ausstellungsetage wurde noch der berühmte Dokumentarfilm gezeigt, den ich ja schon vom Kinobesuch kannte. Jan war auch nicht in Laune, um mucksmäuschenstill einen Film in der großen Halle zu gucken, und so sind wir noch etwas trinken gegangen, da bei dem Theater in Kreuzberg, im WAU. Ich habe eine Kartoffelsuppe mit gebratenem Speck gegessen und ein Bier getrunken. Jan nur Bier, ich glaube ein alkoholfreies Weizenbier, habe gar nicht gewusst, dass es das gibt. Bin ich aber auch nicht die Zielgruppe dafür. Weder mit noch ohne Alkohol. Die Kellner waren unheimlich nett. So nett, dass Jan fast schon irritiert war: „Warum sind die denn so nett zu uns? Die scheinen sich ja total zu freuen, dass wir hier sind!“ Ich hatte ja mein Fotomäntelchen an, das schon in der Warteschlange und der Ausstellung für interessierte Erheiterung gesorgt hatte, so auch im Lokal, nehme ich an. Und mit meiner schicken High End-Stoff-Kamera (analog) habe ich sicher auch wahnsinnig professionell gewirkt. War vielleicht ganz gut, dass Vivian Maier nicht persönlich da sein konnte, sie hätte sich vielleicht geärgert, dass meine Kamera mehr Aufsehen erregt als ihre eigene. Irgendwer muss ja für ein bißchen Unterhaltung und Entertainment sorgen. Schließlich wissen wir alle, dass Ausstellungseröffnungen wahnsinnig langweilig sein können, auch wenn tolle Sachen an der Wand hängen. Wenn man selbst für die Unterhaltung sorgt, hat man das geringste Problem, dann ist es nämlich ganz wurscht, wo man ist.



















Mit der Kamera kann man übrigens nicht nur ganz außergewöhnlich gute Bilder (vor allem Selfies) machen, sie hat auch noch Platz für Portemonnaie und Taschentuch. Habe ich neulich auf dem Wochenmarkt gefunden, da zwischen der S-Bahn und den Hackeschen Höfen. So eine hochwertige, analoge Profi-Multifunktionskamera ist doch noch mal eine ganz andere Liga!

08. März 2015

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Noch einmal Nikolaiviertel. Im Knoblauchhaus, dem längst erhaltenen, ältesten Bürgerhaus in dieser Ecke von Berlin, erbaut im Jahre 1759. Heute beherbergt das Haus eine Ausstellung, die sich dem Berliner Leben im Biedermeier widmet. Der Eintritt ist frei und es gibt außer schönen alten Möbeln – unter anderem dem Bett, in dem der weltberühmte Alexander von Humboldt gestorben ist, und Gebrauchsgegenständen, auch etwas Kurioses, das alleine schon den Besuch wert wäre. Im obersten Stockwerk ist neben einer Schneiderpuppe mit einem Biedermeier-Anzug für den Herren, ein Gefährt, ein Laufrad, das die schöne Bezeichnung Draisine trägt. So etwas habe ich überhaupt noch nie in echt gesehen, höchstens auf irgendwelchen sehr alten Zeichnungen. Man hat sich mit den Füßen vom Boden abgestoßen, es ist der Vorläufer des Fahrrads, das erste Fortbewegungsmittel auf zwei Rädern der Menschheitsgeschichte. Ein bildschönes Teil. Aber der Anzug daneben hat mir auch gut gefallen, besonders das Hemd mit dem plissierten Kragen. Das ist sehr kleidsam, nicht nur für den Herren. Das Kleid für die Dame hingegen hat es mir weniger angetan. Sehr schön waren auch die Spielsachen, das Spielzeugpferd und die Kaffeetassen mit dem Golddekor. Und die knalligen blauen Wände im Kontrast zu dem warmen Farbton des Holzes. Der eine Herr, der neben zwei Damen Aufsicht gemacht hat, und überaus gesprächig und gut gelaunt war, hat mir versichert, dass der Kurator der Ausstellung wiederum ihm versichert hat, dass das Blau der Wände genau der damaligen Mode im Biedermeier entsprach, es war genauso kräftig und leuchtend, wie wir es dort sehen. Ich fand die Farbe enorm intensiv, geradezu ein elektrisches Blau. Ich habe ins Gästebuch geschrieben und extra die Aufsichten gelobt, weil sie enorm hilfsbereit und auskunftsfreudig waren und auch viele Späßchen gemacht haben. Man konnte sich gleich wie daheim fühlen, im Biedermeierhäuschen. Obwohl die Epoche der Erbauung ja Rokoko war, aber das ist jetzt auch egal. Es ist sehr schön. Man kann interessante Licht- und Farbstimmungen mitnehmen. Und wie gesagt – eine echte Draisine bewundern. Das Wort habe ich erst gelernt, ich habe es vorher nicht gekannt. Ich glaube auch nicht, dass wir die Entwicklungsgeschichte des Fahrrads seinerzeit in der Schule durchgenommen haben. Oder ich habe aus dem Fenster geguckt und war in Gedanken woanders. Auf jeden Fall hat das Gefährt eine enorme Aura! Wie eine Requisite aus einem Jules Verne-Film, wie so eine kleine Zeitmaschine. Ganz, ganz supertoll!



Ich bin dann über die bildschöne kleine Wendeltreppe wieder nach unten gegangen und eine Tür weiter, in den winzigen Museumsshop, dort habe ich noch einmal richtig Touristin gespielt und mir sogar überlegt, ob ich ein Souvenir kaufe. Es gab unter anderem ganz kleine Spieluhren mit Jugendstilbildchen, die moderne Lieder in der Spieluhrversion spielen. Zum Beispiel My Way. Oder war es Strangers in the Night? Ich habe alle durchprobiert und die ältere Verkäuferin hat mich angefeuert, dass ich schneller kurbeln muss, damit der Rhythmus stimmt! Das war ganz lustig. Aber gekauft habe ich keine, weil ja so eine Spieluhr nicht so richtig viel mit dem Knoblauchaus zu tun hat. Außerdem gibt es dort ganz viele Bildbände von dem alten Berlin, mit Schwarzweiß-Fotos von vor der Zerstörung im zweiten Weltkrieg. So eins habe ich aber schon. Man denkt, man blättert durch einen Bildband über Paris oder Wien. Traurig-schön, so ein Bildband über das alte Berlin. Auf jeden Fall war das mein letzter Programmpunkt im Nikolaiviertel an dem Tag. Ganz schön viel gesehen! Wer hätte das gedacht. Und jetzt, daheim, habe ich erst einmal – überhaupt zum ersten mal – nachgelesen, woher eigentlich der Begriff „Biedermeier“ kommt, nämlich – Achtung – aufgepasst…




„Der Begriff Biedermeier geht zurück auf die fiktive Figur des treuherzigen, aber spießbürgerlichen Gottlieb Biedermaier, die der Jurist und Schriftsteller Ludwig Eichrodt und der Arzt Adolf Kußmaul erfanden und unter dessen Namen in den Jahren ab 1855 in den Münchner Fliegenden Blättern diverse Gedichte veröffentlicht wurden. Entstanden war der Name aus zwei Gedichten mit den Titeln Biedermanns Abendgemütlichkeit und Bummelmaiers Klage, die Joseph Victor von Scheffel in diesem Blatt 1848 veröffentlicht hatte. Der fiktive Herr Biedermeier war ein dichtender schwäbischer Dorflehrer mit einfachem Gemüt, dem seine kleine Stube, sein enger Garten, sein unansehnlicher Flecken und das dürftige Los eines verachteten Dorfschulmeisters zu irdischer Glückseligkeit verhelfen. In den Veröffentlichungen werden die Biederkeit, der Kleingeist und die unpolitische Haltung großer Teile des Bürgertums karikiert und verspottet. Allerdings hat der revolutionäre Dichter Ludwig Pfau bereits 1847 ein Gedicht mit dem Titel Herr Biedermeier verfasst, das Spießigkeit und Doppelmoral anprangert. Nach 1900 wurde der zunächst negativ konnotierte Begriff Biedermeier eher wertneutral aufgefasst, er stand für eine kleinbürgerliche Kultur der Häuslichkeit und der Betonung des Privaten. Die Nutzung als Epochenbezeichnung entwickelte sich ab Ende des neunzehnten Jahrhunderts.“ (…usw.)


















Und hier ist das überraschend zeitlose Gedicht von Ludwig Pfau.
Herr Biedermeier
Schau, dort spaziert Herr Biedermeier
Und seine Frau, den Sohn am Arm;
Sein Tritt ist sachte wie auf Eier,
Sein Wahlspruch: Weder kalt noch warm.
Das ist ein Bürger hochgeachtet,
Der geistlich spricht und weltlich trachtet;
Er wohnt in jenem schönen Haus
Und – leiht sein Geld auf Wucher aus.
Gemäßigt stimmt er bei den Wahlen,
Denn er missbilligt allen Streit;
Obwohl kein Freund vom Steuerzahlen,
Verehrt er sehr die Obrigkeit.
Aufs Rathaus und vor Amt gerufen,
Zieht er den Hut schon auf den Stufen;
Dann aber geht er stolz nach Haus
Und – leiht sein Geld auf Wucher aus.
Am Sonntag in der Kirche fehlen,
Das wäre gegen Christenpflicht;
Da holt er Labung seiner Seelen –
Und schlummert, wenn der Pfarrer spricht.
Das führt ihn lieblich bis zum Segen,
Den nimmt der Wackre fromm entgegen.
Dann geht er ganz erbaut nach Haus
Und – leiht sein Geld auf Wucher aus.
Acht! Wandrer, die gen Westen streben!
Wie rühret ihre Not sein Herz!
Wohl sieht er sammeln, doch zu geben
Vergisst er ganz in seinem Schmerz.
“Ihr Schicksal ruht in Gottes Händen!“
Spricht er – dann geht er auszupfänden,
Nimmt einem Schuldner Hof und Haus
Und leiht sein Geld auf Wucher aus.
Den einzgen, hoffnungsvollem Sprossen –
Denn nicht mehr, das wäre Überfluss -,
Den hält er klösterlich verschlossen:
Die Sünde stammt ja vom Genuss.
Die Mutter führt ihr Küchlein sittig
Wie eine Henne unterm Fittich;
Sie sorgt für strenge Zucht im Haus
Und – leiht ihr Geld auf Wucher aus.
O edles Haus! O feine Sitten!
Wo jedes Gift im Keim erstickt,
Wo nur gepflegt wird und gelitten,
Was gern sich duckt und wohl sich schickt.
O wahre Bildung ohne Spitzen!
Nur der Besitz kann dich besitzen –
Anstand muss sein in Staat und Haus,
Sonst – geht dem Geld der Wucher aus.

Ludwig Pfau 1847




07. März 2015


So ein Samstag. Ausschlafen, duschen, Rollos hochziehen, Kaffee kochen, feuchtes Badetuch in den Sonnenfleck legen. Fenster aufmachen. Schlagsahne auf den Espressokaffee. Das kleine Notebook vom Kabel nehmen, auf den Teppich setzen, den Monitor in den Schatten klappen. Lesen, Bilder angucken. Was nachschauen. Ist schon Frühlingskraft in der Sonne heute. Sie verwöhnte uns im Februar in Berlin und morgen sollte man einen Ausflug machen, wenn nicht heute noch. Ich werde mich langsam fertig machen, aber nur zum Einkaufen, den Müllbeutel runterbringen und ein paar Sachen zum Essen und Trinken kaufen, mehr ist nicht geplant außer Haus. Wäsche habe ich schon gestern gewaschen und zum Trocknen aufgehängt. Die Bilder von dem Biedermeierhäuschen im Nikolaiviertel werde ich später sortieren und hochladen und so weiter. Ein ganz normaler Samstag. Friedlich und unspektakulär. Ein Freund hat Geburtstag, Duke, mit dem ich in Wien war. Er hat von mir ein Päckchen gekriegt, mit was Gutem zum Trinken drin. Ab einem gewissen Alter sind die sinnvollsten Geschenke doch gute Dinge, die man sich einverleibt, aber vielleicht nicht alltäglich in den Einkaufswagen legen würde. Geht mir jedenfalls so. Wer mir je etwas schenken wollte, liegt außer mit schönen Worten immer mit guten Sachen zum Trinken richtig. Sonst brauche ich nichts, liegt eh zu viel Zeug hier herum! Andererseits bin ich aber auch wieder heikel, was die Getränke angeht, ich mag ja ganz viele Sachen überhaupt nicht. Eigentlich mag ich überhaupt nur Bordeaux, Williamsbrand, Haselnussgeist und meinethalben Champagner. Eigentlich ganz einfach. Aber am Sichersten sind immer noch schöne Worte. Da kann man gar nicht viel falsch machen. Wobei natürlich auch da die Herkunft und Qualität von Interesse ist. Ich muss mir mal langsam die Wimpern tuschen und so weiter, sonst wird das heute nichts mehr.

07. März 2015


So ein Samstag. Ausschlafen, duschen, Rollos hochziehen, Kaffee kochen, feuchtes Badetuch in den Sonnenfleck legen. Fenster aufmachen. Schlagsahne auf den Espressokaffee. Das kleine Notebook vom Kabel nehmen, auf den Teppich setzen, den Monitor in den Schatten klappen. Lesen, Bilder angucken. Was nachschauen. Ist schon Frühlingskraft in der Sonne heute. Sie verwöhnte uns im Februar in Berlin und morgen sollte man einen Ausflug machen, wenn nicht heute noch. Ich werde mich langsam fertig machen, aber nur zum Einkaufen, den Müllbeutel runterbringen und ein paar Sachen zum Essen und Trinken kaufen, mehr ist nicht geplant außer Haus. Wäsche habe ich schon gestern gewaschen und zum Trocknen aufgehängt. Die Bilder von dem Biedermeierhäuschen im Nikolaiviertel werde ich später sortieren und hochladen und so weiter. Ein ganz normaler Samstag. Friedlich und unspektakulär. Ein Freund hat Geburtstag, Duke, mit dem ich in Wien war. Er hat von mir ein Päckchen gekriegt, mit was Gutem zum Trinken drin. Ab einem gewissen Alter sind die sinnvollsten Geschenke doch gute Dinge, die man sich einverleibt, aber vielleicht nicht alltäglich in den Einkaufswagen legen würde. Geht mir jedenfalls so. Wer mir je etwas schenken wollte, liegt außer mit schönen Worten immer mit guten Sachen zum Trinken richtig. Sonst brauche ich nichts, liegt eh zu viel Zeug hier herum! Andererseits bin ich aber auch wieder heikel, was die Getränke angeht, ich mag ja ganz viele Sachen überhaupt nicht. Eigentlich mag ich überhaupt nur Bordeaux, Williamsbrand, Haselnussgeist und meinethalben Champagner. Eigentlich ganz einfach. Aber am Sichersten sind immer noch schöne Worte. Da kann man gar nicht viel falsch machen. Wobei natürlich auch da die Herkunft und Qualität von Interesse ist. Ich muss mir mal langsam die Wimpern tuschen und so weiter, sonst wird das heute nichts mehr.

27. Februar 2015


Das Mr. Spock-T-Shirt sieht schön aus. Ich hätte es gerne mit langen Ärmeln. Muss ich mal in Ruhe recherchieren. So kann man noch besser seine Verehrung schluchz zum Ausdruck bringen.. Ich glaube ja, dass Mr. Spock nur heim zu seinem Stern geflogen ist. Was sonst. Mr. Spock ist unsterblich.
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01. März 2015



Der Heilige Georg, welcher hoch zu Ross den Drachen tötet und der Legende nach nicht nur die Prinzessin, sondern eine ganze Stadt von dem Ungetüm befreit, ist eines der am meisten fotografierten Denkmäler Berlins. Die sechs Meter hohe Figur aus dem Jahre 1855 des Bildhauers August Karl Eduard Kiss (1802 – 1865) fasziniert durch seine detailgetreue Gestaltung. Bis zur Sprengung befand sich das Denkmal im Hof des Berliner Stadtschlosses, danach im Volkspark Friedrichshain. Mit dem Aufbau des Nikolaiviertels hat das Reiterstandbild 1987 einen würdigen Platz in Berlins historischer Mitte gefunden. Am Spreeufer, mit Blick auf die älteste Kirche der Stadt, St. Nikolai.

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Absolut virtuos. Furios und hemmungslos, ohne Frage grandios.

02. März 2015


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Auch im NIkolaiviertel, die Kashmir Boutique, in der Spandauer Straße 27, Mitte. Durch den Torbogen und dann links. Das einzige Geschäft, in dem ich drin war. Das kam aber auch nur, weil ich die lustigen Puppen fotografierte und der Inhaber herausgekommen ist und eine geraucht hat und mich angeschaut hat, als ob er Lust auf ein Schwätzchen hat. Nachdem er mich ermuntert hat, mir anzuschauen, was es drinnen gibt, was mich aber auch interessiert hat, sind wir ins Plaudern gekommen und er hat mir erzählt, dass die Schals und Stoffe direkt aus Kaschmir importiert werden, ohne Zwischenhandel. Die Puppen sind aus Asien. Ich habe ihn gefragt, ob ich ein paar Fotos machen darf, und er hat nichts dagegen gehabt, was an sich schon ein Glücksfall ist, weil es in vielen Geschäften nicht erlaubt ist, die Waren zu fotografieren. Komisch eigentlich, ist doch kostenlose Reklame. Jedenfalls konnte ich so viele Bilder machen, wie ich Lust hatte. Dann ist noch ein interessant gekleideter Herr mit Hut ins Geschäft gekommen und hat nach dem Weg zur Alten Münze gefragt, wo bestimmt irgendeine Mode-Veranstaltung war. Es war schon Nachmittag und ich wollte noch gerne ins Knoblauchhaus, in dem es keinen Knoblauch gibt, aber Biedermeier. Der Besitzer hat Knoblauch geheißen. Es ist das älteste erhaltene, einzige vom Krieg ganz unversehrte Wohnhaus im Nikolaiviertel. Davon habe ich extra Fotos. In die Kashmir Boutique muss ich demnächst einmal in Ruhe gehen und die schönen Sachen richtig anschauen und natürlich auch das dicke Portemonnaie mitnehmen. Schöne kleine Geschäfte mit besonders schönen Waren und besonders netten Verkäufern muss man unbedingt unterstützen. Ich habe schon beim schnellen Drübergucken gesehen, dass es ganz viele Sachen gibt, die mir sehr gut gefallen. Weil es so ein Hippie-Traum aus Tausendundeiner Nacht ist, hab ich zu ihm gesagt, dass eigentlich Musik von früher laufen sollte, ein bißchen Doors und es eigentlich nach Gras riechen müsste oder Räucherstäbchen. Ein Weilchen später hat etwas sehr angenehm angefangen zu duften, ich weiß nicht, was er gemacht hat. „Oh, da duftet ja auf einmal etwas!“ wundere ich mich. Er grinst breit und erläutert: „Ich habe geatmet.“








03. März 2015

Endlich.
Land Berlin führt Verordnung über Genehmigungsvorbehalt zur Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen in sozialen Erhaltungsgebieten ein
Pressemitteilung vom 03.03.2015
Aus der Sitzung des Senats am 3. März 2015:
Das Land Berlin hat die Voraussetzungen dafür geschaffen, dass die Bezirke künftig in den Erhaltungsgebieten entscheiden können, ob die Umwandlung von Mietwohnungen in Wohnungseigentum genehmigungsfähig ist oder nicht. Der Senat hat dazu – wie bereits in der Senatsklausur vereinbart – die von Stadtentwicklungs- und Umweltsenator Andreas Geisel vorgelegte Verordnung über einen Genehmigungsvorbehalt für die Begründung von Wohneigentum oder Teileigentum in Erhaltungsgebieten (Umwandlungsverordnung) erlassen.
Senator Geisel: „Wir wollen lebendige und sozial durchmischte Kieze in Berlin. Jeder sollte die Möglichkeit haben, in allen Teilen der Stadt wohnen zu können. Mit der Umwandlungsverordnung schützen wir Mieterinnen und Mieter in besonders gefährdeten Gebieten vor Verdrängung.”
Mit dem Genehmigungsvorbehalt zur Umwandlung in den sozialen Erhaltungsgebieten kommt ein weiteres wichtiges städtebauliches und wohnungspolitisches Instrument zur Anwendung, denn in den letzten Jahren gab es in Berlin eine deutliche Steigerung der Umwandlungen, mit überproportionalem Anteil in sozialen Erhaltungsgebieten.
Mit der Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen geht häufig eine Entmietung der Häuser einher mit anschließender teurer Modernisierung. Damit wird der Ausstattungsstandard der Wohnungen oft auf ein überdurchschnittliches Niveau angehoben. In den meisten Fällen werden umgewandelte Wohnungen weiterhin als Mietwohnungen angeboten und nicht von den Erwerbern selbst genutzt. Die Mieten dieser Wohnungen liegen deutlich höher als bei nicht umgewandelten Wohnungen. Die Umwandlung führt damit zur Veränderung der bisherigen Gebietsbevölkerung.
Die Umwandlungsverordnung wird die Ziele in den sozialen Erhaltungsgebieten wirksam unterstützen. In den momentan mit Rechtsverordnung durch die Bezirke ausgewiesenen 21 sozialen Erhaltungsgebieten leben rund 300.000 Berlinerinnen und Berliner. Künftig wird von den Bezirken auf der Grundlage des § 172 des Baugesetzbuches, einem Bundesgesetz, geprüft, ob die Begründung von Wohnungs- und Teileigentum genehmigt werden kann. Wenn sich der Eigentümer verpflichtet, innerhalb von sieben Jahren nur an die Mieter zu veräußern, kann die Umwandlung genehmigt werden.

02. März 2015


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Auch im NIkolaiviertel, die Kashmir Boutique, in der Spandauer Straße 27, Mitte. Durch den Torbogen und dann links. Das einzige Geschäft, in dem ich drin war. Das kam aber auch nur, weil ich die lustigen Puppen fotografierte und der Inhaber herausgekommen ist und eine geraucht hat und mich angeschaut hat, als ob er Lust auf ein Schwätzchen hat. Nachdem er mich ermuntert hat, mir anzuschauen, was es drinnen gibt, was mich aber auch interessiert hat, sind wir ins Plaudern gekommen und er hat mir erzählt, dass die Schals und Stoffe direkt aus Kaschmir importiert werden, ohne Zwischenhandel. Die Puppen sind aus Asien. Ich habe ihn gefragt, ob ich ein paar Fotos machen darf, und er hat nichts dagegen gehabt, was an sich schon ein Glücksfall ist, weil es in vielen Geschäften nicht erlaubt ist, die Waren zu fotografieren. Komisch eigentlich, ist doch kostenlose Reklame. Jedenfalls konnte ich so viele Bilder machen, wie ich Lust hatte. Dann ist noch ein interessant gekleideter Herr mit Hut ins Geschäft gekommen und hat nach dem Weg zur Alten Münze gefragt, wo bestimmt irgendeine Mode-Veranstaltung war. Es war schon Nachmittag und ich wollte noch gerne ins Knoblauchhaus, in dem es keinen Knoblauch gibt, aber Biedermeier. Der Besitzer hat Knoblauch geheißen. Es ist das älteste erhaltene, einzige vom Krieg ganz unversehrte Wohnhaus im Nikolaiviertel. Davon habe ich extra Fotos. In die Kashmir Boutique muss ich demnächst einmal in Ruhe gehen und die schönen Sachen richtig anschauen und natürlich auch das dicke Portemonnaie mitnehmen. Schöne kleine Geschäfte mit besonders schönen Waren und besonders netten Verkäufern muss man unbedingt unterstützen. Ich habe schon beim schnellen Drübergucken gesehen, dass es ganz viele Sachen gibt, die mir sehr gut gefallen. Weil es so ein Hippie-Traum aus Tausendundeiner Nacht ist, hab ich zu ihm gesagt, dass eigentlich Musik von früher laufen sollte, ein bißchen Doors und es eigentlich nach Gras riechen müsste oder Räucherstäbchen. Ein Weilchen später hat etwas sehr angenehm angefangen zu duften, ich weiß nicht, was er gemacht hat. „Oh, da duftet ja auf einmal etwas!“ wundere ich mich. Er grinst breit und erläutert: „Ich habe geatmet.“








01. März 2015



Der Heilige Georg, welcher hoch zu Ross den Drachen tötet und der Legende nach nicht nur die Prinzessin, sondern eine ganze Stadt von dem Ungetüm befreit, ist eines der am meisten fotografierten Denkmäler Berlins. Die sechs Meter hohe Figur aus dem Jahre 1855 des Bildhauers August Karl Eduard Kiss (1802 – 1865) fasziniert durch seine detailgetreue Gestaltung. Bis zur Sprengung befand sich das Denkmal im Hof des Berliner Stadtschlosses, danach im Volkspark Friedrichshain. Mit dem Aufbau des Nikolaiviertels hat das Reiterstandbild 1987 einen würdigen Platz in Berlins historischer Mitte gefunden. Am Spreeufer, mit Blick auf die älteste Kirche der Stadt, St. Nikolai.

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Absolut virtuos. Furios und hemmungslos, ohne Frage grandios.

27. Februar 2015


Das Mr. Spock-T-Shirt sieht schön aus. Ich hätte es gerne mit langen Ärmeln. Muss ich mal in Ruhe recherchieren. So kann man noch besser seine Verehrung schluchz zum Ausdruck bringen.. Ich glaube ja, dass Mr. Spock nur heim zu seinem Stern geflogen ist. Was sonst. Mr. Spock ist unsterblich.
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26. Februar 2015

26.02.2015, 12:50 am, C/O Berlin, Charlottenburg
„scuse me…. y‘ speak English?“
„Yes – ?“
„We are a group of fashion students from London and we
LOVE YOUR COAT!
Would you mind, if we take a picture?
„No problem, take a picture!“

(klick klick klick)
„Thank you so much!“
„MY pleasure (!)“

Unbedingt(!!!) Und ich lasse mich normalerweise nicht gerne (von anderen) fotografieren. Ja bin ich denn von lauter Deppen umgeben? Wieso muss erst eine „group of fashion students from London“ nach Berlin kommen, bis ich ausführlich auf meinen supertollen Mantel mit den Fotos drauf angesprochen werde! Das ist doch Scheisse! Ich geißle das! Nur neulich, bei der Eröffnung der Vivian Maier-Ausstellung im Willy Brandt-Haus, da stand neben mir eine Berlinerin in der Schlange, die den Mantel auch gelobt hat! Das hat mir die Wartezeit sehr verkürzt, um nicht zu sagen versüßt. O.k., Jan, hat dann auch noch eine nette Bemerkung gemacht „Cooler Mantel, ist der neu?“ „Nein. Mit Perwoll gewaschen.“ Ignoranten. Oder sind die alle schüchtern? Manchmal merke ich, dass die Leute zu grinsen anfangen, wenn sie mich in dem Mantel sehen. Hat ja auch Unterhaltungswert. Aber so eine qualifizierte Reaktion wie da oben, noch dazu aus berufendem Munde, so denke ich mir das. Ich ziehe das Dings heute Abend gleich noch mal an, Veruschka unterhält sich bei C/O mit so einem Kunsthistoriker über die Dreharbeiten von Blow up. Und wehe, sie sagt nichts zu meinem Mäntelchen. Bin ich beleidigt…!!! (aber echt)

26. Februar 2015

26.02.2015, 12:50 am, C/O Berlin, Charlottenburg
„scuse me…. y‘ speak English?“
„Yes – ?“
„We are a group of fashion students from London and we
LOVE YOUR COAT!
Would you mind, if we take a picture?
„No problem, take a picture!“

(klick klick klick)
„Thank you so much!“
„MY pleasure (!)“

Unbedingt(!!!) Und ich lasse mich normalerweise nicht gerne (von anderen) fotografieren. Ja bin ich denn von lauter Deppen umgeben? Wieso muss erst eine „group of fashion students from London“ nach Berlin kommen, bis ich ausführlich auf meinen supertollen Mantel mit den Fotos drauf angesprochen werde! Das ist doch Scheisse! Ich geißle das! Nur neulich, bei der Eröffnung der Vivian Maier-Ausstellung im Willy Brandt-Haus, da stand neben mir eine Berlinerin in der Schlange, die den Mantel auch gelobt hat! Das hat mir die Wartezeit sehr verkürzt, um nicht zu sagen versüßt. O.k., Jan, hat dann auch noch eine nette Bemerkung gemacht „Cooler Mantel, ist der neu?“ „Nein. Mit Perwoll gewaschen.“ Ignoranten. Oder sind die alle schüchtern? Manchmal merke ich, dass die Leute zu grinsen anfangen, wenn sie mich in dem Mantel sehen. Hat ja auch Unterhaltungswert. Aber so eine qualifizierte Reaktion wie da oben, noch dazu aus berufendem Munde, so denke ich mir das. Ich ziehe das Dings heute Abend gleich noch mal an, Veruschka unterhält sich bei C/O mit so einem Kunsthistoriker über die Dreharbeiten von Blow up. Und wehe, sie sagt nichts zu meinem Mäntelchen. Bin ich beleidigt…!!! (aber echt)

25. Februar 2015


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Nikolaiviertel. Berlin Mitte. 1987 wiederauferstanden. Zum Jubiläum. Zum Geburtstag, dem 750., am 28. Oktober 1987. Ostberlin. Damals war ich nicht da. Ich war überhaupt noch nie bewusst im Nikolaiviertel, um das Nikolaiviertel anzuschauen. Hier und da schon einmal sehr am Rande gestreift, auf dem Weg zur Alten Münze am Molkenmarkt, zur a2n-Music-Convention im Jahr 2009, aber mich hat nie ein Weg direkt ins Nikolaiviertel geführt.


Die letzten beiden Wochen hatten wir, seit Mitte Februar beinah ohne Unterbrechung, kaum ein Tag ohne strahlende Sonne. Nicht von langer Hand geplant, aber nach meinem Besuch im Ephraim-Palais am vorletzten Sonntag, fasste ich den Vorsatz, diese meine kleine, fast peinliche, Berliner Heimatkundelücke zu schließen.














Keine Autos fahren in den meist kopfsteingepflasterten Gassen in diiesem kleinen überschaubaren Viertel, das sehr vereinzelt sogar noch sehr alte Bausubstanz hat. Allem voran die älteste Kirche Berlins, die Nikolaikirche, die 1230 erbaute. Im Wikipedia liest man u. a.: Die Nikolaikirche war auch Ort bedeutender politischer Ereignisse: 1539 trat hier der Rat von Berlin und Cölln geschlossen zum Luthertum über. Am 6. Juli 1809 trat die erste infolge der Steinschen Reformen gewählte Stadtverordnetenversammlung hier zusammen und ließ sich gemeinsam mit dem Magistrat und dem Oberbürgermeister feierlich vereidigen. Bundespräsident Richard von Weizsäcker wurde am 29. Juni 1990 in der Nikolaikirche zum ersten Gesamt-Berliner Ehrenbürger seit der Teilung der Stadt ernannt. Am 11. Januar 1991 fand hier die konstituierende Sitzung des neu gewählten (nun) Gesamtberliner Abgeordnetenhauses statt. Gut. Das nur, um zu dokumentieren, dass es keine x-beliebige Dorfkirche ist, wie man anhand des eher unspektakulären Erscheinungsbildes leicht denken könnte. Ich war ganz kurz im vorderen Bereich, habe mir aber einen wirklichen Besuch der Kirche, die heute vor allem ein Ausstellungsort geworden ist, der einen geringfügigen Eintritt kostet, für ein andermal vorgenommen. Ich wollte lieber das ebenfalls im Nikolaiviertel liegende Biedermeiermuseum, das Knoblauhaus anschauen, das unter den Wohnhäusern die älteste unzerstörte Bausubstanz aufweist. Eintritt frei! Da war ich später auch noch, zuletzt und ausgiebig. Weil das Biedermeierhäuschen eine eigene Strecke verdient, bekommt es diese auch, später. Alles in Arbeit.














Es ist oft so in Berlin – man lebt jahrzehntelang hier und es gibt Orte, die noch nie einfach so den eigenen Weg gekreuzt haben, obwohl sie die meisten Reisenden auf ihrem Routenplan haben.











Die sogenannten ‚historisierenden‘ Plattenbauten sind so eine Geschichte für sich. Die Silhouette ein Zitat von alten Bürgerhäusern, wie man sie schon im Original in unzerstörten Städten mit mittelalterlichem Kern gesehen hat, die Fassade aber allzu leicht identifizierbare Platten-Elemente, verschönt mit einem Streifenrelief, das bei manchem Lichteinfall ein bißchen nach Wellpappe aussieht. Man hätte eigentlich nur die Anschlusskanten der Platten verputzen und ausgleichen müssen, schon wäre der ästhetische Eindruck weniger provisorisch, um nicht zu sagen ‚preisgünstig‘. Dann bin ich wieder beinah empathisch-mitleidig gerührt, bei der klaren Vorstellung, man hat versucht etwas Schönes, Modernes zu schaffen, das die Historie zitiert, aber die Mittel haben halt nicht ausgereicht, um es vollendeter, virtuoser hinzukriegen. Dann bin ich wiederum verärgert, weil ich finde, dass es nicht die Welt gekostet haben würde, die blöden dissonanten Fugen auszufüllen und zu verspachteln. Es ist halt auch ein Ostberliner Unikum, DDR-Geschichte. Sie konnten aber auch virtuos rekonstruieren und wiederaufbauen, nicht, dass das Knowhow nicht dagewesen wäre. Es war also wohl doch irgendwie originell gemeint. Ich habe keine der historisierenden Platten hier in den Eintrag genommen, aber in der gesamten Strecke von weit mehr als vierhundert Aufnahmen sind sie zu sehen. Hier zum Beispiel. Ich will nicht das Haar in der Suppe suchen. Es gibt ganz viele sehr atmosphärische Ecken innerhalb des Viertels, da an der Spree. Viele Lokale, die von Berlinbesuchern frequentiert werden, auf den Spuren von Heinrich Zille, der da auch ein Museum hat, in dem ich nicht war, und mit ein bißchen Sehnsucht nach Altberliner Nostalgie. Es ist nicht alles nur kulissenhaft und Freilichtmuseum.



An einem heißen Mittag in einem der Lokale am Wasser zu sitzen, vielleicht unter der furiosen Skulptur des Heiligen Georg, der schönsten Skulptur aus dem vorletzten Jahrhundert, die ich überhaupt je im öffentlichen Raum gesehen habe (und die auch eine extra Strecke bekommt, weil sie eigentlich ursprünglich woanders hingehört, nämlich auf den Schlossplatz), muss sehr erholsam und auch romantisch sein. Es ist eine Ecke für Romantiker. Über die etwas hilflosen Plattenbauten im Nostalgiegewand sollte man großzügig hinwegsehen, zumal wenn so die Sonne scheint. Einfach immer auf das Gelungene schauen.







Es ist schon eine kleine Puppenstube. Auch habe ich ein zauberhaftes Geschäft entdeckt, in dem ich ausführlicher war, die Kashmir Boutique, die direkt aus dem fernen Kaschmir, ohne Zwischenhandel, Paisley-Stoffe und Schals importiert, ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht. Die kriegt auch eine extra Strecke.













Ich kann mir gut vorstellen, dass ich einen lauen Abend dort in einem der Lokale verbringe, irgendwann, im warmen Frühling oder Sommer. Und wenn es sehr spät wird, kann ich sogar heimlaufen. Im Grunde ist es ein Kleinod, das man erst realisiert, wenn man vom Alexanderplatz kommend, mit dem Bus durch die Karl-Liebknecht-Straße gefahren ist, durch ungleich schlimmere Bausünden, an denen der Bus vorbeifährt, bis er am Nikolaiviertel hält. Es soll sich aber einiges ändern dort, in den nächsten Jahren. Heute erst in einer Bezirkszeitung gelesen. Gemeinsam mit den Berlinern soll eruriert werden, was wünschenswerter ist, als der heutige Zustand des Areals zwischen Rotem Rathaus und Marienkirche. Muss mal auf die Internetseite schauen, wann die Auftaktveranstaltung ist. Das kann mir ja nicht egal sein. Es war übrigens recht langwierig für mich, zu entscheiden, welche der 457 Bilder ich hier einkleben soll, um den Eintrag zu illustrieren. Ich habe ganz viele wieder gelöscht und nun sind es doch noch immer so viele. Könnte auch bedeuten, dass das kleine Nikolaiviertel eben doch ein bißchen mehr Aufmerksamkeit verdient hat, als nur die von Berlin-Urlaubern, auf der Suche nach entrückter Nostalgie.


22. Februar 2015

Das Bild mag ich sehr gerne. Eigentlich auch ein schönes Paar. Aber das stand nicht in den Sternen. Dafür die unkomplizierteste Nähe, die man sich denken kann und gegenseitige Erheiterung und Wertschätzung. Ich glaube, darauf trinke ich jetzt etwas Gutes.

22. Februar 2015

Das Bild mag ich sehr gerne. Eigentlich auch ein schönes Paar. Aber das stand nicht in den Sternen. Dafür die unkomplizierteste Nähe, die man sich denken kann und gegenseitige Erheiterung und Wertschätzung. Ich glaube, darauf trinke ich jetzt etwas Gutes.

17. Februar 2015



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Heute präsentiere ich meine erste Lesebrille. Ich habe schon mal am 29. Oktober 2014 davon berichtet, dass ich nun eine Lesebrille besitze. Ich habe sie aber noch nicht hergezeigt. Heute habe ich die Brille aufgesetzt und Bilder gemacht. Meistens setze ich die Brille vor dem Schlafengehen auf, wenn ich noch in einem Buch lese. In meinem Schlafzimmer ist es ein bißchen schummrig, das wäre mir ohne Brille zu schwierig. Unterwegs habe ich sie noch nicht aufgesetzt, obwohl ich morgens in der S-Bahn merke, dass ich sie gut brauchen könnte beim Lesen. Komischerweise wird es tagsüber dann immer besser mit dem Gucken und ich brauche keine Brille, auch nicht am Abend, wenn das Licht in der S-Bahn auch nicht besser ist als in der Früh. Aber das ist normal, haben mir Brillenträger-Profis erklärt. Im Laufe des Tages ändert sich die Sehfähigkeit. Also ich kann am besten am Abend gucken und wenn es total hell ist. Aber der Abend nützt mir in dem dunklen Schlafzimmer dann doch nichts, es ist halt wirklich zu schummrig. Das Etui habe ich mir bestellt, weil mir die ganzen Etuis in den Geschäften nicht gefallen haben. Ich finde, mit der Brille wirke ich ein bißchen wie eine Psychoanalytikerin. Also ich hätte Vertrauen und würde mich zur Analyse bei mir selber anmelden. Meine erste Lesebrille, das ist schon ein wichtiges Ereignis in meinem Leben, weil ich ja ein halbes Jahrhundert alles ohne Brille gemacht und gelesen habe. Ich hoffe auch, dass der Eintrag für meine Leserinnen und Leser von Interesse ist, die schon länger eine Brille aufhaben. Wie man so als Laie damit zurechtkommt und wie die Brille ausschaut. Hauptsache, nicht wie Nana Mouskouri! Das war mir am allerwichtigsten. Ich habe Nana Mouskouri noch auf keinem Foto mit so einer Brille wie meiner gesehen, deswegen war sie gleich in der allerersten Wahl. Ich habe nichts gegen Nana Mouskouri, das möchte ich noch einmal betonen, aber sie ist halt nicht mein Brillen-Idol! Nach der Brillen-Show heute Mittag bin ich rausgegangen. Weil ich ein kleines bißchen Freizeit habe und schöne Sonne war, bin ich endlich einmal ausgiebig durch das Nikolaiviertel spaziert und habe viele Fotos gemacht, die ich mir jetzt anschauen will und wegschmeißen und so weiter und so fort!

17. Februar 2015



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Heute präsentiere ich meine erste Lesebrille. Ich habe schon mal am 29. Oktober 2014 davon berichtet, dass ich nun eine Lesebrille besitze. Ich habe sie aber noch nicht hergezeigt. Heute habe ich die Brille aufgesetzt und Bilder gemacht. Meistens setze ich die Brille vor dem Schlafengehen auf, wenn ich noch in einem Buch lese. In meinem Schlafzimmer ist es ein bißchen schummrig, das wäre mir ohne Brille zu schwierig. Unterwegs habe ich sie noch nicht aufgesetzt, obwohl ich morgens in der S-Bahn merke, dass ich sie gut brauchen könnte beim Lesen. Komischerweise wird es tagsüber dann immer besser mit dem Gucken und ich brauche keine Brille, auch nicht am Abend, wenn das Licht in der S-Bahn auch nicht besser ist als in der Früh. Aber das ist normal, haben mir Brillenträger-Profis erklärt. Im Laufe des Tages ändert sich die Sehfähigkeit. Also ich kann am besten am Abend gucken und wenn es total hell ist. Aber der Abend nützt mir in dem dunklen Schlafzimmer dann doch nichts, es ist halt wirklich zu schummrig. Das Etui habe ich mir bestellt, weil mir die ganzen Etuis in den Geschäften nicht gefallen haben. Ich finde, mit der Brille wirke ich ein bißchen wie eine Psychoanalytikerin. Also ich hätte Vertrauen und würde mich zur Analyse bei mir selber anmelden. Meine erste Lesebrille, das ist schon ein wichtiges Ereignis in meinem Leben, weil ich ja ein halbes Jahrhundert alles ohne Brille gemacht und gelesen habe. Ich hoffe auch, dass der Eintrag für meine Leserinnen und Leser von Interesse ist, die schon länger eine Brille aufhaben. Wie man so als Laie damit zurechtkommt und wie die Brille ausschaut. Hauptsache, nicht wie Nana Mouskouri! Das war mir am allerwichtigsten. Ich habe Nana Mouskouri noch auf keinem Foto mit so einer Brille wie meiner gesehen, deswegen war sie gleich in der allerersten Wahl. Ich habe nichts gegen Nana Mouskouri, das möchte ich noch einmal betonen, aber sie ist halt nicht mein Brillen-Idol! Nach der Brillen-Show heute Mittag bin ich rausgegangen. Weil ich ein kleines bißchen Freizeit habe und schöne Sonne war, bin ich endlich einmal ausgiebig durch das Nikolaiviertel spaziert und habe viele Fotos gemacht, die ich mir jetzt anschauen will und wegschmeißen und so weiter und so fort!

16. Februar 2015



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Geradezu aktuell der Eintrag, auch die Bilder. Eigentlich wollte ich nicht unbedingt in eine Ausstellung gehen, am gestrigen Sonntag. Aber gerne in ein Palais. Warum nicht ins Ephraim-Palais. Ich war da noch nie. Eine Schande eigentlich. Da befasst man sich wissenschaftlich mit jedem Palais in Wien und war noch nicht einmal daheim in jedem dritten. Sie sind nicht mehr so dicht gesät wie in Wien, es ist halt doch mehr kaputt gegangen. Aber das Ephraim-Palais ist in aller Pracht am beinah alten Standort. Es war früher um zwölf Meter versetzt und musste auch wieder aufgebaut werden, aber immerhin mit originaler Fassade, die eingelagert war. Schon verrückt. Es ist also nicht nur ein rekonstruiertes Bauwerk, das nur so tut, als wäre es alt. Das kann man ja alles nachlesen.











Dass dort gerade eine Ausstellung mit dem Titel WEST : BERLIN läuft, hat mich nicht weiter gestört, außerdem hat mir das Plakat mit der Sonnenbrille gut gefallen, so etwas fotografiert sich immer gut. In der Ausstellung war Fotografieren komplett verboten, aber ich durfte im Treppenhaus Bilder machen, das hat man mir ausdrücklich gestattet, als ich nachgefragt habe. Ich habe ja viele Jahre meines Lebens in Westberlin verbracht, daher habe ich nicht unbedingt den Wissens-Nachholbedarf, was die Situation und Besonderheiten angeht. Es gab aber dennoch ein paar Exponate, die auch für mich interessant waren, wie zum Beispiel die linierte Karteikarte von J. F. Kennedy, auf der in englischer Schreibweise sein „Ich bin ein Berliner“-Satz steht und noch zwei andere Sachen auf Deutsch. Und irrwitzige, düstere Kostüme von einer Schaubühnen-Inszenierung, die hätte ich sehr, sehr gerne fotografiert, mit den Schaufensterpuppen darin. Und ganz schöne Plakate aus allen Jahrzehnten sind zu sehen. Berlin-Werbung. Was mir aufgefallen ist, dass viele der Plakat-Exponate einen gewissen gezielten Sex Appeal kultivierten. Ganz bemerkenswert auch eine Werbung für das Schlafwagenabteil der Deutschen Bahn, in der man eine gut gewachsene Dame im durchsichtigen Negligé von hinten sieht. Mit nackigem Popo. Ich meine: Werbung der Deutschen Bahn. Schönes Schwarzweiß-Foto. Aber wäre heutzutage wegen schlimmer Anzüglichkeit verboten. Ein Hingucker. Ich habe ja auch hingeguckt. Sonst wahrscheinlich eher nicht. Ein exzellentes Schwarzweiß-Foto, das sehr künstlerisch mit dem Tageslicht spielt, wie eine Modefotografie von F.C. Gundlach.







Überhaupt der intensive Freiheits- und Experimentierdrang, der sich mit Hochdruck durch alle Strömungen und Epochen zog. Kein Wunder, nichts konnte sich verlaufen, das eingekesselte Westberlin war ein absolut hermetischer kultureller Schnellkochtopf. Durchaus sentimental besetzt auch für mich, ein Phonograph oder wie das heißt, wo man mit Ohrhörern Keine Macht für Niemand von den Scherben hören kann. Im altehrwürdigen Ephraim-Palais. Nun ist es etablierte Geschichte. Ebenso wie Rudi Dutschke und die RAF und die Achtziger und alles. Es gibt auch eine Stele mit einem Monitor, wo ein Video läuft, das ich noch nie gesehen hatte, 1986 am letzten Morgen vom Risiko gedreht. Blixa Bargeld stolpert bedröhnt durchs Bild und die Kamera wackelt, wie man das von solchen Videos erwarten kann. Sechsundachtzig war ich auch mal im Risiko, das war ganz kurz vor dem Ende. Und nicht weit weg davon hängt das komische Plakat mit Harald Juhnke über dem Brathähnchen von dem China-Restaurant, das immer als Reklameaufsteller vor dem Bikini-Haus war, schon ganz verblichen. Alles mögliche ist da, ich habe aber die Ordnung nicht ganz durchschaut, wenn ich mit Bildungshunger hingegangen wäre, hätte ich mir eine auffälligere chronologische Leitung mit großen Schildern „Hier lang!“ gewünscht. So bin ich halt ein bißchen kreuz und quer durch die Geschichte gelaufen. Ein Exponat hab ich auch daheim, da hätte ich auch stiften können: den grünen „vorläufigen“ Berliner Personalausweis. Damals war ich ganz stolz, dass ich einen echten grünen Berliner Personalausweis hatte und keinen westdeutschen grauen mit Adler. Auf dem Berliner Personalausweis war es verboten, dass die Bundesrepublik ein Zeichen setzt. Natürlich ist er längst abgelaufen, aber ich hüte ihn in irgendeinem alten Album, in dem auch alte Eintrittskarten aus dieser Zeit kleben. Sehr gut gefallen hat mir auch ein großes gemaltes Bild, gleich neben dem Ton Steine Scherben-Lied, von Rainer Fetting. „Warrior“ heißt es und ich dachte erst, es wäre von Elvira Bach, so vom Strich her, obwohl ich es kraftvoller fand, als ihre Sachen, subtiler auch und aggressiver. Auch dass nur Männer darauf waren, keine einzige Frau, hat mich zurecht schwanken lassen. Als ich dann sah, dass es von Fetting ist, musste ich daran denken, dass er in letzter Zeit öfter unter Bildern auf Jans Facebook-Seite kommentiert, Er hat ihn in den letzten Jahren ab und zu daheim in seinem Atelier portraitiert, sonst wüsste ich heute noch nicht, wie Rainer Fetting aussieht. Ganz eigenwilliger Ausdruck. An dem Bild hat mich aber im Vordergrund ganz unten etwas gestört, was ich eher wieder Elvira Bach zugeordnet hätte, da staken ein paar vereinzelte, langstielige gemalte Rosen herum. Die hätte er weglassen sollen. Aber sonst ein ganz fantastisches Bild. Und da ist ein Lehrfilm über West-Berlin. Obwohl es ein sehr schöner sonniger Tag gestern war, sieht man das gar nicht mehr auf meinen Bildern, weil ich recht spät am Nachmittag hin bin. Vorher habe ich mir die Sonne in meiner Wohnung auf den Pelz brennen lassen. Ich habe nach dem Ausflug beschlossen, dass ich das Nikolaiviertel endlich einmal ehren muss, richtig beehren muss. Es ist zwar noch kalt, aber immerhin schon ein paar Grad mehr, so fünf oder sechs. Wenn die Sonne scheint, gehe ich wieder hin, ein wenig Flanieren.

10. Februar 2015

Am 19. Oktober 2005. Und 17. Mai 2006. Und… 9. Februar 2015.

Es gibt kein Foto von gestern. Ich muss mir behelfen, mit einem Bild von irgendwann, das ich früher einmal im Brel gemacht habe. Selber schuld, muss Lisa denken, wenn sie das liest. Man darf nicht den Fotoapparat oder das Mobilfon, wenn man eines hat, während einer atemlosen Konversation aus der Tasche holen und auch nur eine Sekunde mit dem Zuhören oder Antworten aufhören, bloß weil man ein Bild für eine Blogeintrag haben will. Man muss abwägen. Meine Kamera war die ganze Zeit in der Tasche auf dem Boden neben dem Tisch. Ich habe es sogar noch erwähnt. Und ich glaube, dass es Lisa bis zum Ende gar nicht so recht glauben konnte, dass ich wirklich kein einziges Foto von unserem Treffen nach beinah neun Jahren mache. Aber ich habe sie ja dauernd innerlich fotografiert. Das muss man einfach glauben. Wenn ich sage, dass sie sehr schön, wirklich blendend ausgesehen hat, wird man mir das auch glauben, weil sie das ja wahrscheinlich meistens tut. Und ich vermute, dass sie sogar dann blendend aussieht, wenn sie einen eher blöden Tag hat – was ich noch nie gesehen habe. Kunststück! Vielleicht hat Lisa gestern gedacht, dass ich es ein bißchen übertreibe, mit meiner wiederholten Verkündung „Habe ich dir eigentlich schon gesagt, wie gut du aussiehst? Du siehst so gut aus!!!“. Nicht deswegen überrascht, weil sie vorher nicht gut ausgesehen hätte, also neun und zehn Jahre davor, wo ich sie gesehen habe, sondern gerade deswegen. Das ist nicht bei allen so, neun Jahre später. Man könnte denken, es ginge mir nur um das gute Aussehen. Aber das ist natürlich eine oberflächliche Betrachtungsweise. Jeder tiefgründige Mensch weiß, dass ein schönes Naturell alles überstrahlt. Und warum hätte sie das verlieren sollen. Es macht aber natürlich auch viel aus, wenn sich jemand immer gut pflegt! Ich bin mir sicher, dass sie sich da nichts vorzuwerfen hat. Lisa vor mir sitzen zu haben, war ein rundherum erfreulicher Anblick. Die Frisur war auch sehr gut, nicht zu frisiert, guter Haarschnitt, lässiger Schick, wie es mir auch gefällt! Dann das T-Shirt. Das war schon deswegen ganz prima, weil schwarz mit weißem Band-Motiv. So ein geblümter Totenkopf, mit dem man eigentlich nichts falsch machen kann. Des weiteren hatte ich mehr oder weniger bestimmt, dass wir uns im Brel am Savignyplatz treffen, wo man von Hause aus noch besser als sowieso schon ausschaut, wegen sehr guter Schummerbeleuchtung und geschmackssicherer Dekoration. Wir saßen nah beim Klavier, wo zu etwas späterer Stunde ebenfalls sehr dekorativ gespielt wurde. Ich hoffe, ich konnte Lisa dahingehend beruhigen, dass es für mich total okay ist, wenn wir uns nicht jedes mal und auch nicht jedes zweite mal und auch nicht sonst irgendwie regelmäßig verpflichtend treffen, wenn sie gerade einmal wieder in Berlin zu tun hat, was öfter vorkommt. Da bin ich nicht gram! Im Gegenteil, es entlastet mich sogar! Ich habe ihr auch gesagt, dass es mir viel zu anstrengend wäre, sie jedesmal zu treffen, wenn sie schon wieder da ist! Das ist ja gar nicht zu schaffen. Ich muss ja solche Erlebnisse immer ganz intensiv und gründlich verarbeiten, da käme ich gar nicht mehr hinterher. Auch bin ich – genauso wie sie selber – überhaupt kein Typ für ständigen Mail-Austausch oder sonstigen Kontakt. Oder womöglich telefonieren! Bitte nicht! Sie hat mir auch einigermaßen überzeugend versichert, dass sie mit ihrem Smartfon eigentlich nie telefoniert, nur eben so andere Sachen checkt. Ich denke, das war auch nicht gelogen, weil sie nicht der Typ dafür ist und es auch gar nicht nötig hat, mich zu belügen. So denke ich mir das. Es war ein ganz arg schöner Abend und ich kann mir gut vorstellen, dass wir uns spätestens in neun Jahren oder zehn, einmal wiedersehen. Würde mich total freuen. Wie ein Wiener Schnitzel! Ganz unter uns, habe ich mich aber auch deswegen so hopplahopp von heute auf morgen mit Lisa verabredet, weil ich eiskalt berechnend, ein bißchen Wienerisch hören wollte. Ich kann jetzt ja auch ein bißchen in Sachen Wien mitreden, wo ich selber da war, und es nun richtig zu schätzen weiß, mit dem Wiener Blut! Was ich gelegenheitshalber auch noch ausplaudern will, ist dass ich vielleicht doch noch einmal zur republica-Veranstaltung gehe, wenn ich sicher weiß, dass Lisa dort bei was mitmacht, was total gut sein kann. Dann fühle ich mich auch nicht so verloren, und weiß auf jeden Fall, dass mich etwas Lustiges dort erwartet. Wir haben aber nicht nur Blödsinn geredet gestern, sondern auch schon zwei, drei ernste Sachen. Mit Lisa kann man alles machen.

16. Februar 2015



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Geradezu aktuell der Eintrag, auch die Bilder. Eigentlich wollte ich nicht unbedingt in eine Ausstellung gehen, am gestrigen Sonntag. Aber gerne in ein Palais. Warum nicht ins Ephraim-Palais. Ich war da noch nie. Eine Schande eigentlich. Da befasst man sich wissenschaftlich mit jedem Palais in Wien und war noch nicht einmal daheim in jedem dritten. Sie sind nicht mehr so dicht gesät wie in Wien, es ist halt doch mehr kaputt gegangen. Aber das Ephraim-Palais ist in aller Pracht am beinah alten Standort. Es war früher um zwölf Meter versetzt und musste auch wieder aufgebaut werden, aber immerhin mit originaler Fassade, die eingelagert war. Schon verrückt. Es ist also nicht nur ein rekonstruiertes Bauwerk, das nur so tut, als wäre es alt. Das kann man ja alles nachlesen.











Dass dort gerade eine Ausstellung mit dem Titel WEST : BERLIN läuft, hat mich nicht weiter gestört, außerdem hat mir das Plakat mit der Sonnenbrille gut gefallen, so etwas fotografiert sich immer gut. In der Ausstellung war Fotografieren komplett verboten, aber ich durfte im Treppenhaus Bilder machen, das hat man mir ausdrücklich gestattet, als ich nachgefragt habe. Ich habe ja viele Jahre meines Lebens in Westberlin verbracht, daher habe ich nicht unbedingt den Wissens-Nachholbedarf, was die Situation und Besonderheiten angeht. Es gab aber dennoch ein paar Exponate, die auch für mich interessant waren, wie zum Beispiel die linierte Karteikarte von J. F. Kennedy, auf der in englischer Schreibweise sein „Ich bin ein Berliner“-Satz steht und noch zwei andere Sachen auf Deutsch. Und irrwitzige, düstere Kostüme von einer Schaubühnen-Inszenierung, die hätte ich sehr, sehr gerne fotografiert, mit den Schaufensterpuppen darin. Und ganz schöne Plakate aus allen Jahrzehnten sind zu sehen. Berlin-Werbung. Was mir aufgefallen ist, dass viele der Plakat-Exponate einen gewissen gezielten Sex Appeal kultivierten. Ganz bemerkenswert auch eine Werbung für das Schlafwagenabteil der Deutschen Bahn, in der man eine gut gewachsene Dame im durchsichtigen Negligé von hinten sieht. Mit nackigem Popo. Ich meine: Werbung der Deutschen Bahn. Schönes Schwarzweiß-Foto. Aber wäre heutzutage wegen schlimmer Anzüglichkeit verboten. Ein Hingucker. Ich habe ja auch hingeguckt. Sonst wahrscheinlich eher nicht. Ein exzellentes Schwarzweiß-Foto, das sehr künstlerisch mit dem Tageslicht spielt, wie eine Modefotografie von F.C. Gundlach.







Überhaupt der intensive Freiheits- und Experimentierdrang, der sich mit Hochdruck durch alle Strömungen und Epochen zog. Kein Wunder, nichts konnte sich verlaufen, das eingekesselte Westberlin war ein absolut hermetischer kultureller Schnellkochtopf. Durchaus sentimental besetzt auch für mich, ein Phonograph oder wie das heißt, wo man mit Ohrhörern Keine Macht für Niemand von den Scherben hören kann. Im altehrwürdigen Ephraim-Palais. Nun ist es etablierte Geschichte. Ebenso wie Rudi Dutschke und die RAF und die Achtziger und alles. Es gibt auch eine Stele mit einem Monitor, wo ein Video läuft, das ich noch nie gesehen hatte, 1986 am letzten Morgen vom Risiko gedreht. Blixa Bargeld stolpert bedröhnt durchs Bild und die Kamera wackelt, wie man das von solchen Videos erwarten kann. Sechsundachtzig war ich auch mal im Risiko, das war ganz kurz vor dem Ende. Und nicht weit weg davon hängt das komische Plakat mit Harald Juhnke über dem Brathähnchen von dem China-Restaurant, das immer als Reklameaufsteller vor dem Bikini-Haus war, schon ganz verblichen. Alles mögliche ist da, ich habe aber die Ordnung nicht ganz durchschaut, wenn ich mit Bildungshunger hingegangen wäre, hätte ich mir eine auffälligere chronologische Leitung mit großen Schildern „Hier lang!“ gewünscht. So bin ich halt ein bißchen kreuz und quer durch die Geschichte gelaufen. Ein Exponat hab ich auch daheim, da hätte ich auch stiften können: den grünen „vorläufigen“ Berliner Personalausweis. Damals war ich ganz stolz, dass ich einen echten grünen Berliner Personalausweis hatte und keinen westdeutschen grauen mit Adler. Auf dem Berliner Personalausweis war es verboten, dass die Bundesrepublik ein Zeichen setzt. Natürlich ist er längst abgelaufen, aber ich hüte ihn in irgendeinem alten Album, in dem auch alte Eintrittskarten aus dieser Zeit kleben. Sehr gut gefallen hat mir auch ein großes gemaltes Bild, gleich neben dem Ton Steine Scherben-Lied, von Rainer Fetting. „Warrior“ heißt es und ich dachte erst, es wäre von Elvira Bach, so vom Strich her, obwohl ich es kraftvoller fand, als ihre Sachen, subtiler auch und aggressiver. Auch dass nur Männer darauf waren, keine einzige Frau, hat mich zurecht schwanken lassen. Als ich dann sah, dass es von Fetting ist, musste ich daran denken, dass er in letzter Zeit öfter unter Bildern auf Jans Facebook-Seite kommentiert, Er hat ihn in den letzten Jahren ab und zu daheim in seinem Atelier portraitiert, sonst wüsste ich heute noch nicht, wie Rainer Fetting aussieht. Ganz eigenwilliger Ausdruck. An dem Bild hat mich aber im Vordergrund ganz unten etwas gestört, was ich eher wieder Elvira Bach zugeordnet hätte, da staken ein paar vereinzelte, langstielige gemalte Rosen herum. Die hätte er weglassen sollen. Aber sonst ein ganz fantastisches Bild. Und da ist ein Lehrfilm über West-Berlin. Obwohl es ein sehr schöner sonniger Tag gestern war, sieht man das gar nicht mehr auf meinen Bildern, weil ich recht spät am Nachmittag hin bin. Vorher habe ich mir die Sonne in meiner Wohnung auf den Pelz brennen lassen. Ich habe nach dem Ausflug beschlossen, dass ich das Nikolaiviertel endlich einmal ehren muss, richtig beehren muss. Es ist zwar noch kalt, aber immerhin schon ein paar Grad mehr, so fünf oder sechs. Wenn die Sonne scheint, gehe ich wieder hin, ein wenig Flanieren.

10. Februar 2015

Am 19. Oktober 2005. Und 17. Mai 2006. Und… 9. Februar 2015.

Es gibt kein Foto von gestern. Ich muss mir behelfen, mit einem Bild von irgendwann, das ich früher einmal im Brel gemacht habe. Selber schuld, muss Lisa denken, wenn sie das liest. Man darf nicht den Fotoapparat oder das Mobilfon, wenn man eines hat, während einer atemlosen Konversation aus der Tasche holen und auch nur eine Sekunde mit dem Zuhören oder Antworten aufhören, bloß weil man ein Bild für eine Blogeintrag haben will. Man muss abwägen. Meine Kamera war die ganze Zeit in der Tasche auf dem Boden neben dem Tisch. Ich habe es sogar noch erwähnt. Und ich glaube, dass es Lisa bis zum Ende gar nicht so recht glauben konnte, dass ich wirklich kein einziges Foto von unserem Treffen nach beinah neun Jahren mache. Aber ich habe sie ja dauernd innerlich fotografiert. Das muss man einfach glauben. Wenn ich sage, dass sie sehr schön, wirklich blendend ausgesehen hat, wird man mir das auch glauben, weil sie das ja wahrscheinlich meistens tut. Und ich vermute, dass sie sogar dann blendend aussieht, wenn sie einen eher blöden Tag hat – was ich noch nie gesehen habe. Kunststück! Vielleicht hat Lisa gestern gedacht, dass ich es ein bißchen übertreibe, mit meiner wiederholten Verkündung „Habe ich dir eigentlich schon gesagt, wie gut du aussiehst? Du siehst so gut aus!!!“. Nicht deswegen überrascht, weil sie vorher nicht gut ausgesehen hätte, also neun und zehn Jahre davor, wo ich sie gesehen habe, sondern gerade deswegen. Das ist nicht bei allen so, neun Jahre später. Man könnte denken, es ginge mir nur um das gute Aussehen. Aber das ist natürlich eine oberflächliche Betrachtungsweise. Jeder tiefgründige Mensch weiß, dass ein schönes Naturell alles überstrahlt. Und warum hätte sie das verlieren sollen. Es macht aber natürlich auch viel aus, wenn sich jemand immer gut pflegt! Ich bin mir sicher, dass sie sich da nichts vorzuwerfen hat. Lisa vor mir sitzen zu haben, war ein rundherum erfreulicher Anblick. Die Frisur war auch sehr gut, nicht zu frisiert, guter Haarschnitt, lässiger Schick, wie es mir auch gefällt! Dann das T-Shirt. Das war schon deswegen ganz prima, weil schwarz mit weißem Band-Motiv. So ein geblümter Totenkopf, mit dem man eigentlich nichts falsch machen kann. Des weiteren hatte ich mehr oder weniger bestimmt, dass wir uns im Brel am Savignyplatz treffen, wo man von Hause aus noch besser als sowieso schon ausschaut, wegen sehr guter Schummerbeleuchtung und geschmackssicherer Dekoration. Wir saßen nah beim Klavier, wo zu etwas späterer Stunde ebenfalls sehr dekorativ gespielt wurde. Ich hoffe, ich konnte Lisa dahingehend beruhigen, dass es für mich total okay ist, wenn wir uns nicht jedes mal und auch nicht jedes zweite mal und auch nicht sonst irgendwie regelmäßig verpflichtend treffen, wenn sie gerade einmal wieder in Berlin zu tun hat, was öfter vorkommt. Da bin ich nicht gram! Im Gegenteil, es entlastet mich sogar! Ich habe ihr auch gesagt, dass es mir viel zu anstrengend wäre, sie jedesmal zu treffen, wenn sie schon wieder da ist! Das ist ja gar nicht zu schaffen. Ich muss ja solche Erlebnisse immer ganz intensiv und gründlich verarbeiten, da käme ich gar nicht mehr hinterher. Auch bin ich – genauso wie sie selber – überhaupt kein Typ für ständigen Mail-Austausch oder sonstigen Kontakt. Oder womöglich telefonieren! Bitte nicht! Sie hat mir auch einigermaßen überzeugend versichert, dass sie mit ihrem Smartfon eigentlich nie telefoniert, nur eben so andere Sachen checkt. Ich denke, das war auch nicht gelogen, weil sie nicht der Typ dafür ist und es auch gar nicht nötig hat, mich zu belügen. So denke ich mir das. Es war ein ganz arg schöner Abend und ich kann mir gut vorstellen, dass wir uns spätestens in neun Jahren oder zehn, einmal wiedersehen. Würde mich total freuen. Wie ein Wiener Schnitzel! Ganz unter uns, habe ich mich aber auch deswegen so hopplahopp von heute auf morgen mit Lisa verabredet, weil ich eiskalt berechnend, ein bißchen Wienerisch hören wollte. Ich kann jetzt ja auch ein bißchen in Sachen Wien mitreden, wo ich selber da war, und es nun richtig zu schätzen weiß, mit dem Wiener Blut! Was ich gelegenheitshalber auch noch ausplaudern will, ist dass ich vielleicht doch noch einmal zur republica-Veranstaltung gehe, wenn ich sicher weiß, dass Lisa dort bei was mitmacht, was total gut sein kann. Dann fühle ich mich auch nicht so verloren, und weiß auf jeden Fall, dass mich etwas Lustiges dort erwartet. Wir haben aber nicht nur Blödsinn geredet gestern, sondern auch schon zwei, drei ernste Sachen. Mit Lisa kann man alles machen.

08. Februar 2015


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Ein Geburtstag in Berlin, privat. Ist so eine kleine Gratwanderung, was man schreiben kann, ohne die Privatsphäre zu beeinträchtigen. Nicht meine, aber es hat ja nicht bei mir stattgefunden. Wenn es ein öffentlich zugänglicher Ort wäre, hätte ich keine Scheu, zur Seite der Architekten zu verlinken, Details zu erwähnen, die gewissermaßen bauhistorisch hochinteressant sind, aber bei einem privaten Haus kann das geradezu heikel sein. Der Wiedererkennungswert ist einfach zu hoch. Also muss ich mich im Stillen daran erfreuen, dass ich das aus nächster Nähe sehen konnte. Man kann nur so viel sagen, man kommt nicht in so ein Bauwerk, ohne neugierig nach dem Architekten zu fragen. Aber weit draußen. Ich hatte mir zwar die Anfahrt – man muss fast schon schreiben Anreise, zwar mit allen Varianten von U-Bahn und S-Bahn und Bus und Fußweg ausgeguckt, aber dann bin ich doch der Bequemlichkeit halber einfach bis zum Ende der U-Bahnlinie gefahren und habe ein Taxi genommen. Ich war schon lange auf keiner größeren privaten Feier mehr. Es waren ungefähr fünfunddreißig bis vierzig Geburtstagsgäste, von denen ich außer der Gastgeberin zwei näher kannte. Und Jan war einer von beiden.

Was ich ohne weiteres erwähnen kann, ist dass die Gastgeberin die schöne Idee hatte, in einer kleinen Ansprache jeden Gast vorzustellen, sie stand dabei eine Stufe höher in dem großen Wohnraum, der eine höhere Ebene hatte, wie eine kleine Bühne, und hat sich einen nach dem anderen Gast vorgenommen. Das ist natürlich sehr interessant, weil sie Sachen erzählt hat, die man auch gerne wissen will, aber vielleicht nicht so direkt immer gleich unter vier Augen fragen würde. Also wie jeder heißt und was er so treibt. Na gut, nach dem Namen zu fragen, ist jetzt keine große Sache, aber das Gespräch mit der Frage nach der Beschäftigung oder dem Beruf bzw. der Berufung zu eröffnen, finde ich immer ein bißchen polizeiverhörmäßig. Bei einer Vorstellung musste Jan kalauern. Er konnte sich die Bemerkung „Ach? Was denn für einer? Geheim-‚Agent‘ oder was?“ nicht verkneifen. Was auch noch mit Gelächter quittiert wurde. Aber der ‚oder was‘ war eindeutig einer der bestgekleidetsten Männer. Ich habe ihn leider nicht fotografiert. Der andere bestgekleidete hat von Berufs wegen die selbstauferlegte Verpflichtung, eine gute Figur zu machen. Er erinnerte mich ein bißchen an Till Brönner. War er aber nicht. Es war also sehr nett, gleich ohne investigative Recherche zu wissen, wen man vor sich hat. Wenn ich jemals eine größere Feier machen sollte, werde ich das aufgreifen. Dass es nicht peinlich war, lag aber auch an der launigen Vortragsweise unseres Geburtstagskinds. Gut hat mir auch die Bezeichnung ‚Neu-Erwerbungen‘ für neuere Freundinnen und Freunde gefallen.



Ich hatte mich ja ungeplanterweise, wie bereits ausführlich dargelegt, von der Mutter des Geburtstagskindes entführen lassen. Das war nicht nur deswegen interessant, weil ich eine weitere schöne Welt betreten konnte, sondern auch, weil die doch größere Unterbrechung nach der Rückkehr zur Feier eine dramaturgische Entwicklung aufzeigte, mit der ich so nicht gerechnet hätte. Als mich die Bildhauerin ansprach, ging es noch sehr gesittet und ein wenig brav zu, getanzt hat noch keiner, es wurde nur so ein bißchen im Rhythmus gewippt. Aber das knappe Stündchen, das ich weg war, hat dazu geführt, dass die Party richtig in Schwung kam und fast alle getanzt haben. Ich hoffe, dass es nicht meine Abwesenheit gebraucht hat, um die Sache anzukurbeln. Aber das ist denke ich, auch ganz natürlich. Wer fängt schon stocknüchtern an, wie wild loszutanzen. Sehr animierend war auf jeden Fall unser Geburtstagskind, das mit Sicherheit mit zwanzig Jahren auch nicht virtuoser getanzt hat. Es war schon eine Freude, ihr zuzusehen.

Nachdem ich mir auch ein bißchen den Verstand weggetrunken hatte, habe ich beim D-Jay tolle Lieder aus den Achtzigern bestellt, zum Beispiel so total unbekannte, insidermäßige independent-Sachen wie The Passenger von Iggy Pop. Was er nicht hatte. War eben zu ausgefallen! Aber sehr gut kam bei mir auch die Alternative „porque te vas“ von Dings…. äh – wie hieß die – ? an. War lustig. Und dann Kraftwerk. Und „Jeans on„. Ja, man könnte sagen, es war eine bunte, launige Mischung. Früher hätte man sich ja geniert, zu solchen Sachen wie Porque te dings und Jeans on auch nur den kleinen Zeh zu bewegen, aber ich muss gestehen, ich habe mich gut amüsiert. Bei Jeans on kann man zum Beispiel auch super so eine erzählerische Tanzperformance hinlegen, weil der Text ja sehr anschaulich gestaltet ist. („When I wake up, in the morning light, I put on my Jeans, and I feel alright!“) Super! Man müsste viel öfter einfach tanzen gehen. Wo ich sonst schon keinen Sport mache, wäre das eine echte Alternative, um rüstig zu bleiben. Wer rastet, der rostet! Eines ist sicher: wenn man älter ist, verliert man ein paar Coolness-Zwangsvorstellungen, die auch eine gewisse Einschränkung bedeuten. Ich hätte auch kein Problem, zu Ein Bett im Kornfeld zu tanzen. Das war außerdem meine Jugend. Schade eigentlich, dass das nicht kam. Aber er hat schon gute Sachen aufgelegt, das waren jetzt ein paar Extrem-Beispiele. Adriano Celentano kommt zum Tanzen auch sehr gut. Ah, diese Stimme! Da ist Testosteron drin! Besonders wichtig, weil das in einem gewissen Alter ja auch bei den Herren ein wenig nachlässt.




Es galt, die Zeit bis zur Mitternachtsstunde zu überbrücken, bis endlich der Magnum-Champagnerkorken knallen würde, denn es wurde ja hineingefeiert! Der größte und stärkste Mann hat zum gemeinsamen Countdown den Champagner in die Kelche fließen lassen und wir haben das Geburtstagskind dreimal hoch leben lassen. Es war ein bißchen wie Silvester, das ich dieses Jahr ja nicht groß gefeiert habe, genauso wie das Jahr zuvor und das davor und das davor. Usw. Eigentlich doch schön, so ein bißchen mit Wein, Weib und Gesang das Leben zu zelebrieren. Ich kann da noch etwas lernen. Das einzige, was ich nicht nachmachen würde, sind Polaroid-Fotos mit Blitz. Aber es war unterhaltsam, die Instant-Abzüge nebeneinander zu betrachten. Meine eigenen Versuche sind auch keine Meisterwerke, das ist schon alles arg verrauscht, aber dafür kann man die Atmosphäre gut erahnen und alles weitere bleibt diskret, und dem Reich der Phantasie überlassen.




08. Februar 2015


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Ein Geburtstag in Berlin, privat. Ist so eine kleine Gratwanderung, was man schreiben kann, ohne die Privatsphäre zu beeinträchtigen. Nicht meine, aber es hat ja nicht bei mir stattgefunden. Wenn es ein öffentlich zugänglicher Ort wäre, hätte ich keine Scheu, zur Seite der Architekten zu verlinken, Details zu erwähnen, die gewissermaßen bauhistorisch hochinteressant sind, aber bei einem privaten Haus kann das geradezu heikel sein. Der Wiedererkennungswert ist einfach zu hoch. Also muss ich mich im Stillen daran erfreuen, dass ich das aus nächster Nähe sehen konnte. Man kann nur so viel sagen, man kommt nicht in so ein Bauwerk, ohne neugierig nach dem Architekten zu fragen. Aber weit draußen. Ich hatte mir zwar die Anfahrt – man muss fast schon schreiben Anreise, zwar mit allen Varianten von U-Bahn und S-Bahn und Bus und Fußweg ausgeguckt, aber dann bin ich doch der Bequemlichkeit halber einfach bis zum Ende der U-Bahnlinie gefahren und habe ein Taxi genommen. Ich war schon lange auf keiner größeren privaten Feier mehr. Es waren ungefähr fünfunddreißig bis vierzig Geburtstagsgäste, von denen ich außer der Gastgeberin zwei näher kannte. Und Jan war einer von beiden.

Was ich ohne weiteres erwähnen kann, ist dass die Gastgeberin die schöne Idee hatte, in einer kleinen Ansprache jeden Gast vorzustellen, sie stand dabei eine Stufe höher in dem großen Wohnraum, der eine höhere Ebene hatte, wie eine kleine Bühne, und hat sich einen nach dem anderen Gast vorgenommen. Das ist natürlich sehr interessant, weil sie Sachen erzählt hat, die man auch gerne wissen will, aber vielleicht nicht so direkt immer gleich unter vier Augen fragen würde. Also wie jeder heißt und was er so treibt. Na gut, nach dem Namen zu fragen, ist jetzt keine große Sache, aber das Gespräch mit der Frage nach der Beschäftigung oder dem Beruf bzw. der Berufung zu eröffnen, finde ich immer ein bißchen polizeiverhörmäßig. Bei einer Vorstellung musste Jan kalauern. Er konnte sich die Bemerkung „Ach? Was denn für einer? Geheim-‚Agent‘ oder was?“ nicht verkneifen. Was auch noch mit Gelächter quittiert wurde. Aber der ‚oder was‘ war eindeutig einer der bestgekleidetsten Männer. Ich habe ihn leider nicht fotografiert. Der andere bestgekleidete hat von Berufs wegen die selbstauferlegte Verpflichtung, eine gute Figur zu machen. Er erinnerte mich ein bißchen an Till Brönner. War er aber nicht. Es war also sehr nett, gleich ohne investigative Recherche zu wissen, wen man vor sich hat. Wenn ich jemals eine größere Feier machen sollte, werde ich das aufgreifen. Dass es nicht peinlich war, lag aber auch an der launigen Vortragsweise unseres Geburtstagskinds. Gut hat mir auch die Bezeichnung ‚Neu-Erwerbungen‘ für neuere Freundinnen und Freunde gefallen.



Ich hatte mich ja ungeplanterweise, wie bereits ausführlich dargelegt, von der Mutter des Geburtstagskindes entführen lassen. Das war nicht nur deswegen interessant, weil ich eine weitere schöne Welt betreten konnte, sondern auch, weil die doch größere Unterbrechung nach der Rückkehr zur Feier eine dramaturgische Entwicklung aufzeigte, mit der ich so nicht gerechnet hätte. Als mich die Bildhauerin ansprach, ging es noch sehr gesittet und ein wenig brav zu, getanzt hat noch keiner, es wurde nur so ein bißchen im Rhythmus gewippt. Aber das knappe Stündchen, das ich weg war, hat dazu geführt, dass die Party richtig in Schwung kam und fast alle getanzt haben. Ich hoffe, dass es nicht meine Abwesenheit gebraucht hat, um die Sache anzukurbeln. Aber das ist denke ich, auch ganz natürlich. Wer fängt schon stocknüchtern an, wie wild loszutanzen. Sehr animierend war auf jeden Fall unser Geburtstagskind, das mit Sicherheit mit zwanzig Jahren auch nicht virtuoser getanzt hat. Es war schon eine Freude, ihr zuzusehen.

Nachdem ich mir auch ein bißchen den Verstand weggetrunken hatte, habe ich beim D-Jay tolle Lieder aus den Achtzigern bestellt, zum Beispiel so total unbekannte, insidermäßige independent-Sachen wie The Passenger von Iggy Pop. Was er nicht hatte. War eben zu ausgefallen! Aber sehr gut kam bei mir auch die Alternative „porque te vas“ von Dings…. äh – wie hieß die – ? an. War lustig. Und dann Kraftwerk. Und „Jeans on„. Ja, man könnte sagen, es war eine bunte, launige Mischung. Früher hätte man sich ja geniert, zu solchen Sachen wie Porque te dings und Jeans on auch nur den kleinen Zeh zu bewegen, aber ich muss gestehen, ich habe mich gut amüsiert. Bei Jeans on kann man zum Beispiel auch super so eine erzählerische Tanzperformance hinlegen, weil der Text ja sehr anschaulich gestaltet ist. („When I wake up, in the morning light, I put on my Jeans, and I feel alright!“) Super! Man müsste viel öfter einfach tanzen gehen. Wo ich sonst schon keinen Sport mache, wäre das eine echte Alternative, um rüstig zu bleiben. Wer rastet, der rostet! Eines ist sicher: wenn man älter ist, verliert man ein paar Coolness-Zwangsvorstellungen, die auch eine gewisse Einschränkung bedeuten. Ich hätte auch kein Problem, zu Ein Bett im Kornfeld zu tanzen. Das war außerdem meine Jugend. Schade eigentlich, dass das nicht kam. Aber er hat schon gute Sachen aufgelegt, das waren jetzt ein paar Extrem-Beispiele. Adriano Celentano kommt zum Tanzen auch sehr gut. Ah, diese Stimme! Da ist Testosteron drin! Besonders wichtig, weil das in einem gewissen Alter ja auch bei den Herren ein wenig nachlässt.




Es galt, die Zeit bis zur Mitternachtsstunde zu überbrücken, bis endlich der Magnum-Champagnerkorken knallen würde, denn es wurde ja hineingefeiert! Der größte und stärkste Mann hat zum gemeinsamen Countdown den Champagner in die Kelche fließen lassen und wir haben das Geburtstagskind dreimal hoch leben lassen. Es war ein bißchen wie Silvester, das ich dieses Jahr ja nicht groß gefeiert habe, genauso wie das Jahr zuvor und das davor und das davor. Usw. Eigentlich doch schön, so ein bißchen mit Wein, Weib und Gesang das Leben zu zelebrieren. Ich kann da noch etwas lernen. Das einzige, was ich nicht nachmachen würde, sind Polaroid-Fotos mit Blitz. Aber es war unterhaltsam, die Instant-Abzüge nebeneinander zu betrachten. Meine eigenen Versuche sind auch keine Meisterwerke, das ist schon alles arg verrauscht, aber dafür kann man die Atmosphäre gut erahnen und alles weitere bleibt diskret, und dem Reich der Phantasie überlassen.




02. Februar 2015


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Ich glaube, sie hat mich angesprochen. Aus natürlicher Scheu hätte ich sie nicht von der Seite angequatscht, zumal sie sich bestens und lebhaft unterhalten hat. Aber wenn ich einmal siebenunddreißig Jahre älter bin wie heute, so wie sie jetzt, dann traue ich mich das bestimmt auch, so eine jüngere Frau anzusprechen. Eigentlich traue ich mich es heute schon, wenn ich so darüber nachdenke. Wie alt sind siebenunddreißig Jahre jüngere als ich? Zwölf- bis Dreizehnjährige. Ja, das kriege ich hin. Bestimmt halten die mich für uralt. Nach der Begegnung mit der Bildhauerin, die mich sehr gefreut hat, bin ich zuversichtlich, dass es vielleicht gar nicht so schwierig und kompliziert ist, sehr alt zu werden und sehr beweglich zu bleiben. Man darf nur nicht aufhören, mit dem Bewegen. Ich versuche, einen möglichst diskreten Eintrag zu den Bildern zu verfassen. Es war am Wochenende in Berlin. So ein bißchen außerhalb, wo man ein ganzes Weilchen fährt, aber noch Berlin. Ich sage aber nicht, welche Richtung. Das ist streng geheim! Jedenfalls hatte ich eine Einladung zu einer Geburtstagsparty. Das Geburtstagskind ist das Kind von der Bildhauerin. Und die Bildhauerin hat mich mal für ein halbes oder Dreiviertelstündchen von der Party entführt. Schon alleine wegen ihres tollen Armreifs war mir gleich vollkommen klar, dass es bestimmt ein sehr sehenswerter Ort ist, an dem sie lebt, gleich nebenan. Und weil sie sogar zweimal gefragt hat, ob ich Lust hätte, es zu sehen, und ich zweimal „Ja!“ gesagt habe, hat sie mich an die Hand genommen und nach drüben geführt, in ihr Zauberreich. Wo ganz viele Bilder und ganz viel Geschichte aus ganz viel Leben ist. Mehr darf ich jetzt aber nicht erzählen, obwohl sie mir sehr schöne Geschichten, auch anrührende und sehr persönliche erzählt hat. Und Fotos gezeigt. Ich hätte mich nicht getraut, einfach zu fotografieren, obwohl ich die Kamera über der Schulter dabei hatte. Die hatte ich sowieso bei mir. Aber als wir gerade im unteren Bereich, in ihrem Atelier waren, wovon es leider keine Fotos gibt, und sie mir eine phantastische Bohrmaschine aus dem achtzehnten Jahrhundert aus Gußeisen demonstriert hat, hat jemand wie wild an die Haustür geklopft (ich glaube, es gibt gar keine Klingel, was mir sehr gut gefällt, so prinzipiell), und da wurde die kleine Besichtigung unter vier Augen unterbrochen, was zuerst schade war. Aber dann war es Jan mit Manfred, der die Bildhauerin schon ein Weilchen kennt, also Jan, es ist quasi familiär, und wie er so ist, hat er sich und seinen Freund selber zur Besichtigung eingeladen und geniert sich auch nicht, gleich seine Absichtserklärung zu verkünden, dass er noch mal ein Portrait von ihr machen will, „…Nur mal gucken, wo!“ Also sozusagen sehr charmant präsentierte, vollendete Tatsachen. Es ist schon sehr schwer, ihm zu widersprechen. Sie war auch sehr bereitwillig, hat sogar noch gefragt, ob sie die Lippen machen soll oder die Haare. Aber die Frisur war prima. Ich habe mich da ja ganz rausgehalten. Aber als er dann so vorgeprescht ist, und die Führung fast schon übernommen hat und auch gleich zur Tat geschritten ist, habe ich mich auch nicht mehr geniert und mich dann doch getraut, ein paar Fotos zu machen. Ich bin mir nicht sicher, ob sie es gemerkt hat. Bei ihm schon. Aber ich mache das so undercovermäßig und halte die Kamera ja nie vors Gesicht, dass man das schon mal vergessen kann, dass ich schon auch etwas mache, mit meiner Kamera. Deswegen gibt es jetzt doch ein paar Bilder. Aber nicht von allem. Man könnte ein ganzes Buch über dieses schöne Zuhause machen. Und über sie sowieso. Ich habe sie gefragt, wo wir noch allein waren, ob sie eine Beziehung zu Computern hat, weil sie mir geflüstert hat, dass sie vor ihrer Berufung zur Bildhauerin Mathematik und Physik studiert hat, aber alles schon sehr lange her. Sie meinte etwas entschuldigend, dass sie leider nur ein Ipad hätte. Ach so. Hm, ja. Das ist natürlich sehr bedauerlich. Nur so ein altmodisches Ipad, wo sie manchmal, wenn ihr etwas einfällt, was im Internet sucht. Hätte ich mir ja denken können. Es ist mir fast ein bißchen schwer gefallen, wieder zur Party nebenan zurückzukehren, weil ich gespürt habe, sie ist ein unerschöpflicher Quell, der gerade wieder zu sprudeln angefangen hat. Aber dann hatte ich auch Durst und wollte mich gerne einmal wieder bei der nicht minder zauberhaften Gastgeberin in dem anderen Häuschen zeigen. Wir sind dann gemeinsam wieder zurück zur Party, wo inzwischen wie wild getanzt wurde, was auch sehr schön anzuschauen war. Aber immer eins nach dem anderen.




28. Januar 2015

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Beinah aktuell, die letzten Bilder, die im letzten Jahr entstanden sind, am 27. November 2014. Was statistisch bedeutet, dass ich zwischen dem ersten September und diesen Bildern fast ein Vierteljahr kein einziges Foto gemacht habe. Es war keine Askese und kein Plan, ich war nur so absorbiert von der Verarbeitung der Wien-Bilder, die ich derart intensiv und ultimativ auslotend betrieb, auch mit den Einträgen, dass sogar Victor aus Wien halb fragend, mit einem wie mir vorkam, kritischen Ton konstatierte, dass er den Eindruck hätte, dass ich irgendwie ‚festhänge‘ mit Wien. Ich weiß nicht, was er unter dem positiver(?) besetzten Gegenteil von ‚festhängen‘ versteht, ich weiß nur für mich, dass ich dazu neige, Eindrücke äußerst intensiv zu verarbeiten, indem ich maximal eintauche, mit nur erdenklicher Empathie und Recherche, auch rückwärtig, was aber sicher nicht in einem psychotischen Festklammern ausartet. Ich bringe Dinge gerne angemessen zu Ende, mit Ehrerbietung. So war das letzte Jahr in Bildern in der Tat, sehr stark von meinen Eindrücken von Wien dominiert, was keiner Relativierung bedarf, weil Wien keiner Relativierung bedarf. Genauso wenig wie Berlin einer Relativierung bedarf. Wo ich mich hinbewege, bin ich mit Haut und Haar, auch wenn ich mich daran erinnere. Und wer in diesen Tagen hier herumblättert, könnte auf die Idee kommen, ich hänge in Berlin fest, was ja auch stimmt. Aber nicht, wie an einem Galgen oder an einer behinderlichen Fußkette. Seit diesen Bildern hier, Ende November, sind keine mehr entstanden, ich bin nun auch in bildtechnischer Hinsicht mit der Aufarbeitung in der Gegenwart angelangt. Ich empfehle meinen Lesern, die Datierung der Bildstrecken zur Kenntnis zu nehmen. Das ist insofern interessant, weil sich daran eine Entwicklung ablesen lässt, dahingehend, dass ich scheinbar wieder mehr dazu komme, zu besonderen Gelegenheiten Bilder zu machen. Sieht mir doch sehr danach aus. Dass die Bildstrecken nun so kurz hintereinander kommen, entspricht nicht den Intervallen, in denen sie entstanden sind. Ich bin mir ganz sicher, dass es keinen instagram-Benutzer gibt, der ein Vierteljahr lang kein Bild macht. Interessante, dem Gegenwartsgeist gegenläufige Dynamik. Ich mag es, wenn ich zufällig an mir beobachte, dass sich meine Gewohnheiten und Befürfnisse ändern. Sich selbst zu überraschen ist ein interessantes Erleben. Und umso leichter möglich, wenn man keine Vorsätze fasst. Ich mache es mir noch einmal bequem und kopiere ein Stück von dem Novembereintrag unter die Bilder.


































„Ein bißchen Berlin zwischen all dem Wien. Donnerstag traf ich mich bei Hiltawsky mit Jan, da war so eine Eröffnung, Kate Moss huldigend. Sie war nicht da, aber dafür kam später Ina, was mich sehr freute. Wir haben viele, viele Bilder gemacht, die ich irgendwann im nächsten Jahr hochladen werde, wie es bei meinem meditativen Verarbeitungs-Tempo aussieht, aber damit einmal dokumentiert ist, dass ich nicht nur in Wien-Erinnerungen lebe, sondern auch noch in der Gegenwart iln Berlin, eine Aufnahme von Jan vom 27. November. Einer der Fotografen aus der Moss-Ausstellung war auch da, der Berliner Fotograf Jurgen Ostarhild. Sehr gesprächig auch. Wahrscheinlich weil die Atmosphäre auf seinen Bildern so lasziv war, fragte ihn ein anderer Mann launig, ob sie, Kate, ihn denn auch geküsst hätte? Daraufhin meinte Osterhild breit grinsend: „Natürlich. Kate küsst A L L E .“ Ina und ich sind danach noch in ins 3 minutes sur mer, wo…“ usw. (…)

27. Januar 2015

Ich muss nicht noch einmal alles rekapitulieren, was mich während des Films und danach bewegte. Ich habe damals, es war mein neunundvierzigster Geburtstag, in einem Kommentar beschrieben, was mich bewegte. In diesen Tagen war zu erfahren, dass der Film für den Oscar als bester Dokumentar-Film nominiert ist. Was ich verstehen kann. Ich mache auszugsweise copy-paste meines Kommentars vom ersten September, nach dem unmittelbaren Eindruck des Films, frisch aus dem Kino kommend. gaga, 1. Sep, 21:14



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Endlich den sehr sehenswerten Finding Vivian Maier in der Vorstellung um 14:45 gesehen. Es waren außer mir nur ungefähr fünfzehn andere im Kino. Der vielbeschriebene und -gelobte Film hat mich teilweise seltsam berührt, wie wohl die meisten, die viel fotografieren und archivieren und sich manchmal fragen, was aus all dem werden soll. Großartiges Lebenswerk von zwiespältiger Persönlichkeit. Fällt mir auf, dass ich vor genau einem Jahr bei Hilma af Klint war, die ihr malerisches Lebenswerk auch unter Verschluss gehalten hat. Ich kann mir vorstellen, dass Vivian Maier auch einfach keine Lust darauf hatte, dass ihr Werk und ihr Tun und ihre Biographie diskutiert und zerfleddert wird. Wenn man es nicht zeigt, ist man auch nicht in der „Gefahr“, dass sich jemand kritisch damit auseinandersetzt. Bei Straßenfotografie, wie sie es betrieben hat, ist man sowieso an der Grenze des Illegalen, der Überschreitung der Persönlichkeitsrechte. Sie hat ja auch paparazzt. Ich konnte mich da auch seltsam wiedererkennen, als deutlich wurde, dass ihr viele Bilder nur gelungen sind, weil sie mit ihrer Rolleiflex – ähnlich wie ich mit dem schwenkbaren Display – oft nach unten geschaut hat, obwohl sie das Motiv fokussierte. Was nur mit dieser Kamera ging. Das war schon ein ziemliches déjà-vu. Allerdings gar nicht, was ihre sonstigen Vorlieben anging. Die widersprüchlichen Aussagen ihrer ehemaligen Kinder, was ihre liebevolle oder auch lieblose Zuwendung anging, haben auch einen seltsamen Nachgeschmack. (…) sicher für sie ein Grund, sich mindestens einmal im Grabe umzudrehen; aber ganz großes Kino“

Neunundvierzig

22. Januar 2015

Edwin. Nach sehr, sehr langer Zeit etwas geträumt, das mich nach dem Aufwachen unablässig beschäftigt, angenehm. Ich habe selten ganz schlimme Träume und ebenso selten ganz schöne. Es plätschert so dahin, das Erinnerbare, das Wenige ist gewohnt absurd oder alltäglich, manchmal mehr oder weniger amüsant, wenn der Bezug zur Wirklichkeit sehr deutlich ist und dann eine irreale Wendung nimmt. Aber letzte Nacht träumte ich etwas völlig Ungewohntes und Unerwartetes. So angenehm, dass ich bis zum Abend immer wieder davon gefangen war, und meine Konzentration darauf gerichtet habe, damit es mir nicht völlig entwischt. Ich überlegte sogar, ob ich es in einer privaten Datei einfach aufschreibe, ganz gegen meine Gewohnheiten der letzten zehn Jahre, in denen ich alles, wirklich alles, was ich schriftlich formulierte, auch veröffentlicht habe. Aber ich mag keine doppelte Buchführung. Lange schon habe ich nicht einmal mehr Freude daran, Freunden aufwändige Mitteilungen zu schreiben, von denen ich weiß, dass sie unter Verschluss bleiben werden. Als wären mir meine Gedanken, die ich mir die Mühe mache, in Worte zu fassen, zu kostbar, um sie exclusiv nur einem Menschen zugänglich zu machen. Also schreibe ich den schönen Traum in keine private Datei, in kein Notizbuch, wenn überhaupt, dann hier. Auch ärgere ich mich, wenn Blogger am Rande erwähnen, dass sie privat für sich irgendwelche Tagebücher nebenher schreiben, in die dann die wirklich existentiellen Vorgänge kommen. Mich ärgert das als Leserin. Ich will nicht mit einer entschärften Schmalspurversion der Lebensbewegungen abgespeist werden. Das ist Etikettenschwindel! Dann schon bitte gar keine schriftlichen Vermächtnisse, auch keine geheimen in der Schublade auf Papier. Man muss auch etwas wagen, sonst fühlt sich der Leser nicht ernst genommen und respektiert. Ja, man darf weglassen, wenn man allgemein die Erkenntnis hat, dass eine schriftliche Fixierung nichts weiter bringt. Aber nicht im stillen Kämmerchen, die interessanten Sachen schreiben und im Blog die leicht verdauliche Hausmannskost. Das ist literarisch irrelevant! Also Edwin. Wer ist Edwin? Zum Teufel, ich weiß es nicht. Aber die Traum-Freundin, die es auch in Wirklichkeit gibt, die aber in dieser keine so richtig enge Freundin-Freundin ist, hat mir also im Traum der letzten Nacht eine Verabredung zu einem gemeinsamen Treffen und Essen mit einem alten Schulfreund von ihr vermittelt. Sie haben (im Traum) wohl zusammen mehrere Schuljahre verbracht, bis zum Abitur. Das geschah in Berlin, in Ostberlin. So im Radius vom Prenzlauer Berg. Sie hat ihn lange nicht gesehen, es war auch keine Liebschaft, aber man war irgendwie befreundet und er war der kurioseste Typ in der Oberstufe. Und sie wollten sich zum Essen treffen, in einem beliebten, szenigen Restaurant, irgendwo zwischen ihrer und meiner Wohnung in Berlin, also der Radius zwischen Marienburger und Auguststraße. Ich könnte gerne mit. Warum sie auf die Idee kommt, keine Ahnung. Sie betont vor dem Treffen immer wieder, dass er wirklich sehr kurios sei. Auch was seine Kleidung anginge, die wäre zumindest damals sehr gewöhnungsbedürftig gewesen, denn er habe immer Knickerbocker getragen. Also diese Hosen, die über dem Knie aufhören. Keine Mode hätte ihn tangiert, stur hat er tagein, tagaus seine Knickerbocker angehabt. Was eben schon sehr gewöhnungsbedürftig gewesen sei. Aber sonst ein sehr interessanter und eigenwilliger Mensch, sehr belesen und intelligent. Ich stellte mir also vor dem geistigen Auge einen jüngeren Mann vor – denn sie hatte ihn ja auch zuletzt in ihren Zwanzigern gesehen, der schon recht nett, aber nicht gerade attraktiv ist, und im schlimmsten Fall immer noch die Knickerbocker-Hosen von damals anhaben könnte. Oder noch seltamere Kleidung. Schnitt. (Szenenwechsel.) Wir, die Freundin und ich, betreten weitläufige Räume unter dem Dach. Ich erkenne den roten Teppich, der in meinem Jugendzimmer unter dem Dach lag, hoher Flor, Wolle, mit Quadraten in verschiedenen Orange- und Rottönen. Es war in den Sechziger Jahren der Teppich im Wohnzimmer und ich bekam ihn dann später für mein Zimmer unter dem Dach. Ich weiß im Traum, es ist nicht mein Zimmer, aber es sieht meinem verblüffend ähnlich. Auf dem Teppich liegt ein schmal gebauter, junger erwachsener Mann. Ich kann das Alter schlecht schätzen, vielleicht zweiunddreissig, vierundreissig. Er liegt auf dem Rücken und trägt irgendeine unauffällige Kleidung, die aber auch gut passt, jedenfalls keine Knickerbocker-Hosen, so viel ist sicher. Er liegt mit geschlossenen Augen auf dem Rücken, wie im Halbschlaf. Vielleicht trägt er Leinenkleidung, wie man sie zum Meditieren anziehen könnte. Er hat längere Haare, sehr feines Haar, ganz leicht gewellt, die Haarfarbe so ein dunkleres Blond oder Hellbraun. Kinder haben so ähnliche Haare, ganz fein und seidig und gewellt. Ich erkenne, dass wir bei ihm zuhause sind, dem Schulfreund von damals, da wohnt er. Ich denke, ah ja, viel filigraner, als ich ihn mir vorgestellt habe. Die Freundin beginnt zur Begrüßung und um ihn zu wecken, langsam über ihn zu robben. Er wacht langsam aus einer Halbtrance auf und die Freundin rückt ganz in den Hintergrund. Er richtet sich auf und spricht zu mir, ganz bei sich und wie jemand, der in seiner eigenen Welt bleibt. Dabei ganz ernst. Er deutet mit der Hand in die andere Richtung der unendlichen Flucht der zeltartigen Dachgeschossräume, die am Ende eines dreieckigen Tunnels aus Holz, in einer Dachterrasse münden, wo die Sonne scheint, und auf einer Wäscheleine in strahlendem Licht zwei farbenfrohe Hippiehemden zum Trocknen schaukeln. Er sagt, er hat sie gerade gefärbt und ich entdecke bei genauerer Fokussierung, dass eine Art Ornament am Halsausschnitt gebatikt ist. Ich glaube, das eine Hemd ist aus lavendelblauem Leinen und das andere in einem Pfirsich-Ton, irgendein helles Orange. Ich denke im Traum, das ist ja alles fürchterlich hippiemäßig und auch ganz nett, aber doch irgendwie auch sehr vorbei. Hoffentlich kommen jetzt nicht auch noch buddhistische Kalendersprüche aus seinem Mund. Erst diese meditationsartige Teppichperformance und dann auch noch gebatikte Indienhemden. Ich drehe mich wieder zu ihm um, und sehe, dass er genauso ein Hemd wie die beiden auf der Leine, eines in Apricot anhat. Ich muss leider zugeben, dass es ziemlich cool an ihm aussieht, wie ich überhaupt feststelle, dass dieses ganze harmlose Hippieambiente in einem irriterenden Kontrast zu seiner Ausstrahlung steht. Seine Physiognomie geht so ein bißchen in Richtung David Bowie und er hat gar nicht Verbindliches oder Harmoniesuchendes in seinem Ausdruck. Er kommt mir sehr energisch und entschlossen, und auch ein bißchen arrogant vor, aber in einem Maß, das einen interessanten Ausgleich zu dem peace & love-Ambiente herstellt. Ich weiß nicht, was er sagt, außer dieser Anmerkung zu den gefärbten Hemden vielleicht auch nicht viel. Er spricht kaum und ich sehe auch keine Notwendigkeit. Er scheint sich daran gewöhnt zu haben, dass er in einem für andere unerreichbaren Universum existiert, in dem ohnehin kein adäquater Austausch möglich ist, weil es unwahrscheinlich ist, jemanden zu treffen, mit dem man auf einem visionären Level kommunizieren kann. Er wirkt weder unglücklich noch sehnsuchtsvoll, sondern wie jemand, der sich pragmatisch mit der Situation abgefunden hat und einen guten Umgang damit verwirklichen konnte. Ich bin fasziniert von dieser offensichtlichen Unabhängigkeit von irgendwelchen Parametern der Umgebung. Er macht was er will, lebt sein eigenes Ding und erwartet kein großartiges Verständnis. Jammert auch kein bißchen. Sicher selbstverliebt. Und darin selbstgenügsam. Fordert nur, in Ruhe gelassen zu werden. Und Einhaltung der Distanz. Die man aber ohnehin niemals wagen würde, zu durchbrechen. Wie ein wilder Krieger in den besten jungen Mannesjahren steht er da, ganz unaufgeregt und souverän. Unanfechtbar. Ich weiß im Traum, dass ich an einem ähnlichen Punkt bin. Sehr ähnlich sogar. Und dass ich, wie er, nicht auf der Suche bin. Ohne die geringste Erwartung. In erstaunlichem Fr
ieden mit den Dingen, wie sie nun einmal sind. Er schlägt mir vor, dass er mir den anderen großen Raum zeigt, in dem seine Objekte und Skulpturen sind. Richtung der Terrasse. In einem großen, schattigen Bereich des Dachgeschosses, bevor es auf die Terrasse geht, sind rundherum große, dunkle kubistische Objekte zu sehen. Große Steinquader, braun und aus Vulkangestein, in die er Zeichen geschlagen hat, bizarre Formen, Vertiefungen innerhalb der Quader. Es gibt auch Objekte, die ich gar nicht verstehe, die mir rätselhaft bleiben, auf eine mir gleichgültige Art. Es ist mir egal, dass ich es nicht verstehe, ich mache mir darüber keine Gedanken, nur den, dass ich es gut finde, dass er für etwas brennt, er eine so fulminante Berufung hat. Er macht sein Ding, wie ich meines mache, ich muss das nicht im Detail verstehen. Nur der, der es erschafft, weiß wofür und warum, das reicht. Die großen Objekte, manche bis zu vier bis sechs Kubikmeter, wirken aufwändig und kostspielig. Ich denke, dass man so nur arbeiten kann, wenn man die Logistik finanzieren kann, das Material, das schwere Gestein zu bekommen und zu transportieren. Vielleicht verkauft er die Objekte, wenn, dann müssen sie sehr teuer sein. Ich frage ihn nicht. Bei ungefähr diesem Gedanken ist die Freundin wieder im Raum, er ist weg in diesem Moment und sie flüstert mir mit gesenkter Stimme zu, dass er außerdem als Arzt arbeitet, eine Praxis hat, mit der er gutes Geld verdient. Ich bin abermals irritiert und beeindruckt, dass ein weiterer unerwarteter Aspekt an diesem ungewöhnlichen Schulfreund von ihr ist. Wir sind kurz vor dem Aufbruch in das Restaurant und ich will mich noch umziehen, ich habe wohl eine kleine Tasche mit Abendgarderobe dabei und bin plötzlich in einem Labyrinth von gekachelten Waschräumen und Toiletten und sehe als erstbestes eine Behindertentoilette, die ja bekanntlich sehr geräumig sind. Da kommt eine Reinigungsfrau und schaut mich prüfend an und ich gehe doch nicht hinein und laufe ein bißchen hektisch durch die gekachelten Gänge, ich will endlich fertig werden. Szenenwechsel (ich weiß nicht, ob ich schon umgezogen bin, ist auch nicht so wichtig). Wir sind zu dritt auf dem Fußweg zum Restaurant, es ist nicht mehr weit. Edwin läuft neben mir und unsere Freundin ein paar Schritte vor uns. Zuerst ist der Abstand zwischen ihm und mir, wie gewöhnlich zwischen guten Bekannten, wir sprechen kaum und laufen wortlos nebeneinander, aber es ist kein peinliches Schweigen, eher ein selbstverständliches. Im Gleichschritt geraten wir immer dichter nebeneinander und finden es ganz normal. Ich spüre fast schon die Körperwärme. Etwas neugierig aber nicht hysterisch aufgeregt. Ein bißchen verwundert, dass es ein gleichmäßiger Magnetismus zu sein scheint, der aber nicht auf kopfloser erotischer Anziehung beruht, sondern auf selbstverständlicher Vertrautheit, als ob die Distanz von höherer Macht zur richtigen Position korrigiert wird, wo die Energien am besten aufgehoben sind. Ich merke, sehr angenehm berührt, dass es ein gleichmäßiger Magnetismus ist und nur folgerichtig, dass sich mein linker Arm um seine Taille schiebt und da bleibt, als ob er da eben hingehört. Er stimmt all dem vollkommen zu. Ganz wortlos. Unaufgeregt. Sehr angenehm. Alles geschieht sehr friedlich und mit großem, aber unpathetischem Ernst. Es ist eine gute Handlung. Und sehr schön, so nah mit dieser engen Berührung nebeneinander zu gehen. Und da ist schon die Tür des Restaurants. Auch draußen sind Tische und Gäste. Es ist voll. Wir gehen so selbstverständlich in dieser inzwischen gegenseitigen Umarmung hinein, dass es uns selbst wundert, wie das sein kann, von einer Minute zur anderen. Ohne viele Worte. Vielleicht hat sich die Freundin an der Tür noch einmal umgedreht und ebenso verwundert gesehen, dass aus den vor wenigen Stunden völlig Unbekannten so ein vertrautes Paar geworden ist. Wie durch ein Wunder. Ich erinnere noch eine Szene, wir saßen am Tisch und wollten uns eigentlich nicht wieder berühren, aber etwas zog meine Hand auf seinen Oberschenkel, er saß neben mir, und umgekehrt genauso. Sie ruhte da einfach, wie daheim. All das war ganz unkompliziert und unaufgeregt. Kein ekstatisches Gefummel, keine Sentimentalität, keine verzehrenden Blicke, keine Atemlosigkeit. Nur tiefes Vertrauen. Keine Witzeleien, kein Lachen, nichts Schwärmerisches. Sehr ungewöhnlich, wie die Entdeckung eines neuen und doch vertrauten Landes. Ich machte mir vielleicht ein paar Gedanken, was das für ein seltsames Erlebnis sei und dass es sich nicht wie sich Verlieben anfühlt. Beinah sachlich stellte ich fest, dass er doch sehr gutaussehend war, gar nicht der vermeintlich peinlich gekleidete Eigenbrötler aus der Oberstufe meiner Freundin. Ein fein geschnittenes Gesicht, gerade nicht zu hübsch, dass es zu weich wirken würde. Aber niemand, in den ich mich verlieben würde, ich fände ihn interessant und ginge unaufgeregt an ihm vorbei. Aber ich verstand sehr viel von seiner Art. Mir gefiel diese tief verwurzelte Unabhängikeit von irgendeinem Diktat, ohne darüber große Worte zu verlieren. Ich fühlte mich frei neben jemandem, der so sehr bei sich ist. Und ihm ging es ebenso. Eine unerwartete Bereicherung, die keine große Änderung des Lebens fordert, nur ab und zu vertraute Nähe mit einer warmen Hand um die eigene Mitte. Szenenwechsel, einige Tage später. Er lud mich zu sich ein, zum Essen. Ein anderer Raum, irgendwo, wie ein Séparée in einem schönen alten, sehr noblen Restaurant. Sehr warmes Licht von kleinen Lampenschirmen. Er saß an einem Tisch und ich sah, dass er sehr gut gekleidet war. Überhaupt wirkte er sehr gepflegt, die immer noch schulterlangen Haare frisch gewaschen, ich erinnere keinen Geruch, auch kein Rasierwasser. Es hatte etwas Feierliches, Aristokratisches, wie er da so saß, in einem sehr dunkelblauen, fast schwarzem Hemd, das eine sehr starke, edle Textur hatte, zwischen Chintz und Rohseide, dazu eine farblich passende Hose, nicht dunkelblau, nicht schwarz, ein geheimnisvoller Farbton dazwischen. Ich weiß nicht, was wir gegessen haben, aber es war sehr gut. Er hatte einen Koch bestellt, der nur für uns kochte und es war erlesen. Auch der Wein, von dem ich noch nie gehört hatte, aber ich vermutete, dass es eine Rebe aus Österreich sein musste. Ich freute mich, dass ich eingeladen war, was mir nicht selbstverständlich erschien, da ich es meistens war, die die Rechnung übernahm (nicht bei ihm, ihn traf ich ja erst das zweite Mal). Ich kriegte an diesem Abend gar nicht mit, wann und wie er den Koch für all das bezahlte, es geschah völlig diskret. Ich mochte das, es war so souverän. Genauso hätte ich es auch gemacht. Genauso war ich es gewohnt. Dass ich das auch einmal von der anderen Seite erleben durfte, war sehr schön. Ich hörte auf irgendeinem Wege später, dass sich die Rechnung für dieses Essen mit dem Wein und allem auf insgesamt 1.885,30 Euro belief. Nicht er hatte es irgendjemandem erzählt, der Koch oder jemand vom Service war so beeindruckt, dass ihm so ein Essen so viel wert sei. Und er es auch bezahlen konnte, ohne Schwierigkeiten. Ich fing nun doch an nachzudenken, ob Edwin, so hieß er, obwohl ich fand, dass Michael oder Stefan besser zu ihm gepasst hätte, vielleicht auch von einem ererbten Vermögen profitiert, über das er mit seiner angeboren aristokratischen Haltung keine Worte verliert. Wie auch immer, ich mochte es. Ich wachte mit dem stark erinnerten Gefühl der vertrauten ersten Berührung meiner Hand um seine Taille, als wir zur Tür gingen, auf. Noch den ganzen Weg zur S-Bahn heute morgen, forschte ich in meinem Gedächtnis, ob ich nicht irgendwen kenne, der ihm richtig ähnelt, aber ich fand nur immer Bruchstücke. Der Körperbau und die Bewegungen wie der junge Helmut Berger, die eher schmalen Augen mit der konzentri
erten Augenpartie des ernsten David Bowie, ein bißchen Verwegenheit, wie Helge (den ich ein wenig kenne, der aber haarscharf nicht Edwin ist) auf diesem Buchcover erscheint. Irgendjemand dazwischen. Und sehr unabhängig. In jeder Hinsicht. Ich suchte sogar in Suchmaschinen und auf facebook nach jemandem mit diesem Namen, der Ähnlichkeit hat. Vielleicht Bildhauer ist. In Berlin? In Berlin gibt es keinen, der so heißt. Irgendwo in Süddeutschland ist ein Holz- und Eisbildhauer, der sogar ganz sympathisch aussieht und gar nicht unattraktiv, aber sein Gesicht ist zu weich, ein viel sentimentalerer Typ. Und auch die falsche Region. Er hatte keine Dialektfärbung. Er hat noch nicht einmal berlinert. Aber wir haben ja auch sehr wenig gesprochen. Ich will diesen Traum festhalten, in Worten, dann entwischen die Bilder nicht so leicht. Vielleicht treffe ich ihn irgendwann einmal wieder. Eines schönen Tages, oder sogar in einer schönen Nacht.

26. Januar 2015





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Im beinah letzten Moment zu David Bowies Retrospektive im Martin Gropius-Bau. Zwei Tage vor dem Ende, nach der Verlängerung. Das Schöne bei Bowie ist, dass man nicht erklären muss, warum man fasziniert ist. Bowie ist Bowie ist Bowie ist (…) …


Allerdings hatte ich vergessen, welches Ausmaß von Sex Appeal seine Performances hatten. In der Ausstellung waren zahllose Schaufensterpuppen mit seinem Kopf und seinem Körper, die seine schönsten Bühnenkostüme anhatten. Dann die liegende Bowie-Puppe, wie in einem Schneewittchensarg unter Glas. Ich war sehr verliebt in die Puppe und überlegte, ob ich recherchiere, ob man eine ersteigern kann, Preis egal. Aber wohin damit. Mir ins Bett legen? Wenn es dunkel ist, spürt und riecht man doch nur den harten Kunststoff. Was mich sehr – auch – faszinierte – waren die gemalten Bilder. Ich wusste nicht, dass David Bowie Ambitionen hat, zu malen. Es gab ein großformatiges Portrait eines männlichen Gesichts, sehr expressiv, elektrisch, von dem es heißt, dass es in seiner Schöneberger Bleibe in seinem Schlafzimmer über dem Bett hing. Und die schwarzweiß-Fotos, private, von Iggy und seiner sehr schönen Freundin in Berlin. Zahllose Monitore, die ihn im Film, in Videos zeigten. Reliquien ohne Ende. Fotografieren natürlich verboten, es war ja nicht die Eröffnung. Ich hatte unverschämtes Glück, dass ich nicht in der langen Schlange warten musste, das war reiner Zufall und ein bißchen Frechheit. Ich kannte vom Gropius-Bau, dass die Schlange, in der man ansteht, an der Seite endet, woher ich kam. Da war aber keine. Ich ging an den Säulen vorbei, an einem uniformierten Herrn vorbei, der mich nicht aufhielt, direkt hinein. Vielleicht, weil ich so sicher und zielstrebig wirkte, ließ er mich gewähren. Ich sah beim Vorbeigehen noch, dass in der anderen Richtung eine Menschenmenge war, scheinbar wartete – vielleicht irgendeine andere Veranstaltung – das dachte ich wirklich. In der Vorhalle, wo es die Tickets gibt, die ganz leer war, fragte mich der Mitarbeiter nach meiner Nummer – – – ? „Welche Nummer?“ Wie ich ohne Nummer hineingekommen bin? „Ich weiß nicht – ich bin einfach durchgegangen. Wieso?“ „Ja, also – eigentlich – normalerweise muss man ja…“ usw. usf. „Ach, hm – – – das wusste ich nicht, ehrlich! Vielleicht ist das mein Glückstag! Och bitte….!“ „Hm, hm… also gut… aber pscht…!“ Hier sind Videobilder.


25. Januar 2015


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Einen ganzen Monat hatte ich die Kamera nicht in der Hand gehabt. Am achten August hatte ich eine Geburtstagseinladung und lud die Akku-Batterien, und nahm sie in die Hand, um nicht ganz zu vergessen, wie man sie bedient. Ich verwechselte tatsächlich das Bedienelement, wo man sie anschaltet, mit dem für den Zoom. Bei der Gelegenheit spielte ich noch einmal das Spiel vor dem Spiegelschrank, kurz bevor ich losging. Eher spät, ich musste nach Charlottenburg. Ich war nicht in sehr geselliger Stimmung, aber ich hatte ein Mitbringsel für das Geburtstagskind schön verpackt und wollte auch aus freundschaftlicher Verbundenheit meinen Schweinehund überwinden. Ich fühlte mich mental erschöpft und absorbiert von den Renovierungsarbeiten in der Wohnung, in denen ich steckte, nachdem eine zwangsläufige Reparatur an mehreren Fensterrahmen durch den Eigentümer eine Baustellensituation in der Wohnung zur Folge hatte. Mit Musik und Fotografieren versuchte ich mich in launigere Stimmung bringen.


Als ich in der Galerie ankam, wo die Feier stattfand, war es bereits dunkel und alle Reden waren gehalten. Ich übergab nur mein Geschenk und verspürte keinen Drang, die Kamera zu benutzen. Ich sah nichts, was ich nicht schon einmal fotografiert hätte, oder sich besonders anbot. Jan und auch Ina, mit der ich mich bis dahin noch nie richtig unterhalten hatte, waren erfreulicherweise auch da und ich kam in ein intensives Gespräch mit ihr, währenddessen mir auch nicht danach war, den Fluss der Unterhaltung durch irgendein Gefuchtel mit der Kamera zu unterbrechen. Ich erinnere mich noch, dass sie mich verwundert fragte, ob ich gar nicht fotografiere. Ich erklärte ihr, dass ich nicht mehr so intensiv wie früher hinter Momentaufnahmen her bin. So oft denke ich nun, das habe ich schon hundert mal fotografiert, wozu noch eine weitere, geringfügig andere Variante. Ich habe kein einziges Bild von diesem Abend gemacht. Nur die paar zuhause. Das Licht, wo wir standen, als wir uns unterhielten, war allerdings auch nicht sehr geeignet, um jemanden in angemessenes Licht zu setzen, sonst hätte ich vielleicht einige Bilder von Ina gemacht, die sie auch zugelassen hätte. Aber ich wusste, es würde sich demnächst eine passendere Gelegenheit, in idealerem Licht bieten. Ich blieb nicht sehr lang, verabschiedete mich damit, dass ich wieder zurück zu meiner Baustelle ginge, die ich nur ausnahmsweise kurz verlassen hatte.

24. Januar 2015


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„Neunzehnhundertzwölf eröffnet, ist das Kant Kino eines der ältesten Kinos der Stadt. Eine wechselvolle Geschichte begleitet das Haus seitdem. Viele unserer älteren Gäste haben hier ihre ersten Kinoerfahrungen gemacht. 1905 als Ladenkino gegründet, wurde das Haus 1912 zu einem Kino mit großem Saal umgebaut.“

„Die „Lichtbildbühne“ schrieb zur Eröffnung am 16. November 1912: »…Das 900 Personen fassende Theater war gut gefüllt. Unter der Direktionsleitung von Oscar Jos. Loris klappte alles vorzüglich. Kapellmeister Alfred Günther präsentierte seine wackere Musikerschar, und so war alle Anwartschaft vorhanden, daß das Publikum dem gewohnten Zauber der Kinokunst unterlag. Das Programm wies folgende Piècen auf: Ouverture / Prolog, gesprochen von Max Mack, Regisseur der Vitascope Berlin / Gaumont-Woche, kinematographische Berichterstattung / Fritzchen und der dankbare Karpfen, Humoreske / O selig, ein Kind noch zu sein, Drama / Leben und Treiben in Indien, Landschaftliche Studie / Pause / außergewöhnliche Einlage: Direktor Oscar Jos. Loris, kön. röm. Hofkünstler, im Klaviervortrag und als Konzert-Kunstpfeifer / Tristo Ritorno, Tonbild, gesungen von Enrico Caruso / Treff-Bube, Drama in drei Akten / Das Liebespaar im Hydro-Aeroplan, komische Szene, gespielt von Max Linder / Schlußmarsch. (…) Der Ernemann-Apparat arbeitet wie immer gut; die Synchron-Einrichtung – ebenfalls von Ernemann – trat noch nicht in Funktion, da das Tonbild nicht zur Vorführung gelangt war. Die Bühnenfläche müßte mehr Tiefe erhalten. Ein Vorhang fehlt ebenfalls. Beim Treppenaufgang wirkt eine kreisrunde Deckenwölbung mit indirektem Licht ungemein reizvoll und prächtig. Die Bestuhlung, 50 cm hoch, ist praktisch und durabel. Das Theater hat eine gute Akustik. Der graue Mörtelbewurf an den Wänden dürfte auf dem Rang nicht bis zum Fußboden reichen; es fehlt unten eine glatte Wandverkleidung. Alles in allem ist viel Schönes, aber auch viel Falsches geschaffen worden. Da aber nach Schluß der Spezial-Eröffnungs-Vorstellung das zahlende Publikum in dichten Scharen gedrängt kam, ist alle Aussicht vorhanden, daß die „Kant-Lichtspiele“ ein gutes Geschäft werden, und das ist und bleibt das Angenehmste, was ein Theaterpraktiker konstatieren kann.« (…)“

Kinokompendium: »Das Kant-Kino ist eines der wenigen noch verbliebenen alten Kinos im Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf. Saal eins erhält 1956 seine noch heute bestehende Struktur. Damals werden durch den Architekten Hans Bielenberg die seitlichen Rangbalkone abgerissen um eine Cinemascope Leinwand einbauen zu können. Der restliche Rang bleibt dabei erhalten. Anfang der 80er wurde in das Off-Kino dann der Minisaal ‚Kid im Kant‘ mit damals fünfzehn Plätzen eingebaut (…) Der kleine Saal ‚Kid im Kant‘ hat etwas Besonderes zu bieten: Der Mittelgang führt links und rechts an elf mit Kinostuhl-Polsterung ausgestatteten Doppelsitzsofas vorbei, die eine ideale Sitzgelegenheit für Paare darstellen. Das Kant Kino ist mit seinen fünf Sälen ein etabliertes Haus für europäische Filmkunst, internationales Independent-Kino und den anspruchsvollen deutschen Film.« „Das Kant-Kino bleibt der Westcity erhalten.“


„Neben dem Kinoprogramm auf der Leinwand gab es in den 1970er- und 1980er-Jahren unter Betreiber Conny Konzack Live-Konzerte auf der Bühne davor. Alles was damals Rang und Namen in der Szene hatte, besonders der in jenen Jahren aufgekommenen Punk- und New-Wave-Bands, spielte dort im stets ausverkauften Saal. Gruppen wie Police oder Blondie waren hier auf Ihrer ersten Tournee zu Gast. Der Kinosaal in der Charlottenburger Kantstraße war so zu einem der angesagtesten Orte von ganz Berlin geworden.“ (…) Roxikon: »Conny Konzack hatte das etwas heruntergekommene Bezirkskino gepachtet und wollte es als Programmkino betreiben. Zum Programm gehörten auch – meist spät abends angesetzte – Musikfilme. Es lag für Konzack nahe, bald auch Konzerte in dem relativ kleinen Saal zu veranstalten, zumal die seinerzeit neue Musik aus England und den USA – Punk und New Wave – in Berlin keinen Ort hatte. Zunächst aber traten ab Dezember 1976 Bands wie Long Tall Ernie & The Shakers, Hölderlin, Can, Lok Kreuzberg und selbst der Pianist Friedrich Gulda auf. Kaum ein Jahr später aber waren auch Bands wie Doctors of Madness, The Vibrators, Mink De Ville, The Damned, später The Jam, Ultravox, The Dictators, Alberto Y Lost Trios Paranoyas, Blondie, The B 52’s, Dr. Feelgood und nahezu alle anderen Größen der älteren und neueren britischen und amerikanischen Rockmusik auf der Bühne des Kant-Kinos zu sehen. Die britische Rockband Simple Minds widmete dem Veranstaltungsort mit »Kant-Kino« ein knapp zwei Minuten dauerndes Instrumental. Joy Division setzten mit ihrem Song „Komakino“ dem Haus ein musikalisches Denkmal. „Bernard (Sumner) noted in May 1981 „…the atmosphere …strange… it was quite a lot like Manchester … Berlin … it had a cold atmosphere … Anonymous … an evil atmosphere. You could feel the evil – you could feel it from the war.“ Ein geplantes Konzert der Sex Pistols im Jahre 1978 wurde mehrmals in jeweils größere Säle verlegt, bis vier Tage vor dem Termin bekannt wurde, dass sich die Band aufgelöst hatte; die Karten waren bereits gedruckt. Der Einfluss der Konzerte im Kant-Kino auf die Berliner Musiker war enorm; Konzack, grundsätzlich an jeder Art von Musik interessiert, bot auch den Berliner Bands, darunter PVC, die Neubauten, die Ärzte, Nina Hagen und Spliff, ein Podium.« (…)„No Sleep ‚til Kant-Kino“

Als ich 1986 nach (West-)Berlin kam, war die Ära der Konzerte im Kant-Kino schon länger beendet – das letzte Konzert scheint 1982 stattgefunden zu haben. Aber der Kult lag noch in der Luft. Nach einer weiteren Durststrecke nahmen sich ein paar Investoren und Wim Wenders des Kinos an und hauchten ihm wieder Leben ein.

Ich war an jenem Sonntag im sehr schwülen, heißen Juli auf dem Weg zu einer Vormittags-Vorstellung des Films Yves Saint Laurent, der kaum noch wo lief. Ich erinnerte mich an das Plakat vor dem Actors Studio-Kino in Wien und wurde dadurch überhaupt erst auf den Film aufmerksam. Dann habe ich ihn wieder vergessen, da ich selten darüber nachdenke, ins Kino zu gehen – bis mir eine Freundin, die sehr frankophil ist, mich dadurch daran erinnerte, dass sie mir davon erzählte. Sie hatte den Streifen im Cinema Paris im Original angeschaut, da sie irgendwann einmal Französisch studiert hatte, und ein halbes oder ein Jahr lang in Paris kleine Franzosen in Deutsch unterrichtet hat. Ich sah mir den Trailer an und war hin- und hergerissen, ob sich dieser Film lohnt.

Zumindest schien der Hauptdarsteller gut gewählt zu sein. Ich dachte an diesem Sonntag auch daran, dass im Kino sicher eine Klima-Anlage für weniger schwüle Temperaturen sorgen würde. Ich litt unter der Luftfeuchtigkeit des letzten Sommers, ich konnte mich nicht erinnern, je soviele schwüle Tage am Stück erlebt zu haben, in denen man kaum weiß, wie man die Wohnung abkühlen könnte, nachdem schon alles abgedunkelt ist und die Fenster und Balkontüren nur nachts geöffnet. Im Schlafzimmer hatte ich Servierplatten mit reinem Meersalz aufgestellt, um der Luft Feuchtigkeit zu entziehen. Es war mitunter eine Qual. Dazu kam noch dieses Gefühl der (sehr real) zunehmenden Bedrohung von Wohnungsbesichtigungen durch Kaufinteressenten, ich hatte Lust auf einen inneren und äußeren Tapetenwechsel durch einen Kino-Besuch. Ich zog mich nicht sehr luftig an, weil ich im vielleicht angenehm gekühlten Kino auch nicht frieren wollte. Die Verbindung von mir in diese Ecke von Charlottenburg ist eigentlich ganz gut – ich kann mit der S-Bahn vom Hackeschen Markt bis zum S-Bahnhof Charlottenburg fahren, das dauert etwa fünfzehn Minuten, ohne umsteigen zu müssen. Dann noch ein paar Schritte durch die Wilmersdorfer Straße bis zur Kantstraße. Wenn man das Kino von außen sieht, die Fassade, denkt man eher, es wäre ein Nachkriegsbau. Ich nehme an, dass ehemaliger Fassadenstuck der vorübergehenden, unseligen Mode – in den Fünfziger Jahren glaube ich war das – zum Opfer gefallen ist, im Zuge der Modernisierung alles abzuklopfen. Ich war sehr pünktlich zur Vorstellung da, immerhin hatte ich mir an diesem Sonntag eigens den Wecker stellen müssen, da Ausschlafen sicher nicht dazu geführt hätte, dass ich es schaffe, in aller Herrgottsfrüh um 11:30 Uhr einer Kino-Vorstellung beizuwohnen. Es war recht leer, draußen war gleißende Hitze, innen angenehme Schummrigkeit.





Wikpedia: »Drehbeginn des Filmes war im Juni 2013, die Dreharbeiten dauerten etwa acht Wochen. Es wurde hauptsächlich in Paris und in Marrakesch (in den Räumlichkeiten der Stiftung „Fondation Pierre Bergé – Yves Saint Laurent“) gedreht.« Die Zeit schrieb „Mit diesen Schauspielern hätte man Besseres erzählen können.“ Ja. Vor allem der hypersensible Pierre Niney in der Rolle von Yves Saint Laurent hat sein ganzes Herzblut gegeben. Ich hatte keine so sehr übersteigerten Erwartungen, dachte nur so bei mir, dass es ein sehr sportliches Unterfangen ist, so ein opulentes Leben in einen kleinen Spielfilm zu packen. Die Ausstattung aber ist grandios. Leider handelt der Film nur von ein paar ausgewählten Lebensabschnitten und beschäftigt sich arg mit dem Privatleben, weniger mit seinem zum Teil revolutionären modischen Vermächtnis an die Frauen. Ich erinnere mich genau genommen nur an eine einzige Szene exakt, ich glaube, sie spielte während eines Urlaubes an einem großen Swimming Pool. Die Kamera zoomt von oben auf den türkisblauen Pool, wo auf einem Sprungbrett der junge Yves mit Sonnenbrille liegt. Das war so ein starkes, klares Bild, dass sich für mich alleine deshalb der Kinobesuch gelohnt hat. Aber kein Grund, jemandem den Film ans Herz zu legen. Es ist eine nette Abwechslung, ein, zwei Stunden Erholung in schönen Bildern zu finden, aber man kann sich auch anders ablenken. Ich hatte einen netten Vormittag und der Kaffee war auch passabel. Als der Abspann kam, war ich leicht irritiert, weil es wirkte, als hätte jemand versehentlich die letzte Stunde weggeschnitten, da hätte noch eine ganze Menge Geschichte und Leben kommen müssen. Aber nun gut, dann hätte das Ganze auch mindestens drei Stunden dauern müssen, es hat halt nicht sollen sein. Es gibt ja stattdessen einige Film-Dokumentationen über Yves Saint Laurent, als Nachhilfestunden. Sehr sehenswert finde ich diese, Yves Saint Laurent, die letzte Show. Ganz anrührend.









22. Januar 2015

Edwin. Nach sehr, sehr langer Zeit etwas geträumt, das mich nach dem Aufwachen unablässig beschäftigt, angenehm. Ich habe selten ganz schlimme Träume und ebenso selten ganz schöne. Es plätschert so dahin, das Erinnerbare, das Wenige ist gewohnt absurd oder alltäglich, manchmal mehr oder weniger amüsant, wenn der Bezug zur Wirklichkeit sehr deutlich ist und dann eine irreale Wendung nimmt. Aber letzte Nacht träumte ich etwas völlig Ungewohntes und Unerwartetes. So angenehm, dass ich bis zum Abend immer wieder davon gefangen war, und meine Konzentration darauf gerichtet habe, damit es mir nicht völlig entwischt. Ich überlegte sogar, ob ich es in einer privaten Datei einfach aufschreibe, ganz gegen meine Gewohnheiten der letzten zehn Jahre, in denen ich alles, wirklich alles, was ich schriftlich formulierte, auch veröffentlicht habe. Aber ich mag keine doppelte Buchführung. Lange schon habe ich nicht einmal mehr Freude daran, Freunden aufwändige Mitteilungen zu schreiben, von denen ich weiß, dass sie unter Verschluss bleiben werden. Als wären mir meine Gedanken, die ich mir die Mühe mache, in Worte zu fassen, zu kostbar, um sie exclusiv nur einem Menschen zugänglich zu machen. Also schreibe ich den schönen Traum in keine private Datei, in kein Notizbuch, wenn überhaupt, dann hier. Auch ärgere ich mich, wenn Blogger am Rande erwähnen, dass sie privat für sich irgendwelche Tagebücher nebenher schreiben, in die dann die wirklich existentiellen Vorgänge kommen. Mich ärgert das als Leserin. Ich will nicht mit einer entschärften Schmalspurversion der Lebensbewegungen abgespeist werden. Das ist Etikettenschwindel! Dann schon bitte gar keine schriftlichen Vermächtnisse, auch keine geheimen in der Schublade auf Papier. Man muss auch etwas wagen, sonst fühlt sich der Leser nicht ernst genommen und respektiert. Ja, man darf weglassen, wenn man allgemein die Erkenntnis hat, dass eine schriftliche Fixierung nichts weiter bringt. Aber nicht im stillen Kämmerchen, die interessanten Sachen schreiben und im Blog die leicht verdauliche Hausmannskost. Das ist literarisch irrelevant! Also Edwin. Wer ist Edwin? Zum Teufel, ich weiß es nicht. Aber die Traum-Freundin, die es auch in Wirklichkeit gibt, die aber in dieser keine so richtig enge Freundin-Freundin ist, hat mir also im Traum der letzten Nacht eine Verabredung zu einem gemeinsamen Treffen und Essen mit einem alten Schulfreund von ihr vermittelt. Sie haben (im Traum) wohl zusammen mehrere Schuljahre verbracht, bis zum Abitur. Das geschah in Berlin, in Ostberlin. So im Radius vom Prenzlauer Berg. Sie hat ihn lange nicht gesehen, es war auch keine Liebschaft, aber man war irgendwie befreundet und er war der kurioseste Typ in der Oberstufe. Und sie wollten sich zum Essen treffen, in einem beliebten, szenigen Restaurant, irgendwo zwischen ihrer und meiner Wohnung in Berlin, also der Radius zwischen Marienburger und Auguststraße. Ich könnte gerne mit. Warum sie auf die Idee kommt, keine Ahnung. Sie betont vor dem Treffen immer wieder, dass er wirklich sehr kurios sei. Auch was seine Kleidung anginge, die wäre zumindest damals sehr gewöhnungsbedürftig gewesen, denn er habe immer Knickerbocker getragen. Also diese Hosen, die über dem Knie aufhören. Keine Mode hätte ihn tangiert, stur hat er tagein, tagaus seine Knickerbocker angehabt. Was eben schon sehr gewöhnungsbedürftig gewesen sei. Aber sonst ein sehr interessanter und eigenwilliger Mensch, sehr belesen und intelligent. Ich stellte mir also vor dem geistigen Auge einen jüngeren Mann vor – denn sie hatte ihn ja auch zuletzt in ihren Zwanzigern gesehen, der schon recht nett, aber nicht gerade attraktiv ist, und im schlimmsten Fall immer noch die Knickerbocker-Hosen von damals anhaben könnte. Oder noch seltamere Kleidung. Schnitt. (Szenenwechsel.) Wir, die Freundin und ich, betreten weitläufige Räume unter dem Dach. Ich erkenne den roten Teppich, der in meinem Jugendzimmer unter dem Dach lag, hoher Flor, Wolle, mit Quadraten in verschiedenen Orange- und Rottönen. Es war in den Sechziger Jahren der Teppich im Wohnzimmer und ich bekam ihn dann später für mein Zimmer unter dem Dach. Ich weiß im Traum, es ist nicht mein Zimmer, aber es sieht meinem verblüffend ähnlich. Auf dem Teppich liegt ein schmal gebauter, junger erwachsener Mann. Ich kann das Alter schlecht schätzen, vielleicht zweiunddreissig, vierundreissig. Er liegt auf dem Rücken und trägt irgendeine unauffällige Kleidung, die aber auch gut passt, jedenfalls keine Knickerbocker-Hosen, so viel ist sicher. Er liegt mit geschlossenen Augen auf dem Rücken, wie im Halbschlaf. Vielleicht trägt er Leinenkleidung, wie man sie zum Meditieren anziehen könnte. Er hat längere Haare, sehr feines Haar, ganz leicht gewellt, die Haarfarbe so ein dunkleres Blond oder Hellbraun. Kinder haben so ähnliche Haare, ganz fein und seidig und gewellt. Ich erkenne, dass wir bei ihm zuhause sind, dem Schulfreund von damals, da wohnt er. Ich denke, ah ja, viel filigraner, als ich ihn mir vorgestellt habe. Die Freundin beginnt zur Begrüßung und um ihn zu wecken, langsam über ihn zu robben. Er wacht langsam aus einer Halbtrance auf und die Freundin rückt ganz in den Hintergrund. Er richtet sich auf und spricht zu mir, ganz bei sich und wie jemand, der in seiner eigenen Welt bleibt. Dabei ganz ernst. Er deutet mit der Hand in die andere Richtung der unendlichen Flucht der zeltartigen Dachgeschossräume, die am Ende eines dreieckigen Tunnels aus Holz, in einer Dachterrasse münden, wo die Sonne scheint, und auf einer Wäscheleine in strahlendem Licht zwei farbenfrohe Hippiehemden zum Trocknen schaukeln. Er sagt, er hat sie gerade gefärbt und ich entdecke bei genauerer Fokussierung, dass eine Art Ornament am Halsausschnitt gebatikt ist. Ich glaube, das eine Hemd ist aus lavendelblauem Leinen und das andere in einem Pfirsich-Ton, irgendein helles Orange. Ich denke im Traum, das ist ja alles fürchterlich hippiemäßig und auch ganz nett, aber doch irgendwie auch sehr vorbei. Hoffentlich kommen jetzt nicht auch noch buddhistische Kalendersprüche aus seinem Mund. Erst diese meditationsartige Teppichperformance und dann auch noch gebatikte Indienhemden. Ich drehe mich wieder zu ihm um, und sehe, dass er genauso ein Hemd wie die beiden auf der Leine, eines in Apricot anhat. Ich muss leider zugeben, dass es ziemlich cool an ihm aussieht, wie ich überhaupt feststelle, dass dieses ganze harmlose Hippieambiente in einem irriterenden Kontrast zu seiner Ausstrahlung steht. Seine Physiognomie geht so ein bißchen in Richtung David Bowie und er hat gar nicht Verbindliches oder Harmoniesuchendes in seinem Ausdruck. Er kommt mir sehr energisch und entschlossen, und auch ein bißchen arrogant vor, aber in einem Maß, das einen interessanten Ausgleich zu dem peace & love-Ambiente herstellt. Ich weiß nicht, was er sagt, außer dieser Anmerkung zu den gefärbten Hemden vielleicht auch nicht viel. Er spricht kaum und ich sehe auch keine Notwendigkeit. Er scheint sich daran gewöhnt zu haben, dass er in einem für andere unerreichbaren Universum existiert, in dem ohnehin kein adäquater Austausch möglich ist, weil es unwahrscheinlich ist, jemanden zu treffen, mit dem man auf einem visionären Level kommunizieren kann. Er wirkt weder unglücklich noch sehnsuchtsvoll, sondern wie jemand, der sich pragmatisch mit der Situation abgefunden hat und einen guten Umgang damit verwirklichen konnte. Ich bin fasziniert von dieser offensichtlichen Unabhängigkeit von irgendwelchen Parametern der Umgebung. Er macht was er will, lebt sein eigenes Ding und erwartet kein großartiges Verständnis. Jammert auch kein bißchen. Sicher selbstverliebt. Und darin selbstgenügsam. Fordert nur, in Ruhe gelassen zu werden. Und Einhaltung der Distanz. Die man aber ohnehin niemals wagen würde, zu durchbrechen. Wie ein wilder Krieger in den besten jungen Mannesjahren steht er da, ganz unaufgeregt und souverän. Unanfechtbar. Ich weiß im Traum, dass ich an einem ähnlichen Punkt bin. Sehr ähnlich sogar. Und dass ich, wie er, nicht auf der Suche bin. Ohne die geringste Erwartung. In erstaunlichem Fr
ieden mit den Dingen, wie sie nun einmal sind. Er schlägt mir vor, dass er mir den anderen großen Raum zeigt, in dem seine Objekte und Skulpturen sind. Richtung der Terrasse. In einem großen, schattigen Bereich des Dachgeschosses, bevor es auf die Terrasse geht, sind rundherum große, dunkle kubistische Objekte zu sehen. Große Steinquader, braun und aus Vulkangestein, in die er Zeichen geschlagen hat, bizarre Formen, Vertiefungen innerhalb der Quader. Es gibt auch Objekte, die ich gar nicht verstehe, die mir rätselhaft bleiben, auf eine mir gleichgültige Art. Es ist mir egal, dass ich es nicht verstehe, ich mache mir darüber keine Gedanken, nur den, dass ich es gut finde, dass er für etwas brennt, er eine so fulminante Berufung hat. Er macht sein Ding, wie ich meines mache, ich muss das nicht im Detail verstehen. Nur der, der es erschafft, weiß wofür und warum, das reicht. Die großen Objekte, manche bis zu vier bis sechs Kubikmeter, wirken aufwändig und kostspielig. Ich denke, dass man so nur arbeiten kann, wenn man die Logistik finanzieren kann, das Material, das schwere Gestein zu bekommen und zu transportieren. Vielleicht verkauft er die Objekte, wenn, dann müssen sie sehr teuer sein. Ich frage ihn nicht. Bei ungefähr diesem Gedanken ist die Freundin wieder im Raum, er ist weg in diesem Moment und sie flüstert mir mit gesenkter Stimme zu, dass er außerdem als Arzt arbeitet, eine Praxis hat, mit der er gutes Geld verdient. Ich bin abermals irritiert und beeindruckt, dass ein weiterer unerwarteter Aspekt an diesem ungewöhnlichen Schulfreund von ihr ist. Wir sind kurz vor dem Aufbruch in das Restaurant und ich will mich noch umziehen, ich habe wohl eine kleine Tasche mit Abendgarderobe dabei und bin plötzlich in einem Labyrinth von gekachelten Waschräumen und Toiletten und sehe als erstbestes eine Behindertentoilette, die ja bekanntlich sehr geräumig sind. Da kommt eine Reinigungsfrau und schaut mich prüfend an und ich gehe doch nicht hinein und laufe ein bißchen hektisch durch die gekachelten Gänge, ich will endlich fertig werden. Szenenwechsel (ich weiß nicht, ob ich schon umgezogen bin, ist auch nicht so wichtig). Wir sind zu dritt auf dem Fußweg zum Restaurant, es ist nicht mehr weit. Edwin läuft neben mir und unsere Freundin ein paar Schritte vor uns. Zuerst ist der Abstand zwischen ihm und mir, wie gewöhnlich zwischen guten Bekannten, wir sprechen kaum und laufen wortlos nebeneinander, aber es ist kein peinliches Schweigen, eher ein selbstverständliches. Im Gleichschritt geraten wir immer dichter nebeneinander und finden es ganz normal. Ich spüre fast schon die Körperwärme. Etwas neugierig aber nicht hysterisch aufgeregt. Ein bißchen verwundert, dass es ein gleichmäßiger Magnetismus zu sein scheint, der aber nicht auf kopfloser erotischer Anziehung beruht, sondern auf selbstverständlicher Vertrautheit, als ob die Distanz von höherer Macht zur richtigen Position korrigiert wird, wo die Energien am besten aufgehoben sind. Ich merke, sehr angenehm berührt, dass es ein gleichmäßiger Magnetismus ist und nur folgerichtig, dass sich mein linker Arm um seine Taille schiebt und da bleibt, als ob er da eben hingehört. Er stimmt all dem vollkommen zu. Ganz wortlos. Unaufgeregt. Sehr angenehm. Alles geschieht sehr friedlich und mit großem, aber unpathetischem Ernst. Es ist eine gute Handlung. Und sehr schön, so nah mit dieser engen Berührung nebeneinander zu gehen. Und da ist schon die Tür des Restaurants. Auch draußen sind Tische und Gäste. Es ist voll. Wir gehen so selbstverständlich in dieser inzwischen gegenseitigen Umarmung hinein, dass es uns selbst wundert, wie das sein kann, von einer Minute zur anderen. Ohne viele Worte. Vielleicht hat sich die Freundin an der Tür noch einmal umgedreht und ebenso verwundert gesehen, dass aus den vor wenigen Stunden völlig Unbekannten so ein vertrautes Paar geworden ist. Wie durch ein Wunder. Ich erinnere noch eine Szene, wir saßen am Tisch und wollten uns eigentlich nicht wieder berühren, aber etwas zog meine Hand auf seinen Oberschenkel, er saß neben mir, und umgekehrt genauso. Sie ruhte da einfach, wie daheim. All das war ganz unkompliziert und unaufgeregt. Kein ekstatisches Gefummel, keine Sentimentalität, keine verzehrenden Blicke, keine Atemlosigkeit. Nur tiefes Vertrauen. Keine Witzeleien, kein Lachen, nichts Schwärmerisches. Sehr ungewöhnlich, wie die Entdeckung eines neuen und doch vertrauten Landes. Ich machte mir vielleicht ein paar Gedanken, was das für ein seltsames Erlebnis sei und dass es sich nicht wie sich Verlieben anfühlt. Beinah sachlich stellte ich fest, dass er doch sehr gutaussehend war, gar nicht der vermeintlich peinlich gekleidete Eigenbrötler aus der Oberstufe meiner Freundin. Ein fein geschnittenes Gesicht, gerade nicht zu hübsch, dass es zu weich wirken würde. Aber niemand, in den ich mich verlieben würde, ich fände ihn interessant und ginge unaufgeregt an ihm vorbei. Aber ich verstand sehr viel von seiner Art. Mir gefiel diese tief verwurzelte Unabhängikeit von irgendeinem Diktat, ohne darüber große Worte zu verlieren. Ich fühlte mich frei neben jemandem, der so sehr bei sich ist. Und ihm ging es ebenso. Eine unerwartete Bereicherung, die keine große Änderung des Lebens fordert, nur ab und zu vertraute Nähe mit einer warmen Hand um die eigene Mitte. Szenenwechsel, einige Tage später. Er lud mich zu sich ein, zum Essen. Ein anderer Raum, irgendwo, wie ein Séparée in einem schönen alten, sehr noblen Restaurant. Sehr warmes Licht von kleinen Lampenschirmen. Er saß an einem Tisch und ich sah, dass er sehr gut gekleidet war. Überhaupt wirkte er sehr gepflegt, die immer noch schulterlangen Haare frisch gewaschen, ich erinnere keinen Geruch, auch kein Rasierwasser. Es hatte etwas Feierliches, Aristokratisches, wie er da so saß, in einem sehr dunkelblauen, fast schwarzem Hemd, das eine sehr starke, edle Textur hatte, zwischen Chintz und Rohseide, dazu eine farblich passende Hose, nicht dunkelblau, nicht schwarz, ein geheimnisvoller Farbton dazwischen. Ich weiß nicht, was wir gegessen haben, aber es war sehr gut. Er hatte einen Koch bestellt, der nur für uns kochte und es war erlesen. Auch der Wein, von dem ich noch nie gehört hatte, aber ich vermutete, dass es eine Rebe aus Österreich sein musste. Ich freute mich, dass ich eingeladen war, was mir nicht selbstverständlich erschien, da ich es meistens war, die die Rechnung übernahm (nicht bei ihm, ihn traf ich ja erst das zweite Mal). Ich kriegte an diesem Abend gar nicht mit, wann und wie er den Koch für all das bezahlte, es geschah völlig diskret. Ich mochte das, es war so souverän. Genauso hätte ich es auch gemacht. Genauso war ich es gewohnt. Dass ich das auch einmal von der anderen Seite erleben durfte, war sehr schön. Ich hörte auf irgendeinem Wege später, dass sich die Rechnung für dieses Essen mit dem Wein und allem auf insgesamt 1.885,30 Euro belief. Nicht er hatte es irgendjemandem erzählt, der Koch oder jemand vom Service war so beeindruckt, dass ihm so ein Essen so viel wert sei. Und er es auch bezahlen konnte, ohne Schwierigkeiten. Ich fing nun doch an nachzudenken, ob Edwin, so hieß er, obwohl ich fand, dass Michael oder Stefan besser zu ihm gepasst hätte, vielleicht auch von einem ererbten Vermögen profitiert, über das er mit seiner angeboren aristokratischen Haltung keine Worte verliert. Wie auch immer, ich mochte es. Ich wachte mit dem stark erinnerten Gefühl der vertrauten ersten Berührung meiner Hand um seine Taille, als wir zur Tür gingen, auf. Noch den ganzen Weg zur S-Bahn heute morgen, forschte ich in meinem Gedächtnis, ob ich nicht irgendwen kenne, der ihm richtig ähnelt, aber ich fand nur immer Bruchstücke. Der Körperbau und die Bewegungen wie der junge Helmut Berger, die eher schmalen Augen mit der konzentri
erten Augenpartie des ernsten David Bowie, ein bißchen Verwegenheit, wie Helge (den ich ein wenig kenne, der aber haarscharf nicht Edwin ist) auf diesem Buchcover erscheint. Irgendjemand dazwischen. Und sehr unabhängig. In jeder Hinsicht. Ich suchte sogar in Suchmaschinen und auf facebook nach jemandem mit diesem Namen, der Ähnlichkeit hat. Vielleicht Bildhauer ist. In Berlin? In Berlin gibt es keinen, der so heißt. Irgendwo in Süddeutschland ist ein Holz- und Eisbildhauer, der sogar ganz sympathisch aussieht und gar nicht unattraktiv, aber sein Gesicht ist zu weich, ein viel sentimentalerer Typ. Und auch die falsche Region. Er hatte keine Dialektfärbung. Er hat noch nicht einmal berlinert. Aber wir haben ja auch sehr wenig gesprochen. Ich will diesen Traum festhalten, in Worten, dann entwischen die Bilder nicht so leicht. Vielleicht treffe ich ihn irgendwann einmal wieder. Eines schönen Tages, oder sogar in einer schönen Nacht.

09. Januar 2015


Ungefähr um Neunzehnhundertzweiundachtzig, also vor dreiunddreißig Jahren, ich war ungefähr siebzehn, und an einer Sprachenschule, vertrieb ich mir die Unterrichtsstunden damit, meine Lehrer und Lehrerinnen und meine Mitschüler und Mitschülerinnen mit den Stiften aus meinem Federmäppchen in mein Schulheft zu malen. Das waren böse Bilder, obwohl ich mich dabei ganz lustig fühlte. Es waren aber keine Bilder, die ich in jedem Fall, denen die drauf waren, gezeigt hätte. Nur bei Athena, meiner griechischen Freundin und Banknachbarin war ich immer zeigefreudig, weil ich sie (also A.) so schön fand und das auch einfangen wollte. Die anderen hatten andere auffällige Merkmale, über die sie sich nicht so gefreut hätten, wenn man sie ihnen unter die Nase gehalten hätte. Es war aber natürlich auch gemein von mir, dass ich Athena die Bilder, sie saß ja außerdem immer daneben, wenn ich gekritztelt habe, gezeigt habe und wir uns darüber amüsiert haben. Es gab auch noch ein oder zwei andere Mitschülerinnen, die mal das eine oder andere Bild sehen durften, aber im Großen und Ganzen war es streng geheim und ein großer Spaß, der den langwierigen Unterricht verkürzt hat. Trotzdem ist vom Unterricht was hängengeblieben. Obwohl, in Französisch habe ich mich wohl doch mehr auf die eine oder andere Frisur konzentriert. Man sieht ja auch viele Köpfe von hinten, in so einem Klassenzimmer. Ich habe schon wieder vergessen gehabt, dass ich die uralten Kritzeleien auf meiner Seite hochgeladen habe, es sind sogar noch mehr, auch irgendwelches Tagebuchgekritzel. Seit gestern geht mir alles Mögliche durch den Kopf. Ich weiß, wie es sich anfühlt, zur eigenen Unterhaltung auf ein Stück Papier zu kritzeln. Um etwas zu erleben, was sich vom Alltag unterscheidet, weil man selber oft nicht genau weiß, ob am Ende etwas rauskommt, was einen selber amüsiert oder interessiert oder einem einfach nur die Zeit vertreibt. Und andere vielleicht auch zum Lachen bringt. Auch wenn es manchmal ein bißchen gemein ist. Ich war ja auch noch sehr jung. Heute ist das für mich nicht mehr interessant, ich wundere mich eher, dass ich das gezeichnet habe. Man hat eben so Entwicklungsphasen. Ich konnte auch naturalistische Portraits zeichnen, wenn ich manchmal, eher selten, den Ehrgeiz hatte. Dann wunderte sich die Umgebung, woher ich das könnte. Ich fand es gar nicht schwer, weil ich dachte beim Zeichnen immer nur o.k. ich schaue mir jetzt diese Linie vom Kopf an und übertrage die dann auf das Papier. Eine nach der anderen. Wie Abpausen eigentlich. So kam es mir vor. Ich hatte nur ein gutes visuelles Gedächtnis und konnte das auf meine Hand und den Stift übertragen. Später ließ ich das Zeichnen fast ganz und wollte lieber malen. Habe ich dann auch gemacht. Das war etwas ganz anderes. Kein Abpausen der Wirklichkeit. Abtauchen in geheimnisvolle Bewusstlosigkeit. Erst gestern Abend, als ich die Bilder von der Redaktion mit den Blutflecken und die Portraitfotos der Karikaturisten gesehen habe, ist so richtig zu mir durchgedrungen, wie sehr es meinesgleichen war, wer darauf zu sehen war. Da habe ich geweint wie ein hilfloses Kind. Als ich heute früh mit nassen Haaren aus der Dusche gekommen bin, ins Wohnzimmer zur Musikanlage, wo ich nie weiß, welches Lied als erstes kommt, weil ich den Zufallsmodus drinhabe, kam das Agnus dei von Mozarts Requiem. Das ist noch nie gekommen. Und selbst wenn, hätte ich es an einem Freitagmorgen bestimmt nicht passend gefunden, aber es war schon bei den ersten zwei Takten genau das Richtige. Ich habe es laufen lassen, und es war wie ein Gottesdienst. Ich war noch den ganzen Tag über heute traurig und wie erschöpft. Deswegen war es sogar gut, dass ich tagsüber in Ruhe etwas Langwieriges zu tun hatte, das beharrliche Konzentration erforderte, ohne die weitere Berichterstattung zu lesen. Meine Fassungslosigkeit hat keinerlei Worte. Ich widme meine kindischen Schulheftkritzeleien den ermordeten Zeichnern.

08. Januar 2015

(Im weiteren Sinne)
Unter all den furchtbaren Nachrichten, die wir täglich bekommen, gibt es ab und zu auch eine schöne: wie zum Beispiel die, daß Goethes West-Östlicher Divan jetzt erstmals ins Persische übersetzt worden ist. Oder daß das Werk von Mawiana Dschalaladin Rumi, Mathnawi, in die chinesische Sprache übertragen worden ist. Warum sind solche Nachrichten so wichtig?

Şehitlik Moschee Berlin
Der große englische Dichter Percy Bysshe Shelley schrieb in seinem Aufsatz Verteidigung der Poesie, ohne die klassische Dichtung sei eine moralische Gesellschaft gar nicht denkbar. Man könne vielleicht ohne die Werke bestimmter Philosophen auskommen, sagt er, aber es sei absolut unvorstellbar, wie der moralische Zustand der Weit wäre, wenn Homer, Dante, Petrarca oder Shakespeare nicht existiert hätten. Denn nur die Poesie besitzt die Macht, die schöpferischen Fähigkeiten des Menschen zur Entfaltung zu bringen. Nur die Poesie kann den Menschen moralisch „besser machen“, indem sie den Geist weckt und das Herz öffnet für neue, edle Ideen. […] Wenn wir nach der poetischen Tradition des Orients forschen, stellen wir auch hier fest: Es waren vor allem eine Reihe deutscher Philologen und Dichter, die den Wert der orientalischen Dichtung, vor allem der aus Persien, richtig einzuschätzen wußten. […] Wenn die persische Poesie hier in Deutschland geliebt und geschätzt wird, dann haben wir das Rückert zu verdanken. Und dies gilt nicht nur für die Poesie Persiens. […] So schreibt Rückert in dem Vorspiel zum Schi-King (Chinesisches Liederbuch) über Die Geister der Dichter
Ich fühle, daß der Geist des Herrn,
Der redet in verschiedene Zungen,
Hat Völker, Zeiten, nah und fern,
Durchhaucht, durchleuchtet und durchsungen,
Ob etwas herber oder reifer,
Ob etwas reicher oder steifer
Ihr seid Gewächs aus einen Kern
Für meinen Liebeseifer
Doch was manch Lied entwickelt, wie
Sollt‘ ich’s auf einmal vor euch offen hie,
Und wer hineinschaut, mag sich spiegeln.
Mög‘ euch die schmeichelnde Gewöhnung
Befreunden auch mit fremder Tönung,
Daß Ihr erkennt: Weltpoesie
Allein ist Weltversöhnung.

[ Auszüge aus dem Vortrag „Weltpoesie: Übersetzung als Völkerverständigung“ von Muriel Mirak-Weißbach auf dem „Festival persischer und deutscher Dichtung“ im April 2002 ]

08. Januar 2015

(…) weswegen Fanatiker, speziell religiöse, Komik verachten. Sie vertreten eine todernste, einzige ewige Wahrheit, und der Witz – egal wie klug oder lustig er im Einzelfalle sein mag – bedroht diese Wahrheit. Religion (und so manch andere Weltanschauung) ist Wahnsinn im Kleide der Rationalität, Satire und Komik Rationalität im Kleide des Wahnsinns. Das eine muß das andere mißverstehen. Deshalb werden Vertreter des heiligen Ernstes der Komik stets mit Zorn begegnen. Und es ist ihr gutes Recht. Solange sie dies mit denselben Waffen wie Satiriker tun: mit Wort und Bild. Und nicht mit Maschinenpistolen.“
Tim Wolff, Chefredakteur Titanic

08. Januar 2015

(Im weiteren Sinne)
Unter all den furchtbaren Nachrichten, die wir täglich bekommen, gibt es ab und zu auch eine schöne: wie zum Beispiel die, daß Goethes West-Östlicher Divan jetzt erstmals ins Persische übersetzt worden ist. Oder daß das Werk von Mawiana Dschalaladin Rumi, Mathnawi, in die chinesische Sprache übertragen worden ist. Warum sind solche Nachrichten so wichtig?

Şehitlik Moschee Berlin
Der große englische Dichter Percy Bysshe Shelley schrieb in seinem Aufsatz Verteidigung der Poesie, ohne die klassische Dichtung sei eine moralische Gesellschaft gar nicht denkbar. Man könne vielleicht ohne die Werke bestimmter Philosophen auskommen, sagt er, aber es sei absolut unvorstellbar, wie der moralische Zustand der Weit wäre, wenn Homer, Dante, Petrarca oder Shakespeare nicht existiert hätten. Denn nur die Poesie besitzt die Macht, die schöpferischen Fähigkeiten des Menschen zur Entfaltung zu bringen. Nur die Poesie kann den Menschen moralisch „besser machen“, indem sie den Geist weckt und das Herz öffnet für neue, edle Ideen. […] Wenn wir nach der poetischen Tradition des Orients forschen, stellen wir auch hier fest: Es waren vor allem eine Reihe deutscher Philologen und Dichter, die den Wert der orientalischen Dichtung, vor allem der aus Persien, richtig einzuschätzen wußten. […] Wenn die persische Poesie hier in Deutschland geliebt und geschätzt wird, dann haben wir das Rückert zu verdanken. Und dies gilt nicht nur für die Poesie Persiens. […] So schreibt Rückert in dem Vorspiel zum Schi-King (Chinesisches Liederbuch) über Die Geister der Dichter
Ich fühle, daß der Geist des Herrn,
Der redet in verschiedene Zungen,
Hat Völker, Zeiten, nah und fern,
Durchhaucht, durchleuchtet und durchsungen,
Ob etwas herber oder reifer,
Ob etwas reicher oder steifer
Ihr seid Gewächs aus einen Kern
Für meinen Liebeseifer
Doch was manch Lied entwickelt, wie
Sollt‘ ich’s auf einmal vor euch offen hie,
Und wer hineinschaut, mag sich spiegeln.
Mög‘ euch die schmeichelnde Gewöhnung
Befreunden auch mit fremder Tönung,
Daß Ihr erkennt: Weltpoesie
Allein ist Weltversöhnung.

[ Auszüge aus dem Vortrag „Weltpoesie: Übersetzung als Völkerverständigung“ von Muriel Mirak-Weißbach auf dem „Festival persischer und deutscher Dichtung“ im April 2002 ]

08. Januar 2015

(…) weswegen Fanatiker, speziell religiöse, Komik verachten. Sie vertreten eine todernste, einzige ewige Wahrheit, und der Witz – egal wie klug oder lustig er im Einzelfalle sein mag – bedroht diese Wahrheit. Religion (und so manch andere Weltanschauung) ist Wahnsinn im Kleide der Rationalität, Satire und Komik Rationalität im Kleide des Wahnsinns. Das eine muß das andere mißverstehen. Deshalb werden Vertreter des heiligen Ernstes der Komik stets mit Zorn begegnen. Und es ist ihr gutes Recht. Solange sie dies mit denselben Waffen wie Satiriker tun: mit Wort und Bild. Und nicht mit Maschinenpistolen.“
Tim Wolff, Chefredakteur Titanic

07. Januar 2015


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Peter Brüchmann, Galerie Hiltawsky, 19. Juni 2014. „(…) ist ein deutscher Fotograf. Er porträtierte die Bühnen- Film- und Musikstars der 1950er bis 1980er Jahre. Brüchmann wuchs in Berlin auf. Von 1949 bis 1952 machte er eine Lehre bei der Mode- und Porträtfotografin Lotte Söhring. (…) 1958 wurde er kurzzeitig Bildreporter im Berliner Büro der Frauenzeitschrift Constanze, Ende 1958 zog Brüchmann nach Hamburg, wo er weiterhin für Constanze, sowie für Schöner Wohnen und Stern tätig war. 1963 wurde er Redaktionsfotograf bei der Bild am Sonntag. 1964 wechselte er nach München, wo er anfangs für die Zeitschrift Revue arbeitete. Von 1966 bis 1967 war Brüchmann Fotograf bei der Zeitschrift Quick. 1961 dokumentierte er den Besuch der Beatles (…) in Hamburg, eine Reportage, die 1966 in der Quick erschien. Seit 1968 war er freiberuflich als Fotograf unter anderen für Quick, Freundin, Playboy, Lui und vor allem für twen tätig. Brüchmann porträtierte die Bühnen- Film- Literatur- und Musikstars der 1950er bis 1980er Jahre, anfangs in Schwarz/Weiß, später in Farbe. 1967 und 1968 entstanden auf dem Münchner Filmball des Burda-Verlags zahlreiche Aufnahme, bekannt sind die dort entstandenen Fotografien von Romy Schneider. (…) Die Fotosammlung des Deutschen Historischen Museums (DHM) in Berlin besitzt 49 Schwarzweiß- und 38 Farbabzüge seiner Arbeiten aus den Fünfziger bis Achtziger Jahren. Brüchmann lebt in Berlin.“








„Brüchmanns grosse Passion aber waren die Frauen. Die Begegnung mit einer ihn faszinierenden Frau und die Aussicht, sie zu fotografieren. (…) Das erste, was Hannelore Elsner bei einem Umzug an die Wand der neuen Wohnung pinnt, ist das abgegriffene Foto, das Brüchmann früh von ihr gemacht hat.“.


Peter Brüchmann war an diesem Abend nicht anwesend, was sehr schade war. Es ist ihm nicht mehr möglich, so etwas wahrzunehmen. Es hätte ja sein können, dass er trotz seiner zweiundachtzig Jahre noch Kraft für einen Ausflug innerhalb von Berlin hat. Das war auch die einzig mir verständliche Erklärung, und es hat mich auch ein wenig erschüttert. Seine Bilder, die wir sehen, bleiben ewig jung, auf der Höhe der Kraft der Abgebildeten, das Zeugnis des Blickes von einem Menschen, der die Gabe hatte, das ganze Zusammenspiel von Licht und Gegenwärtigkeit zu ermöglichen und den Zeitpunkt zu erfassen, und das Bild auszulösen. Das Bild aus-lösen, herauslösen aus dem Strom der Zeit, der Vergänglichkeit, gebannt für alle Ewigkeit. Amen. Als ich in das Gästebuch schrieb, wusste ich, dass er es gar nicht lesen wird können. Er wird es nie erfahren. Nicht einmal mehr, wo überall seine Bilder in Ausstellungen gezeigt werden. Aber vielleicht ist es auch weniger schmerzhaft, als wir uns das im vollen Besitz unserer geistigen Kräfte und unseres Erinnerungsvermögens vorstellen können. Vielleicht sehnt man sich auch nicht so sehr nach etwas, das man kaum erinnern kann. Und schwelgt dafür in dem, das tief verankert ist. Vielleicht ist sein Geist ja noch in der Zeit dieser Bilder. Und die Gegenwart nur ein flüchtiger Ablauf von ähnlichen Bildern, nicht wichtig genug, um erinnert zu werden. Kaum jemand kennt heute den Namen Peter Brüchmann. Anders als F.C. Gundlach. Aber seine Bilder kennen wir. Es gibt einen Namen dazu. Als ich vor einigen Tagen die Aufnahmen veröffentlichte, die ich von Michael Ballhaus und Christian Brückner gemacht habe, konnte ich gar nichts schreiben, weil das von mir zwischen den Bildern verlinkte Video auch alles sagt, was mich bewegt. Man muss auch niemandem erklären, wer Michael Ballhaus ist. Peter Brüchmann vielleicht schon. Deshalb schreibe ich es hier noch einmal ins Internet: Danke für Ihr schönes Werk, lieber Herr Brüchmann. Auch wenn Sie das niemals lesen werden. Aber vielleicht können Sie es ja irgendwie fühlen, irgendwo irgendwann.








04. Januar 2015


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Beharrungsvermögen und Esprit, Konzentration und Reaktion. Schnelligkeit und ein siebter Sinn. Verbindliches Wesen, Geduld. Erotischer Intellekt, Eleganz. Dynamik, Disziplin, Spannkraft. Hingabefähigkeit. Kontrolliert eruptive Spontaneität. Hohe Flexibilität und Kultiviertheit. Tänzerische und Sprachbegabung. Keinesfalls örtliche Gebundenheit. Gesundheitliche Stabilität. Körperliche Belastbarkeit. Ein ansprechendes, überdurchschnittlich gepflegtes und trainiertes, zeitgemäßes Erscheinungsbild mit gleichbleibender, branchenüblicher Konfektionsgröße wird als selbstverständlich vorausgesetzt. Fotomodell. Dafür muss man geboren sein. Und keinesfalls divenhaft. Obwohl man jederzeit divenhaft aussehen können muss. Daran erkennt man einen Profi.


Ximena ist Italienerin. Eine hoch gewachsene. Eine Erscheinung. Sie tauchte in der Galerie mit Steve auf, den Jan schon recht lange kennt und auch oft abgelichtet hat. Bei manchen Kreaturen spürt man einen Impuls im Bereich, der für Instinkt zuständig ist, er befiehlt dem Handgelenk, die Kamera anzuwerfen, auch wenn sie vorher im absoluten Tiefschlaf war. Dass keine umständlichen Erlaubnisverhandlungen erforderlich sind, wie gelegentlich bei Privatdiven, macht alles noch selbstverständlicher, als ohnehin schon. Virtuos einfach. In einer Sekunde ein spannungsgeladene Pose, in der nächsten das Gegenteil, völlige Unaffektiertheit. Ich kenne Frauen, die schauen Männer, und zwar nur Männer, gezielt an, wie es Ximena in ihrem fotografisch motivierten Rollenspiel treibt. Und wenn eine Frau in die Sichtachse kommt. erstarrt die Rolle für einen Moment zum Gefrierpunkt. Das ist der Unterschied zwischen einer privat tätigen Femme Fatale und einem Fotomodell. Das Modell verkauft die Ware lasziver Blick. An alle, die sie brauchen. Ohne geschäftliches Feindbild. Wenn man gerne laszive Blicke wirft, ohne diesen Beruf ausuzüben, ist man gut beraten, seinen Radius nicht zu deutlich geschlechtsspezfisch zu definieren. Es ist ein noch schöneres Spiel, auch mit Menschen zu flirten, die nicht zur erotischen Zielgruppe gehören. Es vergrößert die Lebenslust, die Lebensfreude. Kleiner Abschweif. Ich mochte diese Situation mit Ximena und Steve. und Jan natürlich. Sie war nur für wenige Tage in Berlin und Jan hat sie am Tag darauf noch einmal fotografiert. Auch sehr schön. Wenn ich nicht fotografieren würde, hätte ich kaum Anlass zu solchen Events zu gehen. Sobald Jan da ist, ergibt sich eine besondere Dynamik, die ich mag. Und ihm geht es umgekehrt ebenso, glaube ich. Weiß ich. Das ist schön und unterhaltsam. Meistens kann ich es verstehen, wenn ihm jemand fotografisch besonders interessant erscheint. Denn oft empfinde ich es genauso. Ximena einzufangen war eine Freude.



04. Januar 2015


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Beharrungsvermögen und Esprit, Konzentration und Reaktion. Schnelligkeit und ein siebter Sinn. Verbindliches Wesen, Geduld. Erotischer Intellekt, Eleganz. Dynamik, Disziplin, Spannkraft. Hingabefähigkeit. Kontrolliert eruptive Spontaneität. Hohe Flexibilität und Kultiviertheit. Tänzerische und Sprachbegabung. Keinesfalls örtliche Gebundenheit. Gesundheitliche Stabilität. Körperliche Belastbarkeit. Ein ansprechendes, überdurchschnittlich gepflegtes und trainiertes, zeitgemäßes Erscheinungsbild mit gleichbleibender, branchenüblicher Konfektionsgröße wird als selbstverständlich vorausgesetzt. Fotomodell. Dafür muss man geboren sein. Und keinesfalls divenhaft. Obwohl man jederzeit divenhaft aussehen können muss. Daran erkennt man einen Profi.


Ximena ist Italienerin. Eine hoch gewachsene. Eine Erscheinung. Sie tauchte in der Galerie mit Steve auf, den Jan schon recht lange kennt und auch oft abgelichtet hat. Bei manchen Kreaturen spürt man einen Impuls im Bereich, der für Instinkt zuständig ist, er befiehlt dem Handgelenk, die Kamera anzuwerfen, auch wenn sie vorher im absoluten Tiefschlaf war. Dass keine umständlichen Erlaubnisverhandlungen erforderlich sind, wie gelegentlich bei Privatdiven, macht alles noch selbstverständlicher, als ohnehin schon. Virtuos einfach. In einer Sekunde ein spannungsgeladene Pose, in der nächsten das Gegenteil, völlige Unaffektiertheit. Ich kenne Frauen, die schauen Männer, und zwar nur Männer, gezielt an, wie es Ximena in ihrem fotografisch motivierten Rollenspiel treibt. Und wenn eine Frau in die Sichtachse kommt. erstarrt die Rolle für einen Moment zum Gefrierpunkt. Das ist der Unterschied zwischen einer privat tätigen Femme Fatale und einem Fotomodell. Das Modell verkauft die Ware lasziver Blick. An alle, die sie brauchen. Ohne geschäftliches Feindbild. Wenn man gerne laszive Blicke wirft, ohne diesen Beruf ausuzüben, ist man gut beraten, seinen Radius nicht zu deutlich geschlechtsspezfisch zu definieren. Es ist ein noch schöneres Spiel, auch mit Menschen zu flirten, die nicht zur erotischen Zielgruppe gehören. Es vergrößert die Lebenslust, die Lebensfreude. Kleiner Abschweif. Ich mochte diese Situation mit Ximena und Steve. und Jan natürlich. Sie war nur für wenige Tage in Berlin und Jan hat sie am Tag darauf noch einmal fotografiert. Auch sehr schön. Wenn ich nicht fotografieren würde, hätte ich kaum Anlass zu solchen Events zu gehen. Sobald Jan da ist, ergibt sich eine besondere Dynamik, die ich mag. Und ihm geht es umgekehrt ebenso, glaube ich. Weiß ich. Das ist schön und unterhaltsam. Meistens kann ich es verstehen, wenn ihm jemand fotografisch besonders interessant erscheint. Denn oft empfinde ich es genauso. Ximena einzufangen war eine Freude.



03. Januar 2015


Director’s Pick. Jan hatte vier Bilder. Paula, Kitty, eine blonde Italienerin und Anna. Das von Anna gefiel mir am besten, weil es impulsiv wirkt. Ich war überrascht, wie erwachsen sie ist, weil ich noch die beinahe kindliche Anna von vor fünf Jahren im Kopf hatte. Damals wie heute fasziniert mich die große Ähnlichkeit mit ihrem Vater. Wie sich sein Züge in einer weiblichen, anmutigen Version zeigen. Und die Freundinnen waren auch interessant zu beobachten, wie man spürte, dass ihnen die Situation einer Ausstellungseröffnung nicht so vertraut ist, sie sich aneinander orientieren, und immer Ausschau nach der anderen halten. Ich nehme an, sie sind danach noch in irgendeinen Club oder eine Bar, so schön aufgebrezelt wie sie waren. Diese vier Grazien. Mit ihren sexy Stiletto-Sandaletten, die die sowieso schon langen Beine noch länger machten. In dem Szenario tauchte noch eine weitere Grazie auf, die in Begleitung kam, eine sehr fotogene Italienerin, die auch ihr Geld damit verdient. Eine Erscheinung, so makellos, dass selbst das Tageslicht nichts zutage fördert, was man retuschieren müsste. Es ist nicht immer nur Retusche zu verdanken, wenn jemand beeindruckend aussieht. Die Bilder von Ximena nehme ich in eine extra Strecke, weil es trotz des identischen Ortes eine andere Situation war und es sehr viele sind.

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An diesem Abend hat mich auch ein älterer Mann (ca. 58 – 62) angesprochen, der unter den Gästen war. Da war ich froh, dass ich mit Irina ein Gegenüber hatte, das mich seiner Ansprache ausweichen ließ. Man ist nicht gut beraten, wenn man im fortgeschrittenen Alter noch denselben Kleidungsstil pflegt, der vor ca. fünfunddreißig bis vierzig Jahren als angesagte, lässige born-to-be-wild-Moderichtung für etwa Zwanzigjährige gelten konnte. Und dazu dann die passende Ansprache mit taxierendem Blick von oben nach unten. Wie damals in der Disco. So hieß das früher. Er wollte mir aber nicht seine Schallplattensammlung zeigen, sondern irgendwie experimentell von mir fotografiert werden, weil er es ‚drauf hätte‘ das zu beurteilen, da er ‚vom Fach‘ sei, ob ich was ‚drauf hätte‘. Danke, liebe Irina, dass du so tapfer an meiner Seite geblieben bist. Ich finde es nicht gerade einfach, wie man so jemandem beibringt, der das alles ja vermutlich durchaus nett und höflich und so weiter meint, und damit vielleicht in einer früheren Ära Erfolge erzielen konnte, dass er wirklich nicht im allergeringsten mein Interesse zu wecken vermag. Weder fotografisch noch erotisch. Also, so beizubringen, dass die Atmosphäre nicht komplett ins Griesgrämige kippt. So weit ich mich erinnere, habe ich mich damit aus der Affäre gezogen, ihm mitzuteilen, dass ich keine Zeit für die von ihm angedachten Experimente hätte, da wirklich sehr, sehr, sehr, sehr viel zu tun, und es deshalb auch keinen Sinn hätte, dass er mir seine Telefonnummer aufschreibt. Ob er in ca. zwei Jahren nochmal nachhaken dürfte? Das sieht ganz schlecht aus. In zwei Jahren habe ich voraussichtlich genauso viel zu tun. Tut mir ja sehr leid. Zum Glück musste ich nicht nur so tun, als ob ich mich dringend mit Irina unterhalte wollte, ich wollte es wirklich, und es war wie jedes mal sehr interessant. Der gute Mann hat seine Schallplatte dann noch an anderer Stelle ein weiteres Mal abgespielt. Mit etwas mehr Erfolg, wie es aussah. Irina und ich amüsierten uns, dass eine uns beiden sehr wohl bekannte Frau tatsächlich zugelassen hat, dass er mit seiner Pranke über ihren Hintern streift. Man wusste nicht, ob man lachen oder weinen soll. Irina und ich sind dann gemeinsam über den Winterfeldplatz zu unserer U-Bahn am Nollendorfplatz gegangen und haben weiter geredet. Fast hätte ich vergessen auszusteigen, vor lauter Gequatsche. Irina ist die Frau rechts im Fenster mit den Blumen, und auf dem letzten Bild ganz unten, von hinten. Ich habe sie schon häufiger fotografiert. Sie malt und macht auch Animationsfilme. Ich mag sie richtig gerne.








02. Januar 2015


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Viele Fotografen da. Rührt daher, dass es nicht nur die Eröffnung der Ausstellung des italienischen Fotografen Davide Monteleone war, sondern einer neuen Galerie, die zu einem Fotografie-Verlag gehört, der Kehrer Galerie vom Kehrer-Verlag. Da ist man gerne präsent. Zum Beispiel der Herr mit den grauen Schläfen, der sich so angeregt mit Jan unterhält und ein bißchen an Clint Eastwood in die Brücken am Fluss erinnert, ist der Fotograf Peter Maurer. Dass er nun auch viel durch Afrika gereist ist und dort für Reportagen fotografiert hat, ist ein Detail, wo ich denke, dass Filmfiguren doch oft eine lebensnahe Vorlage haben. Nichts wird wirklich erfunden. Alles sind Fragmente von Erinnerungen in einem neuem Kontext.





Man könnte zu jedem Einzelnen auf den Bildern etwas erzählen, aber ich habe nicht mit allen gesprochen. Mit einigen ja. Manche kenne ich auch ein bißchen näher. Es war recht voll, es gibt eine große Fotografenszene in Berlin. Bis vor der Tür standen sie, hätte ich jetzt fast geschrieben, aber gerade fällt mir ein, dass die beträchtliche Gruppe vor der Tür da draußen in der Mainacht stand, weil man dort rauchen kann. Jan und ich haben dort noch einen sehr netten Maler getroffen, den Herrn Zwinger, der auch seine Frau dabei hatte und wir vier sind dann die Potsdamer Straße nach oben gelaufen und rechts abgebogen, in ein Lokal, wo man draußen sitzen konnte. Und essen und trinken. War ein sehr anregender und lustiger Abend, auch weil der Herr Zwinger so lustig erzählen kann. Und seiner Frau habe ich von meiner Wienreise erzählt. Als es darum ging, wen ich da traf, also zwei Männer aus meiner Vergangenheit, hat der Herr Zwinger sehr die Ohren gespitzt. Ich musste schon wieder über ihn lachen. Was auch sehr ungewöhnlich war, also für mich, mal so unter vier – ach nein – es waren ja insgesamt acht Augen, die von Jan und seiner Frau mitgetrechnet, also jedenfalls im allerkleinsten Kreis einmal mit jemandem zu sprechen, der sich in einer Liga bewegt, von der viele träumen. Ich kann mich immer noch nicht über den Satz einkriegen „Die Vermögensplanung ist abgeschlossen.“ Mit so einem desinteressierten Tonfall. Langweilig, diese Geldgespräche. So ungefähr. Es ist also menschenmöglich, dass man mit seiner Kunst richtig gutes Geld verdienen kann, und dabei ganz unaufgeregt und unehrgeizig wirkt. Macht aber auch richtig gute Sachen, der Herr Zwinger. War also ein sehr bereichernder Abend.






31. Dezember 2014


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Sehr geehrte Fluggäste, hier spricht Ihr Kapitän. Ich heiße Sie recht Herzlich Willkommen an Bord unseres Passagierflugzeuges Embraer 190. Zunächst einmal möchte sich die ganze Crew im Namen von Airberlin und Flyniki bei Ihnen für die Verspätung entschuldigen. Sicher ist Ihnen nicht entgangen, dass der Schalter beim Gate eine ganze Weile unbesetzt war, bis wir dann doch noch eine Crew gefunden haben, die Sie heim nach Berlin bringen kann. Es ist nun ein Flyniki-Flieger geworden, wie Sie an der Aufschrift einwandfrei erkennen können. Aber wir sind ja alle eine große Familie. Wien und Berlin sind ja schon immer in Sympathie verbunden und nun auch in der Luftfahrt! Aber ich will nicht länger herumreden, wir haben schon genug Zeit vertan! Das Wetter in Schwechat ist im Moment eh nicht so schön, dass Sie sicher auch froh sind, wenn wir die Wolkendecke durchbrechen. Ich hoffe, Sie hatten einen recht schönen Aufenthalt in Wien und freuen uns, wenn Sie uns wieder einmal beehren. Das gilt ganz besonders für unseren Fluggast aus Berlin, Frau Gaga Nielsen, da hinten am Fensterplatz, wenn Sie sich bittschön einmal umdrehen, die besonders viele und prachtvolle Fotos von ihrem Aufenthalt in unserer schönen Landeshauptstadt gemacht hat. Mein Copilot hat mir gerade noch geflüstert, dass sie dazu auch eifrig ins Internet geschrieben hat. Da müssens halt einmal einischauen, wannmer wieder am Boden sind! Solche Botschafter braucht unsere Stadt! Ich werde der Chef-Stewardess gleich noch mitteilen, dass sie der Dame zum Dank ein Glaserl Champagner bringt, mit besten Grüßen vom Kapitän! Habe die Ehre. So, jetzt aber los – mir san spät dran! Und eh ich’s vergesse: allen anderen Fluggästen natürlich auch einen spitzenmäßigen Start ins neue Jahr! Let’s take off, kommts gut rüber! Mir wären dann so weit, leb wohl Wien!






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30. Dezember 2014

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*(…) Dein Auge hat mein Aug erschlossen, du sahst mich an, da ward es Tag. Mit Licht und Farbe war umflossen, was einst im Graun der Nächte lag. Zur Freude bin ich auserkoren, ich träum in liebetrunkner Ruh. Ich lächle gar, in Lust verloren, der dunklen Zukunft heiter zu. Und mir gehört das Nah und Ferne, mir mehr, als singen kann mein Lied. Wer zählt noch da die goldnen Sterne, wenn er den ganzen Himmel sieht. **Weil auf mir, du dunkles Auge, übe deine ganze Macht, ernste, milde, träumereiche, unergründlich süße Nacht. ***Dein Auge ist mein Himmel, darein ich selig schau, ein hoher Friede schwebet In seinem Wunderblau. Mein Abendstern die Träne, die mild darinnen steht, die küss ich Dir vom Auge, das ist mein Nachtgebet. ****Hüte dein Auge, bewache es immer, denn deine Seele, sie zeigt sich darin. Sei es in sanftem, erbarmendem Schimmer, sei es verdüstert von grollendem Sinn. Gutes und Böses bereiten die Hände, Segen und Fluch, sie entquellen dem Mund. Aber durch wundergeheime Verbände thun sie vorher schon im Blicke sich kund. Hüte dein Auge; bewache es immer. Nicht wegen anderen, sondern für dich. Täuscht dich sonst alles, das Auge trügt nimmer, denn auch nach innen entschleiert es sich. Hüte dein Auge, bewache es immer. (…)

*Hoffmann von Fallersleben 1798-1874 **Nikolaus Lenau 1802-1850 ***Bernhard Scholz 1831-1871 ****Karl May 1842-1912
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30. Dezember 2014

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*(…) Dein Auge hat mein Aug erschlossen, du sahst mich an, da ward es Tag. Mit Licht und Farbe war umflossen, was einst im Graun der Nächte lag. Zur Freude bin ich auserkoren, ich träum in liebetrunkner Ruh. Ich lächle gar, in Lust verloren, der dunklen Zukunft heiter zu. Und mir gehört das Nah und Ferne, mir mehr, als singen kann mein Lied. Wer zählt noch da die goldnen Sterne, wenn er den ganzen Himmel sieht. **Weil auf mir, du dunkles Auge, übe deine ganze Macht, ernste, milde, träumereiche, unergründlich süße Nacht. ***Dein Auge ist mein Himmel, darein ich selig schau, ein hoher Friede schwebet In seinem Wunderblau. Mein Abendstern die Träne, die mild darinnen steht, die küss ich Dir vom Auge, das ist mein Nachtgebet. ****Hüte dein Auge, bewache es immer, denn deine Seele, sie zeigt sich darin. Sei es in sanftem, erbarmendem Schimmer, sei es verdüstert von grollendem Sinn. Gutes und Böses bereiten die Hände, Segen und Fluch, sie entquellen dem Mund. Aber durch wundergeheime Verbände thun sie vorher schon im Blicke sich kund. Hüte dein Auge; bewache es immer. Nicht wegen anderen, sondern für dich. Täuscht dich sonst alles, das Auge trügt nimmer, denn auch nach innen entschleiert es sich. Hüte dein Auge, bewache es immer. (…)

*Hoffmann von Fallersleben 1798-1874 **Nikolaus Lenau 1802-1850 ***Bernhard Scholz 1831-1871 ****Karl May 1842-1912
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29. Dezember 2014

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Mal langsam Richtung Gate bewegen, dachte ich um Zwei rum. Der Monitor zeigte auch ordnungsgemäß meinen Flieger nach Berlin an. Noch mal Händewaschen. So sagt man unter Damen, habe ich erst neulich gelernt, wenn man aufs Klo muss, fragt man, wo man sich bitte mal die Hände waschen kann. „Ich müsste mir mal die Hände waschen – – bitte wo?“ So ist das bei feinen Leuten.


Ach, da ist ja mein Gate! C 40. Schon schick die Sitzmöbel. Direkt stylish. Wirkt nicht billig! Das rechne ich Wien ja überhaupt hoch an, dass auf Qualität geachtet wird, auch bei der Stadtmöblierung. Obwohl ich bin ja gar nicht mehr in Wien. Aber das will man ja nicht wahrhaben. Man möchte nicht denken müssen: „Ach, Schwechat – ich muss dich lassen!“ Das klingt einfach nicht. Auch nicht im eigenen Kopf. Das stimmt hinten und vorn nicht. Nein, wir sind bitte auf dem Flughafen von Wien, ist doch jetzt wurscht, wo der liegt. Wir wollen auf den letzten Metern nicht kleinlich werden. Ah, da rechts vom Gate ist ja ein Pfeil zu einer Treppe nach unten und das bekannte Piktogramm für „Händewaschen“. Die Frau mit dem Rock. Immer einen Rock anziehen zum Händewaschen! Nicht, dass sich Männer neben Frauen Hände waschen und es zu Verwechslungen kommt. Es ist eine Wissenschaft. Habe ich eigentlich schon einmal erzählt, dass ich gerne auch mal – also natürlich nur im Notfall – durch die Tür mit dem anderen Piktogramm mit den Hosenbeinen gehe, wenn ich ganz dringend Hände waschen muss, und gerade alle Waschbecken hinter der Tür mit dem Damenpiktogramm besetzt sind? Ich würde ja sonst ewig nicht an den Seifenspender kommen. Und die Papierhandtücher wären dann ja womöglich auch schon vergriffen. Hände waschen ohne Abtrocknen ist meine Sache nicht! Auch da bin ich gewissermaßen Perfektionistin. Aber um wieder auf Schwechat bzw. den Flughafen Wien zurückzukommen: hier war es in keinster Weise erforderlich, heimlich durch die Tür mit dem Hosenpiktogramm zu schlüpfen, weil keinerlei Andrang herrschte. Ich hatte das ganze kleine Reich für mich und habe noch ein paar Minuten mit der Dokumentation des Handwaschbeckens zugebracht. Dem zentralen Möbelstück. Auch das könnte Menschen, die noch nie in Wien waren, interessieren: wie schauen sämtliche Waschbecken in den Handwaschräumen aus? Bitte sehr.


Mein Urteil: summsummarum ausreichend modern. So. Fertig mit Händewaschen. Ich gehe dann mal langsam wieder nach oben zu meinem Gate C 40. Da müsste doch jetzt in den nächsten Minuten eigentlich der ersehnte Schriftzug mit dem aufgeregt blinkenden boarding auf dem Monitor erscheinen. Hey! Ich kenne mich da aus.

Nun wird es also langsam ernst. Es ist schon ein bißchen über die Zeit, aber das soll uns nicht aus der Ruhe bringen. Ich setze mich jetzt lieber auch noch mal hin, bevor kein Platz mehr frei ist. Es werden doch immer mehr Leute jetzt, die scheinbar alle in meinen Flieger nach Berlin wollen. Ab halbdrei fängt das Volk ein bißchen an zu grummeln, weil das Boarding-Wort nicht nur nicht auf dem Monitor erscheint, sondern auch keinerlei Bodenpersonal hinter unserem C 40-Gate. Das wäre erfahrungsgemäß dann doch von Nutzen. Einer muss ja auch die Tür zur Brücke, der Röhre da aufsperren, die zum Flugfeld geht. Ich stehe wieder auf und schaue auf die Hängeterminals in der Halle. Da blinkt tatsächlich „Boarding“ neben unserer Fluganzeige. Für ein paar Sekunden. Überall sogar. Dann hört es wieder auf. Die Meute wird nervös! Ein paar hektisch wirkende Flugbegleiterinnen von flyniki, der Niki Lauda-Fluglinie schwirren an unserem Gate herum und wirken ein bißchen peinlich berührt. Warum nur? Also kein Boarding. Jetzt ist es schon fünf nach drei. Was man schon geahnt hat: es gibt wohl eine kleine Verspätung. Nach mehrmaligem, weiteren Boarding-Geblinke hört es wieder auf und endlich hat der für die Anzeige zuständige Flughafen-Mitarbeiter die richtigen Tasten gefunden, mit denen man das Wörtchen „delayed“ einblenden kann. Und die Zeit. Die neue Abflugzeit 16:50 Uhr. Also noch mal knapp zwei Stunden Zeit zum Händewaschen. Picobello werde ich in Berlin eintreffen.

So sauber werden meine Fingernägel schon lange nicht mehr gewesen sein. Immerhin habe ich jetzt Zeit, mir die schönsten Ecken der Abflughalle noch einmal in Ruhe anzuschauen und auch von jedem einzelnen Barhocker Abschied zu nehmen. Ich könnte mir sogar noch einen richtigen Kaffee von der Kaffeebar holen. Mit Schlagobers wird es nicht geben, das können die modernen Automaten ja nicht. Aber mit so einer schaumigen Milch. Ich will in dieser Situation auch nicht päpstlicher als der Papst sein. Man muss eben Abstriche machen! Ich könnte mich auch mit dem Kaffeebecher noch einmal still gedenkend, also zu einer Abschiedsmeditation vor das Mannerschild setzten. Vielleicht ist sogar die Kronen-Zeitung noch auf dem Müllschlucker. Von der könnte ich mich dann auch verabschieden. In aller Ruhe. Jetzt, wo ich Zeit habe, eröffnen sich so viele Möglichkeiten! Herrlich. Vielleicht lese ich auch noch einmal meinen Kaffeehausführer von vorn bis hinten gründlich durch. Nicht nur so husch husch, wie die letzten Tage, wo man hektisch vor Aufbruch nach einem bestimmten Lokal geblättert hat. Oder ich könnte schauen, ob ich eine Steckdose für meinen Klapprechner finde, ich habe ja nur den Netzadapter mitgenommen und keinen Akku zusätzlich, der ist mir zu schwer fürs Gepäck. Ich bin ja nicht so der Typ, der jede freie halbe Stunde ins Internet schauen muss oder auf der Tastatur herumspielen. Aber wenn ich noch über anderthalb Stunden Zeit habe, könnte es sich direkt lohnen. Vielleicht hat mir sogar wer eine Mail geschrieben! Aber zuallererst noch einmal in aller Ruhe die Architektur der Abflughalle auf mich wirken lassen. Jetzt, wo endlich Zeit dafür ist. Vor lauter Eier pellen und Kronen-Zeitung lesen bin ich ja noch gar nicht dazu gekommen. Man kommt ja zu nichts. Im Grunde, direkt ein Gottesgeschenk, so eine Verspätung.
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28. Dezember 2014

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Wie lange braucht man von Wien nach Schwechat mit dem Taxi? Keine dreiviertel Stunde? Mir war so. Schaut man in einer Suchmaschine, wie lange das dauert, heißt es ca. 25 Minuten, je nach Verkehrsaufkommen und Bezirk. Aber eine gute halbe Stunde war es schon. Die Wiener Stadtgrenze war schon noch zehn bis fünfzehn Minuten von Wieden entfernt. Und geregnet hat es weiterhin. Auch dehnt sich die Wahrnehmung der Zeit, wenn man sich nicht unterhält. An den Fahrer kann ich mich nicht erinnern. Es war ein Mann und er war eher der diskrete Fahrer, der den Fahrgast nicht als potentiellen Empfänger seiner Einschätzung der Weltlage betrachtet. Was aber mitunter auch amüsant sein kann. Ich bin da immer recht offen. Er aber war also geradezu stumm und ich hatte Gelegenheit, meinen Gedanken nachzuhängen und Wien und Niederösterreich durch die verregnete Scheibe auf mich wirken zu lassen. Die Flughafenstrecke. Sie ist, je näher man dem Flughafen kommt, wie es oft so ist, recht ernüchternd. Kein einziges Barockpalais, kein Kaffeehaus säumt den Weg. Die Beschilderung hat eine furchtbar nüchterne Typographie. Geradezu neuzeitlich. Wenn man noch nicht in Wien war, wie ich bei der umgekehrten Route, eine Woche vorher, weiß man ja nur diffus, was einen am Fahrziel erwartet, hat das eine oder andere Bild im Kopf. Aus Filmen, Dokumentationen, Zeitschriften. Das schon auch dem entspricht, was man vorfindet. Aber ich kenne es auch, dass man sich innerlich ein geschlossenes Bild von einem schönen Ort macht, und dann ernüchtert feststellt, dass sich das Schöne und Postkartenhafte auf ein paar wenige Straßenzüge beschränkt, auf einen ganz eingegrenzten Bereich. Und obwohl ich hauptsächlich auch im exclusivsten Ghetto der Weltkulturerbe-Schönheiten Wiens unterwegs war, im ersten Bezirk, habe ich keine so scharfe Abgrenzung wahrgenommen. Man muss nicht so sehr mit der Lupe in nicht so ganz inneren Bezirken nach vergleichbar Sehenswertem suchen, wie in manchen anderen Städten, die im Krieg sehr gelitten haben. Wenn man dann also im Taxi den umgekehrten Weg nimmt, und Wien verinnerlicht hat, als komplexes, organisches Wesen, in dem sich Zell- und vielleicht auch Bakterienstämme erhalten und weiter entwickeln konnten, die woanders ausgerottet sind, und schlagartig mit der nüchternen Industrielandschaft auf dem Weg nach Schwechat konfrontiert ist, ist es ein bißchen ein Gefühl wie vom Markusplatz in Venedig zu einem Reisebusparkplatz in einer italienischen Vorstadt katapultiert zu werden. Kein Kanal, keine Gondel, kein Renaissancepalast, kein bröckelnder Putz. Die Wiener Altstadt ist halt Venedig. In Prag habe ich auch sehr schöne Patina gesehen. Das war auch zauberhaft. Paris auch. Aber ich kann überhaupt kein tschechisch, so weit sind die familiären Herkunftswurzeln nicht gewachsen. Aber Österreichisch ist mir keine so dermaßen fremde Fremdsprache. Französisch hingegen verstehe ich nurmehr rudimentär, weil ich zu faul war, es zu pflegen, da geht mir auch das Herz nicht auf. Aber ein Begriff wie Mehlspeise hat in meiner Familie Tradition, das ist halt verwurzelt. Und dieser und jener. Mein Großvater hat auch immer nur vom Stiegenhaus gesprochen. Treppe war für ihn ein hochdeutsches Fremdwort. Das habe ich ja alles schon einmal erhellt. In Wien habe ich kein Gefühl von Fremdheit gehabt, im Gegenteil. Manchmal fast schon erschütternd familiär. Die ganzen Ausdrücke. So wie mir in Prag die Küche ebenso erschütternd familiär vorkam. Da war es nur die Küche. Lange her. Irgendwann Mitte der Neunziger war ich für sechs Tage in Prag. Damals mit einem Liebhaber, der sehr ortskundig war. Aber das ist eine andere Geschichte. Denn nun war ich im Taxi nach Schwechat. Sehr zeitig am Flughafen. Eigentlich zu früh, vielleicht Viertel vor Zwölf. Um Eins würde erst das Einchecken beginnen für den Flug nach Berlin, der für Punkt fünfzehn Uhr terminiert war. Für die überstürzte Besichtigung von noch irgendeiner Sehenswürdigeit in Wien hätte ich keine Nerven gehabt, mit dem Gepäck. Lieber ein bißchen Zeit totschlagen am Flughafen. Nach Parfüm und Souvenirs kaufen stand mir nicht der Sinn. Meine Souvenirs sind halt meine Bilder. Parfüm hab ich auch noch. Der Schalter für meinen Flieger war schon früher besetzt und ich konnte schon das Gepäck aufgeben und durch die Sicherheitskontrolle. Ich schaute in der Abflughalle, wo ich möglichst bequem und ungestört sitzen könnte. Da ist diese große Wand mit der rosa Manner-Reklame. Gegenüber an der Wand waren mehrere Sitzplätze für Behinderte ausgewiesen und noch einer extra für eine Begleitung. Auf den hab ich mich gesetzt.

Außer mir war da niemand. Eine ungestörte Ecke, in all dem Trubel, obwohl alle Reisenden daran vorbeilaufen, es ist der Eingang in die Abflughalle. Aber der ist recht breit, man kann den Menschenstrom wie einen vorbeiziehenden Fischschwarm betrachten. Ich hatte noch ein bißchen Proviant, zwei oder drei hart gekochte Eier und Äpfel. Ein Kaffeeautomat war glaube ich auch in der Nähe. Auf dem festgeschraubten Abfalleimer neben den Sitzen lag eine vergessene Kronen-Zeitung. Davon hatte ich schon einmal gehört. So eine Art Wiener Bild-Zeitung. Im Flieger nach Wien saß ein Herr neben mir, der u. a. auch die Kronenzeitung als Lektüre dabei hatte. Ich konnte das Titelblatt lesen. Bzw. anschauen. So viel zu lesen war da nicht. Lauter Herzen waren drauf. In jedem Herz war das Foto von einer europäischen Prinzessin oder Adligen, die gerade Nachwuchs gekriegt hat. Also Viktoria von Schweden und Duchess Kate und noch eine. Das hätte ich mir jetzt auf der Bild-Zeitung nicht so richtig vorstellen können. Die Prioritäten sind doch irgendwie anders. Ich glaube, die Herzen waren auch noch rosa umrandet. Wie eine Barbiepuppen-Zeitung für kleine Mädchen. Ich habe mir die Kronen-Zeitung vom Müllschlucker genommen und zum Zeitvertreib darin geblättert. Diesmal waren keine Adligen drauf. Ich habe vergessen, was die Schlagzeilen vom 16. Mai waren. Die Zeitung war auch schnell durchgeblättert. Sport war auch drin. Und Meldungen von anderen österreichischen Bundesländern. Und ein bißchen Conchita, die ja gerade den Grand Prix gewonnen hatte. Aber das war ja auch schon wieder eine Woche her. Am interessantesten war für mich, dass in den Klatschspalten – wobei ja fast die ganze Zeitung eine einzige Klatschspalte ist – viele Leute erwähnt wurden, die man wahrscheinlich nur in Österreich oder Wien kennt. Jedes Land hat eben so seine ureigene Landes-Prominenz. Dass aber die Meldung, dass Herr Mörtel Lugner mit seiner Verlobten am Tag vorher um 16:23 Uhr oder so ähnlich in Schwechat gelandet ist, ein derartig großer Aufmacher war, hat mich ein bißchen enttäuscht. Ist das denn wirklich der wichtigste Prominente in Österreich? Wenn Conchita nicht wäre, hätte die Zeitung vielleicht auch noch melden müssen, wann sein Taxi von Schwechat in seiner Wiener Villa angekommen ist. Es gab dann auch noch eine Politisiererei über ein Anti-Bettler-Gesetz in den Innenstädten, das war dann doch recht deprimierend als Lektüre. Ich habe die Zeitung wieder ordnungsgemäß zurück auf den Mülleimer gelegt, wo sie bestimmt nicht verkehrt platziert ist. Weil ich kein ungelesenes Buch dabei hatte, sondern nur einen kleinen Reise- und Kaffeehausführer, habe ich angefangen, mit meiner Kamera herumzuspielen. Natürlich von da an immer im Bewusstsein, dass ich an dem exclusiven Ort warten durfte, wo am Tag vorher noch Mörtel mit seiner Mausi oder wie sein aktuelles Gspusi heißt, leibhaftig durchgelaufen ist. Ich habe mir darauf ein Ei gepellt. Leider war das Abflughallenrestaurant gerade im Umbau, sonst hätte ich es mir da gemütlich gemacht. Es gab als Provisorium so eine Art Kaffeebar mit Snacks, da hätte man aber nur auf so Barhockern, auch mitten in der Halle sitzen können. Das ist ja noch unbequemer. Auf Barhocker setzte ich mich nur in einer echten Bar, doch nicht mitten in einer Abflughalle bei greller Beleuchtung, wo noch nicht mal ein Verehrer neben einem sitzt, an den man sich trunken lehnen kann. So ein Barhocker hat ja nicht einmal eine richtige Lehne. Also blieb ich weiter in meiner rosa Manner-Ecke.

Wenn man so ein Weilchen gegenüber von der Manner-Reklame-Wand sitzt, merkt man auch, dass so ein Altrosa, auch wenn es nicht die persönliche Lieblingsfarbe ist, irgendwie heimelig und beruhigend wirkt. Auch habe ich die Manner-Neapolitaner-Schnitten immer gerne gegessen. Die gibt es ja überall in Deutschland. Schon immer. Seit meiner frühestens Kindheit kenne ich die kleinen rosa-silbern eingeschlagenen Waffelpäckchen mit der hochfein aufgestrichenen Haselnusscreme mit dem vollendet wunderbaren Nougat-Geschmack zwischen den vielen zarten Waffelschichten. Die Verpackung hat sich seit Jahrzehnten nicht verändert. Irgendwie hat es mich gerührt, als ich beim Eintreffen in Wien von dieser großen Reklame begrüßt worden bin. So etwas Vertrautes. Und damit man es noch einmal wirklich begreift, dass die Manner-Schnitten nicht von irgendwo in Österreich kommen, ist der Stephansdom auf der Verpackung mit drauf. Das war mir vorher auch gar nicht so richtig bewusst. Aber nun hatte ich ja Zeit, ausgiebig darüber zu meditieren. Und jetzt, daheim in Berlin, habe ich sogar die Zeit und Muße, mich ganz genau über die ehrwürdige Historie der Manner-Schnitten zu informieren. Im Wikipedia steht wieder einmal sehr informativ: „Josef Manner betrieb ein kleines Geschäft am Stephansplatz in Wien, in dem er Schokoladen und Feigenkaffee verkaufte. Da ihn die Qualität der Schokolade seines Lieferanten nicht zufriedenstellte, erwarb Herr Manner die Konzession und das Lokal eines kleinen Schokoladenerzeugers und gründete am 1. März 1890 die CHOCOLADENFABRIK JOSEF MANNER.

Über die Erfindung der berühmten Waffelschnitten lese ich auf der firmeneigenen Seite: „Die Geburt eines Süßwarenklassikers! im Jahre 1889: „Nachdem gestern die bereits seit einigen Tagen erwartete Lieferung Haselnüsse aus Neapel eingetroffen ist, konnte heute erstmals mit der Serien-Produktion der neuen Waffelschnitten begonnen werden. Da bereits einige Schnitten-Variationen angedacht sind, wage ich noch keine Prognose – die heute produzierten Neapolitaner Schnitten No. 239 scheinen mir persönlich aber besonders gelungen!“ Das kann man wohl sagen. Unsterblich, ja ein Wiener Kulturgut ersten Ranges sind die Neapolitanerschnitten von Manner! So ist es nur gerechtfertigt, wenn man ein Erinnerungsfoto von sich mit der rosa Wand und dem Wien-Schriftzug anfertigt. So als letztes Bildsouvenir, bevor man österreichischen Boden verlässt. Waren so meine Gedanken. Aber so schnell wollte mich Wien nicht aus seinen Fängen lassen.
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28. Dezember 2014

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Wie lange braucht man von Wien nach Schwechat mit dem Taxi? Keine dreiviertel Stunde? Mir war so. Schaut man in einer Suchmaschine, wie lange das dauert, heißt es ca. 25 Minuten, je nach Verkehrsaufkommen und Bezirk. Aber eine gute halbe Stunde war es schon. Die Wiener Stadtgrenze war schon noch zehn bis fünfzehn Minuten von Wieden entfernt. Und geregnet hat es weiterhin. Auch dehnt sich die Wahrnehmung der Zeit, wenn man sich nicht unterhält. An den Fahrer kann ich mich nicht erinnern. Es war ein Mann und er war eher der diskrete Fahrer, der den Fahrgast nicht als potentiellen Empfänger seiner Einschätzung der Weltlage betrachtet. Was aber mitunter auch amüsant sein kann. Ich bin da immer recht offen. Er aber war also geradezu stumm und ich hatte Gelegenheit, meinen Gedanken nachzuhängen und Wien und Niederösterreich durch die verregnete Scheibe auf mich wirken zu lassen. Die Flughafenstrecke. Sie ist, je näher man dem Flughafen kommt, wie es oft so ist, recht ernüchternd. Kein einziges Barockpalais, kein Kaffeehaus säumt den Weg. Die Beschilderung hat eine furchtbar nüchterne Typographie. Geradezu neuzeitlich. Wenn man noch nicht in Wien war, wie ich bei der umgekehrten Route, eine Woche vorher, weiß man ja nur diffus, was einen am Fahrziel erwartet, hat das eine oder andere Bild im Kopf. Aus Filmen, Dokumentationen, Zeitschriften. Das schon auch dem entspricht, was man vorfindet. Aber ich kenne es auch, dass man sich innerlich ein geschlossenes Bild von einem schönen Ort macht, und dann ernüchtert feststellt, dass sich das Schöne und Postkartenhafte auf ein paar wenige Straßenzüge beschränkt, auf einen ganz eingegrenzten Bereich. Und obwohl ich hauptsächlich auch im exclusivsten Ghetto der Weltkulturerbe-Schönheiten Wiens unterwegs war, im ersten Bezirk, habe ich keine so scharfe Abgrenzung wahrgenommen. Man muss nicht so sehr mit der Lupe in nicht so ganz inneren Bezirken nach vergleichbar Sehenswertem suchen, wie in manchen anderen Städten, die im Krieg sehr gelitten haben. Wenn man dann also im Taxi den umgekehrten Weg nimmt, und Wien verinnerlicht hat, als komplexes, organisches Wesen, in dem sich Zell- und vielleicht auch Bakterienstämme erhalten und weiter entwickeln konnten, die woanders ausgerottet sind, und schlagartig mit der nüchternen Industrielandschaft auf dem Weg nach Schwechat konfrontiert ist, ist es ein bißchen ein Gefühl wie vom Markusplatz in Venedig zu einem Reisebusparkplatz in einer italienischen Vorstadt katapultiert zu werden. Kein Kanal, keine Gondel, kein Renaissancepalast, kein bröckelnder Putz. Die Wiener Altstadt ist halt Venedig. In Prag habe ich auch sehr schöne Patina gesehen. Das war auch zauberhaft. Paris auch. Aber ich kann überhaupt kein tschechisch, so weit sind die familiären Herkunftswurzeln nicht gewachsen. Aber Österreichisch ist mir keine so dermaßen fremde Fremdsprache. Französisch hingegen verstehe ich nurmehr rudimentär, weil ich zu faul war, es zu pflegen, da geht mir auch das Herz nicht auf. Aber ein Begriff wie Mehlspeise hat in meiner Familie Tradition, das ist halt verwurzelt. Und dieser und jener. Mein Großvater hat auch immer nur vom Stiegenhaus gesprochen. Treppe war für ihn ein hochdeutsches Fremdwort. Das habe ich ja alles schon einmal erhellt. In Wien habe ich kein Gefühl von Fremdheit gehabt, im Gegenteil. Manchmal fast schon erschütternd familiär. Die ganzen Ausdrücke. So wie mir in Prag die Küche ebenso erschütternd familiär vorkam. Da war es nur die Küche. Lange her. Irgendwann Mitte der Neunziger war ich für sechs Tage in Prag. Damals mit einem Liebhaber, der sehr ortskundig war. Aber das ist eine andere Geschichte. Denn nun war ich im Taxi nach Schwechat. Sehr zeitig am Flughafen. Eigentlich zu früh, vielleicht Viertel vor Zwölf. Um Eins würde erst das Einchecken beginnen für den Flug nach Berlin, der für Punkt fünfzehn Uhr terminiert war. Für die überstürzte Besichtigung von noch irgendeiner Sehenswürdigeit in Wien hätte ich keine Nerven gehabt, mit dem Gepäck. Lieber ein bißchen Zeit totschlagen am Flughafen. Nach Parfüm und Souvenirs kaufen stand mir nicht der Sinn. Meine Souvenirs sind halt meine Bilder. Parfüm hab ich auch noch. Der Schalter für meinen Flieger war schon früher besetzt und ich konnte schon das Gepäck aufgeben und durch die Sicherheitskontrolle. Ich schaute in der Abflughalle, wo ich möglichst bequem und ungestört sitzen könnte. Da ist diese große Wand mit der rosa Manner-Reklame. Gegenüber an der Wand waren mehrere Sitzplätze für Behinderte ausgewiesen und noch einer extra für eine Begleitung. Auf den hab ich mich gesetzt.

Außer mir war da niemand. Eine ungestörte Ecke, in all dem Trubel, obwohl alle Reisenden daran vorbeilaufen, es ist der Eingang in die Abflughalle. Aber der ist recht breit, man kann den Menschenstrom wie einen vorbeiziehenden Fischschwarm betrachten. Ich hatte noch ein bißchen Proviant, zwei oder drei hart gekochte Eier und Äpfel. Ein Kaffeeautomat war glaube ich auch in der Nähe. Auf dem festgeschraubten Abfalleimer neben den Sitzen lag eine vergessene Kronen-Zeitung. Davon hatte ich schon einmal gehört. So eine Art Wiener Bild-Zeitung. Im Flieger nach Wien saß ein Herr neben mir, der u. a. auch die Kronenzeitung als Lektüre dabei hatte. Ich konnte das Titelblatt lesen. Bzw. anschauen. So viel zu lesen war da nicht. Lauter Herzen waren drauf. In jedem Herz war das Foto von einer europäischen Prinzessin oder Adligen, die gerade Nachwuchs gekriegt hat. Also Viktoria von Schweden und Duchess Kate und noch eine. Das hätte ich mir jetzt auf der Bild-Zeitung nicht so richtig vorstellen können. Die Prioritäten sind doch irgendwie anders. Ich glaube, die Herzen waren auch noch rosa umrandet. Wie eine Barbiepuppen-Zeitung für kleine Mädchen. Ich habe mir die Kronen-Zeitung vom Müllschlucker genommen und zum Zeitvertreib darin geblättert. Diesmal waren keine Adligen drauf. Ich habe vergessen, was die Schlagzeilen vom 16. Mai waren. Die Zeitung war auch schnell durchgeblättert. Sport war auch drin. Und Meldungen von anderen österreichischen Bundesländern. Und ein bißchen Conchita, die ja gerade den Grand Prix gewonnen hatte. Aber das war ja auch schon wieder eine Woche her. Am interessantesten war für mich, dass in den Klatschspalten – wobei ja fast die ganze Zeitung eine einzige Klatschspalte ist – viele Leute erwähnt wurden, die man wahrscheinlich nur in Österreich oder Wien kennt. Jedes Land hat eben so seine ureigene Landes-Prominenz. Dass aber die Meldung, dass Herr Mörtel Lugner mit seiner Verlobten am Tag vorher um 16:23 Uhr oder so ähnlich in Schwechat gelandet ist, ein derartig großer Aufmacher war, hat mich ein bißchen enttäuscht. Ist das denn wirklich der wichtigste Prominente in Österreich? Wenn Conchita nicht wäre, hätte die Zeitung vielleicht auch noch melden müssen, wann sein Taxi von Schwechat in seiner Wiener Villa angekommen ist. Es gab dann auch noch eine Politisiererei über ein Anti-Bettler-Gesetz in den Innenstädten, das war dann doch recht deprimierend als Lektüre. Ich habe die Zeitung wieder ordnungsgemäß zurück auf den Mülleimer gelegt, wo sie bestimmt nicht verkehrt platziert ist. Weil ich kein ungelesenes Buch dabei hatte, sondern nur einen kleinen Reise- und Kaffeehausführer, habe ich angefangen, mit meiner Kamera herumzuspielen. Natürlich von da an immer im Bewusstsein, dass ich an dem exclusiven Ort warten durfte, wo am Tag vorher noch Mörtel mit seiner Mausi oder wie sein aktuelles Gspusi heißt, leibhaftig durchgelaufen ist. Ich habe mir darauf ein Ei gepellt. Leider war das Abflughallenrestaurant gerade im Umbau, sonst hätte ich es mir da gemütlich gemacht. Es gab als Provisorium so eine Art Kaffeebar mit Snacks, da hätte man aber nur auf so Barhockern, auch mitten in der Halle sitzen können. Das ist ja noch unbequemer. Auf Barhocker setzte ich mich nur in einer echten Bar, doch nicht mitten in einer Abflughalle bei greller Beleuchtung, wo noch nicht mal ein Verehrer neben einem sitzt, an den man sich trunken lehnen kann. So ein Barhocker hat ja nicht einmal eine richtige Lehne. Also blieb ich weiter in meiner rosa Manner-Ecke.

Wenn man so ein Weilchen gegenüber von der Manner-Reklame-Wand sitzt, merkt man auch, dass so ein Altrosa, auch wenn es nicht die persönliche Lieblingsfarbe ist, irgendwie heimelig und beruhigend wirkt. Auch habe ich die Manner-Neapolitaner-Schnitten immer gerne gegessen. Die gibt es ja überall in Deutschland. Schon immer. Seit meiner frühestens Kindheit kenne ich die kleinen rosa-silbern eingeschlagenen Waffelpäckchen mit der hochfein aufgestrichenen Haselnusscreme mit dem vollendet wunderbaren Nougat-Geschmack zwischen den vielen zarten Waffelschichten. Die Verpackung hat sich seit Jahrzehnten nicht verändert. Irgendwie hat es mich gerührt, als ich beim Eintreffen in Wien von dieser großen Reklame begrüßt worden bin. So etwas Vertrautes. Und damit man es noch einmal wirklich begreift, dass die Manner-Schnitten nicht von irgendwo in Österreich kommen, ist der Stephansdom auf der Verpackung mit drauf. Das war mir vorher auch gar nicht so richtig bewusst. Aber nun hatte ich ja Zeit, ausgiebig darüber zu meditieren. Und jetzt, daheim in Berlin, habe ich sogar die Zeit und Muße, mich ganz genau über die ehrwürdige Historie der Manner-Schnitten zu informieren. Im Wikipedia steht wieder einmal sehr informativ: „Josef Manner betrieb ein kleines Geschäft am Stephansplatz in Wien, in dem er Schokoladen und Feigenkaffee verkaufte. Da ihn die Qualität der Schokolade seines Lieferanten nicht zufriedenstellte, erwarb Herr Manner die Konzession und das Lokal eines kleinen Schokoladenerzeugers und gründete am 1. März 1890 die CHOCOLADENFABRIK JOSEF MANNER.

Über die Erfindung der berühmten Waffelschnitten lese ich auf der firmeneigenen Seite: „Die Geburt eines Süßwarenklassikers! im Jahre 1889: „Nachdem gestern die bereits seit einigen Tagen erwartete Lieferung Haselnüsse aus Neapel eingetroffen ist, konnte heute erstmals mit der Serien-Produktion der neuen Waffelschnitten begonnen werden. Da bereits einige Schnitten-Variationen angedacht sind, wage ich noch keine Prognose – die heute produzierten Neapolitaner Schnitten No. 239 scheinen mir persönlich aber besonders gelungen!“ Das kann man wohl sagen. Unsterblich, ja ein Wiener Kulturgut ersten Ranges sind die Neapolitanerschnitten von Manner! So ist es nur gerechtfertigt, wenn man ein Erinnerungsfoto von sich mit der rosa Wand und dem Wien-Schriftzug anfertigt. So als letztes Bildsouvenir, bevor man österreichischen Boden verlässt. Waren so meine Gedanken. Aber so schnell wollte mich Wien nicht aus seinen Fängen lassen.
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27. Dezember 2014


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Bye bye. Sechzehnter Mai. Mein Flieger geht erst am Nachmittag aber Schwechat ist eine dreiviertel Stunde von Wien entfernt. In Niederösterreich, wie ich gelernt habe. Und ich bin auch gerne zeitig beim Einchecken. Und es gab auch eine vereinbarte Zeit am Vormittag, bis wann wir die Bleibe verlassen sollten. Ich glaube elf Uhr. Hat ja alles irgendwie gepasst. Wir haben noch gefrühstückt, aber so halb jeder für sich, wie auch jeder für sich sein Bündel zu packen hat. Seinen Rucksack oder Koffer oder Reisetasche. Mir ist, als hätte Duke mehr Gepäck dabei gehabt als ich, vom Umfang her. Obwohl ich diejenige war, die dauernd andere Sachen angezogen hat. Aber er hatte noch einen Weg vor sich, der ihn nicht zu sich heim führte, sondern zu einem Auftritt, irgendwo in Deutschland, nicht da, wo er wohnt. Sein Zug ging früher, als ich zum Flughafen musste. So war es ein Abschied, der eher von möglichst schnellem Zusammensuchen aller Siebensachen getragen war. Ich wollte möglichst wenig Spuren hinterlassen, und hatte noch zu tun, das eine oder andere Möbel an den alten Platz zu rücken. Ein paar abgehängte Bilder von Familienschlössern wieder über dem Bett aufzuhängen. Unser Gastgeber, dessen Herkunft mich sehr amüsierte, hat wohl das eine oder andere geerbte Bild in der Wohnung verteilt. Aber viel musste ich gar nicht umräumen, das meiste war schon an sich sehr gelungen platziert. Ich mache das gerne, wenn ich länger als eine Nacht wo bin. Mir ist nicht gleichgültig, wie ein Raum aussieht, in dem ich mehrere Tage aufwache und schlafen gehe. Es soll meiner werden. Deswegen habe ich in meinem Gepäck immer ein paar sehr schöne Tücher dabei, mit denen ich allzu grelle Lampen verschleiern kann oder was sonst noch ein schöneres Kleid verträgt. Große, feingewebte Schals und Tücher, die man auch selber anziehen kann, sind ideal. Es muss natürlich immer auch etwas leicht Transparentes in warmen Farben dabei sein. Ich habe da so ein paar Lieblingsteile, die mir schon seit Jahren gute Dienste leisten. Und eine Handvoll Seide wiegt so gut wie nichts.



Also Tücher eingepackt, das Bett wieder gerade gerückt, das mir ein bißchen schief über Eck besser gefiel. Es war interessant, die Reaktion von Duke auf das verrückte Bett zu sehen. Er wusste ja nicht, wie das Zimmer normalerweise aussieht, da er erst einen Tag später kam. Er fragte mich, ob das Bett schon so gestanden hätte, oder ob ich das war, weil es so eine gewisse Raffinesse hätte, wie es im Raum steht, die man normalerweise nicht sieht. Die meisten würden ein Bett nahtlos an die Wand rücken. Ich musste lachen, weil er das erkannt hatte. Wie er das erahnt hatte, obwohl wir uns seit zwölf Jahren nicht mehr gesehen hatten. Sein Bett habe ich aber nicht verrückt. Er hatte sein eigenes, ebenso großes Schlafzimmer mit einem genauso großen Bett. Das war einer der Gründe, warum die Wohnung so ideal erschien, jeder hatte ein Schlafzimmer und ein eigenes Badezimmer für sich, auf verschiedenen Ebenen. Das schöne Wohnzimmer mit den großen Sofas haben wir nicht einmal genutzt, es lag einfach so da, unter der Dachschräge und sah schön aus. Wir saßen fast immer am Esstisch in der offenen Küche, unserem Treffpunkt. Als Duke aus der Dusche kam, hat er etwas ins Gästebuch geschrieben und ich schrieb auch etwas hinein. Für einen Kaffee hatten wir noch Zeit. Als Duke gehen musste, haben wir uns noch einmal gedrückt und ich ein, zwei Tränen zerdrückt. Das passiert eben bei Abschieden, wenn man nicht weiß, für wie lange, oder ob vielleicht sogar für immer. Wenn man in keiner Verpflichtung steht, außer sich gut in Erinnerung zu behalten, ist das nicht so vollkommen klar. Das hat mich ein bißchen überwältigt, in diesem Moment. Er hat ein bißchen hilflos geguckt, weil er es nicht deuten konnte, nehme ich an. Aber es war schon alles in Ordnung. Ich habe dann noch ein bißchen in seinem Zimmer aufgeräumt, die Bettwäsche abgezogen und mit den Geschirr- und Handtüchern auf den Treppenabsatz gelegt. Und Dukes Aschenbecher von der Terrasse ausgeleert. Ein grün-blau-violetter Porzellan-Aschenbecher mit einer feinen Zeichnung von einem chinesischen Mann mit einem Strohhut und einem Hängeschnurrbart. Dann hab ich den Müll und die leeren Flaschen heruntergebracht, das erste und letzte mal. Alles war wieder wie vorher. Ich habe mich noch einmal ganz in Ruhe umgeschaut und allen Zimmern und Fenstern bye bye gesagt und ein paar Fotos gemacht. Leb wohl Küche, leb wohl Schlafzimmer, leb wohl Badezimmer, leb wohl Küchentisch, leb wohl Treppe. Leb wohl du alter Ahnherr auf dem dunklen Ölgemälde im Flur. Gehabt euch wohl. Ich habe nicht Auf Wiedersehen gesagt, sondern bye bye. Obwohl es schön da war. Zu Wien sage ich Auf Wiedersehen, irgendwann. Aber dann in einer anderen Bleibe, irgendeiner Zuflucht, wo ich wieder ein Bett verschieben werde. Wann das sein wird, weiß ich noch nicht. Als ich die Tür hinter mir zuzog, wusste ich auch noch nicht, ob ich im Jahr darauf oder viele Jahre später einmal wiederkommen würde, aber dass es nicht das letzte Mal in Wien war, das spürte ich. Das war ein angenehmes Gefühl. Als ich mit meiner großen Reisetasche und der kleineren über der Schulter vor die Tür trat, wo es schon wieder – oder immer noch regnete, wusste ich, dass ich nur bis zur Ecke laufen musste, zur Wiedener Hauptstraße und ein Taxi würde sich finden. Und so war es auch.


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26. Dezember 2014



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Sacher. Demel. Hawelka. Prater. Riesenrad. Fiaker. Grinzing. Heuriger. Hofburg. Burgtheater. Kaffeehaus. Walzer. Sachertorte. Qualtinger. Einspänner. Schlagobers. Heller. Sezession. Jugendstil. Schönbrunn. Klimt. Schiele. Opernball. Sissi. Conchita. Würschtel. Mehlspeisen. Stephansdom. Naschmarkt. Wien. Finden Sie den Fehler. Ich sage mal so: ein Fehler in dem Sinn, dass sich in der Aufzählung der bekanntesten Wien-Schlager, einer eingemogelt hätte, der nicht hineingehört, ist nicht festzustellen. Die Wienkenner werden die Augen verdrehen, dass hochkarätige Kultur-Erscheinungen wie Alfred Loos und Karl Kraus und die ungefähr siebzig anderen Kaffeehäuser nicht dabei sind. So wie Vieles noch erarbeitet und ergänzt werden müsste. Aber was da oben aufgezählt ist, sind die Dinge und Phänomene, von denen ich unterstelle, dass jeder schon einmal davon gehört hat, der weiß, dass die Stadt Wien überhaupt existiert, ohne sie je betreten zu haben. Und wenn wir uns nun die drei genannten gastronomischen Institutionen Sacher, Demel, Hawelka anschauen, ist es doch schon betrachtenswert, warum ein Kaffeehaus mit so einem komplizierten Namen wie Hawelka da drin ist. Womit hat es das Hawelka geschafft, als eine derartige Sehenswürdigkeit zu gelten, dass man das Gefühl hat, man kann keinesfalls abreisen, ohne wenigstens selbst einmal geschaut zu haben, was es damit auf sich hat? Es ist halt einfach… alles. Die Geschichte. Das Mobiliar. Die ganze Legende. Die Bilder. Die Schummerbeleuchtung. Die Litanei der berühmten Gäste. Die Lage. Dorotheergasse. Erster Bezirk. Alles kommt zusammen. Und das Etablissement ist noch immer in Familienbesitz, seit achtundsiebzig Jahren. Seit die Gründer, der Leopold und die Josefine nicht mehr sind, haben die Kinder und Kindeskinder das Geschäft in die Hand genommen und schnell begriffen, was ja auch nicht schwer ist, dass sie rein gar nichts verändern dürfen. Und bloß nicht renovieren! Das ist die halbe Miete vom Hawelka. Ausgefranste Kanapees. Dunkelgerauchte Wände. Verblichene Kritzeleien. „Vor 30 Jahren waren diese Wänd‘ einmal weiß“ , sagt Günter Hawelka, 69, erklärend. Die seither eingetretene Verdunkelung sieht er als edle Patina an. „Rauchen gehört zum Kaffeehaus mit dazu, denn im Kaffeehaus ist immer geraucht worden. Ein Rauchverbot ist ein Frevel an der Kaffeehauskultur“, ist der Sohn des Hawelka-Namensgebers Leopold Hawelka überzeugt. Das stammt aus einem Artikel im Standard über das Für und Wider der Rauchkultur im Wiener Kaffeehaus. Im Wikipedia lesen wir: Heimito von Doderer schrieb bereits 1960 über das Hawelka: „Es ist bereits in London bekannt, und es treffen auch Leute aus Paris und den Niederlanden im Café Hawelka ein“ – und warum: „Letzten Endes nur deshalb, weil Herr Hawelka nicht renoviert.“ In der Tat ist das Interieur der Räumlichkeiten, das von einem Schüler des Architekten Adolf Loos entworfen worden sein soll, seit 1912 unverändert geblieben. Also auf ins Hawelka. Im Sacher war ich zum Beispiel nicht. Und im Demel auch nicht, aber fast. Das Demel ist ja mehr so ein hochklassiger Tortentempel. Aber im Hawelka kann man sich auch nur zum Saufen und hoffentlich bald auch wieder Rauchen aufhalten. Man muss nicht die ewigen Buchteln essen, man kann auch gleich zu den harten Drogen übergehen!


Über die ganzen Künstler und Prominenten kann man ja überall lesen. Auf der Seite vom Hawelka selber gefällt mir die Formulierung ganz gut: „Während der Sechziger und Siebziger stellt das Café Hawelka schließlich alles dar, was in der Wiener Künstlerszene frisch und tatendrängig ist. Eine Tatsache, die auch immer mehr Berühmtheiten aus dem Ausland anzieht.“ Tatendrängig! Auch ich fühle mich direkt tatendrängig, wenn ich das lese! Der Standard hat es ganz gut beschrieben. Und so eine tumblr-Sammelsurium-Seite gibt es auch. Wer jemals die Heller-Biographie Feuerkopf liest, muss sich durch mehrere Kapitel arbeiten, die sich ausschließlich im Hawelka abspielen. Für Heller war das Lokal seine Privatuniversität, in der er sich bereits im zarten Alter von vierzehn Jahren von Tisch zu Tisch gearbeitet hat, bis er selber ein Teil des Inventars war und auf Augenhöhe mit Qualtinger schwadronieren konnte. Da ist ein anschauliches Amateur-Video, mit einem Schwenk durchs Lokal am Tag. Und da erzählt ab Minute 1:45 der Sohn Günter Hawelka von der Geschichte. Und hier ist noch ein siebenminütiges, etwas gewöhnungsbedürftiges Filmdokument, in dem die Tochter Herta mit ihrem Vater und einer Reporterin auf der Polsterbank zu sehen ist, da wo wir auch gesessen sind. Das etwas merkwürdige an dem Interview ist, dass die Reporterin eigentlich dem alten Hawelka (da war er schon 99, also ein Jahr vor seinem Tod) die Fragen stellt, aber die Tochter antwortet, weil er wahrscheinlich schlecht hört und nicht mehr so ganz beieinander ist. Er sitzt fast ein bißchen wie entmündigt da und rührt in seinem Kaffee und kriegt scheinbar nur die Hälfte mit, wenn überhaupt. Aber immer adrett mit einem Mascherl, wie der Wiener sagt. Die Tochter beantwortet jedenfalls alles komplett. Wahrscheinlich hätte man ihn auch kaum verstanden, wenn er es selber gemacht hätte. Aber immerhin behauptet die Herta, dass er manchmal noch Anweisungen geben würde. Na ja. Wir werden alle einmal alt, so Gott will, jedenfalls. Nur wer jung stirbt, muss sich nicht mit Alterserscheinungen herumplagen. Die drei kleinen Filme geben insgesamt schon einen guten Eindruck. Aber wie schön schummrig es im Dunkeln ist, sieht man auf meinen Bildern. Wir sind vom Griensteidl kreuz und quer durch den Nieselregen hingelaufen, es war schon fast dunkel. Schon am Eingang habe ich mich gleich recht wohl gefühlt, weil ich eine starke Vorliebe für Lokale mit wenig Beleuchtung habe. Da kommt doch eine ganz andere Stimmung auf! Es war von der Uhrzeit her irgendwas zwischen sieben und acht, denke ich. Das Hawelka hat zum Beispiel bis 2 Uhr nachts auf, daran sieht man schon, dass es sich nicht um so ein betuliches Tanten-Café handelt, wo sich alles nur um Zuckerbäckerwerk dreht. Wir haben uns zuerst im hinteren Bereich auf so eine schöne gestreifte, samtgepolsterte Bank gesetzt, da hat man aber nicht so gut gesehen. Gerade wo wir bestellt haben, ist die schönste Polsterbank frei geworden, die vor der Mittelwand steht und von der aus man in den vorderen Gastraum und zur Tür schauen kann.




Ich habe diesmal doch einen Kaffee Maria Theresia bestellt, weil er anders als im Griensteidl ohne die komischen Zuckerstreusel gemacht wird. Knirschende Zuckerstreusel brauche ich nicht auf dem Kaffee! Außerdem meine ich, dass der Alkohol eine Mischung aus Orangenlikör und Weinbrand war. Es gibt da ein paar kleine Varianten in der Zubereitung. Hier ist ein sehr schönes Rezept: „Maria Theresia hat es dagegen gerne hochprozentig, mit einem (sehr oft großzügigen) Schuss von (zu gleichen Teilen) Orangenlikör und Weinbrand, im verlängerten Mocca, mit Orangenzesten, Zucker und Schlagobersgupf, ebenfalls im Laufglas serviert.“ Und da ist noch eins mit schönem Foto. Jedenfalls hat mir der Maria-Theresia-Kaffee vom Hawelka ganz ausgezeichnet geschmeckt. Auch liebe ich recht viel Schlagobers oben drauf. Wenn ich das Bild mit unserem Tisch so betrachte, scheint es mir, als hätte Duke sogar Kaffee getrunken. Wahrscheinlich einen Verlängerten. Auf keinen Fall mit Schlag. Da wird ihm schlecht! Es ist nicht bei einem Maria-Theresia-Kaffee bei mir geblieben, weil es doch sehr gemütlich war, da zu sitzen und hinaus in den Regen zu schauen, wie er so an die Scheiben und auf das Kopfsteinpflaster der nächtlichen Dorotheergasse prasselt. Ich war wirklich froh, dass das letzte Lokal so ein schönes war, wo man nicht insgeheim gedacht hat, viel Tamtam um Nichts! Es ist halt furchtbar bequem da. Und der Ober lässt einen in Ruhe. Wer etwas anderes wahrgenommen hat, muss vielleicht noch einmal nach Einbruch der Dunkelheit hin, an einem schönen Regentag.



Wie der Abend zu Ende gegangen ist, möchte ich mit Hilfe eines Auszuges aus einer Antwortmail an Victor beschreiben, in der ich vor ungefähr drei Wochen unter anderem auf seine Frage antwortete, was ich mir bei meinem nächsten Wienbesuch anschauen wollen würde: „(…) und die Burg würde ich mir auch anschauen, in eine Aufführung gehen und ins Café Landtmann darunter. Ich habe ja auch nicht einmal das Hotel Sacher richtig vor mir gehabt, weil keine Zeit war, war ich in der Ecke gar nicht und das gehört doch dazu und dann habe ich den Taxifahrer am letzten Abend, nachdem wir im Hawelka waren, und es schon dunkel war und in Strömen geregnet hat, gebeten, doch bitte wenigstens mit dem Taxi einmal da vorbeizufahren, am Sacher und an der Burg und da hat er dann eine richtige kleine Stadtrundfahrt draus gemacht, mit viel extra Erklärungen auch zum Parlament – aber da hat er dann angefangen zu politisieren und da wurde es ein bißchen haarig. Er hat allen Ernstes Adolf Hitler erwähnt. Also irgendwie entschuldigend. Da habe ich ziemlich geschluckt. Duke hat dann auch, nachdem bis dahin alles sehr freundlich und nett war im Taxi, einen energischen Einwand gebracht, frag mich nicht mehr, was genau. Ich war nur saufroh, dass wir bald in der Lambrechtgasse waren. Die Stimmung war dann etwas abgekühlt, weil der alte Wiener gemerkt hat, dass wir nicht in dieselbe Richtung wie er denken. Huiuiui. Das war ein Schauspiel für sich…“ Ja. So war das. Ich habe also das Sacher durch die Scheibe im nächtlichen Regen gesehen. Und das Burgtheater. Und das Parlament. Wo die Kasperln drin sind, das Kasperltheater, wie der Taxifahrer gemeint hat. Wo er noch lustig war. Es kann ja auch nicht alles immer komplett perfekt sein. Aber es war schon nah dran. Wir sind nicht so spät in der Lambrechtgasse angekommen, denn wir wollten noch essen, es war ja noch einiges im Eiskasten, wie der Wiener sagt. Und richtiger Champagner sogar und Rotwein, der musste ja auch weg. Ich hätte im Flieger ja auch gar keine Flasche mitnehmen dürfen. Packen mussten wir auch noch. Was man alles muss, wenn man Wien verlassen muss. Ich habe noch ein paar Bilder für morgen und übermorgen und sogar überübermorgen in petto. Es wird noch ausführlich abgereist. Da bin ich sehr genau. Das war nicht der letzte Streich. Und wenn dieses ereignisreiche Jahr nun zu Ende geht, werde ich in meinem Flieger sitzen, heim von Wien nach Berlin und Duke in seinem Zug.
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25. Dezember 2014



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Durch den Regen ohne Regenschirm, zum Griensteidl. Vom Hofburghof durchs Michaelertor, quer über den Michaelerplatz, zum Palais Herberstein. Da wo eine brünette Wiener Lili Marleen an der Laterne steht, mit blutrotem Barett. Schon mal gehört „Griensteidl“. Gesehen sowieso, ich war ja nicht zum ersten mal am Michaelerplatz, sondern zum zweiten Mal. Schon eine Profi-Touristin! Und als solche kann man auch einmal vor dem Regen ins Griensteidl flüchten. Das nehme ich gerne noch mit. Also wir. Schön warm drin, kaffeehausmäßige Möblierung, wie man es sich ungefähr vorstellt. Eine ältere Dame, die Bedienung für unseren kleinen Tisch, nah der Eingangstür mit Blick auf die rechte Kuppel vom Michaelertrakt (wenn ich mich umdrehe), nimmt patent die Bestellung auf. Sie wirkt, als ob sie zum Inventar gehört und kurz vor der Rente steht. Ganz unwienerisch bestelle ich einen Irish Coffee, weil ich Lust auf ein bißchen Alkohol, aber auch Kaffee habe. Dem Kaffee „Maria Theresia“ traue ich da noch nicht ganz, weil er mit einem Orangenlikör gemacht ist und ich keine Freundin von Likören außer Eierlikör bin. Duke bestellt einen Gespritzten. Überhaupt bestellt er recht wenig Kaffee, wenn wir in Kaffeehäusern sind, fällt mir auf. Ich schaue mich um und habe es mittlerweile ausgefuchst heraus, ohne geringstes Aufheben (der Kamera) ein Potpourri von Bildern zu machen, die sich nicht nur auf den Radius unserer marmornen Tischplatte erstrecken. In der Getränkekarte habe ich fasziniert und auch ein bißchen überrascht von der beeindruckenden Geschichte des Kaffeehauses gelesen, wer so alles aus- und eingegangen ist. Und ein bißchen bin ich innerlich verwundert, dass davon eigentlich nichts in der Atmosphäre zu liegen scheint. Es wirkt gutbürgerlich aufgeräumt und eher patinafrei, ein Café für adrette ältere Damen und Herrschaften und Hofburg-Reisende aus aller Herren Länder. Aber dass hier einmal Karl Kraus vor sich hingedacht haben soll, will sich mir nicht so ganz erschließen. Offenbar gab es grundlegende Renovierungen, denke ich noch, und die feudale Lage wird im Laufe der Jahrzehnte, um nicht von Jahrhunderten zu reden, zu einer Modifikation des Publikums geführt haben. Vielleicht war es früher ja einfach bohèmehafter und erschwinglicher und hat Künstler und Literaten angezogen. Es ist so ein ähnliches Gefühl, wie es mich beim Café Central beschlichen hat. Ich kann mir beim Griensteidl beim besten Willen nicht vorstellen, dass man mehrere Stunden dort verbringt und dabei gar ein Roman Gestalt annimmt.


Auch ist Rauchen nicht gestattet. Das läuft dem ja schon allein zuwider. Ein echter Literat neigt zum Tabak. Ich sehe das immer gerne. Obwohl ich selber selten rauche. Mir gefällt aber das Ritual, gerade im Kaffeehaus. Die Gedanken müssen sich in kreisförmigen Rauchwölkchen unter den kugeligen Milchglas-Lampen auflösen dürfen. Mein alkoholisierter irischer Kaffee hat gut geschmeckt und ich habe mich derweil an dem Anblick des zeitungslesenden Herrn mit den grauen Schläfen gefreut, der sich die ganze Zeit als vollendetes Klischee-Kaffeehaus-Motiv in meiner Sichtachse befunden hat. Mit großer Ruhe und Konzentration hat er die Zeitung studiert. Nachdem wir alle Eindrücke in uns aufgenommen hatten, und die Getränke so gut wie getrunken waren, kam ungerufen unsere patente Bedienung und hat mit humoriger Ansprache angekündigt, dass sie abkassieren muss, weil sie Schichtende hat. Leider kann ich mich überhaupt nicht an den genauen Wortwechsel erinnern, aber daran, dass wir uns amüsiert haben. Man kann sagen, die Dame hatte Mutterwitz. Es hat schon gepasst, mit dem Abkassieren, weil dann auch stark der Abend dämmerte und ich innerlich schon woanders unterwegs war.



Ich wollte an dem allerletzten Abend noch eine richtige Kaffeehaus-Legende besuchen, also eine spürbare. Das Griensteidl war ja nicht großartig geplant, es lag so schön da. Und nun, ein gutes halbes Jahr später, daheim in Berlin, begreife ich, warum ich die in der Getränkekarte erwähnte, traditionsschwangere Geschichte des Griensteidl so gar nicht fühlen konnte. Im Planet Vienna stehen immer recht unverblümte Dinge, stelle ich fest. Denn dort lese ich:


„Fast hundert Jahre war das Café Griensteidl verschwunden und vergessen, bis es 1990 im Palais Herberstein wiedereröffnet wurde. Ähnlich wie das Central fand das Griensteidl in der Schalterhalle einer Bank sein neues Quartier, doch vom alten Charme dürfte heute kaum mehr etwas zu spüren sein, obschon man sehr darum bemüht war, das Lokal möglichst authentisch mit allen Schikanen einzurichten, die ein typisches Wiener Kaffeehaus ausmachen. Optisch hat man das sicherlich erreicht, doch bis auf einige alte Wiener Damen, die ein Champagnerfrühstück oder einfach einen Kaffee geniessen, lässt das Kaffeehaus den Besucher kaum etwas von Wiener Urigkeit spüren. Vielmehr besuchen das Lokal Touristen, die in gutem, aber falschem Glauben sind, nun ein Stück altes Wien kennen gelernt zu haben.“




Und im Wikipedia erfährt man dann die gesamte Historie, die eben in gewissermaßen fragmentarischer Eleganz, charmant zur Begrüßung in der Karte steht, ohne unnötig plump darauf hinzuweisen, dass an dieser allerersten Adresse am Michaelerplatz zwei, annähernd hundert Jahre lang überhaupt kein Kaffee ausgeschenkt worden ist, und schon gar keine Literatur zusammengedacht. Abgesehen von blumig formulierten Geschäftsbedingungen zur Kontoführung. Die Legende des seinerzeit im Volksmund keck als „Café Größenwahn“ titulierten Lokals rührt also aus einer sehr arg versunkenen Zeit, so lese ich:



„Das Griensteidl war im späten 19. Jahrhundert ein berühmtes Künstlerlokal. Das Kaffeehaus befand sich am Michaelerplatz im Palais Dietrichstein, gegenüber dem alten Burgtheater und der Hofburg. Das Café Griensteidl, 1847 von dem vormaligen Apotheker Heinrich Griensteidl eröffnet, wurde rasch ein Treffpunkt Wiener Literaten. Später verkehrten Persönlichkeiten von Franz Grillparzer bis Schönerer hier. Das Café war auch ein Hauptquartier der Arbeiterbewegung und ihrer Führungsfiguren, u. a. Victor Adler und Friedrich Austerlitz. Besonders berühmt wurde es als Sammelplatz der Autoren des Jung-Wien. Zu den Schriftstellern, die hier verkehrten, gehörten Hermann Bahr, Hugo von Hofmannsthal, Arthur Schnitzler, der junge Rudolf Steiner sowie der junge Karl Kraus. Im Januar 1897 wurde das Gebäude, in dem sich das Café befand, im Zuge der Neugestaltung des Michaelerplatzes abgerissen. Am 25. Januar 1897 war im Illustrierten Wiener Extrablatt zu lesen: „Die treuen Stammgäste feierten den Untergang des Locales mit einem großartigen Leichenschmaus. Nach Mitternacht waren sämtliche Vorräthe an Speis und Trank vergriffen und es wurden nur noch Ohrfeigen verabreicht. Sonst war die Stimmung famos.“ Die Ohrfeige hatte Felix Salten Kraus für eine Passage der demolirten Literatur verpasst, was Schnitzler in seinem Tagebuch mit den Worten vermerkte: „gestern abends hat Salten im Kaffeehaus noch den kleinen Kraus geohrfeigt, was allseits freudig begrüßt wurde.“ ( … )



Die beeindruckende Gästeliste vom alten Griensteidl umfasste also unter anderen Peter Altenberg, Hugo von Hofmannsthal, Karl Kraus, Arthur Schnitzler, Arnold Schönberg, Hugo Wolf, Rudolf Steiner, Stefan Zweig und viele andere mehr. Ich habe nur die erwähnt, die mir selbst auf Anhieb etwas sagen, ohne dass ich recherchieren müsste, um wen es sich handelt. Das ist also das Geheimnis und die Erklärung. Aber nichtsdestotrotz muss ich Planet Vienna abermals recht geben, wenn dort versöhnlich vermerkt wird: „Ein Besuch im Griensteidl lohnt sich auf jeden Fall. Wer nicht weiss, dass das Kaffeehaus was Neues ist, das auf Alt macht, der wähnt sich hier an einem sehr wienerischen Ort. So kann man hier ein durchaus schönes Ambiente geniessen. Allein die Lage am Platz mit der Michaelerkirche und dem monumentalen Michaelertor ist einmalig.“ Ganz genau. Allein der Blick auf den Michaelertrakt mit den Hofburgkuppeln lohnt einen kleinen Besuch. Man sollte schon einmal den schönen Blick durchs Fenster gehabt haben. Lieber ein vor einem Vierteljahrhundert neuauferstandenes Kaffeehaus im immerhin auch schon bald hundertzwanzig Jahre alten Neubau des Palais Herberstein, als eine langweilige Schalterhalle für Bankgeschäfte. Schon eine begrüßenswerte Wiedergeburt. Und immerhin war für sieben Jahre lang die Redaktion vom Standard direkt über dem neuen Griensteidl. Ein bißchen spirituelle Reinigung und geistige Belebung, nach all den Bankschalterjahren. Da soll man nicht jammern. Lieber ein Kaffeehaus-Plagiat mehr und ein Bankschalter-Original weniger am Michaelerplatz. Und außerdem gibt es ja zum Glück noch ein paar Kaffeehäuser mit beeindruckend ungebrochener Tradition und richtiger Patina. Wovon ich mich gleich danach überzeugen konnte.


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24. Dezember 2014

„Durch ein prunkvolles Tor und eine gewaltige kuppelüberwölbte Halle erreicht man die Kaiserappartements der Wiener Hofburg, die ehemaligen Wohnräume von Kaiser Franz Joseph und seiner Sissi. Neben den privaten Räumen sind auch die Repräsentationsräume und die kaiserl. Hofsilber- und Tafelkammer zu besichtigen. Gemächer, die Prunk und Glanz eröffnen, wohin das Auge blickt. Palisandermöbel, belgische Gobelins und Kronleuchter aus böhmischem Kristall schmücken die Gemächer“



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Die Hofburg. Und die Sisi. Ein paar Wochen habe ich nun mit verschiedenen Recherchen zugebracht, weil ich gerne den Zusammenhang zwischen der Wiener Hofburg und seiner bekanntesten Bewohnerin nicht gänzlich unvermittelt lassen wollte. Meine Wienreise war keine Sisi-Reise. Ich war nicht auf ihren Spuren unterwegs, aber dennoch ist sie in meinem Hinterkopf. Die Schreibweise Sissi rührt von den Romy-Filmen, den drei Marischka-Filmen aus den Fünfziger Jahren. Darüber, ob „Sisi“ nicht eigentlich eine „Lisi“ war, und ihre Handschrift fehlinterpretiert wurde, darüber wurde erst unlängst diskutiert. Eines aber vorweg – Sis(s)i hin, Lisi her. Die Frau, die diesen Mythos in die Welt gebracht hat, sie selbst, hätte heute ihren 177. Geburtstag. Sie wurde am 24. Dezember 1837 in Possenhofen bei München geboren. Und wenn ich mir die neuere Geschichtsforschung anschaue, die ja auch nun schon nicht mehr so neu ist, lese ich zwar interessiert von der Eigenwilligkeit und Exzentrik, die mehr in unsere Zeit zu passen scheint, aber wirklich sympathisch ist sie mir nicht. Dunkel kann ich mich erinnern, dass ich schon früh irritiert war, als ich erstmalig Fotografien der realen Elisabeth sah, dass sie so überhaupt keine Ähnlichkeit mit der bildhübschen Romy hatte. Genauer gesagt: der Mythos der angeblichen großen „Schönheit“ hat sich mir nicht erschlossen. Dass sie viel an sich gearbeitet hat, um sich beeindruckend zu präsentieren, ist vielfach dokumentiert. Wenn man sich jedoch das ganze Blendwerk mit der üppigen Haarpracht, der mit Korsett und manischen Turnübungen gedrillten Figur und den erstklassig geschneiderten Roben sowie der luxuriösen Umgebung wegdenkt, wieviel Schönheit bleibt da noch übrig? Für meinen Geschmack eher wenig. Eher durchschnittlich attraktive Gesichtzüge, die vor allem einen starken Willen und Ehrgeiz ausdrücken. Eine Strenge. Das leicht Verkniffene, die beharrliche Abwesenheit eines Lächelns, soll auch von den schlechten Zähnen gerührt haben. Sie muss sich diszipliniert haben, selbst beim Sprechen so gut wie gar nicht die Lippen zu öffnen, um das Elend zu vertuschen. So viel zur angeblich makellosen, legendären Schönheit der Elisabeth von Österreich. Dass die Marischka-Filme so gut funktioniert haben, liegt mit Sicherheit nicht nur daran, dass es eine hochklassige Produktion in jeglicher Hinsicht war, angefangen bei der Ausstattung und den Dialogen – ja, den Dialogen, die durchaus augenzwinkernd waren und gar nicht durchweg banal, dumm oder undifferenziert reaktionär, sondern neben den großartig besetzten Nebenrollen, auch an der zur wahren Elisabeth völlig konträr besetzten Romy Schneider, die mit ihrem unfrustrierten Unschulds-Lächeln, das noch an das Gute glaubt, die Herzen erwärmte. Ein Lächeln, das der wahren Elisabeth vielleicht nur als Kind zueigen war. Na ja. Aber das kann man ja alles auf tausend Seiten im Internet nachlesen. Die Hofburg, um einmal wieder den Bezug zu den Bildern herzustellen, war einer ihrer beiden Wohnsitze in Wien. Schloss Schönbrunn und die Wiener Hofburg. Aber die Hofburg hat sie wohl am meisten verabscheut und die Kerkerburg genannt.


Wäre es nicht so spät von der Uhrzeit her gewesen, wären wir nicht nur im Innenhof im Regen spaziert, sondern hätten auch das dort befindliche Sisi-Museum mit den Kaiserappartements besucht. Aber es war schon kurz vor der Schließzeit und irgendwo hat jemand auch vermerkt, man sollte sich gut und gerne einen halben Tag für den Besuch der kaiserlichen Gemächer und des Sisi-Museums nehmen. Kleider sind von ihr dort zu sehen, ihre persönlichen Sachen, einer ihrer Turn-Räume und auch ein Nachbau ihres opulenten Reise-Wagons. Den hätte ich zu gerne gesehen. Das Original steht im Technischen Museum in Wien. So waren wir also nicht im Sisi-Museum und in den Innenräumen. Aber sollte ich wieder nach Wien reisen, und das wird, so Gott will, schon noch einmal passieren, lässt sich das ja alles nachholen.



Übrigens kann man in der Hofburg auch wohnen, als Mieter. Es ist wohl nur schwer, an die Wohnungen heranzukommen, Wartelisten werden geführt. Zweiundfünfzig Wohnungen soll es dort geben. Allerdings ist das Luxuriöseste wohl die Lage, wie auch bei den mietbaren Wohnungen in Schloss Schönbrunn. Der Denkmalschutz sorgt dafür, dass man nicht beliebig renovieren kann, was ja auch verständlich ist. Für mich war es schön, durch das große Portal zu gehen und die schmiedeeisernen Arabesken im Gegenlicht zu sehen. Auch das Zelt im Regen. Weil ich neugierig war, inwiefern Wien und vielleicht die Hofburg in den Sissi-Filmen vorkommt, habe ich geschaut, ob es nicht wieder zu Weihnachten eine Sendung der drei Filme gibt. Das war doch eigentlich immer so. Aber da waren nur Sendetermine im Schweizer Fernsehen und auf diesem Bezahl-Kanal Sky. Gestern lese ich in den gmx-Nachrichten eine Erklärung, warum es diesmal Weihnachten ohne die Sissi-Filme gibt: sie wurden schon im Frühjahr, anlässlich des Todes von Karlheinz Böhm gezeigt, daher. Welche Nicht-Sendung eines Filmes führt sonst schon zu einer extra-Nachricht. Das ist schon putzig. Aber weil ich letztes Wochenende so erpicht darauf war, mir das noch einmal anzuschauen, habe ich tatsächlich alle drei Folgen komplett im Internet gefunden und sie hintereinander weg angeschaut. Zuletzt habe ich sie vielleicht vor dreißig Jahren gesehen, nie mehr richtig angeschaut, seit meiner Kindheit nicht. Und ich war wirklich überrascht, dass die Filme bei aller Kritik von wegen Fünfziger-Jahre-Heile-Welt-Schmarrn-Verdrängungs-Kitsch doch so viele gewitzte Dialoge haben und durchaus auch rebellische Momente. Wenn Karlheinz Böhm als Kaiser Franz Joseph irritiert von sich weist, einen Erschießungs-Erlass für acht junge, aristokratie-feindliche Rebellen mit einem Federstrich zu unterzeichnen: „Ja ist das denn so schlimm, was diese jungen Menschen gemacht haben, dass man sie erschießen müsste? Ich kann doch nicht einfach so über das Leben von acht jungen Menschen entscheiden!“ Und dann Romy, also Sissi, mit ihren Störaktionen, wenn ein Tier bei der Jagd erschossen werden soll. Es wird geniest, es werden plötzliche Bewegungen gemacht, die das Tier flüchten lassen. Ich muss sagen, da sind schöne Momente dabei, die ich politisch sehr korrekt finde. Freilich war die echte Elisabeth eine Nutznießerin ihrer aristokratischen Luxus-Verhältnisse, die ihr einen extravaganten Lebensstil ermöglichten, zu dem auch derlei Luxus-Gedankengänge gehörten, wie die Aristokratie als überholtes Konstrukt zu beurteilen. Ein recht luxuriöses Dilemma.

Bei meiner ausschweifenden Lektüre bin ich auch über das Krankheitsbild Sissi-Syndrom gestolpert. Sehr interessant. Das Phänomen, wenn Frauen mit großem Aufwand danach streben, ein nach Außen perfektes Bild abzugeben, sehr diszipliniert an ihrem Körper und Geist arbeiten, mit streng terminierten Turnexerzitien, Bildungsehrgeiz und zugleich eine innere Leere und Lebensunlust empfinden. Wo habe ich das denn gelesen – so vieles, das ich gefunden habe, rund um die arme reiche Elisabeth von Österreich.



„Das „Sissi-Syndrom” ist nach der österreichischen Kaiserin Elisabeth benannt, die zeitlebens, trotz Schönheit und privilegierten Lebens, an schweren Depressionen litt. Unter dem Sissi-Syndrom verstehen Mediziner eine besondere Ausprägung der Depression: Betroffenen Menschen ist das, im klassischen Sinne depressive Verhalten des Sich-hängen-Lassens völlig fremd. Stattdessen lautet die Devise „Aktion statt Resignation”. Diese Menschen powern durchs Leben, sind beruflich erfolgreich, haben ein makelloses Erscheinungsbild und werden von der Außenwelt bewundert, wohingegen sie selbst nur selten Freude am eigenen Leben empfinden. Ihre übermäßige Aktivität dient dem Ziel, mit aller Kraft von ihrer inneren Leere und Hilflosigkeit abzulenken.“


Es mutet geradezu zeitgenössisch an, wenn man ihr eigenwilliges Tun auf sich wirken lässt, daher vielleicht auch vielerorts die größere Beschäftigung und Identifikation mit ihrer Person als mit anderen weiblichen historischen, aristokratischen Persönlichkeiten. Wo es brüchig wird, wird es interessant. Auf dieser Sisi-Seite sind auch ein paar interessante Video-Dokumentationen. In einer wird zum Beispiel darauf eingegangen, dass durch Sisi erstmalig eine extrem schlanke Körpersilhouette zur Mode erklärt wurde. Man kann sich mindestens drei Weihnachtsfeiertage mit dieser ruhelosen Persönlichkeit beschäftigen. Nach dem Freitod ihres sensiblen, erwachsenen Sohnes, des Kronprinzen Rudolph, der sich gemeinsam mit seiner bürgerlichen Geliebten das Leben nahm, trug sie nur noch schwarz und hatte einen weiteren Vorwand, sich dem Anblick der Welt durch einen Schleier zu entziehen. Die Welt sollte sie nur in ihrer Blüte in Erinnerung behalten. Man denkt an Marlene Dietrich, die sich selbst ihren engsten Freunden in den letzten Lebensjahrzehnten entzog, nur noch telefonischen Kontakt zuließ. Sisi war sechzig Jahre alt, als ihr das Leben in Genf durch einen Stich ins Herz genommen wurde, und es war vielleicht der richtige Zeitpunkt. Noch eine Stelle, die ich fand: „Der letzte Abend ihres Lebens, in der Rothschild-Villa, war ungewöhnlich heiter verlaufen: Sisi hatte Champagner getrunken, sogar mit gutem Appetit gegessen und den Klängen eines italienischen Orchesters gelauscht. Doch dann, während eines Spaziergangs durch den Orchideengarten der Rothschilds, hatte sie ziemlich unvermittelt und in perfektem Französisch gesagt: „Je voudrais que mon âme s’envolât vers le ciel par une toute petite ouverture de mon coeur“ – „Ich wünschte, meine Seele würde durch eine ganz kleine Öffnung in meinem Herzen zum Himmel fliegen“. Und so ist es dann auch gekommen.


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21. Dezember 2014

Das kommt jetzt doch überraschend. Kann ich mir nicht so richtig vorstellen, dass Udo Jürgens mit seinen jugendlichen achtzig Jahren nun doch schon gegangen ist. So nah an seinem letzten Lebenshöhepunkt, gerade noch gefeiert, spazieren gegangen und heute vorbei, von jetzt auf gleich. Irgendwie virtuos. Kein Siechtum, mitten im Leben, wie er es so gerne augenzwinkernd beschworen hat. Das bedeutet, man wird nie an ihn als einen gebrechlichen alten Mann denken, sondern an den gefeierten Bühnengiganten. So überrumpelt wie ich bin, ringt mir dieser Abgang Applaus ab. Er hatte eben Klasse. Wenn es am schönsten ist, sollte man gehen.


Musik: Udo Jürgens, Text: Joachim Fuchsberger

21. Dezember 2014

Das kommt jetzt doch überraschend. Kann ich mir nicht so richtig vorstellen, dass Udo Jürgens mit seinen jugendlichen achtzig Jahren nun doch schon gegangen ist. So nah an seinem letzten Lebenshöhepunkt, gerade noch gefeiert, spazieren gegangen und heute vorbei, von jetzt auf gleich. Irgendwie virtuos. Kein Siechtum, mitten im Leben, wie er es so gerne augenzwinkernd beschworen hat. Das bedeutet, man wird nie an ihn als einen gebrechlichen alten Mann denken, sondern an den gefeierten Bühnengiganten. So überrumpelt wie ich bin, ringt mir dieser Abgang Applaus ab. Er hatte eben Klasse. Wenn es am schönsten ist, sollte man gehen.


Musik: Udo Jürgens, Text: Joachim Fuchsberger

05. Dezember 2014

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Bitte Input
03.12.2014 um 01:11 Uhr
von: Gaga Nielsen
an: Duke Meyer
ich brauche noch mal ein bißchen Inspiration von dir. Sitze vor meiner kleinen
Fratelli-Diaschau und komme nicht richtig rein. Das sind die paar verstohlenen Aufnahmen. Ich hatte, glaube ich, eine weiße Tomatensuppe – oder war es eine Spargelcremesuppe? Und das Saltimbocca mit Spinat. Und danach irgendein Eis mit Erdbeeren. Und man durfte rauchen. Und draußen hat es weiter geregnet, es war, nachdem wir mit der U-Bahn von Mariahilf vom Café Jelinek gekommen waren, hungrig und – – – ja – – was hast du denn gegessen und getrunken, erinnerst du dich? Schreib mal irgendwas, ich klau es dann für mein Blog und schreibe selber was. Ich weiß nur noch, wie es dir geschmeckt hat und du warst ganz zufrieden. Ich war auch sehr zufrieden mit der Vorspeise und dem Nachtisch und dem sehr charmanten Service und die ganze Atmosphäre war, als wäre man in einen italienischen Siebziger-Jahre-Film katapultiert worden und wenn Adriano Celentano reingekommen wäre, oder am Nebentisch gesessen hätte, wäre es auch nicht verwunderlich gewesen. Ein totaler Flashback in ein heiles Spielfilm-Italien-Klischee. Da war es auch nicht so wichtig, dass ich den Wein, den Frascati, zu fruchtig fand, und das Saltimbocca ein bißchen versalzen. Aber wie du dich gefreut hast, das war mir Freude genug (…)                                                
Gaga


AW: Bitte Input
03.12.2014 um 03:28 Uhr
von: Duke Meyer
an: Gaga Nielsen
ich kann morgen abend was drüber schreiben – vorher bin ich „ausgebucht“ (und die Nacht ist schon wieder kurz geworden… muss früh raus, ha). Wollte ja schon vor Tagen was auch darüber schreiben bzw. es miterwähnen – aber hatte mich verzettelt, das Konzept ging nicht auf und dann musste ich’s aufschieben wegen Wichtigerem. Zur Sache: Deine Vorspeise war weiß – aber ich weiß auch nicht mehr genau, ob weiße Tom- oder Spargelcreme-. Saltimbocca, ja. Ich hatte als Vorspeise vorzügliche Bruschetta und als Hauptgang so ziemlich die besten Medaillons in Zitronensauce, die ich je gegessen habe (die sich damit auch als die preiswertesten ever tasted erwiesen, obwohl sie so teuer waren – 32 Euro allein mein Hauptgang, glaub ich). Leider hab ich den italienischen Namen des Gerichts vergessen – scaloppine al limone oder alla lemone – weiß nicht mehr, ob Scaloppidings, das heißt ja eigentlich Schnitzel. Aber sind Medaillons keine? Fragen über Fragen… Als Dessert eine schwarz-weiße Mousse au chocolat. Italienische Namensversion ebenfalls nicht erinnert. Adriano C. hattest du schon erwähnt, als wir dort am Tisch saßen. Ich hörte ihn ab da sozusagen mit und genoss alles von der ersten Sekunde an. Selten solch vollendete Kellnerperformance erlebt: zuvorkommend bei gleichzeitiger Zurückhaltung, und dieses Zerfließen der Grenzen zwischen der geschmeidigen Freundlichkeit eines ausgebildeten Obers und einer, die von persönlicher Zuwendung nicht mehr unterscheidbar war… (wie bei einem Schauspieler, der seine Rolle verkörpert im Wortsinn: Er IST dann der Charakter, weil er ihn mit seinen eigenen Gefühlen baut. Echt und maßvoll zugleich). In großartiger Balance: immer gleich zur Stelle, aber ohne zu drängen oder auch nur einen Hauch von „Druck“ übrig zu lassen, wie es in Lokalen passiert, wo die Höflichkeit des Personals steif bleibt (und dadurch etwas „Rauhreif“ davon an Gästen und ihrer Stimmung hängenbleiben kann – und sei’s nur, dass sie ihr eigenes Benehmen unbewusst in Frage stellen als weniger formvollendet… Ah, du siehst, ich sehe – es möchte sich schon selber schreiben Ich fand’s ein bissi schade, dass dein kulinarisches Erlebnis hinter meinem zurückblieb damals… Ich hatte Glück gehabt mit meiner Auswahl (zumal ich italienische Küche ohnedies favorisiere). Und wahrscheinlich kommst du öfter dazu, auf vergleichbarem Preislevel zu dinieren als ich. So Gelegenheiten habe ich selten, aber stellte bei solchen schon dann und wann fest, dass preislich gehobenes Niveau ein ebensohohes beim Essen keineswegs immer garantiert (ich mecker ja gern auch auf hohem Plateau, äh, Niewo). Sogar mein Wein war perfekt – aber, zum Donner, ich kann mich nicht erinnern, was für einen ich mir servieren ließ. Umso mehr an deinen Frascati, dass der nicht staubt, gehört zu dem Wenigen, was ich hätte voraussagen können. Wenn ich geahnt hätte, dass du darauf aus warst. Ich schätze deine Kenntnisse in vielen kulturellen Bereichen wie Details automatisch umfangreicher ein als meine. Daher kam ich, als du Frascati bestelltest, auf keine andere Idee als die, dass dir genau nach dessen fruchtigem Flair zumute sei. Alles drumherum passte so gut, die Einrichtung, ja, und der Regen, aus dem heraus wir ins Fratelli überhaupt hineinstolperten. Rückblickend unvergesslicher Moment für mich: dieses dort Hineingeraten und dann Ahhh und Oooh. Wir restaurierten uns (…). Spüre die Sauce noch auf meiner Zunge, die ein ebensogutes Gedächtnis hat wie meine Haut und mein Ohr. Habe erst kürzlich, und noch überraschender, auf vergleichbar hohem Resto-Level gespeist. Worüber ich ja eh was schreiben will, nach wie vor. Auch wenn noch offen bleibt, wohin dann damit: aber was ich dir eh gern zuschicke, ob ich das dann auch in die Öffentlichkeit jage oder nicht. Und sei’s wegen der bloßen Erwähnung des Erlebnisses im Fratelli, wo alles so geschmeidig passend um uns herumfloss, als gelungene Kulisse des langen Moments, bis in die
(…) Details.


Gute Nacht. Ich schreib dir morgen abend was zu dem tollen Fratellinachmittag, den du mir schenktest. Deine Gesellschaft genoss ich übrigens wie das Mahl, es fehlte am Schluss nur die Stimme aus dem Regie-Off: „Und Schnitt! Danke, Kinder, wunderbar, das hätten wir im Kasten! Perfetto!“                          
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01. Dezember 2014

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Das Taxi hält in der Otto-Bauer-Gasse 5, im sechsten Bezirk. Café Jelinek. Die schönste Passage zum Copy-Pasten finde ich eindeutig bei Planet Vienna: „1910 eröffnete eine jüdische Kaffeesiederfamilie das Lokal an der Otto-Bauer-Gasse 5 und betrieb es längere Zeit. Kultstatus in der Wiener Kaffeehausszene erlangte das Jelinek ab 1988. Nicht nur wegen seiner schrulligen Einrichtung, die seit jeher kaum modernisiert worden war, sondern vielmehr wegen dem Ehepaar Günther und Maria Knapp, welches hier ab dem genannten Jahr wirkte. Während Herr Knapp hauptsächlich in der Küche zum Rechten sah, mauserte sich Frau Knapp zum Hauptinventar im Jelinek. Viele Wiener denken noch heute mit Wehmut daran zurück, wie sie täglich im weissen Apothekerkittel – auch ihr Mann trug so einen – und tief auf ihrer Nase sitzender Brille, den Laden so gut wie alleine schmiss, wohlwollend aber diktatorisch. Die Dame genierte sich nicht, Leute bewusst warten zu lassen oder gar zu ignorieren, wenn diese es pressant hatten. Bald war auf einem Schild an der Wand auf englisch und deutsch zu lesen: „Wer’s eilig hat, wird hier nicht bedient“. Nun ja. Das klingt ein wenig anstrengend. Und weiter:



„Gegen den neuzeitlichen Kommunikationsdrang hatte Frau Knapp offenbar eine Aversion: Sie entfernte die Telefonkabine und führte gleichzeitig ein Handy-Verbot ein. Zuweilen verfiel sie einem Verbotszwang. Nicht nur Hunden war der Zutritt verwehrt; sage und schreibe klebte einmal sogar ein Täfelchen mit durchgestrichenem Kleinkind an der Eingangstür – Babys unerwünscht. Doch gegenüber Gästen, die es nicht eilig hatten, nicht telefonierten und weder Hunde noch Babys dabei hatten, zeigte sich Frau Knapp meist höchst zuvorkommend, freundlich, einfühlsam, ja oft bemutternd – was dem einen oder anderen jungen Herrn schon mal etwas unangenehm werden konnte. Vielen Gästen glaubte sie, ihren Konsumationswunsch vor der Bestellung von den Augen ablesen zu können: „Sie sind ein Teetrinker.“ Will man das? Möchte man das? So lustig sich das liest, man – oder genauer ich – bin nicht so sehr betrübt, dass ich diesem strengen Regiment entkommen bin. Obwohl ich ja sogar gute Chancen gehabt hätte, mich zum bevorzugten Gast zu mausern. Keine Eile. Kein Hund. Kein Kind. Kein Kegel. Auch bin ich äußerst reinlich.



Herrn Phettberg soll sie aus dem Lokal gebeten haben, mit der Aufforderung, sich erst einmal zu waschen. Ich kann mir allerdings auch vorstellen, dass er nicht so angenehme Ausdünstungen hatte. Sie musste ja auch Rücksicht auf die anderen Gäste nehmen. Deshalb auch der separierte Raucher-Bereich, den wir gar nicht identifiziert haben. Diese Beschreibungen beziehen sich ja alle auf die Vergangenheit, die Dame hat längst das Zeitliche gesegnet, ebenso wie ihr Mann. Die neue Bewirtung zeigt eindeutig weniger Profil, ich kann mich nur erinnern, dass man nicht unbedingt überschwänglich warm begrüsst wurde. Die Bestellung wurde eher pragmatisch sachlich entgegengenommen. Die Einrichtung ist aber eindeutig nicht von dieser Welt. Nicht aus dieser Zeit, wollte ich sagen. Sehr pittoresk, sehr stark patiniert. Um diese frühe Tageszeit (irgendwann zwischen Mittag und Nachmittag) fanden sich noch nicht so viele Gäste ein. Es war ja auch noch ein Tag unter der Woche, und Müßiggang im Kaffeehaus kostet ja auch Geld. Auch wenn man sich als Student drei bis vier Stunden bei einem Verlängerten aufhält. Ich habe die Rechnung vom Jelinek nicht mehr, aber wir hatten auf jeden Fall irgendeinen Kaffee, so viel ist sicher. Oder auch zwei. Vielleicht auch, weil es ein bißchen leer und ruhig war, und der Regen so ausdauernd einschläfernd vor sich hinregnete, hatten wir nach etwa einer dreiviertel Stunde Mühe, die Augen aufzuhalten. Wahrscheinlich steckt das auch an.





Kaum verfällt einer in so eine leichte Starre, verlangsamt sich auch alles andere um das betreffende Lebewesen, und das springt dann auf das Gegenüber am Kaffeehaustisch über. Wir waren uns recht gleichzeitig einig, dass wir uns woanders hin begeben sollten, bevor der Alphazustand ein Nickerchen auf der grünen Polsterbank einläutet. Ein Herr am Nachbartisch war noch so kooperativ, uns die Frage zu beantworten, wo die nächste U-Bahn-Haltestelle zu finden sei. Die Antwort wurde ebenfalls sehr pragmatisch herrübergereicht, ohne sich umständlich mit einem Lächeln aufzuhalten. Warum sollte man sich an so einem Regentag auch verausgaben. Wir waren jedenfalls einmal im berühmten Jelinek.


Auch wenn ich keinen Schauspieler gesehen habe, außer dem mir gegenüber. Aber das war sicher auch eine eher ungünstige Tageszeit, denn Planet Vienna versichert: „Das Publikum setzt sich primär zusammen aus Quartieransässigen, Studenten und auffallend vielen namhaften Schauspielern und solchen, die es gerne wären, es aber nicht sind und wohl auch nie werden, sich aber trotzdem so geben, als gehörten sie zur Elite.“ Das ist ja sehr interessant. Und so war ich außerdem auch einmal in Mariahilf. Der Fußweg zur U-Bahn führte uns durch eine sehr lange Einkaufsstraße, die Mariahilfer oder die Gumpendorfer Straße, die mich ein bißchen an die Wilmersdorfer und die Schloßstraße in Berlin erinnert hat. Deswegen habe ich wahrscheinlich auch keine Fotos gemacht. Kein Alleinstellungsmerkmal! Die U-Bahn hat uns dann wohlbehütet wieder in die innere Stadt, zum mittlerweile schon vertrauten Stephansplatz gebracht. Nach der doch etwas anstrengenden Kaffeehaus-Sitzerei und der U-Bahnfahrt war es dann aber auch langsam Zeit für eine kräftigende Mahlzeit in einem schönen Lokal mit warmer Küche, wo man den Regen endlich einmal wieder aus der guten, warmen Stube betrachten konnte.







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30. November 2014

14-05-15 Café Central (1)

Café Central. Wikipedia. „Das Café Central ist ein Kaffeehaus in Wien. Es befindet sich in der Herrengasse 14 im Ersten Bezirk im ehemaligen Bank- und Börsengebäude, das heute nach seinem Architekten Heinrich von Ferstel Palais Ferstel genannt wird (…) Das Café wurde 1876 von den Gebrüdern Pach eröffnet; im späten 19. Jahrhundert wurde es, auch durch den Abriss des Café Griensteidl, zu einem der wichtigsten Treffpunkte geistigen Lebens in Wien. Zu den Stammgästen zählten unter anderem Peter Altenberg, Alfred Adler, Egon Friedell, Hugo von Hofmannsthal, Anton Kuh, Adolf Loos (der das Café Museum entwarf), Leo Perutz und Alfred Polgar. Der Schriftsteller Alfred Polgar schrieb in Die Theorie des Café Central: „Das Central ist nämlich kein Caféhaus wie andere Caféhäuser, sondern eine Weltanschauung. Seine Bewohner sind größtenteils Leute, deren Menschenfeindlichkeit so heftig ist wie ihr Verlangen nach Menschen, die allein sein wollen, aber dazu Gesellschaft brauchen. Die Gäste des Central kennen, lieben und gering schätzen einander. Es gibt Schaffende, denen nur im Central nichts einfällt, überall anderswo weit weniger. (…)“

Dieses Polgar-Zitat findet man auf ungefähr zwanzigstausend Seiten im Internet, aber nur selten einen anderen Auszug oder gar den gesamten Text. Ich hatte keine rechte Lust, abermals nur diese breit getretenen Zeilen zu kopieren und so stagnierte die Inspiration für den Café-Central-Eintrag ein wenig. Denn ich war ja nicht drin, wie ich schon bekannt habe. Dennoch ist es mir möglich gewesen, diese Bilder zu fotografieren. Das geht, indem man nah an der Scheibe der Glastür steht. Nicht, dass man uns nicht als Gäste gewollt hätte. Wir hatten beim Blick auf das Geschehen, keine Lust, vor der Tür im Regen zu stehen. Wartend, bis die ebenfalls wartende japanische Reisegruppe vor uns Einlass erhalten haben würde und wir demzufolge die nächsten Nachrücker wären, eine halbe oder dreiviertel Stunde später. Sicher wären wir eine Bereicherung gewesen. Der Anteil an Literaten im Kaffeehaus hätte dadurch zwar keinen so hohen Prozentsatz wie vor hundert Jahren erlangt, aber immerhin. Im direkten Vergleich mit den mutmaßlich überwiegend nur Ansichtspostkarten schreibenden Gästen des heutigen Café Central des Jahres 2014, wären wir beide wohl annähernd Premium-Literaten. Duke hat immerhin einen vielseitigen Roman und diverse Verse veröffentlicht, und ich beglücke die Welt meinerseits seit bald elf Jahren mit schriftlich fixierten Befindlichkeiten, Literatur hin, Literatur her. Wir wollen nicht kleinlich sein. Aber man ist sich auch nicht immer nur selbst genug.

Und dann geht man in die Welt und sucht Inspiration. Nicht nur in schöner, alter Kaffeehaus-Architektur. Das Publikum ist durchaus von Bedeutung. So wirft man einen Blick durch die polierten Scheiben und verzichtet dann ohne Wehmut darauf, den Knauf zu drücken, und schaut statt mit eigenen Augen später im Internet an, wie das Café en detail von Innen ausgeschaut hätte. Jetzt, ein paar Tage, nachdem ich mit meiner nicht vorhandenen Inspiration für diesem Eintrag schwanger gegangen bin, habe ich über den Wikipedia-Eintrag zu Alfred Polgar doch noch den ganzen Text von ihm zum Central gefunden. Ich entsinne mich, in den Achtziger Jahren begeistert einige Werke von Alfred Polgar gelesen zu haben, in der Amerika-Gedenk-Bibliothek ausgeliehene Bücher, es ist so lange her, dass ich nicht mehr sagen könnte, welche das waren, aber sie handelten immer von Berlin, der Berliner Theater- und Literatenszene, selten von Wien, und sie waren immer gleichermaßen launig, gebildet wie auch boshaft. Es waren wahrscheinlich Texte, die er als Kritiker für das Feuilleton des Berliner Tageblatts und des Böse Buben Journals verfasst hat.

Dass er einen Wiener Hintergrund hatte, wusste ich nur aus einem Klappentext von einem Buch. Im Wikipedia steht es natürlich genau, wie es sich verhält: „(…)1908 erschien Polgars erstes Buch Der Quell des Übels. Der Ort, an dem Polgar zu dieser Zeit am häufigsten verkehrte, war das Café Central, in dem er in Gesellschaft von (s. o.) anzutreffen war und er viel Material für seine scharfsinnigen Beobachtungen und Analysen fand. (…) Gemeinsam mit Egon Friedell schrieb er ab 1921 das Böse Buben Journal. In den 1920er Jahren lebte Polgar überwiegend in Berlin. Viele Artikel von ihm erschienen in dieser Zeit im Berliner Tageblatt (…) Nach der Machtergreifung Hitlers in Deutschland wurden seine Bücher verbrannt und Polgar musste über Prag nach Wien zurückkehren. 1938 war er nach dem Anschluss Österreichs abermals gezwungen, die Flucht zu ergreifen. (…) Über Zürich emigrierte er nach Paris (…) Nach dem Einmarsch der Deutschen in Frankreich 1940 floh er nach Marseille, von wo aus ihm (…) über Spanien und Lissabon die Emigration in die USA gelang. In Hollywood arbeitete er unter anderem als Drehbuchautor für Metro-Goldwyn-Mayer. Ab 1943 lebte er in New York, wo er die amerikanische Staatsbürgerschaft erhielt. Er schrieb für Exilzeitungen, wie den Aufbau, und amerikanische Magazine, wie Time sowie Panorama in Buenos Aires. 1949 kehrte er nach Europa zurück (…) und ließ sich in Zürich nieder.“ (Wo er starb.)

Hier ein paar schöne Auszüge aus dem Polgar-Text zum Central: „Der Centralist lebt parasitär auf der Anekdote, die von ihm umläuft. Sie ist das Hauptstück, das Wesentliche. Alles übrige, die Tatsachen seiner Existenz, sind Kleingedrucktes, Hinzugefügtes, Hinzuerfundenes, das auch wegbleiben kann. Die Gäste des Café Central kennen, lieben und geringschätzen einander. Auch die, die keinerlei Beziehung verknüpft, empfinden diese Nichtbeziehung als Beziehung, selbst gegenseitiger Widerwille hat im Café Central Bindekraft, anerkennt und übt eine Art freimaurerischer Solidarität. Jeder weiß von jedem. Das Café Central ist ein Provinznest im Schoß der Großstadt, dampfend von Klatsch, Neugier und Médisence. (…) die schiefe Lichtbrechung ihres Mediums zu mancherlei Kurzweil nützend, immer voll Erwartung, aber auch voll Sorge, daß einmal was Neues in den glänzenden Bottich fallen könnte (…) Teilhaftig der eigentlichsten Reize dieses wunderlichen Caféhauses wird allein der, der dort nichts will als dort sein. Zwecklosigkeit heiligt den Aufenthalt. Der Gast mag vielleicht das Lokal gar nicht und mag die Menschen nicht, die es lärmend besiedeln, aber sein Nervensystem fordert gebieterisch das tägliche Quantum Centralin. Mit Gewöhnung allein ist das kaum zu erklären, auch nicht damit, daß es den Centralmenschen, wie den Mörder an den Ort der Tat, immer dorthin ziehe, wo er schon so viel Zeit totgeschlagen, ganze Jahre ausgerottet hat. Also was denn ist es? Das Fluidum! Ich kann nur sagen: das Fluidum! Es gibt Schreiber, die nirgendwo anders wie im Café Central ihr Schreibpensum zu erledigen imstande sind, nur dort, nur an den Tischen des Müßigganges, ist ihnen die Tafel der Arbeit gedeckt, nur dort, von Faulenzlüften umweht, wird ihrer Trägheit Befruchtung. Es gibt Schaffende, denen nur im Central nichts einfällt, überall anderswo weit weniger. (…) die Drohungen der Ewigkeit dringen nicht durch die Wände des Café Central, und zwischen diesen geniessest du der holden Wurschtigkeit des Augenblicks. Über das Liebesleben im Café Central, über den Ausgleich der sozialen Unterschiede in ihm, über die literarischen und politischen Strömungen, von denen seine ausgefransten Küsten bespült werden, über die in der Centralhölle Verschütteten die dort sehnsüchtig ihrer Ausgrabung harren, hoffend, daß sie nie stattfinden werde, über das Maskenspiel von Witz und Dummheit, das in jenen Räumen jede Nacht zur Fastnacht wandelt, über dies und anderes wäre noch viel zu sagen. Aber wer sich für das Café Central interessiert, der weiß das alles ohnehin, und wer sich nicht für das Café Central interessiert, an dessen Interesse haben wir keines.“ Und da sind in der Tat noch viele schöne Passagen, die man zitieren könnte. Wie es einmal war. Vor langer, langer Zeit.

Ein wenig muss ich beim nochmaligen Lesen des Polgar-Aufsatzes denken, dass man viele Beobachtungen auf das große, virtuelle Kaffeehaus der Blogosphäre übertragen könnte. (Probieren Sie es aus, einfach „Centralisten“ durch „Blogger“ oder „Twitterer“ oder „Internet-Leute“ ersetzen und „Café Central“ durch „Blogosphäre“ oder „Twitter“ oder „Internet“ – Nein, „Facebook“ eher nicht. Oder? Ihnen fällt schon etwas Passendes ein.) Dass im Wikipedia-Eintrag zum Central kein einziger zeitgenössischer Autor vorkommt, ist ja leider auch ein Hinweis, dass das heutige Café neben seiner fulminanten Architektur und Tradition von einer Aura von versunkenem geistigem Leben profitiert, das man holprig aus der Vergangenheit channeln muss. Die Gegenwart gibt in dieser Richtung nichts her, offenkundig, obwohl es auch WLAN gibt. Ich kann mich nicht entsinnen, an einem Tisch jemand mit Notebook gesehen zu haben. Aber wer schreibt schon in einem Museum. Wer heute in Wien mit einem Schreibgerät am Kaffeehaustisch sitzt, tut das vielleicht noch eher bei Starbucks, wie überall auf der Welt. Wenn ich in der Rosenthaler Straße in Berlin an dem Laden vorbeilaufe, der in der Tat mit seinen ausgefeilt durcheinander gewürfelten, gemütlichen Polstermöbeln wie ein zeitgenössisches Kaffeehaus-Zitat wirkt, sehe ich an zehn von zehn Tischen Zwanzig- bis Dreißigjährige aus aller Welt vor einem Notebook sitzen und tippen. Vielleicht auch nur digitale Ansichtspostkarten, wer weiß. Ich tippe hier ja auch nur Reisenotizen, ich sollte mir die Überheblichkeit sparen. Vielleicht sitzen die Wiener Literaten ja im Rüdigerhof, von einem weiß ich es bestimmt. Oder vielleicht auch im Jelinek, wo wir dann hin sind. Mit einem Taxi durch den Regen.
: : alle Wiener Geschichten : :

29. November 2014


©catonbed
Ein bißchen Berlin zwischen all dem Wien. Donnerstag traf ich mich bei Hiltawsky mit Jan, da war so eine Eröffnung, Kate Moss huldigend. Sie war nicht da, aber dafür kam später Ina, was mich sehr freute. Wir haben viele, viele Bilder gemacht, die ich irgendwann im nächsten Jahr hochladen werde, wie es bei meinem meditativen Verarbeitungs-Tempo aussieht, aber damit einmal dokumentiert ist, dass ich nicht nur in Wien-Erinnerungen lebe, sondern auch noch in der Gegenwart iln Berlin, eine Aufnahme von Jan vom 27. November. Einer der Fotografen aus der Moss-Ausstellung war auch da, der Berliner Fotograf Jurgen Ostarhild. Sehr gesprächig auch. Wahrscheinlich weil die Atmosphäre auf seinen Bildern so lasziv war, fragte ihn ein anderer Mann launig, ob sie, Kate, ihn denn auch geküsst hätte? Daraufhin meinte Osterhild breit grinsend: „Natürlich. Kate küsst a l l e .Ina und ich sind danach noch in ins 3 minutes sur mer, wo es eine sehr gute Bouillabaisse gab und auch sehr nette Tischnachbarn. Eine Gruppe von zwei Männern und zwei Frauen. Sie haben sich hörbar verabschiedet, als sie aufbrachen. Ich hatte ehrlich gesagt die ganze Zeit so eine diffuse Wahrnehmung, als ob einer oder zwei (also die beiden Herren) unserem Gespräch ein wenig lauschen würden und sich dabei amüsieren. War ja auch interessant. So ein Gespräch würde ich selber gerne mal belauschen, wie wir es hatten. Die Krönung war allerdings für mich, dass Ina – noch bei Hiltawsky – zu Jan meinte, sich mit mir zu unterhalten, wäre, als ob einem Heimito von Doderer etwas erzählt. Derartig unberechenbare Entwicklungen einer Geschichte, die ganz klein und beiläufig anfängt und dann immer größer wird. Ich erzählte ihr, wieso ich die Idee hätte, dass wir anschließend noch ins 3 minutes zum Essen gehen könnten. Diese Sache mit jener Begegnung im Muschi Obermaier, wo sich einmal in meinem Leben ein Mann dafür interessierte, ob ich gerne Kinder hätte. Also genau so gerne wie er. Na ja. Aber ich möchte nicht ins Detail gehen. Jedenfalls gibt es einen sehr indirekten Zusammenhang zwischen diesem Restaurant und dieser Erinnerung. Wenn Sie es genau wissen möchten, müssen Sie sich eben mal an den Nachbartisch setzen, wenn ich gerade in einem Restaurant bin. Da erfährt man unter Umständen noch ganz andere Sachen. Am Ende wollte ich unbedingt die Rechnung übernehmen und hatte nicht genug Bargeld. Das Lokal hat keine Kartenzahlung, die hätte Ina dann gerne übernommen. Also bin ich kurzerhand um die Ecke, heim zu meiner Wohnung gesprintet und habe das fehlende Bargeld geholt und wieder zurück. War sicher ganz gut, ich habe das Gefühl, ich bewege mich in letzter Zeit noch weniger als ohnehin. Das Foto von Jan nenne ich mein Steinschleuderbild.

25. November 2014

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Wenn es kein Brot gibt, dann isst man eben Kuchen! (»S’ils n’ont pas de pain, qu’ils mangent de la brioche«) Die gern zitierte Anspielung geht wohl gar nicht auf die geköpfte Antoinette zurück, sondern stammt aus einem Roman von Rousseau. Und warum fällt mir das jetzt ein… – – ah – ein Palais. Ja natürlich, das Palais Ferstel. In so einem Palais da fühle ich mich ja immer gleich daheim. Obwohl das Ferstel, streng genommen, schon von jeher eine Passage war, und keineswegs ein Palais. („Die Bezeichnung Palais ist unhistorisch.“) Aber es klingt doch so prachtvoll. Und das sind die zahllosen Bogengänge und reichverzierten schmiedeeisernen Tor- und Fenstergitter mit ihren Arabesken ganz zweifellos. Der alte Ferstel (der war nämlich der Baumeister) hat schon gewusst, was was hermacht. Ein königlicher Bogen jagt den nächsten. Das reinste Bogen-Schießen! Schon großartig, das Ferstel. Auch wieder so ein Name, wo ich mich frage, woher mir der so geläufig ist. „Palais Ferstel“. Keiner hat mir je davon erzählt. Mein Architektur-Studium liegt nun auch schon so weit zurück, dass ich mich jetzt direkt gar nicht mehr richtig daran erinnern kann, ob es sich dabei vielleicht doch nur um Wunschdenken handelt. Eventuell ein dunkles Raunen von der einen oder anderen durchblätterten, reichhaltig bebilderten Geschichte über Wien und seine schönsten Einkaufsgeschäfte in einer alten Vogue. Das klingt mir doch recht wahrscheinlich. (Man soll auch nicht zu viel lügen.)


Das macht sich ja auch alles ganz exzellent für Modefotografie. So hindrapiert, an so einen Bogen. Oder im Café Central. Das ist auch da, das hochberühmte Kaffeehaus. Es ist aber nicht in der Strecke, weil ich die paar wenigen Bilder, die ich vom Central habe, extra präsentieren will. Das macht mehr her! Das war nämlich unser Kaffeehaus-Tag, dieser schöne Regentag in Wien, unser letzter. Obwohl wir nicht im Central waren, weil es viel zu voll war, werde ich ein klein wenig so tun als ob. Merkt ja keiner. Nächste Strecke. Und dann kommen nur noch Kaffeehäuser, wo wir auch drin waren. Denn es war ja, wie erwähnt, der perfekte Regentag.




Freuen Sie sich also nicht nur auf einen als-ob-Kaffeehaus-Besuch im Central, sondern auch noch auf richtige. Im Jelinek, und im Griensteidl am Michaelerplatz und zuguterletzt im ganz und gar unverzichtbaren Hawelka. Und vorher gibt es noch ein schönes Essen im Ristorante Fratelli mit Adriano Celentano (leider nur im Radio) und einem Regenspaziergang durch den Hof der Hofburg. Und fast hätten wir es auch noch ins Sisi-Museum geschafft. Aber alles kann man halt nicht auf einmal machen. Und dann heißt es auch schon bald Abschied nehmen. Aber noch dürfen Sie uns ein bißchen begleiten. Ich wollte nur schon einmal ganz dezent ankündigen, dass es nicht mehr ewig so weiter gehen wird. Also genießen Sie die letzten Stunden in Wien bitte noch umso mehr.




: : alle Wiener Geschichten : :

23. November 2014

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Noch gemeinsam etwas trinken. Nach ein bißchen herumschauen um den Karlsplatz herum (ist der nah zum Kunsthistorischen Museum? Muss ich direkt mal schauen… tatsächlich nur wenige Schritte entfernt, mir war auch, dass wir nicht weit gelaufen sind), wo in einem modernen Lokal, das Victor und mir sehr gut gefallen hätte, die Küche schon zu war, sind wir ein bißchen ratlos Richtung Club U in dem einen Otto-Wagner-Pavillon am Karlsplatz, wo unten nicht viel los war. Und dann nach ganz oben, unters Dach vom Pavillon, wo sich eine etwas improvisiert wirkende Lokalität befindet. Schon eine richtige Bar, aber dann im hinteren Bereich ein Raum, wohl eine ehemalige Wartehalle, vermute ich, wo ein paar ausrangierte Polstermöbel gestanden haben. An der Wand waren über der Siebziger-Jahre-Kunstledercouch lustige, so streetartmäßig improvisiert, auf Pappkarton geklebte, bunte Kunstwerke. Dass es da eher nichts zu essen geben würde, war mir schon recht bald klar, weil es ja auch keine Tische gab, wo man einen Teller hätte draufstellen können. Ich habe dann begriffen, dass ich mich wohl von der Vorstellung verabschieden muss, den Abend, als Krönung, in einem lauschigen Restaurant mit einem drei-Gänge-Menü und besten Weinen zu beschließen. Ich glaube, ich habe einen Filterkaffee getrunken, schwarz. Und Duke und Victor Bier aus der Flasche, wie das Männer so gerne machen. Nun hatte ich mich ja den ganzen Abend mit Alkohol zurückgehalten, weil ich noch in der Rekonvaleszenz war und dachte, ich müsste meine Kapazitäten für das opulente Abendessen aufsparen, wo ich dann nicht mehr mit alkoholischer Begleitung geizen wollte. Wir erinnern uns: es war noch immer der 14. Mai, an dem ich ziemlich verkatert und anlehnungsbedürftig mit Duke zum Belvedere gelaufen bin. Das letzte, was ich gegessen hatte, war das Schnitzel im Belvedere-Café, gegen Mittag. Und danach nur noch mehrere Tassen Kaffee, einmal im Schwarzenberg und dann vielleicht noch dazwischen, als wir kurz heim sind, vor dem abendlichen Ausflug zum Ganymed, wo ich im Kuppelcafé auch wieder nur Kaffee getrunken hatte. Mittlerweile ging es mir auch schon wieder recht prima. Zumal die schönen Erlebnisse beim Ganymed meinem Befinden auch insgesamt zuträglich waren. Jedenfalls habe ich dann in der Kneipe im Otto-Wagner-Pavillon – ich nenne das Lokal mangels genauerer Kenntnis einfach „Otto-Wagner-Club“, meinen Kaffee getrunken und meine Fotos durchgeschaut und ein bißchen herumgeknipst, während sich Duke und Victor sehr nett unterhalten haben. Über ihre künstlerischen Projekte, und an was sie gerade schreiben, und wie man so überlebt. Einmal ging es irgendwie darum, dass ich bestimmt habe, wann wir aufstehen und frühstücken und aufbrechen oder so ähnlich, also während der letzten Tage, in der Ferienwohnung in Wien, und da dachte ich so bei mir, das hört sich an, als wären wir dreißig Jahre verheiratet, wie Duke das gerade Victor erzählt. Das hat mich ganz seltsam berührt, weil wir ja kein Paar sind und er damals, vor dreizehn, vierzehn Jahren, als man davon hätte reden können, nie solche leicht vereinnahmenden, vertraulichen Bemerkungen gemacht hatte. Ob es damit zu tun hatte, dass er die Geschichte von Victor und mir kannte und rückwirkend ein bißchen Revier markieren wollte? Duke und ich kannten uns seit Neunzehnhundertdreiundachtzig und hatten uns heimlich angeschmachtet, er war anderweitig liiert und ließ sich daher wenig anmerken. Und ich mir auch so wenig wie möglich.

Das unerfüllte Sehnen zog sich fast drei Jahre hin und dann begegnete mir Victor und ich verliebte mich sehr in ihn. Da wurde nicht lange gefackelt, ich musste ihn nicht ein paar Jahre lang vergeblich anbeten. Es währte ein paar Monate, und dann zog ich im April ’86 weit weg, nach Berlin, wo ein anderes Leben begann. Ca. 1987 ließ mir Duke aus der Ferne einen Gruß übermitteln, durch einen gemeinsamen Freund, der mich in Berlin besuchte, mehr geschah nicht. Durch eine selten schicksalshafte Fügung bekam ich im Januar 2000, also fünfzehn Jahre, nachdem ich Duke das letzte mal gesehen hatte, vielleicht bei diesem Nico-Konzert 1985, ein Theaterprogramm in die Hände, auf dem vermerkt war, dass im Theater am Südwestkorso in Berlin, ein Stück namens „Uhrwerk Banane“ gespielt wird, von dem Autor Duke Meyer. Es durchzuckte mich, und ich nahm per Mail Kontakt mit der Leitung des Theaters auf, um zu erfragen, ob sie eine Mail-Adresse des Autors haben und eine kleine Botschaft von mir weiterleiten könnten. Ich schrieb nur wenige Zeilen, „ich weiß nicht, ob du dich noch an mich erinnerst….“ usw., nur wenige Stichworte und einen Gruß. Das war am 13. Januar 2000. Immer wieder schaute ich in mein Mail-Postfach, aber da kam nichts. Und dann, etwa fünf Tage später, sah ich eine Mail. Sie war von Duke. Es war die längste E-Mail, die ich je von jemandem bekommen hatte. Ich druckte sie aus. Es waren in kleingedruckter Schrift, höchstens 9 Punkte, 8 DIN A4-Seiten. In denen er mir nicht nur mitteilte, dass er sich sehr wohl an mich erinnern würde, sondern auch, dass es ihm damals genauso ging wie mir. Was mir all die Jahre nicht klar war. Ich hatte nur so ein bestimmtes Gefühl. Auf den übrigen Seiten erzählte er mir sein Leben seither, all die Jahre. Und dass er bis vor zwei Monaten noch in Berlin gewohnt hätte. Das hat mir einigermaßen die Sprache verschlagen. Er hatte, wenn auch nur für etwa zwei Jahre, in Berlin gelebt und ich hatte nichts davon gewusst. Und nun war er – der Liebe wegen – gerade wieder weggezogen, in eine kleine Stadt in Süddeutschland, wo seine neue Liebe ihren Lebensmittelpunkt hatte. Von dieser Mail an schrieben wir uns täglich. Bis wir uns in Berlin wiedertrafen, es war im April Zweitausend, hatten wir uns gut und gerne schon tausend Mails geschrieben. Im April kam er nach Berlin und wir trafen uns am Alexanderplatz im Verlagsgebäude vom Berliner Verlag, wo er ein Interview hatte. Es würde zu lange dauern, und wäre mir auch zu aufwühlend, zu beschreiben, was nach dieser Begegnung geschah. Wir mussten nach dieser siebzehn Jahre zurückliegenden, unerfüllten Sehnsucht etwas nachholen. Und das taten wir. Er zog nicht wieder nach Berlin, aber war ab und zu hier. Und während dieser Zeit entstanden auch die Filmaufnahmen, die ich im April letzten Jahres digitalisieren ließ und verarbeitete.

Das letzte mal sah ich ihn Mitte Dezember 2002, so lange ging unsere Geschichte. Und dann brach der Kontakt ab. Ich hörte nie mehr von ihm. Alles, was ich seither über ihn erfahren konnte, war durch das Internet, wo er ab 2004 einmal im Monat etwas schrieb, was ihn bewegte und was er tat. Das Netz macht es möglich, dass man sich auch nach Ende eines Kontaktes noch weiter ein Bild von jemandem machen kann. Ich brauchte lange, um über das plötzliche Ende hinwegzukommen. Aber im Jahr 2007 hatte ich es endlich verarbeitet. Ich wusste auch, dass er eine Frau, eine Wienerin, gefunden und sogar geheiratet hatte, die – wie ich fand – sehr gut zu ihm passte. Ich spürte keinen Argwohn mehr, ich wünschte ihm innerlich Glück und Frieden. Als ich die Filmaufnahmen wieder fand, und sie digitalisiert nach und nach verarbeitete, war mir recht bald klar, dass es unangemessen wäre, ihm das nicht zu Kenntnis zu geben. Was ich mit einer Mail-Notiz tat, ohne viele Worte. Ich schickte ihm immer einen Link, wenn ein neues Opus mit ihm fertig war. Er dankte meistens kurz, das war es dann auch. Das war im Sommer 2013, im Juli. Und dann starb mein Neffe, Ende Juli. Und ich hatte das dringende Bedürfnis, ihm das mitzuteilen, weil er indirekt damit zu tun hatte, dass sich die Eltern meines Neffen, mein Bruder und die Mutter des Jungen überhaupt trafen. November 1983. Ich war bei einem Konzert von Dukes Band und lange vorher da. Und die spätere Lebensgefährtin meines Bruders auch. Sie sprach mich an. Wir befreundeten uns und so lernte sie meinen Bruder kennen. Ich war nur wegen Duke bei diesem Konzert. Wäre er nicht aufgetreten, wäre ich nicht dort gewesen, hätte ich die Frau, die später eine gute Freundin wurde, nicht getroffen, hätte sie vielleicht meinen Bruder nie kennengelernt und wäre mein Neffe vielleicht nie geboren worden… Wie das Leben so spielt. Ich wollte Duke auch deshalb über den Tod in Kenntnis setzten, weil ich sah, dass die beiden auf facebook befreundet waren und ich wissen wollte, ob sie sich überhaupt tatsächlich kannten, oder ob es nur so eine facebook-Bekanntschaft war. Duke schrieb mir auf die Mitteilung des Todes meines Neffen sehr bewegt und einfühlsam zurück, nein, er konnte sich nicht erinnern, ihn je persönlich getroffen zu haben. Aber mein Neffe wusste ziemlich gut, wer Duke war, weil seine Mutter ihm manchmal von früher erzählte, wie sie seinen Vater kennengelernt hatte. Duke war gerade in einem Sommerurlaub bei Freunden in Spanien, als er mir zurückschrieb. Seither wurde unser Austausch wieder persönlicher und wortreicher. Und die Idee kam auf, dass wir uns noch einmal sehen wollten, bevor wir selbst das Zeitliche segnen. Was zunächst pathetisch wirken mag, angesichts unseres mittleren Alters, Duke ist 1959 geboren und ich 1965. Aber wenn man gerade einen achtundzwanzigjährigen, jungen, gesunden Mann begraben hat, kommen einem solche Gedanken. Und weil Duke immer wieder so begeistert von Wien schrieb, dachte ich, es wäre eine schöne Idee, dass wir uns in Wien noch einmal treffen. In Frieden und Versöhnung. In Freundschaft und Verbundenheit. Und wie es das Schicksal so will, erfuhr ich gerade in diesen Monaten, Ende 2013, Anfang 2014, dass es Victor noch gab. Lange fand ich keine Spur von ihm im Netz, obwohl ich all die Jahre immer einmal wieder schaute. Und nun doch. Ich fand ihn und sah, dass er mittlerweile in Wien lebte. Ich kommentierte unter einem Video, das er gemacht hatte und daraufhin kommentierte er zurück. So hatten wir auch wieder Kontakt. Ihn hatte ich seit 1988 nicht mehr gesehen, als er mich einmal kurz in Berlin besucht hatte. Also sechsundzwanzig Jahre. Als es sicher war, dass Duke und ich uns im Mai in Wien treffen würden, teilte ich es Victor mit und er war auch dafür, dass wir uns bei der Gelegenheit doch einmal wiedersehen sollten, in der Stadt, in der er nun seit vielen Jahren lebte. So war das also. Das ist die Hintergrundgeschichte. Und nun saß ich mit Duke und Victor in Wien in einer kleinen Kneipe, die mich sogar ein bißchen an unsere Zeiten in den Achtziger Jahren, im Kunstverein erinnerte. So schließt sich der Kreis. Wir tranken zum Abschied noch einen oder auch zwei Bourbon an der Bar, auf die guten alten Zeiten. Und die Gegenwart. Und die Zukunft. Und Alles. Das tat sehr gut. Wir verabschiedeten uns mit einer warmen Umarmung und Victor fuhr heim und Duke und ich nahmen ein Taxi zur Wohnung in der Lambrechtgasse, wo wir ja noch viele Sachen im Kühlschrank hatten und auch Wein. Wir saßen also wieder an unserem mittlerweile vertrauten Treffpunkt in der riesigen Wohnung, dem Tisch in der Küche, und ließen den Tag Revue passieren und hörten und sprachen über Musik. Auch seine. Ich hatte in all den Jahren auch mitbekommen, was er gemacht hatte und dass er einmal im Jahr bei einem Projekt von Songwritern dabei ist, wo über den ganzen Monat Februar vierzehn Songs geschrieben und im Internet hochgeladen werden müssen, wohlgemerkt von jedem einzelnen Songwriter, um den trüben, nutzlosen Februar über die Bühne zu bringen. Es nennt sich FAWM, Abkürzung für February Album Writing Month. Ich hatte im Februar 2014 in seine Sachen reingehört und eine Skizze hatte es mir besonders angetan. Die Songs sind nicht fertig produziert, sondern Schnellschüsse, first Takes, Work in Progress. Das wäre ja auch gar nicht zu schaffen, wenn man alle zwei Tage ein neues Werk hochladen muss, um dieses sehr sportliche Ziel dieser weltweiten Community zu erreichen. Jedenfalls mochte ich einen Song ganz besonders und ich klickte immer wieder mal auf die Seite, um ihn hören zu können. Er erinnerte mich ein bißchen an die Sachen von Grace Jones aus den Achtzigern, die wir damals auch gehört hatten. Das Album „Warm Leatherette“ lief rauf und runter, Duke hörte das mindestens genauso oft wie ich, damals. Ich erinnere mich an Abende in Wohngemeinschaftsküchen, wo die Platte lief. Damals hatten wir noch keine CDs. Und er zuckte zum Beat mit seinen langen Gliedmaßen. In seiner Leopardenhose, klopfte mit den beringten und bereiften Händen und Armen den Rhythmus auf den Küchentisch und ich freute mich am Vibrieren. Deshalb wohl mochte und mag ich den Song auch so gerne. Er heißt „Wo…?“ und ist mittlerweile auch zum Anhören auf seiner Seite. Es ist immer noch dieselbe Rohskizze, aber dafür finde ich den Song erstaunlich fertig. Ich fragte Duke, ob ich den Song vielleicht bekommen dürfte, damit ich ihn anhören könnte, wann immer ich wollte. Er freute sich darüber und wir klappten beide unsere Rechner auf und er mailte mir den Song über den Küchentisch. Dank der archivierten Mail und ihrer Sendedaten kann ich einwandfrei rekonstruieren, dass das am 14. Mai war:
……………………………………………………………………………………………..
14.05.2014 um 23:12 Uhr
Wo find ich dich
Von: Duke Meyer
An: Gaga Nielsen

Huhu, Königin des verfeinerten Geschmacks,
hier kommt die Skizze „Wo find ich dich“, die in dieser Urfassung nur „Wo?“ heißt (die ich aber nicht umbenenne, weil sie immer noch für FAWM verlinkt ist so). Wir hoffen, diese Sendung entspricht Ihren Erwartungen.
XXX
Duke

……………………………………………………………………………………………..
Ich musste lachen, als ich die Mail las, weil jeder andere hätte einfach die Datei angehängt und kommentarlos gepostet. Aber Duke ließ es sich nicht nehmen, noch eine formvollendete Mitteilung dazu zu posten. Er schreibt tatsächlich leidenschaftlich gerne. Das hatten wir immer gemeinsam und immerhin das wird sich wohl auch nie ändern. Und weil wir sowieso schon dabei waren, Sachen auszutauschen, fiel mir ein, dass ich ja auch noch die digitalisierten Songs von seiner Band aus den Achtziger Jahren auf meinem Rechner hatte, die er selbst gar nicht besaß. Und ich hatte sie auch nur durch diese erstaunliche Fügung, dass bei der Trauerfeier für meinen Neffen, der frühere Bandkollege und Tontechniker von Dukes Band neben mir saß. Der, der mir als ich schon in Berlin war, einen Gruß von Duke ausgerichtet hatte. Und der meinen Neffen und seine Brüder gut kannte und deswegen bei der Beisetzung und der Trauerfeier war. Wir hatten uns lange und intensiv unterhalten und es kam die Rede darauf, ob er die alten analogen Aufnahmen je digitalisiert hat. Natürlich! Selbstverständlich! meinte Schwarzmann. Und: „Warte! Ich bin gleich wieder da!“ Sprang auf, packte sein Fahrrad und fuhr um die Ecke zu seinem Tonstudio, um mir mal eben zwischendurch, zwischen Kaffee und Kuchen, die alten Songs auf CD zu brennen. Nach zwanzig Minuten war er wieder zurück und gab mir die alten Aufnahmen auf zwei CDs. Und diese Dateien schob ich nun in Wien auf einen USB-Stick, und reichte ihn Duke über den Küchentisch. Einer meiner liebsten Songs darauf war „Ich fühl mich gut„. Ich hatte ihn in dem ersten Video verarbeitet, mit dem alten Material von Duke. Damals hatte ich keine digitale Version davon und nahm einfach direkt aus dem Raum vom laufenden Kassettenrekorder in meinem Atelier auf. Aber nun saßen wir in der Küche im schönen Wien und hörten fasziniert und gerührt noch einmal gemeinsam die ganzen alten Lieder von damals, aus der Zeit, als wir ineinander verliebt waren und es keiner zugab. Wir hatten auch noch Kartoffelchips und andere Sachen zu essen und einen unheimlich guten österreichischen Rotwein, einen blauen Zweigelt von der Weinmanufaktur Krems. Der absolut allerbeste Wein, den wir bislang auf diesem Tisch hatten, da waren wir uns einig. Angemessen, um diesen so erlebnisreichen Tag mit Klimts Kuss im Belvedere und dem Schwarzenberg und dem Karlsplatz und der Secession und dem Ganymed und dem Abschied von Victor, und unseren gemeinsamen Erinnerungen zu beschließen.

Ich war im großen Zauberwald
Tief unten auch bei den Maschinen
Ich sah für Stunden nur Asphalt
Und fuhr dir nach auf tausend Schienen
Ich war im sauberen Büro
Und lugte in die Besenkammern
Im Dschungel war ich sowieso
Auch dort, wo Herzen sich anklammern
Im Film hab ich dich nicht gesehen
Und in den Büchern nicht gefunden
Die Menschen können mich nicht verstehen
Du wärst seit ewig schon verschwunden
Du weißt, ich bin dir auf der Spur
Komm dich zurück nach Hause holen
Versteckst dich hinter Politur
Hörst schon das Schlurfen leiser Sohlen
Du bist die letzte vom Verein
Die anderen hab ich schon gerettet
Du wirst die Auslöserin sein
Der Anstoß der Ereigniskette
Dann ist der Zauber bald vorbei
Und alle sehen die Maschinen
Dann grüßen wir die Wirklicheit
Wollen niemand anderem mehr dienen

© Duke Meyer 2014, Wo…
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23. November 2014

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Noch gemeinsam etwas trinken. Nach ein bißchen herumschauen um den Karlsplatz herum (ist der nah zum Kunsthistorischen Museum? Muss ich direkt mal schauen… tatsächlich nur wenige Schritte entfernt, mir war auch, dass wir nicht weit gelaufen sind), wo in einem modernen Lokal, das Victor und mir sehr gut gefallen hätte, die Küche schon zu war, sind wir ein bißchen ratlos Richtung Club U in dem einen Otto-Wagner-Pavillon am Karlsplatz, wo unten nicht viel los war. Und dann nach ganz oben, unters Dach vom Pavillon, wo sich eine etwas improvisiert wirkende Lokalität befindet. Schon eine richtige Bar, aber dann im hinteren Bereich ein Raum, wohl eine ehemalige Wartehalle, vermute ich, wo ein paar ausrangierte Polstermöbel gestanden haben. An der Wand waren über der Siebziger-Jahre-Kunstledercouch lustige, so streetartmäßig improvisiert, auf Pappkarton geklebte, bunte Kunstwerke. Dass es da eher nichts zu essen geben würde, war mir schon recht bald klar, weil es ja auch keine Tische gab, wo man einen Teller hätte draufstellen können. Ich habe dann begriffen, dass ich mich wohl von der Vorstellung verabschieden muss, den Abend, als Krönung, in einem lauschigen Restaurant mit einem drei-Gänge-Menü und besten Weinen zu beschließen. Ich glaube, ich habe einen Filterkaffee getrunken, schwarz. Und Duke und Victor Bier aus der Flasche, wie das Männer so gerne machen. Nun hatte ich mich ja den ganzen Abend mit Alkohol zurückgehalten, weil ich noch in der Rekonvaleszenz war und dachte, ich müsste meine Kapazitäten für das opulente Abendessen aufsparen, wo ich dann nicht mehr mit alkoholischer Begleitung geizen wollte. Wir erinnern uns: es war noch immer der 14. Mai, an dem ich ziemlich verkatert und anlehnungsbedürftig mit Duke zum Belvedere gelaufen bin. Das letzte, was ich gegessen hatte, war das Schnitzel im Belvedere-Café, gegen Mittag. Und danach nur noch mehrere Tassen Kaffee, einmal im Schwarzenberg und dann vielleicht noch dazwischen, als wir kurz heim sind, vor dem abendlichen Ausflug zum Ganymed, wo ich im Kuppelcafé auch wieder nur Kaffee getrunken hatte. Mittlerweile ging es mir auch schon wieder recht prima. Zumal die schönen Erlebnisse beim Ganymed meinem Befinden auch insgesamt zuträglich waren. Jedenfalls habe ich dann in der Kneipe im Otto-Wagner-Pavillon – ich nenne das Lokal mangels genauerer Kenntnis einfach „Otto-Wagner-Club“, meinen Kaffee getrunken und meine Fotos durchgeschaut und ein bißchen herumgeknipst, während sich Duke und Victor sehr nett unterhalten haben. Über ihre künstlerischen Projekte, und an was sie gerade schreiben, und wie man so überlebt. Einmal ging es irgendwie darum, dass ich bestimmt habe, wann wir aufstehen und frühstücken und aufbrechen oder so ähnlich, also während der letzten Tage, in der Ferienwohnung in Wien, und da dachte ich so bei mir, das hört sich an, als wären wir dreißig Jahre verheiratet, wie Duke das gerade Victor erzählt. Das hat mich ganz seltsam berührt, weil wir ja kein Paar sind und er damals, vor dreizehn, vierzehn Jahren, als man davon hätte reden können, nie solche leicht vereinnahmenden, vertraulichen Bemerkungen gemacht hatte. Ob es damit zu tun hatte, dass er die Geschichte von Victor und mir kannte und rückwirkend ein bißchen Revier markieren wollte? Duke und ich kannten uns seit Neunzehnhundertdreiundachtzig und hatten uns heimlich angeschmachtet, er war anderweitig liiert und ließ sich daher wenig anmerken. Und ich mir auch so wenig wie möglich.

Das unerfüllte Sehnen zog sich fast drei Jahre hin und dann begegnete mir Victor und ich verliebte mich sehr in ihn. Da wurde nicht lange gefackelt, ich musste ihn nicht ein paar Jahre lang vergeblich anbeten. Es währte ein paar Monate, und dann zog ich im April ’86 weit weg, nach Berlin, wo ein anderes Leben begann. Ca. 1987 ließ mir Duke aus der Ferne einen Gruß übermitteln, durch einen gemeinsamen Freund, der mich in Berlin besuchte, mehr geschah nicht. Durch eine selten schicksalshafte Fügung bekam ich im Januar 2000, also fünfzehn Jahre, nachdem ich Duke das letzte mal gesehen hatte, vielleicht bei diesem Nico-Konzert 1985, ein Theaterprogramm in die Hände, auf dem vermerkt war, dass im Theater am Südwestkorso in Berlin, ein Stück namens „Uhrwerk Banane“ gespielt wird, von dem Autor Duke Meyer. Es durchzuckte mich, und ich nahm per Mail Kontakt mit der Leitung des Theaters auf, um zu erfragen, ob sie eine Mail-Adresse des Autors haben und eine kleine Botschaft von mir weiterleiten könnten. Ich schrieb nur wenige Zeilen, „ich weiß nicht, ob du dich noch an mich erinnerst….“ usw., nur wenige Stichworte und einen Gruß. Das war am 13. Januar 2000. Immer wieder schaute ich in mein Mail-Postfach, aber da kam nichts. Und dann, etwa fünf Tage später, sah ich eine Mail. Sie war von Duke. Es war die längste E-Mail, die ich je von jemandem bekommen hatte. Ich druckte sie aus. Es waren in kleingedruckter Schrift, höchstens 9 Punkte, 8 DIN A4-Seiten. In denen er mir nicht nur mitteilte, dass er sich sehr wohl an mich erinnern würde, sondern auch, dass es ihm damals genauso ging wie mir. Was mir all die Jahre nicht klar war. Ich hatte nur so ein bestimmtes Gefühl. Auf den übrigen Seiten erzählte er mir sein Leben seither, all die Jahre. Und dass er bis vor zwei Monaten noch in Berlin gewohnt hätte. Das hat mir einigermaßen die Sprache verschlagen. Er hatte, wenn auch nur für etwa zwei Jahre, in Berlin gelebt und ich hatte nichts davon gewusst. Und nun war er – der Liebe wegen – gerade wieder weggezogen, in eine kleine Stadt in Süddeutschland, wo seine neue Liebe ihren Lebensmittelpunkt hatte. Von dieser Mail an schrieben wir uns täglich. Bis wir uns in Berlin wiedertrafen, es war im April Zweitausend, hatten wir uns gut und gerne schon tausend Mails geschrieben. Im April kam er nach Berlin und wir trafen uns am Alexanderplatz im Verlagsgebäude vom Berliner Verlag, wo er ein Interview hatte. Es würde zu lange dauern, und wäre mir auch zu aufwühlend, zu beschreiben, was nach dieser Begegnung geschah. Wir mussten nach dieser siebzehn Jahre zurückliegenden, unerfüllten Sehnsucht etwas nachholen. Und das taten wir. Er zog nicht wieder nach Berlin, aber war ab und zu hier. Und während dieser Zeit entstanden auch die Filmaufnahmen, die ich im April letzten Jahres digitalisieren ließ und verarbeitete.

Das letzte mal sah ich ihn Mitte Dezember 2002, so lange ging unsere Geschichte. Und dann brach der Kontakt ab. Ich hörte nie mehr von ihm. Alles, was ich seither über ihn erfahren konnte, war durch das Internet, wo er ab 2004 einmal im Monat etwas schrieb, was ihn bewegte und was er tat. Das Netz macht es möglich, dass man sich auch nach Ende eines Kontaktes noch weiter ein Bild von jemandem machen kann. Ich brauchte lange, um über das plötzliche Ende hinwegzukommen. Aber im Jahr 2007 hatte ich es endlich verarbeitet. Ich wusste auch, dass er eine Frau, eine Wienerin, gefunden und sogar geheiratet hatte, die – wie ich fand – sehr gut zu ihm passte. Ich spürte keinen Argwohn mehr, ich wünschte ihm innerlich Glück und Frieden. Als ich die Filmaufnahmen wieder fand, und sie digitalisiert nach und nach verarbeitete, war mir recht bald klar, dass es unangemessen wäre, ihm das nicht zu Kenntnis zu geben. Was ich mit einer Mail-Notiz tat, ohne viele Worte. Ich schickte ihm immer einen Link, wenn ein neues Opus mit ihm fertig war. Er dankte meistens kurz, das war es dann auch. Das war im Sommer 2013, im Juli. Und dann starb mein Neffe, Ende Juli. Und ich hatte das dringende Bedürfnis, ihm das mitzuteilen, weil er indirekt damit zu tun hatte, dass sich die Eltern meines Neffen, mein Bruder und die Mutter des Jungen überhaupt trafen. November 1983. Ich war bei einem Konzert von Dukes Band und lange vorher da. Und die spätere Lebensgefährtin meines Bruders auch. Sie sprach mich an. Wir befreundeten uns und so lernte sie meinen Bruder kennen. Ich war nur wegen Duke bei diesem Konzert. Wäre er nicht aufgetreten, wäre ich nicht dort gewesen, hätte ich die Frau, die später eine gute Freundin wurde, nicht getroffen, hätte sie vielleicht meinen Bruder nie kennengelernt und wäre mein Neffe vielleicht nie geboren worden… Wie das Leben so spielt. Ich wollte Duke auch deshalb über den Tod in Kenntnis setzten, weil ich sah, dass die beiden auf facebook befreundet waren und ich wissen wollte, ob sie sich überhaupt tatsächlich kannten, oder ob es nur so eine facebook-Bekanntschaft war. Duke schrieb mir auf die Mitteilung des Todes meines Neffen sehr bewegt und einfühlsam zurück, nein, er konnte sich nicht erinnern, ihn je persönlich getroffen zu haben. Aber mein Neffe wusste ziemlich gut, wer Duke war, weil seine Mutter ihm manchmal von früher erzählte, wie sie seinen Vater kennengelernt hatte. Duke war gerade in einem Sommerurlaub bei Freunden in Spanien, als er mir zurückschrieb. Seither wurde unser Austausch wieder persönlicher und wortreicher. Und die Idee kam auf, dass wir uns noch einmal sehen wollten, bevor wir selbst das Zeitliche segnen. Was zunächst pathetisch wirken mag, angesichts unseres mittleren Alters, Duke ist 1959 geboren und ich 1965. Aber wenn man gerade einen achtundzwanzigjährigen, jungen, gesunden Mann begraben hat, kommen einem solche Gedanken. Und weil Duke immer wieder so begeistert von Wien schrieb, dachte ich, es wäre eine schöne Idee, dass wir uns in Wien noch einmal treffen. In Frieden und Versöhnung. In Freundschaft und Verbundenheit. Und wie es das Schicksal so will, erfuhr ich gerade in diesen Monaten, Ende 2013, Anfang 2014, dass es Victor noch gab. Lange fand ich keine Spur von ihm im Netz, obwohl ich all die Jahre immer einmal wieder schaute. Und nun doch. Ich fand ihn und sah, dass er mittlerweile in Wien lebte. Ich kommentierte unter einem Video, das er gemacht hatte und daraufhin kommentierte er zurück. So hatten wir auch wieder Kontakt. Ihn hatte ich seit 1988 nicht mehr gesehen, als er mich einmal kurz in Berlin besucht hatte. Also sechsundzwanzig Jahre. Als es sicher war, dass Duke und ich uns im Mai in Wien treffen würden, teilte ich es Victor mit und er war auch dafür, dass wir uns bei der Gelegenheit doch einmal wiedersehen sollten, in der Stadt, in der er nun seit vielen Jahren lebte. So war das also. Das ist die Hintergrundgeschichte. Und nun saß ich mit Duke und Victor in Wien in einer kleinen Kneipe, die mich sogar ein bißchen an unsere Zeiten in den Achtziger Jahren, im Kunstverein erinnerte. So schließt sich der Kreis. Wir tranken zum Abschied noch einen oder auch zwei Bourbon an der Bar, auf die guten alten Zeiten. Und die Gegenwart. Und die Zukunft. Und Alles. Das tat sehr gut. Wir verabschiedeten uns mit einer warmen Umarmung und Victor fuhr heim und Duke und ich nahmen ein Taxi zur Wohnung in der Lambrechtgasse, wo wir ja noch viele Sachen im Kühlschrank hatten und auch Wein. Wir saßen also wieder an unserem mittlerweile vertrauten Treffpunkt in der riesigen Wohnung, dem Tisch in der Küche, und ließen den Tag Revue passieren und hörten und sprachen über Musik. Auch seine. Ich hatte in all den Jahren auch mitbekommen, was er gemacht hatte und dass er einmal im Jahr bei einem Projekt von Songwritern dabei ist, wo über den ganzen Monat Februar vierzehn Songs geschrieben und im Internet hochgeladen werden müssen, wohlgemerkt von jedem einzelnen Songwriter, um den trüben, nutzlosen Februar über die Bühne zu bringen. Es nennt sich FAWM, Abkürzung für February Album Writing Month. Ich hatte im Februar 2014 in seine Sachen reingehört und eine Skizze hatte es mir besonders angetan. Die Songs sind nicht fertig produziert, sondern Schnellschüsse, first Takes, Work in Progress. Das wäre ja auch gar nicht zu schaffen, wenn man alle zwei Tage ein neues Werk hochladen muss, um dieses sehr sportliche Ziel dieser weltweiten Community zu erreichen. Jedenfalls mochte ich einen Song ganz besonders und ich klickte immer wieder mal auf die Seite, um ihn hören zu können. Er erinnerte mich ein bißchen an die Sachen von Grace Jones aus den Achtzigern, die wir damals auch gehört hatten. Das Album „Warm Leatherette“ lief rauf und runter, Duke hörte das mindestens genauso oft wie ich, damals. Ich erinnere mich an Abende in Wohngemeinschaftsküchen, wo die Platte lief. Damals hatten wir noch keine CDs. Und er zuckte zum Beat mit seinen langen Gliedmaßen. In seiner Leopardenhose, klopfte mit den beringten und bereiften Händen und Armen den Rhythmus auf den Küchentisch und ich freute mich am Vibrieren. Deshalb wohl mochte und mag ich den Song auch so gerne. Er heißt „Wo…?“ und ist mittlerweile auch zum Anhören auf seiner Seite. Es ist immer noch dieselbe Rohskizze, aber dafür finde ich den Song erstaunlich fertig. Ich fragte Duke, ob ich den Song vielleicht bekommen dürfte, damit ich ihn anhören könnte, wann immer ich wollte. Er freute sich darüber und wir klappten beide unsere Rechner auf und er mailte mir den Song über den Küchentisch. Dank der archivierten Mail und ihrer Sendedaten kann ich einwandfrei rekonstruieren, dass das am 14. Mai war:
……………………………………………………………………………………………..
14.05.2014 um 23:12 Uhr
Wo find ich dich
Von: Duke Meyer
An: Gaga Nielsen

Huhu, Königin des verfeinerten Geschmacks,
hier kommt die Skizze „Wo find ich dich“, die in dieser Urfassung nur „Wo?“ heißt (die ich aber nicht umbenenne, weil sie immer noch für FAWM verlinkt ist so). Wir hoffen, diese Sendung entspricht Ihren Erwartungen.
XXX
Duke

……………………………………………………………………………………………..
Ich musste lachen, als ich die Mail las, weil jeder andere hätte einfach die Datei angehängt und kommentarlos gepostet. Aber Duke ließ es sich nicht nehmen, noch eine formvollendete Mitteilung dazu zu posten. Er schreibt tatsächlich leidenschaftlich gerne. Das hatten wir immer gemeinsam und immerhin das wird sich wohl auch nie ändern. Und weil wir sowieso schon dabei waren, Sachen auszutauschen, fiel mir ein, dass ich ja auch noch die digitalisierten Songs von seiner Band aus den Achtziger Jahren auf meinem Rechner hatte, die er selbst gar nicht besaß. Und ich hatte sie auch nur durch diese erstaunliche Fügung, dass bei der Trauerfeier für meinen Neffen, der frühere Bandkollege und Tontechniker von Dukes Band neben mir saß. Der, der mir als ich schon in Berlin war, einen Gruß von Duke ausgerichtet hatte. Und der meinen Neffen und seine Brüder gut kannte und deswegen bei der Beisetzung und der Trauerfeier war. Wir hatten uns lange und intensiv unterhalten und es kam die Rede darauf, ob er die alten analogen Aufnahmen je digitalisiert hat. Natürlich! Selbstverständlich! meinte Schwarzmann. Und: „Warte! Ich bin gleich wieder da!“ Sprang auf, packte sein Fahrrad und fuhr um die Ecke zu seinem Tonstudio, um mir mal eben zwischendurch, zwischen Kaffee und Kuchen, die alten Songs auf CD zu brennen. Nach zwanzig Minuten war er wieder zurück und gab mir die alten Aufnahmen auf zwei CDs. Und diese Dateien schob ich nun in Wien auf einen USB-Stick, und reichte ihn Duke über den Küchentisch. Einer meiner liebsten Songs darauf war „Ich fühl mich gut„. Ich hatte ihn in dem ersten Video verarbeitet, mit dem alten Material von Duke. Damals hatte ich keine digitale Version davon und nahm einfach direkt aus dem Raum vom laufenden Kassettenrekorder in meinem Atelier auf. Aber nun saßen wir in der Küche im schönen Wien und hörten fasziniert und gerührt noch einmal gemeinsam die ganzen alten Lieder von damals, aus der Zeit, als wir ineinander verliebt waren und es keiner zugab. Wir hatten auch noch Kartoffelchips und andere Sachen zu essen und einen unheimlich guten österreichischen Rotwein, einen blauen Zweigelt von der Weinmanufaktur Krems. Der absolut allerbeste Wein, den wir bislang auf diesem Tisch hatten, da waren wir uns einig. Angemessen, um diesen so erlebnisreichen Tag mit Klimts Kuss im Belvedere und dem Schwarzenberg und dem Karlsplatz und der Secession und dem Ganymed und dem Abschied von Victor, und unseren gemeinsamen Erinnerungen zu beschließen.

Ich war im großen Zauberwald
Tief unten auch bei den Maschinen
Ich sah für Stunden nur Asphalt
Und fuhr dir nach auf tausend Schienen
Ich war im sauberen Büro
Und lugte in die Besenkammern
Im Dschungel war ich sowieso
Auch dort, wo Herzen sich anklammern
Im Film hab ich dich nicht gesehen
Und in den Büchern nicht gefunden
Die Menschen können mich nicht verstehen
Du wärst seit ewig schon verschwunden
Du weißt, ich bin dir auf der Spur
Komm dich zurück nach Hause holen
Versteckst dich hinter Politur
Hörst schon das Schlurfen leiser Sohlen
Du bist die letzte vom Verein
Die anderen hab ich schon gerettet
Du wirst die Auslöserin sein
Der Anstoß der Ereigniskette
Dann ist der Zauber bald vorbei
Und alle sehen die Maschinen
Dann grüßen wir die Wirklicheit
Wollen niemand anderem mehr dienen

© Duke Meyer 2014, Wo…
: : alle Wiener Geschichten : :

22. November 2014

(…)
“Was habe ich nach der Wende lernen müssen?”
1. Dass das Leben in Ostberlin nicht so materiell eingeschränkt war, wie man uns im Westen weismachen wollte. Intellektuell und kulturell ohnehin nicht. (“Es war nicht alles nur schlecht.”)
2. Dass Ostberlin die architektonisch spektakulärsten und geschichtsträchtigsten Bereiche des inneren Stadtgebietes
beinhaltet (Lustgarten, Museumsinsel, Opernpalais, Unter den Linden…), und dass es ein großes Geschenk ist, das nun kennen-lernen zu dürfen.
3. Demut und Neugier gegenüber der Kultur, die vorher so weit weg war und die man jetzt ganz nah hat, zum Glück. Zur Horizonterweiterung. Ich habe es immer genossen, mir von Ostberlinern etwas über ihr Leben vor der Wende erzählen zu lassen. Das hat meinen Horizont absolut erweitert.
4. Ich habe gelernt, dass wir in einem materiellen Überfluss leben, der einen auch überfordern kann. Szene in den Tagen nach Mauerfall im November 89 in einem Supermarkt in Berlin-Steglitz. Eine Ostberlinerin steht mit einem kleinen Kind an der Hand vorm Joghurt-Regal und weiß nicht, wo sie zuerst hinschauen soll. Sie sieht dabei nicht glücklich aus. Hunderttausend Sorten und Geschmacksrichtungen. Da muss man sich richtig durcharbeiten, am Anfang. Sie hat sich dann mit dem Kind umgedreht und gar nichts genommen. Da ist mir klar geworden, mit welcher Selbstverständlichkeit wir mit einem zum Teil unsinnigen Überangebot umgehen.
5. Neue Wörter. Interessante und manchmal passendere. “Fahrerlaubnis” statt “Führerschein”. “Zweiraumwohnung” statt “Zweizimmerwohunung”. Und dass Ostberliner anders und selbstverständlicher exzessiv (um nicht zu sagen lustvoll) berlinern als Westberliner. Besonders auffällig bei intellektuelleren, akademisch gebildeten Ostberlinern. Das hat auf mich immer sehr souverän und lässig gewirkt. Und das Wörtchen ‘urst’. (Sagt der Wiener auch) “Urstschön” (= superschön). Geht leider ein bißchen verloren, wie mir scheint. Lange nicht mehr gehört.
P.S. aber das allerschönste Wort, das ich gelernt habe, ist:
Völkerfreundschaft.

Kommentar vom 22.11.2014, 18:05

22. November 2014

(…)
“Was habe ich nach der Wende lernen müssen?”
1. Dass das Leben in Ostberlin nicht so materiell eingeschränkt war, wie man uns im Westen weismachen wollte. Intellektuell und kulturell ohnehin nicht. (“Es war nicht alles nur schlecht.”)
2. Dass Ostberlin die architektonisch spektakulärsten und geschichtsträchtigsten Bereiche des inneren Stadtgebietes
beinhaltet (Lustgarten, Museumsinsel, Opernpalais, Unter den Linden…), und dass es ein großes Geschenk ist, das nun kennen-lernen zu dürfen.
3. Demut und Neugier gegenüber der Kultur, die vorher so weit weg war und die man jetzt ganz nah hat, zum Glück. Zur Horizonterweiterung. Ich habe es immer genossen, mir von Ostberlinern etwas über ihr Leben vor der Wende erzählen zu lassen. Das hat meinen Horizont absolut erweitert.
4. Ich habe gelernt, dass wir in einem materiellen Überfluss leben, der einen auch überfordern kann. Szene in den Tagen nach Mauerfall im November 89 in einem Supermarkt in Berlin-Steglitz. Eine Ostberlinerin steht mit einem kleinen Kind an der Hand vorm Joghurt-Regal und weiß nicht, wo sie zuerst hinschauen soll. Sie sieht dabei nicht glücklich aus. Hunderttausend Sorten und Geschmacksrichtungen. Da muss man sich richtig durcharbeiten, am Anfang. Sie hat sich dann mit dem Kind umgedreht und gar nichts genommen. Da ist mir klar geworden, mit welcher Selbstverständlichkeit wir mit einem zum Teil unsinnigen Überangebot umgehen.
5. Neue Wörter. Interessante und manchmal passendere. “Fahrerlaubnis” statt “Führerschein”. “Zweiraumwohnung” statt “Zweizimmerwohunung”. Und dass Ostberliner anders und selbstverständlicher exzessiv (um nicht zu sagen lustvoll) berlinern als Westberliner. Besonders auffällig bei intellektuelleren, akademisch gebildeten Ostberlinern. Das hat auf mich immer sehr souverän und lässig gewirkt. Und das Wörtchen ‘urst’. (Sagt der Wiener auch) “Urstschön” (= superschön). Geht leider ein bißchen verloren, wie mir scheint. Lange nicht mehr gehört.
P.S. aber das allerschönste Wort, das ich gelernt habe, ist:
Völkerfreundschaft.

Kommentar vom 22.11.2014, 18:05

19. November 2014



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Verabredung um Sieben im Museums-Quartier. Auf den Stufen vom Kunsthistorischen Museum (KHM) sitzt Victor und raucht eine. In der Hand unsere Karten, die er schon vor Monaten besorgt hat. Die Aufführung im Museum ist immer schnell ausverkauft, so beliebt ist sie, und so begehrt die Karten. Ganymed heißt die Inszenierung. Vor einem guten Dutzend berühmter Gemälde spielen Schauspieler und auch Musiker ein kleines Stück, das extra dafür geschrieben und inszeniert wurde. Ungefähr zehn, fünfzehn oder auch zwanzig Minuten dauert jede Aufführung. Es sind recht bekannte Schauspieler dabei, wie Nicole Heesters und Maria Bill, die zum Beispiel vor dem kleinen, aber umso erschreckenderen Gemälde von Peter Paul Rubens „Das Haupt der Medusa“ die vernichtete, körperlose Kreatur darstellt. Ihr Kopf in einem Blutbett aus rotem Samt, spricht verzweifelte Sätze. Daneben schlängelt sich der der kopflose Rest, der nackte Körper einer jüngeren Frau.



In den prunkvollen Sälen des Museums stehen samtgepolsterte Rundbänke und inmitten Podeste, die zur Bühne werden. Man geht wie im Kreis, von einem Saal zum nächsten, hört eine Weile hin, bleibt. Oder geht nach ein paar Minuten weiter, irgendetwas fängt gerade wieder an. Die Bilder werden nicht so sehr beachtet, sie stehen oder hängen zwar oft ganz nah, aber das ist eine Kunst für sich, diese alte Malerei. Der zornige Monolog der Medusa war recht eindrucksvoll. Und dann zwei Säle weiter, hör ich leise Musik. Ein Wienerlied. Keines, das ich schon einmal gehört hätte. Zu einem Bild vom „Heiligen Hieronymus“ Zwei jüngere Männer im Saal, einer spielt Harmonium, weiter nichts. Die Strottern. Der Klang des Instruments geht mir durch und durch. Ich bin ganz aufgewühlt von dem Klang und davon, dass mich das dermaßen anrührt. Ich habe nur einmal in meinem Leben ein Harmonium live gehört. Neunzehnhundertfünfundachtzig bei einem Konzert von Nico. Ich stand ganz vorn. Und Duke war auch da. Aber wir hatten uns dort nur getroffen, nicht verabredet. Jetzt ist er auch wieder da, als ich zum zweiten mal, fast dreißig Jahre später, wieder ein Harmonium höre. Dann fängt der eine an zu singen. Wienerisch. Ganz leicht zu verstehen. Der Text ist so simpel, ich bin geradezu erschüttert. Man wundert sich, warum jemand überhaupt noch komplizierte Sachen schreibt, wenn doch so einfache Worte derart bewegen können. Ich bin ewig dankbar, dass ich jene Aufnahme dieses Liedes entdeckt habe. Jemand von der Crew hat Filmaufnahmen gemacht und zusammengeschnitten. Und genau das Lied darunter gelegt. Man muss gar nichts weiter dazu sagen.


Ich hatte den schwarzen Mantel mit den großen weißen Blumen an. Der hat ganz kleine Taschen, fast alles was man hineinsteckt, fällt bald heraus. Aber das Papiertaschentuch, das ich immer mitnehme, war noch drin. Ich habe es gebraucht. Da waren auch noch andere beeindruckende Dinge, wie das andere musikalische Stück mit der Violine und dem Plattenspieler und dem jungen Mann im goldenen Rock. Und das Prachtcafé unter der Kuppel, wo ich mir einen Kaffee bestellt habe und Duke etwas Kaltes, und der Ober hat was Anderes verstanden und ihm einen gespritzten Apfelsaft gebracht. Das war ein bißchen unglamourös, als abendliches Getränk. Aber das Drumherum dafür das Gegenteil. Ganz und gar feudal. Den Louvre habe ich nicht so prächtig in Erinnerung, wie das Kunsthistorische Museum. Und der Fußboden mit dem schwarzweißen Marmor-Mosaik ist unvergleichlich beeindruckend. Semper war einer der Baumeister. Der Fußboden und das Wienerlied. Das war das Schönste. Ich glaube, außer mir hat keiner geweint. Aber vielleicht habe ich es auch nur nicht bemerkt. Es war halt ein bisserl viel. Ich habe mich ja auch bemüht, es mir nicht zu arg anmerken zu lassen. Und wenn – – eh wurscht.
Der Mensch muss was essen.
Er braucht recht viel Schlaf.
Wenn er einmal hinfällt, dann weint er.
Wenn einmal was geht,
dann bläst er sich auf.
Allein wird er
wurlert.
Zu zweit ist er schwach.
Willen hat er eh keinen.
Wird’s eng, na dann
gibt er halt nach.
Sei ja schön.
Aber tu nicht eitel.
Sei ja gescheit.
Aber tu nicht groß
Wünsch dir nichts.
Und red‘ nicht zu viel.
Nimm Alles wie’s ist.
Anstandslos.
Sei ja fleißig.
Aber schaff dir nichts.
Wenn es wo glitzert,
dann halt dich fern.
Nutz die Zeit.
Lies nicht zu viele Bücher.
Bleib gesund.
Denk jeden Tag ans Sterben.
Du sollst. (Ich soll)
Du sollst. (Ich soll)
Du sollst. (Ich soll)
Du sollst. (Ich soll)
Du sollst nicht. (Ich soll nicht)
Du sollst nicht. (Ich soll nicht)
Du sollst nicht. (nicht)
Du sollst nicht. (soll nicht)
Du sollst nicht. (soll nicht)
Du sollst nicht.

Die Strottern. Ein bisserl viel
: : alle Wiener Geschichten : :

17. November 2014

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Ich darf mich nicht zu sehr betrinken, während ich diesen Eintrag schreibe. Nicht zu trunken werden. Ich darf nicht zu grob und flüchtig werden. Weil ich etwas Filigranes einfangen möchte. Beschwören. Einen filigranen Augenblick. der eine ganze Weile währte. Der mit nichts zu vergleichen war. Der vierzehnte Mai in Wien. Genau, exakt ein halbes Jahr liegt dieser Nachmittag zurück. Die Sonne stand im Stier, auf demselben Grad wie heute* im Skorpion. Ich kann nicht einfach so leichtfüßig wie sonst davon schreiben, dass oder wie ich abermals sehr eingenommen war von der Schönheit einer architektonischen Seltenheit. Vor drei Tagen ungefähr unterhielt ich mich mit einer jungen Frau Ende Zwanzig darüber, dass ich die letzte Zeit mit der Verarbeitung der Reise nach Wien verbringe, und jetzt erst die Muße und Zeit finde, das in Ruhe zu tun, in aller Angemessenheit. Sie war noch nie in Wien. Ich versuchte komprimiert in Worte zu fassen, was die Atmosphäre für mich ausgemacht hat, und warum ich die Stadt für mindestens so sehenswert halte, wie Paris. Sie hatte keine Bilder oder Assoziationen, hörte mir sehr aufmerksam zu. Ich vermute – weiß, dass ich Feuer vermitteln kann, wenn ich entzündet bin. Um meine Eindrücke abzukürzen, erwähnte ich, wie sehr mich die Secession, dieses architektonische Juwel und der darin beheimatete Beethovenfries von Gustav Klimt beeindruckt hatte. Der alles erzählt, was die menschliche Existenz bewegt. An dieser Stelle fehlten mir die Worte. Ich zeigte ihr der Einfachheit halber nur ein Bild von der Secession, auf dem man die Kuppel aus goldenen Lorbeerblättern unter tiefblauem Himmel sieht. Wie ich sie gesehen habe. Sie sah das Bild an. Mit einem Flackern im Blick drehte sie sich um und verkündete „Ich muss nach Wien.“ Und ich dachte mir, sie hat auf Anhieb alles verstanden. Während ich das schreibe, denke ich immer noch, ich müsste mich jedem Wort mit einer so leisen Behutsamkeit annähern, wie man sich zu einem Heiligtum begibt, um den Zauber nicht zu gefährden, zu wahren. Dass ich diesen Ort sehen und erleben möchte, das wusste ich lange schon in Berlin. Und hätte ich mich entscheiden müssen, und nur einige Stunden in Wien gehabt, dann hätte ich diesen Ort sehen wollen.

Alles andere gerne ein andermal. An dieser Stelle scheint es mir eine Erwähnung wert, dass Duke, der mich begleitete, und verschiedene Zeiten seines Lebens auch immer wieder in Wien verbracht hatte, tatsächlich auch noch nicht in der Secession war. Vorbeigegangen, ja. Oft. Oft gesehen. Eine selbstverständliche Schönheit von Wien. Aber an diesem Nachmittag war nicht der Weg sondern dieser Ort das Ziel. Unsere Augen wanderten langsam über das Blattwerk am Eingangsportal und die Inschrift „DER ZEIT IHRE KUNST. DER KUNST IHRE FREIHEIT“. Ich meine mich zu erinnern, wir sahen uns an und waren uns einig, wie großartig dieser Satz ist. Ja. Lass uns hineingehen, sagte ich. Meinst du? Ist noch Zeit? Ja. Es ist noch eine Stunde auf. Komm. Beim Eintreten war ich überrascht, dass die Räume im Vergleich zum Eingangsportal so schmucklos und einfach wirkten. Ich erinnere einfache glatte, weiße Wände. Keine dekorativen Elemente. Als hätte jemand den Lorbeer, der von Außen eine Fortsetzung im Innen verheißt, mit dem Laubsauger entfernt. Ein Museum mit zeitgenössischen Exponaten. Aber ich wusste, dass hier auch der Beethovenfries ist. Und den wollte ich sehen. Da muss der Beethovenfries von Klimt sein, den will ich sehen, sagte ich zu Duke. Nun weiß ich nicht recht weiter mit Worten. Und weil ich bereits ahnte, dass ich an so einen Punkt kommen könnte, wo ich fürchte, die Grenze zwischen angemessener Ergriffenheit und überbordendem Pathos nicht mehr im Griff zu haben, bat ich gestern Duke darum, ob er nicht seine Eindrücke schreiben könnte. Nur ganz kurz, zwei Sätze vielleicht. Bei anderen Orten wo wir waren, wäre ich nicht auf diese Idee gekommen. Außer vielleicht bei der Villa von Ernst Fuchs, aber da fielen mir viele eigene Worte zu. Als wir fast allein in diesem großen, beinah hermetisch wirkenden Raum standen, in dem nichts, als an drei Wänden der Fries in ziemlicher Höhe war, nichts weiter, und ich nach einer Weile stummer Betrachtung, leise aus dem kleinen Faltblatt zu lesen anfing, nämlich was die genauere Bedeutung dieses unfassbaren, virtuosen Szenarios war, jeder einzelnen Abbildung, spürte ich, dass wir dasselbe empfanden. Es war ein Gleichklang großer Ergriffenheit. Ich bin eben, während ich an diesem Eintrag schreibe, aufgestanden, um das Buch zu holen, das ich gerade lese. Es hat nichts mit Wien zu tun. Ich lese das Buch von Mary Bauermeister, einer achtzigjährigen Malerin, Künstlerin, die in unterschiedlicher Weise und Intensität Zeit ihres Lebens mit dem Komponisten Karlheinz Stockhausen verbunden war. Sie beginnt das letzte Kapitel des Buches und das den Titel „Die Liebe ist stärker als der Tod“ trägt, mit den folgenden Worten:

„Stockhausen und ich sitzen etwas erhöht, wie über der Welt, und schauen mit zwei Augenpaaren, aber so, als wäre es nur eines. Wir nehmen gemeinsam wahr, was vergangen ist, sehen in den Raum, in die Räume und in die Zeit. Zunächst in unsere, dann in die der Welt, schließlich in die der Welten. Unsere Blicke weiten sich, nehmen Abstand vom Kleinen, vom Detail, öffnen sich für größeres Erkennen, bis wir die ganze Gewaltigkeit der Schöpfung in uns fühlen. (…)“ Mary Bauermeister, Ich hänge im Triolengitter

»Genien. Die Sehnsucht nach dem Glück (symbolisiert durch die schwebenden Frauengestalten der ersten Tafel). Ritter und leidende Menschheit. Die Leiden der schwachen Menschheit (das kniende Paar und das stehende Mädchen hinter diesem): Die Bitten dieser an den wohlgerüsteten Starken (der Mann in goldener Rüstung mit Schwert) als äußere, Mitleid und Ehrgeiz (die weiblichen Figuren hinter dem Ritter) als innere treibende Kräfte, die ihn das Ringen nach dem Glück aufzunehmen bewegen. Die Feindlichen Gewalten. Der Gigant Typhoeus, gegen den selbst die Götter vergebens kämpften (das Ungeheuer mit Perlmutteraugen, das sich mit seinem blauen Flügel und schlangenartigen Fortsätzen über die gesamte Stirnwand ausbreitet); seine Töchter, die drei Gorgonen (die drei stehenden Frauen links von Typhoeus). Krankheit, Wahnsinn, Tod (die maskenartigen Frauenköpfe über den Gorgonenhäuptern). Wollust und Unkeuschheit, Unmäßigkeit (die Gruppe von drei Frauen rechts neben Typhoeus. Die Unmäßigkeit trägt einen auffallend ornamentierten blauen Rock mit Applikationen aus Perlmutt, Messingringen). Nagender Kummer (die kauernde Frau rechts im Bild). Die Sehnsüchte und Wünsche der Menschen fliegen darüber hinweg. Poesie. Die Sehnsucht nach Glück findet Stillung in der Poesie (die Frauengestalt mit der Leier). Die Künste führen uns in das ideale Reich hinüber, in dem allein wir reine Freude, reines Glück, reine Liebe finden können (die fünf Frauen, von denen die oberen drei auf die letzte Szene, die Worte Schillers weisen). Chor und Umarmung. Chor der Paradiesengel. Freude schöner Götterfunke. Diesen Kuss der ganzen Welt.«





Duke,14. Nov. 2014
Stille Erschütterung: unten im Souterrain, der für seine Geräumigkeit etwas Intimes hatte. So ging es mir früher oft mit großen Rockstars: Du kennst sie so gut, dass du sie fast schon wieder leid bist, du winkst diesen Song ab, sobald er irgendwo losdudelt – aber erlebe sie live, dann zittern dir auf einmal die Knie und du hörst und siehst alles zum ersten Mal, du hast ein echtes Erlebnis. Und hinterher hat es dich verändert. Und du erkennst: Es gibt ein Vorher und Nachher. So ging es mir mit Gustav Klimt, seinem „Kuss“ und dem ganzen „Beethovenfries“ in der Secession Wien. Der Spruch überm Portal sagt es: „Der Zeit ihre Kunst – der Kunst ihre Freiheit“. Darum geht es, darum ging es immer. Das reimt sich geradezu historisch und bindet Gegenwärtiges samt dem, was draus werden soll, mit ein. Ja, winkt nur ab. Wer das kann, war nicht dort: in jenem Rückzugsort der Kunst, der zu den Wahrzeichen Wiens zählt, obwohl sich bei seiner Eröffnung manche Pressestimmen die Lästermäuler zerrissen über den „Froschtempel“ (so eine der Schmähungen – ohne Schmäh).

Gustav Klimts Werke, gleichermaßen filigran wie groß, live zu erleben, hat was von einem Konzert aufwühlender Stille. Es hat eine Anmutung von altem Abendland – vielleicht jenem, das noch nie so recht aufgegangen ist für zu viele, geschweige denn aber unter – für die, die je davon kosteten. Es reichen ja die Sinne: einfach mal hingucken! Offene Gemütsverfassung bevorzugt: Es ist nicht wichtig, was du darüber weißt. Schädlich kann sogar sein, was du alles meinst, besser zu wissen. Hör auf. Hör lieber zu: mit den Augen… und schau mit der Zunge, schmecke mit den Ohren, riech mit dem Herzen – oder sowas in der Art. Lass dich einfach vereinnahmen. Dafür ist Kunst gemacht. Sie spricht aus sich heraus. Ja, es IST von Vorteil, erklärt zu bekommen, was die Szenen und Motive, die sich über drei der vier Wände erstrecken, im Zusammenhang wie im Einzelnen bedeuten – Gaga las es mir vor. Nur ein paar Worte aus dem Infoflyer, mehr brauchte es nicht.


Tief ins Gemüt krallte sich mir die Figur des
nagenden Kummers– ohne die Deutung hätte ich die wohl nicht erkannt, nicht in dem Maß des Abgrunds. Gut, sowas zu wissen: Es erschüttert dann so richtig. Aber was du im Grunde nur brauchst, sind Flügel: die deiner Seele. Ich weiß nicht, wie es anders sagen. Breite sie aus, lass dich tragen. Klimts Figuren können das, nicht erst der Kuss, wenngleich der besonders. Er ist zu Recht so berühmt. Und hast du ihn vor dir, raubt er dir den Atem – ganz egal, wie oft du das Bild schon auf irgendwelchen Abbildungen, Fotos oder in welchen zerrissenen Zusammenhängen auch immer gesehen, registriert und begähnt hast. Es gibt einen Unterschied zwischen Rede oder Abbildung von etwas und Wirklichkeit, den lehrt dich nur letztere. Das ist aber, warum sich Kunst letztlich lohnt: Große erweitert deine Herzkammern, bis der Wind der Hoffnung wieder da durchpfeift, egal, welche Argumente dein Verstand dagegen quengelt: Tür zu, es zieht! Ja, kunstseidank zieht es. Kunst hat nichts Gemütliches, nichts Beschauliches, nichts Passendes für den Moment, die Erwartung, das Interieur. Sie hinterlässt dich verändert. Darum gehst du hin. Es funktioniert nur in Wirklichkeit, dort aber umso. Zudem ist es eine Form von Spiritualität ohne Glaubensbedingung – eine gewissermaßen religionsfreie Heiligkeit – oder Erlösung. Es lässt sich natürlich auch ganz pragmatisch als Schönheit bezeichnen: von der Sorte, die Folgen hat.




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12. November 2014



TRANCE am Karlsplatz. Ach, lest doch selber. Bezahlt mich hier irgendwer dafür, dass ich die Fremdenführerin gebe? Der Schnörkelpavillon und auch der Spiegelgleiche gegenüber sind vom selben Baumeister wie die Villa vom Meister Fuchs. Otto Wagner. Das muss langen! Rest bitte selber lesen. Karlsplatz Laufweite Schwarzenberg. So fertig der Eintrag! Bitte. Geht doch!
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11. November 2014

Achtung, hier kommt ein Kartong. Verwechselt eigentlich noch wer außer mir, dauernd „hochsensibel“ und „hochbegabt“? Liegt vielleicht auch daran, dass ich bei der Vorsilbe gerne auf Durchzug schalte, grobschlächtig und schlicht, wie ich mitunter bin. „Hochzeit“, „hochsensibel“, „Hochbett“, „hochbegabt“ hä?

11. November 2014

Achtung, hier kommt ein Kartong. Verwechselt eigentlich noch wer außer mir, dauernd „hochsensibel“ und „hochbegabt“? Liegt vielleicht auch daran, dass ich bei der Vorsilbe gerne auf Durchzug schalte, grobschlächtig und schlicht, wie ich mitunter bin. „Hochzeit“, „hochsensibel“, „Hochbett“, „hochbegabt“ hä?

10. November 2014

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Was weiß Wikipedia übers Schwarzenberg? „Das Café Schwarzenberg ist ein Kaffeehaus an der Ringstraße im 1. Wiener Gemeindebezirk Innere Stadt. Es befindet sich am Kärntner Ring 17 gegenüber dem Schwarzenbergplatz. Im Gegensatz zu vielen anderen bekannten Wiener Kaffeehäusern zählten Künstler und Literaten nicht zur Stammklientel. Eine Besonderheit ist die original erhaltene Einrichtung vom Ende des 19. Jahrhunderts.“ Na, na, na! Keine Künstler und Literaten? Sind wir Blogger etwa keine Künstler und Literaten? Gut, Stammklientel bin ich freilich nicht, das wäre stark übertrieben. Das Schwarzenberg selber schreibt auf seiner Seite: „Obwohl nie Künstler- oder Literatencafé, weiß man doch von einem berühmten Stammgast zu berichten, der seinem Kaffeehaus über Jahre hinweg treu blieb: der Architekt Josef Hoffmann, Begründer der Wiener Werkstätte, ließ sich zur Mittagszeit vom Chauffeur absetzen, um zu essen, die Tageszeitungen zu lesen oder seine Ideen auf kariertes Papier zu bringen (Quatratel Hoffmann). Im Schwarzenberg sind sicher viele seiner außergewöhnlichen Entwürfe entstanden.“ Na also, wenigstens der Hoffmann! Ein Anfang ist gemacht! Und weiter: „In Wiens erstem (!) Ringstraßencafé genießen Sie entspannte Plauderstunden bei traditionellen Kaffeespezialitäten, feinen Mehlspeisen und köstlichen Schmankerln aus der Wiener Küche.“







Sicher werden sich gestern manche meiner Leser und Leserinnen gefragt haben, wo denn der tägliche Wien-Eintrag bleibt. Ich war gestern ein wenig unpässlich. Bzw. die Kollegen in Wien. Also technisch. Das nächste mal, wenn ich in Wien bin, muss ich doch einmal bei unserer Blog-Firma vorbeischauen, ob ich da irgendwie behilflich sein kann. Also gestern schon wäre eigentlich der Schwarzenberg-Eintrag dran gewesen – ein richtiges Thema für einen bewölkten Sonntag-Nachmittag. Aber na ja. Sicher hat der Einspänner oder der Kapuzziner auch ohne die Lektüre geschmeckt. Nun habe ich mich ja doch ein wenig aus dem Fenster gelehnt, als ich in Aussicht gestellt habe, dass ich in Wort und Bild vom Kaffeehausbesuch berichten will. Man stellt sich dann ja so vor dem inneren Auge abgewetzte, gepolstere Sessel und Marmortische vor, eine lange Kuchentheke, schöne alte Lampen, alles recht gemütlich. Aber was soll man machen, wenn man auf einmal bemerkt, dass endlich einmal die Sonne herauskommt und der Schanigarten vom Kaffeehaus eingedeckt ist. Dann setzt man sich dankbar in die Sonne. Und Rauchen darf man ja draußen auch nach Herzenslust. Was jetzt nicht so direkt mein Bedürfnis war, aber doch von meinem Begleiter. Und es ist ja auch nicht so gemütlich, wenn der eine drinnen sitzt und ein Getränk nach dem anderen bestellt und der andere geht alle zwanzig Minuten für zehn Minuten vor die Tür. Also sucht man sich lieber gleich einen schönen Platz an der frischen, sonnigen Luft. Da konnte ich auch die bemerkenswerte Markise eingehend studieren. Und fotografieren! Diskret. Absolut diskret! Ich habe bei diesem Besuch ganz großen Wert darauf gelegt, dass ich nicht als die alles fotografieren müssende Ausländerin erscheine. Ich habe extra kein einziges Getränk auf dem Tisch fotografiert, da hätte ich die Kamera dann doch ein wenig anheben müssen. Was ich also abgelichtet habe, ist abermals mit der unbewegt auf dem Tisch stehenden Kamera fotografiert oder ganz am Anfang, beim Kommen, als wir auf dem Weg zum Tisch waren, da habe ich schnell ein paar Fotos vom Eingang, im Vorbeigehen erwischt. Und dann noch einmal, wo ich das Damen-WC besucht habe. Da konnte ich beim Durchgehen natürlich einen schönen Eindruck gewinnen. Es gibt ja ganz viele Fotos von der Inneneinrichtung vom Schwarzenberg im Internet. Als ich dann das großzügige WC betreten habe, hat es mich gleich gefreut, dass da auch so viel Marmor war und genau die gleichen Ledersessel wie im Café selber. Da habe ich dann meine kleine Tasche abgestellt und drei Fotos gemacht. Jetzt, wo ich aber die anderen Bilder im Internet vom Schwarzenberg sehe, freue ich mich, dass fast niemand – also eigentlich überhaupt niemand bis jetzt – in aller Ausführlichkeit die Markise fotografiert hat! Damit habe ich eine echte Lücke geschlossen und habe nun Schwarzenberg-Aufnahmen mit Alleinstellungsmerkmal! Man muss sich auch selber loben! Wie man auf der Rechnung sieht, wurden vier Getränke bestellt und getrunken. Der Einspänner und der Eiscafé, das war ich. Hat tadellos geschmeckt. Es hat gut getan, sich ein bißchen auszuruhen, nach so viel Kultur. Mir war auch schon viel besser und ich war sehr froh darum, weil wir am Abend ja noch eine ebenfalls sehr kulturvolle Verabredung vor uns hatten, im Kunsthistorischen Museum zur preisgekrönten Ganymed-Aufführung. Aber vorher sind wir noch zum Karlsplatz und zum Secessionsgebäude. Wer das nicht gesehen hat, der war nicht in Wien! Aber genug – ich greife vor. Das hier war also unser Besuch im Café Schwarzenberg, allererstes Ringstraßen-Café. Seit 1861.



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CAFÉ SCHWARZENBERG
Kärnter Ring 17 – 1010 Wien.
Rechnung Tisch 116
14.05.2014 Bed. 13

2 x 3,70
Tonic Water 0,2 l ………… 7,40
Einspänner ………………… 4,50
Eiskaffee …………………… 4,90
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Summe: …………….16.80 EUR
Das Team des Café Schwarzenberg dankt
für Ihren Besuch, und freut sich auf ein
baldiges Wiedersehen.

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08. November 2014


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Ein bißchen Treptow, da am Schwarzenbergplatz. Nennt sich offiziell „Heldendenkmal der Roten Armee„. „(…) wurde 1945 zur Erinnerung an rund 17.000 bei der Schlacht um Wien gefallene Soldaten der Roten Armee errichtet.“ Na gut, meinethalben. Schon etwas überraschend zwischen der ganzen k.u.k.-Pracht. Das Rotarmisten-Denkmal war mehr so eine Zufallsentdeckung, es war nicht auf meiner kleinen, privaten Sehenswürdigkeiten-Liste. Durchaus darauf war aber das legendäre Schwarzenberg-Palais, das seit geraumer Zeit leersteht. Nun kamen wir ja zufällig sowieso nah am Schwarzenbergplatz aus dem Belvedere-Schlossgarten, und da könnte ich ja bei der Gelegenheit mal nach dem Rechten sehen, ob im Schwarzenberg noch alles in Ordnung ist oder ob es schon hineinregnet, waren so meine Überlegungen. Da war aber so eine Art Zaun oder Bauzaun, jedenfalls hermetisch verriegelt der Zugang, nur ganz ferne konnte ich das Palais vermuten. Es hat nicht sollen sein. Muss es eben jemand anders übernehmen. Solche alten Kästen sind ja auch sehr kostspielig in der Bewirtschaftung. Alleine die Heizung. Und dann muss erst noch überall WLAN gelegt werden – ach – das ist mir schon wieder zu viel. Mir reicht schon die Renovierung neulich von meinem Wohnzimmer. Lieber nehme ich ein Palais, wo schon alles fertig ist.




Das waren so meine Gedanken am Schwarzenbergplatz. Und dass man sich eigentlich endlich mal wieder wo hinsetzen könnte und einen Kaffee trinken. Das war ja jetzt bestimmt schon wieder eine halbe Stunde her, dass wir in dem Café im Belvedere waren. Und außerdem wird es sowieso höchste Zeit, dass nun endlich einmal ein richtiges Kaffeehaus besucht wird, so eines mit extra Wikipediaeintrag, wo auf der Karte erst einmal einleitend auf drei Seiten feierlich die Historie abgehandelt wird und wer dort welche berühmten Romane geschrieben hat usw. usf. Und wie es der Zufall so will, ist doch da gleich am Schwarzenbergplatz, da beim Schubertring das Café Schwarzenberg. Wer hätte noch nicht davon gehört! Also jedenfalls bestimmt jeder, der schon mal nach Wiener Kaffeehäusern im Internet gesucht hat. Selbstverständlich wird dieser Kaffeehausbesuch extra abgehandelt. In Bild und Text.






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06. November 2014



Ich will den Tag noch zu Ende erzählen, den dreizehnten Mai in Wien. Also zum Essen in eines der Restaurants in der Kurrentgasse. Ins Pastell oder ins Ofenloch. Darauf war ich gekommen, weil der Herr Heller beide lobend erwähnt hat und ich wäre eigentlich gerne in das moderne von beiden eingekehrt. Aber da war gar nicht auf. Das Restaurant hatte komplett zugemacht. Eine Passantin war im Bilde, sie hat unsere Irritation bemerkt, vielleicht habe ich auch erwähnt, dass auf der Internetseite nicht ersichtlich war, dass das Lokal zugemacht hat. Sie meinte, das wäre auch noch nicht lange, erst vor kurzem. Das zahlkräftige Publikum hat sich wohl nicht in ausreichender Zahl mehr eingefunden, zuletzt. Schade. Dann also ein paar Häuser weiter, zum Ofenloch. Das Ellas am nahen Judenplatz hätte mich ursprünglich auch interessiert, aber beim Anschauen der Speisekarte im Schaukasten war der Eindruck eher, als handelt es sich um ein Lokal wo man nur einen kleinen Imbiss zu sich nimmt und sonst eher trinkt. Vielleicht war das ja ein Irrtum. Wenn ich heute auf die Karte schaue, sind da richtige Menüs im Angebot.


Jedenfalls war das sehr traditionsbewußte Ofenloch ein Garant für beste Qualität der Speisen. Auf der Seite vom Ofenloch liest man: „Hier trinkt man Bier seit 1704“. Es wäre also gut vorstellbar, dass Albin Denk dort auch einmal eingekehrt ist. Man kann schon auch einmal in einer rustikalen Gastwirtschaft essen. Mir war nicht mehr genau präsent, was wir gegessen haben, an ein Wiener Schnitzel konnte ich mich erinnern, aber nicht, ob ich es bestellt habe oder Duke oder wir beide jeder eins. Aber dass ich es probiert habe und es ausgezeichnet war, weiß ich noch. Auf der Rechnung steht aber drauf, was wir gehabt haben. Und so zu lesen auf der Speisekarte:
~ Steirischer Backhendlsalat
Erdäpfel- und Blattsalat in Kürbiskerndressing
mit goldgelb gebackenen Hühnerstücken

~ Gebratene Forelle
mit Mangold und Safransauce
~ Wiener Schnitzel vom Kalb
mit Preiselbeeren und Erdäpfel-Vogerlsalat
~ Budweiser vom Fass

Das war alles sehr schmackhaft und der Service überaus freundlich. Auf dem Weg zum WC ist der Vorraum mit vergilbten Zeitungsausschnitten mit Prominenten drauf tapeziert. Wenn mal besetzt ist und man sich die Zeit vertreiben muss, kann man da viel lesen und Fotos anschauen. Sämtliche österreichische Bundeskanzler scheinen gerne im Ofenloch zu speisen. Aber auch Schauspieler und österreichische Prominente, die man in Deutschland jetzt nicht so kennt. Eine sichere Adresse für ein gutes Wiener Schnitzel. Nicht so plakativ überdekoriert wie der Figlmüller in der Wollzeile, eher diskret und unaufgeregt, trotz der Zeitungsausschnitt-Galerie beim WC. Auf der Rechnung steht die Uhrzeit 20:59 Uhr. Also noch recht früh. Ich glaube, wir waren ungefähr zweieinhalb Stunden da. Bei der Gelegenheit habe ich Duke erzählt, dass ich durch eine Erwähnung von André Heller auf das Lokal aufmerksam geworden bin und dass schon solche Erwähnungen zur gastronomischen Infrastruktur in Wien, für meine Begriffe komplett rechtfertigen, sich mit diesem Wiener näher zu beschäftigen. Ich nutze ihn sozusagen als Quelle für Wiener Einwohner-Wissen, zumal er ja auch noch in Wien geboren ist. Das war für Duke auch vollkommen nachvollziehbar, dass man sich mit so jemandem beschäftigt, nicht weil man Fan von jemandem ist, sondern weil er interessante Sachen zu erzählen hat, die andere nicht in der Stadt erlebt haben. Er war ja zum Beispiel vor seiner Karriere als Chanson-Sänger Radio-DJ beim ORF und ist so überhaupt bekannt geworden und hat dann durch seine beruflichen Kontakte erste Schritte mit eigenen Musikproduktionen gemacht.

Wie die Jungfrau zum Kind gekommen. Und deswegen hat er auch John Lennon und Yoko Ono im Sacher zu einem exclusiven Interview getroffen und war später auf dem Weg zum Flieger mit ihm auf dem Zentralfriedhof bei den großen Komponisten, wo John Lennon dann einen Schnürsenkel aus seinem Schuh gezogen hat, um ihn dem Schubert als Ehrerbietung aufs Grab zu legen, weil er nichts anderes dabei hatte, was er hätte hinlegen können. Das sind einfach hörenswerte Geschichten. Das mit dem Schnürsenkel hat Duke auch gut gefallen. Er war direkt gerührt, das habe ich gemerkt. Er versteckt das aber dann auch nicht. Daheim, in der Ferienwohnung sind wir dann noch lange am Tisch in der Küche gesessen und haben weiter erzählt und Musik gehört. Ich glaube auch die sechs Heller-Lieder, die ich auf meinem Rechner habe.

Das war ganz schön. Es hat einfach gepasst. Und da war ja noch so viel Wein, der wollte ja auch endlich einmal getrunken werden.
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07. November 2014


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Yesterday
von den Beatles. Angie von den Stones. My Way von Sinatra. Samba PaTi von Santana. Albatros von Fleetwood Mac. Sounds of Silence von Simon and Garfunkel. Die vier Jahreszeiten von Vivaldi. Der Kuss von Klimt. Alles furchtbar. Oder? Oder nur furchtbar oft gehört, furchtbar oft gesehen? Brauchen die Beatles einen Anwalt? Die Rolling Stones? Frank Sinatra? Carlos Santana? Fleetwood Mac? Simon and Garfunkel? Vivaldi? Braucht Gustav Klimt einen Anwalt? Eine Anwältin? Ich glaube nicht. Aber wenn er eine bräuchte, ich stände zur Verfügung. Der Grund, warum ich ins Belvedere wollte, war nicht, dass ich ein Schloss oder einen Schlossgarten besuchen wollte. Der Grund war Gustav Klimt. Auf der Seite vom Belvedere ist zu lesen, dass das Museum, das „Obere Belvedere„, die größte Sammlung an Klimtwerken besitzt. Deswegen wollte ich da hin. Wenn man auf die Seite schaut, sieht man sehr viele bekannte Werke von ihm. Allerdings ist zu bedenken, dass Klimt-Bilder auch gerne weltweit in Sammel-Ausstellungen gezeigt werden und das eine oder andere Werk daher als Leihgabe für die Dauer einer Ausstellung in der Weltgeschichte unterwegs ist. Zum Beispiel gab es im Frühjahr in Wien gerade eine Ausstellung, die vorher auch in Berlin zu sehen war, die „Wien – Berlin, Kunst zweier Metropolen“ hieß, und die auf dem Berliner Plakat mit einem Klimt-Bild warb, das in die Sammlung des Belvedere gehört. Also war dieses Bild gerade unterwegs. Und einige andere auch. Aber „Der Kuss„, einer der größten Hits unter den weltweiten Merchandise-Motiven für Kaffeetassen, Adressbüchlein und Brillenetuis (aka „Klimt-Overkill“), der hängt tatsächlich im Belvedere. Vielleicht wird er auch nicht so gerne herausgegeben. Denn immerhin wird man von diesem innigen Motiv bereits am Flughafen Schwechat empfangen. Die beiden Köpfe sind übergroß abgebildet. Und das ist durchaus ein sehr schöner Eindruck, wenn man auf seinen Koffer oder seine Reisetasche wartet, dort am Gepäckband. Ich fand es erhebend. Im Belvedere ist Fotografieren komplett verboten. Nur zur Information. Ich habe mich natürlich auch daran gehalten, nachdem man mich darauf aufmerksam gemacht hat. Manchmal kann man ja auch gar nichts dafür, wenn die Kamera auslöst, man kommt irgendwie komisch mit dem Finger an den Auslöser, durch eine blöde Handbewegung. Deswegen sind die Bilder auch oft so schief, die da ganz überraschenderweise zustande gekommen sind. Der Raum, in dem die Klimts hängen, ist sehr, sehr dunkel. Die einzelnen Bilder werden subtil, beinah sakral, angestrahlt. Damals, im Mai, war eine Reihe von Frauenportraits zu sehen, von denen ich wusste, dass es überwiegend Auftragsarbeiten waren. Deshalb gibt es manchmal einen starken Kontrast zwischen der frühlingshaft jugendlich dargestellten Abbildung des Frauenkörpers in einem märchenhaften Kleid, aus dem dann oben der Kopf einer Frau herausschaut, die vom Alter und vom Ausdruck nicht so sehr zu der juvenilen Aufbruchstimmung und der wilden Blütenpracht zu passen scheint. Klimt hatte das Glück, zu Lebzeiten ein begehrter Portraitmaler der Damen der besseren Wiener Gesellschaft zu sein. Es war en vogue, sich von ihm portraitieren zu lassen, es galt als hochmodern und als ein Status-Symbol, ebenso wie in den Sechzigern, bei Andy Warhol einen echten Warhol-Siebdruck vom eigenen Konterfei in Auftrag zu geben. Ich nehme allerdings stark an, dass die Auftragsportraits von Klimt auf dem internationalen Kunstmarkt höher angesiedelt sind als die vervielfältigbaren Siebdruck-Portraits von Warhol. Apropos Warhol. In einem der Nebenräume läuft im Loop Andy Warhols Film „Kiss“ (hier in voller Länge auf youtube), in dem sich eben fünfzig Minuten lang geküsst wird. Sicher kein Zufall. Duke hat sich das eine Weile interessiert angeschaut. Ich konnte mir schon denken, wie der Film weiter geht. Ich habe mich dabei ertappt, dass ich wieder einmal nicht den Wunsch hatte, mir das anzuschauen. Ich sehe allgemein in Filmen ungern Szenen, wo die Kamera langatmig und detailliert auf einen kompletten Kuss draufhält. Das ist mir zu intim. Ich bin da wahrscheinlich zu empathisch. Ich möchte das nicht mitempfinden müssen, was die mir völlig fremden Leute da machen. Get a Room. Auch bei anderen sexuellen Handlungen möchte ich anderen nicht gerne zuschauen. Das bringt mich einfach nicht weiter. Früher war ich da, glaube ich, anders. Komisch, wie sich manches ändert. Vielleicht ändert es sich ja auch nochmal irgendwann. Ich bin also nicht etwa jemand, der heimlich Pornofilme guckt, sondern heimlich keine Pornofilme guckt, obwohl man damit heutzutage nicht gerade als sehr hip gilt. Nun ist es raus. Aber wie gesagt, vielleicht kann ich das Leiden eines Tages wieder kurieren. Fände ich ja selber praktisch. Stundenlang könnte ich mir dann den Warhol-Film anschauen. Das wären Peanuts. Ja noch nicht mal Blümchen-Sex!







Wir sind zu Fuß von der Wohnung zum Belvedere, das war gar nicht sehr weit von der Lambrechtgasse im vierten Bezirk. Rainergasse… Belvederegasse… ich weiß es nicht mehr. Nur, dass wir tatsächlich noch einmal zurück zur Wohnung sind, weil ich meine Sonnen Windschutzbrille da vergessen hatte. Ich musste ein bißchen weinen. Das muss ja nicht sein. Am Himmel war ein Gemisch aus Wolken, Wind und Sonne, im Wechsel zu beobachten. Mir war nicht so gut, weil ich doch ein bißchen viel Rotwein getrunken hatte, den Abend zuvor und ich hakte mich bei Duke ein, obwohl das sonst nicht meine Art ist, wenn ich neben jemandem laufe. Ich war ein bißchen anlehnungsbedürftig und hoffte, dass die Aspirin-Tabletten recht viel Wirkung tun. Am Eingang vom Oberen Belvedere stehen zwei große Sphinxen. Aber mit Wikinger-Zöpfen. Ein bißchen albern, die Kombination. Ich habe meine Tasche am Boden abgestellt, um ein bißchen mit der Kamera um die eine Sphinx herumzugehen, zu schauen, wie ich sie am besten einfange. Dann bin ich auf die andere Seite, wo auch eine große Freitreppe war, auf der Duke saß und wartete, bis ich fertig war mit meiner Sphinx. Als ich wieder auf die andere Seite gehe, sehe ich, dass die Tasche weg ist, die ich auf den Boden gestellt habe. Da war weit und breit niemand zu sehen. Hatte man mich etwa heimlich bestohlen? Oh je…! Da war mein Geld drin und der Personalausweis und die EC-Karte… das Flugticket war in der Wohnung, in der Reisetasche. Aber mein Ausweis… und das Geld. Wir sind noch einmal zu dem Häuschen, in dem man auch die Eintrittskarten kaufen konnte, die hatte ich schon, ich war unsicher, vielleicht habe ich die Tasche ja da – – – ? Die Frau an der Kassa erinnerte sich an mich und hielt schon die Tasche hoch, ehe ich sagen konnte, was ich will. Ich hatte die Tasche nicht vergessen. Jemand hat sie vom Boden aufgehoben und als herrenlose Fundsache dorthin gebracht. Eine ältere Dame wohl, die mich nicht hinter der Sphinx gesehen, oder der kleinen



Tasche zugeordnet hatte. Manchmal bin ich schon sehr leichtsinnig. Das war mir aber eine Lehre! Glück im Unglück! Weil ich eben auch nicht ganz beieinander war und ein bißchen neben mir gestanden habe, wegen dem Kopfweh. Wir sind dann also ganz, ganz langsam in die Ausstellung. Da waren noch andere Sachen außer dem Klimt, aber die habe mich nicht interessiert oder mir nicht gefallen. So alte Schinken mit Schlachten drauf oder so ähnlich. Nach dem Klimt wollte ich mich unbedingt hinsetzen und einen schönen Kaffee trinken und irgendeine Kleinigkeit essen.






Zum Glück war da dann gleich das sehr kleine, putzig-runde Café Ménagerie mit der schönen hummerroten Damasttapete. Oder besser Wandbespannung. So ein edler Stoff in so einem Schloss wird ja nicht wie ein ordinäre Tapete mit Tapetenkleister angeklebt, nehme ich an, sondern fein mit Tapetennägeln festgemacht. Auf dem Weg zum Café war noch eine Ausstellung mit expressionistischen Bildern, von denen mir ganz viele sehr gut gefallen haben. Ich liebe die Expressionisten! Das ist Rock’n’Roll, das ist Punk! Das ist Heavy Metal! Aber intelligent. Yeah! Und genau vor dem Eingang zum Café war ein Raum, in dem gerade eine Ausstellung vorbereitet worden ist. Habe ich auch noch nie gesehen, wie so Beschriftungen an die Wand geklebt werden. Da hat man einfach so zuschauen können. Zuerst war im Café nur ein Tisch mit zwei Stühlen frei, ein ganz kleiner, aber kaum sind wir gesessen, wurde der vielleicht schönste Platz frei, mit einer gepolsterten Bank, wo man direkt auf das Sisi-Portrait schauen konnte. Ich habe dann doch keine Kleinigkeit gegessen, sondern ein Wiener Schnitzel mit Erdäpfelsalat und natürlich kein Bier dazu getrunken. Denke ich doch. Nehme ich doch an. Das Schnitzel war ausgezeichnet und hat mir sehr gut getan. Ich würde überhaupt jedem empfehlen, in Wien nur immer recht viel Wiener Schnitzel zu essen, weil es einfach überall schmeckt. Nach dem Cafébesuch sind wir noch ein bißchen durch den Park gelaufen, an den kegelförmigen Buchsbäumen vorbei, Richtung Unteres Belvedere und dann zum Ausgang. Rennweg. Und dann weiter zum Schwarzenbergplatz. Nächstes Kapitel… – Bald in diesem Theater.



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06. November 2014



Ich will den Tag noch zu Ende erzählen, den dreizehnten Mai in Wien. Also zum Essen in eines der Restaurants in der Kurrentgasse. Ins Pastell oder ins Ofenloch. Darauf war ich gekommen, weil der Herr Heller beide lobend erwähnt hat und ich wäre eigentlich gerne in das moderne von beiden eingekehrt. Aber da war gar nicht auf. Das Restaurant hatte komplett zugemacht. Eine Passantin war im Bilde, sie hat unsere Irritation bemerkt, vielleicht habe ich auch erwähnt, dass auf der Internetseite nicht ersichtlich war, dass das Lokal zugemacht hat. Sie meinte, das wäre auch noch nicht lange, erst vor kurzem. Das zahlkräftige Publikum hat sich wohl nicht in ausreichender Zahl mehr eingefunden, zuletzt. Schade. Dann also ein paar Häuser weiter, zum Ofenloch. Das Ellas am nahen Judenplatz hätte mich ursprünglich auch interessiert, aber beim Anschauen der Speisekarte im Schaukasten war der Eindruck eher, als handelt es sich um ein Lokal wo man nur einen kleinen Imbiss zu sich nimmt und sonst eher trinkt. Vielleicht war das ja ein Irrtum. Wenn ich heute auf die Karte schaue, sind da richtige Menüs im Angebot.


Jedenfalls war das sehr traditionsbewußte Ofenloch ein Garant für beste Qualität der Speisen. Auf der Seite vom Ofenloch liest man: „Hier trinkt man Bier seit 1704“. Es wäre also gut vorstellbar, dass Albin Denk dort auch einmal eingekehrt ist. Man kann schon auch einmal in einer rustikalen Gastwirtschaft essen. Mir war nicht mehr genau präsent, was wir gegessen haben, an ein Wiener Schnitzel konnte ich mich erinnern, aber nicht, ob ich es bestellt habe oder Duke oder wir beide jeder eins. Aber dass ich es probiert habe und es ausgezeichnet war, weiß ich noch. Auf der Rechnung steht aber drauf, was wir gehabt haben. Und so zu lesen auf der Speisekarte:
~ Steirischer Backhendlsalat
Erdäpfel- und Blattsalat in Kürbiskerndressing
mit goldgelb gebackenen Hühnerstücken

~ Gebratene Forelle
mit Mangold und Safransauce
~ Wiener Schnitzel vom Kalb
mit Preiselbeeren und Erdäpfel-Vogerlsalat
~ Budweiser vom Fass

Das war alles sehr schmackhaft und der Service überaus freundlich. Auf dem Weg zum WC ist der Vorraum mit vergilbten Zeitungsausschnitten mit Prominenten drauf tapeziert. Wenn mal besetzt ist und man sich die Zeit vertreiben muss, kann man da viel lesen und Fotos anschauen. Sämtliche österreichische Bundeskanzler scheinen gerne im Ofenloch zu speisen. Aber auch Schauspieler und österreichische Prominente, die man in Deutschland jetzt nicht so kennt. Eine sichere Adresse für ein gutes Wiener Schnitzel. Nicht so plakativ überdekoriert wie der Figlmüller in der Wollzeile, eher diskret und unaufgeregt, trotz der Zeitungsausschnitt-Galerie beim WC. Auf der Rechnung steht die Uhrzeit 20:59 Uhr. Also noch recht früh. Ich glaube, wir waren ungefähr zweieinhalb Stunden da. Bei der Gelegenheit habe ich Duke erzählt, dass ich durch eine Erwähnung von André Heller auf das Lokal aufmerksam geworden bin und dass schon solche Erwähnungen zur gastronomischen Infrastruktur in Wien, für meine Begriffe komplett rechtfertigen, sich mit diesem Wiener näher zu beschäftigen. Ich nutze ihn sozusagen als Quelle für Wiener Einwohner-Wissen, zumal er ja auch noch in Wien geboren ist. Das war für Duke auch vollkommen nachvollziehbar, dass man sich mit so jemandem beschäftigt, nicht weil man Fan von jemandem ist, sondern weil er interessante Sachen zu erzählen hat, die andere nicht in der Stadt erlebt haben. Er war ja zum Beispiel vor seiner Karriere als Chanson-Sänger Radio-DJ beim ORF und ist so überhaupt bekannt geworden und hat dann durch seine beruflichen Kontakte erste Schritte mit eigenen Musikproduktionen gemacht.

Wie die Jungfrau zum Kind gekommen. Und deswegen hat er auch John Lennon und Yoko Ono im Sacher zu einem exclusiven Interview getroffen und war später auf dem Weg zum Flieger mit ihm auf dem Zentralfriedhof bei den großen Komponisten, wo John Lennon dann einen Schnürsenkel aus seinem Schuh gezogen hat, um ihn dem Schubert als Ehrerbietung aufs Grab zu legen, weil er nichts anderes dabei hatte, was er hätte hinlegen können. Das sind einfach hörenswerte Geschichten. Das mit dem Schnürsenkel hat Duke auch gut gefallen. Er war direkt gerührt, das habe ich gemerkt. Er versteckt das aber dann auch nicht. Daheim, in der Ferienwohnung sind wir dann noch lange am Tisch in der Küche gesessen und haben weiter erzählt und Musik gehört. Ich glaube auch die sechs Heller-Lieder, die ich auf meinem Rechner habe.

Das war ganz schön. Es hat einfach gepasst. Und da war ja noch so viel Wein, der wollte ja auch endlich einmal getrunken werden.
: : alle Wiener Geschichten : :

05. November 2014

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Man muss sich die Situation so vorstellen: wir kamen vom Stephansplatz und sind nur auf gut Glück in die Himmelsrichtung, von der ich grob dachte, man könnte dann irgendwann in der Ecke vom Judenplatz ankommen, wo wir in eines der Restaurants wollten, die ich am Nachmittag gesehen hatte. Aber es ist eben doch ein Wirrwarr von Gassen, wenn man nicht dauernd auf den Plan schaut, und nur deswegen waren wir am Graben und am Petersplatz. Und dann sind wir halt den Kohlmarkt entlang. Noch eine exklusive Einkaufsmeile. Ah ja, da ist ja der Demel…! (aber leider kein Foto gemacht)… weiter und dann – – – dann hätte ich jetzt gerne, dass ab sofort Musik einsetzt, so ein bißchen festlich-barock. Oder von mir aus auch „Wiener Blut“ oder der „Donauwalzer„. Denn auf einmal, nicht weit vom Demel, endet der Kohlmarkt an einem Platz und schon ganz kurz davor traue ich meinen Augen kaum. (Jetzt muss die Musik ein bißchen dramatischer werden). Da sehe ich eine Kuppel. Und die Kuppel ist

nicht nur türkis, sie hat sogar ein atemberaubendes, goldenes Collier um den Hals. Es ist dermaßen prachtvoll, dass ich nun wirklich absolut vollkommen sprachlos stehenbleibe und ein bißchen um Fassung ringe, weil ich so ganz und gar unvorbereitet vor dieser monumentalen Schönheit stehe. Und dann gehen wir noch ein paar Schritte weiter und da tut sich der ganze Platz in seiner Grandezza auf, und links von der wunderschönen Kuppel ist gleich noch eine. Und rechts davon noch eine. Und da weiß ich auch ohne Führer und Stadtplan, dass das ein ganz wichtiger Platz sein muss. Und ich wundere mich noch, wieso ich nicht schon hunderttausend Fotos davon gesehen habe, weil man solche Kuppeln doch abfotografieren muss, bis der Akku und der Farbfilm zu Ende ist. Das muss wohl die Hofburg sein. Das ist die Hofburg. Der Eingang zur Hofburg. Der berühmte Michaelerplatz. Dieser unerwartete Anblick war die absolute Krönung des Tages für mich.

Wie gut, dass wir uns verlaufen haben. Und diese paar wenigen Bilder nur von der einen, mittleren Kuppel sind die letzten, die ich an diesem Tag machen konnte, denn da war dann auch der Akku meiner Kamera leer. Es hätte jetzt sowieso keine Steigerung mehr gegeben. Natürlich hätte ich gerne noch viele Bilder von den anderen Kuppeln und dem Eingang der Hofburg, dem Michaelertrakt und dem ganzen Michaelerplatz gemacht. Aber für den Tag musste es dabei bleiben. Das war ein ganz schöner Schlussakkord. Ein superlativer. Mit Pauken und Trompeten und Fanfaren. Als ich da gestanden bin, habe ich nur noch gedacht, wie könnte man je behaupten, dass man Wien nicht unbedingt gesehen habe muss. Das sagt ja vielleicht auch nur wer, der nur ganz wenig davon gesehen hat oder halt noch gar nichts. Allein der Michaelerplatz mit diesen Kuppeln ist eine Reise wert. Zwei Tage später waren wir noch einmal da, da war es zwar regnerisch, aber trotzdem sehenswert. Und mein Akku wieder voll. So habe ich ganz friedlich nach diesem sehr langen Tag voller Eindrücke, die Kamera in meine kleine Tasche gepackt und wir sind zur Kurrentgasse. Ich wusste ja, dass wir wahrscheinlich in ein Lokal gehen, das ich immerhin bestimmt schon von Außen fotografiert habe, also auch nicht so schlimm, dass ich keine weiteren Bilder mehr machen konnte. Alles gut. Großartig. Umwerfend. Grandios.

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05. November 2014

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Wenn ich ein Kuppel in der Farbe sehe, denke ich an daheim. Für mich ist seit ich den Berliner Dom so nah vor der Nase habe, jede türkisfarbene Kuppel ein Zitat. Woran ich dabei nicht denke, sind: Glaubensbekenntnisse, Kirchengänge, Altäre, Bibelsprüche. Aber an schönes Wetter. Blauen Himmel. Türkisfarbenen Strand. Tausendundeine Nacht. Eiskugeln. Eben so ziemlich alles, bloß nicht daran, ob es eine katholische oder evangelische Kirche ist und wofür sie irgendwann einmal gebaut worden ist oder wie sie heißt. Später habe ich dann wegen der Verifizierung der Geographie im Internet geschaut, wie der Platz heißt. Er heißt Petersplatz. Und so habe ich scharf kombiniert, dass die Kirche Peterskirche heißen könnte. Aber das ist alles nicht so wichtig für mich. Hauptsache, noch ein Bauwerk mehr mit einer dekorativen, türkisen Kuppel. Ich liebe Kuppeln! Egal, warum sie einer gebaut hat. Mit einer Kuppel kann man nie etwas falsch machen. Es sieht immer gelungen aus. Bei der Kuppel ist mir wieder eingefallen, wie sich Duke vor ungefähr dreizehn Jahren einmal über die Kuppel vom Berliner Dom vor meinem Wohnzimmerfenster geäußert hat. Es war eine mir unverständliche Äußerung, weil es mir schon damals egal war, welchen Zweck ein Bauwerk mit einer Kuppel hat, Hauptsache Kuppel obendrauf! Ihm war es nicht so egal, weil er sich damals stark über die Kirchengeschichte und ihre Auswüchse echauffiert hat. Er hat wohl alles persönlich genommen, was da so an materialisierten Hinterlassenschaften in der Welt existiert. Das hat sich heute etwas geändert. Das habe ich aber erst erfahren, als wir noch viel, viel schönere türkise Kuppeln gesehen haben, nämlich die am Michaelerplatz. Kommen danach. Unvergleichlich schön. Da habe ich die Sache angesprochen und er konnte es selber nicht mehr glauben, dass ihn das damals so aufgeregt hat. Und jetzt findet er türkise Kuppeln auch schön, weil es einfach nur türkise Kuppeln sind. Manchmal ändert sich doch der Blickwinkel.

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05. November 2014

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Sagen wir: „berühmte Sehenswürdigkeiten„, die es bei mir in den Recall geschafft haben. Ich lasse natürlich auch ganz viel aus. Zum Beispiel lese ich nun im Wikipedia, dass es im Graben (oder sagt man „auf dem“ Graben?) eine Pestsäule gibt. Äh ja. Das ist mir ehrlich gesagt schnurzpiep nur diese Fußnote wert. Ich bin da wahrscheinlich vorbeigelaufen, ohne sie eines Blickes zu würdigen. Dafür musste ich aber wie vom Donner gerührt vor Kniže stehenbleiben. Es war ein religiöser Moment. KNIZE! Tja. Warum kriege ich eine Gänsehaut, wenn ich vor einem traditionsreichen Geschäft für maßgeschneiderte Herren-Anzüge stehe? Ich bin ja nicht einmal die Zielgruppe. Aber KNIZE. Vor Kniže zu stehen, war meine absolute Sternstunde im Graben. Auf dem Graben. Wie auch immer. Das ist wie vor Dior in der Avenue Montaigne in Paris. Oder dem Palazzo Pucci in Florenz. Dort habe ich ähnliche Andachten gehalten. Da laufen so viele Schwarzweiß-Filme mit Schlieren in mir ab, ich kann das gar nicht in Worte fassen. Vielleicht war ich ja im früheren Leben ein eleganter Herr, der bei Kniže arbeiten hat lassen. Wer weiß! Auch das Motto auf der Seite von Knize finde ich nicht verkehrt: “Die unausweichliche Frage nach dem Stil beginnt mit der Überwindung der Mode.” Tradition seit 1858. Bei Wikipedia lese ich gerade noch eine schöne Litanei der berühmten Kniže-Kundschaft: „Vor allem Künstler waren in früherer Zeit Kunden bei Kniže. So bezahlte Oskar Kokoschka seine Anzüge mit Gemälden, für Marilyn Monroe wurden Blusen gefertigt, für Kurt Tucholsky Hemden, für Josephine Baker Skihosen. Auch Marlene Dietrich ließ sich bei Kniže Fracks für ihre Bühnenshows schneidern, und Billy Wilder stattete dem Haus bei seinem letzten Wienaufenthalt einen längeren Besuch ab. Kunden waren auch Maurice Chevalier sowie Laurence Olivier, Willi Forst und Fritz Lang sowie vornehmlich Führungspersönlichkeiten aus der Wirtschaft und Aristokraten wie König Juan Carlos von Spanien“(…) Gerade finde ich noch einen anekdotenreichen Artikel: „Wenn Billy Wilder kam, herrschte Ausnahmezustand“.

In diesem schönen Stadtpalais ist aber noch ein weiteres Traditionsgeschäft zuhause: Albin Denk. „Porzellan, Kristall, Geschenkartikel. Für jeden Anlass. Seit 1702. Ehem. k.u.k. Hoflieferant“. Seit Siebzehnhundertzwei. Ich weiß jetzt nicht, auf wievielen Internetseiten von Wiener Geschäften ich inzwischen war, wo einem beeindruckende Gründungsjahre um die Ohren gehauen werden, dass es nur so kracht. Aber 1702. Schon recht ungewohnt, dass sich ein Geschäft auf eine dreihundertzwölf-jährige Existenz berufen kann. Man muss direkt hysterisch lachen. Also ich jedenfalls. Und bei so einer langen Tradition schmerzt das ‚ehem.‘ (k.u.k. Hoflief.) dann noch mehr als sowieso schon! Ach. Es ist halt nichts für ewig auf dieser schönen Welt. Außer Albin Denk!

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05. November 2014

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Sagen wir: „berühmte Sehenswürdigkeiten„, die es bei mir in den Recall geschafft haben. Ich lasse natürlich auch ganz viel aus. Zum Beispiel lese ich nun im Wikipedia, dass es im Graben (oder sagt man „auf dem“ Graben?) eine Pestsäule gibt. Äh ja. Das ist mir ehrlich gesagt schnurzpiep nur diese Fußnote wert. Ich bin da wahrscheinlich vorbeigelaufen, ohne sie eines Blickes zu würdigen. Dafür musste ich aber wie vom Donner gerührt vor Kniže stehenbleiben. Es war ein religiöser Moment. KNIZE! Tja. Warum kriege ich eine Gänsehaut, wenn ich vor einem traditionsreichen Geschäft für maßgeschneiderte Herren-Anzüge stehe? Ich bin ja nicht einmal die Zielgruppe. Aber KNIZE. Vor Kniže zu stehen, war meine absolute Sternstunde im Graben. Auf dem Graben. Wie auch immer. Das ist wie vor Dior in der Avenue Montaigne in Paris. Oder dem Palazzo Pucci in Florenz. Dort habe ich ähnliche Andachten gehalten. Da laufen so viele Schwarzweiß-Filme mit Schlieren in mir ab, ich kann das gar nicht in Worte fassen. Vielleicht war ich ja im früheren Leben ein eleganter Herr, der bei Kniže arbeiten hat lassen. Wer weiß! Auch das Motto auf der Seite von Knize finde ich nicht verkehrt: “Die unausweichliche Frage nach dem Stil beginnt mit der Überwindung der Mode.” Tradition seit 1858. Bei Wikipedia lese ich gerade noch eine schöne Litanei der berühmten Kniže-Kundschaft: „Vor allem Künstler waren in früherer Zeit Kunden bei Kniže. So bezahlte Oskar Kokoschka seine Anzüge mit Gemälden, für Marilyn Monroe wurden Blusen gefertigt, für Kurt Tucholsky Hemden, für Josephine Baker Skihosen. Auch Marlene Dietrich ließ sich bei Kniže Fracks für ihre Bühnenshows schneidern, und Billy Wilder stattete dem Haus bei seinem letzten Wienaufenthalt einen längeren Besuch ab. Kunden waren auch Maurice Chevalier sowie Laurence Olivier, Willi Forst und Fritz Lang sowie vornehmlich Führungspersönlichkeiten aus der Wirtschaft und Aristokraten wie König Juan Carlos von Spanien“(…) Gerade finde ich noch einen anekdotenreichen Artikel: „Wenn Billy Wilder kam, herrschte Ausnahmezustand“.

In diesem schönen Stadtpalais ist aber noch ein weiteres Traditionsgeschäft zuhause: Albin Denk. „Porzellan, Kristall, Geschenkartikel. Für jeden Anlass. Seit 1702. Ehem. k.u.k. Hoflieferant“. Seit Siebzehnhundertzwei. Ich weiß jetzt nicht, auf wievielen Internetseiten von Wiener Geschäften ich inzwischen war, wo einem beeindruckende Gründungsjahre um die Ohren gehauen werden, dass es nur so kracht. Aber 1702. Schon recht ungewohnt, dass sich ein Geschäft auf eine dreihundertzwölf-jährige Existenz berufen kann. Man muss direkt hysterisch lachen. Also ich jedenfalls. Und bei so einer langen Tradition schmerzt das ‚ehem.‘ (k.u.k. Hoflief.) dann noch mehr als sowieso schon! Ach. Es ist halt nichts für ewig auf dieser schönen Welt. Außer Albin Denk!

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04. November 2014

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Da sind wir zur U-Bahn. Ich glaube, „Wien Mitte“ ist zum einen die Bezeichnung von dem U-Bahnhof, der auch ein Umsteigebahnhof ist und auch „Landstraße“ heißt und auch die Bezeichnung von der modernen Einkaufspassage. Vielleicht geht es auch irgendwie ineinander über. Einkaufen waren wir nämlich nicht, so weit ich mich erinnere, und ich erinnere mich an allerhand, wie man an meinen Einträgen sieht. Deswegen muss die Rolltreppe in dem Oval wohl hinunter zur U-Bahn führen. Aber ich könnte es nicht mehr beschwören. Sehr modern da, sehr schick. Mir kommt es vor, als ob bei den architektonischen Entwürfen neuerer Zeit im Innenstadtbereich nicht das oberste Kriterium ist, dass es recht preisgünstig zu bauen sein soll. Was ich sehr gut und vorausschauend finde. Lieber teure, neue Häuser bauen und dafür billige Waffen, die möglichst nichts taugen! Das wäre auf jeden Fall meine Politik. Nur als Beispiel. Wien profitiert ja heute noch davon, dass früher schon nicht an Prunk in der Architektur gespart worden ist. Das rentiert sich einfach! Viel lieber geht man in einem extravagant geschnittenen Haus einkaufen, als in so einer beliebigen Schuhkarton-Architektur. Mit einem schönen, extravaganten Haus-Entwurf zeigt man Ehrerbietung vor dem Formenreichtum der Schöpfung. Deswegen sind Schuhkarton-Häuser ohne alle Extravaganzen ein ganz großes Armutszeugnis!

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05. November 2014


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Das Hotel Royal in der Singerstraße, schräg gegenüber vom Stephansdom ist nicht so interessant. Aber der Schriftzug. Noch ein Schmuckstück in der großen Schatzkiste der Wiener Typographien. Ich habe den Schriftzug auch schon einmal in dem Album zum Stephansplatz beiläufig eingefangen, da, ganz hinten. Nun war ich nicht mehr alleine unterwegs, und es war mir fast schon unangenehm, dass ich schon wieder den Betrieb aufhalte, weil ich unbedingt diese Schrift im Gegenlicht einfangen will. So habe ich es möglichst schnell und fast schon verstohlen gemacht. Man bleibt ja doch drei Sekunden stehen um das Bild nicht komplett verwackelt zu bekommen. Im Nachhinein betrachtet, hätte ich mich gar nicht so disziplinieren müssen, weil ich – ebenfalls erst im Nachhinein – begriffen habe, dass Smartphone-Besitzer jede Minute nutzen, um den Apparat nach neu eingegangen Mitteilungen zu überprüfen. Die Hand also mehr oder weniger immer in Kontakt mit dem Gerät ist. Insofern bin ich halt auch immer in Kontakt mit einem Gerät, nur dass es eben ein Fotoapparat ist. Nun war ich ja erst das zweite Mal in der Ecke da und wusste aber auch, dass ich nicht noch unzählige weitere Male dort entlanglaufen werde. Und schon gar nicht bei Gegenlicht. Ich bin einfach in schöne Typographie verliebt. Ich glaube, dass vielen gar nicht bewusst ist, wieviel das in dieser Stadt ausmacht. In jeder Stadt. Aber ich kann nur gebetsmühlenartig wiederholen, dass die schönen Beschilderungen und Schriften einen ganz wichtigen Anteil daran haben, dass Wien immer wieder als „so schön“ tituliert wird. So ein schönes Schild rückt auch eine eher uninteressante Häuserfassade in den Hintergrund. Wenn ich die Bilder von Wien genau betrachte, fällt mir jetzt erst auf, dass es doch auch immer wieder Neubauten zwischen dem schönen Alten gibt, aber die Farbgebung, man könnte sagen die Beige-Orgie, das oft vertuscht und ein schönes Ladenschild das Übrige tut, um einen organischen Retro-Gesamteindruck zu hinterlassen. Nur die Luxus-Neubauten, wie das Hotel Topazz, kultivieren eine unangepasste supermoderne Extravaganz, das können sie sich auch erlauben, weil neue Eleganz auch neben alter bestehen kann. Das ist ebenbürtig. Ich muss manchmal ein bißchen erklären, wie mein Blick zustande kommt. Warum die Bilder aus meiner Welt anders ausschauen. Das liegt nicht nur daran, dass ich die Kamera tiefer halte, und oft aus der Untersicht fotografiere. Es liegt an meiner Scheuklappen-Spezialanfertigung. In Wien brauchte ich aber nur ganz wenig Scheuklappen. Jedenfalls nicht da, wo ich war. Mit großer Absicht zeige ich hier ganz bekannte, berühmte Ecken. Weil ich den Eindruck habe, dass Blogger in ihren Reiseberichten immer öfter dazu neigen, genau die Sehenswürdigkeiten auszusparen, im Sinne von „kennt ja jeder, weiß ja jeder, wie das ausschaut, kann ja jeder googeln.“ Und dann werden oft stattdessen mit großem Originalitätsanspruch ausschließlich Ecken abgelichtet, die garantiert frei von einmaligen Sehenswürdigkeiten sind, und wo man am Ende nicht mehr erkennt, ob derjenige in Berlin, München oder Wien war. Mir liegen die Alleinstellungsmerkmale dieser Metropole am Herzen. Deswegen: berühmte Sehenswürdigkeiten.

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04. November 2014

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Da sind wir zur U-Bahn. Ich glaube, „Wien Mitte“ ist zum einen die Bezeichnung von dem U-Bahnhof, der auch ein Umsteigebahnhof ist und auch „Landstraße“ heißt und auch die Bezeichnung von der modernen Einkaufspassage. Vielleicht geht es auch irgendwie ineinander über. Einkaufen waren wir nämlich nicht, so weit ich mich erinnere, und ich erinnere mich an allerhand, wie man an meinen Einträgen sieht. Deswegen muss die Rolltreppe in dem Oval wohl hinunter zur U-Bahn führen. Aber ich könnte es nicht mehr beschwören. Sehr modern da, sehr schick. Mir kommt es vor, als ob bei den architektonischen Entwürfen neuerer Zeit im Innenstadtbereich nicht das oberste Kriterium ist, dass es recht preisgünstig zu bauen sein soll. Was ich sehr gut und vorausschauend finde. Lieber teure, neue Häuser bauen und dafür billige Waffen, die möglichst nichts taugen! Das wäre auf jeden Fall meine Politik. Nur als Beispiel. Wien profitiert ja heute noch davon, dass früher schon nicht an Prunk in der Architektur gespart worden ist. Das rentiert sich einfach! Viel lieber geht man in einem extravagant geschnittenen Haus einkaufen, als in so einer beliebigen Schuhkarton-Architektur. Mit einem schönen, extravaganten Haus-Entwurf zeigt man Ehrerbietung vor dem Formenreichtum der Schöpfung. Deswegen sind Schuhkarton-Häuser ohne alle Extravaganzen ein ganz großes Armutszeugnis!

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13. Juli 2014

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„Eine der schönste Barockgassen Wiens heißt Kurrent. Sie verbindet die Steindlgasse mit dem Judenplatz. In ihr befinden sich zwei Restaurants: etwa in der Mitte, auf Nummer 8, das mit sogenannter bodenständiger, gutbürgerlicher Küche aufwartende Ofenloch (in dessen Gästebuch dereinst Friedrich Torberg schrieb, daß ihm das Ofenloch, von allen ihm bekannten Wiener Löchern, das mit Abstand sympathischste sei) und, kurz vor der kleinen Galerie, die hinter dem Rücken des Lessing-Denkmals am Judenplatz das erschütternde, alptraumhafte, die Schrecken des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau reflektierende Werk des Holocaust-Überlebenden Adolf Frankl zeigt, das mediterraner Küche hingegebene Pastell.“ ANDRÉ HELLER, EINE MOMENTAUFNAHME.

Dem habe ich nichts hinzuzufügen. Oder nur ganz wenig. Vielleicht, dass ich ganz zufällig in der Kurrentgasse landete, und sie mir gleich gefiel. Aber als ich das Schild vom Ofenloch sah, dämmerte mir, dass ich durch eine glückliche Fügung in dieser Gasse gelandet war, die ich mir sowieso gerne anschauen wollte. Ein paar Meter weiter war dann auch das Pastell und erst da, wo die kleine Gasse auf den Judenplatz führt, sah ich mir das Schild an, auf dem Kurrentgasse stand. Ich hatte kurz vor meiner Reise, als eines der letzten Wienbücher, dieses kleine Sammelsurium vom André Heller gelesen, aus dem das Zitat stammt. Das habe ich mir gut gemerkt. Im weiteren Verlauf der Geschichte erzählt er, wie er im Pastell mit einer Freundin essen war und beschreibt eine seltsame Truppe, die ebenfalls dort war, und ihm nicht geheuer. Ich habe mich jedenfalls gefreut, dass die schöne kleine Gasse die Kurrent ist. Im weiteren Verlauf des Nachmittags, oder besser des Abends, bin ich auch noch einmal zurückgekerht, diesmal mit Duke. Wir waren im Ofenloch zum Abendessen. Wiener Schnitzel und Erdäpfel-Vogerl-Salat. Aber das erzähle ich alles noch en detail.







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04. November 2014

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Wien, dritter Bezirk, Salmgasse 23. Raucherzimmer, Moped. Von der Eden-Bar bin ich schnurstracks zum Stephansplatz, was ja nur ein Katzensprung ist, und hinunter in die U-Bahn, U 3, Richtung Simmering, drei Haltestellen bis „Rochusgasse“, von da war es nicht mehr weit zu Fuß bis zur Salmgasse. Draußen war noch schöner Sonnenschein, aber ich glaube, der Schanigarten (so nennen die Wiener das, wenn vor dem Lokal auf dem Gehsteig Tische und Stühle stehen, weiß gar nicht, wie man das bei uns nennt. Gibt gar keinen Begriff oder? Biergarten wäre ja stark übertrieben) lag im Schatten. Deswegen haben Duke und Brigh, die da drinnen waren, im Lokal in der Salmgasse 23, dem Moped, hinten im Raucherzimmer, auch nicht mitbekommen, dass draußen den ganzen Nachmittag Frühlingssonne gewesen wäre. Die beiden hatten einen Platz direkt auf der Sichtachse zur Eingangstür, aber ganz hinten, in dem sehr gemütlichen Wohnzimmer, in dem viele Lampen für schummrige Beleuchtung gesorgt haben. Das richtige Lokal für einen bewölkten, regnerischen Tag, nachdem es ja auch ausgesehen hatte, vier Stunden vorher. Als ich nach der Begrüßung gleich erzählen musste, dass draußen schon den ganzen Nachmittag die Sonne scheint, haben mich die beiden ungläubig angeguckt. Ich kam ja gerade vom Stephansplatz, wo ich noch als letzte Eindrücke hatte, dass Frauen mit nackigen Oberarmen und Sonnenbrillen kalte Getränke zu sich genommen haben (Beweisfoto). Jedenfalls ist das lauschige Wohnzimmer auch bestimmt ein angenehmer Ort, um da einen Nachmittag zu verbringen. Die beiden kennen Wien ja nun schon. Brigh wohnt da und Duke hat auch immer wieder mal da gewohnt. Es war schon gut, dass ich alleine so viel Auslauf hatte, so musste sich niemand an meiner Seite über meine hingebungsvolle Begeisterung für für andere alltägliche Ansichten wundern. Es ist schon auch schön, nach Herzenslust Touristin sein zu dürfen! In meiner Begeisterung habe ich gleich erzählen müssen, dass ich ganz viel gesehen habe und mir der Judenplatz so gut gefallen hat, und dass da ja auch Lokale waren, wo man essen könnte. Und rein zufällig, waren das genau auch die Lokale, die Brigh uns empfehlen wollte! So ein Zufall! Ich hatte überhaupt das Gefühl, ich hätte mich gleich noch vier Stunden ohne Punkt und Komma mit ihr ohne Probleme unterhalten können. Sie war mir gleich sehr sympathisch. Aber langsam war es auch Zeit für sie aufzubrechen und ich habe langsam auch Hunger gekriegt. Wir sind noch zu dritt bis zur U-Bahn-Station „Wien Mitte/Landstraße“ gelaufen und haben uns dort warm verabschiedet. Brigh ist heim und wir wieder Richtung Stephansplatz. Wenn ich so darüber nachdenke, ist es schon verrückt, wie unterschiedlich man vier Stunden verbringen kann. Ich habe so viele Straßen und Gassen gesehen, wie manche vielleicht in einer Woche. Hätte ich mich auch in ein Café gesetzt, wären die vier Stunden auch gut vergangen, aber ich hätte nur verschiedene Getränke gesehen. Es hat mich aber sehr gefreut, dass ich auch einen Eindruck von einem Lokal bekommen habe, in das ich sonst nicht gekommen wäre, weil es nicht so ganz zentral liegt. Eben ein Lokal, wo vielleicht eher einheimische junge Leute hingehen. Solche Cafés mit zusammengewürfelten Retro-Möbeln kann man auch in Berlin finden, da sehen einige recht ähnlich aus. Aber als Wien-Azubi muss ich mich natürlich erst einmal vorrangig um Grundlagenwissen bemühen, Sehenswürdigkeiten mit Alleinstellungsmerkmal! Da bin ich auch ehrgeizig. Irgendwie bin ich doch ein effizienter Typ, merke ich wieder. Direkt ökonomisch. Das Leben ist kurz! Wäre ja blöd, wenn ich in Wien gewesen wäre, und jeden Tag vier Stunden in einem einzigen Lokal gewesen wäre! Jetzt amüsiert mich allerdings auch, dass ich durch meine überaus hingebungsvolle, nachträgliche Recherche, Sachen in Erfahrung bringe, die vielleicht mitunter auch für erfahrenere Wien-Freunde nicht durchweg zur sofort abrufbaren Wien-Bildung gehören. Ich bin halt ein unheimlich gründlicher Typ!

Das auf dem Stuhl ist übrigens kein gepolstertes Kissen, wie ich im ersten Moment beim Durchschauen der Bilder gedacht habe, sondern die Umhängetasche von Duke. Es ist schon so lange her.
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03. November 2014


Die Eden-Bar* kennt vermutlich wieder keiner hier. Richtig, das ist kein Techno-Club und auch kein Laden, in dem sich Alt-Punks in löchrigen Schlafanzugoberteilen treffen. Es ist dort mehr so ein liquideres, gediegeneres, aber nichtsdestoweniger feierfreudiges Nachtclub-Publikum, wenn ich das richtig verstanden habe. Die Eden-Bar ist die älteste Bar Wiens. Über hundert Jahre inzwischen. So wie die originale Einrichtung, die mit viel Aufwand beibehalten wird. Die Wiener Werkstätten weben die Damast-Tapisserie nach der Original-Vorlage, wenn einmal etwas ausgebessert werden muss. Es ist ein trunkener Traum in Plüsch und Rot und Schummerbeleuchtung. Das weiß ich selbstverständlich alles deshalb so genau, weil ich natürlich in keinster Weise drin war, sondern mir wie üblich, dieses Herrschaftswissen im Internet zusammengelesen habe. Die Eden-Bar hat nämlich sogar einen eigenen Wikipedia-Eintrag, dort lesen wir: „Die Eden Bar in der Liliengasse 2 nahe dem Stephansdom ist ein traditionsreiches Wiener Innenstadtlokal mit etwa hundertjähriger Geschichte. Erste Besitzerin der Bar war Emmy Stein (…). Die Operettensängerin am Theater an der Wien und Bürgertheater erwarb das Lokal 1919 und taufte es von City Bar in Eden Bar um. Während der NS-Herrschaft wurde ihr der Besitz des Unternehmens entzogen und sie saß wegen des Abhörens von Feindsendern etwa zwei Monate in Haft. 1948 erfolgte die Rückstellung des Lokals. Die Besitzerin verkaufte es aber schon 1953 an Gabor Kenezy, den Gatten von Liane Augustin. 1974 bis zu seinem Tod 2005 war der Wiener „Nachtklubkönig“ Heinz Werner Schimanko Besitzer der Eden Bar. Er verpflichtete sich, den „gehobenen“ Charakter des Lokals zu wahren (Krawattenzwang), führte aber die Sitte ein, Fotos der prominenten Barbesucher (…) in der Auslage auszustellen.“
*nicht verwandt oder verschwägert mit Rolf Eden





Eines Tages werde auch ich die Eden-Bar besuchen. Ich hatte ja insgeheim schon den Plan im Mai. Aber es muss halt alles passen. Um es genauer zu formulieren: die Bekleidung sollte einigermaßen dem dort postulierten Dresscode entgegenkommen. Insofern wären Trekking-Klamotten nicht das Outfit der Wahl, um durch diese Tür zu kommen. Ich habe gelesen, dass man die Bekleidungsvorschriften in den letzten Jahren stark gelockert hat, und es nun keinen Krawattenzwang mehr gibt, sondern nur noch Jackett-Zwang für die Herren. Was ich völlig in Ordnung finde. So ein Jackett-Zwang ist einfach mal was anderes. So attraktiv finde ich Kapuzenpullover und Anorak an einer Bar ohnehin nicht, dass ich das unbedingt dort sehen wollte. Es gibt ja genug Etablissements, wo man keinerlei Vorschriften in der Richtung befolgen muss. Mein Vorschlag für die Eden-Bar (und auch andere elegante Lokale, nicht wahr) wäre daher, einen gut geschnittenen schwarzen Anzug und ein weißes Hemd im Reisekoffer mit sich zu führen. Und dazu passende Schuhe, aber das versteht sich ja eigentlich von selbst. Krawatte kann daheim bleiben. Warum ich überhaupt auf eine Bar komme, die außer mir – und natürlich dem einschlägigen Publikum für solche Bars – keiner, den ich kenne auch kennt, liegt an dem Roman, den ich lange vor meiner Wienreise gelesen habe. Von einer gebürtigen Wienerin geschrieben. Der Roman spielt in den Sechziger Jahren in Budapest, Wien und Paris. Es geht um eine Liebesgeschichte zwischen einer jungen Wienerin und einem russischen Journalisten und es wird ein ganzes Potpourri von Lokalen erwähnt, die ich dank Internet parallel zu meiner Lektüre googeln konnte und mit großer Begeisterung stellte ich fest, dass alle erwähnten Lokale tatsächlich existieren. Und so wird auch in der Eden-Bar getechtelt:

„(…) Anna schlug die Eden-Bar vor. sie gingen Seite an Seite die Kärntner Straße hinunter.(…) »Genau die richtige Mischung von Rhythmus und Schmalz«, hatte Helmut gelobt, als er sie vor ein paar Monaten zur Feier eines bestandenen Rigorosums in die Eden geführt hatte. Helmut tanzte gut und schwungvoll. »Fetz nicht so herum, das tut man hier nicht«, hatte Anna ihn gerügt und Helmut hatte gegrinst. »Schau dich um, lauter alte Knacker. Schleichen bloß herum und schmusen. Die sollen einmal sehen, was tanzen heißt.« Anna hatte geschwiegen und nicht ohne Vergnügen jenes Abends vor bald zwei Jahren gedacht, an dem sie auf der nämlichen Tanzfläche so lange heftig schmusend in den Armen eines nicht mehr ganz jungen Mannes gehangen und eng an ihn geschmiegt umhergeschlichen war, bis er sie in die Wohnung abgeschleppt hatte. Der Mann war bald darauf als „Entjungferer“ von Anna katalogisiert und abgelegt worden. Der Oberkellner warf einen Blick auf Oleg, eilte ihnen entgegen und führte sie an einen der besten Tische. »Was wollen Sie trinken?« fragte Oleg. »Egal, was Sie trinken« sagte Anna. Oleg bestellte Bourbon und zwei Pakete Pall Mall. Die Gesellschaft am Tisch jenseits der Tanzfläche starrte zu ihnen herüber. »Himmlische Mutter, dort sitzen Bekannte meiner Eltern, die blonde Frau mit dem toupierten Haar ist eine stadtbekannte Tratschgans« entfuhr es Anna. »Ist es Ihnen peinlich, hier gesehen zu werden, wollen wir gehen?« Olegs Stimme klang kühl und unbeteiligt. »Nein, nein.«(…) Oleg hatte sich eine Zigarette angezündet, er inhalierte tief, schien bald entspannter, er trank schnell, winkte dem Ober, bestellte noch einen Bourbon. Die Band hatte von südamerikanischen Rhythmen auf Romantik umgestellt, ein paar Scheinwerfer verlöschten. I WANT SOME RED ROSES FOR THE BLUE LADY Das Gesicht des Sängers war im Dunkel kaum zu sehen, nur seine Zähne blitzten. »Wollen wir tanzen?« sagte Oleg, griff nach Annas Hand und zog sie, ohne ihre Antwort abzuwarten, auf die Tanzfläche.(…) Im Abgehen sah Anna den sensationslüsternen Ausdruck auf dem Gesicht der toupierten Blonden, sah die Bekannten ihrer Eltern tuscheln, sah neugierige Blicke von anderen Tischen. »Taxi«, sagte Oleg zu dem livrierten Türsteher, sobald sie im Freien standen. Er hatte die Hand von Annas Hüfte genommen, stand neben ihr, atmete schwer. Der Türsteher ließ einen Pfiff los, von der Singerstr. rollte ein Taxi heran. »Schau, wie schön«, sagte Anna und deutete auf den Stephansturm, der sich wie eine Nadel vom weichen Mitternachtsblau des Frühlingshimmels abhob. (…)“
Hanna Molden, Kurakin





Hier der Vollständigkeit halber noch ein paar tolle Premium-Links: ein Video, in dem man den sehr sympathischen und überraschend jungen, heutigen Inhaber vor der Bar, also wo ich auch die Fotos gemacht habe, herumstehen sieht und erzählen hören kann. Ein weiteres Video, das anlässlich der Hundertjahrfeier drinnen gefilmt worden ist und in dem verschiedene österreichische Prominente erzählen, was sie mit der Bar verbinden. (Zum Beispiel Marianne Mendt, die vor einigen Jahrzehnten ein halbes Jahr als Barsängerin dort tätig war.) Und ein toller Beitrag aus dem österreichischen „über 55“-Forum, mit vielen Zusatzinformationen, wie zum Beispiel, wie es kommt, dass von hundert Jahren die Rede ist, wo die Bar doch erst seit 1919 Eden-Bar heißt. Weil es vorher auch schon ein ähnliches Etablissement war, nämlich 1911 als Offiziers-Kasino eröffnet worden ist. Deswegen 2011 ‚Hundert‘.

Aber auch der Wien-Guide Servus in Wien, der unter anderem ein schönes Verzeichnis der Wiener American Bars bereithält, weiß lobende Worte über die Eden-Bar zu finden: „Die Eden-Bar gehört sicher zu den schönsten und elitärsten Bars der Welt. Erlesene Getränke und perfekter Service garantieren einen unvergeßlichen Abend. Die tägliche Live-Musik wechselt ohne Pause das Musikprogramm. Diese Bar ist von in- und ausländischen Gästen sehr begehrt. „Wir sind Gastgeber und bemühen uns, daß unsere Gäste sich bei uns sehr wohlfühlen.“ Wo gibt es sonst noch Bars, wo der Ober im Frack perfekt serviert, und der nach einem arbeitsreichen Tag diese Bar besucht, herzlich empfangen wird?“

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P.S. ganz charmant auch der Hinweis auf der Seite der Eden-Bar: „Bitte beachten Sie unseren Dresscode. Leih-Sakkos sind an der Garderobe erhältlich.“ (Aber nur im absolut äußersten Notfall bitte…)
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02. November 2014

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Während in Deutschland und vielleicht auch Österreich die Krimifreunde den Sonntagskrimi im Ersten eingeschaltet haben (heute kein Tatort sondern Polizeiruf, wie ich sehe), verfasse ich meinen nächsten Blogeintrag. Und lasse nebenher „Die letzte Metro“ laufen (auf Arte). Der Film passt ein bißchen besser zu meiner Fundsache. Der Hintergrundgeschichte zum von mir abgelichteten Restaurant „Drei Husaren“ in der Weihburggasse im ersten Bezirk. Sie geht von der Kärntner Straße ab. Irgendwie war mir der Name „Drei Husaren“ bekannt, ich wusste aber nicht woher. Weder hatte ich in einem Wienführer über das Restaurant gelesen, noch im Internet. So ein Begriff, den man irgendwo einmal aufgschnappt hat. Ich kenne aber niemanden, der da je drin gewesen wäre. Im Zuge der Recherche, zur Unterfütterung mit ein paar Fakten, meiner Wien-Bilder (ich kann ja nicht immer nur von meiner vergeblichen Suche nach einem Kaffee-Zubereiter erzählen), gebe ich also in die Suchmaschine „Drei Husaren“ Wien ein. Mir springt ein Video zum 75. Jubiläum ins Auge, das unbedingt sehenswert ist. Es erinnert ein bißchen an die Siebziger Jahre, obwohl es ungefähr 2008 entstanden sein muss. Man sieht das Lokal sehr schön und bekommt einen gewissermaßen sehr sinnlichen Eindruck von den stark traditionell geprägten Gepflogenheiten. Noch habe ich mich amüsiert und dachte, das wäre ein schöner Aufhänger, ich könnte als Einleitung schreiben, dass sich mein Wien-Reisebericht durch das absolute Alleinstellungsmerkmal der Empfehlung von Restaurants, in denen ich garantiert nicht drin war, auszeichnet. Schon wollte ich die Speisekarte recherchieren, als extra-Service für meine Leser. Oder doch wenigstens die Homepage, die deutlich auf dem Abspann des Jubiläumsvideos vermerkt wurde. http://www.drei-husaren.at. Diese Seite gibt es jedoch nicht mehr. Das hat mich dann doch überrascht, dass ein Lokal, das sich 75 Jahre gehalten hat, die Internetseite abgeschaltet hat. Noch einmal gebe ich also den Namen des Lokals ein und begutachte die Suchergebnisse genauer. Und so fand ich mehrere Artikel aus dem Jahr 2010, denen zu entnehmen war, dass das Restaurant „Drei Husaren“ wegen Insolvenz schließen musste. Aber da stand noch viel mehr:
Wiener Nobelrestaurant „Drei Husaren“ in Konkurs
Erster. Bezirk, 1010 Wien – Schon wieder stellt ein Wiener Spitzenrestaurant seinen Betrieb ein. Die „Drei Husaren“ wurden seit 1933 als Restaurant geführt. Das Restaurant in der Weihburggasse 4 wurde 1933 von drei “Husaren-Offizieren” gepachtet. Zuvor war der Betrieb von Ella Zirner-Zwieback als Kaffeehaus geführt worden, die immer noch die Konzession besaß. Die Großmutter des Schauspielers August Zirner, der die Enteignung seiner Familie jüngst publik gemacht hatte, wurde in Folge vom NS-Regime zur Aufgabe der Konzession gedrängt. 1938 ging der Betrieb somit an den Berliner Gastronomen Otto Horcher, unter dem das Restaurant zum Treffpunkt der Gesellschaft im nationalsozialistischen Regime wurde. Zu den regelmäßigen Gästen gehörten etwa Reichsmarschall Hermann Göring oder Gauleiter Baldur von Schirach. Zwischen 1943 und 1949 standen die “Drei Husaren” allerdings leer, bevor sie neu renoviert wiedereröffneten. Der neue Besitzer Egon von Fodermayer leitete das Restaurant bis 1979, gefolgt von Uwe Kohl. http://Vienna.at, 17. Juni 2010, 12:46 Uhr
Da ist die zunächst recht große Heiterkeit über den Jubiläumsfilm ein bißchen gewichen. Es wird eine beispielhafte Geschichte von vielen sein. Ganz sicher. Aber wenn man ahnungslos vor so einem Haus gestanden hat und dann die Hintergründe durch einen Zufall, wie meine rückwärtigen Reise-Recherchen erfährt, ist es wohl, was die Stolpersteine im besten Fall bewirken. Ich finde es großartig, dass einem das Internet durch eine Spielerei manchmal Nachhilfe in Geschichtsunterricht gibt. Das Interview mit August Zirner wurde am 5. Juni 2010 veröffentlicht. Und am 17. Juni 2010, zwölf Tage später, erschien die Meldung zum Konkurs. Vermutlich hatte sich der arg steif wirkende Stil des Hauses seit geraumer Zeit überlebt. Und die Erhellung von Zirner war nur der passende Schlussakkord.

Auch das neben gelegene Lokal „Zum weißen Rauchfangkehrer“ hat eine lange Geschichte. „Der „Rauchfangkehrer“, der um 1848 gegründet wurde, war einst das Zunftlokal der Altwiener Kaminpfleger.“ heißt es da. Über die Geschichte liest man auf der Internetseite des Rauchfangkehrers weiter, wie es sich im Laufe der Zeit zu einem beliebten Schauspieler- und Künstlerlokal entwickelt hat. Von Bernstein und Visconti ist die Rede, Nurejew und Fonteyn. Und von Curd Jürgens, der stehend geduldig auf einen Platz wartete. Welche Prominente sich in den Dreißiger und Vierziger Jahren ein Stelldichein gegeben haben, bleibt unerwähnt.

Aber auch das Geschäft für „Exquisite Drucksorten“ Huber & Lerner kann auf eine beeindruckende Geschichte zurückblicken. Im Jahre 1901 hat es seine Geschäfte aufgenommen und durfte das persönliche Briefpapier von Kaiserin Sisi herstellen. Und Arthur Schnitzler war Stammkunde der feinen Papiersorten, auf denen er viele lesenswerte Liebesbriefe an Adele Sandrock verfasste. Ich aber kaufe kein feines Briefpapier, weil ich leider gerade keinen Arthur Schnitzler kenne, sondern laufe weiter bis zur Liliengasse.

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02. November 2014

BUNTE-Ticker: „Lindenbergs Ex-Leibwächter zieht nach Malta.“ Ah ja. Die Prominenten scheinen mal wieder knapp zu werden. Abgesehen davon, dass ich ohnehin seit geraumer Zeit Probleme habe, ungefähr siebzig Prozent der in Schlagzeilen erwähnten „Prominenten“-Namen, Gesichter zuzuordnen. Schade. Ich habe früher so gerne Klatsch und Tratsch gelesen. Aber wenn man die Leute nicht kennt, macht das alles keinen Spaß mehr. Mich würde zum Beispiel schon auch interessieren, was die Stars von früher – – na ja. Lassen wir das. Ich muss mich unheimlich anstrengen, damit mir irgendein jüngerer Star einfällt. Wenn ich dann so in meinem Gedächtnis nach jüngeren Gesichtern krame, schieben sich wieder Bilder von Audrey Hepburn in Sabrina nach vorne, oder Brigitte Bardot in Privatleben. Oder Romy Schneider im Swimmingpool. Das waren noch Stars! Ich bin da irgendwie hängengeblieben. Das letzte, was ich ungefähr noch mitbekommen habe, war Sonja Kirchberger in der Venusfalle. Aber die wird in diesen Tagen ja auch schon Fünfzig. Also meine Generation. Schwierig. Sie macht gerade ein Restaurant auf Mallorca auf, mit ihrem Sohn. Habe Fotos gesehen. Das waren die letzten Bilder in der Bunten, die mich halbwegs interessiert haben. Schöne bunt bemalte Türen hat das Lokal. Na ja, sie braucht auch noch ein zweites Standbein. Schauspieler machen gerne in Immobilien oder Restaurants. Und Ruth Maria Kubitschek hat aufgehört, mit einer letzten Rolle in einer Fernsehserie, die ich noch nie gesehen habe. Traumhotel oder so ähnlich. Aus Respekt habe ich mir daraufhin die letzte Folge mit ihr angeschaut. War gar nicht so schlecht. Eine österreichische Produktion mit dem auch älter gewordenen – na – wie heißt er – – – der den Hoteldirektor gespielt hat. Ich komme nicht drauf. Ein ganz attraktiver Mann. Christian – Christian – – müsste ich jetzt recherchieren. Auf jeden Fall sieht der für vierundsechzig noch ganz gut aus. NIcht Tramitz (der hält sich auch gut). So ähnlich.

01. November 2014

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Die Kärtner Straße. Zum zweiten mal war ich da. Bei meinem zufälligen Herumlaufen machte ich die Zufallsentdeckung, dass es sich um die Straße handelte, die ich schon am ersten Abend nach Einbruch der Dunkelheit gesehen hatte und die schöne Beschilderung von den Geschäften Rositta und Lobmeyr bewundert hatte. Fotografieren hätte man das nicht können, es war viel zu dunkel. Umso mehr freute ich mich, dass ich es nun durch diesen Zufall noch einmal in Ruhe anschauen konnte. Es ist eine Fußgängerzone mit vielen, vielen, vielen Geschäften. Ich glaube, da war es auch, kurz nach dem Karlsplatz, wo die Straße anfängt, dass Victor meinte, er hätte den Eindruck, ich würde massiv in den ersten Bezirk drängen. Ich hatte keine Ahnung von irgendwelchen Richtungen, aber es scheint da wohl einen Magnetismus zwischen mir und dem ersten Bezirk zu geben. Liegt vielleicht an meinem Geburtsdatum! Ich bin ja auch an einem Ersten geboren. Und hier in Berlin wohne ich ja sozusagen auch im ersten Bezirk! Es ist halt Bestimmung! In der Kärtner Straße war ich sogar in einem Geschäft, einem großen Geschäft. Genau genommen einer Art Einkaufstempel, dem „Steffl„. So volkstümlich das klingt, so mondän ist das Warenangebot. Nur die Verkäuferinnen haben mich ganz stark an das Personal beim Gunkel erinnert. Grüß Gott! Sehr bemerkenswert war die Schaufenstergestaltung. Es war wie so ein Jahrhundertwende-Theaterbühnenbild mit ausgeschnittenen Pappfiguren und Pappkulissen und dazwischen schön zurechtgemachten Schaufensterpuppen. Da habe ich mich wieder nicht getraut, zu fotografieren. Manchmal bin ich gehemmt. Das kann sich von einem Meter zum anderen komplett ändern. Schon interessant. Ich habe im Steffl nichts gekauft, denn offen gestanden, war das einzige was ich gebraucht hätte, so eine Kaffee-Pressmaschine, um endlich von der saublöden Kapselmaschine in der Wohnung unabhängig zu werden und mein gutes Kaffeepulver benutzen zu können. Das in den Kaspeln hat nämlich nach gar nichts geschmeckt, was jetzt aber sicher nicht Kapsel- sondern Kaffeesorten-spezifisch ist. Aber ich war mal im Steffl. Jede Menge Schminksachen und Handtaschen. Damit war ich aber ausreichend versorgt. Nach den vielen Eindrücken war ich dann schon mental langsam so weit, dass ich dachte, viele Varianten können da jetzt eigentlich nicht mehr kommen und ich habe mich innerlich schon mal auf den Weg zurück, Richtung Stephansdom eingestellt. Auch Steffl genannt, ach so – daher…..!



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01. November 2014


Ganz arg schöner Text.
Die beste Suite im besten Hotel der Stadt
„Guten Abend, ich möchte was trinken
was, von dem besten das ihr habt
Ok, die für tausend, das geht auf Suite 808
Nein, nur 1 Glas. Und übrigens
Ich hab es geschafft“
Mit nur einem Programm und zwei Jahren Wahn
Und dann irgendwann, kamen sie wirklich alle an
Was macht ein Klischee zum Klischee?
Und es tut immer noch weh
Immer noch
Wenn ich Abends einschlafe oder morgens aufwache
Ein gutes, cooles Leben wird die beste Rache
Eure Welt programmieren – meine leichteste Sache
Ein gutes, cooles Leben ist die beste Rache
An die Alpha-Tiere
Und die Sportskanonen
An die dummen Schläger
Die mich niemals schonten
An die fiesen Mädchen
Und die Arschloch-Lehrer
Die, mit Sätzen wie
„Du musst dich auch mal wehren“
Auch mal
Gib mir ein N
Ein N wie Nur
Gib mir ein E
E wie Einmal
Und dann gib mir das R
Und dieses R steht für rächen
Gib mir ein D
D wie Digger
Wenn ich Abends einschlafe oder morgens aufwache
Mein gutes, cooles Leben wird die beste Rache
Eure Welt programmieren – meine leichteste Sache
Ein gutes, cooles Leben ist die beste Rache
Ich programmier eure Welt
Und mach das dann zu Gold
Ich werde die Clubs aufkaufen
In die ihr rein wollt
Mit dem Porsche vorfahren
So soll es sein
Und ihr könnt einmal kurz gucken
Und kommt nicht rein
Dies ist meine Zeit, sie ist für mich gemacht
Und ihr schüttelt die Köpfe und hättet nicht gedacht
Dass der Freak von damals sich das Leben wieder holt
Revenge is a dish best eaten cold
Ich erinnere mich an die ganzen Heimwege
Ich erinnere mich an die Schulhofschläge
An meine endlose Scham und an Mamas Gesicht
Und dann die ganzen Ratschläge – ich erinnere mich
Hier kommt das wandelnde Klischee
Und der ewige Pfosten
Mit acht Millionen Euro
Auf verlorenem Posten
Oh ich bin nicht verzweifelt
ich hab’s doch geschafft
Das ist der beste Champagner
den man kriegt in der Stadt
Es dauert nicht mehr lange
Und die Mädchen stehen Schlange
Es dauert nicht mehr lange
Und die Mädchen stehen Schlange
Jede Wunde heilt
und das Blut gerinnt
Mein gutes Leben beginnt
Mein gutes Leben beginnt

Marcus Wiebusch, Nur einmal rächen