01. Januar 2025

Von wegen kein Hexenwerk…! Wer sich das ausgedacht hat, steht in der Evolution meines Erachtens weit über jedem (Wochenend-Workshop-)Schamanen. Die mysteriösen Schätze, die ich die vergangenen Tagen aus meinen drei alten kaputten Notebooks exhumiert habe, sind mir ein komplettes Rätsel. Der Aztekische Kalender kommt mir dagegen fast schon primitiv in seiner relativ schlichten und doch recht durchschaubaren Anordnung und Formgebung vor. Die Platinen der Notebooks habe ich nicht aufgehoben, das Thema ist für mich erledigt. Wenn ich Platinen anschaue, wird mir schwindelig. Hier zu sehen, die Metall-Reliquien des Sony Vaio PCG-GRT 896HP. Alles zerlegt und erst einmal nebeneinander auf den Boden gelegt. Frohes neues Jahr!

31. Dezember 2025

Bye bye 2025. Du warst aufregend, auch herausfordernd. Auf jeden Fall unvergesslich. Die schönste Aufregung habe ich selbst verursacht, kein unverhoffter Sterntaler-Regen und nur Schürzchen aufhalten. Viel Arbeit, die sich aber auch gelohnt hat. Manche andere Aufregung hätte ich nicht gebraucht und habe sie zum Glück ohne existentielle Schäden überstanden, eine ziemliche Zitterpartie dabei. Vor vier Jahren habe ich an Silvester noch eine Lungenentzündung auskuriert, das Jahr darauf wohl nicht in Ausgehstimmung, habe mich in Bachmann-Frisch-Studien eingegraben, letztes Jahr war ich schon mit dem Aufbau der Ausstellung bei Sevenstar beschäftigt und Lydia und Saskia besuchten mich unten in der Kellerbar, wo wir anstießen und viel erzählten. Dieses Jahr bin ich wieder zuhause, aber nicht damit unzufrieden. Es ist sehr kuschelig hier bei mir. Kommt gut rüber.

31. Dezember 2025

Ich überlege gerade noch, ob ich in meine Werkstatt fahre und das Sony Vaio weiter auseinanderbaue, da sind noch ein paar kleine Schräubchen, die mich zuletzt hinderten, es komplett zu zerlegen, dafür brauchte ich meinen Spezialsatz von Miniatur-Schraubendrehern, der in meiner Wohnung war. Die schönsten Metallteile hat definitiv das Sony Vaio PCG-GRT 896HP, das ich ab 2004 hatte, ganz, ganz edle, verchromte Teile zeigen sich da. Es war aber auch zu seiner Zeit ein edles Gerät, das ich mir nur runtergesetzt leisten konnte. Oder wollte. Weiß ich nicht mehr. Obwohl es ein silbergraues Kunststoff-Case hat, sieht es durch den großen, vertieften, schwungvollen Vaio-Schriftzug sehr, sehr besonders aus. Eigentlich hebe ich bei zerlegten Geräten keine Kunststoffteile auf, aber da muss ich eine Ausnahme machen. Beim kleinen Samsung Q35 hat es das ebenfalls silbergraue Kunststoffgehäuse nicht in die Reliquienabteilung geschafft. Aber definitiv das Metallgehäuse von meinem Toshiba Satellite. Das hatte das edelste Case, aus gebürstetem Aluminium, die Oberfläche wirkte fast wie silberne Rohseide und die Ecken waren ganz weich abgerundet. Bei allen Notebooks sehr schön, die Edelstahleinschübe für die Festplatten, mit interessanten ornamentalen Reliefs. Auch da wieder der Knaller: das Vaio hat auch das verchromt und auf der Hinterseite ein Muster aus runden Löchern, wie das braunweiße Tupfenkleid von Pretty Woman. Ach, ich bleibe heute daheim. Es gibt Glättewarnung, der Puderzucker ist geschmolzen. Das Foto ist übrigens vom 1. Februar 2004. Analoges Selfie. In der Zeit hatte ich mit dem Bloggen angefangen.

30. Dezember 2025

Die Beutel sind nach dem Gießkannenprinzip verteilt worden, aber der Regen brachte wohl keinen Segen. Bereitwillig überlässt man mir die guten Stücke zwecks Weiterverarbeitung. So nachhaltig :-) Habe vorhin schon wieder einen ergattert, werde nun mal etwas freihändiger arbeiten, um größere Varianz in die Sache zu bringen!

29. Dezember 2025

Thema „Silvesterparty“. Ich muss sehr lange überlegen, wann ich zuletzt zu einer privaten Silvesterparty eingeladen war. Dieses Jahr jedenfalls nicht und letztes auch nicht. Dunkel, aber doch deutlich ist mir in Erinnerung, dass ich in den Neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts eine private Silvester-Einladung hatte. In eine Altbauwohnung am KuDamm. Die Gastgeber ein Geschwisterpaar, Bruder und Schwester, das dort wohnte. Sie Architekturstudentin, er Schauspieler. Beide waren sehr musisch veranlagt und spielten auch Musikinstrumente, aber nicht an dem Abend (vormals Waldorf-Schüler). Er hieß Kilian und hätte gut und gerne in einem Fünfziger Jahre-Liebesfilm die männliche Hauptrolle spielen können. Groß gewachsen, schlank, sportliche Figur, gute Haltung, fein geschnittene Gesichtszüge und leicht gewelltes, glänzendes dunkelblondes Haar, ordentlich frisiert. Ein Mittelding aus Kurzhaarschnitt und etwas länger, leicht künstlerisch. Seitenscheitel meine ich mich zu erinnern. Kluge, blaue Augen, gewinnendes Lächeln, vorzügliche Umgangsformen, außerordentlich höflich, fast schon höfisch, aber so locker vom Hocker. Beide. Ein adeliger Stammbaum hätte einen auch nicht gewundert. Immer auch lustig, die zwei. Überdurchschnittlich intelligent und eloquent. Jedenfalls gab es Buffet und gute Musik vom Platten- oder CD-Spieler, reichlich Getränke, einige Partyspiele, an die ich mich nicht genauer erinnere. Zu Mitternacht forderte mich der um einiges jüngere Kilian zum Tanz auf und zwar zum Wiener Walzer! Er wirbelte mich zu einer Melodie von Johann Strauß im Kreis und wir traten uns kein einziges mal auf die Füße. Es war herrlich! Ich kam mir wie eine Prinzessin vor – ja fast schon wie Kaiserin Elisabeth von Österrreich und Ungarn! Ein ganz unvergessliches Erlebnis. Das einzige mal in meinem ganzen Leben, dass ich nach den Tanzstunden in den frühen Achtziger Jahren noch einmal Walzerschritte unternahm. Ich hatte sie offenbar nicht vergessen und das, obwohl ich mich nicht sehr geschickt anstellte, wenn es darum ging, Schrittfolgen zu behalten.

Alle anderen Silvester habe ich entweder gar nicht oder in öffentlichen Lokalitäten verbracht. Gestern schaute ich mal wieder in die ARD Retro Mediathek rein und stieß auf einen ansprechenden Filmbericht aus dem Jahre 1962. „Der arrivierte Trödelladen“. In den ersten drei Minuten ist eine private Festgesellschaft zu sehen, auch beim Tanz. Die Damen tragen elegante Cocktailkleider, die Herren dunklen Anzug. Auf Servierplatten werden Häppchen gereicht, moderate Musik, nicht zu strapazierend, das Tanzbein wird gepflegt geschwungen. Das wäre so eine Silvesterparty nach meinem Geschmack. Ansprechende Räume mit erlesenen Antiquitäten, Platz für Tanzbewegungen, Sitzgelegenheiten, für das leibliche Wohl ist gesorgt. Aber ich liege mit derlei Wünschen wohl nicht ganz im Trend. Daher werde ich wohl abermals auf ein Stelldichein verzichten. In Clubs, wo hämmernde Beats in Lautstärke zu Gehör gebracht werden, die gepflegte Konversation unterbindet, mag ich nicht gehen. Zudem trinke ich derzeit nur sehr wenig Alkoholisches, nicht aus Vorsatz, eher aus Unlust. Im Französischen Dom scheint es ein Etablissement zu geben, das ein Silvester-Dinner ausrichtet und zum Jahreswechsel kann man die Aussichtsplattform begehen und das Feuerwerk bewundern.

Jedenfalls, wenn man nicht so gestört ist, wie ich. Mich bringt so schnell nichts unter offenen Himmel, seit mich Anno 1988 war es wohl, mal ein Silvesterböller traf und mein Haarschopf brannte. Zum Glück ist das Ohr noch dran, wurde auch nicht angekokelt. Der Geruch der eigenen brennenden Haare ist doch recht unangenehm. Silvester daheim hat auch den Vorteil, dass man die Getränke und das Essen schon bezahlt hat, es droht keine exorbitante Zeche. Und das Bett ist auch ganz herrlich nah. Zudem sind meist ein paar Alt-Blogger vor dem Gerät und entbieten Neujahrs-Glückwünsche. Das klingt doch gar nicht mal so schlecht.

27. Dezember 2025

Ich drücke mich gerade erfolgreich mit weltbewegenden Blogeinträgen davor, vor die Tür zu gehen. Aber ich muss! Das Personal hat Ausgang. Zu den Feiertagen bin ich immer recht großzügig, die haben ja alle Familie, Kind und Kegel usw. usf.; Müll muss runtergebracht werden, Einkäufe stehen an. Auch will ich die kostbaren Metall-Intarsien von zwei sehr alten, kaputten, von mir persönlich dekonstruierten Notebooks ins Atelier bringen. Dort wollte ich auch schon ewig mal Verschiedenes endlich auspacken und an seinen Platz räumen. Und nachdem neulich auch noch mein allererstes Notebook, ein hochbetagtes Sony Vaio, das mir nur noch als Musikabspielgerät dienen konnte, implodiert ist, möchte das auch zerlegt werden. Das sind Schatzkästchen, mit ganz tollen glitzerenden Metallteilen drin. Ich weiß zwar durch das Zerlegen der anderen beiden, was mich in etwa erwartet, aber es ist immer wieder wie Geschenke auspacken. Also trotz Schmuddelwetter mehrere Gründe, vor die Tür zu gehen. Und ganz in der Nähe, an der Endhalte der U8 ist auch ein Rewe, der den von mir bevorzugten Bulgaria Joghurt immer im Sortiment hat.

27. Dezember 2025

Intime Einblicke! Ich weiß nicht, wie Camilla, Letizia, Maxima, Mary, Sonja oder Catherine ihre Kronjuwelen und Tiaras aufbewahren, aber für mich haben sich runde Schachteln als praktisch bewährt. Ordentlich beschriftet und somit immer griffbereit zum nächsten Staatsbankett. Momentan stehen zwar keine an, aber im neuen Jahr wird sich gesellschaftlich ganz sicher wieder mehr ergeben!

27. Dezember 2025

Als Hobby-Architektin habe ich mich unlängst an einem ersten Turm-Modell versucht. Er ist ein bisschen schief, aber ansonsten recht gelungen. In meiner kleinen Wohnung ist leider gar kein Platz mehr für weitere Schränke, und da ist mir die Idee gekommen, runde Schachteln nach dem Hochzeitstortenprinzip aufzutürmen. Darin befinden sich alle meine Mützen, nach Farben sortiert. Ich denke, jetzt hab ich genug. Jedenfalls in schwarz, grau, beige, braun, blau, rot und meine drei Kronen sind auch untergekommen!

25. Dezember 2025

Kleiner Rundblick. Andere Ecke im Flur, links Eingangstür, davor Hochzeits-Sari. Das kleine runde Möbel hat mich neulich auch angelacht. Stauraum kann man ja immer brauchen. Da ist jetzt meine Umhängetasche drin und Einkaufsbeutel und diverse Gurte. Der Fünfziger Jahre Charme mit den schräg ausgestellten Beinchen hat es mir angetan. Ich könnte eigentlich dauernd Möbel aus der Epoche ersteigern, nur leider müsste ich dann weitere Wohnungen anmieten. Das ist mir einfach zu kostspielig als Hobby! Neulich beim Stöbern so tolle Fifties Cocktail-Sessel von Thonet gefunden, obwohl nicht danach gesucht. Mit schwarzem Bezug und grauen Sprengseln. Dachte, die ganze „Mid-century“-Abteilung wäre mittlerweile unerschwinglich. Vielleicht bin ich aber auch ein kleines Trüffelschweinchen. Das antiquarische „Kampener Skizzen“-Buch von Klara Tiedemann war auch ganz billig, weil der Besitzer wohl nicht realisiert hat, was das für ein seltenes Schätzchen ist. Jetzt habe ich aber wirklich keinen Platz mehr für weitere Möbel, so klein sie auch sein mögen. Ich räume ja nie um, wenn ich mal eingezogen bin, es wächst vielmehr. Nun kein Platz mehr in meinem Universum. Auch nicht für Bücher. Oh je. Habe schon mal überlegt, alle Titel aufzuschreiben und dann eine komplette Liste hier einzustellen. Eigentlich könnte ich die meisten verschenken. Nur bestimmte antiquarische möchte ich behalten. Aber gerade ist es auch noch schön, von so vielen Büchern umgeben zu sein, hab sie ja alle gerade mal noch untergebracht.

24. Dezember 2025

Sehe gerade, auf der Rückseite ist das Schwarz nicht ganz so satt, muss wohl ein frischer Edding her, für das nächste Experiment.

Zum Vergleich die Vorderseiten von den zwei Beuteln mit identischem Untergrund: rosa Herz mit erbaulichem Spruch darunter. Sehr geschickt von mir vertuscht, bin selbst beeindruckt!

24. Dezember 2025

Nun ist mir gestern noch so ein Einkaufsbeutel mit Werbesprüchen in die Hände gefallen und ich musste nochmals meinen schwarzen Edding zum Einsatz bringen, um das ganze Reklamegekritzel in Pastell komplett zu übermalen. Ich nenne dieses zweite Werk „Mikado“. Schwarzer Edding 3000 auf Baumwoll-Einkaufsbeutel, 38 x 41 cm, Staatliche Museen von Gaganien. Kollegin war angetan von der Transformation und kündigte an, mir weitere Beutel von zuhause mitzubringen. Da könnte also demnächst noch mehr kommen. Es ist sehr entspannend für mich, mit Filzstift auf Einkaufsbeutel zu malen. Ich muss nichts dabei denken. Herrlich.

23. Dezember 2025

Aha: „Sprockholz“. Heute gelernt. Dachte erst „Spruckholz“, war aber wohl ein Hörfehler von Klara Tiedemann, deren Buch ich gerade lese. „Kampener Skizzen“, die originale erste Ausgabe, ein Privatdruck von 1966. Die Schauspielerin und spätere Pensionswirtin Klara Tiedemann (häufiger geschrieben Clara), ließ Anfang der Zwanziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts mit ihrem Mann, einem Berliner Antiquar, das legendäre Anwesen Kliffende, am Ende des Roten Kliffs auf Sylt erbauen. Das beliebte Gästehaus zählte viele Künstler zu den Sommerfrischlern, nicht zuletzt Thomas Mann, Renée Sintenis und Emil Nolde. Letzterer malte sie auch während eines Aufenthalts. Anfang der Sechziger Jahre ermunterte sie ein Verleger, ihre Erinnerungen festzuhalten. Ich habe ein Weilchen gesucht, bis ich antiquarisch ein Exemplar der Erstausgabe ergattern konnte. Der Einband ist heller Pappkarton mit eingearbeiteten Gräser-Schnipseln. Spätere, einfacher gestaltete Auflagen sind leichter zu finden. Es hat sich gleich zu einem meiner drei Lieblingsbücher über Sylt gemausert. Sehr atmosphärische Erinnerungen an die Gäste und Abende, lange Sommer im damals noch nicht so bekannten Kampen. Zu Sprockholz heißt es „Frau Jacobsohn hat Spruckholz in den Herd geworfen, das Kaffeewasser fängt an zu summen.“ Nie vorher gehört. Das Internetlexikon sagt: „Sprockholz ist eine Bezeichnung für braunes oder durch Inkohlung auch schwarzes Holz und Borkenreste sowie Braunkohlereste. Das Material befindet sich in Spülsäumen an Meeresküsten.“ Klara Tiedemann konnte da leider nicht wie ich nachblättern, sie wird das Wort in all den Jahren auf Sylt gelernt haben, wie sie es hörte. Ein ganz feines, kleines Buch.

19. Dezember 2025

Die schlafende Stadt. Heute Morgen 7.35 Uhr vor Sonnenaufgang. Aus meinem Fenster zur Auguststraße. Der große Klotz ist das Hotel Park Inn am Alex. Die erleuchtete senkrechte Fensterreihe darunter ist das Haus in der Gipsstraße 12, Ecke Joachimstraße, in dem auch der Eingang zu den Sophie-Gips-Höfen ist. Im Erdgeschoss ist vor sechs Jahren die französische Buchhandlung Zadig eingezogen, davor war dort eine erlesene Teppich-Galerie.

15. Dezember 2025

Noch drei Fotos vom neunten. Ich lege gleich meine frisch gewaschenen, nun trockenen Baumwollrollkragenpullover (zwei schwarze, einen dunkelbraunen, einen blutroten) zusammen und dann in den Schrank. Den grauen hab ich an, der dunkelblaue ist im Schrank, der brauchte keine Wäsche. Dann hab ich noch einen anthrazitgrauen aus Kaschmir, ewig nicht angehabt. Würde ich mit der Hand und milder Seife im Waschbecken waschen. Aber nicht heute. Hab ihn eng in Erinnerung. Des weiteren habe ich einen weißen und einen himbeerroten aus ganz dicker, grob gestrickter Baumwolle mit einer großen Schneeflocke vorne drauf. Die riechen auch noch frisch. Einen in Oversize hab ich auch noch, zweifarbig schwarz und elfenbein, mit ganz großen, superbreiten senkrechten Streifen. Den ziehe ich nur mit Baumwollrollkragenpullover drunter an, obwohl er flauschig ist, bin zimperlich mit Wolle. Ansonsten keine aufregenden Pläne, außer natürlich wieder früh zu Bett, was weniger auf- als abregend ist. Aber die Kanne Darjeeling ist frisch aufgebrüht, der werde ich mich noch widmen und noch was essen.

Vor ein paar Tagen habe ich ein neues Buch angefangen, „Bis in die letzte Instanz“ vom Medien-Staranwalt Matthias Prinz, der darin seinen bemerkenswerten Werdegang erzählt. Ich fand ihn und seinen Beruf schon immer interessant. Musste heute Mittag an einer Stelle lachen, als er bemerkte, dass eine Hamburger Buslinie, die von Blankenese in die Hamburger City fährt, mitunter „Kaschmir-Express“ genannt wird. Wohl der überwiegend wohlsituierten Fahrgäste wegen. Ich falte jetzt mal meine Nicht-Kaschmir-Pullover und wünsche einen angenehmen Montagabend.

14. Dezember 2025

Etwas spät für heute, die Tipps von 1961 „Was mache ich aus einem verregneten Wochenende?“ Aber: nach dem Wochenende ist vor dem Wochenende. Ist genau meins (aber ohne Gymnastik).

13. Dezember 2025

Ein paar Fotos von Dienstag Abend, hatte meinen Kranichkimono an. Verlustiere mich am heutigen Samstag nach Ausschlafen mit der Mediathek von ARD alpha-retro. Unter anderem gesehen: „Mobile · Der neue Frisurentrend von 1961„. Hat mich fasziniert, weil an die damalige Frisur meiner Mama erinnert, wusste gar nicht, dass die Frisur sogar einen Namen hatte: „Mobile“.

Außerdem: „Wir suchen die ideale Frau„, eine Fernsehshow aus dem Jahre 1957, in der vier Damen als Kandidatinnen antraten und u. a. Wissensfragen zur gesetzlichen Stellung der Ehepartner in der Ehe beantworten, Gesellschaftstänze wie Paso Doble und Calypso erkennen und eine schnelle Mayonnaise frisch zubereiten mussten. Ganz charmant, die Studio-Einrichtung, die stimmungsvolle Musik von der Rhythmus Combo und die Umgangsformen.

Des weiteren gesehen: „Machen Sie etwas aus Ihrem Typ„ von 1961. Drei ganz junge, individuell aussehende Damen erhalten eine Typ-Beratung und haben am Ende alle die mehr oder weniger gleiche Frisur. Die Chef-Beraterin bezeichnet eine der drei als „mollig“ und etwas später als „unsere Dicke“. Damit käme sie heute nicht mehr durch! Zumal die „Dicke“ eine ganz schlanke Taille hat. Es hat mich doch überrascht, dass Anfang der Sechziger schon so ein strenges Schlankheitsregiment galt. Dachte, damals wäre kurviger nicht nur toleriert, sondern sogar gefragt, ja erwünscht gewesen.

Ich habe beim Gucken schon recht viel Wiedererkennen an die Zeit, als ich ganz klein war, wenn das auch Mitte der Sechziger war. Aber Mode und Frisuren setzen sich ja oft erst ein paar Jahre später in der gesamten Bevölkerung durch und bleiben dann auch eine Weile, zumindest war es früher so. Und erst recht, wenn man ein Kostüm nicht von der Stange kaufte, sondern schneidern ließ, das ist dann nicht nach fünf Jahren schon in der Altkleidersammlung gelandet. Heute wird viel von Nachhaltigkeit palavert, aber früher hat man nicht drüber geredet, sondern aus Wertschätzung und Sparsamkeit Sachen lange und gerne genutzt.

12. Dezember 2025

Jetzt bin ich ein paar Monate um den putzigen Hocker herumgeschlichen, dann war er im Schaufenster, dann war er weg. Dachte dann, nun ist er ausverkauft, brauche ihn ja auch nicht wirklich. Gestern auf dem Heimweg für ein bisschen inneren Tapetenwechsel geguckt, ob es was Neues bei H&M Home in der Rosenthaler Straße gibt, obwohl ich ja wirklich nichts brauche, aber ich gucke halt gerne so Wohnzeugs an. Die Treppe runter, da stand er wieder und hat gerufen „Nimm mich mit….!“ Konnte nicht nein sagen. Er kommt mir vor wie ein kleines, wackeres Tier mit seinen stämmigen Beinchen. Habe einen guten Platz gefunden.

11. Dezember 2025

Außenstehend könnte man den Eindruck gewinnen, ich hätte einen ausgeprägten Gestaltungsdrang. Wenn ich in mich hineinhorche, ist es eher ein Transformationsdrang. Wäre dieser Einkaufsbeutel, als er mir am Montag unter die Finger kam, aus unbedruckter Baumwolle gewesen, hätte ich mich nie mit ihm beschäftigt. Er war die Verpackung für ein kleines Nikolaus-Präsent und auf beiden Seiten mit Werbung und Sprüchen in Pastellfarben bedruckt. Die Vorderseite, die jetzt neuerdings dieses großes Ornament hat, das – warum auch immer – wie aus einem Laden mit Schwerpunkt Esoterik, Räucherstäbchen und Keltisches wirkt, zeigte vorher ein rosa Herz und den darunter befindlichen Schriftzug „I love *Firmenname*“. Auf der Rückseite mit den nun schwarzen Kreisen und meinem Gekritzel waren noch mehr gut gemeinte Sinnsprüche in rosa, hellgrün, hellblau und gelb, flankiert von einem weiteren Herz, einer Rakete, zwei Händen, die sich die Hand reichen, dem Firmenlogo, und das Fünfte hab ich vergessen. Jedenfalls gab es reichlich zu schwärzen und zu morphen. Das ging recht flott, ich habe mir rein gar nichts dabei gedacht, ähnlich wie bei Telefonkritzeleien, nur ohne Telefonieren. Einen schwarzen Edding habe ich immer zu Hand. Diesen kuriosen Aufwand habe ich hauptsächlich betrieben, weil ich stets Verwendung für stabile Einkaufsbeutel aus Stoff mit extra langen Henkeln habe. Und der Einnäher behauptet sogar: „Organic Cotton“. Ich habe wirklich nicht die allerleiseste Ahnung, wieso das wie keltisches Geschnörkel aussieht, zumindest das Vordere. Habe vorhin ein Foto von der bekritztelten Tasche bei google Lens eingegeben und als Vergleichsobjekte kamen – tataaa: Baumwollbeutel mit keltischen Symbolen. Ich kann versichern, dass mir keine tiefere oder gar mystische Bedeutung von irgendeiner dieser Kritzeleien bekannt ist. Was sich meine Hand gedacht hat, weiß ich nicht. Nun kann ich den doch recht stabilen Beutel zum Einkaufen nehmen.

10. Dezember 2025

Ich gebs auf. Versucht, mein ca. vierzehn Jahre altes Sinus 207 Festnetztelefon noch einmal zum Telefonieren zu bringen, aber nach Lektüre von zig Fehlermeldungssträngen, Resets der Basisstation, online Überprüfung der Telekom-Leitung, Batteriewechsel, ist immer noch kein Freizeichen zu hören, auf dem Display erscheint nach dem Wahlvorgang alles normal, aber ich höre rein gar nichts. Sind auch nicht die Lautstärkeeinstellungen. Akku zeigt volle Ladung. Bin mit meinem Latein am Ende. Neues Telefon bestellt. Immer wieder einmal löse ich Verwunderung damit aus, dass ich immer noch ein Festnetztelefon besitze. Heute hätte ich gerne kurz und knapp einen zweckdienlichen Anruf erledigt, um das, was ich zu sagen hatte, nicht als Mail tippen zu müssen. Absolute Ausnahme, dass ich vorziehe zu telefonieren. Der Vorgang ist mir privat geradezu abhanden gekommen. Wenn das neue Gerät da ist, werde ich als erstes die Mailbox-Funktion deaktivieren. Keine unterschwellig nervenden Anrufschulden auflaufen lassen. Mochte ich noch nie, wenn mir jemand eine Sprachnachricht hinterlässt. Wenn es die Funktion gibt, ist der andere beleidigt, wenn man sich nicht mit der Mitteilung beschäftigt hat und reagiert. Klar, manchmal kann man telefonisch schneller was regeln, Wie ich es eben heute wollte. Wenigstens war Internet da. Habe ich zum Glück nie Probleme. Für Notfälle hätte ich schon gerne weiterhin ein Telefon. Da ich privat kein Smartphone bewirtschafte, gibt es ein neues fürs Festnetz. Das wird bestimmt ganz viel können, dieses Speedphone 12, was ich voraussichtlich alles nicht benutzen werde. Bei dem alten hatte ich als Klingelton aus der mitgelieferten Auswahl „carabean“ eingestellt. Hoffe, den gibts wieder. Es gab mal eine Zeit, vor über zwanzig Jahren, als ich ein Siemens Gigaset mit passendem Headset zuhause hatte. Damit habe ich viel telefoniert, lag an einem bestimmten Fernkontakt. Stundenlang. Damit mir der Arm nicht schwer wurde, kaufte ich irgendwann das Headset. Danach nie auf die Idee gekommen, nochmal eines anzuschaffen.

09. Dezember 2025

SECESSION III. Treasures from Gagania – Schätze aus Gaganien! Art Déco. Lidschattendöschen, runde Büroklammern, Visitenkarte, Kleber, Edelstahlrahmen, Acryl, Blattgold, 17 x 22 cm, 28. Juli, 02. August 2018, 04. Januar 2020, Staatl. Museen von Gaganien. Exhib. Welcome to Gagania ’25, Januar, Blauer Salon Sevenstar.

08. Dezember 2025

Und dich und mich, uns trug die Flamme fort,
Die Ferne und die Nähe ward ein Ort.
Wir Menschen wachsen mit den Bäumen auf
Und werden wie die Bäume einst zum Scheiterhauf.
Es zünden sich, wie Scheit an Scheit, so Mann an Weib
Und lodern von der Erde fort als einziger Leib;
Sind Freudenfeuer in der kurzen Nacht
Und haben sich auf Feuerfüßen aufgemacht
Und wissen nichts von ihrer eigenen Pracht.

Max Dauthendey, „Die Ferne und die Nähe ward ein Ort“, 1909, Lusamgärtlein

08. Dezember 2025

Die Sorgen heut auf mich gleich wie aus Wolken fallen. Und prallen wie ein Hagel vor mich hin. Die Sorgen lauter als die Straßen schallen. Und, als verlor die Liebe jeden Sinn, mußt ich mich in die Kissen ratlos legen und noch im Schlaf von meinem Elend wissen. Und nur ein wenig Ruhe war im Traum darin: Ich sah am Himmel meine Sorge als Komet, die feurig weiterfliegend hinter Berge geht.

Max Dauthendey, „Ich sah am Himmel meine Sorge als Komet“, 1909, Lusamgärtlein

06. Dezember 2025

GOLDEN WARRIOR. Zeitungspapier (Artikel mit Lieblingsfoto von Che Guevara), beim Bearbeiten gerissen, versaut, Fragmente m. Wasserfarbe, Acryl und Aquarellpapierfragmenten mit schwarzer Tinte, Kleber, Pappkarton weiterverarbeitet, 16./29. Februar 2020, 1./2./3./4./5. März 2020, 30,5 x 43 cm, Staatl. Museen v. Gaganien. Exhib. „Welcome to Gagania“ 2025, Januar, Sevenstar Kellerbar.

04. Dezember 2025

Keine neuen Fotos, nur alte. Bin dabei mich zu regenerieren. Bis ich wieder so munter und unternehmungslustig aus der Wäsche gucke wie hier. Immer wieder langweilig – „lang weilend“ auch, dass man doch recht viel Verantwortung für das eigene Befinden trägt. Weder Freunde noch Kollegen noch irgendeine nebulöse „Gesellschaft“ zeichnen dafür verantwortlich, wenn ich viel zu wenig schlafe, zu wenig Wasser trinke, mit meinen Kräften nicht haushalte. Diese Hausaufgabe von meinem Neurologen Dr. van der Meer, in einem Kalender zu vermerken, wenn ich eine Migräne-Attacke habe, hat tatsächlich einen Einfluss auf mein Verhalten, weil ich dort gemutmaßte Auslöser, Vorzeichen, Stärke, Dauer der Attacke, was ich genommen habe, ob es gewirkt hat etc. eintragen soll. Eingetragen wird nur das Elend. Ich bemerkte, wie unangenehm es mir unlängst war, den vollen Umfang, wie viele Schmerzmittel ich an zwei aufeinanderfolgenden Tagen genommen hatte, aufzuschreiben, obgleich dieser Konsum ganz untypisch war. Aber das weiß er ja nicht. Nun habe ich den Ehrgeiz, als Dezember-Kalenderblatt eine nahezu leere Tabelle zu präsentieren. Der letzte Eintrag war vor gut zwei Wochen. Ich schlafe seitdem sehr viel. Nicht nur am Wochenende. Es grenzt schon an den Winterschlaf eines Bären. Aber auch nicht zuviel. Neun Stunden hab ich gern. Und was der Körper eben auch sehr liebt, ist KEIN Alkohol. So fügt es sich ganz gut, dass ich derzeit einfach keinen Appetit darauf habe. Aber wenn der wieder kommt, wovon ich fest ausgehe, ist es ein gutes Zeichen, weil ich mich dann wieder stark und stabil fühle. Auch Zigaretten etc. rauchen mag ich nur in bester Ausgehlaune.

02. Dezember 2025

Die kleinen Freuden. Vorhin stand ich an einem großen Drucker, den ich selten besuche. Eine junge Mitarbeiterin war noch eingeloggt, ihr Auftrag war gerade fertig. Ich las angetan den ungewohnten Vornamen auf dem Display: „Angel“. Da kam sie um die Ecke geschwebt, wir hielten ein kleines Pläuschchen. Ich schätze sie zwischen achtzehn und zwanzig. Noch nie traf ich eine Angel. Im spanischsprachigen Raum ist es wohl ein gebräuchlicher männlicher Vorname. Angelas und Angelikas sind mir oft begegnet. Ich fragte sie, ob es englisch ausgesprochen wird, sie sagte ja. So ein schöner Name gäbe ihr bestimmt Rückenwind auf dem Lebensweg, versicherte ich. Sie strahlte. Man kommt bestimmt dauernd auf Ideen wie zu ihr zu sagen: „Da kommt ja unser Engel!“ Und dann will sie sicher nicht enttäuschen und ist ganz lieb. Stell ich mir so vor. Ist bestimmt so. Jedenfalls war sie ganz liebreizend.

02. Dezember 2025

»Fragwürdig wie alles, was wir treiben, ist auch die Selbstkritik. Ihre Wonne besteht darin, daß ich mich scheinbar über meine Mängel erhebe, indem ich sie ausspreche und ihnen dadurch das Entsetzliche nehme, das zur Veränderung zwingen würde – das Entsetzliche, das mich doch jedes Mal wieder einholt, wenn ein andrer sie ausspricht.«

Max Frisch, Tagebuch Kampen, Juli 1949

27. November 2025

Heute Morgen in der S-Bahn las ich weiter in Ruth Rehmanns „Illusionen“ von 1959. Im nachfolgenden Auszug (S. 206 – 207) geht es darum, wie die neunzehnjährige lebenshungrige Therese, die bei einem Versicherungskonzern in einer deutschen Großstadt als Schreibkraft auf Probe arbeitet, am Sonntag zur Kirche geht und wie sie die Predigt von der Kanzel und die Gemeinde wahrnimmt. Hat mich gefangen. Vergleichbare Empfindungen habe ich auch in Erinnerung. Fortlaufende Gewissheit: „Das ist Literatur.“

„Dann sprach nur noch eine Stimme, die bald nicht mehr ausreichte, um alles zusammenzuhalten, und die Gemeinde bröckelte langsam auseinander. Jeder kroch in seine persönliche Haut, seinen Kragen, Mantel und Schuh zurück. Therese fühlte sich verlassen und ausgesetzt, spürte eine Abkühlung der Atmosphäre, eine zerstreuende Bewegung der Köpfe und Schultern. Schweifende Blicke, müßig wandernde Gedanken zickzackten mit eingeschlossenen Fliegen und schwirrenden Lichtstrahlen durch das gewölbte Schiff, trafen und überkreuzten sich und verfilzten zu einem vielfädigen verworrenen Gespinst, in das die Stimme des Predigers vergeblich eingriff, um zu ordnen, zu strählen, auszurichten: eine einzige Stimme tastend im Labyrinth vielstimmigen Schweigens, er sagte ja selbst, daß das meiste auf den Weg fiel, daß es auf Steine und unter Dornen fiel, von Vögeln gefressen wurde, verdorrte, erstickte, die Chancen waren wahrhaftig gering und er machte sich offenbar keine Illusionen, aber versuchte es trotzdem, das war ja sein Beruf, Therese rutschte auf dem harten Holz herum, schlug ein Bein über das andere, fragte sich, was sie eigentlich hier sollte und blickte mitleidig zu dem Pfarrer auf, der schwarze Krähenflügel über die Kanzelbrüstung schwang, seine Botschaft ausrief, anbot, und keiner nahm es ihm ab, denn die Sache war längst bekannt.

Unermüdlich suchte er nach Inseln guten Landes im Meer schleimräuspernder, schlafatmender, frühstückssatter Unaufmerksamkeit und stach mit spitzem Zeigefinger wahllos hinab: »Dich meint er und dich«, die Angestochenen bewegten nervös die Stirnhaut: Schlafende, die eine Fliege vertreiben. Sie wollten ihre Ruhe haben und auch Therese wurde von Müdigkeit überwältigt beim Anblick der reihenweis ausgerichteten unbewegten Rücken, Schultern, Hälse, Haare und Hüte. Sie versuchte zu zählen, gab es auf und schloß die Augen. Die mühsame Stimme strömte an ihrem Ohr vorbei, sie fing hie und da einen Fisch, der bunter erschien, betrachtete ihn bis er ergraute, warf ihn zurück und der Strom schwemmte ihn fort. Auch Papa und Mama hielten darauf, von Zeit zu Zeit in die Kirche zu gehen, aber man merkte ihnen nichts an, obwohl sie sich beim Mittagessen über die Predigt unterhielten. Mama sagte: »Wir könnten uns wirklich öfter da sehen lassen.« Sie versprach sich etwas von »sehen lassen«.“

24. November 2025

Flashback Januar, Eingangsbereich große Galerie bei Sevenstar.

HUNT. Acryl auf Leinwand, 103 x 123 cm, 7. u. 12. Februar 2006

GHOSTDANCE. Geistertanz. Ausrangiertes Messe-Check-in-Counter-Infoschild „G – K“, Edding, Jalousien-Verpackung, 50 x 100 x 6 cm, 17. Juni, 22. Juli 2018, Staatliche Museen v. Gaganien

23. November 2025

Zweiter Versuch. Ohne Pinsel, direkt aus kleiner Flasche mit Düse aufgetragen. Damit hätte ich die Tasse signieren sollen, die schwarze Linie war auch noch ganz schön zittrig, aber das archaische Motiv mit freier Linienführung verzeiht das eher als meine gestanztes Emblem. Beim Signieren hatte ich den Bogen raus, aber da waren die zwei Stunden dann vorbei und ich nur noch gespannt, wie es sich nach dem Glasieren und Brennen verändert. Die Farben werden viel dunkler nach dem Brennen, was sich aber bei Schwarz und Mauve nicht so sehr auswirkt. Ähnliche Nachdunklung wie Acryl. Es ist übrigens eine recht große Tasse für etwa 400 ml, mein kleines Schiffchen ist zwanzig Zentimeter lang.

23. November 2025

Avanti Dilettanti. Beim morgendlichen Kaffeetrinken sehe ich nun, was man falsch machen kann, wenn man keine Ahnung und Übung im Bemalen von Keramik hat. Ich hatte ein zweistündiges Zeitfenster in einem dieser Keramikbemal-Läden, wo in knappen Sätzen kurz erklärt wurde, wo die Farben stehen und die Pinsel und dass man die Farbe nicht mit Wasser entfernt, wenn man sich auf dem unglasierten Rohling vermalt, sondern nur drüber malen soll. Direkt vermalt hab ich mich zwar nicht, aber mit zittriger Pfote mit einem feinen Pinsel so ein filigranes Motiv, das exakte Linienführung erfordert, zu meistern, war offenkundig zu sportlich. Wenn es diese Keramikfarben auch als Filzstift gäbe, wäre es vielleicht besser geworden. Ich konnte aber auch nicht so richtig gut sehen, das Licht war recht schummrig und ich stand voll unter Sumatriptan und war schlapp und schläfrig. Auch die einfallslose, übertrieben große krakelige Signatur würde ich am liebsten korrigieren. Nun ja, erster Versuch, kein Meisterwerk. Aber passt in meine schwarzweiße Küche. Hab dann noch ein anderes kleines Teil bekritzelt, das ging schon etwas flüssiger. Zeig ich auch noch.

22. November 2025

Unglamouröser Sonnabend, putze die „Kunststein“-Fliesen vom Küchenboden. Teufelszeug. Dachte seinerzeit, wenn ich etwas auf diese fußkalten Fliesen lege, die so so kalt sind wie Marmor, aber eine Oberfläche haben, die Gestein nur imitiert, werden sie ja auch geschont und ich muss das Imitat weder sehen noch fühlen. Auf die Idee, dass sich Latexunterboden von Seegras-Auslegware nach einigen Jahren auflöst und krümelt und eine krustige Vermählung mit den Scheiß-Fliesen eingeht, wäre ich im Traum nicht gekommen. Bräunliche, betonharte Schlieren und Punkte, denen ich nur mit dem Ceranfeldschaber beikomme. Schrubben hat nichts gebracht. Da die Oberfläche der Fliesen auch sauber nicht glatt ist, sondern – mir fehlt das Adjektiv – es ist wie ein Relief aus tausend Pünktchen – für einen matten Effekt vermutlich – kann ich mit dem Schaber nicht zügig drüber, sondern kratze tw. mit den Ecken in die Vertiefungen um die Latexsommersprossen wegzukriegen. Hatte auch schon den Zauberschwamm versucht, Spülmittel, Topfreiniger, WC-Reiniger, Badreiniger, Alkohol, Öl, bringt alles so gut wie nix. Die meisten sind sauber, noch ca. fünf übrig. Das Geräusch ist auch unangenehm, ich hoffe, es dringt nicht zu den Nachbarn durch, ich kratze schon so behutsam wie möglich.

Und dann muss ich noch den neuen Seegrasbelag zuschneiden und darunter diesmal einen weiteren Zuschnitt von so einer Antirutschmatte, die dann beim nächsten Auflösungsprozess mit dem Latex Verlobung feiern kann. Ok, 26 Jahre waren auch lang. Muss nun auch noch denken, dass wenn ich überhaupt noch so lange lebe und hier sein sollte, das jetzt mit Sicherheit meine letzte Aktivität in der Richtung ist. Schon komische Gedanken.

Außerdem denke ich dauernd, wirklich permanent, an diese bemerkenswerten Kessler Zwillinge. Ob sie sich noch mal schön gemacht haben, an ihrem letzten Tag, ich denke schon. Die waren ja so gepflegt und wenn man Besuch zu Hause erwartet, macht man sich ja zurecht. Und ob sie in einem der beiden Schlafzimmer zusammen waren, im selben Bett oder in einem der Wohnzimmer unten. Ich stelle mir vor, sie haben sich an den Händen gehalten. Es soll ja wahnsinnig schnell gehen, sobald das Narkotikum fließt. Zwei Minuten, und weg. Eingeschlafen. Ich verstehe auch, das sie keine Freunde dabei haben wollten und es denen auch nicht gesagt haben, wann genau sie sich verabschieden. Das hätte die nur belastet. Würde ich auch nicht machen. Meine Mama hätte auch gerne so einen Abschied genommen, ich wusste damals gar nicht, dass es inzwischen diese legale Möglichkeit in Deutschland gab. Aber bin auch froh, dass ich nichts in die Wege leiten musste.

Gut zu wissen, dank der umfangreichen Berichterstattung zu den Zwillingen, dass es diese Hilfestellung gibt. Man wüsste ja gar nicht genau, wie man das selbst dosiert und die Kanüle legt. Nur die Preise finde ich einigermaßen übertrieben, angesichts des geringen Preises des Mittels. Na gut, die Beratung und die Gutachten und der Jurist und der Arzt, die haben auch ihren Stundensatz, aber viertausend Euro pro Nase ist schon happig. Man will doch nur schmerzfrei gehen. Jetzt ist da dieses Haus, das sie samt ihrer sonstigen Besitztümer vermutlich zum Verkauf angedacht haben und der Erlös wird dann auf die im Testament verfügten Erben, diverse gemeinnützige Einrichtungen und Vereine verteilt. Aber wer kümmert sich um das Nachlassverfahren? Und die Organisation der Beisetzung? Freundin Carolin? Es gibt wohl keine Angehörigen, jedenfalls keine die nah genug wären, um da angesprochen zu werden. Das ist sicher nicht im Preis der Erlösung inbegriffen gewesen. Ich weiß, dass das Amtsgericht einen Testamentsvollstrecker berufen kann. Das ist eine Funktion innerhalb des Nachlassgerichts. Ich hab mich damit beschäftigt, als ich verschiedene Auskünfte im Nachlassverfahren meiner Mama brauchte, um das ich mich gekümmert hatte. Vielleicht aber haben sie doch eine Vertrauensperson namentlich benannt, der sie es zutrauten. Also das geht mir so alles durch den Kopf dieser Tage.

21. November 2025

Eben gelesen, eine langjährige Freundin von Alice und Ellen Kessler, Gabriele Gräfin zu Castell-Rüdenhausen (eine der zwei Töchter von UFA-Filmstar Luise Ullrich) erinnert sich: „Wir sind jahrelang jeden Samstag joggen gegangen. Und zwar so schnell, dass keiner mithalten konnte. Einmal war sogar Carlos Kleiber, der Dirigent, dabei – der hat gleich aufgegeben“, erinnert sie Gabriele Castell. „Wissen Sie, die beiden waren so rein, in ihrem Erscheinen, wie in ihren Gedanken. Nur ihre Witze waren dreckig.“

20. November 2025

Dr. Nicolai van der Meer wirkte ganz anders, als ich aufgrund seines Fotos erwartet hatte. Introvertierter. Mir sehr angenehm. Er ist vollumfänglich im Thema. Interessant, dass er meinte, es gäbe seines Wissens sehr viele Neurologen, die selbst unter Migräne leiden. Ich erwähnte den Hirnforscher, der u. a. identifiziert hatte, dass bei Migräne-Patienten durchgängig höhere Gehirnaktivitäten messbar seien, wie ein unausgesetzter Starkstromfluss. Bzw. bemühte jener Forscher den Vergleich eines Porsche im Kopf, der permanent die Höchstgeschwindigkeit ausfährt; van der Meer ergänzte, dass ein weiterer kleinster gemeinsamer Nenner sei, dass es sich um extrem gewissenhafte Personen handele. Wenn ich mir diejenigen vor Augen führe, von denen ich weiß, dass sie damit zu tun haben, fällt mir die eng getaktete Wahrnehmung von allem, was sich in der Umgebung tut auf, als ob ständig ein 360-Grad-Scan stattfindet. Das Gegenteil von jemandem, dem ganz viel schnuppe ist. Ergebnis des heutigen Besuchs: zwei andere Triptane testen, inclusive Spray und Hausaufgabe Kalender führen.

17. November 2025

MANGO-MUFFLON MARLENE. Handtaschenverschlussteile, Budapester Schuh-Fragmente, Rotwein-Etikett, Samtband, Leder-Schnürschuh-Fersenstücke, Ess-Stäbchen, dunkelgrüne Blumentopf-Stäbchen, Griffe von drei abgearbeiteten Pinseln, Furnierholz-Brett von Mango-Schrank-Verpackung, Kleber, 50 cm x 90 cm, 25. und 28. August u. 6. September 2023, Staatliche Museen von Gaganien. Ausstellung Jan. 2025, Sevenstar Gallery.

NEMRUT. Unterlagekarton Pouring Mitte August bis September 2019, Finish: Acryl, Goldmarker, Blattvergoldung Rahmen, 26. und 27. Oktober 2019, 45 x 55 cm, Staatliche Museen von Gaganien

16. November 2025

GAGA-ECHSE. Königreich Gaganien, 21. Jh., Rahmenrückwand, Metallteile vergessener Herkunft, gold-gesäumte Spiegelpaillette, allerletztes 10-Pfennig-Stück, Verpackung von YSL-Lippenstift, YSL-Puderrouge, YSL-Nagellack, YSL-Wimperntusche, 29 cm x 35 cm, 7. April 2002 Auguststraße, Staatliche Museen von Gaganien. Ausstellung „Welcome to Gagania“, Jan. 2025, Sevenstar Gallery.

15. November 2025

„Noch im Schlaf versuchte sie immer wieder, ein Stück der Decke an sich zu ziehen, aber er hatte sie ganz für sich genommen, lag in sie eingewickelt, leicht schnarchend, abgewandt. Sie fror, zog die Beine an sich und erwachte, als etwas ihr Gesicht streifte, nicht seine Lippen oder seine Hände, sondern die Gardine im Morgenwind. Graues Licht vom Fenster her begann in sie heineinzufließen und die träumerische Wärme abzukühlen. Das war unangenehm, etwa wie das langsam Einfließen kalten Wassers in ein warmes Bad. Sofort kniff sie die Augen wieder zu und versuchte, in den Leib des gemeinsamen Schlafes zurückzukriechen. Behutsam zerrte sie die Decke unter seiner Seite hervor und schmiegte sich eng an seinen gekrümmten Rücken, machte sich ganz breit, flach und porös, um soviel wie möglich von seiner Haut zu berühren, Wärme und Schlaf mit den Poren zu trinken und das Wehen des Schlafatems in sich hineinzunehmen. ……………………………………………… Aber es ging schon nicht mehr. Zuviel Haut dazwischen, zuviel Schlaf auf seiner, zuviel Wachheit auf ihrer Seite. In die Zärtlichkeit bei der Berührung ihrer kühl gewordenen mit seiner warmen Haut mischte sich eine Spur Dégoût, eine ganz leise Regung von Aversion. Dabei wartete sie schmerzlich darauf, daß er sich umwende und unter schläfrigem Gemurmel Brust und Schoß mit seinen Händen umschließe und sie so wieder annähme und dem grauen Licht entzöge, aber schon trieb die gewendete Strömung sie von ihm weg. Kühl blinzelte sie über seine Schulter, den schwärzlichen Flaum, der sich im Wind ihrer Atemzüge bewegte und nahm stückweise mit wachsendem Widerwillen die Details der ausrinnenden Nacht zur Kenntnis: Die beiden Gläser Rotweinrest, Aschenstange der vergessenen Zigarette, deren Erinnerung als fade parfümierte Süßigkeit im Dunstgemisch der Gerüche hing, verstreute Kleider und Wäschestücke, von Hand und Fuß fiebernd in die Nacht geschleudert und nun kläglich und deformiert wieder auftauchend, wie Trümmer und Tang aus der zurückweichenden Flut. Verstreut auch sie: Hand vom Bettrand herabhängend, Brust achtlos vor den Spiegel geworfen und im Glas wiederholt, Haar auf der Schwelle verschüttet, Augen wie abgestreifter Schmuck aus Bodenritzen leuchtend. Wahrhaftig, man sollte Ordnung herstellen, ehe der Tag die Decke wegzieht. Sie rückte heftig von ihm ab, die winzige Flamme träger Zärtlichkeit in ihrem Schoß erlosch unter einem kalten Guß, denn nun saß sie aufrecht, umfaßte alles mit einem Blick, auch ihn nur als ein Stück Trümmer im allgemeinen Verfall, und nahm sich entschlossen heraus, mit steilem Rücken und wachsam erhobenen Kopf, die Haare mit dem wiedergefundenen Band so fest zurückbindend, daß es wehtat.“

Ruth Rehmann, Illusionen, 1959 bei Suhrkamp erschienen, S. 102, 103. Passage aus dem Kapitel „Das erste Kleid“, das sie 1958 beim Treffen der Gruppe 47 in Großholzleute las und dafür beinah den Preis der Gruppe bekommen hätte. Günter Grass las auch, aus der unveröffentlichten Blechtrommel, erhielt den Preis. War aber knapp. Anhand der Rezensionen, die betonen, dass es sich um eine Art Portrait der Wirtschaftswunderzeit handelt, hatte ich nicht mit derart intensiven emotionalen Notizen und für mein Gefühl völlig zeitlosen Empfindungen gerechnet. Gefällt mir sehr.

14. November 2025

Bisschen müde, bisschen traurig. Aha, Davina Shakira Geiss hat sich die Brüste machen lassen. Und die Nase. Vermute, Nase ist auf Dauer harmloser. Allerdings weiß ich nicht, womit die Oberweite erweitert wurde. Solche Neuigkeiten erfahre ich nebenher, wenn ich mich bei gmx einlogge. War ein anstrengender Tag, obwohl es eine Etappe gab, die mir eigentlich lag. Zwei Keramik-Rohlinge bemalt, nächste Woche gebrannt. Ich fehle leider bei Saskias heutigem Konzert im Terzo Mondo, bin einfach zu erschöpft. Den Teppichzuschnitt vorhin abgeholt, sauschwer, so eine Rolle von 180 x 320 cm Seegras-Bodenbelag mit der U-Bahn inclusive Umsteigen zu transportieren. Ich schätze 30 bis 40 Kilo. Morgen Küche ausräumen, den Tisch, die Stühle, zuschneiden, verlegen. Ideale Beschäftigung bei Rückzugsverfassung. Heute Mittag Migräneattacke früher mit Sumatriptan angegangen, aber entsprechend müde, macht mich einfach schläfrig. Der Termin beim Neurologen nächste Woche ist übrigens deswegen. Mal was Neues andenken, soll wohl auch eine vierteljährliche Spritze geben. Wenn die prophylaktisch wirken würde, Hoffnung in Sicht.

13. November 2025

Nichts Besonderes. Auf der Treppe nach oben zum S-Bahnsteig Hackescher Markt mit der baumelnden Tasche verheddert, auf den letzten Stufen ins Straucheln gekommen und hingefallen. Zwei sehr freundliche junge Männer halfen mir beim Aufstehen. Nix gebrochen, aber wieder ein Schrecken. Konnte in der S-Bahn nicht lesen, alles hat geflimmert, bin aber nicht auf den Kopf gefallen. Buch weggelegt, gehofft, dass es nur die insgesamte Erschütterung war. Nach zwei Stunden hat es sich wieder beruhigt und ich konnte wieder normal sehen, ohne Flimmern. Ist wohl auch deswegen passiert, weil ich auf der Treppe erinnerte, dass ich früher immer genau da zwei Stufen auf einmal nahm, mit Elan, mühelos. Kurz Tempo zugelegt, keineswegs um das noch mal zu versuchen. Aber genug von derlei seniorenhaften Begebenheiten.

Der eine der beiden jungen Männer, dunkelhaarig, wirkte äußerlich türkisch, der andere war dunkelblond, strahlte komplett Urberliner aus. Kann ich schwer beschreiben. So eine Art, sich souverän wie im Wohnzimmer zu bewegen und ein bisschen frech-charmantes Grinsen. Beide waren zauberhaft und nahmen sich Zeit, mir auf die Beine zu helfen. Endlich mal keine Rüpel!

Was vor ein paar Tagen auch noch erfreulich war: eine junge Kollegin, die ich sehr mag, sie ist ca. 27 und hat arabische Wurzeln, in Berlin aufgewachsen, erzählte mir mit ihren noch mehr als sowieso schon funkelnden Märchenprinzessinnen-Augen begeistert von ihrem Urlaub in Los Angeles und San Diego, wo sie auch Familie hat. Sie war nicht zum ersten mal da. Ihre Begeisterung war derart groß, dass ich sie fragte, ob sie sich vorstellen könne, hinzuziehen. Sie: „JA!!! Sofort! Das ist genau mein Ding – ich sage Dir….! Ich liebe es total, alle positiv und locker, genau mein Vibe!“ Und fügt leiser hinzu: „aber meine Mutter, weißt Du, die möchte ich nicht alleine lassen“ (ihr Vater starb vor vier Jahren, wie meiner, aber ihrer war erst sechzig).

Wir haben einen echten Draht und erzählen uns oft Sachen wie Freundinnen, ich habe nie das Gefühl, dass wir diesen großen Altersunterschied von dreiunddreißig Jahren haben, sie behandelt mich auch nie so. Und ich sie auch nicht. Jedenfalls meinte sie dann noch zu mir: „ich weiß, das wäre dort auch GENAU DEIN DING, wir beide passen da total hin!“ Das rührte und freute mich so, dass sie mich wie eine Seelenschwester gedanklich vereinnahmte, auf kompletter Augenhöhe positionierte. Fühlte mich in dem Moment auch wie siebenundzwanzig und verstanden und gesehen wie selten. Ob das dort wirklich in allen Aspekten mein Ding wäre, sei dahingestellt, aber ich habe mich in Amerika, zumindest im Südwesten, unendlich wohl gefühlt, gar nicht fremd. Alles easy. Oder vielleicht besser gesagt, es war so ein Grundempfinden, dass man sich das Leben nicht ohne Not gegenseitig schwerer macht, als es sowieso schon ist. Dennoch habe ich keinerlei Auswanderungspläne. Aber dass ich noch nie in Kalifornien war, ist schon komisch, muss ich bald mal nachholen. Wo sie doch meint, dass ich auch ein California Girl bin. So süß.



12. November 2025

Happy Birthday, Neil Young. Ich fange gar nicht an zu erklären, wie mich seine Musik begleitet hat. In den Siebziger Jahren, dass ich die erste LP von ihm bekam. Harvest… Jahre gehört. Alle davor und die meisten danach. Cowgirl in the Sand, Ohio, Hey Babe, Tell me why, Helpless helpless, hE-hE-lpless, After The Goldrush. Rust never Sleeps am offenen Fenster im holzverschalten Dach zum Sommerhimmel meiner Jugend. You can’t live on Sugar Mountain. Powderfinger, Cortez, Pocahontas. Better to burn out, Trasher. Harvest Moon, Comes a Time. Dann nicht mehr so verfolgt, This Old Guitar, aber das Gewitter der Gitarre für Dead Man am Southrim des Grand Canyon …like a Hurricane. You are the Ocean, Neil Young. Keep on rockin in the free world, LOTTA LoVE.

10. November 2025

Richard Burton und Liz Taylor. Aufgenommen 1967 von Henry Clarke für Vogue in Saint-Jean-Cap-Ferrat, Villa La Fiorentina. Die beiden spielten Gin Rummy, ein Kartenspiel. Ob sie heute auf Smartphones blicken würden? Immerhin für mich (beruhigenderweise) noch unvorstellbar, dass ein Fotograf heute eine Paaraufnahme inszenieren würde, die beide in die jeweils eigene Social Media Welt vertieft zeigen würde, obgleich heutzutage vielfach Alltag. In einem herausgehobenen, fotografischen Setting eher nicht. Keine Idealvorstellung, im selben Raum zu sein und sich mit anderen zu beschäftigen, anstatt dem Gegenüber. Obwohl man zugestehen muss, wenn Zweisamkeit über weite Strecken Alltag ist, phasenweise nachvollziehbar. Bei unregelmäßiger Zweisamkeit weniger. Heute, am 10. November wäre Richard Burton hundert Jahre alt geworden, geboren am 10. November 1925. Er wurde nur achtundfünfzig Jahre alt. In der deutschen Presse habe ich keine Erwähnung gefunden. Die BBC hat eine neue Dokumentation anlässlich des großen Geburtstags und es gibt ein Biopic über ihn und Liz, auch in der ARD zu sehen. Hat mich aber nicht gepackt, Helena Bonham Carter hat keinen Funken der Ausstrahlung von Liz, wenn sie auch in anderen Rollen brillieren mag. Keine Empfehlung. Lieber die Originale würdigen.

08. November 2025

Und der Wetterbericht für Berlin ist heute komplett falsch! Es gibt keinen allerwinzigsten Sonnenstrahl, Wetter-Seiten behaupten „vorwiegend sonnig“. Gelogen! Vorhin in meinem Eintrag ein Zitat vergessen. S. Matthiessen erwähnt im Buch ihr Lebensmotto, das mich immerhin amüsierte: „(…) Ich nehme nur das Nötigste mit. Ich gehe davon aus, dass ich in einem halben Jahr mit Sicherheit wieder Arbeit habe und mich dann bis zur Rente auch wieder finanzieren kann. Ein paar Anziehsachen, meine Lieblingsbücher, darunter auch das alte Poesiealbum sowie das Foto von meiner Mutter und mir bei der Einschulung, das kleine Schild mit meinem Lebensmotto »REVANCHIER DICH! IM GUTEN WIE IM BÖSEN!«“

08. November 2025

Ein derartiges Rückzugsbedürfnis hatte ich lange nicht. Viel inneres Verarbeiten. Verfassung zwischen orientierungslos und Weitermachen und sich nicht aufgeben. Wenn Du denkst, es geht nicht mehr, kommt irgendwo ein Lichtlein her. Soll jetzt auch nicht zu dramatisch rüberkommen, Entschuldigung. Meine Eckdaten sind ja gut. Denke nur an genau vor einem Jahr, als am siebten November die Möglichkeit einer großen Ausstellung konkrete Formen annahm, und mich von da an ununterbrochen auf eine schöne, aufregende Art beschäftigte. Im Augenblick gibt es keinerlei Dynamik in eine ähnliche Richtung. Emotional hänge ich irgendwo im Nirgendwo. Da können auch liebe Freunde wenig ausrichten. Nein, ich muss nicht unter Leute, wenn mir nicht danach ist. Aber kommt schon wieder, keine Sorge. Nun lese ich auch noch ausgerechnet ein Buch einer Frau meiner Generation, Susanne Matthiessen, geboren 1963, deren beide autobiographischen Sylt-Bücher ich zuletzt las, sie hat noch ein drittes Buch veröffentlicht. Sie zog ein Jahr später (1987) als ich (1986) nach Berlin, nach einem Intermezzo in Kiel, arbeitete als Journalistin, heute vor allem freie Autorin, soweit ich es identifiziere. In Berlin ist sie völlig anders gelandet als ich, obwohl ich auch ein Intermezzo in Kreuzberg hatte, aber nur sechs Wochen lang. Mein Auftakt im aufgeräumten, beschaulichen Zehlendorf mit regelmäßigen Ausflügen ins hedonistische Schöneberger Nachtleben, hatte so gar nichts mit der rebellischen Szene gemein, die alljährlich zum ersten Mai Thema in der Tagesschau war. Susanne Matthiessen landete allerdings in genau dieser Szene, und zwar dem feministischen Ableger. Im Buch „Lass uns noch mal los„ erzählt sie davon, wie sich aus den Bestrebungen nach einem autonomen feministischen Leben ein Wohnprojekt nur für Frauen entwickelte, das sie im Buch „Die Burg“ nennt. Es gibt in Kreuzberg ein vergleichbares Projekt, den „Beginenhof„, die Eckdaten entsprechen dem, was sie beschreibt. Habe gut die Hälfte hinter mir. Ihre Schreibe liest sich so weg. Allerdings wird es inhaltlich offenkundig zunehmend fiktiver mit derart schrägen Begebenheiten in diesem Haus, dass es teilweise Richtung Slapstick driftet. Wie auch immer – im Buch verliert sie kurz vor ihrem sechzigsten Geburtstag ihren wichtigsten Job, der ihre Existenz sichert (unklar, ob fiktiv). Sie erhellt ihre um diese Einschnitte kreisenden Gedanken, gezwungenermaßen zusätzlich durch die sie umgebenden alternden Mitbewohnerinnen verursacht, unter denen inzwischen auch Hochbetagte sind. Als ich das Buch anfing, hatte ich keinerlei Kenntnis darüber, dass es in der feministischen Kreuzberger Szene verankert ist, erhoffte vielleicht mehr Parallelen zu meinen Erinnerungen. Lesen ist jedenfalls im Augenblick großer Teil meiner Freizeitbeschäftigung.

Mein Gesichtsausdruck auf dem Foto hier von gestern Nachmittag bringt meine Verfassung gut rüber. Ich gucke ein bisschen wie das gestrandete, mutterlose Robbenkind am Roten Kliff, das wohl auch nicht wusste, wie ihm gerade geschieht, als es in eine Wanne gesetzt und von einem der Robben-Retter mitgenommen wurde.

07. November 2025

Gewebtes Seegras mit Fischgratmuster „Fine Arrowhead“. Heute vor Ort bei Teppichkontor in der Gneisenaustraße bestellt. So angenehm, wenn man barfuß darauf läuft. Der Belag in meiner Küche, auch Seegras, hat nach sechsundzwanzig Jahren zunehmend kleine Löcher. Der alte hat ein einfacheres Webmuster, aber Fischgrat hat mir schon immer am besten gefallen. Kann ich Mittwoch abholen, verlege ich wieder selbst. Dafür vorhin die große schwere Schere aus dem Atelier geholt, damit geht das gut. So ein Gewebe lässt sich nicht mit einem Teppichmesser effizient und exakt zuschneiden. Ich bin da überaus perfektionistisch veranlagt.

06. November 2025

Neuigkeiten: „CURD JÜRGENS WAR DER BRUDER VON UDO JÜRGENS“ verkündete der Google-Mastermind gestern. Ganz starke Kombinationsgabe! Ich entdeckte gestern einen mir bis dato unbekannten Film aus dem Jahre 1956 mit Curd Jürgens: „Ohne Dich wird es Nacht„, bei dem Curd Jürgens – übrigens kein Künstlername – selbst Regie führte und auch die Hauptrolle übernahm. Er spielt einen morphiumsüchtigen Rechtsanwalt, seine versteckte Sucht ist Thema des Films. In einer Szene in einer Bar setzt er sich als Gast ans Klavier und spielt einige Takte Bach. Trotz des interessanten Themas spielt er etwas hölzern, nicht Klavier, seine Rolle, auch dramaturgisch insgesamt etwas lahm, dieser Film. Mich interessierte, ob er tatsächlich Klavier spielen konnte oder nur mimte. Der Google-Trottel meinte, es sei nicht bekannt, dass er je Klavier gespielt hätte, aber SEIN BRUDER, UDO JÜRGENS, der könne sehr wohl Klavier spielen. Ich kann das nicht mehr kommentieren. Allerdings möchte ich anmerken, dass Curd Jürgens in dem ebenfalls 1956 erschienen Film „Teufel in Seide“ abermals am Klavier erscheint, er spielt einen Komponisten. Auf FemBio ist im Portrait der Sängerin, Pianistin und Filmproduzentin Elfi von Dassanowsky erwähnt, dass Prof. Elfriede Maria v. Dassanowsky Curd Jürgens Klavierstunden gab. Ob der Unterricht Früchte trug, kann ich nicht beurteilen. Seinen „Bruder“ Udo können wir leider Gottes nicht mehr fragen.

05. November 2025

Das Geheimnis des Brieföffners. Kein neuer Krimi von Edgar Wallace († 1932), sondern ein echtes Mysterium. Diesen schwer in der Hand liegenden Brieföffner unbekannter Provenienz fand ich vor einigen Jahren zufällig in einem Tohuwabohu ausrangierter Büro-Utensilien, die in einem Karton gelandet waren, die meisten kaum mehr verwertbar. Ich nahm mich des zeitlosen Stückes an, da ich keinen Brieföffner mehr besaß. Nur besondere Post öffne ich damit. Keine Betriebskostenabrechnungen. Vorgestern wollte ich ihn anderweitig benutzen, nämlich ein Buch damit aufhalten, das ich las, während ich es mir auf dem Teppich in der Sonne gemütlich gemacht hatte. Dabei fiel mir zum ersten mal die kleine Gravur ins Auge. Vielleicht ist das Symbol auch aufgedruckt. Ich war plötzlich neugierig, ob ich anhand des Zeichens den Hersteller ermitteln konnte. An keiner anderen Stelle war ein Hinweis. Ich machte diese Fotos und zeigte sie der Google Bildersuche. Und von da an wurde es wirr. Bevor dieses Hilfsmittel bei den Suchergebnissen mit pseudo-intelligenten Texten über den Vergleichs-Fotos angereichert wurde, hatte man direkt passende Bilder vor der Nase. Nun wird man mit fragwürdigen zusammengewürfelten und zu einem hohen Prozentsatz falschen Behauptungen beglückt, worum es sich vorgeblich handelt. Das Falsche liegt zumeist im Detail. Immerhin war beim ersten Foto, das ich für die Suche angeboten hatte, noch korrekt „Brieföffner“ identifziert worden. Einen kurzen Moment war ich von der Aussage fasziniert, es handle sich um einen Brieföffner der Marke Montblanc. Bekanntermaßen ein hochpreisiger Hersteller von Schreibgeräten. Das Symbol auf dem Brieföffner hat nicht die allerkleinste Ähnlichkeit mit dem Montblanc-Firmenlogo, auch nicht mit historischen Ausführungen. Danach lud ich das Bild hoch, das nur den Anschnitt des Griffs zeigt. Prompt kam die Mitteilung, es handele sich um ein Zippo-Feuerzeug, Modell Soundso. Ich lud wieder ein anderes Foto hoch, Brieföffner in anderer Perspektive, Symbol sichtbar, dritte Antwort: es sei ein Kugelschreiber der Marke XY, irgendwas französisches aus der „Bee“ Edition oder so ähnlich. Setzen, Sechs. Ich bot nun nur das Logo an, ohne Drumherum. Allen Ernstes wurde behauptet, es sei das alte Symbol der Medizin, der Äskulap-Stab. Hilfe. Dann machte ich mir die Mühe, das Logo nachzuschärfen und nochmals hochzuladen.

Ich erhielt nunmehr die Antwort, es sei das Logo einer finnischen Universität, nämlich der „Tampere University of Applied Sciences“. Das konnte ich nicht ultimativ verifizieren, auf der Website der Universität kommt dieses Zeichen nicht vor. Aber immerhin auf ungefähr fünf Bachelor-Arbeiten, die dort eingereicht wurden. Vielleicht ist es ein altes Logo, das auf den Vorlagen für die Bachelor-Abschlussarbeiten vorgegeben ist. Hier ist eine verlinkt, das Symbol entspricht dem von meinem Brieföffner. Aber vielleicht ist es auch einfach nur ein beliebtes Deko-Element, das früher häufig zur Auswahl stand. Unter den gefundenen Fotos von Google Lens fand ich nur einen etwas ähnlichen Brieföffner aus dem Hause Faber Castell, mit abweichenden Details. Aber Faber Castell-Produkte haben durchweg den Faber Castell-Schriftzug an irgendeiner Stelle. Womöglich waren solche Brieföffner mal ein Abschiedspräsent an emeritierte Professoren der Universität in Tampere und einer von ihnen hatte eine Affäre mit einer Berlinerin und schenkte den Brieföffner als Andenken an sie weiter. Hat ja auch etwas symbolischen Wert, so ein quasi kleines „Schwert“.

Ich werde es wohl nicht mehr herausfinden, aber das war wieder einmal eine Bestätigung, dass man mit diesen übergeholfenen, unausgereiften Zusatz-Klugscheißereien in den Suchergebnissen vor allem Zeit verliert und wenig plausibles Wissen erhält, das man nicht auch anderweitig erlangt hätte. Ist aber auch keine Neuigkeit. Mir wird nur ganz anders, wenn ich mir vorstelle, wie viele denkfaule Leute das erstbeste Ergebnis dieser zum Teil hanebüchenen Behauptungen als das Ergebnis fundierter Recherche fehlinterpretieren. Ich hatte auch schon absurde Debatten mit diesen Tools, wenn ich mal die Muße hatte, zu widersprechen. Ein Schwall von Entschuldigungen, ein einzigartiges devotes Gewinsel und die nächste Falschbehauptung. Hätte ich fast gespeichert, so absurd war es.

Ich sah eine Folge „Voice of Germany“, in der die Coaches ihre Schützlinge in einem schicken weißen Schloß coachten, das man kurz aus der Drohnenperspektive in der Totale sehen konnte und dann die hochherrschaftlichen Innenräume. Ich war neugierig, welches Schloß das ist. IMDB hat keine Info parat gehabt, in der Sendung wurde es nicht erwähnt. Ich war mir sicher, dass es in der Nähe von Berlin oder in Brandenburg sein müsste, weil die Sendung überwiegend in Adlershof produziert wird, jedenfalls in Berlin und Umland. Ich googelte „Voice of Germany 2025 Coachings weißes Schloß Brandenburg.“. Als Ergebnis erhielt ich die Antwort, dass die Sendung im Studio aufgezeichnet wird und nichts von einem Schloss bekannt ist. Ich widersprach, dass ich es ja soeben selbst gesehen hätte, dass in einem WEISSEN Schloß gedreht wurde. Nun lenkte der programmierte Schwachkopf ein und diente mir als Antwort an, es könnte vielleicht doch sein und es würde sich um Schloß Soundso handeln. Ein ockergelbes Gebäude, wie ich feststellte. Ich daraufhin: „Nein, das ist es nicht, das Schloß ist WEISS“. Es folgte die nächste falsche Antwort, aber nie mit der Einschränkung: „dann könnte es vielleicht das und das sein…“ Ich wurde pampig und teilte mit, dass ich es verantwortungslos fände, im Brustton der Überzeugung Dinge zu behaupten, die nicht den Tatsachen entsprechen und dass die Programmierer mal ihre Schularbeiten machen sollten, schönen Gruß. Daraufhin wieder eine endlose Entschuldigungslitanei „Es tut mir so leid, das ist alles so bedauerlich, ich bitte vielmals um Entschuldigung, ja Sie haben Recht, ich werde es meinen Entwicklern mitteilen.“ In mir wurde langsam die Domina wach. Ich forderte forsch: „Machen Sie einen Screenshot von der Sequenz, das Schloß ist in den ersten fünf Minuten der Sendung zu sehen und geben Sie das Foto bei Google Lens ein!“ Antwort: „Es tut mir leid, ich kann keine Screenshots machen. Das ist leider nicht möglich, es tut mir so leid, dass ich Ihnen nicht helfen kann.“ Mir langte es. Ich sah die Sendung live und hatte keine Lust auf joyn zu gehen und die Konserve aufzurufen und das selbst zu machen, was ich dem KI-Trottel andienen wollte. Stattdessen googelte ich nochmal „Schlösser in Brandenburg“, Bildersuche. Es gab einen Artikel über die fünf besuchenswertesten Schlösser in Brandenburg, da war es dabei. Habe es sofort erkannt, Schloß Neuhardenberg. Auch die zur Vermietung stehenden Prunksäle entsprachen den Räumen in der Sendung. Das konnte ich natürlich nicht für mich behalten und drückte es dem KI-Hiwi auf. Er bedankte sich in der üblich unterwürfigen Art und gelobte Besserung, aber ich glaubte ihm kein Wort. Kein einziges. Niemals.

04. November 2025

Heute neues Buch angefangen, „Diese eine Liebe wird nie zu Ende gehen“ von Susanne Matthiessen, Untertitel „Roman einer Sylter Jugend“. Anfang Oktober hatte ich ihr erstes autobiographisches Sylt-Buch gelesen, „Ozelot und Friesennerz“, das von den Siebzigern auf Sylt handelt, wo sie inmitten des elterlichen Pelzgeschäfts aufwuchs, seinerzeit erste Adresse, Hot Spot in Sachen Pelze. Lektüre mit großem Gewinn. Der Nachfolgeroman schließt in den Achtziger Jahren an, von ihr erinnert und verfasst zur Corona-Sperre, was eingangs thematisch einfließt. Unter anderem erwähnt sie einen Kalauer, der im Lockdown die Runde machte. Ging so: Treffen sich zwei Friesen. Sagt der eine: „ich bin froh, wenn hoffentlich bald die Ein-Meter-fünfzig-Abstandsregel wieder aufgehoben wird.“ Sagt der andere: „Dann können wir endlich wieder auf unsere gewohnten vier Meter zurück.“

04. November 2025

Heiligenschein der Kunst. Schrein. Nach zehn Monaten bin ich dazu gekommen, die noch nicht gezeigten Bilder meiner Ausstellung vom Januar hochzuladen. Ich bin selbst wie erschlagen, was ich nur in der langen, großen Galerie im Erdgeschoss veranstaltet habe. Der Abtransport steckt mir bis heute mental in den Knochen. Am Ende bleiben Fotografien und Erinnerungen. Und die weiterhin existierenden Exponate. Das war nur ein Raum bei Sevenstar, aber neben der Kellerbar der größte. Jetzt ist alles online, außer den Filmsequenzen, die es auch gibt.

03. November 2025

»(…) „Diese Carmen Viol, eine interessante Person“, sagte er aus der köstlichen Distanz des losgelösten Wochenendes, während sie durch die Straßen schlendern, wie zwei unternehmungslustige junge Männer durch die Straßen schlendern, mit flatterndem Schal, Hut ins Auge gerückt, Mantel über dem linken Arm, mit der Rechten freizügig gestikulierend und Zigarettenrauch verstreuend. „Eine Frau, die sehr schön gewesen ist und es immer noch sein könnte, wenn sie daran glauben würde, aber sie kann es nicht glauben, sie hat Angst.“ (…) Obwohl er ab und zu die Notwehr gebraucht, Umstände verantwortlich zu machen, sind alle Schichten seines Wesens von dem unausgesprochenen, unausgedachten Wissen durchtränkt, daß Umstände nur Reflex eigener Ausstrahlung sind, die er aus zweiter Hand in Form von Widrigkeiten und Handicaps aller Art zurückerhält.«

Ruth Rehmann, „Illusionen“ S. 22; S. 24, Aviva 2022; Erstausgabe Suhrkamp 1959

01. November 2025

Lese „Die Tapetentür“ von Marlen Haushofer aus dem Jahr 1957. Schonungslose Selbstreflektionen über die Gefühle einer jungen Bibliothekarin, die sich auf eine zweite Ehe mit einem abgeklärten Juristen einlässt, schwanger wird, sich in frühere Zustände zurückträumt, ihre ambivalenten Gefühle notiert. Möglicherweise sehr gewagt für die damalige Zeit. Ich lese eine antiquarische Jubiläumsausgabe von Zsolnay, ebenfalls von 1957.

31. Oktober 2025

Schädelabguss mit original Knochenfragmenten eines ausgestorbenen Menschenaffens, evt. Australopithecus Afarensis (nicht gesichert), Naturkundemuseum in Berlin. Mein Beitrag zu Halloween. Mehr fällt mir da leider nicht ein. Schöner Moment vorhin, Blick aus dem S-Bahnfenster, Bahnsteig Bellevue. Zwei Halbwüchsige am Fahrkartenautomaten. Der eine als Roboter oder Marsmännchen verkleidet, der größere Junge als Gärtner (vermute ich). Ganz putziges Roboterkostüm aus eckigem Karton mit Alufolie beklebt, zwei Armlöcher, eins für den Hals. Der Kopf komplett in einer silbernen Kugel mit Gucklöchern für die Augen und einem Loch für den Mund. Supersüß, komplett ungruselig. Sein Kumpel mit brauner Cordhose und kariertem Hemd und rustikalen Hosenträgern und Strohhut. Ich dachte, das müsste ein Gärtnerkostüm sein. Was anderes fällt mir dazu nicht ein. Wieder der Beweis: Halloween ist inzwischen wie Fasching, nur im Herbst und mit Kürbissen. Mit Grusel habe ich auch nicht so viel am Hut, langweilt mich eher, ich grusle mich schwer. Obwohl ich neulich eine wirklich gruselige Begegnung hatte. Davon erzähle ich ein anderes Mal. Hätte ich am liebsten ganz schnell vergessen.

30. Oktober 2025

Bekam endlich ein Date. Eintrag im Terminkalender: Fr, 21. November. Zehn Uhr dreißig: Rendezvous Dr. Nicolai van der Meer. Kapazität meines Vertrauens (etwas Vorschusslorbeer). Kein Roman – ein neues Kapitel fängt an. Fr. v. Kampen berichtet dann.

29. Oktober 2025

Gestern nicht erzählt, dass mich mein schöner Hausarzt gestern wie ein Schulkind gerügt hat. Wörtlich sagte er zu mir: „Das geht so nicht, wir sind nicht im Kindergarten!“ Ich habe mich wie ganz früher gefühlt, richtig jung. Als wäre meine Erziehung noch nicht abgeschlossen. Hat mir ausnahmsweise (vielleicht nur deswegen) gefallen. Diese väterliche Autorität erlebe ich sonst nie. Als ob es jemandem nicht völlig schnuppe ist, ob ich genug für mein Wohlbefinden tue. Kenne ich sonst gar nicht. Ging um diese Neurologen-Überweisung. Er hat mir im Frühjahr 2024 schon mal eine ausgestellt, daraufhin versuchte ich bei verschiedenen Neurologen in gut erreichbarer Nähe einen Termin zu machen und wurde bereits von automatisierten Telefonansagen abgewehrt, die mitteilten, keine neuen Patienten aufzunehmen. An eine Praxis schickte ich eine Mail mit der Bitte um Terminvereinbarung, die wurde nie beantwortet. Bei Doctolib kam ich auch nicht weiter. Er meinte, das sei sehr unwahrscheinlich, dass ich seit Frühjahr 2024 keinen finden hätte können. Nun hat er mir gestern eine spezielle Nummer gegeben, die angeblich dafür sorgt, dass ein Termin vereinbart wird. Aber die gilt nur dann für Überweisungen zum Facharzt, wenn man im Überweisungsschein im Feld „Auftrag“ einen bestimmten Zahlen-Code eingetragen hat. Da hat mein schöner Arzt leider zwei Wörter geschrieben, anstatt einer Nummer. Morgen will ich mir eine neue Überweisung mit dem Code drin holen, aber ohne Rücksprache bei ihm, nur am Empfangstresen. Habe mal recherchiert, wofür Neurologen überhaupt so zuständig sind. Als ich gelesen habe, dass die auch mit psychiatrischen Krankheitsbildern zu tun haben, kam mir in den Sinn, dass die vielleicht die rasant zunehmenden Burn Out-Patienten bewirtschaften müssen und deswegen Kapazitäts-Engpässe haben. Das ist aber nur eine laienhafte Vermutung.

28. Oktober 2025

Von Kopf bis Schuh. Heute nach Arzttermin. Mein Hausarzt hat mir nochmal eine Überweisung zur Neurologie ausgestellt. Sehr schwierig, eine Praxis in Berlin zu finden, die noch Patienten aufnimmt. Nach Brandenburg wollte ich deswegen auch nicht. Mein Hausarzt ist irritierend attraktiv. Als ich das erste Mal bei ihm war, vor ca. zwei Jahren, als dem Nachfolger meiner vorherigen Hausärztin, war ich erschüttert, dass ich ausgerechnet beim ersten Kontakt in derart schlechter, unattraktiver Verfassung war. Ich war richtig krank und sah fix und fertig aus. Kann mich nicht mehr erinnern, ob das eine Bindehautentzündung oder was anderes war. Jedenfalls dachte ich die ganze Zeit nur: „Meine Güte, der sieht ja aus wie vom Hauptcast aus einem Hollywood-Film“. Wobei mir gerade kein einziger Hollywood-Schauspieler einfällt, der derart gut aussehend wäre. Und dann auch noch witzig. Etwa Ende Dreißig. Vielleicht inzwischen Vierzig. Ich rate nur. Dunkle, lockige, Haare, guter Haarschnitt. Melancholische, dunkle, scharfsinnig blickende Augen mit vielen Lachfalten. Macht schwarzhumorige Bemerkungen, ist schnell, labert nicht rum. Zum Schluss der Sprechstunde sagt er gerne: „Alright.“ So ein kleiner Tick von ihm.

28. Oktober 2025

Nähen ist kein Hobby von mir. Nicht mehr. In meiner Jugend habe ich mir viele Sachen selbst genäht. Weniger aus Sparsamkeit, eher aus einem Bedürfnis nach Extravaganz. Ich erinnere mich dunkel, dass ich einmal einen alten Vorhang aus den Fünfziger Jahren in vielen Ocker-Tönen mit einem typischen Fifties-Muster, zu einer Hose verarbeitet habe. Ich erinnere mich sogar noch an das Gefühl der Oberfläche des Stoffs. Er war leicht glänzend und fein gerippt.

Heute nehme ich nur noch Nadel und Faden in die Hand, um etwas zu reparieren oder zu optimieren. Es gibt immer noch die uralte „Privileg“-Nähmaschine in meinem Haushalt, sie funktioniert noch, in den Achtzigern aus dem guten alten Quelle-Katalog bestellt. Wir Kinder sprachen immer vom „Quelle-Katalog“. „Oh! Der neue Quelle-Katalog ist da!“ Mit Begeisterung wurde er dutzende Male monatelang immer wieder durchgeblättert. Der war aber auch dick. Nur die älteren Leute sprachen immer von „Schickedanz“. Man bestellte bei Schickedanz. So hießen die Gründer des Versandhauses: Grete und Gustav Schickedanz. Nun gehört Quelle zur Otto-Gruppe. Wusste gar nicht, dass es den Quelle-Versand wieder gibt. Woher auch. Seit ich bei meinen Eltern ausgezogen bin, habe ich keinen Quelle-Katalog mehr gesehen.

27. Oktober 2025

Lasse nebenher „Maigret kennt kein Erbarmen“ von 1959 mit Jean Gabin (gerade auf arte) laufen. Ich verfolge die Geschichte gar nicht richtig, liebe aber die Tonspur mit der vertrauten Synchronstimme und der feinen Musikuntermalung. Wie eine Lampe in der Ecke, die sehr warmes Licht spendet, diese alten Filme….

27. Oktober 2025

Mein finnischer Anorak. Vorgestern angehabt. Ich war mal total ausgeschlafen, das sieht man mir richtig an. Leider zu selten. Aber selber schuld. Heute Mittag habe ich meinen Teller nur halb leer gegessen. Es gab „Blutwurst Berliner Art“ mit Sauerkraut und Salzkartoffeln. Das vegetarische Gericht hat mich noch weniger angelacht. Ich finde „Blutwurst“ hört sich nicht sehr appetitanregend an, kann aber hin und wieder auch gut schmecken. Nur einmal habe ich vorher Blutwurst freiwillig gegessen. Das war vor einundzwanzig Jahren an einem Lagerfeuer in Utah. Scheibchen von Blutwurst wurden scharf in einer Pfanne über dem Feuer angebraten, ich probierte und es war sehr delikat, so ähnlich wie angebratene Salamischeibchen. Heute aber gab es keine Blutwurst nach Cowboy- und Indianer-Art, sondern Berliner Art. Vielleicht war der Koch auch nicht routiniert genug, um alles aus der Blutwurst herauszuholen. Ich probierte den breiigen rotbraunen Haufen, hatte sicherheitshalber noch frisch gemahlenen Pfeffer drüber getan. Das war ja gar nicht meins. Der Blutgeschmack ist deutlich hervorgetreten. Ob das so sein soll, weiß ich nicht. Konnte ich nicht essen. Zweimal gekostet. Auch nicht in Kombi mit Kraut oder Kartoffel auf der Gabel. Das Sauerkraut und die Salzkartoffeln alleine waren ok, habe ich aufgegessen. Beim Teller-Zurückbringen war es mir ein Bedürfnis zu erklären, wieso ich heute ausnahmsweise mal nicht aufgegessen habe, wo ich doch sonst so ein artiges Kind bin. Ich habe entschuldigend erklärt, dass ich es wirklich wirklich versucht habe, aber es einfach nicht essen könnte. Es tut mir so leid. „Die Blutwurst schmeckt so nach Blut“. Ähm. Die supernette Dame vom Service, die weiß, wie es mir sonst immer schmeckt, hat nicht pikiert geguckt, sondern als ob sie Verständnis hat. Ich wollte dann noch ein Dessert kaufen, um ein bisschen satter zu werden und einen guten Nachgeschmack zu haben, aber sie hat mitleidig geblickt und wollte kein Geld dafür haben. War Joghurt mit roter Grütze obendrauf. Hat mir gut geschmeckt. Nach dem Essen hab ich erst mal gegoogelt, ob „Blutwurst Berliner Art“ ein klassisches Gericht ist und wie das sonst so aussieht. Auf den Fotos im Internet sah die Blutwurst nicht so breiig aus, mehr krümelig. Und in den Rezepten stand immer, dass man die Wurst vorher in Scheiben schneidet und in der Pfanne anbrät, bevor dann wohl noch Gewürze drankommen. Das hörte sich doch recht schmackhaft an. Die Blutwurst von heute hatte kein einziges Röstaroma drin. Es ist vielleicht doch irgendein Verarbeitungsschritt ausgelassen worden. Warum die Wurst so breiig war, weiß ich nicht. Ob der Koch Wasser reingerührt hat? Jedenfalls bin ich nicht sehr stark motiviert, demnächst ein neues Blutwurst-Experiment einzugehen.

Was mir am Wochenende auch nicht geschmeckt hat, war ein griechischer Joghurt von Edeka, von einer Marke mit griechischem Namen (Greco). Der andere, der mir ganz gut schmeckt (Apostels) war ausverkauft. Eigentlich bevorzuge ich Bulgaria-Joghurt stichfest, den gibt es aber leider nicht überall. Jedenfalls hat der griechische Joghurt in der dunkelblauen Packung im Abgang einen unangenehmen Nachgeschmack nach Kalzium-Pulver oder Stärke. Als hätte man hinterher was eingerührt, nicht delikat. Ich rate ab!

Nachher hab ich unterwegs noch überschaubares Abendprogramm: zu Rossmann, Großpackung Glitzi-Schwämme holen und dann nebenan zu Edeka, Getränke, Obst et cetera. Daheim dann in bequeme Klamotten, Sachen wegräumen, was brutzeln, essen, trinken und faulenzen. Komplett unspektakulär und äußerst erholsam. Die Versace-Borte hab ich schon gestern fertig angenäht. Keine Handarbeiten! Gäbe zwar noch eine Hose, wo ein Stück Naht auszubessern ist, aber darauf hab ich keine Lust. So wichtig ist die Hose nicht. Lieber ausführliches Schonprogramm!

27. Oktober 2025

In der kleinen Pause während der Lesung hatte ich eine angeregte Konversation mit der blonden Lady im Animal Print. Manchmal hat man sofort einen Flow, ohne jede Mühe, als ob man sich bereits kennt. Einfach so. Sie fing die Unterhaltung an, schon vor der Lesung, als ich reinkam, kommentierte sie angetan meinen Anorak mit dem großen grafischen Muster, gefiel ihr ausnehmend gut. In der gar nicht so langen Pause, vielleicht gut zehn Minuten, ging es dann weiter. Sie reichte mir die Flasche mit dem Schaumwein und dann stellten wir fest, dass wir beide in der Nähe wohnen, sie erzählte, wie sie zu der Wohnung gekommen war und dass sie eigentlich den größeren Teil ihres Lebens, wohl vierzig Jahre in Südafrika verbracht hatte, in Kapstadt. Sie plauderte über einige familiäre Einzelheiten (die ich nicht erfragt hatte). Ich war aber auch auskunftsfreudig. Später stellte sich heraus, dass sie eine enge Freundin der Mutter des Inhabers des Antiquariats war. Die Mutter, die auch da war, hatte ähnliche Lachfalten um den Mund wie ihr Sohn, aber sonst wenig Ähnlichkeit. Ich weiß ja nicht, ob er der leibliche Nachkomme ist, aber falls ja, ein schönes Beispiel, was für ein breites Spektrum an Ergebnissen zwei mutmaßlich sehr konträre Genpools hervorbringen können. Ich tippe darauf, dass er äußerlich überwiegend nach dem Vater kommt. Die Lady im Leopardenprint und ich verabschiedeten uns nett, beinah familiär.

Wer der junge Mann links im Foto mit Bart und Brille ist, weiß ich nicht. Er kam als einer der letzten Gäste und verhielt sich sehr merkwürdig. Er kam hinein, es wurde bereits gelesen, er stellte sich an eine freie Stelle, nah der improvisierten Bühne und hörte erkennbar nicht zu, sondern tippte in sein Smartphone oder las, was auf dem kleinen Monitor seines Apparats geboten wurde. Dachte ich so bei mir: der hat ja überhaupt keine Kinderstube, obwohl er insgesamt, zumindest von der Kleidung her, nicht unkultiviert wirkte. Später setzte er sich an die Rückwand auf einen Stuhl, da hatte ich ihn nicht mehr auf meiner Sichtachse (außer bei diesem Foto nach der Lesung), insofern kann ich nicht beurteilen, ob er sich zu irgendeinem Zeitpunkt erkennbar auf die Lesung konzentrierte. Ich konnte auch nicht sehen, dass er mit irgendwem gesprochen hätte. Mysteriös, was ihn dorthin führte. Ich langweile mich auch schnell bei uninteressanten Lesungen, aber hier war das Programm ausgesprochen kurzweilig und inhaltlich und stilistisch sehr verschieden, es gab keine nennenswerten durchzustehenden Längen. Ein Text ging in eine elendiglich uferlose Wiederholung, die aber genau deswegen sehr wirkungsvoll und unterhaltsam war. Ich glaube, es war Clemens Schittko, der uns einen Text präsentierte, der aus gefühlt sämtlichen Schlagzeilen der vergangenen dreißig Jahre bestand, in denen Hitler vorkam. Immer gut für eine Überschrift. Dauerbrenner. Evergreen. Gruseliger Superstar der Weltgeschichte. Niemals mehr auszuradieren. Bizarr unterhaltsam.

25. Oktober 2025

In diesem Sinne. Jetzt müssten nur noch die Heinzelmännchen kommen und die Versace-Stoff-Borten mit ungefähr zweihundert Stichen von Hand annähen. Läuft leider auf Handarbeit hinaus. Habe ich sowas von keine Lust darauf. Aber auf das Ergebnis.

24. Oktober 2025

Hätte statistisch damit gerechnet, dass mir erst 2027 wieder jemand die Tür aufhält – wundersamerweise aber nach dem gestrigen Ereignis heute gleich noch mal, an derselben Stelle, anderer Herr. Alter ca. dreißig, dunkelhaarig. „Glutäugig“ wollte ich jetzt nicht schreiben, das hat so eine erotisierte Anmutung, er hat einfach nur sehr freundlich gelächelt. Auf mutmaßliche Nationalitäten einzugehen, habe ich keine Lust, die menschliche Qualität zählt. Wie derart kleine, nur Sekunden beanspruchende Gesten doch den Tag für einen Moment erhellen. Oder die – ich nenne sie jetzt mal wegen der Anschaulichkeit „Drei Damen vom Grill“, die heute Mittag wie zu einer Begrüßungsparade hinter dem Essensausgabe-Tresen aufgereiht herzerwärmend lächelten und beinah einem Chor gleich ein munteres „Hallo!“ vernehmen ließen. Und sogar mein Lieblingsplatz war frei. Gab Hühnchenbrust mit einer komisch geformten gelblich-grünen Brokkolisorte, Bezeichnung vergessen – edit – gegoogelt: „Romanesco“ (bisschen langweilig) und Pellkartoffeln. Und noch eine sahnige Soße dazu.

Nach dem Essen hab ich einen Geburtstagsgutschein eingelöst. In meinem Schrank gibt es eine eigentlich gut sitzende, schwarze und dazu sehr bequeme Schlaghose neueren Datums, die ich aber streng betrachtet als zu kurz beurteilen muss. Können mindestens sieben Zentimeter mehr dran. Da es aber nichts zum Auslassen gibt, kann ich nur etwas annähen. In dem Gutschein-Geschäft gibt es neben allem erdenklichen Künstlerbedarf auch Nähzubehör und Borten und Stoffe. Hatte es gerade aufgegeben, dort etwas Passendes zu finden, da sah ich in letzter Minute einen schwarzen Stoffballen mit sehr extravaganter Struktur, ähnlich einem Gitter, aufwändig grafisch gewebt. Wie stabile schwarze Spitze aber ohne ornamentale Schnörkel oder Blüten. Konnte ich mir gut vorstellen als Verlängerung, die nicht wie eine nachträglich hin geklöppelte Verlängerung aussieht, sondern beabsichtigte Extravaganz. Hoffe.

Der Gutschein war vierzig Euro, ich gab der Mitarbeiterin die Aufgabe auszurechnen, wieviel Zentimeter ich dafür bekomme. Preis pro Meter war 49 Euro. Sie drückte sich ein bisschen darum, mir die exakt 40 Euro entsprechende Länge auszurechnen und auszumessen. Bzw. schlug ihr der Taschenrechner eben was Glatteres vor, nämlich 80 Zentimeter. Was auf jeden Fall mehr als ausreichend für die Verlängerung ist. Der Stoff liegt wohl 120 oder 130 cm breit. Leider sind jetzt aber immer noch 80 Cent auf der Gutscheinkarte. Ich wollte nicht ihre Nerven strapazieren, indem ich sie nötige, die Länge zu ermitteln, die am Exaktesten den 40 Euro entspricht. Wäre aber am Zuschneide-Tisch auch nicht einfach auszumessen gewesen, habe gerade mal gerechnet. Das wären entweder 81,64 cm zum Preis von 40,0036 € gewesen oder 81,63 cm zum Preis von 39,9987 €. Letzteres wäre schon sehr nah dran, wenn man von den hinteren Stellen kaufmännisch aufrundet. Die 0,0013 € hätte ich dem Laden geschenkt. Bei der ersten Variante hätte mir der Laden 0,0036 € erlassen müssen. Nun ja. Womöglich hätte sie dann an einer Stelle ins Muster schneiden müssen, wo die recht kompakten, kleinen wulstigen, quadratischen Elemente sind, die Ärmste. Verkaufspersonal mit extravaganten Wünschen zu schikanieren, liegt mir komplett fern. Leider finde ich online kein Foto vom Stoff. Erst beim Kaufabschluss erfahren, dass es ein Stoff von Versace ist. Wusste gar nicht, dass die auch Stoffe verkaufen. Aber wie gesagt, nirgendwo irgendwas dazu zu finden, kein offensiv beworbenes Verkaufssegment vom Hause Versace.

Noch was Nettes heute. Ein lieber Kollege, jüngerer Mann in den Dreißigern (glücklich verh., drei kleine Kinder), war Anfang der Woche beim Friseur, es fiel mir gleich auf, gut geschnitten. Er meinte: „Ja. Aber jetzt reichts mal wieder für ein halbes Jahr.“. Ich: „Was? So selten gehst du?“ Er hatte vorher auch keine so viel längere Haarfrisur. Als ich ihn heute sah, kam es mir vor, als wäre er noch mal beim Friseur gewesen, der Schnitt sah dermaßen akkurat und gestriegelt aus. Ich: „Warst Du schon wieder beim Friseur? Sieht irgendwie so aus!“ Er lacht: „Nee, erst in einem halben Jahr wieder!“ Ich: „Oder hast Du Pomade drin? Oder so ein Styling-Zeugs?“. Er: „Jaah… ich hab da so ne Creme…“ Ich: „Aha – aber sieht richtig gut aus!“ Anderer Kollege im Zimmer nebenan (Ende Dreißig, glücklich verh., zwei kleine Kinder), hat durch die offen stehende Tür mitgehört, grient Richtung gegenüber sitzender jüngerer Kollegin (in den Zwanzigern): „Ahaa! Gaga hat am Wochenende noch keine Verabredung!“ zwinker-zwinker, gacker-gacker. Ich rüber zu ihm: „Ich fange nichts mit verheirateten Männern an. Die müssten mir schon G A N Z deutliche Avancen machen!“. Wäre das auch geklärt.

In meinem Alter freut man sich ja über jede Andeutung, die durchblicken lässt, dass man noch nicht „Jenseits von Gut und Böse“ verschubladet ist. Ich jedenfalls. Und Demi Moore wohl auch. Die hat sich gerade anlässlich aktueller, figurbetonter Fotos für das Glamour Magazin sinngemäß dergestalt geäußert. Hier: „Demi Moore wehrt sich gegen die Entsexualisierung älterer Frauen“. Auf Intellekt, Talent und guten Charakter reduziert zu werden, ist jedenfalls auch kein Sechser im Lotto. Dass ich nicht doof in der Birne und mit einigen Talenten und hoffentlich auch Herzensbildung gesegnet bin, weiß ich recht zuverlässig selber, das wird ja auch nicht weniger, mit zunehmendem Alter, eher im Gegenteil. Spricht einem auch kaum einer ab. Aber erotische Relevanz ist nicht so gesichert. Da hat man nicht irgendwann seine Schäfchen im Trockenen und kann darauf vertrauen, dass sich das Vermögen automatisch mehrt, eher im Gegenteil. Ist mir nicht egal.

23. Oktober 2025

Donnerstag, 23. Oktober 2025, 10 Uhr vormittags, Hardenbergstraße, Berlin Charlottenburg. Eingangsbereich eines Gebäudes, in dem sich (neben meiner Zahnarztpraxis im Erdgeschoss) auf mehreren Etagen u. a. auch das Kulturbüro der Botschaft der Arabischen Republik Ägypten in Berlin, Verwaltungen verschiedener Institutionen, sowie Seminarräume befinden. Ich kenne den Zugangscode, der auf einer Tastatur einzugeben ist. Gerne gehe ich durch das Gebäude durch, weil ich glaube, dass es eine Abkürzung zu meinem Ziel in einem anderen Gebäude in der Nähe ist. Als ich mich nähere, sehe ich schon von weitem, direkt vor der Tür mit der Tastatur auf der Treppe verteilt, eine Ansammlung von ca. sechs Männern, alle etwa im Alter um die dreißig und vierzig, manche mit Zigarette, sie unterhalten sich. Konversationssprache ist nicht Deutsch, ich höre aber auch nicht genauer hin. Ich vermute eine Sprache aus dem arabischen Raum.

Ansammlungen von Gruppen, auch mit Frauen, auch mit anderen Konversationssprachen, sind an dieser Stelle im Berliner Stadtbild Alltag, weil der Bereich gerne für Zigarettenpausen während eines Seminars genutzt wird. Die Treppe lässt sich auch als Sitzgelegenheit nutzen, obwohl es jetzt langsam ein bisschen kalt auf den Stufen sein dürfte. Wie immer steuere ich mit festem Blick zur Tastatur direkt auf diese Treppe zu, an meiner Zielgerichtetheit können die jeweiligen Grüppchen identifizieren, dass es sich empfiehlt, mir nun alsbald Platz zu machen, damit ich an die Tastatur rankomme. Ich muss selten darum bitten, nur in ungefähr einem von zehn Fällen bleibt jemand direkt davor stehen und ich muss meinen Wunsch artikulieren, da rankommen zu wollen. In dem Fall sage ich dann meistens „Entschuldigung, darf ich mal bitte…“ (deute zur Tastatur).

Heute war es nun so, dass in dem Moment, wo ich mich annäherte (etwa zwanzig Meter vor der Gruppe), Bewegung in die Männer kam, sozusagen Aufbruchstimmung Richtung ins Gebäude. Verschiedene (zumeist falsche) Zahlenkombinationen wurden laut hin- und hergeworfen, der Mastermind an der Tastatur wusste jedenfalls nicht die richtige. Da mir der gesunde Menschenverstand suggerierte, dass es sich um befugte Personen und nicht um böswillige Einbrecher oder sonstige Kriminelle handelt, da ich dieses Szenario mit vergleichbarer Besetzung aus dem Effeff kenne, nannte ich mit großer Bestimmtheit, die anderen übertönend, die einzig brauchbare Zahlenkombination. Der Herr an der Tastatur parierte, die Tür öffnete sich, Simsalabim. Alles drängte nun gleichzeitig Richtung Eingang. Nur einer der Männer blieb stehen und pfiff die anderen mit der wiederholten Ansage zurück: „Ladies first! (zweites Mal, autoritärer) LADIES FIRST!“ Ich erfreut: „Danke. DANKE!“ Die Männer parierten (ohne Widerworte), ließen mir Vortritt.

Auf der anderen Seite der nun für mich aufgehaltenen Tür, also von innen, kam im selben Moment ein Lieferant mit einer Karre und einem Paket entgegen, wollte das Gebäude verlassen. Der Mann war groß gewachsen, kräftig, rotblond, Vollbart, ca. Ende Zwanzig, Anfang Dreißig, Typ Wikinger. Er drängte gemäß des U-Bahn- und S-Bahn-Credos „Erst aussteigen, dann einsteigen“ in die Tür, um mit der Karre zuerst rauszugehen. Wieder machte sich der Wortführer der Männertruppe bemerkbar: „LADIES FIRST!“ Und setzte nach: „WIR haben Manieren, Alter! Nicht wie Du!“ Ich nochmals: „Danke, danke!“. Selbstverständlich lächelnd. (Aber kurz vorm Grinsen).

Hätte natürlich auch anders ausgehen können und die Herren aus dem Morgenland hätten mir tötende Blicke zuwerfen können, ihre Dolche zücken und mich vergewaltigen können. Schon klar. Wenn ich rekapituliere, wie oft mir in den vergangenen ca. zehn Jahren an der Stelle die Tür aufgehalten wurde und von welcher mutmaßlichen Herkunft die betreffenden Herren waren, muss ich leider die bittere Bilanz ziehen, dass sich mutmaßliche Bio-Deutsche jüngerer Generation nicht sehr mit Tür-Aufhalten alter Schule hervorgetan haben, jedenfalls nicht mehr als anderweitig herkunftsmäßig verwurzelte Kandidaten. Ich hingegen halte ständig Türen auf, genau an der Stelle. Älteren gebrechlichen Menschen, bepackten Leuten, die die Hände nicht so frei haben wie ich. Ungeachtet des Geschlechts und der vermuteten Herkunft. Ich liebe altmodisch gutes Benehmen und Rücksichtnahme. Das wünsche ich mir im Stadtbild. Und gerne darf die Abwesenheit von fehlendem friedlichen und höflichem Umgang geahndet werden. Dann wollen wir aber bitte ganz genau hinsehen, worin der Nachholbedarf in Sachen Rücksichtnahme und Erscheinungsbild im Stadtbild besteht.

Ich wäre da eventuell sogar noch ein bisschen schärfer als Herr Merz, was meine diesbezüglichen Wünsche anbelangt. Beispielsweise finde ich es nicht schön für das Stadtbild, wenn jemand eine rote Plastikfunktionsjacke mit giftgrünen Paspeln anhat. Oder Mittelklasse-Autos, die sich durch eine explizit beliebige Silhouette auszeichnen. Vor allem in aufdringlichem Signalrot. Oder besoffene Biodeutsche, die auf U-Bahnsteigen herumkrakeelen. Ich hätte eigentlich gerne alles, was mir so im Stadtbild lästig ist, weg. Auch schlimme Architektur! Hässliche Stadtmöblierung. Man weiß gar nicht, wo man anfangen soll. Insofern. Die Welt ist halt rund und bunt und alles andere als perfekt. Zumal in Städten. Außer in Kampen natürlich! Halt – nein – nehme ich zurück: die Unmengen Fahnenmasten stören meines Erachtens auch ganz empfindlich das Stadtbild. Die könnten gerne mal dahin zurück, wo sie hergekommen sind. Ansonsten zeige ich mich tolerant, vorausgesetzt, die zusammengerotteten Herren aus aller Herren Länder halten sich an die Kaschmir-Verordnung. Die Anzüge von unserem Kanzler finde ich ganz nebenbei auch nicht optimal für das Stadtbild. Vom Schnitt her unvorteilhaft, sehen immer aus wie zwei Nummern zu groß. Sorry, kein Body Shaming.