15. August 2024

Meine Mutter, das unbekannte Wesen. Häufige Friseurbesuche waren für die zwölfjährige Karin wohl ziemlich selbstverständlich. Alle Bilder ungefähr 1955/56. Nachdem ich in ihrem Tagebuch von 1957 – 1958 geblättert habe, ist mir klar geworden, wieviele Gedanken sie sich um Kleider und Details gemacht hat. Vor nicht sehr langer Zeit fragte ich sie, ob sie einen Berufswunsch hatte, der unerfüllt blieb. Ja, sie wäre am allerliebsten Friseurin geworden. Aber das Schicksal wollte es, dass sie sich familiären Interessen beugte und anfing, sich im familieneigenen Betrieb für Innenausstattung im Büro nützlich zu machen. Bis sie ihren Hans traf und mit zwanzig Mutter wurde. Nur anderthalb Jahre später kam ein zweiter Schreihals, nämlich ich. Obwohl sie nie gesagt hat, dass ich viel herumgeschrien hätte. Eher war sie besorgt, weil ich meine kindlichen Kräfte darauf verwandte, Gläser zu zerbeißen.

14. August 2024

Sommer 1955, „Wilhelma“, Stuttgart. Karin zwölf, mit Ponyfrisur.

Als Kind haben mich die Riesen-Seerosenblätter an das runde Backblech erinnert, das Mama benutzt hat, wenn sie Biskuitboden buk. Für Kuchen mit Erdbeeren aus dem Garten und Schlagsahne.

13. August 2024

Last but not least für heute, ein Karin-Bild aus den mitgenommenen Fotoalben. Die meisten Fotos konnte ich noch erinnern, weil ich als Kind leidenschaftlich gerne in den alten Alben geblättert habe. Aber bei ein paar Fotos hatte ich so gar kein Déjà-vu. Wie bei diesem zum Beispiel. Das Foto ist nicht datiert. Ganz sicher ist, dass es ungefähr Mitte der Fünfziger Jahre entstanden ist. Die herrliche, abstrakte und für damalige Zeiten supermoderne Tapete! Der Weltempfänger, der hochgeschlossene Pullover, der Gummibaum. Ich tippe auf Anfang 57. Da wäre sie dreizehneinhalb gewesen, obwohl ich finde, sie sieht älter aus. Eher wie fünfzehn oder sechzehn. Aber das korrespondiert wieder nicht mit den nachweislichen Bildern aus den späteren Jahren. An ihren Frisuren kann ich es ein bißchen eingrenzen. Wie auch immer, ich bin fasziniert, wie sehr der Charme der Fünfziger in diesem Bild konserviert ist, ich liebe es. Und auch, dass sie so erheitert blickt.

Soeben fällt mir noch auf, dass beim Radio die eine Taste runtergedrückt ist, vielleicht spielte es gerade Schlager-Musik. „Steig in das Traumboot der Liebe“ von Caterina Valente oder „Weißer Holunder“ von Gitta Lind. Die Fotos hat meistens Karins Vater André gemacht. Der die romantischen Bilder gestickt hat.

13. August 2024

Erste Male. Gerade die Endabrechnung vom Bestattungsinstitut im Briefkasten gehabt. Vor einer halben Stunde. Erst mal Blumen gegossen. Gerätselt, wieso der Umschlag so dick und gepolstert ist, als wären nicht nur DIN A-4-Blätter drin.

Im Umschlag eine mit dunkelblauem Samt bezogene Mappe zum Aufklappen. Darauf mit Goldprägung das Logo des Bestattungsinstituts. Wie man es von gehobenen Restaurants kennt, wenn die Rechnung übergeben wird. In der Mappe, die auf jeder Seite ein Fach hat, um etwas einzuschieben, die Endabrechnung und weitere Einzelrechnungen, die in die Endabrechnung eingeflossen sind. Für Überführungen, die organisatorischen Bestatter-Einzelleistungen, den Sarg, die Einbettung etc. die Einäscherung, die Urne, die Blumen, die Musikanlage, div. Gebühren, Sterbeurkunden, Kirchengebühr.

Bei der Abrechnung für die Einäscherung steht auch die Uhrzeit der Einäscherung am 12. Juli 2024. Um 8:09 Uhr. Und seltsamerweise in Hohenburg, in der Oberpfalz. Ist ja nicht gerade um die Ecke, da hat sie nochmal eine richtige Reise unternommen. Ich hatte irgendwo gelesen, dass Verstorbene aus dem Landkreis meiner Mutter angeblich immer im Krematorium Nürnberg eingeäschert werden. Aber vielleicht hatten die keine Kapazitäten mehr, die sind wohl pro Jahr begrenzt. Macht mich neugierig. Und ich hatte mir bereits ganz hingegeben Fotos vom Krematorium Nürnberg angeschaut, das eine ganz hübsche, barocke Architektur hat.

Gleich mal googeln, wie das Krematorium Hohenburg aussieht. Aha – mehr wie ein flacheres, weißes Ferienhaus. Gibt dort auch einen Abschiedsraum und die Gelegenheit für eine Trauerfeier mit anschließendem Leichenschmaus. Das ist ja wirklich noch mal ein Ausflug in eine Ecke mit Urlaubsqualität. Sie ist ja in den letzten Jahren nicht mehr unterwegs gewesen. Kein Marienbad oder Franzensbad mehr, da war sie gerne öfter mal, wie ich ihren Notizbüchern entnahm. Hatte sie mir bestimmt auch erzählt, aber ich hatte es wieder vergessen oder es war auch lange her.

Die Queen hatte ja auch eine bemerkenswerte Reise-Aktivität nach ihrem Tod. War das nicht von Balmoral nach Edinburgh und sogar noch irgendein Flug dazwischen und dann eine ewige Autofahrt mit Anne hinten als Begleitung? Morgen mache ich einen Termin mit der Bank, um die Überweisung vom Nachlasskonto auszuführen. Heute garantiert kein Bestattungscontent mehr, versprochen.

13. August 2024

Hausaufgabe für meine Leser/innen:

fragt bitte Eure Eltern, Ehegatten, Geschwister und sonstige Angehörigen, für die Ihr dereinst bestattungspflichtig werden könntet, welche Informationen auf dem Grabstein graviert werden sollen. Nur der Vorname und der Nachname? Auch das Geburts- und Todesdatum? Oder auch noch zusätzlich der Geburtsname bei verändertem Familiennamen durch Eheschließung? Oder womöglich auch noch der Geburtsort? Und dann vielleicht auch noch der Sterbeort? Die meisten (rückwärtigen) Inschriften begnügen sich heutzutage mit Vorname, Nachname, Geburts- und Sterbedatum.

Ich musste mir auch gerade Gedanken machen. Ich hatte dann beschlossen, bei dem bestehenden Familien-Grabstein auf der Rückseite im selben Stil weiterzumachen, wie die beiden letzten Inschriften darüber waren. Vorname, Nachname, Geburtsdatum, Sterbedatum. ABER: im Nachhinein – noch rechtzeitig – fiel mir ein, dass meine Mama sehr an ihrer Herkunftsfamilie und deren Namen hing, sie sogar bei der Eheschließung am liebsten weiter so geheißen hätte, aber das war damals unüblich, auch gar nicht machbar. Also habe ich den Auftrag um den Zusatz „geb. (… Mädchenname)“ ergänzen lassen. Ein Buchstabe beim Steinmetz (also bei diesem, der nicht der Teuerste ist) kostet 12,50 €. Das ist vermutlich auch ein Grund, wieso heutzutage keine sehr wortreichen Gravuren gemacht werden. Früher hat man ja gerne auch mal den Beruf dazugeschrieben. Bei den ersten beiden Gravuren, ganz oben auf dem Grabstein, der für meine Großmutter väterlicherseits, steht auch noch ihr Geburtsort, der nicht im heutigen Deutschland war, das war den Hinterbliebenen, in dem Fall in erster Linie meinem Großvater, offenbar wichtig. 1975 war die Gravur sicher auch noch günstiger. Aber bei seiner Gravur darunter, fiel schon ein zweiter Ortszusatz weg, dann bei der nächsten Gravur, der für meinen Bruder, ging es kurz und knapp weiter, keine Rede mehr von einem Geburtsort. Ebenso wenig bei der darauffolgenden Gravur für den Sohn meines Bruders, da ist auch nicht ersichtlich, wo er geboren wurde. Das nahm ich dann zum Anlass, die noch fehlenden Gravuren für meinen Vater und für meine Mutter ebenso zu gestalten. Davon ausgehend, dass mein Vater diese Gravuren für seinen Sohn und seinen Enkel beauftragt hat. Wenn er da nun der Meinung war, Geburtsort egal, muss er jetzt auf seiner Wolke akzeptieren, dass ich bei ihm nicht wieder anfangen werde, den Geburtsort en detail einmeißeln zu lassen.

Die Gravuren für die Daten meiner Eltern und das Abheben der Grabplatte und erneut Auflegen, belaufen sich auf 937,13 Euro. 19 % MwSt schon eingerechnet. Davon entfallen nur 125 Euro auf das Anheben und Auflegen der Grabplatte. Die notwendigen Buchstaben hauen rein. Und es sind sehr kleine Buchstaben, die da rückwärtig graviert werden. Punkte und Kommas werden nicht berechnet. Aber Sterne und Kreuze. Das sind mitunter Gewissensfragen, was für einen Toten von Bedeutung sein könnte. Also: fragt mal, in einer launigen Stunde, bei einem Gläschen Wein.

12. August 2024

Die Trauergesellschaft im Café, ich habe mal durchgezählt. Angelika, Alexandra, Claudia, Elvyn, Felix, Gabi, Gaga, Hans, Katharina u. Baby, Lothar, Luise, Lutz, Monika, Namping, Nik, Sabrina, Ulla, Valerian. Wir waren achtzehn. Darunter sechzehn Erwachsene und zwei Babies. Bei der Beisetzung waren es mehr, aber nicht alle konnten oder wollten mitkommen. Ich hatte so kleine Kärtchen vorbereitet, auf denen die Uhrzeit und die Adresse des Cafés stand und hab sie dann noch auf dem Friedhof spontan verteilt. Ich hatte telefonisch bei der Tischreservierung schon mal zwei Sorten Mineralwasser geordert, die auf der langen Tafel bereitstanden, was auch willkommen geheißen wurde. Dann musste ich aber immer wieder auffordern, sich bitte auch noch etwas nach Belieben, egal ob Getränke, Kuchen oder eine sonstige Mahlzeit von der Karte zu bestellen. Einige waren da etwas schüchtern, was ja an sich sympathisch ist. Aber da es keine hundert Leute waren, und man bei so einem Anlass nicht knauserig werden sollte, war mir daran gelegen, dass sich jeder etwas nach Belieben gönnt. Ich wollte mich ja auch nicht vor dem Café blamieren, indem nur preisgünstiges Wasser verzehrt wird. Nach und nach wurden dann doch verschiedene Sachen bestellt. Ich war dann doch recht zufrieden mit meinen Gästen! Ich selber habe mir endlich ein Pils gegönnt und dann noch eins und noch eins. Hunger hatte ich am Nachmittag um drei noch nicht, nach meiner Speisenfolge im ICE.

Es gibt schon noch ein paar mehr Gruppenfotos, aber ich zeige hier nur dieses unscharfe, wegen Diskretion. Nur bei einem noch ziemlich neuen Erdenbürger, meinem kleinen Großneffen Elvyn, möchte ich mir gerne eine Ausnahme erlauben. Ich habe den Sohn von Valerian und Sabrina zum allerersten mal in echt gesehen, vorher nur auf Fotos, und der kleine Großneffe und die große Großtante mussten natürlich „bonden“, wie es heute so modisch heißt. Wir haben uns also beschnuppert und keiner hat sich voll Abscheu abgewandt. Das war auch sehr schön. In meinem vorvorletzten Telefonat mit Karin, am Muttertag war das, hatten wir auch über ihren Urenkel gesprochen, den sie noch einmal sehen konnte. Er ist ja erst im März geboren worden und schon so groß!

Sie meinte zu mir „Man sagt ja immer…wenn die einen kommen, gehen die anderen…“ Da sprach Bewußtsein aus ihr, dass sie wusste, dass ihre Zeit auf Erden in nicht ferner Zukunft abgelaufen ist. Und wie süß sie ihn findet, hat sich auch noch gesagt. Für mich war auch schön zu sehen, wie innig das Verhältnis zwischen Valerian und seinem kleinen Sohn ist, seinem ersten Kind. Ein absolutes Wunschkind. Er geht so souverän mit ihm um, hat soviel Nähe und Körperkontakt, das erinnert mich ganz stark an meinen Bruder, wie er mit seinem erstgeborenen Sohn spielerisch hantierte, permanent zärtliche Nähe suchte und pflegte. So schön.

Nach dem Kaffee gab es noch einen kurzen Aufenthalt im Elternhaus, wo ich bald sichten will, was Mama noch an Familienerinnerungen aufbewahrt hat. Briefe, Fotos und natürlich noch mehr Notizbücher, meine kleine Liebhaberei. Ihr dunkelgrünes Tagebuch aus den Fünfziger Jahren hatte ich sofort in einem Karton erkannt, mit goldenem Schloss ohne Schlüssel (inzwischen geknackt), und auch eine Handvoll Briefe aus den Sechzigern und Siebzigern, die ihre Mutter Alma an sie geschrieben hatte. Ein Vielschreiberin! Von einem Aufenthalt in Oberstdorf im Frühling 1964, schrieb sie täglich einen Brief, fieberte mit ihrer hochschwangeren Tochter Karin mit. Aber davon später. Und ich habe das gestickte Bild von meinem Großvater mit nach Berlin genommen und ein schönes, selbst gezimmertes Holzbild von meinem Vater, sieht aus wie ein Tablett, mit gepressten Blättern von Laubbäumen unter der Lasur. Kein Gold, kein Silber, keine Diamanten, keine Aktien, keine Wertpapiere. Nur Briefpapier, Tinte, Stoff, Pappe und Holz. Gedanken und Gefühle. Für mich unermesslich kostbarer. Bekommt Ihr alles bald zu sehen.

12. August 2024

Die Pfarrerin sprach die alten Worte Asche zu Asche, Erde zu Erde, Staub zu Staub. Dabei kniete sie und nahm auch Erde in die Hand. Und dann einige Blütenblätter. Das Blumenduett für zwei Soprane aus der Delibes-Oper Lakmé erklang. Dann war es an mir, an uns, meiner Mutter Karin einen letzten Blumengruß auf den Weg zu geben. Ich warf ihr einen Kuss hinterher. Ins Blütenmeer.

12. August 2024

Ich lief neben Valerian hinter Mamas Urne hinterher. Die Sonne schien. In der Wettervorhersage war für die Zeit eventueller Regen avisiert, aber der kam nicht. Was angenehm war. Bei der Beisetzung meines Vaters hatte es ununterbrochen geregnet. War auch im Sommer, am 9. Juli 2021. Das machte es noch trauriger.

Während die Urne versenkt wurde, sprach die Pfarrerin Gebete. Ich dachte, da würde das „Blumenduett“ gespielt werden, aber das kam erst ein wenig später, als die Blütenblätter gestreut wurden.

11. August 2024

Ich betrat die Aussegnungshalle, in der vor drei Jahren auch die Trauerfeier für meinen Vater stattgefunden hatte. Er war katholisch, mit einem katholischen Priester. Meine Mama blieb zeitlebens evangelisch. Aber beide haben die gleiche blaue Urne mit dem goldenen Lebensbaum. Ich ließ meinen Blick kurz durch die Reihen schweifen und erblickte eine Frau in meinem Alter, die mir zweimal bei Besuchen bei meiner Mutter begegnet war. Sie saß in einer der hinteren Reihen mit einer tiefschwarzen Sonnenbrille und reagierte nicht auf mich. Ich sprach sie direkt an, „Schön, dass Du auch gekommen bist“. Weder sagte sie hallo, noch kondolierte sie mir. Sie stand auch nicht auf, sondern murmelte nur knapp: „das hab ich ihr ja versprochen.“ Ende der Unterhaltung. Ich nahm sehr stark wahr, wie sie sich sperrte und war leicht perplex. Sie hatte meine Mutter im Zuge des Besuchs der alten Dame kennengelernt, mit der sie freundschaftlich verbunden ist, die das Zimmer mit meiner Mutter teilte. Was praktischerweise zu einem solchen Kontakt mit meiner Mutter führte, dass sie kleine Besorgungen für sie machte, wenn sie ohnehin welche für die andere alte Dame erledigte. Ich war immer freundlich zu ihr, obwohl mir ihre Angewohnheit etwas suspekt war, mit erwachsenen Frauen einer älteren Generation wie mit Kleinkindern zu sprechen. Was diese aber vielleicht genossen. Für mich war meine Mutter bis zur letzten Minute eine als erwachsene Persönlichkeit zu respektierende Frau geblieben, auch wenn sie nicht mehr alles selbst machen konnte.

Ich kehrte um und nahm es hin und suchte mir meinen Platz, der für die nächsten Angehörigen immer in der vordersten Reihe ist. Ich hatte unmittelbar den Impuls, möglichst genau gegenüber der Urne zu sitzen, mittig. Valerian wollte mich zur anderen Seite rüberwinken, wo er mit den anderen der Familie saß, aber ich wollte unbedingt genau da, so nah wie möglich, Auge in Auge mit ihr sein. Meine Tasche stellte ich auf den Stuhl neben mir ab. Das Fach mit den Tempotaschentüchern griffbereit. Brauchte ich auch.

Ich wusste ja, was zumindest musikalisch nun zu erwarten war. Der Auftakt mit Maria Callas. Ah non credea mirarti. Eine Aufnahme aus meinem Geburtsjahr 1965. Schon bei den ersten Takten ging es los. Ich konnte nicht mehr an mich halten. Die Tränen flossen, als wäre eine Schleuse geöffnet. Die Musik war berührend und tröstlich, genau richtig. Ich glaube, dass auch andere es so empfanden. Sie sagten es mir ja später. Die Pfarrerin sprach sehr, sehr einfühlsam. Dann wieder Musik, Harry Belafonte, Try to Remember. Bei den folgenden Worten der Pfarrerin trat zutage, wie tief sie sich mit dem Text des Liedes beschäftigt hatte, sie schlug schöne Bögen zur Biographie meiner Mama, welchen Trost auch das Erinnern an frühere, hellere Tage in einem Leben bedeuten kann, wenn es sich zum Ende neigt. Und sie zitierte hingebungsvoll das von mir gewählte Zitat von Wolfgang Borchert.

„DIE ERDE SINKT ZURÜCK, DIE FESSELN UND DIE SCHMERZEN: ICH BIN AM HIMMEL STERN GEWORDEN UND FÜHL IM ALL DEN SCHLAG VON GOTTES WEITEM HERZEN.“

Esther und Abi Ofarim sangen ihr Schlaflied „hush-a-bye“. Abschiedsworte. Dann Auszug der Urne. Zuerst wird der Urnenkranz abgehoben und nach draußen getragen, dann die Urne selbst. Alle erheben sich, um zu folgen. Auf dem Weg nach draußen die Klänge von Esther und Abis „Morning of My Life“.

11. August 2024

Noch eine halbe Stunde bis zur Trauerfeier. Ich setzte mich auf eine der drei Wartebänke auf den Hof, da wo auch der Aushang ist, welche Trauerfeiern anstehen und wartete auf die ersten Gäste. Von den engsten Angehörigen, also Valerian, seiner Frau, den zugehörigen Eltern und seinem Bruder mit dessen Frau wusste ich sicher, dass sie kommen. Auch von einem langjährig mit meinen Eltern befreundetem Ehepaar und dem Nachbars-Ehepaar und zugehörigen Kindern. Alle übrigen Gäste würden eine kleine Überraschung sein. Mit dem Fahrrad trudelte eine Frau um die Vierzig ein, die sich als die Pfarrerin entpuppte. Mit ihr hatte ich lange gesprochen, auch schriftlich Input zum Lebensweg meiner Mutter gegeben. Sogar Fotos gemailt. Sie war bestens im Bilde.

Eine sehr sympathische, auch gutaussehende Pfarrerin. Hätte Karin glaube ich gefallen. Dann kamen der Nachbar und seine Frau, die beiden waren auch in der vorherigen Trauerfeier und klärten mich, wie schon erwähnt, über den Grund der saloppen Bekleidung der anderen Trauergesellschaft auf. Sie waren aber beide förmlicher gekleidet. Sie hatte eine leichte, cremeweiße, geschlossene Bluse mit längeren Ärmeln und eine schwarze Hose an, er einen dunkleren Anzug. Wir begrüßten uns warm. Nach und nach stellten sich weitere Besucherinnen ein, meistens weiblich und meistens erkannte ich sie nicht. Ich fragte dann höflich, mich entschuldigend, dass ich es leider nicht wüßte. Überwiegend hatten sie Post von mir erhalten. Ich konnte nun einige Namen aus dem Adressbuch meiner Mutter Gesichtern zuordnen. Bei manchen hatte ich ein bißchen déjà-vu. Wenn sie dann den Namen sagten, machte es klick bei mir. Die Jahrzehnte des nicht-mehr-gesehen-Habens haben einfach bei allen gearbeitet. Mich erkannten auch die meisten gar nicht, was sie mir auch sagten.

Also waren wir sozusagen quitt. Ein weiterer Mitarbeiter vom Bestattungsinstitut hatte nun den Blumenschmuck, bis auf das Körbchen mit den Blütenblättern, die am Grab gestreut werden sollten, in die Aussegnungshalle getragen. Die Pfarrerin kam im langen schwarzen Talar mit weißem Kragen auf mich zu und fragte mich, ob wir noch warten sollen. Es fehlten nämlich noch meine nächsten Angehörigen, sprich Valerian mit seiner Frau, seinem kleinen Sohn, den Schwiegereltern und seinem Bruder und dessen Frau. Ich überlegte kurz, sagte dann, dass es schon wichtige Gäste für die Feier sind und sie eigentlich jeden Moment kommen müssten. Und so war es. Kaum hatte ich es ausgesprochen, kamen sie alle auf einmal durch den Eingang auf den Hof. Wir drückten uns alle und es konnte doch recht pünktlich losgehen.

11. August 2024

Während die andere Trauerfeier noch lief und ich Fotos von den wartenden Blumen machte, kam mir ein schwarz gekleideter Mann mit dem eingestickten Logo des Bestattungsinstituts auf seinem schwarzen Polohemd entgegen, ich stellte mich vor und er begrüßte mich aufs Herzlichste und kondolierte. Ich kannte ihn noch nicht, bisher hatte ich mit zwei Mitarbeiterinnen zu tun, die aber nicht vor Ort dabei waren, was mir aber vorher bekannt war.

Ich sagte ihm, dass ich mich sehr über die Blumen freue, und ganz besonders über den schönen Urnenkranz, den ich mir nicht schöner hätte vorstellen können, in blau und weiß mit ein bißchen violett. Ich hätte ihn mir am liebsten auf den Kopf gesetzt, so schön fand ich ihn. Wir plauderten noch ein bißchen, stimmten ein letztes Detail zur Musik am Grab ab (wann genau sie einsetzen soll) und er kümmerte sich dann weiter um die Vorbereitung. Ein Trauergast der anderen Beisetzung, eine Dame, hatte die Aussegnungshalle verlassen, obwohl die Feier noch lief und schaute sich die Blumen an, vor allem den Blumenwagen für Karin. Sie schenkte mir einen mitfühlenden Blick und las die Schleifen. Ich informierte sie, dass das die Blumen für eine andere Beisetzung sind, also die danach.

Es war ihr peinlich, sie machte eine entschuldigende Geste. Mich hatte es gar nicht gestört, dass sie die Blumen so anerkennend begutachtete, im Gegenteil, aber das Lesen der Schleifen fand sie wohl unstatthaft. Mich erheiterte es beinah, dass sie den anderen Wagen, der zu „ihrer“ Toten gehörte, kaum ansah, obwohl große, pompöse Kränze daran hingen. Die Trauerfeier für die Stadträtin war wie geplant, nach zwanzig Minuten zu Ende und die Trauergesellschaft verließ angeführt von dem Urnen- und dem Kranzträger die Halle Richtung Friedhof und Grab. Aha. So läuft das. Ich wunderte mich und war sogar fast etwas pikiert, dass die Damen unter den vorbeiwandernden Trauergästen durchweg luftige, ärmellose, bunte, auch kurze Sommerkleider und offene Sandalen trugen, die Herren keine Anzüge, sondern eher sportive Alltagskleidung, T-Shirt, farbige Hose, Turnschuhe, Sandalen. Ich hatte noch vorher zuhause recherchiert, wie der übliche Dresscode für Trauergäste ist, insbesondere an einem sehr warmen Sommertag, wie wir ihn hatten. Es wurde stets betont, dass Ärmelloses, Ausgeschnittenes, überhaupt alles, was zuviel Haut zeigt, so auch offene Schuhe, die nackte Zehen präsentieren, zu vermeiden sind. Daran hatte ich mich selbst gehalten. Warum diese Gesellschaft diesen üblichen Dresscode komplett ignoriert hatte, klärte sich später auf. Ein Trauergast war bei beiden Beisetzungen und zeigte mir die Traueranzeige für die Stadträtin, in der ausdrücklich stand, dass KEINE Trauerkleidung erwünscht sei. Ich hoffe, dass es das Vermächtnis der Verstorbenen selbst war und keine lockere Mutmaßung eines lockeren Hinterbliebenen.

11. August 2024

Ich spazierte zur Aussegnungshalle und fand im Innenhof glücklicherweise gleich die Besuchertoiletten. Bei „Damen“ war der Wasserhahn kaputt. Ich ging zum Händewaschen zu „Herren“. Ich schaute mich ein wenig um. Gegenüber der Aussegnungshalle steht die evangelische Kirche, in der ich gemeinsam mit meinem Bruder konfirmiert wurde. Schöne, wilde Wiesenblumen überall. Ich setzte mich eine Weile auf eine Bank davor, die immerhin Halbschatten hatte und trank ein bißchen etwas. Die Glocken läuteten. Sie schlugen für die Trauerfeier, die vor der meiner Mutter, um 13 Uhr stattfand. Eine Frau Mitte Sechzig, die auch im Stadtrat war, wurde beigesetzt. Auf ihrem Blumenwagen auf dem Hof der Aussegnungshalle waren mehr Blumengrüße, als auf dem für meine Mama, aber die waren bei weitem nicht so schön. Ich war nicht neidisch. Außerdem hatte ich ja die Blumengestecke selbst bestellt und ausgesucht und war sehr zufrieden mit dem Ergebnis. Es ist ja doch eine kleine Überraschung, weil man am Ende nicht genau weiß, welche Blumen gerade jahreszeitlich verfügbar sind und gesteckt werden, wenn man nicht gerade den immer erhältlichen Klassiker Rosen ordert. Aber ich habe ganz gute Vorgaben gemacht, wie zum Beispiel „wildromantische Blumenwiese“, in abgesprochenen Farben. Sommerlich und leicht. Freundlich. Und dazu bitte cremeweiße Schleifen ohne Fransen.

11. August 2024

Nach gut zehn Minuten Fahrt von Nürnberg war ich am kleinen Bahnhof angelangt. Daheim in Berlin, hatte ich mir zur Sicherheit auf einem DIN A4-Blatt den Fußweg bis zum Friedhof aufgemalt, weil ich so lange nicht mehr dort herumspaziert bin. Aber eigentlich war er ganz einfach, einmal vom Bahnhof abbiegen und immer geradeaus und dann rechts. Ich lief in der heißen Mittagssonne an vielen kleinen Vorgärten vorbei, es gab kaum Schatten. Es war viel näher, als ich gedacht hatte, und meine Gedächtnis reichte noch weit genug zurück, um den Hintereingang vom Friedhof über den kleinen Seitenweg zu erinnern. Dann könnte ich das bereits geöffnete Grab schon einmal sehen, das würde mich später gefasster machen. So geschehen. Die schwere, linke Granitplatte der dreigeteilten, großflächigen Steinabdeckung war abgehoben worden und lag gut einen Meter links vom Grab auf dem Rasen.

Hinten am Grabstein lehnte wie vergessen, die Schaufel, was ich kurios fand. Ich wusste nun, dass die Urne meiner Mama mehr oder weniger im gleichen Bereich wie die meines Vaters ruhen würde, entweder nebeneinander oder übereinander, das konnte ich nicht sehen. Der Bereich, wo ihre Urne versenkt würde, war durch ein Stück Kunstrasen mit einem Loch bei der Vertiefung versehen. Wegen mir hätte es das nicht gebraucht, ich fand es eigentlich kitschig, hatte ich auch nicht bestellt, aber das ist vermutlich der übliche Standard, über den nicht gesprochen wird, wenn man es nicht von sich aus thematisiert. Auf die Idee wäre ich gar nicht gekommen. Aber auch nicht so wichtig. Ich lief weiter, in Richtung der Aussegnungshalle. Ich hatte noch mehr als eine Stunde Zeit.

10. August 2024

Am Fenster vom ICE 1105. Berlin – Halle – Erfurt – Nürnberg. Berlin – Brandenburg – Sachsen-Anhalt – Thüringen – Bayern. Ich war innerlich sehr angespannt. Die Tram fuhr schon mal pünktlich zum Hauptbahnhof, der ICE fuhr auch pünktlich los. Er war schon da, als ich zum Bahnsteig kam. Ich wanderte durch die zweite Klasse zum Speisewagen, der fast leer war, bis auf ein paar geschäftig schnatternde Businessfrauen vor ihren Notebooks. Meine Anspannung war nicht nur dem bevorstehenden Abschied geschuldet, sondern auch der Unsicherheit, ob ich zeitig ankomme.

Deswegen hatte ich bei der Zugverbindung schon einen Puffer von gut anderthalb Stunden eingeplant. Um 8:13 fuhr der ICE los, um 12 Uhr sollte er ankommen. Alles lief gemäß Fahrplan. Im Bordbistro bestellte ich mir für meine Verhältnisse ungewöhnlich viel, in recht kurzen Abständen und zu Uhrzeiten, wo ich sonst noch nichts esse, um nicht bei der Beisetzung hungrig zu werden. Meine erste Bestellung war eine kleine Flasche Tonic. Kaffee hatte ich gerade noch zuhause reichlich getrunken. Dann orderte ich das Käseomelett. Des weiteren eine Flasche Coke Zero. Kaum war ich mit dem Omelett fertig, das recht klein war und sehr gut geschmeckt hatte, blätterte ich schon wieder in der Speisekarte, um zeitig eine frühe Mittagsmahlzeit zu bestellen. Ich schwankte zwischen Gemüse-Curry mit Basmatireis und dem Linseneintopf und wählte dann das Curry. Während ich noch an der Cola trank, überlegte ich, ob ich mir – weil sowieso schon in jeder Hinsicht Ausnahmezustand war – zur Mittagsmahlzeit um 11 schon ein Pils dazu bestelle. Aber darauf hatte ich dann nach dem vielen Cola gar keine Lust. Schade eigentlich, aber vielleicht besser so.

Die Business-Damen gingen mir mit ihren lautstarken Gesprächen reichlich auf den Keks, vor allem weil sie bis auf eine Italienerin einen mir ganz unsympathischen Tonfall an den Tag legten. So einen leicht abgehackten, zickigen Duktus, mit nicht einmal unterschwelligem Befehlston. Ein Gespräch drehte sich um Gehaltsgruppen, es wurde offenkundig, dass man sich hier in höheren Gehaltsgruppen bewegte. Meine Vorurteile bezüglich Personen in sogenannten Führungspositionen wurden kräftig untermauert. Sehr unentspannt und wichtigtuerisch, die vier Grazien. Much Ado About Nothing. Altersmäßig Ende Dreißig, Anfang Vierzig. Eine dreiviertel Stunde vor Ankunft wurde es mir zu bunt, die eine telefonierte in einer Lautstärke mit einem Kunden, als hätte sie dem gesamten Abteil einen Vortrag zu halten. Ich bat sie darum, leiser zu sprechen, wenn sie schon meinte, hier das Zugabteil zu ihrem Home Office machen zu müssen. Was an sich schon sehr unhöflich sei. Ich war ja gut drei Stunden komplett ruhig gewesen, abgesehen von meinen nicht wortreichen Bestellungen beim DB-Servicemitarbeiter. Ich las ein wenig in meinem Buch, machte eine Handvoll Fotos aus dem Fenster, aber guckte hauptsächlich sinnierend auf die vorbeifliegende Landschaft, ohne einen Mucks von mir zu geben. Die eine war direkt in meiner Blickrichtung und schaute manchmal so leicht neugierig. Sie hatte eine besonders unangenehme Stimme. Knödelig-gequetscht und ungeduldig tönten die Laute aus der Führungskraftschnute. Als ich meine Ansage gemacht hatte, klappten vier Kinnladen runter.

Die dachten wohl bislang, ich sei taubstumm. Die extra laut telefonierende, die mit der Knödelstimme, stand impulsiv mit ihrem Telefon auf, kam an mir vorbei, beugte sich kurz runter und zischte mir irgendetwas Unverständliches ins Ohr (evt. eine Boshaftigkeit?) und verließ das Abteil, ich glaube Richtung Klo, wo sie im WC so laut weiter telefonierte, dass es bis nach draußen auf den Flur drang. Ich war satt, vom Essen und von dieser unerquicklichen Gesellschaft, bezahlte und machte mich auf den Weg in ein anderes Abteil. Die Damen in gehobenen Positionen hatten sich jeweils ein einziges Getränk bestellt, wodurch sie ihren Aufenthalt im Speisewagen legitimierten. Ich schämte mich regelrecht für sie. Bis zur Ankunft in Nürnberg setze ich mich noch für eine Weile in die zweite Klasse, auf einen letzten Platz von vier. Links von mir eine sehr alte Dame, die mit seitlich geneigtem Kopf schlief. Ich dachte an meine Mutter. Gegenüber von mir eine junge Frau, vielleicht fünfundzwanzig, die mich freundlich anlächelte, ihren Rucksack justierte, um mir mehr Platz zu machen. Ich lächelte zurück und winkte ab, nicht nötig. Neben ihr ein weiterer Fahrgast, der sich nicht wichtig machte. Lauter angenehme Menschen.

Bei der Ankunft in Nürnberg um zwölf empfing mich der gleiche Hochsommertag wie in Berlin. Bis zur Weiterfahrt mit der S-Bahn in den Vorort von Nürnberg, wo der Friedhof ist, hatte ich noch gut zwanzig Minuten. Ich holte mir als Proviant eine Flasche Tonic im Bahnhofs-Rewe. Die S-Bahn mit Fahrtrichtung Ansbach kam pünktlich. Ich musste aufs Klo und hatte auf die Schnelle im Bahnhof keines gefunden. Erfreut sah ich, dass die S-Bahn in Nürnberg eine Toilette hat. Früher fuhr auf der Strecke, die auch mein Schulweg war, eine Regionalbahn, die hatte natürlich auch ein WC. Da habe ich mal einen aufklappbaren Aschenbecher abgeschraubt, weil er mir so gut gefiel und dann wohl in meinem Zimmer irgendwo angeschraubt. War natürlich geklaut. In der S-Bahn gibt es keine Aschenbecher. Macht nichts, ich rauche nicht.

10. August 2024

Im ICE 1105 nach Nürnberg. Kurzer Halt Erfurt. Ich staune über den Schriftzug WILLY BRANDT ANS FENSTER. Ich lese später, dass das Gebäude ein Hotel war, der „Erfurter Hof“. Willy Brandt besuchte im März 1970 Erfurt und logierte dort. Er hatte viele Fans unter den DDR-Bürgern, die ihn in echt sehen wollten und die sammelten sich vor dem Hotel und riefen begeistert nach oben „Willy Brandt ans Fenster!“. Das gab eine Menge Aufruhr und die Ordnungshüter der DDR mussten einschreiten. Willy Brandt, der Zeit seines Lebens vom Mauerfall träumte, war der Superstar.

10. August 2024

Los ging meine Reise zu Mamas letzter Reise um Viertel vor acht am Rosenthaler Platz. Ich wartete in der Sonne auf die Tram M8. Sie braucht nur zehn Minuten zum Hauptbahnhof am Europaplatz.

09. August 2024

Ich fange mal von hinten an. Danach waren wir beim Elternhaus, wo die Weinreben übers Garagendach zur Terrasse wachsen. Da hatte ich den schweren Gang hinter mir. Morgen schreib ich mehr.

06. August 2024

Eine neues Kapitel in meinem fortgesetzten Fotoroman. Heute: von Amts wegen. Einblicke in meine heimische Amtsstube. Den abgebildeten Ordner mit feinsäuberlich alphabetisch beschriftetem Register gab es bis gestern noch nicht. Zuerst hatte ich die wichtigen Dokumente, die teilweise unbedingt im Original aus Büttenpapier mit Notar-Siegel und Kordel vorzulegen sind, in einer losen Pappmappe mit mir geführt.

Obwohl keine Notwendigkeit besteht, jegliche Kündigung und deren Bestätigung auszudrucken, beruhigt mich das. Es gibt dann dadurch nämlich bereits jetzt Registerabteilungen, die ich mit einem kleinen Erfolgserlebnis überblättere, weil sie (voraussichtlich – hope so…!) als abgeschlossen gelten dürfen, wie das Register zur Hansemerkur-Zahn-Zusatzversicherung. Ich fühle mich dadurch auch angenehm tatkräftig, was ein besseres Gefühl ist, als ohnmächtig und leicht verwirrt, weil ohne Ein- und Durchblick in den Bürokratiekram.

Ein Register ist noch komplett leer, nämlich „Steinmetz“. Außerdem fehlen im Register „Sterbeurkunden (…)“ noch die Sterbeurkunde meines Vaters (von der ich wohl nie ein Exemplar hatte – oder habe ich es damals angegruselt extra weit hinten in ein Regal geschoben?) und die Eheschließungsurkunde, aber die musste ich beide bislang nicht vorlegen. Bisher reichte immer die Sterbeurkunde meiner Mutter und die Vorsorgevollmachten beider Elternteile.

Was bin ich dankbar und froh, dass sie die beim Notar beurkunden ließen, formvollendet, mit Wirkung über den Tod hinaus. Warme Empfehlung für Alle in Richtung ihrer Eltern: Vorsorgevollmachten ausfertigen lassen, notariell beglaubigte. Vor ein paar Tagen hatte ich mich doch mal auf die Suche nach einer eventuell bei mir vorhandenen Sterbeurkunde meines Vaters gemacht, aber nur noch nicht abgelegten Bürokratieschriftwechsel von mir selbst gefunden. Auch da mal wieder Ablage gemacht.

Ich habe meine eigenen amtlichen Angelegenheiten betreffend, nur einen einzigen superdicken Ordner, schwarzbraun mit goldenem Schriftzug „Harley Davidson“. Ich brauchte mal so einen Ordner und den fand ich schick. Also da sind meine eigenen Sachen wie Mietverträge und Stromverträge und Krankenversicherungszeug und Bankkonten etc. abgeheftet. Steht in meinem Schlafzimmer oben auf dem einen Kleiderschrank mit dem Spiegel, wo auch die vielen Bücher stehen, ganz links. Eigentlich ist der Ordner so dick, dass man drei draus machen könnte, aber darauf habe ich keine Lust. Bei Bürokratie habe ich es gern griffig und überschaubar.

Das Register mit zwanzig Abteilungen für den Nachlass meiner Mama ist im übrigen das „kleine Besteck“. Wenn das Elternhaus noch nicht an Valerian überlassen worden wäre, kämen da wohl nochmal so viele Abteilungen dazu – und der Nachlass von meinem Vater ist da eigentlich auch nicht mit drin, auch wenn ich es so beschriftet habe, damit war ich vor drei Jahren nur insofern konfrontiert, als mir durch den Notar die Endergebnisse mitgeteilt wurden. Und da ist auch das gemeinsame Testament meiner Eltern in Kopie dabei.

Sie hatten das vielzitierte und gern praktizierte „Berliner Testament“, wo der erstversterbende Ehepartner dem hinterbliebenen Ehepartner alles vermacht, unabhängig davon, ob Kinder oder „Abkömmlinge“ existieren. Wenn dann der andere Ehepartner stirbt, erben die Kinder bzw. Abkömmlinge zu entsprechenden Anteilen. Sofern es etwas zu erben gibt.

Die erwähnte Vorsorgevollmacht über den Tod hinaus ist auch deswegen so wertvoll, weil man sich vor Testamentseröffnung einen Überblick verschaffen kann, was in etwa vorhanden ist, falls man sich da nicht ständig auf dem Laufenden halten konnte oder wollte, als die Verstorbenen noch lebten. Wenn man erst einen sogenannten Erbschein beantragen muss, um Einblick in Konten zu bekommen, hat man das Erbe bereits angenommen – und im Zweifel die Erblast von Schulden. Also Vorsicht vor dem voreiligen Beantragen eines Erbscheins.

Für mich ist der bürokratische Akt jetzt für ein paar Tage im Ruhemodus. Ich konzentriere mich heute nur noch aufs mentale Kräftesammeln für morgen, wenn der letzte Weg ansteht. Um vierzehn Uhr beginnt die Trauerfeier. Meine Zugverbindung hat einen guten Puffer einkalkuliert, falls der ICE irgendwo eine Verzögerung haben sollte. Und ich habe sicherheitshalber die Musik noch mal auf zwei USB-Sticks gezogen, falls irgendwer irgendwas vergessen haben sollte. Die Musik-Dateien habe ich schon vor längerer Zeit per Mail an die Bestatterin und die Pfarrerin übermittelt.

Und dann will ich noch anprobieren, was ich morgen anziehe. Ich hab eigentlich schon eine recht klare Idee vor Augen. Morgen, am 7. August, ist es genau elf Jahre her, dass mein Neffe beigesetzt wurde. Damals trug ich ein aufwändig mit Ornamenten besticktes, schwarz-weißes, indisches Oberteil. Meine Mama sah sich damals nicht in der Verfassung mit zur Beisetzung zu kommen, aber wir besuchten sie davor und danach und sie wurde nicht müde, mein Oberteil zu bewundern, immer wieder sagte sie, wie sehr es ihr gefiele, sie kriegte sich gar nicht ein deswegen. Ich hatte ihr noch dazu erklärt, dass in Indien die Trauerfarbe Weiß ist. Sie fand das aber gar nicht erklärungsbedürftig und bei der Trauerfeier für meinen Vater habe ich dann ohnehin mitbekommen, dass sie kein Fan von komplett schwarzer Kleidung bei Trauerfeiern ist. Sie trug damals schwarz und rosa. Ich auch. Und mein Vater im Sarg übrigens auch, aber er war da schon eingeäschert.

Obwohl ich keine besondere Beziehung zu Indien habe (vom Gefallen an Kunsthandwerklichem abgesehen), fand ich es damals schön, angemessen und passend. Das würde ihr also ganz sicher gefallen, wenn ich es morgen auch anziehe, ihr zur Freude und zu Ehren. Da oben, wenn sie auf ihr Edel-Hippie-Küken runterguckt.

04. August 2024

Notizen Karin. 1976, 1999, 2006, 2014, 2015, 2021, 2023. All die Jahre dazwischen sind vielleicht noch in Kartons auf einem Dachboden oder Keller (hoffe ich..) – oder entsorgt, weil der Wert (den sie nur für mich haben) nicht offensichtlich schien. Taschenkalender, Gratis-Zugaben, Werbegeschenke. Keine edlen Büchlein aus einer Papeterie.

Ich habe sie gestern aber in sehr edles Papier gebunden und beschriftet. Auf den ersten Blick banale, triviale Alltags-Notizen. Beim genaueren Hinsehen existentielle Dinge. In früheren Jahren waren es für sie auch kleine Haushaltsbücher, wo sie ihre Einkäufe und Ausgaben notierte. Damit hat sie in späteren Jahren aufgehört.

Dazwischen auf einmal eine private Notiz „Theater mit Hans“. Und was er gesagt hatte. Da ging es nicht um ein gemeinsam besuchtes Theaterstück, sondern einen Streit, der sie so beschäftigt hatte, dass sie es festhielt. Was mich auch berührt, dass sie im September 1999 – ich glaube am 7. notierte: „1987 Urne Andi gekommen“ Die Urne ihres Sohnes, meines Bruders, die überführt werden musste, da sein Autofunfall in der damaligen DDR passierte. Das Datum muss sich ihr so eingebrannt haben, dass sie es zwölf Jahre später einfach abrufen konnte und eintrug. Und darunter „Wäsche gew.“ und „nachmittags schön geregnet.“

An anderer Stelle Kleinigkeiten wie „nachmittags herrliches warmes Wetter. Belians mit Rädern gekommen. Tranken außen Kaffee. Terrasse.“ Dann wieder eine Todesnotiz: „Tante Marie früh gestorben ca. 4.15 Krankenhaus.“ (Tante Marie… kannte ich sie?)

Und der Tod meines Vaters 2021, in ein neues kleines Notizheft, ließ sie den möglicherweise ersten Eintrag in dem ganzen Jahr machen. „Juni 2021. 7.6. Hans gestorben Nbg. Nordklinikum 6:30 Alles sehr schlimm! (…)“ Im Anschluss an seinen Tod schrieb sie fortlaufend in das Heft, was im Zuge der Beisetzung geschah, auch wer da war oder verhindert war, wer Blumen geschickt hatte. Das half mir gestern beim Lesen noch einmal dabei, noch zwei weiteren Adressaten Trauerpost zu senden, die ich bisher gar nicht als nennenswerte Kontakte präsent hatte. Sie vermerkte auch immer exakt die Uhrzeiten, wann ich ankam oder wann wir telefonierten.

Ende 2022 erhielt sie als Weihnachtsgeschenk vom eng befreundeten Nachbarn einen neuen, großformatigen Notiz-Kalender für 2023. Darin hat sie nur ganze zwei Notizen gemacht. Ihre vielleicht letzte in einem Kalender, 9. Februar 2023, dass sie eine Unterschrift zur „Überlassung des Grundstücks“ an ihren Enkel gemacht hatte. Vier Monate später hatten wir deswegen einen Termin beim Notar. Da konnte sie nicht selbst dabei sein. Ich musste dem auch zustimmen und reiste deswegen an, und wir besuchten sie danach, in ihrem letzten Zimmer. Ich hatte extra darum gebeten, den Termin auf ihren Geburtstag zu legen, was auch geklappt hatte.

Als ich die Büchlein gestern in feines Papier band, überkam mich Bedauern, dass ich ihr nie schöne Notizbücher geschenkt habe. Vielleicht dachte ich, das hätte sie ohnehin schon alles doppelt und dreifach und sie kann ja immer nur in eines schreiben. Oder mir war auch gar nicht bewusst, dass sie das immer noch pflegte. Ich hoffe, sie kriegt jetzt irgendwie mit, wie sehr ich ihre Notizen in Ehren halte.

Bei der Beisetzung meines Vaters vor drei Jahren, wir saßen in ihrer Küche, damals war sie noch in meinem Elternhaus, holte ich aus dem Fach in der Eckbank auch einen Notizkalender aus den Siebzigern, wo sie mir erlaubt hatte, auch einmal etwas hineinzuschreiben. Ich las es ihr vor. Sie lächelte. Und ich fragte sie auch, ob sie noch mehr solcher Kalender hat, weil es mich so sehr interessiert. Sie antwortete wahrscheinlich „ja, ja – bestimmt irgendwo.“ Für sie war das so eine alltägliche, beiläufige Sache wie Kaffeetrinken, nichts was sie als ein „Hobby“ oder dergleichen bezeichnet hätte.

Aber für mich ist das jetzt wertvoller, als wenn in dem Karton eine goldene Halskette gewesen wäre. Viel, viel wertvoller. Diese knappen Notizen lösen einen Flashback nach dem anderen aus. Dinge, Namen, Orte, die ich längst vergessen hatte. Kindheitsbilder kommen hoch. Danke Mama für Deine kleinen Notizen, in denen Du mir so unendlich nah und gegenwärtig bist. Und immer bleibst.

03. August 2024

Zebragras. Hochsommer. So starkes Sonnenlicht, dass der Schatten vom Zebragras auf der Rückseite des gar nicht transparenten Rollos erscheint. Die Polster auf den Balkon gelegt, aber doch zu heiß für ein Sonnenbad. Angenehmer im Schatten.

Ein Samstag ohne Vorsätze. Essen ist im Kühlschrank, Getränke auch. Vielleicht lese ich ein bißchen im Notizkalender von 1976 von Mama. Vorgestern ging mir plötzlich ein Restaurant durch den Kopf, wo wir, meine Eltern und mein Bruder, als ich Kind war, manchmal Schaschlik aßen. Es war ein Grillrestaurant in einem modernen Flachbau und relativ edel, mit ganz geradlinigem Siebziger-Jahre-Interieur. So schwarz-beige-orange. Keine Ahnung, wo das genau war. Man fuhr eine Weile mit dem Auto und mein Vater kannte die Inhaberin des Restaurants, weil er entweder dort auch mal Auftritte hatte oder nach irgendwelchen Gigs dort mit seinen Musikerkollegen aß. Er wurde immer sehr familiär mit Handschlag, wie ein guter alter Bekannter begrüßt. Und dann gab es Schaschlik für alle. Es galt als das beste weit und breit. Ich habe es von da an geliebt, das war genau mein Geschmack. Ein bißchen scharf, mit den gerösteten Zwiebelringen. Es war immer etwas Besonderes, wenn wir dorthin fuhren. Mir gefiel, wie modern das Restaurant ausschaute, auch weil es sonst in der ganzen Region nur eher rustikale Gastwirtschaften gab, die wahrscheinlich seit den Fünfziger Jahren unveränderte Inneneinrichtung im einheitlichen Wirtshaus-Stil hatten. Vielleicht gibt es in dem Taschenkalender von 1976 irgendwo einen Eintrag, wo sie einen Besuch in dem Lokal erwähnt. In ihrem typischen Telegramm-Stil, der in Stichworten festhielt, was sie zum Abendessen gekocht hat oder wer zu Besuch kam, oder wo sie auswärts unterwegs war.

02. August 2024

Gucke jetzt Nachtcafé im SWR. Thema „Liebe“. Erholung nach Bürokratie-Marathon. Zusatzversicherungen, Daueraufträge, Einzugsermächtigungen gekündigt. Habe alle Unterlagen inclusive Sterbeurkunde und Vorsorgevollmachten bis Montag im Büro gelassen. Aktenfreies Wochenende. Habe soweit alles erledigt, jetzt sind die empfangenden Behörden meiner Post am Zug. Noch fünf Mal schlafen bis zur Beisetzung. Aber jetzt Nachtcafé gucken.

01. August 2024

Kleine Freuden meiner Beschäftigung mit Bestattung und Nachlass: nie vorher vernommene Wörter aus dem Erbrecht kennenlernen:

„URKUNDENUNTERDRÜCKUNG“ u. „KRAFTLOSERKLÄRUNG“.

UND: Pflegekräfte im Pflegeheim dürfen nicht von Heimbewohnern erben. Interessant.

01. August 2024

Gibt viel zu verarbeiten. Puh. Ich meine vor allem auch Bürokratie post mortem. „Gast“ bei einer Beisetzung, auch von ganz nahen Angehörigen zu sein, ist etwas völlig anderes, als für jegliches erste Adresse, Ansprechpartnerin zu sein – und auch ab- und zuliefern zu müssen. Respekt und Verneigung vor allen, die das schon mal im Alleingang gewuppt haben.

Was mich angeht, sind da keinerlei zeitliche oder psychische Kapazitäten mehr für andere Freizeitinteressen übrig. Ich laufe innerlich dauernd auf Hochtouren, habe das Gefühl, ich verbrenne viel mehr Energie als sonst. Wie in einer Art Prüfungssituation.

Es gibt Studien, dass die hohe Konzentration und Anspannung während einer Prüfung zu nachweislich höherem Kalorienverbrauch führt. Wenn im wahrsten Sinne des Wortes der Kopf raucht. Ich versuche das runterzukühlen, indem ich sonstige soziale Kontakte, die nicht unmittelbar mit der Beisetzung in Verbindung stehen, eine Weile auf Eis lege. Nur von ganz seltenen Chats unterbrochen, keineswegs täglichen.

Aber ich bin auch ein Typ, der das, was ansteht, gerne mit voller Konzentration durchzieht, um es hinter sich zu bringen. Damit es schneller erledigt und vorbei ist. Daher hat jetzt alles an praktischer Organisation für mich Vorrang, nicht etwa erst mal trauern, entschleunigen, Trauerarbeit machen, sich Zeit dafür geben. „Me-Time“ oder ähnlichen Emo-Luxus. Nö. Nicht bei mir.

Das Emotionale läuft nebenher, aber auch nicht erst seit dem Tod meiner Mama, sondern seit Jahren, um nicht zu sagen: Jahrzehnten. Der (innere) Dialog findet jetzt auf einer etwas anderen Ebene statt. Aber nicht mal so sehr unterschiedlich. Es hat mir nicht den Boden unter den Füßen weggezogen. Viel mehr schmerzte mich, als ich vor Jahren realisieren musste, dass es nicht nur physisch, sondern auch psychisch nicht mehr bergauf ging. Der Tod war nur die logisch folgende, nächste und letzte Stufe, nach der es nicht weiter bergab gehen konnte. Um aus meinem emotionalen Nähkästchen zu plaudern.

Ich bin jetzt daheim, hatte von 16 Uhr an, ein zweistündiges Gespräch bei der Postbank, wo sie ihr Konto hatte, zur Kontenklärung und Übermittlung der Sterbeurkunde und Vorlegen der Vorsorgevollmacht usw. usf. Das zieht jetzt wieder weitere Aktivitäten durch mich nach sich, wie Daueraufträge zu eruieren und zu kündigen. Eine bislang nicht bekannte Krankenzusatzversicherung (wofür?) bei einer anderen Krankenkasse, als der mir bislang einzig bekannten. Regelmäßige Spendenabbuchungen für eine humanitäre Organisation. Dies und das.

Aber glücklicherweise auf einen ganz mitfühlenden und kompetenten Postbankmitarbeiter getroffen, der jetzt fester Ansprechpartner für das Nachlassverfahren ist. Ihm werden dann an Ende die gesamten Abrechnungen der Bestattungskosten vorgelegt usw. usf., um die Bezahlung der Bestattung als einzig zulässige Kontobewegung zu ermöglichen. Aufgelöst kann das Konto erst nach dem abgeschlossenen Nachlassverfahren, nach der Testamentseröffnung werden. Da gehen in der Regel Monate ins Land.

War alles konstruktiv. Ein relativ junger Mitarbeiter, also Ende Dreißig, Anfang Vierzig, schätzungsweise, der aber seit vielen Jahren mindestens einmal die Woche mit so einem Verfahren zu tun hat, und auch in der eigenen Familie Erfahrungen gesammelt hat. Genug Berichterstattung hierzu für heute. Auch die ist nicht unanstrengend, aber sinnvoll. Ich ordne damit noch einmal innerlich die Dinge zusätzlich für mich. Ich mag Ordnung und klare Strukturen. Das gibt mir ein wenig Halt. Oder sogar viel. Ja, – viel.

31. Juli 2024

Memory Box Mama. Gestern noch einmal in ihr Adressbuch vertieft. Bei Namen und Adressen, die nicht durchgekreuzt waren, und auch nicht das „gestorben“-Kreuz-Symbol hatten und kein Sterbedatum, habe ich versucht, über online Telefonbücher und googeln herauszufinden, ob diejenigen noch leben könnten.

Wie alt die einzelnen Adresseinträge sind, ist schwer zu sagen. Wenn es bereits eine fünfstellige Postleitzahl gab, immerhin aus diesem Jahrhundert, habe ich Hoffnung, dass es ankommt. Und sie hat bis zuletzt aktualisiert, wie ich ja auch an Sterbedaten der letzten fünf Jahre sehen kann. Ich freue mich über jeden Adresseintrag ohne Sterbedatum.

Schlimmstenfalls kommt es zurück – aber ich hoffe, dass es auch beständige Einträge gibt. Wer will denn im hohen Alter noch zig mal umziehen, ohne Not. Bis jetzt ist nur eine Post zurückgekommen, heute habe ich noch mal vier verschickt und morgen noch mal zwei. Die beschrifte ich gleich. Gehen an zwei Adressen, die so weit weg vom Ort der Beisetzung sind, dass es auch keine Überrumpelung ist, wenn sie es eine knappe Woche davor erfahren, weil es höchst unwahrscheinlich ist, dass sie eine größere Reise deswegen auf sich nehmen.

Wenn ich schon gar nicht weiß, um wen es sich bei manchen Einträgen handelt, können es auch keine engeren Kontakte der letzten Jahre gewesen sein. Sie hat ja nur noch wenige neue private Begegnungen gehabt. Und die nennenswerten sind mir bekannt, die sind alle längst unterrichtet.

Vorgestern hatte ich sogar eine Antwort-Mail von einem Herrn aus dem Adressbuch, dem Sohn von einem verstorbenen Ehepaar, das viele Jahrzehnte eng mit meinen Eltern befreundet war. Besonders seine Mutter mochte ich sehr gerne. Er machte eine mich überraschende Bemerkung in seiner Kondolenz-Mail. Sein Vater hat mit meinem Vater jahrzehntelang bei vielen Auftritten gemeinsam musiziert.

Er schrieb: „Meine Eltern, mein Vater und Hans, standen sich ja sehr nah durch ihrer beider Leidenschaft, die Musik. Da mussten die Frauen oft etwas zurückstehen. (…)“ Hat mich irgendwie irritiert, die Einschätzung des Sohns. Ich kann mich nicht erinnern, dass meine Mutter meinem Vater seine häufige abendliche Abwesenheit aufgrund seiner musikalischen Verpflichtungen vorgeworfen hätte. Das wusste sie ja schon, als sie ihn geheiratet hat.

Diesen Schreiber, den Sohn des Paars habe ich meiner Erinnerung nach nie oder nicht bewusst getroffen. Ich weiß weder, wie alt er ist, noch wie er aussieht. Vielleicht ist es mir in den Jahrzehnten auch entfallen. Es ist nicht unbedingt oft der Fall, dass befreundete Ehepaare nach dem Tod des Paars noch nennenswerten Kontakt zu deren Kindern haben, zumal wenn sie erwachsen und eigenständig sind.

Aber meine Mutter scheint einen sporadischen telefonischen Kontakt zum Schreiber der Mail gepflegt zu haben. Seine Mutter war immerhin eine gute Freundin meiner Mutter. Und sie hat in ihrem Adressbuch an einer Stelle notiert, wann sie zuletzt mit ihm telefoniert hat, das war relativ wenige Jahre her, daher schickte ich ihm Post. Zur Beisetzung kann er leider nicht kommen, seiner Frau geht es nicht gut, da muss er sich kümmern.

So, nun will ich endlich die beiden letzten Umschläge beschriften, die morgen auf den Postweg gehen. Die Notizbücher und Briefe und losen Fotos, die ich zurückbekam, sind alle in der Schachtel. Und in anderen Kisten, auf dem einen oder anderen Dachboden oder Keller, wartet noch so manches andere. Aber damit will ich mich zu einem späteren Zeitpunkt beschäftigen. In Ruhe, eilt nicht.

30. Juli 2024

Ich lese seit geraumer Zeit „Wonderful Tonight„. Die Lebens-Erinnerungen von Pattie Boyd, Model, Fotografin, Ex-Frau von George Harrison und Eric Clapton. Die beiden Beatles-Songs aus der Feder von Harrison „I Need You“ und „Something“, sowie die großen Clapton-Erfolge „Layla“ und „Wonderful Tonight“ waren allesamt Liebeserklärungen an Pattie Boyd.

Das Buch korrespondiert inhaltlich stark mit meiner vorherigen Lektüre „Miss O’Dell“ von Chris O’Dell. Beide, Pattie Boyd und Chris O’Dell, sind bis zum heutigen Tag innigste Freundinnen. Sie haben die letzten Jahre der Beatles gemeinsam erlebt, sogar zusammen unter einem Dach gewohnt, in Friar Park, George Harrisons riesigem, viktorianischen Anwesen in Oxfordshire, das sich bis heute im Besitz seiner Nachfahren befindet.

Zunächst hatte ich ein wenig Schwierigkeiten, in den Leseflow zu kommen, weil ich das unmittelbare, enthusiastische Feuer von Chris O’Dells Schreibe vermisste. Bei Chris O’Dell war ich direkt in der Zeit und den Begebenheiten, als würde es gerade geschehen – mir geschehen. Bei Pattie Boyd hingegen ist es eine klare Rückschau, Blick auf Vergangenes.

Ich überblätterte die Anfangskapitel, die sich um ihre Kindheit in Afrika drehten. Weder interessierten mich Details zu ihren Vorfahren, noch ihre Kindheitserlebnisse dort. Das mache ich zunehmend häufiger (und ohne schlechtes Gewissen) bei der Lektüre von Autobiographien, wenn der Vollständigkeit halber, von mich absolut nicht interessierenden Vorfahren wie Uroma, Uropa, Großtante und Großonkel und allerlei Familien-Anekdoten die Rede ist.

Ich las erst ab dem Kapitel, wo sie mit dem Modeln anfing, jedoch auch das nur flüchtig quer, und stieg erst richtig tief ein bei ihrer ersten Begegnung mit Beatle George. Denn das ist es doch, was alle – und so auch mich interessiert! Sie lernten sich 1964 bei den Dreharbeiten zu „Yeah, Yeah, Yeah“ kennen und wurden ganz schnell ein festes Paar. Von der Stelle an las ich kontinuierlich und konzentriert (vorwiegend bei U-Bahn- und nun auch Regionalbahnfahrten, denn die S-Bahn fährt immer noch nicht durch zum Zoo).

Ich kann jedem Beatles- und Stones-Fan die Bücher der Damen nur warm ans Herz legen. In beiden Werken spielen die vielen Begegnungen und gemeinsamen Aktivitäten innerhalb der sich stark überschneidenden Freundeskreise der Beatles und Stones immer wieder eine Rolle. Für hardcore Beatles- und Stones-Fans ein Must Have! Es kommt viel Atmosphäre, Lifestyle bis in die kleinsten Einzelheiten dieser Zeit über die Rampe, so dass es sich beim Lesen wie ein Film anfühlt. Ein ganz privater Super-8-Film, den man ohne Heimlichkeiten gucken darf.

Und dabei wird noch mein Englisch etwas aufpoliert. Das ist jetzt EVENTUELL etwas peinlich, dass ich es nicht wusste, aber ich vertraue darauf, dass es manch anderen ebenso geht. Pattie Boyd verwendet auffallend oft das Wort „eventually“. Mir fiel recht bald auf, dass es keinerlei Sinn ergibt, wenn ich es im schnellen Leseflow mit „eventuell“ oder „möglicherweise“ zu übersetzen versuche. Ich lese englische Texte oder Bücher ohne Wörterbuch daneben und komme meistens ganz passabel zurecht. Aber das wollte ich nun doch einmal amtlich übersetzt wissen. „Eventually“ heißt sinngemäß ins Deutsche übersetzt „schlussendlich“,oder „endlich“ oder „zuguterletzt“ oder „letztlich“ oder „letztendlich“.

Gratulation allen, die das bereits in der Grundschule gelernt und seither ohne Festigung durch einen Auslandsaufenthalt behalten haben. Eventuell habe ich es sogar in der Schulzeit mal im Unterricht gehört, und dann EVENTUALLY wieder vergessen!

29. Juli 2024

Und ein Blick unters Kleid des unvermeidlichen Server- und Netzwerkschranks. Schwarzes Loch mit Strippen und Geblinke.

Ich praktiziere kein Home Office, sondern das genaue Gegenteil. Nicht hält die Arbeit Einzug in meine private Umgebung, sondern ich verändere seit einigen Jahren die Arbeitsumgebung innerhalb meiner Gestaltungsmöglichkeiten und meines Radius so, dass sie ästhetisch eher meinen privaten Vorstellungen und Bedürfnissen entspricht. Davon profitieren auch alle anderen. Seither bilde ich mir ein, dass ich neben meiner Wohnung in Mitte und meinem Atelier in Neukölln, private Räume in Charlottenburg bewirtschafte.

28. Juli 2024

Letzte Dinge. Drei Taschenspiegel. Eine Sonnenbrille. Acht Lesebrillen. Ein Necessaire. Sechs Nagelscheren. Zwei Pinzetten. Eine Feile. Eine Uhr. Ein Poesiealbum. Zwölf Geburtstags-, Oster-, Weihnachts-Briefe, -Karten von mir. Vierzehn von anderen. Sieben Notizbücher. Ein Adressbuch. Sieben davon gerahmt.

26. Juli 2024

Märchenhafte Eröffnungsfeier der Olympischen Sommerspiele in Paris. Mir fehlen die Worte. So viel Kunst. Die Tänzerinnen in Pucci-haften Kostümen auf den hohen Stangen auf der Pont Neuf. Gerade die Metal Band mit dem Blutregen aus roten Schleifen und den geköpften Marie Antoinettes aus allen Fenstern. Wahnsinn. Zufällig zugeschaltet, als ich im Live Ticker auf gmx davon las, was schon alles bei der Eröffnung geschah. Sport-Begeisterung nicht von Nöten, um das großartig zu finden. Trotz Regenwetter in Paris. Ich gucke mal weiter. Möchte sehen, wie das Olympische Feuer entzündet wird. Sport ist mir ansonsten relativ schnuppe, aber das ist groß. Sehe ich mir später in der Mediathek noch mal von Anfang an. Jetzt live im Ersten. Unbedingt gucken!

26. Juli 2024

[ Einblick in mein Gefühlsleben, aus zwei Chats von gestern. Zuerst mit Lydia, später mit Georg ]

„(…) ich habe gerade das Paket mit den Sachen meiner Mutter geöffnet, so viele Notizbücher… das wird mich die nächsten Tage beschäftigen… Adressen zu finden, wem ich noch Trauerpost sende… aufwühlend gerade.

(…) gucken, was Mama ins Notizbuch geschrieben hat. Auf einem Umschlag, vielleicht der letzte mit ihrer Handschrift, vom März 2024, die Geburtsdaten ihres Urenkels und sein Gewicht und die cm, wie groß er ist, und darunter schrieb sie Geburts- und Todesdaten ihres Sohns und meines Vaters… ich war erst irritiert, dass sie schrieb „Opa – Andreas, geb. 10.05.1964, gest. 04.07.1987“ Ich kriegte das nicht zusammen… „Opa“ mit meinem Bruder. Aber ja. Er wäre im März zum ersten Mal Großvater, also Opa geworden. Ich war perplex. Dachte erst, meine Mama war zuletzt vielleicht doch verwirrt, aber sie hatte recht. Muss das alles verdauen, was ich da in Händen halte… so viel – und passt doch in zwei Stoff-Einkaufsbeutel. Das Existentielle, was ihr etwas bedeutet hat, die Bilder, Briefe, Notizen ihrer Lieben… und hatte natürlich Fotos von mir im Portemonnaie…

Wenn man als Pflegefall ins Pflegeheim, Seniorenheim kommt, ist es nicht wie bei rüstigen Alten, die noch Möbel mitnehmen oder so. Da gibt es nur noch das Pflegebett, einen Einbauschrank und ein Nachtkästchen. Und ein paar eigene Bilder an der Wand. Das wars. Und dann, irgendwann…. Adieu.

Ich pack jetzt die Sachen aus und leg sie auf den Teppich und sortiere… die mindestens 8 Lesebrillen, ca. 5 Nagelscheren, Handspiegelchen…. alles doppelt und dreifach. Aber am allerallerwichtigsten, ihre kleinen Notizen, die sie immer in Taschenkalender gekritzelt hat. Sogar ihr Poesiealbum aus ihrer Kindheit ist dabei. Aber leider nicht das Tagebuch aus ihrer Jungmädchenzeit. Darin las ich heimlich als Kind. Wo mag es nur sein…“

[ einige Stunden später an Georg ]

„(…) gerade – bis jetzt – sechs Stunden die Notizbücher und Post (und das uralte Adressbuch) meiner Mutter der vergangenen Jahre (im Pflegeheim) detektivisch untersucht und ausgewertet… wer hat ihr noch zum Geburtstag gratuliert… könnte ich eine Parte schicken… Die allermeisten Adressen sind durchgekreuzt und rechts davon steht das Todesdatum. Puh. Sehr spezielle Lektüre. Krass. Und die eigenen Briefe und Karten zurückzubekommen. Hab ihr schon recht oft bildschöne Liebesbotschaften zukommen lassen… Selbstberuhigung…. durchaus gerechtfertigt bei kontroverser Mutter-/Elternbeziehung. Am Ende auf alle Seiten Frieden. Wichtig im Kleinen wie im Großen. Love & Peace. Allenthalben.„

26. Juli 2024

DU LIEBE ZEIT… aus meinem Alltag: heute ausnahmsweise mal den Schienenersatzverkehr Richtung Zoo ausprobiert. Ein endloses Herumgegurke. Ich war falsch programmiert, als ich aus der Wohnung ging. Normalerweise bin ich die letzten Tage (S-Bahn zwischen Alex und Zoo wg. Bauarbeiten außer Betrieb) mit der U-Bahn vom Rosenthaler Platz gefahren. U 8 bis Osloer, dann umsteigen in die U 9 Richtung Rathaus Steglitz. Dauert 30 Minuten, wenn’s gut läuft. Aber vorhin war ich so in Gedanken an die Notizbücher meiner Mutter, die gestern mit dem Paket kamen, dass ich gemäß meiner sonstigen Werkseinstellung gelaufen bin. Also Richtung S-Bahn Hackescher Markt.

Als mir der Fehler auffiel, war ich schon so nah am Hackeschen, dass ich beschloss, mal den angebotenen Schienenersatzverkehr zu benutzen. Kann ich nachher mitreden. Los ging es schon mal damit, dass ich überfordert war, die Bushaltestelle Spandauer Straße zu finden. Die ist ja nun nicht gerade in unmittelbarer Nähe vom Hackeschen Markt, eher gefühlt schon Alex. Die beträchtliche Entfernung ist vermutlich auch der Grund, dass man sich hier gespart hat, die sonst üblichen gelben Schuhsohlenaufkleber auf den Fußweg zur Schienen-Ersatz-Halte zu kleben. Wäre teuer geworden.

Aber da war ja eine Tram, die ich sonst auch nur alle Jubeljahre benutze. Stand „M5“ und „Hauptbahnhof“ dran. Nur zwei Minuten warten. Na, geht doch. Die Tram hält ungefähr an jeder Milchkanne, Empfehlung als Stadtrundfahrt. Monbijouplatz, S-Bahn Oranienburger Str., U-Bahn Oranienburger Tor, vorbei am Brechthaus, Naturkundemuseum. Zuckel, zuckel, gähn.

Angekommen am Hauptbahnhof, ich (vermeintlich) souverän, aber schwerfällig, Richtung Bahnsteig. Drückende Luft. Hier war ich nun falsch. Denn leider hat mein gefühltes-Wissen-Gefühl versagt. Ich dachte, die Unterbrechung wäre nur zwischen Alex und Hauptbahnhof. Da wollte ich dann gerne zur S-Bahn wechseln. Aber auch am Hauptbahnhof fährt keine S-Bahn. Demzufolge komplette Unterbrechung zwischen Alex und Zoo.

Ich wieder den Hauptbahnhof verlassen und Ausschau nach dem Schienenersatzverkehr-Bus gehalten. Inzwischen war ich locker eine halbe Stunde unterwegs. Recht bald kam der Bus. Braucht für die Strecke, die es mit der S-Bahn dauert, mindestens die doppelte Fahrzeit. Der Bus schwankte und ruckelte, mir wurde leicht schlecht, wie früher als Kind beim Autofahren. Lesen natürlich komplett unmöglich. Ich hatte auch keine Kotztüte dabei.

Irgendwann nach viel Zickzack durch Charlottenburg kam der Bus am Zoo an. Hält ganz hinten, beim Eingang vom Tiere-Zoo. Schlurf, schlurf. Nach einer guten Stunde kam ein einmaliges Reiseerlebnis zu seinem Ende. Einmal und nie wieder! Ein Glück, dass es die U-Bahn gibt. Soll noch bis 29. Juli gehen. Ab 30. Juli dann hoffentlich wieder S-Bahn. Muss noch mal recherchieren, nicht dass mir hier abermals mein unzuverlässiges gefühltes Wissen einen Streich spielt.

26. Juli 2024

Hi Mick.

Happy Birthday! Schön, dass es Dich gibt. Fast hätte ich geschrieben „noch“. Aber das wäre makaber, um nicht zu sagen geschmacklos. Weißt Du, meine Mama war Dein Jahrgang, sie ist jetzt auf der anderen Seite. Bei Charlie (u.s.w.). Sie war nur 27 Tage älter als Du. Ich fand es schon sehr blöd, dass sie nicht das Feuer hatte, sich so superfit zu halten wie Du. Obwohl sie auch viel Löwe-Feuer im Horoskop hatte. Und Zwillinge. Sie war eher mental feurig unterwegs. Da brannte die Hütte mitunter. Well. Well. Well…

Aber heute soll es ja um Dich gehen. Mick: Du bist der König. Nicht der ganzen Welt, und nicht der King – das war ja nun mal Elvis, aber aller Rockband-Frontsänger in diesem Universum. Ja, da gab und gibt es andere Alphatiere. Aber DU warst der Early Adopter, der erste, der allen mit seiner total freien Attitude gezeigt hat, dass es keine Begrenzung des Bühnenausdrucks geben muss – State of Art. Und ist es bis heute. Ich liebe und verehre Dich. Lass Dich weiter von Deinen Lieben und dem irdischen Leben inspirieren und mit ihnen das Leben hier genießen. Bis zur Neige.

25. Juli 2024

Bild von gestern. Maler hat die reparierte Wand fertig gemalert. Habe ein paar kleinere Nacharbeiten, u. a. da, wo das Kabel verläuft, und die die Vermieterin (verständlicherweise) erbeten hatte, beaufsichtigt. Vorher wurde immer in meiner Abwesenheit gewerkelt. Diese Baustelle ist nun immerhin keine mehr. Jetzt wieder alles zurück räumen. Aber noch nicht geschehen, vielleicht am Wochenende.

Und gestern die Zusage für die angefragte Tischreservierung für das Kaffeetrinken nach der Beisetzung bekommen. Die Servicemitarbeiterin, der ich den Zusammenhang meiner Reservierung und den Anlass erklärte, staunte, als ich ihr sagte, dass ich alles von Berlin aus organisiere. „Ach? Das geht?“.

Mit Bestattung organisieren verbinden viele, dass dafür persönliche Präsenz beim Bestatter erforderlich sein müsste. Mag hier und da hilfreich sein, wenn man vor Ort ist, es so ein Gespräch beim oder mit dem Bestatter gibt, wo Prospekte angeschaut werden, aber das, was es so gibt, ist ja auch alles im Internet abgebildet. Wenn es eine Abschiedsfeier am Sarg geben soll, ist auch eine gewisse Eile mit Präsenz vor Ort geboten.

Aber das ist bei meiner Konstellation nicht die Frage gewesen. Es gibt nicht mehrere Abschiedsrituale und Feiern, sondern ein einziges, den Trauergottesdienst mit der Urne, die unmittelbar danach beigesetzt wird. Ich hätte auch keine Lust auf so ein zerstückeltes Abschiednehmen in mehreren Episoden gehabt. Es ist für mich besser zu verdauen, sich auf den einen, einzigen Termin zu fokussieren und den als DAS Abschiedsritual zu verstehen. Das können andere natürlich anders empfinden.

Außerdem erwarte ich ein Paket mit den Siebensachen meiner Mama, die sie bis zuletzt in ihrem Zimmer hatte. Persönliches, Briefe, Notizen, Karten, gerahmte Fotos. Ihren Personalausweis. Ihr letztes Portemonnaie. Ihre Lesebrillen. So viele Lesebrillen. Nicht dass sie eine Elton-John-mäßige Brillen-Diva gewesen wäre, die aus modischen Gründen jeden Tag ein anderes Gestell farblich passend zum Nachthemd hätte wählen wollen, gar nicht.

Irgendwie hat sie es trotz ihres begrenzten Bewegungsspielraums offenbar immer wieder geschafft, die Lesebrillen, die sie hatte, so unauffindbar weggeräumt zu bekommen, dass auf ihren Wunsch immer neue besorgt wurden. Ich habe ihr auch einmal eine geschickt. Hatte sie am Telefon gefragt, ob die Brille angekommen ist. „Ja, habe ich bekommen – aber der Soundso (befreundeter Nachbar von früher) hat mir gestern auch schon eine mitgebracht.“

Meine Mutter war übrigens nicht dement, sondern geistig durchweg präsent. Nun wurden vergangene Woche alle Winkel vom Schrank und das Nachtkästchen ausgeräumt und siehe da: acht Brillen kamen zum Vorschein. Kann natürlich sein, dass die Pfleger beim Aufräumen alles Mögliche in den Wandschrank gepackt haben, an den sie gar nicht rankam.

Da sie zuletzt dieselbe Lesebrillenstärke wie ich hatte, habe ich nun erst einmal keinen Notstand, falls ich eine meiner Brillen verlege oder zertrete. Denn auch ich habe mehr als eine Lesebrille (womöglich acht), aber nicht aus Versehen, sondern weil ich ab und zu mal eine im Internet bestellte, die ich besonders schick fand und dann aber doch nicht trug, weil ich am liebsten ein- und dasselbe Brillenmodell von dm benutze: ein leichtes Kunststoffgestell mit den besten Gläsern aller Discounter-Lesebrillen. Habe quasi Blindverkostung gemacht: eine nach der anderen aufgesetzt und damit einen Text am Notebook betrachtet. Die von dm war trotz identischer Dioptrien auffallend besser, schärfer, auch als manche hochpreisigere.

Mein ermitteltes Vorzugsmodell hatte ich dann auch an Mama mit der Post geschickt, im Briefumschlag. In den Kasten mit der Spätentleerung in der Großen Hamburger Straße gesteckt, da vor dem Hedwigs-Krankenhaus. Am nächsten Tag war sie da. Und jetzt kommt die Brille wieder zu mir zurück. Das ganze Paket ist wohl fünfzehn Kilo schwer. Vielleicht kommt es schon heute zu mir.

23. Juli 2024

Alma (1915 – 1982) mit ihrem neugeborenen Wunschkind Karin, meiner Mama, 1943 auf die Welt gekommen. Da war Alma schon siebenundzwanzig, bald achtundzwanzig. Eine späte erste Mutter. Ließ auf sich warten, die Kleine und blieb auch das einzige Kind. Wie groß die Freude bei Alma war, dass Karin ihr zwei Enkelkinder schenkte. Meinen Bruder und mich. Eine liebere, warmherzigere Oma hat es nie auf der Welt gegeben. Sie hat uns immer angestrahlt, als wäre es der schönste Tag ihres Lebens. War er ja auch. Gab dann viele davon. Wenn wir zu Besuch gekommen sind, immer auch in den Schulferien, manchmal für mehrere Wochen ohne unsere Eltern, gab es dauernd Hähnchen. Das mochten mein Bruder und ich am allerliebsten. Knuspriges Hähnchen. Und Schwarzwälder Kirschtorte. So wie sie ihrer kleinen Karin den herzigen Spielanzug genäht hat, so hat sie auch mir mit Hingabe Kleider gemacht. In den Siebziger Jahren gab es eine Zeit lang die Mode, dass Kleider „gesmokte“ Oberteile hatten und Puffärmel. Das war nicht so leicht zu nähen, aber sie hatte alle Nähtechniken drauf, weil gelernt ist gelernt. Im Krieg hat sie sich mit Näharbeiten über Wasser gehalten, wenn ihr geliebter André an der Front war. Zum Glück ist er zurückgekommen. Wenn auch nur mit einem Bein. Das andere hat er 1940 in den französischen Ardennen verloren, bei der Schlacht um Sedan. Es war ihm ein Graus in den Krieg zu ziehen, er hatte gar keine Lust, seine junge Alma allein zu lassen. Aber er konnte sich nicht entziehen. ich nehme an, hoffe, dass er als Kriegsinvalider nicht mehr zurück an die Front musste. So konnte die kleine Karin entstehen und er konnte wieder Bilder einer heilen Welt mit Blumenwiesen und tanzenden Elfen sticken.

22. Juli 2024

In alten Alben blättern. Heute vor fünfzehn Jahren. 22. Juli 2009. Georg bei einem Interview in Friedrichshain, anlässlich seiner Kandidatur für die Piraten. Er noch 44, ich gerade noch 43. Ich machte die Fotos für die „Friedrichshainer Chronik“. Ich erinnere mich daran, dass er mich einmal fragte, nachdem wir nebeneinander durch die Hackeschen Höfe gelaufen waren, ob mir auch auffiele, dass die Leute irgendwie so gucken, wenn wir ihnen entgegenkommen. Wenn ich die Fotos heute betrachte, kann ich es umso mehr verstehen. All die vielen Reihen, Alben von damals.

21. Juli 2024

Gestern habe ich etwas Schönes entdeckt. Vor fünf Jahren gab es auf dem Youtube Channel der amerikanischen Zeitschrift GLAMOUR eine Reihe mit dem Titel „YOU SANG MY SONG„. Bekannten (hauptsächlich weiblichen) Sängerinnen/Songwriterinnen wurden in der jeweiligen Folge youtube-Fan-Covers ihrer bekanntesten Hits vorgespielt und ihre Reaktion darauf gefilmt und das wurde dann den Amateur-Sängerinnen und Sängern gezeigt. Die wurden wiederum bei ihrer Reaktion auf das Feedback des Stars gefilmt. Lauter ausrastende Sängerinnen und Sänger, die sich nicht mehr einkriegen, dass ihr Idol ihr Cover gesehen hat und kommentiert. Ganz entzückend. Wobei es schon ulkig ist, dass die covernden Youtuber so ganz überrascht Sachen sagen wie „I’m freakin out! What?!?“ Sie werden ja wohl von der Zeitschrift Glamour vorab grob instruiert worden sein, worum es in etwa geht. Aber egal, die Reaktionen sind einfach schön zu sehen. Manche sagen Sachen wie „This is the best day of my life!“ oder „Now I can die!“. Am lustigsten ist bei den Star-Reaktionen Billie Eilish anzusehen. Wie sie die Augen aufreißen kann! So sieht Begeisterung aus. Pink ist auch witzig. Alicia Keys singt mir ein bißchen zu viel mit und lenkt damit die Aufmerksamkeit auf sich selbst. Aber sie ist natürlich auch supertoll. Also ich empfehle die Folgen mit Billie Eilish, Pink und Alicia Keys. Und Dolly Parton natürlich! Aber komisch, dass das eingestellt wurde und kaum Folgen mit männlichen Stars gab. Sehr schade – hätte mir an diesem gewittrigen Sonntag amüsante Stunden bereiten können.

19. Juli 2024

Heute Trauerpost verschickt. Auf dem Weg. Im Grunde wissen es die Empfänger schon. Es ist eine förmliche Geste, aber eine schöne. Förmlichkeiten sind sinnvoll und geben auch Halt. Mir ist die Beschäftigung damit ein ganz tiefes Verarbeiten. Bilder ansehen, auswählen. Der zarte Grünton. „Reseda“. Die Typographie. Früher antwortete Karin auf meine Frage nach ihrer Lieblingsfarbe mit „Grün“. Später fasste sie die Antwort weiter. Türkis mochte sie auch sehr. Blautöne. Alles Frühlingshafte. Über ein Zitat nachzudenken, ging auch tief. Zumal ich eines fand, das so tief trifft. Wolfgang Borchert… auf den Punkt. Fühlt sich richtig an. Ich mag, dass ich nicht zu einer Trauerfeier gehen werde, wo mich irgendein Element befremden wird. Hoffe ich. Dieses „oh je…“, was jeder vielleicht auch schon einmal bei einer Trauerfeier hatte. „Wer hat bloß mit dem Pfarrer gesprochen, wer hat denn die Musik ausgesucht“. Unpassende Gewichtungen, Herausstreichen weniger biographischer Marken, Vergessen anderer wichtiger Momente. Aber gut. Perfektionsanspruch gab es wohl nur bei „Operation London Bridge“. Ist auch alles menschlich und ohnehin vergänglich. Aber so viel Hingabe, Aufmerksamkeit und Angemessenheit hineingeben, wie es einem möglich ist. Würdig. Ich habe die Briefe heute Nachmittag im Briefkasten gegenüber vom Savoy eingeworfen. Dort wurden heute die alten, teilweise mit Damast bezogenen Matratzen ausgeräumt. Hochgestapelt auf dem Gehweg davor. Innen noch Lüster an der Decke, alte Pracht. Holzvertäfelungen. R.i.p, Savoy. Dir widmet keiner Trauerpost. Aber dafür gab es welche im Briefkasten davor – angemessene.

19. Juli 2024

Guten Morgen. Die Erich Kästner-Briefmarke war in der Joachimsthaler Straße leider nicht verfügbar. Sie haben da keine große Auswahl, weil: „Wir sind ja keine Postfiliale, sondern eine Postbankfiliale!“ Wie auch immer. Ich habe dann zwanzig Stück von der derzeit gängigen Marke mit dem Motiv ‚Briefbogen zur Brieftaube gefaltet‘ genommen. Im online Shop der Post gibt es eine recht große Auswahl, aber das hätte mir zu lange gedauert, bis mir die Kästner-Briefmarken mit der Post zugestellt werden. Die kann man sich nicht selber ausdrucken. Auch gibt es eine Sondermarke zum 50-jährigen Bühnenjubiläum von Roland Kaiser. Erstaunlich. Nicht attraktiv für meinen Zweck, die Roland Kaiser-Marke, aber interessant, dass inzwischen auch lebendige Menschen mit eigener Briefmarke geehrt werden. Früher musste man dafür meines (gefühlten) Wissens nach verstorben sein, oder?

19. Juli 2024

Letzte Amtshandlung vor dem Zubettgehen: derzeit in Postämtern erhältliche Briefmarken zu 85 Cent für meine Trauerpost recherchiert. Ich wähle die Erich Kästner-Briefmarke, anlässlich seines 50. Todesjahres – wie ich zunächst dachte – aber nein: anlässlich seines 125. Geburtstags. Auch gut. Post Joachimsthaler Straße: bin unterwegs! Kaufe am Freitag 20 Stück!

19. Juli 2024

Auch ulkig. Ich wollte gerade schreiben, was ich auch ulkig fand. Mir soeben entfallen. Was war es. Was war es. Ah! Ich war gerade am Kühlschrank. Drin ein Glas mit einem Aufstrich (aus Linsen), bei Bio Company erstanden, Marke „Hedi“, auf dessen Etikett behauptet wird, der Geschmack entspräche Teewurst, „vegane Art“. Da ich die Brille wieder mal beim Einkaufen nicht aufhatte, in den Wagen gepackt, ohne den Zusatz „grüner Pfeffer“ zu lesen. Ich liebe Pfeffer, aber nicht grünen. Höchstens auf einem Rumpsteak. Jedenfalls schmeckt der Aufstrich kein bißchen wie Teewurst. Aber: ein bißchen wie feine Leberwurst! Unter dem Geschmacks-Aspekt kann ich auch den grünen Pfeffer tolerieren. Aber Teewurst und grüner Pfeffer: NO. Also der Aufstrich ist nicht schlecht, wenn man Appetit auf Leberwurst hat. ABER NICHT BEI APPETIT AUF TEEWURST! Können die veganen Metzger bitte mal von nicht veganen Metzgern bei der Geschmackskomposition ausgebildet, unterstützt, gecoacht werden? Dass ich überhaupt vor dem Regal bei Bio Company stand, war die Lust auf Abwechslung beim Einkauf, wollte dann gerne den Zwergenwiese-Zwiebelstreich kaufen, der wie Schweineschmalz schmeckt, war aber ausverkauft. Auch von anderen Herstellern. Ist eben ein Renner. Kein Renner hingegen offenbar die Pseudo-Teewurst! Ich hab sie nur gekauft, weil ich irgendeinen Aufstrich im Kühlschrank haben wollte. Ich zeige mich wirkllich für alles offen, aber nicht: Etikettenschwindel.

18. Juli 2024

Da bin ich wieder. Keine Fotos heute – oder doch, eins von gestern Abend. Ich kam erst sehr spät (es dunkelte schon) dazu, den Serverschrank zu fotografieren. Wollte ich heute noch mal bei Tageslicht, wieder nicht dazu gekommen

Heute Vormittag langes Telefonat mit der Pfarrerin, die den Trauergottesdienst macht, über das Leben meiner Mutter. Vorab hatte ich ihr gestern Nachmittag ihre Biographie mit wesentlichen Lebensstationen und Ereignissen in einer zweieinhalbseitigen E-Mail geschildert, damit sie beim Gespräch schon ein Bild hat. Fotos hatte ich ihr auch angehängt. Beim Gespräch bestätigte sie, dass sie alles gelesen hat. Und meinte dann, ihr fehlen ein bißchen die Worte, aufgrund der schweren Schicksalsschläge, die ich in der Mail erwähnt hatte.

Ich bin im Kopf einfach strikt biographisch vorgegangen, angefangen bei der Geburt, und dass sie ein absolutes Wunschkind ihrer Eltern war, das sich erst nach sieben Jahre Ehe einstellte. Das waren anfangs noch ganz schöne Erzählungen. Auch, dass mein Vater, dem gegenüber sie sich erst mal aus Prinzip etwas störrisch zeigte (weil er Musiker war in einer Swingcombo, und der Berufsgruppe in ihren Augen ein windiger Ruf vorauseilte), sie bei jedem Rendezvous mit einer Tafel Lindt-Schokolade becircte, jedes mal einer anderen Sorte. Dass es überhaupt zu den vielen Rendzvous kam, lag wohl an der Verliebtheit meiner Mutter, gegen die sie sich einfach nicht wehren konnte.

Auf jeden Fall ist die zweite Lebenshälfte sehr stark von den Verlusten meines Bruders und ihrem ersten Enkel geprägt gewesen. Über Krankheiten werde ich mich nicht ausbreiten, aber da war ab dem sechzigsten Lebensjahr einiges im Angebot. Also ein tiefes Gespräch mit der Pfarrerin.

Sie klagte mir u. a. ihre Betrübnis darüber, dass in der Gemeinde, wo die Trauerfeier stattfindet, von „der Gemeinde aus“ (also der Verwaltung), eine Auflage besteht, dass Trauerfeiern in der Aussegnungshalle (oder wie sich dieser Raum auch immer nennt, wo das stattfindet) in zwanzig Minuten abgehandelt werden müssen. Das würde sie so strikt und geizig begrenzt von anderen Gemeinden, in denen sie tätig war, nicht kennen. „Ich weiß gar nicht, wo das alles noch hinführen soll!“ wetterte sie.

Manche Familien buchen wohl deshalb ein doppeltes Zeitfenster. Hat mir niemand davon erzählt. Aber wie auch immer – vierzig Minuten schiene mir dann auch wieder lang. Und ich habe den letzten Termin, da kann man keine Einheit dran hängen, ist aber auch so nach hinten nicht sehr tolerant, höchstens 5 Minuten Kulanz.

Wir haben und drauf geeinigt, dass sie ihre Predigt mit allem gesprochenen Wort auf 7 Minuten beschränkt, so als Orientierungsmarke für mich, weil ich unbedingt in der Trauerfeierhalle oder wie dieser gottverdammte Saal heißt, die vier von mir gewählten Musikstücke drin haben will. Also muss ich zusehen, dass ich die auf 13 Minuten einkürze.

Jetzt ist die Dauer 15 Minuten und 35 Sekunden, ich kürze also gut zweieinhalb Minuten, wahrscheinlich bei der Callas Arie, da ist im letzten Drittel eine Stelle, wo das musikdramaturgisch und vom Takt her passt. Also da könnte die Arie auch zu Ende sein, wenn das Orchester und Maria nicht nochmal anheben würden.

Ich muss es noch mal kritisch durchhören. Wenn es mir doch unstatthaft vorkommt, müssen bei Morning of my Life ein paar Takte dran glauben. Ist ja eh der „Auszug der Urne“. Da gibt es keine Vorgabe mehr, festgetackert auf dem Stuhl zu sitzen und bis zum letzten Takt zu hören. Eher Begleitmusik für den Aufbruch.

Das Lied hat ja auch Aufbruchstimmung, atmosphärisch. Ich habe das alles schon mit viel Bedacht und Hingabe gewählt. Was mir die Pfarrerin bestätigt hat. Sie meinte, das gäbe es nicht so oft, dass sich da jemand so viele Gedanken darum macht wie ich, mit dieser Liebe zu jedem Detail. Ist ja auch nicht so eine alljährlich wiederkehrende Sache wie Ostern oder Weihnachten, dass man seine Mutter zu Grabe trägt. (Hallo?)

Außerdem hab ich heute die Trauerpost eingetütet. Den Partezettel. Sagen wohl nur die Österreicher, ist mir aber näher als „Todesanzeige“ Oder „Einladung zur Beerdigung“. Oder wie immer das auch hierzulande heißt. Unter „Todesanzeige“ verstehe ich so ein schwarz umrandetes Viereck in der Zeitung, wo der Name, Geburts- und Sterbedatum steht, ein Sinnspruch und wer die Hinterbliebenen sind und wo und wann die Beisetzung stattfindet. Und dann steht da meistens noch „anstatt Blumenspenden bitten wir um Spenden auf das Konto soundso für Hamster in Not“ (o. ä.).

Bis auf das Letzte, steht das auch alles, was ich aufgeführt habe, auf dem von mir selbstgestrickten Partezettel für meine Mama. Ich habe aber auch noch eine Fotocollage auf der linken Seite gemacht und ein Zitat gibt es auf der Rückseite. Kann man so aufblättern wie eine Klappkarte. Ich bin jedes mal hingerissen, wenn ich das Zitat lese. Weil es so passt und so erhebend ist. Erzähle ich bei kommender Gelegenheit. Aber heute nicht mehr.

Ich stoß noch einmal mit mir an, was ich heute alles geschafft habe. Und zuguterletzt noch mit dem früheren Nachbarn meiner Mama telefoniert, der hatte auch Kontakttelefonnummern für mich. Eine war eine alte Freundin meiner Mutter, die ich auch immer sehr mochte. Die auch gleich noch vorhin spätabends angerufen. Wir haben uns richtig verquatscht.

Sie hatte sie mit ihrem Mann sogar vor acht Wochen noch mal besucht. Ich dachte, sie hätten sich aus den Augen verloren. War schön zu hören. Sie meinte „Karin wirkte richtig munter.“ Das war dann kurz vor ihrem Zusammenbruch Ende Mai. Also hatten sie einen schönen letzten Besuch bei ihr. Morgen muss ich Briefmarken kaufen, dann geht die Post ab.

: :

P.S. Entscheidung ist gefallen. An der Bellini-Arie von Callas wird nicht herumgeschnippelt. So viel Zeit muss sein. Auch nicht am letzten Stück von Esther & Abi, das kann hauchzart ausgeblendet werden, falls überhaupt nötig. Die zweieinhalb Minuten drüber sind ja wohl innerhalb der 5-Minuten-Kulanz in der Halle.

17. Juli 2024

R.i.P. Lanrue. Hab ihn nur einmal live mit Rio und den Scherben erlebt, ca. 1983 im KOMM Festsaal in Nürnberg. Er hatte seinen schwarzen Hut auf und Rio trug einen beigen, alten Trenchcoat auf nacktem Oberkörper. Und Jeans glaub ich, barfuß sowieso. Jetzt gibt’s Ton Steine Scherben im Himmel. Vorher ja noch nicht. Es ist wie mit Mick und Keith. Stones ohne Mick ist wie Scherben ohne Rio. Stones ohne Keith ist wie Scherben ohne Lanrue. Macht es schön da oben, Jenseits von Eden. Wir kommen. Versprochen.

Heiß, heiß, kochend heiß
Heiß, heiß, glühend heiß
Heiß, heiß, hundert Grad
Heiß, heiß, glühend heiß
Jenseits von Eden
Euphrat und Tigris
Allah wollte es so
666
Schütze uns vor Gestern
Eins neun dreiunddreißig
In 3D und Farbe
Dann ist Sendepause
Das war der Wilde Westen
Hält Gott die Zehn Gebote?
Ich will nicht
Dass du in schwarz gehst
Weil ich tot bin

Wo warst du im Krieg?
Weißt du, was ich meine?
Ich war auf der Suche
Du warst auf der Flucht
Hörst du die Räder rollen?
Irgendwann in der Nacht
Durchsichtig und klar
In Musik gebadet
Jede Blume hat ihren Schatten
Zweitausend Lieder
Zweitausend Tode
Mamamama, warum hast du mich geboren
Oder hat mich der Esel im Galopp verloren?

Ach, ich spring‘ ins Leere
Halleluja Schwestern
Ich hab‘ den Text vergessen
Ich bin mein Fragezeichen
Doch ich komm‘ morgen wieder
Gib mir deinen Segen
Liebe, was ist das?
Das ist das Leben in der Stadt
Was soll daran schlecht sein?
Liebe kommt von unten
Liebe hat schwache Worte
Ach, ich bin so müde
Ich geh‘ hier nicht weg
Geh‘ zurück ins Meer
Such‘ mir meinen Engel
Wer ist hinterm Spiegel?

16. Juli 2024

Kämmerchen reloaded. Wiederherstellung meines pinken Schatzkämmerchens im Atelier. Heute die fertig gemalerten Wände begutachtet, für Vermieterin fotografiert, dabei gesehen, dass der Maler nicht so perfektionistisch veranlagt ist, wie ich wäre, hätte ich den Auftrag, eine Wand zu verspachteln und zu malern. Unten, wo oberhalb der Fußleiste Rohre entlanglaufen, hat er sich mit dem Malern des Zwischenraums zur Leiste einen schlanken Fuß gemacht. Sieht nicht richtig gut aus. Auch in der einen Ecke unten, wo der Schimmel sein Verrottungswerk erledigt hat, ist noch ein bröckeliges Loch. Ob ihm da die Spachtelmasse ausgegangen ist? Oder hatte er keinen Nerv, sich hinzuknien und runterzubeugen?

Ich fürchte, anhand der Fotos wird die Vermieterin not amused sein und es eventuell nicht abnehmen. Ich könnte das ruckzuck selber machen, wo er geschlampert hat, aber die Fotos sind schon bei ihr. Ich hab keine Lust auf noch einen Termin mit ihm. Sie besteht darauf, das persönlich abzunehmen, bevor sie die Rechnung bezahlt. Auch nachvollziehbar. Habe ihr vorhin per Mail einen Termin morgen oder übermorgen Abend vorgeschlagen.

Ich habe trotzdem schon mal einige Bilder wieder aufgehängt, im ganz oberen Bereich, in fast drei Meter Höhe, wo ich nur mit Balanceakt auf der Leiter rankomme. Die unteren Wände und der Rest vom Kämmerchen bleibt noch leer, bis auf weiteres. Außerdem hat er fast alle Nägel rausgezogen, anstatt einfach drüberzumalern. Jetzt muss ich wieder die Nagel-Positionen neu ermitteln. Manchmal finde ich noch eine Ahnung von dem Loch. Er ist wohl ohne Nachzudenken so vorgegangen, als ob er die Wohnung von jemandem malert, der auszieht und dann jungfräuliche Wände ohne Nägel drin an dern Vermieter übergeben muss.

Der Holzfußboden und die Türschwelle waren nicht ganz frei von Farbspritzern, habe ich vorhin geschrubbt. Dazu milchige Farbschlieren auf der Edelstahlspüle. Musste auch kräftig gewischt werden. Mir standen kleine Schweißperlen im Gesicht, siehe Foto. War auch wieder schwül heute. Sonne, Regen, Sturm, Sonne, Regen, schwül. Usw. usf.

Bin ich ungewöhnlich pingelig, dass ich mich nicht trauen würde, nach dem Malern meine Arbeit als fertig zu erklären, wenn da weiße Farbspritzer auf einem hellbraunen Holzfußboden sind? Ruhen sich manche Handwerker darauf aus, dass sie wissen, sie sind schwer zu kriegen? Ich komme da nicht mit. War keine willkommene Abwechslung, sondern vor allem anstrengend. Aber ich bin halt auch angeschlagen. Zu allem wenig Lust auf Alkohol. Blöd. Ich esse noch eine Dose Thunfischsalat Mexicana. Dazu vielleicht wenigstens ein Jever, vorm Einschlafen. Als Betthupferl.

16. Juli 2024

Mein Großvater André (17.04.1909 – 17.02.1964), der das Bild um 1932 gestickt hat. Und seine Inspiration, geliebte Muse, Verlobte und spätere Frau, meine Oma Alma (23.08.1915 – 24.03.1982).

16. Juli 2024

(Aus einem Kommentar bei Facebook)

„(…) Ich empfinde Parallelen zwischen mir und meiner Oma Alma und ihrem Mann André, dem Großvater, den ich nie kannte. Meine Mama hat mir auch oft gesagt, dass ich viel von ihrem Vater André habe. Insbesondere, was den ausgeprägten Hang angeht, sich kunsthandwerklich auszudrücken (er hat mit einer Maschine Bilder gestickt, auf denen Elfen auf Wiesen saßen und tanzten).

Das einzige in der Familie erhaltene, gestickte Bild von meinem Großvater André. Meine Mama hat es mir noch zu Lebzeiten zugedacht, weil ich es so liebte, konnte es noch nicht holen. (…)“

15. Juli 2024

Hochzeitstag meiner Eltern, nach der Zeremonie. Die kirchliche Trauung war an einem Samstag, dem 31. August 1963. Die standesamtliche Eheschließung am Tag vorher, Freitag, 30. August. Ich musste heute das Datum der standesamtlichen Eheschließung in ein Formular für das Nachlassverfahren eintragen. Auch viele Geburts- und drei Sterbedaten. Letztere, von meinem Bruder, seinem erstgeborenen Sohn und meinem Vater. Und dazu von allen die letzte Wohnadresse. Bei meinem Bruder kam ich durcheinander. Ich wusste noch, dass er zuletzt in der Tetzelgasse in St. Sebald in Nürnberg mit seiner kleinen Familie lebte. Aber auf dem Papier war er in Berlin gemeldet. Bei mir. Ich musste also auch meine alte Adresse in Schöneberg ins Formular eintragen. Er war 23 und hätte noch zum Wehrdienst eingezogen werden können. Das konnte man mit einer Meldeadresse in Berlin umgehen. Deshalb hatte ich in den Achtzigern immer junge, männliche Pazifisten aus Nürnberg als Untermieter in Schöneberg.

15. Juli 2024

Gerade mit der Bestatterin telefoniert. Die Einäscherung meiner Mutter war am Freitag, 12. Juli 2024. Die Urne ist schon im Bestattungsinstitut. Ich hatte es am Freitag im Gefühl. Irgendwie so, die unsichtbare Nabelschnur. Heute war ich vergeblich mit der original Sterbeurkunde und der original vom Notar beglaubigten Vorsorgevollmacht (auch zu Vermögens- und Bankangelegenheiten), die explizit über den Tod hinaus gilt, und einer Kopie des beim Notar hinterlegten Testaments bei der Postbank. Ich wollte den Tod der Kontoinhaberin zur Kenntnis geben und mich über zu kündigende Daueraufträge usw. informieren. Die Schalter-Dame meinte, ich sei dazu nicht befugt, wenn ich keine Konto-Karte und keine auf genau das Postbankkonto ausgestellte Vollmacht und auch keinen Erbschein vorlegen kann. Ich war sprachlos, da mir letzte Woche ein Berater am Telefon gesagt hatte, die original Sterbeurkunde würde genügen, um den Tod eines Kontoinhabers anzuzeigen. Ich wollte ja kein Geld abheben. Wieder daheim habe ich wieder bei der Hotline angerufen, der Berater meinte, was ich dabei hatte, hätte genügen müssen, aber neuerdings kann man den Tod eines Kontoinhabers nur bei einem vereinbarten persönlichen Termin mit einem Berater anzeigen. Der ist nun erst am 1. August 2024. Bin gespannt, ob ich dann weiterkomme. Schon Ende letzter Woche hatte ich Post vom zuständigen Amtsgericht, einen Fragebogen zur Ermittlung der Erben innerhalb des Nachlassverfahrens. Dort sind u. a. Eintragungen zum Vermögen und den Bestattungskosten zu machen. Ich habe sechs Wochen Zeit, das auszufüllen. Ich versuche ja schon so viel wie möglich alleine rauszukriegen, um nicht dauernd Valerian damit zu behelligen. Übrigens gehört zu den Bestattungskosten nicht nur das, was auf der Rechnung vom Bestatter steht, sondern auch die Gebühren für das Öffnen des Grabs, Friedhofsgebühr, Kaffeetrinken danach. Soll man alles aufheben, wird dann als Bestattungskosten von dem Nachlass abgezogen. D. h. der Verstorbene zahlt seine Beisetzung mit allem Drum und Dran im Grunde selbst. Außer bei Mittellosigkeit. Ich fände es schäbig, an schönen Blumen zu sparen, nur weil man denkt, dann bleibt mehr vom Nachlass übrig. Mir unsympathisch.

14. Juli 2024

Ungelenkes Lächeln für den Fotoapparat, vorhin. Nicht ganz leicht. Die Anstrengung der letzten Woche(n) steht mir im Gesicht. Wie kleine Bleigewichte an den Muskeln, die sich sonst wie von selbst für ein Lächeln, heben, mühelos. Aber kommt schon wieder. Wenn die Bürokratie ad acta liegt. Es fehlt mir mitunter, mich spontan austauschen zu können, wenn mir etwas in den Sinn kommt. Ich meine nicht über emotionale Dinge, das mache ich mit mir alleine aus. Oder schreibe davon hier. Eher meine ich damit, so ein bißchen aufgefangen werden, von jemandem, der auch damit zu tun hat. Da wäre ein Ehemann gar nicht schlecht. Oder ein Bruder. Leider beides nicht im Sortiment. Da kann auch gerade keine Freundin helfen, weil nicht unmittelbar verstrickt. Ich will jetzt aber nicht rumjammern, sondern nur ein bißchen innere Bewegungen erhellen. Ich weine wenig, aber jeden Tag erwischt es mich einen Moment. Bei einem Lied oder dem inneren Bild einer Erinnerung.

Ich laufe nicht mit verquollenen Augen herum, wie es ganz bestimmt nach dem Tod meines Bruders vor siebenunddreißig Jahren war. Wochenlang. Ach – ewig. Musste vorhin an Marie Theres Relin denken. Ihre Mutter, Maria Schell. Weil es da Parallelen gibt. Aber nicht, was die glorreichen Zeiten angeht. Ich fühle mich sehr der Diskretion verpflichtet, was meine Mama angeht. Sie hätte nicht gewollt, dass Details ihres Zustands öffentlich kund getan werden. Würde ich für mich auch nicht wollen. Gar nicht. Auf einer Sterbeurkunde steht auch die Uhrzeit, wann der Tod festgestellt wurde. Ich weiß nicht, ob es die Uhrzeit ist, zu der jemand einen verstorbenen Menschen antrifft, also zum Beispiel eine Pflegekraft. Oder ob es eine geschätzte, wahrscheinliche Uhrzeit vom Arzt ist, der den Totenschein ausstellt, anhand des Zustands des verstorbenen Menschen, Körpertemperatur. usw. Obwohl es auch nicht auf die Minute ankommt. In der Sterbeurkunde meiner Mutter steht 7. Juli 2024, 17:35 Uhr. Am letzten Sonntag. Heute vor einer Woche. Eine Pflegekraft hat es bemerkt. Die andere hochbetagte Dame, die mit ihr im Zimmer lebte, wohl nicht. Die hat geschlafen. Also hat sie vielleicht auch geschlafen und war ganz ruhig. Wünschte ich mir.

14. Juli 2024

Und die unsichtbare Rückseite. Warum hat das neun Tage gedauert. Eigentlich hätte ich es an drei oder vier Tagen hinbekommen können. In den letzten sieben Tagen habe ich nur in kurzen Etappen daran gearbeitet. Das letzte, was ich an dem jeweiligen Tag machte, für einen inneren Tapetenwechsel, aber mir ist natürlich kein einziger Gedanke durch den Kopf gegangen, der nicht damit zu tun hatte, was ansteht, wenn man einem sehr nahen Menschen einen angemessenen, guten letzten Weg bereiten will.

14. Juli 2024

„JOUE“ (in memoriam Mama). Serverschrank- oder Tür-Behang, Wärmeschutzrollo, Textilnetz von Deko-Tischläufer, Kleber, Acryl, Blattgold, 1. Juli und 2., 3., 4., 5., 6., 7., 8., 9., 10., 11., 12. und 13. Juli 2024, 80 cm x 200 cm, , Staatliche Museen von Gaganien.

Gestern fertiggestellt, heute fotografiert, an meiner Wohnungstür. Der Serverschrank, für den der Behang ist, steht woanders. Geht aber auch als Türbehang. Er hängt gerade noch dran, auf einem Hochzeits-Sari. Ich habe in meiner Wohnung alle Türen vor 25 Jahren behängt oder verkleidet, weil sie mir zu profan aussahen.

13. Juli 2024

Juli 1967, vor siebenundfünfzig Jahren. Mein großer Bruder drei, Tante 36, Mama 24, ich eindreiviertel und halte mich an Mamas Beinen fest. Ich habe nie „Mutti“ zu meiner Mama gesagt. Mein Bruder auch nicht, das Wort war uns fremd. Mama. Das Planschbecken war in ganz hellem Orange und innen am Boden indigoblau und der schwarze Reifen war von einem Autoreifen.

Im Juli 1967 war „Puppet on a String“ von Sandie Shaw auf Platz 1 in der Hitparade. Mein Lieblingslied 1967, das weiß ich noch genau. Ich habe rumgewackelt, wenn es im Radio gekommen ist. Weitere Hits 1967 waren „A Whiter Shade of Pale“ von Procol Harum und „San Francisco“ von Scott McKenzie. Und „Massachusetts“ von den Bee Gees. Hat mir auch alles prima gefallen. Und Esther & Abi Ofarim waren gleich mit zwei Alben auf Platz Eins der LP-Charts! Das waren die Lieblings-Stars meiner Mama. Wenn die beiden im Fernsehen kamen, haben ihre Augen geleuchtet, sie hat geseufzt.

Ich hatte als Kleinkind immer kurz geschnittene Haare, weil es wohl praktisch war und mein Vater es lustig fand, dass ich damit aussehe wie ein „Lausbub“. Haareschneiden hat mir nicht gefallen. Dann trat Mireille Mathieu im Fernsehen auf und sang „Martin“ usw. Mireille Mathieu fanden meine Eltern auch gut. Ich bekam dann ungefähr ab vier die Mireille Mathieu-Frisur, die ich auch ganz o.k. fand, weil mir „Martin“ und „Es geht mir gut, Chéri“ und „An einem Sonntag in Avignon“ und „Hinter den Kulissen von Paris“ gut gefallen hat. Weil ich nicht zum Haareschneiden wollte, haben mein Vater und die Friseurin immer zu mir gesagt, dass ich danach aussehe wie Mireille Mathieu. Hat aber nicht gestimmt.

In den Siebzigern wurden meine Haare dann kinnlang und dann schulterlang und dann noch länger. Ich durfte selbst bestimmen, welche Frisur ich habe. Lang! Wie Katja Ebstein und Dahlia Lavi! Ich wollte Mama auch zu langen Haaren überreden, aber sie hat nicht gewollt. Sie hat immer geglaubt, mein Vater fände kurze Haare an ihr besser. Ich habe aber mitbekommen, dass er auch Frauen mit Langhaarfrisuren im Fernseher zugelächelt hat, deswegen habe ich es nicht verstanden. Viel später, sie war schon über Siebzig, hat sie die Haare dann ein klein wenig länger getragen, auch nicht lang, aber keine Kurzhaarfrisur. Das gefiel mir an ihr besser, ich hab es ihr gesagt und sie meinte, eigentlich hätte sie etwas längere Haare auch immer schon schöner gefunden.

13. Juli 2024

Eben, beim Einloggen in mein gmx-Mailpostfach, ich klickte stark getriggert von „Beauty-OP“ auf die folgende „News“:

„Antonia Hemmer hapert schon seit Längeren mit ihrem Aussehen. Die „Make Love, Fake Love“-Bekanntheit hat sich nun die Augenlider straffen lassen.“

Da hapert es wohl etwas mit der qualifizierten Auswahl der „Redakteure“. Aber vielleicht ist das Kriterium für die Beschäftigung als gmx-Online-Redakteur oder Redakteurin, dass es nicht mit dem Aussehen hapert, es somit keinen Grund gibt, damit zu hadern!

12. Juli 2024

Oh, hoppla – (sorry – schon wieder Thema Bestattung) gerade gelesen, gelernt, dass es in Deutschland nur ein Bundesland gibt, nämlich Bayern, in dem Nichten und Neffen bestattungspflichtig gegenüber ihren verstorbenen Tanten und Onkeln sind. Also sich um die Beisetzung kümmern müssen. Sollte die in Bayern wohnende und amtlich gemeldete, verstorbene, alleinstehende Tante oder der verstorbene Onkel ohne eigene Nachkommen mittellos gewesen sein, muss die Nichte oder der Neffe auch die Bestattungskosten tragen. Unerheblich ist dabei, wo die Nichte oder der Neffe lebt.

Und auch unabhängig davon, ob die Nichte oder der Neffe von der in Bayern ansässigen Tante im Testament bedacht wurde. Wobei grundsätzlich Bestattungskosten immer aus dem hinterlassenen Vermögen der verstorbenen Person zu begleichen sind. Hat die Nichte oder der Neffe Kinder, also „Abkömmlinge“ (Bürokratensprech) und ist selbst verstorben, ist der Abkömmling bestattungspflichtig für die Tante, den Onkel, der rückt dann nämlich an die Stelle des verstorbenen Neffen oder der NIchte. Yay – it’s complicated! Und komplex.

In allen andern Bundesländern in Deutschland, so auch in Berlin, ist das anders. Da sind Nichten und Neffen nicht verantwortlich für die Bestattung von Onkel und Tante. Was die Kosten anbelangt, können sie nur für die Bestattungskosten verantwortlich gemacht werden, wenn sie von der verstorbenen Tante oder dem Onkel den Nachlass erben und damit die Kosten begleichen können.

D. h. anhand meines Beispiels: ich, in Berlin lebend, bin bestattungspflichtig gegenüber meiner Tante, die in Bayern lebt. Aber umgekehrt, ist mein Neffe, der in Bayern lebt, nicht bestattungspflichtig, was mich, seine in Berlin lebende Tante angeht. Da kann er mit den Schultern zucken und sagen: tut mir leid, bin nicht zuständig. Es sei denn, ich hätte ein Erbe, das ich ihm vermacht hätte, von dem hätte er dann die Kosten für die Bestattung zu begleichen, müsste meine Bestattung aber nicht organisieren, das würde der Staat, also die Stadt Berlin übernehmen und ihm dann die Kosten in Rechnung stellen. Wenn ich ihm nichts zu vererben habe, muss er nichts bezahlen.

Ich schreibe solche Sachen hier ja auch ins Internet, weil einige meiner Generation auch demnächst mal mit solchen Fragen konfrontiert werden, wenn es nicht schon geschehen ist. Ich kann übrigens versprechen, dass ich jetzt nicht monatelang über den Tod meiner Mutter und die zugehörigen bürokratischen und verwaltungstechnischen Angelegenheiten zu schreiben gedenke. Gerade beschäftigt mich das alles akut, weil es akut ist. Da bin ich dann sehr gründlich. Und dann hake ich das Thema auch ab.

Natürlich nicht die wertschätzende Erinnerung, aber den detaillierten Palaver über die Begleitumstände. Der Countdown läuft. Gebt mir mir vier Wochen. Und währenddessen lernt ihr eine ganze Menge mit mir, was vielleicht einmal für Euch selbst eine kleine Hilfestellung, Handreichung, Unterstützung sein wird.

12. Juli 2024

Tja, Kinder. Bestattung ist kein Wunschkonzert. Es sei denn, man hat ein premium Fünf-Sterne-Boutique-Bestattungsinstitut an Land gezogen, oder macht viel in Eigenleistung. Wenn man das vorher weiß, was NUR der Bestatter machen darf, kann man es darauf beschränken und sich selbst alles Mögliche in diversen Online-Shops zusammenshoppen. Aber wer hat dafür den Nerv.

Man könnte z. B. aber schon mal die Schleifen für die Gestecke zu Lebzeiten online bestellen. Mit Wunsch-Typo und Wunsch-Farbe. Den Toten abholen und gekühlt bis zur Einäscherung oder Erdbestattung zu lagern, würde ich unbedingt den Profis überlassen wollen. Auch die hygienische Versorgung etc. Da ist jeder anders, ich möchte da nicht mitwirken.

In meiner Phantasie war das bislang alles so, dass ein Angehöriger stirbt, der Bestatter abholt und man dann zusammen im Wohnzimmer bei einer Tasse Kaffee sitzt und der Bestatter seine ganzen Kataloge auspackt und auf den Wohnzimmertisch legt, wo dann alle Sarg- und Urnenmodelle, sowie Gesteckvarianten und Schleifensorten wie im Quelle-Katalog durchgeblättert werden können. Mag es geben.

Nun bin ich mit meinem Wohnzimmer ja weit weg. Mein Institut macht schon solche Besuche bei den Angehörigen zur Abstimmung aller Belange, das passiert bei mir jetzt eben telefonisch und virtuell. Die Bestatterin hat mir einen Link zu den Floristen gemailt, die sie für mich am ehesten sinnvoll fand, vom Leistungsspektrum her. Aufgrund des Links habe ich dann Kontakt aufgenommen. Die hatten auf der Website aber keinen Onlinekatalog für Schleifen.

Zugegeben bin ich etepetete, was Details und Zubehör und das Erscheinungsbild angeht. Jedenfalls gibt es die Schriftart, die ich gerne auf den Schleifen gehabt hätte, nicht im „Schreibprogramm“ für die Schleifenbeschriftung, aber was anderes Kursives. Sieht jetzt mehr so aus wie die Schrift vom Einband eines Fünfziger-Jahre-Kochbuchs. Hat einen gewissen Retro-Charme.

Jetzt muss ich noch vorsichtig anteasern, dass bitte unter die Urne mit dem Kranz und unter die anderen Gestecke im Saal der Trauerfeier kein roter Teppich gelegt wird. Ich habe von der Bestatterin ein paar Fotos gesehen, wo sie mir nur Schleifen-Beispiele zeigen wollte, und da lag jeweils ein roter Läufer oder Teppich unter allem. Ich fands supergruselig. Lieber nackter Fußboden. Passt überhaupt nicht zu den Farben der Gestecke.

Ich möchte an keiner Stelle die Farbe Rot oder Braun oder Schwarz. Und bitte auch kein herzförmiges Tablett mit flackernden Teelichtern. In einer evangelischen Kirche erwarte ich hohe Kerzenhalter mit dicken, weißen Kerzen. Oder muss ich auch noch die übliche Kirchenausstattung bestellen? Ich bin ja anderthalb Stunden vor der Feier vor Ort, wenn mein ICE nicht Verspätung hat, und kann dann evt. notfalls noch kleine Anpassungen erbitten.

12. Juli 2024

Vorderseite des Serverschrank-Behangs. Fortschritt. Die ganze weiße Bahn elfenbeinfarben übermalt, die Konturen der Cut-outs mit Blattgold belegt, dahinter das Netz fixiert. Farbkrümelreste, die noch auf den Fotos sind, inzwischen abgekehrt. Kleine Flocken. Hatte plötzlich gestern beim Anblick ein Adjektiv aus meiner Teeniezeit Ende der Siebziger, Anfang der Achtziger im Sinn. „Flockig“. Das war mal kurze Zeit Mode, jemanden, den man sexy fand, als „flockig“ zu bezeichnen. Kam aber bald wieder aus der Mode. Ich weiß nicht, ob man das nur in Mittelfranken benutzt hat. Wenn man jemanden so als Gesamtpaket reizvoll fand, speziell erotisch. Also nicht, weil einer einen guten Charakter gezeigt hat oder dergleichen. Guter Charakter war für „flockig“ komplett irrelevant. Die Flocken vom Behang sind jetzt weg, muss die Blattvergoldung der Konturen teilweise nachbessern. Bald fertig.

12. Juli 2024

Die Rückseite des Serverschrank-Behangs. Fotos von gestern Nacht um 1.05 Uhr. Ich werkle auf Autopilot an dem Teil. Während die Hände ihr Werk ausführen, rauschen mir tausend Gedanken durch den Kopf, die Beisetzung betreffend, wen ich noch erreichen will, was ich noch nicht erledigen konnte… Wenn ich todmüde bin, geh ich ins Bett und bin dann auch gleich weg. Es tut mir gut, immer noch ein paar Handgriffe zu machen, die nichts mit der Organisation zu tun haben. Ein klein wenig Normalität im Aufruhr.

12. Juli 2024

Gerade den gesamten Blumenschmuck beauftragt. Musste Vieles geändert werden, weil es nicht jede Blume in jeder Jahreszeit gibt, aber farblich und von der Richtung her wird es so, wie ich es gewünscht habe. Gibt einen blau-weißen Urnenkranz ohne Schleife, je ein großes Herz mit weiß-blauen bzw. weiß-gelben Blumen von mir und von Valerian und seiner Liebsten und seinem Sohn. Ein Gesteck von der Schwägerin von Karin und eine Schale mit bunten Blütenblättern neben dem Grab.

Wer sich also Kornblumen und Vergißmeinnicht als Grabschmuck erträumt, muss im Frühsommer das Zeitliche segnen. Habt Ihrs mal gehört! Auch die Typographie und Laufrichtung des Textes auf den Schleifen war ein Thema. Bzw. ich hab eins draus gemacht, weil ich auf keinen Fall irgendeine altertümliche oder Comic-Schriftart und auch keinen Zeilenumbruch wollte. Und keine gelbgoldenen Fransen. Auch keine schwarzen, sondern schräg abgeschnitten.

Ich möchte eine feine klassische Kursiv-Schreibschrift, wollte gerne Dunkelgrau auf cremeweißer Schleife. Der Floristen-Drucker kann aber nur gold und schwarz. Dann eben gold. Habe jetzt alles direkt mit dem Floristen abgesprochen, Rechnung geht aber ans Bestattungsinstitut. Man kann auch selber Schleifen nach gusto im Internet bestellen, aber das war mir jetzt zu blöd, das Zubehör selber heranzuschaffen. Die verschiedenen Floristen kümmern sich um die Schleifen, wenn sie die Bestellung für die Gestecke bekommen. Wieder was abgehakt.

11. Juli 2024

Es geht voran, sogar flott. Gerade Zugticket hin und zurück für die Beisetzung am 7. August gekauft. Zwischendurch versucht, Kontakte, also Freunde und Bekannte meiner Eltern zu erinnern. In den letzten Jahren, nach dem Tod meines Vaters, sind auch die letzten Freundschaften verweht… bzw. sind die allermeisten leider auch schon tot, teilweise schon lange. Ein Paar, das mir noch in Erinnerung ist, wo er mit meinem Vater musizierte und auch bei seiner Beisetzung ein Ständchen spielte, will ich gerne zur Beisetzung einladen.

Nun bin ich aber von der schnellen Truppe und mitunter ungeduldig und kann oft nicht abwarten, bis jemand auf meine Bitte hin aktiv wird und mir Stunden oder Tage später antwortet. (Ich will den organisatorischen Kram abhaken und erledigt wissen, und ein bißchen Zeit für Ruhe und Besinnlichkeit haben. Daher.)

Ich habe schon den langjährigen Nachbarn vom Elternhaus angemailt, ob er mir die Adresse oder Tel.-Nr. von dem musikalischen Weggefährten besorgen kann. Parallel hab ich aber natürlich zusätzlich im Internet geguckt und herausgefunden, dass er auch noch in einem altehrwürdigen Männerchor zweite Tenorstimme singt. Im Impressum steht eine Mailadresse vom Vorstand, also dorthin gemailt mit der Bitte, meine Beisetzungsmitteilung an ihn weiterzuleiten. Zumindest scheint er noch zu leben!

Es gab ein Foto vom Chor, um einen Auftritt im Juli zu avisieren, da ist er noch mit drauf. Also lebendig genug zum Singen! Er hat zufällig am gleichen Tag Geburtstag wie meine Mama hatte. Am 30. Juni. Aber ob im selben Jahr 1943 weiß ich nicht. Aber auch so die Liga, altersmäßig. Hält sich aber gut. Mir ist so diffus, als hätte meine Mama sogar ein bißchen für ihn geschwärmt. Sie hat sich aber auch gut mit seiner Frau verstanden und sogar manchmal gemeinsame Kurzreisen unternommen. Ich fand die beiden auch immer recht sympathisch. Von der Frau ist mir leider der Vorname entfallen. Denke, die werden sich schon bei mir melden, wenn sie den Betreff von der Mail lesen „(…) Todesfall Karin…“. Puh.

Dann noch ausgecheckt, dass die Beauftragung vom Steinmetz bei den Eigentümern der Grabstelle liegt, gehört also nicht zum Bestatter-Service. Jedenfalls nicht bei meinem Institut. Da gibt es wohl einen Steinmetz direkt neben dem Friedhof. Hat mans mal gehört. Muss ja nur auf der Rückseite was in den Granit gefräst werden, geht vermutlich ruckzuck. In dem Grab liegen bislang meine Großeltern väterlicherseits (Erdbestattung) und die Urnen von meinem Bruder, meinem Neffen und meinem Vater. Gibt also schon ein bißchen Text auf der Rückseite. Aber kein Brimborium, nur die Namen und Geburts- und Sterbedaten, keine erbaulichen Sprüche oder Bibelzitate.

Apropos Zitate – hab schon mal geguckt, was gerne so für Kalendersprüche auf Traueranzeigen zitiert werden. Zweieinhalb aus einer Litanei von ungefähr hundert im Internet, fand ich ganz okay. Mal sehen. Auch eher was Kurzes, aber nichts Weinerliches denke ich. Jetzt auch keinen Kalauer, schon angemessen, mehr so Haiku-Style. Dafür habe ich auch schon ein paar Fotos für eine kleine Collage zusammengesammelt. Sechs Bilder sagen mehr als tausend Worte.

Ich gönne mir nach all den organisatorischen Großtaten jetzt mal eine Pause und esse und trinke was und arbeite dann ein bißchen an dem Serverschrank-Behang weiter, der nebenbei auch gute Fortschritte macht, auf dem Wohnzimmerteppich liegenderweise, auf Abdeckplanen…

Der Maler, der im Atelier die Wand repariert und weißt, müsste heute Abend auch fertig werden, hat er gestern am Telefon gemeint. Kann ich also morgen mal hinschauen, wie es geworden ist und dort weitere Großtaten verbringen. Mit dem neuen Ministaubsauger saugen und die ganzen pinken Bilder zurückhängen und den Schaumstoffblock mit dem reparierten Überzug beziehen und wieder an Ort und Stelle im Kämmerchen platzieren. Tja. Arbeit, Arbeit, Arbeit… Sex & Drugs & Rock’n’Roll – was war das nochmal?

11. Juli 2024

Der Termin für die Trauerfeier meiner Mama steht fest.
Es ist Mittwoch, der 7. August 2024 um 14 Uhr.

Ich habe den letzten Termin an dem Tag von der Uhrzeit her bekommen können.

Nächste Woche spreche ich mit der Pfarrerin. Nun ist es doch eine Pfarrerin aus der Gemeinde vom Elternhaus. Meine Mama war immer noch dort gemeldet. Hab schon ein Foto googeln können, sieht sehr nett aus.

Ich buche nun meine Zugverbindung.

11. Juli 2024

Die Bestatterin schickt mir immer ein aktualisiertes Gesprächsprotokoll über die Vereinbarungen zur Trauerfeier. Dabei habe ich ein ganz neues Wort gelernt (bzw., dass es nicht nur eine Schokoladenmarke ist). Unten ist ein kurzer Auszug aus dem Protokoll. Bei der Zeile „Prediger: evang. Sprengel aus Stein“ dachte ich, „Sprengel“ sei der Name des evangelischen Predigers.

Habe ergebnislos nach evangelischen Pfarrern mit Namen „Sprengel“ in der Region gegoogelt. Dann bin ich drauf gekommen, dass er vielleicht noch gar nicht namentlich feststeht und Sprengel bedeutet: aus dem Einzugsbereich der zuständigen Gemeinde. So ist es. Wikipedia hat einen umfangreichen Eintrag zu dem Begriff „Sprengel“ und der Herkunft des Wortes. Hatte usprünglich mit Weihwasser sprengen zu tun. Also bin gespannt, was für ein Pfarrer es wird. Es muss einer sein, der dem letzten amtlich gemeldeten Wohnort der/des Verstorbenen zugeordnet war.

Man kann also nicht sagen: „Der Pfarrer Gotthelf aus Kleinkirchheim hat das doch immer so schön gemacht, und schon den Opa unter die Erde gebracht, der soll das machen!“ So läuft es nicht. Meine Mama war zuletzt in einer Pflege-Einrichtigung und auch dort amtlich gemeldet, das ist bei einem zeitlich unbefristeten Langzeitaufenthalt gesetzlich angeordnet. Deswegen muss es nun ein Pfarrer aus Stein sein, obwohl sie mit dem Ort Stein bei Nürnberg in ihrem Leben vorher nicht so sehr viel zu tun hatte. Aber die Trauerfeier und Beisetzung im Familiengrab findet davon unbeeinträchtigt im angrenzenden Nachbarort statt (der zu einem anderen Landkreis und damit „Sprengel“ gehört“), wo sie bis vor drei Jahren den größten Teil ihres Erwachsenenlebens verbracht hat. Da, wo mein Elternhaus steht. Das heißt, der Pfarrer aus Stein muss einen Ausflug in einen anderen Sprengel machen.

Die saphirblaue Urne mit dem goldenen Baum habe ich gewählt, weil sie meine Mutter auch für meinen Vater am schönsten fand und sie mir auch bei der Beisetzung meines Vaters gut gefiel. Dann haben sie eine letzte Verbindung im Grab.

Die Reihenfolge der Musik habe ich mir ausgedacht, die Musikauswahl – in Kenntnis ihrer Vorlieben – auch. Bei der Live-Version von Belafontes „Try to Remember“ habe ich davor und danach den Applaus weggeschnitten. Es ist die Version, die mir am besten von allen gefällt, das war mir die Mühe wert. Dazwischen gibt es entsprechend der Liturgie die Predigt und Erinnerung und die Aussegnung. Wenn die Urne heruntergelassen wird, singen (quasi) die Engel. Das wundervolle Blumenduett aus der Oper Lakmé von Delibes. Daneben gibt es eine Schale mit bunten Blütenblättern. Meine Mama war eine leidenschaftliche Gärtnerin und liebte Blumen über alles. Das wird schön.

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Feier

Prediger: evang. Sprengel aus Stein
Schmuckurne: Bio Tec, saphirblau 52811161
Musik: Anlage



Einzug: Maria Callas, Arie „Ah, non credea miriarti„

Harry Belafonte „Try to Remember„

Esther und Abi Ofarim „Hush-a-bye„

Auszug: Esther und Abi Ofarim „Morning of my Life„

Am Grab beim Ablassen der Urne: Delibes – Lakmé „Flower Duet„

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10. Juli 2024

Noch ein Bild. Drunter steht „bei Onkel Hubert in Pegnitz 1959 – 1960“. Ich tippe eher auf 1960. Ich habe weder „Onkel Hubert“ noch das Städtchen Pegnitz je besucht. Keine Ahnung, wer der Onkel war. Wenn es vielleicht August 1960 war, wie oben drüber als Bildunterschrift zu einem anderen Bild steht, war Mama da gerade siebzehn. Das Tupfenkleid gefällt mir sehr. Ich glaube, es war Altrosa. Es gab in meiner Kindheit viele Kleider in Mamas Schrank, die aus ihrer Jugend waren, oft von der Schneiderin geschneidert, an denen sie sentimental hing, auch wenn sie nicht mehr passten. Damals hat man nicht so viel von der Stange gekauft – oder auch nicht kaufen können. In den Fünfzigern galt es nicht als Extravaganz wie heute, sich ein maßgeschneidertes Sommerkleid anfertigen zu lassen. Meine Oma Alma, die Mama von Karin, hat sehr gut schneidern können, vielleicht hat sie das Kleid genäht. Ich dachte erst, das Foto sei im Hof meines Elternhauses aufgenommen, weil es da auch solche Torbögen gibt, aber mit der Bildunterschrift haut das nicht hin. Zumal sie meinen Vater da ja noch gar nicht kennengelernt hatte, das war erst im Spätsommer oder Herbst 1962, nach der Urlaubsreise mit ihrer Freundin nach Velden am Wörthersee und Grado. Auch ist der Grundriss mit der Tür anders, aber verblüffend ähnlich, der Bogen.

10. Juli 2024

Kuriose Entdeckung als Beifang der Beisetzungsvorbereitungen für meine Mama: habe online Trauer-Briefumschläge recherchiert und bestellt. Bei den Suchergebnissen gab es auch folgendes Modell: weißer Briefumschlag mit schwarzem Rand und in der linken oberen Ecke Pfotenabdrücke. Also Tier-Trauerumschläge. Ist vermutlich vorwiegend für große und kleine Hundehalter interessant. Wenn der Wauwau verstorben ist, kann z. B. die Bekanntschaft vom Gassigehen in Kenntnis gesetzt werden und der andere Hund kann dann auch zur Beisetzung kommen. Oder wenn Kinder andere Spielgefährten, die gerne mit dem eigenen Tier gespielt haben, wenn sie zu Besuch kamen, über den Verlust informieren wollen und seelische Unterstützung am Tiergrab brauchen können. Ich weiß schon, dass z. B. ein Hund oder eine Katze wie ein Familienmitglied geliebt und dementsprechend betrauert werden kann. Hat mich trotzdem überrascht, weil so förmlich. Ich habe Kuverts mit einer dreifachen schwarzen Nadelstreifenlinie rundum und mit schwarzem Seidenfutter bestellt.

Fällt schon auf, wenn man es aus dem Briefkasten nimmt, wirkt getragen, aber nicht so düster, wie die mit schwarzem, dicken Rand. Es gab auch noch eine modische Variante mit nur einem dicken, schwarzen senkrechten Strich auf der linken Umschlaghälfte. Sieht zwar gut aus, aber mir etwas zu modisch.

09. Juli 2024

to do:

  • Termin für die Urnen-Beisetzungsfeier abstimmen (ein Fr. im August? Vormittag? Oder gibt es auch Nachmittagstermine?)
  • Sterbeurkunde, sobald vorhanden, an div. Stellen
  • Partezettel machen, drucken
  • Parte per Post to whom it may concern
  • Blumengruß mit Schleife von Valerian etc. (außer schon bestelltem Urnenkranz, meinem Blumenherz und Blütenschale) abstimmen
  • Gespräch mit evangelischem Pfarrer wg. Musik-Reihenfolge u. Lebensstationen in der Rede.
  • danach Restaurant? Café? (Hauptsache angenehm)

Also ich bin gut beschäftigt, außer dem, was sonst sowieso immer zu tun ist. Ist aber auch mental gut, weil sinnvoll und nützlich und auch ein letzter Liebesdienst. Und hilft beim Begreifen, dass der verstorbene Mensch jetzt keinen Anlass mehr für sorgenvolle, auch ängstliche Gedanken gibt, weil ja erlöst von Kümmernis um Bedürfnisse von Leib und Seele. Wenn es sich über Jahre hingezogen hat, sackt das erst nach einer Weile. Das sind dann helle Momente.

Man kann es sich so vorstellen: wenn an einer Körperstelle, z. B. einem Gelenk, chronisch etwas weh tut, und man deshalb in eine Schonhaltung geht, immer in Furcht vor stärkerem Schmerz, verinnerlicht man diese Schonhaltung. Wie ein ängstliches Häschen, das sich vor dem Feind der Wildnis versteckt.

Wenn dann plötzlich der chronische Schmerz weg ist, er keine physische Grundlage mehr hat, weil geheilt, traut man dem Frieden nicht sofort und lauert auf die Rückkehr des innerlich als Normalzustand akzeptierten Leidens. Erst nach einer Weile der unbeeinträchtigten Nutzung des geheilten Körperteils wird eine neue, schönere Normalität verinnerlicht. So ähnlich geht es mir gerade, aber nicht körperlich, sondern mental, seelisch. Ich muss jetzt nicht mehr dauernd mit latenter innerer Anspannung lauern, dass die nächste Hiobsbotschaft meine Mama betreffend kommt.

08. Juli 2024

Mir schwirrt der Kopf. Was alles benötigt wird vom Bestattungsinstitut, worauf ich in Berlin keinen Zugriff habe… u. a. Eheschließungsurkunde der Eltern… Sterbeurkunde des Vaters – heute Vormittag die Überführung ins Bestattungsinstitut veranlasst, dann Absprachen zur Beisetzung, Formulare müssen unterzeichnet werden, die Zustimmung zur Einäscherung… irgendwann ist man als „Kind“ in der vordersten Reihe. Musik hab ich auch ausgewählt, ging schnell (weil schon lange darüber Gedanken gemacht). Und den Blumenschmuck. Kornblumen, Vergißmeinicht und Schleierkraut. Ich weiß, was ihr gefallen hätte. Sowohl Musik als auch Blumen. Muss was essen. Und trinken.

07. Juli 2024

Gute Reise, Mama. An Deinem Geburtstag letzten Sonntag konnten wir noch einmal miteinander sprechen. Du warst schon sehr schwach und ich hab dir eines Deiner Lieblingslieder vorgespielt, „Morning of my life“ von Esther und Abi Ofarim. Jetzt ist Dir leichter. Die letzten schweren Jahre fallen ab und verwehen im Sommerwind. Ich wollte Dich noch fragen, ob das Foto mit dem Fensterladen auf einem Balkon der Villa Bulfon in Velden aufgenommen wurde. Ob Du da ein Zimmer hattest. Es sieht so aus, aber ist nicht so wichtig. Nur, dass Du dort sehr glücklich warst. Deswegen hab ich das Foto auch so gerne, weil ich es immer gespürt hab. Im Fotokurs in der Schule hab ich in der Dunkelkammer einen Abzug gemacht. Der hängt in meinem Flur.

Meine Mama, Karin Maria. 30. Juni 1943 – 7. Juli 2024.

07. Juli 2024

Ich war gestern doch nicht völlig tatenlos. Habe die Cut-outs für den erwähnten Behang für die Front eines großen Serverschranks gemacht und die Ränder mit einer erhabenen Klebstoffkante fixiert. Die Ränder müssen noch plastischer werden, mir ist aber der Klebstoff in der Wohnung ausgegangen, daher fahre ich wohl noch in meine Werkstatt. Normalerweise würde ich das nicht auf dem Wohnzimmerteppich bearbeiten, aber da seit Donnerstag und auch morgen wieder der Maler im meiner Werkstatt malert, kann ich das daheim ungestörter machen. Muss ich eben den Teppich mit Plastikfolie abdecken. Dann will ich die ganze Bahn noch mit einem weniger kalten Weißton übermalen und die erhabenen Kanten mit Blattgold belegen. Hinter die Cut-outs kommt ein transparenter Stoff, eine Art Netz mit diffusen Blattgold-Fragmenten. Das müsste ein Hingucker werden, für den brummenden Serverschrank. Ich konnte den Schriftzug vom Hersteller nicht genau entziffern, ich lese JOUE, finde aber keinen Serverschrank-Hersteller mit dem Namen. Wie auch immer – so heißt das Werk dann. Joue ist das französische Wort für Theaterstücke. Wird jedenfalls ein theatralisches Stück, das Teil!

06. Juli 2024

Gruß aus Rom. Römische Hitze in Berlin. Die Dinge ganz langsam angehen, wenn überhaupt. Es ist Samstag und ich muss nichts. Nirgendwo hin, nichts erledigen. Was gemacht werden könnte, geht auch ein andermal. Sonnenbad genommen. Gerade einen Handstaubsauger mit Kabel bestellt. Fürs Atelier. Ohne Batterie und Akku. Reinstecken und unbegrenzt loslegen, ist mir lieber, als alle zwanzig Minuten aufladen. Ist ja auch nur für eine staubige oder krümelige Ecke hier und da, nichts Aufregendes. Klein und unauffällig. Den bröckelnden Anstrich der Holzverschalung in der Balkongaube zu streichen, habe ich bislang nicht die geringste Lust, aber immerhin schon Farbe und Pinsel. Dann liegt noch eine Bahn eines zweckentfremdeten weißen Rollos auf dem Teppich im Wohnzimmer. Ich habe ein Muster hineingeschnitten, dann wieder von hinten verklebt. Ich will noch weitere Cut outs machen und dies und das. Format 80 x 200 cm, kommt vor einen blinkenden Serverschrank mit einer verglasten Tür, der exakt die Größe hat.

05. Juli 2024

Deutschland im Viertelfinale gegen Spanien gescheitert. Also am 14. Juli kein deutsches Fanfest im Olympiastadion… aber vielleicht ein türkisches. Die machen ja auch Stimmung. Kann morgen Abend beim Viertelfinale Türkei gegen die Niederlande schon mal studiert werden, ist auch im Berliner Olympiastadion. Wenn die Türkei gewinnt, ist auf den Straßen die Hölle los, der Kudamm und die Hermannstraße ein Riesenkonvoi mit Hupkonzert. Ich verfolge diesmal gar kein Fußballspiel, nur heute bißchen was mitgekriegt. Deutschland hat neben Schottland den ältesten Kader, der türkische Kader ist der jüngste. Hatte mich schon gewundert, dass ich überhaupt noch drei Spielernamen (von früher) kenne. Kroos, Müller, Neuer. Muss auch komisch sein für Kroos, bei seinem letzten Spiel für die deutsche Nationalelf ausgerechnet gegen den Kader seiner Wahlheimat Spanien zu verlieren. Bestimmt wird er von den Kollegen von Real Madrid getröstet, wenn er zurückkommt. Weinende Fans finde ich immer herzig. Wenn die dicken Tränen über die Backen mit der Kriegsbemalung kullern. Wenn große, starke Männer wegen einem verlorenen Fußballspiel weinen. Frauen dito. Einfach schön. I like. Intensive Gefühle, aber kein wirklich tragischer Anlass. Wenn hingegen wegen schlimmer Katastrophen geweint wird oder wegen Tod oder existentieller Verluste, finde ich das gar nicht schön. Lieber wegen Fußball!

04. Juli 2024

Der Maler, der den Auftrag hat, den Schaden im Mauerwerk vom Atelierkämmerchen zu spachteln und dann neu zu streichen, war gerade bei mir an der Wohnungstür, um sich die Schlüssel zu holen. Er sieht die Bilder hinter mir, an der Wand vom Flur, und hält mir eine Predigt: „Da sin ja ooch überall Bilder!!! Sie solln die verkoofen! Nich allet selber behaltn!“ Ich: „Jaja, kommt schon noch dazu…“ Er war neulich zur Besichtigung des Schadens in meiner Werkstatt und hat sich im Wortsinne ein Bild gemacht.

Gestern im sehr hörenswerten Spotify-Podcast von Tanja Valérien (hatte Beate mal empfohlen) das Gespräch mit Bibi Johns angehört. Bibi ist schon 95 und immer noch ziemlich fit. Sie malt auch schon sehr, sehr lange und Tanja sprach sie darauf an, woran es läge, dass sie bei ihren Ausstellungen nur Lithographien verkauft, keine Originale. Sie kann sich schwer trennen und antwortete „Aber das sind meine Kinder! Ich verkaufe doch nicht meine Kinder!“. Einmal hätte sie es gemacht, fünf Bilder, die alle von einem Ehepaar gekauft wurden und es hat sie traurig gemacht, obwohl das Paar die Bilder in Ehren hält.

Tanja Valérien outete daraufhin, dass sie ebenfalls lange malt und bei einer Ausstellung befremdet von den Gesprächen über ihre Bilder war. Seither hält sie alles unter Verschluss. Ganz so ist es bei mir ja nicht – mich amüsieren Gespräche über meine Bilder, egal, was da geäußert wird. Und ganz unzugänglich sind sie ja auch nicht alle. Dann kam das Gespräch auf Museen, im weitesten Sinne den öffentlichen Raum. Da zu hängen, ist natürlich klasse, da kann man dann ja auch selbst immer hin. Also wir waren uns recht einig, auch wenn ich an dem Gespräch nur in Gedanken beteiligt war.

Und für alle, die es noch nie gehört haben: Picasso hat seine Bilder nur äußerst ungern veräußert. Seine Lieblinge hat er für sich behalten und auch immer wieder Bilder zurückgekauft. Ebenso Françoise Gilot. Sie hat oft fleißig mitgesteigert, wenn ein Bild von ihr bei Christie’s oder Sotheby’s unter den Hammer kam. Weil sie Sehnsucht danach hatte, es wieder um sich haben wollte, zu jeder Zeit betrachten… Also so eine Exotin bin ich nicht, wenn ich die Kinderschar zusammenhalte. Der Abschied ist ja sowieso irgendwann unvermeidlich. Aber Reproduktionen – immer gerne.

04. Juli 2024

Fast übersehen…! Die Aloe blüht wieder – die einzige von ca. ungefähr siebzehn Exemplaren und dieselbe wie im letzten Jahr. Das ist mir einen morgendlichen Eintrag wert! Zumal ich eine recht faule Gärtnerin bin. Am liebsten hab ich Pflanzen, die nicht viel Aufmerksamkeit brauchen, eigensinnig vor sich hinwachsen und sich ohne mein Zutun vermehren. Daher meine kleine Aloen-Farm. Wie die Ringeltäubchen, die brauchen mich auch nicht, ich gucke nur zu und lasse sie ansonsten in Ruh. Ist wohl der Hippie in mir!

02. Juli 2024

Statt in den Baumarkt zu fahren, weiße Holzlasur und ein Pinselset zum Anstreichen online prime bestellt. Ich gehe ganz gerne ab und zu in den Baumarkt, aber bei der Regenprognose, die mich hindert, das gleich heute zu verarbeiten, doch nicht. Der Südbalkon hat bröckelnde Farbe auf der Wetterseite. Ich streiche lieber selber drüber, als den Handwerker zu bestellen, ist entspannter und keine Wissenschaft. Der eine Balken sollte schon vor bald fünf Jahren mal ausgewechselt werden, ist nie zum Ausführungstermin gekommen, jetzt ist es mir auch langsam egal. Irgendwann kommt wieder der Rundumschlag-Termin für Außenanstrich und dann wird es neu aufgegriffen, nehme ich an. Bei Dachgeschoss, also Balkontüren- und Gauben-Holzverschalungs-Außenanstrich, müssen die Handwerker immer durch die Wohnung. Die Wohneinheiten unter mir haben sowas nicht, da gibts nur Außenfenster, die übers Gerüst gestrichen werden können. Nachteil einer Wohnung unterm Dach.

Apropos Baumarkt, beim Bachmannwettbewerb war ein Text dabei, der im Baumarkt spielt, den fand ich recht gut. „Die Möglichkeit einer Ordnung“ von Dennis Pfabe. Außerdem arbeitet der Autor tatsächlich drei Tage die Woche im Baumarkt. Die Jury hatte auch Lobendes vorzutragen, meine Aufmerksamkeit wurde auch recht gut gehalten, aber den Bachmann-Preis hat er nicht gekriegt. Schade.

Ich hatte sogar mitgevotet, aber nicht für den, weil ich dachte, der ist eh eine Erfolgsgeschichte, sondern für einen Text einer Österreicherin, der für mein Empfinden zu sehr unterging. „Schwestern“ von Ulrike Haidacher. Da ging es um den Besuch einer Enkelin bei der sterbenden Oma im Krankenhaus, dort trifft sie auch auf ihre Mutter. Der ganze Prozess wird minutiös beschrieben, was ihr da durch den Kopf geht, Ängste, schlechtes Gewissen, die Beziehung zur eigenen Mutter, die auch nicht einfach ist. Gefiel mir, weil glaubwürdig, dicht und unaffektiert. Auch der Vortrag war packend, im österreichischen Alltags-Duktus.

Ich konnte nicht verifizieren, wie das Ranking des Publikums-Votings war. Gewonnen hat den Publikumspreis ein vielgelobter, satirischer Text der Österreicherin Johanna Sebauer um „Das Gurkerl„, eine Posse in volkstümlichem, leicht zugänglichem Schreibstil. Ein Unfall eines Zeitungsreporters mit einer Essiggurke, bei dem ihm der Essig schmerzhaft ins Auge spritzt, wird von ihm zu einem Drama von Weltrang hochstilisiert, was ihm als Pressevertreter möglich ist. Woraufhin alle Welt Position pro oder contra Gurke (Gurkenverbot) beziehen muss und leidenschaftlich bezieht. Ein Sinnbild für Aufregungsmechanismen in unserer Zeit, Thema fast schon wurscht. Ich bin mir allerdings recht sicher, dass viele, die dem Text und dem Vorführen der zuweilen grotesk ausufernden Empörungsdynamiken Beifall zollen, auch nicht frei von Beteiligung an diesen Dynamiken sind.

Sei es pro oder contra Impfen, Maske, Gendern, Zuwanderung, Klimapolitik. Dezidierte, schulmeisternde Rechthaberei ist halt offenbar für viele ein befriedigendes Element der Äußerung und des sich Positionierens in der Welt. Thomas Strässle von der Jury (übrigens einer der vier Herausgeber des Bachmann-Frisch-Briefwechsels), bemängelte, dass sich der Text nicht mit Ursachenforschung dieser Dynamik befasst, sondern nur das Phänomen vorführt.

Ich ganz persönlich glaube, dass es vielen Menschen Sicherheit gibt in einer unsicheren Welt, sich auf eine Seite zu schlagen und an der Zementierung einer bestimmten Sichtweise zu bauen. Zudem spürt man sich intensiver, wenn man eine leidenschaftliche Äußerung vorbringt, auch die Reibung belebt, sorgt für erhöhte Intensität in einem langweiligen Alltag. Außerdem bietet es die Möglichkeit von Gruppensolidarität, sich eingebunden fühlen in die Gruppe, die den vermeintlich richtigen und einzigen Weg für das Menschheitsglück und damit das eigene kennt. Also ist es ein Beruhigungsmittel für alle, die Angst vor dem Verschwommenen, Diffusen, Unklaren und Unwägbaren haben. Vermute ich mal. Und die halt noch nicht die Weisheit der Queen haben, die als Alterserkenntnis wissen ließ: „Life is full of contradictions.“

Der zuletzt im Wettbewerb vorgetragene Text „Luft nach unten“ von Tamara Stajner konnte meine Aufmerksamkeit auch noch einigermaßen fesseln. Abermals das Thema Mutter-Tochter-Beziehung. Die Autorin hatte schon beim Lesen eine Körperhaltung, dicht über das Papier gebeugt, die klarmachte, wie autobiographisch es im Text zugeht, gegen Ende konnte sie stellenweise kaum weiterlesen, musste Tränen wegdrücken. Aber das war ihr persönliches Risiko, sie wusste ja selbst wie aufwühlend das Ganze für sie ist. Ich sehe nicht, dass man sie da hätte vor der Kamera-Situation schützen müssen und womöglich abbrechen, wie es auch z. T. Stimmen gab. Sie ist erwachsen und mündig und nicht gezwungen, derart filigrane Bekenntnisse in einem im Fernsehen übertragenen Wettbewerb darzulegen.

Außerdem fand ich „Eine Treppe aus Papier“ von Henrik Szanto über die Autobiographie eines Mietshauses über Jahrzehnte recht gelungen. Hat überraschenderweise auch keinen der Preise erhalten.

Zu den übrigen Texten und Vorträgen mag ich mich nicht äußern, weil sie entweder durchgerauscht sind oder mein Nervenkostüm strapaziert haben. Manches ist gehypt worden, was mir zu modisch und prätentiös daherkam, sowohl inhaltlich als auch stilistisch. Der Preisträger des ultimativen Bachmann-Preises hatte wohl auch einen ganz guten Text, ich konnte aber nicht die erforderliche Konzentration aufbringen, um ihn vollständig zu verfolgen.

01. Juli 2024

Auf dem Heimweg in der S-Bahn links von mir eine Urberlinerin, die mit ihrem erwachsenen Sohn telefoniert. Ich habe ihr so gerne zugehört, dass ich mich nicht auf mein Buch konzentrieren konnte. Es ging drum, dass Oma, also ihre Mutter, ein Problem mit dem Fernseher hat, die Batterien von der Fernbedienung sind wohl alle und keiner weiß, ob irgendwo in der Küche noch welche liegen. Auf jeden Fall sieht man sich ja morgen bei Oma – er soll bitte Batterien mitbringen, „dicke und schlanke! Dann kann Oma heute eben mal nicht fernsehen! Denn isset eben so. Und nu guck weiter Fußball!“

30. Juni 2024

Habe gerade geschaut, was im Sommer 1961 für Schlager in der Hitparade in Österreich waren und demzufolge aus dem Transistor-Radio der beiden Urlauberinnen gekommen sind. Auf jeden Fall immer dabei: „Schöner fremder Mann“ von Connie Francis. Kennt ja jeder, ebenso „Weiße Rosen aus Athen“ von Nana Mouskouri. Die folgenden drei Hits waren mir aber nicht auf Anhieb geläufig: „Wie damals in Paris“ von den Blue Diamonds , „Pepito“ von Los Machucambos und „Sucu Sucu“ von Ping Ping – da kommt nostalgische Partystimmung auf, man möchte abwechselnd den Petticoat oder die Rumbakugeln🪇herausholen!

30. Juni 2024

August 1961, Mama mit Freundin in Kärnten, in Velden am Wörthersee. Sie waren achtzehn und hatten ein gemeinsames Zimmer in einer Frühstückspension, „Haus Kirchheim“ (o. ä.), mit Frühstück auf dem Balkon, in der Nähe zum Strandbad Bulfon. Das war schön, hat sie gerade gesagt. Die Freundin ist die mit der Sonnenbrille. Damals waren Kurzhaarschnitte modern, und zum Schlafen ein Baby Doll anzuziehen. Das war ein sommerlicher Schlafanzug aus einem Baumwollbatisthöschen mit Rüschen und einem passenden kurzen, ärmellosen Oberteil, das auch Rüschen an den Säumen hatte. Und kleine, aufgenähte Schleifchen. Must have! Den bunt gestreiften Bademantel finde ich auch ganz schön. Im Fotoalbum klebt außerdem eine Taxi-Quittung vom 17.08.1961 auf den Namen der Freundin, da haben sie einen Tagesausflug nach Grado in Italien gemacht. 185 km, Preis 260,- Schilling, das waren ca. 40 Mark. Von Grado gibt es auch Fotos vom Strandbad.

29. Juni 2024

Guten Morgen aus dem Badezimmer. Nun aber im Wohnzimmer. Demnächst in der Küche. Lasse nebenher die Übertragung des Bachmann-Wettbewerbs aus Klagenfurt laufen, von 3sat in Kooperation mit dem ORF im Stream übertragen. Gerade liest ein Herr, dessen Herkunft ich der Schweiz zuordne. Das Zuhören strengt mich etwas an, weil die Konsonanten so schwer und zögerlich über die Zunge kommen, als habe er sperrige, hinderliche Gegenstände im Mund, die den Lesefluss beeinträchtigen. Sein Text wirkt auf mich streng konstruiert und langweilt mich leider Gottes. Ich könnte nicht in einem Satz zusammenfassen, wovon er handelt. Im weitesten Sinne philosphische Betrachtungen über dies und das. Über Leichtigkeit und Schwerkraft gerade. Der Mann heißt Semi Eschmamp und häkelt gerne Metaphern, wie den Vergleich einer Sonnencremetube mit Angst. Die Angst macht Urlaub am Meer. Tja. In seiner Kurzbiographie ist zu lesen: „Semi Eschmamp wurde am Zürichsee geboren(,) wuchs dort auf. Er studierte darstellende Kunst in Bern, lebt und arbeitet seit fast 20 Jahren in Berlin. Wobei die Arbeit mehr lebt, als das Leben arbeitet.“ Wer Wortspielereien und allerlei Metaphern liebt, ist bei dem Text evt. gut aufgehoben.

28. Juni 2024

Kreuzfahrtschiff Mitte. Gruß vom Oberdeck, von der Reling, heute Morgen. Um sechs kurz aufgestanden, um einen Schluck Wasser in der Küche zu trinken, hatte den Wasserbecher neben dem Bett vergessen. Der Blick aus dem Fenster erinnerte mich an das Deck eines Kreuzfahrtdampfers. Oder wie ich es mir vorstelle. Der Schornstein vom Dach gegenüber. Ich morgens auf einem Schiff in Mitte. Bin dann noch mal für ein Stündchen schlafen gegangen.

27. Juni 2024

Und dann habe ich Abschied genommen vom Nesthäkchen. Vielleicht ist es heute Abend schon flügge geworden und wenn nicht, bestimmt morgen. Ich werde nicht dabei sein. Ein paar mal hab ich mich noch umgedreht und bin immer noch mal zur Balkontür, um einen letzten Blick auf das Jungtier zu werfen. Es ist mir doch ein bißchen ans Herz gewachsen. Das geht genauso schnell wie mit dem flügge werden, dass man die Tierkinder ins Herz schließt. Vielleicht kehrt es ja einmal zurück und bekommt eigene Küken. Und das könnte schon im nächsten Frühling sein.

27. Juni 2024

Heute früh. Ich hab damit gerechnet, dass das Nest leer ist und beide Taubenküken flügge geworden sind, aber das jüngere Geschwisterkind ist noch da. Ganz allein hat es das Nest für sich und schaut in alle Richtungen. Dass ich näher gekommen bin, hat es nicht gestört. Kein aufgeregter Flügelschlag. Nur vier Tage war ich nicht da und so groß ist es geworden, ein richtiger Teenager!

27. Juni 2024

In aller Herrgottsfrüh. Fotos von 6:41 Uhr. Bin gestern dermaßen früh schlafen gegangen, dass ich so früh aufgewacht bin, dass ich gegen meine sonstigen Gepflogenheiten sehr früh auf bin. Bei angenehmer Temperatur, 23 Grad, alle Fenster und Balkontüren weit auf. Ein frisches Lüftchen weht durch die Wohnung. Und nun sogar schon gebloggt! Vielleicht fahr ich noch zum Gießen in meine schlummernde Werkstatt. Ob die Täubchen schon flügge sind und weg? Ins Büro fahr ich noch nicht. Will meine Kollegen nicht erschrecken, die gewohnt sind, dass ich zwischen halbzehn und zehn eintrudle. Lieber später hin und länger in den angenehm temperierten Räumen weilen, wenn es draußen so tropisch ist, wie gestern. Hat mir auf den Kreislauf geschlagen, die plötzliche Hitze. Aber jetzt gut erholt. Sogar gefrühstückt, mach ich sonst auch nie!

26. Juni 2024

Eine Baustelle weniger. Der Klempner war gerade da und hat in meiner Küche eine neue Armatur installiert. Die zweite, seit das Haus 1997 erbaut wurde. Hab vormittags gearbeitet, als ich ins Treppenhaus kam, saß der Installateur schon auf den Stufen vor meiner Wohnung. Hat sich mit seinem Smartphone beschäftigt und so sicher keine Langeweile gehabt. Er war schon vor dem Termin um 14 Uhr da, ich auch, er konnte gleich loslegen. Nun keine vollgetropfte Plastikwanne mehr unter der Spüle, weil die Armatur oben und unten leckt. Heiß heute in Berlin, hab alle Rollos an meinen Fenstern runtergezogen. Ich leg mich für eine Siesta hin.