01. Oktober 2024

NOW AND THEN. Herbst 2024, Herbst 1967. Siebenundfünfzig Sommer später. Neunundfünfzig und zwei Jahre alt. Ich kann mich noch an den Stoff von dem Wollcape erinnern, das ich als Kleinkind hatte. Die Farbe nicht mehr genau. Dunkelgrau? Aber den Stoff, ein Lodenstoff. Und ich glaube es war eine Zickzack-Litze irgendwo dran. Vielleicht dunkelgrün. Überhaupt erinnere ich mich immer wieder an Kleiderstoffe und Stoffmuster aus meiner Kleinkindheit. Ein Paisley-Sommerkleidchen aus leichtem Baumwollstoff in Goldgelb- und Lila-Tönen. Und einen schwarz-weißen Kapuzen-Anorak mit kleinem Hahnentrittmuster und Reißverschluss. Sehr schick. Wenn ich den nochmal in einer Kiste finden würde, bräche ich bestimmt in Tränen aus. Da fällt mir eine Szene dazu ein. Mein Bruder und ich hatten von Mama eine riesige-Papp-Waschpulver-Trommel bekommen, in meiner Erinnerung fast so groß wie ein Ölfaß, in Wirklichkeit natürlich kleiner. Ich hatte genau den Anorak an, es war bestimmt Herbst, und wir ließen uns abwechselnd die Einfahrt darin herunterrollen. An seinen Anorak kann ich mich überhaupt nicht mehr erinnern.

Außerdem weiß ich noch genau, dass ich alle Strickjacken aus tiefstem Herzen hasste. Sie waren alle kratzig und irgendwie uncool. Aber Strickjacken anziehen war ein Muss. Eine für den Sommer war zitronengelb und hatte am Ende der Ärmel ein oder zwei Streifen in weiß und lila und alberne, goldene Knöpfe. Sie war aus Polyester oder einem anderen ekligen Garn gestrickt, nicht selbst, sondern gekauft und total kratzig. Selber gestrickte mochte ich genauso wenig, weil Wolle auch kratzig war. Ich habe noch heute eine totale Abneigung gegen Strickjacken mit Knöpfen. Unangenehm und hässlich! Genauso wie kratzige Wollstrumpfhosen mit zu kurzen Beinen, wo der Zwickel in der Mitte der Oberschenkel hängt, wenn man sie nicht dauernd nach oben zieht. Bäh! Eigentlich habe ich mich fast gar nicht verändert!

29. September 2024

Lieblingsexponat, last but not least: Skulptur „Aufstrebend“, Edelstahlguß, 1969 von Volkmar Haase (1930 – 2012). Auch hier keine strikte Auswahl nach der Entstehung in den Siebzigern, aber vielleicht in der Dekade erworben. Wikipedia zu Volkmar Haase: „(…) Sein bildhauerisches Werk widmet sich ausschließlich der abstrakten Skulptur. In seinen Arbeiten befasste sich Haase, neben den grundlegenden Themen der abstrakten Kunst, insbesondere mit Themen der griechischen Mythologie wie z. B. Laokoon, Ikarus oder Skylla und Charybdis. Man kann seinen Skulpturen in Göttingen, Witten, Nürtingen, Bremerhaven, Hannover, Wolfsburg, Duisburg und anderswo begegnen. An Berliner Straßen und in Berliner Parks finden sich über 40 zum Teil monumentale Skulpturen. Museen wie das Museum of Modern Art in New York City oder das Wilhelm-Lehmbruck-Museum Duisburg haben Werke von Haase in ihrer Sammlung.“ Sehr beeindruckend.

29. September 2024

Noch einmal zu Barbara Quandt. Hier ist ihr Bild in der Ausstellung, eine Lithographie nach einer Zeichnung zu sehen. Auf der Erklärtafel steht „Ohne Titel“. Sie erzählte mir, wie es zustande kam, was da genau zu sehen ist. Ihr Lebensgefährte zur damaligen Zeit, 1978, war ein Riesen-Fußballfan. Wenn ein Spiel im Fernsehen kam, musste geguckt werden. Sie langweilte sich bei Fußball und beschäftigte sich währenddessen damit, ihren Liebsten zu zeichnen. Sie wollte Zweisamkeit erleben, auch um dem Preis, einem langweiliges Fußballspiel beiwohnen zu müssen.

Mir gefällt der Humor, der aus dem Bild herausspringt. Aber so richtig repräsentativ für ihr malerisches Werk der Siebziger kommt es mir nicht vor, wenn ich an die bemalten Leinwände mit lebensgroßen, wilden Figuren mit Zottelmähnen und punkigen Lidstrichen denke. Es wurden (leider) nur Werke aus dem Galeriebestand gehängt. Vermutlich getragen von Kostenersparnis.

29. September 2024

Bernward Reul im Gespräch mit Gernot Bubenik. Über ihn ist bei Wikipedia zu erfahren: „Gernot Bubenik (* 1942 in Troppau) ist ein bildender Künstler. Er ist tätig in der Malerei, Siebdruck und Radierung, Objekte zum Thema Kunst und Wissenschaft. (…) 1967 erhielt er den Deutschen Kritikerpreis und 1968 den Preis der Grafik-Biennale Tokio. Seine Werke aus den 60er bis 70er Jahren befinden sich in hochangesehenen Sammlungen wie z. B. die des Museums of Modern Art, New York. (…) Gernot Bubenik war maßgeblich an der Gründung der Künstlersozialkasse beteiligt.“

Der für die Eröffnung engagierte Fotograf Piotr Bialoglowicz steht vor einem von drei charakteristischen Pflanzen-Bildern Bubeniks.

29. September 2024

Auch eine schöne Begegnung so nah am Fehrbelliner Platz: der Maler Hans Stein und sein Bild vom Fehrbelliner Platz. In der Ausstellung ist noch mindestens eines, wenn nicht zwei weitere Gemälde von ihm, die mich sofort ansprachen. Was ich ihm mitteilte und was ihn sichtlich erheiterte. Wieder erfahre ich im Nachhinein dank Wikipedia bemerkenswerte Details zum Werk. Nämlich: „Hans Stein (*17. November 1935) …deutscher Maler u. Grafiker. Mit seinen zahlreichen Arbeiten zum Thema Berlin wird er oft als künstlerischer Chronist dieser Stadt bezeichnet. (…)“ Aha!

29. September 2024

„Strauß Mappe“, Weggefährten: Ulrich Baehr, Wolfgang Petrick.

[Zitat]

Strauß Mappe

Druckgrafiken von 32 Künstlern. Solidaritätsaktion für den Berliner Karikaturisten Rainer Hachfeld

21. April–22. Mai 1972

    Rainer Hachfeld ist wegen einer Karikatur von Franz-Josef Strauß in Prozesse verwickelt worden. Da ihm der finanzielle Ruin droht, haben sich 32 Künstler zusammengetan, um ihm zu helfen. Die Strauß-Mappe ist vor allen Dingen ein Akt der Solidarität, und zwar in zweifacher Hinsicht: erstens soll durch den Verkauf der Mappe Geld für die Prozeßkosten bereitgestellt werden, zweitens bestehen die beteiligten Künstler mit Hachfeld auf dem Recht, die antidemokratischen Tendenzen des Franz Josef Strauß darzustellen und zu interpretieren.

    Pressestimmen

    Rhein-Zeitung, 4.5.1972 (Jürgen Beckelmann)
    “Siebzigtausend Deutsche Mark soll der Berliner Karikaturist Rainer Hachfeld zahlen, weil er auf einem Plakat den CSU-Vorsitzenden so darstellte, dass dessen Arme und Beine ein Hakenkreuz bildeten. Strauß klagte, Hachfeld verlor, und um seine Prozesskosten decken zu helfen, schlossen sich 32 Künstler zusammen. Gemeinsam gaben sie ene Strauß-Mappe heraus, die seit einigen Tagen in Berlin und 15 westdeutschen Städten ausgestellt ist, so in München, Düsseldorf, Kiel, Tübingen und Göttingen. Die Grafikfolge, in 165 Exemplaren zum Preis von je 635 Mark aufgelegt, ist bereits restlos vergriffen.
    Quelle

    Anmerkung: Anfang der Achtziger Jahre besuchte ich, anlässlich einer Wahlkampfrede von Franz-Josef Strauß auf dem Nürnberger Hauptmarkt, mit einer Freundin eine Gegenkundgebung unter dem Motto „Stoppt Strauß“ am selben Ort. Die dortige Wahlkampfrede Anno 1983 erinnert der damals sechzehnjährige heutige Ministerpräsident Markus Söder (CSU) als sein Initiationserlebnis, sein Idol FJS betreffend. Anschließend habe er sich ein Plakat mit dem Konterfei von Strauß besorgt und überm Bett von seinem Zimmer im Elternhaus aufgehängt, da er ihn cool fand. (Ich nicht;-))

    29. September 2024

    Mehr Petrick. Wikipedia: „Wolfgang Petrick (* 12. Januar 1939 in Berlin) ist ein deutscher Maler, Grafiker und Bildhauer. Von 1975 bis 2007 war er Professor für Bildende Kunst an der Hochschule der Künste Berlin, inzwischen UdK. Wolfgang Petricks Werk spiegelt den in den 1960er Jahren erneuerten Kritischen Realismus und aktualisiert ihn mittels dystopischer Bildmotive und Installationen.“ Hier am 22.09.2024 vor einer seiner Radierungen.

    29. September 2024

    Die Autorin Barbara Quandt. Ja, auch das. Als berufene Fachfrau in Sachen Autobiographien kann ich beurteilen, dass hier eine geborene Schriftstellerin ihre Erinnerungen festgehalten hat. Eine der kurzweiligeren Autobiographien in meiner umfangreichen Bibliothek dieses Genres. Ich habe keine einzige Seite gelangweilt überblättert. Wer Interesse hegt, ein wildes, hemmungsloses Künstlerleben einer echten Berliner Pflanze durch die Sechziger und Siebziger und Achtziger bis in die Gegenwart lesend zu begleiten, greifen Sie zu. Das Buch heißt „Tell me what is Art“ und ist 2016 im Kerber-Verlag erschienen. Es wird zwar als vergriffen ausgewiesen, aber ich habe es bei Amazon gefunden. Oder auch direkt über Kontakt zu Barbara Quandt noch erhältlich. In der Ausstellung ist es nicht verfügbar, ich hatte mein Exemplar eigens mitgebracht, da ich mir recht sicher war, dass sie käme. Es war eine ebenso schöne Begegnung wie beim ersten mal, letztes Jahr bei der Zeitgeister-Ausstellung, wir hatten gleich einen Draht!



    29. September 2024

    Keineswegs tot, sondern vollständig lebendig: die große, umtriebige Barbara Quandt, ebenfalls in der Ausstellung mit einem Bild vertreten und leibhaftig zur Eröffnung erschienen. Über sie ist eine Menge im Internet zu finden, Wikipedia weiß so einiges und eine eigene Seite hat sie auch. Ich vermisste in der Ausstellung wenigstens eines ihrer sinnlichen, farbexplosiven, großen Formate.

    29. September 2024

    Zurück zur Ausstellung „Polyphonie„. Ich fotografierte die ausgestellten Werke von August Jäkel und Siegfried Kischko. Die Künstler habe ich nicht einfangen können. Sicher wären sie gerne gekommen. Aber sie sind tot. Schon 33 bzw. 34 Jahre. Der Wikipedia-Eintrag für Jäkel weiß gar nicht, dass er 1990 gestorben ist. Siegfried Kischko hat leider keinen, von ihm ist die Grafik „Galactus“. Eines der Werke, das meine frohen Erwartungen an die Ausstellung erfüllte. Es gibt nicht sehr viele Verweise zu ihm im Internet. U. a. wird auf der Wikipedia-Seite zur legendären ersten Berliner Produzenten- bzw. „Selbsthilfe“-Galerie „Großgörschen 35“ erwähnt, dass er dort 1966 eine Einzelausstellung hatte, aber mehr auch nicht. Die Galerie wurde vor sechzig Jahren von ambitionierten Künstlern in einer Schöneberger Fabriketage in Selbstverwaltung eröffnet. Sie hatten keine Lust darauf zu warten, dass sie eine etablierte Galerie als relevant erachtet und wurden tätig. Die Produzentengalerie bestand vier Jahre, bis 1968, und „hatte Modellcharakter“, wie es bei Wikipedia heißt. Das also ist unter einer Produzentengalerie zu verstehen – wer es nicht wusste.

    28. September 2024

    Gestern beim Berlin Beat Club. Auszüge aus dem Mädels-Gruppenchat von vorher, kurz vorm Losgehen:

    Gaga
    Wär schön, Doro, Lydia, wenn ihr früher im Ballhaus seid – ich schaffs nicht zu 19 Uhr, muss mich noch fertig machen, um 20 Uhr krieg ich hin…! Bitte Platz freihalten ❤

    Lydia
    Okay, ich tapse gleich los. Ist ja ne Challenge für mich, wieviele Plätze halte ich denn etwa frei?

    Doro
    Ich schaffs nicht bis 7, kurz danach hoffe ich aber. Braucht noch jemand ein Ticket? Hab eins über. Bis gleich!! Meine Freundinnen Barbara und Geli kommen auch schon um 7, ich hab denen auch unsren Tisch empfohlen!

    Gaga
    ja, heb das Ticket für mich auf, Doro!

    Doro
    Oh cool, mach ich! Ich fahre mit Geli und Barbara um 19:20 hier mit dem Rad los und bin dann kurz nach halb da … wer zuerst kommt, besetzt 5 Plätze!

    Gaga
    Mega!

    Lydia
    Ich bin jetzt da. In der Schlange, die sich langsam nach innen bewegt

    Gaga
    Bin gerade am Wimperntuschen 💋💄👁

    Lydia
    7 Minuten zu spät, weil ich wie immer noch Geld holen musste 🙄

    Gaga
    Na früher als wir alle!!! Jetzt nur noch anziehen!

    Lydia
    Dennoch unten schon alle Tische dicht, ich bin oben an der Lampe 43. Ich persönlich finde es cool. Der Tisch hat vier Plätze. Ich probiere derweil bisschen mit dem Telefon rum.

    Gaga
    Mega, stellen wir einen Stuhl dazu, du bist die Größte!!!!!
    Ach so oben… äh…. haha, da sind immer Tische frei, egal wann man kommt – aber okay! War unten auch kein kleiner frei? Oder zwei kleine?

    Lydia
    Nee, keine Chance. Vor mir war eine so größere Gruppe und bis die endlich drin waren, alles weg.

    Gaga
    Ich werde mich aber tendenziell eher unten aufhalten, oder halt die Treppe runterjagen, wenn geile Nummern anstehen – siehste, die Alten, die Rentner, die kriegens immer hin mit den Tischen – aber die müssen ja auch nicht mehr arbeiten! Aber letztlich: BESSER als ein Abend, wo wir die einzigen Besucher wären, weil keiner die olle Band hören will 🙂 ist halt Kult, unser Berlin Beat Club ❤ Immerhin kann ich jetzt zum Türsteher sagen: eine Dame am Ober-Tisch mit der Lampe Nr. 43 hat mein Ticket 🙂 Nichts Schlimmeres soll uns widerfahren!

    Lydia
    Ja, ich kann es dir auch virtuell weiterreichen. Doro ist noch nicht da. Ich hoffe, ich übersehe sie nicht. Na, ich meinte doch, indem ich mit dem Handy runterkomme.

    Gaga
    Mir alles recht – ich mach jetzt Schluß!

    Doro
    Bin hier!

    Lydia
    Drinnen? Ich bin oben. Am Tisch 43. Treppe hoch und dann rechts.

    Gaga
    Ich geh jetzt los!!! Die Nummern stehen an den leuchtenden runden Lampen an den Tischen!!!

    Doro
    Wir sitzen oben!

    War wieder schön gewesen! Alleine schon, dass einen der Sänger danach persönlich fragt, ob man „the evening enjoyed“ hat, bürgt für die absolute Ausnahmequalität der Veranstaltung. Noch gibt es keine Berlin Beat Club-Anstecknadeln, aber ich bin auf jeden Fall Club-Mitglied und Fan, und zwar so lange es den Berlin Beat Club geben wird, was so Gott will, noch sehr lange sein wird. Ein weiblicher Gast hatte einen runden Geburtstag und es wurde wieder das Beatles-Geburtstagslied gesungen. Wir haben in unserem Damenkränzchen gerätselt, ob das Geburtstagskind eher fünfzig oder doch schon sechzig geworden sein könnte. Die Meinungen gingen auseinander! Ihre Moves beim Tanzen waren noch recht flüssig, daher tippte ich eher auf fünfzig. Aber kann mich irren. Sah vom Typ her auch aus wie jemand, der eine Yoga-Matte daheim hat, das hält glaube ich auch geschmeidig. Jünger Rüberkommen, hängt hauptsächlich von dynamischen, kraftvollen, locker und mühelos wirkenden Bewegungsabläufen und gerader Haltung ab, viel viel mehr noch, als von einem faltenfreien Gesicht.

    28. September 2024

    Die Waschmaschine ist fertig. Gleich nehme ich das Kleid raus und hänge es auf. Das war gestern mein Berlin Beat Club-Outfit, eine Pucci-Kopie aus dem „Garderobe“-Laden in den Hackeschen Höfen. Einer hat so wild vor mir getanzt, dass er mit meinem Arm kollidierte, in dem ich mein Bierglas hielt, woraufhin mir der Inhalt ins Gesicht und komplett über meine Vorderseite schwappte. Ich nahms locker und tanzte weiter, wenn es sich auch ein bißchen unangenehm anfühlte. Dass Bier so klebrig ist, war mir vorher gar nicht bewusst. Ich roch wie eine alte Bahnhofsspelunke und kam recht bald unbehelligt heim, schön den Abstand zu anderen Personen wahrend. Ich wollte nicht wegen Geruchsbelästigung auffallen. Außerdem ist heute zu bemerken, dass der 92. Geburtstag meines Vaters wäre und der 90. von Brigitte Bardot ist.

    26. September 2024

    Norbert Wiesneth, Assistent der Leitung und Kurator der Kommunalen Galerie Berlin sprach anlässlich der Ausstellungseröffnung von „Polyphonie“ und des fünfzigjährigen Jubiläums als einer von fünf oder sechs Rednern. Die goldenen Schuhe gehören Elke von der Lieth, der gegenwärtigen Leiterin der Kommunalen Galerie Berlin, auch sie hatte gesprochen. Das hier sind sehr konventionelle Aufnahmen, wie sie zumeist bei Ausstellungseröffnungen gemacht werden – und die mich – wir sind hier ja ganz unter uns – etwas langweilen. Wobei mich schon die Gruppe der ersten Reihen des Publikums interessierte, da viele der ausgestellten Künstler darunter waren. Der kundige Jan Sobottka,

    im himmelblauen Hemd, links von einem Werk von Wolfgang Petrick, war mir hier – wie so oft – überaus hilfreich, wenn ich herauszufinden versuchte, ob der Autor eines Werkes, das mir besonders aufgefallen war, persönlich anwesend war. Barbara Quandt und Wolfgang Petrick waren mir vorher bekannt, beide waren gekommen. Jan konnte noch bei einigen anderen Künstlern seine umfangreichen Who-is-Who-Kenntnisse mit mir teilen, dafür bin ich ihm dankbar. In der Folge werde ich einige hier würdigen.

    26. September 2024

    Polyphonie. Eine neue Ausstellung in der Kommunalen Galerie. Fünfzig Jahre gibt es die Galerie nah dem Fehrbelliner Platz. Zum Jubiläum werden Exponate aus dem Bestand der Sammlung der Galerie gezeigt, die im Jahrzehnt der Gründung, den Siebzigern, entstanden sind. Sechsundzwanzig Namen sind vertreten, die sich letzten Sonntag persönlich einfanden – sofern sie noch lebten. Ich hätte sie übers Mikrophon begrüßt und dann aufs Podium gebeten.

    24. September 2024

    Farewell and Goodbye to Spetsai. στο καλό. Am Hafen wartet ein fliegender Delphin. Der blau-gelbe Flying Dolphin bringt mich zurück nach Athen. Wo sich die Begegnung mit Steven Adamopoulos, der aussah wie Helmut Newton, und seiner niederländischen Geliebten Judith Walboomers (die – wie ich soeben dank Internet entdeckte – eine erfolgreiche Bildhauerin wurde) abspielte, ist mir entfallen. Vielleicht leisteten sie mir angekommen in Piräus Gesellschaft, da ich noch Zeit hatte, bis ich zum Flughafen zu meinem Rückflug nach Berlin musste. Ich erinnere Bruchstücke, aber klar, dass wir sofort einen Draht hatten.

    Steven, der vermutlich Stefanos hieß, war Athener und wirkte ungeheuer cool. Er kriegte es hin, in Gegenwart von Judith mit mir zu flirten, es schien sie zu amüsieren oder sie hatte sich daran gewöhnt, dass er gerne neue Kontakte knüpfte. Sicher spürte sie auch, dass ich lediglich die launige Konversation genoss, nicht mehr. Eigentlich wollte ich gerne die Akropolis aus der Nähe sehen, aber das war zeitlich nicht mehr drin. Ich glaube, ich fragte den Taxifahrer, ob er nicht einen Umweg fahren könnte, um wenigstens aus dem Taxi einen Blick darauf zu werfen. Die getauschten Adressen wurden in das Album geklebt, mehr ist nicht geschehen. In das zweite Album meiner unvergesslichen, ersten Griechenlandreise nach Spetsai, 1991, das ich hiermit schließe.

    23. September 2024

    Letzter Strand vor der Rückreise. Noch nicht erzählt habe ich, dass es einmal eine Familienfeier gab, vielleicht ein Geburtstagsfest, in einem sehr schönen, größeren Restaurant am Hafen. Mit langen Tischen, fein eingedeckt mit weißen Tischtüchern. Die Gäste, besonders die weiblichen, waren gekleidet wie für eine schicke Party. Es gab bodenlange, eng anliegende weiße Stretchkleider mit Strass an Spaghettiträgern, großes, tiefschwarzes Augen-Make up, Smokey Eyes mit viel Eyeliner, sowie in die Haare geschobene Sonnenbrillen mit Gold-Emblemen. Und Handies, die hin und wieder lässig aus den Abendtäschchen geholt wurden. Ich hatte das bislang in Deutschland vergleichsweise selten gesehen, aber auf Spetsai hatten die jungen, gestylten Griechinnen und Griechen 1991 durchweg Mobiltelefone. Das war auch deshalb interessant zu beobachten, weil ich ja aus Deutschland kam, das man mit wegweisendem, gutem technischen Standard in der Bevölkerung verband. Ich staunte nicht schlecht. Es gab Spezialitäten vom Grill, frisch gefangenen Fisch, Meeresfrüchte, was das Herz begehrt.

    Und natürlich griechischen Wein und Musik. Ich weiß aber nicht mehr, ob es live Musik war. Nur, dass bald am späteren Abend getanzt wurde, indem sich die ganze Gesellschaft im Kreis aufstellte und dann wurden mit viel Feuer gemeinsam traditionelle Tänze ausgeführt. Nicht nur Sirtaki, es gibt da noch andere. Ich wurde – weil ich ja an dem Abend zur Gesellschaft gehörte – auch aufgefordert mitzutanzen, obwohl ich zuerst zu schüchtern war, aber sie ließen nicht locker und dann war mir klar, nicht mitzumachen, wäre viel peinlicher, als sich ungeschickt zu bewegen. Dabei war es ganz einfach. Die Schritte wurden von allen synchron ausgeführt, wie von einem eingespielten Ballett, es war ganz spielerisch. Und dann gab es immer den Moment, wo einer aus dem Kreis in die Mitte trat und alleine tanzte, seine ganze Lebensfreude zeigte und die anderen feuerten an. Und dann war ich dran. Ein Glück, dass ich nicht nur von der Musik und dem gemeinsamen Tanzen berauscht war, sondern auch mehr Mut durch den Wein hatte, der in Strömen floss. Da fand ich mich plötzlich mitten im Kreis, um mich etwa dreissig strahlende und im Rhythmus klatschende Griechinnen und Griechen, die mir das Gefühl gaben, eine von ihnen zu sein. Der Solo-Tanz dauerte vielleicht drei oder fünf Minuten, dann wurde gejubelt und applaudiert und mir gratuliert und versichert, dass ich es sehr gut gemacht hätte. Es war so ein Fest. Nie mehr danach habe ich Ähnliches erlebt. Dass es diese Klischees, die man aus dem Alexis Sorbas-Film kennt, in der Wirklichkeit gibt, Gläser zu Bouzouki-Klängen juchzend vor Lebensfreude auf Steinböden geschmettert werden, absolut unvergesslich. Habe ich das wirklich erlebt? Ja…

    22. September 2024

    Letzte Tage auf Spetsai. Ich mache immer noch neue Bekanntschaften. Das geht so: ich spaziere alleine herum und werde neugierig, immer sehr freundlich und höflich und auch etwas ungläubig gefragt, ob ich ganz alleine unterwegs bin. Dann scheint sich so eine Art Reflex einzustellen, den Reiseleiter für mich spielen zu wollen. Ich bekomme Hinweise und Vorschläge, was ich mir noch angucken könnte und manchmal wird auch ein Lied oder zwei auf der Gitarre vorgespielt oder ein „Lift“ mit einer Vespa zu einer schönen Ecke angeboten. Bedrängt wurde ich nie. Aber ein bißchen geflirtet wurde schon, was mir auch gefiel. Diese spezielle griechische Variante mit sehr viel höflicher Zurückhhaltung, die einem deutlich die Entscheidung überlässt, in welche Richtung es geht. Meistens blieb es von meiner Seite aus bei launiger Konversation und so passierte auch nichts weiter, aber es lag was in der Luft, das war sehr angenehm. Wie ein bißchen beschwipst.

    Der Troubadour hier mit der Gitarre hieß Jorgos und war der Inhaber eines kleinen Cafés irgendwo in der Nähe vom Strand Vrellos. Daß er so hieß, weiß ich, weil ich im Album neben die Fotos kritzelte „der andere Jorgos“. Demzufolge gab es noch einen weiteren Jorgos. Eventuell war das der Skipper, mit dem auch nichts lief, der mich aber dauerhaft schüchtern umgarnte und mir jede Menge Seemannsgarn zuteil werden ließ. Er hatte berufsbedingt diese Jet Set-Connection zu den Niarchos-Söhnen und war mal Skipper bei Caroline v. M. und hatte viel zu erzählen.

    21. September 2024

    Ein besonderes Gute-Nacht-Lied. Von und für Leonard Cohen, der heute irgendwo da oben im Sternenhimmel über der Ägäis, ganz nah bei Hydra, neben Spetsai, seinen neunzigsten Geburtstag feiert. Das Video ist nach seinem Tod entstanden, gedreht auf Hydra, bei und in seinem Haus, in dem er von 1960 – 1967 lebte, und das heute seinem Sohn gehört. Kalinichta Leonard, καληνύχτα

    I loved your face, I loved your hair
    Your T-shirts and your eveningwear
    As for the world, the job, the war
    I ditched them all to love you more

    And now you’re gone, now you’re gone
    As if there ever was a you
    Who broke the heart and made it new
    Who’s moving on, who’s kidding who

    I loved your moods, I love the way
    They threaten every single day
    Your beauty ruled me, though I knew
    It was more hormonal than the view

    And now you’re gone, now you’re gone
    As if there ever was a you
    Queen of lilac, queen of blue
    Who’s moving on, who’s kidding who

    I loved your face, I loved your hair
    Your T-shirts and your eveningwear
    As for the world, the job, the war
    I ditched them all to love you more

    And now you’re gone, now you’re gone
    As if there ever was a you
    Who held me dying, pulled me through
    Who’s moving on, who’s kidding who

    21. September 2024

    Angekommen am Strand von „Agii Anargyri„, wo sich Stavros gerne aufhielt. 31. Juli 1991. Ich komme beim Betrachten der Bilder der Aufklärung langsam näher, wer die Vespa gefahren hat. Nicht Stavros, sondern wahrscheinlich der Mann mit der John Lennon-Sonnenbrille. Im Album steht rechts vom Bild: „(mein ‚Freund‘ aus London mit dem französischen Vornamen oder so –, den ich vergessen habe.)“ Ich kann mich nur vage an die Begegnung erinnern, die vielleicht in Dapia stattgefunden hat. Der Brite, mit dem mir schon beim Anlegen des Albums nicht mehr erinnerbaren französischen Vornamen, war mit seinen beiden Best Buddies auf der Insel gelandet und sie hatten ganz spontan ein größeres Ferienhaus gemietet, in dem ich auch einen Nachmittag mit ihm verbracht hatte. Wir führten eine launige Konversation und vermutlich ergab sich daraus die Verabredung für einen Trip zum entfernten Strand von Agii Anargyri. Er scheint auf dem Foto am selben Strand zu sein, man erkennt die Liegestühle. Was für mich ungewohnt war, an einem Strand in einem Stuhl zu liegen, wo man noch dazu eine Art Eintritt zahlen musste. War mir völlig befremdlich, da ich einsame Buchten ohne Möblierung liebte.

    Warum der Strand Stavros so gut gefiel, war mir schleierhaft. Viel zu voll und flach für meinen Geschmack. Ich mochte felsige Buchten. So blieb das auch mein einziger Besuch an diesem frequentierten Ort. Der kleine Flirt mit dem Briten ging hauptsächlich von ihm aus, ich ließ mich ein bißchen darauf ein, weil ich etwas enttäuscht war, nachdem Stavros mir eröffnet hatte, dass seine Freundin aus Athen am Wochenende zu erwarten wäre und er daher keine Nacht mehr mit mir verbringen könnte. So ergaben sich andere Kontakte. Möglicherweise sahen wir ihn sogar mit seiner Freundin an diesem Strand und er ließ nicht erkennen, dass wir uns kannten – aber das ist mir entfallen. Amüsiert mich gerade beim Schreiben, dass ich ungeniert amouröse Details dieser Reise offenbaren kann, weil sie so lange zurückliegen, quasi verjährt sind und mir heute banal vorkommen. Würde mir heute etwas Ähnliches widerfahren, wäre es mir trotz identischer Eckdaten peinlich, unverzüglich darüber zu berichten. Liegt wahrscheinlich daran, dass Dinge, die nicht abgeschlossen sind, in der eigenen Biographie noch nicht „historisch“, noch „atmen“.

    20. September 2024

    Womöglich wäre der heutige runde Geburtstag von Sophia Loren an mir vorbeigerauscht, aber Saskia, die seit neulich im Blog „Mitteschnitte“ feine Kolumnen auf genau meiner Wellenlänge schreibt, hat daran gedacht. Reflexartig muss ich unter jedem ihrer Einträge kommentieren, es fällt mir halt immer was dazu ein. Am meisten amüsierten mich bislang ihre Betrachtungen unter der Überschrift „Lost in Communication – warum ich Sprachnachrichten nicht leiden kann.“ Wer länger keine erheiternde Lektüre gefunden hat – hier ist sie. Aber der heutige Freitag ist ganz und gar der unvergleichlichen Sophia gewidmet, ich kann mich Saskia nur abermals anschließen und aus vollem Herzen sagen „That’s Amore!“ So die Überschrift ihrer Kolumne anlässlich des Wiegenfests. Und natürlich musste ich abermals kommentieren:

    „Kann man denn Sophia auch NICHT lieben? In meiner Küche hängen seit Ewigkeiten zwei Fotografien von ihr, die hier, schön gerahmt, für eine Lasagne-Werbung, und Sophia von hinten, am Fenster vom Hotel Carlton in Cannes (1955 v. Edward Quinn eingefangen). Auch wunderbar: wenn sie singt, besonders dieses Lied, das griechische „Ti ’ne afto pou to lene agapi“. Große Liebe“ 💋

    19. September 2024

    Auf dem Weg zur Bucht und zum Strand von „Agii Anargyri“ auf der anderen Seite der Insel. Wie ich da hingekommen bin, und wer das Foto gemacht hat, weiß ich nur noch dunkel. Ich saß definitiv auf dem Sozius eines Motor-Rollers, die (damals, 1991) einzig gestatteten, motorisierten Fahrzeuge auf der Insel. Aber wer war der Fahrer? Der Skipper? Einer der Söhne? Stavros? Meine nächste Urlaubsbekanntschaft? Ich weiß es nicht mehr. Jedenfalls war der Grund, den Strand aufzusuchen, die Bemerkung von Stavros, dass es der schönste Strand sei, wo er am liebsten schwimmt, was mich neugierig gemacht hatte. Also das Foto von mir hat auf jeden Fall der Fahrer der Vespa gemacht, wer auch immer das war. Denn zu Fuß bin ich da ganz bestimmt nicht hin, viel zu weit. Ich erinnere den schönen Tag, den lauen Fahrtwind, die schönen Ausblicke auf die Küste und die Buchten, die leere Küstenstraße. Nur ganz selten kam eine andere Vespa entgegen.

    Ich hatte den Eindruck, dass die Insel so wenigen bekannt ist, dass die überschaubaren Besucher selbst in der sommerlichen Hochsaison untergingen. Daran könnte sich wenig geändert haben. Bis heute ist mir seither niemand in Berlin begegnet, der die Insel jemals bereist oder auch nur ganz vage je von ihr gehört hätte.

    18. September 2024

    Die Tage auf Spetsai fliegen dahin, aus Juli wird August. Nun kenne ich die Tavernen am Hafen von Dapia. Ein Skipper sitzt oft im Café, wo die Jachten ankern. Beflissen erzählt er mir alles, was er über die Insel weiß und macht mich mit anderen Gästen bekannt. Zum Beispiel mit dem lustigen älteren Kapitän mit dem blauen Shirt, der Spetsai zu seinem Ruhesitz erkoren hat. Wie viele Kapitäne im Ruhestand. Der Wohlstand der Insel beruht wohl auf einer langen Tradition des Schiffsbaus und so ein Kapitän ist gerne dort, wo besonders schöne Schiffe anlegen. Ich dachte, ich traue meinen Augen nicht. Das ist doch Burt Lancaster! Verkleidet als Kapitän! Ich habe es bis heute nie jemandem verraten, erst jetzt, dreiunddreißig Jahre später, daß er seine letzten Lebensjahre komplett inkongnito auf einer kleinen griechischen Insel verbrachte!

    17. September 2024

    [ Reisenotizen 21. Juli 1991 ]

    „Benommen. Etwas „benommen“. Nach was für einem Traum… 21. Juli 1991, Sonntag 23.53 h, Spetses. (Was war das eigentlich mit Stavros…?) Nach beinahe 5 Jahren schlafe ich sofort mit einem 51-jährigen, kleinen Griechen. Ruhig, Haarausfall am Hinterkopf wie S. G., schwarzes Haar. Der Barkeeper vom „Le Figaro“… Black Blue-Jeans, weißes T-Shirt von „Le Figaro“, schwere Gold-Uhr, graue u. schwarze Haare auf der Brust – sagte so angemessen „What?!“, so nachdrücklich – wunderbarer Moment… ganz wunderbar… und ich sage in diesem wunderbaren Augen-Blick „Moon is in Scorpio…“ Er schüttelt ernst den Kopf, als sei er anderer Meinung. Ich sage, „I know for sure“. Er behält mich im Auge, behielt ihn im Auge – eine Nacht lang – „I could sit here for the rest of my life and watch you… you make me feel good… Vorgestern, Freitag/Samstag, Sa/Sonntag, schon nicht mehr der Rede wert, wenn nur angenehme Gefühle zählten. Als hätte sich alles in mir auf diesen Traum vorbereitet….. Ganz abwesend war ich – was für ein klarer Traum…

    Auf einem unserer schattigen Gänge begegnet mir G. Diesmal bleibt er stehen und mit seinem ernsten und eindringlichen Blick beginnt er mich zu überzeugen… Davon, daß wir unsere Hände von den Armen abtrennen müssen. Ich zögere nicht eine Sekunde, zu allem bereit lasse ich mir von ihm die Hände abschneiden, die er nimmt, mir seine dafür gibt. Nun habe ich seine Hände, die Nahtstellen, die Wunden sind in wenigen Minuten verheilt bis auf kleine Stellen, da seine Handgelenke etwas kräftiger sind und nicht haargenau auf meine passen. Es ist ein ernster, schöner Augenblick. Jetzt sind wir miteinander verbunden. Um sich für mein Entgegenkommen zu bedanken, lädt er mich zu sich ein, in seine neue Wohnung… ein „Einweihungsfest“ vielleicht. Ich betrachte meine neuen Hände, seine Männerhände, etwas gröber als meine, die nicht ganz zu mir passen, aber die ich liebe. Und er trägt meine Hände, kann sie immer sehen, muß sich damit berühren – Alles – Ich bin zu Hause, noch bei meinen Eltern, Andi ist da, wie immer, – ich suche eine Schallplatte in der Sammlung meines Vaters, er ist in der Nähe und ich hoffe, daß er nicht bemerkt, daß ich andere Hände habe, da mir keine Erklärung – für ihn – einleuchtend genug erscheint. Schallplatten von Andi sind dabei, von denen ich keine Ahnung hatte, daß er diese Musik hört – „Carmina Burana“. Mehrere Langspielplatten. Als ob er vor mir verbergen wollte, daß er sich zu so ernster und religiöser Musik hingezogen fühlt, – um mir keine Sorgen zu bereiten, über die Verfassung, in der er sich befindet. Unausweichlich. Eine Vorbereitung auf …seinen Tod. Um seine kleine Schwester – mich – zu schonen… Szenenwechsel. Nach Feierabend. Ich fahre mit I. Rohde in Fahrstuhl eines modernen, mehrstöckigen Wohnhauses, in dem sie seit einigen Monaten wohnt. Sie muß im 6. Stock raus. G. wohnt nun auch in dem Haus, auf derselben Etage oder im 9. – ja, im 9. Stockwerk. Seine Einladung ist an diesem Abend. Ich sage nicht, daß ich auf dem Weg zu ihm zu ihm bin. Mit einem amüsierten und warmen Blick läßt I. Rohde durchblicken, daß ihr schon lange klar ist, daß zwischen uns irgendetwas los ist. Sie sagt nur, als sie aussteigen muß, so etwas wie:

    „…Na endlich – das hat aber auch lange genug gedauert mit euch!“ – Ich lächle verlegen und fahre weiter, steige aus und finde alles sehr modern. Am Klingelschild vor seiner Tür steht kein Name, sondern die Berufsbezeichnung „Liedermacher“… (?!) Mir ist klar, daß er damit seinen „wahren Beruf“ andeuten will. Er öffnet, ernst wie immer, bittet mich in die große, sehr technisch wirkende Wohnung. Sein Zimmer oder eines davon wirkt wie ein Tonstudio, unzählige Gitarren und andere Instrumente stehen in Glasregalen, auf mehreren Tischen befinden sich elektronische Vorrichtungen, Mischpulte etc. An einer Wand eine Grafik, eher geometrisch, blau, schwarz. Die Teppiche sind grau, alles wirkt teuer, „erlesen“. Ich staune über seine kostbare Wohnung. Freunde sitzen auf dem Boden, in schummriger Beleuchtung, viele Männer in seinem Alter etwa, auch die Frauen, Akademiker, „Szene-Typen“. Ich finde viele sympathisch, man spürt, wieviel Respekt sie ihm entgegenbringen. Ich empfinde es als unbeschreibliche Ehre, von ihm eingeladen worden zu sein, daß er mir einen Einblick in seinen privatesten Bereich gewährt. Er steht im Mittelpunkt ohne sich auffällig zu benehmen. Es wird klar, daß er in dieser großen Wohnung nicht alleine lebt, es gibt noch einen oder zwei männliche Mitbewohner. Ich stelle etwas überrascht fest, welchen wichtigen Platz sein Privatleben in seinem Leben einnimmt, wie wichtig für ihn diese Wohnung zu sein scheint, welchen Wert er auf die Auswahl seiner Einrichtung legt, wie penibel sauber und aufgeräumt alles ist, diese übertriebene Ordnung. Es gibt ein Zimmer, das die Funktion eines Weinkellers hat. Bis zur Decke, nach Jahrgängen sortiert, stapeln sich unzählige Flaschen, der teuersten Weine, die er sammelt. Ich frage mich verblüfft, ob er all sein Geld in die Finanzierung seines Einrichtungs-Ticks und seiner teuren Hobbies steckt + er sich dafür zuweilen finanziell übernimmt… Ich halte Ausschau nach seinem Bett und seinen Augen.“

    Fußnote: Bei „G“ bzw. „S. G.“ handelte es sich um einen wesentlich älteren Mann, einen Dozenten, der mir immer wieder an meinem Arbeitsplatz über den Weg lief, und der gegen meinen Willen erotische Obsessionen bei mir auslöste, in meinem Kopf wohlgemerkt. Es gab niemals irgendeine tatsächliche Form der Annäherung, gesprochen wurde nur über professionelle Angelegenheiten und das höchst selten, da wir nicht direkt zusammenarbeiteten. Ab und zu ging ich in das sogenannte „Dozentenzimmer“, wo jeder, der Seminare abhielt, Unterlagen aufbewahren konnte oder die Pause verbrachte. Es gab nur obskure, eher ausweichende Blicke. Merkwürdig ist an dem Traum, dass es eine Art Rendezvous-Szenario war, und dass ich mich darin mit seinem Lebensstil beschäftigte. Die Anmerkung am Ende von wegen, dass er sich „finanziell übernimmt“ passt zu der Information, die ich hatte, dass sein Dozentenhonorar zuletzt gepfändet wurde. „Zuletzt“ bedeutet Anfang der Neunziger Jahre. Es könnte gut sein, dass er inzwischen nicht mehr lebt. Das Gleiche könnte auf Stavros zutreffen, den griechischen Barkeeper vom Figaro, mit dem ich mehrere Nächte verbrachte. Er war damals 51 (1940 geboren), ich knapp 26. Die Szene mit den abgeschnittenen, getauschten Händen finde ich recht bemerkenswert. Und auch den Teil mit den (phantasierten), vor mir verborgenen Schallplatten, der meinen Bruder betrifft. Geht tief.

    16. September 2024

    Leider kann ich nicht erinnern, welches Buch ich 1991 eingepackt hatte. Vielleicht „Der Koloß von Maroussi“ von Henry Miller, um es nochmals zu lesen. Aber gut erkennbar ist der kleine Apparat mit der Antenne. Ein sogenannter „Weltempfänger“. Damit konnte man Radiostationen, die weit entfernt waren, empfangen. Vielleicht hatte ich bei Reiseantritt den Gedanken, dass ich internationale Nachrichten oder Musiksender empfangen wollte. Vor Ort stellte sich dann heraus, dass mir am besten die griechische Musik aus dem kleinen Radio gefiel. Ein Lied ist mir gut in Erinnerung geblieben, das oft gespielt wurde, ein Riesenhit in Griechenland, „Mi Milas“ von Dalaras, einem großen Star zu dieser Zeit. Es war so ein Ohrwurm, dass ich mir eine Kassette mit griechischen Hits gekauft hatte, wo es drauf war, um es in Berlin hören zu können.

    16. September 2024

    Nach einem Essen am Hafen, es war Freitag, erzählte mir einer der Söhne der Gastgeberfamilie, dass es auf der anderen Seite des alten Hafens einen Nachtclub gibt, den er mir gerne zeigen würde, wenn ich das möchte, „Le Figaro“. Ich war überaus neugierig, erlebnishungrig und zu allem bereit. Ich hätte wohl auf eigene Faust nicht so schnell die Idee entwickelt, allein in einen Club zu gehen. Damals sprach man noch von Disco. Unglaublich, aber wahr. Beim Essen im Byzantino waren auch seine Eltern zugegen, sie fanden das auch eine gute Idee, dass er mir alles zeigt. So landeten wir nach einem kleinen Spaziergang durch den nächtlichen Hafen, an den Jachten vorbei, durch die dunkelblaue Sommernacht vor dem Eingangsbereich des Clubs, wo schon eine Schlange auf Einlass wartete. Er wurde familiär mit Handschlag begrüßt, stellte mich formvollendet dem Türsteher und dem Besitzer vor und wir wurden durchgewunken. Draußen, zwischen Palmen, war auch eine Bar, aber wir gingen hinein. Es wurde wild getanzt, schicke junge Griechen, oft weiß angezogen, feierten bis in den Morgen. Der in den Siebziger Jahren eröffnete Nachtclub kostete Eintritt, nicht wenig damals, umgerechnet 15 Mark, der teuereste Laden auf der Insel, aber ich sollte nie Eintritt zahlen. Legenden kursierten, wer dort mitunter feierte, Die Niarchos-Söhne waren Stammgäste, Caroline v. M. ankerte mehrfach im Figaro. Und ganz früher Jackie O. mit Ari. Oh là là, da war ich ja in einer für mich ganz ungewohnten Liga gelandet, aber fühlte mich warm aufgenommen. Das sollte nicht die letzte Nacht im Figaro bleiben.

    12. September 2024

    Spetses | Spetsai, 1991. Das war immer eines meiner Lieblingsbilder. Ich glaube, das Foto habe ich in Dapia geschossen, beim alten Hafen, wo auch meine Ferienwohnung war. Hatte ich vor dreißig Jahren als Abzug im Format 60 x 90 cm in meiner damaligen Wohnung in Schöneberg. Vielleicht sogar weiß gerahmt, ich glaube ja, aber genau weiß ich es nicht mehr, viel zu lange her.

    11. September 2024

    Im Gedenken an Caterina Valente. 14. Januar 1931 – 9. September 2024. Von meinem Vater und meiner Mama sehr geliebt. In den Fünfzigern auch besonders die Duette mit ihrem Bruder Silvio Francesco (der bereits vor 24 Jahren starb), wie zum Beispiel „Sag mir Quando„. Ganz wunderbar. Ich habe auch Lieblingsaufnahmen von ihr. Vor allen anderen, ihre Interpretation von Michel Legrands „Les Moulins de mon cœur“. Hier eine Live-Aufnahme aus dem Pariser Olympia, wo sie am 25. Dezember 1972 mit Legrand ein Konzert gab. Und ihr Bruder Silvio Francesco spielte wunderbar Gitarre dazu. Addio, Caterina. Adiós & Adieu.

    11. September 2024

    [ Reisenotizen 14. Juli 1991 ]

    „Sonntag in Griechenland. Die blühende Insel Spetses mit der „clear air“ verursachte mir trotz Willenskraft-Kampf Atemnot zur Schlafenszeit. Meine Eindrücke sind noch nicht so ergiebig verdaut. Natürlich liebe ich alle Griechinnen und auch die Männer. Die Damen haben großes Talent, das wirk-lich Beste auch aus einem weniger eindeutigen Typ zu machen. Frisur, Make up, Haltung – nötigen wohlwollende Zustimmung ab! Anerkenndes Pfeifen! „Innerlich“ quasi…. Schönes Gelabere. Mein übliches Asthma-Ablenkungsmanöver. Ich muß mich halt erst einleben, „ein-atmen“…. Wie der Appartement-Besitzerin-Sohn oder Neffe erklärt hat: „The Cyclades… – the architecture – yes! – it is more striking – but – it’s too dry… it’s better here…. It’ better….”

    Und die gigantischsten Bananen-Bäume, die das Auge je erblickt hat… Ein Blatt, das 2 Meter breit ist und um ein Vielfaches länger. Und wilder Wein und Pfirsiche, noch grün, und alle Kräuter und Bäume, viele Kiefern und hohe Gräser und Blüten, die der Insel ein Frühlingsgesicht geben – und das lauteste Grillen-Zirpen als immerwährendes Hintergrund-Geräusch. Schafe zwischen Panama-Gras beim Blick vom weiß-gekalkten – natürlich – Balkon. Der in Ermangelung einer Hanglage des Hauses, nicht vorhandene Meer-Blick (vom Reiseveranstalter übrigens in keiner Weise zugesagt), hat ein deutsches Paar mit Angeber-Attitüde zu einem hysterischen Anfall mit dem einfältigen und nutzlosen Refrain „But we want to see sea, we want to see sea, we want to see sea!“ hingerissen.

    Womit sie sich für die Schublade der blöden Deutschen qualifiziert haben. „They make me ill….“ sagte die Lady aus Athen, „Tell me…. What shall we do about them…? Shall we tell them to go to Hydra?…?” Es gibt einen klassischen Athener. Onassis-Style. Tiefdunkle Sonnenbrillen, häufig Goldrand, Das gute 60er-Jahre-Design. Und beige und weiße Polo-Hemden zu beigen oder weißen Baumwollhosen mit Schlag… Dazu beige oder weiße Slipper. Reeder-Look. Und ein sinnlicher, herrischer Mund unter markanten Nasen. Und eine angemessene, goldene Uhr am angenehm-behaarten Handgelenk. Stolz. Sehr…. Der Steward auf dem „Flying Dolphin“ von Piräus nach Spetses…. In blütenweiße Baumwolle gewandet, die nacht-schwarze Brille (die braunen Oberarme…). Eigensinniger Gesichtsausdruck. Stolzer Grieche, gar nicht lächerlich, sondern jedem eingebildeten New Yorker an Coolness überlegen. Da weiß man, was man hat! (…Da wüßte „frau“, was „frau“ hätte…)“

    Kleine Fußnote zu diesen in einer schlaflosen Nacht auf dieser blühenden Insel Spetsai entstandenen Notizen: ich hatte bis vor achtzehn Jahren, also bis 2006, seit meiner Kindheit jeweils in den Sommermonaten Juni, Juli und August nächtliche Asthma-Attacken, die mir allnächtlich bis Ende August ab drei Uhr nachts den Schlaf raubten. Ich konnte dann nur aufrecht sitzend einigermaßen atmen oder in seltsam gekrümmten Körperhaltungen und hatte immer entsprechende Aerosol-Sprays parat. Kann sein, dass ich 1991 noch kein Spray hatte. Seit 2006 ist dieses Leiden vollständig verschwunden, seit ich meine Ernährung umgestellt habe. Die Attacken wurden durch die Kombination meines überforderten Immunsystems provoziert, wenn gleichzeitig Blütenpollen flogen und ich mir Getreide einverleibte. Nur jeweils ein Aggressor von beiden konnte von meiner Immunsystem-Verteidigungs-Armee abgewehrt werden, beides gleichzeitig ließ mein Immunsystem kapitulieren. Seither vermeide ich Getreide beim Essen und habe seither keine Asthmaanfälle mehr. Ich habe mich also mit 25, als ich das schrieb, weniger gesund gefühlt als heute. Die Charité hat im Rahmen einer Studie festgestellt, dass sich mein Lungenvolumen seither von 70 auf 120 Prozent erhöht hat. Auch ab und zu eine zu rauchen, macht mir nichts aus. Alle Aerosol-Sprays gegen Asthma-Anfälle habe ich vor fünfzehn Jahren entsorgt. Dagegen ließ mich ein Aufenthalt 2004 in Wüstenregionen von Arizona aufatmen. Die extrem trockene Luft der vegetationsarmen Landschaft war überaus erholsam für mich.

    10. September 2024

    Neunzehnhunderteinundneunzig hätte ich vielleicht noch als Postkartenfotografin durchstarten können. Aber heute… daher: hier und heute Gratis-Postkarten aus meiner analogen Kamera von Annoknips. Der junge Mann mit Besen stand vor dem Eingang vom „Byzantino“, das heute anders heißt. Das Restaurant gehört auch der Familie, die mein Apartment bewirtschaftete, dem Orloff-Clan. Und er ist einer der Söhne oder Neffen gewesen. Die sind alle in das Geschäft hineingewachsen. Heute haben sie daraus ein noch schickeres Resort gemacht, es ist das umgebaute, frühere Familienanwesen, wo auch mein Häuschen stand, und haben Studios auf Hydra. Das ehemalige Byzantino Restaurant trägt heute den Namen der Familie. Sieht alles sehr einladend aus. Die Geschäftsführer sind die Söhne der Familie, die mich damals in die Hotspots des Nachtlebens von Spetsai begleiteten. Gentlemenlike.

    09. September 2024

    Die Reise im Juli 1991 nach Spetsai war meine erste Bekanntschaft mit Griechenland. Später, als ich auch andere griechische Inseln besucht hatte, konnte ich erkennen, was besonders an Spetsai war. Der Grieche im Berliner Reisebüro war so Feuer und Flamme, als er mir zu Spetsai riet, dass ich mich einen Moment fragte, ob es sein besonderes Verkaufsgeschick sein könnte, derart viel Enthusiasmus zu zeigen. Zum Geschäftsabschluss gab es einen Metaxa. Ich beschloss, ihm zu vertrauen und sogar ein bißchen zu glauben, dass er selbst am liebsten Urlaub auf Spetsai macht, wie er sagte. Da sich vor Ort alles als sehr vertrauenswürdig erwies und mich die Gastgeberfamilie wie eine ferne Nichte willkommen hieß, hatte sich mein Vertrauensvorschuss als richtig erwiesen. Wenn ich gegen Mittag mein kleines Ferienhäuschen verließ, um zum Strand zu kommen, musste ich einen längeren Weg durch den Garten gehen, vorbei an der Familienvilla, entlang einer Säulenallee über Kieselmosaike. Schöner hätte ich es mir nicht ausdenken können.

    09. September 2024

    Gut in Athen gelandet! Mich gleich in ein Taxi geschmissen, ich kenne mich ja überhaupt nicht aus hier! Ich muss das Schnellboot kriegen. Das schicke kleine, blau-gelbe, das ist es. „Flying Dolphin“. Hat auch prima geklappt. Vorbei an Hydra, schon sind wir da, auf der Insel Spetsai. Mir ist die genaue Fahrzeit entfallen, aber heutzutage ist die Rede von 2 Std. und 5 Minuten. Kam mir kürzer vor, unter zwei Stunden. Die kleinen Flying Dolphins gibt es nicht mehr, wie ich gerade sehe. Am Hafen stehen adrette Einspänner-Pferdekutschen als Taxi, weil es keine Autos auf der Insel gibt.

    Das war mir bekannt und sehr recht. Jetzt aber erst mal zu meinem kleinen Ferienhäuschen. Bin bestimmt hingelaufen, ist auch nicht weit vom Hafen entfernt. Hatte einen Plan aus Papier mit, den mir das griechische Reisebüro in der Kantstraße spendiert hatte. Der Inhaber hat mich auch überhaupt drauf gebracht, nach Spetses zu reisen. Ich wollte eigentlich nach Skorpios, aber der Onassis-Clan hat es mir leider nicht erlaubt. Aber anderen auch nicht. Da kam dem Herrn vom Reisebüro Ilios die Idee, dass Spetses für mich interessant sein könnte, ich hatte noch nie davon gehört und war interessiert, nachdem ich hübsche Bilder gesehen hatte und er mir die Geschichte erzählte, warum Spetses und die kleinere Insel Spetsopoula eine besondere Bedeutung für Stavros Niarchos hat, seit Onassis Skorpios gekauft hatte. Der Hahnenkampf der beiden Reeder-Titanen musste immer auf Augenhöhe bleiben. Als Onassis Anfang der Sechziger Jahre Skorpios erworben hatte, brauchte Niarchos dringend auch eine eigene schicke Insel. Daher kaufte er 1962 Spetsopoula, die kleine Insel vor Spetsai, um die High Society dorthin einzuladen und tolle Feste zu feiern. Da Spetsai mit seinem schönen Jachthafen ganz nah war, konnten dort die herrlichen Schiffe seiner vornehmen Gäste ankern und auch ein Fünf-Sterne-Hotel gab es auf Spetsai. Damals nicht selbstverständlich für eine nicht so sehr große griechische Insel.

    Spetses war zudem seit langem ein beliebtes Feriendomizil für die wohlhabenderen Athener Familien, so auch für die Familie von Melina Mercouri. Ihr Vater war der Bürgermeister von Athen und so verbrachte die kleine Melina jeden Sommer ihrer Kindheit auf der Insel mit den vielen Pinien und lauschigen versteckten Buchten.

    08. September 2024

    Bitte nicht erschrecken. Ich weiß, meine Leser/innen sind nicht gewohnt, dass ich verreise. Ich hoffe auch inständig, dass das Flugzeug nach Athen nicht abstürzt, weil ich als mittlerweile etwas ungeübte Passagierin drin sitze. Der British Airways-Flieger ist bereits gestartet – toi toi toi! Mein Ferienziel ist Spetses, eine Insel im Saronischen Golf. Wir schreiben den 13. Juli 1991. Von Athen muss ich weiter nach Piräus und von da mit dem Schnellboot nach Spetses, manchmal auch Spetsai genannt. Ja ja, 13. Juli 1991 – ich habe mich nicht vertippt! Nachdem ich immer wieder im sehr viel älteren Familienalbum geblättert habe, um anhand von Fotos, aber auch Briefen und Tagebucheinträgen dem Vorleben meiner Mama auf die Spur zu kommen (fast geschrieben „Schliche“…), kam mir nun in den Sinn, ich könnte ja auch einfach mal was von meinem Vorleben preisgeben. Also meinem Vorleben vor der Erfindung des Internets. Es ist immer noch Sommer, Urlaubszeit, hier in Berlin geradezu griechische Temperaturen. Da stünde es meinem Blog doch ganz gut, wenn ich auch mal ein paar Reise- und Urlaubsbilder präsentiere. Dass sie schon etwas älter sind, macht sie ja nicht schlechter. Zusätzlich – oder sogar ursächlich inspiriert hat mich die Konversation der vergangen Tage mit Lydia. Die weilt nämlich gerade auch im Saronischen Golf, auf der Nachbarinsel von Spetses, Hydra. Die Insel, wo Leonard Cohen viele Jahre verbracht hat und seine Initiation als Songwriter hatte. Wir tauschen uns täglich aus – und da kam mir in den Sinn, ich könnte ihr doch mal ein paar Bilder von früher aus dieser Ecke der Welt zeigen. Ich bin zwar nur an Hydra vorbei, aber auf Spetsai war ich dafür umso intensiver. Ich habe heute Nachmittag die beiden Fotoalben teilweise abfotografiert. Da fiel mir so manche Begegnung wieder ein, die mir völlig entfallen war. So, ich muss jetzt Schluß machen, wir landen gleich! Melde mich alsbald wieder.

    07. September 2024

    Kämmerchen nach der Renovierung rekonstruiert. Mein gestriges Tagwerk im kühleren Altbau meiner Werkstatt, Jalousien runter, angenehmes Werkeln. Dabei einen schönen, großen, alten Fächer gefunden, reparaturbedürftig. Gleich repariert. Wieder daheim, weiter gewerkelt, den angeschlagenen Rahmen des gestickten Bildes meines Großvaters ausgebessert. Ich verbringe die sehr heißen Tage gerne in abgeschotteten Räumen und erledige dies und das. Wenn es in den Abendstunden kühler wird, geh ich vor die Tür, lass mir den schönen lauen Wind um die Nase wehen. Auf dem Weg zum Einkaufen, die Auguststraße entlang, später dann.

    06. September 2024


    Als Karins kleine Familie zum ersten mal zu dritt mit dem kleinen Jungen Andreas und ihrem Hans Neujahr 1965 gefeiert hatte, kündigte sich wieder Nachwuchs an. Am ersten September war es so weit und ein kleines Mädchen kam auf die Welt. Karins zweites Kind wurde am zehnten Oktober 1965 auf Gabriele Anna Johanna getauft. Im kleinen Taufbüchlein stand der Spruch „Gott sei in dir als unsichtbare Kraft, als stille, innige Freude dein Leben lang.“ Karins Kinderwunsch, einen Jungen und ein Mädchen zu bekommen, hatte sich erfüllt. Sicher gab es auch recht viel Glückwunschpost von der Verwandtschaft zur Geburt vom zweiten Nachwuchs von Karin und Hans, aber die habe ich leider nicht da.

    Stattdessen aber fand ich einen Brief von 1967, geschrieben von der Frau von Karins Onkel Gustav. Marie hieß sie glaube ich. Ich habe leider gar keine Erinnerung an sie. Für mich interessant, dass sie anhand von Fotos, die Karin wohl geschickt hatte, meinte, dass ich viel von Alma hätte („Ich meine, sie hat viel von Mutti“). Und dass ich Autofahren nicht vertrage. Das hat sich einigermaßen gelegt, aber als Kind wurde mir bei jeder Autofahrt zu Oma Alma schummrig und schlecht. Es musste immer wieder angehalten werden. Tut mir ja auch leid, aber ich konnte ja nichts daran ändern. Aber Dreirad fahren ging einwandfrei. Ich kann heute auch sehr gut als Beifahrerin vorne im Auto sitzen, ohne dass mir schlecht wird. Zu gern würde ich die Briefe von Alma anläßlich meiner Geburt studieren. Vielleicht sind sie noch in der einen Kiste.

    „Nidda 13.5.67

    Meine liebe Pate, Hans u. Kinderlein.

    Schelte mich nicht, weil ich euch für die wunderschönen Bilder, die Ihr uns geschickt habt, nicht bedankt habe. Also vielen, vielen Dank. Ansehen tun wir die Bildchen öfter. Das kleine Mädelchen ist ja ebenso nett wie Euer goldiger Bub. So habt ihr ja ein liebes Pärchen und glaube, daß Euch dies wunschlos glücklich macht. Hast sicher auch viel Arbeit. Aber es ist doch auch schön, wenn man eine Oma u. einen Opa, und dazu eine lb. Tante im Hause hat. Die haben sicher viel Freude daran. Was treibt Ihr sonst immer? Vielleicht fahrt Ihr Pfingsten wieder zu Eurer Mutter. Es ist nur schade, daß die kl. Gabriele das Autofahren nicht verträgt. Vielleicht gibt sich das noch. Ich habe jetzt gerade die Bilder angesehen, ich meine, sie hat viel von Mutti. Warst Du nicht auch ein lieber Lausbub liebe Karin? Wie die Zeit vergeht, ich kann mir Andreas noch gut als Säugling vorstellen, der war ja so brav. Auf einmal ist er schon so groß. Nun ja, Du fragst auch nach Werner. In der letzten Zeit hatte er nichts wie Prüfungen. Er meinte, es wäre an der

    Zeit, daß er einmal ausspannt. So ist er mit noch einem Studenten, der einen Volkswagen hat, auf Fahrt. Wir haben von ihm eine Karte erhalten, wo sie sich zwei Tage aufhalten wollen. Das Endziel soll Rumänien sein. Sie wollten ihre Fahrtroute nicht so ganz festlegen. Ebenfalls haben sie ein kleines Zelt mit. Wegen Freundinnen kann ich Dir nicht so Bescheid sagen. Er läßt sich nicht gern ausfragen. Ich tu es auch nicht. Er hofft, daß er längstens nächstes Frühjahr fertig ist. Wir selbst, uns geht es soweit ganz gut. Eher Sorge habe ich ja wegen Gustl. Er ist mit einer Leiter umgefallen. Bei gewissen Bewegungen tut ihm der Brustkorb weh. Vielleicht Prellungen. Es hätte bös ausfallen können. Tante Liddy hatte am 9. Mai ihren 86. Geburtstag, da kamen verschiedene Leute. Am 10. Mai auch noch. Durch das wird der Brief und die Pfingstkarte verspätet ankommen.

    So muß ich gleich sagen, wir hoffen, daß Ihr die Pfingsten gut verbracht habt. Gelt Ihr seid deshalb nicht bös. Denken tun wir oft an Euch. Bleibt alle recht gesund und wohlauf und seid von ganzem Herzen gegrüßt von Deiner Pate, Gustl, Werner, Oma u. Tante Lidy. Grüße mir auch Oma Opa und Tante von uns.

    Liebe Grüße u. Küßchen auch an Andreas u. Gabriele von Peter ***** 🐦‍⬛

    05. September 2024

    Verlassenes Nest auf dem Atelierbalkon. Das nie geschlüpfte Ei Nummer zwei. Das erste Küken hab ich ganze zweimal gesehen, aber nicht fotografiert, obwohl es sehr hübsch war. Hatte die Kamera nicht dabei und Taubenküken ähneln sich auch sehr, wie die Eier. Nachdem ich es zwei, dreimal, angefangen beim Turteln über Legen, Brüten und Schlüpfen bis Füttern und flügge werden erlebt habe und auch fleißig fotografiert, muss ich es jetzt nicht mehr jedes Mal wieder festhalten. Aber ich freute und freue mich am Anblick. Die letzte Geburtstagspost, die ich an Mama schickte, die sie aber wohl erst am Montag oder Dienstag nach ihrem letzten Geburtstag am Sonntag, dem 30. Juni 2024 erhielt, war eine selbstgemachte Karte, in die ich Fotos legte. Ein neues von mir und vom letzten Taubenküken, kurz vor dem Wegfliegen. Und unterschrieb die Karte an Mama mit „Dein Küken“. Daran muss ich jetzt wohl für immer denken, wenn ich so ein Küken bei mir habe.

    04. September 2024

    Am zehnten Mai 1964 hat Karin es geschafft und ihr erstes Kind zur Welt gebracht! Als ich vor vier Wochen in den einen Karton mit Alben und Briefen griff, ohne zu sortieren, erwischte ich zufällig eine Reihe von Glückwunsch-Mitteilungen zur Geburt ihres Kindes, meines großen Bruders. Von Alma natürlich, ihrer Mutter. Aber auch von Evi, der treuen Freundin, von ihrem Patenonkel Gustav und ihrer Tante Elise. Die Bilder mit dem Kleinen sind am 16. Dezember 1964 entstanden, da war er schon sieben Monate alt und Karin hatte sich gut erholt. Es gibt auch Bilder vom Neugeborenen, aber das Album habe ich leider noch nicht bei mir.

    Die frischgebackene Oma Alma schreibt an Karin am 12. Mai 1964 (u. a.), sie weilt immer noch in Oberstdorf zur Kur:

    „Oberstdorf am 12.5.

    Meine liebe Karin & Hans
    als neugebackenes Elternpaar!

    Grüße Euch von Herzen und freue mich, daß unser kleiner Andreas viel anständiger zur Welt kam, als seine junge Mutti es einmal tat. Im Telegramm habe ich bereits meine Wünsche übermittelt. Habe bei Frau Held eine Schale mit Kußröschen bestellt, die sind doch so niedlich wie so ein kleiner Erdenwurm. Wie hätte sich Vati gefreut und noch dazu ein Sohn. Gelt, lieber Hans du bist doch bestimmt stolz auf Deinen Sohn und Mutti. Noch dazu wenn das große Glück vor Gesundheit strahlt, wollen wir Gott bitten, daß wir auch in Zukunft nicht vergessen, daß es doch eine höhere Gewalt gibt, die alles zum besten lenkt. Ich habe es schon oft empfinden dürfen. Nun will ich Euch sagen, daß ich genau um 16.45 am Oberjoch in einer Kapelle war und immer an Karin dachte, sie möchte die Geburt leicht und gut überstehen. Und daß mein Gebet zur gleichen Minute erhört wurde, ist sonderbar. Hoffentlich kommen keine Komplikationen dazu. Geht es Euch beiden auch wirklich gut? Oder wollt Ihr mich nur nicht beängstigen. Wenn sich Karin stark genug fühlt, kann sie mir

    mal schreiben. Besonders freut mich, daß er Andreas heißen soll. Man kann ihn dann, so Gott will, wieder André oder Andi rufen, als Vati klein war. (…) Mir ist ein großer Stein von meiner Brust genommen worden. (…) Ich dachte immer ich werde gut hinsehen, wenn das Kleine kommt, was für Züge es hat. Liebe Karin wo liegst Du denn im Krankenhaus? Kannst Du alles essen. Kannst Du auch stillen. Stell Dir vor, Du warst noch kleiner. Hast schon einen strammen Jungen mit diesem Gewicht, wie lang cm ist er? Vielleicht kommen wir zugleich nach hause. Ich gehe morgen hier Dauerwellen machen, denn zu hause habe ich dann keine Zeit mehr. Hans wird bestimmt stolz sein, daß als erstes gleich ein Sohn kam. Ich wurde ja hier, als Oma auch geehrt und eine Kerze angezündet und beiligende Karte mit Blumen auf meinem Platz. Nun konntest Du liebe Karin doch richtig Muttertag feiern und dazu ein Sonntagskind.

    Nun grüße ich meinen kleinen Enkelsohn mit einem süßen Bussi sowie seine Eltern – Herzliche Grüße Oma Mutti Alma. & Tante Elise, die ja immer dabei sein muß bei solchen Situationen. Liebe Elise, hast mir manche Sorge und Herzklopfen abgenommen.“

    Am 14. Mai 1964 schreibt Alma weiter:

    „Oberstdorf 14.5.64

    Meine liebe Karin und
    mein lieber kleiner Andreas!

    Mit Freude & besten Dank habe ich heute Deine liebe Karte erhalten. Nun hast Du gekostet, wie es ist Mutti zu werden. Ich hatte keine Ruhe vor Neugierde und da gestern unsere Mütter in das Kino gehen durften, hab ich dafür nach 9 h abends angerufen. Ich konnte lange keine Verbindung bekommen, da die Leitung am Anfang zu sehr in Anspruch genommen wurde. Ich hatte nach langem Warten und laufen von einem Telefonhäusl zum anderen doch noch Erfolg. Hans hatte sich gerade schlafen gelegt und sagte mir, daß der kleine Faulpelz im Schlaf schon gelacht hat. Den ganzen Verlauf hat mir dann Tante Elise erzählt. (…) Ich habe ja so viel für Euch gebetet. Sogar auf die Minute Deiner Entbindung war ich in einer kleinen Kapelle. Vielleicht hat Dir doch der liebe Gott dabei geholfen. (…) Darfst Du Dein Kind bei Dir haben? (…)

    Bist Du mit dem Essen zufrieden. Bekommst Du bestimmt auch Erholung. (…) Soeben habe ich Karten von Jetty & Trude bekommen. Trude hat geträumt, Du hättest etwas Kleines. Ich werde nun ein Kärtchen schreiben. Hans hat jetzt so viel zu tun und kann nicht an alles denken. (…) Liebe Karin Du kannst ja nur ein einfaches Pfingstfest feiern. Wir können nur immer wieder Gott bitten, dann gibt er uns auch die Kraft. Wir haben hier am Montag 18.00 gemeinsames Abendmahl. Wie gut, daß Du mit Tante auch noch machst. Ich werde Dir hier ein Gesangbuch mitbringen. (…) Bleibe schön gesund mit Deinem kleinen Andreas (…)

    Viele Grüße & Küße Deine Mutti & Oma.“

    Tante Elise, Schwester von Alma, die während der letzten Tage vor der Niederkunft zur Unterstützung von Karin und Hans zu Besuch gekommen war, schreibt ebenfalls am 14. Mai 1964:

    „14.5.64

    Meine Lieben!

    Bin gut zuhause angekommen und hab nun allerhand zu tun. Mein Garten ist auch ziemlich vergrast, aber in ein paar Tagen ist das auch wieder gut. Heute habe ich erst Gurken und Bohnen gelegt. Nachmittag war ein ziemlich starkes Gewitter. Wie geht es Euch denn immer, seid Ihr alle gesund? Den kleinen Bubi möchte ich ja zu gerne wieder einmal sehn. Hat er sich denn immer noch gekratzt? Wie geht es Karin, darf sie morgen heim? Morgen kommt ja Alma auch nachhause, dann seid Ihr ja wieder vollzählig, es wird schon eine Umstellung werden. Hans möchte ich bitten, doch vom Kleinen ein Foto zu machen, damit ich auch eins bekomme und möchte mich auch für alles bedanken. (…) Nun haben wir das Pegulan Edith für ihre Küche gegeben und möchte für den Balkon nur Stragula, das

    geb ich eben im Winter weg, wenn Ihr vielleicht einen Läufer habt 1 m bis 1,05 m breit (weil ja die Blumenkästen dort stehn) und 6m 60 cm lang, das könnt Ihr dann auch mitbringen. Als ich im Zug saß, ist mir eingefallen, daß ich in Karin ihr Bett kein frisches Bettuch gegeben habe, aber den letzten Tag war ich schon ganz aufgeregt. (…) Nun möchte ich wünschen, daß Ihr alle vier gesund bleibt, dann wird alles gut. Wie schaut denn der Rasen aus, kommen die Hundsviecher immer noch? Liebe Alma, wirst dann schon sehen, was Blumen sind und was Unkraut ist, nehme an, daß die Blumen schon aufgegangen sind, die Radieschen im Kasten sind auch schon zum essen. Gelt ein Geschmier hab ich durcheinander, aber ich muß es hinschreiben, wie es mir gerade einfällt.

    Seid nun alle recht herzlich gegrüßt
    von Euerer Elise.“

    Onkel Gustav, Almas Lieblingsbruder, meldet sich gleich zweimal bei seinem Patenkind Karin, einmal mit einer Postkarte am 14. Mai 1964:

    „(…) Ausser dem freudigen Ereignis wünschen wir Euch auch zu Pfingsten alles Gute. Es war wirklich eine frohe Botschaft für Alle, nicht zuletzt für die junge Oma, welche auf Erholung ist. Dass es gerade zum Muttertag war, ist ja umso erfreulicher. Hauptsache jedoch ist, dass Ihr gesund seid. Brief folgt zum Wochenende.“

    Und kurz darauf kommt der angekündigte Brief von Gustav und seiner Familie:

    „Liebe Karin u. Hans.

    Wir legen Euch einen Scheck von 20,- DM bei. Du wirst so viel für den kleinen Jungen bekommen liebe Karin und wir möchten doch nicht irgendwas schicken, was Dir keine Freude macht. Deshalb sucht was aus, was Ihr für Euren Stammhalter braucht. Ist es recht so? Lieber Hans, hast ja Dein Meisterstück gemacht. Aber zu Dir liebe Karin, Dir und dem kleinen Jungen recht viel Gesundheit. Erhole Dich gut. Es ist ein Gottesgeschenk und was Herrliches so ein kleines Lebewesen. Drück ihn für uns einmal. Der lieben jungen Oma aber wünschen wir von ganzem Herzen, daß Dein Enkelkind Dir sehr viel Freude und Zerstreuung bringt und Dir dadurch das Leben wieder lebenswerter macht. Wir wissen nicht, ob Du liebe Alma schon bei Deinen Lieben bist. Sollte Elise noch dort sein, so grüßen wir sie auch auf das Herzlichste. Bei uns ist soweit alles in Ordnung. (…)

    (…) Bei Euch wird ja nun allerhand los sein. Das Nürnberger Treffen ist ja Pfingsten. Für uns ist es doch etwas weit und auch zu kostspielig.

    Seid nun alle auf das Herzlichste gegrüßt

    von Marie, Gustl, Werner
    Mutter und Tante.“

    Freundin Evi meldet sich auch bei Karin, am 6. Juni 1964 schreibt sie:

    „Feucht, 8.6.1964

    Liebe Karin!

    Zuerst will ich Euch recht herzlich zu Euerem Jungen gratulieren, hoffentlich sei Ihr alle beide recht gesund. Herzlichen Dank für Deine Karte lb. Karin, ich habe allerdings immer noch auf den versprochenen Brief gewartet. Was macht denn der kleine Stammhalter, ist er recht brav. Ich bin mit unserem Sabinchen sehr zufrieden, sie schläft jede Nacht durch und ist auch sonst sehr brav. Bei der Geburt wog sie 5 1/2 Pf und war 50 cm lang, heute ist sie 6 Wochen und hat schon 7 Pf und ist 57 cm. Man merkt schon einen riesigen Unterschied. Wie war denn Deine Entbindung, bei mir ging alles sehr schnell und leicht, ich habe mir es viel schlimmer vorgestellt. Arbeit gibt es ja genügend der Kleinen. Heute regnet es bei uns gescheit und drum will ich Dir auch schreiben, denn raus kann man ja doch nicht. Am Mittwoch fahre ich zu Gert, wir müssen die Vorhänge für unsere Wohnung kaufen. Am 22.6. ziehen wir dann um, ich freue mich schon sehr, daß ich dann

    auch endlich meine eigene Wohnung habe. Wem sieht denn Euer kleiner Andreas ähnlich? Unser Schätzchen ist blond und hat sehr viele Haare. Jeder der sie sieht, sagt, daß sie der ganze Gert ist. Von mir hat sie scheinbar gar nichts geerbt. So liebe Karin jetzt will ich wieder Schluß machen, schreib mir doch auch nochmal bevor ich wegziehe. Ich schreibe Dir von droben auch, damit Du dann meine neue Adresse weißt. Mir ist sie bis jetzt auch noch nicht bekannt. Für Dich und Deinen kleinen Sohn wünsche ich Dir alles Gute und vor allem daß ihr gesund bleibt. Herzliche Grüße auch an Deinen lb. Mann und Deine Mama (ist sie auch recht stolz, daß sie Oma ist?)

    von Deiner
    Evi

    P.S. Ich lege Dir ein Bildchen mit dazu, wenn Du auch eins hast liebe Karin, schicke mir doch bitte eins, damit ich Euren kleinen Jungen auch mal sehe.“

    03. September 2024

    Diesmal rate ich nicht, von wann ein Foto ist, sondern: dieses Holzbild mit den gepressten Blättern verschiedener Laubbäume.

    Mein Vater Johann hat es gemacht. Das Holz zugeschnitten, Birnbaum glaube ich, den Rahmen gesägt und geleimt, die Blätter gesammelt und gepresst und es zuletzt lasiert. Aber er hat es nicht signiert. Daß er es weniger als Tablett, sondern mehr als Wandbild gedacht hat, vermute ich wegen der rückwärtigen Aufhängung. Es ist nicht die einzige Holzarbeit von ihm. Es gibt auch hölzerne, zylindrische Gefäße, Vasen, ein kleines Holzintarsienbild, das aus verschiedenen Hölzern die Blätter einer Rose zeigt. Die romantische Seite meines Vaters. Als ich schon auf der Welt war, konnte ich solche Arbeiten von ihm nicht beobachten, da fertigte er praktischere Dinge an, wie Einbauschränke für den Dachboden des Hauses. Sicher liege ich richtig, wenn ich vermute, dass er das in den Anfängen seiner Jahre mit Karin gemacht hat. Und es ihr verehrt hat. Das ist das dritte Erinnerungsstück, das ich vor fast vier Wochen mit nach Hause nahm, neben dem gestickten Bild meines Großvaters und der Hochzeitsvase mit den Verliebten von Raymond Peynet. Ich habe den goldgelben Ton der Lasur immer sehr geliebt, es gerne angeschaut. Man könnte es als Tablett benutzen, aber dafür ist es zu empfindlich, weil die Lasur brüchig geworden ist, im Lauf der Jahre. Vielleicht hat er es sogar 1963/64 angefertigt, als Karin mit dem ersten gemeinsamen Kind schwanger war, meinem Bruder. Im Herbst, Winter und Frühjahr.

    03. September 2024

    Evi hat wieder geschrieben!

    „Feucht, 30.4.1964

    Liebe Karin!

    Ich möchte Dir nur kurz mitteilen, daß wir seit 27.4. ein kleines Töchterlein haben. Es ist alles gut gegangen und ich fühle mich frisch und munter. Bin ja gespannt, was Du bekommst, hoffentlich schreibst Du es mir auch gleich. Du hast es jetzt auch bald geschafft, die paar Wochen werden schnell um sein. Ich wünsche Dir inzwischen viel Glück und alles erdenklich Gute.

    Herzliche Grüße auch an Deinen lb. Mann und Deine Mutti von
    Deiner Evi“

    Und Alma hatte auch geschrieben, eine Postkarte aus Oberstdorf, wo sie mehrere Wochen zur Kur weilte. Sie schrieb fast täglich an ihre Tochter Karin, wenn sie verreist war. Am 6. Mai 1964: „(…) Wir müßten auch Gladiolen noch setzen o. ist es schon zu spät. Was machen die Vergißmeinnicht – blühen sie schon beim Vati? (…)“

    Wieviel man doch aus Briefen nicht nur über den Absender, sondern auch über den Empfänger erfahren kann, wenn es ein sehr persönliches Verhältnis ist. Evi war auch nach Karins Hochzeit offenbar regelmäßig genug mit ihr in Kontakt geblieben, um zu wissen, dass sie sie fast zur gleichen Zeit wie sie selbst ihr erstes Kind erwartete. Karins Kind kam am zehnten Mai 1964 auf die Welt, neun Monate zurückgerechnet, bedeutet das, dass sie um den 10. September 1963 herum schwanger geworden ist, also knapp zwei Wochen nach ihrer Hochzeit. Das ging ja schnell! Was nicht aus Evis Zeilen hervorgeht ist, ob sie um den Tod von Karins Vater wußte, der gut zwei Monate vorher plötzlich zuhause gestorben war, aber ich bin mir sicher, auch wenn sie es nicht erwähnt, sicher hat sie schon früher kondoliert. Karin war unendlich traurig, dass ihr Vater André, der sich riesig auf sein erstes Enkelkind freute, ihr Kind nicht mehr erleben konnte. Das hat sie mir oft erzählt. Wie traurig, zugleich in froher Erwartung zu sein und ihren geliebten Vater begraben zu müssen. Er starb am 17. Februar 1964 mit nur 54 Jahren. Die Zeilen von Alma, drei Monate nach dem Tod ihres geliebten Mannes André, die nun mit achtundvierzig Jahren Witwe geworden war, „Was machen die Vergißmeinnicht – blühen sie schon beim Vati?“ beziehen sich auf die Grabbepflanzung, um die sich Karin auch kümmerte. Karin war nach der Eheschließung nicht sofort von zuhause ausgezogen, sondern ihr Hans zog zu ihr, in das ausreichend große Elternhaus von Karin. Was aber nicht auf Dauer so bleiben sollte, denn die Eltern von Hans waren gerade dabei, ebenfalls ein Haus für die gesamte wachsende Familie zu bauen, mein späteres Elternhaus.

    02. September 2024

    Am Wannsee. Sitzen. Reden. Schauen. Lachen, ernst sein. Die Sonne sinkt. Erwartete Begegnungen, unerwartete. Als ich kam, da, wo der eine Catering-Truck mit den Getränken steht, rechts, kurz dahinter, kam mir Elvira entgegen. Sie war schon vorbei, ich verarbeitete das Bild und rief ihr hinterher. Ah! Hallo!! Auch ihr Mann dabei und Susanne, unsere Blogger-Freundin Engl. Hallo..!!!

    Auch noch andere bekannte Gesichter gesehen, Namen lassen sich nicht immer gleich zuordnen. Den Herrn mit der Literatursendung, der hier immer Hut trägt, Denis Scheck. Letztes Jahr plänkelte er launig mit Jan herum, ich war angenehm überrascht, dass er wirklich witzig war. Ich hielt nach Ina Ausschau, aber sah sie noch nicht. Hauptsache, den Sonnuntergang genießen. Dann aber war sie da und sogar ihre Schwester Mirjam und in einer anderen Ecke Klaus, der Galerist. Last but not least, Gerwin, der ungeheuer erholt aussah, war. Freute mich alles sehr.

    02. September 2024

    Alexander v. Schlippenbach, gestern Abend für eine gute Stunde im Foyer des LCB. Schlippenbachs filigranes, entgrenztes, selbstvergessenes Spiel hatte eine immens beruhigende Wirkung auf mich. Hätte mich gerne in eine Ottomane sinken lassen.

    „Alexander von Schlippenbach (* 7. April 1938 in Berlin) gilt als wichtiger Vertreter der ersten Generation der europäischen Free-Jazz-Musiker. (…) Schlippenbach erhielt Schallplattenpreise der Union Deutscher Jazzmusiker 1980 u.1981, ist Träger des Kunstpreises Berlin 1976, des Albert-Mangelsdorff-Preises 1994, des SWR-Jazzpreises 2007. 2017 wurde ihm das Verdienstkreuz am Bande der Bundesrepublik Deutschland verliehen. Deutscher Jazzpreis sowohl für sein Lebenswerk, als auch in der Kategorie Piano/Tasteninstrumente; erhält den Jazzpreis Berlin 24.“ Wikipedia

    01. September 2024

    Und was machte Karin am Tag nach der Hochzeit? Ich denke, erstmal ein spätes Kater-Frühstück. Ich habe da selbst keine Erfahrung. Bestimmt schaut man sich am Tag nach der Hochzeit die Hochzeitsgeschenke in Ruhe an. Ich weiß nicht, was Karin und Hans am 1. September 1963 gemacht haben, aber ich weiß ganz bestimmt, welches Hochzeitsgeschenk einen Ehrenplatz in der Vitrine bekommen hat, weil ich es mir später immer wieder angeschaut habe. Leider habe ich vergessen, von wem diese zauberhafte Vase geschenkt wurde. Ich habe sie nach der Beisetzung von Mama als Erinnerungsstück mit zu mir genommen.

    Schon als Kind war ich ganz verliebt in das Motiv mit dem verliebten Paar. Zum Glück konnte ich dank der Google-Bilder-Suche herausfinden, wer das Motiv auf der Rosenthal-Vase von 1963 erschaffen hat. Es war der sehr beliebte französische Grafiker und Cartoonist Raymond Peynet, der eine ganze Serie erschuf, Szenen eines Paars, „Les Amoureux“ – „Die Verliebten“.

    Er ist ein Dichter, eine Art Minnesänger, der si chimmer wieder aufs Neue bemüht, seine Angebetete zu verzaubern. Inspiriert hatte Peynet ein Chanson von Georges Brassens aus dem Jahr 1953 „Les amoureux des bancs publics“. Die Bilder wurden über Frankreich hinaus so beliebt, dass er auch einen Bildband veröffentlichte und Rosenthal mit ihm eine Studio-Linie mit Porzellantellern und Vasen mit diesen Motiven kreierte, sogar ein Zeichentrickfilm über die Abenteuer der Liebenden wurde gedreht.

    Zufällig hatte Raymond Peynet zeitgleich mit der Hochzeit meiner Eltern seine erste Ausstellung in Deutschland vorbereitet, die Anfang September 1963 in Stuttgart eröffnet wurde, worüber der SWR einen Fernsehbericht sendete. Die Fotos sind neulich in meinem Büro entstanden, wo ich sie mit Wiesenblumen bestückte. Ich werde sie für immer in Ehren halten und dabei an ihren Hochzeitstag 1963 denken, zwei Jahre, bevor ich zur Welt kam.

    31. August 2024

    Heute vor einundsechzig Jahren war die kirchliche Trauung meiner Eltern, am 31. August 1963. Der letzte Hochzeitstag, den sie gemeinsam erleben konnten, war vor vier Jahren. Die Erinnerung an diesen Tag trug Karin bis zuletzt in ihrem Herzen. Ihr großer Herzenswunsch hatte sich an jenem Sommertag erfüllt. Den Brautschleier krönte eine Pillbox aus weißer Spitze. Ein Zeichen der Verehrung für Jackie Kennedy, die damals alle liebten, so auch Karin. Ihre enge Freundin Ingrid, mit der sie verreist war, ist auch auf einem der Bilder, mit Stola, links von Alma, und ich glaube, sie war Trauzeugin. Und die immer fröhliche Tante Walli war auch da, mit ihrem Mann und ihrem Sohn. Mit diesen Bildern schließe ich für heute mein Erinnerungsalbum an Karin – und meinen Vater Hans.

    31. August 2024

    Das Jahr 1961 war wirklich ein ganz besonderes, besonders schönes Jahr für Karin. Aber auch für ihre Eltern, die am 17. Oktober 1961 mit einer großen Festtafel ihren fünfundzwanzigsten Hochzeitstag feierten. Ich entdeckte vorhin, dass der 17. Oktober auch der Hochzeitstag von Karins Großeltern gewesen war. Und es war auch im Oktober 1961, als sie Johann, genannt Hans, meinen Vater, traf. Knapp zwei Jahre später, am 30. August 1963 sagten sie auf dem Standesamt „Ja“, einen Tag später war die kirchliche Hochzeit, sie traten am 31. August 1963 vor den Altar.

    31. August 2024

    Willkommen in Zell am Ziller. Am 10. September 1961 wurde also ein Farbfilm eingelegt. Eines der Fotos ist hinten mit dem Datum beschriftet, Karin war da sehr genau. Nur gut zwei Wochen nach ihrer Rückkehr vom Urlaub in Velden und Grado mit ihrer Freundin Ingrid, packte Karin schon wieder ihren Koffer. Diesmal reiste sie gemeinsam mit ihren Eltern ins Zillertal. Es gibt mehrere Außenaufnahmen von der recht schönen Unterkunft. „Unserem Quartier“, wie Karin auf einem Foto schreibt. Leider konnte ich es nicht mit Streetview identifizieren. Ich habe speziell Hotels mit auffälligen (dunkelgrünen) Fensterläden gesucht, da gab es zentral nur eines, das älteste am Platz, Hotel Gasthof Bräu, das aber (heute) im Eingangsbereich sehr viel anders aussieht, nicht so schön wie auf den alten Fotos. Da man sich beim Umbau ja nicht verschlechtern will, denke ich, dass es ein anderes Haus gewesen sein muss. Aber wer weiß, vielleicht war es das doch. Mich treibt ein detektivischer Ehrgeiz, herauszufinden, ob es damalige Hotels noch gibt. Die Adresse ist nicht vermerkt. Wie hilfreich sind doch alte Quittungen! Falls man sich hin und wieder fragt, was man (ggf. digital) aufheben soll: datierte (!) Fotos die Personen inclusive Laden-, Straßen- oder Hinweisschildern zeigen, Tagebücher, Briefe, Postkarten, Eintrittskarten und Hotel-Quittungen für überaus eifrig recherchierende, Detektiv spielende Nachkommen wie mich!

    31. August 2024

    Am Donnerstag, dem 17. August 1961 unternahmen Karin und ihre Freundin Ingrid einen Tagesausflug nach Grado in Italien, gar nicht so sehr weit weg von Kärnten. Die Quittung vom Reisebüro Fritz Politzky, ansässig am Korso in Velden, klebt in einem weiteren Album. Das waren in meiner Kindheit die Bilder von ihr, die ich mir am liebsten angeschaut habe und Mama immer wieder gefragt habe, ob es dort an der Adria schön für sie war. Ja, war es. Sehr. Ich glaube, 1961 war eines der glücklichsten Jahre ihres Lebens.

    31. August 2024

    Sommer 1961. Karin macht Ferien und verreist mit ihrer Freundin Ingrid nach Velden am Wörthersee. Von dort schreibt sie am 18. August 1961 bei einer Rast beim Wanden nach Pörtschach diese Ansichtspostkarte an ihre Eltern, in der sie erwähnt, dass der Urlaub nun bald rum ist und sie am 21. August wieder heimkommt.

    30. August 2024

    Besuch von Andrés Schwestern. Karin ganz rechts, wieder größer als ihre Tanten. Ganz links Walli, die ich nur wenige Male traf und am liebsten mochte, weil sie so gerne lachte wie Alma und außerdem malte, richtige Ölbilder. Und Hüte liebte. Mein Herz flog ihr zu, was auf Gegenseitigkeit beruhte. Immer wieder fragte ich meine Mutter: „Wann kommt denn Tante Walli endlich wieder?“ Die etwas matronenhafter wirkende Trude daneben, sicher auch älter, war mir im Vergleich dazu etwas unheimlich. An die ganz rechts kann ich mich gar nicht erinnern. Sie sieht auch etwas anders aus. Vielleicht doch keine Schwester. Laut Album-Beschriftung auf der Seite der Fotos, angeblich 1959, aber mein Auge für Karins Frisuren und Looks ist inzwischen so geschult, dass ich 1960 oder 1961 für wahrscheinlicher halte. Mein Großvater hat da immer wieder was durcheinandergebracht. Er hat das Album ja auch erst bestückt, nachdem die Ereignisse schon Jahre zurücklagen und hat wohl teilweise so herumgeraten wie ich nun. Der Bub im Matrosenanzug und der Mann gehörten wohl zu (Groß)Tante Walli.

    Karin trägt hier das Haar etwas im Stil von von Ruth Leuwerik, von der sie ein ganz großer Fan war. Die Leuwerik erschien mir als unwissendes Kind vor dem Fernseher in den coolen Siebzigern, betulich und altbacken. Mama musste sich ständig rechtfertigen, was sie an der mir bieder erscheinenden Dame so ins Schwärmen brachte. Nun muss ich aber Abbitte leisten. Ich habe letztes Wochenende in meinem Wohnzimmer ein regelrechtes Ruth Leuwerik-Filmfestival veranstaltet, indem ich alle Filme von ihr recherchierte, die in der Gegenwart der Fünfziger spielten, um die Mode und die Frisuren usw. zu studieren. Ich muss nun feststellen, dass ich ihrem gewissen, subtilen, etwas spröden Charme, der viel mit elegantem Understatement zu tun hatte, ebenfalls erlegen bin.

    Ein paar Filme kann man gratis komplett im Internet finden. Sie hat zumeist recht eigenwillige, starke Persönlichkeiten verkörpert, oft ist nur das Happy End am Ende der Filme etwas an den Haaren herbeigezogen und dem Zeitgeist geschuldet, etwas zuckrig und altbacken, aber sie selbst eigentlich recht modern. Empfehlen möchte ich die folgenden Kinofilme mit Ruth Leuwerik: „Ein Herz spielt falsch“ von 1953 mit O.W. Fischer und „Bildnis einer Unbekannten“ von 1954, auch an der Seite von O.W. Fischer, in dem sie zudem sehr schön ein paar Chansons vorträgt. Außerdem „Die ideale Frau“ von 1957, geradezu eine cineastische Kampfschrift für die berufliche Emanzipation der Frau, ich war überrascht. Nur das Ende ist etwas arg kompromisshaft, aber egal. Der Großteil des Films zeigt die Leuwerik souverän als erste weibliche Bürgermeisterin, die die Fahne für einen höheren Kultur-Etat schwenkt. Nett, zumal 1957. Dann gibt es noch einen Film, wo sie eine resolute Mathe-Lehrerin spielt, die sich von den jungen Männern nicht auf der Nase rumtanzen lässt, und gewaltigen Respekt erringt, es ist der Film „Immer wenn der Tag beginnt“ ebenfalls aus dem Jahr 1957. Nachdem ich diese Filme nochmals gesehen hatte, wurde mir klar, dass Mama hier kein Frauchen vom alten Schlag verehrte, sondern eine durchaus moderne Frau, die für ein neues Selbstbewusstsein stand, die aber gleichzeitig auch dem Privatleben Raum gab. Liebesfreud- und Leid gehörten immer dazu, sonst wären die Kinosessel leer geblieben. Kluge Mischung. Meine Verehrung, liebe Frau Leuwerik.

    30. August 2024

    Weiter geht es mit einem sommerlichen Foto vom Rasenmähen. Karin schiebt einen Elektrorasenmäher, aber nicht über den Rasen ihres Elternhauses, sondern bei einem Verwandtschaftsbesuch. Der Apparat kam zwischen 1957 und 1958 in den Handel und galt als der erste elektrische Rasenmäher in Europa. Ich vermute, das Foto ist aus dem Jahr 1960 oder 1961. In meinem Elternhaus gab es hingegen nie einen elektrischen Rasenmäher, nur einen stromlosen. Ich habe oft damit den Rasen gemäht. Mein Vater fand es unnötige Kinkerlitzchen, das elektrisch zu machen. Außerdem war ihm der Lärm ein Graus, den so ein Apparat machte, der schon durch das Rasenmähen der Nachbarn seine Nerven überstrapazierte. Ich gebe ihm heute Recht. Unerträglicher Radau.

    30. August 2024

    Anfang 1961 erhält Karin einen Brief ihrer Freundin Evi. Leider kann ich nicht verifizieren, ob Evi auf irgendeinem Foto zu sehen ist. Das im Brief erwähnte Gruppenfoto liegt nicht im Brief, der bedauerlicherweise keinen Umschlag mehr hat. Ich vermute, dass die Umschläge, die selten bei den Briefen vorhanden sind, die ich habe, einem Briefmarkensammler übereignet wurden. Das war ja damals ein recht beliebtes Steckenpferd. So schade, dass ich das Foto nicht sehen kann. Vielleicht ist es noch irgendwo und wird zu einem späteren Zeitpunkt von mir exhumiert. Interessant in dem Brief ist für mich, dass Evi ihr tröstende Worte zukommen lässt, die sich offenbar auf das Ende einer Liebelei mit einem Felix beziehen, von dem ich noch nie gehört habe. Meine Mama war natürlich nicht verpflichtet, mir ihr Vorleben ausführlich auszubreiten, aber ihre früheren Schwärmereien für Toni Sailer oder Hansjörg Felmy hat sie mit verklärtem Erinnerungsblick unverblümt preisgegeben. Die Sache mit Felix hat aber vermutlich auf eine Weise geendet, dass sie es vorzugsweise aktiv verdrängt hat, was ja auch ganz gesund sein kann. Im Januar 1961 war Karin siebzehneinhalb Jahre alt.

    Die gute Evi vermutlich ähnlichen Alters. Mit dem Zeitraum Januar 1961 exakt korrespondierende Fotos von Karin zu finden, gestaltet sich für mich wieder einmal kompliziert. Es gibt eine Serie undatierter Winterfotos, wo sie unter anderem vor dem Schaufenster vom Einrichtungshaus ihrer Eltern zu sehen ist. Mutmaßlich zwischen 1958 und 1959 aufgenommen. Ein weiteres, späteres Foto (mit einer Doppelbelichtung) könnte auch in etwa hinkommen, Karin mit einem Kind (nicht ihrem), das offenbar eine Faschingsverkleidung trägt. Sie sieht aus, als hätte sie etwas an Gewicht zugelegt oder die dicke Jacke trägt auf. Oder es ist schon ein deutlich späteres Foto von 1963 und sie war schwanger. Ich weiß es nicht. Sie sah also ungefähr so aus, wie auf den Fotos hier, irgendwas dazwischen. Der Junge ist entweder ein Nachbarskind oder vielleicht auch wieder ein Pflegekind von Alma, davon gab es wohl auch mitunter welche, als Karin schon da war.

    24.1.1961

    Liebe Karin!

    Herzlichen Dank für Deinen lb. Brief. Diesmal habe ich Dich ja ziemlich lang warten lassen, aber bitte, sei mir nicht böse. Die Bilder sind ja alle ganz gut. Ich schicke Dir auch eins mit, auf dem wir alle drauf sind. Es ist auf einer Party aufgenommen, die eine von unseren Mädchen gegeben hat. Am Samstag ist von unseren Handballern Faschingsball, da wird es bestimmt ganz toll. Wir maskieren uns auch. Ich eine Zigeunerin, Siggi eine Japanerin. Wir verraten es natürlich keinem, obwohl sie es alle wissen wollen. Sie behaupten zwar, daß sie uns erkennen, aber das wollen wir erst einmal abwarten. Am Sonntag steigt bei mir eine kleine Party, wenn Du Lust hast, kannst Du kommen. Du bist herzlichst eingeladen. Warst Du schon recht viel auf Faschingsbällen? Ich gehe das 2. Mal heuer.

    Liebe Karin, das was Du mir von Felix geschrieben hast, ist ja weniger schön, aber die Hauptsache ist ja, wenn Du wieder drüber hinweg kommst. Deine Bemerkung unter der Briefmarke habe ich ja auch entdeckt. Bei mir ist noch alles beim alten. Mit Gerd ist auch alles in Ordnung. Ich hätte nie geglaubt, daß ich es so lange aushalten könnte. Na das kommt halt davon, wenn man sich wirklich verknallt hat. Auch in der lb. Schule hat das seine Auswirkung. Mir wird schon ganz schlecht vor dem Zeugnis. Am Freitag ist Notenkonferenz. Wir gehen mit der Schule in „Faust„. Der Film soll ganz gut sein. Vorigen Samstag waren wir in Altdorf. Unsere Jugend hat gespielt. Hinterher sind wir dann alle in den Sonnenhof tanzen gegangen. Da hat es mir gefallen. Peter sagte mir, daß Gerd und ich doch gar nicht zusammenpassen, denn er ist doch so ernst veranlagt ud ich bin immer so lustig und gut gelaunt. Ich gab ihm darauf zur Antwort, Gegensätze ziehen sich an, was ja wahrscheinlich auch stimmt. Gerd ist noch dazu mein nächster Nachbar, wenn ich zum Fenster rausschaue, kann ich ihm direkt auf den Küchentisch sehen. Gestern war er krank – der Hals – bin gespannt, ob er heute wieder gesund ist. Ich habe ihm gleich, als er über Halschmerzen klagte gesagt, er soll blanken Zitronensaft schlucken, aber auc mich hat er nicht gehört und jetzt hat er den Salat. Eine Karte hat er direkt auch geschrieben vom Skiurlaub. Sie hat 6 Tage gebraucht. Nun muß ihc Schluß machen, denn es ist 1/2 12 h und um 12 h muß ich zum Zug. Schreib doch auch bald wieder! Herzliche Grüße an Deine Eltern!

    Bis zum nächsten Mal
    Deine Evi

    ps. Ich schicke Dir heute von Deinen Bildern nur die Hälfte zurück, die andere folgt das nächstemal. (es folgt Steno:) DAS BILD, DAS ICH DIR MITSCHICKE, ZEIGT VON LINKS NACH RECHTS: HERBERT, INGE, GERHARD, HANNE, ROLAND, KLAUS, ALEXANDER, KARIN, ME, SIGGI, FRANK unten DIETER UND REINER UND OBEN GERD UND STRUPPI (Struppi)

    Hoffentlich kannst Du das Geschmier lesen. Laß Dich mal blicken!

    30. August 2024

    Wieder wildes Datums-Raten. Alma mit einem Kind, aber nicht ihrer Karin. Es muss vor ihrer Geburt gewesen sein, vielleicht ein, zwei Jahre davor, Anfang der Vierziger. Alma hatte manchmal ein Pflegekind, um das sie sich kümmerte. Vielleicht auch, weil ihr Kinderwunsch so lange nicht erfüllt wurde. Aber dann kam ja zum Glück doch noch ein eigener kleiner Wildfang. Auf dem Foto vom Tag der Einschulung, dem 1. September 1949, hält die kleine Karin ihre große Schultüte wie einen Hauptgewinn in die Luft. Aber Almas Hauptgewinn war ganz ohne Frage ihr Töchterlein Karin.

    29. August 2024

    Die Sonne blendet am 17. Oktober 1949 in Peterskirchen. Goldene Hochzeit der Großeltern von Karin, Marie und Andreas, den Eltern ihres Vaters, der den Vornamen seines Vaters bekam und auf den sie später, im Jahr 1964, ihren Sohn taufen ließ, meinen Bruder.

    28. August 2024

    „(…) vor der Haustür, auf dem Gehweg, lag ein Buch. Wie hingepfeffert, nicht sorgsam zum Verschenken hingelegt. Im Dreck. Ich hob es neugierig auf, überlegte noch, ob das runtergefallen sein könnte. Als ich den Titel sah, steckte ich es ein. Meine Phantasie schlug Purzelbäume. „Der dressierte Mann“ von Esther Vilar. Viel davon gehört, nie gelesen. Eine Hardcover-Ausgabe in rotem Leinen mit schönem Schutzumschlag, graphisch exzellent. Eingerissen, gammelig. Wurde das Buch aus Wut vom Balkon geschmissen? Ging eine hitzige Debatte voraus? War Esther Vilar nicht in den Siebzigern und Achtzigern ständig in Talkrunden mit ihrer Antipodin Alice Schwarzer? Ich muss mal meine Erinnerung auffrischen. Daheim das Buch und den Schutzumschlag gründlich gereinigt und die eingerissenen Kanten vom Umschlag repariert.“

    Es folgt meine Bewertung des Buches: sehr gute Bindung, hochwertige, strapazierfähige Papierqualität, exquisiter Entwurf des Schutzumschlages. Nun aber heißt es ja, man soll ein Buch nicht aufgrund seine Umschlages beurteilen. Da ich seit gestern Abend noch keine Zeit hatte, es zu selbst zu lesen und zu urteilen, präsentiere ich meinen Lesern zum einen hier eine Leseprobe des 1971 erstmalig erschienen Werkes. Und zum anderen, die schlechtesten und die besten Bewertungen auf Amazon, Stand heute, 28. August 2024, sowie zuguterletzt eine Verlinkung zum seinerzeit im Fernsehen übertragenen Streitgespräch zwischen Esther Vilar und Alice Schwarzer Anno 1975, das damals recht viel Aufsehen erregte. Interessant auch, dass es vier Jahre nach Erscheinen stattfand. Das bedeutet, dass es kein Thema war, das in einem Sommerloch abgehandelt wurde, sondern eine langjährige Debatte anheizte. Ich finde angenehm, wie sich beide Kontrahentinnen um eine besonnene Kommunikationskultur bemühen, wenn es auch so wirkt, dass sich Alice Schwarzer schwerer tut, sich im Zaum zu halten. Wenn ich beiden folge, kann ich immer wieder nur nicken. Ich verstehe tatsächlich beide Seiten.

    Es ist nicht schwarzweiß für mich. Ich stehe da mit einer gewissen Milde moderat zwischen den Stühlen. Das hat auch biographische Ursachen und Bezüge, die mich auch wieder zum Lebensweg meiner Mutter führen, der mich gerade immens beschäftigt. Eigentlich mein Leben lang. Ich wählte ein völlig zu ihr konträres Lebensmodell, allein lebend, unverheiratet, kinderlos, finanziell unabhängig, sehr frei, Familie respektierend, aber nicht als erklärten Lebenssinn definierend. Selbstbestimmte Wohnsituation, unverblümte Meinungsäußerung. Mama hingegen fügte sich in fast allen genannten Punkten in eine gegenteilige Lebensrealität, und nicht immer nur glücklich damit. Dennoch: es war von ihr selbst gewählt und ist daher zu respektieren, von mir nicht zu entwerten.

    1-Stern-Rezensionen auf Amazon:

    Hexe
    Nicht zu empfehlen. Hab nach 13 Prozent aufgehört zu lesen. War nicht zu ertragen. Frauenfeindlicher geht es nicht mehr. Vielleicht in den 70er Jahren aktuell.

    Kindle-Kunde
    Wie kann man 2016 noch sowas auflegen??? Das ist weder lustig noch in irgendeiner Form erträglich! Egal, ob der Mann oder die Frau dressiert, die stereotype Interprteation der beiden Geschlechter so ganz ohne Ausnahme war m. E. schon 1971 überholt. Schon damals wäre eine differenzierte Betrachtung angebracht gewesen. Und was soll das heute noch? Mehrwert = 0.

    julia
    Man muss nicht alles lesen… Verstehe die vielen positiven Bewertungen nicht. Ich finde das Buch beleidigend und es liest sich so, als würde Esther Vilar einfach den alten Machos nachplappern. Meiner Meinung nach eine vernachlässigbare Lektüre.

    Richard
    Antiquierte, stereotype Beurteilung der Geschlechter Thematik vor 50 Jahren vielleicht in gewisser Weise provokant. Heute jedoch überholt und ermüdend.

    5-Sterne-Rezensionen auf Amazon:

    Amazon Kunde
    Top! Tolles Buch

    C.
    Gut zu lesen, mit Zeitgeist aus den 70ern… Ich habe dieses Buch sehr genossen. Es steckt sicherlich viel Wahrheit in diesem Buch. Jedoch hat mich, nunmehr 40 Jahre nach Erscheinen des Buches, die polemisch-frauenfeindliche Art darin am Ende doch eher amüsiert. Einige Lacher konnte ich mir nicht verkneifen, auch wenn die Aussagen darin einen Wahrheitsgehalt haben. Zur Zeit des aufkommenden Feminismus und der Emanzipationsbewegung ist es schon mutig von Frau Vilar diesen Text geschrieben zu haben. Dieses Buch ist gut zu lesen, amüsant-deutlich und auch lehrreich. Viel Spaß beim Lesen. Allerdings möchte ich in diesem Zusammenhang ein Buch empfehlen, dass sich mit dem Thema Frau und Mann in unfeindlicher und wunderbarer Wiese auseinandersetzt. „Die heilige Ordnung der Mutter“ von Thomas Honsak möchte ich an dieser Stelle empehlen. Es ist ein philosophisch-soziologisches Werk, was die unausgesprochenen Grunddynamiken zwischen Frau und Mann und damit der gesamten Menschheit beschreibt, analysiert und damit gefühltes, unbewusstes, seit Jahrunderten verankertes aus meiner Sicht erstmals und einzigartig verbalisiert und damit sichtbar macht. Und das wunderbare ist – dieses Buch spricht keinem der Geschlechter eine Schuld zu oder wird feindlich, wie bei Vilar. Viele Grüße und danke für das Lesen meiner Rezension.

    Jürgen
    Tolles Buch, sollte jeder Mann mal gelesen haben, auch heute noch sehr interessant. Auch wenn das Buch schon älter ist, ist es auch heute noch sehr interessant und lesenswert :-) Auch das Streitgespräch mit Alice Schwarzer sollte jeder mal gesehen haben kann man im Internet anschauen :-)

    Michael
    Pflichtlektüre für jeden Mann / TOP 5 Sterne. Großen Respekt und Ehre vor dieser Autorin Esther Vilar. Sie sagt genau was Sache ist. Und auch wenn es schon lange her ist. Das Buch wurde ja soweit ich weiß in den 70 Jahren geschrieben. Diese Sachen die sie beschreibt sind so wahr. Man kann es auch auf heute immer noch übertragen. Es hat sich in der Sache nach Jahrzehnte dieses Buches. Nicht viel geändert. Wir haben immer noch so gesellschaftliche Strukturen. Ich finde Frau Vilar ist nicht nur eine Menschenrechtlerin sondern meiner Meinung nach eine tolle herzliche Männerrechtlerin. Nochmal eine Ehre an diese Frau. Sie hat meiner Meinung nach ein Orden verdient. Großen Respekt und Ehre. Ein tolle mutige Frau.

    Willy
    Die neue Erkenntnis für mich ist, dass Frauen eigentlich die emotionslosen und kalten sind und uns auch nur deswegen so gut kontrollieren können. Besonders hat mich die Frage bschäftigt, warum ich mich als Mann dafür schämen müsste Gefühle zu haben? Auch auf diese Frage habe ich eine Antwort bekommen. Es hat mir auch aufgezeigt, wie feindlich ich mich in meinem eigenen Leben noch gegenüber anderen Männern verhalte und um wieviel wir gemeinsam stärker sein könnten und uns aus Sicht der Frauen etwas „weiblicher“ verhalten würden. Mittlerweile muss ich schon fast lachen, wenn ich eine typische Frau sehe und ihre Versuche, so schön zu wirken. Das durchblicke ich mittlerweile sehr schnell.

    Hanno
    Gegen den Strich. Ein Klassiker des (Anti-)Feminismus.

    Hans
    Die Wahrheit. Dieses Buch ist ein Muß! für jeden Mann. Sicher ist zu berücksichtigen, daß es 1971 erschienen ist und Frauen nicht mehr nur „Heimchen am Herd“ sind, sondern auch in Handwerksberufen zu finden sind. Als ärztlicher Psychotherapeut weiß ich, daß Frauen eher in einer Vorstellungswelt leben und versuchen den Mann dahingehend zu manipulieren, daß er ihre Vorstellungen realisiert. Bei Nichterfüllung ist es aus mit der „Liebe“ (Frauen sind auch stärker narzißtisch besetzt und daher eher kränkbar).

    B.
    Lesenwert. Ein Klassiker des Post-Feminismus, von einer Frau geschrieben. Zeitlos aktuell, sollte Pflichtlektüre in den Schulen werden, ideale Diskussionsbasis.

    Anja
    Tolles Buch. Schwer zu lesen und nichts für vor dem zu Bett gehen aber toll

    Christiane
    Absolut geniales Buch. Genau so ist es!! Leider bläut uns die allgegenwärtige Propaganda etwas anderes ein. Ein absolut augenöffnendes Buch, das jede Frau und jeder Mann lesen sollte!

    Die legendäre, durchaus gepflegte Auseinandersetzung der Kontrahentinnen Schwarzer u. Vilar auf youtube: „Alice kontra Esther – Alice Schwarzer vs. Esther Vilar – Steitgespräch 6.2.1975“

    27. August 2024

    Vorhin in meiner Werkstatt gewesen. Gießen (wieder ist der Bambus vertrocknet, wieder ist ein gar nicht mehr so kleines Küken in der beliebten Ecke vom Balkongebüsch). Drei Wochen hatte ich so viel anderes zu tun und im Kopf, nicht da gewesen. Immer noch ist der Schaumstoffblock nicht bezogen. Aber das untere Teil hab ich fertig. Beim oberen habe ich einfach nicht mehr gewusst, wie die Anordnung der drei Teile für den Bezug sein muss. Dann entschieden, nicht weiter herumzupuzzeln. Daheim habe ich Fotos, da sehe ich wie es war, sein muss. So wie es da zuletzt lag, nicht.

    Aber das sind ja alles keine großen Probleme. Bin dann runter, vor der Haustür, auf dem Gehweg, lag ein Buch. Wie hingepfeffert, nicht sorgsam zum Verschenken hingelegt. Im Dreck. Ich hob es neugierig auf, überlegte noch, ob das runtergefallen sein könnte. Als ich den Titel sah, steckte ich es ein. Meine Phantasie schlug Purzelbäume. „Der dressierte Mann“ von Esther Vilar. Viel davon gehört, nie gelesen. Eine Hardcover-Ausgabe in rotem Leinen mit schönem Schutzumschlag, graphisch exzellent. Eingerissen, gammelig. Wurde das Buch aus Wut vom Balkon geschmissen? Ging eine hitzige Debatte voraus? War Esther Vilar nicht in den Siebzigern und Achtzigern ständig in Talkrunden mit ihrer Antipodin Alice Schwarzer? Ich muss mal meine Erinnerung auffrischen. Daheim das Buch und den Schutzumschlag gründlich gereinigt und die eingerissenen Kanten vom Umschlag repariert. Morgen Foto.

    27. August 2024

    Was geschah bei Karin in der Zeit zwischen Ende April 1958 und dem Kennenlernen meines Vaters im Herbst 1961? Ich nehme an, sie besuchte bis ca. 1960 die Handelsschule, traf Freundinnen, ging weiter viel ins Kino und Tanzen und las gerne Zeitschriften, Romane, aber auch gerne die Tageszeitung, und träumte weiter von der großen Liebe, vom Heiraten und einem Kind, während sie noch daheim im Elternhaus wohnte und im Möbelgeschäft mitarbeitete. Anhand von Gruppenfotos kann ich deutlich sehen, dass sie die anderen Frauen überragte, nicht nur wegen der Stöckelschuhe. Sie steht fast ein wenig abseits auf dem Bild, das hinten beschriftet ist mit „Karins Schulfreundinnen bei Radpartie“.

    Ob es zusammengewürfelte Schulfreundinnen von früher waren, die sich wie bei einem Klassentreffen nochmals trafen? Ich sehe keine große Nähe untereinander. Hatte eine schon ein Kind? Aber das hätte ja zur Radpartie sicher nicht so einen Sonntagsanzug angezogen bekommen. Ich denke, der Junge gehörte zur Nachbarschaft, war oft bei Karin und ihren Eltern, die vielleicht mit auf ihn aufgepasst haben. Es ist manchmal von einem „Günterle“ die Rede in Karins Tagebuch, und der artige Bub kommt noch auf anderen Fotos vor. Also eher kein Kind von einer der Freundinnen.

    Eine der jungen Damen auf dem Foto ist mir impulsiv unsympathisch, die mit den Ringelpullover in der Mitte, die so breitbeinig steht. Der traue ich nicht über den Weg. Vielleicht ist das diese vorlaute Ursel, die Karin manchmal erwähnt, die offenbar auch Haare auf den Zähnen hatte. Aber sie hatte auch einen Plattenspieler und lud Ihre Klassenkameradinnen ein, neue Schallplatten zu hören, was vielleicht ein Grund war, sich mit ihr zu arrangieren, was sie beinah schon wieder sympathisch macht. Das sind wilde Mutmaßungen und Unterstellungen, aber vielleicht hab ich ins Schwarze getroffen. Auf alle Fälle handelt es sich bei den Aufnahmen hier gesichert durchweg um Fotos aus dem Jahr 1959.

    Karin war fast sechzehn. Endlich steht einmal ein Jahr auf der Rückseite. Und zwei Fotos, wo sie dasselbe Kleid, nur ohne die Brosche trägt, und auch diesselbe Frisur hat, sind im Album genau datiert, mit 17. April 1959, dem 50. Geburtstag ihres Vaters André.

    Auch hilfreich bei meiner Detektivarbeit, die Interessen von Karin aus der Zeit zu erhellen, bevor sie ihre Familie gründete und ich auf die Welt kam, ist das Auflage-Datum der Bücher, die sie kaufte und las. Ich habe ihre Taschenbuchausgabe vom September 1958 von Bonjour Tristesse. Die Verfilmung kam Ende 1958 in die deutschen Kinos. Vielleicht hatte sie die Kino-Vorschau gesehen und sich vorab das Buch gekauft. Oder umgekehrt. Ich las es früh, wie auch andere ihrer Bücher, die sie sorgsam aufbewahrt hatte, so zum Beispiel „Süßer Vogel Jugend“ von Tennessee Williams.

    26. August 2024

    Den Abschluss meiner kleinen Karin-Tagebuch-Serie bildet die folgende Ausgabe zu Ausgehen, Radiohören, Musik, Tanzen, Träumereien und ersten kleinen Flirtereien der Vierzehnjährigen. Inzwischen bin ich mir recht sicher, dass das Tagebuch aus Gründen der Geheimhaltung im April 1958 nicht weitergeführt wurde. Oder wenigstens nicht in diesem grünen Buch. Vielleicht verlangte die gute Alma Einblick zu erhalten und Karin wollte es nicht. Sie hatte eine verklausulierte Bezeichnung für einen oder mehrere (Englisch-)Lehrer, die sie als „Kandidaten“ bezeichnete. Vielleicht konnte sie sich auf die Weise mit ihren Freundinnen in der Schule über die „Kandidaten“ austauschen, ohne zu erkennen zu geben, dass es sich um angeschwärmte Lehrkräfte handelte. Mir bringen diese Einträge meine Mama so nah, dass sie dadurch unglaublich lebendig für mich wird. Bitte entschuldige Mama, dass ich dafür Deine liebreizenden Aufzeichnungen bei mir verewige.

    Sonntag, 30.6.57
    Heute zu meinem Geburtstag bekam ich dieses Büchlein, dem ich meine Geheimnisse anvertrauen werde.

    Mittwoch, 3.7.57
    (…) Abend ging ich mit Christel spazieren und trafen Richard, der vom Bad kam. (…) Um 3/4 9.00 hörte ich Wunschkonzert.

    Donnerstag, 4.7.57
    (…) Christel (…) kam sie zu mir, sie schrieb mir eine Karte für Frank Forster. Danach einen tollen Liebesbrief, bestimmt dachte sie da an Richard.

    Freitag, 5.7.57
    (…) Abends kam Christl und sagte, daß sie am Samstag wieder mit Richard auf den Sommernachtsball geht. Ich war schon im Nachthemd, da suchte Eva ihre kleine Katze.

    Samstag, 6.7.57
    (…) Beim Lange war ich auch, Draxlers Sohn u. dessen Cousin sah ich auch – zwei tolle Burschen, so einen Freund sollte ich mal bekommen. (…) Reisner Claus war heute fesch, er hatte ein gelbes Hemd u. blaue Hose.

    Sonntag, 7.7.57
    (…) Nach dem Film traf ich Christl, denn sie wartete auf Richard, dieser kam um 1/2 8.00, wir gingen zusammen los. Ich ging dann heim. Um 1/4 10.00 traf ich sie, wie plauderten noch. Da sagte Christa, daß sie ihm den Kopf einmal richtig gewaschen hat.

    Dienstag, 9.7.57
    (…) Darf vielleicht mit Mutti u. Vati aufs Sommernachtsfest zum Götz, hoffentlich?! Abends ging ich mit Arko (Hund) spazieren. Hoffentlich wird Lissys Beinchen wieder gut.

    Freitag, 12.7.57
    (…) In der Stadt war ich, als ich beim Kupfer rauskam, rief jemand „Karin“. Da sah ich, daß es Hampel u. noch einer war. Abends spielte ich 10 Min. Federball mit Christel u. Eva, Christl traf Richard. (…) Morgen gehe ich zum Friseur und abends fort mit Mutti + Vati!!!!!!!

    Samstag, 13.7.57
    (…) zum Friseur. Als ich hinein kam, sagte Frau Opel „Heute wirst Ballkönigin“, ich mußte lachen, denn ich tanze doch nicht. (…) Um 3/4 8.00 gingen wir, Christel ging mit. Ich hatte meinen bunten Rock u. die weiße Bluse an. Es war toll. Erst saßen wir außen, die Lampions brannten, es sah prima aus. Schmids waren auch, Irmgard durfte auch. Christl wollte tanzen, aber niemand sah sie. Wir sagte, sie soll hineingehen, in den Saal. Später ging sie mit Irmgard hinein. Irmgard traute sich erst nicht, denn sie hatte noch nicht getanzt, aber dann klappte es. Es fing zum regnen an, so gingen wir nach oben des Pfarrheims hinauf. Ich war öfters unten, da sagte einer, warum ich nicht eher drunten war. Um 1/2 2.00 gingen wir heim.

    Montag, 15.7.57
    (…) zur Christa. Sie erzählte mir vom Film, in dem sie mit Richard war. Es duschte u. donnerte, dann ging ich. Hörte bis 9.00 „Ja, wenn die Musik nicht wär“. Ging dann in mein Zimmer.

    Freitag, 19.7.1957
    (…) um 3/4 8.00 gingen Christl, Richard, Arko u. ich spazieren. Christa kitzelte ihn immer mit Gras. Auch führten sie sich an den Händen.

    Sonntag, 21.7.57
    (…) Helga (…) Ihren Freund Günther trafen wir auch. Nachmittags waren wir wieder beim Richter. Zwei aus unserem Ort waren auch da, sie sagten allerlei Schmeicheleien, das regte mich auf, und der eine wollte mich umarmen, aber ich machte sofort los. Später gingen wir mit Günther spazieren.

    Montag, 22.7.57
    (…) ging ich ein paar mal zur Christl, erfuhr ich Mittag, daß Poldi geheiratet hat und in Italien auf der Hochzeitsreise ist.

    Dienstag, 24.7.57
    (…) um 1/2 9.00 hörte ich Wunschkonzert.

    Donnerstag, 25.7.57
    (…) Nachmittag ging ich mit Christa in die Stadt einkaufen. Abend gegen 1/2 8.00 gingen wir wieder mit Richard spazieren, wir spazierten im Wald.

    Freitag, 26.7.57
    (…) Abends war ich bei Hüttner. Christa war jedoch nicht zu Hause. (…) Doch traf ich sie am Abend. Richard war ein paarmal da, aber da hörte sie ihn nicht, jetzt sind sie miteinander spazieren.

    Samstag, 27.7.57
    (…) in Wittislingen. Inge und Gundi aber waren noch in Bergheim. Vati holte sie, abends kamen auch Adolf u. der Otto. Adolf ist 17 J., ein netter Bursche. Gundi ist reizend.

    Sonntag, 28.7.57
    Diesmal stand ich um 9.00 auf, Gundi u. alle waren schon auf, wir schliefen im neuen Schlafzimmer. Adolf hatte einen eleganten blauen Anzug an, weißes Hemd. Er wollte in die Kirche, diese war jedoch um 1/2 9.00 angegangen. Er lacht mich immer an, ich glaube, er kann mich leiden. Gundi ging nun schon gern zu mir. Mittags gab es Schnitzel, Wein, um mich drehte sich alles. Nach dem Essen kam Adolf. Wir setzten uns auf die Eckbank, ich tat meine Hand auf die Bank. Adolf saß neben mir, er berührte mehrmals zart meine Hand.

    Montag, 29.7.57
    (…) Abends gingen Eva, Christa, Arko u. ich spazieren. Christa traf zuvor Richard, sie hatten sich verkracht, wegen Sonntag, er hatte sie angelogen.

    Dienstag, 30.7.57
    (…) Abend ging ich mit Christa spazieren u. Arko. In der Stadt traf Christa Richard u. sie erfuhr, warum er nicht kam., er wollte mal alleine fort. Er sagte zu Christa, er will, daß es nicht noch mal vorkommt. Vielleicht läßt sich Christa versöhnen.

    Mittwoch, 31.7.57
    (…) Mittag aßen wir in der Patriziergaststätte, neben Mautkeller. (…) Abends ging ich mit Christa, Arko, Richard spazieren.

    Donnerstag, 1.8.57
    (…) Abend ging ich mit Christa, Richard spazieren. Morgen schläft Christa bei mir.

    Freitag, 2.8.57
    (…) um 1/2 9.00 stand ich auf. Dann ging ich in die Stadt, traf die Irmgard Weiß, sie erzählte mir vom Stamminger, mit dem sie geht. Sie war beim Friseur. Ursula grüßte ich im Vorbeigehen. Wie sie grinste. (…) Mit Christa ging ich spazieren, sie liest gerade bei mir am Bett.

    6.8. bis 27.8.57
    Ich war lange bei Trude und hatte Gundi, sie ist immer so lieb, Trude sagte auch, sie schreibt mir. Mir gefiel es dort gut, weil ich Gundi auch baden durfte, spazierenfahren und Essen geben. Hatte ein Zimmer für mich, es war sehr schön., abends kamen oft Adolf und Inge runter, dann saßen wir alle auf der Couch und es war sehr gemütlich..

    Mittwoch, 18.12.57
    (…) Als ich heim kam, war Meyer da. Ich hörte Wunschkonzert.

    Montag, 23.12.57
    (…) Vati lud derweil mit Herrn Reschke Polstermöbel ab, er hatte mich gegrüßt und freundlich zugelächelt, mir wurde richtig warm ums Herz, denn ich kann ihn sehr gut leiden. Paarmal sah ich ihn noch.

    Erster Weihnachtsfeiertag 25.12.57
    (…) Wir gingen ins Pfarrheim, ins Theater. „Friede auf Erden.“

    Sylvester, Dienstag, 31.12.57
    (…) Vati mußte zum Möbel Raab. Ich sah Herrn Reschke auch. Ich weiß nicht, ich schwärme geradezu für ihn. (…) Kino (…) Russische Eier (…) Wein (…) Im Radio kam schöne Musik. Punkt zwölf Uhr tranken wir Punsch und wünschten uns gegenseitig ein gesegnetes, gesundes, glückliches Neujahr! 58.

    Mittwoch Neujahr, 1.1.58
    (…) in die Kirche, der Herr Pfarrer predigte sehr schön. Wir rutschten ganz gut ins neue Jahr, wenn wir nur gesund bleiben, das ist die Hauptsache. (…) Spazieren (…) dann spielten wir zu dritt Quartett. Später gingen Eva und ich in die Stadt (…) am liebsten wär ich nochmal ins Kino gegangen. Um 6.00 ging ich mit Mutti und Vati zum Götz. (…) Aß Schnitzel, H. Grimm war auch dort, er erzählte wieder so laut, und lauter Sachen, die einen gar nicht interessieren. Endlich um 20.00 Uhr kam im Fernseh was Schönes, „Menschen, Tiere, Sensationen“. (…) um 11.00 gingen auch wir.

    Freitag, 3.1.58
    (…) hörten wir „Das ideale Brautpaar“.

    Mittwoch, 8.1.58
    (…) In der Straßenbahn war ein hübscher junger Mann, ich glaube, das war ein Steward. Auch sah ich, daß sich unser hübscher Pfarrer bestimmt zu Weihnachten verlobt hat. (…) War auch Wunschkonzert.

    Samstag, 11.1.58
    (…) Dann ging ich mit Resi, Eva + Arko in die Stadt und zum Seitzinger, holte Kinokarten – denn morgen kommt Helga. Gingen dann noch zum Götz und schauten zu den Fenstern rein, denn es war Werkvolkball.

    Montag, 13.1.58
    (…) Im Turnen hatten wir Seilspringen, das mach ich ganz gern, Barrenturnen. (…) Abends ging ich mit Resi in die Stadt, weil dort jetzt wieder Tanzkurs ist.

    Dienstag, 14.1.58
    (…) Nun ist unser Stundenplan geändert und wir haben nun Mittwoch früh Singen u. Religion. Als wir um 1/4 6.00 aus hatten, gingen wir zu viert in die Lesestube in der Burg, dort ist es sehr gemütlich und wir werden jetzt öfter hingehen.

    Mittwoch, 15.1.58
    (…) ich fuhr mit Ursel + Heidi mit dem Zug und kamen bissl zu spät ins Singen. Raufte mit Hermann Guttendobler, unserem Gesangslehrer. (…) Abends war Eva da, hörte Wunschkonzert mit vielen neuen Schlagern. Um 1/2 10.00 ging ich in die Klappe.

    Mittwoch, 22.1.58
    (…) um 3/4 8.00 ging ich mit Eva Schlittenfahren im Eichenhain, es war prima, kein Mensch war da hinten und so hell. Wir blieben bis 3/4 9.00 draußen. Eva zog mich am Heimweg. Als ich daheim war, waren Frau Hüttner u. Christa da mit ihrem Kleid. Wir tanzten, hörten auch Wunschkonzert, blieb bis 12.00 auf, denn um 3/4 12.00 sang Herrmann Guttendobler eine Serenade.

    Donnerstag, 23.1.58
    Heute hatten wir keine Schule, denn es ist Konferenz wegen der Schüler. Nachmittag war ich auch bei Eva, sie hatte heute wieder Tanzkurs, und Resi und ich schauten zu. (…) Wir schauten lange zu, und ich sah immer durchs Schlüsselloch, sah aber viele tanzen, Willi sah ich, Eva, Christa u. viele andere. Um 1/4 10.00 ging ich heim und ging sofort ins Bett.

    Sonntag, 26.1.58
    (…) ins Kino, nach dem Film heim und aß, war bei Eva, fragte, ob sie mit zum Pfarrheim hinter geht, aber Eva sagte, heute Nachmittag bist Du ja auch nicht mitgekommen. Eva denkt vielleicht, wenn Helga mal kommt, dann soll ich auch mit ihr gehen. Ich schaute bis 9.00 zu, Mühlbauer Monika sah ich auch tanzen.

    Montag, 27.1.58
    (…) Ich hatte meine Straßenbahnkarte nicht und so mußte ich 80 Pf. opfern. (…) Hörte den Musikalischen Cocktail.

    Dienstag, 28.1.58
    (…) Im Zug las ich in Ursels Starrevue. Es stiegen zwei hübsche Kerle ein, den einen sah ich schon einmal. Der andere war ein Blonder, mir gefiel er gut. Ursel fragte er, ob er eine Ursel Butsch kennt, wir mußten so lachen, auch sagte der wo neben mir saß, „ja, die haben es schön, sitzen ein paar Stunden in der Schul und dann fahren sie heim“. Er schaute immer in meine Zeitung rein und als Ursel tat, als schliefe sie, sagte er, „ja, die keusche Eva und warum lernt ihr gar so fleißig?“. Als ich ausstieg, blieb ich mit meinem Rock hängen, er sagte „Verzeihung“ und machte die Zugtür zu. (…) Es war schon spät, wie ich zu Bett ging.

    Mittwoch, 29.1.58
    (…) Hörte ich um 1/4 9.00 Wunschkonzert.

    Donnerstag, 30.1.58
    (…) Hörte ich abends „musikalischen Cocktail“.

    Freitag, 31.1.58
    (…) Ging mit Ursel und Heidi ins Kulturreferat, wo ein Trio vom Nürnberger Opernhaus spielte, auch Harfe, es war prima, der Cellospieler schaute oft zu uns herauf u. lächelte. Ursel + ich lachten immer, wenn wir uns ansahen. Um 10.00 war es aus und um 11.00 ging ich ins Bett.

    Samstag, 1.2.58
    (…) Mutti, Vati, Resi und Ernst gingen zum Faschingsball, ich schaute mit Günter mal hinter, hörte im Radio „Das ideale Brautpaar“.

    Sonntag, 2.2.58
    (…) Ernst ging um 1/2 12.00 ins Pfarrheim, dort war mit Kupfer beisammen (…) Ernst kam erst um 1/4 6.00 und war so sehr betrunken. Er legte sich in Muttis Bett. Resi kam so die Wut, daß sie ihm eine schmierte. Mutti holte einen starken Kaffee und Zitronensaft, dann wurde es ihm besser.

    Dienstag, 4.2.58
    (…) abends ging ich mit Resi zum Spelter, Tanzkurs zuschauen.

    Mittwoch, 5.2.58
    (…) Abends war ich bei Hüttner bis um 1/4 10.00, hörte dort Wunschkonzert.

    Freitag, 7.2.58
    (…) Nachmittag sang im Radio Guttendobler (…) sah auch den, der neulich mit uns heimfuhr.

    Montag, 10.2.58
    (…) Heute Abend schauten wir wieder beim Tanzkurs zu. Ich ging erst um 1/2 10.00 heim und Vati lag schon im Bett und sagte: „dafür darfst Du Sonntag nicht ins Kino“. Jetzt ist es 1/4 11.00 Gute Nacht.

    Dienstag, 11.2.58
    (…) Vati sagte mir auch, daß Reschke bald heiraten wird, eine Blondine, kann man nichts machen, manchmal darf man halt nicht zuviel träumen.

    Donnerstag, 13.2.58
    Hatten wir erst Mittag Schule, es war schön warm draußen. (…) Heidi war im Zug wieder recht kindisch, es waren mehr Leute da, sie sagte zu den andern „schaut nur, wie vornehm sie lächelt“. Es war furchtbar, man weiß bald nicht mehr, was man machen soll.

    Samstag, 15.2.58
    (…) Abends tanzte ich mit Resi und 1/4 12.00 gingen wir ins Bett.

    Dienstag, 18.2.58
    (…) Als wir vom Kino rauskamen, ließen uns die jungen Kerle nicht durch und man war nicht sicher vor Spritzpistolen. (…) Nachmittag zog ein Faschingszug ins Werkvolkheim hinter. (…) Abends hörte ich Radio, um 10.00 begann der „Faschingskehraus im Rundfunkhaus“. Jetzt höre ich noch, gerade war ein Calypso dran. Morgen kommt nach Nürnberg Bahnhof Toni Sailer. Vielleicht sehe ich ihn.

    Mittwoch, 19.2.58
    (…) Toni Sailer (…) ganz galant, mit braunem Gesicht, schwarzem Haar, grauen Mantel, weißen Hemd und einem Strauß weißen Nelken, ich war ganz begeistert, er gefiel mir sehr gut.

    Donnerstag, 20.2.58
    (…) am Bahnhof, mußten noch auf den Zug warten. Keks fuhr mit in demselben Abteil, weil Ursel ihn rief. Es war ganz nett.

    Freitag, 21.2.58
    (…) nach Ansbach zum Durchleuchten. (…) Ich war schon ganz zappelig. Um 11.00 kam der Arzt, dann wurde ich durchleuchtet, er sagte, ich brauche nicht mehr kommen, und meinte „wo willst Du denn noch hinwachsen?“

    Sonntag, 23.2.58
    (…) Helga erzählte ich auch von Toni Sailer.

    Montag, 24.2.58
    (…) schneite es, hatten wir Castner Rochus, neulich träumte (8 Wörter in Steno:) ICH VON IHM. ICH WAR MIT IHM VERHEIRATET. (…) Abend ging ich mit Arko spazieren. Schaute schnell beim Tanzkurs bißl zu.

    Dienstag, 25.2.58
    (…) Träumte vom Toni Sailer. (…) Mittag beim Essen bekam ich von Vati eine ins Gesicht. Weil ich wollte, daß die Katze auf ihrem Kissen liegen darf, weil sie schon wieder eine verletzte Pfote hat. Da bekam ich eine Wut. (…) hörte bis 9.00 Hörspiel. Dann ging ich schlafen.

    Mittwoch, 26.2.58
    (…) zu Ursel, und gingen dann in den Abend von Igor Baumeister. Ursels Vati ging mit, wir lachten Tränen. Rektor Schürer war auch.

    Donnerstag, 27.2.58
    (…) Kaufte mir Weltbild mit Toni Sailer, ich bin ganz närrisch nach ihm.

    Freitag, 28.2.58
    Das war heute so ein Tag, kalt und dann noch Englisch Schulaufgabe, furchtbar. Unsere Kandidaten Boxer, Hartmann und Reck kommen nun nicht mehr. (…) Als wir Mittag heimfuhren, saß in unserem Abteil auch ein Amerikaner, Ursel lachte immer – denn wie die meisten biß er an seinen Fingernägeln. Wollte ich schlafen, so weckte mich Ursel und grinste. (…) Willi fuhr heute nicht heim, weil er noch mit Vati in Nürnberg ist, weil Weiß umziehen.

    Samstag, 1.3.58
    (…) Abends war es 11.00 als ich schlafen ging, (4 Wörter in Steno:) WEINTE ICH IM BETT.

    Sonntag, 2.3.58
    (…) Nach dem Kino sah ich auch Ursel, sie wurde schon wieder abgeholt.

    Montag, 3.3.58
    (…) Abend wollte ich Tanzkurs schauen (…) um 1/4 9.00 ging ich los, Willi ging auch erst später fort, weil sie feiern waren. Aber es war kein Tanzkurs, so ging ich mit Eva wieder heim, und plauderten außen noch.

    Mittwoch, 5.3.58
    (…) Abends zog ich meinen Mantel an und ging zu Getz. Der Abend war sehr schön mit Stasi, Blasi, Blödl, Gretl Bauer, das Haffner Duo, Christl Jodlerin, Moosacher Trio, gefiel mir der Lange mit dem Cello, den braunen Augen – Thomas Wendlinger

    Donnerstag, 6.3.58
    (…) im Zug stiegen wir einmal aus, denn es kamen so blöde junge Kerls, als wir in einen anderen gingen.

    Sonntag, 9.3.58
    (…) nach der Kirche sagte Helga mir, daß sie mit Luise nach Ansbach ins Konzert von den Deutschmeistern geht. (…) Daheim las ich. Mutti weinte und sie wollte allein spazieren gehen, aber ich ging mit, wir trafen auch Fam. Hake u. Frl. Geißler. Um 1/4 5.00 waren wir daheim, ich ging danach ins Kino.

    Montag, 10.3.58
    (…) Beim Castner in Erdkunde war es wieder schön. (…) Abends schauten wir bis 1/2 10.00 Tanzkurs zu. Mutti stand auf einmal da und ich mußte heim. Willi sah ich auch mit der Kolb.

    Donnerstag, 13.3.58
    Hatte ich wieder Mittag Schule (…) Hatten wir zum (4 Wörter in Steno:) ERSTEN MAL DEN KANDIDATEN, braun + schwarze Haare.

    Freitag, 14.3.58
    (…) heute hatten wir den Englisch-Kandidaten nicht. (…) Am Friedr.-Ebert-Platz gab es eine Verkehrsstockung, weil ein Auto mit einer Straßenbahn zusammenstieß, wir waren schon drin, dann stiegen wir aus und gingen zu Fuß zum Zug, hatte nasse Schuhe von dem Schneematsch.

    Samstag, 15.3.58
    (…) abends hörten wir „Das ideale Brautpaar“.

    Sonntag, 16.3.58
    (…) hörten Wunschkonzert.

    Montag, 17.3.58
    (…) Film-Revue (…) Toni Sailer ganz groß.

    Dienstag, 18.3.58
    (…) Nachmittag Schule (…) Abend fuhren wir mit einem Scheuerlein heim, er erzählte, daß er Ursel kenne, denn er brachte ihrem Vater mal einen Anzug.

    Donnerstag, 20.3.58
    (…) am Abend fuhren wir wieder mit dem Scheuerlein heim u. Hummel Carola. Wir lachten oft. Wir redeten allerhand Zeug, er ist ein ganz netter Mensch, dann fragte er Ursel, wie alt sie ihn schätze, sie sagte über 30, er schaut aber jünger aus, ich schätzte 25, das stimmt auch. Carola sagte zu ihm „ich hab erfahren, daß dein Geburtstag mit lauter Dreiern zusammenhängt“. Er ist am 3.3.1933 geboren. Er fragte, ob wir morgen wieder mit heimfahren, dann hat er Unterhaltung. Wir fahren morgen aber Mittag heim. Da sagte er „schade“.

    Freitag, 21.3.58
    Früh Schule, kalt war es auch, heute hatten wir nicht unseren schönen englischen Kandidaten. Mittag im Zug ging auch der schwarze mit der roten Mütze von Roßtal durch das Abteil.

    Samstag, 22.3.58
    (…) Resi nahm ich ein Bild von meinem lieben Toni Sailer weg

    Sonntag, 23.3.58
    Früh ging ich in die Kirche, in der Nacht hatte ich einen (5 Wörter in Steno:) SEHR SCHÖNEN TRAUM MIT WILLI.

    Montag, 24.3.58
    Schrieben wir keine Erdkunde Schulaufgabe, das war sehr schön von Rochus. (…) Als ich heimkam, sah ich, daß Willi wieder gesund ist. Ich zog mich um, machte Englisch und hörte ich Schlagermusik. Um 1/2 7.00 ging ich ins Kino, wie ich bei der Tür draußen war, hörte ich ein Fenster knarren, drehte mich um und sah gerade noch Willi. Ging zu Ursula, Heidi war schon dort, hörten tolle Schallplatten

    Mittwoch, 26.3.58
    (…) hatten Singen, Religion. Ich kann immer nur zuhören, wenn unser Pfarrer erzählt. In English hatten wir den Kandidaten.

    Samstag, 29.3.58
    (…) (7 Wörter in Steno:) FÜRCHTE ICH TRÄUMTE SCHON WIEDER VON WILLI. las (13 Wörter in Steno:) AUCH EINEN BRIEF VON IHM, DAS WAR EIN BRIEF VON SEINER BÄRBL(?)

    Sonntag, 30.3.58
    (…) ins Pfarrheim (…) Tonfilme (…) Die vorführten, waren schon mal da, blond u. schwarz, groß, hübsch, ich mußte immer wieder hinstarren.

    Montag, 31.3.58
    (…) um 1/2 8.00 ging ich mit Resi Tanzkurs zuschauen. Willi tanzte oft mit der Kolb.

    Dienstag, 1. April 58
    (…) Resi sagte mir, daß sie mit Willi morgen ins Kino geht, schön von ihm, daß er ihr eine Freude macht. (…) Willi schickten wir auch in den April. Ich nahm ein weißes Kuvert schrieb seine Adresse und innen „O, diese Enttäuschung – April!“ Er wunderte sich, von wem der stammt.

    Mittwoch, 2.4.58
    (…) Eva ging nicht mit ins Kino (…) aber sie begleitete mich runter. Zuvor sah ich Willi + Resi hinuntergehen. Kaufte mir Reihe 17. Als ich drinnen war, sah ich die zwei nicht, später kamen sie auch, hatten Reihe 17. Resi setzte sich neben mich, dann Willi. Ich zitterte vielleicht. Der Film „Die Gladiatoren“ war sehr schön, mußte immer an (2 Wörter in Steno:) WILLI DENKEN. (…) Nach dem Kino gingen wir zu dritt heim. Wir erzählten vom Kino. Von Monpti sahen wir die Vorschau. Ich weiß, als wir zwei gar heimgingen, war es mir ganz anders als sonst, Willi sagte, in Ansbach ist das Kino genauso teuer wie da, ich sagte, im anderen ist es schon billiger, aber halt wackelt alles. Dann sagten wir Gute Nacht u. ich ging schlafen, es war 11.00.

    Donnerstag, 10.4.58
    (…) Resi bekam von Willi einen Roman zum lesen. Ein goldiger Kerl. möchte ihn gerne lesen. (…) um 1/2 10.00 ging ich schlafen. Träumte so wunderschön von (8 Wörter in Steno:) WILLI, ICH WAR VERHEIRATET UND HATTE EIN KIND.

    Sonntag, 13.4.58
    (…) Beim Geml sah ich Helga und freute mich sehr. Mit ihr ging ich zum Pöverlein, da ließ sie mich einen Brief lesen, von einem Patienten mit Namen Rudolf, hat eine schöne Schrift. Er möchte gerne mit Helga gehen. Sie sagte mir, „morgen muß ich ihm Bescheid sagen“. Dann ging ich heim. (…) Um 1.00 ging ich zu Helga, zog auch leicht meine Lippen nach. Gingen spazieren, die Hauptstraße entlang, da trafen wir E. u. mehr aus G. Bernhard hatte einen Photoapparat dabei und knipste uns. Hoffentlich werden die Bilder nichts. Dann gingen wir zu Helga Kaffee trinken. (…) Abends ging ich mit Mutti und Vati das Theaterstück anschauen, „Die weiße Hand“, um 1/4 12.00 ins Bett.

    Dienstag, 15.4.58
    (…) Am Abend kaufte ich mit Ursula noch ein, die Schallplatte „Die Brücke am Kwai“.

    Mittwoch, 16.4.58
    (…) Im Zug standen wir außen, da ist es geheizt, innen saß ein schöner Kerl, schwarz, braune Augen, gelbes Hemd, schaute immer raus, groß. 21 Jahre vielleicht, der gefiel mir gut, hoffentlich sehe ich den nächsten Mittwoch auch. (…) Ich hatte schwarzen Rock, rosa Bluse an. (…) Um 1/4 9.00 hörte ich Wunschkonzert bis 10.00, dann ging ich schlafen.

    Freitag, 18.4.58
    (…) Am Abend ging ich mit Vati und Mutti zu Götz, hörten wir einen der letzten Bischöfe aus Rot-China, mit Lichtbildern, sehr interessant und traurig, wie die leben, unter den Kommunisten. Wir blieben bis 12.00 noch sitzen, dann gingen wir heim.

    Samstag, 19.4.58
    (…) Am Abend hörten wir „Das ideale Brautpaar“.

    Mittwoch, 23.4.58
    Heute fuhren wir 7.07. Ich sah aber meinen Hübschen von vorigem Mittwoch nicht. (…) Hörte Wunschkonzert.

    Samstag, 26.4.58
    (…) Von Helga bekam ich eine Karte mit Toni Sailer, schrieb, daß sie Samstag kommt…

    ~ E N D E ~

    25. August 2024

    „Besuchet unverbindlich mein MÖBEL LAGER“. Reklame am Zaun vom Möbelgeschäft. Es finden sich eine Hand voll Erwähnungen in Karins Tagebuch aus den Jahren 1957 bis 1958 zum Geschäft ihrer Eltern: „(…) Kamen Roßmeisel kauften 2 Sessel. (…) aber nun ging es zum RAAB, dort blieb ich im Auto sitzen, Vati lud derweil mit Herrn Reschke Polstermöbel ab. (…) mußten Mutti & Vati bis 12.00 in der Werkstatt bleiben und nähen. (…) mußte Vati zum Möbel Raab. (…) Abends mußte ich zum Götz Schaumstoffkissen hintragen. (…) Als ich heim kam, war eine Kolb da, die bekommt eine Couch in ihr Zimmer. (…) Am Abend kamen Tepalla von P. mit Marieders Freund. Die wollen Einrichtung kaufen. (…) Herr Hüttner holte mein Schränkchen mit vom Zimmer und lieferten es.“

    24. August 2024

    Mehr aus dem alten Fotoalbum meines Großvaters André. Er hatte seit Anfang der Fünfziger Jahre eine eigene Werkstätte, in der er die Polster von Automobilen bezog, sie auf Wunsch umlackierte, aber auch jegliche Polstermöbel anfertigte bzw. aufpolsterte oder neu bezog und Tapezierarbeiten ausführte. Er hatte in seinem Meisterbetrieb auch einige Angestellte, führte aber selbst viele Arbeiten aus. Weil er den Handwerksberuf des Sattlers erlernt hatte, wusste er auch früh mit jeglichen Nähmaschinen umzugehen und konnte diese Fertigkeit für seine gestickten Bilder anwenden.

    Später kamen Verkaufsräume für Möbel hinzu, auch ein Schaufenster. Er bot alle für die Innenausstattung von Räumen erforderlichen Arbeiten an, auch das Nähen von Vorhängen konnte in Auftrag gegeben werden. Ich muss wirklich etwas von ihm geerbt haben, weil ich mir frühzeitig selbst Kenntnisse im Nähen und dem Beziehen von Sitzmöbeln aneignete, um vorhandene alte Möbel zu verändern, ihnen ein neues Gewand zu geben. Das Sofa in meinem Wohnzimmer hat auch einen maßgeschneiderten Bezug, den ich genäht habe. Die 1952 erbaute Werkstatt meines Großvaters stand gegenüber des 1951 errichteten Wohnhauses, in dem er mit seiner Alma und seiner Tochter Karin und immer mindestens einem Schäferhund und einer Katze lebte. Dazwischen lag der Hof, wo bei schönem Wetter draußen gearbeitet werden konnte. Die Fotos „Gunte und Lortar“ ( wohl Gunter und Lothar) … „bei der Arbeit“ hat er gemacht. Fotografiert hat er also auch gerne. Mama sagte, er hätte eine Rechtschreibschwäche gehabt (die er zum Glück weder ihr noch mir vererbt hat), aber dafür konnte er die hin und wieder falschen Buchstaben doch sehr schön schreiben.

    23. August 2024

    Ich glaube, das ist „Onkel Ernst“ mit seiner Frau Marianne und seinen drei Söhnen. Vielleicht waren sie zu Besuch, weil alle so adrett angezogen sind. Ein Foto aus den Fünfzigern, wie man am Vorhang und am Radiomodell erkennen kann. Und der Ruth Leuwerik-Frisur und dem Bolero-Jäckchen von Tante Marianne!

    Ernst war höchstwahrscheinlich einer der Brüder von meinem Großvater André. Den ich, wie erwähnt, nie gekannt habe, weil gestorben, bevor ich auf die Welt kam. Den Onkel Ernst habe ich glaube ich ein- oder zweimal gesehen. Er hieß „Onkel Ernst“, weil Karin so von ihm gesprochen hat, er war ja ihr Onkel. Ich war noch ganz klein. Ich erinnere mich, dass er ein sehr warmherziges Lächeln hatte. Obwohl ich soeben leicht schwanke, ob er nicht doch ein Bruder von Alma war. Das dreht sich alles wie ein Karussell in meinem Kopf. Ich bin gerade wie ein Detektiv mit diesen alten Fotos beschäftigt. Was könnte wann gewesen sein.

    Und wer ist wer? Leider Gottes hat mein Großvater, der das Album angelegt hat, oft keine chronologische Reihenfolge beim Einkleben eingehalten. Das macht es mir schwer! Auch ist selten ein Datum hinten vermerkt. Manchmal gibt ein Datum vom Fotolabor, aber das heißt ja nur, dass da der Abzug gemacht ist. Anhand dessen kann man aber immerhin sicher sagen, dass das Aufnahmedatum schwerlich NACH dem Fotolabor-Datum liegen kann! Auf den meisten Fotos ist aber hinten nur so ein blasser Stempel mit dem Schriftzug vom Labor, z. B. „Foto-Schmidt“. Das hilft mir nicht sehr weiter! Ich bin Opa nicht gleich auf die Schliche gekommen, dass er die Bildserien durcheinander eingeklebt hat. Erst bei einem Farbfoto fiel es mir auf, wo meine Mutter schon viel erwachsener war, danach klebte er Fotos von ihrer Konfirmation ein. Manchmal schreibt er ein Jahr auf eine Seite im Album. Das passt dann aber nur zu einem oder zwei Bildern, die übrigen sind offensichtlich aus einer anderen Zeit, nur welcher? Ich vergleiche dann Fotos, die hinten mit Datum beschriftet wurden, schaue mir die Kleider und Frisuren an und suche dann wie beim „Memory“ ein Pendant, das nicht beschriftet wurde, aus der Serie. Klingt kompliziert, ist es auch, aber macht mir auch gerade Spaß, das Detektiv-Spielen.

    22. August 2024

    Mama und Mode. Heute in meiner Karin-Reihe: was Mama als Vierzehnjährige in den Fünfzigern ihrem Tagebuch über Anziehsachen, den Kauf ihrer ersten „ersehnten“ Stöckelschuhe, Puder, Lippenstift, Friseurbesuche und Körperpflege anvertraut hat. Das erwähnte Buch von Gwinny von Heid habe ich bei mir daheim.

    Sonntag, 30.6.57
    Heute zu meinem Geburtstag bekam ich (…) von Mutti dieses Büchlein, von Vati 5 Mark (…) und von Mutti noch Strümpfe und Schoko, von meiner Patin Parfüm und ihrer Mutter 1 Paar Perlonhandschuhe. Erika kam Nachmittag auch und brachte Bärbel mit. Von Erika bekam ich sehr netten Blumenstrauß.

    Dienstag 2.7.57
    (…) Ursel (…) Aufschneiden kann sie – zur Heidi sagte sie, daß sie jetzt eine trägerlose Unterwäsche bekommt. Diese Krämpf!!! Als ich heim kam, badeten wir u. Mutti hatte mir ein neues Kleid genäht, das ich sehr gern anziehe. Otti sagte zu mir, daß ich viel hübscher sei, als die Ursel. Das ist ja schnuppe. Nach dem Baden ging ich mit Christel u. Arko (Familienhund) spazieren (…). Eva konnte nicht mit, weil sie Handschuhe nähen muß.

    Samstag, 6.7.57
    (…) Reisner Claus war heute fesch, er hatte ein gelbes Hemd u. blaue Hose.

    Sonntag, 7.7.57
    (…) Nach dem Essen wusch Mutti mir meinen Kopf. Ich legte mich im Badeanzug in den Liegestuhl u. ließ mich braun brennen.

    Montag, 8.7.57
    (…) Mein Haar sieht furchtbar aus, gestern wurde es gewaschen, jetzt hält es gar nicht.

    Mittwoch, 10.7.57
    Hatte ich Schule u. bekam ein paar zackige Hausschühchen.

    Freitag, 12.7.57
    (…) Mußte auch baden. Morgen gehe ich zum Friseur und abends fort mit Mutti + Vati !!!!!!!

    Samstag, 13.7
    (…) Nach dem Essen ging ich zum Friseur. Als ich hineinkam, sagte Frau Opel „heute wirst Ballkönigin“. Ich mußte lachen, denn ich tanze doch nicht. Um ¾ 8.00 gingen wir, Christl ging mit. Ich hatte meinen bunten Rock u. die weiße Bluse an. Es war toll. Erst saßen wir außen, die Lampions brannten, es sah prima aus.

    Donnerstag, 18.7.57
    (…) hatte mein blauweiß gestreiftes Kleid an. (…) Nachmittag ging ich in die Stadt, kaufte mir einen weißen breiten Gürtel, kostete 1,90 DM.

    Montag, 22.07.57
    (…) Ging ich zweimal in die Stadt, kaufte mir Perlon-Kniestrümpfe 3,10 M.

    Sonntag, 28.7.57
    (…) Adolf hatte einen eleganten blauen Anzug an, weißes Hemd. Er wollte in die Kirche (…)

    Montag, 29.07.57
    (…) Mutti half ich, sie hatte Wäsche, ich schaute auch zu, wie man es macht. Abend um 1/2 8.00 kam Christa, sie hatte sich ein neues Kleid gekauft, blau, weiß, Bordüren, 19,50 DM.

    Mittwoch, 31.7.57
    Um 8.00 fuhren wir nach Nürnberg. Frau Merkert auch. Wir gingen in Kaufhäuser, Pöhlmann, Kaufhof. Bekam vom Hertie gelbe offene Schuhe 9,90 DM. 1 Decke zum Sticken. 4,50 DM. Außerdem 1 P. Perlen zum schrauben, Mutti kaufte sich einen Hut (Topfform). (…) dann setzte Vati uns ab auf einer Wiese, wir schauten Frau Merkerts Sachen an, Hausschuhe, Popelinestoff, Kleiderstoff weiß, Seidenleinen mit Laternen. Handtasche, Perlonhandschuhe, Schuhe, Söckchen.

    Samstag, 3.8.57
    (…) da kam Mutti u. bracht die traurige Nachricht, das Onkel Hubert angerufen u. gesagt hat, Oma sei vor einer Stunde eingeschlafen. Nun habe ich keine Oma mehr, sie war immer so gut.

    Sonntag, 4.8.57
    Früh ging ich in die Kirche, sie ging um 1/2 10.00 an, ich hatte mich ganz schwarz angezogen. Es predigte ein anderer Pfarrer, er predigte sehr schön. (…) Mutti (…) nähte mir einen schwarzen, engen Rock. Morgen fahren wir fort, denn Dienstag ist das Begräbnis.

    Donnerstag, 18.9.57
    (…) Hatte m. schw. Rock, weißen Pulli, rote Cordsamtweste an. Gestern bekam ich Wildlederschuhe, eine schöne Farbe, kosteten 33,50 DM.

    Mittwoch, 18.12.57
    (…) Zuvor war ich mit Ursel im Kaufhof und kaufte mir einen grünen Wildledergürtel.

    Montag, 23.12.57
    Ich stand heute um 9.00 auf, als ich runter kam, nähte ich den Saum von meinem Kleid. (…) Fuhr ich mit Vati um 2.00 nach Nbg., erst nach Schweinau nach Porzellan und Teeservice. Dann nach Fürth zum Betz, bekam Hüftgürtel, Clips, lange Kette u. Gürtel. (…) Jetzt haben wir gerade gebadet.

    Heiliger Abend, Dienstag, 24.12.57
    (…) Mutti wusch mir meinen Kopf u. trocknete ihn mit unserem neuen Föhn. Danach zog ich mein neues Kleid an und aßen zu Abend, der Christbaum wurde angezündet. Es gab Karpfen. (…) Dann um 1/2 7.00 ging ich in die Christvesper, wir sangen in der Kirche schöne Lieder, zum Schluß „O du fröhliche“. Um 1/4 9.00 war ich daheim und sah die Geschenke. Schal, Lederhandschuhe, Buch „Meine Welt“, Unterwäsche, Vase, Strümpfe, Pralinen, Schoko, Untertaille, Blusenstoff + viele andere Sachen. Danach sangen wir viele Weihnachtslieder. Um 3/4 11.00 gingen wir ins Bett.

    Erster Weihnachtsfeiertag 25.12.57
    (…) Nachmittag gegen 4.00 kamen Mühlbauer u. Roglers. Frau Mühlbauer hatte ein schönes Armband, so eines (3 Wörter in Steno:) MÖCHTE ICH MIR auch kaufen.

    Sonntag, 29.12.57
    (…) ging in die Kirche, Ursel war auch, sie hat zu Weihnachten ihren Plattenspieler bekommen, Schuhe, 3 Untergarnituren, Schlafanzug, 2 Pullover, Pralinen. (…) zog ich mich an, nahm meine Clips, puderte mein Näschen (…) Kino.

    Montag, 30.12.57
    (…) kam Frl. Schwarz mit Schaumgummiblumen (…) bekam Puderdose.

    Sylvester. Dienstag, 31.12.57
    (…) Vati mußte zu Möbel Raab. (…) Danach fuhren wir zu Hoffmann + Wagner und ich bekam meine grau/weiß gestreifte enge Hose. 36 DM, sie gefällt mir prima und zog sie daheim gleich an.

    Mittwoch, Neujahr 1.1.58
    (…) Hatte meinen blauen Cordsamtrock an.

    Donnerstag, 2.1.58
    (…) Hatte meine graue Hose an.

    Samstag, 4.1.58
    (…) Nach dem Essen sagte Mutti, sie bräuchte 1 Tube Schauma. (…) In der Drogerie nahm ich auch die Kundenzeitschrift mit (…) Wir badeten, auch Resi wusch sich ihren Kopf.

    Sonntag, 5.1.57
    (…) in die Kirche, Ursel war auch, natürlich war das Fräulein Brehm angemalt, Lippenstift fehlte nicht, aber das Gesangbuch hatte sie vergessen.

    Dienstag, 7.1.58
    Stand ich um 1/4 10.00 auf, las im Schlafanzug (…) Mutti hatte Waschtag, hing mit Resi bißl Wäsche auf.

    Mittwoch, 8.1.58
    (…) kam Frau Hüttner & Christa mit einem Kleid, Mutti gab Ratschläge, wie sie es ändern könnten.

    Donnerstag, 9.1.58
    (…) Hatte meinen karierten engen Rock an. Mein Haar ist jetzt ganz schön, wenn es nur so halten würde. (…) Hatten heute auch Steno, um 1/4 6.00 hatten wir aus und fuhren bis Hbf, dann gingen wir in die Stadt kaufte (3 Wörter in Steno:) MIR EINEN LIPPENSTIFT, Astor 1,50 DM, Ursula auch, sie kaufte auch grüne Handschuhe. Sah auch schöne Armbänder, so (4 Wörter in Steno:) EINS MÖCHTE ICH MIR auch (1 Wort in Steno:) GERN kaufen.

    Freitag, 10.1.58
    (…) Gingen nicht in die Nachhilfestunde. Ging nach der Schule mit Elke Freitag und Ursula Koch in Kaufhof + -halle, sah hübsche Armbänder, kaufte (in Steno) MIR EIN Schinkenbrötchen.

    Montag, 13.1.58
    (…) hatte Hose, Anorak, Wildlederschuhe u. Pulli an.

    Montag, 20.1.58
    (…) zog meine graue Hose an, denn wir hatten Turnen.

    Dienstag, 21.1.58
    (…) zog diesmal meine Keilhose an.

    Mittwoch, 22.1.58
    (…) Nachmittag ging ich mal zu Eva und zweimal in die Stadt. Eva kaufte sich ein Puder wie ich u. Kölnischw.

    Montag, 27.1.58
    (…) um 2.00 kamen Frau Reger & Frau Mühlbauer, sie blieben bis 5.00. Frau Mühlbauer sagte, daß sie uns ein paar schöne Reste raussucht für Blüschen. Es war ein netter Nachmittag.

    Dienstag, 28.1.58
    (…) In die Schule durfte ich meinen blauen Cordsamtrock anziehen und hellblauen Pullover mit weißem Einsatz. 1/4 6.00 hatten wir aus, Ursel u. ich kauften uns im Kaufhof ein kleines Seidentüchlein 0,15 DM. Gefällt mir gut. Mein Rock gefiel allen gut, Mutti hat ihn auch sehr hübsch genäht. Ursel sagte natürlich nicht, wie er ihr gefällt. (…) Als ich heimkam, sah ich, daß Mutti in Ansbach war, brachte mir einen roten + gelben Pullover mit, Unterwäsche u. für sich Schuhe.

    Donnerstag, 30.1.58
    (…) zum Hertie, kaufte Resi und mir noch ein Nickitüchlein.

    Freitag, 31.1.58
    (…) Hatte meinen neuen gelben Pullover an.

    Dienstag, 4.2.58
    Fuhren Ursel, Anni und ich mit dem Zug 9.04.1/2 11 geht der Film an vom Schiller. Zuvor gingen Ursel u. ich zu ihren Verwandten, dort bekamen wir jede eine Pralette geschenkt. Es ist ein tolles Haus die Winterthur Versicherung. Wir fuhren mit dem Fahrstuhl, der war sehr gemütlich, dort malten wir unsere Lippen an, furchtbar! Wir fuhren 2 hinauf u. hinunter. Aber dann mußten wir zur Straßenbahn.

    Donnerstag, 6.2.58
    Hatte ich erst Nachmittag Schule. (…) Nahm mir Geld mit, denn ich wollte mir eine Strumpfhose kaufen. So gingen Ursel und ich nach der Schule einkaufen, wir bummelten durch die Stadt, in der Marmorecke kaufte sich Ursel rote Strümpfe, ich fragte nach einer Strumpfhose, hatten aber nur Gr. 38. Auch im Kaufhof nichts Passendes. Ursel sagte, dann gehen wir morgen nochmal.

    Freitag, 7.2.58
    (…) Ursel sagte, sie kann nicht mit einkaufen gehen, und so ging ich nach der Schule mit Anneliese Pfeifert. Bei Hertie trieb ich eine Strumpfhose auf, kostete 5,90 DM, kaufte auch ein Armband 2,90 u. Kosmetiktäschchen 0,95 DM. Sah sehr schöne Stöckelschuhe beim Duda. (…) Die Hose paßt mir prima.

    Montag, 10.2.58
    Zog ich meine Keilhose an u. gelben Pullover. (…) Es war ein schönes Wetter u. ich hatte eine Keilhose an, furchtbar. Ursula hatte ihre roten Strümpfe an.

    Dienstag, 11.2.58
    (…) Kaufte ich 2 Lippenstifte für Helga u. mich VL kosteten 1,50 je Stück. Hatte grauen Rock, gelben Pullover, rotes Cordsamtwestchen an.

    Mittwoch, 12.2.58
    (…) Hatte blaukarierten Rock, weißen Pulli u. Cordsamtwestchen an. (…) Ging zu Eva, die nähte mir meine Handschuhe.

    Donnerstag 13.2.58
    (…) sah wieder schöne Schuhe

    Freitag, 14.2.58
    (…) Nachmittag ging ich zum Friseur (…) Morgen bekomme ich vielleicht meine langersehnten Stöckelschuhe.

    Samstag, 15.2.58
    Stand ich um 8.00 auf. Zog mich an und um 9.00 fuhren Vati u. ich nach Nürnberg, um 1/2 11.00 bekam ich meine Stöckelschuhe vom Pöhlmann in der Atlantikpassage, hagebuttenfarbig mit kleinem Pfennigabsatz u. spitz, schmal, stehen mir sehr gut, es ist ganz weiches Leder, kosten 29,50 DM, Dorndorf Modell. Zum Möbel Raab fuhren wir auch. Herr Reschke hatte auch zimtfarbene Wildlederschuhe an. Als Vati beim Möbel Schaufler war, trafen wir Ludwig, er sagte, daß sich Onkel Hubert einen Mercedes gekauft hat. Danach fuhren wir nach Erlangen. Es war so 1/4 1.00 als wir ankamen, ich probierte meine Schuhe, Resi gefielen sie sehr gut. Beim Umräumen machte Günther die große Rosenthalvase kaputt. Schade drum. Resi ärgerte sich sehr, denn dazu war es noch Ernsts Lieblingsvase und so schnell bekommen sie keine, denn die ist sehr teuer.

    Montag, 17.2.58
    (…) hatte meine Hose an, diesmal hatten wir Bodenturnen und Ballgymnastik.

    Freitag, 21.2.58
    (…) in die Stadt (…) kaufte ein (…) Rexona

    Dienstag, 25.2.58
    (…) hatte meinen blauen Cordsamtrock an

    Sonntag, 1.3.58
    (…) Meine Cordsamtweste ist jetzt fertig. Morgen ziehe ich sie an.

    Mittwoch, 5.3.58
    (…) Eva (…) ging mit zu mir u. zeigte ihr meine Stöckelschuhe.

    Donnerstag, 6.3.58
    Ich las bei Hilde „Schwamm drüber„, den Anfang, ein tolles Buch, das will ich mir auch gerne kaufen, von Körperpflege, Mode, Frisur usw.

    Freitag, 14.3.58
    (…) um 1/2 4.00 ging ich zum Friseur. Ließ mich auch von der Kosmetikerin beraten. Orangenmilch, Gesichtswasser und Lavendelcrem, wenn ich mal Geld hab, schaff ich mir sowas an. (…) Um 1/4 10.00 badete ich, um 1/4 11.00 ging ich ins Bett.

    Sonntag, 16.3.58
    (…) Meine Haare gefallen mir, aber wer weiß, halten sie bloß ein paar Tage.

    Montag, 17.3.58
    (…) Hatte meine Hose an, sagten alle ich habe mein Haar toll.

    Dienstag, 18.3.58
    (…) Ursel strickt an einem schwarzen Pullover für den nächsten Winter. Abends ging ich um 1/2 11.00 schlafen. Morgen haben wir keine Schule. Wirklich pfundig.

    19.3.58
    Schlief ich mich richtig aus. (…) Ging mal zu Hüttner, nahm auch den „Neuen Schnitt“ mit, weil ich eine Bluse darin sah, zu Frau Merkert ging ich auch und schaute die Modehefte durch. Fand ein Heft mit einer hübschen Bluse. Morgen macht Mutti den Schnitt raus.

    Freitag, 21.3.58
    (…) Mutti machte sich über meine Bluse. (…) Dann in die Stadt, Knöpfe holen und zu Helga.

    Samstag, 22.3.58
    (…) Mutti nähte meine Bluse fertig. Ich zog sie an.

    Montag, 24.3.58
    (…) Im Turnen wurden wir untersucht, Haltung und Zähne. Sagte die Ärztin ordentlich, gut. (…) Helga kaufte sich gestern einen Sommermantel, Rock und Bluse.

    Dienstag, 25.3.58
    (…) Abends ging ich mit Ursula noch zum Buchholz wegen Gürtel u. Knebelverschlüsse.

    Donnerstag, 27.3.58
    (…) War es wieder warm, ich schwitzte in meinem 3/4 Mantel.

    Freitag, 28.3.58
    (…) Dann gingen Ursel, Anneliese und ich einkaufen zum Hertie u. Kaufhof. Ich kaufte mir ein Tuch + die Freundin und 1 Bockwurst. Ursel leihte ich 1,10 DM (…) Nachmittag war ich zweimal in der Stadt, kaufte mir auch das Buch „Immer schön sein“ von Gwinny Heid 4,80 DM. Am Abend badeten wir.

    Samstag, 29.3.58
    Es war heute schön warm, so zog ich meinen blauen Sommermantel an und meine roten Wildlederschuh.

    Sonntag, 30.3.58
    (…) Hatte mein rotes Kleid an. (…) Mutti sagte, daß Irmgard kommt (…) Als sie kam, gingen wir zwei spazieren, ich hatte zum ersten mal draußen meine Schuhe mit den hohen Absätzen an. (…) wir gingen dann noch zum Kino hinter, (…) mir taten meine Fußsohlen weh.

    Dienstag, 1. April 58
    (…) Dann ging ich mit Mutti in die Stadt zum Pöverlein, wegen einem Mantel. Bekam einen schönen, gefällt mir sehr, kostete 86,70 DM, weiß, Taft gefüttert, hochgeschlossen. Vati zeigte ich ihn in der Werkstatt, er sagte „so eine Tischdecke“, aber als ich ihn anzog m. meine Stöckelschuhe, gefiel ihm mein Mantel.

    Mittwoch, 2.4.58
    (…) Um 4.00 fuhren wir nach Ansbach, Resi + ihre Mama, kaufte sich einen Mantel.

    Freitag, 4.4.58
    (…) Nachmittag war es sehr warm, zog meinen neuen Mantel an u. m. rote Schuhe. (…) Ursel stand gerade außen, sie rief mich. Probierte meine Schuhe u. kritisierte über meinen Mantel

    Samstag, 5.4.58
    (…) morgen fahren wir nach Pegnitz.

    Ostern Sonntag, 6.4.58
    (…) zog meinen Cordsamtrock u. meine Bluse an. Meinen Sommermantel nehme ich mit und meine Stöckelschuhe zog ich an. Nachmittag fuhr ich mit Christl zu Poldi, wir trafen sie aber unterwegs. Fuhren mit dem Auto zu Christas Freundin, holten Eis und machten es uns bei Irmi + ihrer Schwester gemütlich. Nachmittags hatte ich meinen Mantel an und Christa gefiel er sehr gut.

    Ostermontag, 7.4.58
    (…) Christas Freundinnen waren auch da, Christa nähte sich ihr Sackkleid fertig und zog es an, da war es viel zu kurz, sie sagte: „Das zieh ich nicht zum Ostertanz an, und so bat sie Poldi um das rote Samtkleid. (…) Christa machte sich dann zurecht, sie sah gut aus. Ihre Freundinnen holten sie ab, die eine hatte ein flaschengrünes Samtkleid, die andere ein Brokat- mit weitem Rock. (…) Um 22.00 fuhren wir heim.

    Dienstag, 8.4.58
    (…) Bekamen auf einmal Besuch, Muttis Onkel aus Hof und ein Bekannter aus Selb, Übler, der hat eine Handschuhfabrik, 125 Arbeiter. 1 Villa, 2 Auto, Teppich um 6000 DM. Er war sehr nett.

    Mittwoch, 9.4.58
    (…) Nachmittag war es nicht besonders schön, meine Haare gefallen mir gar nicht.

    Freitag, 11.4.58
    (…) Nachmittag ging ich zum Friseur, ließ mir die Haare kurz schneiden, 5 DM + 0,40 Trinkgeld. (…) Mir gefällt jetzt mein Haar besser.

    Sonntag, 13.4.58
    (…) 1/2 9.00 kam Ottilie mich abholen in die Kirche, hatte ihren neuen Mantel an. Ich auch und das erste mal in die Kirche Stöckelschuh. (…) Um 1.00 ging ich zu Helga, zog auch leicht meine Lippen nach. Gingen spazieren, die Hauptstraße entlang (…) meinen Absatz hab ich furchtbar zusammengerichtet. Weiß Irmgard hat auch einen neuen Mantel + neue Schuhe. Mantel 109,- Schuhe 39,50 DM.

    Montag, 14.4.58
    (…) tat meine Schuhe zum Schuster.

    Dienstag, 15.4.58
    (…) Dann zog ich meinen blauen Popelinemantel an; denn es ist sehr warm. Ursel hatte ihren Duffle Coat an. (…) Am Abend kaufte ich mit Ursula noch ein,. Die Schallplatte „Die Brücke am Kwai“ und dann noch einen roten Lederbeutel zu 14,75 DM.

    Mittwoch, 15.4.58
    (…) es regnete, aber ich zog meinen blauen Mantel an. (…) ich hatte schwarzen Rock, rosa Bluse an.

    Sonntag, 20.4.58
    (…) in die Kirche. Hatte meinen neuen Sommermantel an.

    Montag, 21.4.58
    (…) Hatte meinen blauen Sommermantel an.

    Donnerstag, 24.4.58
    (…) trug meinen Strumpf zum machen.

    Freitag, 25.4.58
    (…) War beim Lange wegen flache Schuhe. Am Samstag kann ich sie holen.

    20. August 2024

    Bild von meinem Großvater André, Karins Vater. 1932 entstanden, „mit der Maschine gestickt“ hat Mama auf der Rückseite notiert. Ich erkenne ihre Schrift. „1932“ hat mein Großvater selbst vermerkt und unterstrichen, es ist eine andere Schrift, ein anderer Stift, verblasst, und sie hat die Jahreszahl dann offenbar mit ihrem Kugelschreiber nachgezeichnet, um das Entstehungsjahr zu verdeutlichen. 1932 war er meinen detektivischen Ermittlungen nach, in der Verlobungszeit mit der siebzehnjährigen Alma, die eine ähnliche Haarfarbe hatte, wie das Mädchen auf dem Bild. Er selbst dreiundzwanzig – und so virtuos…! Ich denke schon, dass sie ihn inspiriert hat. Ganz bestimmt. Es war eine große Liebe. Dass unten am Rahmen etwas abgebröckelt ist, überrascht mich. Es muss eine Art Gipsmasse sein, aus der er gefertigt ist. Mir ist, als wäre der Rahmen noch völlig unbeschädigt gewesen, als ich das Bild am Tag der Beisetzung einpackte, durchaus sorgsam, in einem mitgebrachten Kopfkissenüberzug. Als ich dann aber sehr bepackt mit noch einer Umhängetasche und einem Stoffbeutel durch die Gänge des Zugs lief, muss ich angeeckt sein. Aber wieso ist das abgebrochene Stück nicht im Überzug gewesen? Nur ein einziges Mal habe ich es herausgenommen, um es dem Fahrgast neben mir zu zeigen, er war so sehr daran interessiert. Wir kamen sehr schnell in ein sehr tiefsinniges, schönes Gespräch, und ich erzählte von dem Bild und der besonderen Bedeutung für mich. Er machte sogar ein Foto mit seinem Smartphone davon, weil es ihn begeisterte. Auch die Geschichte dahinter. Ich traue mir zu, das zu restaurieren. Mit einer Reparaturspachtelmasse filigran, fein ziseliert nachformen und dezent mit einem blassen, eher stumpfen Silber-Goldton ausbessern. Vollständig nachvergolden werde ich den Rahmen nicht, das würde dann auch zu neu wirken und wäre zu prunkvoll. Ich freue mich, dass ich in meiner an Bildern nicht armen Wohnung noch einen Platz dafür finden konnte, noch dazu so einen schönen, passenden, macht dem Bild meines Großvaters alle Ehre. Nun hütet das verträumte Blumenmädchen von André meinen Schlaf.


    P.S. ich habe gerade versucht, zu entziffern, was die stark verblassten Worte unter der Jahreszahl heißen könnten, und ich meine, es könnte sein, dass da steht „Meiner Alma“.

    20. August 2024

    Gerade beim Steinmetz angerufen, bin jedes Mal kurz irritiert, dass sich mit „Grüß Gott“ gemeldet wird, dabei ist das dort ja normal und üblich. Ich fange mich dann schnell und sage ebenfalls „Grüß Gott“ (auch wenn es mir nach achtunddreißig Jahren in Berlin etwas ungewohnt über die Zunge geht). Sozusagen als regionale Respektsbekundung. Ich bin ja quasi nur eine „Gast“-Kundin in Bayern, als Berliner Auftraggeberin. Wenn ich dann am Ende des Telefonats aber, ohne groß nachzudenken, gewohnheitsmäßig „Tschüs“ sage, wird es auch von der Dame vom Steinmetz-Büro erwidert. Ich weiß gar nicht, ob sie das sagt, um mir in ähnlicher Weise entgegenzukommen oder ob das dort inzwischen auch ein üblicher Abschiedsgruß ist. (Oder doch eher Ciao?) „Auf Wiederhören“ fände ich etwas übertrieben altbacken. Gerade nochmal telefoniert, das abschließende Telefonat, hab mal drauf geachtet, was ich so reflexartig von mir gebe. Meine letzten Worte waren: „Alles Gute, tschüs!“. Daraufhin Fr. Steinmetz: „Tschühüs.“

    19. August 2024

    EIN Glück, Koje 5 war wirklich reserviert! Erst unser zweites Mal in der Hafenbar und ich erinnerte mich, wie schwierig es beim ersten Mal für Ina und mich war, überhaupt noch reinzukommen und schaute dann immer ganz sehnsüchtig zu der gemütlichen Koje gegenüber der Bühne. Dort saß beim letzten Mal die frühere Clique vom Rickenbackers, mit dem damaligen Chef. Ich war endlich mal schnell genug und bekam den Zuschlag. Doro wollte ich immer schon einmal mitnehmen zum Berlin Beat Club, es hat endlich geklappt, ich denke, jetzt ist sie angefixt. Lydia war auch da und fands gut. Sie kennt es ja schon. Mir war die Setlist mitunter ein bißchen zu gemütlich, aber sie können ja auch nicht immer nur meine persönlichen Top Ten der treibendsten Stücke spielen. War dennoch klasse. Spirit in The Sky, gefiel mir richtig gut. Doro hatte einen Fächer dabei, schöne Idee, für ein ein laues Lüftchen beim Tanzvergnügen. Sie hat auch etwas dazu geschrieben. Wie damals, als wir jegliches Treffen verbloggten. Kleiner Retro-Vibe.

    19. August 2024

    Das ist nicht Karin. Wir schreiben nicht das Jahr 1957 oder 1958, wenn es mir mitunter auch so vorkommt. Ich bin die Tochter von Karin. Am Samstag, also vorgestern, habe ich mir nicht die Film-Revue gekauft und auch nicht Toni Sailer „um ein Autogramm geschrieben“. Ich war mit drei Freundinnen verabredet, zum Stelldichein in der Hafenbar. Die ist in Tegel. Die meisten von uns sind mit der S-Bahn hingefahren. Wir schreiben das Jahr 2024 und die Verabredung war am 17. August. Um 20.30 hat dort die Gruppe Berlin Beat Club aufgespielt. Sie treten öfter auf und wir gehen sehr gerne hin. Karin hätte ihre Mutti wahrscheinlich um Erlaubnis gefragt. Ich durfte auch ohne gehen. Bin ich auch. War sehr schön.

    19. August 2024

    Backfisch Karin, die Kino-liebende Autogramm-Sammlerin und Leseratte. Ich präsentiere weitere Tagebuchauszüge, was sie sich für Zeitschriften und Romane besorgte und las. Bevor ich jedoch zur Sache komme, möchte ich kurz erläutern, dass ich es gerade zu meinem Steckenpferd erkoren habe, ihr Tagebuch von 57 und 58 themenspezifisch auszuwerten. Wenn diese Fragmente hier so kurz und telegrammartig, ja beinah getwittert wirken, liegt das daran, dass ich nur die jeweils zu meinem erkorenen Tagesthema passenden Satzfragmente wiedergebe. Sie erzählte grundsätzlich in allen Tagebuch-Einträgen immer einen gesamten Tagesablauf, wann sie aufstand, wann sie zur Schule ging, was sie für Schularbeiten machte, was sie mittags und abends aß, ob sie zur Kirche war, wie sie im Haushalt half, wann sie zu Bett ging. usw. usf. Aber ich will mich hier hauptsächlich ihren ureigenen Interessen, Leidenschaften und Lieblingsbeschäftigungen widmen (jenseits von Verpflichtungen), und in welchem Umfang, was für sie wichtig war. Ich habe auch noch zwei ähnliche Einträge vor, die sich ihrer Beschäftigung mit Mode, Frisuren und Make up, und ersten Anbandeleien, die vor allem Träumereien waren, widmen.

    Ihr Leben als Vierzehnjährige bestand also nicht prinzessinnenhaft nur aus Kinobesuchen und Autogrammkartensammeln und Romane lesen, bei weitem nicht. Dies nochmal zur Erläuterung des sehr knapp erscheinenden Stils der folgenden Tagebuchfragmente. Ich widme mich hier in diesem Eintrag somit nur ihrer erwähnten Lektüre, egal ob Zeitschrift oder Roman, und ihrem Hobby Filmstars und Autogrammkartensammeln und Toni Sailer. Sie war nämlich SEHR verliebt in den „Blitz von Kitz“. Der bestaussehendste Filmstar der Fünfziger Jahre. Von einem Autogramm von Toni Sailer schreibt sie nichts, aber von vielen anderen. Bestimmt hatte sie aber eines von ihm, früher oder später. Kann ja gar nicht anders sein. Ich finde ihn auch extrem gutaussehend. Da fehlen mir fast die Worte, ich kann sie verstehen. Überhaupt verstehe ich ganz viel, wenn ich ihr Tagebuch lese. Da steckt so viel von ihrer unverschleierten Emotionalität drin. Warum das Tagebuch Ende April 58 abbricht, kann ich nur vermuten. Vielleicht war sie unsicher, ob ihre Mutter Alma mitliest, obwohl ja ein Schloss daran war. Aber sie ermahnte ihre Tochter einmal, mehr zu schreiben, es nicht zu vernachlässigen. Als hätte Alma hin und wieder ein wenig Einblick genommen. Zaghafte amouröse Andeutungen schrieb Karin mitunter in Stenographie. Zarte Träumereien in ihrer Geheimschrift.

    Mittwoch, 3.7. 57
    (…) Um 3/4 9.00 hörte ich Wunschkonzert, Steckbrief war Frank Forster. 26 Jahre alt. Ich schreibe ihn um 1 Autogramm.

    Donnerstag 4.7.57
    (…) Nachmittags las ich ihm Liegestuhl, Christel ging ins Bad. Gegen 8.00 Abend kam sie zu mir, sie schrieb mir eine Karte für Frank Forster. Danach einen tollen Liebesbrief, bestimmt dachte sie da an Richard. Diese Tage sind schrecklich heiß, kein Regen kommt, alles ist so drückend.

    Donnerstag, 11.7.57
    (…) Bekam ich ein Autogramm von Frank Forster.

    Montag, 29.7.57
    (…) Nachmittag war ich in der Stadt, kaufte eine Brigitte.

    Freitag, 2.8.57
    (…) Kaufte eine Brigitte.

    Donnerstag 18.9.57
    Gestern kaufte ich mir die Jubiläumsausgabe der Filmrevue, kostet 0,60 M.

    Dienstag 17.12.57
    (…) Von Ruth Leuwerik bekam ich ein Autogramm, Helga schrieb mir auch.

    Freitag, 20.12.57
    (…) Nachmittag ging ich in die Stadt, traf Ursel, kaufte für Mutti 4711 Puderdose und mir eine Constanze, jetzt ist in ein paar Tagen schon Weihnachten.

    Erster Weihnachtsfeiertag 25.12.57
    (…) essen (…) danach las ich in Meiner Welt.

    Donnerstag, 2.1.58
    (…) Nun aßen wir zu Abend. Ich las noch im Hausfreund und FUNK für alle den Roman „Wer liebt, der glaubt“.

    Freitag, 3.1.58
    (…) In der Drogerie nahm ich auch die Kundenzeitschrift mit. Als ich daheim um 1/2 3.00 sagte, wir könnten eine Funk-Illustrierte kaufen, nun ich mit Resi und Arko nochmal in die Stadt, aber ich bekam sie nicht mehr, nahm 1 Bella mit.

    Sonntag, 5.1.58
    (…) ich fing den Roman an „Sie kam aus den Bergen“

    Montag, 6.1.58
    (…) Nach dem Essen las ich meinen Roman fertig, bis 1/2 3.00

    Mittwoch, 8.1.58
    (…) Kaufte Film-Revue.

    Mittwoch, 15.1.58
    (…) Hatte Margas Filmschauspieleralbum mit.

    Mittwoch, 22.1.58
    (…) kaufte mir eine Filmrevue.

    Dienstag, 28.1.58
    (…) Im Zug las ich in Ursels Starrevue.

    Freitag, 31.1.58
    (…) schaute ich Nachmittag Hausfreund an.

    Dienstag, 4.2.58
    (…) Habe auch die Filmrevue gekauft.

    Donnerstag, 6.2.58
    (…) Abend las ich im Hausfreund. Schrieb an Helga einen Brief und bekam Antwort.

    Freitag, 7.2.58
    (…) Autogramm an Böhm + Luise Ullrich.

    Samstag, 8.2.58
    (…) An Karl-Heinz Böhm und Luise Ullrich schrieb ich um Autogramme.

    Dienstag, 11.2.58
    (…) schrieb ich um ein Autogramm an Marion Michael.

    Mittwoch, 12.2.58
    (…) Schrieb um Autogramme an Gerhard Riemann u. Elma Karlowa.

    Dienstag, 18.2.58
    (…) Helga schrieb mir und ich antwortete gleich. (…) Morgen kommt nach Nürnberg, Bahnhof, Toni Sailer. Vielleicht sehe ich ihn.

    Mittwoch, 19.2.58
    Wir fuhren mit dem 7.07, im Zug redeten wir auch vom Toni Sailer. Heidi sagte, daß er um 13.23 von Würzburg kommt. Ich dachte in der Schule auch daran, geschneit hatte es auch. Aber Heidi u. Ursel gingen schon 5 Min v. 1/2 1 weg u. fuhren mit dem 12.59 heim. Marga ging mit mir, so gingen wir voll Erwartung zum Bahnhof u. sahen, daß beim Ausgang schon viele Leute standen. Ich kaufte mir die Filmrevue, da wurde durch den Lautsprecher gesagt, Achtung, Filmstar Toni Sailer kommt beim Haupteingang raus. So rannten wir alle hinter u. wir hatten einen schönen Platz, es dauerte noch 8 Min. Da sagte Marga zu mir Mensch, toll, ich seh ihn schon, und da kam er auch ganz galant mit braunem Gesicht, schwarzem Haar, grauen Mantel, weißem Hemd, und einem Strauß weiße Nelken. Ich war ganz begeistert, er gefiel mir sehr gut. Dann aber fuhren wir heim. (…) Ich schaute Illustrierte an und las meinen schönen Roman. (…) Um 12.00 ging ich ins Bett.

    Freitag, 21.2.58
    (…) Danach ging ich in die Stadt, kaufte ein, außerdem einen Stenostift, Paul Hubschmid Starkarte (…) Abends las ich Hausfreund.

    Samstag, 22.2.58
    (…) Machte Aufgabe. Danach las ich, um 1/2 2.00 ging ich zu Hüttner, schaute Illustrierte an, und dann nahm ich mir einen Roman mit zum lesen. „Zwei dunkelrote Rosen“. Nachmittag daheim las ich ihn, abends badeten wir.

    Sonntag, 23.2.58
    (…) Um 1/2 1.00 ging ich zur Helga, es schneite, dort las ich einen Roman „Melodie der Sehnsucht“. Um 3.00 tranken wir Kaffee, dann gingen wir zu mir, schauten Album an (…) Helga erzählte ich auch von Toni Sailer.

    Montag, 24.2.58
    (…) Nachmittag war ich bei Hüttner, holte mir das Buch „Waldwinter“, den Film habe ich schon länger gesehen. Von Karlheinz Böhm bekam ich ein Autogramm.

    Dienstag, 25.2.58
    Heute stehe ich erst um 1/2 10.00 auf. Ich träumte vom Toni Sailer. Wir trafen ihm beim Hauptausgang, beim Zeitungskiosk. Ursel und ich u. noch eine. Mehr waren es nicht. Ich kaufte ein Bildchen und gab es ihm zur Unterschrift. Er schrieb eine Menge darauf, dann erwachte ich. (…) Am Abend kaufte ich mir 1 Breze und ein Brigitte Heft 0,70 DM.

    Mittwoch, 26.2.58
    (…) Ich las mein Buch zu Ende, „Waldwinter“, gefiel mir sehr gut.

    Donnerstag, 27.2.58
    (…) schlief ich bis 1/2 10.00 (…) Um 1/2 12.00 ging ich zum Zug, kaufte mir Weltbild mit Toni Sailer, ich bin ganz närrisch nach ihm. Ich fragte Mutti und sie sagte, ich darf sie mir kaufen. In der Lektürestunde fingen wir die Novelle an zu lesen von Gottfried Kellermann „Kleider machen Leute“. Fuhren mit dem 18.52 heim. Im Zug lachten wir und ich hatte einen mords Hunger, als ich heim kam, dafür gabs daheim Bouillon, Landleberwurst m. Semmel (…) im Wohnzimmer war es warm, ich lernte noch meine Englisch Vokabeln.

    Freitag, 28.2.58
    (…) in die Stadt, zuvor las ich. Ging in die Drogerie, Kupfer, Menzel, Lotto. Um 1/2 7.00 war ich daheim, las wieder. Um 8.00 ging ich zu Hüttner, schaute Lesezirkel an. Um 1/2 10.00 ging ich heim.

    Samstag, 1.3.58
    Stand ich um 1/2 10.00 auf (…) Bekamen wir unser Kaffeepaket von Bremen, las ich.

    Sonntag, 2.3.58
    (…) Ich schaute den neuen Neckermann-Katalog an. (…) Nach dem Kino sah ich auch Ursel, sie wurde schon wieder abgeholt. (…) Um 9.00 ging ich ins Bett, schaute noch Katalog an.

    Dienstag, 4.3.58
    (…) Kaufte ich mir die Film-Revue. Resi gab ich auch Geld für Filmschauspieler.

    Mittwoch 5.3.58
    (…) holte mir ein Heft beim Reinhold (…) von Helga bekam ich auch einen Brief, daß sie Freitag oder Samstag kommt.

    Donnerstag, 6.3.58
    Konnte ich bis 1/2 10.00 schlafen, Resi brachte mir Renate Holm u. Gerhard Riedmann mit, 0,50 DM. (…) Ich las bei Hilde „Schwamm drüber„, den Anfang, ein tolles Buch, das will ich mir auch gerne kaufen, von Körperpflege, Mode, Frisur usw.

    Freitag, 7.3.58
    Hatte ich keine Lust zum aufstehen. (…) Im Zug las ich fertig die Novelle „Kleider machen Leute“.

    Samstag, 8.3.58
    Ging ich spät aus meinem Zimmer (…) ging zu Hüttner Illustrierte anschauen

    Montag, 10.3.58
    (…) kaufte mir beim Lange (?) Maria Schell.

    Donnerstag, 13.3.58
    Hatte ich wieder Mittag Schule, kaufte ich mir ein Freundin-Heft 0,70 DM.

    Sonntag, 16.3.58
    (…) las „Laila“.

    Montag, 17.3.58
    (…) Als ich heimkam, war von Marga eine Karte da und von Luise Ullrich ein Autogramm. Ging ich Nachmittag mit Helga zum Lange kaufte mir 3 Schauspieler/innen, Böhm, Remberg, Damar. 0,75 DM. Die Film-Revue gab es auch, mit den Bambisiegern. Schell, Leuwerik, Schneider, Buchholz, Fischer, Böhm. Ausland, Lollobrigida, Audrey Hepburn, Ingrid Bergman, Rock Hudson, Jean Marais, Tony Curtis. Am Abend schrieb ich meinen Aufsatz fertig. Toni Sailer ganz groß.

    19.3.58
    Schlief ich mich richtig aus. (…) Ging mal zu Hüttner, nahm auch den „Neuen Schnitt“ mit, weil ich eine Bluse darin sah, zu Frau Merkert ging ich auch und schaute die Modehefte durch. Fand ein Heft mit einer hübschen Bluse. Morgen macht Mutti den Schnitt raus.

    Donnerstag, 20.3.58
    (…) Abends ging ich um 1/2 9.00 schlafen, las noch einen Roman bis 1/2 12.00

    Samstag, 22.3.58
    (…) Resi nahm ich ein Bild von meinem lieben Toni Sailer weg, jetzt hat sie eine Wut, wir lachten alle, ich sagte, morgen bekommt sie es wieder.

    Sonntag, 23.3.58
    (…) zur Helga, las Micky Maus Hefte

    Mittwoch, 26.3.58
    (…) Ein Autogramm bekam ich von Lilo Pulver.

    Freitag, 28.3.58
    (…) das letzte mal Schule. ES wurde sehr schön. 1 Stunde Rechnen, darin erzählte uns Professor Haas aus seinem Leben und wie er in Spanien war. Das ist ein Lehrer, so sollten alle sein, ein kleiner Kerl. 1/4 11.00 hatten wir aus. Dann gingen Ursel, Anneliese und ich einkaufen zum Hertie u. Kaufhof. Ich kaufte mir ein Tuch + die Freundin und 1 Bockwurst. Ursel leihte ich 1,10 DM (…) Nachmittag war ich zweimal in der Stadt, kaufte mir auch das Buch „Immer schön sein“ von Gwinny Heid 4,80 DM. Am Abend badeten wir, ich las dann noch, um 10.00 ging ich schlafen.

    Samstag 29.3.58
    (…) Nachmittags las ich und ging auch zu Hüttner, las im Lesezirkel. (…) Käsebrot mit Bier (…) las

    Sonntag, 30.3.58
    (…) Nach dem Essen las ich, Mutti sagte, daß Irmgard kommt, und ihr das Buch Bernadette bringt.

    Dienstag, 1. April 58
    (…) Bei Hüttner war ich auch und holte 3 Bier u. das Buch Monpti.

    Mittwoch, 2.4.58
    Heute merkte ich, daß ich unwohl war, mir war schlecht. (…) Legte mich ins Wohnzimmer und las Monpti, sehr schön. Bei uns kommt jetzt bald der Film.

    Donnerstag, 3.4.58
    (…) Es war ein schrecklicher Tag, Vati war sehr wütend (…) Hoffentlich wird alles gut. Kaufte mir auch die Filmrevue.

    Dienstag, 8.4.58
    (…) Nachmittag las ich mein Buch Rebecca fertig.

    Donnerstag, 10.4.58
    (…) Resi bekam von Willi einen Roman zum lesen. Ein goldiger Kerl. Möchte ich gerne lesen.

    Freitag, 11.4.58
    Vormittag las ich versteckt den Roman, lernte zwischendurch. (…) Nachmittag ging ich zum Friseur, ließ mir die Haare kurz schneiden 5 DM + 0,40 Trinkgeld. (…) Mir gefällt jetzt mein Haar besser. (…) Ich las meinen Roman gar fertig, von Bettina, der Prinzessin und Harry, dem Amerikaner.

    Dienstag, 15.4.58
    Um 9.00 stand ich auf, las Zeitung (…) Kaufte mir die Filmrevue.

    Donnerstag, 24.4.58
    (…) Kaufte mir die Freundin.

    Freitag, 25.4.58
    (…) Las im Lesezirkel

    Samstag, 26.4.58
    (…) Von Helga bekam ich eine Karte mit Toni Sailer, schrieb, dass sie Samstag kommt…

    18. August 2024

    Karin im Kino. Nachdem ich gestern Nachmittag feinsäuberlich die Tagebuchfragmente abtippte, in denen es um Kinobesuche ging, erkannte ich ein System! Sie ging fast jeden Sonntag. Wenn sie an einem Sonntag nicht am Nachmittag ins Kino ging, hinderte sie ein Besuch bei Verwandten oder weil sie mit den Eltern in einem Konzert oder im Theater war. Oder weil Oma gestorben war. Sogar am Tag einer Konfirmationsfeier kämpfte sie um den Kinobesuch und bekam ihren Willen. Sie war recht willensstark, das hätte jeder bestätigt, der sie kannte. Sie konnte gefährlich gucken, wenn es nicht nach ihrem Willen ging. Wie ein wilder Stier. Ich habe versucht Fotos zu identifizieren, die zeitlich in die Tagebuchphase fallen und klebe sie hier dazu. Für vierzehn sieht sie mitunter recht erwachsen aus. Man sieht deutlich das Erwachen der jungen Frau.

    7.7.1957
    (…) Dann kaufte ich mir eine Kinokarte und ging in den Film „Musikparade“. 2 Reihen vor mir saß Klaus. Ich saß fast ganz alleine in der Reihe. Eva war auch. Nach dem Film traf ich Christl.

    Samstag, 20.7.1957
    (…) um 1/2 7.00 holte ich Christa vom Bahnhof ab. Da kamen wir auf die Idee, daß wir ins Kino gehen könnten. Er hieß „Husarenmanöver“. Lustiger Film um 1/2 11.00 war ich daheim.

    [ längere Pause im Tagebuch, von 19. September bis 16. Dezember 1957, ihre Oma väterlicherseits war am 3. August 1957 gestorben, vielleicht hatte sie auch keine Lust zu schreiben, aber ins Kino ging sie ganz sicher weiter jeden Sonntag ]

    2. Weihnachtsfeiertag 26.12.57
    (…) Um 4.00 ging ich in die Stadt u. zum Seitzinger kaufte mir eine Kinokarte u. ging mit Irmgard u. Annelie spazieren um 5.00 ins Kino. Der Film „Verlobung am Wolfgangssee“. (…) Um 8.00 gingen wir zu Schmid Fernsehen mit Marika Rökk, Hans Moser u. vielen andere. Danach kam eine Eisrevue.

    Samstag 28.12.57
    (…) Lernte English, Steno. Resi ließ immer die Tür offen. Da ließ ich vor lauter Wut den Füller fallen. Und es gab Kleckse, Mutti schimpfte und sagte, ich darf nicht mehr ins Kino.

    Sonntag, 29.12.57
    (…) spielten bei mir Quartett. Auf einmal kam Helga + Christl ich freute mich, sie spielten mit. Als wir aufhörten, zog ich mich an, nahm meine Clips, puderte mein Näschen und wir gingen zu Häßlein, dann holte ich mit Helga Kinokarten. Um 5.00 gingen wir in den Film „K + K Feldmarschall“, sehr lustig mit Gretl Schörg, Vogel & Gobert.

    Sylvester, Dienstag 31.12.57
    (…) Es gab russische Eier zum Abendbrot. Dann half ich Resi abspülen. Resi sagte, wir könnten ins Kino gehen, also gingen wir, auch Eva. „Der Fremdenführer von Lissabon“. Um 1/4 11.00 war es aus, um 11.00 waren wir daheim, Mutti bereitete den Punsch zu. Tranken zuvor Wein, Tarragona (…) Im Radio kam schöne Musik.

    Sonntag, 5.1.58
    (…) Um 1/2 2.00 kam Eva, wir gingen in die Stadt und holten Kinokarten (…) um 3/4 5:00 gingen Eva & ich in den Film „Saison in Oberbayern!“

    Sonntag, 12.1.58
    (…) Helga + Christl. Wir gingen spazieren, traf Erika, Irmgard und Annelie, gingen dann zu Helga, um 5.00 ins Kino, „Der Bettelstudent“, mit Gerhard Riedmann, Waltraud Haas, Elma Karlowa u.v.a. Ottilie u. Heidi waren auch. Nach dem Film schneite es.

    Sonntag, 26.1.58
    (…) Mit Helga kauften wir Karten für den Film „Johannisnacht“, auch gingen wir spazieren und dann zu mir Kaffeetrinken.

    Sonntag, 2.2.58
    (…) um 5.00 ging ich ins Kino „Wer die Heimat liebt“.

    Dienstag, 4.2.58
    (…) Fuhren Ursel, Anni u. ich mit dem Zug 9.04. Um 1/2 11 geht der Film an vom Schiller. Der Film von Friedrich Schiller war sehr schön, es spielten mit Lil Dagover, George, Horst Caspar, Hannelore Schroth, Paul Dahlke, Hans Nielsen.

    Sonntag, 9.2.58
    (…) Mit Helga gingen wir zum Seitzinger, Karten holen für den Film „Pulverschnee nach Übersee“. Danach gingen wir zu mir. Vor dem Kino gingen wir noch spazieren (…) der Film war sehr schön, wir hatten letzte Reihe 17. Eva + Resi waren auch. Es war ein Farbfilm mit Adrian Hoven, Marianne Hold, Mara Lane, Beppo Brehm, u. a. Fred Bertelmann sang „Riviera, Traumland der Liebe“, es war sehr schön und ich freute mich sehr.

    Mittwoch, 12.2.58
    (…) Am Dienstag gingen wir alle ins Kino in den Atlantik-Palast. Um 9.00 „Rosemarie räumt auf“.

    Dienstag, 18.2.58
    (…) Wir hatten keine Schule, nur Kino „Rosemarie räumt auf“! Im Atlantik-Palast, ein schönes Kino. Mit Erika Remberg, Gunnar Möller, Adrienne Gessner, Oskar Sima u.v.a. Als wir vom Kino rauskamen, ließen uns die jungen Kerle nicht durch, man war nicht sicher von Spritzpistolen.

    Sonntag, 23.2.58
    (…) um 3.00 Uhr tranken wir Kaffee, dann gingen wir zu mir, schauten Album an, aber zuvor kauften wir unsere Kinokarten „Manöverball“. War recht lustig.

    Sonntag, 2.3.58
    (…) um 3/4 5.00 ging ich ins Kino „Kleiner Mann ganz groß“, mit Oliver Grimm, Karin Dor, Joachim Fuchsberger u. a. Ursel war auch, sie saß auf Reihe 12 außen, ich in Reihe 14, das Kino war sehr voll. Es war ein herrlicher Film. Es kamen auch schöne Pferde vor. Nach dem Kino sah ich auch Ursel.

    Sonntag, 9.3.58
    (…) spazieren (…) Um 1/4 5.00 waren wir daheim, ich ging dann ins Kino, Reihe 16 „Das Mädchen Marion“. Karin Dor, Dietmar Schönherr, Winnie Markus, Carl Raddatz. Eine Liebe zu den Pferden und eine junge Menschenliebe.

    Montag, 10.3.58
    (…) Helga holte mich vom Bahnhof ab. Sie sagte, dass sie am Sonntag auch noch im Kino war, „Wenn Frauen schwindeln“ mit Bibi Johns. Fred Bertelmann sang in dem Film.

    Sonntag, 16.3.58
    (…) kochte Kaffee, dazu gab es Cremeschnitten. Helga schmeckte es. Um 4.00 gingen wir ins Kino zum Götz. „Von der Liebe besiegt“ mit Wolfgang Preiss, Marianne Hold, Robert Freitag, Luis Trenker.

    Sonntag, 23.3.58
    (…) Helga wollte erst am Abend ins Kino, aber sie ging dann doch mit mir, E. ging, aber kurz vor dem Film fand ich meine Karte nicht. Da zahlte sie mir der E., meine erste gezahlte. Der Film hieß „Wenn wir alle Engel wären“ mit Marianne Koch, Dieter Borsche, Hans Söhnker u.v.a. Nach dem Film kam Christel mit meiner Karte, die habe ich bestimmt bei Häßleins gelassen, vor dem Kino tranken wir bei Helga Kaffee und aßen Torte.

    Montag, 24.3.58
    (…) Um 1/2 7.00 ging ich ins Kino (…) Ursula, Heidi, Helga (…) Mutti kam auch. Der Film war von Knorr (?) prima, Das Kätchen ein Heilbronner Mädchen.

    Sonntag, 30.3.58
    Heute ist Konfirmation, um 9.00 begann der Gottesdienst (…) um 1/2 4.00 gingen wir zu Schmidt, ich wollte ins Kino, aber Irmgard durfte nicht, da ging ich auch nicht. Es gab Kaffee und Kuchen, sahen auch ein bißchen Fernseh, wir gingen dann noch zum Kino hinter, um 6.00 mußte sie heim. (…) Am Abend ging ich mit Mutti ins Pfarrheim, Tonfilme von Adalbert Stifter anschauen. Die vorführten, waren schon mal da, blond und schwarz, groß, hübsch, ich musste immer wieder hinstarren.

    Mittwoch, 2.4.58
    (…) Heute merkte ich, daß ich unwohl war. (…) Legte mich ins Wohnzimmer und las Monpti, sehr schön. Bei uns kommt jetzt bald der Film (…) Es war mir viel besser (…) Eva ging nicht mit ins Kino (…) zuvor sah ich Willi + Resi (…) Kaufte mir Reihe 17. Als ich drinnen war, sah ich die zwei nicht, später kamen sie auch, hatten Reihe 17. Resi setzte sich neben mich, dann Willi. Ich zitterte vielleicht. Der Film „Die Gladiatoren“ war sehr schön, mußte immerzu
    (3 Worte IN STENO GESCHRIEBEN:) an Willi denken. Er handelte vom Gewand Jesus, von Petrus, Demetrius u. Messalina u. Lucia, der Kaiser, ein grauenhafter Kerl. Nach dem Kino gingen wir zu dritt heim. Wir erzählten vom Kino. Von Monpti sahen wir die Vorschau. Ich weiß, als wir zwei gar heimgingen, war es mir ganz anders als sonst, Willi sagte, in Ansbach ist das Kino genau so teuer wie da, ich sagte, im anderen ist es schon billiger, aber wackelt halt alles. Dann sagten wir Gute Nacht u. ich ging schlafen es war 11.00.

    Ostermontag, 7.4.58
    (zu Besuch bei Verwandten in Pegnitz) (…) Nachmittags schauten wir Fernseh, „Die Familie Buchholz“. (…) Um 7.00 aßen wir zu Abend belegte Brötchen und Tee. (…) wir wollten um 20.00 heimfahren, waren schon angezogen. Da kam im Fernseh „Schlag auf Schlag“ mit Rolf Bendix., René Franke (?) u.a. Um 22.00 fuhren wir heim.

    Dienstag, 8.4.58
    (…) Am Abend gingen Mutti und Vati und ich zum Götz, schauten uns das Fernsehstück „Hauptsache glücklich“ mit Heinz Rühmann, Herta Feiler an.

    Samstag, 12.4.58
    (…) Am Abend ging ich mit Eva ins Kino, „Monpti“ ab 16 Jahre, Mutti sagte ich es nicht. Hatte meine Stöckelschuhe an. Lehrer Hake saß neben Eva. Ein bezaubernder Film.

    Sonntag, 20.4.58
    (…) Nachmittag ging ich mit Eva spazieren und in den Film „Die Prinzessin von Sankt Wolfgang“ mit Marianne Hold, Gerhard Riedmann, Wolfgang Preiss, Michael Ande, Annie Rosar u. a.

    17. August 2024

    Die vielen Gesichter von Karin. Hier aus den Jahren 1953 bis 1956. Auf dem Bild mit dem Karo-Kostüm mit ihren ersten Pumps mit dreizehn. Ihre Haarfarbe mäanderte zwischen dunkelblond und hellbraun. Auf einigen Fotos wirken sie dunkler, als sie waren. Sie hat mir ihre Haarfarbe vererbt. Aber ihre Haare waren etwas dicker.

    17. August 2024

    Karin als artiges Schulkind über einem Buch mit geflochtener Kronenfrisur, 1950. Karin bei einem Faschingsumzug mir Zöpfen, vielleicht 1952. Was für ein Karnevals-Kostüm das vorstellen soll, ist mir nicht ersichtlich, aber sehr hübsch. Karin bei einer Schulaufführung als Schneeflocke mit Haarreif mit weißen Bommeln, die langen Haare sind weg, vielleicht 1954 oder 55. Auf Gruppenfotos ist sie immer das größte Kind. Das war mir gar nicht so bewusst, dass sie wie ich auch, in ihrer Schulzeit alle überragte. Mama war als erwachsene Frau 1,73 cm. Nicht so riesengroß eigentlich, aber offenbar im Verhältnis zu den anderen jungen Frauen. Noch dazu trug sie ab vierzehn leidenschaftlich gerne Stöckelschuhe, die erwähnt sie auch ab und zu im Tagebuch, das sie mit vierzehn schrieb, aber das taten die anderen ja auch. In dem Alter fing sie damit an. Aber auf den Bildern hier, wo sie zwischen sieben und zwölf war, gabs noch keine Stöckelschuhe.

    16. August 2024

    Zum Wochenende präsentiere ich ein launiges Foto von circa 1957 oder 1958. Das ist NICHT meine Mutter. Es muss eine enge Freundin von ihr gewesen sein, sie hatte mehrere Freundinnen, die sie in ihrem Tagebuch aus der Zeit erwähnt. Eine Evi kommt immer wieder vor, von der gibt es auch hinterlassene Briefe von Anfang und Mitte der Sechziger. Also ich tippe mal auf Evi, eigentlich Evelin. Nicht mit Ypsilon geschrieben. Scheinbar hat „Evi“ in einer Art Wohnheim gewohnt, dem eher nicht sehr privat wirkenden Mobiliar nach zu urteilen. Vielleicht ein Wohnstift für unverheiratete Mädchen, die zur Ausbildung in Nürnberg waren? Mir ist dunkel in Erinnerung, dass meine Mutter in Nürnberg eine Handelsschule besucht hat. Da konnte sie dann vermutlich mit dem Regionalzug von ihrem Elternhaus in der Nähe von Ansbach zur Schule nach Nürnberg fahren, eine knappe halbe Stunde Fahrzeit schätze ich.

    Sehr apart ist der Wandschmuck. Eine so damenhafte Erscheinung mit gestärkter Bluse und Bleistiftrock auf dem Bett und dann schwärmerisch Starfotos übers Bett gepinnt, wie ein Backfisch. Ein Potpourri der Stars der Fünfziger, eine herrliche Auswahl – und ich erkenne sie alle! Im Uhrzeigersinn, angefangen bei fünf nach zwölf bzw. bei eins: Sophia Loren. Dann bei drei: Tony Curtis (schon sehr fesch). Bei sechs: sexy Elvis. Bei halbacht: Stewart Granger. Bißchen oberhalb von neun: nochmal Tony Curtis. Zwischen elf und zwölf: Horst „Hotte“ Buchholz. Und ein bißchen mittig, zwischen Tony Curtis und Stewart Granger, vermutlich ein Star-Kalender, aufgeschlagen bei Karlheinz Böhm. Erst dachte ich beim flüchtigen Gucken Peter Kraus, aber dann habe ich nochmal geschaut und Sissis Franzl einwandfrei identifiziert. Dass das Zimmer kein privates Mädchenzimmer gewesen sein kann, führe ich vor allem auf das Lazarett-hafte Bett und die bestimmt kratzige Wolldecke mit der Nummer 50/53 zurück. Solcherlei möchte man nicht in seinem Mädchenzimmer haben – zumal 1957 oder 1958.

    Die rot angemalten Lippen korrespondieren auch mit den Tagebuch-Einträgen meiner Mutter. Lippenstift war ein Must Have. Wenn es sich um Evi handelt, waren die beiden oft im Kino und lasen die „Filmrevue“ oder „Filmillustrierte“ Eine wichtige Lektüre für Karin. Vielleicht mache ich mir den Spaß, auszuwerten, an wievielen der ca. zweihundertfünfzig Tage, die sie das Tagebuch schrieb, von einem Kinobesuch die Rede ist. Mir kommt es bald so vor, als wäre sie jeden zweiten oder dritten Tag dort gewesen. Ihre Eltern hatten dazumal noch keinen Fernsehapparat, das wäre eine Erklärung. Und bestimmt war es recht preisgünstig, ins Kino zu gehen. Aber ich weiß es nicht. Mich befremdet etwas, das ich mich absolut nicht erinnern kann, dass meine Mutter jemals im Kino war. Weder alleine, noch mit einer Freundin, noch mit meinem Vater. Das Filmegucken hat sich dann wohl komplett auf das Wohnzimmer verlagert, als es in den Sechziger Jahren bald einen großen Schwarzweiß-Fernseher gab. Illustrierte über Filmstars hat sie auch nicht mehr gelesen. Als wäre das eine andere Person gewesen. Wobei es in den Siebzigern gar nicht mehr solche ausgewiesenen Zeitschriften über Filmstars gab. Die wurden von Gong und Hörzu abgelöst. Unglamouröse Fernsehzeitungen für die ganze Familie. Da war kein Lippenstift mehr erforderlich. Schade.