
18.42 Uhr. Ich kam heim, hängte die Jacke in den Schrank und begriff, dass es noch hell war. Schaute durch das Schlafzimmerfenster auf das zarte Grün. Ein durchscheinender Vorhang, filigran. Noch kann ich für ein Weilchen die Kuppel sehen.



Jenny hat gut lachen, sie hat kein Hitlerbärtchen! Fabian wusste gar nicht wovon ich rede, als ich beim Selfiemachen gesehen habe, dass über mir das Licht so blöd fällt, dass ich ein Hitlerbärtchen habe. Deswegen nur ein Foto mit mir. Nie direkt unter einer Lampe über einem Fotos machen, nie, nie, nie…!!!






Ein paar Eindrücke von der gestern mit Jenny und Fabian in der Wabe gesehenen Performance „Nachtschatten“ von Enno Kraus. Ich mochte die expressionistisch anmutende visuelle Darbietung. Er singt und erzählt, begleitet von einer sehr guten Pianistin, bekannte Chansons und eigene Werke. Wir drei hatten teilweise verschiedene Eindrücke und Empfindungen, wie das nun war. Darüber haben wir uns noch eben ausgetauscht. Aber dieser Samurai-Kimono und die Mephisto-hafte Erscheinung mit den großen Gesten war schon eindrucksvoll. Bei einem (mutmaßlich) selbst komponierten Chanson habe ich mich sehr amüsiert. Es ging sinngemäß darum, dass bei einer amourösen Begegnung der Eine darum bittet, er möge doch bitte von Liebesgefühlen verschont bleiben, da es hier nicht um Liebe sondern – nun ja – ginge. „Verschone mich mit Deinem Lebenslauf!“ Er wolle auch nicht wissen, ob das Objekt des nächtlichen Begehrens Geschwister, Neffen und Hobbies habe und welche Städte schon im Urlaub bereist wurden. Da habe ich mich tatsächlich richtig gut unterhalten gefühlt. Jenny hat sich ein bißchen durchgängiger amüsiert, ich neide ihr ein klein wenig ihre fast kindliche Begeisterungsfähigkeit. Meine ich ganz ernst. Ich bin schon auch begeisterungsfähig, habe aber wohl immer einen recht aktiven inneren Kulturkritiker am Start, der Vergleiche mit Nonplusultra-Performances anstellt. Finde ich eigentlich gar nicht nötig. Man kann auch mal einen schönen Abend ohne Superduperstar haben.



Ich gehe zu 99,97 Prozent davon aus, dass außer mir NIEMAND von Euch hier GNTM schaut, aber falls doch, hätte ich einen schönen Tipp für unterhaltsames Insider-Material. Für mich ist das Format übrigens kein „Guilty Pleasure“. Bin mir beim Zusehen keinerlei Schuld bewusst! 🙂
Bachmann-Frisch reloaded. Es folgt ein Eintrag (ohne Anspruch auf der Weisheit letzten Schluss), den ich seit Jahresende im Entwurfsordner habe. Der einzige. Ich „entwerfe“ sonst nie meine Einträge. Alles wird impulsiv verfasst und unverzüglich gepostet, auch nie darüber geschlafen. Jetzt sind mir Bachmann und Frisch nicht mehr so ganz präsent wie zum Jahresende, als ich das gesamte Konvolut von Veröffentlichungen und Biographischem und Sekundärliteratur ausgelotet hatte. Dass ich diesen „Entwurf“ noch nicht gepostet habe, liegt daran, dass ich meinte, ich müsste all das Gelesene noch besser sacken lassen, um eben gerade nicht zu impulsiv und damit eventuell unangemessen zu urteilen. Sowieso steht mir oder sonstwem kein Urteil über den wahren Kern der Bachmann-Frisch-Beziehung und deren Scheitern zu, aber da die Zwei ein spezielles Charisma in der literarischen Welt haben, gerade als Paar, wollte ich dann doch zuteil werden lassen, was ich an teils völlig anderen Wahrnehmungen habe. Genug Vorrede, hier kommt also der schon etwas ältere Eintrag, der der Schlussakkord zu meiner Beschäftigung mit dem Bachmann-Frisch-Komplex sein sollte, wollte – ist.
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Manchmal beobachte ich an mir eine mich selbst verblüffende Gründlichkeit, eine Veranlagung, mich in ein Thema zu bohren, es bis zum tiefsten Abgrund auszuloten, die ich in dem Ausmaß kaum bei anderen wahrnehme. Als sei eine nur halbherzige, oberflächlichere Beschäftigung rückwirkend Zeitvergeudung. Ich will immer zu des Pudels Kern kommen, vorher höre ich nicht auf. Das ist eine exzellente Veranlagung für Detektive und Kriminalkommissare. Nun handelt es sich bei meinen letzteren Forschungen, genau genommen der letzten acht Wochen, nicht um einen Kriminalfall. Es geht um kein Verbrechen und um keinen Mord. Wenn das – und nun komme ich zum Thema – Ingeborg Bachmann auch anders gesehen haben mag. Sie schrieb als Fazit in ihrem zwei Jahre vor ihrem (Unfall-/Entzugserscheinungs-)Tod erschienenen, bewusst kryptisch angelegten Roman „Malina„: „Es war Mord!“ Metaphorisch gemeint, bezogen auf ihr Seelenheil. Aber nicht Malina ist Schwerpunkt meines heutigen Forschungsberichts, sondern der legendäre Gantenbein von Max Frisch. Und zwar in der komplexen Betrachtung mit dem nun verfügbaren, parallel entstandenen Briefwechsel Bachmann-Frisch.
Im Mittelpunkt meiner tief bohrenden, analytischen Recherchen: die „Schuldfrage“, die Schuld-„Verteilung“ beim Fall Scheitern der Beziehung Bachmann-Frisch und der im Nachgang fortschreitend desaströsen Verfassung von Ingeborg Bachmann. Ergebnis meiner bisherigen Forschungen: es ist – surprise surprise – nicht schwarz und weiß.
Der im Oktober in die Kinos gekommene Bachmann-Film von Margarete von Trotta hatte mich angestachelt, die im Film vermittelte, unterkomplexe Darstellung von Max Frisch nicht unhinterfragt auf sich beruhen zu lassen. Umso mehr, als ich in die Filmvorführungen begleitenden Interviews befremdet zur Kenntnis nahm, dass Trotta sich die von ihr gewählte Darstellungsweise der von ihr vermuteten Beziehungsnatur nicht von der anschließenden Lektüre des Briefwechsels konterkarieren lassen wollte. Sie hätte vor und während der Dreharbeiten gerne Einsicht in den Briefwechsel genommen, dieser wurde ihr leider von Suhrkamp verwehrt. Beleidigt beharrt sie nun darauf, nun auch nicht mehr lesen zu wollen. Wobei ich ihr das nicht ganz abnehme. Ich denke, sie meint, sie könne ihren Film so besser und unbeschadeter vertreten. Ich finde es kindisch und einer angemessenen, differenzierten Beurteilung nicht förderlich.
„Mein Name sei Gantenbein“, erschien erstmalig 1964 bei Suhrkamp, in edles dunkelgraues Leinen gebunden und mit dem hier abgebildeten Schutzumschlag versehen. Da in der Bachmann-Frisch-Forschung bereits vor der Veröffentlichung (im November 2022) des privaten Briefwechsels zwischen Bachmann und Frisch Einigkeit herrschte, dass die durch das Buch mäandernden weiblichen Figuren durchweg Bachmann portraitieren, vorneweg die zentrale Figur der Lila, war mir daran gelegen, das Buch diesbezüglich auszuloten. Ich las es unmittelbar, nachdem ich den Briefwechsel Bachmann-Frisch beendet hatte. Wohlan.
Wikipedia weiß: „Frischs Arbeit an Mein Name sei Gantenbein reichte zurück bis ins Jahr 1960. In diesem Jahr veröffentlichte er in der Weltwoche den Text Unsere Gier nach Geschichten, der zu einem programmatischen Entwurf für den Roman wurde. Unter anderem schrieb Frisch: „Man kann die Wahrheit nicht erzählen. […] Alle Geschichten sind erfunden, Spiele der Einbildung, Entwürfe der Erfahrung, Bilder, wahr nur als Bilder. Jeder Mensch, nicht nur der Dichter, erfindet seine Geschichten – nur daß er sie, im Gegensatz zum Dichter, für sein Leben hält – anders bekommen wir unsere Erlebnismuster, unsere Ich-Erfahrung nicht zu Gesicht.“ Frisch schrieb drei Jahre am Roman. Eine erste Fassung, die er im Mai 1963 beendete, trug den Namen „Lila oder Ich bin blind“. Es folgten noch weitere Überarbeitungen, unter anderem strich Frisch einen Teil mit dem Titel Oper ohne Sänger, eine Reihe opernhafte Szenen um die Hermes-Gestalt. Der fertiggestellte Roman wurde im Herbst 1964 beim Suhrkamp Verlag veröffentlicht.“
Was Wikipedia offenbar aber nicht weiß: Ingeborg Bachmann war nicht nur als Inspiration der weiblichen Figuren in die Entstehung des Romans verstrickt, sondern hat von Anbeginn den Fortschritt beratend begleitet, lektorierendes Feedback gegeben und später, als sie sich an einigen Stellen zu offensichtlich identifizierbar empfand, Änderungen von Einzelheiten bei Frisch erbeten, auf die er ausnahmslos eingegangen ist. Beispiel: Bachmann fand, dass Lila auf gar keinen Fall „Bloody Mary“ trinken und Schach spielen durfte, da „Bloody Mary“ noch Anfang der Sechziger als ungewöhnliches Getränk einer Dame galt, nur Männer tranken „Bloody Mary“ – UND: Ingeborg Bachmann, es galt sogar im Freundeskreis als das von ihr präferierte Getränk. Mit dem Schachspielen verhielt es sich wohl ähnlich. Sie ermunterte, belobigte und würdigte das Werk explizit und beständig, bis zu den letzten Druckfahnen. All das ist im Briefwechsel Bachmann-Frisch dokumentiert. Leider hat sich noch niemand bei Wikipedia die Zeit genommen, im Gantenbein-Artikel darauf einzugehen.
Um ein konkretes Beispiel meines gründlichen Forschungsansatzes zu geben, erhelle ich den Erwerb meines Gantenbein-Exemplars. Es ist ein Zwilling der hier abgebildeten Ausgabe. Auf den Fotos sehen wir den Gantenbein aus Ingeborg Bachmanns persönlicher Bibliothek. Selbstverständlich hatte sie die in Leinen gebundene Erstausgabe. In diesem Artikel vom österreichischen Standard ist Bachmanns Exemplar abgebildet. Des weiteren ein Blatt mit von Bachmann notierten Seitenzahlen, die sich darauf bezogen, wo sie gemeinsame Erlebnisse mit Frisch erkannte. So war mein vornehmstes Ziel, ebenfalls die Erstausgabe von 1964 von Suhrkamp zu erstehen. Es entzieht sich meiner Kenntnis, in wie vielen deutschsprachigen Ausgaben und Editionen Gantenbein bis heute veröffentlich wurde. Es sind viele. Sehr viele. Aber nur eine, diese erste von Suhrkamp in Leinen gebundene, hat die entsprechenden Seiten-Nummerierungen und Umbrüche, um die von Bachmann notierten Seitenzahlen zuordnen zu können. Schon die zweite Ausgabe von Suhrkamp, wenige Jahre später, ich glaube 1968 erschienen, hatte eine abweichende Seitenzahl und entsprechend andere Seitenumbrüche. Bei Amazon gab es eine Leinen-gebundende Ausgabe von Suhrkamp, ohne Foto, ich bestellte. Es kam ein völlig anderes Exemplar, nicht einmal eine Suhrkamp-Edition, sondern von einem anderen Verlag. Der Händler hatte es nicht so genau genommen, das Buch ging zurück. Ein weiterer Händler avisierte ebenfalls eine Leinen-gebundende Suhrkamp-Ausgabe aus den Sechziger Jahren, ich war wieder interessiert, legte sie ins Einkaufskörbchen. Wenig später fiel mir die abweichende Seitenzahl auf. Das angebotene Leinenexemplar wurde mit unter 400 Seiten ausgewiesen, etwa 368, aber bei dem fotografierten Bachmann-Exemplar ist das Buch bei Seite 468/469 aufgeschlagen. Das konnte es also auch nicht sein. Ich stornierte die Bestellung und suchte weiter. Ein seriös wirkender Händler bei ZVAB hatte ein Exemplar im Angebot, das etwas teurer war und bei dem alle erforderlichen Eckdaten stimmten, auch eine Seitenzahl über 400 Seiten. Lieber die identische Erstausgabe für 18 Euro (was auch noch sehr günstig ist, für so ein Schätzchen), als eine unpassende Edition für fünf Euro. Ich bestellte zuversichtlich und voilà…! Es war der Zwilling von Bachmanns Ausgabe. Ich war begeistert! ich hatte die einzige aktuell online zum Kauf angebotene Erstausgabe von 1964 geschossen. Nun konnte ich loslegen.




(Es folgen einige Zitate aus dem Buch, die mir offenbar zum Jahresende speziell lesenswert erschienen)
Max Frisch, „Mein Name sei Gantenbein“, Suhrkamp, 1964, Erstauflage, Leinen.
S. 131, 132
Ich stelle mir vor:
Manchmal haben wir Gesellschaft, und das ist schwieriger – weil die andern beobachten – beispielsweise wenn Lila nicht sieht, daß die Aschenbecher endlich geleert werden müssen, daß zum schwarzen Kaffee leider der Zucker fehlt, daß unser Hund (ich denke, wir haben einen Hund) mit seinem Schnarchen unter dem Tisch nichts beiträgt zu der Frage, ob Ernst Jünger eine Wandlung durchgemacht habe, dann muß ich aufpassen, daß ich mich nicht verrate, nicht einfach aufstehe, um endlich die übervollen Aschenbecher zu leeren. Jemand wechselt auf Joyce. Ich streichle also den schnarchenden Hund (Dackel oder Dogge?) und sehe, wie unsere Gäste nach Zucker schielen, meinerseits schweigsam, dank meiner Blindenbrille erlöst von der Heuchelei, daß auch ich Finnegans Wake gelesen habe. Wann werden die Aschenbecher geleert? Jemand wechselt auf Benn, was mich nicht verwundert; Kafka ist schon an der Reihe gewesen. Lila mit ihren blauen offenen schönen großen blauen Augen! Sie sieht nicht, daß der unerbittliche Herr, der jetzt in jedem Gespräch mit dem großen Vorbild von Brecht aufkreuzt, das gleiche Gesicht trägt wie ein Herr, der bis zuletzt in der Reichsschrifttumskammer gewesen ist, und natürlich tue ich, als sehe ich es auch nicht. Derlei ist mühsam. Gelegentlich erhebe ich mich und leere die Aschenbecher… Meine Angst, ich könnte mich durch solche Handreichungen verraten, ein Blinder, der sieht, daß die Aschenbecher geleert sein wollen, bezieht sich nicht auf Lila; Lila ist schon so daran gewöhnt; nur die Gäste, die mich noch nicht kennen, sind eine gewisse Gefahr für mich, und in der Küche, als ich die Aschenbecher leere, klopft mir das Herz. Ich höre von draußen: »Sagen Sie, Lila, ist er wirklich blind?«
S. ???
Lila schweigt; sie schläft, wahrscheinlich hat sie gestern wieder ihr Rauschgift genommen, die Unglückliche, und da sie überzeugt ist, daß Gantenbein ihre Drogen nicht sieht, kann sie sich die Folgen selbst nicht erklären. Bist du beim Arzt gewesen? frage ich.
(…)
S. 296, 297
(…) im Stehen, nur so, im Schlottern und ohne auch nur die Zimmertüre zu schließen, so, als wäre keine Absicht dabei, nur so gestattet er sich das unstatthafte Schnüffeln in Briefen, die so unleserlich sind vor Leidenschaft, wenn auch nichtssagend, so zärtlich, daß er sie nicht als seine eignen erkennt. Ein einziger Brief steckt noch in seinem Kuvert, ein einziger in der ganzen Schublade; aber das ist, wie sich zeigt, ein Brief von ihrem ersten Mann, Dein alter Svob, eigentlich ein schöner Brief, sachlich. Der trägt auch sein Datum. Es ist der einzige Brief, den Philemon jetzt auf der Sessellehne hockend, gänzlich zu lesen vermag, bestürzt und beruhigt zugleich. Die Zärtlichkeit, die nicht sich selbst zum Thema nimmt, die nur enthalten ist in der Art, wie über eine Sache geschrieben wird, wie der Schreiber wirklichen Bezug nimmt auf die Empfängerin und weiter nichts, ich finde auch, solche Zärtlichkeit konserviert sich besser als diese Ekstase-Depeschen: bald stop übermorgenabend stop bald stop nur noch zwei tage stop bald bald. Nun ja. Warum will Philemon, wenn er schon schnüffelt, nicht das Datum der Depesche sehen? Er hat keine Ruhe, er durstet nach einer Ungeheuerlichkeit, aber was er findet: Deine Stimme, Deine Stimme gestern am Telefon, Deine ferne Stimme, aber Deine Stimme, plötzlich Deine Stimme, das ist einfach langweilig, finde ich, Lebenskitsch, aber sowie in diesen Briefen sich eine wirkliche Persönlichkeit meldet, nicht bloß ein Männchen, das balzt mit Kugelschreiber oder Schreibmaschine, eine Persönlichkeit, die ihn an Intelligenz übertrifft mindestens in seinem betrunkenen Zustand, nein, liest er nicht…
: :
Damit endete der „Entwurf“ des Eintrags und ich frage mich nun, gut drei Monate später, selbst – nicht ganz souverän – was nun mein Fazit ist. Nach all der mir zugänglichen Lektüre kam ich zum Schluss, dass Ingeborg Bachmann ein widersprüchliches Beziehungsverhalten an den Tag legte. Einerseits wendete sie viel Energie auf, um in jeglicher Gesellschaft Aufmerksamkeit hervorzurufen, durch einen gewissen Charme, den sie einzusetzen wusste, gepaart mit der rechten Dosis Intellekt, Sensitivität, interessanter Widerspenstigkeit. Es wird viel kolportiert, dass sie wusste, sich in Szene zu setzen, in allgemeiner Aufmerksamkeit badete, geradezu mit sportlichem Ehrgeiz keinen Flirt ausließ. Aktiver Zuspruch war ihr Lebenselixir. Auch im Beziehungskontext beanspruchte sie einen Königinnen-Status. Ließ die Intensität der Gunstbezeugungen nach, hatte sie keine Hemmungen, sich explizit anderen zuzuwenden, die die gewünschte Intensität im jeweiligen Moment garantieren konnten und provozierte damit auch durchaus bewusst Eifersucht. Die Gefühle anderer zu manipulieren, insbesondere ihres gerade Auserwählten – was Frisch über längere Zeit war – war ihr offenbar in Fleisch und Blut übergegangen. Sie war nicht nur abhängig von Psychopharmaka sondern auch von körpereigenen Botenstoffen, die Hochgefühle und Intensität auslösten. Dass Frisch auf gewisse – von ihr durchaus kalkulierte – Heimlichtuereien nachhakend reagierte, was dann als bemerkenswerte Eifersucht etikettiert wurde, war von ihr gewollt. Sie litt nicht etwa unter seinen Fragen, sondern wertete sie als Indikator, dass sie noch die ersehnte Ausnahmestellung einnahm. Als Frisch die Spielchen zu durchschauen begann und es ihm zu bunt wurde, und auch ihre Medikamentenabhängigkeit zu Attraktivitätseinbußen führte, fiel sie aus allen Wolken. Spielerisch, um als großzügige Gönnerin zu wirken, ermunterte sie ihn zur Liason mit der jungen Marianne, in der tiefen Überzeugung, dass die Studentin nur eine Episode sein könnte, bei der sie im direkten Vergleich immer gewinnen würde. So war dem nun nicht. Auch von ihr beauftragte anonyme Rosen-Sendungen an ihr Krankenbett lösten keine weitere Eifersucht bei ihm aus. Nur Mitleid. Ende des Spießrutenlaufens. Max hatte ihr vor Jahren die Heirat angetragen. Sie winkte ab, es passte nicht in ihr intellektuelles Ideal der unkonventionellen Lebensart. Nach der Trennung bereute sie es. In mehreren Erzählungen lässt sich nicht nur zwischen den Zeilen lesen, dass sie das Ende der Beziehung niemals verwunden hat. Sie wurde vom Thron gestürzt. Frisch hatte sich von ihr emanzipiert, nachdem er ihr lange verfallen war. Sie wusste, dass es kein Zurück gab, sie hatte es im wahrsten Sinne des Wortes verspielt. Max Frisch sagte in einem späten Interview sehr knapp, dass er vor allem Reue empfindet, wenn er an Ingeborg Bachmann denkt. Oder war es Bedauern? Ich glaube, dass viele dabei in die Richtung denken könnten, dass sich sein Bedauern darauf bezieht, dass er sich anderen Frauen zuwandte, er nicht daran festhielt, weiter Arbeit investierte. Ich habe aber eine andere Empfindung, die ich natürlich auch nicht verifizieren kann. Ich vermute, dass sich sein Bedauern (auch) darauf bezieht, dass er keine Einwirkung darauf hatte, dass sie jenen zerstörerischen Konsum von Medikamenten praktizierte. Dass er kein besserer Beschützer war. Vielleicht hätte es diese besondere Liebe gerettet.
Selbstvorstellung des heutigen Kochs des Perfekten Dinners: „Ich bin IT-Berater in einer IT-Beratungs-Boutique.“ (Ich schalte ab.)

Zu dem gestern gesehenen Film „The Zone of Interest“ möchte ich vermerken, dass ich ihn jedem Erwachsenen empfehle. Es ist mit Nichts vergleichbare Filmkunst, die beim Zusehen innere Anspannung auslöst, die bis zum Schluss hält. Es gibt phantastische dramaturgische Ideen, die ihresgleichen suchen, wie die mehrfache Konfrontation des Kinopublikums mit einer minutenlangen schwarzen Kino-Leinwand und erschütternden Tönen, die eine unheimliche Qualität haben. Einem mir schutzbefohlenem Kind oder Jugendlichen würde ich dieses Gesamtkunstwerk nicht zumuten. Der Film setzt viel Geschichtskenntnis voraus, denn er arbeitet mit dem historischen Wissen des Zusehers, daraus speist sich die Erschütterung. Es gibt weder Auschwitz-Lager-Szenen noch Opferdarstellungen. Ein Film, den man schwer angemessen beschreiben kann, wie man auch ein großes gelungenes Bild nicht angemessen in Worten wiedergeben kann, oder warum ein Musikstück einen packt. Alle klischeehaften Darstellungen von Nazi-Schergen und deren blonden Frauen wurden nochmals zugespitzt. Hier ist Hüller eine Idealbesetzung mit ihrer stoischen Ungerührtheit, der fast eingefrorenen Mimik und dem gefühlskalten Befehlston in Richtung ihrer Bediensteten. Der Höß-Darsteller hatte vergleichsweise viel mehr Text als sie, der musste richtig viel lernen. Sie muss hauptsächlich breitbeinig wirtschaftend durch das traute Heim trampeln. Ich war noch nie in einem Kinofilm, bei dem das Publikum sich derart still verhalten hat, es wurde kaum noch geatmet. Faszinierend. Es gibt keinerlei auf Rührseligkeits-Effekte kalkulierte Szenen, Taschentuch wurde nicht benötigt. Die Höß-Kinder spielen mit Zahngold wie mit Murmeln. Pelzmäntel und verwertbare Kleidungsstücke werden verteilt. Man starrt gleichermaßen befremdet und doch mit Wiedererkennen auf bürokratisch anmutende Abwicklungen an den Schreibtischen der Handlanger des Vernichtungsgrauens. In einer Szene wird in der Manier des Besprechens einer gewöhnlichen Hausinstallations-Vorrichtung die Arbeitsweise eines Verbrennungsapparates besprochen. Es ist stets die Rede von „der Ladung“. „Dann kann eine neue Ladung erfolgen.“ Was da geladen wird, muss nicht benannt werden. Verdient, der Oscar. Mein Qualitätsurteil: Wow.




Eventuell schaue ich mir diese Woche mal den Oscar-prämierten Gruselfilm „Zone of Interest“ im Delphi an. Die 17.30 Uhr-Vorstellung. Habt Ihr den schon gesehen?


KALEIDOSKOP III – AUSGEHEN. „Es handelt sich um Abmalerei“ – „Paris Bar“, Goetz Valien gewidmet. Memorabilia: Tickets (Nick Cave & The Bad Seeds; 2018 Waldbühne, Rolling Stones; 2018 Olympiastadion, Rotfront; 2016 SO36, Berlin Beat Club; 2018 Stadtklubhaus Hennigsdorf, Release Lüül – „Der stille Tanz“; 2022 Musikbrauerei), Flyer (Jan Sobottka, Emil Nolde, Danielle de Picciotto, Hedwig & The Angry Inch, Nänzi, Nico, Udo P. Klein, Café Bleibtreu), Zeitungsartikel (Kippenberger Paris Bar, van Gogh), Fotos (2 x G. Nielsen), zerstückelter Ethno-Seitenstreifen Orsay-Jeans Achtziger Jahre, orange Linsen, roter Schotter, Blattgold, Kleber, Acryl, Rahmenrückwand, Rahmen, 1./2./3./15. Mai 2023, 24. August 2023, 24./28./29./30. September 2023, 1./3./4./7./8. Oktober 2023, 8./9. November 2023, Finish 8./9./10./16./17. März 2024, 54 x 96 cm, Staatliche Museen v. Gaganien























Das letzte Foto, das ich gestern machen konnte, dann war der Akku leer. Ich sage vorsichtig, dass das überarbeitete Problembild – das orange in der Mitte – jetzt wohl doch endlich fertig ist. Später sehe ich es mir eingehend bei Tageslicht an, dann zeigt sich, ob ich noch mal ran muss. Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben, und ein abendliches Werk nicht vor dem nächsten Tag. Ich habe in meinem Atelier mehrere Lampen mit verschiedenen Lichtspektren, die ich gleichzeitig anhabe, eine Tageslichtlampe ist auch dabei, aber echtes Tageslicht zeigt noch andere Ergebnisse. Später fotografiere ich es en detail aus der Nähe, Akku ist geladen.

Ergebnis meines Versuchs, die Kopfhaltung von dem Fix Foto vor 35 Jahren nachzustellen. Es ist mir nicht gelungen, mit den Augen genauso neben den Fokus zu schauen. Die Bluse von damals hab ich auch nicht mehr, es war eine blutrote Seidenbluse. Auf dem Automatenfoto vom Juni 1989 war ich dreiundzwanzig, jetzt bin ich achtundfünfzig. 89 laborierte innerlich immer noch ein wenig an der unerfüllten Liebesgeschichte. Ich bin sehr langsam, um nicht zu sagen langatmig, im Verarbeiten von Liebesangelegenheiten.

mmm

Heute Nacht von jemandem geträumt, in den ich um Neunzehnhundertsechsundachtzig, als ich nach Berlin kam, eine ganze Weile sehr verliebt war. Damals war ich Anfang zwanzig und er ungefähr dreiunddreißig. Er arbeitete in einer sehr kleinen, intimen Bar in Schöneberg und sang gerne mit der Musik, die er auflegte, bei der Arbeit hinterm Tresen mit. Spielte auch Gitarre und hatte eine eigene, zwei Stunden lange Radioshow bei einem Berliner Sender. Die kleine Bar in der Winterfeldstraße wurde schnell mein zweites Wohnzimmer. Es gibt sie schon seit fünfunddreißig Jahren nicht mehr. Über Jahre immer wieder mal im Internet geschaut, ob er zu finden ist. Es wurde damals nichts daraus, ich verzehrte mich vergeblich. Er heiratete dann eine Frau, die etwa so alt war wie ich. Nur sie ist im Internet mit einem einzigen Suchergebnis zu finden. Von ihm nichts. Was aber eigentlich auch egal ist. Ich glaube, ich sah ihn fast zwanzig Jahre später von der anderen Straßenseite vor dem Eingang eines Lokals in der Grolmannstraße, wahrscheinlich rauchend. Ich erschrak. Ein älterer Mann, der immer noch dieselbe, aus der Mode gekommene Frisur hatte, längere Locken. Er wirkte verwelkt und hatte nichts mehr von der Ausstrahlung, die mich so angezogen hatte.
Heute Nacht träumte ich, dass ich ihn irgendwo wieder traf, er war altersmäßig stehen geblieben, jünger als bei der Sichtung vor dem Lokal, eher so wirkend wie ganz früher, aber schon auch älter. Er erinnerte sich und zeigte Interesse. Aber das schien mir ja auch damals so. Ich war sehr zögerlich und hatte keine Gefühle mehr, die denen von früher ähnelten. Nur eine Art melancholischer Erinnerung. Bedauern, aber auch Gewissheit, da wäre nichts rückwärts gutzumachen. Der Zahn der Zeit hatte alles zerbröckeln lassen. Es ging im Traum noch darum, sich mal zu verabreden, was trinken gehen. Ich wusste für mich, ich würde es nur zusagen, um vielleicht zu erfahren, wie er das damals empfand. Sein Heute interessierte mich nicht mehr. Er zeigte mir noch eine Art Plattenhülle, wie früher bei Vinylplatten, darauf eine Collage mit Fotos, die ihn bei Auftritten zeigten, lauter alte Aufnahmen, die meisten mit E-Gitarre. Das war die Version von damals von ihm. Ich betrachtete die Bilder mit Interesse, um sie dann in die Abteilung vergangener Lieben in meinem ewigen Gedächtnis zu schieben.
Schon schöne Bilder, in diesem viele Jahre alten Video mit Cosmic. Ein ganzer Bilderbogen. Gerade gesehen und noch einmal eingetaucht. Wir waren schon viel unterwegs. Und den Schnitt finde ich immer noch gut. Ich habe Videos immer nach der Musik geschnitten. Muss man ja eigentlich auch. Alles andere ist Unsinn.
Heute früh wurde mein Nervenkostüm strapaziert. In der S-Bahn führte eine Dame ein lautstarkes Dauertelefonat mit der Anmutung einer angezickten Diskussion über Arbeitsinhalte. Es war so kurz vor neun und nach ca. sieben Minuten aufgenötigtem Zuhören wurde es mir zu bunt. Ich saß, sie stand hinter der Trennscheibe mit ihrem Fahrrad und deklamierte ohne Unterlass. Ich stand auf und klopfte dreimal kräftig an die Scheibe und sagte: „Entweder Sie telefonieren leiser oder Sie führen Ihre Arbeitsbesprechung an Ihrem Arbeitsplatz!“ Sie schaute auf und griente irritiert und telefonierte dann den Rest der insgesamt 11-minütigen S-Bahn-Fahrt mit leicht zurückgenommener Lautstärke weiter. Es war das einzige Geräusch, das im gut besetzten S-Bahn-Abteil zu vernehmen war. Ich nenne das dickfellig, und das ist kein Kompliment. Im goldenen Zeitalter des mobilen Arbeitens wird kurzerhand jeder öffentliche Raum von gewissen dickfelligen Existenzen zum persönlichen Arbeitsspace erklärt. Weder spielt Diskretion über Firmeninterna noch Datenschutz, noch Rücksichtnahme auf Bedürfnisse des Umfeldes eine Rolle. Wundert mich auch nicht, dass Inhalt des Gesprächs offenbar ein unangemessenes Vorgehen der Dame in ihrem Job war, sie wurde nicht müde, Ausreden zu finden und Schuldzuweisungen in Richtung anderer vorzubringen. Für mein Empfinden ist das ein Indiz für fehlende Kinderstube, Nötigung der Umwelt und auditive Umweltverschmutzung. Darf meinethalben mit Bußgeld wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses belegt werden. Weitaus störender, als ein Exhibitionist. Da kann man wenigstens wegschauen. Was mich auch noch zusätzlich aggressiv macht, ist dass derlei flegelhaftes Gebaren als Arbeit innerhalb der Arbeitszeit definiert wird. Ich bin da offenbar überaus altmodisch. Zudem gibt es nichts Langweiligeres, als einer Arbeitsbesprechung zuzuhören. Das langweilt ja schon, wenn man selbst involviert ist.

Die frischgebackene Großtante heute früh. Live gesehen habe ich den kleinen Kerl noch nicht, ist ja leider nicht um die Ecke, aber bestimmt noch im Frühling oder Sommer. Gerade plagt mich eine gemeine Migräne (Cluster), was ich aber gar nicht weiter ausführen will. Schon abgedämpft mit entsprechendem pharmazeutischen Mittel (Sumatriptan), sonst könnte ich das gar nicht tippen, bin aber platt. Weiß der Geier. Heute früh so ausgeschlafen und munter. Und nun… Aber Schlaf hilft immer. Ich sage schon mal gute Nacht.


Gestern mit dem Emmentaler Papageien-Krater-Bild fertig geworden …und gerahmt! Parallel an einem anderen, älteren Bild, mit dem ich nicht im Reinen war, weiter gemacht. Eingebung gehabt, als ich mit Orange am Papageien-Krater pinselte. Jetzt weiß ich weiter, war schon genervt. Wenn man ein Bild gemacht hat, das man nicht gerne anschaut – geht gar nicht! Brauche wieder schwarze Filzstifte, Eddings in allen Stärken, dann weiter mit der Operation am Problem-Patienten. Zeig ich aber erst nach der OP.



Gerade habe ich eine frohe Botschaft erhalten! Es gibt Familienzuwachs, ein supersüßes Baby ist auf die Welt gekommen, der frischgebackene Papa ist mein Neffe Valerian, der vorletztes Jahr geheiratet hat. Hach….! ❤ Ein bißchen gestört bin ich aber schon: ich habe das Gefühl, ich wäre wieder Tante geworden, nicht „Groß-Tante“. Dabei ist Valerian doch gar nicht mein Bruder, sondern mein Neffe. Das ist bestimmt, weil ich keinen Bruder mehr habe, und ich ihn ein bißchen an die Leerstelle von seinem Vater schiebe. Ulkig. Aber ich fühle mich dadurch natürlich auch jünger 😊


Letzter Blick, wenn ich am U-Bahnhof Leinestraße in die Unterwelt eintauche und Neukölln verlasse, der rechte Eingang vom Anita-Berber-Park. Nach siebzehn Minuten verlasse ich die Unterwelt der U8 am Rosenthaler Platz. Ein paar Schritte bis zur Linienstraße, dann biege ich ab und bin daheim, wo ich diese Dinge festhalte und Euch mitteile, während nebenher eine Dokumentation läuft.


Was ich alles nicht kenne – Emser Straße 128: „Schwarzekatze Weisserkater„, eine Galerie. Emser Straße 122: Bar „Schloss Neuschweinsteiger“. Die Emser Straße ist die übernächste Parallelstraße zur Schierker Straße, in der seit 21 Jahren meine Werkstatt ist. Ich kenne das alles nicht, weil ich die Emser Straße von der U-Bahn kommend, immer nur überquere. Diesen Teil der Emser Straße bin ich in all den Jahren maximal viermal entlang gelaufen, mit Abstand von mehreren Jahren. Das wird sich wohl auch nicht ändern, weil mein Aufenthalt in der Ecke einen anderen Schwerpunkt hat, aber hin und wieder flanieren ist interessant, weil sich doch manches ändert und dann ist es eine Entdeckungsreise.

In Wilmersdorf gibt es auch eine Emser Straße, in der war ich zweimal. Dort ist nämlich das alte Logenhaus, in dem Auktionen und andere Veranstaltungen stattfinden. Einmal war ich dort mit einer Freundin bei einer Auktion mit Modenschau und ein anderes mal bei einem Vortrag von einem geschäftstüchtigen Esoteriker, einer Einladung folgend. Fand ich nicht so prickelnd, was der gute Mann daherschwurbelte. Die Modenschau hat mir besser gefallen.






Nun hatte ich die eine Hälfte der Emser Straße eingehend betrachtet, und mir kam gestern in der U-Bahn der Gedanke, was sich wohl noch für architektonische Kleinode in der anderen Hälfte finden könnten. Ich ging in mein Atelier, stellte die Tasche ab und ging wieder raus, die Sonne war auch viel zu schön, um nicht spazieren zu gehen. Und ich habe noch ein paar Schätze entdeckt.





Gruß von der Delphi-Terrasse mit dem Theater des Westens. Tagsüber ist die Terrasse recht leer und es lässt sich in aller Ruhe ein Frühjahrs-Sonnenbad mit Blick auf die Kantstraße nehmen. Der gastronomische Betrieb fängt erst am späten Nachmittag an. Die Bänke stehen aber immer bereit. Mit eigenem Proviant oder einer Currywurst vom Imbiss bei Ullrich ein Lieblingsplätzchen von mir.



Mit diesem anmutigen Portalschmuck in der Emser Straße 76 und dem sachlichen, aber auch bemerkenswerten Architekturdetail im Dampfer-Stil der Kita in der Emser Str. 81 beende ich meinen kleinen Spaziergang durch die untere Hälfte der Emser Straße. Der Wiener Architektur-Revoluzzer Adolf Loos hätte der Bauweise der Kita sicher eher seinen Segen erteilt. Adolf Loos verachtete architektonischen Zierrat in Form von Stuckdekor an Schauseiten von Mietshäusern, und zwar zutiefst. In seiner kämpferischen Schrift mit dem Titel „Ornament und Verbrechen“ aus dem Jahre 1908 hatte er den Auftakt für ein schmuckloses Äußeres und Inneres der Häuser bereitet. Er trat mit großer Vehemenz für ornamentlose Fassaden ein. In der Schrift heißt es unter anderem, dass man Schmuckformen jeder Art unbedingt verbieten müsse. Leute, die sich selbst, ihre Kleider, ihre Wohnungen oder ihre Häuser und Vorgärten schmückten, seien „Verbrecher“, „Degenerierte“ beziehungsweise „Hanswurste“. Loos argumentierte, dass Funktionalität und Abwesenheit von Ornamenten im Sinne menschlicher Kraftersparnis ein Zeichen hoher Kulturentwicklung seien. Es würden noch ganze Volkswirtschaften zugrunde gehen, wenn die Welt nicht bald damit aufhöre, ihre ganze Kraft an Nippes und Tinnef zu verschwenden.

Rückblickend kann er als Visionär gelten, was die Umsetzung seiner Ideale angeht. Seit vielen Jahrzehnten ist der Verzicht auf schmückende und womöglich verspielte Architekturdetails um des Schmuckes willen, zugunsten von preisgünstiger Geradlinigkeit die Marschrichtung, zumindest beim Bau von Funktionsgebäuden, zu denen auch Mietshäuser, vor allem des sozialen Wohnungsbaus zählen. Gott sei’s geklagt! Der ersten Entstuckungswelle in den Zwanziger Jahren folgte unter den Nazis eine weitere, noch umfassendere. Sie zielte sowohl auf die Beseitigung des „überflüssigen Tands“ wie auch der Gefahren für die Passanten durch herabfallenden Stuck ab. Eine dritte Welle in den Sechziger Jahren bot für das Abschlagen des Stucks sogar ausgelobte Prämien, die Hausbesitzer finanziell unterstützen sollten, um die Gefahren zu beseitigen, die von herabfallenden Fassadenteilen ausgingen. Und heute werden die fehlenden Stuckelemente beweint, schmerzlich vermisst. Weil man es sieht, dass Häuser aus gewissen Epochen anders angelegt waren. Lauter Leerstellen. Unwiederbringlich. Ich weiß leider kein Beispiel, wo ein Hausbesitzer den abgeschlagenen Stuck anhand von alten Plänen und Fotografien rekonstruieren ließ. Es wird ein paar wenige geben. Bitte gerne ein Bundesverdienstkreuz dafür geben. Das verschönt meine Spaziergänge. Und bestimmt nicht nur meine.




Emser Straße 102. Eines meiner liebsten Häuser auf diesem Spaziergang. Die Figuren. Grandios. Und noch dazu das Zeitdokument eines Herrn mit modischer Haartracht, der so vertieft sein Smartphone studiert, dass er zu keinem Zeitpunkt merkt, dass er fotografiert wird. Ich war zwar auf der anderen Straßenseite, aber nicht so weit weg. Ich konnte in aller Ruhe auslösen.






Emser Straße 99. Wow. Oh je. Oh my goodness. Beauty of decay. Gemahnt an romantisch verklärte „Lost Places“, aber da unten ist ein Café drin. Der anrührende Zauber von bröckelnden, alten Fassaden, in Venedig ohne Unterlass bewundert. Auch vor diesem Haus stand ich bewundernd. Die pergamentenen Schichten, das Poröse, das die Dynamik von lebender Materie zeigt. Und doch auch erschreckend – wenn da nicht bald etwas passiert, wird der Stuck abfallen? Das Haus hat ein schweres Ekzem – Katastrophe! Gebietet Einhalt, das darf nicht geschehen. Da muss doch Geld in die Hand genommen werden, bitte gerne meine Steuergelder. Wir sind ja nun kein armes Ostblockland, und das ist alter Berliner Westen, wenn auch das ärmere Neukölln. Ich bitte um Denkmalschutz! Und doch ist es grandios, so ein Verfallsstadium zu sehen. Wieviel Melancholie so ein altes Haus ausstrahlen kann. Muss abermals die Queen zitieren: „Life is full of contradictions.“




Nach der mich ins Nachdenken bringenden Entdeckung von Werner Seelenbinders Grab im nach ihm benannten Sportpark, verließ ich das Gelände in der Oderstraße und ging weiter bis zur Emser Straße. Von da lief ich wieder Richtung Hermannstraße zu meiner nahen Werkstatt in der Schierker. In diesem Abschnitt der Emser Straße war ich nie vorher. Es gab für mich bislang keinen Grund, dort entlang zu flanieren. Die Ecke Oder-/Emser Straße präsentiert sich mit einem griechischen Restaurant, dessen Pächter keine Kosten und Mühen gescheut haben, einen klassizistischen Eingang nachzubauen, der einer Taverne in der Nähe der Akropolis zur Ehre gereichen würde. Einladend und Imposant! Nur wenige Meter weiter gab es dann echt antike Stuckfassaden zu entdecken. Ich machte gar nicht wenige Fotos.

Ich spüle noch ab und gehe dann schlafen. Vielleicht sogar noch früher als gestern. Schlafenszeit gestern war 22.30 bis 8.00 Uhr. Neuneinhalb Stunden! Für mich unter der Woche spektakulär. Mal was Neues ausprobieren. Aber als Betthupferl noch ein Gläschen.



Gedenkminute für Werner Seelenbinder. Ein Name, der an vielen Stellen in Berlin, sowohl Ost- als auch West, sehr präsent ist. Werner Seelenbinder war ein sehr erfolgreicher Sportler (Ringer und Gewichtheber) und sehr aktiver Widerstandskämpfer gegen das nationalsozialistische Regime. Er hing den Idealen des Kommunismus an und zeigte immer wieder Zivilcourage. Unter anderem, indem er bei Preisverleihungen nach Wettkämpfen, die er gewann, den Hitlergruß verweigerte. Was entsprechende grausame Folgen wie Verhaftung und KZ-Einweisungen und letzten Endes seine Hinrichtung durch Enthauptung hatte. Im Detail in seinem Wikipedia-Eintrag nachzulesen. Was mich bewegte, mich gestern und vorgestern intensiver mit ihm zu beschäftigen, war mein Sonntagsspaziergang, der mich zufällig in die Oderstraße zum Werner Seelenbinder-Sportpark führte, wo ich die Skulptur fotografierte. Auf dem Weg nach hinten zur Skulptur fiel mir ein durch eine Hecke abgegrenzter Bereich mit einem Markstein auf. Ich näherte mich und entdeckte seine Grabstätte. Sehr ungewöhnlich, dass jemand außerhalb eines Friedhofs ein Grab hat. Ich las die Inschrift und mir wurde bewusst, dass ich gar nicht wusste, wieso Werner Seelenbinder ein bekannter Name ist, was seine Verdienste waren. Bei Werner Seelenbinder dachte ich immer zuallererst an die Werner-Seelenbinder-Halle in Ostberlin, in der Paul-Heyse-Straße, in der ich nie war. Es gibt sie auch nicht mehr, 1992 abgerissen. Die Halle war mir ein Begriff, weil Rio Reiser 1988, also noch zu Mauerzeiten, dort zwei spektakuläre, ausverkaufte Konzerte für seine vielen Ostberliner Fans spielte. Besonders „Der Traum ist aus“ bringt die intensive Atmosphäre bei diesen Konzerten rüber, eine Gänsehaut-Aufnahme davon befindet sich seit Ewigkeiten auf meiner Lieblingsplaylist. Hier auf youtube zu hören. Im Wikipedia-Eintrag zu Werner Seelenbinder ist auch vemerkt, wie ungewöhnlich es ist, dass sich seine Einzelgrabstätte nicht auf einem Friedhof befindet. Dort ist zu lesen:
„Am 24. Oktober 1944 wurde Seelenbinder, nachdem mehrere von ihm gestellte Gnadengesuche abschlägig beschieden worden waren, im Zuchthaus Brandenburg-Görden enthauptet.
Nach der Hinrichtung wurde sein Leichnam im Krematorium Brandenburg verbrannt. (…) Am 29. Juli 1945 wurde im Rahmen einer Sportveranstaltung Werner Seelenbinders Urne in einem Ehrengrab auf dem Gelände des Sportparks Neukölln in der Oderstraße beigesetzt. (…)
Als nicht auf einem Friedhof gelegener Einzelbegräbnisplatz nimmt Seelenbinders Ruhestätte unter den ca. 220 Begräbnisplätzen in Berlin mit insgesamt 150.000 Opfern von Krieg und Gewaltherrschaft dabei bis heute eine Ausnahmestellung ein.“


Auf der Seite „Gedenkstätte Deutscher Widerstand“ ist bei dem ihm gewidmeten Portrait eine Fotografie von Werner Seelenbinder. Hier sind die Worte seines Abschiedsbriefes, verfasst am 24. Oktober 1944, dem Tag seiner Hinrichtung:
„Die Stunde des Abschieds ist nun für mich gekommen. Ich habe in der Zeit meiner Haft wohl alles durchgemacht, was ein Mensch so durchmachen kann. Krankheit und körperliche und seelische Qualen, nichts ist mir erspart geblieben. Ich hätte gerne gemeinsam mit Euch, mit meinen Freunden und Sportkameraden, die Köstlichkeiten und Annehmlichkeiten des Lebens, die ich jetzt doppelt zu schätzen weiß, nach dem Krieg mit Euch erlebt. Es waren schöne Stunden, die ich mit Euch verlebt habe, und ich habe in meiner Haftzeit davon gezehrt und mir diese herrliche Zeit zurück gewünscht. Das Schicksal hat es nun leider nach langer Leidenszeit anders bestimmt. Ich weiß aber, daß ich in den Herzen von Euch und auch bei vielen Sportanhängern einen Platz gefunden habe, den ich immer darin behaupten werde. Dieses Bewusstsein macht mich stolz und stark und wird mich in letzter Stunde nicht schwach sehen.“

Gestern drehte ich eine kleine, mir teilweise unbekannte Spaziergangsrunde, bevor ich mich in meiner Werkstatt einfand. Am U-Bahn-Ausgang Leinestraße ist ein Hinweisschild nach rechts „Tempelhofer Feld“. Da war ich vor Jahren schon einmal ausgiebig, da gab es aber noch nicht den Durchgang durch den Anita Berber-Park. Ich war neugierig, wie lange der Fußweg durch den Park bis zum Feld dauert. Immer geradeaus, zehn Minuten, wenn man zügig läuft. Eigentlich nicht weit von meinem Atelier. Ich also losmarschiert, die Sonne versteckte sich nun hinter Wolken, nachdem sie am Vormittag vom Himmel lachte. Angekommen am Feld, dem Zugang Oderstraße, war ich überrumpelt, wie voll es da ist. Ich sehe immer die herrlichen Sonnenuntergänge bei Beate, die es auch nicht weit hin hat, aber da ist nie so ein Getümmel auf den Bildern. Vielleicht auch, weil die Fotos eher unter der Woche entstehen. Mir war das zu voll und unruhig, und da auch noch kein Sonnenuntergang unmittelbar anstand, für mich nicht attraktiv. Das Gewimmel erinnerte mich an den Menschenauflauf am Park am Gipsdreieck, der seit Corona zuverlässig am Wochenende und an Abenden direkt unter meinem Wohnzimmer von statten geht. Einmal versuchte ich durchzuzählen, wie viele Leute sich da unten versammeln, bei hundertfünfzig hörte ich auf zu zählen. Und das ist ein kleiner Park. Am Tempelhofer Feld sind es dann wahrscheinlich hundertmal so viele. Wie bei einem Open Air Festival. Es gab auch einen Waffel- und Getränkestand. Aber lockte mich, wie gesagt, gestern nicht. Stattdessen bog ich links in die Oderstraße ab, und entdeckte direkt links vom Tempelhofer Feld hinter einem hohen Zaun ein leeres, grünes Fußballfeld. Ich lief weiter und sah, dass es zum Werner Seelenbinder Sportpark gehörte. Das Eingangstor stand auf und ich betrat das menschenleere Gelände. Weit hinten, vor dem großen Gebäude stand eine ca. drei Meter große Skulptur. Ich habe die Bronzefigur im Internet gefunden. Sie heißt „Läufer“ und ist vom Bildhauer Karlheinz Biederbick, 1986 entstanden.



Rechner aus – raus!
Durchgang Hackesche Höfe, vorhin. Junge Mutter mit Kinderwagen kommt mir entgegen. Das Kind ist noch ein Baby, unter einem Jahr alt und plappert aufgeweckt ohne Unterlass. Neugierige Kulleraugen, sehr hübsch. Ich verstehe nichts, ist auch bestimmt Babysprache, aber es hört sich sehr dringlich an, was das kleine Wesen der Welt mitzuteilen hat. Ich fühle mich sehr angesprochen und bin ein bißchen in das Baby verliebt. In meinem Kopf rattert es: ab wann fangen Babies an zu plappern? Ist das normal, dass so ein sehr kleines Kind schon spricht? Es war der reinste Vortrag mit viel Modulation. Das wäre mein Kind, dachte ich mir: so superkommunikativ, aber nicht nervig, sondern interessant, kein Gekrähe oder Gejammer oder Gezeter, einfach nur tausend Fragen und Mitteilungen, die in dem kleinen Kopf sind und rauswollen. An die Mütter und Väter unter meinen Lesern: ab wann sprechen Babies?
Und dann in der S-Bahn steigt ein junger Rap-Künstler zu, hat ein Abspielgerät für die Musik dabei, auf die er dann live rappt und singt und er kündigt einen eigenen Song an. Er hat keine auffallend schöne Stimme, ein bißchen nuschelig, aber einen grundehrlichen, entwaffnenden Ton. Er rappt Deutsch und es gibt einen Refrain mit einer richtig schönen Melodie, die er singt. Es ging um sein Leben in Berlin und gegen Ende gab es eine Strophe, wo es ungefähr hieß: „ich bin unterwegs in der S-Bahn in Berlin und versuche mir mit meinem Song ein bißchen Geld zu verdienen.“ War eine schöne Abwechslung zu den sonstigen musikalischen Angeboten in der S-Bahn. Eigentlich wars ein Hit und wir haben ihn vielleicht zum ersten mal gehört! Er hat auch seinen Namen in dem Song untergebracht, hab ihn aber vergessen. Ralph oder so… Dann kam eine Halte, ich dachte, er sei schon wieder raus, und er ging ganz schnell durch den Gang an uns vorbei, ich konnte ihm nur noch hinterherrufen: „nicht schlecht – gute Hook!“ Er etwas atemlos „DANKE!“ Ich hätte ihn festhalten müssen, um ihm was zu geben, und er war auf dem Sprung, ich hatte nicht geschaltet, hätte mein Portemonnaie viel früher aus der Tasche holen müssen. War zu spät. Hat mir ein bißchen leid getan. Hoffe, ich hör ihn noch mal, dann kriegt er was.



Arrivederci Milano sage ich keck, als wäre ich selbst dagewesen. Mein einziger tatsächlicher Aufenthalt in Mailand fand in den Neunziger Jahren statt, und spielte sich ausschließlich auf dem Bahnhof ab, beim Umsteigen in einen italienischen Zug nach Venedig. Lydias dichte Berichterstattung der vergangenen Woche hat mir das Gefühl vermittelt, auch dort gewesen zu sein. An Vorstellungskraft hat es mir noch nie gemangelt! Und zu meiner allergrößten Freude folgte sie meiner Empfehlung, sich die Callas-Ausstellung in der Scala anzuschauen. Auch von da tolles Bild- und Filmmaterial abgeliefert, das es in der Form nicht im Netz gibt. Heute Morgen ein erster Versuch, mit meinem hauseigenen Kleiderschrank ein bißchen Milano Street Style zu channeln. Aber halt noch nicht perfekt – Ich nähere mich an. Zwar hatte ich sehr scharf und spitz zulaufende italienische Stiefeletten an, aber High Heels wären das Tüpfelchen auf dem i gewesen. Nichtsdestotrotz ein kleiner Fortschritt in puncto Sophistication. Es wird! Meine sehr stylische italienische Kollegin hat mir großzügig ihren Segen erteilt.


Alles ganz ruhig angehen, nicht echauffieren. Genug gearbeitet. Nirgendwo hinmüssen. Chillen.

Hier kommt ein exclusiver Gruß von Berlin nach Mailand zu Lydia, die mich in den letzten Tagen ganz herzerwärmend mit Fotos von dort versorgt. Leider kann mein heutiges Outfit so gar nicht mit dem Street Style der Fashionistas in Mailand mithalten. Es war bis gestern wieder Fashion Week in Milano und ich habe mich aufgeschlaut, was das Straßenbild dort so bietet. Ich war schwer beeindruckt! Auf youtube ist ein Clip, der auf das Treiben rund um den Dom hält und ich muss schon sagen: wow! Dagegen ist der Street Style von Berlin die pure Altkleidersammlung. Folgende Trends habe ich bei den Damen ausgemacht: Fedora-Hut auf dem Kopf, gerne mit feinem Lederband, JLo-mäßige Walle-Mähne, gerne sehr langer, enger, figurbetonter Mantel, teuer aussehende Ledertasche am angewinkelten Arm, überlange, schmal geschnittene Hosen mit superduper Seventies-Schlag vom Knie abwärts, dazu hardcore spitz zulaufende High Heels – Stiefeletten oder Stiefel mit gefährlich hohem, schlanken Absatz. Schwarze Sonnenbrille versteht sich von selbst. Ein absolut gefährlich aussehender Look, rasant, sexy, elegant. Ich hätte zwar Zutaten im Schrank, um das nachzubauen, aber heute war ich leider noch nicht so weit. Wobei ich bei der Schlaghose passen muss; Marlenehose gültet nicht. Hier gilt es aufzurüsten! Vielleicht macht Lydia mit, wenn sie zurück ist! Bis dahin braver Gruß aus Berlin, heute noch mal ganz ohne Schlaghose, Fedora und Mörderabsatz.

„First Dates Hotel“ auf Vox, Antwort von Date-willigem Hotelgast auf die Frage, ob dies sein erstes Blind Date sei: „Wenn man wen von einer Plattform trifft, ist das immer ein Blind Date – die Fotos stimmen nie.“


Nicht fertig, geht noch weiter. Muss etwas ruhen, abhängen, wie ein guter Südtiroler Schinken. Oder Serrano. Oder Parmaschinken. Die Textur braucht noch mehr Charakter und einige Farbpartien behagen mir nicht. Ein sensibles Feld. Das Angrenzen von diesem Lachsrosa da unten an das Blau etc. Da ist noch einiges zu tun.



Im Anita-Berber-Park. Alle, wirklich alle, haben die Krokuswiesen eingefangen – ich auch. Einige haben sich in komisch verdrehten Körperhaltungen auf die Wiese gesetzt, um ein Bild mit sich und den Blumen im Hintergrund hinzukriegen. Manche saßen in der Hocke, als ob sie Pipi machen. Andere haben sich bäuchlings reingelegt und vom Freund für Insta fotografieren lassen. Endlos wurden Makroaufnahmen versucht, auch in der Hocke oder im Knien. Es ist doch immer wieder schön, wenn das violette Blütenmeer die Welt verzaubert. Heute das erste mal das Gefühl gehabt, richtig was für die Gesundheit getan zu haben, beim Spazierengehen mit der Frühlingssonne im Gesicht.


Update –
Tonic
Ingwer
Paprika
Cayenne
Dillhappen
Müll runter
Weintrauben
Schwarze Pfefferkörner
Umbuchung Giro Tagesgeld
Rosa Himmel. Das Foto habe ich schon so oft gemacht. Heute nicht. (Oder doch….?)
GNTM, männlicher Casting-Kandidat, in der Tat auffallend gutaussehend, grinst in die Kamera: „ich lebe nach dem Motto: „I don’t chase – I attract.“ Und wirkt dabei weder überheblich noch peinlich.
Heimweg S-Bahn. Stehplatz an der Tür. Neben mir ein junges Paar, das auch auf dem Heimweg von der Arbeit ist. Sie unterhalten sich mit medizinischen Fachbegriffen, zarter Körperkontakt. Sie wunderhübsch, komplett ohne Make up. Lange braune Haare, Gesichtszüge ein bißchen Audrey Hepburn, müde, aber wunderschöne Augen, die den jungen Mann liebend anschauen. Ich lausche nicht stalkermäßig, aber kriege ein paar Sachen mit. Dass sie müde ist, sagt sie und er hört aufmerksam zu, schaut sie intensiv an. Er braune Haare, zarte Brille, empfindsamer Mund, Fünf-Tage-Bart. Sie berichtet von ihrer Irritation über eine 2-ml-Spritze, die keinen Anschlag hatte. „Ohne Anschlag!“. „Charité“ fällt. Dann erinnert sie sich an eine Situation mit einem querschnittsgelähmten Patienten, der von Pflege-Kollegen nach ihrer Einschätzung falsch angefasst, umgelagert wurde. Da kam sie nicht drüber hinweg. Sie sagt „Dude“, was sich total mitfühlend anhört: „Du kannst doch nicht einen Dude mit Querschnitt… (soundso) – hey…!“ Ihr Liebster schüttelt mitfühlend den Kopf. Das waren (vermutlich) zwei junge, sehr ambitionierte, ausgebildete, engagierte Pflegekräfte, die sich noch nach Feierabend auf dem Heimweg gedanklich mit ihrem Job beschäftigen. Hätte ich beide adoptieren können. So sympathisch.

Heute vor zehn Jahren, 19. Februar 2014. In jenem Jahr zeigte sich auch, dass ich eine Brille zum Lesen brauche. Das Augenzusammenkneifen zwecks Fokussieren beim Lesen in der S-Bahn hat nicht mehr gelangt. Und die Haarfarbe war auch komplett rausgewachsen. Wollte 2014 wissen, was aus dem Kopf kommt.


„GAGANISCHE PAPAGEIENBLUME„. Feinste Pixel auf Acer, beliebige Größe, 18. Februar 2024, Staatl. Museen von Gaganien. Aus Gagas Digi-Lab. Dieses Gewächs hat heute das Licht der Welt in Gaganien erblickt. Es handelt sich um keine Züchtung, sondern um eine einheimische Wildblume. Mit KI oder sowas hat die Blume nix zu tun. Ich war beim Wachsen mit ihr im Austausch und sie hat mir mitgeteilt, was sie für Nährstoffe braucht. Neugierhalber habe ich mal bei zwei verschiedenen Anbietern zwei kleinere Leinwanddrucke davon bestellt, jeweils 30 x 40 Zentimeter, um zu gucken, wie die Qualitätsunterschiede sind. Das Format 300 x 400 cm wäre natürlich um einiges beeindruckender, aber dafür habe ich keinerlei Platz und das Format gabs auch gar nicht zum Bestellen.
Wenn ich am 16. Februar 2029 noch bloggen sollte, schreibe ich zum fünfundzwanzigjährigen Jahrestag mal wieder einen Eintrag, also diesbezüglich. Aber heute nicht. Mir ist das Pathos abhanden gekommen.
Momentan zu müde für echte Einträge.
Evergreen
Kleine Pause
Ruhetag

„Kaleidoskop VII. – Nellcôte“ hängt – links von der Dusche. Hab dafür das Werk „Das Schlürfen ist nicht gestattet“ abgehängt.


Regenradar Berlin: zwischen 13 und 14 Uhr kein Regen und ab 16 Uhr auch nicht mehr. Dann werde ich meine (R)Ausgehaktivitäten darauf abstimmen. Auch die apartesten Regencapes in meinem Schrank können mich nicht vor die Tür locken. Erstmal Kaffee trinken. Dann möchte ich das gestern fertig gewordene Bild in meine Wohnung holen, da ich gestern ausgemessen habe, dass es in mein Badezimmer passen würde. Dafür muss ich etwas umhängen. Außerdem steht Einkaufen an. Essen, Getränke. Eventuell Wimpernkleber. Dann könnte ich meine Las Vegas-Strass-Wimpern mal wieder ankleben, bei Lust und Laune. Also nicht daheim in der Wohnung – so exaltiert bin ich auch nicht. Heute Abend ist Faschingskonzert vom Berlin Beat Club im Ballhaus in der Chausseestraße, aber ich weiß noch nicht, ob ich hingehe. Vielleicht krieg ich noch einen Schubs. Man muss sich aber nicht verkleiden. Darauf muss man auch Lust haben, so zwanghaft bringts nicht. Letztes Jahr bin ich als Oligarchin verkleidet gewesen, was aber keiner erkannt hat, weil ich meine protzige Kunstpelzmütze an der Garderobe abgegeben habe und mein Schmuck war wohl nicht protzig genug. Auch haben angeklebte Fingernägel gefehlt. So Verkleidungskram muss auch immer auf Sitz kontrolliert werden, gilt auch für Wimpern. Also ich weiß noch gar nicht. Vielleicht bin ich in diesem Februar auch einfach in klösterlicher Klausur, nachdem ich schon zwei sehr nette Einladungen von Freunden nicht wahrgenommen habe, ich Stubenhocker. Ist aber auch so ein Einmummel-Wetter die Tage.


„KALEIDOSKOP VII. – Nellcôte – Schmitts kleine Katze 1979″. Fragment Cover Mare-Zeitschrift August 2022″ Sommer der Pop-Giganten“ mit Foto von Keith Richards 1971 in der Villa Nellcôte, fotografiert von Dominique Tarlé, Foto von Mama beschriftet: „Schmitts kleine Katze 1979“, Fragment „Daliland“-Kinoflyer, Sawade-Pralinen-Kärtchen, Splitter kupferfarbene Lippenstifthülse „Revolution“, Foto Sonnenuntergang mit Spree und Fernsehturm, Logo von „Idôle“-Parfumprobe v. Lancôme, oranger Karton, Spiegelsplitter, Kupferglitzer-Geschenkpapier, Kleber, Blattsilber, geschenktes Badesalz, Acryl auf Rahmenpapprückwand von shabby Altsilber-Rahmen, 84,7 x 64,7 cm, 21., 28. Januar, 2., 3., 4., 5., 6., 7. und 8. Februar 2024, Staatliche Museen v. Gaganien

Heute restliches rosa Badesalz appliziert, Acryl aufgetragen, Spiegelsplitter mit Schwamm von Kleberesten gereinigt, getrocknet und poliert. Zuguterletzt auf der Rückseite signiert und fotografiert.










Paul Cézanne in einem Brief an Emile Bernard, 26. Mai 1904:
„Der Maler muss sich ganz dem Studium der Natur widmen und sich bemühen, Bilder hervorzubringen, die für sich selbst sprechen. Das Geplauder über Kunst ist so gut wie nutzlos. Die Arbeit, mit der ein Fortschritt erzielt wird, ist Entschädigung genug für das Unverständnis der Dummköpfe. Der Literat drückt sich mit Abstraktionen aus, während der Maler mittels Zeichnung und Farbe seine Empfindungen und Wahnehmungen veranschaulicht. Man ist weder zu gewissenhaft noch zu aufrichtig oder zu demütig gegenüber der Natur, sondern mehr oder weniger Herr seines Motivs. Und vor allem: seiner Ausdrucksmittel.“

Fortsetzung „Kaleidoskop VII.“ Quell der Spiegelscherben sind Spiegelfliesen aus den Achtziger Jahren, die ich in meiner ersten Berliner Wohnung an Schranktüren hatte. Ein paar habe ich noch. Ich zertrümmere die Fliesen gezielt mit meinem Hammer. Auf dem Holzboden liegt ein Bodenkissen, darauf Packpapier, darauf eine alte stabile Papiertüte, in die ich die Fliesen packe. Ich ziehe Bauarbeiterhandschuhe an. Dann haue ich fünf bis zehn mal auf die Tüte. Der Scherbenhaufen ist in der dann leicht zerlöcherten Papiertüte, ich kippe ihn in eine Schüssel mit Wasser, damit die kleinsten Splitter nach unten sinken. Dann ziehe ich Latexhandschuhe an und fische die Scherben aus der Schüssel, lege sie nach Form und Größe sortiert auf ein Stück Pappe, die kleinen Teile auf ein Tablett. Das Wasser gieße ich vorsichtig in einen Blumenkasten, die kleinsten Splitter kippe ich in den Müll.



Bin gerade erst heimgekommen und muss erst mal was essen, also kochen. Reis aufgesetzt, schmeiße ich noch grüne Bohnen und Champignons und Spinatblätter obendrauf. Wenn es fertig gekocht ist, kommt Butter dazu, umrühren und Salz und grober Pfeffer und drüber ein klein geschnittener Mozzarella und frische Ingwer-Raspel. Schnelles, gutes Essen. Ja, es ist spät, 23.43 Uhr.




Fortsetzung, Work in Progress. Aufwändig war vorgestern, den Kupferdraht aus einem einzigen Stück in die Silhouette zu biegen. Aber hingekriegt. Jetzt trocknen die weißen Strukturlinien durch, die ich morgen mit Anlegemilch bepinsle und mit Blattsilber belege.


Guten Morgen mit einem ganz frischen Bild von der gestrigen Pre Grammy Gala in Los Angeles, welche unter anderem von Kylie Minogue und Shania Twain besucht wurde. Wer kennt sie noch? Shania ist inzwischen 58, Kylie demnächst 56, und beide sehen recht lebensfroh aus. Der goldene Anzug von Shania mit dem schwarzen Cowboyhut gefällt mir ausgezeichnet. Kylies „Kleid“ hingegen finde ich etwas kurz geraten. Etwas ähnliches trage ich, wenn ich aus der Dusche komme, ich wickle mich dann immer in ein großes Badetuch. Vielleicht hätten sich schwarze Nylons gut dazu gemacht. So ist es ist für meinen Geschmack untenrum zu nackig. Aber der Look von Shania: Eins A. Dass Kylie nach diversen Schicksalsschlägen so strahlt, freut mich sehr. Shania hat auch gesundheitlich schwierige Zeiten gehabt, zwischen 2003 und 2016 hat sie nichts Neues veröffentlicht, da sie eine Borreliose-Erkrankung mit Stimmverlust hatte, die sich hinzog. Sehe gerade, Shania Twain ist genau vier Tage vor mir auf die Welt gekommen.
Noch eine Gemme: „Royal Paintbox„. In dieser britischen Doku gibt es einen ganz intimen und privaten Einblick hinter die Kulissen des englischen Königshauses. Ich wusste, dass Charles sehr gerne zeichnet und aquarelliert, auch sein Vater sehr ambitioniert und gut darin war. Aber in welcher jahrhundertealten Tradition und Meisterschaft in den bildenden Künsten innerhalb der Familie sie sich bewegten, war mir in dem Ausmaß nicht geläufig. Beeindruckend. Die gigantische royale Kunstsammlung ist in dieser Hinsicht in der denkbar besten Familie. Queen Victorias Schaffen als Malerin ist sehr berührend, insbesondere, wie sie damit den Tod ihres sehr geliebten Gefährten Albert zu verarbeiten versuchte. Aber sehen Sie selbst. Auch immer wieder angenehm, Charles zuzuhören. Ein ganz empfindsamer Zeitgenosse.
Kunterbuntes Haus, gefällt mir.
Auszug aus einem Gespräch zwischen Alexander Kluge und Dr. Joseph Vogl über die Frage des Entstehens von Feindbildern:
„Das Interessante ist, dass Feindschaft auch kulturelles Gedächtnis voraussetzt. Es gibt keinen Feind, ohne dass jemand erinnert: „DAS ist der Feind, das wird der Feind bleiben.“ Der Feind ist sozusagen gespeichertes Gedächtnis von Ausschlussprozessen. Eine Gesellschaft erinnert sich selbst, indem sie bestimmte Spaltungsprodukte entwickelt, ihre Schattenseite in gewisser Weise, und diese Schattenseite ist in der Kontinuität von Feindschaftsmodellen gespeichert.“ (Joseph Vogl)
Dr. Joseph Vogl lehrt Neuere deutsche Literatur, Literatur- und Kulturwissenschaft/Medien an der Humboldt-Universität Berlin und als Permanent Visiting Professor an der Princeton University.
Sehr zu Herzen gehende Geschichten heute im Nachtcafé. Thema: „Was die Liebe mit uns macht“. Einzige Talkshow, die ich mir jede Woche ansehe. Immer mit Tiefgang, immer bereichernd.




Kupferrosa Reste für Kaleidoskop VII., Nellcôte, noch ganz unfertig, Anfangsstadium. Bestandteile, grobe Anordnungen. Bin gespannt, was da noch alles kommt und damit passiert. Auf jeden Fall eine Menge; das wird komplex. Die Entwicklung vom Anfang bis zu unerwarteten Endergebnis amüsiert mich. So ist es noch trivial. Wird eventuell aufwändig. Heute aber keinen Drive, nachdem ich mich mit der Aktualisierung von Drivern verausgabt habe. Das Foto von Keith Richards stammt vom Cover der Mare Ausgabe 2022, die dem Sommer 1971 gewidmet war, als die Stones in der von Keith gemieten Villa Nellcôte in Südfrankreich Exile on Mainstreet aufnahmen. Und Joni Mitchell und Leonard Cohen am Mittelmeer weilten, und dort ewige Lieder schrieben.


Kaum wage ich es, von meinen weiteren Set up-Aktivitäten mit meinem alten Toshiba Satellite zu berichten, davon ausgehend, dass meine Leser/innen nicht den Beruf des Fachinformatikers für Systemintegration ausüben (ich übrigens auch nicht). Außerdem haben die meisten ja scheinbar eh einen Mac und blicken etwas mitleidig auf Windows User wie mich.
So ähnlich wie Schüler in den Siebziger und Achtziger Jahren, denen die Eltern eine Levis oder Wrangler Jeans gekauft haben, auf die Kinder aus ärmeren Haushalten geschaut haben, die eine Jinglers-Jeans von C&A anziehen mussten. Ich hatte es damals immerhin zu Wrangler gebracht, fand ich auch besser als Levis. Sexier von der Waschung und vom Schnitt her. War auch so! Levis war so unisex, Wrangler auf die weibliche Figur zugeschnitten.
Aber zurück zu meiner Freizeitbeschäftigung, mit unermüdlichem Beharrungsvermögen (Mars, Mond, Neptun und Aszendent im Skorpion) dem Satellite neues Leben einzuhauchen, ohne ihn zwecks Untersuchung im Schrauberladen abzugeben. Also ihr Mac User könnt hier aufhören zu lesen.
Folgendes: ich hatte nun den neuen kleinen, schicken Acer am Start und nach vielen erfolglosen Versuchen den Satellite nochmal hochzufahren, packte ich ihn bedauernd hochkant neben die Wohnungstür, um ihn doch mal fachkundig auf Herz und Nieren prüfen zu lassen. Also irgendwann. Weil nun hatte ich mich ja schon gut mit meinem kleinen, jungen und smarten Toyboy Acer Swift arrangiert.
Ich hatte es zuletzt vorm hochkant neben die Tür stellen, am Satellite hingekriegt, ein grundlegendes Reset auf die Werkseinstellung anzuschmeißen, wo alles platt gemacht wird, aber ich kriegte nie eine abschließende Meldung, dass es nun hiermit erledigt sei und alles auf Werkseinstellung zurückgesetzt. Ich machte ihn immer wieder mal an und er zeigte kurz das Toshiba-Logo und dann einen dunkelgrauen Bildschirm und Hintergrundrauschen. Manchmal ließ ich das eine Stunde so laufen, dann schaltete er sich aus oder ich würgte ihn ab, weil nix mehr passierte.
Also drei Tage Ruhe, ihn komplett ignoriert, und als ich ihn nun mitnehmen wollte zum Abtransport, gedacht: eine Chance gebe ich dir noch, einmal versuche ich noch hochzufahren. Und siehe da: nun kamen endlich die ganzen Abfragen, die man bei Neueinrichtung des Betriebssystems kriegt. Ich lud mir dann gleich wieder den Firefox runter, aktivierte die alten Lesezeichen, alles da.
Und dann wurde ich ganz mutig – alles in derselben Session – ich dachte: jetzt oder nie, vielleicht will er mal ein bißchen frisiert werden. Es gab ja für viele Anwendungen keine Updates mehr. Ich holte mir für neunzehn Euro die Lizenz für Windows 10 und habe ihn upgegraded und er hat alles bisher mitgemacht. Aber man soll den Tag nicht vor dem Abend loben. Die Grafikkarte ist etwas veraltet, der Grafiktreiber wird nicht mehr automatisch upgedatet und manuell die AMD Adrenalin Legacy Treiber-Edition für meine alte r9 200 zu installieren, hat nicht funktioniert.
Hab ich nun womöglich das falsche Windows 10 installiert? Ich dachte, das wäre automatisch 64 bit für mein 64 bit-Satellite, auch bei der Home Edition, dachte Pro ist nur mit so fancy Unternehmens-Features, bin nun verunsichert. Youtube puffert zuweilen ein klein wenig, aber er läuft. Ich bereinige jetzt gerade alte Installationsdateien etc.
Was mich bislang stört, ist beim Hochfahren nach dem Toshiba Logo der Blue Screen mit der Aufforderung „wählen Sie ihr Betriebssystem“, da gibts nur Windows 10 und erst dann kommt der Sperrbildschirm mit dem Login. Das ist nicht geschmeidig, daran arbeite ich gerade.
Ende des Berichts aus Gagas Computerwerkstatt!
Hilfsmittel für übermorgen, wenn Freitag die U-Bahn streikt: das Berliner S-Bahn-Netz ohne die U-Bahn: Stattlich! Vielleicht fahr ich doch in mein Atelier. Gibt zwei Varianten von mir daheim: entweder S-Bahn Oranienburger Str. bis Südkreuz und dann umsteigen in die Ringbahn bis Hermannstraße. Oder vom Hackeschen Markt bis Ostkreuz und von da in die andere Richtung der Ringbahn bis Hermannstr. Von der Oranienburger bis Südkreuz ist mir sympathischer, weil mich der S-Bahn-Knotenpunkt Südkreuz weniger verwirrt, als der am Ostkreuz, wo ich schon mitunter herumgeirrt bin. Kommt mir auch irgendwie kürzer vor. Mal sehen. Ah ja, gerade die Haltestellen durchgezählt – über Südkreuz acht, über Ostkreuz wärens neun. Also Oranienburger und Südkreuz.
UPDATE! Der BVG-Streik übermorgen geht ja nur von Donnerstag- auf Freitag-Nacht um vier, bis um zehn Uhr am Freitag-Vormittag. Ist ja sehr überschaubar. Also fährt die U-Bahn nach zehn schon wieder… da steh ich eh erst unter der Dusche 🙂 Also nix S-Bahnfahren, doch olle U8.

Früher – noch so vor fünf bis sieben Jahren – war ich insgeheim grummelig und fühlte mich in der Effizienz meiner Wege von A nach B beeinträchtigt, wenn ein Bereich des Öffentlichen Nahverkehrs streikte. Ich hätte es aber nie offen kritisiert, aus traditioneller Solidarität mit den Werktätigen. Mittlerweile habe ich aber den Weitblick und die Einsicht erworben, dass der Kampf von bestimmten Dienstleistungsbereichen für höhere Entlohnung und bessere Arbeitsbedingungen, wie Reduzierung der wöchentlichen Arbeitszeit, eine wegweisende Dynamik hat, die neue Standards zu setzen in der Lage ist. Gestreikt wird nicht zufällig nie von Angehörigen der Führungsebenen mit stattlichen Gehältern, denen auch eine Taxifahrt an einem Streiktag kein Loch ins Portemonnaie reißt, sondern von den wirklich unser System erhaltendenen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen. Jede Errungenschaft in diesem Bereich hat einen Domino-Effekt auf andere Bereiche unseres Systems. Längerfristig profitieren von diesen Aktionen alle, die sich ebenfalls in irgendeinem operativen Bereich den Arsch aufreißen. Ich finde es grotesk, dass seit hundert Jahren ein Acht-Stunden Tag „Vollzeit“ definiert. Ich kann mich nicht an einen gemeinsamen Streik von S-Bahn, Regionalbahn UND BVG, sprich U-Bahn und Bus und Tram erinnern. Das hätte ich schmerzhaft realisiert. Ich war bei dem letzten S-Bahnstreik insofern eingeschränkt, dass ich einen Umweg über zwei U-Bahnen genommen habe. Unterm Strich brauchte ich sieben Minuten länger als sonst. Am Freitag käme ich – wenn ich wollte – auch mit dem Umweg von einmal Umsteigen in eine S-Bahn zu meinem Atelier, wo ich sonst bei Lust und Laune in einem Rutsch mit der U8 hinfahre. Aber muss am Freitag nicht sein. Betrachtet es bitte einfach langfristig egoistisch: jeder Dienstleistungsbereich, jeder Angehörige der wirklich arbeitenden Bevölkerung profitiert davon. Von diesen in einem Jahr an einer Hand abzählbaren Tagen mit überschaubarer Einschränkung der bequemsten Mobilität. HASTA LA VICTORIA…!



Ein Versuch von Elon, mich zu becircen? Gunter Sachs hat seinerzeit Rosen in den Garten von BB regnen lassen. Das ist mehr nach meinem Geschmack. Wenn er heute Morgen meine Initialen in den Himmel geschrieben hätte, das wäre eine andere Liga. Aber X? Das ist mir zu geschäftsmäßig, auch wenn xx für Küsschen steht. Ich bin und bleibe da sehr vorsichtig. Telegrammstil ist nicht meins. Ein Sonett sollte schon drin sein.


Jetzt fällt es mir wieder ein. Vor zwei Nächten ein erinnerbarer Traum. Ich bin im Traum zeitgleich an zwei Orten. Zum einen bei einer privaten Einladung zuhause bei Alban Nikolai Herbst, wahrscheinlich anlässlich seines Geburtstags. Die opulent mit vielen Bücherwänden und Trouvaillen ausgestattete Wohnung sieht größtenteils aus wie in der Realität, nur eine Wand ist anders und führt über eine erhöhte, dunkle Holzstufe zu einer kleinen ebenfalls dunkel holzgetäfelten Zimmer-Bühne, auf der sich ein demnächst lesender Schriftsteller positioniert hat.
Der Autor auf der Bühne gilt als sehr renommiert und schreibt anspruchsvolle Bücher mit philosophischem Einschlag. Altersmäßig circa Anfang bis Mitte Sechzig. Äußerlich sieht er aus wie eine Mischung aus Peter Handke und Peter Sloterdijk in etwas verjüngter Ausgabe (beide sind real älter, Sloterdijk Mitte Siebzig und Handke Anfang Achtzig).
Szenenwechsel. Der andere Ort ist eine andere Wohnung und das Schlafzimmer. Das Zimmer ähnelt keinem Raum, den ich je bewohnt hätte, es ist schlauchartig, ca. 6 Meter lang und drei Meter breit, sehr hell mit weißen Wänden und sonst in Pastellfarben eingerichtet. Hauptsächlich dominiert das eher schmale Bett mit einem gardinenartigen Überwurf mit Volants, der Stoff sieht aus wie preisgünstige rosa Kunstfaser, halb transparent. Ich nehme an Nylon. Qualität in etwa wie ein Frisier-Umhang aus den Siebziger Jahren. Die übrige Einrichtung geht in Richtung Schleiflack und romantisches Jungmädchenzimmer. Ein verschnörkelter weißer Vogelkäfig (ohne Vogel) baumelt als Deko herum.
Auf dem gesamten Bett sind Oberteile meiner Garderobe arrangiert, die ich an Freundinnen verkaufen möchte. Eigentlich so ziemlich alles an Oberteilen, was ich (im Traum) habe. Jedes ist auf seine Art extravagant und aufwändig in den Details. Überall finden sich Stickereien und Borten und ausgefallene Muster und Materialien. Lauter „It-pieces“ sozusagen, oder sagt man: „Statement-Teile“(?). Wenn man ein solches Oberteil anhat, braucht man keinen anderen Hingucker mehr.
Ich selbst trage für meine Verkaufs-Aktion auch eines der Teile, um zu zeigen, was das hermacht. Nämlich einen weißen, langärmligen Angora-Pullover, der ganz fluffig und flauschig aussieht, wie ein Federkleid von einem frischgeschlüpften Küken. Darauf sind in regelmäßigen Abständen Hunderte von weißen Zuchtperlen genäht. Obwohl ich träume, denke ich noch im Traum: „das ist ja gar nicht mein Geschmack, viel zu protzig, madamig und tussimäßig“.
Ich halte die verschiedenen Oberteile gegen das Licht und habe plötzlich Besuch von einer ersten Interessentin. Es handelt sich um eine Bestseller-Autorin, die Trivial-Literatur verfasst, wie man das so nennt. Die Dame sieht aus wie Gaby Hauptmann, trägt aber den Namen einer der beiden anderen bekannten Schreiberinnen dieses Fachs: entweder Sandra Paretti (†) oder Utta Danella.
Sie hat mir ein dickes Taschenbuch mitgebracht, das ich höflich entgegennehme und beschließe, als nächstes Buch zu lesen. Eigentlich ist mir das Genre zu trivial, aber ich habe alle Bücher gelesen, die mich jemals so richtig interessiert haben, mein Bücherstapel ist fertig gelesen und nun muss ich eben mit solchen Büchern weitermachen. Einzige Alternative wäre, gar nicht mehr zu lesen.
Szenenwechsel, wieder bei Alban. Wir sitzen bei ihm am Tisch, es gibt Wein und ich habe das Buch von Gaby Hauptmann-Paretti-Danella dabei, etwas verschämt. Peter Handke-Sloterdijk ist nun kurz davor, seine anspruchsvolle Lesung zu beginnen, wir schauen Richtung der kleinen Zimmerbühne.
Auf einmal Unruhe in Albans Wohnung, zur Tür kommt als weiterer Gast Gaby Hauptmann-Paretti-Danella, die mit Alban weder bekannt noch befreundet ist, und hält Ausschau nach einem freien Stuhl, um der Lesung von Peter Handke-Sloterdijk ebenfalls beizuwohnen. Während sie so suchend um sich schaut – sie trägt nun ein helles Oberteil, eventuell meinen Perlen-Pullover – erhascht Peter Handke-Sloterdijk ihren Blick und begrüßt sie über unsere Köpfe hinweg sehr vertraulich zunickend. Sie grüßt ihn ebenfalls und sie wechseln mit gesenkter Stimme einige Worte. Sie duzen sich und werfen sich tiefe, einvernehmliche Blicke zu. Es ist sofort klar, dass sich die beiden näher kennen. Nicht unbedingt als Liebespaar, aber dass sie allermindestens ganz dick und langjährig befreundet sind.
Ich bin sehr erleichtert, dass es dann ja doch nicht so peinlich ist, dass ich einen ihrer Romane bei mir habe, denn Peter Handke-Sloterdijk wird ja wohl nicht mit jemandem befreundet sein, der völlig unterirdische Lektüre verfasst. Das ist dann ja quasi von höchster intellektueller Stelle abgesegnet, Hauptmann-Paretti-Danella-Werke mangels anderer Bücher zu lesen.
Das inspiriert mich gleich, Alban den Vorschlag zu unterbreiten, er könnte sich doch auch mal in dem Genre ausprobieren, als Nebenverdienst. Das müsste er doch aus dem Ärmel schütteln, denke ich mir. Dann bin ich aufgewacht, ich konnte ihm die Geschäftsidee leider nicht mehr unterbreiten. Was aus dem Verkauf meiner Pullover geworden ist, weiß ich demzufolge auch nicht. Wahrscheinlich liegen sie immer noch auf dem Bett mit der rosa Nylondecke herum!


Und Gute Nacht – vor Mitternacht. Mir ist es fast den ganzen Januar gelungen, nicht erst gegen drei ins Bett zu gehen, wie ich das vorher viele Jahre gemacht habe. Vielleicht bin ich auch früher müde. Nur zweimal war es drei und einmal sogar kurz nach vier. Aber sonst meistens eins oder halbzwei. Auch zwölf war oft dabei. Sehr gut. Vielleicht lese ich noch ein bißchen, dann schlafe ich noch schneller ein. Nicht weil das Buch so langweilig wäre, es ist eher wegen der schläfrig machenden Haltung, mit der ich im Bett liege, zur kleinen Funzellampe gedreht. Ich lese ein dickes Buch über die Beziehung von Maria Callas und Aristoteles Onassis.




Ein wenig uninspiriert in meiner Werkstatt gewesen. Sachen hin- und hergeschoben, Teilchen zugeschnitten. Probiert, ob ich mit dem neuen Notebook in das offene „Grundig“-WLAN reinkomme, das mir in der Liste als einziges ungesichertes angezeigt wird. Seltsamerweise nicht. Muss mal googeln, woran das liegen könnte. Oder auschecken, ob ich über einen Telekom-Hotspot reinkomme, wurde in der Liste aber keiner angezeigt. Vodafon hat einen Hotspot. Ich hab aber kein Vodafon. Zahlen wollte ich dafür nicht. Wie auch immer – egal – ich bin da ja nicht, um dann wieder nur vorm Internet herumzuwursteln. War mir all die Jahre sogar sehr recht, auch in der Hinsicht abgeschottet zu sein. Mich interessiert es eher technisch und für den Fall der Fälle… ich finde es immer schön, die Wahl zu haben. Und dann doch nur das Eine zu wählen.



Mit den Füßen im Osten, Blick gen Westen, zur Kuppel der Synagoge. Die letzten beiden Abende ließ ich nebenher alle Folgen der Reihe „Raus aufs Land„, eine Produktion vom RBB laufen. Städter aus Berlin und Frankfurt und Wiesbaden werden bei der Verwirklichung ihre Traumes vom Landleben begleitet. Meistens in der Phase der Familiengründung und der Idee, es ruhiger haben zu wollen und viel Freiraum für die Kinder. Ich hatte danach keinerlei Lust aufs Land zu ziehen. Mir ist meine Idylle hier oben ausreichend ruhig. Es ist ja nicht nur Zufall oder Schicksal, wo und wie man in einer Stadt lebt. Ich hatte das Ziel, möglichst ruhig, aber mittendrin zu wohnen. Ein Quentchen Glück gehört auch dazu, das ist klar. Die Sendereihe ist recht unterhaltsam. Einige sind schon in Berlin gutsituiert gewesene Kreative, die da gezeigt werden. Ich denke jetzt schon an die Kids, wenn die in die Pubertät kommen und in die Stadt drängen, um die coolen Clubs auszuchecken, und dann fährt der Überlandbus nur maximal jede Stunde, wenn überhaupt. Aber leider kein Nachtbus. Da legt sich dann die Begeisterung über die Landidylle beim Nachwuchs recht bald. Hauptsache, die Eltern haben es mal ausprobiert. Man sollte immer alles ausprobieren, was einen nicht loslässt. Danach ist man entweder zufrieden oder um eine sehr große Erfahrung reicher.
