22. April 2024

Konversation mit im Home Office tätiger Kollegin:

ich: „bin zurück… gab Zürcher Geschnetzeltes mit Butterreis, hat komisch gerochen, aber gut geschmeckt 🙂“

sie: „Dann hoffe ich, dass es dir morgen gut geht…😊“

21. April 2024

Guten Sonntagmorgen! Habe gerade kleine Freude über neue Wettervorhersage. Sonnenschein auf dem Balkon. Vielleicht bleibt sie ein bißchen. Zweite Tasse Kaffee und Obstsalat mit Apfel und Orange und Quark mit Sahne. War gestern zu bequem zum Einkaufen, sonst wären Weintrauben und Joghurt drin. Dann will ich mich zurechtmachen und vor die Tür gehen. Müll und Flaschen mit runter nehmen. Und vorher dem weißen Ehrenpreis einen Platz geben, die Triebe einzeln in die kleinen Balkonbeete pflanzen, beim weißen Flieder und der Schneeballhortensie. Ich mag Gewächse gerne gestreut, nicht säuberlich getrennt und gebündelt, mehr so wie auf einem verwilderten Grundstück, wie ganz zufällig!

20. April 2024

Souvenirs, Souvenirs… aus Mailand von Lydia und die CD „Stubete“ des aus Zürich stammenden Berliner Chansonniers Marc Ottiker. Lydia war in der Mailänder Scala zur Callas-Ausstellung und hat mir diesen Flyer in einer versiegelten Depesche überbracht. Der Inhalt der CD muss erst noch exhumiert, also erschlossen werden, bin gespannt. Ich habe noch ein CD-Laufwerk auf meinem alten Toshiba-Notebook, hoffe, das Gerät erkennt den Datenträger. Dann zieh ich es Lydia auf USB oder Mail. Whatever!

20. April 2024

Von links nach rechts die Herren Daniel Klaus und Klaus Ungerer, die zartfühlende Passagen aus ihren Liebesnovellen „Valérie“ und „Wir sagen einfach alles, wovor wir Angst haben“ lasen, rechts Chansonnier Marc Ottiker, im vergangenen Jahrhundert aus der Schweiz imigriert, er trug drei subtile Weisen vor, u. a. ein neues Lied, das Hedy Lammar, im Hintergrund gebeamt, gewidmet war.

19. April 2024

Information zu meiner heutigen Abendgestaltung: ich begebe mich gegen 19:30 Uhr in die Veteranenstraße 21 (in Mitte) zur Location „Lettrétage“ (im ACUD) um einer Veranstaltung namens „Wenn alte weisse Männer zu sehr lieben“ beizuwohnen. Eintritt frei! Lydia wird auch da sein.

Beschreibung des Veranstalters „Salon Schelf“:

„Liebe, was war das noch mal? Wie sehr schmerzt, wie sehr verdummt sie? Können alte weiße Männer noch erkennen, was sie lieben? Sind es am Ende nur Hunger, Hormone und zu viele schlechte Filme, die das Blut in wehmütige Wallung bringen? Gibt es die leidenschaftliche, einmalige, schicksalhafte Liebe bis dorthinaus – oder ist sie nur Blendwerk derer, die nichts wirklich empfinden? Will am Ende jeder nur 1x in den Arm genommen werden, egal von wem, am besten eigentlich von sich selbst?

Daniel Klaus und Klaus Ungerer lesen Passagen aus ihren Liebesnovellen „Valérie“ und „Wir sagen einfach alles, wovor wir Angst haben“ und versuchen dabei, ganz stark zu sein. Chansonnier Marc Ottiker streichelt la Gitarra und singt, bis du dahingeschmolzen bist und vielleicht sogar noch alle über alles reden. Über die Liebe und die Sehnsucht, und wie sie den Blick verschleiern auf diese schönen Menschen, neben denen die alten weißen Männer dahinleben.“

Das klingt doch recht apart!

18. April 2024

Ich war gerade auf einen Sprung bei meinem geliebten Holländer, hinten beim Olympiastadion, in der Trakehner Allee. Er hat mich noch nie enttäuscht. So hat er mich auch heute mit den allerherrlichsten Blumen empfangen. Ich bin dann mit den reizendsten Gewächsen von ihm gegangen: Anatolische Nelke (Dianthus Anatolicus, sieht aus wie ein Mooskissen), einem großen, stolzen Ehrenpreis (Veronica gentianoides ‚Tissington White‘), einem dicken, großen Busch Salbei (Salvia Officinalis), Silberkraut (Cerastium tomentosum), Waldmeister (Galium odoratum) und imposant hochgewachsener Wolfsmilch (Euphorbia characias ‚Silver Swan‘). Sind alle winterhart. Bin ganz verliebt…!

17. April 2024

Adieu, Jüdischer Friedhof Weißensee. Sechsundvierzig Einträge, aber nicht zu jeder der zweihundertdreißig Aufnahmen. Ich schließe mein Album und sage Shalom. (Shalom heißt: Frieden.)

17. April 2024

Damen-WC, Friedhof Weißensee. Nach 3½ Std. Spazierengehen, Gräber sehen, musst ich mal für kleine Mädchen gehen, um die Heimreise zu überstehen! Händewaschen: immer gern geschehen.

17. April 2024

Wenn man einen jüdischen Friedhof verlässt, an der Schwelle zu den Lebenden, ist es geboten, die Hände zu waschen. Ich wusste das nicht. Erst viele Jahre nach meinem Besuch, beim Betrachten der Bilder, gab mir das kleine Außenwaschbecken mit dem Krug in der Mitte (in der Nähe der WCs, die reguläre Handwaschbecken haben), zu denken. Die rituelle Waschung der Hände heißt „Netilat Jadajim“. Wikipedia erklärt: „Um „Verunreinigung durch den Tod“ zu entfernen: Nachdem man an einer Trauerfeier teilgenommen hat, wenn man einen Friedhof betrat, oder sich bis zu vier Ellen einer Leiche genähert hat. Beim Verlassen des Friedhofs wird die Handwaschung dreimal vollzogen; es ist üblich, die Hände danach nicht abzutrocknen.“ Allerdings besuchte ich dafür die Toilette.

17. April 2024

Letzte Eindrücke vom Jüdischen Friedhof Weißensee. Er beherbergt 115.000 Grabstellen und ist damit der größte jüdische Friedhof in Europa und einen längeren Besuch wert. Für männliche Besucher gilt das Gebot der Kopfbedeckung auf dem Friedhof. Es muss aber keine Kippa sein. Wer nicht jüdischen Glaubens ist, kann einen Hut oder ein Basecap oder eine andere Mütze tragen. Kippas gibt es auch leihweise im Blumengeschäft am Eingang. Ein weiteres Gebot ist, keine Schnittblumen auf Gräbern zu hinterlassen, aber auch Blumentöpfe sind unüblich. Überall sieht man Kieselsteine, die als Gruß auf Gräbern hinterlassen werden. Sie gelten als nicht verrottbar, das ewige Leben soll gefeiert werden. Viele Artikel gibt es im Internet zu jüdischer Sepulkralkultur und zu diesem besonderen Ritual, die Erklärungen sind vielfältig.

16. April 2024

Wollen auch noch auf den letzten Metern gewürdigt werden: FLEISCHER, Hugo Stern und der wohl etwas eigenbrötlerische Berliner Secessions-Maler Leo LESSER URY. Was für ein extravaganter Name. Damit hätte er als Medium auftreten können!

15. April 2024

Happy Birthday, lieber Jan – mit einem charmanten, kleinen Filmdokument aus meiner Kamera, das Dich beim Aufbau einer Deiner vielen Ausstellungen zeigt, Mai 2013 bei Carpentier. Jan, wie er leibt und lebt – und vor allem erzählt!

14. April 2024

Ein Grabmal von archaischer Schönheit. Der grob behauene Stein, die mächtigen Pflanzschalen. Oben scheint ein bogenförmiges Element abgefallen zu sein, aber das stört gar nicht weiter. Ganz herrlich die Patina der Blumentöpfe. Habe die vergangenen Tage viel eingetopft und ein geschärftes Auge für schöne Pflanzgefäße.

14. April 2024

Aber da geht noch ein bißchen mehr, wie man bei der HOFF’schen RUHESTÄTTE bewundern kann. Ein geradezu königlicher Baldachin beschützt den ewigen Schlaf. Ganz wundervoll. Es käme mir nie in den Sinn, angesichts dieses Prunks zu denken: übertrieben, protzig, unverhältnismäßig. Ich sehe es als Geschenk.

14. April 2024

Wann hat es eigentlich in gut situierten Schichten aufgehört, die künftige eigene Grabstätte oder die von nächsten Angehörigen als Statussymbol zu sehen? Mir fällt kein einziges Beispiel ein, wo eine wohlhabende, eventuell sogar prominente verstorbene Person jüngerer Zeit ein monumentales oder sonstwie, z. B. bildhauerisch, bemerkenswertes Grab erhalten hätte, das auch für Nicht-Angehörige sehenswert, und damit einen Besuch wert wäre. Außer F.C. Gundlach – der Fotograf hatte sich bereits zu Lebzeiten eine spektakuläre Würfel-Skulptur auf dem Ohlsdorfer Friedhof in Hamburg erschaffen. Und Rudolf Mooshammer. Aber die geradezu königliche Grabstätte des aus sehr einfachen Verhältnissen stammenden Modeschöpfers Mooshammer ist ein historisches Grabmal, das er für seine verehrte Mutter und sich gekauft hatte. In der jüdischen Sepulkralkultur ist verankert, dass Gräber nicht, niemals aufgelöst werden dürfen. Sie werden tatsächlich für die Ewigkeit angelegt. Das ist in der christlichen Bestattungskultur leider anders, dort „laufen“ Gräber „ab“. Bedauerlich und auch etwas pietätlos, wie ich finde. Diese schöne Grabstätte von DR. HERRMANN – er scheint da alleine zu residieren – ist ihm also auf ewig sicher, es sei ihm gegönnt. Und ich habe sie gerne gesehen.

13. April 2024

Elektrisiert, wie vom Donner gerührt, fand ich mich vor diesem monumentalen Grabmal, wie vor einem Wächter der Unterwelt. Das mich am tiefsten beeindruckende Grab auf dem Jüdischen Friedhof Weißensee. Hier ruhen Dr. Alfred Kirstein, Pionier der Kehlkopfuntersuchung Laryngoskopie und seine Mutter Franziska.

12. April 2024

Weitere Premium-Grabmale aus meinem Sortiment. Selten gibt es neue Grabstätten, die so sehenswert sind. Ein ambitionierter Steinmetz würde das auch heute noch hinkriegen, aber wie wenige Angehörige nehmen das erforderliche Geld in die Hand, um kunstvolle Gedenkstätten zu erschaffen. Gibt es doch einmal ein besonders schönes neues Grabmal, hat es nicht selten der Verblichene selbst zu Lebzeiten beauftragt. Zuletzt war ich perplex angesichts des Grabsteins des hingebungsvollen Kunstsammlers Hans Dichand, 2010 verstorben, und der Grabstätte von Atze Brauner. Bei Beiden hätte ich etwas weniger Durchschnittliches erwartet. Völlig konventionelle Steine mit 0815-Silhouetten aus dem Katalog und ebenso konventioneller Typographie. Tat mir leid.

11. April 2024

„Quelle vie merveilleuse j’ai eue ! J’aurais seulement voulu de l’avoir realisée plus tôt.“ … „Was für ein herrliches Leben hatte ich! Ich wünschte nur, ich hätte es früher bemerkt.“ Sidonie-Gabrielle Colette

10. April 2024

Ina und ich waren gestern Abend in der Österreichischen Botschaft beim Österreichischen Kulturforum, um der Eröffnung der Ausstellung zu Ingeborg Bachmann beizuwohnen. Aufgrund der staatstragend anmutenden Anmeldevorschriften phantasierte ich einen staatstragenden Festakt mit dem Charme alter k. u. k.-Tradtition. Die Gästeliste wurde am Eingang abgehakt und dann ging es in den Raum, in dem vorab als Auftakt eine Lesung mit musikalischer Untermalung stattfand. Es musizierte die österreichische, elektroakustische Harfe Spielerin Martina Stock, die eigene Stücke vortrug, von Percussion aus der Konserve begleitet, was musikalisch durchaus beeindruckend war. So ging es los, filigran und atmosphärisch. Dann las die Schauspielerin Barbara Sotelsek, die von weitem sehr ähnlich wie Vicky Krieps ausschaute (die Bachmann-Darstellerin im Trotta-Film) Texte von Bachmann, aus ihrem Kriegstagebuch (als sie noch unter zwanzig war, Schülerin in Klagenfurt). Sie las recht gut, die Texte waren auch intensiv (mir bereits geläufig). Dann wieder Harfenmusik. Dann wurde wieder gelesen, dann wieder Harfe, dann wieder gelesen. Eine Stunde war verstrichen, ich scharrte innerlich ein wenig mit den Füßen, war ich doch vor allem neugierig auf die Ausstellung. Bachmann-Texte lesen kann ich ja recht gut selber, und hatte es weitgehend auch schon getan. Nun war nach einer guten Stunde doch der Zeitpunkt der Ausstellungseröffnung gekommen. Vom Erdgeschoss ging es nun in den dritten Stock unters Dach. Ich ging schnell noch aufs Klo. Oben angekommen, erfasste ich recht schnell, dass die als mit „noch nie gesehenen Fotografien“ angekündigte Ausstellung offenbar mit einem festen Blick auf Einhaltung eines Budgets konzipiert wurde. Es wirkte eher unaufwändig und weniger staatstragend als erwartet.

Das Publikum hatte sich nicht merklich herausgeputzt – ich war da etwas overdressed in meinem schwarzen Abendanzug mit volantreicher Rüschenbluse. Rechts vom Ausgang des Ausstellungsbereichs unterm Dach stand ein längerer Tisch mit Weißwein, Rotwein und Wasser, es wurden der aktuellen Tradition in Restaurants entsprechend, halb gefüllte Gläser gereicht. Die Ausstellung selbst hatte – und da war ich etwas perplex – keinerlei Exponate im Sinne von meinerseits erwarteten Erstausgaben von Bachmanns Erstveröffentlichungen oder handschriftlichen Originalmanuskripten oder sorgsam hinter Passepartout gerahmte Originalfotografien, oder sogar ihren Schreibtisch, der nun wieder in Klagenfurt steht – etwas derartiges hatte ich mir erhofft. Nein. Weit gefehlt. Die gesamte Ausstellung besteht ausschließlich aus ca. 20 – 25 sogenannten Roll ups. Das ist keine Leckerei aus der asiatischen Küche, sondern senkrecht gespannte Banner aus bedruckter Kunststoff-Folie, die klassisch zum Zubehör von Messen und Werbeveranstaltungen gehören. Also Werbe-Aufsteller. Auf diesen rund zwanzig Reklame-Aufstellern waren biographische Daten, Textfragmente von Bachmann und locker eingestreute Fotos, die ich durchweg kannte. Allerdings habe ich ein recht großes Privatarchiv mit Bachmann-Material, Büchern und Bildbänden. So waren mir sämtliche biographische Eckdaten bekannt, auch die Zitate waren mir nicht neu, ich scannte kurz quer und war bald durch und leider nicht beeindruckt. Das einzige, was mich länger hätte fesseln können, war eine Filmdokumentation, die auf einem winzigen Ipad auf einem Stativ in einer Ecke zu sehen war, der Ton superleise, italienische Untertitel, es war sinnlos etwas vom Inhalt zu erfassen, ohne sich direkt mit dem Kopf zum Gerät herunterzubücken, um den Ton zu hören, dann hätte man das Bild aber nicht gesehen. Den Film hatte ich bereits online gesucht, da ist er aber nicht zu finden, auch nicht bestellbar, es gibt nur kurze Ausschnitte auf youtube. Der Film auf einer Projektionswand hätte die Ausstellung für mich besuchenswerter gemacht. Vielleicht ist so eine Form der Ausstellung sinnvoll für einer neunte oder zehnte Klasse, wo die Lehrkraft der Deutschstunde auf diesem Wege bequem, Schaffen und Werk von Ingeborg Bachmann anteasern kann. Aber für Kenner der Materie ist das kein Erlebnis. Wir sind recht bald Richtung Potsdamer Platz und landeten im Restaurant Essenza, einem eher hochpreisigen Italiener mit ganz schönem Ambiente und dort haben wir es uns gut gehen lassen. Der Potsdamer Platz ist leider eher eine kulinarische Wüste, da waren wir wohl dann in jeder Hinsicht an der ersten Adresse, nämlich „Potsdamer Platz 1“.

09. April 2924

Morgendliche Sternstunde, gerade am Bahnhof Zoo: es geht nur im Schneckentempo die S-Bahntreppe runter. Grund: uniformierte Personen. Eine Schulklasse halbwüchsiger Engländerinnen in Schuluniform tapst aufgeregt die Treppe hinunter und muss sich dabei ganz, ganz viel austauschen. Die süßen Schnatterliesen gucken in alle Himmelsrichtungen, es gibt viel zu besprechen beim großen Klassenausflug. Alter Anfang Pubertät, schätzungsweise zwölf bis vierzehn. Sie haben an: graues, glockiges Mini-Faltenröckchen, weißes, gestärktes Hemdblüschen, marineblauen, taillierten Blazer mit gesticktem Wappen auf der Brusttasche. Strümpfe und Schuhe konnte ich leider nicht sehen, aber ich denke mir dazu adrette Kniestrümpfe und flache Slipper. Ich bin entzückt!

07. April 2024

HENRIETTE PITSCHPATSCH (186?-1931) geb. BIOW und LOUIS PAPPENHEIM (1818-1875), Autor des zweibändigen Werkes „Handbuch der Sanitäts-Polizei. Nach eigenen Untersuchungen.“ sowie „Die bleiernen Utensilien für das Hausgebrauchswasser : Chemische Untersuchungen.“, erschienen 1868, Verlag Hirschwald

07. April 2024

Habe bei google books das Libretto in altdeutscher Schrift von „Meine Tante – Deine Tante!“ von Eduard Jacobson aus dem Jahre 1858 gefunden. Das Stück geht scheinbar gleich mit einem flotten Lied los, welches mich vom Text her stark anspricht. Die Melodie kann ich leider nicht rekonstruieren.

„Freundlich möblirtes Zimmer. Im Vordergrunde rechts ein Fenster mit einer Gardine daneben ein kleiner Arbeitstisch, worauf Schreibzeug. Links ein Leder-Divan, vor demselben ein Stick- rahmen über demselben ein Spiegel. Neben dem Divan, rechts, ein cylinderförmiger Hut-Carton. Portraits, Stühle etc. Mittelthür links Seitenthür. Rechts und Links vom Zuschauer aus.

  1. Scene.
    Sie (in Kleidung und Haltung einer 40 – 50-jährigen Matrone, eine große Brille auf der Nase, sitzt am Arbeitstische rechts und strickt. Sprache und Gesang etwas näselnd).

Entrée-Lied No 1.

Das Alter ist ’ne schwere Last,
‚Ne grenzenlose Pein,
Entblößt von allen Freuden fast,
Steht da man, ganz allein.
Einst war ich freilich jung und schön,
Und angebetet sehr,
Es war ’ne Lust mich anzuseh’n,
Doch, das ist lange her
Ach ach

Das ist schon lange her.
Zwölf Leutenants duellirten sich,
Ein Schneider schoß sich todt,
Geheimraths strangulirten sich,
vor lauter Liebesnoth.

(Sie steht auf.)

Ein Königreich, mir Mancher schwur,
Gäb‘ für ’nen Kuß er her,
Sein Leben für ’ne Locke nur,
Doch, das ist lange her,
Ach
ach
Das ist schon lange her.

(Spricht näselnd.) Ja ich habe den Männern einmal viel zu schaffen gemacht (…)“

Hat Charme!

07. April 2024

Bei (S)ALOMON ABRAHAM RATHENA(U) fehlen zwei Buchstaben. EDUARD JACOBSOHN bleibt ein Mysterium. Ich dachte zunächst, es handele sich hier um die Grabstätte von EDUARD JACOBSON (1833 – 1897). Letzterer war zu seiner Zeit ein sehr erfolgreicher Dramatiker. Hätte sein können, dass er das H aus seinem Namen gestrichen hat, weil Jacobson eleganter klingt. Ich nahm an, der große Federkiel am Grabstein sei eine Anspielung auf seine schreibende Zunft. Aber das Geburts- und Sterbedatum auf dem Stein ist ein völlig anderes als im Wikipedia-Eintrag. Der Dramatiker und Stückeschreiber Eduard Jacobson war der Sohn eines Rabbiners und starb in Berlin. Vielleicht liegt er ja doch auf dem Friedhof in Weißensee, in einer anderen Ecke.

Jedenfalls ein interessanter Mann. Seine musikalischen Possen gehörten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu den meistgespielten Stücken, wie ich gerade lese, und wurden auf allen deutschen Bühnen gespielt. Sie haben lustige Titel wie zum Beispiel „Meine Tante – deine Tante!“, „Bei Wasser und Brot“, „Lady Beefsteak“, „Lehmanns Jugendliebe“, „Backfische, oder: ein Mädchen-Pensionat“, „Seine bessere Hälfte“, „Narziß im Frack“, „Kammerkätzchen“, „Die schöne Sünderin“, „Je toller, je besser!“, “ „Was den Frauen gefällt“, „Der Nachbar zur Linken“, „Die Salontirolerin“, „Das schöne Geschlecht“. Nie davon gehört. Ein gewisser Gustav Michaelis hat zu den meisten Stücken die Musik komponiert. Man wird direkt neugierig und hätte Lust ins Theater zu gehen! Ein echter Fundus. Danke an den „inniggeliebten Mann, unseren treusorgenden, unvergesslichen Vater“ Eduard Jacobsohn mit H, für diese Entdeckung, neun Jahre nach meinem Ausflug. Ich habe diese Fotostrecke übrigens noch nie gezeigt, erst Freitag hochgeladen. Ich kam nie dazu, mich erschlug auch das Konvolut von vierhundert Bildern, nun reduziert auf zweihundertdreißig.

06. April 2024

»I love men. I think, men are the coolest. But you don’t really need them to live. My mom said to me „You know sweetheart, one day you should settle down and marry a rich man.“ I said, „Mom, I am a rich man.“« Cher

06. April 2024

»Hier ruht in Gott unsere einzige innigst geliebte Tochter V A L L Y C O H N geb. auf Groß Raake am 19. März 1875, gest. zu Berlin am 31. Dezember 1896. Auf das Tiefste betrauert von ihren Eltern, Verwandten und Freundinnen! Güte, Liebenswürdigkeit und Bescheidenheit waren der Grundzug ihres Characters.«

06. April 2024

Heimatkunde. Was haben die Gründerväter von Kempinski und KadeWe gemeinsam, außer dass sie weit über Berlin hinaus bekannte Ikonen erschaffen haben, die über zwei Weltkriege hinweg bis heute existieren und für Berliner zum Nationalstolz gehören? Beide fanden ihre letzte Ruhe in nahezu nebeneinander liegenden Ehrengräbern im Abschnitt T2 auf dem Jüdischen Friedhof Weißensee. Berthold Kempinski (1843 – 1914) und Adolf Jandorf (1870 – 1932).

06. April 2024

Am Sonntag, 31. Mai 2015 hielt ich fest: „Heute war ich endlich da. Ich war nach einer halben Stunde schon völlig absorbiert und satt und beinah nicht mehr aufnahmefähig vor lauter Schönheit und es hört nicht auf… nach drei Stunden und zwanzig Minuten war meine Aufnahmefähigkeit absolut erschöpft – – – man könnte wohl ein ganzes Jahr jede Woche dorthin fahren und hätte immer noch nicht alle Gräber gesehen. Immer an der Mauer bin ich entlang, da wo auch die Sonne hinkommt, vielleicht sind da auch mit die schönsten und erhabensten Monumente. Aber auch im schattigen Bauch sind Schätze – da war ich nur sehr am Rande…. an der Mauer entlang, links rum, gegen den Uhrzeigersinn, links von dem Mosse-Mausoleum ist eines von zwei Grabmälern mit einer wundervollen Kuppel mit kreisrunden Aussparungen, so eines hätte ich auch gerne… die schönsten Gräber von ganz Berlin sind da, was für ein heiliger Ort. Danach war ich noch ein bißchen am Weißensee, wo die Mohnblumen in voller Blüte stehen.“

04. April 2024

Heute früh, nach dem allerersten „Mascara Cocktailing“. Nun hatte ich nur eine Sorte Wimperntusche vorrätig, habe aber die Trockenphase eingehalten, bevor ich zum zweiten Mal getuscht habe. Eigentlich sehe ich nur einen Unterschied, wenn ich ganz nah mit dem Vergrößerungsspiegel rangehe. Ich benutze keine Wimpernzange, weil ich nach oben gebogene Wimpern albern finde. Hatte mal eine Weile eine und fand das Hantieren am Auge unangenehm und das Ergebnis gekünstelt. Meine Wimpern sind unspektakulär, aber passen einfach zum Rest, schätze ich. Das mit dem Cocktailing wird wohl keine Routine von mir. Aufwand und Effekt stehen in keinem Verhältnis. Außerdem: wenn jemand mich jemals so scharf und nah angucken würde, dass er denkt: „Starke Wimpern!“ sieht er ja auch den Rest vom Gesicht porentief und HD-mäßig wie durch die Vergrößerungslupe. Kein Bedarf! Mein Traummann sollte eine kleine Sehschwäche haben, dergestalt, dass er mich ohne Brille aus nächster Nähe stark weichgezeichnet sieht. Wie auf einem David Hamilton-Foto aus den Siebzigern!

03. April 2024

Beauty Hack aus der S-Bahn. Da ich keinen Beauty-Youtuberinnen und -Influencerinnen folge, kenne ich neue Trends nicht automatisch. Es ist immer von Zufällen abhängig und von meinen Beobachtungen im Alltag und im Straßenbild, dass ich etwas Neues mitkriege. Aber vielleicht ist das auch gar nicht neu, sondern ein alter Hut, womit ich heute um die Ecke komme (recht wahrscheinlich sogar.) Und zwar hat sich neulich in der S-Bahn eine junge Frau geschminkt. Das durfte ich schon manches mal beobachten, aber bislang waren es mir geläufige Handgriffe. Diesmal aber hat eine brünette, ca. Dreiundzwanzigjährige eine überraschende Vorgehensweise angewandt. Sie hat sich hauptsächlich die Wimpern getuscht, ausgiebig und routiniert. Dann hat sie das Mascara-Fläschchen wieder zugeschraubt und sich ihrem Smartphone gewidmet. Nach ungefähr fünf Minuten hat sie es wieder rausgeholt und noch mal ausgiebig getuscht, als hätte sie noch keine Wimperntusche drauf. Ich könnte nicht beschwören, dass es dasselbe Fläschchen war. Meine Recherchen haben nun ergeben, dass es ein (vermutlich alter) Profi-Hack ist, zweimal zu tuschen und nach dem ersten Auftragen die Tusche durchtrocknen zu lassen. Der letzte Trend ist sogenanntes „Mascara Cocktailing“. Da werden bis zu drei Schichten in zeitlichen Abständen mit verschiedenen Wimperntuschen aufgetragen. Die verschiedenen Produkte können dann verschiedene Sachen. Aber mehr als drei Schichten soll man auch nicht machen, weil man dann ein klumpiges Netz fabriziert. So ähnlich wie die gute Hildegard Knef seinerzeit mit ihren doppelt geschichteten Fliegenbeinen-Wimpern.

01. April 2024

„Verlassenschaft“ = österreichisch für Erbschaft, Nachlass. Es klingt so dreidimensional und anschaulich, dass es mir Gänsehaut macht. Ich bin darüber gestolpert, als ich über die Verteilung des Erbes von Dichand im mehrjährigen „Verlassenschaftsverfahren“ las. Klimts Danaë gehörte auch zu H. Dichands Verlassenschaft.

01. April 2024

„KALEIDOSKOP VIII. Danaë’s Secret“. Laserausdruck von Klimts Danaë, Kalenderblatt Palazzo Pisani Moretta XIII., Fragmente von mit Nagelschere beschnittenen, ausgedruckten Eintrittstickets von Lydia und mir für Podcast-Aufzeichnung „Auf Leben und Tod“ über Abschied und Trennungsschmerz mit Eric Wrede und Michael Nast in der Urania Berlin, Etikett Brandy de Jerez Solera Gran Reserva, Wein-Etikett Blanc de Blancs Felsengartenkellerei Besigheim, Schokoladenverpackung Original Beans Femmes de Virunga, Sawade-Pralinenschachtel-Kärtchen, goldene Schokoladenverpackungsschachtelschnipsel Lindt, Kordel, Messing-Handtaschenverschluss, Streifen-Papierserviette, Satinbändchen, Laserdruck Bild Kuru Ala, Barberini-Friend-Jahreskarte, Kleber, Acryl, Anlegemilch, Blattgold, Rahmenrückwand, Rahmen Venezia, 40 x 90 cm, 17., 23., 24., 25., 27., 28., 29. und 31. März 2024, Staatliche Museen von Gaganien

Jetzt erhelle ich, weshalb ich dem Bild den Titel „Danaë’s Secret“ gegeben habe. Im Zentrum steht ein kleiner Ausdruck von Klimts Bild Danaë aus dem Jahr 1907, das ich als das mir liebste von ihm bezeichnen möchte. Ich habe mich oft danach gesehnt, es einmal zu sehen, das echte Bild. Es befindet sich jedoch seit vielen Jahrzehnten in der privaten Kunstsammlung der Nachfahren des Wiener Journalisten, Verlegers, Kunstsammlers und Galeristen Hans Dichand und wird auch niemals auch nur leihweise zu Ausstellungszwecken herausgegeben. Auf Wikipedia steht hierzu:

„Die Sammlung ist auf die verschiedenen Wohnsitze der Familie und teilweise auch auf Zollfreilager in der Schweiz verteilt. (…) Der Wert der Sammlung wird auf mehrere Hundert Millionen Euro geschätzt. Es gibt keinen Katalog und keine der Öffentlichkeit zugängliche Liste der Kunstwerke im Dichand’schen Besitz. In einer für 2003 in der damaligen Kulturhauptstadt Graz geplanten Ausstellung sollten wesentliche Teile der Sammlung gezeigt werden. Das Projekt scheiterte am Denkmalschutzgesetz, nach dem maßgebliche Werke der österreichischen Kunstgeschichte mit einem Ausfuhrverbot belegt werden können. Dies hätte den möglichen Verkaufswert gemindert. Daher verblieben die Werke im Ausland bzw. in der Anonymität.“ Es ist ein Geheimnis, wo es hängt. In irgendeiner Villa, vielleicht in einem prachtvollen Salon, das wünsche ich Danaë zumindest. Aber vielleicht – und das wäre ganz schlimm – ist sie in einem gesicherten Depot verwahrt, wo sie niemand sieht. Das kann ich mir aber nicht denken, das mag ich nicht denken. Es wäre so ein Frevel. So habe ich ihr einen möglichst schönen Salon erschaffen, wo sie in meiner hoffnungsvollen Phantasie in ihrem Glanz erstrahlt, meine Danaë.

P.S. ich glaube nun zu wissen, wo sich Danaë befindet, nämlich in der Villa der Familie im Wiener Bezirk Döbling. Ein sehr großer, moderner Komplex eines Wiener Stararchitekten, der eigens für die Kunstsammlung konzipiert wurde. Dass sie in Österreich ist, habe ich aus einem Artikel vom Wiener Standard. Konnte die Hausnummer ausmachen und Bilder von außen sehen. Da ist sie auf jeden Fall in Sicherheit. Vor vielen Jahren wurde sie sogar ans untere Belvedere für eine Sonderausstellung ausgeliehen. Vielleicht geschieht das zu meinen Lebzeiten doch noch einmal.

28. März 2024

Ich präsentiere Schlaghose 1 von 3. Das ausgestellte Bein lässt sich kess öffnen. Allerdings muss ich darunter Kniestrümpfe tragen, weil die Metallteile von den Druckknöpfen die Prinzessin auf der Erbse stören. Jetzt noch drei bis fünf Kilo weniger und ich bin im Recall! Also bei mir selber. Bei Heidi mach ich nicht mit, das ist mir zu stressig. Ich kann auch ganz schlecht nach Anleitung gucken. Jan weiß das. Deswegen hat er irgendwann aufgehört, mich in den Fokus zu nehmen. Gibt ja auch so genug Bilder von mir. Gucke gerade nebenher GNTM und finde die Entscheidung heute richtig. Die Rothaarige kam einfach nicht über die Rampe, das war zu lahm. Bei den Jungs sind schon tolle Gesichter dabei. Bin von einigen Fan. Von den gelbblonden Zwillingen allerdings gar nicht, mir zu hausbacken, zu mittelmäßig, zu brav, wenn auch liebenswert. Aber darum gehts ja nun mal nicht. Es geht um Attitude, Ausstrahlung und cool, hot oder expensive rüberkommen.

26. März 2024

Ich bin schon Typ Schlaghose, oder? Historisch, traditionell, generationsbedingt. Ich war die erste Kinder-Generation, die Schlaghosen als must have getragen hat. So um 1974 gab es gar keine anderen Hosen mehr. Die erste Renaissance habe ich nicht so richtig mitgemacht, die war in den Neunzigern, zu Zeiten der Love Parade. Seit einiger Zeit sind sie wieder da. Im Frühjahr 2024 must have! Einmal kann ich das doch noch mitmachen, oder? Mit meiner Siebziger-Expertise bin ich doch legitimiert?!? Schon oder?

26. März 2024

Ich bin zu fett! Gerade die drei Schlaghosen angezogen, die ich mir bestellt habe. Ich passe rein, krieg sie zu, sind so Hüfthosen mit ordentlich Schlag ab Knie runter. Aber der Hüftspeck und die nicht optimale Taille begeistern mich nicht. Ich will nicht immer nur weite Oberteile dazu anziehen. Das ist natürlich nur mein ganz persönlicher Geschmack, jeder darf so dick sein, wie er oder sie will. Aber wie ich mich finde, bestimme ich! So drahtig-athletisch wirkt dynamischer und natürlich auch nicht so oll und träge. Von daher! Die eine Hose, eine Jeans, hat einen besonders schönen weiten Schlag, gefällt mir gut. Ich möchte der Hose keine Schande machen! Modische Eitelkeit ist mein zweiter Vorname.

26. März 2024

Habe gerade gelernt, warum die Hosen der Zunftkleidung von Zimmerleuten Schlaghosen sind: die weiten, langen Hosenbeine sollen verhindern, dass Säge- oder Hobelspäne in die Schuhe gelangt!

25. März 2024

18.42 Uhr. Ich kam heim, hängte die Jacke in den Schrank und begriff, dass es noch hell war. Schaute durch das Schlafzimmerfenster auf das zarte Grün. Ein durchscheinender Vorhang, filigran. Noch kann ich für ein Weilchen die Kuppel sehen.

24. März 2024

DANAE’S SECRET. In Arbeit. Warum es so heißt, erhelle ich bald. Muss noch manche Stunde daran werkeln. Dass es gerahmt ist, heißt nicht, dass es fertig ist. Der Rahmen ist ein Teil des Bildes; er gibt den Raum vor. Den geheimen Ort von Danae… – ihr Versteck.

23. März 2024

Jenny hat gut lachen, sie hat kein Hitlerbärtchen! Fabian wusste gar nicht wovon ich rede, als ich beim Selfiemachen gesehen habe, dass über mir das Licht so blöd fällt, dass ich ein Hitlerbärtchen habe. Deswegen nur ein Foto mit mir. Nie direkt unter einer Lampe über einem Fotos machen, nie, nie, nie…!!!

23. März 2024

Ein paar Eindrücke von der gestern mit Jenny und Fabian in der Wabe gesehenen Performance „Nachtschatten“ von Enno Kraus. Ich mochte die expressionistisch anmutende visuelle Darbietung. Er singt und erzählt, begleitet von einer sehr guten Pianistin, bekannte Chansons und eigene Werke. Wir drei hatten teilweise verschiedene Eindrücke und Empfindungen, wie das nun war. Darüber haben wir uns noch eben ausgetauscht. Aber dieser Samurai-Kimono und die Mephisto-hafte Erscheinung mit den großen Gesten war schon eindrucksvoll. Bei einem (mutmaßlich) selbst komponierten Chanson habe ich mich sehr amüsiert. Es ging sinngemäß darum, dass bei einer amourösen Begegnung der Eine darum bittet, er möge doch bitte von Liebesgefühlen verschont bleiben, da es hier nicht um Liebe sondern – nun ja – ginge. „Verschone mich mit Deinem Lebenslauf!“ Er wolle auch nicht wissen, ob das Objekt des nächtlichen Begehrens Geschwister, Neffen und Hobbies habe und welche Städte schon im Urlaub bereist wurden. Da habe ich mich tatsächlich richtig gut unterhalten gefühlt. Jenny hat sich ein bißchen durchgängiger amüsiert, ich neide ihr ein klein wenig ihre fast kindliche Begeisterungsfähigkeit. Meine ich ganz ernst. Ich bin schon auch begeisterungsfähig, habe aber wohl immer einen recht aktiven inneren Kulturkritiker am Start, der Vergleiche mit Nonplusultra-Performances anstellt. Finde ich eigentlich gar nicht nötig. Man kann auch mal einen schönen Abend ohne Superduperstar haben.

22. März 2024

Ich gehe zu 99,97 Prozent davon aus, dass außer mir NIEMAND von Euch hier GNTM schaut, aber falls doch, hätte ich einen schönen Tipp für unterhaltsames Insider-Material. Für mich ist das Format übrigens kein „Guilty Pleasure“. Bin mir beim Zusehen keinerlei Schuld bewusst! 🙂

21. März 2024

Bachmann-Frisch reloaded. Es folgt ein Eintrag (ohne Anspruch auf der Weisheit letzten Schluss), den ich seit Jahresende im Entwurfsordner habe. Der einzige. Ich „entwerfe“ sonst nie meine Einträge. Alles wird impulsiv verfasst und unverzüglich gepostet, auch nie darüber geschlafen. Jetzt sind mir Bachmann und Frisch nicht mehr so ganz präsent wie zum Jahresende, als ich das gesamte Konvolut von Veröffentlichungen und Biographischem und Sekundärliteratur ausgelotet hatte. Dass ich diesen „Entwurf“ noch nicht gepostet habe, liegt daran, dass ich meinte, ich müsste all das Gelesene noch besser sacken lassen, um eben gerade nicht zu impulsiv und damit eventuell unangemessen zu urteilen. Sowieso steht mir oder sonstwem kein Urteil über den wahren Kern der Bachmann-Frisch-Beziehung und deren Scheitern zu, aber da die Zwei ein spezielles Charisma in der literarischen Welt haben, gerade als Paar, wollte ich dann doch zuteil werden lassen, was ich an teils völlig anderen Wahrnehmungen habe. Genug Vorrede, hier kommt also der schon etwas ältere Eintrag, der der Schlussakkord zu meiner Beschäftigung mit dem Bachmann-Frisch-Komplex sein sollte, wollte – ist.

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Manchmal beobachte ich an mir eine mich selbst verblüffende Gründlichkeit, eine Veranlagung, mich in ein Thema zu bohren, es bis zum tiefsten Abgrund auszuloten, die ich in dem Ausmaß kaum bei anderen wahrnehme. Als sei eine nur halbherzige, oberflächlichere Beschäftigung rückwirkend Zeitvergeudung. Ich will immer zu des Pudels Kern kommen, vorher höre ich nicht auf. Das ist eine exzellente Veranlagung für Detektive und Kriminalkommissare. Nun handelt es sich bei meinen letzteren Forschungen, genau genommen der letzten acht Wochen, nicht um einen Kriminalfall. Es geht um kein Verbrechen und um keinen Mord. Wenn das – und nun komme ich zum Thema – Ingeborg Bachmann auch anders gesehen haben mag. Sie schrieb als Fazit in ihrem zwei Jahre vor ihrem (Unfall-/Entzugserscheinungs-)Tod erschienenen, bewusst kryptisch angelegten Roman „Malina„: „Es war Mord!“ Metaphorisch gemeint, bezogen auf ihr Seelenheil. Aber nicht Malina ist Schwerpunkt meines heutigen Forschungsberichts, sondern der legendäre Gantenbein von Max Frisch. Und zwar in der komplexen Betrachtung mit dem nun verfügbaren, parallel entstandenen Briefwechsel Bachmann-Frisch.

Im Mittelpunkt meiner tief bohrenden, analytischen Recherchen: die „Schuldfrage“, die Schuld-„Verteilung“ beim Fall Scheitern der Beziehung Bachmann-Frisch und der im Nachgang fortschreitend desaströsen Verfassung von Ingeborg Bachmann. Ergebnis meiner bisherigen Forschungen: es ist – surprise surprise – nicht schwarz und weiß.

Der im Oktober in die Kinos gekommene Bachmann-Film von Margarete von Trotta hatte mich angestachelt, die im Film vermittelte, unterkomplexe Darstellung von Max Frisch nicht unhinterfragt auf sich beruhen zu lassen. Umso mehr, als ich in die Filmvorführungen begleitenden Interviews befremdet zur Kenntnis nahm, dass Trotta sich die von ihr gewählte Darstellungsweise der von ihr vermuteten Beziehungsnatur nicht von der anschließenden Lektüre des Briefwechsels konterkarieren lassen wollte. Sie hätte vor und während der Dreharbeiten gerne Einsicht in den Briefwechsel genommen, dieser wurde ihr leider von Suhrkamp verwehrt. Beleidigt beharrt sie nun darauf, nun auch nicht mehr lesen zu wollen. Wobei ich ihr das nicht ganz abnehme. Ich denke, sie meint, sie könne ihren Film so besser und unbeschadeter vertreten. Ich finde es kindisch und einer angemessenen, differenzierten Beurteilung nicht förderlich.

„Mein Name sei Gantenbein“, erschien erstmalig 1964 bei Suhrkamp, in edles dunkelgraues Leinen gebunden und mit dem hier abgebildeten Schutzumschlag versehen. Da in der Bachmann-Frisch-Forschung bereits vor der Veröffentlichung (im November 2022) des privaten Briefwechsels zwischen Bachmann und Frisch Einigkeit herrschte, dass die durch das Buch mäandernden weiblichen Figuren durchweg Bachmann portraitieren, vorneweg die zentrale Figur der Lila, war mir daran gelegen, das Buch diesbezüglich auszuloten. Ich las es unmittelbar, nachdem ich den Briefwechsel Bachmann-Frisch beendet hatte. Wohlan.

Wikipedia weiß: „Frischs Arbeit an Mein Name sei Gantenbein reichte zurück bis ins Jahr 1960. In diesem Jahr veröffentlichte er in der Weltwoche den Text Unsere Gier nach Geschichten, der zu einem programmatischen Entwurf für den Roman wurde. Unter anderem schrieb Frisch: „Man kann die Wahrheit nicht erzählen. […] Alle Geschichten sind erfunden, Spiele der Einbildung, Entwürfe der Erfahrung, Bilder, wahr nur als Bilder. Jeder Mensch, nicht nur der Dichter, erfindet seine Geschichten – nur daß er sie, im Gegensatz zum Dichter, für sein Leben hält – anders bekommen wir unsere Erlebnismuster, unsere Ich-Erfahrung nicht zu Gesicht.“ Frisch schrieb drei Jahre am Roman. Eine erste Fassung, die er im Mai 1963 beendete, trug den Namen „Lila oder Ich bin blind“. Es folgten noch weitere Überarbeitungen, unter anderem strich Frisch einen Teil mit dem Titel Oper ohne Sänger, eine Reihe opernhafte Szenen um die Hermes-Gestalt. Der fertiggestellte Roman wurde im Herbst 1964 beim Suhrkamp Verlag veröffentlicht.“

Was Wikipedia offenbar aber nicht weiß: Ingeborg Bachmann war nicht nur als Inspiration der weiblichen Figuren in die Entstehung des Romans verstrickt, sondern hat von Anbeginn den Fortschritt beratend begleitet, lektorierendes Feedback gegeben und später, als sie sich an einigen Stellen zu offensichtlich identifizierbar empfand, Änderungen von Einzelheiten bei Frisch erbeten, auf die er ausnahmslos eingegangen ist. Beispiel: Bachmann fand, dass Lila auf gar keinen Fall „Bloody Mary“ trinken und Schach spielen durfte, da „Bloody Mary“ noch Anfang der Sechziger als ungewöhnliches Getränk einer Dame galt, nur Männer tranken „Bloody Mary“ – UND: Ingeborg Bachmann, es galt sogar im Freundeskreis als das von ihr präferierte Getränk. Mit dem Schachspielen verhielt es sich wohl ähnlich. Sie ermunterte, belobigte und würdigte das Werk explizit und beständig, bis zu den letzten Druckfahnen. All das ist im Briefwechsel Bachmann-Frisch dokumentiert. Leider hat sich noch niemand bei Wikipedia die Zeit genommen, im Gantenbein-Artikel darauf einzugehen.

Um ein konkretes Beispiel meines gründlichen Forschungsansatzes zu geben, erhelle ich den Erwerb meines Gantenbein-Exemplars. Es ist ein Zwilling der hier abgebildeten Ausgabe. Auf den Fotos sehen wir den Gantenbein aus Ingeborg Bachmanns persönlicher Bibliothek. Selbstverständlich hatte sie die in Leinen gebundene Erstausgabe. In diesem Artikel vom österreichischen Standard ist Bachmanns Exemplar abgebildet. Des weiteren ein Blatt mit von Bachmann notierten Seitenzahlen, die sich darauf bezogen, wo sie gemeinsame Erlebnisse mit Frisch erkannte. So war mein vornehmstes Ziel, ebenfalls die Erstausgabe von 1964 von Suhrkamp zu erstehen. Es entzieht sich meiner Kenntnis, in wie vielen deutschsprachigen Ausgaben und Editionen Gantenbein bis heute veröffentlich wurde. Es sind viele. Sehr viele. Aber nur eine, diese erste von Suhrkamp in Leinen gebundene, hat die entsprechenden Seiten-Nummerierungen und Umbrüche, um die von Bachmann notierten Seitenzahlen zuordnen zu können. Schon die zweite Ausgabe von Suhrkamp, wenige Jahre später, ich glaube 1968 erschienen, hatte eine abweichende Seitenzahl und entsprechend andere Seitenumbrüche. Bei Amazon gab es eine Leinen-gebundende Ausgabe von Suhrkamp, ohne Foto, ich bestellte. Es kam ein völlig anderes Exemplar, nicht einmal eine Suhrkamp-Edition, sondern von einem anderen Verlag. Der Händler hatte es nicht so genau genommen, das Buch ging zurück. Ein weiterer Händler avisierte ebenfalls eine Leinen-gebundende Suhrkamp-Ausgabe aus den Sechziger Jahren, ich war wieder interessiert, legte sie ins Einkaufskörbchen. Wenig später fiel mir die abweichende Seitenzahl auf. Das angebotene Leinenexemplar wurde mit unter 400 Seiten ausgewiesen, etwa 368, aber bei dem fotografierten Bachmann-Exemplar ist das Buch bei Seite 468/469 aufgeschlagen. Das konnte es also auch nicht sein. Ich stornierte die Bestellung und suchte weiter. Ein seriös wirkender Händler bei ZVAB hatte ein Exemplar im Angebot, das etwas teurer war und bei dem alle erforderlichen Eckdaten stimmten, auch eine Seitenzahl über 400 Seiten. Lieber die identische Erstausgabe für 18 Euro (was auch noch sehr günstig ist, für so ein Schätzchen), als eine unpassende Edition für fünf Euro. Ich bestellte zuversichtlich und voilà…! Es war der Zwilling von Bachmanns Ausgabe. Ich war begeistert! ich hatte die einzige aktuell online zum Kauf angebotene Erstausgabe von 1964 geschossen. Nun konnte ich loslegen.

(Es folgen einige Zitate aus dem Buch, die mir offenbar zum Jahresende speziell lesenswert erschienen)

Max Frisch, „Mein Name sei Gantenbein“, Suhrkamp, 1964, Erstauflage, Leinen.

S. 131, 132
Ich stelle mir vor:
Manchmal haben wir Gesellschaft, und das ist schwieriger – weil die andern beobachten – beispielsweise wenn Lila nicht sieht, daß die Aschenbecher endlich geleert werden müssen, daß zum schwarzen Kaffee leider der Zucker fehlt, daß unser Hund (ich denke, wir haben einen Hund) mit seinem Schnarchen unter dem Tisch nichts beiträgt zu der Frage, ob Ernst Jünger eine Wandlung durchgemacht habe, dann muß ich aufpassen, daß ich mich nicht verrate, nicht einfach aufstehe, um endlich die übervollen Aschenbecher zu leeren. Jemand wechselt auf Joyce. Ich streichle also den schnarchenden Hund (Dackel oder Dogge?) und sehe, wie unsere Gäste nach Zucker schielen, meinerseits schweigsam, dank meiner Blindenbrille erlöst von der Heuchelei, daß auch ich Finnegans Wake gelesen habe. Wann werden die Aschenbecher geleert? Jemand wechselt auf Benn, was mich nicht verwundert; Kafka ist schon an der Reihe gewesen. Lila mit ihren blauen offenen schönen großen blauen Augen! Sie sieht nicht, daß der unerbittliche Herr, der jetzt in jedem Gespräch mit dem großen Vorbild von Brecht aufkreuzt, das gleiche Gesicht trägt wie ein Herr, der bis zuletzt in der Reichsschrifttumskammer gewesen ist, und natürlich tue ich, als sehe ich es auch nicht. Derlei ist mühsam. Gelegentlich erhebe ich mich und leere die Aschenbecher… Meine Angst, ich könnte mich durch solche Handreichungen verraten, ein Blinder, der sieht, daß die Aschenbecher geleert sein wollen, bezieht sich nicht auf Lila; Lila ist schon so daran gewöhnt; nur die Gäste, die mich noch nicht kennen, sind eine gewisse Gefahr für mich, und in der Küche, als ich die Aschenbecher leere, klopft mir das Herz. Ich höre von draußen: »Sagen Sie, Lila, ist er wirklich blind?«

S. ???

Lila schweigt; sie schläft, wahrscheinlich hat sie gestern wieder ihr Rauschgift genommen, die Unglückliche, und da sie überzeugt ist, daß Gantenbein ihre Drogen nicht sieht, kann sie sich die Folgen selbst nicht erklären. Bist du beim Arzt gewesen? frage ich.

(…)

S. 296, 297
(…) im Stehen, nur so, im Schlottern und ohne auch nur die Zimmertüre zu schließen, so, als wäre keine Absicht dabei, nur so gestattet er sich das unstatthafte Schnüffeln in Briefen, die so unleserlich sind vor Leidenschaft, wenn auch nichtssagend, so zärtlich, daß er sie nicht als seine eignen erkennt. Ein einziger Brief steckt noch in seinem Kuvert, ein einziger in der ganzen Schublade; aber das ist, wie sich zeigt, ein Brief von ihrem ersten Mann, Dein alter Svob, eigentlich ein schöner Brief, sachlich. Der trägt auch sein Datum. Es ist der einzige Brief, den Philemon jetzt auf der Sessellehne hockend, gänzlich zu lesen vermag, bestürzt und beruhigt zugleich. Die Zärtlichkeit, die nicht sich selbst zum Thema nimmt, die nur enthalten ist in der Art, wie über eine Sache geschrieben wird, wie der Schreiber wirklichen Bezug nimmt auf die Empfängerin und weiter nichts, ich finde auch, solche Zärtlichkeit konserviert sich besser als diese Ekstase-Depeschen: bald stop übermorgenabend stop bald stop nur noch zwei tage stop bald bald. Nun ja. Warum will Philemon, wenn er schon schnüffelt, nicht das Datum der Depesche sehen? Er hat keine Ruhe, er durstet nach einer Ungeheuerlichkeit, aber was er findet: Deine Stimme, Deine Stimme gestern am Telefon, Deine ferne Stimme, aber Deine Stimme, plötzlich Deine Stimme, das ist einfach langweilig, finde ich, Lebenskitsch, aber sowie in diesen Briefen sich eine wirkliche Persönlichkeit meldet, nicht bloß ein Männchen, das balzt mit Kugelschreiber oder Schreibmaschine, eine Persönlichkeit, die ihn an Intelligenz übertrifft mindestens in seinem betrunkenen Zustand, nein, liest er nicht…

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Damit endete der „Entwurf“ des Eintrags und ich frage mich nun, gut drei Monate später, selbst – nicht ganz souverän – was nun mein Fazit ist. Nach all der mir zugänglichen Lektüre kam ich zum Schluss, dass Ingeborg Bachmann ein widersprüchliches Beziehungsverhalten an den Tag legte. Einerseits wendete sie viel Energie auf, um in jeglicher Gesellschaft Aufmerksamkeit hervorzurufen, durch einen gewissen Charme, den sie einzusetzen wusste, gepaart mit der rechten Dosis Intellekt, Sensitivität, interessanter Widerspenstigkeit. Es wird viel kolportiert, dass sie wusste, sich in Szene zu setzen, in allgemeiner Aufmerksamkeit badete, geradezu mit sportlichem Ehrgeiz keinen Flirt ausließ. Aktiver Zuspruch war ihr Lebenselixir. Auch im Beziehungskontext beanspruchte sie einen Königinnen-Status. Ließ die Intensität der Gunstbezeugungen nach, hatte sie keine Hemmungen, sich explizit anderen zuzuwenden, die die gewünschte Intensität im jeweiligen Moment garantieren konnten und provozierte damit auch durchaus bewusst Eifersucht. Die Gefühle anderer zu manipulieren, insbesondere ihres gerade Auserwählten – was Frisch über längere Zeit war – war ihr offenbar in Fleisch und Blut übergegangen. Sie war nicht nur abhängig von Psychopharmaka sondern auch von körpereigenen Botenstoffen, die Hochgefühle und Intensität auslösten. Dass Frisch auf gewisse – von ihr durchaus kalkulierte – Heimlichtuereien nachhakend reagierte, was dann als bemerkenswerte Eifersucht etikettiert wurde, war von ihr gewollt. Sie litt nicht etwa unter seinen Fragen, sondern wertete sie als Indikator, dass sie noch die ersehnte Ausnahmestellung einnahm. Als Frisch die Spielchen zu durchschauen begann und es ihm zu bunt wurde, und auch ihre Medikamentenabhängigkeit zu Attraktivitätseinbußen führte, fiel sie aus allen Wolken. Spielerisch, um als großzügige Gönnerin zu wirken, ermunterte sie ihn zur Liason mit der jungen Marianne, in der tiefen Überzeugung, dass die Studentin nur eine Episode sein könnte, bei der sie im direkten Vergleich immer gewinnen würde. So war dem nun nicht. Auch von ihr beauftragte anonyme Rosen-Sendungen an ihr Krankenbett lösten keine weitere Eifersucht bei ihm aus. Nur Mitleid. Ende des Spießrutenlaufens. Max hatte ihr vor Jahren die Heirat angetragen. Sie winkte ab, es passte nicht in ihr intellektuelles Ideal der unkonventionellen Lebensart. Nach der Trennung bereute sie es. In mehreren Erzählungen lässt sich nicht nur zwischen den Zeilen lesen, dass sie das Ende der Beziehung niemals verwunden hat. Sie wurde vom Thron gestürzt. Frisch hatte sich von ihr emanzipiert, nachdem er ihr lange verfallen war. Sie wusste, dass es kein Zurück gab, sie hatte es im wahrsten Sinne des Wortes verspielt. Max Frisch sagte in einem späten Interview sehr knapp, dass er vor allem Reue empfindet, wenn er an Ingeborg Bachmann denkt. Oder war es Bedauern? Ich glaube, dass viele dabei in die Richtung denken könnten, dass sich sein Bedauern darauf bezieht, dass er sich anderen Frauen zuwandte, er nicht daran festhielt, weiter Arbeit investierte. Ich habe aber eine andere Empfindung, die ich natürlich auch nicht verifizieren kann. Ich vermute, dass sich sein Bedauern (auch) darauf bezieht, dass er keine Einwirkung darauf hatte, dass sie jenen zerstörerischen Konsum von Medikamenten praktizierte. Dass er kein besserer Beschützer war. Vielleicht hätte es diese besondere Liebe gerettet.

20. März 2024

Zu dem gestern gesehenen Film „The Zone of Interest“ möchte ich vermerken, dass ich ihn jedem Erwachsenen empfehle. Es ist mit Nichts vergleichbare Filmkunst, die beim Zusehen innere Anspannung auslöst, die bis zum Schluss hält. Es gibt phantastische dramaturgische Ideen, die ihresgleichen suchen, wie die mehrfache Konfrontation des Kinopublikums mit einer minutenlangen schwarzen Kino-Leinwand und erschütternden Tönen, die eine unheimliche Qualität haben. Einem mir schutzbefohlenem Kind oder Jugendlichen würde ich dieses Gesamtkunstwerk nicht zumuten. Der Film setzt viel Geschichtskenntnis voraus, denn er arbeitet mit dem historischen Wissen des Zusehers, daraus speist sich die Erschütterung. Es gibt weder Auschwitz-Lager-Szenen noch Opferdarstellungen. Ein Film, den man schwer angemessen beschreiben kann, wie man auch ein großes gelungenes Bild nicht angemessen in Worten wiedergeben kann, oder warum ein Musikstück einen packt. Alle klischeehaften Darstellungen von Nazi-Schergen und deren blonden Frauen wurden nochmals zugespitzt. Hier ist Hüller eine Idealbesetzung mit ihrer stoischen Ungerührtheit, der fast eingefrorenen Mimik und dem gefühlskalten Befehlston in Richtung ihrer Bediensteten. Der Höß-Darsteller hatte vergleichsweise viel mehr Text als sie, der musste richtig viel lernen. Sie muss hauptsächlich breitbeinig wirtschaftend durch das traute Heim trampeln. Ich war noch nie in einem Kinofilm, bei dem das Publikum sich derart still verhalten hat, es wurde kaum noch geatmet. Faszinierend. Es gibt keinerlei auf Rührseligkeits-Effekte kalkulierte Szenen, Taschentuch wurde nicht benötigt. Die Höß-Kinder spielen mit Zahngold wie mit Murmeln. Pelzmäntel und verwertbare Kleidungsstücke werden verteilt. Man starrt gleichermaßen befremdet und doch mit Wiedererkennen auf bürokratisch anmutende Abwicklungen an den Schreibtischen der Handlanger des Vernichtungsgrauens. In einer Szene wird in der Manier des Besprechens einer gewöhnlichen Hausinstallations-Vorrichtung die Arbeitsweise eines Verbrennungsapparates besprochen. Es ist stets die Rede von „der Ladung“. „Dann kann eine neue Ladung erfolgen.“ Was da geladen wird, muss nicht benannt werden. Verdient, der Oscar. Mein Qualitätsurteil: Wow.

17. März 2024

KALEIDOSKOP III – AUSGEHEN. „Es handelt sich um Abmalerei“ – „Paris Bar“, Goetz Valien gewidmet. Memorabilia: Tickets (Nick Cave & The Bad Seeds; 2018 Waldbühne, Rolling Stones; 2018 Olympiastadion, Rotfront; 2016 SO36, Berlin Beat Club; 2018 Stadtklubhaus Hennigsdorf, Release Lüül – „Der stille Tanz“; 2022 Musikbrauerei), Flyer (Jan Sobottka, Emil Nolde, Danielle de Picciotto, Hedwig & The Angry Inch, Nänzi, Nico, Udo P. Klein, Café Bleibtreu), Zeitungsartikel (Kippenberger Paris Bar, van Gogh), Fotos (2 x G. Nielsen), zerstückelter Ethno-Seitenstreifen Orsay-Jeans Achtziger Jahre, orange Linsen, roter Schotter, Blattgold, Kleber, Acryl, Rahmenrückwand, Rahmen, 1./2./3./15. Mai 2023, 24. August 2023, 24./28./29./30. September 2023, 1./3./4./7./8. Oktober 2023, 8./9. November 2023, Finish 8./9./10./16./17. März 2024, 54 x 96 cm, Staatliche Museen v. Gaganien

17. März 2024

Das letzte Foto, das ich gestern machen konnte, dann war der Akku leer. Ich sage vorsichtig, dass das überarbeitete Problembild – das orange in der Mitte – jetzt wohl doch endlich fertig ist. Später sehe ich es mir eingehend bei Tageslicht an, dann zeigt sich, ob ich noch mal ran muss. Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben, und ein abendliches Werk nicht vor dem nächsten Tag. Ich habe in meinem Atelier mehrere Lampen mit verschiedenen Lichtspektren, die ich gleichzeitig anhabe, eine Tageslichtlampe ist auch dabei, aber echtes Tageslicht zeigt noch andere Ergebnisse. Später fotografiere ich es en detail aus der Nähe, Akku ist geladen.

16. März 2024

Ergebnis meines Versuchs, die Kopfhaltung von dem Fix Foto vor 35 Jahren nachzustellen. Es ist mir nicht gelungen, mit den Augen genauso neben den Fokus zu schauen. Die Bluse von damals hab ich auch nicht mehr, es war eine blutrote Seidenbluse. Auf dem Automatenfoto vom Juni 1989 war ich dreiundzwanzig, jetzt bin ich achtundfünfzig. 89 laborierte innerlich immer noch ein wenig an der unerfüllten Liebesgeschichte. Ich bin sehr langsam, um nicht zu sagen langatmig, im Verarbeiten von Liebesangelegenheiten.

mmm

16. März 2024

Heute Nacht von jemandem geträumt, in den ich um Neunzehnhundertsechsundachtzig, als ich nach Berlin kam, eine ganze Weile sehr verliebt war. Damals war ich Anfang zwanzig und er ungefähr dreiunddreißig. Er arbeitete in einer sehr kleinen, intimen Bar in Schöneberg und sang gerne mit der Musik, die er auflegte, bei der Arbeit hinterm Tresen mit. Spielte auch Gitarre und hatte eine eigene, zwei Stunden lange Radioshow bei einem Berliner Sender. Die kleine Bar in der Winterfeldstraße wurde schnell mein zweites Wohnzimmer. Es gibt sie schon seit fünfunddreißig Jahren nicht mehr. Über Jahre immer wieder mal im Internet geschaut, ob er zu finden ist. Es wurde damals nichts daraus, ich verzehrte mich vergeblich. Er heiratete dann eine Frau, die etwa so alt war wie ich. Nur sie ist im Internet mit einem einzigen Suchergebnis zu finden. Von ihm nichts. Was aber eigentlich auch egal ist. Ich glaube, ich sah ihn fast zwanzig Jahre später von der anderen Straßenseite vor dem Eingang eines Lokals in der Grolmannstraße, wahrscheinlich rauchend. Ich erschrak. Ein älterer Mann, der immer noch dieselbe, aus der Mode gekommene Frisur hatte, längere Locken. Er wirkte verwelkt und hatte nichts mehr von der Ausstrahlung, die mich so angezogen hatte.

Heute Nacht träumte ich, dass ich ihn irgendwo wieder traf, er war altersmäßig stehen geblieben, jünger als bei der Sichtung vor dem Lokal, eher so wirkend wie ganz früher, aber schon auch älter. Er erinnerte sich und zeigte Interesse. Aber das schien mir ja auch damals so. Ich war sehr zögerlich und hatte keine Gefühle mehr, die denen von früher ähnelten. Nur eine Art melancholischer Erinnerung. Bedauern, aber auch Gewissheit, da wäre nichts rückwärts gutzumachen. Der Zahn der Zeit hatte alles zerbröckeln lassen. Es ging im Traum noch darum, sich mal zu verabreden, was trinken gehen. Ich wusste für mich, ich würde es nur zusagen, um vielleicht zu erfahren, wie er das damals empfand. Sein Heute interessierte mich nicht mehr. Er zeigte mir noch eine Art Plattenhülle, wie früher bei Vinylplatten, darauf eine Collage mit Fotos, die ihn bei Auftritten zeigten, lauter alte Aufnahmen, die meisten mit E-Gitarre. Das war die Version von damals von ihm. Ich betrachtete die Bilder mit Interesse, um sie dann in die Abteilung vergangener Lieben in meinem ewigen Gedächtnis zu schieben.

15. März 2024

Schon schöne Bilder, in diesem viele Jahre alten Video mit Cosmic. Ein ganzer Bilderbogen. Gerade gesehen und noch einmal eingetaucht. Wir waren schon viel unterwegs. Und den Schnitt finde ich immer noch gut. Ich habe Videos immer nach der Musik geschnitten. Muss man ja eigentlich auch. Alles andere ist Unsinn.

14. März 2024

Heute früh wurde mein Nervenkostüm strapaziert. In der S-Bahn führte eine Dame ein lautstarkes Dauertelefonat mit der Anmutung einer angezickten Diskussion über Arbeitsinhalte. Es war so kurz vor neun und nach ca. sieben Minuten aufgenötigtem Zuhören wurde es mir zu bunt. Ich saß, sie stand hinter der Trennscheibe mit ihrem Fahrrad und deklamierte ohne Unterlass. Ich stand auf und klopfte dreimal kräftig an die Scheibe und sagte: „Entweder Sie telefonieren leiser oder Sie führen Ihre Arbeitsbesprechung an Ihrem Arbeitsplatz!“ Sie schaute auf und griente irritiert und telefonierte dann den Rest der insgesamt 11-minütigen S-Bahn-Fahrt mit leicht zurückgenommener Lautstärke weiter. Es war das einzige Geräusch, das im gut besetzten S-Bahn-Abteil zu vernehmen war. Ich nenne das dickfellig, und das ist kein Kompliment. Im goldenen Zeitalter des mobilen Arbeitens wird kurzerhand jeder öffentliche Raum von gewissen dickfelligen Existenzen zum persönlichen Arbeitsspace erklärt. Weder spielt Diskretion über Firmeninterna noch Datenschutz, noch Rücksichtnahme auf Bedürfnisse des Umfeldes eine Rolle. Wundert mich auch nicht, dass Inhalt des Gesprächs offenbar ein unangemessenes Vorgehen der Dame in ihrem Job war, sie wurde nicht müde, Ausreden zu finden und Schuldzuweisungen in Richtung anderer vorzubringen. Für mein Empfinden ist das ein Indiz für fehlende Kinderstube, Nötigung der Umwelt und auditive Umweltverschmutzung. Darf meinethalben mit Bußgeld wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses belegt werden. Weitaus störender, als ein Exhibitionist. Da kann man wenigstens wegschauen. Was mich auch noch zusätzlich aggressiv macht, ist dass derlei flegelhaftes Gebaren als Arbeit innerhalb der Arbeitszeit definiert wird. Ich bin da offenbar überaus altmodisch. Zudem gibt es nichts Langweiligeres, als einer Arbeitsbesprechung zuzuhören. Das langweilt ja schon, wenn man selbst involviert ist.

13. März 2024

Die frischgebackene Großtante heute früh. Live gesehen habe ich den kleinen Kerl noch nicht, ist ja leider nicht um die Ecke, aber bestimmt noch im Frühling oder Sommer. Gerade plagt mich eine gemeine Migräne (Cluster), was ich aber gar nicht weiter ausführen will. Schon abgedämpft mit entsprechendem pharmazeutischen Mittel (Sumatriptan), sonst könnte ich das gar nicht tippen, bin aber platt. Weiß der Geier. Heute früh so ausgeschlafen und munter. Und nun… Aber Schlaf hilft immer. Ich sage schon mal gute Nacht.

11. März 2024

Gestern mit dem Emmentaler Papageien-Krater-Bild fertig geworden …und gerahmt! Parallel an einem anderen, älteren Bild, mit dem ich nicht im Reinen war, weiter gemacht. Eingebung gehabt, als ich mit Orange am Papageien-Krater pinselte. Jetzt weiß ich weiter, war schon genervt. Wenn man ein Bild gemacht hat, das man nicht gerne anschaut – geht gar nicht! Brauche wieder schwarze Filzstifte, Eddings in allen Stärken, dann weiter mit der Operation am Problem-Patienten. Zeig ich aber erst nach der OP.

11. März 2024

„EMMENTALER PAPAGEIEN-KRATER“. Zwei geklebte Foto-Leinwände, Einschnitte, Acryl, Kleber, Spiegelscherben, Blattgold, Schattenfugenrahmen, 18./24./25./26. Februar und 2./3./8./9./10. März 2024, 33,5 cm x 43,5 cm, Staatliche Museen von Gaganien