
Zwei bis drei Villen weiter hielt ich inne. Vor mir tat sich eine grüne Wand mit einem Meer weißer Hortensien auf, die eine himmelwärts führende Treppe umrankten, fein komponiert. Und am Fuße der hölzernen Treppe nach oben zum Kulm, dem 34 Meter hohen Hügel von Heringsdorf, zwei hölzerne Gartensessel. Die Treppe mit einem maritimen Seil gesperrt, „privat“. Aber wie einladend und freundlich, die beiden Sitzgelegenheiten im zugänglichen Bereich zu halten. Ich hatte an dieser Stelle deutliche Keitum- und Kampen-Vibes. Die kugelig getrimmten Gehölze, der Pflanzkorb. Kein Eigentümerschild, kein Name. Ganz oben, wo die zugehörige weiße, aber nicht pompöse Villa thronte, konnte ich „Meeresstern“ entziffern. In unüblicher Weise die Lettern nicht aufgemalt, sondern aus einzelnen angeschraubten Buchstaben und mit irritierender Typographie die beiden aneinander stoßenden „s“ betreffend. Das erste s in altdeutscher Schrift, das zweite modern. Unten, bei den edlen Outdoorsesseln eine feierliche Stele mit einer Büste darauf.

Wer war der Mann mit dem gezwirbelten Bart? Ein versehentlich leider ganz unähnlich geratener Kaiser Wilhelm? Der hatte doch niemals so visionär funkelnde Augen. Oder eine satirisch gemeinte Anspielung auf den Kaiser, hier im Kaiserbad? Ich kam ins Grübeln. Das Ganze hatte etwas Augenzwinkerndes, das mir gefiel und meine Neugier entfachte. Schon deswegen musste ich das Szenario fotografieren, um nachher in Ruhe in der Villa Seestern zu erforschen, was es mit dieser Villa Meeresstern auf sich hatte.

So geschehen. Und die Ergebnisse lassen sich sehen, im wahrsten Sinne des Wortes. Das Anwesen wurde in baufälligem Zustand von einem Paar erworben und kernsaniert. Das Resultat, bei dem die Hausherrin selbst nicht nur die Verantwortung, sondern auch die originelle Gestaltung (stilistisch zwischen „Bohemian“ und „Hamptons Style“) übernahm, wurde mit dem „International Design Award“ ausgezeichnet. Auf ihrer Seite erzählt Katja Kessler die Geschichte des Hauses und der Instandsetzung und erhellt auch die historische Verbindung der Villa Meeresstern zum Komponisten Engelbert Humperdinck. Den zeigt die Büste nämlich, nicht Kaiser Wilhelm II. Die bemerkenswerte Villa kann gemietet werden. Anhand zahlreicher Fotografien darf man sich einen umfassenden Eindruck zu verschaffen, wie es da oben und in der Villa aussieht, nämlich ausgesprochen interessant. Ich habe mal nachgerechnet: bei insgesamt 12.968 € Wochenmiete für das gesamte Anwesen mit Platz für 8 Übernachtungsgäste (in drei Schlafzimmern) wäre das eine Wochenmiete von 1.621 € pro Person, 202.63 € pro Tag.

Eigentlich schon auch irgendwie machbar, sofern alle Gäste entsprechend liquide sind. Das eine Zimmer mit vier Einzelbetten wäre dann wohl eher für vier Kinder geeignet, die es noch lustig finden, versammelt zu übernachten. Oder zwei besser situierte, erwachsene Paare teilen sich den Preis zu viert, wären dann 3.242 € pro Kopf für die eine Woche, inclusive Notfall-Ausweichschlafzimmer mit den vier schmaleren Einzelbetten, falls es mal bei einem Paar kracht. Rund dreitausend Euro zahlt man locker auch schon für eine einwöchige fancy Studienreise. Es ist alles relativierbar. Und dann habe ich ja auch noch entdeckt, dass es innerhalb des Anwesens zwei einzelne Ferienapartments für jeweils zwei Personen mit schönen breiten Betten zu mieten gibt.

Die finden sich bei mehreren Buchungsanbietern. Die lauschigen Unterkünfte heißen Kulm und Kuschelnest. Das Kuschelnest finde ich noch ein wenig kuscheliger. Was mich zögern lässt, sofort zu buchen ist, dass ich nicht ganz verifizieren kann, welcher Bereich von diesem herrlichen Garten mir dann zugänglich wäre.

Hätte ich eine separierte, uneinsehbare eigene Terrasse? Oder ginge der Outdoor-Bereich der kleinen Wohnungen fließend über in den Garten? Das ist für mich bei künftigen Buchungen jeglicher Unterkünfte eine Kernfrage, da ich es bei entsprechenden Temperaturen liebe, besonnt und unbehelligt mein Wimperntusche-Frühstück zu zelebrieren. Nun ist zum Beispiel beim Kulm in der Fotostrecke dieser aparte Platz mit Bick auf das Meer zu sehen, zwei schöne Plätze mit einem Glas Wein, wo sich – wie hier abgebildet, auch der Hausherr gerne nieder lässt. Angenommen, ich buche das Kulm und im selben Zeitraum wären die auf mich durchaus angenehm wirkenden Eigentümer zugegen, dürfte ich dann genau dort ein Glas Wein mit dem/den Gastgeber/n trinken?

Habe soeben testweise eine Verfügbarkeitssanfrage für sieben Tage im November eingegeben, läge bei 1.090 Euro. Nicht einmal unverschämt, in meinem Budget. Dann jedoch melden sich sogleich wieder Wetter-Vorbehalte. Nun habe ich erst jüngst durchwachsenes Wetter in Heringsdorf erlebt. Im November wäre es garantiert noch weniger innerhalb der Duldungstoleranz meiner vielfältigen Zimperlichkeiten. Größeres Missbehagen bei der Vorstellung, auch nur die kleine Zehe ins Wasser zu halten. Nein! Eisbaden ist meine Sache nicht. Also wandert der Blick für den Spätherbst eher in Richtung französische Riviera. Hinzu kommen noch weitere Befindlichkeiten, die ich während meiner kleinen Usedom-Reise entwickelt habe, zu denen ich später noch komme. Ein wenig Resonanz finden die zufällig in einem Gespräch, das mit Usedom-Freund und ganz unzufällig Kenner der Villa Meeresstern, Kai Diekmann geführt wurde. Ich verstehe vielerlei von dem, was er äußert, wie „Bei moderner Kunst hat Usedom meiner Meinung nach noch etwas Luft nach oben„, aber auch seine Vorliebe für den Kulm, die atmosphärischste Ecke von allen.
