Man kann eine Weile darüber sinnieren, was Eleganz ausmacht.

Ich zum Beispiel finde wenig elegant, wenn jemand Kleidung oder Handtaschen mit plakativen Labels trägt. Unübersehbare, aufdringlich platzierte Balenciaga-Schriftzüge auf eher einfachen Shirts und Turnschuhen. Die U8, die zwischen Neukölln und Wittenau pendelt, ist voll davon, besonders im südlichen Abschnitt zwischen Kottbusser Tor und Hermannstraße. Sehe ich eine junge Frau mit einer dieser Louis Vuitton-Taschen mit Logo am laufenden Meter, habe ich in den meisten Fällen den Verdacht, dass es entweder eine billige Kopie vom Polenmarkt (o. ä.) ist oder jemand ein originales Modell hat, sich dieses schenken ließ oder von einem eher kleinen Gehalt abgeknapst hat, und es dann aber auch unbedingt eine Tasche sein musste, wo wirklich jeder sofort den Hersteller erkennt, auch wenn man sich nicht wissenschaftlich eingearbeitet hat. Wenn man hingegen eine originale Kelly Bag von Hermès erstehen würde, die einiges mehr kostet, könnte man nur Leute damit beeindrucken, die im Thema sind, da außen an keiner Stelle auffällig Hermès steht, abgesehen von der winzigen Gravur im Metallverschluss. So eine Kelly hat eine elegante Silhouette, weil auf Wesentliches reduziert, sehr schnörkellos. Ja, finde ich elegant. Wenn derzeit auch nicht so ganz mein Stil. Noch nicht.

Bei Kleidung macht für mich Eleganz, neben einem Sinn für Qualität der Materialien auch aus, Anpassungsfähigkeit im Hinblick auf den Ort, die Umstände, das Ambiente zu zeigen, um ins Gesamtbild zu passen. Mit Bedacht darauf, dass man kein visuell störendes Bildelement wäre, käme es eventuell zu Ablichtungen.

Auch ist meine Vorstellung von Eleganz damit verbunden, eine Überdosis Schnörkel zu meiden, auf Überladenes zu verzichten. Gilt auch in der Musik. Zu viele Girlanden verdecken die Substanz.

Und das gilt auch für etwas, was man nicht mit Geld kaufen kann: Bewegungsabläufe. Beispielsweise empfinde ich es als unelegant, wenn jemand nachweislich nicht italienischer Herkunft ist und wirklich jedes einzelne Wort mit affektierten Fingergesten oder wichtigtuerischen, herrischem Gefuchtel à la ParteipolitikerIn in Talkshow unterstreicht, als hielte man das angesprochene Gegenüber für geistig minderbemittelt. Fehlte, dass ein Bild gemalt wird, damit die Botschaft auch wirklich ankommt. Beispiel: Bachmannpreis-Jurymitglied Mithu Sanyal. Ihre gleichförmigen heftigen Gesten mit viel Armgerudere gelten als ihre Signature-Moves. Für mich anstrengend zu betrachten, zu unruhig und nicht schlüssig, warum das nötig ist, die Frau ist schließlich eloquent.

Italiener sind entschuldigt, zudem setzten sie ihre markanten Gesten weitaus differenzierter, ja virtuos ein. Dadurch amüsiert es mich. Die Anwendung von Kind auf erlernt. Einige Gesten aus dem italienischen Repertoire finde ich sehr witzig, eine eigene Sprache.

Durchaus kann ich die eine oder andere wohl gesetzte, sofern wohl dosierte Geste auch bei Nicht-Italienern attraktiv finden. Jemand der stocksteif vorträgt, ist mir auch suspekt. Es kommt auf die gezielte, fokussierte Energie an, sparsam und kraftvoll, nicht beliebig. Des weiteren nicht elegant für mein Empfinden, wenn jemand, egal ob Mann oder Frau, vornehm gemeint, geziert einzelne Finger abspreizt, so zur Tasse, zum Glas gegriffen wird.

Ganz schlimm: auditive Uneleganz, die mich besonders beleidigt, weil nur schwer abzuschalten. Geraschel, Geknister, Geklapper, Getöse, Geknusper, Geschmatze, Geknipse, Gerülpse usw. usf. Leute, die dickfellig in der Bahn den Lautsprecher ihres Smartphones anschalten, um sich zum Zeitvertreib Musikvideos anzusehen oder Reality-Serien, whatever. Es ist ganz furchtbar. Bin ich auch schon eingeschritten. Werde ausnahmsweise ich laut.

Eine Antwort auf „27. August 2026

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