Lift. Die kleinen Lebensmittelpunkte. Nebenher laufen Dokus aus der ZDF-Mediathek zum Thema Auswandern. Bis eben Frankreich, jetzt Kreta. Ich nehme immer schon gerne Anteil an Auswanderer-Leben. „Schicksalen“ möchte ich es nicht nennen, das wäre mir an der Stelle zu pathetisch. Es folgt eine Begebenheit aus Berlin.


Gestern fuhr die S-Bahn vom Zoo eine längere Zeit nicht mehr, heute erfuhr ich, dass ein Unfall die Ursache war, ein älterer Herr fiel am Savignyplatz in die Schienen. Ich wartete zunächst am Bahnsteig Zoo, dass der Verkehr wieder aufgenommen wird, es zog sich dann so, dass ich zur U-Bahn wechselte. Richtung Osloer Straße, Umsteigen in die U 8 Richtung Hermannstr. Warten auf dem U-Bahnsteig. Ich war müde, ich konnte nicht mehr lesen, die Augen fielen zu. Ich setze mich auf eine Wartebank. Neben mir ein jüngerer Mann, ich schätzte ihn auf in den Zwanzigern, dunkle Haare, mediterraner Typ. Er sprach mich an. Ob ich wüsste, wo man hier wohin gehen könnte. Was trinken. Fragt mich, ob ich aus Berlin bin. Nachdem ich den bei Weitem größten Teil meines Lebens in Berlin lebe, seit vierzig Jahren, finde ich es nicht unkorrekt, mich als tiefgreifend verwurzelt zu sehen. Würde ich erklären, dass ich als junge Frau in einem anderen Bundesland lebte, wäre das zu weit aus- und hergeholt, Historie, Geschichten aus einer Vorkriegszeit, die er sich sowieso nicht vorstellen kann und auch nicht muss. Zudem wird seine Frage wohl eher erurieren wollen, ob ich eine Touristin bin. So sage ich, ich bin von hier.

Er antwortet: er auch. Ich frage mich, wieso er mich fragt, wo man was trinken gehen könnte. Frage ihn, ob er eine bestimmte Ecke meint, sage, hier eher nicht… wo er denn so unterwegs ist? Stehe wieder mal auf der Leitung, weil ich einerseits gelegentlich unfassbar naiv, aber auch in gewisser Weise illusionsfrei bin, dass ich noch Aufmerksamkeit von derart jungen Männern fangen könnte, ohne danach zu angeln. Er sagt nun konkret, dass er mit mir gerne ein Bier trinken gehen würde, er wolle mich einladen. Und dass er wisse, dass er jünger aussehen würde, aber er sei schon vierunddreißig. Ich verbinde mit dem Alter vierunddreißig etwas ganz Bestimmtes, eine Affäre, die ich hatte, als ich schon lange nicht mehr vierunddreißig war, aber ‚er‘. Erinnere mich ganz gerne daran und freue mich auch deshalb, dass mir allen Ernstes trotz meiner müden Verfassung derartige Aufmerksamkeit zuteil wird. Aber er ist einfach nicht mein Typ, mir zu unerfahren, ich fühle keine Wellenlänge. Allerdings beglückwünsche ich ihn insgeheim mit verwirrten Gefühlen zwischen demütig und amüsiert zu seiner subtilen Wahrnehmung, dass ich vielleicht etwas zu bieten haben könnte. Ob ich bei Insta bin, will er wissen. Nein sage ich, ich gucke da nur. Oder bei Facebook? fragt er. Ich wundere mich ein bisschen, dass jemand seiner Generation allen Ernstes das altbackene Facebook erwähnt. Ob er mal bei seinen Eltern beobachtet hat, dass die das benutzen? Ich sage: ja. Er fragt unter welchem Namen. Ich schüttle den Kopf, wie man ein angebotenes Getränk ablehnt. Er: Ach, willst Du nicht sagen? Ich wiederhole, dass ich einfach müde sei und dass er ja, da er auch aus Berlin ist, sicher weiß, wo man hingehen kann. Er: natürlich wüsste er das. Er wollte einfach nur fragen, kann man doch mal, nein, nicht? Ich: doch, ja, natürlich. Ich gehe davon aus, dass bald die U-Bahn kommt und ich mich diskret in die Bahn zurückziehen kann.

Ich gucke ein bisschen ins Nichts, nach links, auf dem Bahnsteig, ca. drei, vier Meter von uns entfernt, steht eine junge Frau, vielleicht in seinem Alter, vielleicht ist er auch jünger als 34, vielleicht hat er sich älter gemacht. Die junge Frau, die uns im Auge hat und den kleinen Annäherungsversuch mit einem Gesichtsausdruck zwischen Ungläubigkeit und Amüsiertheit beobachtet hat, sieht aus wie ca. Anfang Dreißig. Sehr hübsche Frau, auch wahrscheinlich irgendein Migrationshintergrund auf Elternseite, karamellfarbene, seidige Haut, kurze dunkle Locken, hochintelligente Ausstrahlung, Witz in den Augen, cool und selbstbewusst. Unsere Blicke treffen sich, wir verstehen uns. Ich verdrehe ein bisschen nachsichtig die Augen, sie macht irgendeine Bemerkung in seine Richtung, ich weiß aber nicht mehr was. Ich würde viel eher mit ihr ein Bier trinken gehen wollen, sie wirkt witzig und charismatisch. Und so hübsch! Aber ich bin müde und quatsche keine Leute an. Meinem Sitznachbar passt das gar nicht in den Kram, dass ich plötzlich mit ihr in Blickkontakt bin und sie auch noch was sagt. Er ändert schlagartig seine Haltung von werbend und mir zugewandt, zu genervt und aggressiv und blafft sie an, sie solle sich raushalten, das ginge sie gar nichts an, wenn er mit einem MÄDCHEN spricht. Ich bin sprachlos. Vor Faszination und Irritation! Er kann nur mich damit meinen… – – M Ä D C H E N .

Ich sage zu ihm, ich bin wirklich müde und er hätte ja auch überhaupt keine Ahnung, wie alt ich bin. Er entgegnet, das sei doch völlig unwichtig. Ich gebe ihm gedanklich recht und hatte wohl gerade vergessen, dass ich mir abgewöhnen wollte und zwar für immer und ewig, mit meinem jeweils fortgeschrittenen Alter zu kokettieren, weil nichts älter macht. Er lächelt nicht mehr, er ist genervt und weist nochmals die hübsche junge Frau zurecht, ich sage, sie ist doch nett, er soll sich nicht aufregen. Aber sein Plan ging nun mal nicht auf, er ist gescheitert. Vielleicht ist das seine tägliche Challenge an sich selbst, mindestens eine Frau für sich zu interessieren. Ich schwanke zwischen Bewunderung für seinen Sportsgeist und Bedauern über seine fehlende Antennen, was im Rahmen seiner Möglichkeiten für ihn angemessen ist. Ich kritisiere überhaupt nicht, dass er einen Annäherungsversuch wagte, er war nicht übergriffig, er probierte, übte, trainierte. Man muss es ja auch üben, so leicht ist das nicht. Ich habe mich das nie getraut. Die U-Bahn kam, ich stand auf und er auch, aber überraschenderweise stieg er nicht mit ein, er verabschiedete sich, riss sich merklich zusammen und wünschte mir noch einen schönen Abend. Ich dachte gestern noch den ganzen Heimweg darüber nach, was das für ein Moment war, dass je nochmals jemand von mir als Mädchen spricht. Ich war seltsam berührt, gerührt. Sentimental.
Lydia Gebel
Schön, dass es sowas in der U-Bahn doch noch gibt, Flirts. Wenn auch seltsame.
Gaga Nielsen
Dachte mir auch, die Begebenheit ist schon deshalb bemerkenswert, weil hier nachweislich ein junger Mensch nicht mit Scheuklappen sein Smartphone bewirtschaftete, sondern seine reale Umgebung interessanter fand. Wie oft ich mir schon dachte, dass so viele junge Menschen, die gerne jemanden kennenlernen möchten, sich beim Warten auf die Bahn oder während der Fahrt, wo sie von Hunderten von Menschen jeglichen Alters umgeben sind, auch der eigenen Zielgruppe für nähere Kontakte, lieber ihre Aufmerksamkeit Fotos von unbekannten Leuten schenken, die sie auf Datingplattformen sehen, nach links oder rechts wischen, aber so wirklich Überzeugendes ist nicht dabei und ob die Fotos echt sind, weiß man auch nicht. Und die Traumfrau oder der Traummann steht vielleicht in nur wenigen Metern Abstand neben ihnen, aber keiner merkts, sendet mehr Signale. Glück verspielt.
Gaga Nielsen
Dachte mir auch, die Begebenheit ist schon deshalb bemerkenswert, weil hier nachweislich ein junger Mensch nicht mit Scheuklappen sein Smartphone bewirtschaftete, sondern seine reale Umgebung interessanter fand. Wie oft ich mir schon dachte, dass so viele junge Menschen, die gerne jemanden kennenlernen möchten, sich beim Warten auf die Bahn oder während der Fahrt, wo sie von Hunderten von Menschen jeglichen Alters umgeben sind, auch der eigenen Zielgruppe für nähere Kontakte, lieber ihre Aufmerksamkeit Fotos von unbekannten Leuten schenken, die sie auf Datingplattformen sehen, nach links oder rechts wischen, aber so wirklich Überzeugendes ist nicht dabei und ob die Fotos echt sind, weiß man auch nicht. Und die Traumfrau oder der Traummann steht vielleicht in nur wenigen Metern Abstand neben ihnen, aber keiner merkts, sendet mehr Signale. Glück verspielt.
Lydia Gebel
Noch ein paar Jahre weiter und die liebe alte Realität erfährt vielleicht ein Riesen Comeback und wird total gehyped.
Zum Thema „Mädchen“ : Ich kann mir durchaus vorstellen, liebe Gaga, dass sie eine jugendliche, anmutige Körpersprache zeigen, also geschmeidige. fließende Bewegungsabläufe und eine sehr angenehme, attraktive Mimik besitzen, z. B.ein erotisches Lächeln oder ein vitales, einladend anmutendes Lachen!! And so on….! Also waren Sie für den jungen Mann : ein Mädchen!!
Auf manchen Bildern erkenne ich es auch, dass es solche Momente zu geben scheint. Das Besondere an dem Intermezzo war auch, dass ich gerade an dem frühen Abend einfach müde, erschöpft und noch weniger extrovertiert war als sonst. Wenn ich gut drauf bin und wach, bemühe ich mich schon um Haltung, was aber zunehmend mit Disziplin verbunden ist. Vielleicht ist er auch auf mein Parfum angesprungen, das viele verlockend finden (Armani Code Femme).
DAS wird ab JETZT MEIN Parfüm sein!
Das haben schon einige beschlossen, nachdem sie es bei mir geschnuppert hatten, so hab ich es ja auch vor zwanzig Jahren entdeckt, an einer Mitreisenden in einem Zug, die ich direkt darauf ansprach. Hoffe, es entwickelt sich entsprechend – eine Freundin war etwas enttäuscht, als sie es benutzte, dass es bei ihr anders roch als an mir. Gibt so eine indivduelle Entwicklung jeden Duftes. Für mich der Glückstreffer, ich wurde deswegen schon bei Aldi von einer jungen Frau verfolgt, die mich danach fragte und von zwei jungen Frauen auf der Straße überholt, in Fahrstühlen musste ich dazu Auskunft geben, eine frühere Chefin von mir outete mal, als sie meine Bürotür vor dem Nachhausegehen öffnete und schnupperte, sie wolle sich noch eine Nase holen, weil sie es so mochte. Verrückt! Nie zuvor mit einem anderen Parfum erlebt. Das ist es. Ich benutze das Parfum, nicht das Eau de Toilette.