Nicht sehr erholsam geschlafen, komisch geträumt (nicht erinnerbar), schwerfällig aufgestanden. Hätte noch fünf Stunden weiterschlafen können. Wie leicht sediert heute. Wollte auch in der S-Bahn gerne meine Ruhe haben (wie immer eigentlich) und lesen. Steigt eine jüngere Frau zu, ca. Mitte/Ende Zwanzig und hält schon beim Hinsetzen ihr Smartphone vors Gesicht und redet nonstop. Eine dieser Personen mit eingebautem Megaphon. Eine Arbeitsbesprechung wird vor meinem Gesicht absolviert und alle müssen sich die sterbenslangweilige Scheiße anhören. Müssen? Ach nö. Ich spreche die Frau an: „Könnten Sie vielleicht leiser verhandeln?“ Sie guckt tatsächlich einsichtig, senkt nun die Stimme merklich. Eine andere ältere Frau auf der anderen Seite, der die uns allen aufgenötigte Arbeitsbesprechung offenbar auch auf den Keks ging, lächelt mir verschmitzt solidarisch zu.

Eine der üblichen Ansagen über den S-Bahn-Lautsprecher, kurz bevor die Bahn weiter fährt, übertönt nun den Video-Call-Palaver und sie entscheidet sich aufzustehen und sich zwei Meter entfernt im Eingangsbereich zu positionieren, um dort genauso laut wie anfangs weiter zu schwadronieren. Ich kann mich wieder nicht auf mein Buch konzentrieren, versuche es mit zugehaltenen Ohren. Das ist etwas anstrengend. Ich drehe mich zu ihr um, sie nimmt nichts wahr, außer ihrer blöden Besprechung. Ich halte mir die Ohren wieder zu und bete, dass sie bei der nächsten Station aussteigt. Gott hat mein Gebet nicht erhört. Ich fühle mich vergewaltigt. Ich beziehe kein Gehalt von der Firma der kleinen karriere-beflissenen Maus, die gerade den öffentlichen Raum eines S-Bahnabteils zu einen firmeneigenen Besprechungsraum umdefiniert, um ihre Wegezeiten mit der S-Bahn als Arbeitszeit erfassen und abhaken zu können, und bin daher nicht gewillt, mir ihre betrieblichen Interna anzuhören. Es langt. Kurz denke ich darüber nach, mich mit meinem Buch neben sie zu stellen und exakt so laut daraus vorzulesen, wie sie in ihr Smartphone spricht, verwerfe es aber, um mich nicht zum Horst zu machen und wie eine Geistesgestörte zu wirken.

Ich stehe auf, gehe auf sie zu und teile ihr Auge in Auge mit, dass sie noch ebenso laut wie vorher zu hören ist und ich mich nicht auf mein Buch konzentrieren kann und keinerlei Interesse habe, mir ihre Arbeitsbesprechung in meiner Freizeit anzuhören. Ich empfände das als Belästigung.

Durchaus mitleidslos nehme ich in Kauf, dass meine Ansage eine für sie höchst peinliche Unterbrechung ihrer Besprechung darstellt und ihr Gegenüber in vollem Umfang mitbekommt, in welchem Ausmaß sie andere Leute damit belästigt. Die Frau ist wesentlich kleiner als ich und meine körperliche Präsenz mag gut und gerne bedrohlich gewirkt haben. Sie fiept mehrfach, ich solle ihr nicht näher kommen und dass sie auch noch weiter nach hinten gehen könnte. „Ja, bitte!“ Sie rauscht davon, Richtung Ende des Abteils, um den dortigen Fahrgästen mit ihrem uninteressanten Arbeitsscheiß auf die Nerven zu gehen.

Ich setze mich wieder hin und schaffe es endlich eine knappe Seite zu lesen, in der es um die Freundschaft zwischen Ingeborg Bachmann und Marie-Luise Kaschnitz geht. Sie waren eng befreundet und Ingeborg Bachmann bot ihr an, mehrere Wochen in ihrer römischen Wohnung zu verbringen, als sie längere Zeit nicht in Rom weilte. Die fünfundzwanzig Jahre ältere Marie-Luise Kaschnitz konnte nicht mehr so gut Treppensteigen und die in der ersten Etage gelegene Wohnung, die zudem eine große Dachterrasse hatte, war ihr zugänglicher, als die ihrer Tochter, die ebenfalls in Rom lebte.

Gerne darf man sich in aller Öffentlichkeit in meiner Gegenwart über Privates austauschen, Reisepläne, interessante neue Bücher, eigene Liebesgeschichten, Eheprobleme, Beziehungsreflektionen, Schönheitsoperationen, Styling-Überlegungen, die neue Staffel der Kaulitz-Brüder oder anderweitigen Klatsch und Tratsch. Eben alles, was private Qualität hat und latentes Unterhaltungspotenzial. Kurzweiligkeit ist gefragt! Gespräche aus einem für mich erholsamen Themenspektrum. Also geben Sie sich bitte Mühe.

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