27. Juli 2026

Sonnabend. Bevor es am Sonnabend Abend wurde, sechs von acht Episoden der neuen Kaulitz & Kaulitz-Staffel geguckt. Der Auftakt nervte mich recht bald, nicht der Inhalt – die Form! Dass hektisch hintereinander geschnittene, teasernd gedachte Schnipsel vom Kommenden gezeigt wurden, was man aber gar nicht so schnell mental verarbeiten, geschweige denn wertschätzen kann, weil man den Kontext nicht komplett erfasst. Machte mich demzufolge auch nicht neugierig, sondern nervte. Verschwendung meiner Lebenszeit, ich will keine Szenen doppelt sehen müssen! Das beobachte ich auch bei anderen Formaten, diese neue Mode, als Appetithäppchen gemeinte Schnipsel vom späteren Geschehen, vorab in Puzzleteilchen als elend langen Vorspann zu präsentieren, bevor es in aller Ausführlichkeit losgeht. Sogar beim Nachtcafé hat diese Unsitte Einzug gehalten, der einzigen Talksendung, an der ich sonst wirklich nichts auszusetzen habe.

Ich glaube, in der ersten Folge von dieser dritten Kaulitz & Kaulitz-Staffel ging es um das Konzert in der Wuhlheide anlässlich des zwanzigjährigen Tokio Hotel-Jubiläums. Da wäre ich im letzten Sommer selbst gerne live dabei gewesen. Was immer da technisch mit Bills Mikro daneben ging, es scheint das Erleben des Publikums nicht beeinträchtigt zu haben. Aber wie sich Bill gegrämt hat, weil er auch so ein Perfektionist ist… ein unverhältnismäßig langes Lamentieren, er steigerte sich richtig rein, als wäre es der größte Fail seiner Laufbahn, aber nur er und vielleicht ein wenig die Techniker haben gelitten.

In der Folge gefiel mir, wie beim Treffen vor dem Konzert mit langjährigen Fans über die Rampe kam, was es Einzelnen vor zwanzig Jahren bedeutete, sich einem anderen Ufer zugehörig fühlend, in der deutschen Provinz aufzuwachsen, umgeben von engstirniger Nachbarschaft und dann den queeren Paradiesvogel Bill mit High Heels und Eyeliner zu entdecken, der einfach machte, wonach ihm war, zumal er auch aus einer ähnlich miefig-piefigen Ecke kam, und wie Phoenix aus der Asche den glitzernden Silberstreif seiner Flügel ausbreitete und allen Mut machte, die anders waren, bunter, verrückter, wilder, gewagter. Hat mich gerührt, was an tief empfundener Dankbarkeit vermittelt wurde.

Dass nun gestern ausgerechnet in unserer Berliner Ursuppe, dem deutschen Mekka für Diversität und frei gelebter Queerness oder WHATEVER ein engstirniger junger Mann ein Lieferfahrzeug zum tötenden Panzer umfunktioniert, am unmittelbaren Rand des CSD Menschen schwer verletzt und de facto auch tötet, verschlägt mir die Sprache. Ich hätte gerne die konkrete Aussage vernommen, was ihn dazu bewogen hat, welches düstere Weltbild in ihm mit freiheitsliebendem Denken kollidiert. Nun ist er tot, der Idiot.

Aber zurück zu den Zwillingen. Ich meine es war Folge zwei, wo es um eine Poolparty ging. Und zwar draußen auf der neu gebauten Terrasse beim Pool von Bills Haus. Beides ultimativ geschmackssicher mit Natursteinen angelegt, und sich wunderbar ins Ensemble der vom legendären Architekten Frank Lloyd Wright Jr. entworfenen Villa einfügend. Die Planung der Party war noch ganz kurzweilig. Wobei: es war mir schon eine Spur zu großspurig, als die ganze Zeit schwadroniert wurde, wie „classy“ und ganz ganz besonders diese Party werden sollte, man hätte denken können, unser guter Bill hat mindestens einen Überraschungsgast vom Kaliber JLO oder gar Hollywood Royality wie Jane Fonda im Ärmel und um Mitternacht kommt Liza Minelli im Rollstuhl dazu und singt noch einmal „Life is a Cabaret“. Leider weit gefehlt.

Wer kam, war ein prollig und eher ungelenk Bill antanzender Mann in Bauarbeiter-Verkleidung und Gäste, die niemand von den Geladenen kannte, nicht mal Bill selbst, sondern auch nur vom einsamen Reality TV Bingen. Farblose, witzlose und uncharismatische Kandidaten, die wohl in einem der hysterischen Reality- oder Dating-Formate schon mal mitgezetert hatten.

Sogar Candy Crash, die ich durchaus mag und (auch live) schon in den tollsten Kostümen gesehen habe, wirkte eher preisgünstig kunstfaser-lastig aufgestrapst. Ich hatte vielfältige schöngeistige Bauchschmerzen und habe mit Tom mitgelitten, der sich auch nicht so richtig wohl mit der ganzen Veranstaltung fühlte. Schlimmste Befürchtungen, dass es in dem Stil weitergeht – war zum Glück aber nicht.

Die dritte und vierte Folge der neuen Staffel von Bill und Tom gingen thematisch ineinander über und handelten über weite Strecken von der groß angelegten Hochzeit vom Tokio Hotel-Bassisten Georg mit seiner langjährigen Gefährtin. Nach siebzehn Jahren gaben sie sich das Ja-Wort im wirklich ganz, ganz großen Stil im Château Saint-Martin in Vence.

Habe abermals festgestellt, dass sich bei mir bei Bildern von der Côte d’Azur immer sofort ein Wellness-Gefühl einstellt, was mir bei den wenigsten Orten so geht. Liegt vermutlich an dieser charakteristischen Mischung von Vegetation mit Pinien, Palmen und Schirmakazien, felsigen Küsten, flirrendem Licht, Belle Epoque-Architektur, alter Kultur, die gesamte Ästhetik eben. Zudem: genau meine Getränke.

Für ihre Hochzeitsrede, die Bill und Tom gemeinsam halten wollten, hatten sie faul ein paar launige Anmerkungen in ChatGPT eingegeben und die Rede ausspucken lassen, die ihnen gut gefiel, da sie ja durch die gefütterten sehr kecken Vorgaben durch und durch dem Charakter von Bill und Tom entsprach. Am Ende wirkte es aber eher, als ob sie mehr oder weniger frei gesprochen hätten. Der Champagner wird für die nötige Eloquenz gesorgt haben.

Stilkritik geht – so leid es mir tut – an Heidi Kaulitz, die sich am Abend vor der Hochzeit in einem derart dominant eye-catcher-roten Kleid präsentierte, dass ich sie zu gerne sofort in die Umkleidekabine geschickt hätte. Ob das nun der Polterabend war oder die Hochzeitsparty oder was auch immer für ein Programmpunkt an diesen drei Tagen der Hochzeitsfeierlichkeiten – Feuermelder-Rot ruft „Hier spielt die Musik!“. Die am meisten Aufsehen erregende Aufmachung sollte meiner altmodischen Meinung nach den Hauptpersonen vorbehalten sein, in dem Fall dem Brautpaar.

Habe in neuzeitlicheren Stil-Ratgebern teils gelesen, man sähe das heutzutage nicht mehr so eng, dass Frau als Hochzeitsgast kein Rot tragen solle, wegen der Gefahr die Aufmerksamkeit von der Braut abzulenken, weil man nun durchaus die modernisierte Meinung vertreten dürfe: „Da Rot die Farbe der Liebe sei, täte das doch sehr gut zu einer Hochzeit passen“. Nun ja. Bei einem blässlicheren, ins rötliche changierenden Lachsrosa wäre ich noch gnädiger. Ich nehme an, Heidi ist da einfach von zu vielen roten Teppichen versaut, wo es ja nun tatsächlich darum geht, möglichst alle Blicke auf sich zu lenken. Vielleicht habe das auch nur ich als leicht daneben empfunden.

An einem Abend der dreitägigen Sause hatte Bill einen moralischen Durchhänger, eigentlich unter- und mitunter auch oberschwellig schon seit der Anreise, weil sein +One, seine Begleitung zur Hochzeit, ein scheinbar diskreter veranlagter, neuer Bekannter im letzten Moment seine Begleitung abgesagt hatte, und Bill demzufolge WIEDER NUR als SINGLE zu Gast sein würde, sein Dauerschmerz. Was dann so kippte, dass es zu einer spitzfindigen Auseinandersetzung mit Tom führte. Dennoch gab es an diesen drei Tagen in Südfrankreich einige hach-Momente mit auch schönen Gefühlen. Von da an hatte ich richtig Lust weiterzugucken.

Nach der unschönen Auseinandersetzung bei der Hochzeit, kam bei Deutschlands beliebtesten lebenden Zwillingen (nach den toten Kesslers) die Idee auf, sich erstmalig in therapeutische Hände zu begeben, um den aktuellen Status der Brüder-Beziehung zu reflektieren und – wo nötig – zu kitten.

Die Bemühungen der Lebensberaterin, einer ebenfalls von Deutschland nach Kalifornien ausgewanderten Coach-Frau um die Sechzig, fand ich überzeugungstechnisch so là là. Tolles Haus, in dem sie das veranstaltet, aber ob das so die ultimativen Perlen der Kalender-Weisheiten waren, die sie jeweils nachsichtig und milde lächelnd abgesondert hat, weiß ich nicht so recht. Wohlfeiler, allgemein gehaltener und nach Belieben austauschbarer word salad nach meinem Dafürhalten. Aber sofern es Bill und Tom was gebracht hat – meinethalben.

Danach folgte eine Episode, wo man die beiden in Afrika bei Elefanten sah, einem Projekt, das sie unterstützen, war auch kameratechnisch und landschaftlich recht nett. Und spätestens beim gemeinsamen Selfie an den Victoria Falls waren sie längst wieder versöhnt, die beiden Mäuse.

Zurück in Hollywood kam Candy Crash, die direkt in der nächsten Nachbarschaft wohnt, mit zwei Babypuppen zu Bill und sie übten unter fachlicher Anleitung Baby-Pflege, wobei sich Bill sehr gut anstellte, und Candy ihm die Patenschaft für ihr Kind antrug, das unterwegs war. Dann Besuch von Bill bei Candy, Kennenlern-Besuch mit Baby. Da war meine Welt wieder in Ordnung. Bill, wie er in bunten Plateaustiefeln begeistert den Kinderwagen schiebt. Zuckersüß.

Im Zuge des Austauschs mit Tom über die anstehende Patenschaft von Bill für Candys Baby, kamen ein paar ernstere Gedankengänge auf, von wegen, wird da mal jemand sein, dem man was hinterlässt. Und wo bleibt man selbst zuletzt. Konsequenterweise gab es daher, um schon mal vorzufühlen, einen schönen Ausflug zu dem berühmten Forest Lawn Friedhof in Hollywood, wo praktisch alle liegen, die dort Rang und Namen hatten. Inclusive Besuch beim Bestatter mit premium Luxus-Sarg-Sortiment. Das Probeliegen von Bill im Sarg fand ich wie Tom auch etwas unheimlich, aber konnte auch nicht weggucken.

Das Gesundheitskapitel mit den MRT-Untersuchungen hätte ich fast vergessen, sie waren beide in der Röhre, um mal einen grundlegenden Check up zu machen. Es kam raus, dass einer von beiden bisschen viel Bauchfett hat, aber sonst alles ok. Darauf erst mal Champagner.

Getrunken wird natürlich in allen Episoden (außer beim Arzt) und wie zu erwarten, nicht wenig. Nun muss neuerdings auch noch ein Tequila promotet werden, den Tom und Georg vermarkten. Bill hält sich eher raus, aber trinkt den natürlich auch und die auffälligen, karaffenartig geschliffenen Flaschen stehen auf jedem Tisch herum. Für das Getränk wurde dann Tom – und NUR Tom – zum Fotoshooting herangezogen. Er fleezt sich in einer schummrigen Bar (dem Setting für die Fotos) lässig vor dem Tresen, in der Hand ein Glas Tequila und guckt betont ernst. Vermutliche Vorgabe: lasziv/sexy. Kriegt er tatsächlich ganz gut hin, wenn er auch selbst eher wenig von seinen Model-Qualitäten überzeugt zu sein scheint. Tom hat schon Ausstrahlung. Früher, als Teenie-Popstar, gefiel er mir nicht nur GAR NICHT, er fiel mir überhaupt nicht auf und wenn, dann eher komisch oder kindisch. Aber mit Heidi ist er nun zum Mann geworden! Finde ich gut. Ich hätte früher auch niemals vermutet, dass er einen derart einnehmenden Humor hat. Schon nur dadurch bin ich zu beeindrucken.

Irgendwann danach wohnten wir einem Ausflug auf eine teutonische Ritterburg mit rustikaler Tafel mit großen Fleischstücken und allerhand Zinnober und Spezereien bei. Bill hatte sich – wie zu erwarten – Richtung Ritterfräulein gestylt, Tom hielt es kostümtechnisch mit irgendeiner braunen Kutte eher zurückhaltend Der Ritterburgausflug war ein Geburtstagsgeschenk von Bill und Tom für den Lebensgefährten ihrer Mutter, mit dem sie sich auch sehr gut verstehen. Werner heißt er und liebt halt das Mittelalter.

Schnitt. Zurück in den Hollywood Hills. Launiger Palaver in Bills Villa. Bill und Tom brainstormen für die Vorbereitung eines Klassentreffens, auf das sie, die so etwas noch nie hatten (ich übrigens auch nicht, allerdings auch keine Lust darauf), sich so richtig freuen.

Plan: alle zusammenzutrommeln, die vor zwanzig Jahren Klassenkameraden und Freunde waren. Eine große Party in jenem Ort bei Magdeburg soll es werden, beim Kaliberg, wo sie aufwuchsen. Witzig und natürlich ein bisschen perfide, dass sie knallhart auch die einluden, die sie früher aufgezogen hatten.

Speziell Bill mit seinem schon immer ausgeprägten Sinn für alles Feminine war oft Zielscheibe des Spottes und von Hänseleien. Mutter Kaulitz, die auch immer wieder mal vorkommt, hat ihnen alle Freiheiten gelassen und Bill auch nicht verboten, sich wie ein Mädchen hübsch zu machen und Röcke anzuziehen. Dafür kann sie sich heute noch feiern lassen. Zu Recht! Einmal hat ihm eine Klassenkameradin im Schwimmbad zwischen die Beine gefasst um zu gucken, ob er Junge oder Mädchen ist. Das hat ihn beschämt, traumatisiert. Die Täterin von damals war auch da und gab es zu. Anschließend hat man sich vergeben und zugeprostet und alles war irgendwie wieder okay. Die in und bei Magdeburg und um Magdeburg herum Hinterbliebenen hat es natürlich gefreut, so ein glamouröses Klassentreffen spendiert zu bekommen, wo man sogar mal ins Fernsehen kommt!

Irgendwo dazwischen war auch noch ein Vogue-Fotoshooting auf dem Kaliberg mit Bill, was für ihn auch sehr besonders war, weil man auf diesen Kaliberg aus Sicherheitsgründen eigentlich nicht rauf darf, den hat er in seiner ganzen Kindheit immer im Rücken gehabt, den Salzberg und war nie oben. Für das Shooting gab es eine Ausnahmegenehmigung. Das war dann für Bill, als ob sich ein Kreis schließt, dass er mit dem nicht so sehr geliebten Ort der anstrengenden Kindheit zuletzt ein schönes Erlebnis verbinden kann. Und das war dann vielleicht auch ähnlich für Tom mit dem Klassentreffen, der eigentlich sehr lange gar keine Lust hatte, an den Ort zurückzukehren.

Danach sieht man wie der Flieger Richtung L.A. in den Himmel abhebt und ein bisschen ist man mit den beiden auch ganz froh, den Kaliberg nun wieder hinter sich zu lassen. Zurück in Los Angeles endet die letzte Folge der Staffel mit dem Beginn eines neuen Bau-Projekts von Bill. Er hat nämlich das Grundstück neben seinem gekauft, wo eine Bruchbude drauf war, die haben sie schon mal angefangen einzureißen, um ein Gästehaus darauf zu bauen. Wird sicher auch wieder toll werden, vermutlich eine weitere Reminiszenz an die Architektur von Frank Lloyd Wright Jr.

Das waren also meine Eindrücke von der neuen Staffel, die siebte und achte Folge habe ich dann am gestrigen Sonntag geguckt. An sich hatte ich gar nicht vor, mich derart ausufernd zur neuen Staffel auszubreiten. Aber Lydia, der ich überhaupt verdanke, dass ich sie mal eben so nebenher gratis gucken konnte, meinte gestern, sie freue sich schon auf „die Rezension“. Ich fragte daraufhin, ob sie noch kommende Pressekritik meint oder meine. Nachdem sie versicherte „natürlich Deine!“, wollte ich mich nicht lumpen lassen!

09. April 2022

Es fällt mir schwer, eine kurz gefasste, angemessene Beurteilung zu geben, die insbesondere Jenny und Ina (da beide daran interessiert gewesen wären, aber auf Reisen) vermitteln kann, ob es nun ein Verlust oder zu vernachlässigen ist, die Aufführung von „7 Deaths of Maria Callas“ in der Deutschen Oper gesehen zu haben. Ich war selten in einer Aufführung, die in gleichem Maß faszinierende wie auch peinliche Elemente hatte.

Vorweg muss ich erhellen, dass nicht die Performance-Künstlerin Abramović, sondern die thematisierte Callas die Attraktion für mich war, diese Inszenierung erleben zu wollen. Mir war Abramović ein Begriff; dass sie sich nicht demütig zurücknehmen wird, um Callas zu würdigen, war absehbar, da ihr daran gelegen ist, die Identifikation ihrer selbst mit Callas zu fokussieren und zu transportieren. Es gibt zudem seit zwei Jahren Videomaterial und Kritiken, da die Uraufführung im April 2020 in der Bayrischen Staatsoper in München stattfand, und gestern nur die Berliner Premiere war.

So war mir bekannt, dass, abgesehen vom letzten Akt hauptsächlich eine Videoprojektion zu sehen ist, in der Abramović und der mit ihr befreundete Willem Dafoe, als Callas und quasi Onassis agieren, jeweils im sehr individuell interpretierten Setting von sieben großen Opernrollen, in denen Callas auf der Bühne den Tod fand. Spannend, nicht wahr.

Spannend war in der Tat das Spiel von Willem Dafoe, der mit großer Intensität und Hingabe seinen jeweiligen Part ausführte. Leider war Marina Abramović keine ebenbürtige Darstellerin. Die von mir erwähnten Peinlichkeiten spielten sich hauptsächlich in diesen Filmsequenzen ab, in denen in Großaufnahme die mimischen Unzulänglichkeiten von Abramović auszuhalten waren, als da wären: in Stummfilm-Manier zum Zwecke der Darstellung von Entsetzen und persönlichem Drama, aufgerissene Augen und Münder, sprich Abramovićs kosmetisch aufgeplusterte Lippen, begleitet von rudernden Armen. Ein Potpourri von walkürenhaft plumpen Bewegungen in karnevalesken Kostümierungen.

Der offenkundig auch körperlich filigranere Willem Dafoe konnte da nichts ausrichten und retten. Mit der Aura und dem Charisma von Maria Callas hatte das soviel zu tun, wie Cindy aus Marzahn. Dass die fünfundsiebzigjährige Selbstdarstellerin in diesem Videoreigen ohne erkennbaren Sinn auch einen Platz für die Präsentation ihrer unbekleideten Brüste findet, wundert dann auch nicht mehr.

Das durchwachsene Bildmaterial wurde jeweils von Gesang begleitet, den sieben hochprofessionelle Sopranistinnen in Einzelauftritten absolvierten, wir hörten bekannte Arien der Hauptrollen von Callas. Musikalisch war das unter der Leitung von Yoel Gamzou tadellos. Die im Vergleich zu Abramović bedeutend jüngeren und attraktiveren Sängerinnen mussten sich in einer Art grauem Dienstbotengewand auf die Bühne stellen. So sollte wohl sichergestellt werden, dass keine visuelle Konkurrenz entsteht, die den Blick von Abramovićs filmischen Bemühungen ablenkt.

Nicht zu vergessen: während die graugewandeten Sängerinnen vor dem Videogeschehen performten, stand das Todesbett der Callas rechts auf der Bühne, darin die regungslose Abramović, mit dem Kopf aus der Bettdecke hervorguckend. Sie kam also nicht erst am Ende auf die Bühne, sondern war in dieser Form durchgängig präsent. Erstaunliche Leistung, so lange so bewegungslos zu verharren. Wer je Modell in einem Zeichenkurs gestanden hat, weiß das zu würdigen.

Bevor die jeweilige Parade-Arie zum Auftritt kam, gab es eine Tonbandaufnahme mit Abramovićs Stimme zu hören, in der sie einleitende Worte fand. Sie trug diese auf Englisch vor. Da ihre Aussprache derart von einem schweren osteuropäischen Akzent mit Betonungen an der falschen Stelle dominiert wurde, hatte ich durchweg Probleme das Vorgetragene zu verstehen und las sicherheitshalber die Worte als Obertitel über der Bühne mit. Wahlweise in Deutsch oder Englisch.

Das ist grob zusammengefasst, was mir nicht gefiel. Aber: es gab in diesem multimedialen Gemenge auch sehr sehens- und hörenswerte Elemente, die geradezu entschädigten. Zwischen den Video-Rollenspielen gab es metaphysisch gemeinte Visuals mit viel dramatischen Wolken zu sehen, was manchmal kitschig und banal wirkte, aber immer wieder auch faszinierend und hypnotisch. Letzteres war auch der eigens dazu komponierten Musik von Marko Nikodijević zu verdanken. Ganz grandios wurde es nach Ende des siebten Todes, als der schwarze Vorhang fiel und ein langes donnerndes Unwetter zu hören war, sphärische Winde und Grollen und aufregende Stille.

Der letzte Akt verabschiedete sich von der Bühnenfigur Callas und der Videoprojektion. Der schwarze Vorhang hob sich und wir erblickten das nachgebaute Schlafzimmer von Maria Callas, in dem sie 1977 starb. In ihrer Wohnung in Paris in der Avenue Georges Baume. Ich versuchte zu recherchieren, anhand welcher Fotografien Abramović das Schlafzimmer rekonstruierte. Ich fand nichts. Mich würden ihre Quellen sehr interessieren. Es gibt lediglich Fotografien ihrer Wohnräume. Nun sahen wir das Bett, das bislang rechts vor der Videowand stand, integriert in die Kulisse des Schlafzimmers.

Ein aristokratisches Gemach mit elfenbeinfarbenen Holzvertäfelungen, Antiquitäten und Gemälden. Die weiterhin regungslose Abramović kam nun in Bewegung und setzte sich auf. Aus dem Off wieder ihre Stimme, sie erinnerte Menschen, die ihr wichtig waren. Ihre Todesstunde. Sie richtete sich vollständig auf und verließ in langsamen Schritten die Bühne, entschwand durch die Tür. Unmittelbar danach erschienen die sieben Sopranistinnen als Dienstmädchen, die das Sterbezimmer reinigten und das Bett und die Spiegel und Möbel mit schwarzem Chiffon verhängten. Das gefiel mir sehr.

Nun erklärte sich auch die seltsame Gewandung der Sängerinnen, während ihrer Auftritte. Ich hätte ihnen dennoch für ihren großen Auftritt eine andere Garderobe zugestanden. Irene Roberts als Carmen. Diana Gouglina als Floria aus Tosca. Valeriia Savinskaia als Desdemona. Adela Zaharia als Lucia. Flurina Stucki als Norma. Antonia Ahyoung Kim als Butterfly. Mané Galoyan als Violetta Valéry aus La Traviata.

Von mir aus hätte es damit auch beendet sein dürfen, aber Abramović wollte zu gerne noch eine Callas-Performance als letztes Bild geben. Der Vorhang fiel abermals und sie erschien von links, an den Rängen vorbei, zu den Klängen der Original Aufnahme von Maria Callas der Arie Casta Diva aus Norma, mit Kopfbewegungen und Gesten Gesang andeutend. Das Goldlamé-Kleid glitzerte fast unwirklich, als sei ein Avatar auf der Bühne. Aber auch da nicht an Callas erinnernd, sondern an Abramović in ihrer Lieblingsprojektion von sich selbst. Mitten in der Arie brach der Gesang ab und es wurde dunkel. Sie verschwand. Abramović verschwand. Nicht Maria Callas. Denn das war eine andere, und diese ist nicht auszulöschen, da: unsterblich.

Trotz ihrer Unzulänglichkeiten in darstellerischer Hinsicht, ringt mir Marina Abromovićs Eigensinn und Durchsetzungsvermögen Respekt ab. Zwar wird es niemals eine in meinem Sinn veränderte Inszenierung dieses interessanten Bühnenprojekts geben, aber ich hatte Freude an der Vorstellung. Man fühlt sich auch ermuntert und inspiriert, eigene Ideen zu forcieren und umzusetzen. Sie ist der beste Beweis, dass ein ausgeprägter Wille etwas zu erschaffen, wichtiger für die Umsetzung einer Idee ist, als die wasserdichte Qualität der Substanz. Wenn’s einmal läuft. Das ist mir wirklich Inspiration, dafür danke, Frau Abramović.