04. Februar 2016

Wie bin ich drauf. Das erste mal seit Jahren, dass mich eine gmx-Meldung in jeder Hinsicht anspricht. „Nach 41 Jahren für tot erklärt“. Lord Lucian oder so ähnlich, irgendein britischer Adeliger in Schlips und Anzug, sehr gelungenes s/w-Portrait. Irgendwie bizarr und sophisticated. Karl Lagerfeld hat mal – – – wie war das – irgendwas mit Normalität – – – „ich habe kein Interesse, keine Kapazitäten — er hat es besser formuliert – ach ja, hier. Schon mal gepostet. „Ich habe kein Verlangen nach Normalität“. Verlangen. Das war es. Ein schönes Wort. Verlangen. Verlangen. Verlangen. Ich könnte darin baden.

04. Februar 2016

Wie bin ich drauf. Das erste mal seit Jahren, dass mich eine gmx-Meldung in jeder Hinsicht anspricht. „Nach 41 Jahren für tot erklärt“. Lord Lucian oder so ähnlich, irgendein britischer Adeliger in Schlips und Anzug, sehr gelungenes s/w-Portrait. Irgendwie bizarr und sophisticated. Karl Lagerfeld hat mal – – – wie war das – irgendwas mit Normalität – – – „ich habe kein Interesse, keine Kapazitäten — er hat es besser formuliert – ach ja, hier. Schon mal gepostet. „Ich habe kein Verlangen nach Normalität“. Verlangen. Das war es. Ein schönes Wort. Verlangen. Verlangen. Verlangen. Ich könnte darin baden.

28. Januar 2016

Kein Foto. Wieder nichts. Ein Tag mit enormer Kraft. Keine Metapher. Sehr wenig getrunken gestern. Länger geschlafen als sonst. Macht viel aus. Wann lerne ich endlich Maß zu halten. Hatte gestern Abend schon sehr früh Lust, einfach ins Bett zu gehen, zu dösen, ein bißchen schlummern, dann Tiefschlafphasen. Wie ein Bär geschlafen. Völlig unverkatert aufgewacht. Das müsste man halten. Ich möchte den Zustand so gerne halten. Und doch die Korken knallen lassen. Ich sitze hier schon wieder bei einem Glas, das sich wie von Zauberhand füllt, sobald es geleert wurde. Die reinste Hexerei. Ich habe ausnahmsweise die sehr alten Kristallflöten meiner Oma Alma genommen. Wieso denn Mehrzahl. Ich habe zwei davon, aber nur eine, aus der ich trinke. Da passt nicht so viel hinein, man bekommt beim derart häufigen Nachfüllen schneller den Eindruck, dass es nun langsam vielleicht genug sein könnte. Ich predige bei abendlichen Zusammenkünften gerne die hohe Kunst des „Virtuosen Trinkens“, sollte aber auch danach leben. Das bedeutet, unbedingt (erstklassigen) Alkohol zu trinken, wenn einem danach ist, aber auch an alkoholfreie Flüssigkeit dazwischen zu denken und aufzuhören, wenn die Grenze erreicht ist. Ich fürchte, ich denke mehr an alkoholfreie Flüssigkeiten als sie auch zu trinken. Ich hole mir sofort ein Glas Wasser. Moment. Erledigt. Ganz schnell heruntergekippt, wie bittere Medizin. Dabei tut es so gut. Und jetzt wieder das andere Glas. Ich trinke auf Alma. Meine Oma Alma. Und auf Mek. Der hat heute Geburtstag. Ich habe auf seiner fb-timeline behauptet, ich würde ein Glas auf ihn trinken. „Nein. zwei.“ Das kann ich nicht einfach nur dahin tippen. Also virtuos trinken bedeutet, man trinkt so tänzerisch durchchoreographiert, bis man rechtschaffen müde und beschwingt in die Federn sinkt, aber nicht derart hochkonzentriert, und natürlich schon gar nicht durcheinander, dass man am nächsten Tag womöglich einen schweren Kopf hat oder den Kater nicht einmal mit 5 x 2 Aspirin im Zweistundenrhythmus in den Griff kriegt. Virtuos bedeutet, mit maximalem Genuss und irgendwie hemmungslos zu trinken, bis man erotisiert ins Schlafzimmer wankt taum tanzt. Und am nächsten Tag, ich meine natürlich Abend, kann man schon wieder trinken. Ohne Berührungsängste. Ohne Probleme. Denn wenn es anders wäre, hätte man ein ernsthaftes Alkoholproblem. Und das möchte man doch nicht. Gerne möchte ich morgen Abend weiter trinken. Im Moment hat auch dauernd jemand auf facebook Geburtstag, das nimmt gar kein Ende. Morgen Abend möchte ich wirklich gut drauf sein und auch so aussehen. Das hängt ja auch noch zusammen. Schlafen, ausreichend Trinken. Weiß man ja. Jetzt fällt mir wieder ein, wieso ich gestern keine Lust hatte, etwas zu trinken, oder kaum. Mir war nicht schlecht, ich war ganz gut beieinander. Ich hatte weder Lust weiter im Internet zu lesen, noch in einem Buch, sondern machte den Fernseher an. Da kam auf Vox eine Sendung über Auswanderer, Goodbye Deutschland, so eine Serie. Die meisten wandern nach Mallorca aus, wie es scheint. Und da war eine Frau die auf der Bauchbinde als Alter 43 hatte. Ich bin erschrocken. Sehr braun gebrannt. Die Sonne oder vielleicht auch das Solarium oder beides hat Spuren hinterlassen. In der Dokumentation hat sie zwei verschiedene Männer getroffen, ungefähr zehn Jahre jünger. Eine Fitnesstrainerin. Seit fünf Jahren auf der Suche nach einem Gefährten, Liebhaber oder so ähnlich. Womit sie natürlich nicht unrecht hat, ist die Aussage, dass man Sex an jeder Ecke haben kann, aber Sex mit jemandem, den man liebt, das sei die Hohe Kunst. Große Neuigkeiten. Ja, ja. Schon mal gehört. Stimmt natürlich, wenn man mit sich umzugehen weiß. Wobei Herzensneigung und sexuelle Attraktion nicht unbedingt etwas mteinander zu tun haben. Wenn es zusammenkommt, handelt es sich in der Tat um einen Sechser im Lotto. Bevor ich jetzt noch weitere abgedroschene Binsen hier präsentiere, trinke ich lieber noch eine Kleinigkeit. Nur einen winzigen Schluck. Geht ja fast nichts hinein, in diese filigranen Kristallgläser. Das kann keine Sünde sein. Wie die Liebe. Usw. usf. Dass sie mir gerne Zarah-Leander-Lieder vorgesungen hat, hab ich schon mal erzählt, oder? Bestimmt. Gute Nacht, Alma. Gute Nacht, Leser. Gute Nacht.

02. Februar 2016

https://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=261948265


Bei diesem Beitrag war ich immerhin schon am weitesten. Einige Aufnahmen aus der umfangreichen Strecke ausgewählt. Den Embed-Code für die jeweiligen Bilder eingefügt, die Bildgröße für den Blogeintrag angepasst. Breite 386 Pixel. Seither ruhte der Eintrag unter den Entwürfen. Neben einigen anderen, die nicht ganz so weit fortgeschritten waren, sind. Seit Wochen, bald Monaten, will sich der drängende Impuls nicht einstellen, die Bilder hier zu posten und etwas dazu zu schreiben. Obgleich ich mit großem Elan bei diesem Konzert war. Und noch dazu ein gewissermaßen Aha-Erlebnis hatte. Normalerweise erwarte ich nicht, dass der Hauptprotagonist eines Abends, eines Konzertes, zumal wenn es sich um mehr als Lokalprominenz handelt, ausgesucht auf meine Anwesenheit reagiert. Wie ich auf seine. Es ist ja nun ausgesucht, wenn ich irgendwo hingehe und die Kamera dabeihabe, bewusst den Akku geladen habe, damit ich Aufnahmen machen kann. Das ist ja alles nicht ausgewürfelt oder Zufall. Viel mehr war es eine zufällige Angelegenheit, dass ich in den Tagen vor dem Konzert auf der Website vom A-Trane war, diesem besonders schönen, viele sagen ‚legendären‚ Jazz-Club in Charlottenburg, in dem ich zwar in den letzten dreißig Jahren schon einige Male war, dessen Programm ich aber nicht dauernd verfolge. Ich bin auch insgesamt sehr wählerisch, wann und warum und ob ich überhaupt irgendwohin gehe. Ich kriege es nicht mehr zusammen, wieso ich im November auf der Seite war. Aber mir stach sofort das Foto von Dominic Miller ins Auge, ich hatte einen elektrischen Impuls. Erst eine ganze Weile später wurde mir bewusst, dass es sich um diesen Gitarristen handelt, dem die prägnanten Gitarrenakkorde in den Stücken von Sting zu verdanken sind. Dessen Gesamtwerk ich im übrigen in keinster Weise studiert habe, ich besitze kein einziges seiner Soloalben (und von Police auch nur die für mich nostalgisch-sentimental besetzte Outlandos d’Amour-Scheibe mit dem geliebten Roxanne). Vieles ist mir zu beliebig, nicht zwingend genug. Für meine Begriffe ist Stings „I’m an Englishman in New York“ eines der grauenhaftesten Lieder der Musikgeschichte, ein langweilig dahinplätscherndes Gedudel sondergleichen, eine x-beliebige Melodie ohne Dramaturgie und Spannung. Damit kann man mich foltern. Doch hin und wieder nehme ich durch einen Zufall irgendetwas von ihm mehr als gelangweilt oder wohlwollend zur Kenntnis. Nebenbei finde ich ihn äußerst sympathisch und durchaus viril. Im Zuge dessen hatte ich vor einiger Zeit sehr angetan dieses Video entdeckt und verlinkt, in dem auch Dominic Miller zu sehen ist. Und zwar mehr, als nur ein aus Gründen des professionellen Respekts geduldeter Begleitmusiker am äußersten Bildrand, neben dem vom Scheinwerfer geküssten Superstar. Ich mochte und mag die Intimität in diesem Video, die private Atmosphäre des Settings, die Augenhöhe. Und ich mag die beiden in diesem Video als Menschen und nichtzuletzt auch sehr als Männer. Sehr attraktiv und sinnlich, sensitiv, beide. Dominic Miller begleitet Sting seit mittlerweile mehr als drei Jahrzehnten kontinuierlich auf den Bühnen der Welt und bei der Entstehung seiner Songs. So ist eine Freundschaft entstanden. Beinah jeder kennt Fragile. Dieses Kleinod von 1987 ist auch Dominic Millers Werk, seine überaus behutsame Gitarre. Als ich mich am zehnten November letzten Jahres in die Schlange vor dem Eingang einreihte, hatte ich aber eher dieses Schlaflied von Dominic Miller im Kopf, eine Verneigung vor den Kompositionen für Gitarre von Johann Sebastian Bach. Miller hat eine klassische Ausbildung genossen, und danach mit äußerster Virtuosität sein Repertoire ins Grenzenlose erweitert. Ich muss zugeben, ich hatte nicht damit gerechnet, dass er eine solche Menge von Konzertbesuchern anlocken würde, aber was weiß ich denn. Ich fand zunächst in Türnähe einen Stehplatz. Sämtliche Sitzplätze waren reserviert und belegt. Ein Trio von Männern im mittleren Alter (aber vermutlich etwas jünger als ich) bot mir einen vierten Platz an einem Tisch mit einem Barhocker an, ich nahm ihn dankend an. Auch deswegen dankbar, weil ich die Kamera auf der hölzernen Balustrade absetzen konnte und damit die Kamera stabilisieren. Ich ließ mir ein Jever bringen, in einem passenden Glas. Als die Musiker die Bühne betraten, war die Begeisterung im Publikum geradezu furios. Alles, was wir nun hörten, wurde dem gerecht. Ich war hin und weg von der Brillianz des Klanges, der Tontechnik des A-Trane. Aber auch jeder Ton jedes Stückes war vollendet, ich kannte die wenigsten. Es war unerwartet hypnotisch. Crossover, der nicht wie ein Gemischtwarenladen aus prätentiöser Tonakrobatik aus aller Herren Länder daherkam, sondern ein gleichermaßen filigran wie ekstatisch gestuftes Tongewebe. Absolut virtuos. Es gab keinen Stargitarristen, der sich begleiten lässt, es spielte keine Rolle, wer welchen Ton an welchem Instrument herstellte, alleine der Gottesdienst am zauberhaften Klang zählte. Dann gab es eine Pause. Ich wechselte den Platz, bewegte mich in den hinteren Bereich, wo es auch nicht weit zu den Toiletten ist. Und zur Künstlergarderobe, wie ich bald lernte.

Wegen der Pause war es nicht mehr so dicht gedrängt auf der Couch links von der Bühne, ich setzte mich auf die gepolsterte Armlehne und wollte sofort aufstehen, als ein Mann zurück kam, der dort seinen Platz neben ein paar Freundinnen hatte. Alle sehr nett, lächelten mich warm an, er aber nicht doch, wenn ich mich ausruhen möchte, gerne… Ich hatte die Tür zu den Toiletten im Blick, sie ging dauernd auf und zu, ich hatte den Eindruck, dass da noch etwas anderes vor sich ging. Ich hatte schon das dritte Jever und musste sowieso mal. Rechts, gegenüber vom Damenklo stand die Tür auf. Vier blendend gelaunte Männer standen herum und schienen sich launige Geschichten zu erzälen, es wurde geschäkert und gelacht. Die Musiker. Rechts von mir im Türrahmen Dominic Miller. THIS is interesting! entfuhr es mir. Vier Männerköpfe drehten sich zu mir und schauten amüsiert und man könnte sagen, interessiert. Ich öffnete kurz die Tür zum Damenklo und schloss sie wieder, denn wie üblich war alles belegt, man stand bereits an, es war recht eng. Da konnte ich auch vor der Tür warten. Ich spielte zum Zeitvertreib mit der Kamera rum und natürlich auch, um vielleicht ganz zufällig irgendein Bild zu machen, Richtung Garderobe versteht sich. Diese Männer sahen nicht aus, als ob sie mir etwas verübeln könnten. Mike Lindup, der Sänger und Keyboarder kam aus der Garderobe und gab sich Kamera-interessiert, ob das die Soundso-Lumix wäre. Er nannte irgendeine Modellnummer, ich war in dem Moment wirklich überfragt, ich merke mir das auch nicht, nach einer Weile der Dauerbenutzung, gehen mir die Bezeichnungen verloren, es ist mir einfach egal. Aber er sah auch nicht aus, als ob er sich wirklich über meine Kamera unterhalten wollte. Ich musste lachen, das war so ungelenk aber doch charmant und ich drohte ihm, ihn zu paparazzen, er ging brav zurück in die Garderobe, ich schaute wieder auf dem Damenklo, ob sich mittlerweile etwas getan hätte, kam wieder zurück, Schulter zuckend. Dominic Miller fixierte mich und wurde aktiv. Er kam aus der Garderobe, noch ein bißchen näher, als zuvor sein Freund, aber nicht zu nah, und sah mich sehr ernst an. Ich war äußerst gespannt, was nun kommen würde. Er wirkte ein bißchen schüchtern aber dennoch forsch. Er meinte, ich sollte es mal mit der Herrentoilette versuchen. „It’s the best thing, you can do. BELIEVE ME.“ Er musste mich gar nicht lange überreden, ich praktiziere das ohnehin häufiger, wenn mir die Schlange im Damenklo zu lang ist, und das ist sie oft. Mein Gott, wie er mich dabei ansah. Ich war hin und weg. So ernst. Man hätte denken können, gleich hält er um meine Hand an. Aber ich war auch leicht betrunken. Ich ging also aufs Herrenklo, da war gerade der Bassist mit seinem Geschäft fertig und wusch sich die Hände, irritiert lächelnd fragt er mich, ob er die Toiletten verwechselt hat. Nein, nein, no, no, don’t worry, everthing’s fine. Ich musste – wie erwartet – überhaupt nicht warten und war auch gleich fertig. Als ich die Tür öffne, schauen mich Mike Lindup und Dominic Miller erwartungsvoll an, Miller kommt wieder aus der Garderobe und erkundigt sich, ob es in Ordnung war, alles okay? Perfect. I told you. Er schaut mir noch ein bißchen in die Augen und ich will den Betrieb nicht aufhalten, das Konzert muss ja weiter gehen, die Meute wartet schon. Ich suchte mir einen strategisch guten Platz, nah an der Bühne, aber sehr seitlich. Ich fotografierte und tänzelte diskret herum. Ich beobachtete, dass Dominic Miller registriert hatte, wo ich mit der Kamera war. Ich stand hinter Mike Lindup und seinem Keyboard. Hier war der Klang noch hervorragender. Miller erzählte zwischen den Stücken launige Geschichten und erwähnte – in keinster Weise beiläufig – , dass er fünf oder sechs Kinder hat. Jedenfalls sehr viele, und wehrte mit gespielter Bescheidenheit den Applaus ab. Allerhand. Für die will gesorgt werden. Sicher gibt es auch eine Mutter. Oder mehrere. Jedenfalls scheint es sich um einen sinnenfreudigen Mann zu handeln. Er erinnerte mich auch ein bißchen an meinen allerersten Liebhaber. Was mir so alles durch den Kopf ging, während ich fotografierte und mich die Musik in sonstwelche Sphären beamte. Für solche Subtexte ist immer Raum. Mir ging durch den Kopf in welchen Garderoben ich in den letzten Jahren war, wie familiär sich dieser Backstage-Bereich anfühlt, wie sich sofort ein Gefühl von Vertrauen einstellt. Nicht im Publikum, und wenn, dann immer dann, wenn ich einen Musiker rieche. Ich glaube, ich sehe, ob einer Gitarren in seiner Wohnung hat. Und vielleicht spüren die Jungs das. In dem Moment dachte ich, ich sollte wieder viel öfter zu Konzerten gehen, Live-Musik hören. Während die Gedanken schwingten, fiel mir plötzlich meine Sonnenbrille ein, meine Kälteschutzbrille, die ich vor allem im Winter trage, noch mehr als im Sommer. Hatte ich sie nicht vorhin noch, als ich auf der Sofalehne saß? Nun stand ich drei Meter weiter, an der Bühne und sie war nicht mehr bei mir. Mein Blick scannte die Ecke mit dem Sofa und ich sah sie auf dem Tisch. Die Damen und der Herr von vorhin sahen meinen suchenden Blick und deuteten darauf. Ich freute mich, und angelte peitschenschnell mit dem langen Arm quer nach unten zum Tisch, um die schwarze Brille aufzuklauben. Möglich, dass es irgendwie lustig aussah, zumindest war es wohl ein unerwarteter Bewegungsablauf innerhalb des andächtigen Publikums. Als ich die Brille greife, sehe ich Dominic Miller um Konzentration ringen, er sieht aus, als ob er sich das Lachen verkneifen muss und wirkt überhaupt insgesamt äußerst amüsiert. Ich bin ein bißchen verliebt. Ab da war ich wieder artig. Niemand wurde in seinem Bewegungsspielraum beeinträchtigt. Ich bildete mir ein, dass mich das Publikum taxiert und sich irgendwelche Gedanken macht. Aber sicher nicht mehr als ich. Nach einigen Zugaben und schier nicht enden wollendem Beifall gingen die Herren von der Bühne, Miller musste an mir vorbei, hielt kurz inne und schaute mich wieder auf eine Art an, dass mir leicht anders wurde. Ich sagte leise „it was – – really – great“. Und er hypnotisiert mich noch ein letztes mal und flüstert zugeneigt „…yes…..??“.






Die Reihen leerten sich langsam, aber es war noch immer sehr voll. Ich wusste, dass die Jungs nun erst einmal tief Luft holen würden und ein Bier in der Garderobe trinken, sich den Schweiß von der Stirn wischen. Und dann vielleicht einige Zeit später an die Bar kämen. Ich war ein bißchen durcheinander. Und wenn ich dann noch da wäre. Und dann. Herrje. Ich wollte gar nicht weiterdenken. Ich ging zum Ausgang in die Nacht. So kurz kam mir die S-Bahnfahrt vom Savignyplatz zum Hackeschen Markt noch nie vor. Dominic Miller hat ein paar Tage später ein Foto von dem Abend aus dieser Reihe getwittert, da waren sie schon längst in weiter Ferne, irgendwo in Belgien oder in Amsterdam oder… oder



02. Februar 2016

https://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=261948265


Bei diesem Beitrag war ich immerhin schon am weitesten. Einige Aufnahmen aus der umfangreichen Strecke ausgewählt. Den Embed-Code für die jeweiligen Bilder eingefügt, die Bildgröße für den Blogeintrag angepasst. Breite 386 Pixel. Seither ruhte der Eintrag unter den Entwürfen. Neben einigen anderen, die nicht ganz so weit fortgeschritten waren, sind. Seit Wochen, bald Monaten, will sich der drängende Impuls nicht einstellen, die Bilder hier zu posten und etwas dazu zu schreiben. Obgleich ich mit großem Elan bei diesem Konzert war. Und noch dazu ein gewissermaßen Aha-Erlebnis hatte. Normalerweise erwarte ich nicht, dass der Hauptprotagonist eines Abends, eines Konzertes, zumal wenn es sich um mehr als Lokalprominenz handelt, ausgesucht auf meine Anwesenheit reagiert. Wie ich auf seine. Es ist ja nun ausgesucht, wenn ich irgendwo hingehe und die Kamera dabeihabe, bewusst den Akku geladen habe, damit ich Aufnahmen machen kann. Das ist ja alles nicht ausgewürfelt oder Zufall. Viel mehr war es eine zufällige Angelegenheit, dass ich in den Tagen vor dem Konzert auf der Website vom A-Trane war, diesem besonders schönen, viele sagen ‚legendären‚ Jazz-Club in Charlottenburg, in dem ich zwar in den letzten dreißig Jahren schon einige Male war, dessen Programm ich aber nicht dauernd verfolge. Ich bin auch insgesamt sehr wählerisch, wann und warum und ob ich überhaupt irgendwohin gehe. Ich kriege es nicht mehr zusammen, wieso ich im November auf der Seite war. Aber mir stach sofort das Foto von Dominic Miller ins Auge, ich hatte einen elektrischen Impuls. Erst eine ganze Weile später wurde mir bewusst, dass es sich um diesen Gitarristen handelt, dem die prägnanten Gitarrenakkorde in den Stücken von Sting zu verdanken sind. Dessen Gesamtwerk ich im übrigen in keinster Weise studiert habe, ich besitze kein einziges seiner Soloalben (und von Police auch nur die für mich nostalgisch-sentimental besetzte Outlandos d’Amour-Scheibe mit dem geliebten Roxanne). Vieles ist mir zu beliebig, nicht zwingend genug. Für meine Begriffe ist Stings „I’m an Englishman in New York“ eines der grauenhaftesten Lieder der Musikgeschichte, ein langweilig dahinplätscherndes Gedudel sondergleichen, eine x-beliebige Melodie ohne Dramaturgie und Spannung. Damit kann man mich foltern. Doch hin und wieder nehme ich durch einen Zufall irgendetwas von ihm mehr als gelangweilt oder wohlwollend zur Kenntnis. Nebenbei finde ich ihn äußerst sympathisch und durchaus viril. Im Zuge dessen hatte ich vor einiger Zeit sehr angetan dieses Video entdeckt und verlinkt, in dem auch Dominic Miller zu sehen ist. Und zwar mehr, als nur ein aus Gründen des professionellen Respekts geduldeter Begleitmusiker am äußersten Bildrand, neben dem vom Scheinwerfer geküssten Superstar. Ich mochte und mag die Intimität in diesem Video, die private Atmosphäre des Settings, die Augenhöhe. Und ich mag die beiden in diesem Video als Menschen und nichtzuletzt auch sehr als Männer. Sehr attraktiv und sinnlich, sensitiv, beide. Dominic Miller begleitet Sting seit mittlerweile mehr als drei Jahrzehnten kontinuierlich auf den Bühnen der Welt und bei der Entstehung seiner Songs. So ist eine Freundschaft entstanden. Beinah jeder kennt Fragile. Dieses Kleinod von 1987 ist auch Dominic Millers Werk, seine überaus behutsame Gitarre. Als ich mich am zehnten November letzten Jahres in die Schlange vor dem Eingang einreihte, hatte ich aber eher dieses Schlaflied von Dominic Miller im Kopf, eine Verneigung vor den Kompositionen für Gitarre von Johann Sebastian Bach. Miller hat eine klassische Ausbildung genossen, und danach mit äußerster Virtuosität sein Repertoire ins Grenzenlose erweitert. Ich muss zugeben, ich hatte nicht damit gerechnet, dass er eine solche Menge von Konzertbesuchern anlocken würde, aber was weiß ich denn. Ich fand zunächst in Türnähe einen Stehplatz. Sämtliche Sitzplätze waren reserviert und belegt. Ein Trio von Männern im mittleren Alter (aber vermutlich etwas jünger als ich) bot mir einen vierten Platz an einem Tisch mit einem Barhocker an, ich nahm ihn dankend an. Auch deswegen dankbar, weil ich die Kamera auf der hölzernen Balustrade absetzen konnte und damit die Kamera stabilisieren. Ich ließ mir ein Jever bringen, in einem passenden Glas. Als die Musiker die Bühne betraten, war die Begeisterung im Publikum geradezu furios. Alles, was wir nun hörten, wurde dem gerecht. Ich war hin und weg von der Brillianz des Klanges, der Tontechnik des A-Trane. Aber auch jeder Ton jedes Stückes war vollendet, ich kannte die wenigsten. Es war unerwartet hypnotisch. Crossover, der nicht wie ein Gemischtwarenladen aus prätentiöser Tonakrobatik aus aller Herren Länder daherkam, sondern ein gleichermaßen filigran wie ekstatisch gestuftes Tongewebe. Absolut virtuos. Es gab keinen Stargitarristen, der sich begleiten lässt, es spielte keine Rolle, wer welchen Ton an welchem Instrument herstellte, alleine der Gottesdienst am zauberhaften Klang zählte. Dann gab es eine Pause. Ich wechselte den Platz, bewegte mich in den hinteren Bereich, wo es auch nicht weit zu den Toiletten ist. Und zur Künstlergarderobe, wie ich bald lernte.

Wegen der Pause war es nicht mehr so dicht gedrängt auf der Couch links von der Bühne, ich setzte mich auf die gepolsterte Armlehne und wollte sofort aufstehen, als ein Mann zurück kam, der dort seinen Platz neben ein paar Freundinnen hatte. Alle sehr nett, lächelten mich warm an, er aber nicht doch, wenn ich mich ausruhen möchte, gerne… Ich hatte die Tür zu den Toiletten im Blick, sie ging dauernd auf und zu, ich hatte den Eindruck, dass da noch etwas anderes vor sich ging. Ich hatte schon das dritte Jever und musste sowieso mal. Rechts, gegenüber vom Damenklo stand die Tür auf. Vier blendend gelaunte Männer standen herum und schienen sich launige Geschichten zu erzälen, es wurde geschäkert und gelacht. Die Musiker. Rechts von mir im Türrahmen Dominic Miller. THIS is interesting! entfuhr es mir. Vier Männerköpfe drehten sich zu mir und schauten amüsiert und man könnte sagen, interessiert. Ich öffnete kurz die Tür zum Damenklo und schloss sie wieder, denn wie üblich war alles belegt, man stand bereits an, es war recht eng. Da konnte ich auch vor der Tür warten. Ich spielte zum Zeitvertreib mit der Kamera rum und natürlich auch, um vielleicht ganz zufällig irgendein Bild zu machen, Richtung Garderobe versteht sich. Diese Männer sahen nicht aus, als ob sie mir etwas verübeln könnten. Mike Lindup, der Sänger und Keyboarder kam aus der Garderobe und gab sich Kamera-interessiert, ob das die Soundso-Lumix wäre. Er nannte irgendeine Modellnummer, ich war in dem Moment wirklich überfragt, ich merke mir das auch nicht, nach einer Weile der Dauerbenutzung, gehen mir die Bezeichnungen verloren, es ist mir einfach egal. Aber er sah auch nicht aus, als ob er sich wirklich über meine Kamera unterhalten wollte. Ich musste lachen, das war so ungelenk aber doch charmant und ich drohte ihm, ihn zu paparazzen, er ging brav zurück in die Garderobe, ich schaute wieder auf dem Damenklo, ob sich mittlerweile etwas getan hätte, kam wieder zurück, Schulter zuckend. Dominic Miller fixierte mich und wurde aktiv. Er kam aus der Garderobe, noch ein bißchen näher, als zuvor sein Freund, aber nicht zu nah, und sah mich sehr ernst an. Ich war äußerst gespannt, was nun kommen würde. Er wirkte ein bißchen schüchtern aber dennoch forsch. Er meinte, ich sollte es mal mit der Herrentoilette versuchen. „It’s the best thing, you can do. BELIEVE ME.“ Er musste mich gar nicht lange überreden, ich praktiziere das ohnehin häufiger, wenn mir die Schlange im Damenklo zu lang ist, und das ist sie oft. Mein Gott, wie er mich dabei ansah. Ich war hin und weg. So ernst. Man hätte denken können, gleich hält er um meine Hand an. Aber ich war auch leicht betrunken. Ich ging also aufs Herrenklo, da war gerade der Bassist mit seinem Geschäft fertig und wusch sich die Hände, irritiert lächelnd fragt er mich, ob er die Toiletten verwechselt hat. Nein, nein, no, no, don’t worry, everthing’s fine. Ich musste – wie erwartet – überhaupt nicht warten und war auch gleich fertig. Als ich die Tür öffne, schauen mich Mike Lindup und Dominic Miller erwartungsvoll an, Miller kommt wieder aus der Garderobe und erkundigt sich, ob es in Ordnung war, alles okay? Perfect. I told you. Er schaut mir noch ein bißchen in die Augen und ich will den Betrieb nicht aufhalten, das Konzert muss ja weiter gehen, die Meute wartet schon. Ich suchte mir einen strategisch guten Platz, nah an der Bühne, aber sehr seitlich. Ich fotografierte und tänzelte diskret herum. Ich beobachtete, dass Dominic Miller registriert hatte, wo ich mit der Kamera war. Ich stand hinter Mike Lindup und seinem Keyboard. Hier war der Klang noch hervorragender. Miller erzählte zwischen den Stücken launige Geschichten und erwähnte – in keinster Weise beiläufig – , dass er fünf oder sechs Kinder hat. Jedenfalls sehr viele, und wehrte mit gespielter Bescheidenheit den Applaus ab. Allerhand. Für die will gesorgt werden. Sicher gibt es auch eine Mutter. Oder mehrere. Jedenfalls scheint es sich um einen sinnenfreudigen Mann zu handeln. Er erinnerte mich auch ein bißchen an meinen allerersten Liebhaber. Was mir so alles durch den Kopf ging, während ich fotografierte und mich die Musik in sonstwelche Sphären beamte. Für solche Subtexte ist immer Raum. Mir ging durch den Kopf in welchen Garderoben ich in den letzten Jahren war, wie familiär sich dieser Backstage-Bereich anfühlt, wie sich sofort ein Gefühl von Vertrauen einstellt. Nicht im Publikum, und wenn, dann immer dann, wenn ich einen Musiker rieche. Ich glaube, ich sehe, ob einer Gitarren in seiner Wohnung hat. Und vielleicht spüren die Jungs das. In dem Moment dachte ich, ich sollte wieder viel öfter zu Konzerten gehen, Live-Musik hören. Während die Gedanken schwingten, fiel mir plötzlich meine Sonnenbrille ein, meine Kälteschutzbrille, die ich vor allem im Winter trage, noch mehr als im Sommer. Hatte ich sie nicht vorhin noch, als ich auf der Sofalehne saß? Nun stand ich drei Meter weiter, an der Bühne und sie war nicht mehr bei mir. Mein Blick scannte die Ecke mit dem Sofa und ich sah sie auf dem Tisch. Die Damen und der Herr von vorhin sahen meinen suchenden Blick und deuteten darauf. Ich freute mich, und angelte peitschenschnell mit dem langen Arm quer nach unten zum Tisch, um die schwarze Brille aufzuklauben. Möglich, dass es irgendwie lustig aussah, zumindest war es wohl ein unerwarteter Bewegungsablauf innerhalb des andächtigen Publikums. Als ich die Brille greife, sehe ich Dominic Miller um Konzentration ringen, er sieht aus, als ob er sich das Lachen verkneifen muss und wirkt überhaupt insgesamt äußerst amüsiert. Ich bin ein bißchen verliebt. Ab da war ich wieder artig. Niemand wurde in seinem Bewegungsspielraum beeinträchtigt. Ich bildete mir ein, dass mich das Publikum taxiert und sich irgendwelche Gedanken macht. Aber sicher nicht mehr als ich. Nach einigen Zugaben und schier nicht enden wollendem Beifall gingen die Herren von der Bühne, Miller musste an mir vorbei, hielt kurz inne und schaute mich wieder auf eine Art an, dass mir leicht anders wurde. Ich sagte leise „it was – – really – great“. Und er hypnotisiert mich noch ein letztes mal und flüstert zugeneigt „…yes…..??“.






Die Reihen leerten sich langsam, aber es war noch immer sehr voll. Ich wusste, dass die Jungs nun erst einmal tief Luft holen würden und ein Bier in der Garderobe trinken, sich den Schweiß von der Stirn wischen. Und dann vielleicht einige Zeit später an die Bar kämen. Ich war ein bißchen durcheinander. Und wenn ich dann noch da wäre. Und dann. Herrje. Ich wollte gar nicht weiterdenken. Ich ging zum Ausgang in die Nacht. So kurz kam mir die S-Bahnfahrt vom Savignyplatz zum Hackeschen Markt noch nie vor. Dominic Miller hat ein paar Tage später ein Foto von dem Abend aus dieser Reihe getwittert, da waren sie schon längst in weiter Ferne, irgendwo in Belgien oder in Amsterdam oder… oder



28. Januar 2016

Kein Foto. Wieder nichts. Ein Tag mit enormer Kraft. Keine Metapher. Sehr wenig getrunken gestern. Länger geschlafen als sonst. Macht viel aus. Wann lerne ich endlich Maß zu halten. Hatte gestern Abend schon sehr früh Lust, einfach ins Bett zu gehen, zu dösen, ein bißchen schlummern, dann Tiefschlafphasen. Wie ein Bär geschlafen. Völlig unverkatert aufgewacht. Das müsste man halten. Ich möchte den Zustand so gerne halten. Und doch die Korken knallen lassen. Ich sitze hier schon wieder bei einem Glas, das sich wie von Zauberhand füllt, sobald es geleert wurde. Die reinste Hexerei. Ich habe ausnahmsweise die sehr alten Kristallflöten meiner Oma Alma genommen. Wieso denn Mehrzahl. Ich habe zwei davon, aber nur eine, aus der ich trinke. Da passt nicht so viel hinein, man bekommt beim derart häufigen Nachfüllen schneller den Eindruck, dass es nun langsam vielleicht genug sein könnte. Ich predige bei abendlichen Zusammenkünften gerne die hohe Kunst des „Virtuosen Trinkens“, sollte aber auch danach leben. Das bedeutet, unbedingt (erstklassigen) Alkohol zu trinken, wenn einem danach ist, aber auch an alkoholfreie Flüssigkeit dazwischen zu denken und aufzuhören, wenn die Grenze erreicht ist. Ich fürchte, ich denke mehr an alkoholfreie Flüssigkeiten als sie auch zu trinken. Ich hole mir sofort ein Glas Wasser. Moment. Erledigt. Ganz schnell heruntergekippt, wie bittere Medizin. Dabei tut es so gut. Und jetzt wieder das andere Glas. Ich trinke auf Alma. Meine Oma Alma. Und auf Mek. Der hat heute Geburtstag. Ich habe auf seiner fb-timeline behauptet, ich würde ein Glas auf ihn trinken. „Nein. zwei.“ Das kann ich nicht einfach nur dahin tippen. Also virtuos trinken bedeutet, man trinkt so tänzerisch durchchoreographiert, bis man rechtschaffen müde und beschwingt in die Federn sinkt, aber nicht derart hochkonzentriert, und natürlich schon gar nicht durcheinander, dass man am nächsten Tag womöglich einen schweren Kopf hat oder den Kater nicht einmal mit 5 x 2 Aspirin im Zweistundenrhythmus in den Griff kriegt. Virtuos bedeutet, mit maximalem Genuss und irgendwie hemmungslos zu trinken, bis man erotisiert ins Schlafzimmer wankt taum tanzt. Und am nächsten Tag, ich meine natürlich Abend, kann man schon wieder trinken. Ohne Berührungsängste. Ohne Probleme. Denn wenn es anders wäre, hätte man ein ernsthaftes Alkoholproblem. Und das möchte man doch nicht. Gerne möchte ich morgen Abend weiter trinken. Im Moment hat auch dauernd jemand auf facebook Geburtstag, das nimmt gar kein Ende. Morgen Abend möchte ich wirklich gut drauf sein und auch so aussehen. Das hängt ja auch noch zusammen. Schlafen, ausreichend Trinken. Weiß man ja. Jetzt fällt mir wieder ein, wieso ich gestern keine Lust hatte, etwas zu trinken, oder kaum. Mir war nicht schlecht, ich war ganz gut beieinander. Ich hatte weder Lust weiter im Internet zu lesen, noch in einem Buch, sondern machte den Fernseher an. Da kam auf Vox eine Sendung über Auswanderer, Goodbye Deutschland, so eine Serie. Die meisten wandern nach Mallorca aus, wie es scheint. Und da war eine Frau die auf der Bauchbinde als Alter 43 hatte. Ich bin erschrocken. Sehr braun gebrannt. Die Sonne oder vielleicht auch das Solarium oder beides hat Spuren hinterlassen. In der Dokumentation hat sie zwei verschiedene Männer getroffen, ungefähr zehn Jahre jünger. Eine Fitnesstrainerin. Seit fünf Jahren auf der Suche nach einem Gefährten, Liebhaber oder so ähnlich. Womit sie natürlich nicht unrecht hat, ist die Aussage, dass man Sex an jeder Ecke haben kann, aber Sex mit jemandem, den man liebt, das sei die Hohe Kunst. Große Neuigkeiten. Ja, ja. Schon mal gehört. Stimmt natürlich, wenn man mit sich umzugehen weiß. Wobei Herzensneigung und sexuelle Attraktion nicht unbedingt etwas mteinander zu tun haben. Wenn es zusammenkommt, handelt es sich in der Tat um einen Sechser im Lotto. Bevor ich jetzt noch weitere abgedroschene Binsen hier präsentiere, trinke ich lieber noch eine Kleinigkeit. Nur einen winzigen Schluck. Geht ja fast nichts hinein, in diese filigranen Kristallgläser. Das kann keine Sünde sein. Wie die Liebe. Usw. usf. Dass sie mir gerne Zarah-Leander-Lieder vorgesungen hat, hab ich schon mal erzählt, oder? Bestimmt. Gute Nacht, Alma. Gute Nacht, Leser. Gute Nacht.

23. Januar 2016

Seductive. Verführerisch, wunderbare Erotik. Zufällig entdeckt. Die ersten vier Takte Walk on by, aber dann ein ganz eigenes Werk mit lässigen Bacharachzitaten und einer großartigen männlichen Stimme. Ein Erfolg aus der Jahrtausendwende der London-based Band Cousteau. Vornehmlich – außer in Großbritannien – in Italien und den USA, lese ich. Zu verdanken der Verwendung in italienischen und amerikanischen Werbeclips. Heute zum ersten mal gehört. Aus irgendeinem Grund erinnerte ich mich heute nach dem Aufwachen an eine Begegnung auf einem Schiff. Vor fast sechsundzwanzig Jahren, 1990. Ich war auf dem Weg von Harwich nach Hoek van Holland, nach einer Woche, die mich neben London, vor allem durch Wales geführt hatte, auf den Spuren von Dylan Thomas. Zunächst nach Swansea und dann nach Carmarthen, wo er in Laugharne, in seinem entlegenen Boat House in einer Bucht, mit Blick auf die Gezeiten, an der Küste lebte. Ich fuhr damals mit dem Schiff, beginnend mit einer Zugfahrt von Berlin nach Rotterdam, Hoek van Holland und dann einem Wechsel zur Fähre Richtung England. Harwich heißt der Hafen, Grafschaft Essex. Von da mit dem Zug nach London, und nach einer Übernachtung in einer Absteige am Kings Cross von Paddington nach Wales. Und genauso zurück. Mit Eindrücken und zwei Büchern, die ich im Boat House kaufte, über die Liebesgeschichte von Dylan und seiner Frau und noch ein anderes. Und Audio-Kassetten mit Lesungen, Aufnahmen seiner beseelt vibrierenden Stimme. Do not go gentle into that good night. Ich war verliebt in seine exzessive Empfindsamkeit und so war es eine Art Pilgerfahrt. In der Westminster Abbey interessierte mich nur die Gedenkplatte mit seinem Namen. Ich fand sofort die Tafeln von Shakespeare und Elizabeth Barrett-Browning und ihrem Mann Robert Browning in der Poet’s Corner. Die steinern aufgebahrte Mary Queen of Scots nicht weit davon, aber Dylans Gedenktafel fand ich nicht. So fragte ich doch endlich nach längerem Suchen einen Wärter, ob er mir bei der Suche helfen könnte. „Excuse me – I’m looking for Dylan Thomas‘ memorial, it must be somewhere here in the Poet’s Corner, but I just can’t find it…!?“. Der uniformierte Wärter hört mir aufmerksam zu und beginnt zu schmunzeln, während er mir rät: „Just look at your feet.“ Ich stand mit den Füßen auf einer schwarzen Marmorplatte mit einer Gravur
DYLAN THOMAS
27 October 1914
9 November 1953
Time held me green and dying
Though I sang in my chains like the sea
Buried at Laugharne
.
Ich blickte ungläubig auf den Boden. Die Westminster Abbey wird mir immer in Erinnerung bleiben. Nach zwei, drei Tagen im beschaulichen Dörflein Laugharne fuhr ich mit dem Zug wieder zurück nach London, wo ich hauptsächlich spazieren ging und zur Kenntnis nahm, dass es viele gut gekleidete Männer in dunklen Anzügen mit weißem Hemd und Krawatte im Straßenbild gab, die sich sehr souverän darin bewegten. Ich war auch im VOGUE House in Mayfair, im Kellerarchiv, weil gerade ein großformatiger Bildband über The Sixties, a Decade in Vogue erschienen war, den man dort erwerben konnte. Ich erinnere mich noch an die unendlichen Archivregale mit mehreren Jahrzehnten alter Ausgaben der britischen Vogue. Den großen Bildband hatte ich auch im Gepäck auf meiner Rückreise. Ich hatte keine Kabine gemietet, sondern verbrachte die Überfahrt nach Hoek van Holland in einer der Lounges auf dem Zwischendeck. ich wechselte von Deck zu Deck, es gab mehrere Räume mit Ruhesesseln und einen sehr großen mit violetten Polstermöbeln, wo die meisten Reisenden die Überfahrt verbrachten. Man konnte sich etwas zu trinken holen und die Füße hochlegen. Ich hatte mir zuletzt in London im Bahnhof ein paar Socken mit dem eingewebten Union Jack auf der Fußsohle gekauft. Obwohl ich schon damals keine ‚lustigen‘ Socken trug, die gefielen mir. Ich hatte die Schuhe ausgezogen und diese Socken an und legte die Füße hoch, auf einen gegenüber geschobenen Sessel, es gab ja genug davon, und begann zu lesen. In dem Buch über Dylans Geschichte mit seiner Frau Caitlin. Nach einer Weile spürte ich – und sah auch – aus dem Augenwinkel, dass mich ein Mann fixierte, der etwa zehn, fünfzehn Meter von mir entfernt saß. Er schien auch allein zu reisen. Sein intensiver Blick war unausweichlich. Er wartete, bis ich ihn offen anblickte und stand langsam auf. Mit zurückhaltender Vorsicht, aber doch seltsam entschieden, deutete er mit seinem Blick auf meine Strümpfe und sagte ohne Koketterie „I like your socks“. Es klang wie eine Liebeserklärung. Ich erlaubte ihm, sich neben mich zu setzen. Er stellte seinen Seesack auf den Teppich und suchte meinen Blick, hielt ihn ohne Unterbrechung, während wir uns in kürzester Zeit erzählten, woher wir gerade kamen, und wieso, weshalb, warum und wohin uns der weitere Weg führte. Wir tranken etwas und rauchten auch. Ich weiß nicht mehr, ob es drinnen war, aber ich glaube schon. Damals gab es noch kein uneingeschränktes Rauchverbot in öffentlichen Räumen, oder es war ein Bereich, in dem es erlaubt war. Ich erinnere das Gefühl, dass er mir Feuer gab. Er erzählte, dass er eigentlich aus Wales kommt, aber in London als Studio-Gitarrist arbeitet. Und jetzt gerade auf dem Weg zu guten Freunden in Amsterdam sei. Wir sprachen sehr bald über Wesentliches. Es wurde unweigerlich metaphysisch. Tod, letzte Dinge. Damals interessierte mich immer das Geburtsdatum, wenn ich eine gewisse Energie spürte. Wir kamen auf Astrologie zu sprechen, ich erzählte ihm, dass ich wiederholt eine seltsame Affinität zu Skorpionen hätte. Er atmete hörbar und fixierte mich. Sein Geburtstag sei der 9. November. Er hieß Ray. Wir verbrachten die ganze Überfahrt miteinander. Neun Stunden blieben wir wach. Als das Schiff angelegt hatte, verabschiedeten wir uns draußen am Pier. Ich glaube, noch war es dunkel. Wir waren die ganze Nacht gefahren, langsam dämmerte es. Es war fast ein Kuss, den wir uns zum Abschied gaben. Unsere Wangen berührten sich, wir umarmten uns. Er flüsterte „You’re a heavy going woman.“ Mehrmals. Ich gab ihm meine Adresse. Ich war nicht verliebt, aber beflügelt. Ich erinnere nicht, ob ich seine Adresse hatte. Selbst wenn, wollte ich es bei dieser Begegnung belassen. Einige Jahre später erhielt ich einen Brief. Ich glaube, es war etwa fünf Jahre später. Darin lag eine Zeichnung mit seinem Portrait, eine Freundin hatte es gezeichnet, wie er schrieb, und dass er mich nicht vergessen konnte, in all den Jahren. Und dass er das kleine Blatt Papier mit der Adresse, das ich ihm gegeben hatte, verloren glaubte, und es plötzlich wieder auftauchte, als er aus einer Wohnung auszog. Der Zettel lag am Boden an der Wand hinter dem Bett. Er hatte nie dort nachgesehen. Ich habe auf diesen Brief nicht geantwortet. Es war lange her und immer noch eine aufregende Erinnerung. Aber ich war anderweitig absorbiert. Ich weiß nicht, wo ich den Briefumschlag mit diesem Brief habe. Solche Dinge werfe ich eigentlich nicht weg, aber ich will auch nicht alles auf den Kopf stellen und danach suchen. So wichtig ist es auch wieder nicht. Ich erinnerte mich nur heute daran, an diese intensive Zuwendung. Und dass er einen ganz kurzen Nachnamen hatte, an den ich mich absolut nicht erinnern kann. Ich suchte im Internet nach Seiten mit den häufigsten walisischen Familiennamen. Überflog alle, besonders die kurzen. Dann eine Seite mit britischen Familiennamen. Ich blieb bei „Moor“ hängen, obgleich ich auch da kein Déjà-vu hatte, nur weil er auch kurz war und irgendwie ähnlich. Ich gab im Internet ein „Ray Moor“ und „London“ und „Guitar“ und „Recordings“ und unter den ersten Suchergebnissen war Davey Ray Moor. Ich sah nach Bildern und Videos und fand dabei dieses von Cousteau. Davey Ray Moor war ein Sänger. Ein anderer Ray. Ich habe den Ray von dieser unvergesslichen nächtlichen Überfahrt von Harwich nach Hoek van Holland nicht gefunden, aber dieses Lied. Er sagte mir, wie alt er ist, sein Geburtsjahr, ich weiß es nicht mehr genau. Vielleicht 1957. Ist auch nicht wichtig. Wer weiß, ob er noch lebt. Damals war ich knapp fünfundzwanzig. Und auch ein Vierteljahrhundert ist es her.

There’s something there
Amongst the fallen fruit and flowers
Won’t rest
Only minutes, only hours
Unless
Now the morning breaks in showers
I’m left
With the North Wind breathing down my neck
On The Last Good Day of The Year
Don’t know where I end and where you begin

23. Januar 2016

https://www.youtube.com/embed/8uQJ2uFhurM
Seductive. Verführerisch, wunderbare Erotik. Zufällig entdeckt. Die ersten vier Takte Walk on by, aber dann ein ganz eigenes Werk mit lässigen Bacharachzitaten und einer großartigen männlichen Stimme. Ein Erfolg aus der Jahrtausendwende der London-based Band Cousteau. Vornehmlich – außer in Großbritannien – in Italien und den USA, lese ich. Zu verdanken der Verwendung in italienischen und amerikanischen Werbeclips. Heute zum ersten mal gehört. Aus irgendeinem Grund erinnerte ich mich heute nach dem Aufwachen an eine Begegnung auf einem Schiff. Vor fast sechsundzwanzig Jahren, 1990. Ich war auf dem Weg von Harwich nach Hoek van Holland, nach einer Woche, die mich neben London, vor allem durch Wales geführt hatte, auf den Spuren von Dylan Thomas. Zunächst nach Swansea und dann nach Carmarthen, wo er in Laugharne, in seinem entlegenen Boat House in einer Bucht, mit Blick auf die Gezeiten, an der Küste lebte. Ich fuhr damals mit dem Schiff, beginnend mit einer Zugfahrt von Berlin nach Rotterdam, Hoek van Holland und dann einem Wechsel zur Fähre Richtung England. Harwich heißt der Hafen, Grafschaft Essex. Von da mit dem Zug nach London, und nach einer Übernachtung in einer Absteige am Kings Cross von Paddington nach Wales. Und genauso zurück. Mit Eindrücken und zwei Büchern, die ich im Boat House kaufte, über die Liebesgeschichte von Dylan und seiner Frau und noch ein anderes. Und Audio-Kassetten mit Lesungen, Aufnahmen seiner beseelt vibrierenden Stimme. Do not go gentle into that good night. Ich war verliebt in seine exzessive Empfindsamkeit und so war es eine Art Pilgerfahrt. In der Westminster Abbey interessierte mich nur die Gedenkplatte mit seinem Namen. Ich fand sofort die Tafeln von Shakespeare und Elizabeth Barrett-Browning und ihrem Mann Robert Browning in der Poet’s Corner. Die steinern aufgebahrte Mary Queen of Scots nicht weit davon, aber Dylans Gedenktafel fand ich nicht. So fragte ich doch endlich nach längerem Suchen einen Wärter, ob er mir bei der Suche helfen könnte. „Excuse me – I’m looking for Dylan Thomas‘ memorial, it must be somewhere here in the Poet’s Corner, but I just can’t find it…!?“. Der uniformierte Wärter hört mir aufmerksam zu und beginnt zu schmunzeln, während er mir rät: „Just look at your feet.“ Ich stand mit den Füßen auf einer schwarzen Marmorplatte mit einer Gravur
DYLAN THOMAS
27 October 1914
9 November 1953
Time held me green and dying
Though I sang in my chains like the sea
Buried at Laugharne
.
Ich blickte ungläubig auf den Boden. Die Westminster Abbey wird mir immer in Erinnerung bleiben. Nach zwei, drei Tagen im beschaulichen Dörflein Laugharne fuhr ich mit dem Zug wieder zurück nach London, wo ich hauptsächlich spazieren ging und zur Kenntnis nahm, dass es viele gut gekleidete Männer in dunklen Anzügen mit weißem Hemd und Krawatte im Straßenbild gab, die sich sehr souverän darin bewegten. Ich war auch im VOGUE House in Mayfair, im Kellerarchiv, weil gerade ein großformatiger Bildband über The Sixties, a Decade in Vogue erschienen war, den man dort erwerben konnte. Ich erinnere mich noch an die unendlichen Archivregale mit mehreren Jahrzehnten alter Ausgaben der britischen Vogue. Den großen Bildband hatte ich auch im Gepäck auf meiner Rückreise. Ich hatte keine Kabine gemietet, sondern verbrachte die Überfahrt nach Hoek van Holland in einer der Lounges auf dem Zwischendeck. ich wechselte von Deck zu Deck, es gab mehrere Räume mit Ruhesesseln und einen sehr großen mit violetten Polstermöbeln, wo die meisten Reisenden die Überfahrt verbrachten. Man konnte sich etwas zu trinken holen und die Füße hochlegen. Ich hatte mir zuletzt in London im Bahnhof ein paar Socken mit dem eingewebten Union Jack auf der Fußsohle gekauft. Obwohl ich schon damals keine ‚lustigen‘ Socken trug, die gefielen mir. Ich hatte die Schuhe ausgezogen und diese Socken an und legte die Füße hoch, auf einen gegenüber geschobenen Sessel, es gab ja genug davon, und begann zu lesen. In dem Buch über Dylans Geschichte mit seiner Frau Caitlin. Nach einer Weile spürte ich – und sah auch – aus dem Augenwinkel, dass mich ein Mann fixierte, der etwa zehn, fünfzehn Meter von mir entfernt saß. Er schien auch allein zu reisen. Sein intensiver Blick war unausweichlich. Er wartete, bis ich ihn offen anblickte und stand langsam auf. Mit zurückhaltender Vorsicht, aber doch seltsam entschieden, deutete er mit seinem Blick auf meine Strümpfe und sagte ohne Koketterie „I like your socks“. Es klang wie eine Liebeserklärung. Ich erlaubte ihm, sich neben mich zu setzen. Er stellte seinen Seesack auf den Teppich und suchte meinen Blick, hielt ihn ohne Unterbrechung, während wir uns in kürzester Zeit erzählten, woher wir gerade kamen, und wieso, weshalb, warum und wohin uns der weitere Weg führte. Wir tranken etwas und rauchten auch. Ich weiß nicht mehr, ob es drinnen war, aber ich glaube schon. Damals gab es noch kein uneingeschränktes Rauchverbot in öffentlichen Räumen, oder es war ein Bereich, in dem es erlaubt war. Ich erinnere das Gefühl, dass er mir Feuer gab. Er erzählte, dass er eigentlich aus Wales kommt, aber in London als Studio-Gitarrist arbeitet. Und jetzt gerade auf dem Weg zu guten Freunden in Amsterdam sei. Wir sprachen sehr bald über Wesentliches. Es wurde unweigerlich metaphysisch. Tod, letzte Dinge. Damals interessierte mich immer das Geburtsdatum, wenn ich eine gewisse Energie spürte. Wir kamen auf Astrologie zu sprechen, ich erzählte ihm, dass ich wiederholt eine seltsame Affinität zu Skorpionen hätte. Er atmete hörbar und fixierte mich. Sein Geburtstag sei der 9. November. Er hieß Ray. Wir verbrachten die ganze Überfahrt miteinander. Neun Stunden blieben wir wach. Als das Schiff angelegt hatte, verabschiedeten wir uns draußen am Pier. Ich glaube, noch war es dunkel. Wir waren die ganze Nacht gefahren, langsam dämmerte es. Es war fast ein Kuss, den wir uns zum Abschied gaben. Unsere Wangen berührten sich, wir umarmten uns. Er flüsterte „You’re a heavy going woman.“ Mehrmals. Ich gab ihm meine Adresse. Ich war nicht verliebt, aber beflügelt. Ich erinnere nicht, ob ich seine Adresse hatte. Selbst wenn, wollte ich es bei dieser Begegnung belassen. Einige Jahre später erhielt ich einen Brief. Ich glaube, es war etwa fünf Jahre später. Darin lag eine Zeichnung mit seinem Portrait, eine Freundin hatte es gezeichnet, wie er schrieb, und dass er mich nicht vergessen konnte, in all den Jahren. Und dass er das kleine Blatt Papier mit der Adresse, das ich ihm gegeben hatte, verloren glaubte, und es plötzlich wieder auftauchte, als er aus einer Wohnung auszog. Der Zettel lag am Boden an der Wand hinter dem Bett. Er hatte nie dort nachgesehen. Ich habe auf diesen Brief nicht geantwortet. Es war lange her und immer noch eine aufregende Erinnerung. Aber ich war anderweitig absorbiert. Ich weiß nicht, wo ich den Briefumschlag mit diesem Brief habe. Solche Dinge werfe ich eigentlich nicht weg, aber ich will auch nicht alles auf den Kopf stellen und danach suchen. So wichtig ist es auch wieder nicht. Ich erinnerte mich nur heute daran, an diese intensive Zuwendung. Und dass er einen ganz kurzen Nachnamen hatte, an den ich mich absolut nicht erinnern kann. Ich suchte im Internet nach Seiten mit den häufigsten walisischen Familiennamen. Überflog alle, besonders die kurzen. Dann eine Seite mit britischen Familiennamen. Ich blieb bei „Moor“ hängen, obgleich ich auch da kein Déjà-vu hatte, nur weil er auch kurz war und irgendwie ähnlich. Ich gab im Internet ein „Ray Moor“ und „London“ und „Guitar“ und „Recordings“ und unter den ersten Suchergebnissen war Davey Ray Moor. Ich sah nach Bildern und Videos und fand dabei dieses von Cousteau. Davey Ray Moor war ein Sänger. Ein anderer Ray. Ich habe den Ray von dieser unvergesslichen nächtlichen Überfahrt von Harwich nach Hoek van Holland nicht gefunden, aber dieses Lied. Er sagte mir, wie alt er ist, sein Geburtsjahr, ich weiß es nicht mehr genau. Vielleicht 1957. Ist auch nicht wichtig. Wer weiß, ob er noch lebt. Damals war ich knapp fünfundzwanzig. Und auch ein Vierteljahrhundert ist es her.

There’s something there
Amongst the fallen fruit and flowers
Won’t rest
Only minutes, only hours
Unless
Now the morning breaks in showers
I’m left
With the North Wind breathing down my neck
On The Last Good Day of The Year
Don’t know where I end and where you begin

19. Januar 2015


Pluto Trigon Pluto. Für später, Memoiren. „Damals stand Pluto im Steinbock in exaktem Trigon zu meinem Jungfrau-Pluto“. Und für jetzt. Nie mehr blättere ich in Ephemeriden. Einmal im Jahr vielleicht. Dann brauche ich die Flohmarktlupe, die Buchstaben sind so klein. Dieser Rosenkreuzerverlag hat so eine kleine Typo gewählt auf den butterbrotpapierdünnen Seiten der NASA-Daten, die sie da abgedruckt haben. In den Ephemeriden steht der Sternenlauf, die Bewegungen unseres Sonnen- Mond- und Planetensystems. Als es noch kein Internet gab, brauchte man das, wenn man ein Horoskop stellen wollte. Und ich wollte. Damals. Seit vielen Jahren gibt es dafür Computerprogramme, aber ich brauche keines. Ich kümmere mich nicht mehr darum. Nur ganz selten, aus einer verspielten Laune sehe ich eine Konstellation nach. Man sollte sich nicht in ein Schema fügen. Ich mag Menschen, die sich über Astrologie lustig machen, das entspricht meinem Freigeist. Und dann bin ich wieder perplex, wenn ich skorpionische Energie spüre. Die ich so benenne, weil mir nichts Prägnanteres in den Sinn kommt. Ich könnte auch sagen plutonisch. Aber auch Mars spielt dabei eine Rolle. Die Energien, die man braucht, wenn man einen Kampf bestehen will. Aggression. Allerdings kontrollierte Aggression, nicht impulsiv eruptive Widderkraft. Die mich aber auch sehr amüsiert. Als ich noch sehr jung war und mich im Alter von etwa siebzehn Jahren ernsthaft mit Astrologie zu beschäftigen begann, war mir Widder-Energie suspiekt. Ich hatte wohl so eine elegische Phase, vermute ich. Heute schätze ich das gewitzte Feuer, das dem Widder-Archetypen entspricht, sehr. Ich bin leicht zu amüsieren, wenn jemand einen feurigen Geist an den Tag legt. Schnell denkt, sich schnell bewegt. Schlagabtausch. Aber auch sehr gefährliche Charaktere. Ich halte dagegen, kann dann ein Vernichtungsschlag werden. Würde es, wenn ich noch unreif genug wäre, das zuzulassen. Aber bitte – Sie müssen nicht versuchen, diese astrologischen Einwürfe nachzuvollziehen, es soll nicht in Arbeit ausarten. Zumal ich mich auch nicht mehr damit befasse. Aber dennoch bleibt ein Geheimnis, ein Mysterium, mit dem ich manchmal in Gedanken spiele. Nur ein nächtlicher Gedankenstrom. Ich trinke schon wieder Sancerre. Wie am Samstag. Ein anderer Eintrag. David liebte diesen Wein. Und ich liebe ihn, weil er so viel Erde hat. Ganz viel.

12. Januar 2016

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Und die Lebenden ehren. Blixa, den ich Ende des vergangenen Jahres zweimal kurz hintereinander auf der Bühne sah. Ich hätte gedacht, hatte eigentlich vor, Lament angemessen, in einer Art Verdichtung zu beschreiben. Vielleicht habe ich das schon, als ich nur wenige Worte postete, auf der Seite des Events auf facebook. Ich schrieb am Tag danach – oder war es noch in der Nacht – „Berührend, virtuos, transzendent. Ein heilender Exorzismus. Was für ein Abend. Meisterwerk.“ Mehr ist mir nicht möglich. Und doch wird das kein Eintrag, um von diesem besonderen Abend zu berichten. Dann müssten Bilder der anderen Musiker zu sehen sein. Ganz unbedingt Alexander Hacke. Der immer noch mit Blixa in meinem Kopf Lament I. singt. Mit dieser Geste jener erhobenen Hand, der offenen Handfläche, dem Publikum zugewandt, die ein Segen war. Weil ich es nicht besser weiß, mutmaße ich, dass es eine Art Obertongesang war, der mit Hilfe eines mir schleierhaften Effektgerätes verstärkt und moduliert wurde. Ein ganz zauberhaftes Rätsel, ein nie gehörter Klang menschlicher Stimmen, der ineinandergriff, viele Minuten lang, das Grauen transformierte, auflöste, in einem heilenden Klang. Mehr noch als mysteriös, fühlte es sich mystisch an. Ich stand wie verwurzelt mit dem Boden, die Hände auf meinem Bauch gefaltet. Dachte noch, wie ich dastehe, wie in einer Kirche, zur Andacht. Nie gehört, nie erlebt. Heute ist der Geburtstag von Blixa, der dieses Kunststück vollbrachte, nicht alleine, aber er hat einen wesentlichen Anteil. Ohne ihn gäbe es dieses Stück nicht und überhaupt nichts, was die erschütternde Qualität der Neubauten in ihren hervorragendsten Werken ausmacht. Ich habe einen sehr ernsthaften Menschen gesehen, der mit hoher Konzentration das Beste abliefert, was ihm möglich ist. Und das ist viel. Unvergleichlich sowieso. IT MOVES. Bedankt.



11. Januar 2016



Liebe. Eckzähne. Stimme. Gestik. Scharfsinn, Vision. Wille. Blick. Freigeist. Schöngeist. Wärme. Witz. Bei Georg schrieb ich vorhin: „Als ich das Video am Samstag sah, wurde ich sehr traurig. Denn es war mir klar, dass das ernst ist. Schon bei „Where are we nownahm ich Abschied, das war der Bruch, er sah da schon so geschwächt aus, dass ich nicht mehr glauben konnte, dass er noch viele Jahre hat. Aber er hat so viel gegeben. Mehr ging nicht.“ […]


This way or no way
You know, I’ll be free
Just like that bluebird
Now ain’t that just like me
Oh I’ll be free

10. Januar 2016

laser wayne stabil kranker scheiß. Bin vielleicht in einer Phase des Aufnehmens, atme ein. Lasse auf mich wirken. Aber bleibe dran. Viele Eindrücke in den letzten Wochen, die ich auch nicht unbedingt vermitteln kann, selbst wenn ich wollte. Bräuchte viel Erklärung, Kontext. Familiäres, Begegnungen, Eindrücke, die in keine Schubladen passen. Innere Bewegungen. Heilprozess(e). Und Bilder, Bilder. Ich schreibe weiter, das sicher.

01. Januar 2016

15-12-31 Greatest Hits (35)
https://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=261948265
15-12-31 Greatest Hits (18)
Komm auf meine Sonnenbarke sang Blixa gestern. Ich hatte eine Flasche Champagner auf der Terrasse versteckt, zur Kühlung gebunkert. Wir tranken einstweilen den sehr guten Rieslingsekt vom Radialsystem bis es Mitternacht war. Gläser waren dann ja da. Viele Fotos gemacht. Die sind nun auf der Festplatte neben all den anderen Bildern aus Zweitausendfünfzehn, die ich noch nicht gepostet habe, So schöne Sachen dabei. Auch während der Aufführung von LAMENT am 28. Dezember habe ich fotografiert. Sollte man eigentlich nur am Anfang, aber später habe ich dann, eher flüchtig agierend, einige Bilder von Blixa eingefangen, die mich selbst überraschten. Ich bin nur ganz leicht verkatert. Ina und ich haben gestern Nacht viel getanzt, zum Glück tun mir die Füße nicht weh, weil ich in weiser Voraussicht Schuhe anhatte, die ich gar nicht spüre. Jetzt mache ich mich fertig für einen Kinobesuch zu einem Film über den Naturphilosophen und Mystiker Jacob Böhme, in Anwesenheit des sehr charismatischen Regisseurs Ronald Steckel. Ich wünsche ein frohes und sehr interessantes neues Jahr!

01. Januar 2016

15-12-31 Greatest Hits (35)
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15-12-31 Greatest Hits (18)
Komm auf meine Sonnenbarke sang Blixa gestern. Ich hatte eine Flasche Champagner auf der Terrasse versteckt, zur Kühlung gebunkert. Wir tranken einstweilen den sehr guten Rieslingsekt vom Radialsystem bis es Mitternacht war. Gläser waren dann ja da. Viele Fotos gemacht. Die sind nun auf der Festplatte neben all den anderen Bildern aus Zweitausendfünfzehn, die ich noch nicht gepostet habe, So schöne Sachen dabei. Auch während der Aufführung von LAMENT am 28. Dezember habe ich fotografiert. Sollte man eigentlich nur am Anfang, aber später habe ich dann, eher flüchtig agierend, einige Bilder von Blixa eingefangen, die mich selbst überraschten. Ich bin nur ganz leicht verkatert. Ina und ich haben gestern Nacht viel getanzt, zum Glück tun mir die Füße nicht weh, weil ich in weiser Voraussicht Schuhe anhatte, die ich gar nicht spüre. Jetzt mache ich mich fertig für einen Kinobesuch zu einem Film über den Naturphilosophen und Mystiker Jacob Böhme, in Anwesenheit des sehr charismatischen Regisseurs Ronald Steckel. Ich wünsche ein frohes und sehr interessantes neues Jahr!

29. Dezember 2015

„Wecker – das unverzichtbare Accessoire zum pünktlichen Aufwachen“
Noch nie so betrachtet. Accessoires kann man ja nie genug haben. Gerade im Internet-Laden von Galeria Kaufhof gelesen. Wollte einen 10-Euro-Gutschein einlösen, den man aber nur bei online-Einkauf nutzen kann und habe nach Getränken, also einem bestimmten Getränk mit Kohlensäure geschaut. Die weitere Bedingung ist, dass man für mindestens 59 Euro einkauft, damit man 10 Euro erlassen kriegt. So dachte ich mir, ich kaufe im online-shop ganz clever drei bis X Flaschen von einer bestimmten Marke, die vom 27. bis 31. Dezember um zwanzig Prozent reduziert ist. Ist aber leider „derzeit im online shop nicht verfügbar“. Ist nicht so schlimm, war gerade am Alex bei Galeria, um schon mal ein paar Flaschen von dem vergünstigten Getränk zu bunkern, vier Stück. An der Kasse – ich muss es doch erzählen, auch wenn meine Leser wahrscheinlich nicht die Zielgruppe sind, also nicht unbedingt. Schon als ich in die Getränkeabteilung steuere, sehe ich auf der Höhe von dem Tresen mit den Teesorten diesen jungen Musiker von dieser Gruppe, ein Gitarrist mit langen Haaren, der sehr freundlich an der Ecke zu warten scheint. Ich dachte mir schon, der wird auf seine Gefährtin warten, man kauft ein, man wohnt wahrscheinlich in der Nähe. Hab beim zügigen Durchlaufen geguckt, ob die bildhübsche Sängerin, die ja bekanntlich seine Gefährtin ist, auch in der Nähe ist, aber nicht gesehen, ich habe auch nicht viel Zeit damit zugebracht, sondern bin direkt weiter zum Regal mit dem interessanten vergünstigten Getränk. Vier Flaschen unter die beiden Arme gepackt und schnurstracks zur Kasse, nicht verzetteln. Ich hatte sogar ausreichend Bargeld, grob überschlagen. Jetzt stand im Internet aber ein anderer Preis pro Flasche, knapp fünf Euro weniger. Andererseits gab es in der Getränkeabteilung ein Schild, dass bis Silvester alle Sorten von dem Getränk, von allen Marken, zwanzig Prozent Preisnachlass kriegen. Nun war meine kurze Überlegung, ist der reguläre Preis z. Z. überall reduziert und teilweise noch nicht richtig ausgepreist und darauf gibt es nochmal 20 Prozent oder gibts hier nur die zwanzig Prozent, somit wären wir wieder beim Internet-Einkaufspreis. Ich wollte nur sicher gehen und spreche die Kassiererin darauf an, dass im Internet von vorneherein ein anderer Preis steht, aber alles ganz schnell, ich wollte ja den Betrieb nicht aufhalten, ich hasse das, wenn Kunden umständliche Befindlichkeiten an der Kasse äußern, und nun fing ich auch schon so an. Aus dem Augenwinkel sah ich, dass nun jemand hinter mir an die Kasse kam, um ebenfalls zu zahlen. Ach, der langhaarige Musiker. Und wer steht daneben, dachte ich mir’s doch. Also die Verkäuferin überzeugte mich, dass es überall gleich viel kostet, nur unterschiedlich avisiert wird und ich reiche ihr den Betrag in vier Scheinen. Es machte irgendwas mit ,01 Euro am Ende, sie fragt, ob ich vielleicht einen Cent habe, ich gucke nach und finde nur ein zwei-Cent-Stück, das ich ihr anbiete, mit den Worten: „ich hab nur zwei Cent, ich weiß nicht, ob Ihnen das was nützt?“ Die Kasserin ist hin- und hergerissen, ob ihr das was nützt oder ob es ihr nichts nützt. Da greift die bildhübsche Sängerin in ihr Portemonnaie und gibt der Kasserin den fehlenden Cent, den sie von mir hätte haben wollen. Ich bin nun auch irritiert und überlege, ob es der Spenderin etwas nützt, wenn ich ihr meine zwei Cent gebe und halte sie mit Fragezeichenblick in ihre Richtung, sie winkt deutlich ab „ach was.“ Kassierin gibt mir einen Euro zurück und meint „na ja nu hamse nen Glücks-Zent, der bringt Glück!“ Ich „Danke!“ in Richtung Sängerin, übrigens wirklich auch in echt sehr, sehr hübsch, nur etwas kleiner als gedacht, und sage noch (Schwerpunkt Richtung Kassiererin, aber natürlich auch ein Drittel Sängerin), „Na dann wünsche ich guten Rutsch allerseits!“ Kassiererin und Sängerin wünschen mir dasselbe. Und weg war ich, direkt zum Ausgang. Das war also die Geschichte, wo ich einmal von der bildhübschen Sängerin, einen Cent von ihrer Gage geschenkt gekriegt habe. Gerade vorhin. Bringt mir vielleicht wirklich Glück, der Cent. Noch sind die interessanten Getränke um 20 Prozent reduziert! Ich habe mir übrigens verkniffen zu gucken, was die beiden einkaufen und aufs Band legen, nur so ein frisches Rosmarin-Sträußchen habe ich mitgekriegt, weil es unmittelbar neben meinen vier Flaschen gelegen hat. Also ich fand die Sängerin ja schon immer sehr sympathisch, auch gerade in der Jury von Voice of Germany. Und wie gesagt bildhübsch! Als ich dann daheim war, also jetzt vorhin gerade, wollte ich eben noch den 10-Euro-Gutschein einlösen, bevor ich es vergesse. Nur bis Silvester gilt er noch. Und nun haben sie das Getränk nicht. Und ich weiß nicht, was ich sonst dort bestellen könnte. Aus lauter Orientierungslosigkeit habe ich mir Wecker angeschaut. Aber ich brauche gar keinen Wecker. Ich habe schon zwei. Mir fällt wirklich nichts ein. Soll ich vielleicht für irgendjemanden irgendwas bestellen? Aber muss für mindestens neunundfünfzig Euro sein!

29. Dezember 2015

„Wecker – das unverzichtbare Accessoire zum pünktlichen Aufwachen“
Noch nie so betrachtet. Accessoires kann man ja nie genug haben. Gerade im Internet-Laden von Galeria Kaufhof gelesen. Wollte einen 10-Euro-Gutschein einlösen, den man aber nur bei online-Einkauf nutzen kann und habe nach Getränken, also einem bestimmten Getränk mit Kohlensäure geschaut. Die weitere Bedingung ist, dass man für mindestens 59 Euro einkauft, damit man 10 Euro erlassen kriegt. So dachte ich mir, ich kaufe im online-shop ganz clever drei bis X Flaschen von einer bestimmten Marke, die vom 27. bis 31. Dezember um zwanzig Prozent reduziert ist. Ist aber leider „derzeit im online shop nicht verfügbar“. Ist nicht so schlimm, war gerade am Alex bei Galeria, um schon mal ein paar Flaschen von dem vergünstigten Getränk zu bunkern, vier Stück. An der Kasse – ich muss es doch erzählen, auch wenn meine Leser wahrscheinlich nicht die Zielgruppe sind, also nicht unbedingt. Schon als ich in die Getränkeabteilung steuere, sehe ich auf der Höhe von dem Tresen mit den Teesorten diesen jungen Musiker von dieser Gruppe, ein Gitarrist mit langen Haaren, der sehr freundlich an der Ecke zu warten scheint. Ich dachte mir schon, der wird auf seine Gefährtin warten, man kauft ein, man wohnt wahrscheinlich in der Nähe. Hab beim zügigen Durchlaufen geguckt, ob die bildhübsche Sängerin, die ja bekanntlich seine Gefährtin ist, auch in der Nähe ist, aber nicht gesehen, ich habe auch nicht viel Zeit damit zugebracht, sondern bin direkt weiter zum Regal mit dem interessanten vergünstigten Getränk. Vier Flaschen unter die beiden Arme gepackt und schnurstracks zur Kasse, nicht verzetteln. Ich hatte sogar ausreichend Bargeld, grob überschlagen. Jetzt stand im Internet aber ein anderer Preis pro Flasche, knapp fünf Euro weniger. Andererseits gab es in der Getränkeabteilung ein Schild, dass bis Silvester alle Sorten von dem Getränk, von allen Marken, zwanzig Prozent Preisnachlass kriegen. Nun war meine kurze Überlegung, ist der reguläre Preis z. Z. überall reduziert und teilweise noch nicht richtig ausgepreist und darauf gibt es nochmal 20 Prozent oder gibts hier nur die zwanzig Prozent, somit wären wir wieder beim Internet-Einkaufspreis. Ich wollte nur sicher gehen und spreche die Kassiererin darauf an, dass im Internet von vorneherein ein anderer Preis steht, aber alles ganz schnell, ich wollte ja den Betrieb nicht aufhalten, ich hasse das, wenn Kunden umständliche Befindlichkeiten an der Kasse äußern, und nun fing ich auch schon so an. Aus dem Augenwinkel sah ich, dass nun jemand hinter mir an die Kasse kam, um ebenfalls zu zahlen. Ach, der langhaarige Musiker. Und wer steht daneben, dachte ich mir’s doch. Also die Verkäuferin überzeugte mich, dass es überall gleich viel kostet, nur unterschiedlich avisiert wird und ich reiche ihr den Betrag in vier Scheinen. Es machte irgendwas mit ,01 Euro am Ende, sie fragt, ob ich vielleicht einen Cent habe, ich gucke nach und finde nur ein zwei-Cent-Stück, das ich ihr anbiete, mit den Worten: „ich hab nur zwei Cent, ich weiß nicht, ob Ihnen das was nützt?“ Die Kasserin ist hin- und hergerissen, ob ihr das was nützt oder ob es ihr nichts nützt. Da greift die bildhübsche Sängerin in ihr Portemonnaie und gibt der Kasserin den fehlenden Cent, den sie von mir hätte haben wollen. Ich bin nun auch irritiert und überlege, ob es der Spenderin etwas nützt, wenn ich ihr meine zwei Cent gebe und halte sie mit Fragezeichenblick in ihre Richtung, sie winkt deutlich ab „ach was.“ Kassierin gibt mir einen Euro zurück und meint „na ja nu hamse nen Glücks-Zent, der bringt Glück!“ Ich „Danke!“ in Richtung Sängerin, übrigens wirklich auch in echt sehr, sehr hübsch, nur etwas kleiner als gedacht, und sage noch (Schwerpunkt Richtung Kassiererin, aber natürlich auch ein Drittel Sängerin), „Na dann wünsche ich guten Rutsch allerseits!“ Kassiererin und Sängerin wünschen mir dasselbe. Und weg war ich, direkt zum Ausgang. Das war also die Geschichte, wo ich einmal von der bildhübschen Sängerin, einen Cent von ihrer Gage geschenkt gekriegt habe. Gerade vorhin. Bringt mir vielleicht wirklich Glück, der Cent. Noch sind die interessanten Getränke um 20 Prozent reduziert! Ich habe mir übrigens verkniffen zu gucken, was die beiden einkaufen und aufs Band legen, nur so ein frisches Rosmarin-Sträußchen habe ich mitgekriegt, weil es unmittelbar neben meinen vier Flaschen gelegen hat. Also ich fand die Sängerin ja schon immer sehr sympathisch, auch gerade in der Jury von Voice of Germany. Und wie gesagt bildhübsch! Als ich dann daheim war, also jetzt vorhin gerade, wollte ich eben noch den 10-Euro-Gutschein einlösen, bevor ich es vergesse. Nur bis Silvester gilt er noch. Und nun haben sie das Getränk nicht. Und ich weiß nicht, was ich sonst dort bestellen könnte. Aus lauter Orientierungslosigkeit habe ich mir Wecker angeschaut. Aber ich brauche gar keinen Wecker. Ich habe schon zwei. Mir fällt wirklich nichts ein. Soll ich vielleicht für irgendjemanden irgendwas bestellen? Aber muss für mindestens neunundfünfzig Euro sein!

27. Dezember 2015


Ja, das ist starker Tobak. Ein Feuerwerk in Farbfotografie, abgehandelt in einem Motiv. In der Konversation mit sehr visuellen Menschen, was beinah zwingend auch ein fotografisches Auge einschließt, höre ich mich immer wieder sagen, dass ich nur dann die Farbversion einer Aufnahme bevorzuge, wenn die Farbe an sich ein erhebender Teil der Bildaussage ist. Wenn die Farbe etwas zeigt, was mir einen Kraftstoß versetzt, Elektrizität, Aufregung. Das kann man auch ganz grundsätzlich als professionelles hohes Ziel fokussieren, innerhalb des Gebotenen, ob naturbelassen oder initiiert, das magische Farbspektrum zu beackern. Das ist bewunderungswürdig. Das können nur wenige. Wer nicht inszeniert, so wie ich, kann leichter Befriedigung finden, wenn alles ergebnisoffen ist und kein Dogma herrscht. Wenn man gerne Menschen fotografiert, die man an einem Ort vorfindet, der nicht den eigenen Vorlieben angepasst wurde, was den Hintergrund und auch die Farbwelt angeht, kann man das Durcheinander von wenig erhebenden bis grausamen Farbkombinationen in Umgebung und Kleidung oft sehr gut durch einen Schwarzweiß-Filter, die Umsetzung in Grauwerte, neutralsieren und muss nicht auf ein Motiv verzichten,, das ein schönes Licht, einen schönen Ausdruck in einem ansonsten unnötige Aufmerksamkeit fordernden farblichen Durcheinander zeigt. Sonnenuntergänge sehen in Grauwerten nur dann erwärmend oder inspirierend aus, wenn sich eine Wolkenstruktur zeigt, die Reflexe einfangen kann, ein einfach nur gleichmäßig flächiger Farbverlauf von hell- nach dunkelgrau wirkt meistens tot. Der Himmel, die Himmelsbilder, die gestern vor meinen Fenstern nach Westen projiziert wurden, provozierten mich so in ihren beinah absurden Farben und den Streifen, dass ich die Kamera nehmen musste. Ich könnte in diesem Eintrag keine weiteren Bilder aus der Strecke einfügen. Ich habe es versucht.

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Das ist zuviel. Zuviel Fototapete. Inflationäre Buntheit. Nicht zum Aushalten. Aber zwei Bilder sind noch erträglich und ein guter Impuls. Meine Welt ist voller Farben. Sehr schönen, die sich gegenseitig aufwerten. In jedem Raum ein anderes Spektrum, sehr differenziert, aber nicht beliebig. Ich weiß um die Kraft von Farbe und umgebe mich damit. Schwarzweiß dominiert nur in meiner Küche und rund um dem Tisch. Aber auch da gibt es Details, die die Orgie brechen. Äpfel und Orangen. Eine nachtblau und weiß gemusterte japanische Teekanne, farbige Keramikschalen, ein massiver Griff aus Holz an der schwersten meiner Kupferpfannen.

Wann mag zum ersten mal in der Geschichte der Fotografie eine naturgetreue Farbaufnahme eines Sonnenunterganges möglich gewesen sein? Sicher sehr lange her. Die Farbfotografie. Etwa hundert Jahre könnte es her sein, etwa um 1905. „Sergei Michailowitsch Prokudin-Gorski unternahm ab 1905 ein aufwendiges Projekt, das ihn von 1909 bis 1915 durch das gesamte russische Reich führte, um dieses in ca. 10 000 Farbaufnahmen festzuhalten. Von 1909 bis 1931 legte Albert Kahn eine Kollektion von 72 000 Farbfotos an, Die Archive des Planeten.“ Da wird so manches Himmelsbild dabei gewesen sein. Eine Sensation wird es gewesen sein. So von Ergriffenheit begleitet, wie man das immer wieder in der Wirklichkeit erfährt. Mir geht es beinah jedes mal so. Wenn die Sonne mit besonderen Farben aufgeht oder sinkt, dann halte ich inne, egal wobei, und nehme mir diese wenigen Minuten, die es dafür braucht und halte Andacht. Und manchmal, selten nur, greife ich zu meiner Kamera.

22. Dezember 2015


https://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=261948265

Drei Kuppeln. Die gleiche Stunde, vorgestern am Sonntag. In der Mitte ist der Nachwuchs, die Berliner Schloss-Kuppel, die immer noch nur Gerüst ist, seit dem Richtfest im Sommer. Man baut von unten nach oben. Alles. Wirklich alles. Immer erst das Fundament, die tragenden Elemente. Die Kuppel ist die Marabufeder, der Kopfschmuck. Ich habe es seit einer Weile begriffen, ich schaue nicht mehr jeden Tag genau hin. Aber am Sonntag war etwas anders in der Silhouette, die ich aus meinem Fenster zur Auguststraße sehe. Das Kuppelgerüst hat einen Weihnachtsbaum auf die Spitze gekriegt. Das gibt der Form eine arabeske Anmutung, die schön in die Weihnachtszeit passt. Das Jesuskind ist ja auch aus der arabischen Welt. Ein kleiner Aladin. Ich sitze gerade im Dunkeln, denn nun ist kaum noch Licht draußen, nur das Display meines Notebooks leuchtet. Und die Lampe vom Küchenherd. Ich sitze am Küchentisch. Der Herd muss heute die Wohnung warmhalten, denn in unserem Haus ist heute die Heizungsanlage ausgefallen, morgen erst wird ein Ersatzteil eingebaut. Es gibt auch kein fließendes warmes Wasser. Aber ich habe in meinem größten Suppentopf, einer großen Wokpfanne und dem Teekessel heißes Wasser zubereitet. Jetzt sinniere ich noch darüber, ob und wenn ja, wie ich damit eine Haarwäsche meistere, ohne mich zu verbrühen. Eine Katzenwäsche mit kaltem Wasser habe ich vorhin schon gemacht, aber ich würde mich am allerliebsten duschen. Das ist mir aber zu riskant mit diesem Gewerk. Auch würde das Wasser gar nicht reichen. Ich könnte für die Haarwäsche einen Krug mit warmen Wasser bereiten, indem ich das heiße mit dem kalten aus der Leitung mische und erst einmal die Haare befeuchte, damit die flüssige Seife in den Haaren aufgeschäumt werden kann. Ich muss sparsam arbeiten. Dann einwirken lassen. Nun das Waschbecken im Badezimmer mit der ersten Füllung heißem und kaltem Wasser mischen, für das grobe Ausspülen. Ich müsste den Kopf eine Weile möglichst tief in das randvolle Becken eintauchen, um den größten Seifenschaum herauszuspülen. Dann könnte ich das Wasser aus dem Becken lassen und die Haare freischwebend, vom Kopf weghaltend, mit kaltem Wasser aus dem Hahn gründlich ausspülen. Dann noch einmal das Becken füllen und ein zweites mal den Rest vom Kopf spülen. Und wieder kalt nur den Haarstrang. Eventuell noch ein weiteres mal. So könnte das gehen. Wollen wir doch mal sehen.

09. Dezember 2015


Haben andere auch Einträge in Warteschleifen? Die darauf warten, geschrieben zu werden? Ich meine, zu wissen, dass man etwas festhalten will, das einem widerfuhr. Irgendein Erleben, Erlebnis. Aber es angemessen einzufangen, geht nicht nach Stundenplan. Und manchmal weiß man auch gar nicht, worauf die Sache hinauswill. Manches muss noch ein bißchen ruhen. Reifen ist ein zu großes Wort. Es sind ja keine derart historischen Ereignisse… nur für meine Historie. Sobald Bilder entstanden sind, denen ich einen Wert zugestehe, lege ich mir eine Verpflichtung auf, etwas Angemessenes dazu zu schreiben. Aber alles nicht mehr chronologisch.. Nicht mehr eilig. Irgendwann. Wenn es einen Wert hat, geht er nicht in ein paar Wochen verloren. So selten ich in diesen Tagen Einladungen wahrnehme, so intensiv erlebe ich sie. Und suche nach Intensität. oder mache einen Abgang. Ohne Erklärung. Geschieht nicht mehr so häufig. Der Instinkt ist geschärft, was sich lohnen könnte. Aber auch bin ich nicht mehr so genügsam. Zumeist gibt es eine Interaktion, die ich entweder provoziere oder zulasse. Keine Angst vor großen Tieren. Lange nicht mehr. Aber große Tiere müssen auch ihre Größe bestätigen, sonst vergeht mir die Lust. Das ist jetzt wirklich kryptisch und so war es nicht beabsichtigt. Ich trinke einen sehr guten Haut-Médoc und muss auch schlafen gehen. Fast hätte ich das in eine Bildstrecke geschrieben, die in der Schleife ist. Aber nur weil man trunken und müde ist, muss man nicht fahrlässig werden. Auch nicht in unbezahlten Blogeinträgen. Außerdem lausche ich mit halbem Ohr mir neuer Musik. Und darum höre ich jetzt lieber auf.

22. Dezember 2015


https://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=261948265

Drei Kuppeln. Die gleiche Stunde, vorgestern am Sonntag. In der Mitte ist der Nachwuchs, die Berliner Schloss-Kuppel, die immer noch nur Gerüst ist, seit dem Richtfest im Sommer. Man baut von unten nach oben. Alles. Wirklich alles. Immer erst das Fundament, die tragenden Elemente. Die Kuppel ist die Marabufeder, der Kopfschmuck. Ich habe es seit einer Weile begriffen, ich schaue nicht mehr jeden Tag genau hin. Aber am Sonntag war etwas anders in der Silhouette, die ich aus meinem Fenster zur Auguststraße sehe. Das Kuppelgerüst hat einen Weihnachtsbaum auf die Spitze gekriegt. Das gibt der Form eine arabeske Anmutung, die schön in die Weihnachtszeit passt. Das Jesuskind ist ja auch aus der arabischen Welt. Ein kleiner Aladin. Ich sitze gerade im Dunkeln, denn nun ist kaum noch Licht draußen, nur das Display meines Notebooks leuchtet. Und die Lampe vom Küchenherd. Ich sitze am Küchentisch. Der Herd muss heute die Wohnung warmhalten, denn in unserem Haus ist heute die Heizungsanlage ausgefallen, morgen erst wird ein Ersatzteil eingebaut. Es gibt auch kein fließendes warmes Wasser. Aber ich habe in meinem größten Suppentopf, einer großen Wokpfanne und dem Teekessel heißes Wasser zubereitet. Jetzt sinniere ich noch darüber, ob und wenn ja, wie ich damit eine Haarwäsche meistere, ohne mich zu verbrühen. Eine Katzenwäsche mit kaltem Wasser habe ich vorhin schon gemacht, aber ich würde mich am allerliebsten duschen. Das ist mir aber zu riskant mit diesem Gewerk. Auch würde das Wasser gar nicht reichen. Ich könnte für die Haarwäsche einen Krug mit warmen Wasser bereiten, indem ich das heiße mit dem kalten aus der Leitung mische und erst einmal die Haare befeuchte, damit die flüssige Seife in den Haaren aufgeschäumt werden kann. Ich muss sparsam arbeiten. Dann einwirken lassen. Nun das Waschbecken im Badezimmer mit der ersten Füllung heißem und kaltem Wasser mischen, für das grobe Ausspülen. Ich müsste den Kopf eine Weile möglichst tief in das randvolle Becken eintauchen, um den größten Seifenschaum herauszuspülen. Dann könnte ich das Wasser aus dem Becken lassen und die Haare freischwebend, vom Kopf weghaltend, mit kaltem Wasser aus dem Hahn gründlich ausspülen. Dann noch einmal das Becken füllen und ein zweites mal den Rest vom Kopf spülen. Und wieder kalt nur den Haarstrang. Eventuell noch ein weiteres mal. So könnte das gehen. Wollen wir doch mal sehen.

12. Dezember 2015


Mein ekstatischster Moment in dieser Woche war die Ekstase eines anderen Menschen. Ich ging am Abend die Gipsstraße entlang, Richtung Joachim, von der Rosenthaler Straße kommend. Es war längst dunkel, vielleicht neunzehn Uhr. Die Straßenlaternen und Schaufenster leuchteten. Kurz bevor man rechts in die Joachimstraße abbiegen kann, gibt es auf der rechten Seite in der Gipsstraße ein Turnschuhgeschäft. Nur Leute meiner Generation oder älter, reden von Turnschuhen, ich weiß. „Sneakers“ wird heute bevorzugt gesagt, sonst wirkt man altbacken, das möchte man natürlich nicht. Jedenfalls ist dieses Turnschuhgeschäft sehr modisch und wirkt nicht wie ein Laden für Sportartikel. Es ist mehr so eine Anlaufstelle für modebewusste Leute, die extravagante Turnschuhmodelle als Accessoire betrachten und vielleicht auch besondere Modelle sammeln. Wie heißt der Laden bloß. Ich war sogar schon einmal drin und habe Turnschuhe gekauft, die mir schon mindestens vier oder fünf mal beim Vorbeilaufen im Schaufenster aufgefallen waren. Ich bin rein, habe sie anprobiert und gekauft. Und zwei Tage später war ein Artikel in der Daily Mail mit einem Foto von Mick Jagger, wie er bei einer bekannten jungen Sängerin als Gast bei ihrem Konzert erscheint – wer war die junge Frau – Taylor Swift glaube ich, die wird ja sehr umjubelt, derzeit – und er sang also ein Duett mit ihr und er hatte meine Turnschuhe an! Aber das wollte ich doch überhaupt nicht erzählen. Das war nicht mein ekstatisches Erlebnis aus zweiter Hand, ist ja auch viel länger her. Sicher wollen Sie jetzt wissen, welche Schuhe das sind, die Mick Jagger und ich neulich gekauft haben – Moment – – – Hier, bitte beachten Sie die Sohle. Und hier eine Art Aufnahme von mir mit dem gleichen Modell. Nun sollte man vielleicht auch noch die Mühe investieren herauszufinden, wie der Laden heißt, an dem ich immerhin jeden Tag mindestens ein- bis zweimal vorbeilaufe. Also gut, ich google auch das. Moment – – – oh – die sind ja auch toll – – – uh – , ja also dieses Geschäft. Aber was ich doch eigentlich vermitteln wollte, war: ich laufe gestern an diesem Schaufenster vorbei und gucke so halb hin, alles wieder sehr schön präsentiert, auf eine unsportliche Art dekoriert, die auch mich anspricht, man hat mehr den Eindruck von einem stylishen Schuhgeschäft mit eben sehr hip präsentierter Auslage. Das habe ich schon durchaus realisiert. Aber dann kommt ein Mann – wahrscheinlich jünger als ich (so Väter von jüngeren Kindern sind ja überwiegend jünger als ich) mir entgegen, und noch irgendein Erwachsener, ich glaube, ein anderer Mann, und ein Kind, ein Mädchen, ungefähr zwischen sieben und neun Jahren alt. Grob geschätzt. Man schlendert so einher, als das Mädchen plötzlich einen ekstatischen Schrei ausstößt. Jedes andere Adjektiv wäre untertrieben. Es war so ein Laut, den man bei erwachsenen Menschen einem orgiastischen Erleben zuordnen würde. Bei Kindern nennt man das dann eher verniedlichend „jauchzen“. Also das Kind hat demzufolge einen Jauchzer von sich gegeben. Gefolgt von dem fassungslos begeisterten Ausruf: „ROT!!! COOOOL!!!!!“. Ja, ja. Sicher doch, das Schaufenster war mit roten Lampen beleuchtet, es war also rot ausgestrahlt. Unsereiner, wir Älteren, gehen da ganz cool und unberührt darüber hinweg, aber so eine Sieben- oder Acht- oder Neunjährige, der ist das göttliche Bewusstseinsstadium noch nicht abhanden gekommen, dass ein rot ausgeleuchtetes Schaufenster mit Turnschuhen, das Potenzial in sich trägt, über die Schönheit der Farbe Rot in einen Freudentaumel zu geraten. Und das meine ich ohne jede Ironie. Ich habe das Gesicht des kleinen Mädchens gesehen. Man kann nur von Verzückung sprechen. Und ich habe auch das Gesicht des Vaters gesehen. Im ersten Moment irritiert, dann sehr amüsiert. Am Ende beglückt. Er fing an zu kichern, so mäandernd in Richtung quieken. Er wusste in dem Moment wieder, dass dieses Kind an seiner Seite, durch seine ewig neue Betrachtung der Welt, ein beständiger Denkzettel ist, die Welt eben wie neu zu betrachten, immer wieder neu. Ich war zwar nun nicht gerade perplex, aber gleichwohl erfreut. Es war eine reine Freude. Ein wirklich schöner Moment. Und im Grunde ein Gottesdienst. Was ich mir darunter vorstelle. Aufregendes, rotes elektrisches Licht in einem Schaufenster mit tief empfundener Begeisterung zu ehren. Das Glück, zu sehen. Das Glück zu sehen.

09. Dezember 2015


Haben andere auch Einträge in Warteschleifen? Die darauf warten, geschrieben zu werden? Ich meine, zu wissen, dass man etwas festhalten will, das einem widerfuhr. Irgendein Erleben, Erlebnis. Aber es angemessen einzufangen, geht nicht nach Stundenplan. Und manchmal weiß man auch gar nicht, worauf die Sache hinauswill. Manches muss noch ein bißchen ruhen. Reifen ist ein zu großes Wort. Es sind ja keine derart historischen Ereignisse… nur für meine Historie. Sobald Bilder entstanden sind, denen ich einen Wert zugestehe, lege ich mir eine Verpflichtung auf, etwas Angemessenes dazu zu schreiben. Aber alles nicht mehr chronologisch.. Nicht mehr eilig. Irgendwann. Wenn es einen Wert hat, geht er nicht in ein paar Wochen verloren. So selten ich in diesen Tagen Einladungen wahrnehme, so intensiv erlebe ich sie. Und suche nach Intensität. oder mache einen Abgang. Ohne Erklärung. Geschieht nicht mehr so häufig. Der Instinkt ist geschärft, was sich lohnen könnte. Aber auch bin ich nicht mehr so genügsam. Zumeist gibt es eine Interaktion, die ich entweder provoziere oder zulasse. Keine Angst vor großen Tieren. Lange nicht mehr. Aber große Tiere müssen auch ihre Größe bestätigen, sonst vergeht mir die Lust. Das ist jetzt wirklich kryptisch und so war es nicht beabsichtigt. Ich trinke einen sehr guten Haut-Médoc und muss auch schlafen gehen. Fast hätte ich das in eine Bildstrecke geschrieben, die in der Schleife ist. Aber nur weil man trunken und müde ist, muss man nicht fahrlässig werden. Auch nicht in unbezahlten Blogeinträgen. Außerdem lausche ich mit halbem Ohr mir neuer Musik. Und darum höre ich jetzt lieber auf.

06. Dezember 2015

Wer hätte gedacht, dass mir ein algorithmischer facebook-Vorschlag in der rechten Seitenleiste das heute (bis zu dieser Stunde) größte Amusement beschert.
Suggested Groups
Auswandern nach Russland! (Interessengemeinschaft)
2,103 members

Sie sind aber ganz herzlich eingeladen, das zu übertrumpfen. Meine Erheiterungskapazitäten sind noch nicht erschöpft.

06. Dezember 2015

Wer hätte gedacht, dass mir ein algorithmischer facebook-Vorschlag in der rechten Seitenleiste das heute (bis zu dieser Stunde) größte Amusement beschert.
Suggested Groups
Auswandern nach Russland! (Interessengemeinschaft)
2,103 members

Sie sind aber ganz herzlich eingeladen, das zu übertrumpfen. Meine Erheiterungskapazitäten sind noch nicht erschöpft.

30. November 2015











Da capo Ernst Fuchs. Im Bett. Noch niemals, nicht in zwöf Jahren, habe ich aus meinem Bett gebloggt. Ich habe den Rechner heruntergefahren, nach einem Sonntag, der in den letzten Stunden ganz Ernst Fuchs gewidmet war. Total. Auf youtube noch einmal zwei wunderbare Dokumentationen gefunden, eine davon die Urversion des Zusammenschnittes, den der ORF unlängst mit dem Label „Eros und Mystik“ gesendet hat. Im Original blumig betitelt „Mit den Augen der Seele„. Viel ausführlicher, viel stimmiger, unkastrierter. Vieles, was Fuchs erzählt, gibt in der epischen Ausführlichkeit erst Sinn, man begreift. Es lohnt sehr, die zehn Sequenzen anzusehen. Und ein weiterer Dokumentarfilm, der anhand des Titels „Die phantastische Kunst“ den Eindruck erweckt, es handele sich lediglich um eine kunsthistorische Abhandlung, aber nein. Wir erfahren viel, ganz Wesentliches über Ernst Fuchs und sein Verständnis vom Schöpfungsakt und seine Liebe zu Kindern, die auch zu Wort kommen (nicht alle sechzehn, aber einige). Eine fulminante, gegenseitige Liebeserklärung. Dann fand ich auch noch ein dreigeteiltes Video, in dem dokumentiert wurde, wie Ernst Fuchs in den Achtziger Jahren, 1987, seinen jungen Freund Falco portraitierte, der während der Sitzungen ein Gedicht nach dem anderen rezitiert. Was für ein Schöngeist. Da hatten sich zwei gefunden. Alles im Großen Salon der Fuchs-Villa. Damals stand auch schon die Jugendstil-Dame am Fenster. Der Salon war Atelier. Eines der Fuchs-Kinder, ein kleines Mädchen (oder ein Enkelkind?) springt ins Zimmer, will den Pinsel greifen, mit väterlicher Güte verwehrt er sanftmütig den Pinsel und schlägt dem kleinen Nackedei vor, ein eigenes Bild zu malen, auf schönem großen Papier! Also auch sehr sehenswert. Und zuguterletzt spazierte ich durch die facebook-Alben der Familie und der Trauergäste. Dabei fand ich ein Album, in dem all die Bilder zu sehen sind, die ich mir bislang nur vorstellte, weil es kein offizielles Bildmaterial gibt, nicht von der Beisetzung und dem Empfang, dem Agape, wie es genannt wird, danach in der Fuchsvilla. Die Bilder sind öffentlich einsehbar und deswegen meine ich, es ist kein Verbrechen, wenn ich wenigen freundlich Interessierten den Zugang ermögliche, hier lesen ja eh nur ein paar handverlesene Exoten mit, die meine Spezialinteressen halbwegs nachvollziehen können. Ich erinnerte mich in den letzten Tagen immer wieder daran, wie es war, durch diese Räume der Fuchsvilla zu schreiten und immer wieder fassungslos fasziniert vor der Gewalt dieser Werke innezuhalten. Dass das ein einziger Mensch erschaffen haben kann. Immer wieder heißt es, er habe altmeisterlich gemalt. Ja. Anders kann man es nicht sagen. Wer kann das noch. Wie Arik Brauer sagt, niemand hätte das gekonnt, außer ihm, ganz unvorstellbar heutzutage. Unersetzlich. Kaum zu fassen. Er konnte selbst darüber staunen. In dem einen Film sagt er, dass er bei manchem, was er so früh geschaffen hat, ein Empfinden hat, dass es von einer derartigen Genialität war, dass ihn eigentlich besser gleich der Schlag hätte treffen sollen, was sollte da noch kommen? Und was er danach zum Teil für einen Blödsinn fabriziert hätte, am besten gleich vergessen. Das war nicht kokett. Es stimmt ja auch, unter Abertausend Zeichnungen, Radierungen, Gemälden ist fürchterlicher Kitsch. Aber die Gewalt seiner genialsten Werke stellt alles in den Schatten. So dermaßen. Ich musste dem großen Fuchs jetzt noch einmal die letzte Ehrerbietung zollen. Zwar war ich am Mittwoch nicht in Person und Verkörperung bei seinem Requiem im Stephansdom und seiner Beisetzung, aber in Gedanken. Bei meiner Seel. Und deswegen habe ich noch einmal den Rechner genommen, in mein Bett, um das zu schreiben, ihm zu gedenken, ihn und all das, was er erschaffen hat, zu erinnern.

30. November 2015











Da capo Ernst Fuchs. Im Bett. Noch niemals, nicht in zwöf Jahren, habe ich aus meinem Bett gebloggt. Ich habe den Rechner heruntergefahren, nach einem Sonntag, der in den letzten Stunden ganz Ernst Fuchs gewidmet war. Total. Auf youtube noch einmal zwei wunderbare Dokumentationen gefunden, eine davon die Urversion des Zusammenschnittes, den der ORF unlängst mit dem Label „Eros und Mystik“ gesendet hat. Im Original blumig betitelt „Mit den Augen der Seele„. Viel ausführlicher, viel stimmiger, unkastrierter. Vieles, was Fuchs erzählt, gibt in der epischen Ausführlichkeit erst Sinn, man begreift. Es lohnt sehr, die zehn Sequenzen anzusehen. Und ein weiterer Dokumentarfilm, der anhand des Titels „Die phantastische Kunst“ den Eindruck erweckt, es handele sich lediglich um eine kunsthistorische Abhandlung, aber nein. Wir erfahren viel, ganz Wesentliches über Ernst Fuchs und sein Verständnis vom Schöpfungsakt und seine Liebe zu Kindern, die auch zu Wort kommen (nicht alle sechzehn, aber einige). Eine fulminante, gegenseitige Liebeserklärung. Dann fand ich auch noch ein dreigeteiltes Video, in dem dokumentiert wurde, wie Ernst Fuchs in den Achtziger Jahren, 1987, seinen jungen Freund Falco portraitierte, der während der Sitzungen ein Gedicht nach dem anderen rezitiert. Was für ein Schöngeist. Da hatten sich zwei gefunden. Alles im Großen Salon der Fuchs-Villa. Damals stand auch schon die Jugendstil-Dame am Fenster. Der Salon war Atelier. Eines der Fuchs-Kinder, ein kleines Mädchen (oder ein Enkelkind?) springt ins Zimmer, will den Pinsel greifen, mit väterlicher Güte verwehrt er sanftmütig den Pinsel und schlägt dem kleinen Nackedei vor, ein eigenes Bild zu malen, auf schönem großen Papier! Also auch sehr sehenswert. Und zuguterletzt spazierte ich durch die facebook-Alben der Familie und der Trauergäste. Dabei fand ich ein Album, in dem all die Bilder zu sehen sind, die ich mir bislang nur vorstellte, weil es kein offizielles Bildmaterial gibt, nicht von der Beisetzung und dem Empfang, dem Agape, wie es genannt wird, danach in der Fuchsvilla. Die Bilder sind öffentlich einsehbar und deswegen meine ich, es ist kein Verbrechen, wenn ich wenigen freundlich Interessierten den Zugang ermögliche, hier lesen ja eh nur ein paar handverlesene Exoten mit, die meine Spezialinteressen halbwegs nachvollziehen können. Ich erinnerte mich in den letzten Tagen immer wieder daran, wie es war, durch diese Räume der Fuchsvilla zu schreiten und immer wieder fassungslos fasziniert vor der Gewalt dieser Werke innezuhalten. Dass das ein einziger Mensch erschaffen haben kann. Immer wieder heißt es, er habe altmeisterlich gemalt. Ja. Anders kann man es nicht sagen. Wer kann das noch. Wie Arik Brauer sagt, niemand hätte das gekonnt, außer ihm, ganz unvorstellbar heutzutage. Unersetzlich. Kaum zu fassen. Er konnte selbst darüber staunen. In dem einen Film sagt er, dass er bei manchem, was er so früh geschaffen hat, ein Empfinden hat, dass es von einer derartigen Genialität war, dass ihn eigentlich besser gleich der Schlag hätte treffen sollen, was sollte da noch kommen? Und was er danach zum Teil für einen Blödsinn fabriziert hätte, am besten gleich vergessen. Das war nicht kokett. Es stimmt ja auch, unter Abertausend Zeichnungen, Radierungen, Gemälden ist fürchterlicher Kitsch. Aber die Gewalt seiner genialsten Werke stellt alles in den Schatten. So dermaßen. Ich musste dem großen Fuchs jetzt noch einmal die letzte Ehrerbietung zollen. Zwar war ich am Mittwoch nicht in Person und Verkörperung bei seinem Requiem im Stephansdom und seiner Beisetzung, aber in Gedanken. Bei meiner Seel. Und deswegen habe ich noch einmal den Rechner genommen, in mein Bett, um das zu schreiben, ihm zu gedenken, ihn und all das, was er erschaffen hat, zu erinnern.

28. November 2015

Anschauen
(Wondratschek erzählt, R.: André Heller, noch vier Tage verfügbar)
Mehrfach gesehen, mit Gewinn. „in jedem Zimmer gibt es EINE Ecke, die interessanter ist, als die übrigen drei. Setz dich DER gegenüber. Diesen Rat gab ich meinem Sohn“. Und „Die Schönheit eines Satzes, dafür brauch ich keine Industrie, keine „Meinungsindustrie“. Und „Wenn Leute glauben, dass man Dichter wird, indem man Gedichte schreibt, sind sie unendlich im Irrtum“. Und „In Rom habe ich dir unter den Rock gegriffen, in dieser Nacht wurden tausend Katzen geboren“.

28. November 2015

Anschauen
(Wondratschek erzählt, R.: André Heller, noch vier Tage verfügbar)
Mehrfach gesehen, mit Gewinn. „in jedem Zimmer gibt es EINE Ecke, die interessanter ist, als die übrigen drei. Setz dich DER gegenüber. Diesen Rat gab ich meinem Sohn“. Und „Die Schönheit eines Satzes, dafür brauch ich keine Industrie, keine „Meinungsindustrie“. Und „Wenn Leute glauben, dass man Dichter wird, indem man Gedichte schreibt, sind sie unendlich im Irrtum“. Und „In Rom habe ich dir unter den Rock gegriffen, in dieser Nacht wurden tausend Katzen geboren“.

09. November 2015


In den Morgenstunden hat ein genialer Künstler seiner irdischen Existenz den Rücken zugewandt, aber die Essenz seines Geistes hat die Welt nicht verlassen. Das Geschenk seiner Werke, der Werke von Ernst Fuchs, bleibt unserem Universum erhalten. Ich las von seinem Tod gar nicht in Nachrichtenportalen, wo es aber auch vermerkt wird, es wäre auch eine Schande, wenn nicht, sondern als ich nach Besuch meiner eigenen Seite hier sah, dass eibensang mir eine Nachricht geschrieben hatte. Anlass war, dass er sich bedankte für einen Link zu einem Text, den er, wie ich fand, lesen sollte. Sehr selten schicke ich Freunden Verlinkungen zu Texten, eigentlich nie. Ich schrieb ihm am siebten November:

„Lieber (…) ich las gerade einen derart interessanten, scharf analysierten Text über die Tabuisierung von Pathos als Hitlerfolge und die einhergehende Hofierung von Ironie, dass ich dachte, der Text wäre auch für dich lesenswert.
Hier ist er (…).“
Dass ich ausgerechnet ihm diesen Text schickte, ist kein Zufall, da er sich in seinen Texten seit langem auch mit den Folgen des Nazi-Missbrauchs der germanischen Mythologie (sowie auch mit der Verunglimpfung des sehr viel älteren, und an sich sehr schönen Heils-Begriffs) und deren Rehabilitation beschäftigt, nicht nur theoretisch. Das berührt auch unbedingt die Bedeutung von Pathos, worüber Alban Nikolai Herbst so durchdacht schreibt. („Leidenschaftliche Liebe ist ihrer Natur nach pathetisch (…) Auch Trauer schließt Ironie aus. (…) Ein ironischer Orgasmus (…) ist nicht möglich.“). Sein Text ist eingebettet in den Kontext einer persönlichen Betroffenheit als Autor. Um diesen Kontext zu verstehen, sollte man einige Einträge zurückblättern und begreift dann, worauf sich die Eingangsabsätze beziehen. Ich meine aber, dass der verlinkte Text ab dem zweiten Absatz, durchaus auch aus dem Kontext gehoben, einen derart fulminant eigenständigen Wert besitzt, der, wenn es nach mir ginge, in Schul- und Geschichtsbücher gehört. Seine Lektüre ermöglicht zu begreifen, wie sehr wir aufgrund unserer deutschen Geschichte konditioniert wurden und uns selbst weiter konditionieren, im Zweifel der Ironie anstelle der Ergriffenheit den Vorzug zu geben. Eibensang schrieb:
„(…) sei ganz innig bedankt für diesen wirklich hervorragenden Text… Ich antworte so spät, weil ich dieser Tage im Mega-Endspurt einer umfänglichen Schreibarbeit bin, deren Abgabetermin ich schon um Wochen überschritten habe, weshalb es grad arg drückt… Anderes Thema: Soeben hörte ich, dass Ernst Fuchs gestorben ist. Ich bin dir so dankbar, dass du mir sein Werk gezeigt hast… Als wunderschönen Tag hab ich das in Erinnerung, als wir durch diese Villa wandelten… .“
So erfuhr ich heute vom Tod von Ernst Fuchs. Wir besuchten seine Villa in Wien im Mai Zweitausendvierzehn. Ich hatte damals, anlässlich dieser Wien-Reise sehr viel geschrieben und fotografiert. und ganz besonders viel an jenem Tag in der Fuchs-Villa. Ich glaube, es gibt – meines Wissens – (im Netz und überhaupt) keine vergleichbar detaillierte fotografische Dokumentation der Fuchs-Villa von Otto Wagner in Hütteldorf in Wien. Es war ein großes Erlebnis und ich ehrte jeden einzelnen Raum, den wir betreten durften, mit einer eigenen Bildstrecke und eigenem Text. Diese gesammelten Texte und Bilder-Alben der Fuchs-Villa sind hier als Sammlung zusammengefasst. Wer also ein wenig gedenken und flanieren möchte, ist herzlich willkommen. Ernst Fuchs, dieser phantastische und sehr freie Künstler, hat sich die Erlaubnis erteilt, jegliche Ergriffenheit, besonders transzendentale, in seinen Werken zu manifestieren. So ist auch in der Villa in jedem Winkel ein Geist zu spüren, der zu religiöser Hingabe zu den Dingen, besonders auch den irdischen, fähig ist. Der um die Verbundenheit von allem weiß. Den keine Angst vor Pathos beschränkte. Wahres Pathos ist nicht aufgesetzte, peinlich parfümierte Pose, nicht affektiert geschauspielerte Ergriffenheit als kalkuliertes, billiges Mittel der Publikumsmanipulation, sondern nicht mehr und nicht weniger als Manifestation einer tiefen Empfindung. Hier ist das vielleicht letzte Interview mit Ernst Fuchs zu lesen, das der Wiener Kurier mit ihm in der Villa geführt hat. Ein erfülltes Leben hat sich vollendet. Wie man es sich wünscht.

14. November 2015

[…]

Ich fühle, daß der Geist des Herrn,
Der redet in verschiedenen Zungen,
Hat Völker, Zeiten, nah und fern,
Durchhaucht, durchleuchtet und durchsungen.
Ob etwas herber oder reifer,
Ob etwas reicher oder steifer
Ihr seid Gewächs aus einen Kern
Für meinen Liebeseifer
Mög‘ euch die schmeichelnde Gewöhnung
Befreunden auch mit fremder Tönung,
Daß ihr erkennt: Weltpoesie
Allein ist Weltversöhnung.


Friedrich Rückert


„Kunst ist trotz ihrer Dynamik und der ihren Trägern eigenen Egozentrik immer eine Frieden stiftende Kraft. Wir wissen es, wir haben es gelernt und wir praktizieren aus dieser Kenntnis die befreiende, die heilende Kraft der Kunst. Darum muß aller Wahnsinn Kunst werden, alle Politik und jeder Wille, der sich auf die Verbesserung der Daseinsbedingungen des Menschen richtet, sollte kunstvoll sich manifestieren. Die einzig positive Revolution, die eine Chance hat, permanent den Menschen zu befreien und zu befruchten, ist das Wirken der Künstler. Die Freiheit der Kunst ist der einzige Garant der Freiheit des Menschen; diese Freiheit ist daher auch die erste, die ein Volk gezwungen wird aufzugeben, wenn ein Tyrann kommt, es zu beherrschen.“
Ernst Fuchs 1930 – 2015

09. November 2015


In den Morgenstunden hat ein genialer Künstler seiner irdischen Existenz den Rücken zugewandt, aber die Essenz seines Geistes hat die Welt nicht verlassen. Das Geschenk seiner Werke, der Werke von Ernst Fuchs, bleibt unserem Universum erhalten. Ich las von seinem Tod gar nicht in Nachrichtenportalen, wo es aber auch vermerkt wird, es wäre auch eine Schande, wenn nicht, sondern als ich nach Besuch meiner eigenen Seite hier sah, dass eibensang mir eine Nachricht geschrieben hatte. Anlass war, dass er sich bedankte für einen Link zu einem Text, den er, wie ich fand, lesen sollte. Sehr selten schicke ich Freunden Verlinkungen zu Texten, eigentlich nie. Ich schrieb ihm am siebten November:

„Lieber (…) ich las gerade einen derart interessanten, scharf analysierten Text über die Tabuisierung von Pathos als Hitlerfolge und die einhergehende Hofierung von Ironie, dass ich dachte, der Text wäre auch für dich lesenswert.
Hier ist er (…).“
Dass ich ausgerechnet ihm diesen Text schickte, ist kein Zufall, da er sich in seinen Texten seit langem auch mit den Folgen des Nazi-Missbrauchs der germanischen Mythologie (sowie auch mit der Verunglimpfung des sehr viel älteren, und an sich sehr schönen Heils-Begriffs) und deren Rehabilitation beschäftigt, nicht nur theoretisch. Das berührt auch unbedingt die Bedeutung von Pathos, worüber Alban Nikolai Herbst so durchdacht schreibt. („Leidenschaftliche Liebe ist ihrer Natur nach pathetisch (…) Auch Trauer schließt Ironie aus. (…) Ein ironischer Orgasmus (…) ist nicht möglich.“). Sein Text ist eingebettet in den Kontext einer persönlichen Betroffenheit als Autor. Um diesen Kontext zu verstehen, sollte man einige Einträge zurückblättern und begreift dann, worauf sich die Eingangsabsätze beziehen. Ich meine aber, dass der verlinkte Text ab dem zweiten Absatz, durchaus auch aus dem Kontext gehoben, einen derart fulminant eigenständigen Wert besitzt, der, wenn es nach mir ginge, in Schul- und Geschichtsbücher gehört. Seine Lektüre ermöglicht zu begreifen, wie sehr wir aufgrund unserer deutschen Geschichte konditioniert wurden und uns selbst weiter konditionieren, im Zweifel der Ironie anstelle der Ergriffenheit den Vorzug zu geben. Eibensang schrieb:
„(…) sei ganz innig bedankt für diesen wirklich hervorragenden Text… Ich antworte so spät, weil ich dieser Tage im Mega-Endspurt einer umfänglichen Schreibarbeit bin, deren Abgabetermin ich schon um Wochen überschritten habe, weshalb es grad arg drückt… Anderes Thema: Soeben hörte ich, dass Ernst Fuchs gestorben ist. Ich bin dir so dankbar, dass du mir sein Werk gezeigt hast… Als wunderschönen Tag hab ich das in Erinnerung, als wir durch diese Villa wandelten… .“
So erfuhr ich heute vom Tod von Ernst Fuchs. Wir besuchten seine Villa in Wien im Mai Zweitausendvierzehn. Ich hatte damals, anlässlich dieser Wien-Reise sehr viel geschrieben und fotografiert. und ganz besonders viel an jenem Tag in der Fuchs-Villa. Ich glaube, es gibt – meines Wissens – (im Netz und überhaupt) keine vergleichbar detaillierte fotografische Dokumentation der Fuchs-Villa von Otto Wagner in Hütteldorf in Wien. Es war ein großes Erlebnis und ich ehrte jeden einzelnen Raum, den wir betreten durften, mit einer eigenen Bildstrecke und eigenem Text. Diese gesammelten Texte und Bilder-Alben der Fuchs-Villa sind hier als Sammlung zusammengefasst. Wer also ein wenig gedenken und flanieren möchte, ist herzlich willkommen. Ernst Fuchs, dieser phantastische und sehr freie Künstler, hat sich die Erlaubnis erteilt, jegliche Ergriffenheit, besonders transzendentale, in seinen Werken zu manifestieren. So ist auch in der Villa in jedem Winkel ein Geist zu spüren, der zu religiöser Hingabe zu den Dingen, besonders auch den irdischen, fähig ist. Der um die Verbundenheit von allem weiß. Den keine Angst vor Pathos beschränkte. Wahres Pathos ist nicht aufgesetzte, peinlich parfümierte Pose, nicht affektiert geschauspielerte Ergriffenheit als kalkuliertes, billiges Mittel der Publikumsmanipulation, sondern nicht mehr und nicht weniger als Manifestation einer tiefen Empfindung. Hier ist das vielleicht letzte Interview mit Ernst Fuchs zu lesen, das der Wiener Kurier mit ihm in der Villa geführt hat. Ein erfülltes Leben hat sich vollendet. Wie man es sich wünscht.

07. November 2015

Gestern im Postkasten eine Einladung zur Mammographie, ein Serienbrief an weibliche Berlinerinnen zwischen 50 und 60 glaube ich (habe den Brief nicht mehr). Diese Untersuchungsart, wo die weibliche Brust mit Röntgenstrahlen untersucht wird. Ich habe das noch nie machen lassen. Ich war ja vor acht Wochen beim Ganzkörper-MRT. Im Internet las ich heute morgen eine Vielzahl von Berichten, dass MRT-(Magnetresonanztomographie) Screenings zuverlässigere und genauere Ergebnisse liefern als Röntgen-Screenings. Zudem ohne Strahlenbelastung. Aber kostspieliger. Darüber wird verständlicherweise viel diskutiert und sich echauffiert. Ich war dankbar, dass ich durch diesen Zufall der Auswahl für die Nationale Kohorte das Ganzkörper-MRT hatte. Ein MRT nur des Brustbereiches kostet ca. vierhundert Euro. Ganzkörper zwischen 800 Euro bis zu einen vierstelligen Betrag. Ich habe bei der Screening-Stelle angerufen und gebeten, mich für den angedachten Termin zu streichen, wegen des MRTs, das ich gerade hatte. Alle drei Jahre soll das Screening wiederholt werden. Ich werde im fünf-Jahres-Rhythmus von der Charité durchleuchtet. Wenn sich keine Beschwerden in der Zwischenzeit entwickeln, will ich erst wieder in fünf Jahren zu den Untersuchungen gehen. Ich finde das geradezu fahrlässig, dass diese veraltete Röntgen-Diagnostik noch in Betracht gezogen, wird, wenn man weiß, dass es harmlosere diagnostische Techniken gibt, die zudem weniger peinlich und zuverlässiger sind. Manchmal fragt man sich, warum evolutionäre Entwicklungen so zäh von statten gehen. Die Lobby, die interessiert ist, an der alten Röntgen-Technik zu verdienen, könnte ebensogut auf MRT-Technologie umschwenken. Aber das ist wohl das gleiche aufwändige, arbeitsintensive Umbau-Problem, wie der Umstieg von Energiegewinnung durch Kernspaltung auf Solar- oder Windenergie. Ich lebe gerne in dieser Zeit, aber manchmal geht mir das alles zu langsam und ich denke, die Generationen in fünfzig Jahren werden fassungslos den Kopf darüber schütteln, dass wir so lange aus derart unvernünftigen Gründen, trotz Verfügbarkeit unwiderlegbar fortschrittlicherer Methoden, veraltete Technologien hofiert haben. Ich weiß nicht, ob ich an Wiedergeburt glauben kann oder soll. In dieser Hinsicht würde ich es mir wünschen, um all den gelebten Fortschritt in den nächsten Dekaden und Jahrhunderten zu genießen. Ich bin davon sehr überzeugt. Selbst, wenn am Ende der Weltuntergang stehen sollte. Aber die Erde wird nicht am technischen Fortschritt zugrunde gehen, sondern wenn, an der Dummheit oder einer Naturgewalt.

05. November 2015

https://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=261948265
Hatte lange keine Lust, das Haus zu verlassen, meine Wohnung. Bis Ina auf fb kurz fragte, ob wir uns sehen, sie würde sich darüber freuen. Samstag, 30. Oktober 2015. Oder war das Freitag. Ja. Ich glaube ja. Ja, das war Freitag. Ich zog mir etwas Unspektakuläres an. Schwarz von Kopf bis Fuß. Nur den Gürtel aus diesem recycelten Zahnrad und dem zugeschnittenen Fahrradschlauch. Schwarzweißer Mantel. Viertel vor zehn bei Carpentier. Ich sage zu Manfred, ich käme auf ein akademisches Viertelstündchen. Sah Ina gleich im Durchgang mit ihrem alten Verehrer, dem Frauenarzt. Ich solle mir einen Eindruck der Bilder verschaffen, und ihr sagen, was ich davon halte, sie sei gespannt. Ein Teil meiner Antwort lautete „irrelevant“. Ich ging noch ein bißchen ins Detail. Das war mir alles zu tot, ausdruckslos. Inflationäre Spielerei mit analogen Effekten, Doppelbelichtungen, dekorative Schleier und Muster über und hinter Frauengesichtern, Close ups, aber trotzdem keine spürbare Nähe. Null. Am Reißbrett entwickelt und abgearbeitet. Nach tatsächlich nur einer Viertelstunde fragte Jan im Vorbeigehen, ob ich mit ihm und Ina mitkommen würde, sie wollten etwas essen, bei einem Thailänder. Ich mag thailändisches Essen. Und die Gesellschaft der beiden. Lieber als Herumstehen und trinken und feststellen, dass kein Wunder geschieht, was das Publikum angeht. Um diese spätere Zeit finden sich keine neuen Gäste mehr ein, sehr selten. Wir gingen zur Kantstraße, ein neueres Lokal, so zwischen Savignyplatz und Fasanenstr. Alles war irgendwie grün. Schilfgrün, lindgrün. Die loungeartig eingebauten, grün gepolsterten Sitzbänke. Stylish. Nur das thailändische Paar, das das Lokal betreibt war noch da. Auf der Tageskarte stand ganz oben „Grünes Curry“. Warum nicht. Ina und Jan nahmen zwei unterschiedliche andere Gerichte. Wir waren die einzigen und auch die letzten Gäste, die bewirtet wurden. Das Essen kam sehr schnell und auch unsere Biere. Alles sehr gepflegt, sehr schönes Geschirr, in dem die Speisen serviert wurden, frei von jeder Folklore, formschön, weißes Porzellan in besonderen Formen, sehr schwungvoll aber doch schlicht gehalten. Mein Essen sah aus wie ein Haufen Salat mit ein bißchen Reis auf der Seite, ich war etwas enttäuscht. Ich dachte, da wäre Huhn drin und alles mögliche an Gemüse. Als ich zu essen begann, war ich mit jedem Bissen überraschter. Unter dem vermeintlichen Salathaufen waren so viele köstliche Stücke, auch Huhn und Gemüse in einer wunderbar schmeckenden sahnigen Soße, wahrscheinlich mit Kokosmilch. Es war ein einziger Genuß. Wir unterhielten uns beim Essen und unterbrachen uns zum Teil.

Jan sagte einmal, er fände es gut, wenn Ina und ich uns unterhielten, er würde das sehr interessant finden, was wir uns zu erzählen hätten. Dann erzählten wir und er hatte auch eine Anmerkung und kam ins Plaudern und wollte nicht unterbrochen werden. Ich fand es beinah komisch, weil er uns erst aufgefordert hatte, dass wir uns miteinander unterhalten sollten, Ina und ich, und als wir seinen Redefluss mit Anmerkungen und Einlassungen unterbrachen, wurde er ein bißchen zickig. Eigentlich fand ich es lustig, dass jeder so furchtbar dringend etwas erzählen wollte. Und tatsächlich fanden wir auch alle alles mehr oder weniger interessant genug. Es hat sich dann justiert. Jan erzählte, dass er Ai Weiwei treffen wird, weil eine Freundin, die Maskenbildnerin ist, ihn zu einer Aufzeichnung mitnimmt, wo sie ihn schminken muss, vor allem abpudern. Die thailändischen Gastgeber warfen uns freundlich raus, es war schon spät, sie wollten ihren Feierabend, sicher mehr als wohlverdient. Wir gingen ein paar Häuser weiter, nach rechts, zur Paris Bar, wo wir einen kleinen Tisch fanden und noch ein bißchen weitertranken. Angejahrtes Publikum. Ein bißchen unsexy, zu gesettelt, zu satt. Auf eine hochkultivierte Art ein bißchen spießig. Da fehlt die Schaufel Dreck. Aber immer wieder schön, die vielen Bilder an den Wänden. Ich erzählte Ina, dass ich an Silvester, das ich sonst nicht auswärts begehe, im Radialsystem sein werde, bei den Neubauten. Eine eher unkarnevaleske Art zu feiern. Nicht so hysterisch, nehme ich an. Ina fand es interessant und ich versprach ihr, noch in der Nacht ein Ticket für sie zu ordern. Was ich auch tat. Hat doch gut getan, sich aufzurappeln, vor die Tür zu gehen, am dreißigsten Oktober 2015

01. November 2015

https://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=261948265


1. 18.08.2007, Hamburg. 2. 19.07.2008, Berlin. 3. 19.03.2009, Berlin. 4. 28.10.2015, Berlin. Statistisch treffen sich kid37 und Gaga Nielsen alle zwei Jahre. 75 Prozent der Treffen finden in Berlin statt. Hundert Prozent der Treffen in Berlin finden im Bezirk Mitte statt. 66,66 Prozent der Treffen in der Auguststraße im Lokal Ruz. 33,33 Prozent der Begegnungen in Berlin finden in der Leipziger Straße, im Museum für Kommunikation statt. 25 Prozent aller Treffen finden am Geburtstag von kid37 statt. 60 Prozent der Treffen in Hamburg finden auf dem Friedhof in Ohlsdorf statt. 10 Prozent der Treffen in Hamburg finden an den Landungsbrücken statt, die übrigen 30 Prozent auf Sankt Pauli. Davon entfallen ca. 17 Prozent auf ein portugiesisches Restaurant und 13 Prozent auf das Rotlichtmilieu, die Reeperbahn. Die Gespräche drehen sich zu 100 Prozent um perspolitische Befindlichkeiten. Wir sind ja Befindlichkeitsblogger. Auch Kultur spielt mitunter eine Rolle, aber das fließt so organisch ein, denn wir sind ja beide sehr kultiviert. Der Gesprächsanteil, der sich um andere Blogger innerhalb des Befindlichkeitsaustausches dreht, ist um einige Prozentpunkte gesunken, ich will mich da jetzt aber nicht auf eine Zahl festlegen.








Bei unserer ersten Begegnung in Hamburg war der noch sehr viel höher. Obwohl die statistische Verteilung des zweijährigen Intervalls der Begegnungen nicht der Realität entspricht, da sich zwischen 2007 und 2009 ein jährlicher Rhythmus ergab, und die letzten fünf bis sechs Jahre keine Begegnung (außer im Internet), war unser Treffen nicht befremdlich. Jedenfalls nicht für mich. Das Fremdeln hat ungefähr 3 Minuten und 37 Sekunden gedauert, dann war es verschwunden. Ich habe mich sehr gefreut. Das nächste mal treffen wir uns bestimmt wieder in Berlin, weil ich kein richtiges Reisefieber habe und noch dabei bin zu begreifen, dass meine Wohnung voraussichtlich immer noch für mich da ist, wenn ich Berlin einmal für ein paar Tage verlassen sollte. Ich arbeite noch an diesem Besichtigungstrauma. Kid37 arbeitet dagegen an seinem Berlintrauma und ist da schon ganz gut vorangekommen. Ich habe mich sogar getraut, ihm ein Proviantpäckchen mitzugeben, das ich in einen schwarzen Einkaufsbeutel aus Stoff mit dem Aufdruck C/O BERLIN gepackt habe. Der Beutel ist sicherheitshalber so gestaltet, dass man ihn auch mit der Beschriftung zur Körperseite tragen kann, dann sieht man von außen nur den schwarzen Stoff. Wenn man selber schwarz angezogen ist, was bei kid37 zu ungefähr 97,37 Prozent wahrscheinlich ist, wird der Beutel geradezu unsichtbar. Der Beutel war mein offizielles Geburtstagsgeschenk. Ich habe auch so einen.




Um ehrlich zu sein, sogar drei. Er hat schöne lange Henkel, man kann den Einkauf über der Schulter tragen, sehr praktisch. Ich bin ja immer für praktische Geschenke. Ich habe kid37 erlaubt, dass er auch einen Blogeintrag schreiben kann – Unsinn – ich meine, ich habe ihm ausdrücklich erlaubt, dass er Fotos von unserem Treffen posten darf, ganz nach Belieben, und dass es mich freuen würde, wenn er einen Eintrag posten würde, weil er ja nicht so oft postet, in den letzten Monaten. Außerdem hat er noch nie über ein Treffen mit mir gebloggt. Über hundert Prozent unserer Treffen hat er nichts geschrieben, als hätten wir etwas zu verheimlichen! Weiß er da eventuell mehr als ich? Ich habe jedenfalls nichts zu verheimlichen und zeige alle Fotos her. Vier in der Reihe sind von ihm, also von den gemeinsamen Selbstportraits. Die wollte er erst nicht herausrücken, aber ich habe ihn mit dem Versprechen überredet, dass ich das so zurechtschnippeln kann, dass es passt.


Oder findet irgendjemand, dass hier Fotos zu sehen sind, die nicht passen oder die man lieber hätte wegschmeißen sollen? Ich finde nicht. Falls doch, bitte fundiert begründen. Ich freue mich immer noch über den Besuch von kid37 und über alle Bilder. Und meine Leser/innen bestimmt auch. Es gibt heutzutage viel zu wenige Berichte über Treffen von befreundeten Bloggern mit Bildmaterial. Ich werde das weiter kultivieren. Bei fünfzig Prozent unserer Treffen habe ich gar keine Portraitfotos von ihm gemacht, ich war zu schüchtern das eine mal, und das andere Mal hat es sich nicht ergeben. Somit sind hundert Prozent aller Fotos, auf denen er zu sehen ist, im Ruz und in der Auguststraße entstanden. Und zwar bei denkbar schwierigen Lichtverhältnissen, es war immer schummrig oder dunkel. Und wenn man das noch berücksichtigt, sind die Bilder doch wirklich mehr als in Ordnung. Das nächste mal wünsche ich mir eine andere Location für unser Shooting, man muss auch mal für Experimente offen sein. Ich könnte mir auch vorstellen, dass man sich mal in Westberlin trifft. No Risk, no Fun.

01. November 2015

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1. 18.08.2007, Hamburg. 2. 19.07.2008, Berlin. 3. 19.03.2009, Berlin. 4. 28.10.2015, Berlin. Statistisch treffen sich kid37 und Gaga Nielsen alle zwei Jahre. 75 Prozent der Treffen finden in Berlin statt. Hundert Prozent der Treffen in Berlin finden im Bezirk Mitte statt. 66,66 Prozent der Treffen in der Auguststraße im Lokal Ruz. 33,33 Prozent der Begegnungen in Berlin finden in der Leipziger Straße, im Museum für Kommunikation statt. 25 Prozent aller Treffen finden am Geburtstag von kid37 statt. 60 Prozent der Treffen in Hamburg finden auf dem Friedhof in Ohlsdorf statt. 10 Prozent der Treffen in Hamburg finden an den Landungsbrücken statt, die übrigen 30 Prozent auf Sankt Pauli. Davon entfallen ca. 17 Prozent auf ein portugiesisches Restaurant und 13 Prozent auf das Rotlichtmilieu, die Reeperbahn. Die Gespräche drehen sich zu 100 Prozent um perspolitische Befindlichkeiten. Wir sind ja Befindlichkeitsblogger. Auch Kultur spielt mitunter eine Rolle, aber das fließt so organisch ein, denn wir sind ja beide sehr kultiviert. Der Gesprächsanteil, der sich um andere Blogger innerhalb des Befindlichkeitsaustausches dreht, ist um einige Prozentpunkte gesunken, ich will mich da jetzt aber nicht auf eine Zahl festlegen.








Bei unserer ersten Begegnung in Hamburg war der noch sehr viel höher. Obwohl die statistische Verteilung des zweijährigen Intervalls der Begegnungen nicht der Realität entspricht, da sich zwischen 2007 und 2009 ein jährlicher Rhythmus ergab, und die letzten fünf bis sechs Jahre keine Begegnung (außer im Internet), war unser Treffen nicht befremdlich. Jedenfalls nicht für mich. Das Fremdeln hat ungefähr 3 Minuten und 37 Sekunden gedauert, dann war es verschwunden. Ich habe mich sehr gefreut. Das nächste mal treffen wir uns bestimmt wieder in Berlin, weil ich kein richtiges Reisefieber habe und noch dabei bin zu begreifen, dass meine Wohnung voraussichtlich immer noch für mich da ist, wenn ich Berlin einmal für ein paar Tage verlassen sollte. Ich arbeite noch an diesem Besichtigungstrauma. Kid37 arbeitet dagegen an seinem Berlintrauma und ist da schon ganz gut vorangekommen. Ich habe mich sogar getraut, ihm ein Proviantpäckchen mitzugeben, das ich in einen schwarzen Einkaufsbeutel aus Stoff mit dem Aufdruck C/O BERLIN gepackt habe. Der Beutel ist sicherheitshalber so gestaltet, dass man ihn auch mit der Beschriftung zur Körperseite tragen kann, dann sieht man von außen nur den schwarzen Stoff. Wenn man selber schwarz angezogen ist, was bei kid37 zu ungefähr 97,37 Prozent wahrscheinlich ist, wird der Beutel geradezu unsichtbar. Der Beutel war mein offizielles Geburtstagsgeschenk. Ich habe auch so einen.




Um ehrlich zu sein, sogar drei. Er hat schöne lange Henkel, man kann den Einkauf über der Schulter tragen, sehr praktisch. Ich bin ja immer für praktische Geschenke. Ich habe kid37 erlaubt, dass er auch einen Blogeintrag schreiben kann – Unsinn – ich meine, ich habe ihm ausdrücklich erlaubt, dass er Fotos von unserem Treffen posten darf, ganz nach Belieben, und dass es mich freuen würde, wenn er einen Eintrag posten würde, weil er ja nicht so oft postet, in den letzten Monaten. Außerdem hat er noch nie über ein Treffen mit mir gebloggt. Über hundert Prozent unserer Treffen hat er nichts geschrieben, als hätten wir etwas zu verheimlichen! Weiß er da eventuell mehr als ich? Ich habe jedenfalls nichts zu verheimlichen und zeige alle Fotos her. Vier in der Reihe sind von ihm, also von den gemeinsamen Selbstportraits. Die wollte er erst nicht herausrücken, aber ich habe ihn mit dem Versprechen überredet, dass ich das so zurechtschnippeln kann, dass es passt.


Oder findet irgendjemand, dass hier Fotos zu sehen sind, die nicht passen oder die man lieber hätte wegschmeißen sollen? Ich finde nicht. Falls doch, bitte fundiert begründen. Ich freue mich immer noch über den Besuch von kid37 und über alle Bilder. Und meine Leser/innen bestimmt auch. Es gibt heutzutage viel zu wenige Berichte über Treffen von befreundeten Bloggern mit Bildmaterial. Ich werde das weiter kultivieren. Bei fünfzig Prozent unserer Treffen habe ich gar keine Portraitfotos von ihm gemacht, ich war zu schüchtern das eine mal, und das andere Mal hat es sich nicht ergeben. Somit sind hundert Prozent aller Fotos, auf denen er zu sehen ist, im Ruz und in der Auguststraße entstanden. Und zwar bei denkbar schwierigen Lichtverhältnissen, es war immer schummrig oder dunkel. Und wenn man das noch berücksichtigt, sind die Bilder doch wirklich mehr als in Ordnung. Das nächste mal wünsche ich mir eine andere Location für unser Shooting, man muss auch mal für Experimente offen sein. Ich könnte mir auch vorstellen, dass man sich mal in Westberlin trifft. No Risk, no Fun.

27. Oktober 2015

Vielleicht steckt in mir doch eine Medizinerin. Ich meine nicht Heilpraktikerin, sondern: Chefärztin. Leitende Position in der Berlin Ultrahigh Field Facility. B.U.F.F. Schon alleine die Abkürzung. Passt auch in eine der Sprechblasen im Inneren. An den Wänden des Kubus, auf allen Stockwerken, befinden sich riesige Cartoons, in der Tradition von Clark Kent. Alleine wegen dieses Comic Strips hat es sich gelohnt, sich als Probandin für eine Ganzkörper-Magnetresonanz-Tomographie der NaKo zur Verfügung zu stellen.

Aber eins nach dem andern, zum rekapitulieren. Die NaKo („Nationale Kohorte“) hatte mich und noch 9.999 andere Berliner/innen per Zufallsgenerator ausgewählt, um in einer Langzeitstudie, die vom Bundesgesundheitsministerium in Auftrag gegeben wurde, über einen Zeitraum von dreissig Jahren (oder auch länger) in vier-Jahres-Abständen mit allen erdenklichen modernen Technologien und Tests und Befragungen, die körperliche und psychische Verfassung, Gesundheit und Leistungsfähigkeit zu dokumentieren, zu untersuchen, und anhand der Datenfülle Rückschlüsse auf mögliche Ursachen von Volkskrankheiten oder eben Volksgesundheiten abzuleiten. Man hat mich zunächst Ende August sechs Stunden lang in der Charité einer Reihe von Tests unterzogen, alle möglichen Flüssigkeiten abgezapft, ich musste Denkspielchen machen, Gedächtnis- und Belastungstests, noch dazu an einem sehr heißen Hochsommertag in unklimatisierten Räumen. Und drei Tage später hatte ich einen Termin für ein Ganzkörper-MRT, das zweitausend der zehntausend Berliner bekommen, sogenannte Level-2-Probanden. Es kämen nicht alle zehntausend in Frage, da man diese Untersuchung nicht jedem zumuten kann. Man wurde befragt, ob man sich in der Lage sieht, eine ganze Stunde lang komplett regungslos in einer Liegeposition zu verharren. Da keine Stimmungsaufheller oder andere Psychopharmaka bei dieser Studie in Frage kommen, schieden Probanden mit Platzangst von vorneherein aus. Ebenso Personen mit Tätowierungen (wegen des unwägbaren Metallanteils in den Farbpigmenten), Piercings und metallhaltigen Prothesen. Außerdem war Glitzer-Make up ausdrücklich untersagt. Letzeres hätte in meinem Fall der einzige Hinderungsgrund sein können, aber ich dachte, es ist schon einmal machbar, im Dienste der Forschung für ein bis drei Stunden auf das übliche Glitzer-Make up zu verzichten. Selbst auf die Gefahr hin, dass mich keiner mehr auf den Fotos erkennt. Ich hatte natürlich geplant, ausführlichst zu fotografieren. Leider enthält meine Kamera aber Metall-Elemente und musste deswegen in der Umzieh-Kabine bleiben. Ich konnte den Kubus auch nicht so ohne weiteres durch eine offene Tür betreten. Überall waren Warnschilder, auf einem stand gefährlich MAGNETOM! Es war schon ein bißchen Science Fiction-mäßig.

15-09-03 B.U.F.F (1)

Aber genau das hatte ich mir ja insgeheim erhofft. Ich hege aus einer Art allgemeiner Neugier Sympathie für futuristische Apparate und Hochtechnologie, die uns ja letzen Endes auch ermöglicht, hier im Internet herumzugurken. Ich klingelte an einer Metall-Säule bei „Nationale Kohorte“ und eine Stimme meldete sich. Ich gab an, dass ich einen Termin als Level-2-Probandin habe, um 15:30 Uhr. Die weibliche Stimme sagte, ich werde abgeholt. Eine Assistentin kam aus dem Kubus und bat mich durch den Eingang, ihr zu folgen. Ich sah im Treppenaufgang als erstes den schwebenden Clark Kent und war schon sehr fasziniert. Wir fuhren ins Obergeschoss des Würfels und ich wurde ungefähr eine halbe Stunde lang aufgeklärt, was mit mir gemacht wird, und zu Erkrankungen und Operationen und Metallteilen und Tattoos befragt. Ich wiederum fragte nach Stimmungsaufhellern und dem Musikprogramm. Der Mitarbeiter war sehr amüsiert und eröffnete mir, dass er mich nach Hause schicken müsste, wenn ich der Meinung sei, ich bräuchte für diese Untersuchung im Dienste der Forschung Stimmungsaufheller, weil ich sonst unter Angstzuständen litte. Wenn dem so sei, käme ich nicht in Frage. Da ich aber offensichtlich gar nicht vorgab, ernsthafte Ängste zu haben, gab es keinen Grund für mich, das zu behaupten. Ich war ja auch viel zu neugierig auf den Apparat. Es entspann sich noch eine Diskussion darum, ob ich nicht doch ein kleines Foto machen könnte, von dem beeindruckenden Gerät, in dem ich verschwinden würde, bevor es losginge. Für mein Blog hier, ich hätte es doch meinen Lesern versprochen etc. pp. und wie stünde ich nun da, wenn ich mit leeren Händen zurückkäme, meine Glaubwürdigkeit wäre dahin. Aber er blieb knallhart. Im Übrigen hatte er zwei Piercings am Ohr. Ich wurde stutzig. Wird hier etwa mit zweierlei Maß gemessen? Angeblich keine Metallteile beim Magnetom und er darf doch so hinein? Das wären Aluminium-Piercings klärte er mich auf, Aluminium wäre kein Problem. Also ich kam nicht weiter in der Fotosache. Nun gut. Ich wurde mit einer weißen Kluft und weißen Schlappen in die Umziehkabine entlassen. Dort habe ich (allerdings erst danach) ein paar Fotos gemacht. Man sieht nur eine weiße Zelle mit einem Spiegel. In dem weißen Anzug sah ich eigentlich aus wie die Chefärztin, also auf jeden Fall professioneller als die Mitarbeiter der B.U.F.F, die nicht einmal weiß gekleidet waren. Ich sagte zu dem jungen Mann, der die Untersuchung steuern würde: „Ich finde, ich sehe aus, als würde ich hier arbeiten oder?“ Er meinte in etwa „Ja, absolut, soll ich Frau Doktor sagen?“.

„Ja, gerne!“. Aber die ganzen Witzeleien nützten nichts. Ich fragte noch mal, ob ich nicht doch vielleicht ein Foto, nur so durch die offene Tür…? „Nein. Müssen Sie dann eben Ihren Lesern beschreiben!“ Ich bekam Ohrstöpsel und einen Kopfhörer. Aber nicht für Musikberieselung, sondern für das Empfangen von Befehlen, die man mir geben würde. Atembefehle, um genau zu sein. Wenn Musik laufen würde, könnte ich die Kommandos überhören, daher, nicht wahr. Ich rechnete mit dem schlimmsten Krawall, denn meine Leser hatten mich ja bereits vorgewarnt und ich hatte zur Vorbereitung auch schon nervige youtube-Videos angeschaut und vor allem angehört. Fürchterliches Gehämmer und Gefiepe, ohne Unterlass. Damit rechnete ich nun. Aber es kam doch sehr viel anders. meine Gliedmaßen wurden noch einmal in Position gerückt, ich lag flach auf dem Rücken, unter den Kniekehlen waren Polster zur Positionierung. Dann wurden an der Brust und am Kopf irgendwelche Drähte und Sensoren angelegt und zuguterletzt so eine Art Gitterhelm über meinen Kopf gelegt. Das war schon recht Doktor-Frankenstein-mäßig futuristisch. Ab und zu hat es schon mal gesummt. Man teilte mir mit, dass ich die Augen schließen könnte oder auch sollte und dann wieder konnte ich es halten, wie ich wollte. Ich wurde rückwärts komplett in die Röhre gefahren und hatte die Augen mal so ein bißchen blinzelnd auf, als ich gerade wieder durfte, und sah ein Farbenspiel über mir in allen Spektralfarben, eine ganze Weile war es so rosa-pink, sehr hübsch. Wie man sich das bei Farbtherapie-Bestrahlung vorstellt. Dann sollte ich die Augen wieder schließen und die ersten Scan-Geräusche fingen an. Es waren ganz viele unterschiedliche Töne und die ersten fünf Minuten gab es noch keine Atemkommandos. Ich hatte weder Angst noch Beklemmungen, rechnete allerdings dauernd damit, dass noch ganz schlimmes Hämmern oder dergleichen käme, das war aber nur manchmal vereinzelt der Fall. Es gab ziemlich viele Pausen zwischen den Tönen, manchmal über einen Zeitraum von bis zu zehn, fünfzehn Sekunden überhaupt keine Geräusche. Es war also gut auszuhalten. Die Liegeposition war auch o.k. Noch. Dann begannen die Kommandos von einer Frauenstimme über Kopfhörer, ich wurde aufgefordert, einen möglichst langen, tiefen Atemzug zu nehmen, dann wieder möglichst lange auszuatmen, dann die Luft anzuhalten. Und so weiter und so fort. Dann wieder umgekehrt. Dann war wieder ein paar Minuten das Scan-Geräusch, dann wieder Kommandos. Der Rhythmus war recht unberechenbar, man wusste nicht, wann das nächste Kommando-Intervall kommt und wieviele. Also konnte ich nicht einfach wegdämmern und ein Nickerchen machen. Die Geräusche waren weiterhin sehr erträglich, überwiegend ganz leichtes Tackern und Summen, aber nichts, was so unangenehm gewesen wäre, wie ein Presslufthammergeräusch oder quietschende Tafel-Kreide oder eine Alarm-Sirene. Die Auto-Alarmanlagen, die manchmal bei mir mitten in der Nacht in der Nachbarschaft zu tröten anfangen, sind weitaus unangenehmer, als die Geräuschpalette von diesem MRT-Apparat. Aber da gibt es sicher auch Unterschiede. Ich war ja immerhin in der BERLIN ULTRAHIGH FIELD FACILITY! Mich beeindruckt der Name so dermaßen, ich kann ihn gar nicht oft genug tippen. Nach ungefähr einer halben Stunde sagte mir der Untersuchungsleiter über Kopfhörer, dass ich jetzt die Hälfte überstanden hätte und es sähe schon alles sehr gut aus, wir kämen gut voran! Von da an zählte ich schon ein bißchen die Minuten, aber ich musste weiter aufmerksam mitarbeiten. Es war schon auch Arbeit. Aber so in den letzten zwanzig Minuten war ich noch einmal besonders gefordert. Mir schlief nämlich mein linker Fuß, besonders im Bereich der Zehen ein, es bizzelte schon so komisch, wie kleine Stecknadeln, der Fuß wollte Bewegung, nur ein bißchen rotieren, nur ein ganz kleines bißchen. Aber ich durfte ja nicht. Dann hätte unterbrochen werden müssen, und an einer bestimmten Stelle wieder von vorne und dann hätte alles womöglich noch eine halbe Stunde länger gedauert. Ich wollte es nur zu Ende bringen und versuchte mit meinem Fuß und dem dort befindlichen Blutkreislauf zu kommunizieren. Nun gab auch ich Kommandos. Natürlich ohne Worte. Ich befahl meinen fünf Zehen und dem vorderen Fußballen bitte noch durchzuhalten, es wäre ja nun bald vorbei und dann könnten sie sich bewegen, wie nie zuvor in ihrem ganzen Leben. Ich versuchte innerlich eine Art Bewegung im Fuß zu simulieren, indem ich partielle Muskelanspannung in den Zehen betrieb und gleichzeitig Bewegung vermied. Ein Kraftakt. Unglaublich. Ich versuchte dann wieder an etwas ganz anderes zu denken. Schöne Erlebnisse aus der Vergangenheit. Aber dann gab es wieder ein Kommando. Aber so ein Kommando lenkt ja auch ein bißchen ab. Und dann endlich die Erlösung. „Sie haben es geschafft.“. Alles bestens. Sehr gut geworden. Ich fuhr aus der Röhre und der Kopfkäfig und die Kabel und Sensoren wurden entfernt. Ich richtete mich langsam wieder auf und ließ die Zehen kreisen, bis wieder Gefühl zu spüren war. Ich erzählte dem Chef-Kommandeur, dass die letzte Viertelstunde echte Arbeit war, wirklich größte Anstrengung, aber ich wollte es nicht versauen. Er hat zugegeben, dass das schon eine außergewöhnlich lange Angelegenheit ist, aber dafür wären die Aufnahmen auch vollständig verwertbar geworden. Ich hatte ja vorher auch noch beklagt, dass ich nicht nur keine Fotos kriege, sondern auch keine DVD wie andere Patienten. Aber ich bin ja eben keine Patientin. Er hat mir das erklärt, dass diese DVDs nur für die weiter behandelnden Ärzte gemacht werden und es sich dabei niemals um ein Ganzkörper-MRT handelt, nur partielle Aufnahmen, eingegrenzte Regionen oder Organe. Bei mir wäre das durch die Ganzkörperdokumentation so eine riesige und komplexe Datenfülle, das könnte man nicht mal eben so brennen und mir mitgeben, abgesehen davon, dass es sich um internes Studienmaterial handelt, das nur für die NaKo bestimmt ist. Aber er könnte mir ausnahmsweise ein paar Einblicke auf seinem Monitor geben. Ich könnte mich einstweilen wieder umziehen und dann zeigt er mir ein paar Sachen. Ich bin doch leicht erschöpft in die Kabine und habe hinter verschlossener Tür ein paar Fotos geschossen, weil ich ja nun auch wusste, andere Aufnahmen dürfte ich gar nicht machen. Wenigstens meinen ultrahigh magnetisierten Zustand und diesen Anzug wollte ich festhalten.

Ich sah ein bißchen verwurstelt aus. Ich machte schnell ein paar Bilder, zog dann schnell meine Sachen an und ging in den Raum, wo er das Datenmaterial auf einem Rechner hatte, er hatte zwei große Monitore vor sich und führte mir meinen Schädel in 3-D vor. Ich fand ihn eigentlich sehr schön, vor allem das Kleinhirn gefiel mir ausnehmend gut, wie ein kleines Bäumchen. So auf den ersten Blick sah es nicht aus, also ob dort irgendein unheimlicher Fleck wäre, der auf irgendetwas zu Operierendes schließen ließe. Aber der technische Versuchsleiter klärte mich auf, dass die abschließenden Auswertungen von einem Ärzteteam gemacht werden, nicht von ihm, er kontrolliert nur die Aufnahme und die Datenverarbeitung, aber er meinte auch beschwichtigend, dass man das schon erkennen würde, wenn da jetzt etwas stark Abnormes wäre. Ich konnte mir dann noch ein paar Körperpartien aussuchen, die ich gucken durfte. Stark hat mich die Wirbelsäule beeindruckt, mit den Bandscheiben und den Fasern, und allem was da so ist, überhaupt, wie knackig so ein Skelett aussieht. Jedenfalls – in meinem Fall – bedeutend knackiger, als wenn ich dieselben Partien auf herkömmlichen Fotos sehe. Es ist schon ein Wunderwerk. Die Gebärmutter hat mich auch interessiert, weil die anders als bei anderen ausschaut und ich sie seit 1986 nicht mehr gesehen habe. Der Assistent war sofort im Bilde, ich hatte ihm aber auch vorher gesagt, dass ich einen Uterus duplex habe, und er meinte noch, angesichts der MRT-Bilder, dass der schon sehr gut ausgeprägt wäre, klar getrennt. Sieht ein bißchen wie ein Herz aus. Na gut, wie auch immer. Es war seltsam bewegend, sich aus dieser inneren Perspektive zu sehen. Diese hochkomplexe Körpermaschine aus Abermillionen Einzelteilen. Ich war dann doch ganz zufrieden, auch ohne Fotos und DVD. So eine MRT-DVD hätte ich ja auch nicht mal eben bei Fllickr oder youtube hochladen können. Ich weiß ja gar nicht, was das für ein Format ist. Als ich nun noch mehr Ecken der Etage gesehen hatte, weil ich unbedingt aufs Klo musste, und noch mehr der tollen Cartoons entdeckte, sprach ich den Mitarbeiter noch mal darauf an, ob ich nicht vielleicht wenigstens von einem der Bilder ein Foto machen könnte…? Nein, leider untersagt, überall, tut ihm ja auch leid. Er erzählte mir aber, dass es die Geschichte von einem Patienten ist, der von einem Magnetresonanz-Tomographen eingesogen und verschluckt wird und was er da dann alles erlebt. Ich versicherte wahrheitsgemäß, dass es mir (trotzdem) Spaß gemacht hat und sehr interessant war. Er verabschiedete mich sehr freundlich mit den Worten „Na, dann sehen wir uns ja wieder in vier Jahren! Bis dann!“ Schon komisch, so eine Verabredung in vier Jahren zu haben. Nach unten habe ich dann die Treppe genommen und dann doch ganz schnell heimlich ein einziges Foto von dem fliegenden Clark Kent im Treppenhaus gemacht (ganz ohne Gewissensbisse!)

Und dann bin ich aus dem Würfel herausgegangen. Zur Bushaltestelle, Richtung S-Bahn Berlin Buch, wo ich dann den Spaziergang zwischen Gestrüpp und Pferdekoppel gemacht habe, der Eintrag vorher. Als ich daheim war, kam ich auf die Idee, im Internet zu schauen, ob der Wandcartoon nicht irgendwo dokumentiert ist, es ist ja keine beliebige Tapete. Und ich fand die Seite des Künstlers mit einer Dokumentation dieses ganzen Projektes mit sehr schönen Fotos. So gut hätte ich das auf die Schnelle gar nicht fotografieren können. Und natürlich gibt es auch Bilder von dem Apparat, wo ich drin war, auf verschiedenen Seiten der B.U.F.F mit vielen zusätzlichen Informationen. Ich hatte mich natürlich auch erkundigt, inwieweit ich eine Auswertung bekommen würde, bzw. ob überhaupt, von diesem Ganzkörper-MRT. Man hat mir gesagt, wenn bei der Auswertung, die unmittelbar in den darauffolgenden Tagen stattfindet, ein Befund zutage tritt, eine Unregelmäßigkeit, die näher untersucht werden sollte oder einer ärztlichen Behandlung bedürfte, würde man angerufen werden und den Befund auch per Post mitgeteilt bekommen. Das ist in einigen – selteneren – Fällen auch schon geschehen. In zwei hatten Level-2-Probanden unverzüglich, wenige Stunden nach dem MRT, eine jeweils lebensrettende Operation. Wenn alles normal aussieht, bekommt man keinen Anruf und keine Post. Wenn Post kommt, dann sehr bald, ca. drei Tage danach. Ich habe die drei Tage überstanden, kein Anruf. Und noch mehr Tage. Keine Post von der B.U.F.F. Nur die Gesamtauswertung mit allen möglichen Werten der Charité, von der Untersuchung davor, der sechsstündigen. Alles soweit in Ordnung. Die Details sind wohl eher für Mediziner interessant, die ganzen Fachausdrücke, da braucht man ja ein Lexikon. Ich habe ganz viel gegoogelt, weil ich nur die wenigstens Werte auf Anhieb verstanden habe. Die Leberwerte sind seltsamerweise sogar eher im unteren Bereich. Darauf einen Toast.

27. Oktober 2015

Vielleicht steckt in mir doch eine Medizinerin. Ich meine nicht Heilpraktikerin, sondern: Chefärztin. Leitende Position in der Berlin Ultrahigh Field Facility. B.U.F.F. Schon alleine die Abkürzung. Passt auch in eine der Sprechblasen im Inneren. An den Wänden des Kubus, auf allen Stockwerken, befinden sich riesige Cartoons, in der Tradition von Clark Kent. Alleine wegen dieses Comic Strips hat es sich gelohnt, sich als Probandin für eine Ganzkörper-Magnetresonanz-Tomographie der NaKo zur Verfügung zu stellen.

Aber eins nach dem andern, zum rekapitulieren. Die NaKo („Nationale Kohorte“) hatte mich und noch 9.999 andere Berliner/innen per Zufallsgenerator ausgewählt, um in einer Langzeitstudie, die vom Bundesgesundheitsministerium in Auftrag gegeben wurde, über einen Zeitraum von dreissig Jahren (oder auch länger) in fünf-Jahres-Abständen mit allen erdenklichen modernen Technologien und Tests und Befragungen, die körperliche und psychische Verfassung, Gesundheit und Leistungsfähigkeit zu dokumentieren, zu untersuchen, und anhand der Datenfülle Rückschlüsse auf mögliche Ursachen von Volkskrankheiten oder eben Volksgesundheiten abzuleiten. Man hat mich zunächst Ende August sechs Stunden lang in der Charité einer Reihe von Tests unterzogen, alle möglichen Flüssigkeiten abgezapft, ich musste Denkspielchen machen, Gedächtnis- und Belastungstests, noch dazu an einem sehr heißen Hochsommertag in unklimatisierten Räumen. Und drei Tage später hatte ich einen Termin für ein Ganzkörper-MRT, das zweitausend der zehntausend Berliner bekommen, sogenannte Level-2-Probanden. Es kämen nicht alle zehntausend in Frage, da man diese Untersuchung nicht jedem zumuten kann. Man wurde befragt, ob man sich in der Lage sieht, eine ganze Stunde lang komplett regungslos in einer Liegeposition zu verharren. Da keine Stimmungsaufheller oder andere Psychopharmaka bei dieser Studie in Frage kommen, schieden Probanden mit Platzangst von vorneherein aus. Ebenso Personen mit Tätowierungen (wegen des unwägbaren Metallanteils in den Farbpigmenten), Piercings und metallhaltigen Prothesen. Außerdem war Glitzer-Make up ausdrücklich untersagt. Letzeres hätte in meinem Fall der einzige Hinderungsgrund sein können, aber ich dachte, es ist schon einmal machbar, im Dienste der Forschung für ein bis drei Stunden auf das übliche Glitzer-Make up zu verzichten. Selbst auf die Gefahr hin, dass mich keiner mehr auf den Fotos erkennt. Ich hatte natürlich geplant, ausführlichst zu fotografieren. Leider enthält meine Kamera aber Metall-Elemente und musste deswegen in der Umzieh-Kabine bleiben. Ich konnte den Kubus auch nicht so ohne weiteres durch eine offene Tür betreten. Überall waren Warnschilder, auf einem stand gefährlich MAGNETOM! Es war schon ein bißchen Science Fiction-mäßig.

https://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=261948265
Aber genau das hatte ich mir ja insgeheim erhofft. Ich hege aus einer Art allgemeiner Neugier Sympathie für futuristische Apparate und Hochtechnologie, die uns ja letzen Endes auch ermöglicht, hier im Internet herumzugurken. Ich klingelte an einer Metall-Säule bei „Nationale Kohorte“ und eine Stimme meldete sich. Ich gab an, dass ich einen Termin als Level-2-Probandin habe, um 15:30 Uhr. Die weibliche Stimme sagte, ich werde abgeholt. Eine Assistentin kam aus dem Kubus und bat mich durch den Eingang, ihr zu folgen. Ich sah im Treppenaufgang als erstes den schwebenden Clark Kent und war schon sehr fasziniert. Wir fuhren ins Obergeschoss des Würfels und ich wurde ungefähr eine halbe Stunde lang aufgeklärt, was mit mir gemacht wird, und zu Erkrankungen und Operationen und Metallteilen und Tattoos befragt. Ich wiederum fragte nach Stimmungsaufhellern und dem Musikprogramm. Der Mitarbeiter war sehr amüsiert und eröffnete mir, dass er mich nach Hause schicken müsste, wenn ich der Meinung sei, ich bräuchte für diese Untersuchung im Dienste der Forschung Stimmungsaufheller, weil ich sonst unter Angstzuständen litte. Wenn dem so sei, käme ich nicht in Frage. Da ich aber offensichtlich gar nicht vorgab, ernsthafte Ängste zu haben, gab es keinen Grund für mich, das zu behaupten. Ich war ja auch viel zu neugierig auf den Apparat. Es entspann sich noch eine Diskussion darum, ob ich nicht doch ein kleines Foto machen könnte, von dem beeindruckenden Gerät, in dem ich verschwinden würde, bevor es losginge. Für mein Blog hier, ich hätte es doch meinen Lesern versprochen etc. pp. und wie stünde ich nun da, wenn ich mit leeren Händen zurückkäme, meine Glaubwürdigkeit wäre dahin. Aber er blieb knallhart. Im Übrigen hatte er zwei Piercings am Ohr. Ich wurde stutzig. Wird hier etwa mit zweierlei Maß gemessen? Angeblich keine Metallteile beim Magnetom und er darf doch so hinein? Das wären Aluminium-Piercings klärte er mich auf, Aluminium wäre kein Problem. Also ich kam nicht weiter in der Fotosache. Nun gut. Ich wurde mit einer weißen Kluft und weißen Schlappen in die Umziehkabine entlassen. Dort habe ich (allerdings erst danach) ein paar Fotos gemacht. Man sieht nur eine weiße Zelle mit einem Spiegel. In dem weißen Anzug sah ich eigentlich aus wie die Chefärztin, also auf jeden Fall professioneller als die Mitarbeiter der B.U.F.F, die nicht einmal weiß gekleidet waren. Ich sagte zu dem jungen Mann, der die Untersuchung steuern würde: „Ich finde, ich sehe aus, als würde ich hier arbeiten oder?“ Er meinte in etwa „Ja, absolut, soll ich Frau Doktor sagen?“.

„Ja, gerne!“. Aber die ganzen Witzeleien nützten nichts. Ich fragte noch mal, ob ich nicht doch vielleicht ein Foto, nur so durch die offene Tür…? „Nein. Müssen Sie dann eben Ihren Lesern beschreiben!“ Ich bekam Ohrstöpsel und einen Kopfhörer. Aber nicht für Musikberieselung, sondern für das Empfangen von Befehlen, die man mir geben würde. Atembefehle, um genau zu sein. Wenn Musik laufen würde, könnte ich die Kommandos überhören, daher, nicht wahr. Ich rechnete mit dem schlimmsten Krawall, denn meine Leser hatten mich ja bereits vorgewarnt und ich hatte zur Vorbereitung auch schon nervige youtube-Videos angeschaut und vor allem angehört. Fürchterliches Gehämmer und Gefiepe, ohne Unterlass. Damit rechnete ich nun. Aber es kam doch sehr viel anders. meine Gliedmaßen wurden noch einmal in Position gerückt, ich lag flach auf dem Rücken, unter den Kniekehlen waren Polster zur Positionierung. Dann wurden an der Brust und am Kopf irgendwelche Drähte und Sensoren angelegt und zuguterletzt so eine Art Gitterhelm über meinen Kopf gelegt. Das war schon recht Doktor-Frankenstein-mäßig futuristisch. Ab und zu hat es schon mal gesummt. Man teilte mir mit, dass ich die Augen schließen könnte oder auch sollte und dann wieder konnte ich es halten, wie ich wollte. Ich wurde rückwärts komplett in die Röhre gefahren und hatte die Augen mal so ein bißchen blinzelnd auf, als ich gerade wieder durfte, und sah ein Farbenspiel über mir in allen Spektralfarben, eine ganze Weile war es so rosa-pink, sehr hübsch. Wie man sich das bei Farbtherapie-Bestrahlung vorstellt. Dann sollte ich die Augen wieder schließen und die ersten Scan-Geräusche fingen an. Es waren ganz viele unterschiedliche Töne und die ersten fünf Minuten gab es noch keine Atemkommandos. Ich hatte weder Angst noch Beklemmungen, rechnete allerdings dauernd damit, dass noch ganz schlimmes Hämmern oder dergleichen käme, das war aber nur manchmal vereinzelt der Fall. Es gab ziemlich viele Pausen zwischen den Tönen, manchmal über einen Zeitraum von bis zu zehn, fünfzehn Sekunden überhaupt keine Geräusche. Es war also gut auszuhalten. Die Liegeposition war auch o.k. Noch. Dann begannen die Kommandos von einer Frauenstimme über Kopfhörer, ich wurde aufgefordert, einen möglichst langen, tiefen Atemzug zu nehmen, dann wieder möglichst lange auszuatmen, dann die Luft anzuhalten. Und so weiter und so fort. Dann wieder umgekehrt. Dann war wieder ein paar Minuten das Scan-Geräusch, dann wieder Kommandos. Der Rhythmus war recht unberechenbar, man wusste nicht, wann das nächste Kommando-Intervall kommt und wieviele. Also konnte ich nicht einfach wegdämmern und ein Nickerchen machen. Die Geräusche waren weiterhin sehr erträglich, überwiegend ganz leichtes Tackern und Summen, aber nichts, was so unangenehm gewesen wäre, wie ein Presslufthammergeräusch oder quietschende Tafel-Kreide oder eine Alarm-Sirene. Die Auto-Alarmanlagen, die manchmal bei mir mitten in der Nacht in der Nachbarschaft zu tröten anfangen, sind weitaus unangenehmer, als die Geräuschpalette von diesem MRT-Apparat. Aber da gibt es sicher auch Unterschiede. Ich war ja immerhin in der BERLIN ULTRAHIGH FIELD FACILITY! Mich beeindruckt der Name so dermaßen, ich kann ihn gar nicht oft genug tippen. Nach ungefähr einer halben Stunde sagte mir der Untersuchungsleiter über Kopfhörer, dass ich jetzt die Hälfte überstanden hätte und es sähe schon alles sehr gut aus, wir kämen gut voran! Von da an zählte ich schon ein bißchen die Minuten, aber ich musste weiter aufmerksam mitarbeiten. Es war schon auch Arbeit. Aber so in den letzten zwanzig Minuten war ich noch einmal besonders gefordert. Mir schlief nämlich mein linker Fuß, besonders im Bereich der Zehen ein, es bizzelte schon so komisch, wie kleine Stecknadeln, der Fuß wollte Bewegung, nur ein bißchen rotieren, nur ein ganz kleines bißchen. Aber ich durfte ja nicht. Dann hätte unterbrochen werden müssen, und an einer bestimmten Stelle wieder von vorne und dann hätte alles womöglich noch eine halbe Stunde länger gedauert. Ich wollte es nur zu Ende bringen und versuchte mit meinem Fuß und dem dort befindlichen Blutkreislauf zu kommunizieren. Nun gab auch ich Kommandos. Natürlich ohne Worte. Ich befahl meinen fünf Zehen und dem vorderen Fußballen bitte noch durchzuhalten, es wäre ja nun bald vorbei und dann könnten sie sich bewegen, wie nie zuvor in ihrem ganzen Leben. Ich versuchte innerlich eine Art Bewegung im Fuß zu simulieren, indem ich partielle Muskelanspannung in den Zehen betrieb und gleichzeitig Bewegung vermied. Ein Kraftakt. Unglaublich. Ich versuchte dann wieder an etwas ganz anderes zu denken. Schöne Erlebnisse aus der Vergangenheit. Aber dann gab es wieder ein Kommando. Aber so ein Kommando lenkt ja auch ein bißchen ab. Und dann endlich die Erlösung. „Sie haben es geschafft.“. Alles bestens. Sehr gut geworden. Ich fuhr aus der Röhre und der Kopfkäfig und die Kabel und Sensoren wurden entfernt. Ich richtete mich langsam wieder auf und ließ die Zehen kreisen, bis wieder Gefühl zu spüren war. Ich erzählte dem Chef-Kommandeur, dass die letzte Viertelstunde echte Arbeit war, wirklich größte Anstrengung, aber ich wollte es nicht versauen. Er hat zugegeben, dass das schon eine außergewöhnlich lange Angelegenheit ist, aber dafür wären die Aufnahmen auch vollständig verwertbar geworden. Ich hatte ja vorher auch noch beklagt, dass ich nicht nur keine Fotos kriege, sondern auch keine DVD wie andere Patienten. Aber ich bin ja eben keine Patientin. Er hat mir das erklärt, dass diese DVDs nur für die weiter behandelnden Ärzte gemacht werden und es sich dabei niemals um ein Ganzkörper-MRT handelt, nur partielle Aufnahmen, eingegrenzte Regionen oder Organe. Bei mir wäre das durch die Ganzkörperdokumentation so eine riesige und komplexe Datenfülle, das könnte man nicht mal eben so brennen und mir mitgeben, abgesehen davon, dass es sich um internes Studienmaterial handelt, das nur für die NaKo bestimmt ist. Aber er könnte mir ausnahmsweise ein paar Einblicke auf seinem Monitor geben. Ich könnte mich einstweilen wieder umziehen und dann zeigt er mir ein paar Sachen. Ich bin doch leicht erschöpft in die Kabine und habe hinter verschlossener Tür ein paar Fotos geschossen, weil ich ja nun auch wusste, andere Aufnahmen dürfte ich gar nicht machen. Wenigstens meinen ultrahigh magnetisierten Zustand und diesen Anzug wollte ich festhalten.

Ich sah ein bißchen verwurstelt aus. Ich machte schnell ein paar Bilder, zog dann schnell meine Sachen an und ging in den Raum, wo er das Datenmaterial auf einem Rechner hatte, er hatte zwei große Monitore vor sich und führte mir meinen Schädel in 3-D vor. Ich fand ihn eigentlich sehr schön, vor allem das Kleinhirn gefiel mir ausnehmend gut, wie ein kleines Bäumchen. So auf den ersten Blick sah es nicht aus, also ob dort irgendein unheimlicher Fleck wäre, der auf irgendetwas zu Operierendes schließen ließe. Aber der technische Versuchsleiter klärte mich auf, dass die abschließenden Auswertungen von einem Ärzteteam gemacht werden, nicht von ihm, er kontrolliert nur die Aufnahme und die Datenverarbeitung, aber er meinte auch beschwichtigend, dass man das schon erkennen würde, wenn da jetzt etwas stark Abnormes wäre. Ich konnte mir dann noch ein paar Körperpartien aussuchen, die ich gucken durfte. Stark hat mich die Wirbelsäule beeindruckt, mit den Bandscheiben und den Fasern, und allem was da so ist, überhaupt, wie knackig so ein Skelett aussieht. Jedenfalls – in meinem Fall – bedeutend knackiger, als wenn ich dieselben Partien auf herkömmlichen Fotos sehe. Es ist schon ein Wunderwerk. Die Gebärmutter hat mich auch interessiert, weil die anders als bei anderen ausschaut und ich sie seit 1986 nicht mehr gesehen habe. Der Assistent war sofort im Bilde, ich hatte ihm aber auch vorher gesagt, dass ich einen Uterus duplex habe, und er meinte noch, angesichts der MRT-Bilder, dass der schon sehr gut ausgeprägt wäre, klar getrennt. Sieht ein bißchen wie ein Herz aus. Na gut, wie auch immer. Es war seltsam bewegend, sich aus dieser inneren Perspektive zu sehen. Diese hochkomplexe Körpermaschine aus Abermillionen Einzelteilen. Ich war dann doch ganz zufrieden, auch ohne Fotos und DVD. So eine MRT-DVD hätte ich ja auch nicht mal eben bei Fllickr oder youtube hochladen können. Ich weiß ja gar nicht, was das für ein Format ist. Als ich nun noch mehr Ecken der Etage gesehen hatte, weil ich unbedingt aufs Klo musste, und noch mehr der tollen Cartoons entdeckte, sprach ich den Mitarbeiter noch mal darauf an, ob ich nicht vielleicht wenigstens von einem der Bilder ein Foto machen könnte…? Nein, leider untersagt, überall, tut ihm ja auch leid. Er erzählte mir aber, dass es die Geschichte von einem Patienten ist, der von einem Magnetresonanz-Tomographen eingesogen und verschluckt wird und was er da dann alles erlebt. Ich versicherte wahrheitsgemäß, dass es mir (trotzdem) Spaß gemacht hat und sehr interessant war. Er verabschiedete mich sehr freundlich mit den Worten „Na, dann sehen wir uns ja wieder in fünf Jahren! Bis dann!“ Schon komisch, so eine Verabredung in fünf Jahren zu haben. Nach unten habe ich dann die Treppe genommen und dann doch ganz schnell heimlich ein einziges Foto von dem fliegenden Clark Kent im Treppenhaus gemacht (ganz ohne Gewissensbisse!)

Und dann bin ich aus dem Würfel herausgegangen. Zur Bushaltestelle, Richtung S-Bahn Berlin Buch, wo ich dann den Spaziergang zwischen Gestrüpp und Pferdekoppel gemacht habe, der Eintrag vorher. Als ich daheim war, kam ich auf die Idee, im Internet zu schauen, ob der Wandcartoon nicht irgendwo dokumentiert ist, es ist ja keine beliebige Tapete. Und ich fand die Seite des Künstlers mit einer Dokumentation dieses ganzen Projektes mit sehr schönen Fotos. So gut hätte ich das auf die Schnelle gar nicht fotografieren können. Und natürlich gibt es auch Bilder von dem Apparat, wo ich drin war, auf verschiedenen Seiten der B.U.F.F mit vielen zusätzlichen Informationen. Ich hatte mich natürlich auch erkundigt, inwieweit ich eine Auswertung bekommen würde, bzw. ob überhaupt, von diesem Ganzkörper-MRT. Man hat mir gesagt, wenn bei der Auswertung, die unmittelbar in den darauffolgenden Tagen stattfindet, ein Befund zutage tritt, eine Unregelmäßigkeit, die näher untersucht werden sollte oder einer ärztlichen Behandlung bedürfte, würde man angerufen werden und den Befund auch per Post mitgeteilt bekommen. Das ist in einigen – selteneren – Fällen auch schon geschehen. In zwei hatten Level-2-Probanden unverzüglich, wenige Stunden nach dem MRT, eine jeweils lebensrettende Operation. Wenn alles normal aussieht, bekommt man keinen Anruf und keine Post. Wenn Post kommt, dann sehr bald, ca. drei Tage danach. Ich habe die drei Tage überstanden, kein Anruf. Und noch mehr Tage. Keine Post von der B.U.F.F. Nur die Gesamtauswertung mit allen möglichen Werten der Charité, von der Untersuchung davor, der sechsstündigen. Alles soweit in Ordnung. Die Details sind wohl eher für Mediziner interessant, die ganzen Fachausdrücke, da braucht man ja ein Lexikon. Ich habe ganz viel gegoogelt, weil ich nur die wenigstens Werte auf Anhieb verstanden habe. Die Leberwerte sind seltsamerweise sogar eher im unteren Bereich. Darauf einen Toast.

25. Oktober 2015




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Dritter September 2015. Nach der Ganzkörper-Magnetresonanz-Tomographie. Ich kam aus einem Gebäude in Berlin Buch, einem Kubus mit starker magnetischer Strahlung, der „Berlin Ultrahigh Field Faciltiy“ (ein paar wenige Aufnahmen davon ein andermal). Weil auf dieser Strecke am Rande von Berlin keine S-Bahn parallel Richtung Mitte unterwegs ist, muss man länger warten, als an Haltestellen in der Innenstadt. Ich erinnerte mich, dass Zucker erwähnt hatte, dass es eine Kuhwiese hinter der S-Bahn gibt. Ich mag Kühe sehr gerne und wollte Aussschau danach halten. Ich fand eine Pferdekoppel und wildes Gestrüpp in der Abendsonne.

Es war so gegen achtzehn Uhr. Ich fragte den Mann, der auf der Koppel zwischen ein paar Hühnern herumwirtschaftete, nach der Kuhwiese, er zeigte mir die Richtung, und meinte, dass es sicher noch ein Spaziergang von einer Viertelstunde wäre. Das war mir zu lang, bei dem schwindenden Licht. Ich freute mich an dem Szenario, verlor beim Stapfen durchs hohe Gras meine Sonnenbrille, als ich mich nach irgendetwas bückte… nach einer Blume vielleicht, einem blauen Natternkopf, die ich nur näher betrachten wollte. Ich entdeckte wilde, gelbe, reife Kürbisse und pflückte einen kleinen und einen kindskopfgroßen. Da fiel mir die fehlende Sonnenbrille auf. Ich ging genau den Weg zurück durch das hohe Gras, ich fand sie und ging zurück zur nahen S-Bahn, die auch gleich kam. Ich war ein bißchen ruhebedürftig, weil ich eine ganze Stunde lang völlig regungslos liegen musste und dabei Atemkommandos befolgen, was keine erholsame Angelegenheit war. Ich bekam danach keinen Anruf und keine Post von der Berlin Ultrahigh Field Facility. Was das nur erdenklich gute Ergebnis war.

19. Oktober 2015


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In der letzten Woche vom August lebte dieser mein Selbstvergewisserungs-Impuls wieder auf, der sich in den letzten zwei, drei Jahren beruhigt hat. (Nun auch wieder). Aber diese letzten Tage vor diesem runden, fünfzigsten Geburtstag schienen mir angemessen. Zeit hatte ich auch. Selten habe ich Muße, durchs Lafayette zu spazieren, in aller Ruhe, als gäbe es nichts Anderes, nichts Wichtigeres, nichts Interessanteres. Ich mag Luxuskaufhäuser, kostspielige Auslagen, mit viel Liebe zum kleinsten Detail ausstaffierte Schaufenster und Vitrinen. Ich hatte Lust ins Lafayette zu gehen, mit aller Zeit der Welt, mit Hingabe und Interesse und Respekt, wie man eine hochkarätige Kunstausstellung besucht. Ich sehe das auf gleicher Ebene. Für mich sind hochwertige Produkte, mit denen wir uns kleiden, einbalsamieren, schmücken, die wir uns einverleiben, eine Kunstform. Dinge, die eine starke emotionale Kraft haben, ich finde es sogar magisch, alchimistisch, in welche Zustände ein großartiger Wein einen versetzen kann. Das sind Seelenzustände, die durch Einwirkung auf unsere Materie manipuliert werden. Auf andere Ebenen katapultiert. Das vermag auch elektrisierend schöne Kleidung. Wenn wir uns erlesen kleiden, werden wir bildende Künstler an uns selbst. Ich weiß nicht, ob ich meine Kamera dabei hatte. Ich glaube es gar nicht. Ich wusste, dass ich Ausschau nach Blanquette de Limoux halten wollte, im Untergeschoss, einem Schaumwein aus dem Languedoc, der für meinen Geschmack mehr Potenzial in Richtung Champagner hat als Crémant. Ich muss das noch genauer eruieren, ich trinke mich da systematisch durch. Bislang spricht alles dafür. Zum Lafayette zu kommen, ist von mir aus am einfachsten, wenn ich mit der U-Bahn vom Oranienburger Tor bis Französische Straße fahre, und da ist es auch schon. Auf der Straßenebene, wo es Kosmetik und Parfum und Taschen und Schuhe und Gürtel und Tücher und Hüte und Schals gibt, ging ich, ohne etwas zu suchen, auch durch die Auslagen mit Schmuck, sehr schönem Modeschmuck. Sehr fein gearbeitete Preziosen, die nicht unbedingt aus hochkarätigem Gold oder Silber sind, aber dennoch als Kunsthandwerk einen eigenständigen hohen Wert besitzen. ich entdeckte Halsschmuck in einer Vitrine von langani. ich ließ die Vitrine mit dem Schlüssel öffnen und hielt mir eine Preziose vor einem Spiegel an den Hals und war schon entschieden. Und noch ein zweites Exemplar. Selten kaufe ich Schmuck, sehr selten. Alle Jubeljahre. Es war ja ein Jubeljahr. Ich beschloss, das wird ein Nachmittag, an dem ich mir Geburtstagsgeschenke schenke. Dann fuhr ich mit der Rolltreppe nach oben, wo es Kleidung gibt. Und ziemlich viel Personal im Vergleich zur Kundenfrequenz. Kaum war ich oben, fiel mir an der hintersten Wand eines Bereiches ein animalisches Muster an einem Mantel auf. Er hing zur Präsentation auf einem Bügel, es gab keine weiteren Exemplare. Ich hoffte sehr, dass mir die Größe passen würde, ich war sofort verliebt. Ganze Filme löste dieses Muster und die Silhouette in mir aus. Ich nahm ihn selbst von der Wand und veschwand in der Kabine, ganz aufgeregt. Der Preis war mir nachrangig. Ein Exponat, das ich in meiner Sammlung haben möchte, mein Leben lang. ich probierte ihn an. Und ich fand ihn für mich gemacht. Das ist keineswegs immer so, dass ich etwas auf dem Bügel sehe und anprobiere und es mir ebenso gefällt. Er war nicht heruntergesetzt, ein neues Modell offenbar, und doch nur eines da. Es war immerhin noch ein Preis im dreistelligen Bereich, nicht einmal fünfhundert Euro. Ich kaufe doch sowieso viel weniger als alle anderen. Das wäre mein kostspieligstes Geschenk, das ich mir mache. Es war eine Freude, Geld dafür auszugeben. Die Damen vom Verkauf überzeugten mich, dass die Kundenkarte vom Lafayette doch noch einen beträchtlichen Nachlass bringen würde, zwanzig Prozent, für diesen ersten Einkauf damit. Ich musste nicht einmal umständlich ein Formular ausfüllen, alles haben die Damen gemacht, sehr charmant und zuvorkommend. Mit der Karte habe ich dann im Untergeschoss zwei Sorten Blanquette de Limoux gekauft, die erhielt ich mit der Karte auch günstiger. Ich verließ das Lafayette durch das Untergeschoss, diese schöne Passage zum Quartier 206 mit dem Art Déco-inspirierten Bodenmosaik aus schwarzem und weißen Marmor, über das zu laufen, mir jedes mal ein sakrales Gefühl verursacht. Es ist erhebend, der Gang durch eine Kathedrale. Damit war das für mich ein Tag mit einem erfüllenden Erlebnis. Der Gottesdienst bestand nicht in profanem Konsum, sondern in hingebungsvoller Würdigung der Kunst, irdische Materialien in Vollendung in eine Form zu fassen, die einen göttlichen Aspekt mit irdischem Sensorium erlebbar macht.


Auf diesen Bildern trage ich nichts von den erstanden Dingen, denn sie entstanden ja davor. Aber ich verbinde auch mit diesen Dingen persönliche Geschichte und Erinnerungen. Die Tasche mit dem Leopardenfell(imitat) begleitete mich 1995 Tag für Tag, auch bei einer Reise nach Paris und sie ist fast auf jedem Foto dieser Reise zu sehen, ich habe sie seit vielen Jahren nicht mehr benutzt, hüte sie aber, und alle Erinnerungen, die damit verbunden sind. Bei dem massiven, goldenen Anhänger, den man für einen Thorshammer halten könnte, der jedoch die Replik eines aztekischen Opfermessers ist, handelt es sich um die Kopie eines Exponats aus dem Museo del Oro in Bogotá, das ich nie sah, doch in Jugendjahren war ich vom Gold der Azteken und Inkas fasziniert, und später hatte ich einen kolumbianischen Liebhaber, der mir diese Kultur noch auf andere Weise näher brachte. Er war sehr an den Mythologien unserer Welt interessiert, nicht nur seiner Herkunftskultur, eine seiner Bibeln war „Die weiße Göttin“ von Ranke-Graves, die er mir auch zum Geburtstag mit einer sehr schönen Widmung überreichte. Wir waren gemeinsam in jener Ausstellung in Berlin auf der Museumsinsel, in der es viele Leihgaben aus dem großen Goldmuseum seiner Heimatstadt gab. Das ist sehr lange her. Etwa Anfang, Mitte der Neunziger Jahre.

Die Schuhe sind noch nicht annähernd so betagt, aber sie haben bereits einen besonderen Wert, weil sie eine besondere Anfertigung sind, da es im Handel solche Schuhe nicht so leicht zu finden gibt, zumal nicht für meine Größe. Es ist selten, dass ein italienischer Hersteller ein Modell für meine Maße produziert. Ich liebe Schuhe aus Lackleder, und diese Schnürschuhe mit der farblich abgesetzen Ledersohle sind besonders fein gearbeitet.

Es sind Dinge fürs Leben.

19. Oktober 2015


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In der letzten Woche vom August lebte dieser mein Selbstvergewisserungs-Impuls wieder auf, der sich in den letzten zwei, drei Jahren beruhigt hat. (Nun auch wieder). Aber diese letzten Tage vor diesem runden, fünfzigsten Geburtstag schienen mir angemessen. Zeit hatte ich auch. Selten habe ich Muße, durchs Lafayette zu spazieren, in aller Ruhe, als gäbe es nichts Anderes, nichts Wichtigeres, nichts Interessanteres. Ich mag Luxuskaufhäuser, kostspielige Auslagen, mit viel Liebe zum kleinsten Detail ausstaffierte Schaufenster und Vitrinen. Ich hatte Lust ins Lafayette zu gehen, mit aller Zeit der Welt, mit Hingabe und Interesse und Respekt, wie man eine hochkarätige Kunstausstellung besucht. Ich sehe das auf gleicher Ebene. Für mich sind hochwertige Produkte, mit denen wir uns kleiden, einbalsamieren, schmücken, die wir uns einverleiben, eine Kunstform. Dinge, die eine starke emotionale Kraft haben, ich finde es sogar magisch, alchimistisch, in welche Zustände ein großartiger Wein einen versetzen kann. Das sind Seelenzustände, die durch Einwirkung auf unsere Materie manipuliert werden. Auf andere Ebenen katapultiert. Das vermag auch elektrisierend schöne Kleidung. Wenn wir uns erlesen kleiden, werden wir bildende Künstler an uns selbst. Ich weiß nicht, ob ich meine Kamera dabei hatte. Ich glaube es gar nicht. Ich wusste, dass ich Ausschau nach Blanquette de Limoux halten wollte, im Untergeschoss, einem Schaumwein aus dem Languedoc, der für meinen Geschmack mehr Potenzial in Richtung Champagner hat als Crémant. Ich muss das noch genauer eruieren, ich trinke mich da systematisch durch. Bislang spricht alles dafür. Zum Lafayette zu kommen, ist von mir aus am einfachsten, wenn ich mit der U-Bahn vom Oranienburger Tor bis Französische Straße fahre, und da ist es auch schon. Auf der Straßenebene, wo es Kosmetik und Parfum und Taschen und Schuhe und Gürtel und Tücher und Hüte und Schals gibt, ging ich, ohne etwas zu suchen, auch durch die Auslagen mit Schmuck, sehr schönem Modeschmuck. Sehr fein gearbeitete Preziosen, die nicht unbedingt aus hochkarätigem Gold oder Silber sind, aber dennoch als Kunsthandwerk einen eigenständigen hohen Wert besitzen. ich entdeckte Halsschmuck in einer Vitrine von langani. ich ließ die Vitrine mit dem Schlüssel öffnen und hielt mir eine Preziose vor einem Spiegel an den Hals und war schon entschieden. Und noch ein zweites Exemplar. Selten kaufe ich Schmuck, sehr selten. Alle Jubeljahre. Es war ja ein Jubeljahr. Ich beschloss, das wird ein Nachmittag, an dem ich mir Geburtstagsgeschenke schenke. Dann fuhr ich mit der Rolltreppe nach oben, wo es Kleidung gibt. Und ziemlich viel Personal im Vergleich zur Kundenfrequenz. Kaum war ich oben, fiel mir an der hintersten Wand eines Bereiches ein animalisches Muster an einem Mantel auf. Er hing zur Präsentation auf einem Bügel, es gab keine weiteren Exemplare. Ich hoffte sehr, dass mir die Größe passen würde, ich war sofort verliebt. Ganze Filme löste dieses Muster und die Silhouette in mir aus. Ich nahm ihn selbst von der Wand und veschwand in der Kabine, ganz aufgeregt. Der Preis war mir nachrangig. Ein Exponat, das ich in meiner Sammlung haben möchte, mein Leben lang. ich probierte ihn an. Und ich fand ihn für mich gemacht. Das ist keineswegs immer so, dass ich etwas auf dem Bügel sehe und anprobiere und es mir ebenso gefällt. Er war nicht heruntergesetzt, ein neues Modell offenbar, und doch nur eines da. Es war immerhin noch ein Preis im dreistelligen Bereich, nicht einmal fünfhundert Euro. Ich kaufe doch sowieso viel weniger als alle anderen. Das wäre mein kostspieligstes Geschenk, das ich mir mache. Es war eine Freude, Geld dafür auszugeben. Die Damen vom Verkauf überzeugten mich, dass die Kundenkarte vom Lafayette doch noch einen beträchtlichen Nachlass bringen würde, zwanzig Prozent, für diesen ersten Einkauf damit. Ich musste nicht einmal umständlich ein Formular ausfüllen, alles haben die Damen gemacht, sehr charmant und zuvorkommend. Mit der Karte habe ich dann im Untergeschoss zwei Sorten Blanquette de Limoux gekauft, die erhielt ich mit der Karte auch günstiger. Ich verließ das Lafayette durch das Untergeschoss, diese schöne Passage zum Quartier 206 mit dem Art Déco-inspirierten Bodenmosaik aus schwarzem und weißen Marmor, über das zu laufen, mir jedes mal ein sakrales Gefühl verursacht. Es ist erhebend, der Gang durch eine Kathedrale. Damit war das für mich ein Tag mit einem erfüllenden Erlebnis. Der Gottesdienst bestand nicht in profanem Konsum, sondern in hingebungsvoller Würdigung der Kunst, irdische Materialien in Vollendung in eine Form zu fassen, die einen göttlichen Aspekt mit irdischem Sensorium erlebbar macht.


Auf diesen Bildern trage ich nichts von den erstanden Dingen, denn sie entstanden ja davor. Aber ich verbinde auch mit diesen Dingen persönliche Geschichte und Erinnerungen. Die Tasche mit dem Leopardenfell(imitat) begleitete mich 1995 Tag für Tag, auch bei einer Reise nach Paris und sie ist fast auf jedem Foto dieser Reise zu sehen, ich habe sie seit vielen Jahren nicht mehr benutzt, hüte sie aber, und alle Erinnerungen, die damit verbunden sind. Bei dem massiven, goldenen Anhänger, den man für einen Thorshammer halten könnte, der jedoch die Replik eines aztekischen Opfermessers ist, handelt es sich um die Kopie eines Exponats aus dem Museo del Oro in Bogotá, das ich nie sah, doch in Jugendjahren war ich vom Gold der Azteken und Inkas fasziniert, und später hatte ich einen kolumbianischen Liebhaber, der mir diese Kultur noch auf andere Weise näher brachte. Er war sehr an den Mythologien unserer Welt interessiert, nicht nur seiner Herkunftskultur, eine seiner Bibeln war „Die weiße Göttin“ von Ranke-Graves, die er mir auch zum Geburtstag mit einer sehr schönen Widmung überreichte. Wir waren gemeinsam in jener Ausstellung in Berlin auf der Museumsinsel, in der es viele Leihgaben aus dem großen Goldmuseum seiner Heimatstadt gab. Das ist sehr lange her. Etwa Anfang, Mitte der Neunziger Jahre.

Die Schuhe sind noch nicht annähernd so betagt, aber sie haben bereits einen besonderen Wert, weil sie eine besondere Anfertigung sind, da es im Handel solche Schuhe nicht so leicht zu finden gibt, zumal nicht für meine Größe. Es ist selten, dass ein italienischer Hersteller ein Modell für meine Maße produziert. Ich liebe Schuhe aus Lackleder, und diese Schnürschuhe mit der farblich abgesetzen Ledersohle sind besonders fein gearbeitet.

Es sind Dinge fürs Leben.

17. Oktober 2015

Vielleicht doch häufiger Einträge. Ich mag das, wenn gute Schreiber in zeitlicher Dichte posten. Wenn das Potenzial da ist, nehme ich immer eine Zeile oder auch nur eine halbe mit, die mich inspiriert. Spielt keine Rolle, wieviel unveröffentlichtes Bildmaterial auf meiner Festplatte schlummert. Kann sowieso nicht in drei Tagen bewältigt werden. Hingabe ist entscheidend. Nicht etwas aufgreifen, zu dem man gerade nicht die große Liebe hat. Wobei die Liebe manchmal auch mit der Beschäftigung kommt, der Konzentration auf eine Sache. Ich lasse das noch ein bißchen ruhen. Es kommt, wie es kommt, wie es sich bemerkbar macht, nach vorne drängt. In den vergangenen vier Wochen traf ich zweimal auf Vera von Lehndorff. Dabei sind viele Aufnahmen entstanden. Die sie auch gesehen hat. Und mochte. Sogar sehr. Aber das erfuhr ich nicht von ihr selbst, sondern von Holger Trülzsch, ihrem Lebensfreund, der mir vor einer Woche erzählte, dass sie ihm davon erzählte. Freute mich sehr, natürlich. Zumal sie sehr umfangreich in der Reihe zu sehen ist und dafür bekannt ist, dass sie es zwar hinnimmt, bei öffentlichen Gelegenheiten abgelichtet zu werden, sich aber sehr bedeckt hält, wenn sie jemand exclusiv treffen möchte, um sie zu fotografieren. Was mich aber auch nicht so sehr wundert. Mir ginge es ähnlich. Ach was – mir geht es ähnlich. Nur dass ich keine vergleichbare legendäre Historie habe, von den größten Fotografen aller Zeiten eingefangen worden zu sein. Ich wollte gar nicht über Vera Lehndorff schreiben. Fange ich einmal an, gehen sie durch die Gedanken, die Inspirationsfragmente. Was einem so unterschwellig unterläuft. Der immerwährende Subtext des Gedankenstroms. Ich bin ein wenig scheu, jeden Gedankenfetzen, der ein bißchen schillert, zu posten. Oft sind sie auch flüchtig, diese Erscheinungen. So oft beobachte ich Kleinigkeiten in der S-Bahn oder beim Einkaufen. Ich neige zu einer etwas lakonischen Betrachtungsweise der Dinge. Und ich will eigentlich gar nicht so gerne Lakonisches lesen. Das nutzt sich auch ab. Es ist ein bißchen Mode geworden. Wahrscheinlich macht es die richtige Mischung. Ich bin nicht aus Kalkül lakonisch, es ist eher impulsiv. Charakterimmanent. Oder lebensalterbedingt? Ich weiß es nicht genau. Als Mode nutzt es sich jedenfalls ab. Man darf es nicht instrumentalisieren, dann droht Inflation und Langeweile. Mir ging ganz etwas anderes durch den Kopf, als ich gerade zu tippen anfing. Nämlich: ich erinnere ein paar deutliche Bilder aus einem Traum von gestern oder vorgestern. Und immer wenn Bilder sehr deutlich sind, sehr plastisch und gar nicht so sehr phantastisch, sondern nur ein bißchen, bleiben sie mir scheinbar eher haften. Ich habe hier zuhause von der Buchpremiere neulich, von Bov, noch zwei weitere Exemplare des Buches, außer meinem eigenen. Ich würde die gerne weitergeben, verschenken, an jemanden, den es interessiert, der neugierig ist. Ich mailte deshalb kid37 an die mir bekannte Mailadresse, über die wir uns seit Jahr und Tag zum Geburtstag gratulieren und manchmal ein paar persönlichere Zeilen wechseln, fragte ihn, ob er daran Interesse hätte. Ich schob noch eine Mail hinterher, dass es natürlich gratis wäre, also kein Verkaufsangebot, das hatte ich nicht so klar formuliert, in der ersten Mitteilung. Das war vor etwa vier Tagen. Schon sehr ungewöhnlich, über diesen Zeitraum so gar keine Reaktion zu erhalten. Ich begann ein wenig zu grübeln. Ob die Zeiten vorbei sind, wo er diese Mail-Adresse täglich nach Eingängen prüft? (Er hat noch eine andere) Oder ob ich im Spam-Filter gelandet bin? So existenziell wichtig ist es dann auch wieder nicht, dass ich deswegen in Hamburg anrufen würde. Wir telefonieren äußerst selten. Aber dann träumte ich vor etwa zwei Tagen, dass ich mit ihm kommunizierte, ich weiß nicht, ob wir sprachen oder mailten oder skypten (ich skype nicht, weiß aber was das ist). Jedenfalls gab ich ihm noch einmal zur Kenntnis, dass ich ein, zwei Exemplare zu vergeben hätte. Seine Antwort bestand darin, dass er mir die Möglichkeit eröffnete, über ein visuelles Fenster Einblick in seine Wohnung zu nehmen, und nicht nur IN die Wohnung, insbesondere das Wohnzimmer, sondern auch auf den Ausblick aus dem Fenster. Ich erinnerte mich im Traum, dass wir den ja teilweise schon kannten, und dass seine Wohnung in Hamburg am Fluss liegt, ganz nah am Wasser, wo er Boote sehen kann, Ufergestrüpp und etwas, das aussieht wie Schrebergärten. So meine ich es zu erinnern. Jedenfalls öffnete sich ein elliptisch geformter Fokus innerhalb des Bildes, mit weichgezeichneten Rändern, so ähnlich, wie wenn man durch ein Fernglas sieht, und im Fokus erschien eine Hütte, ein Häuschen. Mit Holz verkleidet, wettergegerbt, eine dunkle Hütte. Und kid37 meinte: „Siehst du das? Ich wohne hundert Meter Luftlinie davon entfernt, ich sehe es jeden Tag aus dem Wohnzimmer, warum soll ich da noch ein Buch darüber lesen? Ich habe es dauernd vor der Nase, jeden Tag, ständig!“ Und ich: „Ach…! Da bei dir in Hamburg ist das Auerhaus? Das ist ja wirklich sehr nah.“ Kid37: „Eben!“ Ich verstand natürlich sofort, dass er damit als Adresse für meine zu verschenkenden (übrigens signierten) Exemplare ausfiel. Die Traum-Kamera machte noch einen Schwenk durch sein Wohnzimmer, das mich sehr überraschte. Nicht weil es so durchgestylt war, sondern weil ich gewisse Arrangements so nicht erwartet hätte. Es war ein sehr großer Wohnraum, der etwas dachgeschossartiges hatte. Ich weiß nicht, ob dort schräge Wände sind, aber das Gefühl war so heimelig, wie ich es mit solchen Räumen verbinde. Ich wohne ja selber unter schrägen Wänden. Ich glaube, der Boden war mit Sisal bespannt und es gab kleine Inseln mit Bodenkissen und Tabletts. Besonders ein Tablett fiel mir auf. Ich überlegte, ob ich es ihm überlassen hätte, mir kam es so bekannt vor, aus Schilfblättern geflochten, rechteckig, darauf sehr schöne, sehr polierte Kristallgläser für Wein. Zwei. Sehr einladend. Alles sehr gepflegt. Man hätte sofort ein Fotoshooting machen können. Liebe zum Detail bei allen Gegenständen. Erlesene Gegenstände aus Silber, Kerzenhalter, Schatullen, kleine Preziosen. Dann wurde langsam abgeblendet, der Fokus verkleinerte sich, bis das Bild verschwand. Das war das Letzte, woran ich mich erinnere.

27. September 2015

Sieben Tage. Sieben Lieder. Sieben irreguläre Facebook-Beiträge.
No. 1
21. September 2015
Duke Meyer hatte die lustige Idee, mir (die ich nie irgendwelche Spielchen mitmache) die sieben-Tage-sieben-Lieder-meiner Wahl-Geschichte zuzuschanzen. Wie wir alle, habe auch ich natürlich nicht sieben, sondern siebenhundert Lieblingslieder, aber ich werde mich sieben Stücken widmen, die in diesen Tagen von Bedeutung sind, einige davon sind es auch schon lange oder gar länger. Ich beginne mit einem Song, von dem ich hoffe, dass er auch für Duke und seine Leser/innen eine Entdeckung ist. Tatsächlich höre ich das Lied allen Ernstes nahezu täglich und zwar mehrfach, weil es sich auf meiner aktuellen Lieblingsplaylist befindet. Es ist zu fünfzig Prozent von einem Interpreten, von dem ich noch nie Fan war und es auch nicht werde, zumindest nicht als Sänger oder Musiker, aber in diesem Lied hat er mich komplett überzeugt. Also nichts gegen Campino als Mensch, aber sein sonstiges Oeuvre mit dieser Gruppe mit den karierten Hosen ist nicht mein Ding (tschuldigung – ich bin ÄRZTE!). So, kommen wir nun endlich zu dem Werk. Es ist ein – ja ich möchte sagen – nicht von subtiler Erotik freies Liebeslied, zu dem Wim Wenders ein Video gedreht hat (er ist mit Herrn Campino gut Freund). Die Dame, die da (für mich umwerfend) singt, ist die nicht minder prominente österreichische Schauspielerin Birgit Minichmayr. Man munkelt, die beiden wären seinerzeit ein Paar gewesen. Der Song ist in – ich möchte jetzt nicht sagen „symbiotischer Zusammenarbeit“ zustande gekommen, denn ich war nicht dabei, aber ich spüre da auch so einen Vibe. Ich habe mir das Lied nach ungefähr siebenhundertmal Hören noch nicht überhört, es trifft mich tief. Und es heißt ►Auflösen.

No. 2
22. September 2015
Für Duke. 2/7. Von allen Liedern, die ich von Rio kenne und liebe, geht mir dieses am allermeisten zu Herzen. Ich habe beim Hören schon oft geweint (auf eine schöne Art). Ich weiß (oder glaube), dass dieses zauberhafte Nachtlied von Rio gar nicht so viele kennen. Überhaupt mochte ich ihn am liebsten in den Aufnahmen, wo er alleine daheim am Klavier gespielt hat und dazu gesungen, ganz ohne Studioeffekte. Da hört man sein zartes Gemüt und sein unfassbar großes Talent. Ich mag seine unaffektierte Phrasierung, alles. Und seine Dichtkunst. Ich habe ihn sehr geliebt. (Wie wir alle.) ►Rio Reiser – Frühlingssturm
Ich bin der Nachtwind, hörst du mich?
Ich trage die Fahne, ich frage nicht,
ahne den Morgen, der schmale Streifen
am Horizont zeigt mir den Weg.
Ich bin der Morgenstern, siehst du mich?
Ich küsse die Schlafenden, ich frage nicht,
suche die Blumen, der winzige Tropfen
Silbertau zeigt mir den Weg.
Ich bin die Sonne, fühlst du mich?
ich trockne die Tränen, ich frage nicht,
wecke das Leben, die kleine Knospe
am Apfelbaum zeigt mir den Weg.
Ich bin der Frühlingssturm, kennst du mich?
Ich bringe den Regen, ich frage nicht,
trage die Wünsche, die vergrabene Hoffnung
in deinem Herzen, zeig mir den Weg.

No. 3
23. September 2015
Mein drittes von sieben Liedern Rammstein: Frühling in Paris Man hört es ja. Was soll ich sagen. Mit Till Lindemann würde ich notfalls auch äh… Kamillentee trinken.

No. 4
24. September 2015
Hier Nummer Vier: ►Duke Meyer: Wo. Aus einem Blogeintrag, in dem ich beschreibe, was ich mit diesem Song von 2014 und mit Duke verbinde: „(…) Er erinnerte mich ein bißchen an die Sachen von Grace Jones aus den Achtzigern, die wir damals auch gehört hatten. Das Album „Warm Leatherette“ lief rauf und runter, Duke hörte das mindestens genauso oft wie ich, damals. Ich erinnere mich an Abende in Wohngemeinschaftsküchen, wo die Platte lief. Damals hatten wir noch keine CDs. Und er zuckte zum Beat mit seinen langen Gliedmaßen. In seiner Leopardenhose, klopfte mit den beringten und bereiften Händen und Armen den Rhythmus auf den Küchentisch und ich freute mich am Vibrieren…“ Die ganze (sehr persönliche) Geschichte kann man da lesen.

No. 5
25. September 2015
mein 5/7 ►Lou Reed – Modern Dance. Seine Musik hat mein Leben begleitet, seit ich ihn 1980 durch einen jungen Musiker entdeckt hatte, mit dem ich in seinem ersten Auto wilde Fahrten zu wilden Wäldern unternahm und die Fenster waren heruntergekurbelt und im Kassettenrekorder lief die erste Soloplatte von Lou Reed – „Lou Reed“.(vor allem Wild Child hatte es mir angetan). Ich wünschte mir die Platte zum Geburtstag (zum fünfzehnten glaube ich) und hörte sie rund um die Uhr, keine andere mehr. Die Version von „Berlin“ darauf ist die schönste, die ich kenne, sehr intim „In Berlin by the Wall, you were five foot, ten inches tall…it was very nice, oh honey, it was paradise….“) Wenige Zeit danach hörte ich mir die ganzen V.U.-Sachen an und verliebte mich auch noch sehr in John Cale und Nico sowieso. Aber Lou hatte ein eigenständiges Werk, das beinah noch stärker war, unvergleichlich. Und so gut wie ich es kenne, so viel ich gehört habe, in all den Jahren, fünfunddreißig Jahre ist es nun, gibt es einen bestimmten Song, der mich mehr getroffen hat als alle anderen, mehr als Wild Child und Perfect Day und Coney Island Baby, die ich auch sehr liebe – er ist von der Platte Ecstasy aus dem Jahr 2000.
„(…) Or maybe I should get a farm in southern France
where the winds are wispy and the villagers dance
and you and I we’d sleep beneath a moon
moon in June and sleep till noon
And maybe you and I could fall in love
regain the spirit that we once had
you’d let me hold you and touch the night
that shines so bright, so bright with fright
Doin‘ a modern dance…“


No. 6
26. September 2015
6/7 Habe mich verzettelt. Wie soll man sich entscheiden. Ich poste jetzt als Nummer Sechs von Sieben einen Song – oder vielmehr eine Cover-Version, die ich erst vor einer Viertelstunde entdeckt habe, und die mich auf Anhieb begeistert. Die (Grammy-winning) Civil Wars kannte ich schon und auch „Billy Jean“ aber nicht diese Live-Version von den beiden. ►The Civil Wars – Billie Jean

No. 7
27. September 2015
7/7 ►Cosmic/poetrYclub – Widerspruch. Sehr persönlicher Bezug. Sowohl der Text, den Friedrich Rückert schrieb, als auch die Musik von Cosmic, sein Vortrag, der mir ans Herz greift. Aus einer für mich sehr wichtigen Zeit. Die Visuals im Hintergrund waren von mir, ich projezierte und nahm gleichzeitig auf und so entstand dieses Video. Eine Erinnerung an eine Begegnung, die mir neue Horizonte und Möglichkeiten eröffnete. Der Text von Friedrich Rückert war in diesem Moment, als ich die Performance aufnahm, mehr als irgendein Text, den Cosmic vertont hatte. Das hatte er mit vielen von Rückert getan, in diesem Projekt poetrYclub, von dem ich ein Teil wurde. Es war auch ein Ausdruck unserer persönlichen Verbindung. Das war alles sehr bedeutend für mich. Ebenso wichtig wie die Begegnung mit Duke vor mittlerweile fünfunddreißig Jahren. Ein Meilenstein. Damit schließe ich diese kleine Reihe von sieben Liedern.
„Zufrieden sein und klagen ist ein Widerspruch. Getrost sein und verzagen ist ein Widerspruch. Uneinig sein und einig ist nicht einerlei. Sich zanken und vertragen ist ein Widerspruch. In Flucht zu schlagen einen Feind, und von dem Feind zu sein in Flucht geschlagen, ist ein Widerspruch. Zu suchen und zu meiden Eins zu gleicher Zeit. Zu fliehn und nachzujagen ist ein Widerspruch. Zu predigen für taube Ohren ist verkehrt. Und stummen Mund zu fragen ist ein Widerspruch. Sich weise dünken, und unwissend wissen sich, reich, und an Brocken nagen, ist ein Widerspruch. Die Königskrone tragen und den Bettelstab, sich härmen und behagen, ist ein Widerspruch. Doch Stab und Krone trägt mein Herz; und was es härmt, und was ihm mag behagen, ist ein Widerspruch. Unwissend weiß mein Herz, und weise dünkt es sich; Mein Herz, ich muß es sagen, ist ein Widerspruch. Ich pred’ge tauben Ohren, frage stummen Mund; Mein Herz mit seinen Plagen ist ein Widerspruch. Ich such‘ und meide, flieh‘ und jag‘, es schlägt mein Herz, Mein Herz mit seinem Schlagen ist ein Widerspruch. Uneinig ist’s und einig, und verträgt nur Zank; Mein Herz und sein Betragen ist ein Widerspruch. Zufrieden ist’s, und klagt, getrost, und zagt; mein Herz in diesen Frühlingstagen ist ein Widerspruch.“

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17. Oktober 2015

No. 8
(unerfragte Acht/7)
NUR ZUR ERINNERUNG
Quartär — Tertiär — Kreide — Jura — Trias — Perm — Karbon — Devon — Silur — Ordovizium — Kambrium — Proterozoikum — Archaikum
Hinter den Zähnen, zwischen den Lippen,
Die Zunge küsst hervor das Wort
Als Dreh-, Mittel-, Angelpunkt
Nur zur Erinnerung
Alles muss zurück auf Anfang
Nur zur Erinnerung
Alles muss zurück auf Anfang
Nur zur Erinnerung
Alles muss wieder haut- und haargenau porentief zurück
In die alte Ordnung
Die Ordnung vor der Ordnung
Die tobende warme Ordnung
Ich setz‘ mich zusammen aus Sekundärrohstoffen
Wiederverwertbarem Staub
Zusammengeklaubt aus den Zwischenräumen
Langgereister Staub
Ich setz mich zusammen aus zerstörten Sternen
Linke Hände und das Herz
Aus dem Gold geplatzter Sonnen
Interstellarem Erz
Ich singe das Wort, weit weit weg
Manchmal sogar unbemannt
Manchmal tritt es ein im spitzen Winkel
Verglüht nicht, landet unverbrannt
Alles muss zurück auf Anfang
Nur zur Erinnerung
Alles muss zurück auf Anfang
Nur zur Erinnerung
Alles muss wieder haut- und haargenau porentief zurück
In die alte Ordnung
Die Ordnung vor der Ordnung
Vor, vor, vor, der Ordnung
Ich setz mich neu zusammen
Aus intergalaktischem Müll
Aus verworfenen Ideen
Am billigem, teuren Make-Up
Meinetwegen neonfarbenem Tüll
Den Spiegel zerbrochen
Ohne Vorbild, ungestalt
Die Augen geschlossen
Kein Nachbild mehr
Kein Tod mehr an der Arbeit
Ja.
Blixa Bargeld 2013

17. Oktober 2015

Vielleicht doch häufiger Einträge. Ich mag das, wenn gute Schreiber in zeitlicher Dichte posten. Wenn das Potenzial da ist, nehme ich immer eine Zeile oder auch nur eine halbe mit, die mich inspiriert. Spielt keine Rolle, wieviel unveröffentlichtes Bildmaterial auf meiner Festplatte schlummert. Kann sowieso nicht in drei Tagen bewältigt werden. Hingabe ist entscheidend. Nicht etwas aufgreifen, zu dem man gerade nicht die große Liebe hat. Wobei die Liebe manchmal auch mit der Beschäftigung kommt, der Konzentration auf eine Sache. Ich lasse das noch ein bißchen ruhen. Es kommt, wie es kommt, wie es sich bemerkbar macht, nach vorne drängt. In den vergangenen vier Wochen traf ich zweimal auf Vera von Lehndorff. Dabei sind viele Aufnahmen entstanden. Die sie auch gesehen hat. Und mochte. Sogar sehr. Aber das erfuhr ich nicht von ihr selbst, sondern von Holger Trülzsch, ihrem Lebensfreund, der mir vor einer Woche erzählte, dass sie ihm davon erzählte. Freute mich sehr, natürlich. Zumal sie sehr umfangreich in der Reihe zu sehen ist und dafür bekannt ist, dass sie es zwar hinnimmt, bei öffentlichen Gelegenheiten abgelichtet zu werden, sich aber sehr bedeckt hält, wenn sie jemand exclusiv treffen möchte, um sie zu fotografieren. Was mich aber auch nicht so sehr wundert. Mir ginge es ähnlich. Ach was – mir geht es ähnlich. Nur dass ich keine vergleichbare legendäre Historie habe, von den größten Fotografen aller Zeiten eingefangen worden zu sein. Ich wollte gar nicht über Vera Lehndorff schreiben. Fange ich einmal an, gehen sie durch die Gedanken, die Inspirationsfragmente. Was einem so unterschwellig unterläuft. Der immerwährende Subtext des Gedankenstroms. Ich bin ein wenig scheu, jeden Gedankenfetzen, der ein bißchen schillert, zu posten. Oft sind sie auch flüchtig, diese Erscheinungen. So oft beobachte ich Kleinigkeiten in der S-Bahn oder beim Einkaufen. Ich neige zu einer etwas lakonischen Betrachtungsweise der Dinge. Und ich will eigentlich gar nicht so gerne Lakonisches lesen. Das nutzt sich auch ab. Es ist ein bißchen Mode geworden. Wahrscheinlich macht es die richtige Mischung. Ich bin nicht aus Kalkül lakonisch, es ist eher impulsiv. Charakterimmanent. Oder lebensalterbedingt? Ich weiß es nicht genau. Als Mode nutzt es sich jedenfalls ab. Man darf es nicht instrumentalisieren, dann droht Inflation und Langeweile. Mir ging ganz etwas anderes durch den Kopf, als ich gerade zu tippen anfing. Nämlich: ich erinnere ein paar deutliche Bilder aus einem Traum von gestern oder vorgestern. Und immer wenn Bilder sehr deutlich sind, sehr plastisch und gar nicht so sehr phantastisch, sondern nur ein bißchen, bleiben sie mir scheinbar eher haften. Ich habe hier zuhause von der Buchpremiere neulich, von Bov, noch zwei weitere Exemplare des Buches, außer meinem eigenen. Ich würde die gerne weitergeben, verschenken, an jemanden, den es interessiert, der neugierig ist. Ich mailte deshalb kid37 an die mir bekannte Mailadresse, über die wir uns seit Jahr und Tag zum Geburtstag gratulieren und manchmal ein paar persönlichere Zeilen wechseln, fragte ihn, ob er daran Interesse hätte. Ich schob noch eine Mail hinterher, dass es natürlich gratis wäre, also kein Verkaufsangebot, das hatte ich nicht so klar formuliert, in der ersten Mitteilung. Das war vor etwa vier Tagen. Schon sehr ungewöhnlich, über diesen Zeitraum so gar keine Reaktion zu erhalten. Ich begann ein wenig zu grübeln. Ob die Zeiten vorbei sind, wo er diese Mail-Adresse täglich nach Eingängen prüft? (Er hat noch eine andere) Oder ob ich im Spam-Filter gelandet bin? So existenziell wichtig ist es dann auch wieder nicht, dass ich deswegen in Hamburg anrufen würde. Wir telefonieren äußerst selten. Aber dann träumte ich vor etwa zwei Tagen, dass ich mit ihm kommunizierte, ich weiß nicht, ob wir sprachen oder mailten oder skypten (ich skype nicht, weiß aber was das ist). Jedenfalls gab ich ihm noch einmal zur Kenntnis, dass ich ein, zwei Exemplare zu vergeben hätte. Seine Antwort bestand darin, dass er mir die Möglichkeit eröffnete, über ein visuelles Fenster Einblick in seine Wohnung zu nehmen, und nicht nur IN die Wohnung, insbesondere das Wohnzimmer, sondern auch auf den Ausblick aus dem Fenster. Ich erinnerte mich im Traum, dass wir den ja teilweise schon kannten, und dass seine Wohnung in Hamburg am Fluss liegt, ganz nah am Wasser, wo er Boote sehen kann, Ufergestrüpp und etwas, das aussieht wie Schrebergärten. So meine ich es zu erinnern. Jedenfalls öffnete sich ein elliptisch geformter Fokus innerhalb des Bildes, mit weichgezeichneten Rändern, so ähnlich, wie wenn man durch ein Fernglas sieht, und im Fokus erschien eine Hütte, ein Häuschen. Mit Holz verkleidet, wettergegerbt, eine dunkle Hütte. Und kid37 meinte: „Siehst du das? Ich wohne hundert Meter Luftlinie davon entfernt, ich sehe es jeden Tag aus dem Wohnzimmer, warum soll ich da noch ein Buch darüber lesen? Ich habe es dauernd vor der Nase, jeden Tag, ständig!“ Und ich: „Ach…! Da bei dir in Hamburg ist das Auerhaus? Das ist ja wirklich sehr nah.“ Kid37: „Eben!“ Ich verstand natürlich sofort, dass er damit als Adresse für meine zu verschenkenden (übrigens signierten) Exemplare ausfiel. Die Traum-Kamera machte noch einen Schwenk durch sein Wohnzimmer, das mich sehr überraschte. Nicht weil es so durchgestylt war, sondern weil ich gewisse Arrangements so nicht erwartet hätte. Es war ein sehr großer Wohnraum, der etwas dachgeschossartiges hatte. Ich weiß nicht, ob dort schräge Wände sind, aber das Gefühl war so heimelig, wie ich es mit solchen Räumen verbinde. Ich wohne ja selber unter schrägen Wänden. Ich glaube, der Boden war mit Sisal bespannt und es gab kleine Inseln mit Bodenkissen und Tabletts. Besonders ein Tablett fiel mir auf. Ich überlegte, ob ich es ihm überlassen hätte, mir kam es so bekannt vor, aus Schilfblättern geflochten, rechteckig, darauf sehr schöne, sehr polierte Kristallgläser für Wein. Zwei. Sehr einladend. Alles sehr gepflegt. Man hätte sofort ein Fotoshooting machen können. Liebe zum Detail bei allen Gegenständen. Erlesene Gegenstände aus Silber, Kerzenhalter, Schatullen, kleine Preziosen. Dann wurde langsam abgeblendet, der Fokus verkleinerte sich, bis das Bild verschwand. Das war das Letzte, woran ich mich erinnere.

11. Oktober 2015

Zu tun. Aber Freitag. Ullrich am Zoo. Suche in der Spirituosenabteilung, kein Personal, frage Mitarbeiterin, die zwischen Keks- und Alnatura-Regal herumräumt: „Entschuldigung, ich suche nach etwas Bestimmten in der Spirituosenabteilung, kann es einfach nicht finden, obwohl es eigentlich nicht so was Seltenes ist… und sie sind ja immer sehr gut sortiert – hab schon überall geguckt…- “ Verkäuferin zieht Funksprechgerät aus dem Kittel „Moment!“.- „Hier steht eine junge Frau, die bräuchte mal Hilfe, Gang vier!“ „Ohh… DANKE für die junge Frau!“. Winkt ab: „Nee, dit is nur, wissense – dann kommen die schneller!“

14. Oktober 2015

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Das wird ein Eintrag über einen schönen Abend, aber keine Buchkritik. Ich will ehrlich sein: nicht Bücher treiben mich mit der Kamera vor die Tür. Menschen, Kontakte, Persönlichkeiten. Menschen, Tiere, Sensationen. Aber eines muss ich doch sagen. So kann man ein Buch auch vorstellen. In einem Club, in dem – na gut auch eine Lesebühne stattfndet – aber sonst eher musiziert wird. Und einen Musiker – nein, zwei – einladen. Ich meine gehört zu haben, dass der Musiker Robert Stadlober auch als Schauspieler tätig ist. Ja natürlich – ja – ich weiß es. Das ist eine Art durch die Blume zu sagen, ich nehme ihm den Musiker ab, ich habe ihn gesehen und gehört und es gibt Beweise. Ich finde sogar, dass man das auf den Fotos sehen kann, auch wenn die Tonspur fehlt. Dieser Mensch gibt sich total hin. Und gelesen hat er auch. Aus dem Buch, das ich da noch nicht kannte, nur auszugsweise. Ich sage es ganz unverblümt: ich bin nicht die Zielgruppe für solche Jugenderinnerungen, mich beschäftigen andere Dinge in meiner Gegenwart. Aber EGAL. Also dieser Stadlober. Mit seiner trotzigen Schnute. Ein bißchen arrogant sieht er aus. Könnte man denken.










Tatsächlich glaube ich, er ist hochkonzentriert und fokussiert. Auf Qualität. Hohe Professionalität. Dieser nicht so kleine Raum war in ein blaues Dunkel getaucht, als er gelesen hat, Auszüge – er hat den Text als Hörbuch eingesprochen. Er wurde unsichtbar. Der Text wurde nicht gelesen, er hat etwas erzählt, mit einem maximalen Verzicht auf Effekthascherei, so dass der Effekt auf mich kaum größer hätte sein können. Ich war sehr beeindruckt, wie alles, was er erzählte, in den Vordergrund rückte und ich nicht über die Person Stadlober nachdachte. Das passiert mir nämlich, wenn jemand beim Lesen mit kalkulierten Effekten arbeitet. Ich denke über den Effekt und den Impetus nach und der Text erhält kaum noch Aufmerksamkeit. Bov hat auch gelesen. Und auch das war gut – aber nicht das, was der geniale Sprecher Stadlober auf die Bühne gebracht hat. Wenn ich Bov höre, läuft bei mir ein anderer Film ab, ich denke an ihn als Blogger und als warmherzigen und scharfsinnigen Menschen, und dass wir derselbe Jahrgang sind.


So ein Zeug geht mir durch den Kopf. Dass wir beide seit langem in Berlin Heimat gefunden haben, ultimativ, lange schon. Ich wusste, dass Bovs Buchpremiere einige Blogger locken würde, die ich auch kenne und lange oder länger nicht mehr gesehen habe. Immer wieder gerne sehe. Oder sogar noch nie gesehen habe. Das war auch ein Highlight für mich. Und dass man sich gemeinsam daran freut, wenn jemand aus diesem Kreis sein Buch in den Händen hält. Nicht sein erstes, aber dennoch. Es ist so ein Sympathieding, dass ich da ganz unbedingt hinwollte und ihm ein paar Bilder als Erinnerung schenken. Weil man solche Abende ja nicht jedes Jahr seines Lebens erlebt. Und ich wollte ihn so sympathisch einfangen, wie ich ihn immer erlebe, so selten ich ihn sehe. Das habe ich – glaube ich – hingekriegt. Doch. Isa war extra aus Hamburg gekommen. Und Mek und Modeste waren da. Und Doro und Elvira. Und Katia und Wortschnittchen saßen da, und ruhepuls, die ich noch nie vorher live sah. Es gab gar keinen vorbereiteten Tisch für unseren Autor, um zu signieren, da habe ich kurzerhand einen abgeräumt, der in der Ecke mit Flyern und Postkarten bestückt war, neben den Büchertisch bugsiert und einen Stuhl dazu. Und darauf geachtet, dass er an einer Stelle steht, wo einigermaßen Licht ist, weil ich ja Fotos machen wollte. Und die sollten unbedingt brauchbar werden, denn ich wollte ja der schönen Widmung in meinem Buch gerecht werden. Ehrensache. Danach bin ich trunken heim gelaufen. Invalidenstraße. Gartenstraße. Tor. Kleine August, Joachim. Ich finde Lesungen sollten immer mit Signiertischen und Live-Musik sein. Und so sympathischen Autoren. Und bitte immer auch mit mir.

11. Oktober 2015

Zu tun. Aber Freitag. Ullrich am Zoo. Suche in der Spirituosenabteilung, kein Personal, frage Mitarbeiterin, die zwischen Keks- und Alnatura-Regal herumräumt: „Entschuldigung, ich suche nach etwas Bestimmten in der Spirituosenabteilung, kann es einfach nicht finden, obwohl es eigentlich nicht so was Seltenes ist… und sie sind ja immer sehr gut sortiert – hab schon überall geguckt…- “ Verkäuferin zieht Funksprechgerät aus dem Kittel „Moment!“.- „Hier steht eine junge Frau, die bräuchte mal Hilfe, Gang vier!“ „Ohh… DANKE für die junge Frau!“. Winkt ab: „Nee, dit is nur, wissense – dann kommen die schneller!“

29. September 2015

Die Wege von flickr sind mitunter auch unergründlich. Seit vorgestern ‚folgt‘ mir ein spanischer Professor für Philosophie, der kein einziges Bild von annähernd 45.000 Fotos in meinem Zugang favorisiert hat. Er kennt niemanden, den ich kenne, soweit eruierbar, postet auf youtube u. a. spanischsprachige Vorträge über Bücher von Sloterdijk. Schon alles sehr seltsam. Würde mich mal interessieren, welche Bilder ihn bewogen haben, meinen Aktivitäten zu folgen. Normalerweise haben solche follower vorangehend irgendeine oder mehrere Aufnahmen gesehen, die sie favorisierten oder gar kommentierten (bei mir selten, weil ich keine community-Pflege betreibe und nur ca. einmal im Jahr irgendein Bild kommentiere). Aber so aus dem Vakuum – schon komisch. Meine häufigsten Favorisierungen bekomme ich übrigens von Fetischisten. Gürtel-Fetischisten um genau zu sein. Da wurde mir erst bewusst, wie viele Bilder ich mit Gürteln gemacht habe. Na ja, auch eine Art Erkenntnis. Wenn man deren Favoriten dann in der Reihe sieht und immer mal wieder mich, könnte man denken, ich wäre meinerseits eine Gürtel-Fetischistin. Ist aber Unfug. Ich finde die nur gut. Wie eben auch Schuhe und gut sitzende Jacken und Mäntel. Und dann gibt es noch so ein paar U.S.-amerikanische (männliche) Fans meines Streams, die ein paar in Germany gesperrte Inhalte begutachten konnten und nun seit Jahren auf mehr hoffen. Tja. Viel Freude beim Warten.

29. September 2015

Die Wege von flickr sind mitunter auch unergründlich. Seit vorgestern ‚folgt‘ mir ein spanischer Professor für Philosophie, der kein einziges Bild von annähernd 45.000 Fotos in meinem Zugang favorisiert hat. Er kennt niemanden, den ich kenne, soweit eruierbar, postet auf youtube u. a. spanischsprachige Vorträge über Bücher von Sloterdijk. Schon alles sehr seltsam. Würde mich mal interessieren, welche Bilder ihn bewogen haben, meinen Aktivitäten zu folgen. Normalerweise haben solche follower vorangehend irgendeine oder mehrere Aufnahmen gesehen, die sie favorisierten oder gar kommentierten (bei mir selten, weil ich keine community-Pflege betreibe und nur ca. einmal im Jahr irgendein Bild kommentiere). Aber so aus dem Vakuum – schon komisch. Meine häufigsten Favorisierungen bekomme ich übrigens von Fetischisten. Gürtel-Fetischisten um genau zu sein. Da wurde mir erst bewusst, wie viele Bilder ich mit Gürteln gemacht habe. Na ja, auch eine Art Erkenntnis. Wenn man deren Favoriten dann in der Reihe sieht und immer mal wieder mich, könnte man denken, ich wäre meinerseits eine Gürtel-Fetischistin. Ist aber Unfug. Ich finde die nur gut. Wie eben auch Schuhe und gut sitzende Jacken und Mäntel. Und dann gibt es noch so ein paar U.S.-amerikanische (männliche) Fans meines Streams, die ein paar in Germany gesperrte Inhalte begutachten konnten und nun seit Jahren auf mehr hoffen. Tja. Viel Freude beim Warten.

27. September 2015

Sieben Tage. Sieben Lieder. Sieben irreguläre Facebook-Beiträge.
No. 1
21. September 2015
Duke Meyer hatte die lustige Idee, mir (die ich nie irgendwelche Spielchen mitmache) die sieben-Tage-sieben-Lieder-meiner Wahl-Geschichte zuzuschanzen. Wie wir alle, habe auch ich natürlich nicht sieben, sondern siebenhundert Lieblingslieder, aber ich werde mich sieben Stücken widmen, die in diesen Tagen von Bedeutung sind, einige davon sind es auch schon lange oder gar länger. Ich beginne mit einem Song, von dem ich hoffe, dass er auch für Duke und seine Leser/innen eine Entdeckung ist. Tatsächlich höre ich das Lied allen Ernstes nahezu täglich und zwar mehrfach, weil es sich auf meiner aktuellen Lieblingsplaylist befindet. Es ist zu fünfzig Prozent von einem Interpreten, von dem ich noch nie Fan war und es auch nicht werde, zumindest nicht als Sänger oder Musiker, aber in diesem Lied hat er mich komplett überzeugt. Also nichts gegen Campino als Mensch, aber sein sonstiges Oeuvre mit dieser Gruppe mit den karierten Hosen ist nicht mein Ding (tschuldigung – ich bin ÄRZTE!). So, kommen wir nun endlich zu dem Werk. Es ist ein – ja ich möchte sagen – nicht von subtiler Erotik freies Liebeslied, zu dem Wim Wenders ein Video gedreht hat (er ist mit Herrn Campino gut Freund). Die Dame, die da (für mich umwerfend) singt, ist die nicht minder prominente österreichische Schauspielerin Birgit Minichmayr. Man munkelt, die beiden wären seinerzeit ein Paar gewesen. Der Song ist in – ich möchte jetzt nicht sagen „symbiotischer Zusammenarbeit“ zustande gekommen, denn ich war nicht dabei, aber ich spüre da auch so einen Vibe. Ich habe mir das Lied nach ungefähr siebenhundertmal Hören noch nicht überhört, es trifft mich tief. Und es heißt ►Auflösen.

No. 2
22. September 2015
Für Duke. 2/7. Von allen Liedern, die ich von Rio kenne und liebe, geht mir dieses am allermeisten zu Herzen. Ich habe beim Hören schon oft geweint (auf eine schöne Art). Ich weiß (oder glaube), dass dieses zauberhafte Nachtlied von Rio gar nicht so viele kennen. Überhaupt mochte ich ihn am liebsten in den Aufnahmen, wo er alleine daheim am Klavier gespielt hat und dazu gesungen, ganz ohne Studioeffekte. Da hört man sein zartes Gemüt und sein unfassbar großes Talent. Ich mag seine unaffektierte Phrasierung, alles. Und seine Dichtkunst. Ich habe ihn sehr geliebt. (Wie wir alle.) ►Rio Reiser – Frühlingssturm
Ich bin der Nachtwind, hörst du mich?
Ich trage die Fahne, ich frage nicht,
ahne den Morgen, der schmale Streifen
am Horizont zeigt mir den Weg.
Ich bin der Morgenstern, siehst du mich?
Ich küsse die Schlafenden, ich frage nicht,
suche die Blumen, der winzige Tropfen
Silbertau zeigt mir den Weg.
Ich bin die Sonne, fühlst du mich?
ich trockne die Tränen, ich frage nicht,
wecke das Leben, die kleine Knospe
am Apfelbaum zeigt mir den Weg.
Ich bin der Frühlingssturm, kennst du mich?
Ich bringe den Regen, ich frage nicht,
trage die Wünsche, die vergrabene Hoffnung
in deinem Herzen, zeig mir den Weg.

No. 3
23. September 2015
Mein drittes von sieben Liedern Rammstein: Frühling in Paris Man hört es ja. Was soll ich sagen. Mit Till Lindemann würde ich notfalls auch äh… Kamillentee trinken.

No. 4
24. September 2015
Hier Nummer Vier: ►Duke Meyer: Wo. Aus einem Blogeintrag, in dem ich beschreibe, was ich mit diesem Song von 2014 und mit Duke verbinde: „(…) Er erinnerte mich ein bißchen an die Sachen von Grace Jones aus den Achtzigern, die wir damals auch gehört hatten. Das Album „Warm Leatherette“ lief rauf und runter, Duke hörte das mindestens genauso oft wie ich, damals. Ich erinnere mich an Abende in Wohngemeinschaftsküchen, wo die Platte lief. Damals hatten wir noch keine CDs. Und er zuckte zum Beat mit seinen langen Gliedmaßen. In seiner Leopardenhose, klopfte mit den beringten und bereiften Händen und Armen den Rhythmus auf den Küchentisch und ich freute mich am Vibrieren…“ Die ganze (sehr persönliche) Geschichte kann man da lesen.

No. 5
25. September 2015
mein 5/7 ►Lou Reed – Modern Dance. Seine Musik hat mein Leben begleitet, seit ich ihn 1980 durch einen jungen Musiker entdeckt hatte, mit dem ich in seinem ersten Auto wilde Fahrten zu wilden Wäldern unternahm und die Fenster waren heruntergekurbelt und im Kassettenrekorder lief die erste Soloplatte von Lou Reed – „Lou Reed“.(vor allem Wild Child hatte es mir angetan). Ich wünschte mir die Platte zum Geburtstag (zum fünfzehnten glaube ich) und hörte sie rund um die Uhr, keine andere mehr. Die Version von „Berlin“ darauf ist die schönste, die ich kenne, sehr intim „In Berlin by the Wall, you were five foot, ten inches tall…it was very nice, oh honey, it was paradise….“) Wenige Zeit danach hörte ich mir die ganzen V.U.-Sachen an und verliebte mich auch noch sehr in John Cale und Nico sowieso. Aber Lou hatte ein eigenständiges Werk, das beinah noch stärker war, unvergleichlich. Und so gut wie ich es kenne, so viel ich gehört habe, in all den Jahren, fünfunddreißig Jahre ist es nun, gibt es einen bestimmten Song, der mich mehr getroffen hat als alle anderen, mehr als Wild Child und Perfect Day und Coney Island Baby, die ich auch sehr liebe – er ist von der Platte Ecstasy aus dem Jahr 2000.
„(…) Or maybe I should get a farm in southern France
where the winds are wispy and the villagers dance
and you and I we’d sleep beneath a moon
moon in June and sleep till noon
And maybe you and I could fall in love
regain the spirit that we once had
you’d let me hold you and touch the night
that shines so bright, so bright with fright
Doin‘ a modern dance…“


No. 6
26. September 2015
6/7 Habe mich verzettelt. Wie soll man sich entscheiden. Ich poste jetzt als Nummer Sechs von Sieben einen Song – oder vielmehr eine Cover-Version, die ich erst vor einer Viertelstunde entdeckt habe, und die mich auf Anhieb begeistert. Die (Grammy-winning) Civil Wars kannte ich schon und auch „Billy Jean“ aber nicht diese Live-Version von den beiden. ►The Civil Wars – Billie Jean

No. 7
27. September 2015
7/7 ►Cosmic/poetrYclub – Widerspruch. Sehr persönlicher Bezug. Sowohl der Text, den Friedrich Rückert schrieb, als auch die Musik von Cosmic, sein Vortrag, der mir ans Herz greift. Aus einer für mich sehr wichtigen Zeit. Die Visuals im Hintergrund waren von mir, ich projezierte und nahm gleichzeitig auf und so entstand dieses Video. Eine Erinnerung an eine Begegnung, die mir neue Horizonte und Möglichkeiten eröffnete. Der Text von Friedrich Rückert war in diesem Moment, als ich die Performance aufnahm, mehr als irgendein Text, den Cosmic vertont hatte. Das hatte er mit vielen von Rückert getan, in diesem Projekt poetrYclub, von dem ich ein Teil wurde. Es war auch ein Ausdruck unserer persönlichen Verbindung. Das war alles sehr bedeutend für mich. Ebenso wichtig wie die Begegnung mit Duke vor mittlerweile fünfunddreißig Jahren. Ein Meilenstein. Damit schließe ich diese kleine Reihe von sieben Liedern.
„Zufrieden sein und klagen ist ein Widerspruch. Getrost sein und verzagen ist ein Widerspruch. Uneinig sein und einig ist nicht einerlei. Sich zanken und vertragen ist ein Widerspruch. In Flucht zu schlagen einen Feind, und von dem Feind zu sein in Flucht geschlagen, ist ein Widerspruch. Zu suchen und zu meiden Eins zu gleicher Zeit. Zu fliehn und nachzujagen ist ein Widerspruch. Zu predigen für taube Ohren ist verkehrt. Und stummen Mund zu fragen ist ein Widerspruch. Sich weise dünken, und unwissend wissen sich, reich, und an Brocken nagen, ist ein Widerspruch. Die Königskrone tragen und den Bettelstab, sich härmen und behagen, ist ein Widerspruch. Doch Stab und Krone trägt mein Herz; und was es härmt, und was ihm mag behagen, ist ein Widerspruch. Unwissend weiß mein Herz, und weise dünkt es sich; Mein Herz, ich muß es sagen, ist ein Widerspruch. Ich pred’ge tauben Ohren, frage stummen Mund; Mein Herz mit seinen Plagen ist ein Widerspruch. Ich such‘ und meide, flieh‘ und jag‘, es schlägt mein Herz, Mein Herz mit seinem Schlagen ist ein Widerspruch. Uneinig ist’s und einig, und verträgt nur Zank; Mein Herz und sein Betragen ist ein Widerspruch. Zufrieden ist’s, und klagt, getrost, und zagt; mein Herz in diesen Frühlingstagen ist ein Widerspruch.“

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22. September 2015






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Wünsche mir, der Eintrag wäre schon verfasst. Von Zauberhand. Ich möchte lieber Dinge tun, die sich einfach so ergeben. Hier ein Kommentar, dort ein paar Zeilen. Bei einem Freund auf facebook, der mich in ein Spielchen verstrickt, es hat mit Musik zu tun, und da bin ich anfällig, poste auf seiner Pinnwand, oder wie das heißt „oder wie das heißt“ schreibe ich jedesmal, ich kann es mir nicht merken. Sieben Tage, sieben Lieder. Ich kann Duke nichts abschlagen. Ich wählte Auflösen. Mit viel Erklärung. Schon möchte ich jeden kommentierten Buchstaben wieder meinem Blog einverleiben. Es gehört doch alles zusammen. Es ist doch ein Werk. Ein Werk. Ich verstehe das. In beiden Kommentaren zufällig – oder unzufällig ein Bezug zu Wim Wenders. Nein, ist kein Zufall.








Alles schwingt mit und fließt ein, was einen gerade zuletzt beschäftigt hat. So entsteht das Gewebe, das einmalige Muster, die unverwechselbare Textur. Jetzt bin ich bei Wim Wenders, ich habe es geschafft. In diesem Eintrag und mit der Kamera. Seltsam, wie ich noch vor gut vier Wochen davon schrieb, dass ich manchmal so ein Gefühl habe, jemandem zu begegnen, irgendwann. Und nur vier Wochen später war es plötzlich so weit.

Das war kein Hexenwerk. Ich bin ja auch aus eigener Kraft dort hingegangen. Ich sah schon einen Tag vorher, dass die Presseagentin dieselbe Lady war, die ich zufällig an anderer Stelle getroffen hatte und wir hatten uns gut unterhalten. Vera Lehndorff und Holger Trülzsch im Box.Freiraum in Friedrichshain. Dort habe ich unendlich viele Bilder gemacht. Gegen Mitternacht knallte eine Magnum Dom Perignon, Holger Trülzsch hatte Geburtstag und vier Musiker aus Syrien katapultierten uns mit den Klängen einer arabischen Oud, einem Keyboard und zwei Trommeln in eine ferne, verlorene Landschaft. Doch ich komme schon wieder weg von meiner Geschichte. Ich war wieder fasziniert, wie dynamisch Wim Wenders war, obgleich ich ihn nicht zum ersten mal sah. Ich meine seine Bewegungen. Es brauchte bei diesem Anlass keinerlei Rechtfertigung mit der Kamera zu agieren. Ich beobachtete eine Situation im oberen Bereich der Galerie. Ein schwer bewaffneter Fotograf positionierte sich und fokussierte Wim, er nahm geradezu artig eine brauchbare Pose ein. Aber er hielt immer noch eine Bierflasche, die zwangsläufig mit im Fokus gewesen wäre und das Bild zer- oder zumindest gestört hätte. Ich sprang impulsiv ins noch nicht ausgelöste Bild und griff reflexartig, als sei ich die engagierte Assistentin, nach der störenden Flasche und zauberte sie auf den Boden, wo sie nicht mehr das Bild störte. Ich bemerkte knapp erklärend „die Flasche muss weg.“ Wim und der Fotograf waren eine Viertelsekunde perplex und nickten dann zustimmend. Nun konnte es losgehen. Wie kann man das nicht sehen. Ich meine, der Fotograf. Das begreife ich nicht. Dann hielt ich Ausschau nach einem bestimmten Bild, einer Fotografie von ihm, die er bei „Four Corners“ gemacht hatte, jener Ecke, wo die vier US-Bundesstaaten Utah, Arizona, Colorado und New Mexico aufeinandertreffen.






Ich sah das Bild in der online Pressemappe, es war mein liebstes, aber es war nicht in der Ausstellung zu sehen. Gerade kam er wieder vorbei und ich fragte ihn im Vorbeigehen nach jenem Bild, er sagte, dass es nicht dabei sei und ich sah seine innere Verwunderung, dass jemand tatsächlich eine konkrete Aufnahme ansprach. Irgendein Amischlitten in dieser weiten Wüstenlandschaft, in der ich auch einmal war, in dieser Ecke im Südwesten der USA. Auf einem alten Chevrolet oder was auch immer, saß ein Tier… ein Vogel… ein Rabe, eine Krähe? Ich weiß es nicht mehr. Die Presseagentin hatte inzwischen Geburtstagsbescherung. Wir stellten fest, dass wir nur wenige Tage auseinander liegen, vierzehn Tage. Derselbe Jahrgang. Ich mochte die Stimmung um sie und ihre Assistentinnen, besonders Alexandra. Und die bildschöne Tochter. Und dann war da noch das Fiona Bennett-Geschöpf mit der Schleife. Auch so ein Wesen, das das Lächeln, um nicht zu sagen Lachen nicht verlernt hat. Und zuguterletzt Fiona selbst. Noch nie sah ich ein Bild von Fiona Bennett, auf dem sie so flirrend, vibrierend und feurig gewirkt hätte, wie in der Realität. Sie war aber in diesem Moment auch sehr angetan, Wim zu sehen. Die beiden kannten sich. Und weil ich gerade noch so mit den beiden Fionas geflirtet hatte und wir nun bei Wim standen, purzelte es aus mir heraus, zu fragen, ob sie sich kennen (ja, ja!), die Frage war auch halb rhetorisch, und ich bemerkte, dass ich das sehr amüsant fände, weil ich ausgerechnet sie, Fiona immer wieder beim Frühstücken in der Milchbar unten vom Haus, in dem ich wohne, sehe und andererseits gegenüber im Al Contadino eben ihn, also Wim – und dass ich jedesmal denke, dass ich niemals Fotos machen würde, so aus dem Fenster. Und Fiona grinst und ich setzte noch nach „ich SEHE das ja immer alles!“ und Wim guckt erst leicht unwirsch und muss die Information verarbeiten und schüttelt dann den Kopf und macht so „nein, nein…ach! Wieso – ist doch… ach pfh nö, wieso?!“ Fiona Bennett wollte unbedingt von ihrer Assistentin mit Wim fotografiert werden, und da sie mir dauernd so lustig zuzwinkerte, konnte ich die Kamera auch nicht weglegen und Wim ließ sich das alles sehr gerne gefallen. „Aber heute habe ich euch paparazzt.“ versicherte ich, und Fiona freute sich wie eine Schneekönigin. Und Wim fand das auch nicht unamüsant, schien mir. Ein geladener Zirkel hatte dann noch ein Dinner, wo auch immer. Ich hatte mich auch amüsiert und rauschte an der bereits auf dem Hinterhof wartenden Taxikolonne vorbei, auf die Potsdamer Straße, hinein in die Nacht.

22. September 2015






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Wünsche mir, der Eintrag wäre schon verfasst. Von Zauberhand. Ich möchte lieber Dinge tun, die sich einfach so ergeben. Hier ein Kommentar, dort ein paar Zeilen. Bei einem Freund auf facebook, der mich in ein Spielchen verstrickt, es hat mit Musik zu tun, und da bin ich anfällig, poste auf seiner Pinnwand, oder wie das heißt „oder wie das heißt“ schreibe ich jedesmal, ich kann es mir nicht merken. Sieben Tage, sieben Lieder. Ich kann Duke nichts abschlagen. Ich wählte Auflösen. Mit viel Erklärung. Schon möchte ich jeden kommentierten Buchstaben wieder meinem Blog einverleiben. Es gehört doch alles zusammen. Es ist doch ein Werk. Ein Werk. Ich verstehe das. In beiden Kommentaren zufällig – oder unzufällig ein Bezug zu Wim Wenders. Nein, ist kein Zufall.








Alles schwingt mit und fließt ein, was einen gerade zuletzt beschäftigt hat. So entsteht das Gewebe, das einmalige Muster, die unverwechselbare Textur. Jetzt bin ich bei Wim Wenders, ich habe es geschafft. In diesem Eintrag und mit der Kamera. Seltsam, wie ich noch vor gut vier Wochen davon schrieb, dass ich manchmal so ein Gefühl habe, jemandem zu begegnen, irgendwann. Und nur vier Wochen später war es plötzlich so weit.

Das war kein Hexenwerk. Ich bin ja auch aus eigener Kraft dort hingegangen. Ich sah schon einen Tag vorher, dass die Presseagentin dieselbe Lady war, die ich zufällig an anderer Stelle getroffen hatte und wir hatten uns gut unterhalten. Vera Lehndorff und Holger Trülzsch im Box.Freiraum in Friedrichshain. Dort habe ich unendlich viele Bilder gemacht. Gegen Mitternacht knallte eine Magnum Dom Perignon, Holger Trülzsch hatte Geburtstag und vier Musiker aus Syrien katapultierten uns mit den Klängen einer arabischen Oud, einem Keyboard und zwei Trommeln in eine ferne, verlorene Landschaft. Doch ich komme schon wieder weg von meiner Geschichte. Ich war wieder fasziniert, wie dynamisch Wim Wenders war, obgleich ich ihn nicht zum ersten mal sah. Ich meine seine Bewegungen. Es brauchte bei diesem Anlass keinerlei Rechtfertigung mit der Kamera zu agieren. Ich beobachtete eine Situation im oberen Bereich der Galerie. Ein schwer bewaffneter Fotograf positionierte sich und fokussierte Wim, er nahm geradezu artig eine brauchbare Pose ein. Aber er hielt immer noch eine Bierflasche, die zwangsläufig mit im Fokus gewesen wäre und das Bild zer- oder zumindest gestört hätte. Ich sprang impulsiv ins noch nicht ausgelöste Bild und griff reflexartig, als sei ich die engagierte Assistentin, nach der störenden Flasche und zauberte sie auf den Boden, wo sie nicht mehr das Bild störte. Ich bemerkte knapp erklärend „die Flasche muss weg.“ Wim und der Fotograf waren eine Viertelsekunde perplex und nickten dann zustimmend. Nun konnte es losgehen. Wie kann man das nicht sehen. Ich meine, der Fotograf. Das begreife ich nicht. Dann hielt ich Ausschau nach einem bestimmten Bild, einer Fotografie von ihm, die er bei „Four Corners“ gemacht hatte, jener Ecke, wo die vier US-Bundesstaaten Utah, Arizona, Colorado und New Mexico aufeinandertreffen.






Ich sah das Bild in der online Pressemappe, es war mein liebstes, aber es war nicht in der Ausstellung zu sehen. Gerade kam er wieder vorbei und ich fragte ihn im Vorbeigehen nach jenem Bild, er sagte, dass es nicht dabei sei und ich sah seine innere Verwunderung, dass jemand tatsächlich eine konkrete Aufnahme ansprach. Irgendein Amischlitten in dieser weiten Wüstenlandschaft, in der ich auch einmal war, in dieser Ecke im Südwesten der USA. Auf einem alten Chevrolet oder was auch immer, saß ein Tier… ein Vogel… ein Rabe, eine Krähe? Ich weiß es nicht mehr. Die Presseagentin hatte inzwischen Geburtstagsbescherung. Wir stellten fest, dass wir nur wenige Tage auseinander liegen, vierzehn Tage. Derselbe Jahrgang. Ich mochte die Stimmung um sie und ihre Assistentinnen, besonders Alexandra. Und die bildschöne Tochter. Und dann war da noch das Fiona Bennett-Geschöpf mit der Schleife. Auch so ein Wesen, das das Lächeln, um nicht zu sagen Lachen nicht verlernt hat. Und zuguterletzt Fiona selbst. Noch nie sah ich ein Bild von Fiona Bennett, auf dem sie so flirrend, vibrierend und feurig gewirkt hätte, wie in der Realität. Sie war aber in diesem Moment auch sehr angetan, Wim zu sehen. Die beiden kannten sich. Und weil ich gerade noch so mit den beiden Fionas geflirtet hatte und wir nun bei Wim standen, purzelte es aus mir heraus, zu fragen, ob sie sich kennen (ja, ja!), die Frage war auch halb rhetorisch, und ich bemerkte, dass ich das sehr amüsant fände, weil ich ausgerechnet sie, Fiona immer wieder beim Frühstücken in der Milchbar unten vom Haus, in dem ich wohne, sehe und andererseits gegenüber im Al Contadino eben ihn, also Wim – und dass ich jedesmal denke, dass ich niemals Fotos machen würde, so aus dem Fenster. Und Fiona grinst und ich setzte noch nach „ich SEHE das ja immer alles!“ und Wim guckt erst leicht unwirsch und muss die Information verarbeiten und schüttelt dann den Kopf und macht so „nein, nein…ach! Wieso – ist doch… ach pfh nö, wieso?!“ Fiona Bennett wollte unbedingt von ihrer Assistentin mit Wim fotografiert werden, und da sie mir dauernd so lustig zuzwinkerte, konnte ich die Kamera auch nicht weglegen und Wim ließ sich das alles sehr gerne gefallen. „Aber heute habe ich euch paparazzt.“ versicherte ich, und Fiona freute sich wie eine Schneekönigin. Und Wim fand das auch nicht unamüsant, schien mir. Ein geladener Zirkel hatte dann noch ein Dinner, wo auch immer. Ich hatte mich auch amüsiert und rauschte an der bereits auf dem Hinterhof wartenden Taxikolonne vorbei, auf die Potsdamer Straße, hinein in die Nacht.

13. September 2015

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Es begab sich, dass ich nach dem Sommerfest am 29. August auf die fb-Seite des Literarischen Colloquiums ging, um zu sehen, ob jemand Bilder gemacht hat. Ich selbst hatte kaum fotografiert, da ich sehr spät kam, als alle Lesungen bereits vorbei waren. Ich kam um zu trinken, zu plaudern und zu tanzen. Zwei Freundinnen, die ich traf, erzählten, dass die Lesung von Ulrich Matthes sehr gut gewesen sei. Ich fragte noch, ob so gut war, WAS er las oder WIE er las (es war wohl ein Kapitel aus tschick von Wolfgang Herrndorf, von dem ich selbst nur das einleitende Kapitel kenne, was ich „nett“ fand, aber nicht packend). Die Antwort war „Es war, WIE er las“. Mir durchaus verständlich, denn ich hatte erst zwei Tage zuvor Gelegenheit gehabt, ihm zwei Stunden in einem Gespräch zuzuhören und mochte seinen für einen Schauspieler auffallend unpathetischen Duktus. Ich hatte ihn aber auch fotografiert, und deswegen schien mir das auch in dieser Hinsicht kein Versäumnis. Ich sah ihn noch draußen auf der Terrasse und erwähnte im Vorbeigehen, dass ich den Link mit den Bildern seiner Agentin gemailt habe. Seine Unterarme sind vermutlich noch nie derart von einer Kamera fokussiert worden. Aber das ist eine andere Geschichte. Als ich ankam, es war schon dunkel – ich rede immer noch vom 29. August, nicht von dem Abend von Alban Nikolai Herbst – spielte eine Gruppe, die ich nicht kannte, Männer im mittleren Alter, in für meinen Geschmack äußerst unattraktiver Bühnenkleidung. Ich ging sogar so weit, den Sänger der Gruppe zu bitten, seinen seltsamen roten Anorak auszuziehen. Es war ein erwachsener Mann, der Ähnlichkeit mit Wondratschek in seinen jüngeren Jahren hatte. Er lächelte nur irritiert und behielt das seltsame Kleidungsstück an. Ich machte kaum Bilder, es ging mir gegen den Strich, ich verlor die Lust, das war mir alles zu unattraktiv. Als mein Akku den Geist aufgab, war ich nicht weiter unglücklich darüber, weil ich auf niemanden traf, den abzulichten, ich als einmalige Gelegenheit empfunden hätte. Als ich auf der facebook-Seite vom LCB war, wollte ich mich nur vergewissern, ob vielleicht vorher, als es noch hell war, interessante Gesichter dabei waren. Das interessanteste war das von Christian Brückner, den man eigentlich bei jedem Sommerfest vom LCB antreffen kann, mein Freund Jan hat ihn fotografiert. Er ist immer ein Bild wert. Aber auch ihn hatte ich schon mehr als ausgiebig abgelichtet, gemeinsam mit Michael Ballhaus. Also nicht so viel versäumt. Als ich eigentlich schon kurz davor war, wieder wegzuklicken, sah ich in der Seitenleiste als kommendes Event vom LCB die Ankündigung einer Lesung von Alban Nikolai Herbst. Mit einem sehr guten Foto von Renate von Mangoldt, die seit Jahrzehnten Schriftsteller portraitiert, insbesondere für das Literarische Colloquium. Selbst, wenn ich nicht im Hinterkopf gehabt hätte, dass es sich um jemanden handelt, der auch bei Twoday schreibt, und zwar ziemlich genauso lange wie ich, seit 2004, hätte mich die Veranstaltung vielleicht nur aufgrund des Bildes von Renate von Mangoldt neugierig gemacht. Es zeigt einen Charakterkopf mit einem amüsierten Ausdruck. Ausgesprochen sympathisch. Mit Bedacht gekleidet, elegant. Also das vollständige Gegenteil der Anorak-Aufmachung des Sängers der Popgruppe da neulich, der nebenbei auch Schriftsteller ist. Mein Impuls war, dass ich diese zufällige Gelegenheit nutzen wollte, mir ein eigenständiges Bild dieses lesenden Autors zu machen, der seit Jahren auf der twoday-Startseite vorkommt, den ich aber – das schreibe ich ganz neutral – zumindest bislang – nicht oder sehr selten lese. Dafür gibt es verschiedene Gründe. Ich habe in den letzten zehn Jahren sehr punktuell quergelesen, vor allem immer wenn twoday abgestürzt ist, war mein erster Impuls zu checken, ob die Vielschreiber mehr wissen oder schon wieder etwas posten konnten. Und da gehört er dazu. Seit langem besuche ich nicht mehr aus anderen Gründen die twoday-Startseite, wo man sieht, wer zuletzt aktualisiert hat. Es ist ein chronologisches Ranking. Damals, als alles anfing, interessierte es mich, neue Blogs zu entdecken, dafür war die Seite gut. Wenn es heute bei meiner Seite hakt, schaue ich als erstes, ob andere auch nicht aufrufbar sind und dann auf diese Startseite, ob womöglich alles zusammengebrochen ist. Er scheint häufig etwas zu überarbeiten, schreibt aber auch annähernd täglich, und ist damit mehr oder weniger dauerhaft auf dieser Startseite. Man kam zu keinem Zeitpunkt daran vorbei, zumindest seine Existenz zur Kenntnis zu nehmen. Inzwischen gibt es immer wieder Abwanderungswellen, von twoday zur eigenen Domain oder anderen Hostern. Er ist jedoch dabei geblieben. Und ich auch. Irgendwo las ich, dass er mit Knallgrau, der Firma in Wien, die twoday betreibt, eine besondere Vereinbarung hat, was die Archivierung seines online-Werks, Die Dschungel angeht. Aber so genau weiß ich es nicht. So sporadisch ich alle paar Jahre ein wenig dort gelesen hatte, fiel mir doch auf, dass vor allem seine Kommentare, die er nicht so häufig wo anders hinterließ (zumindest nicht da, wo ich las), schnell polarisierten. Man konnte den Eindruck gewinnen, dass diejenigen, die sich in die Kommentarstränge verstrickt hatten, mit großer Leidenschaft bei der Sache waren, entweder wurde nahezu ehrfürchtiger Beifall gezollt oder unsachliche Spitzfindigkeiten gepostet. Man könnte fast von einer Hass-Liebe sprechen. Ein Blogger in der Nachbarschaft, der sich nicht als Wald- und Wiesen-Befindlichkeits-Hobby-Blogger präsentiert, sondern als Berufs-Autor, der Teile seines Work in progress veröffentlicht und auf der ganzen Klaviatur fiktionaler Ebenen spielt. Opulent, intensiv, auf vieles Bezug nehmend, was in vorherigen Kapiteln behandelt wurde, mehrere Stränge und Ebenen. Ich merkte recht bald, dass mich diese Vielschichtigkeit der Einträge überfordert. Vor allem zeitlich. Um dem als Leser gerecht zu werden, überhaupt noch etwas beurteilen zu können, aber auch um es zu genießen, müsste ich mich in die Systematik dieser verschiedenen Stränge und ihrer Figuren einarbeiten. Wenn ich das nicht täte, würde ich nur die Hälfte oder weniger begreifen. Man könnte sagen, ich habe aus Respekt vor diesem komplexen, schillernden Werk, darauf verzichtet, mich da einzulesen. Natürlich konnte ich auch ohne die Zusammenhänge zu identifizieren, sehen, dass da jemand eine virtuose Schreibe hat. Letzten Endes begibt man sich als Leser in einen Kosmos, der einen fasziniert, wenigstens in einem einzelnen Asprekt und es wird ein geradezu familiärer Teil des eigenen Lebens. Wenn ich sehr viel Freizeit hätte, wurde ich vielleicht einsteigen. Wer weiß. Egal, was dieses Werk daüberhinaus beinhalten mag, ist für mich auf Anhieb erkennbar, dass es sich um eine Ausnahmeerscheinung handelt, auch was die Interaktion mit Lesern angeht. Eine durchaus faszinierende Ausnahmeerscheinung. Für mich war immer interessant, dass es sich um jemanden zu handeln scheint, der sich nicht hinter seinem Werk versteckt. Es gab Bilder von ihm. Die Erscheinung passte zu dem, was man selbst beim Querlesen frei phantasierend assoziieren konnte und das ist – das dürfen Sie mir glauben – nicht der Regelfall. Ich bin schon aus allen Wolken gefallen, wie manche attraktive Schreibe keine Fortsetzung in der persönlichen Präsenz hatte. Das wollte ich verifizieren, ich hatte auch an dem Abend noch nichts anderes vor. Das war die Vorrede, wie ich überhaupt auf die Idee gekommen bin, dahin zu gehen. Ein bißchen viel Vorrede, möchte ich fast meinen. Das kommt daher, dass ich mir denken könnte, dass es ein paar
Leser gibt, also ich meine jetzt Leser von mir, die zu irgendeinem Zeitpunkt auch in irgendeinen Strang bei oder mit ihm verstrickt waren, denn sonst gäbe es ja keine Motivation, sich irgendwie dezidiert über ihn zu äußern. Wie gesagt – ich bin nicht kompetent, das allumfassend zu beurteilen und zu bewerten, ich werde mich da nicht einarbeiten. Wo ich mich aber durchaus gerne einarbeite, ist ein persönlicher Eindruck. Ein selbstgemachtes Video, in dem jemand etwas liest, zeigt ein Fragment einer Selbstinszenierung. Aufnahmen von anderen zeigen deren Projektion, bei starker Selektion. Wenn man alle Quellen heranzieht, die inszenierten, die gekonnten, die dilettantischen, die Zufallsergebnisse, fügen sich die Teile zu einem Bild, das den kleinsten gemeinsamen Nenner aufzeigt, das Profil.


Ich war also sehr gespannt. Um nicht völlig ahnungslos dazustehen, sah und hörte ich mir bevor ich hinging, einige Sequenzen in Form von Videos und Podcasts an, in denen er auszugsweise aus dem Buch las, das dort erstmalig öffentlich präsentiert wurde, dem Roman „Traumschiff“. Es gibt da einiges online, er verlinkt das auch kontinuierlich, wie ich inzwischen weiß, da ich seit dem letzten Twoday-Absturz wieder einmal auf seiner Seite war und ein wenig rückwärts gelesen habe. Die Rubrik Arbeitsjournal entspricht noch am ehesten dem, was man sich unter einem Weblog vorstellt. Man kann sich da gut einlesen. Ich las also da ein bißchen rückwärts und fand das recht uneitel und nahbar, was da mitgeteilt wurde. Die Passagen aus dem Buch, die ich gehört hatte, waren gut gewählt, alles atmosphärisch dicht, worum es geht, kann man in verschiedenen Rezensionen lesen. Ein Thema, für das man die richtige Jahreszeit seines eigenen Lebens braucht, um es zu genießen und zu würdigen. Wer mein Blog nicht kennt, wird nicht wissen oder ahnen können, dass mir die letzten Dinge, das Gewahrwerden der irdischen Endlichkeit, seit meinem einundzwanzigsten Lebensjahr näher sind, als man sich das gemeinhin wünschen würde. Ich habe das sozusagen studiert. Es ist nicht angstbesetzt und daher auch kein angstbesetzter Impuls, wenn ich – augenblicklich – nicht nach fokussiert letzten Betrachtungen in Romanen Ausschau halte. Doch ich würdige das sehr und verstehe manches. Es ist keine dumme Nichtbeachtung oder mangelnde Tiefsinnigkeit, viel mehr eine Frage der Zeit, will sagen, des richtigen Zeitpunkts, wann ich auf die umfassende Lektüre dieses Romans Lust haben werde.


So kam ich also im Colloquium an, ohne das Buch gelesen zu haben und ohne eine langjährige, umfassend im Thema stehende Dschungel-Leserin zu sein. Ich kam etwas zu spät, ca. zwanzig Minuten nach Acht, und er war schon auf der Bühne, neben ihm eine Moderatorin. Der Saal war bestimmt zu zwei Dritteln, wenn nicht mehr, gefüllt. Es waren bedeutend mehr Gäste gekommen, als er in seinem Arbeitsjournal befürchtet hatte. Ich freute mich für ihn, unbekannterweise. Auf der Bühne saß ein erstaunlich aufgeräumt wirkender Mann in einem hellen Leinenanzug, der viel lächelte und mit großer Aufmerksamkeit und Konzentration die Fragen der jungen Moderatorin beantwortete. Ich versuchte eine Position zu finden, die mir erlaubte Bilder zu machen, die das Gesicht weder mit durchkreuzenden Mikrofonen noch Wasserflaschen beeinträchtigen. Das war ein kleiner Balanceakt, denn ich wollte in der andächtigen absoluten Stille, die nur durch die Bühnenakteure durchbrochen wurde, keine Geräusche durch Schritte und Tritte verursachen, auch niemandem die Sicht nehmen. Durch die beabsichtigte Umsicht hatte ich zum Teil das Gefühl, ich bewegte mich ungewollt besonders umständlich und damit auffällig. Aber es hat immerhin nichts gepoltert. Nur die Stühle quietschten mitunter, wenn sich ein Gast etwas anders hinsetzte als vorher. Da las also mein Blognachbar. Im Übrigen recht gut und mit angenehmer Stimme, und schien gar nicht recht geeignet, Objekt für allertiefste Aversionen werden zu können.

Vielleicht hat er sich ja auch verändert. Ich vermag das alles nicht zu beurteilen. Ich kümmerte mich vor allem darum, Bilder einzufangen, die mir den Eindruck vermitteln, es hätte sich gelohnt hinzugehen. Das fand ich schon beim Fotografieren. Denn auch das Publikum schien mir sehr sympathisch. Weder auf der Bühne, noch im Auditorium konnte ich irgendeinen Kotzbrocken ausmachen. Als die Lesung beendet war, verlangte Herr Herbst nach einem Glas Wein, das er sich anschicken wollte, selbst zu holen. Er hat es also keinesfalls autoritär geordert. Es gibt da diesen kleinen Nebenraum mit der Bar, der direkt zur Terrasse führt. Man holte sich Getränke und kam ein bißchen ins Gespräch. Viele schöne Frauen waren da, einige waren mir besonders aufgefallen. Man unterhielt sich, als wäre es ein eher familiäres Zusammentreffen, nach einer Viertelstunde hatte ich nicht mehr das Gefühl, mit allen unbekannt zu sein und Lust, noch länger zu verweilen. Ich fragte viele der Gäste, was sie hierhin bewegt hatte, und wurde meinerseits gefragt, was mich bewegt hatte. Da konnte ich wahrheitsgemäß erklären, dass wir seit über zehn Jahren, also Zweitausendvier, beide bei twoday schreiben und ich ihn nicht lese und er mich nicht liest und dass das natürlich verbindet. Und dass wir beide nicht abgewandert sind. Und ich nun eben doch einmal neugierig war, was das für ein Mensch ist, dieser Alban Nikolai Herbst. An dem Abend haben wir nur sehr bruchstückhafte Sätze gewechselt, ich erwähnte im Vorbeigehen, dass ich hoffte, dass mein Aktionsradius nicht gestört hat, da ich einen Winkel finden wollte, der mir Bilder ohne Mikros und Wasserflaschen im Gesicht ermöglicht. Er hat mich nicht angeblafft oder blasiert ignoriert, sondern durchaus freundlich gelächelt. Im Gespräch mit anderen hat er weder unbotmäßig die Stimme erhoben, noch sich unnötig wichtig gemacht. Sein Sohn war auch da, ich kam mit ihm, dessen Mama und deren Freundin ins Gespräch, erfuhr aber erst im Verlauf unserer Unterhaltung von dem familiären Zusammenhang.




Ganz gleich, mit wem ich mich unterhielt, es hatte den Anschein, dass es aufrichtig freundschaftliche Gefühle zu dem Autor gibt. Und warum auch nicht. Lange, sehr lange, unterhielt ich mich mit Kevin, einem Autor aus Los Angeles, der seit langem in Berlin lebt. Und last but not least mit Phyllis, die auch noch immer bei twoday ist, mit ihrem tainted talents-Ateliertagebuch. Ich mochte sie sofort. Es war ein wirklich sehr schöner Abend. Die bis zum Schluss blieben, sortierten sich nach „fahre mit der S-Bahn“ und „nicht“. Ich fuhr auch mit der S-Bahn, Richtung Osten. Meine Kamera machte noch ein paar Bilder, die ich trunken, wie ich war, nicht ganz beabsichtigt hatte, aber dennoch sind ein paar Aufnahmen dabei, die ich zu schade zum Wegwerfen finde. Das war also dieser Abend mit der Lesung und wie das alles kam. Und kaufen Sie gerne das Traumschiff-Buch. Es ist ein gutes Buch. Und es ist ein guter Autor. Und sympathisch dazu. Ich vermute, dass statistische Erhebungen zutage fördern würden, dass seine unerbittlichsten Kritiker noch keine Gelegenheit zu einer persönlichen Begegnung hatten. Holen Sie das doch einfach nach.

15. September 2015

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Youkali Tango. Kurt Weill. Höre ich sehr oft. Es gehört zu einer Wiedergabeliste, die ich sehr oft höre. In der Liste ist auch High Voltage Queen. Und Sing. Und Summertime. Und Libertango. Und Sunday Lover. Und Fang mich an. Und Folle de toi. Und Anybody seen my baby. Und Wo. Und Steine. Und Auflösen. Und Breakdown. Und Erinnert. Und The Music Played. (Nicht von Kurt Weill.) Als es nur wenige Tage zu meinem Geburtstag war, wollte ich den countdown mit einer dichteren Bildfolge festhalten. Es ist sehr lange her, dass über einen gewissen Zeitraum nahezu oder sogar täglich Bilder von mir entstanden sind. Ich hatte mehr Zeit als sonst und wollte mir in Bildern vorführen, wie ich diese vermeintliche Klippe umschiffe. Es war nicht einmal ein kleines Korallenriff und schon gar kein Eisberg. Fünf Tage im schönen Alter von neunundvierzig lagen noch vor mir. Ich habe sie auch gut verbracht und wertgeschätzt. Aber als die fünf Tage vorbei waren, ging es natürlich innerhalb von Stunden schnell bergab. Man macht sich keine Vorstellung.



Kaum ist man fünfzig, geht es los. Man kann auf die Uhr schauen. Morgens beim Aufwachen schmerzen die Knochen, man kommt praktisch kaum noch ohne Hilfe aus dem Bett. Aufgrund der starken Eintrübung der Sehfähigkeit tapert man halb blind ins Badezimmer, wo man größte Schwierigkeiten hat, die Duschwanne zu finden, geschweige denn zu überwinden. Über Nacht verlieren die Haare die natürliche Pigmentierung und fallen aus. Der Stoffwechsel ist annähernd eingestellt. Man sitzt den ganzen Tag herum und stiert unmotiviert aus dem Fenster und hat keine Pläne mehr. Man ist alt. Die Leute (Männer sowieso) bemitleiden einen oder nehmen keine Notiz mehr von einem. So ist es ab fünfzig. Man gehört zum alten Eisen. Ein Neutrum dazu. Früher war man Frau, nun ist man Seniorin. So ist das. So hat man es immer befürchtet. Auftakt zu einem geschlechtslosen Dasein.

Na gut, vielleicht habe ich jetzt doch ein wenig übertrieben. Ich hatte jetzt ja zwei Wochen Zeit, mich mit dem neuen Lebensabschnitt, dem Eintritt in das sechste Lebensjahrzehnt zu arrangieren. Ich kann keine Tipps geben, außer dass man sich ungeniert mit den Tatsachen konfrontieren sollte. Alles stimmt, was ich geschrieben habe, aber zum Glück in weitaus geringerem Ausmaß. Wenn man es geschickt anstellt, lassen sich die sehr einschränkenden Alterserscheinungen sicher noch ein bis drei Jahrzehnte hinauszögern. Ich bin noch nicht bereit für die Alters- oder Wechseljahre-Depression, falls sie überhaupt an die Tür klopft. Vielleicht ist es ja so ähnlich wie mit manchen Drogen, die die Grundstimmung verstärken, herausarbeiten. Es wurde immer empfohlen, keine LSD-Experimente zu machen, wenn die psychische Konstitution labil ist oder zur Depression tendiert. Nur Gras rauchen, wenn es einem halbwegs gut geht, sonst mentaler Einbruch. Ich bin bis jetzt sehr gerne Fünfzig. Vielleicht sind die schwersten Prüfungen vom Schicksalsgott in meinem Fall in die erste Lebenshälfte gestopft worden und jetzt bin ich endlich dran.

Ein paar Sachen gehen ja noch. Und man sollte sowieso immer in Übung bleiben. Mit allem. Überhaupt mit allem. Außer vielleicht Kinderkriegen. Nicht alles, was man abhaken muss, ist eine Tragödie. Tragisch sind nur zwanghafte Vorstellungen über die eigene Person und was man meint, das einem im Leben zusteht. Das ist doch das ganze Drama. Ich hatte gerade ein interessantes Erlebnis, was Verzicht und Belohnung angeht. Geradezu mysteriös. Aber ich kann daraus kein Gesetz ableiten. Das erzähle ich aber ein andermal, es ist spät, ich brauche meinen Schönheitsschlaf, damit ich auf Siebenundvierzig geschätzt werde.

14. September 2015


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Kopiert aus dem Eintrag von gestern. „(…)hatte kaum fotografiert, da ich sehr spät kam, als alle Lesungen bereits vorbei waren. Ich kam, um zu trinken, zu plaudern und zu tanzen. Zwei Freundinnen, die ich traf, erzählten, dass die Lesung von Ulrich Matthes sehr gut gewesen sei. Ich fragte noch, ob so gut war, WAS er las oder WIE er las (es war wohl ein Kapitel aus tschick von Wolfgang Herrndorf, von dem ich selbst nur das einleitende Kapitel kenne, was ich „nett“ fand, aber nicht packend). Die Antwort war „Es war, WIE er las“. Mir durchaus verständlich (…) Ich sah ihn noch draußen auf der Terrasse (…) Als ich ankam, es war schon dunkel (…) spielte eine Gruppe, die ich nicht kannte, Männer im mittleren Alter, in für meinen Geschmack äußerst unattraktiver Bühnenkleidung. Ich ging sogar so weit, den Sänger der Gruppe zu bitten, seinen seltsamen roten Anorak auszuziehen. Es war ein erwachsener Mann, der Ähnlichkeit mit Wondratschek in seinen jüngeren Jahren hatte. Er lächelte nur irritiert und behielt das seltsame Kleidungsstück an. Ich machte kaum Bilder, es ging mir gegen den Strich, ich verlor die Lust, das war mir alles zu unattraktiv. Als mein Akku den Geist aufgab, war ich nicht weiter unglücklich darüber, weil ich auf niemanden traf, den abzulichten, ich als einmalige Gelegenheit empfunden hätte.“ Aber das wilde Tanzen im Kaminsaal war es wert. Ina und Ann und sogar Jan. Ich wusste gar nicht, dass ich so leicht animierbar bin, wenn jemand einen starken Impuls in der Richtung hat. Besinnungslos, ohne Verstand. Wird ja auch nicht gebraucht beim Tanzen. Ich war gar nicht unten am See, es war auch schon dunkel. Ich erwähne nicht, wie die Gruppe hieß, die auf der Terrasse spielte. Handwerklich solide, auch die Texte, aber zu nett, zu geplätschert, da tat nichts weh. Braucht man nicht verlinken oder erwähnen. Hat auch einen fürchterlichen Namen. Bandnamen sind wichtig. Gar nicht so leicht, einen zu finden, der nicht peinlich oder gewollt originell klingt. Aber nicht mein Problem. Egal. Erwähnenswert scheint mir etwas völlig anderes. Es fällt mir zunehmend auf, wie viele (auch mir bekannte) Menschen bei diversen Events auf facebook auf „going“ klicken, anstatt auf „maybe“ oder „can’t go“ und dann in keinster Weise erscheinen.


Verstehe ich nicht. So wenig Überblick über den Terminkalender und die virtuellen Aktivitäten? (Pseudo)Aktivitäts-Aktionismus? Wenn ich bei einem Event angebe, ich gehe hin, ist das sicher wie das Amen in der Kirche. Wenn auch manchmal sehr spät. Und wenn mir etwas querliegt, ändere ich die Angabe. Na ja. Mir fehlt da vielleicht der Spieltrieb und ich nehme das alles so ernst und verbindlich, wie ich es handhabe. Oder diejenigen, die ich nicht sehe, haben einen anderen Biorhythmus als ich und kommen zur Kaffeestunde, wenn sich ein Nachtfalter wie ich noch nicht einmal die Wimpern getuscht hat, geschweige denn, etwas angezogen.

13. September 2015

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Es begab sich, dass ich nach dem Sommerfest am 29. August auf die fb-Seite des Literarischen Colloquiums ging, um zu sehen, ob jemand Bilder gemacht hat. Ich selbst hatte kaum fotografiert, da ich sehr spät kam, als alle Lesungen bereits vorbei waren. Ich kam um zu trinken, zu plaudern und zu tanzen. Zwei Freundinnen, die ich traf, erzählten, dass die Lesung von Ulrich Matthes sehr gut gewesen sei. Ich fragte noch, ob so gut war, WAS er las oder WIE er las (es war wohl ein Kapitel aus tschick von Wolfgang Herrndorf, von dem ich selbst nur das einleitende Kapitel kenne, was ich „nett“ fand, aber nicht packend). Die Antwort war „Es war, WIE er las“. Mir durchaus verständlich, denn ich hatte erst zwei Tage zuvor Gelegenheit gehabt, ihm zwei Stunden in einem Gespräch zuzuhören und mochte seinen für einen Schauspieler auffallend unpathetischen Duktus. Ich hatte ihn aber auch fotografiert, und deswegen schien mir das auch in dieser Hinsicht kein Versäumnis. Ich sah ihn noch draußen auf der Terrasse und erwähnte im Vorbeigehen, dass ich den Link mit den Bildern seiner Agentin gemailt habe. Seine Unterarme sind vermutlich noch nie derart von einer Kamera fokussiert worden. Aber das ist eine andere Geschichte. Als ich ankam, es war schon dunkel – ich rede immer noch vom 29. August, nicht von dem Abend von Alban Nikolai Herbst – spielte eine Gruppe, die ich nicht kannte, Männer im mittleren Alter, in für meinen Geschmack äußerst unattraktiver Bühnenkleidung. Ich ging sogar so weit, den Sänger der Gruppe zu bitten, seinen seltsamen roten Anorak auszuziehen. Es war ein erwachsener Mann, der Ähnlichkeit mit Wondratschek in seinen jüngeren Jahren hatte. Er lächelte nur irritiert und behielt das seltsame Kleidungsstück an. Ich machte kaum Bilder, es ging mir gegen den Strich, ich verlor die Lust, das war mir alles zu unattraktiv. Als mein Akku den Geist aufgab, war ich nicht weiter unglücklich darüber, weil ich auf niemanden traf, den abzulichten, ich als einmalige Gelegenheit empfunden hätte. Als ich auf der facebook-Seite vom LCB war, wollte ich mich nur vergewissern, ob vielleicht vorher, als es noch hell war, interessante Gesichter dabei waren. Das interessanteste war das von Christian Brückner, den man eigentlich bei jedem Sommerfest vom LCB antreffen kann, mein Freund Jan hat ihn fotografiert. Er ist immer ein Bild wert. Aber auch ihn hatte ich schon mehr als ausgiebig abgelichtet, gemeinsam mit Michael Ballhaus. Also nicht so viel versäumt. Als ich eigentlich schon kurz davor war, wieder wegzuklicken, sah ich in der Seitenleiste als kommendes Event vom LCB die Ankündigung einer Lesung von Alban Nikolai Herbst. Mit einem sehr guten Foto von Renate von Mangoldt, die seit Jahrzehnten Schriftsteller portraitiert, insbesondere für das Literarische Colloquium. Selbst, wenn ich nicht im Hinterkopf gehabt hätte, dass es sich um jemanden handelt, der auch bei Twoday schreibt, und zwar ziemlich genauso lange wie ich, seit 2004, hätte mich die Veranstaltung vielleicht nur aufgrund des Bildes von Renate von Mangoldt neugierig gemacht. Es zeigt einen Charakterkopf mit einem amüsierten Ausdruck. Ausgesprochen sympathisch. Mit Bedacht gekleidet, elegant. Also das vollständige Gegenteil der Anorak-Aufmachung des Sängers der Popgruppe da neulich, der nebenbei auch Schriftsteller ist. Mein Impuls war, dass ich diese zufällige Gelegenheit nutzen wollte, mir ein eigenständiges Bild dieses lesenden Autors zu machen, der seit Jahren auf der twoday-Startseite vorkommt, den ich aber – das schreibe ich ganz neutral – zumindest bislang – nicht oder sehr selten lese. Dafür gibt es verschiedene Gründe. Ich habe in den letzten zehn Jahren sehr punktuell quergelesen, vor allem immer wenn twoday abgestürzt ist, war mein erster Impuls zu checken, ob die Vielschreiber mehr wissen oder schon wieder etwas posten konnten. Und da gehört er dazu. Seit langem besuche ich nicht mehr aus anderen Gründen die twoday-Startseite, wo man sieht, wer zuletzt aktualisiert hat. Es ist ein chronologisches Ranking. Damals, als alles anfing, interessierte es mich, neue Blogs zu entdecken, dafür war die Seite gut. Wenn es heute bei meiner Seite hakt, schaue ich als erstes, ob andere auch nicht aufrufbar sind und dann auf diese Startseite, ob womöglich alles zusammengebrochen ist. Er scheint häufig etwas zu überarbeiten, schreibt aber auch annähernd täglich, und ist damit mehr oder weniger dauerhaft auf dieser Startseite. Man kam zu keinem Zeitpunkt daran vorbei, zumindest seine Existenz zur Kenntnis zu nehmen. Inzwischen gibt es immer wieder Abwanderungswellen, von twoday zur eigenen Domain oder anderen Hostern. Er ist jedoch dabei geblieben. Und ich auch. Irgendwo las ich, dass er mit Knallgrau, der Firma in Wien, die twoday betreibt, eine besondere Vereinbarung hat, was die Archivierung seines online-Werks, Die Dschungel angeht. Aber so genau weiß ich es nicht. So sporadisch ich alle paar Jahre ein wenig dort gelesen hatte, fiel mir doch auf, dass vor allem seine Kommentare, die er nicht so häufig wo anders hinterließ (zumindest nicht da, wo ich las), schnell polarisierten. Man konnte den Eindruck gewinnen, dass diejenigen, die sich in die Kommentarstränge verstrickt hatten, mit großer Leidenschaft bei der Sache waren, entweder wurde nahezu ehrfürchtiger Beifall gezollt oder unsachliche Spitzfindigkeiten gepostet. Man könnte fast von einer Hass-Liebe sprechen. Ein Blogger in der Nachbarschaft, der sich nicht als Wald- und Wiesen-Befindlichkeits-Hobby-Blogger präsentiert, sondern als Berufs-Autor, der Teile seines Work in progress veröffentlicht und auf der ganzen Klaviatur fiktionaler Ebenen spielt. Opulent, intensiv, auf vieles Bezug nehmend, was in vorherigen Kapiteln behandelt wurde, mehrere Stränge und Ebenen. Ich merkte recht bald, dass mich diese Vielschichtigkeit der Einträge überfordert. Vor allem zeitlich. Um dem als Leser gerecht zu werden, überhaupt noch etwas beurteilen zu können, aber auch um es zu genießen, müsste ich mich in die Systematik dieser verschiedenen Stränge und ihrer Figuren einarbeiten. Wenn ich das nicht täte, würde ich nur die Hälfte oder weniger begreifen. Man könnte sagen, ich habe aus Respekt vor diesem komplexen, schillernden Werk, darauf verzichtet, mich da einzulesen. Natürlich konnte ich auch ohne die Zusammenhänge zu identifizieren, sehen, dass da jemand eine virtuose Schreibe hat. Letzten Endes begibt man sich als Leser in einen Kosmos, der einen fasziniert, wenigstens in einem einzelnen Asprekt und es wird ein geradezu familiärer Teil des eigenen Lebens. Wenn ich sehr viel Freizeit hätte, wurde ich vielleicht einsteigen. Wer weiß. Egal, was dieses Werk daüberhinaus beinhalten mag, ist für mich auf Anhieb erkennbar, dass es sich um eine Ausnahmeerscheinung handelt, auch was die Interaktion mit Lesern angeht. Eine durchaus faszinierende Ausnahmeerscheinung. Für mich war immer interessant, dass es sich um jemanden zu handeln scheint, der sich nicht hinter seinem Werk versteckt. Es gab Bilder von ihm. Die Erscheinung passte zu dem, was man selbst beim Querlesen frei phantasierend assoziieren konnte und das ist – das dürfen Sie mir glauben – nicht der Regelfall. Ich bin schon aus allen Wolken gefallen, wie manche attraktive Schreibe keine Fortsetzung in der persönlichen Präsenz hatte. Das wollte ich verifizieren, ich hatte auch an dem Abend noch nichts anderes vor. Das war die Vorrede, wie ich überhaupt auf die Idee gekommen bin, dahin zu gehen. Ein bißchen viel Vorrede, möchte ich fast meinen. Das kommt daher, dass ich mir denken könnte, dass es ein paar
Leser gibt, also ich meine jetzt Leser von mir, die zu irgendeinem Zeitpunkt auch in irgendeinen Strang bei oder mit ihm verstrickt waren, denn sonst gäbe es ja keine Motivation, sich irgendwie dezidiert über ihn zu äußern. Wie gesagt – ich bin nicht kompetent, das allumfassend zu beurteilen und zu bewerten, ich werde mich da nicht einarbeiten. Wo ich mich aber durchaus gerne einarbeite, ist ein persönlicher Eindruck. Ein selbstgemachtes Video, in dem jemand etwas liest, zeigt ein Fragment einer Selbstinszenierung. Aufnahmen von anderen zeigen deren Projektion, bei starker Selektion. Wenn man alle Quellen heranzieht, die inszenierten, die gekonnten, die dilettantischen, die Zufallsergebnisse, fügen sich die Teile zu einem Bild, das den kleinsten gemeinsamen Nenner aufzeigt, das Profil.


Ich war also sehr gespannt. Um nicht völlig ahnungslos dazustehen, sah und hörte ich mir bevor ich hinging, einige Sequenzen in Form von Videos und Podcasts an, in denen er auszugsweise aus dem Buch las, das dort erstmalig öffentlich präsentiert wurde, dem Roman „Traumschiff“. Es gibt da einiges online, er verlinkt das auch kontinuierlich, wie ich inzwischen weiß, da ich seit dem letzten Twoday-Absturz wieder einmal auf seiner Seite war und ein wenig rückwärts gelesen habe. Die Rubrik Arbeitsjournal entspricht noch am ehesten dem, was man sich unter einem Weblog vorstellt. Man kann sich da gut einlesen. Ich las also da ein bißchen rückwärts und fand das recht uneitel und nahbar, was da mitgeteilt wurde. Die Passagen aus dem Buch, die ich gehört hatte, waren gut gewählt, alles atmosphärisch dicht, worum es geht, kann man in verschiedenen Rezensionen lesen. Ein Thema, für das man die richtige Jahreszeit seines eigenen Lebens braucht, um es zu genießen und zu würdigen. Wer mein Blog nicht kennt, wird nicht wissen oder ahnen können, dass mir die letzten Dinge, das Gewahrwerden der irdischen Endlichkeit, seit meinem einundzwanzigsten Lebensjahr näher sind, als man sich das gemeinhin wünschen würde. Ich habe das sozusagen studiert. Es ist nicht angstbesetzt und daher auch kein angstbesetzter Impuls, wenn ich – augenblicklich – nicht nach fokussiert letzten Betrachtungen in Romanen Ausschau halte. Doch ich würdige das sehr und verstehe manches. Es ist keine dumme Nichtbeachtung oder mangelnde Tiefsinnigkeit, viel mehr eine Frage der Zeit, will sagen, des richtigen Zeitpunkts, wann ich auf die umfassende Lektüre dieses Romans Lust haben werde.


So kam ich also im Colloquium an, ohne das Buch gelesen zu haben und ohne eine langjährige, umfassend im Thema stehende Dschungel-Leserin zu sein. Ich kam etwas zu spät, ca. zwanzig Minuten nach Acht, und er war schon auf der Bühne, neben ihm eine Moderatorin. Der Saal war bestimmt zu zwei Dritteln, wenn nicht mehr, gefüllt. Es waren bedeutend mehr Gäste gekommen, als er in seinem Arbeitsjournal befürchtet hatte. Ich freute mich für ihn, unbekannterweise. Auf der Bühne saß ein erstaunlich aufgeräumt wirkender Mann in einem hellen Leinenanzug, der viel lächelte und mit großer Aufmerksamkeit und Konzentration die Fragen der jungen Moderatorin beantwortete. Ich versuchte eine Position zu finden, die mir erlaubte Bilder zu machen, die das Gesicht weder mit durchkreuzenden Mikrofonen noch Wasserflaschen beeinträchtigen. Das war ein kleiner Balanceakt, denn ich wollte in der andächtigen absoluten Stille, die nur durch die Bühnenakteure durchbrochen wurde, keine Geräusche durch Schritte und Tritte verursachen, auch niemandem die Sicht nehmen. Durch die beabsichtigte Umsicht hatte ich zum Teil das Gefühl, ich bewegte mich ungewollt besonders umständlich und damit auffällig. Aber es hat immerhin nichts gepoltert. Nur die Stühle quietschten mitunter, wenn sich ein Gast etwas anders hinsetzte als vorher. Da las also mein Blognachbar. Im Übrigen recht gut und mit angenehmer Stimme, und schien gar nicht recht geeignet, Objekt für allertiefste Aversionen werden zu können.

Vielleicht hat er sich ja auch verändert. Ich vermag das alles nicht zu beurteilen. Ich kümmerte mich vor allem darum, Bilder einzufangen, die mir den Eindruck vermitteln, es hätte sich gelohnt hinzugehen. Das fand ich schon beim Fotografieren. Denn auch das Publikum schien mir sehr sympathisch. Weder auf der Bühne, noch im Auditorium konnte ich irgendeinen Kotzbrocken ausmachen. Als die Lesung beendet war, verlangte Herr Herbst nach einem Glas Wein, das er sich anschicken wollte, selbst zu holen. Er hat es also keinesfalls autoritär geordert. Es gibt da diesen kleinen Nebenraum mit der Bar, der direkt zur Terrasse führt. Man holte sich Getränke und kam ein bißchen ins Gespräch. Viele schöne Frauen waren da, einige waren mir besonders aufgefallen. Man unterhielt sich, als wäre es ein eher familiäres Zusammentreffen, nach einer Viertelstunde hatte ich nicht mehr das Gefühl, mit allen unbekannt zu sein und Lust, noch länger zu verweilen. Ich fragte viele der Gäste, was sie hierhin bewegt hatte, und wurde meinerseits gefragt, was mich bewegt hatte. Da konnte ich wahrheitsgemäß erklären, dass wir seit über zehn Jahren, also Zweitausendvier, beide bei twoday schreiben und ich ihn nicht lese und er mich nicht liest und dass das natürlich verbindet. Und dass wir beide nicht abgewandert sind. Und ich nun eben doch einmal neugierig war, was das für ein Mensch ist, dieser Alban Nikolai Herbst. An dem Abend haben wir nur sehr bruchstückhafte Sätze gewechselt, ich erwähnte im Vorbeigehen, dass ich hoffte, dass mein Aktionsradius nicht gestört hat, da ich einen Winkel finden wollte, der mir Bilder ohne Mikros und Wasserflaschen im Gesicht ermöglicht. Er hat mich nicht angeblafft oder blasiert ignoriert, sondern durchaus freundlich gelächelt. Im Gespräch mit anderen hat er weder unbotmäßig die Stimme erhoben, noch sich unnötig wichtig gemacht. Sein Sohn war auch da, ich kam mit ihm, dessen Mama und deren Freundin ins Gespräch, erfuhr aber erst im Verlauf unserer Unterhaltung von dem familiären Zusammenhang.




Ganz gleich, mit wem ich mich unterhielt, es hatte den Anschein, dass es aufrichtig freundschaftliche Gefühle zu dem Autor gibt. Und warum auch nicht. Lange, sehr lange, unterhielt ich mich mit Kevin, einem Autor aus Los Angeles, der seit langem in Berlin lebt. Und last but not least mit Phyllis, die auch noch immer bei twoday ist, mit ihrem tainted talents-Ateliertagebuch. Ich mochte sie sofort. Es war ein wirklich sehr schöner Abend. Die bis zum Schluss blieben, sortierten sich nach „fahre mit der S-Bahn“ und „nicht“. Ich fuhr auch mit der S-Bahn, Richtung Osten. Meine Kamera machte noch ein paar Bilder, die ich trunken, wie ich war, nicht ganz beabsichtigt hatte, aber dennoch sind ein paar Aufnahmen dabei, die ich zu schade zum Wegwerfen finde. Das war also dieser Abend mit der Lesung und wie das alles kam. Und kaufen Sie gerne das Traumschiff-Buch. Es ist ein gutes Buch. Und es ist ein guter Autor. Und sympathisch dazu. Ich vermute, dass statistische Erhebungen zutage fördern würden, dass seine unerbittlichsten Kritiker noch keine Gelegenheit zu einer persönlichen Begegnung hatten. Holen Sie das doch einfach nach.

07. September 2015


https://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=237555616




Freitag, vierter September. Nachmittags um vier. In Charlottenburg, in der Galerie von Johanna Breede. Sie zeigt Bilder von Sheila Rock und Beat Presser. Was für Namen. Rock und Beat. Auch wenn man selbst viel fotografiert und viel gesehen hat, kennt man nicht jeden bemerkenswerten Fotografen, nicht jede bemerkenswerte Fotografin. Das kann man alles gar nicht schaffen, bewältigen. Ich bin ja keine Kuratorin, die dafür bezahlt wird, sich da auszukennen. Es sind Zufälle, dass ich das erfahre, einen Termin mitbekomme. Manchmal Verteiler, in denen ich bin, manchmal weitergeleitete Infos, oft durch Jan, wofür ich dankbar bin. Ich renne nicht in jede Ausstellung, aber wenn ich das Gesicht eines Fotografen sehe – oder einer Fotografin – kann es unabhängig von deren Werk passieren, dass ich neugierig werde. Es gab ein Gespräch mit beiden zu ihrer an jenem Nachmittag noch laufenden Ausstellung bei Johanna Breede in der Fasanenstraße. Ich finde, es ist eine der schönsten Galerien in Berlin überhaupt. Ich bin da ein bißchen empfindlich. Ich fühle mich oft nicht sehr wohl in Ausstellungsräumen, weil das Licht zu kalt und hart ist, die Details nebensächlich. Ich mag es genau so, wie es bei Johanna Breede ist. Mit dem weißlackierten Parkettboden, den subtilen Spotlights auf die Exponate. Der schöne Fuß des Macs auf dem Schreibtisch, diese Halbkugel. Die Markise. Das sind Details, die auch sehr in die Fasanenstraße passen. Das ist für mich die Fasanenstraße, die ich in bestimmten Abschnitten sehr, sehr mag. Eine Atmosphäre, die es nirgendwo in Ostberlin gibt, auch nicht in den schönsten Seitenstraßen vom Gendarmenmarkt. Das ist das alte Westberlin und seine atmosphärische Patina, eine lässige Eleganz, die nicht viel Veränderung braucht, seit Jahren nicht, eher Maßnahmen zur Erhaltung. Was Klasse hat. muss sich nicht dauernd neu erfinden.


Vogue UK erwähnt in einem Beitrag zu Sheila Rock: „Legendary music photographer Sheila Rock will launch her new book, Punk (…) The picture-based tome is a visual documentation of the punk movement in London, featuring never-seen-before shots of pivotal musicians including The Clash, Chrissie Hynde, Paul Weller and The Sex Pistols. The collection of photos had previously been stored in a box in Rock’s garden shed. „I looked at how much work I had actually done at the time and realised that I had actually captured an interesting moment in time on many levels,“ Im deutschsprachigen Wikipediaeintrag zu Beat Presser steht u. a.:



„Bereits im Alter von 15 Jahren beschloss Presser Fotograf zu werden. Im Jahr 1972 unternahm er eine mehrmonatige Weltreise (…) Presser begann 1973 bei Mansutti in Basel eine Ausbildung als Fotograf, die er an 1974 in Paris bei Peter Knapp fortsetzte. Ab 1975 folgte eine Ausbildung zum Kameraassistenten (…) Nach einer kurzen Tätigkeit als Matrose arbeitete Presser unter anderem in New York. (…) Danach war er in Paris für verschiedene Modefotografen tätig und verlegte das Fotomagazin Palm Beach News (…) (…) In den 1980er Jahren arbeitete Presser eng mit dem Regisseur Werner Herzog und dem Schauspieler Klaus Kinski zusammen. So dokumentierte er die Entstehung der Filme Fitzcarraldo (1982) und Cobra Verde (1987). Die während der Zusammenarbeit mit Herzog und Kinski entstandenen Fotos bildeten die Basis mehrerer von Presser veröffentlichter Bildbände und Ausstellungen (…)“ usw. usf. Ich glaube nicht, dass ich großartig erklären muss, dass es interessant ist, diese beiden Fotografen aus nächster Nähe zu erleben. In der Ausstellung waren kaum Portraits zu sehen, wir sahen von beiden (die sich ebenfalls bei einer Ausstellung in der Galerie von Johanna Breede kennenlernten, 2010 wie ich erfahren habe) Aufnahmen aus beider Archiven, die in einem Zusammenhang zum Meer standen. Aus vielen Ländern, vielen Küsten. Virtuose Aufnahmen. Bei einer sehr schönen von ihm, die ein Segelboot, ich glaube irgendwo in Asien, mit aufgeblähtem Segel in voller Fahrt zeigte, wies er darauf hin, dass er leider die obere Spitze des Segels nicht einfangen konnte, aufgrund der Dynamik… das war sehr sympathisch, dass er das anmerkte. Wer ein gutes Auge hat, und selbst fotografiert, sieht das. Ein anderer bemerkt es wahrscheinlich gar nicht. Eine Kleinigkeit. Mit meinen Aufnahmen der beiden bin ich nicht so zufrieden. Ich konnte ihn zwar vom Ausdruck her teilweise ganz gut einfangen, aber alle Bilder sind verrauscht, da beide niemals im direkten Lichtpegel standen. Ich habe Beat einen Link zu den Bildern gemailt, und er hat mir geantwortet, was mich freute, weil er mehr als nur „Danke, viele Grüße“ schrieb, (was nicht selbstverständlich ist) sondern noch einige Gedanken dazu, wie zum Beispiel, dass er die digitale Revoulution in der Fotografie und die neuen Möglichkeiten, die sich dadurch entfalten, fasziniert beobachtet. Er kannte zum Beispiel flickr nicht. Wenn er durch meinen Account Bekanntschaft damit macht, hat er allerdings auch ein exorbitant bestücktes Beispiel eines digitalen Streams vor sich.


Aber nicht den schlechtesten. Solche kleinen Begegnungen sind eine große Bereicherung. Sie kosten weder Eintritt noch sonstige Bemühungen. Außer hinzugehen. Aus dem Augenwinkel sah ich, dass Matthias Harder ebenfalls gekommen war. Er ist Direktor der Newton Foundation und mein Jahrgang. Auch sehr sympathisch.


Ich habe keinen weiteren Kontakt an diesem Nachmittag gesucht, denn ich sah durch das Fenster, dass es sich aufgehellt hatte und hatte Lust, auf die unerwartet in Sonne getauchte Fasanenstraße zu gehen, nach Hause. Über den Kudamm. Es hatte kurz geregnet und nun strahlte die Spätsommersonne wieder. Wunderbar. Ich liebe den KuDamm, diese Ecke. Die Rotunde vom Kranzler. Ich könnte die fotografieren, als hätte ich sie noch nie gesehen. Oder zum ersten Mal. Auch mit dem blöden Gerry Weber-Schriftzug darunter. Ich erinnere mich noch, wie Mitte der Achtziger, als das ganze Gebäude noch das Café Kranzler war, die Stühle und Kaffeehaustische auf dem Trottoir standen. Das fehlt mir an der Ecke. Da gehören diese kleinen Marmortischchen wieder hin und auch unten die rotweiß-gestreiften Markisen, nicht nur ganz oben, wo die verkleinerte Kranzler-Reminiszenz zuhause ist. Aber trotzdem alles gut, alles schön. Jammern auf hohem Niveau ist passé. Bei mir eh. Lange schon. Ich hoffe, dass unsere Refugees bald, irgendwann, eines nicht zu fernen Tages, einen ruhigen Punkt finden, wo sie ein permanentes Dach über dem Kopf haben und einfach nur über den KuDamm laufen können. Nur um zu schauen. Mehr habe ich auch nicht gemacht. Einfach nur schauen und in die Septembersonne blinzeln. Mehr habe ich dazu jetzt nicht zu sagen, ich muss auch schlafen gehen. Ich hatte ein paar Tage frei, in denen ich machen konnte, was ich wollte und habe viel geschlafen. Morgen dann wieder ein anderer Rhythmus. Aber auch ein guter.

07. September 2015


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Freitag, vierter September. Nachmittags um vier. In Charlottenburg, in der Galerie von Johanna Breede. Sie zeigt Bilder von Sheila Rock und Beat Presser. Was für Namen. Rock und Beat. Auch wenn man selbst viel fotografiert und viel gesehen hat, kennt man nicht jeden bemerkenswerten Fotografen, nicht jede bemerkenswerte Fotografin. Das kann man alles gar nicht schaffen, bewältigen. Ich bin ja keine Kuratorin, die dafür bezahlt wird, sich da auszukennen. Es sind Zufälle, dass ich das erfahre, einen Termin mitbekomme. Manchmal Verteiler, in denen ich bin, manchmal weitergeleitete Infos, oft durch Jan, wofür ich dankbar bin. Ich renne nicht in jede Ausstellung, aber wenn ich das Gesicht eines Fotografen sehe – oder einer Fotografin – kann es unabhängig von deren Werk passieren, dass ich neugierig werde. Es gab ein Gespräch mit beiden zu ihrer an jenem Nachmittag noch laufenden Ausstellung bei Johanna Breede in der Fasanenstraße. Ich finde, es ist eine der schönsten Galerien in Berlin überhaupt. Ich bin da ein bißchen empfindlich. Ich fühle mich oft nicht sehr wohl in Ausstellungsräumen, weil das Licht zu kalt und hart ist, die Details nebensächlich. Ich mag es genau so, wie es bei Johanna Breede ist. Mit dem weißlackierten Parkettboden, den subtilen Spotlights auf die Exponate. Der schöne Fuß des Macs auf dem Schreibtisch, diese Halbkugel. Die Markise. Das sind Details, die auch sehr in die Fasanenstraße passen. Das ist für mich die Fasanenstraße, die ich in bestimmten Abschnitten sehr, sehr mag. Eine Atmosphäre, die es nirgendwo in Ostberlin gibt, auch nicht in den schönsten Seitenstraßen vom Gendarmenmarkt. Das ist das alte Westberlin und seine atmosphärische Patina, eine lässige Eleganz, die nicht viel Veränderung braucht, seit Jahren nicht, eher Maßnahmen zur Erhaltung. Was Klasse hat. muss sich nicht dauernd neu erfinden.


Vogue UK erwähnt in einem Beitrag zu Sheila Rock: „Legendary music photographer Sheila Rock will launch her new book, Punk (…) The picture-based tome is a visual documentation of the punk movement in London, featuring never-seen-before shots of pivotal musicians including The Clash, Chrissie Hynde, Paul Weller and The Sex Pistols. The collection of photos had previously been stored in a box in Rock’s garden shed. „I looked at how much work I had actually done at the time and realised that I had actually captured an interesting moment in time on many levels,“ Im deutschsprachigen Wikipediaeintrag zu Beat Presser steht u. a.:



„Bereits im Alter von 15 Jahren beschloss Presser Fotograf zu werden. Im Jahr 1972 unternahm er eine mehrmonatige Weltreise (…) Presser begann 1973 bei Mansutti in Basel eine Ausbildung als Fotograf, die er an 1974 in Paris bei Peter Knapp fortsetzte. Ab 1975 folgte eine Ausbildung zum Kameraassistenten (…) Nach einer kurzen Tätigkeit als Matrose arbeitete Presser unter anderem in New York. (…) Danach war er in Paris für verschiedene Modefotografen tätig und verlegte das Fotomagazin Palm Beach News (…) (…) In den 1980er Jahren arbeitete Presser eng mit dem Regisseur Werner Herzog und dem Schauspieler Klaus Kinski zusammen. So dokumentierte er die Entstehung der Filme Fitzcarraldo (1982) und Cobra Verde (1987). Die während der Zusammenarbeit mit Herzog und Kinski entstandenen Fotos bildeten die Basis mehrerer von Presser veröffentlichter Bildbände und Ausstellungen (…)“ usw. usf. Ich glaube nicht, dass ich großartig erklären muss, dass es interessant ist, diese beiden Fotografen aus nächster Nähe zu erleben. In der Ausstellung waren kaum Portraits zu sehen, wir sahen von beiden (die sich ebenfalls bei einer Ausstellung in der Galerie von Johanna Breede kennenlernten, 2010 wie ich erfahren habe) Aufnahmen aus beider Archiven, die in einem Zusammenhang zum Meer standen. Aus vielen Ländern, vielen Küsten. Virtuose Aufnahmen. Bei einer sehr schönen von ihm, die ein Segelboot, ich glaube irgendwo in Asien, mit aufgeblähtem Segel in voller Fahrt zeigte, wies er darauf hin, dass er leider die obere Spitze des Segels nicht einfangen konnte, aufgrund der Dynamik… das war sehr sympathisch, dass er das anmerkte. Wer ein gutes Auge hat, und selbst fotografiert, sieht das. Ein anderer bemerkt es wahrscheinlich gar nicht. Eine Kleinigkeit. Mit meinen Aufnahmen der beiden bin ich nicht so zufrieden. Ich konnte ihn zwar vom Ausdruck her teilweise ganz gut einfangen, aber alle Bilder sind verrauscht, da beide niemals im direkten Lichtpegel standen. Ich habe Beat einen Link zu den Bildern gemailt, und er hat mir geantwortet, was mich freute, weil er mehr als nur „Danke, viele Grüße“ schrieb, (was nicht selbstverständlich ist) sondern noch einige Gedanken dazu, wie zum Beispiel, dass er die digitale Revoulution in der Fotografie und die neuen Möglichkeiten, die sich dadurch entfalten, fasziniert beobachtet. Er kannte zum Beispiel flickr nicht. Wenn er durch meinen Account Bekanntschaft damit macht, hat er allerdings auch ein exorbitant bestücktes Beispiel eines digitalen Streams vor sich.


Aber nicht den schlechtesten. Solche kleinen Begegnungen sind eine große Bereicherung. Sie kosten weder Eintritt noch sonstige Bemühungen. Außer hinzugehen. Aus dem Augenwinkel sah ich, dass Matthias Harder ebenfalls gekommen war. Er ist Direktor der Newton Foundation und mein Jahrgang. Auch sehr sympathisch.


Ich habe keinen weiteren Kontakt an diesem Nachmittag gesucht, denn ich sah durch das Fenster, dass es sich aufgehellt hatte und hatte Lust, auf die unerwartet in Sonne getauchte Fasanenstraße zu gehen, nach Hause. Über den Kudamm. Es hatte kurz geregnet und nun strahlte die Spätsommersonne wieder. Wunderbar. Ich liebe den KuDamm, diese Ecke. Die Rotunde vom Kranzler. Ich könnte die fotografieren, als hätte ich sie noch nie gesehen. Oder zum ersten Mal. Auch mit dem blöden Gerry Weber-Schriftzug darunter. Ich erinnere mich noch, wie Mitte der Achtziger, als das ganze Gebäude noch das Café Kranzler war, die Stühle und Kaffeehaustische auf dem Trottoir standen. Das fehlt mir an der Ecke. Da gehören diese kleinen Marmortischchen wieder hin und auch unten die rotweiß-gestreiften Markisen, nicht nur ganz oben, wo die verkleinerte Kranzler-Reminiszenz zuhause ist. Aber trotzdem alles gut, alles schön. Jammern auf hohem Niveau ist passé. Bei mir eh. Lange schon. Ich hoffe, dass unsere Refugees bald, irgendwann, eines nicht zu fernen Tages, einen ruhigen Punkt finden, wo sie ein permanentes Dach über dem Kopf haben und einfach nur über den KuDamm laufen können. Nur um zu schauen. Mehr habe ich auch nicht gemacht. Einfach nur schauen und in die Septembersonne blinzeln. Mehr habe ich dazu jetzt nicht zu sagen, ich muss auch schlafen gehen. Ich hatte ein paar Tage frei, in denen ich machen konnte, was ich wollte und habe viel geschlafen. Morgen dann wieder ein anderer Rhythmus. Aber auch ein guter.

05. September 2015

Manchmal kommen wirklich interessante Sachen beim Verlesen raus. Ich war gerade auf facebook, wo ich nicht alle features durch den Adblocker gesperrt habe, nur manche. Ich mache da ja keinerlei „Spiele“ und poste auch selbst keine Statusmeldungen, sondern kommentiere nur bei anderen rum. Gerade gab es in dem Activity-Stream so eine Reklame. Ich habe gelesen „Gestalte deine Eifersucht“. Huch! Hieß aber in Wirklichkeit „Gestalte deine Elfenstadt“. Nun ja. Lässt wieder viel Interpretationsspielraum zu. Ich war früher sehr eifersüchtig und hatte auch Grund dazu, habe mich aber immer angestrengt, die Symptome zu unterdrücken und es nicht auszuleben. Hat man mir aber mit Sicherheit trotzdem punktuell angemerkt. Großer Vorteil von einem beziehungslosen Beziehungsstatus: kein Anlass zur Eifersucht. Ist sehr angenehm.

05. September 2015

Manchmal kommen wirklich interessante Sachen beim Verlesen raus. Ich war gerade auf facebook, wo ich nicht alle features durch den Adblocker gesperrt habe, nur manche. Ich mache da ja keinerlei „Spiele“ und poste auch selbst keine Statusmeldungen, sondern kommentiere nur bei anderen rum. Gerade gab es in dem Activity-Stream so eine Reklame. Ich habe gelesen „Gestalte deine Eifersucht“. Huch! Hieß aber in Wirklichkeit „Gestalte deine Elfenstadt“. Nun ja. Lässt wieder viel Interpretationsspielraum zu. Ich war früher sehr eifersüchtig und hatte auch Grund dazu, habe mich aber immer angestrengt, die Symptome zu unterdrücken und es nicht auszuleben. Hat man mir aber mit Sicherheit trotzdem punktuell angemerkt. Großer Vorteil von einem beziehungslosen Beziehungsstatus: kein Anlass zur Eifersucht. Ist sehr angenehm.

01. September 2015


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Ja. NAKO. Klingt ein bißchen wie eine Sushi-Variante. Ewig nicht mehr gegessen. Mochte ich eigentlich sehr. Wie fange ich an – mir kommt der vergangene Tag so voll vor – und erschöpfend war er zudem – ich kann mich gar nicht mehr richtig sammeln. Müde bin ich. Aber nicht lebensmüde. Gar nicht. Rechtschaffen müde. Ich spazierte sehr, sehr (sehr, sehr) früh Richtung Charité. Die Bilder sind zwischen 6:46 und 6:47 entstanden. Unten, an der Haustür, als ich losging, schaute ich auf meinen kleinen Reisewecker, um die Zeit zu stoppen, wie lange ich zur Charité in der Luisenstraße brauche, zu Fuß. Es gibt keine schnellere Verbindung mit S-Bahn oder U-Bahn oder Tram als zu Fuß., also kann ich gleich laufen, denn keine Verbindung erspart einen längeren Fußweg. Wo ich mich sowieso ein bißchen zu sparsam bewege, insgesamt. Es war klar, dass ein heißer Tag in Berlin auf uns wartet, von 34 bis 35 Grad war die Rede. Ich hatte wieder alles in meiner Wohnung gegen die Hitze verbarrikadiert und lief los. Ein bißchen übermüdet, weil ich nicht richtig einschlafen konnte, nur so vor mich hindöste, wie man das vor größeren Reisen oder wichtigen Abflugterminen kennt. Da bin ich beim Einschlafen ganz wuschig und denke dauernd dran, dass ich unbedingt einschlafen muss und auf keinen Fall die zwei Wecker, die ich sicherheitshalber gestellt habe, überhören darf. Die Charité hat mir leider – oder vielleicht auch glücklicherweise, den ersten Termin gegeben. Um 7:45 sollte es losgehen mit den Untersuchungen für die „Nationale Kohorte“ und man wurde gebeten, zehn Minuten früher da zu sein, bei der Anmeldung in Zimmer 1 b 03 oder so ähnlich. Da ich sowieso nicht richtig schlafen konnte, bin ich schon um 5:30 aufgestanden und habe mich in Ruhe fertig gemacht. Kaffee trinken war verboten. Nüchtern kommen! Ich hatte sogar den Tag zuvor keinen Alkohol getrunken. Ganz brav. Sollen ja gute Ergebnisse rauskommen. Ich sollte auch erstmalig einen Glucose-Toleranz-Test kriegen, mit dem man auch Diabetes-Erkrankungen herauskriegt. Wenn ich versuche, mich an alles zu erinnern, wird mir fast ein bißchen schwindelig. Es war so viel und so viele Fragen und ging Schlag auf Schlag. Über sechs Stunden hat es gedauert, nur ganz kleine Pausen dazwischen, in denen man aufs Klo konnte oder einen neuen Becher Wasser holen. Jetzt verstehe ich, dass Zucker neulich bemerkte, man würde an meinen Kommentaren merken, dass ich noch nicht viel Erfahrung mit Krankenhäusern hätte, als ich mich wunderte, dass die Patienten bei den hohen Temperaturen nicht in in irgendeiner Form gekühlten Räumen sind. Heutzutage! Die Räume vom Charité-Campus in der Luisenstraße 13 haben keine Außenjalousien und keine Klimaanlage. Das Forscherteam oder besser das Team der Mitarbeiterinnen, die die Werte ermitteln und die Befragungen machen, ist komplett weiblich. Ich hatte mit ein, zwei, drei, vier – fünf verschiedenen Mitarbeiterinnen zu tun. Also mit allen. Die Leiterin des Forschungszentrums von Berlin ist ein echter HIngucker. Wahnsinnig attraktiv. Und noch ganz jung. Also im Vergleich zu mir. So um Ende Zwanzig schätze ich. Dunkelbraune glatte Haare, so eine Mischung aus Sandra Bullock und Carly Simon. Leider habe ich nicht ein einziges Foto von ihr und auch von den anderen nicht, und auch von überhaupt gar nichts vor Ort. Ich war einfach zu beschäftigt und dann wieder zu erschöpft und dann habe ich mich auch nicht getraut. Bei den ungefähr zehn Untersuchungen in den verschiedensten Labors verging die Zeit doch recht schnell. Und was man alles gefragt wird. Eigentlich alles! Nur mein Blog habe ich nicht erwähnt – es geht ja doch hauptsächlich um die Gesundheit, nicht um Hobbies. Weil es so warm war, konnte ich mich nicht richtig auf die Gedächtnistests konzentrieren. Da habe ich sowieso Schwierigkeiten. Als ich spaßeshalber mal diverse Stunden Schauspielunterricht hatte, ist leider auch zutage getreten, dass ich mir nur mit größter Anstrengung drei bis fünf Sätze merken kann. Wenn man den Beruf ernst nimmt, reicht es halt nicht, sich nur sinngemäß den Inhalt zu merken und frei wiederzugeben. Aber an Talent hat es mir nicht gefehtl! Nur die Sache mit dem Text merken. Aber ich schweife ab. Alles mögliche ist untersucht worden, gewogen und gemessen hat man mich auch. Ich bin zwei Zentimeter geschrumpft und wiege zehn Kilo mehr als ich gedacht habe. Ich wiege mich so selten, dass da schon mal eine größere Veränderung sein kann. Verstehe ich aber trotzdem nicht so richtig. weil mir eigentlich dieselben Anziehsachen passen, wie beim letzten Wiegen vor ungefähr einem halben Jahr. Ist ja auch egal, Hauptsache, man kriegt die Sachen noch zu und kann das eigene Gewicht beim Treppensteigen noch nach oben hieven. Jetzt werde ich aber langsam wirklich müde. Aber das ist auch o.k. Es ist auf meiner Uhr 2:33 Uhr. Bin ich schon ganz schön lange auf. Jetzt gehe ich aber schlafen. Ein paar wenige Ergebnisse habe ich schon erfahren, der eine Apparat, der die Funktion und Dichte und Flexibilität der Gefäßwände misst, hat angezeigt, dass meine Gefäße einem Lebensalter von vierundvierzig entsprechen. Ich habe mir auch gerne dazu gratulieren lassen, denn das hört man natürlich gern, dass man jüngere Gefäße hat, als man selber ist. Die Damen hatten schon auch mitgekriegt, dass es der letzte Tag war, an dem ich mich als neunundvierzig ausgeben konnte und haben sich mit mir gefreut. Und jetzt sagt der Kalender, dass ich fünfzig bin. Tatsächlich! Ist es schon so weit. Aber ist nicht schlimm, im Gegenteil. Ein paar meiner Leser haben das ja auch schon hinter sich und ich sage, es ist ein Privileg, in guter Verfassung möglichst alt zu werden. So, jetzt gehe ich endlich schlafen. Und morgen ein schöner, kleiner Ausflug.

02. September 2015

Ich war gerade bei Rio. Gießen. Obwohl es ja gestern Abend schön geregnet hat, aber heute wieder viel Sonnenschein, aber nicht mehr so furchtbare Bruthitze. Endlich kann ich die Sonne wieder genießen und suche nicht nur Schatten und geschlossene Räume. Die schönsten (Spät-)Sommertage fangen an. Endlich kriegt meine Haut ein paar Strahlen ab, so wenig war ich nocn nie draußen, wie in den letzten drei Monaten. Wie ein Maulwurf unter der Erde vergraben. Endlich wieder Licht und Luft und keine Verbarrikadierungen mehr, das ist so schön. Gestern im Grunewald ist mir aufgefallen, dass es tief im Wald viel kühler ist als außerhalb, da konnte ich es gut aushalten, obwohl es auch über 28 Grad im Schatten war. Und ein laues Lüftchen. Also Wald an zu warmen Tagen, wenn man doch mal raus will, muss ich mir merken. Ich war noch nie am Grab von Rio, seit er hier liegt. Was für ein heiter anmutender Friedhof, so licht und hell und freundlich. Und links vom Eingang ein kleines Café mit aufgespannten Sonnenschirmen und alten, verschnörkelten Gartenstühlen, ein bißchen italienisch. Und Palmen in Kübeln. Entzückend. Also ein Mini-Café auf dem Friedhof, nicht davor! Rios Grab ist – wenn man es weiß – leicht zu finden. Auf der mittleren Hauptachse, gegenüber vom Eingang, immer geradeaus, und dann so hundert Meter vor dem Ende, vor dem großen Steinkreuz in der Mitte links. Ganz liebevoll geschmückt von seinen Fans, und Blumen und ein Krönchen und zwei gerahmte Fotos. Hinter einem Busch steht eine große gefüllte Gießkanne, da habe ich ein bißchen gesprengt. Hat Freude gemacht. Dann wieder heim, mit der S-Bahn, von Yorckstraße bis Oranienburger Straße, ohne umsteigen. Ein paar wenige Fotos gemacht. Ging gerade noch, ich habe den Fehler begangen, mir vorgestern Akkus zu kaufen, die nicht wiederaufladbar sind und ich habe sie doch in die Ladestation, jetzt sind sie hinüber. Das „do not recharge“ war so klein gedruckt und sie waren so teuer, dass ich gedacht habe, bei dem Preis müssten die rechargeable sein. Blöd! Muss ich morgen zu Saturn und neue kaufen, rechargeable. Morgen ist mein NaKo-Termin mit der Ganzkörper-Computertomographie. Ich kriege übrigens laut Broschüre keinerlei Stimmungsaufheller. Morgen also nach Berlin Buch, aber erst am Nachmittag, kann ich vorher noch zu Saturn.

02. September 2015

Ich war gerade bei Rio. Gießen. Obwohl es ja gestern Abend schön geregnet hat, aber heute wieder viel Sonnenschein, aber nicht mehr so furchtbare Bruthitze. Endlich kann ich die Sonne wieder genießen und suche nicht nur Schatten und geschlossene Räume. Die schönsten (Spät-)Sommertage fangen an. Endlich kriegt meine Haut ein paar Strahlen ab, so wenig war ich nocn nie draußen, wie in den letzten drei Monaten. Wie ein Maulwurf unter der Erde vergraben. Endlich wieder Licht und Luft und keine Verbarrikadierungen mehr, das ist so schön. Gestern im Grunewald ist mir aufgefallen, dass es tief im Wald viel kühler ist als außerhalb, da konnte ich es gut aushalten, obwohl es auch über 28 Grad im Schatten war. Und ein laues Lüftchen. Also Wald an zu warmen Tagen, wenn man doch mal raus will, muss ich mir merken. Ich war noch nie am Grab von Rio, seit er hier liegt. Was für ein heiter anmutender Friedhof, so licht und hell und freundlich. Und links vom Eingang ein kleines Café mit aufgespannten Sonnenschirmen und alten, verschnörkelten Gartenstühlen, ein bißchen italienisch. Und Palmen in Kübeln. Entzückend. Also ein Mini-Café auf dem Friedhof, nicht davor! Rios Grab ist – wenn man es weiß – leicht zu finden. Auf der mittleren Hauptachse, gegenüber vom Eingang, immer geradeaus, und dann so hundert Meter vor dem Ende, vor dem großen Steinkreuz in der Mitte links. Ganz liebevoll geschmückt von seinen Fans, und Blumen und ein Krönchen und zwei gerahmte Fotos. Hinter einem Busch steht eine große gefüllte Gießkanne, da habe ich ein bißchen gesprengt. Hat Freude gemacht. Dann wieder heim, mit der S-Bahn, von Yorckstraße bis Oranienburger Straße, ohne umsteigen. Ein paar wenige Fotos gemacht. Ging gerade noch, ich habe den Fehler begangen, mir vorgestern Akkus zu kaufen, die nicht wiederaufladbar sind und ich habe sie doch in die Ladestation, jetzt sind sie hinüber. Das „do not recharge“ war so klein gedruckt und sie waren so teuer, dass ich gedacht habe, bei dem Preis müssten die rechargeable sein. Blöd! Muss ich morgen zu Saturn und neue kaufen, rechargeable. Morgen ist mein NaKo-Termin mit der Ganzkörper-Computertomographie. Ich kriege übrigens laut Broschüre keinerlei Stimmungsaufheller. Morgen also nach Berlin Buch, aber erst am Nachmittag, kann ich vorher noch zu Saturn.

02. September 2015

Das von Gian-Piero war auch eine schöne Aktion. Glücklicherweise hat die LaGeSo mit Hilfe von Vivantes und der Charité seit gestern nun selbst das Catering sichergestellt. Und das THW hat große Zelte aufgestellt. So sei es. Man muss sich auch klarmachen, dass es ein Kompliment für Deutschland ist, wenn diese armen Flüchtlinge unser Land als neue Heimat wählen. Vielleicht führt diese herausfordernde Lage dazu, dass sich mehr Menschen hierzulande bewusst werden, auf was für einem hohen Standard wir hier leben. Das wünsche ich mir. Und nichtzuletzt ist jeder Mensch, der hier lebt, jemand der früher oder später auch kaufen und konsumieren muss, ob er will oder nicht. Und das ist doch sonst immer sehr erwünscht, dass recht viel gekauft wird. Für die, die nur ihren Kontostand im Auge haben. Das wird sich einpendeln.

01. September 2015


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Ja. NAKO. Klingt ein bißchen wie eine Sushi-Variante. Ewig nicht mehr gegessen. Mochte ich eigentlich sehr. Wie fange ich an – mir kommt der vergangene Tag so voll vor – und erschöpfend war er zudem – ich kann mich gar nicht mehr richtig sammeln. Müde bin ich. Aber nicht lebensmüde. Gar nicht. Rechtschaffen müde. Ich spazierte sehr, sehr (sehr, sehr) früh Richtung Charité. Die Bilder sind zwischen 6:46 und 6:47 entstanden. Unten, an der Haustür, als ich losging, schaute ich auf meinen kleinen Reisewecker, um die Zeit zu stoppen, wie lange ich zur Charité in der Luisenstraße brauche, zu Fuß. Es gibt keine schnellere Verbindung mit S-Bahn oder U-Bahn oder Tram als zu Fuß., also kann ich gleich laufen, denn keine Verbindung erspart einen längeren Fußweg. Wo ich mich sowieso ein bißchen zu sparsam bewege, insgesamt. Es war klar, dass ein heißer Tag in Berlin auf uns wartet, von 34 bis 35 Grad war die Rede. Ich hatte wieder alles in meiner Wohnung gegen die Hitze verbarrikadiert und lief los. Ein bißchen übermüdet, weil ich nicht richtig einschlafen konnte, nur so vor mich hindöste, wie man das vor größeren Reisen oder wichtigen Abflugterminen kennt. Da bin ich beim Einschlafen ganz wuschig und denke dauernd dran, dass ich unbedingt einschlafen muss und auf keinen Fall die zwei Wecker, die ich sicherheitshalber gestellt habe, überhören darf. Die Charité hat mir leider – oder vielleicht auch glücklicherweise, den ersten Termin gegeben. Um 7:45 sollte es losgehen mit den Untersuchungen für die „Nationale Kohorte“ und man wurde gebeten, zehn Minuten früher da zu sein, bei der Anmeldung in Zimmer 1 b 03 oder so ähnlich. Da ich sowieso nicht richtig schlafen konnte, bin ich schon um 5:30 aufgestanden und habe mich in Ruhe fertig gemacht. Kaffee trinken war verboten. Nüchtern kommen! Ich hatte sogar den Tag zuvor keinen Alkohol getrunken. Ganz brav. Sollen ja gute Ergebnisse rauskommen. Ich sollte auch erstmalig einen Glucose-Toleranz-Test kriegen, mit dem man auch Diabetes-Erkrankungen herauskriegt. Wenn ich versuche, mich an alles zu erinnern, wird mir fast ein bißchen schwindelig. Es war so viel und so viele Fragen und ging Schlag auf Schlag. Über sechs Stunden hat es gedauert, nur ganz kleine Pausen dazwischen, in denen man aufs Klo konnte oder einen neuen Becher Wasser holen. Jetzt verstehe ich, dass Zucker neulich bemerkte, man würde an meinen Kommentaren merken, dass ich noch nicht viel Erfahrung mit Krankenhäusern hätte, als ich mich wunderte, dass die Patienten bei den hohen Temperaturen nicht in in irgendeiner Form gekühlten Räumen sind. Heutzutage! Die Räume vom Charité-Campus in der Luisenstraße 13 haben keine Außenjalousien und keine Klimaanlage. Das Forscherteam oder besser das Team der Mitarbeiterinnen, die die Werte ermitteln und die Befragungen machen, ist komplett weiblich. Ich hatte mit ein, zwei, drei, vier – fünf verschiedenen Mitarbeiterinnen zu tun. Also mit allen. Die Leiterin des Forschungszentrums von Berlin ist ein echter HIngucker. Wahnsinnig attraktiv. Und noch ganz jung. Also im Vergleich zu mir. So um Ende Zwanzig schätze ich. Dunkelbraune glatte Haare, so eine Mischung aus Sandra Bullock und Carly Simon. Leider habe ich nicht ein einziges Foto von ihr und auch von den anderen nicht, und auch von überhaupt gar nichts vor Ort. Ich war einfach zu beschäftigt und dann wieder zu erschöpft und dann habe ich mich auch nicht getraut. Bei den ungefähr zehn Untersuchungen in den verschiedensten Labors verging die Zeit doch recht schnell. Und was man alles gefragt wird. Eigentlich alles! Nur mein Blog habe ich nicht erwähnt – es geht ja doch hauptsächlich um die Gesundheit, nicht um Hobbies. Weil es so warm war, konnte ich mich nicht richtig auf die Gedächtnistests konzentrieren. Da habe ich sowieso Schwierigkeiten. Als ich spaßeshalber mal diverse Stunden Schauspielunterricht hatte, ist leider auch zutage getreten, dass ich mir nur mit größter Anstrengung drei bis fünf Sätze merken kann. Wenn man den Beruf ernst nimmt, reicht es halt nicht, sich nur sinngemäß den Inhalt zu merken und frei wiederzugeben. Aber an Talent hat es mir nicht gefehtl! Nur die Sache mit dem Text merken. Aber ich schweife ab. Alles mögliche ist untersucht worden, gewogen und gemessen hat man mich auch. Ich bin zwei Zentimeter geschrumpft und wiege zehn Kilo mehr als ich gedacht habe. Ich wiege mich so selten, dass da schon mal eine größere Veränderung sein kann. Verstehe ich aber trotzdem nicht so richtig. weil mir eigentlich dieselben Anziehsachen passen, wie beim letzten Wiegen vor ungefähr einem halben Jahr. Ist ja auch egal, Hauptsache, man kriegt die Sachen noch zu und kann das eigene Gewicht beim Treppensteigen noch nach oben hieven. Jetzt werde ich aber langsam wirklich müde. Aber das ist auch o.k. Es ist auf meiner Uhr 2:33 Uhr. Bin ich schon ganz schön lange auf. Jetzt gehe ich aber schlafen. Ein paar wenige Ergebnisse habe ich schon erfahren, der eine Apparat, der die Funktion und Dichte und Flexibilität der Gefäßwände misst, hat angezeigt, dass meine Gefäße einem Lebensalter von vierundvierzig entsprechen. Ich habe mir auch gerne dazu gratulieren lassen, denn das hört man natürlich gern, dass man jüngere Gefäße hat, als man selber ist. Die Damen hatten schon auch mitgekriegt, dass es der letzte Tag war, an dem ich mich als neunundvierzig ausgeben konnte und haben sich mit mir gefreut. Und jetzt sagt der Kalender, dass ich fünfzig bin. Tatsächlich! Ist es schon so weit. Aber ist nicht schlimm, im Gegenteil. Ein paar meiner Leser haben das ja auch schon hinter sich und ich sage, es ist ein Privileg, in guter Verfassung möglichst alt zu werden. So, jetzt gehe ich endlich schlafen. Und morgen ein schöner, kleiner Ausflug.

29. August 2015


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Es war selbstverständlich kein Zufall, dass Ulrich Matthes und ich im Partnerlook gekleidet waren – braunes Hemd bzw. Shirt und schwarze Hose. Man spricht sich da kurz vorher ab: „Was ziehst du an? Wonach ist dir heute? So farbmäßig?“ Wir haben da eigentlich nie Probleme. Er ist ein friedfertiger, umgänglicher Typ. Ganz anders als seine Rollen. Angeblich spielt er immer Bösewichte. Ich kann das nicht so genau beurteilen, weil ich die Filme nicht kenne und auch sehr selten Tatort schaue. Wir haben einfach anderes zu tun! Äh ja. In der Nachbarschaft, im KW, war eine kleine Gesprächsrunde, da hat er mitgemacht. Er und diese Journalistin, die neulich auch Rosa befragt hat. Ich denke immer ein bißchen an Witta Pohl, wenn ich sie sehe. Das scheint ein etwas unsachlicher Eintrag zu werden. Es war ein recht ernstes Thema, dem ich ohnehin nicht gerecht werden könnte, also werde ich mich besser auf die Nebensächlichkeiten konzentrieren und nicht mit einer ehrgeizigen Abhandlung „On Violence“ dilettieren. Nicht hier und heute. Er hat interessante und auch kluge Sachen gesagt. Wie aber nicht anders erwartet. Das ist ja kein dummer, eitler Selbstdarsteller, der in jeder Talkshow herumsitzt und für sich Reklame macht. Braucht er allerdings wohl auch nicht. Man spürt, dass es sich um einen tiefgründigen, eigenständige Gedanken entwickelnden Menschen handelt. Und das sage ich nicht bloß, weil wir uns so nahe stehen und uns in Kleiderfragen abstimmen.

Was natürlich nicht stimmt, da ist wohl meine Phantasie mit mir durchgegangen. Ich muss gestehen, dass mich seine Arme stark fasziniert haben. Die wirken sehr durchtrainiert. Einmal habe ich ihn beim Sommerfest vom LCB am Wannssee aus der Nähe gesehen, da waren entweder die Haare dunkler gefärbt, oder er war früher so dunkel. Das Helle steht im besser, macht weicher. Jedenfalls hat er mich damals nicht so beeindruckt, er stand mit seiner damaligen Freundin, die aufwändig gestylt war und aussah, als ob sie gerne viel Geld ausgibt, etwas gelangweilt am Rande der Tanzfläche im Kaminsaal. Ich dachte mir nur, aha, das ist also dieser wahnsinnig gefeierte Schauspieler, na gut – meinethalben.

Er sah seinerzeit aus, als ob er nicht ganz fit gewesen wäre. Aber vorgestern, im KW, wirkte er sehr gut drauf und kraftvoll. Er hat jede Menge Mutterwitz. Ulrich Matthes ist gebürtiger Berliner, ein Westberliner. Und er hat exakt diese gewisse Art, ab und zu so ein bißchen zu berlinern, so absichtslos selbstverständlich, die mir ein unerklärliches Heimatgefühl vermittelt. Dasselbe Phänomen wie bei Jan, der spricht genauso. Ich könnte ihm lange zuhören, also jetzt Herrn Matthes (aber Jan natürlich auch), nicht nur, weil er nie etwas Dummes sagt, sondern alleine, wie er es sagt. Jetzt muss ich mich langsam mal anziehen und zurechtmachen. Heute ist auch wieder Sommerfest im LCB und ich will doch mal gucken, wer heute so am Rande der Tanzfläche im Kaminzimmer stehen wird. Jan kommt jedenfalls auch. Und Ina, mit ihr war ich anschließend ein paar Hausnummern weiter, bei dem Spanier, Ecke Kleine Hamburger. Tapasteller und Wein und feurige Reden schwingen.

23. August 2015








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Wenn es Rosa nicht geben würde, müsste man ihn erfinden. Dabei kann man es eigentlich belassen. Nur vielleicht noch soviel, dass mir kein anderer Mensch der Öffentlichkeit einfällt, der in Interviews so gerne und mit echtem Interesse den Spieß umdreht, oder es zumindest versucht, und seinen Gastgeber im Gegenzug befragt. „Wie ist das denn bei dir? Erzähl DU doch mal! Du hast doch soweit ich weiß, Kinder und bist schon länger verheiratet, wie läuft das denn so bei euch?“ Man hat nicht das Gefühl, dass er das macht, um sein Gegenüber zu irritieren. Ich finde es schade, wenn das Potenzial eines durch seine Initiative lebhafteren Gesprächsverlaufs mit einer gouvernantenhaft schulmeisternden Ermahnung abgeblockt wird. Zumal wenn man eine gestandene Journalistin im mittleren Alter ist und sich auf der Bühne mit kess übergeschlagenen Beinen in Fickmich-Schuhen präsentiert. Die sich im Übrigen sehr gut fürs Fotografieren machen. So ist es nun mal leider, manchmal sind die präsentierten Schuhe wilder und provozierender als die präsentierten Gedanken. Aber doch schade, zumal Rosa sehr nett fragt. Er soll noch lange genau so weitermachen. Denn wie ich schon eingangs schrieb: wenn es Rosa von Praunheim nicht geben würde, müsste man ihn erfinden.


20. August 2015


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Ich glaube, der Sonntag am Pfingstwochenende. Ungefähr alle fünf Jahre frage ich jemanden, was eigentlich an Pfingsten im Unterschied zu Ostern gefeiert wird. Hat alles irgendetwas mit der Leidensgeschichte von Jesus zu tun, Kreuzigung, Auferstehung, Himmelfahrt. Jedenfalls hat nie jemand auf Anhieb die richtige Antwort und dann gucken wir alle in Wikipedia nach und vergessen es wieder über die nächsten Jahre. Aber dass es einen Oster- und Pfingstmontag gibt, das können sich eigentlich alle ohne Probleme merken. Man ist halt persönlich betroffen. Warum bin ich an diesem Pfingstsonntag, ja ich glaube es war Sonntag, zu diesem Flohmarkt? Ich war unternehmungslustig und auf meiner Ausflugsziel-Liste war keins dabei, das sich für einen Kurzausflug, den man mal eben am Nachmittag über die Bühne bringt, angeboten hätte. Ich schlafe halt gerne aus und trinke in aller Ruhe viel guten Kaffee mit Schlagobers und flaniere durchs Internet und dann mache ich mich zurecht und überlege endlich einmal in geradezu meditativer Versenkung, was ich anziehen könnte. Ziehe mich noch mal um. Und noch mal. So ist es halt. Aber ich mag das, dabei erhole ich mich. Termine nehme ich nur notgedrungen in Kauf, wenn ich dafür bezahlt werde oder es ein konkretes einmaliges Ereignis gibt, das ich nicht versäumen will. Aber wann kommt letzteres schon vor. Mir fiel irgendwo, ich glaube am Alex, ein Plakat auf, dass es diesen Antikmarkt am Ostbahnhof am Pfingstwochenende gibt. Feier der Schöpfung, Feier der Materie!



Ich bin keine häufige Flohmarktbesucherin, aber wenn, dann bin ich voll bei der Sache. Ich habe ja schon so viel Zeug in der Wohnung, eigentlich gibt es keinen materiellen Gegenstand, den ich dringend bräuchte. Aber hin und wieder verliebe ich mich in ein Ding, wegen einer vollendeten Silhouette oder eines besonderen Materials oder der Vereinigung von beidem, das ist der Idealfall.



Und dann ein bißchen feilschen und plauschen und flirten. Ja, auf Flohmärkten wird viel geflirtet. Ein guter Händler lässt sich keine Gelegenheit entgehen, mit einer potenziellen, guten Kundin wie mir zu flirten. Sonst hätte er seinen Beruf verfehlt. Auf diesem kleinen Antikmarkt hinter dem Ostbahnhof war ich noch nie. Er ist sehr sympathisch und es war ideales Wetterchen. Ich fragte immer artig, ob ich dies oder das fotografieren dürfte, denn ich habe die Erfahrung gemacht, wenn man auf Märkten oder in Läden einfach drauflosfotografiert, wird das manchmal als respektlos empfunden und man erntet strenge Blicke oder die Bitte, das zu unterlassen.


Aber kaum fragt man, wird es mit einem warmen Lächeln erlaubt. Die Händler freuen sich, dass sie höflich gefragt werden und es dann erlauben dürfen. Das ist so ein Spielchen. Zum Beispiel an dem Stand mit dem Radierwasser. Ja! Radierwasser, nicht Rasierwasser. Ich war hin und weg von dem Döschen und dem Gegenstand, auch wenn ich ihn nicht brauche. Noch nie vorher gesehen. Verschlossen stand er auf dem Tisch, der Tintentod. Ich fragte also, ob ich wohl eventuell ein Foto davon machen dürfte und kriegte die Erlaubnis. Ich habe ein Foto gemacht, dann hat er die Dose auseinandergenommen und noch mal neu hindrapiert und mich mit einer Geste aufgefordert, noch mal zu fotografieren.


Das war sehr charmant, er meinte „so sieht man es noch besser, so müssen Sie es auch fotografieren!“. So ein Händler hat eben seinen Stolz, es ist sein Revier, wenn auch mitunter nur ein Tapeziertisch. Man muss immer Respekt zeigen, wenn man von jemandem etwas will. Ein heiliges Gesetz. Man will es ja mit Wohlwollen kriegen und nicht hart darum kämpfen. Gekauft habe ich aber unverhoffterweise doch ein paar schöne Dinge, für die ich auch Verwendung habe. Eine Lupe. Meine erste Lupe! Mit einem schönen Horngriff. Einen kleinen Schrankknauf, der ist jetzt an einer Oberschranktür in der Küche. Dann ein Ebenholzkästchen, eigentlich ein Hummidor, aber das Feuchtigkeitsthermometer, ich weiß nicht mehr den Fachausdruck, hat gefehlt. Ich wollte aber nur ein schönes Kästchen aus so einem herrlich gestreiften Ebenholz.





Und innen drin in dem Kästchen war als Überraschung noch ein kleineres, mit dem KaDeWe-Logo eingebrannt, aus einem anderen Holz, das kleine Kästchen riecht ein bißchen wie Sandelholz, ist aber bestimmt was anderes. Da waren mal Zigarillos drin. Ach, das KaDeWe! Mein KaDeWe. Ich liebe es einfach. Und wo ich mit meinem kleinen Rundgang und meinen vielen kleinen Schwätzchen mit den Händlern fertig war und schon fast wieder bei der S-Bahn, war da noch ein letzter Stand mit einem kleinen Brillenetui aus falschem Kroko. Für 1 Euro! Das musste ich haben, das passt genau zu meiner kleinen Lesebrille, die ich fast nie aufsetze. Aber wird sicher noch kommen. Ich will jetzt nicht sagen „time is on my side“, sondern eher auf der Seite der Brille. An der Straße der Pariser Kommune kommt man vorbei, wenn man vom Flohmarkt zum Vordereingang vom Ostbahnhof spaziert. Der Name hat mir schon immer gefallen. Es ist jetzt nicht so eine pariserisch romantische Straße, wie der Name anmuten könnte, aber egal. Er klingt gut, er erzählt ja eine ganze Geschichte. Wie die „Straße des 17. Juni“. Als Postanschrift macht sich das sicher sehr gut: „Gaga Nielsen, Straße der Pariser Kommune 17“. Toll! Hinziehen will ich trotzdem nicht. Aber schön, dass ich mal da bei dem Flohmarkt war. Antikmarkt heißt er ja. War ein prima Ausflug.



Ein Händler hat mir seine Karte gegeben, er hat sogar ein Buch geschrieben über sein Leben als Flohmarkthändler, seine Memoiren. Hab ich jetzt aber nicht griffbereit. Er hat einen besonderen Stand, ihm hab ich das Ebenholzkästchen abgekauft. Aber das war nicht das Besondere, sondern dass er einen Tisch hat, auf dem lauter Instrumente und Werkzeuge, überwiegend aus Metall liegen, die ein normaler Mensch nicht kennt. Teilweise Sachen, Werkzeuge, die es in unserer heutigen Zivilisation nicht mehr gibt. Und wenn man richtig rät, was es ist, kriegt man von ihm irgendwas. Oder was billiger. Lustig war der. Er hatte zum Beispiel ein komisches Teil, wie eine lange Zange. Ich hätte gedacht, vielleicht um Gurken aus einem Fass zu holen, das war aber um geklöppelte Spitzenhandschuhe beim Trocknen in Form zu bringen. Aus Holz glaube ich. Weiß ich aber nicht mehr. Sehr interessant. Die aufgehängte Beinprothese hat mich auch stark fasziniert, so schön aus Leder genäht. Und der runde kleine Ofen. Und die ganz große Puppe. Und ein Bücherantiquar hatte zwei sensationelle Ausgaben von Fibeln mit bösen Zeichnungen auf geschöpftem Papier von George Grosz. Eins war Der Spießer-Spiegel von 1925. Zeitlos schön! Der Markt dort ist regelmäßig, wie viele Flohmärkte in Berlin, man hat also keinen Notstand, wenn einem nach Trödel und Antiquitäten gucken der Sinn steht. Also viele schöne Sachen zu sehen und demzufolge schöner Ausflug!