Folgendes Szenario, schon ein paar Monate her: auf einer der längeren S-Bahnbänke, saß mir gegenüber ein Grüppchen von fünf jungen Leuten, drei Mädchen, drei Jungen, circa fünfzehn Jahre alt, alle Smartphones in den Händen. Sie unterhielten sich in rasantem Tempo in Gebärdensprache miteinander. Eine angenehm geräuscharme Kommunikation, die aber so temperamentvoll und heiter war, dass sie ab und zu Laute von sich gaben, wie kleines Aufstöhnen, Juchzen und Lachen, wie es auch Menschen von sich geben, die nicht gehörlos sind, allerdings einen Tick urwüchsiger. Es war eine super Stimmung auf der Bank gegenüber. Da ich ein sehr ruhebedürftiger Typ bin und in der S-Bahn gerne lese, war das die ideale Fahrgastgruppe für meine Bedürfnisse. Da saß kein Häufchen mitleiderregender, gehandicapter Personen, sondern eine ganz normale Clique, die sich ihres jungen Lebens erfreut.

Zum Entstehen dieser Illustration, die die Atmosphäre sehr gut trifft: diese digitale Zeichnung ist diesmal (nach Empfehlung von Lydia, die es oft benutzt hat) von Gemini nach meinen Vorgaben gezaubert worden. In der ersten Version gab es altmodische Gepäckablagen wie in alten Regionalzügen, die habe ich in der zweiten Auftragserteilung untersagt. In dem Fall lustig – bei Texten finde ich das gar nicht witzig – die fehlende Logik und Plausibilität, was den Hintergrund angeht, der unwahrscheinlichste Winkel der vertikal zur Sitzbank laufenden Schienen. Das ergäbe nur Sinn, wenn sich die Sitzbank im letzten Waggon ganz am Ende befinden würde und das Fenster den Ausblick entgegen der Fahrtrichtung zeigen würde. Also auch hier eher künstliche Dummheit als künstliche Intelligenz – aber für meinen verspielten Zweck dennoch praktikabel und für mich selbst unterhaltsam. Nochmals: dieses Bild wurde nicht von meiner Hand gezeichnet, sondern vom kostenlos nutzbaren Google-Programm Gemini (Google login erforderlich). Es entspräche auch gar nicht meinem persönlichen Zeichenstil, der reduzierter und subtiler wäre, allerdings ungleich zeitaufwändiger, dazu fehlt mir die Lust. Auch bei Google Gemini gibt man einfach stinknormalen Beschreibungstext in ein Eingabefeld, guckt das Ergebnis an und wenn einem was nicht gefällt, kopiert man den alten Eingabetext noch mal, ändert oder ergänzt ihn – z. B. „ohne Gepäckablagen“ und fertig. Keinerlei Programmierkenntnisse irgendeiner Art erforderlich, ich beschreibe im Telegrammstil, spare mir Palaver à la: „Bitte erstelle mir“. Es ist völlig egal, ob man die einzelnen Angaben mit Kommas trennt, ob man Punkte setzt etc. – völlig schnurzpiepegal. Stilistisch erinnern mich diese künstlich generierten Zeichnungen bislang durchweg an altmodische Siebziger-Jahre-Illustrationen. Könnte ich mir auch in einer kitschigen alten Informationsbroschüre der Gemeinschaft der Mormonen oder einem Zeugen Jehovas-Wachturm-Heftchen vorstellen. Ich nehme immer Farbigkeit raus, durchweg ist mir das Ergebnis zu bunt, was vom Wesentlichen ablenkt. Die Episode mit der Clique in der S-Bahn, die sich in Gebärdensprache amüsierte, fiel mir erst gestern wieder ein, nach der Begegnung mit der jungen Frau, die in der Sophienstraße in ihr Smartphone gestikulierte.