


Julian Schütt, Autor von „Biographie einer Instanz“, zweiter Teil der Dokumentation der Lebenswege von Max Frisch, in die Mitte genommen von Thomas Strässle und Michael Krüger. Die Biographie beginnt im Jahr 1955 und endet mit Frischs Todesjahr 1991.
In Max Frischs „Berliner Journal“, das Notizen der Jahre 1973 – 1974 umfasst, fehlen wesentliche Teile von Frischs existierenden Aufzeichnungen, die aus Gründen des Schutzes privater Interessen noch Lebender von ihm selbst als gesperrt ausgewiesen wurden (ob befristet bis zum Tod der Betreffenden ist mir nicht geläufig). 1973 manifestierte sich der Bruch in der Beziehung zu seiner Frau Marianne, sie lebt noch in Berlin.
Im Spätherbst 1973, am 17. Oktober, erlag Ingeborg Bachmann den Folgen ihres Brandunfalles in Verbindung mit den damals nicht verifizierten, schweren Entzugserscheinungen verschiedener Psychopharmaka, Morphine, vorrangig Seresta, wie man heute weiß. Im von ihm selbst zu Lebzeiten veröffentlichten Berliner Journal ist nicht dokumentiert, was Frisch angesichts der Todesnachricht notierte. Nicht ob und nicht was.
Und auch in dieser neuen Biographie, so viele Jahre später, wird nicht erhellt, was sich dazu im Nachlass findet. Das machte mich neugierig. Es ist bekannt, dass Frischs Gedanken immer wieder um Ingeborg Bachmann kreisten, das verunglückte Ende der Verbindung. In einem filmisch dokumentieren Gespräch in Berzona, am steinernen Tisch im Tessin, Wein auf dem Tisch, überträgt sich körperlich der Aufruhr von Frisch, als sein Interviewpartner ihn nach Bachmann befragt. Man schluckt.
Nach der Runde vorgestern Nachmittag im LCB am Wannsee – zu der ich übrigens zu spät gekommen war – die Fotos entstanden in den letzten Minuten – gab es keine offene Fragerunde für das Publikum, wie ich mir erhofft hatte. Ich ging zum Ende kurz nach vorne zur improvisierten Bühne, Strässle saß noch neben Schütt, und fragte ihn, ob ich ihn später noch etwas fragen könne. „Ja, ja – natürlich!“
Ich drehte eine Runde, holte mir ein Glas vom Côtes du Rhône und sah Schütt dann wieder in einem der ebenerdigen Räume der Villa, wo auch signiert wurde und Bücher aus dem Verlagssortiment gekauft werden konnten. Da stand Julian Schütt hinter einem der Tische und ich steuerte direkt auf ihn zu.
Dass ich sein Buch gelesen hatte und mich infolgedessen ein paar Fragen bewegen, teilte ich ihm mit. Er ganz Ohr. Ich kam gleich auf den Punkt, der mich beschäftigte: da ich wusste, dass er vollen Einblick in den Nachlass und die Aufzeichnungen des Max Frisch-Archivs hatte, wieso sich im in der Biographie dokumentierten Jahr 1973 keinerlei Anmerkung zur Todesnachricht von Ingeborg Bachmann findet. Hat Frisch nichts notiert? Oder weil sich die Notiz innerhalb weitgehend gesperrter Passagen befindet? Wie ich es verstanden habe, gibt es durchaus eine verfügte Sperre, aber es gibt auch eine Notiz. Ein sehr knappe. Das Todesdatum und „Ingeborg gestorben“. Sinngemäß oder wörtlich. Sehr knapp.
Welche Empfindungsflut hinter diesem minimalen Vermerk steht, stand, kann jeder ermessen, der mit dem Verlust eines nahen Menschen konfrontiert war. Paralysiert fluten Erinnerungen das Herz, Worte können nichts ausrichten, unnütz.
Julian Schütt berichtete nun, dass Wegfährten aus diesem Zeitraum erinnerten, dass ein starker Rückzug bei Frisch einsetzte. Er betrank sich, betäubte sich. Über einen Zeitraum von mehreren Wochen, wie ich es verstand. Aber wie schade, dass das nicht in sein Buch einfloss. Es ist kein Geheimnis, dass Frisch Probleme hatte, sein Trinken virtuos zu handhaben. Aber dennoch mühte er sich immer um Disziplin, das Tagwerk hinzubekommen.
Da fiel mir ein, Schütt meine ganz private Einschätzung mitzuteilen, was Frisch von Bachmann entfernte, wegdriften ließ: Frisch hatte bei der Begegnung in Paris eine schillernde Persönlichkeit in der Blüte ihrer Kraft erlebt. Was sich aber bald im Zusammenleben zeigte, war ein Alltag, der kaum bei Tag stattfinden konnte, wenn Ingeborg sediert den größten Teil des Tages verschlief, benebelt, nicht ansprechbar. Ihr Tablettenkonsum hatte nicht nach einer Enttäuschung mit Frisch begonnen, sondern lange vorher. Seine begabte Gefährtin war eine apathische Drogenabhängige, keine kraftstrotzende Göttin. Marianne hingegen besaß die volle Kraft ihrer wachen, aufstrebenden Jugend. Geist und Feuer. Hoffnung und Verheißung. Julian Schütt konnte meine Gedanken nachvollziehen. Er widersprach nicht.
Dann interessierte mich noch, warum Max Frisch der Trauerfeier fernblieb. Die These von Schütt ist, dass er einfach nicht eingeladen war. Im Nachlass findet sich keine Einladung zur Trauerfeier. Die nächsten Angehörigen von Ingeborg Bachmann, wohl insbesondere ihre Schwester pflegte damals ein Feindbild, was Max Frisch anging. Auch eine Art Projektion von Schuldzuweisung, die gerade insofern bedenklich scheint, als heute bekannt ist, dass zum Unfallzeitpunkt großes Interesse aller Angehörigen bestand, den Ruf von Ingeborg zu schützen, keinesfalls zutage treten zu lassen, dass sie eine starke Medikamentenabhängigkeit hatte, zumal von illegal besorgten, verschreibungspflichtigen Morphinen. Das haben schon Wissendere ausgeführt, darum soll es in diesem Eintrag nicht gehen. Aber dieser eine Aspekt, zu hören, wie Max Frisch unmittelbar in der Zeit nach ihrem Tod auf diese doch für ihn erschütternde Mitteilung reagiert hatte, war mir überaus wertvoll.

Pardon, fühle mich an ein schönes Traditionsrestaurant erinnert! Der Name? Zur letzten Instanz! In der Nähe steht eine ganz alte und interessante, die wahre Berliner Mauer… Die ist auch nicht so hoch und so lang.
Na na! Jetzt nicht albern werden.
(Gibt’s noch, das Lokal)
Ich meine die Mauer mit den großen runden Wackersteinen!
Friesische Mäuerchen aus großen runden Wackersteinen gibts zuhauf in Kampen und Keitum… oder hat sich ein Sylter Zweitwohnsitz-Besitzer in Berlin verwirklicht?
Schon bißchen ähnlich, aber natürlich höher und trutziger:
https://www.visitberlin.de/de/historische-berliner-stadtmauer
Ich kannte deinen Blog zuvor nicht und bin vor ca. vier Stunden – frag mich nicht, wie genau, auf deinen ersten Bachmann-Post gestoßen und dann ebenfalls in ein ziemliches Rabbithole gerutscht. Sehr spannend alles, gerade deine verschiedenen Thesen. Jetzt ist es 3.43 Uhr und ich habe eine Frage:
Auf welches Interview beziehst du dich hiermit:
„In einem filmisch dokumentieren Gespräch in Berzona, am steinernen Tisch im Tessin, Wein auf dem Tisch, überträgt sich körperlich der Aufruhr von Frisch, als sein Interviewpartner ihn nach Bachmann befragt. Man schluckt.“
Ich finde zum Beispiel folgendes: https://www.youtube.com/watch?v=uOWTffCQE8o, aber entdecke keine Erwähnung Bachmanns.
Magst du mir auf die Sprünge helfen?
Liebe Grüße
Leider kann ich selbst nicht mehr genau verifizieren, wo ich diesen Ausschnitt fand, er rührt aber mit ziemlicher Sicherheit aus den Gesprächen mit Pilliod in Berzona, innerhalb der „Gespräche im Alter“ von 1985 und 1986 (leider nicht online). Mag auch sein, dass explizit dieser Ausschnitt, der mich so rührte, aus der nur halbstündigen Schnittfassung des einen Gesprächs in sw in Berzona, das auf youtube ist, herausgeschnitten wurde, eben weil Frisch sich damals nicht zur Beziehung mit Bachmann äußern wollte. Insgesamt umfassen die Gespräche in Berzona über vier Stunden Laufzeit. Ich habe sie auch nicht bei mir. Vor einiger Zeit sah ich mir mit großer Ausdauer sehr viele Frisch-Interviews und Dokus an, vielleicht war es auch da irgendwo als Schnipsel hinein editiert. Es gibt noch ein weiteres kurzes Film-Dokument, wo er über Bachmann spricht, aber da war er minimal auskunftsbereit, das war es aber nicht, denn da spricht er sehr gefasst.
Ich stelle gerade fest, ich habe mich mit Ingeborg Bachmann in den vergangenen 22 Jahren (ich blogge seit 2004) in vielen Einträgen beschäftigt. Manchmal kurz, häufiger ausführlicher – falls der Lesestoff ausgeht :-)