Olympus µ [mju:] 140, Kamera-Eingeweide auf Zebra-Serviette und Karton, 27. Mai 2018, 17 x 21 cm, Staatl. Museen v. Gaganien

Im Mai 2018 räumte ich auf. In einer runden, geblümten Schachtel in einem Bücherregal fand ich zwei alte analoge Olympus-Kameras, die beide kaputt waren und auch für keinen Bastler von Interesse. Ich begab mich mit einem scharfen Messer, einem Schraubenzieher und einer Zange auf den sonnigen Balkon in den Halbschatten und zerlegte die erste Kamera. Es war eine Olympus µ [mju:] 140. Ich erkannte an den Kratzspuren am verchromten Ring um das Objektiv, dass es die Kamera war, die ich 2004 in Amerika dabei hatte, als ich im Südwesten unterwegs war, in Nevada und Arizona und Utah, auf dem Weg zur Navajo Nation Reservation, der größten der USA.

Als ich den Grand Canyon sah, und Las Vegas, und die Route 66, und den Antelope Canyon und das Monument Valley, und das inmitten versteckte Mystery Valley, wo ich in einem Hogan übernachten durfte und am nächsten Morgen um 6 Uhr von einem Navajo geweckt wurde, um mich und meine drei Begleiterinnen in einem Jeep zum „Totem Pole“ zu fahren, wo er eine halbe Stunde lang, ohne Unterbrechung, ein Lied in seiner Sprache, ohne viele Worte sang, bis die Sonne aufgegangen war.

Auf der Rückreise, ich glaube im Zion National Park, ging die Kamera kaputt. Ich hatte circa vierundzwanzig volle Filmrollen im Gepäck und hoffte, dass die Bilder brauchbar waren. Ich konnte bei den letzten Aufnahmen deutlich hören, dass sich Sand in der Kamera verfangen hatte, es knirschte jedesmal, wenn ich die Abdeckung auf- und zuschob. Als die Bilder aus dem Labor kamen, sehr große Erleichterung: nur die etwa zehn letzten Fotos hatten eine Streifspur von ein paar Sandkörnern.

Daran dachte ich, als ich die Kamera öffnete. Dass sie mich auf dieser unvergesslichen Reise begleitet hat und irgendwo in ihrem Bauch noch Wüstensand stecken könnte. Und dass ich sie schon deswegen nicht wegwerfen konnte. Ich war dann sehr fasziniert, welche Welten sich mir zeigten, als ich jedes einzelne Teil betrachtete. Die Teile aus verschiedenen Metallen und geschliffenem Glas und die Platine und die kleinen Transistoren wollte ich bewahren, in einer Weise, die ihre Schönheit sichtbar macht. Das sind die Teile, die das Wunder vollbringen, einen Moment zu verewigen, Fotografien zu erschaffen.

2 Antworten auf „27. Juni 2021

  1. Lydia Gebel
    Cool, Gaga goes technical artistic!

    Gaga Nielsen
    Technik ist im Grunde zutiefst romantisch. Also der Grund, wieso sie existiert. Abgesehen von Waffen- und Panzertechnik steckt immer das Streben nach Verwirklichung des Paradieses und phantastischer Möglichkeiten und Erlebens dahinter.

  2. Thomas W.
    Ich besitze diese Kamera auch noch (den Klassiker ohne Zoom), und sie funktioniert und ich habe keinen Grund, sie zu zerlegen 😉

    Gaga Nielsen
    nun umso weniger… siehe oben 🙂

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