
Wesen und Gestalt sind nur begrifflich gespalten,
geheimnisvoll bleibt ihrer Einheit Grund.
老子, 道德經
(Übersetzung Rudolf Backofen, 1949)
19. September 2010
Denke seit zwei Tagen darüber nach, in welchen Bereichen man warum entscheidet, diskret zu bleiben. Über anderes denkt man gar nicht großartig nach. Dann dachte ich so für mich, ich bin in den Bereichen am diskretesten, in denen es eine Unsicherheit gibt. Und dass diejenigen, die ihre menschlichen Bindungen transparent machen, vermutlich eine große Sicherheit darüber empfinden. Interessant auch zu sehen, dass man es als Person des öffentlichen Interesses durch skorpionische Abwehr über ein Vierteljahrhundert schaffen kann, dass so gut wie nichts über das Privatleben an die Öffentlichkeit dringt. Fasziniert mich gerade.

18. September 2010
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Beim Flanieren durch einen Renaissancegarten. Mich suchen seltsame Gefühle heim, wenn ich durch solche Anlagen laufe. Ich empfinde eine Selbstverständlichkeit, die mich irritiert. Dabei hätte ich durchaus nicht gerne ein Schloss, aber wenn ich durch einen Schlossgarten und das zugehörige Gebäude laufe, ist es ein Gefühl wie ‚ja ja, kenn ich‘. So war es im Giardino di Boboli in Florenz und auch in Versailles. In Sans Souci und Herrenchiemsee. Überall. Eine Mischung aus einem erhebenden, vertrauten Gefühl und gleichzeitig beinah an Langeweile grenzender Selbstverständlichkeit. Ich habe dabei aber nicht die Wahrnehmung, dass mich Erkennen aus einer früheren Zeit als Kammerzofe oder Gärtner heimsucht. Meine Schritte sind schon ein bißchen einnehmender, raumgreifender. Das klingt vielleicht für manchen nach Wunschdenken aber tatsächlich ist es nur eine Feststellung. Schwer zu erklären. Als Kind bewahrte ich nach einem Besuch eine Bilderziehhamonika auf, die den maurischen Kiosk von König Ludwig im Park von Schloss Linderhof zeigte. Bis heute ist das der einzige Ort in Linderhof, an den ich mich lebhaft erinnere. Aber sonst finde ich seine und auch andere Schlösser eher ungemütlich, die Fläche der Räume und Gärten allerdings von angemessener Großzügigkeit. Viel lieber als ein Schloss mit einem ausgezirkelten Garten mit Buchsbäumen und Statuen und Treppen und Arkaden hätte ich ein futuristisches Anwesen, ein alleinstehendes Ufo in der Wüste oder einer bergigen Wildnis oder ein Vogelnest an einer Steilküste am Meer. Gewagte Linien. Oder ein Haus von Luis Barragán. Ich weiß nicht, ob das ein Kindheits-déjà vu ist, mit dieser Vertrautheit von Schlössern und ihren Gärten. Oder vom zu viele Sissi-Filme gucken. Ich fühle mich auf eine familiäre Art zuhause und will aber auch wieder weg. So wie man das Gefühl hat, man ist jetzt aber langsam mal alt genug, sich etwas Eigenes zu suchen. Flügge zu werden. Dann gehe ich, aber ohne Sehnsucht.

[…]
18. September 2010
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Beim Flanieren durch einen Renaissancegarten. Mich suchen seltsame Gefühle heim, wenn ich durch solche Anlagen laufe. Ich empfinde eine Selbstverständlichkeit, die mich irritiert. Dabei hätte ich durchaus nicht gerne ein Schloss, aber wenn ich durch einen Schlossgarten und das zugehörige Gebäude laufe, ist es ein Gefühl wie ‚ja ja, kenn ich‘. So war es im Giardino di Boboli in Florenz und auch in Versailles. In Sans Souci und Herrenchiemsee. Überall. Eine Mischung aus einem erhebenden, vertrauten Gefühl und gleichzeitig beinah an Langeweile grenzender Selbstverständlichkeit. Ich habe dabei aber nicht die Wahrnehmung, dass mich Erkennen aus einer früheren Zeit als Kammerzofe oder Gärtner heimsucht. Meine Schritte sind schon ein bißchen einnehmender, raumgreifender. Das klingt vielleicht für manchen nach Wunschdenken aber tatsächlich ist es nur eine Feststellung. Schwer zu erklären. Als Kind bewahrte ich nach einem Besuch eine Bilderziehhamonika auf, die den maurischen Kiosk von König Ludwig im Park von Schloss Linderhof zeigte. Bis heute ist das der einzige Ort in Linderhof, an den ich mich lebhaft erinnere. Aber sonst finde ich seine und auch andere Schlösser eher ungemütlich, die Fläche der Räume und Gärten allerdings von angemessener Großzügigkeit. Viel lieber als ein Schloss mit einem ausgezirkelten Garten mit Buchsbäumen und Statuen und Treppen und Arkaden hätte ich ein futuristisches Anwesen, ein alleinstehendes Ufo in der Wüste oder einer bergigen Wildnis oder ein Vogelnest an einer Steilküste am Meer. Gewagte Linien. Oder ein Haus von Luis Barragán. Ich weiß nicht, ob das ein Kindheits-déjà vu ist, mit dieser Vertrautheit von Schlössern und ihren Gärten. Oder vom zu viele Sissi-Filme gucken. Ich fühle mich auf eine familiäre Art zuhause und will aber auch wieder weg. So wie man das Gefühl hat, man ist jetzt aber langsam mal alt genug, sich etwas Eigenes zu suchen. Flügge zu werden. Dann gehe ich, aber ohne Sehnsucht.

[…]
16. September 2010
Alle, fast alle Newsletter abbestellt. Zwei oder drei, die ich beibehalte. Gar nicht aus Interesse. Eher aus Mitgefühl. Solidarität. Um niemanden – jemanden – nicht vor den Kopf zu stoßen. Die nicht mehr zu beurteilende Qualität und Relevanz trunkener nächtlicher Blogeinträge. Da war noch was. So ein Gedankenfetzen. Weg ist er… ich gehe schlafen. Vielleicht überlebt der Gedanke, seine Essenz. Oder sucht mich in Träumen heim. Früher dachte ich, ich träumte weit weniger, als ich es tue, aber ich könnte heute schwören, ich träume jede zweite Nacht von euch, die ihr mein Leben – – – mir fehlt das allumfassende Verb. Beeinflusstet. Das klingt ja gar nicht schön. Ähnlich blöd wäre penetriertet, infilitriertet, was da noch der Worte wären. Ich sollte schlafen. Darüber schlafen. Alles.
Aber eines sag ich euch, auch als Seelenkriegerin, mit tiefen Schlieren, Wunden, Narben, noch blutend, kann man sich gut fühlen. Stark fühlen. Hoffnung spüren.

auch schön und wahr.
16. September 2010
Alle, fast alle Newsletter abbestellt. Zwei oder drei, die ich beibehalte. Gar nicht aus Interesse. Eher aus Mitgefühl. Solidarität. Um niemanden – jemanden – nicht vor den Kopf zu stoßen. Die nicht mehr zu beurteilende Qualität und Relevanz trunkener nächtlicher Blogeinträge. Da war noch was. So ein Gedankenfetzen. Weg ist er… ich gehe schlafen. Vielleicht überlebt der Gedanke, seine Essenz. Oder sucht mich in Träumen heim. Früher dachte ich, ich träumte weit weniger, als ich es tue, aber ich könnte heute schwören, ich träume jede zweite Nacht von euch, die ihr mein Leben – – – mir fehlt das allumfassende Verb. Beeinflusstet. Das klingt ja gar nicht schön. Ähnlich blöd wäre penetriertet, infilitriertet, was da noch der Worte wären. Ich sollte schlafen. Darüber schlafen. Alles.
Aber eines sag ich euch, auch als Seelenkriegerin, mit tiefen Schlieren, Wunden, Narben, noch blutend, kann man sich gut fühlen. Stark fühlen. Hoffnung spüren.

auch schön und wahr.
16. September 2010
Wir verschwinden
unter dem Brennglas des Moments
es bleibt nichts als ein Umriss
wenn sich das Glück in die Zeit brennt
und ich könnt’ wetten, dass du das weißt
obwohl du es nicht sagst
ich weiß du weißt das
und trotzdem drückst du ab
Und ein Stück von mir
wird ein Teil von dir
doch zu zweit passen wir durch keine Tür
und jeder Raum wird sofort zu klein
und wir wissen beide was nicht sein soll, soll nicht sein
nur manchmal kann ich dich nicht verschmerzen und dann
find ich dich in meinem Herzen
Wolfgang Müller
15. September 2010
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in between
Warum ich wieder durch’s Gestrüpp krauche. Wie eine Katze über Wiesen streune. Ich kehre dahin zurück, woher ich kam. Es ist ein heiler Ort in mir. Mein inneres Zuhause. Manchmal konnte es ein Mensch sein, dem ich vertraute. Wenn die Möglichkeit verloren geht, die Wildnis und den weiten unwägbaren Horizont in einem geliebten Gegenüber zu sehen, gehe ich in die Wildnis und Weite der Landschaft, die einen nie verlässt, die man nur selbst verlässt. Ein trostreicher Ort in der Welt, überall. Wo Vögel fliegen und Federn liegen. Ich fand die Feder eines Mäuse- oder Adlerbussards auf dem Weg. Jemand, den ich kannte, sagte einmal, eine Feder zu finden, ist ein Gruß. Sie findet dich, und bringt dir eine gute Botschaft. Vielleicht, dass jemand an dich denkt. Oder etwas gut wird. Und dass es wichtig sei, wie sie aussieht, die Feder. Sie sollte nicht zerzaust sein, wie ein frischgeschlüpftes Küken. Je heiler die Feder, umso heiler die Botschaft. Die Feder, die ich fand war recht heil, aber nicht ganz. Oben klafft sie ein bißchen auseinander, wie eine kleiner Einschnitt. Es fehlt eine winzige Zacke. Sonst sind alle Federhaare intakt. Sie ist nicht perfekt, aber die Zacke kommt mir vor wie ein Muttermal oder eine kleine Narbe. Das macht sie nicht weniger schön oder weniger liebenswert. Eher interessanter. Ich hab sie mit nach Hause genommen.

Hope is the thing with feathers
That perches in the soul
And sings the tune without the words and never stops at all
And sweetest in the gale is heard
And sore must be the storm
That could abash the little bird
That kept so many warm
I’ve heard it in the chillest land
And on the strangest sea
Yet, never, in extremity
It asked a crumb of me
Emily Dickinson

15. September 2010
15. September 2010
15. September 2010
14. September 2010

Foto: Erik Weiss
Gedenkzettel, nächste Woche. Die interessantesten Begegnungen waren noch nie von langer Hand geplant. Sie flatterten einfach so zu. Immer schon. Manchmal durch den Briefkasten. Nur ein Katzensprung. Ich freu mich sehr. Das schaffen Einladungskarten zu Vernissagen nicht so sehr oft. Ich rief Jan an, als ich die Karte gelesen hatte. Vielleicht kommt er auch. Farin hatte immer meine Sympathie, schon als ich ihn das erste mal in einer Sendung anlässlich der Filmfestspiele im Einstein sah. 1986. Ich war da nicht, ich sah die Sendung hunderte Kilometer von Berlin entfernt im Fernsehen. Die Ärzte mischten die kulturbeflissene Sendung ein bißchen auf, weil sie sich dem Frage- Antwort-Spiel nicht so recht unterwerfen wollten, aber sehr lustig und das Publikum mochte das, spürbar. Farin hatte schon immer schöne Zähne und dieses freche Lachen. Wie ein Stück innere Heimat begleitete mich dieser Geist durch meine Berliner Jahre, ohne ihnen je begegnet zu sein. Das ist schon merkwürdig. Alles. Und jetzt, fast fünfundzwanzig Jahre später bekomme ich diese unerwartete Einladungskarte. Farin Urlaub wird anwesend sein heißt es da. Ich freue mich. Ganz furchtbar.
13. September 2010
Lenny Kravitz singing an acoustic version of his song Thinking of You, a tribute to his mama from his 1998 album five. Recorded August 28, 2010.
13. September 2010

Zur Freundin sage ich „Bali hat mich etwas enttäuscht. Also Bali muß man sich nicht unbedingt ansehen“. Freundin auch enttäuscht: „Ach! Gerade Bali stelle ich mir so toll vor“!. Ich: „Na ja ich ja eigentlich bis jetzt auch immer. Aber das Klima, da wo ich war, na ja du weißt schon, das ist ja nun überhaupt nichts für mich. Ganz furchtbar. So feucht schwül. Ich wollte gleich wieder weg! Und die Blumen gibt’s auch bei Blume Zweitausend!“
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[…]
12. September 2010
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Wenn der Blick aus dem Balkonzimmer in díe Höhe schweift, nach rechts Richtung Westen. Über die Dächer der Oranienburger Straße, zur Kuppel der Synagoge. Die Dächer glitzern wie tauende Gletscher. Ich blinzle in die Abendsonne und hole die Kamera, mit meinen zusammengewurstelten Haaren. Neulich erzählt mir meine Freundin, sie macht das auch als erstes, wenn sie nach Hause kommt. Raus aus den Straßenklamotten, weg mit Slip und BH und was Bequemes an. Und Haare hoch. Egal wie.

11. September 2010
Den Apfelbaum schütteln. Von oben, von meinem Fenster sieht er so klein aus. Aber von unten, auf der Wiese muss man nach oben schauen, um die Äpfel zu sehen. Sie hängen hoch. Man kann nicht einfach den Arm ausstrecken. Oder warten, bis sie ins Gras fallen. Der Baum ist noch jung. Zum ersten mal ist er mir aufgefallen, als ich am zweiten September aus dem Fenster schaute. Er ist mitten auf der Liegewiese am Gipsdreieck. Auf der Wiese bin ich nie, weil ich meinen sonnigen Platz hier oben habe, wo mich keiner sieht, aber ich gucke immer mal runter, wer gerade so Picknick macht. Ein Apfelbaum ist etwas besonders Schönes, finde ich. Im Garten meiner Eltern stehen fünfzehn Apfelbäume. Vielleicht sind es jetzt auch mehr. Als Kind hab ich sie einmal gezählt. Äpfel hab ich immer zuhause. Ich esse das Kerngehäuse immer mit. Ratzeputz.

11. September 2010
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September. Septembermond. Samstag, vierter September 2010. Kurz bevor ich das Haus verließ. Ich glaube, ich ging nur Sachen kaufen, die man so braucht. Nichts weiter. Die vielen sich wiederholenden Bewegungen und Schritte und Griffe, die später das Leben gewesen sind. Die Stunden, Zeiten ohne tiefere Blicke, das ganze Dazwischen. Briefkasten und Supermarkt. Tomaten und Klopapier. Im Sparmarkt in der Großen Hamburger gibt es jetzt einen großartigen Côtes du Rhône. Bio steht drauf. Aber deswegen ist er wahrscheinlich nicht so gut. Die Bio-etikettierten Weine die ich bis jetzt getrunken habe, waren nicht bemerkenswert. Aber der trinkt sich wie Glück. Marquis de Valclair steht kleingedruckt auf dem Etikett. Ich kaufe jetzt immer gleich ein paar Flaschen. Ich erinnere mich an die nette Kassiererin, die wissen wollte, ob das ein Wochenendeinkauf sei. Sie meinte gar nicht den Wein, sondern all die anderen Sachen. Es war ja Wochenende und so sagte ich „Ja – !“ Sie staunte und wiederholte die Frage etwas differenzierter, ob das ’nur‘ für das Wochenende wäre. Ach so… „Nein, das ist schon für ein bißchen länger, das wäre ja ein bißchen viel sonst…“ Ich gehe ja lieber nur einmal die Woche alles kaufen, was man so braucht. Von Kleinigkeiten abgesehen. Weiß nicht, warum sie sich so interessierte für meinen Einkauf. Ich packte meine Tüten, ein bißchen an der Seite neben dem Eingang. Sie kassierte weiter und guckte immer wieder zu mir rüber. Ob die drei Tüten denn reichen würden? „Aber ja!“ „Sicher?“ grinste sie. Ich grinste zurück. Sie war hübsch. So eine freche Berliner Pflanze mit großem Pippi-Langstrumpf-Mund und langen blonden Haaren. Im Schulmädchenreport hätte sie ein schwedisches Au pair-Mädchen mit gesundem Appetit auf alles Erdenkliche spielen müssen. Zuhause dachte ich wieder darüber nach, woher dieser Quatsch kommt, dass Berliner angeblich unfreundlich wären. Zu mir war noch nie einer unfreundlich. Im Gegenteil. Und ich hab nicht meine Krone auf dem Kopf, wenn ich einkaufen gehe. Wieder ein Blogeintrag fertig. Noch ein Schluck Rotwein und dann rüber in die Höhle.
10. September 2010

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ich weiß nicht ob ich schreiben soll, warum ich weinen musste, als ich den vorletzten Satz, oder war es der vorvorletzte auf der Karte mit dem Fliederstrauß las. Es ist spät. Ich trinke den Rest einer Flasche Côtes du Rhône, die ich gestern aufgemacht habe. Ach… lieber nicht. Lindenblatt. André Heller schon wieder. „Wenn’s regnet, dann wachsen die Regenbögen, wenn’s schneit, dann wachsen die Sterne, bei Sonne das wachsen die Schmetterlinge und immer, immer hab ich dich gern…“

aux fleurs
09. September 2010
soll’s rote
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[ da capo ]
Man könnte Katja Epstein zitieren. (Ach nein… Rudolf Günter Loose hat den Text geschrieben, 1970). Manches kann man schwer erklären. Ich glaube ich gucke anders, wenn ich weiß was passiert, hinter der Biegung des Weges. Einen Moment dachte ich an Herbst. Was weiß ich, wie sich asiatisches Blattwerk im September zeigt. Und gibt es nicht diesen Ahornbaum mit roten Blättern… und andere vielleicht…? Eine ganze Weile dachte ich das. Bis ich näher kam, ganz nah.
[…]
08. September 2010
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DES WIEDERGEWONNENEN MONDES.

Unseren schönen Wahn zu preisen, will ich einen Park anlegen. Als Gehege deiner Gesten, als botanisches Gedicht. Labyrinthe, Teepagoden, Wasserkünste, Schwanenteich. Laubengänge, Sonnenuhren, stummer Gärtner, kühles Reich. Feuerlilien vom Ussuri, Bambus aus dem Jangtsekiang. Nachtigallen und Papageien geben uns Begleitgesang
André Heller
07. September 2010
Nemrut.
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Die Archäologie eines Tages. Das klingt ein bißchen geschraubt. Geschraubtes ist eigentlich nur als satirisches Stilmittel erlaubt. Aber trotzdem hat jegliches Erinnern etwas von Ausgraben und Pusten und noch einmal gegen das Licht halten. Das geht auch mit ganz junger Vergangenheit. Ich treibe das zur Meisterschaft. Keiner ist schneller darin als ich, im gerade Erlebten bereits das sentimentale Glitzern zu spüren. Wenn die Sentimentalität auf die Gegenwart trifft, ist man dann irgendwann endlich am Ziel. Manchmal gelingt mir das. Immer öfter tut es das. Komisch, in meiner Kindheit und Jugend galt ‚tut‘ als Tabu. Tut sagt man nicht! Das ist mir wurscht. Jetzt bin ich also fünfundvierzig geworden und ich will es nicht verschreien, wie es sich anfühlt. Aber manchmal, denen, die mir nah sind, will ich es sagen, was daran gut ist. Und auch tragisch. Denen sag ich es ja auch. Hinter den Kulissen. Am Telefon. Aug in Auge, Zahn um Zahn. Einiges werde ich auch hier mitteilen. Ich hab nämlich ein paar Sachen herausgefunden. Vielleicht ist doch eine Wissenschaftlerin an mir verloren gegangen. Schreibt man das jetzt auseinander? Auf jeden Fall fällt mir gerade wieder sehr auf, dass ich mir angewöhnt habe, an diesem bestimmten Tag etwas besonderes zu erleben. Und immer funktioniert es. Und warum nur an diesem Tag? Wie blöd ist das denn? Es funktioniert auch an jedem anderen Tag. Wie alt muss man werden, um wenigstens ein Drittel oder Viertel seiner Lebenszeit etwas besonderes vorzuhaben? Ich sage nicht die Hälfte oder das Ganze, weil ich ein Mensch bin, der Sachen gerne verarbeitet, Erlebnissen nachspürt. So ein Nachklingen. Das ist sehr schön. Und Teil des Erlebens. Pausen sind auch wichtig. Na ja. Ihr wisst schon. Ich machte eine Pause bei meinen archäologischen Ausgrabungen. Mit einem Apfel und zwei hartgekochten Eiern. Und Blick in die Nachmittagssonne eines fremden Ortes. Ich nenne ihn Nemrut.
01. September 2010
„(…) Eine ehem. Klassenkameradin erwähnte gestern, daß wir im April silberne Konfirmation haben. Erstmal wußte ich gar nicht, daß es so einen Blödsinn überhaupt gibt, und zweitens muß ich an dem Tag sicherlich gerade dringend wohin.“
Tina H.

Sonne Konjunktion Sonne
you made my day
P.S. ich hab gerade Erlaubnis gekriegt, ihre Antwort zu zitieren: „(…) Ich glaube, ich sagte ihr noch irgendwas von „keine Zeit“ und „ich habe keine kirchlichen Klamotten, nur göttliche, die dazu nicht passen“
07. September 2010
Nemrut.
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Die Archäologie eines Tages. Das klingt ein bißchen geschraubt. Geschraubtes ist eigentlich nur als satirisches Stilmittel erlaubt. Aber trotzdem hat jegliches Erinnern etwas von Ausgraben und Pusten und noch einmal gegen das Licht halten. Das geht auch mit ganz junger Vergangenheit. Ich treibe das zur Meisterschaft. Keiner ist schneller darin als ich, im gerade Erlebten bereits das sentimentale Glitzern zu spüren. Wenn die Sentimentalität auf die Gegenwart trifft, ist man dann irgendwann endlich am Ziel. Manchmal gelingt mir das. Immer öfter tut es das. Komisch, in meiner Kindheit und Jugend galt ‚tut‘ als Tabu. Tut sagt man nicht! Das ist mir wurscht. Jetzt bin ich also fünfundvierzig geworden und ich will es nicht verschreien, wie es sich anfühlt. Aber manchmal, denen, die mir nah sind, will ich es sagen, was daran gut ist. Und auch tragisch. Denen sag ich es ja auch. Hinter den Kulissen. Am Telefon. Aug in Auge, Zahn um Zahn. Einiges werde ich auch hier mitteilen. Ich hab nämlich ein paar Sachen herausgefunden. Vielleicht ist doch eine Wissenschaftlerin an mir verloren gegangen. Schreibt man das jetzt auseinander? Auf jeden Fall fällt mir gerade wieder sehr auf, dass ich mir angewöhnt habe, an diesem bestimmten Tag etwas besonderes zu erleben. Und immer funktioniert es. Und warum nur an diesem Tag? Wie blöd ist das denn? Es funktioniert auch an jedem anderen Tag. Wie alt muss man werden, um wenigstens ein Drittel oder Viertel seiner Lebenszeit etwas besonderes vorzuhaben? Ich sage nicht die Hälfte oder das Ganze, weil ich ein Mensch bin, der Sachen gerne verarbeitet, Erlebnissen nachspürt. So ein Nachklingen. Das ist sehr schön. Und Teil des Erlebens. Pausen sind auch wichtig. Na ja. Ihr wisst schon. Ich machte eine Pause bei meinen archäologischen Ausgrabungen. Mit einem Apfel und zwei hartgekochten Eiern. Und Blick in die Nachmittagssonne eines fremden Ortes. Ich nenne ihn Nemrut.
06. September 2010

Immer wieder erreichen mich Bitten, in welchen der Wunsch an mich herangetragen wird, Einblicke in mein Heim zu gewähren. Viele Jahre habe ich darüber nachgedacht, wie ich diesem wiederkehrenden Wunsche gerecht werden könnte, ohne meine Privatheit zu gefährden. So dachte ich mir, es wäre an der Zeit, zumindest einen Blick in den Innenhof meines kleinen Serails zu ermöglichen. Die Orangenbäume blühen gerade so herrlich. Der Gärtner korrigiert mich: die Orangenbäume tragen erste Früchte! Ja, so ist es richtig! Ich kann mich natürlich nicht selbst um die Pflege all der herrlichen Gewächse aus dem Orient (meiner Heimat) kümmern. Aber schauen Sie doch selbst. Ich hoffe, dass dieser Einblick ein wenig dem vielfachen Wunsche gerecht werden kann. Ich interessiere mich natürlich auch für Bilder aus Ihrem Heim! Vielleicht haben Sie ja auch eine Vorliebe für diese maurischen Mosaiken, so wie ich! Natürlich gibt es auch einen Springbrunnen und mehrere Wasserbecken, die Sie hier jetzt leider nicht abgebildet sehen. Ich habe diese herrlichen Mosaikarbeiten bei einem Meister seiner Zunft, dem Chefrestaurator der Alhambra in Auftrag gegeben, die sich leider nicht mehr im Familienbesitz befindet. Viel Freude bei dem Rundgang in meinem kleinen Juwel!
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P.S. heute Abend wird mein guter alter Freund Cheb Khaled zu Gast sein und uns seine Weisen vortragen! Er hat mir aus alter Freundschaft erlaubt, eine Aufnahme zur Untermalung der kleinen Bilderschau hier einzustellen:
INSHALLAH
01. September 2010
„(…) Eine ehem. Klassenkameradin erwähnte gestern, daß wir im April silberne Konfirmation haben. Erstmal wußte ich gar nicht, daß es so einen Blödsinn überhaupt gibt, und zweitens muß ich an dem Tag sicherlich gerade dringend wohin.“
Tina H.

Sonne Konjunktion Sonne
you made my day
P.S. ich hab gerade Erlaubnis gekriegt, ihre Antwort zu zitieren: „(…) Ich glaube, ich sagte ihr noch irgendwas von „keine Zeit“ und „ich habe keine kirchlichen Klamotten, nur göttliche, die dazu nicht passen“
31. August 2010

Ein Eintrag, bevor die Turmuhr schlägt. Ich war doch bei diesem Suhrkamp-Geburtstag im LCB. Wegen Angela Winkler vor allem. Als ich genug Leuchtballons fotografiert hatte und die dunkle Terrasse betrat, sprach mich ein junger Mann mit Namen an. Er guckte irgendwie familiär und ich grübelte, woher wir uns kennen könnten. Weil er ziemlich gut aussah, überlegte ich, ob da vielleicht mal was war, aber wenn, schoss es mir durch den Kopf, würde er mich jetzt sicher nicht so unbefangen anlächeln. Außerdem bin ich aus dem Alter raus, wo man sich nicht mehr an seine Schandtaten erinnert. Ich erinnere mich inzwischen an alles. Mein Gedächtnis ist so gut, dass ich selber manchmal erschrecke und mich frage, ob es sich um eine Art Überfunktion handelt, so wie Schilddrüsenüberfunktion. Ein bißchen mehr Vergessen täte mir in vielerlei Hinsicht bestimmt sehr gut. Na ja. Ich musste kein wirklich schlechtes Gewissen haben, dass ich nicht sofort wusste, woher er mich kannte. Es war nur ein einziger Abend in einer Kreuzberger Kneipe mit ein paar anderen Bloggern vor über drei Jahren, und er saß auch am anderen Ende des Tisches.
Ich erzählte ihm, dass ich hauptsächlich wegen Angela Winkler gekommen sei, weil es diesen roten Faden von Verwechslung und Vergleich gäbe und ich mir selbst ein Bild machen wollte. „Stimmt“ meinte André, „du siehst ihr wirklich ähnlich“. Fand ich zwar immer noch nicht so sehr, aber sympathisch war sie mir schon, soweit ich das von Fotos und Filmausschnitten beurteilen konnte, und wie sie mir da bei meiner Zahnärztin lächelnd entgegengekommen war. Das erste mal war mir ihr Bild auf dem Einband der Taschenbuchausgabe „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ begegnet. Ich war vielleicht dreizehn oder vierzehn. Wir nahmen diesen verfilmten Böll im Deutschunterricht durch und ich fand es eine schöne Hausaufgabe, Romankapitel zu lesen, weil ich sowieso gerne las.
Auch auf der Terrasse wurde gerne gelesen und ich holte mir ein zweites Glas. Irgendein spanischer Rotwein mit ordentlich Tannin. Wir schlenderten Richtung Wintergarten, wo schon ziemliches Gedrängel herrschte. Ich bemerkte beiläufig „Wenn man jetzt unbedingt was aufreißen wollte, wäre schon so einiges dabei.“ Das war eigentlich gar nicht als Kalauer gedacht. Ich fand wirklich, dass eine ungewohnt unüberschaubare Menge an attraktiven Menschen durch die Räume der alten Wannseevilla wimmelte. Christian Brückner saß auf einer Tischkante und ich spürte den Pfeil seiner Energie. Gut sah er aus. Der wird irgendwie auch nicht älter. Attraktive, kultivierte Menschen. Autorenfotos an der Wand. Fotogene Köpfe unter den Suhrkamp-Autoren. Den sehr charismatischen Florian Havemann hab ich leider verpasst, aber Jan hat ihn tagsüber im Sonnenlicht erwischt. Ich war ja, wie schon mehrfach erwähnt, vor allem wegen Frau Winkler da.
Und nun war es also so weit. Ich versuchte mich etwas mehr anzunähern, ohne zu drängeln. Da stand sie, rechts vom Flügel und strahlte wie ein siebzehnjähriges Mädchen. Ich muss dieses klischeehafte Bild bemühen, weil mir einfach kein besseres einfällt. Ich spürte, dass sie gut gelaunt war und möglicherweise ein kleines bißchen betrunken. Was sich aber außerordentlich charmant auswirkte. Aber vielleicht ist sie ja auch immer so. Sie begann den Vortrag mit der Bemerkung, sie wüsste eigentlich gar nicht genau, was sie jetzt machen soll und was von ihr erwartet wird und irgendwo hätte gestanden, dass sie heute Abend Brecht singt, und sie wüsste auch nicht, aber sie singt dann halt einfach mal irgendwas jetzt. Wie sie da so unvorbereitet redete, musste man sie gleich gern haben. Dann hat sie ein sehr sentimentales Chanson der verstorbenen Barbara gesungen. Nicht, dass sie jetzt die umfangreichste Stimme hätte, aber was für eine Hingabe. Ans Herz rührend. Nach dem zweiten Lied fragte sie „gefällt es Ihnen denn ein bißchen?“ Man hatte noch nicht einmal den Eindruck, dass die Frage kokett war, obwohl man es so empfinden musste. Die Herzen flogen wie Rosenblätter in die Ecke mit dem Flügel.
Ich konnte schwer begreifen, dass dieses mädchenhafte Wesen mit dem explosiven Lächeln eines Kobolds eine sechsundsechzigjährige Frau sein sollte. Eine Dame im Seniorenalter. Wenn sie irgendwie gesetzter ausschauen würde, würde man von ihr vielleicht als der ‚großen Mimin‘ oder der ‚Grande Dame‘ des deutschen Theaters reden. Aber das passt hinten und vorne nicht. Man denkt bei solchen Ehrentiteln automatisch an eine gesetztere, robuste Erscheinung. Aber nicht an jemand wie Angela Winkler. Ich war angetan. Mir fällt Magnetismus ein. Eine Spur Romy, nur elektrischer und auch ein bißchen Nico. Aber vor allem Angela Winkler. Erotisierte Heiterkeit erfüllte den Raum. Vor mir stand die Schauspielerin Katja Bienert. Zufällig hatte ich erst zwei Tage zuvor irgendwo im Internet gelesen, dass sie am gleichen Tag wie ich Geburtstag hat. Sie drehte sich plötzlich zu mir um und fragte, ob ich gerne ihren Platz einnehmen wollte, sie hatte meine Kamera gesehen. Wirklich nett. Es war recht dunkel, ich konnte eigentlich nur Bilder machen, die schön sind für mein eigenes Erinnern, ganz furchtbar verrauscht. Aber den Zauber hab ich eingefangen.
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[…]
30. August 2010

Gerade gelesen, dass man Heilerde auch essen kann. Oder trinken. Ich probier das gleich mal. Mein neuestes Hobby ist, mich zu behandeln, obwohl ich nicht krank bin. So zur Vorbeugung! Außerdem will ich austesten, ob man damit so eine Art Turbo-Energie-Beschleunigung auslösen kann. Also die Logik zugrundegelegt: krank, schwach + Heilmittel = gesund, stark. Was ergibt dann gesund + Heilmittel? = Ekstase?!? Ich will das unbedingt wissen.
28. August 2010
I remember you well at the Chelsea Hotel
Ein verlorener Kuss, ein vergessener Blick




kommen nie mehr im Leben zurück
[…]
30. August 2010

Gerade gelesen, dass man Heilerde auch essen kann. Oder trinken. Ich probier das gleich mal. Mein neuestes Hobby ist, mich zu behandeln, obwohl ich nicht krank bin. So zur Vorbeugung! Außerdem will ich austesten, ob man damit so eine Art Turbo-Energie-Beschleunigung auslösen kann. Also die Logik zugrundegelegt: krank, schwach + Heilmittel = gesund, stark. Was ergibt dann gesund + Heilmittel? = Ekstase?!? Ich will das unbedingt wissen.
29. August 2010
Gaga Bond, die Frau im Mond.
danke, André.
28. August 2010
An jenem Tag, im blauen Mond September, still unter einem jungen Pflaumenbaum, da hielt ich sie, die stille bleiche Liebe in meinem Arm wie einen holden Traum.
Und über uns, im schönen Sommerhimmel, war eine Wolke, die ich lange sah. Sie war sehr weiß, und ungeheuer oben, und als ich aufsah, war sie nimmer da.
Seit jenem Tag sind viele, viele Monde, geschwommen still hinunter und vorbei. Die Pflaumenbäume sind wohl abgehauen und fragst du mich, was mit der Liebe sei?
So sag ich dir: ich kann mich nicht erinnern. Und doch, gewiß, ich weiß schon, was du meinst. Doch ihr Gesicht, das weiß ich wirklich nimmer, ich weiß nur mehr: ich küsste es dereinst.
Und auch den Kuss, ich hätt‘ ihn längst vergessen, wenn nicht die Wolke da gewesen wär. Die weiß ich noch und werd ich immer wissen, sie war sehr weiß und kam von oben her.

Die Pflaumenbäume blühn vielleicht noch immer, und jene Frau hat jetzt vielleicht das siebte Kind. Doch jene Wolke blühte nur Minuten und als ich aufsah, schwand sie schon im Wind.
(B. Brecht, Erinnerung an die Marie A., 21. Februar 1920)
28. August 2010
[ interessant ]
„Am interessanten von den vieren finde ich die Moses-Illusion. Dachte, als ich das las (ich kannte auch keinen der vier Begriffe), an das Phänomen, wenn man etwas mit großer Selbstverständlichkeit aussagt oder sich betont souverän bewegt, wird die Aussage für bare Münze genommen oder die Souveränität zugestanden. Mir fällt da als Beispiel ein, wie ich einmal auf einem Messegelände keinen Eintritt zahlen wollte und beschloss, betont geschäftig und souverän über den Lieferantenparkplatz durch einen Nebeneingang in die Messehalle zu gehen. Da waren andere Mitarbeiter, die mich sehen konnten. Ich konnte unbehelligt durch die Tür gehen. Da hatte ich deutlich das Gefühl, dass es an der berechnenden Art mich zu bewegen lag, als gehörte ich dazu. Funktioniert sicher nicht immer, aber oft. Warum sollte man auch alles anzweifeln. Deshalb wirkt dieser Moses-Effekt. Man verlässt sich auf die „glaubwürdige Ausstrahlung“ des Vortrags der Aussage, ohne den Inhalt anzuzweifeln. So funktioniert auch die Tagessschau und das Heute-Journal. Die können den größten Mist erzählen, niemand überprüft das, weil diese öffentlich rechtlichen Nachrichten-Kanäle einen Seriositäts-Nimbus haben, den kaum jemand anzweifelt. Von investigativen Internet-News-Channels abgesehen.“
28. August 2010
I remember you well at the Chelsea Hotel
Ein verlorener Kuss, ein vergessener Blick




kommen nie mehr im Leben zurück
[…]
27. August 2010
Ah, das ist ja schon morgen, das Sommerfest im Literarischen Colloquium am Wannsee. Ab Nachmittag kein Regen auf dem Radar! Mal sehen, ob ich schon um drei zu Gregor Gysi gucke. Aber Angela Winkler will ich aus bestimmten Gründen am Abend auf jeden Fall sehen! Der Suhrkamp Verlag feiert seinen sechzigsten Geburtstag. Ich mag diese Villa am Sandwerder sehr. Am Schönsten ist mir das Fest vor fünf Jahren in Erinnerung. Dazu hab ich auch was geschrieben. Damals feierte der Verlag Hoffmann und Campe sein zweihundertfünfundzwanzigjähriges Bestehen. Dagegen ist Suhrkamp ja noch im Strampelanzug, mit seinen sechzig Jährchen. Mal gucken, was ich anziehe.

25. August 2010
Kopf ist voll
heraus platzt der Brei
nun steht es fest:
die Gedanken sind frei
Zu viel von allem!
Erdrückt
von Klängen und Farben,
die durchaus
etwas Beengendes haben
sitze ich hier
und das,
woran ich zu leiden habe
ist eine dämliche
Schreibblockade
Fabian, der Wortpirat
(auch sehr süß: „Mathe ist ein Arschloch“ „(…) Ich war es Leid und viele von euch werden mich verstehen, als ich beschloss die Mathematik zu töten!“)
26. August 2010
Über einen Eintrag in einem befreundeten Bibliotherapie-Blog bin ich soeben darauf gestoßen, dass es in Amerika bereits seit dreißig Jahren ein viel schöneres Wort für Befindlichkeitsbloggen gibt, nämlich Poetry Therapy. Selbst Poesietherapie klingt ansprechender und ist meines Erachtens auch viel besser geeignet, um Respekt, Verständnis und Mitgefühl für den gesamten Vorgang zu wecken. Auch mache ich mir so meine Gedanken, ob es nicht an der Zeit wäre, eine Petition zur Senkung der gesetzlichen Krankenversicherungsbeiträge für Blogger bei den hiesigen Krankenversicherungsverbänden einzureichen, da die gar nicht hoch genug anzusetzende finanzielle Entlastung der Solidargemeinschaft durch diese preisgünstige Form der Selbst-Medikation tausender Blogger endlich eine Würdigung erfahren sollte, die sich auch im Portemonnaie bemerkbar macht. Alternativ könnte ich mir einen Zuschuss für die erforderlichen medizinischen Zusatzgeräte- und Vorrichtungen (Flatrate/Notebook/Digitalkamera) vorstellen. Ich denke, da wird sich eine Lösung finden!

⇒ Deutsche Gesellschaft für Poesie- und Bibliotherapie.
26. August 2010
Über einen Eintrag in einem befreundeten Bibliotherapie-Blog bin ich soeben darauf gestoßen, dass es in Amerika bereits seit dreißig Jahren ein viel schöneres Wort für Befindlichkeitsbloggen gibt, nämlich Poetry Therapy. Selbst Poesietherapie klingt ansprechender und ist meines Erachtens auch viel besser geeignet, um Respekt, Verständnis und Mitgefühl für den gesamten Vorgang zu wecken. Auch mache ich mir so meine Gedanken, ob es nicht an der Zeit wäre, eine Petition zur Senkung der gesetzlichen Krankenversicherungsbeiträge für Blogger bei den hiesigen Krankenversicherungsverbänden einzureichen, da die gar nicht hoch genug anzusetzende finanzielle Entlastung der Solidargemeinschaft durch diese preisgünstige Form der Selbst-Medikation tausender Blogger endlich eine Würdigung erfahren sollte, die sich auch im Portemonnaie bemerkbar macht. Alternativ könnte ich mir einen Zuschuss für die erforderlichen medizinischen Zusatzgeräte- und Vorrichtungen (Flatrate/Notebook/Digitalkamera) vorstellen. Ich denke, da wird sich eine Lösung finden!

⇒ Deutsche Gesellschaft für Poesie- und Bibliotherapie.
26. August 2010
PALOMA PICASSO: (…) Ich war ein sehr stilles kleines Mädchen, ich konnte Stunden neben meinem Vater sitzen, während er gearbeitet hat. Nervös bin ich erst geworden, als ich andere seinetwegen die Augen aufreißen sah. Für mich war er einfach mein Vater. Wenn wir ausgingen, bat man ihn überall um Autogramme, es war wie das Leben mit einem Rockstar. Er war sehr zugänglich, man konnte leicht mit ihm ins Gespräch kommen.
VOGUE: Dann mussten auch Sie keine Angst vor ihm haben?
PALOMA PICASSO: Nein, und die meisten Väter würden sich um die schulische Leistung ihrer Kinder Sorgen machen. Ihm war das völlig egal! „Schau mich an“, pflegte er zu sagen, „ich war auch schlecht in der Schule. Mach dir keine Sorgen.“
25. August 2010
Kopf ist voll
heraus platzt der Brei
nun steht es fest:
die Gedanken sind frei
Zu viel von allem!
Erdrückt
von Klängen und Farben,
die durchaus
etwas Beengendes haben
sitze ich hier
und das,
woran ich zu leiden habe
ist eine dämliche
Schreibblockade
Fabian, der Wortpirat
(auch sehr süß: „Mathe ist ein Arschloch“ „(…) Ich war es Leid und viele von euch werden mich verstehen, als ich beschloss die Mathematik zu töten!“)
23. August 2010
23. August 2010
23. August 2010
22. August 2010
Sich selber rufen. Sich bei Lebzeiten nachrufen. Habe Bilder gemacht. Ja ja. Noch mehr. Es gibt so Schübe. Gesundheits-. Bei akuten Gesundheitsschüben manifestieren sich die Symptome in digitalen Bildern. Mein Sein. Was ich sehr mochte mag, gerade zuletzt, war der zwingende Charakter des Privaten, Persönlichen, Fleischlichen, Verletzten, Verlustigen, Liebenden bei Christoph. Da kam es, dass ich ihn nur noch Christoph nannte. So für mich. Vorher war er Schlingensief. Plötzlich war er so nah. Ist. Aber ich wollte dir nicht nachrufen, sondern mir selbst.

Ich nahm das Notebook mit auf den Balkon, sah schnell, dass das Licht zu gleißend war, um noch irgendeinen Kontrast zu erkennen. Auch mit Sonnenbrille kaum. Musik an. Klappe zu. Ich holte das Vogue-Heft, das ich zum Warten auf Frida gekauft hatte und legte es schützend auf den kleinen Rechner. Das Heft bedeckte gerade so das silbergraue Rechteck. So wird es die Hitze besser aushalten. Ich war zu faul, das Notebook mit den kleinen Lautsprechern wieder ins Zimmer zu räumen. Kaffee. Immer wieder Kaffee. Und Wasser. Gestern war das. Ich blätterte in dem wenig gelesenen Heft, las ein bißchen. Ganz schöne Sachen. In einer Fotostrecke entdeckte ich ein mir bekanntes Gesicht und dachte komisch, jemanden auf einem großen Foto in der Vogue zu finden, mit dem ich neulich einen trinken war. Die Bindung* löste sich auf.

Es gab zwei Bücher auf dem Balkon. Just kids, das ich gerade fertig gelesen hatte und noch einmal begann. Was ich noch nie tat. Ich habe noch niemals ein Buch gelesen, zugeklappt, und ein paar Stunden später wieder von vorne angefangen, als wäre es ganz neu. Obwohl – vielleicht hab ich das als Kind mit meinen Petzi-Büchern gemacht. Das kann schon sein. Ich hab hundert mal dieselben Bilderbücher angeschaut und gelesen. Weil ich mich immer wieder über bestimmte Bilder und Stellen freuen wollte. Das hat prima geklappt. Pattis Buch rührte mich von der ersten Seite. Petzi und Patti klingt ja auch ein bißchen ähnlich. Und jetzt, wo ich weiß, wie die Geschichte war, will ich sie noch einmal lesen. Mit dem Wissen um alles. So, wie sie es mit jenem Wissen schrieb. Den vielen kleinen und großen Bildern und déjà vus noch einmal nachspüren, die sie auf die Seiten wirft. Aus der Zeit. Aus Zeiten. Zurückholt, noch einmal leben lässt. Und wieder. Und wieder. And again. And again. And again. … play it again Sam…

Und ein Bilderbuch. Ich hab es schon ein paar mal durchgeblättert. Es ist wie ein Film. Das sieht man ja auf den Fotos, auf meinen. Es war ein schöner Sommerferientag, gestern in Berlin. Ich stand auf, um die Kamera in den Schatten zu legen und erhaschte mein Bild, das mich in der Scheibe reflektierte. So entstehen meine Bilder eigentlich immer. Ich habe das schon manchmal befreundeten Bloggern erzählt. Ich lebe sozusagen so vor mich hin und sehe plötzlich einen Ausschnitt meines Daseins, der mir wie ein Foto vorkommt. Und dann hole ich die Kamera und drücke einfach drauf. Auf das Gelebte. Erlebte. Das kleine große Stück Leben. Es ist ganz einfach. Man muss sich ein bißchen bemühen, es sich möglichst schön zu machen. So schön, dass man die Kamera drauf halten will. Klingt irgendwie total einfach, jetzt wo ich es lese.

Es gibt aber ein paar Sachen, von denen man denkt, man hat keinen Einfluss darauf, ob sie schön oder nicht schön verlaufen. Darüber denke ich viel nach. Wenn ich es rausgekriegt habe, erfahrt ihr es als Erste. Obwohl ich schon eine diffuse Ahnung habe. Von der möglichen schönen Kraft von Wut. Und Trauer. Widerständen, Kräfte messen. Scheitern aber schön. Scheitern als Chance hieß der Slogan von Schingensiefs Aktion (da war er noch Schlingensief), fällt mir gerade ein. To Walk in Beauty versuchen empfehlen sagen predigen die Navajo, always. Also always to walk in beauty. Das ist mir schon nah. Das ist mir nicht fern. Der Wunsch. Dieses Begehr. Ja, das hat schon eine gewisse Poesie. Ich versuche herauszufinden, wie man das negativ Besetzte in ein schönes Universum integrieren kann. Vielleicht geht es gar nicht darum, das vermeintlich Negative zu ächten und zu geißeln, sondern nur den Platz zu identifizieren, an den es gehört, damit es seine Kraft so entfalten kann, dass man der Schönheit gewahr werden kann. Schönheit der Aggression. Schönheit der Wut. Schönheit der Rebellion. Schönheit aufbegehrender, feuriger, transformativer Kräfte. Also geht es um Transformation oder um Ausrichtung. Man kann auf Lava-Gestein sehr gut ein Steak grillen. Ein Lavafluss leuchtet auch sehr schön. Nur die Koexistenz mit anderen Lebensformen gestaltet sich für Lava etwas schwierig. Man muss so einem Lavafluss viel Platz einräumen und ihm im Zweifel aus dem Weg gehen. So ein Lavafluss hat es eigentlich sehr gut. Er muss sich nichts sagen lassen. Keiner versucht, belehrend auf ihn einzuwirken. Ich bin ein bißchen neidisch.

Bilder also. Meine Freundin Nanou entdeckte sie schon heute Nachmittag irgendwann. Ich lade ja ganze Strecken hoch und verlinke immer erst, wenn ich etwas dazu schreibe. Aber sie wurde vorher darauf aufmerksam, weil sie dieses Bild in dem Kommentar entdeckte und ahnte, dass sich mehr Bilder dahinter verstecken. Später telefonierten wir und ich merkte etwas zu einem anderen Bild an, das Frida zeigt, wie sie offenbar lacht, aber die Hand schützend vor den Mund hält. So interpretiere ich das Bild, nicht wie der Verfasser der Bildunterschrift „Frida Kahlo machte ein obszöne Geste“. So ein Quatsch. Frida hatte große Hemmungen, ihre Zähne zu zeigen, weil die nicht das Beste an ihr waren. Es kann auch sein, dass sie eine Zahnlücke in der Mitte hatte, es gibt ein einziges Bild, wo man das ahnen kann. Sie hat immer darauf geachtet, den Mund geschlossen zu halten, weil sie sich so geniert hat. Von wegen obszöne Geste. Dummes Zeug. Ich hatte auch einen Minderwertigkeitskomplex (nicht nur einen) als Kind. Unter anderem wegen meiner Zahnlücke. Irgendwann wurde ich nicht mehr gehänselt deswegen und hab den Komplex einfach vergessen. In den letzten Jahren haben sich sogar zwei ausgewiesene Liebhaber meiner Zahnlücke gefunden. Einer hat sich sogar schon beschwert, dass sie kleiner geworden wäre und ich dringend zum Zahnarzt müsste, um dem womöglich drohenden Schwinden der Lücke Einhalt zu gebieten. Ich glaube, ich muss schlafen gehen. Ich schreibe schon ganz schwafeliges Zeug, dabei wollte ich nur ein bißchen Text haben, wenn ich die Bilder hier reinklebe. Ober- und unterhalb. Also fertig.
http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=71649
[ alle Bilder ]
*) des Heftes
22. August 2010
Sich selber rufen. Sich bei Lebzeiten nachrufen. Habe Bilder gemacht. Ja ja. Noch mehr. Es gibt so Schübe. Gesundheits-. Bei akuten Gesundheitsschüben manifestieren sich die Symptome in digitalen Bildern. Mein Sein. Was ich sehr mochte mag, gerade zuletzt, war der zwingende Charakter des Privaten, Persönlichen, Fleischlichen, Verletzten, Verlustigen, Liebenden bei Christoph. Da kam es, dass ich ihn nur noch Christoph nannte. So für mich. Vorher war er Schlingensief. Plötzlich war er so nah. Ist. Aber ich wollte dir nicht nachrufen, sondern mir selbst.

Ich nahm das Notebook mit auf den Balkon, sah schnell, dass das Licht zu gleißend war, um noch irgendeinen Kontrast zu erkennen. Auch mit Sonnenbrille kaum. Musik an. Klappe zu. Ich holte das Vogue-Heft, das ich zum Warten auf Frida gekauft hatte und legte es schützend auf den kleinen Rechner. Das Heft bedeckte gerade so das silbergraue Rechteck. So wird es die Hitze besser aushalten. Ich war zu faul, das Notebook mit den kleinen Lautsprechern wieder ins Zimmer zu räumen. Kaffee. Immer wieder Kaffee. Und Wasser. Gestern war das. Ich blätterte in dem wenig gelesenen Heft, las ein bißchen. Ganz schöne Sachen. In einer Fotostrecke entdeckte ich ein mir bekanntes Gesicht und dachte komisch, jemanden auf einem großen Foto in der Vogue zu finden, mit dem ich neulich einen trinken war. Die Bindung* löste sich auf.

Es gab zwei Bücher auf dem Balkon. Just kids, das ich gerade fertig gelesen hatte und noch einmal begann. Was ich noch nie tat. Ich habe noch niemals ein Buch gelesen, zugeklappt, und ein paar Stunden später wieder von vorne angefangen, als wäre es ganz neu. Obwohl – vielleicht hab ich das als Kind mit meinen Petzi-Büchern gemacht. Das kann schon sein. Ich hab hundert mal dieselben Bilderbücher angeschaut und gelesen. Weil ich mich immer wieder über bestimmte Bilder und Stellen freuen wollte. Das hat prima geklappt. Pattis Buch rührte mich von der ersten Seite. Petzi und Patti klingt ja auch ein bißchen ähnlich. Und jetzt, wo ich weiß, wie die Geschichte war, will ich sie noch einmal lesen. Mit dem Wissen um alles. So, wie sie es mit jenem Wissen schrieb. Den vielen kleinen und großen Bildern und déjà vus noch einmal nachspüren, die sie auf die Seiten wirft. Aus der Zeit. Aus Zeiten. Zurückholt, noch einmal leben lässt. Und wieder. Und wieder. And again. And again. And again. … play it again Sam…

Und ein Bilderbuch. Ich hab es schon ein paar mal durchgeblättert. Es ist wie ein Film. Das sieht man ja auf den Fotos, auf meinen. Es war ein schöner Sommerferientag, gestern in Berlin. Ich stand auf, um die Kamera in den Schatten zu legen und erhaschte mein Bild, das mich in der Scheibe reflektierte. So entstehen meine Bilder eigentlich immer. Ich habe das schon manchmal befreundeten Bloggern erzählt. Ich lebe sozusagen so vor mich hin und sehe plötzlich einen Ausschnitt meines Daseins, der mir wie ein Foto vorkommt. Und dann hole ich die Kamera und drücke einfach drauf. Auf das Gelebte. Erlebte. Das kleine große Stück Leben. Es ist ganz einfach. Man muss sich ein bißchen bemühen, es sich möglichst schön zu machen. So schön, dass man die Kamera drauf halten will. Klingt irgendwie total einfach, jetzt wo ich es lese.

Es gibt aber ein paar Sachen, von denen man denkt, man hat keinen Einfluss darauf, ob sie schön oder nicht schön verlaufen. Darüber denke ich viel nach. Wenn ich es rausgekriegt habe, erfahrt ihr es als Erste. Obwohl ich schon eine diffuse Ahnung habe. Von der möglichen schönen Kraft von Wut. Und Trauer. Widerständen, Kräfte messen. Scheitern aber schön. Scheitern als Chance hieß der Slogan von Schingensiefs Aktion (da war er noch Schlingensief), fällt mir gerade ein. To Walk in Beauty versuchen empfehlen sagen predigen die Navajo, always. Also always to walk in beauty. Das ist mir schon nah. Das ist mir nicht fern. Der Wunsch. Dieses Begehr. Ja, das hat schon eine gewisse Poesie. Ich versuche herauszufinden, wie man das negativ Besetzte in ein schönes Universum integrieren kann. Vielleicht geht es gar nicht darum, das vermeintlich Negative zu ächten und zu geißeln, sondern nur den Platz zu identifizieren, an den es gehört, damit es seine Kraft so entfalten kann, dass man der Schönheit gewahr werden kann. Schönheit der Aggression. Schönheit der Wut. Schönheit der Rebellion. Schönheit aufbegehrender, feuriger, transformativer Kräfte. Also geht es um Transformation oder um Ausrichtung. Man kann auf Lava-Gestein sehr gut ein Steak grillen. Ein Lavafluss leuchtet auch sehr schön. Nur die Koexistenz mit anderen Lebensformen gestaltet sich für Lava etwas schwierig. Man muss so einem Lavafluss viel Platz einräumen und ihm im Zweifel aus dem Weg gehen. So ein Lavafluss hat es eigentlich sehr gut. Er muss sich nichts sagen lassen. Keiner versucht, belehrend auf ihn einzuwirken. Ich bin ein bißchen neidisch.

Bilder also. Meine Freundin Nanou entdeckte sie schon heute Nachmittag irgendwann. Ich lade ja ganze Strecken hoch und verlinke immer erst, wenn ich etwas dazu schreibe. Aber sie wurde vorher darauf aufmerksam, weil sie dieses Bild in dem Kommentar entdeckte und ahnte, dass sich mehr Bilder dahinter verstecken. Später telefonierten wir und ich merkte etwas zu einem anderen Bild an, das Frida zeigt, wie sie offenbar lacht, aber die Hand schützend vor den Mund hält. So interpretiere ich das Bild, nicht wie der Verfasser der Bildunterschrift „Frida Kahlo machte ein obszöne Geste“. So ein Quatsch. Frida hatte große Hemmungen, ihre Zähne zu zeigen, weil die nicht das Beste an ihr waren. Es kann auch sein, dass sie eine Zahnlücke in der Mitte hatte, es gibt ein einziges Bild, wo man das ahnen kann. Sie hat immer darauf geachtet, den Mund geschlossen zu halten, weil sie sich so geniert hat. Von wegen obszöne Geste. Dummes Zeug. Ich hatte auch einen Minderwertigkeitskomplex (nicht nur einen) als Kind. Unter anderem wegen meiner Zahnlücke. Irgendwann wurde ich nicht mehr gehänselt deswegen und hab den Komplex einfach vergessen. In den letzten Jahren haben sich sogar zwei ausgewiesene Liebhaber meiner Zahnlücke gefunden. Einer hat sich sogar schon beschwert, dass sie kleiner geworden wäre und ich dringend zum Zahnarzt müsste, um dem womöglich drohenden Schwinden der Lücke Einhalt zu gebieten. Ich glaube, ich muss schlafen gehen. Ich schreibe schon ganz schwafeliges Zeug, dabei wollte ich nur ein bißchen Text haben, wenn ich die Bilder hier reinklebe. Ober- und unterhalb. Also fertig.
http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=71649
[ alle Bilder ]
*) des Heftes
11. August 2010

Ach ja Frida. Wäre ja eher verwunderlich, wenn ich mit ihr so gar nichts am Hut hätte. Moment mal, ich mach die Musik aus. Ich kann mich nicht so richtig auf meine Gedanken einlassen, wenn nebenher Musik läuft. Ja also Frida. Fridamania. Ich mag das, dass sie ein Popstar geworden ist. Und auch, dass sie es noch zu Lebzeiten erfahren hat. Es gibt nicht so viele Künstler, die sich so ungeniert in den Mittelpunkt ihres Werkes stellen. Klar, ist mir das nah. Vorgestern, der letzte Tag dieser großen Retrospektive. Ich wie immer im Hinterkopf, ja sollte ich hin… müsste ich eigentlich hin und dann fiel es mir erst wieder einen Tag vor dem letzten ein. Immerhin. Ich reihte mich ein, in die lange Schlange der Menschen ohne besondere Zutrittsprivilegien. Nachmittagssonne, Abendsonne. Hatte vergessen, etwas zu lesen mitzunehmen, kein Buch in der Tasche, weil das eine gerade am Abend zuvor fertig gelesen, das Langhans-Buch. Und ich lese auch insgesamt nicht mehr so viel. Ich verdaue wahrscheinlich mehr, was ich in den letzten vierundvierzig siebenunddreißig Jahren gelesen habe. Und das war viel. Ich hab immer viel gelesen. Nur die letzen zwei, drei Jahre nicht mehr. Aber kommt wieder.
Also auf dem Weg von der U-Bahn Potsdamer Platz zum Gropius Bau in einen Kiosk. Herrje. Ich kaufe nie mehr Zeitungen und Zeitschriften. Wie ein Marsmännchen stand ich vor den Regalen und dachte, was hat mich denn früher interessiert? Oder vielleicht eine Bunte oder Gala? So wie beim Arzt im Wartezimmer? Ein bißchen Klatsch und Tratsch? Aber das sind so Wegwerf-Produkte. Wenn schon Print, dann was ordentlich Gedrucktes. Vielleicht die Vogue. Seh ich gar nicht, da im Regal, mal fragen. Haben Sie die Vogue? Ja, hat er. Also die Vogue. Ich hab von Mitte der Achtziger bis weit in die Neunziger Vogue gelesen. Irgendwann hatte ich das Gefühl, es wiederholt sich alles. Immerhin kündigt das Cover der Ausgabe an, dass es ein paar Fotostrecken mit Rockstars gibt und ein Jagger-Interview. Ich fühle mich schon ein bißchen zu Hause in dieser Ausgabe. Und eine Coke. Danke.
Also eingereiht. Man sieht dann ja auf dem einen Foto diese Ankündigung „ab hier kann die Wartezeit 4 – 6 Stunden betragen“. Wir lachten, wie wir da standen. Man konnte den Eingang vom Gropius-Bau da hinten ja fast schon sehen. So ein Hype „4 – 6 Stunden“. Die hauen ja ganz schön auf den Putz. Nun ja. Ein milder Spätsommernachmittag. Ein milder Spätsommerabend. Zweieinhalb Stunden später am Eingang. Der Erlösung nah. Ha ha. Von wegen. Ich hab das ja alles vorher nicht recherchiert usw. ich kann nur versichern, dass ich niemanden außer mir kenne, der in der Ausstellung war, weil sich niemand die Beine in den Bauch stehen wollte und die VIP-Karten schon seit Monaten weg waren. Nun war ich also drin. Im Gropius-Bau.
Schlange Garderobe, Taschen-Abgabe-Pflicht, Kamera diskret am Körper, ich hab keine subversiven Pläne, aber man weiß ja nie. Schlange Karten kaufen. Saukalt zieht es vom dunklen Innenhof, der ein Baugerüst trägt. Aber arschkalt. Ich nahezu barfuß mit meinen Zehensandalen. Auf die Idee bin ich gar nicht gekommen, dass in so einem Museum die Klima-Anlage zum Anschlag aufgedreht ist, und der alte Kasten sich aber auch sowieso nicht aufheizt. Ich versuche durch Auto-Suggestion meinen Fußsohlen vorzuschwindeln, dass es eigentlich gar nicht so kalt ist, sondern mehr so lauwarm. Schlange Obergeschoss. Man wird in jeder Schlange irgendwann zur nächsten Etappe durchgewunken und so lange muß man eben warten. Aber später mal, wenn man dann drin ist (cirka noch mal zwei Stunden später von Eingangstür unten zu Ausstellungseingangstür oben), in der Ausstellung, darf man sich frei bewegen. Ich hab extra nachgefragt. Und bis zum Schluss bleiben. Fein. Oben ist es nicht mehr ganz so eisig, wenn auch nicht warm. Da muss man jetzt eben durch!
So, drin. Ja, ganz viele Bilder die man kennt. Ganz viele Zeichnungen, die man nicht kennt. Ganz viele Fotos, die man kennt, ganz viele Fotos, die man nicht kennt. Schon schön. Das Gipskorsett mit Hammer und Sichel. Drei Kleider. Eine Halskette.
Am meisten faszinierten mich zwei Zeichnungen, die ich nicht kannte und ein Foto, das mir vertraut war. Die eine Zeichnung war ein Akt einer Frau, ziemlich üppig gebaut. Sehr sexy. Erica (?) Soundso. Und eine ihrer „Ich und Diego, mein Ein und Alles-Zeichnungen“. So nenne ich das jetzt mal, hab den Titel vergessen. Die war sehr klein und schlicht und innig. Einen Moment war ich mit Diego versöhnt, obwohl ich eine gewisse Verachtung für ihn hege. Dieser Windhund. Und das Foto, die Fotografie, die ich am liebsten mag, ist Frida im Innenhof ihres blauen Hauses (das mit dem Blau ist bekannt, es ist eine Schwarzweiß-Fotografie). Sie sitzt auf einem Stuhl und trägt einen chinesischen Anzug, Mao-Anzug sagt man heute dazu. Sie trägt ihr Haar offen, lang und glatt, in der Mitte gescheitelt. Sie sitzt sehr lässig da, in der Sonne oder ist es Halbschatten und sie raucht. Eine Abbildung der modernsten und unabhängigsten Frau unter der Sonne (von ihrer Diego-Fixierung abgesehen). Mir fallen nicht so viele Frauen ein, die man einfach so anstatt von Frida auf diesen Stuhl setzen könnte. Veruschka vielleicht. Vera von Lehndorff. Oder Uschi Obermaier. (EDIT und Patti Smith, unbedingt Patti und Nico und St. Phalle) Oder mich. Haha.
Ja. Für diese Bilder und auch die anderen natürlich hat es sich allemal gelohnt. Ich bin ja keine Kunstpassantin, die das mal eben mitnehmen wollte. Da ist schon eine tiefe Verbundenheit. Aber das war für viele so, die in der Schlange standen, das faszinierte mich. Nur die wenigen Gespräche in meinem Radius der Wartenden. Neben mir eine Frau, ca. Mitte Fünfzig, die schon im Casa Azul war, vor zehn Jahren oder mehr, in Fridas Haus. Viele von weit her angereist. Babylonisches Sprachgewirr erfüllte die Schlange. Hinter mir zwei deren Muttersprache nicht Englisch war. Er Italiener, sie – – – ? Keine Ahnung. Sie sprach akzentfrei, aber suchte zu sehr nach Begriffen, dass man Englisch für ihre Muttersprache hätte halten können. Er ganz schlimmer italienischer Akzent. Ich muss dann auch versuchen wegzuhören, das ist anstrengend, auf Dauer. Die beiden lernten sich also in der Frida-Schlange kennen. Nach eineinhalb Stunden tauschten sie E-Mail-Adressen und Telefon-Nummern und zeigten sich gegenseitig Sachen auf den Displays ihrer Handys. Vielleicht Familienfotos. Ich weiß noch, dass sie sagte, sie hätte sich am Anfang in Berlin sehr einsam gefühlt, aber jetzt nach vier Wochen, ist es langsam in Ordnung. Sie hat so eine große Familie, die sie vermisst. Wo auch immer. Vielleicht ein osteuropäisches Land. Die beiden mochten sich.
Ja. Und ich und Frida. Das ist eine Geschichte, die zum Anfang der Neunziger reicht. Ich wusste etwa seit Mitte der Achtziger, dass diese Kahlo mit ihren knallbunten Bildern und Kostümen existiert, ihr Look wurde auch gerne in Hochglanz-Fotosproduktionen zitiert. Nicht selten in der Vogue. Darüber konnte man gar nicht hinwegsehen. Als ich Anfang der Neunziger eine Affäre mit einem Lateinamerikaner begann, wurde ich unversehens in ein Frida-Kahlo-Universum in Berlin geworfen. Seine Wohnung, ein schönes Dachgeschoss am Charlottenburger Schloss war das reinste Kahlo-Museum. Ich wohnte ein paar Sommerwochen bei ihm, als seine Frau, die Scheidung war nur noch eine Formalie, mit den beiden Kindern verreist war. Er übersetzte das Synchrondrehbuch für einen Kahlo-Film, der 1986 entstand und hatte sich schon deshalb mit ihr intensiv beschäftigt. Diese ganze Wohnung sah aus wie eine Fortsetzung der Bildbände, die Fridas Umgebung zeigten. Gewebtes aus Lateinamerika an den Wänden, über Sofas. Ein Bananenbaum auf dem Balkon, neben dem Oleander, wo wir frühstückten. Überall lagen Bildbände und Bücher über ihr Leben herum. Drucke, Poster. Und ich hatte Zeit zu lesen und las. Alles was da herumlag. Die Geschichte ist ja bekannt. Viele Jahre später erschien eine Faksimile-Ausgabe ihres gemalten Tagebuchs, die ich mir kaufte. Und ich erinnere intensiv eine Inszenierung von Kresnik in der Volksbühne über ihr Leben und Sterben. Ich bin kein großer Tanztheater-Fan, aber das war grandios.
Ich bewegte mich sehr schnell durch die Ausstellung. Aber das mache ich meistens. Bei bestimmte Exponaten verweile ich länger. Die Textur interessierte mich, der Farbauftrag. Sie malte sehr dünnflüssig. Man sieht selten den Pinselstrich. Beinah wie vorskizziert und dann ordentlich ausgemalt. Manche Bilder überraschend kleinformatig. Diejenigen, die sie im Bett malte. Aber das versteht sich von selbst.
Da lief ein Film, eine Dokumentation, auf einem lieblos in den dunklen Baustellenbereich (der gar keine Baustelle war, wie ich später erfuhr, sondern eine andere Ausstellung) plazierten Fernseher und davor drei dicht besetzte Stuhlreihen. Ich verstand das nicht. Es gibt so einen schönen Kinosaal im Gropiusbau. Mir war immer noch kalt und ich verließ die Ausstellung nach einer guten halben Stunde. Sah mich noch ein paar Minuten in der Buchhandlung um, kaufte fünf Frida-Postkarten und lief schnell nach draußen, wo gerade ein Taxi kam.

Ich sagte der Taxifahrerin, dass ich so schnell wie möglich in meine Badwanne nach Hause will. Der zweite Teil meines Frida-Abends. Ich hatte Postkarten gekauft, die sie selbst zeigten und während das Wasser in die Badwanne lief, machte ich ein paar Bilder. Trank einen Schluck Rotwein und warf zwei Aspirin ein. Ich hatte die Befürchtung, mich erkältet zu haben. Deswegen auch das heiße Bad. Erkältungsbad. So ein unfassbar dunkelgrüner Badezusatz. Ich glaube, ich hab die Kurve gekriegt. So war das mit Frida. Und jetzt geh ich schlafen.
http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=71649

http://www.flickr.com/photos/gaganielsen/sets/72157624702840074
http://fkahlo.com
21. August 2010
(…= ) nicht tot. So ein Quatsch. Dass die Zeitungen immer lügen müssen. Genauso mit Rio und John Lennon und Bob Marley. Von Jimi Hendrix gar nicht zu reden. Oder Marilyn. Oder die Elvis-Lüge. Die Zeitungen hängen mir zum Hals heraus. Christoph sieht das ganz bestimmt genauso wie ich und zwinkert lustig dazu. Außerdem hat er oft genug betont, dass er keinen Bock auf Himmel hat. Schon alleine deswegen ist Christoph Schlingensief nie und nimmer tot. Bitte glaubt nicht, was in der Zeitung steht. Bin ich froh!
19. August 2010

»(…) An einem Tag im Spätsommer zogen wir uns unsere Lieblingssachen an (…) Wir fuhren mit der U-Bahn zur West Fourth Street und verbrachten den Nachmittag am Washington Square. Wir teilten uns Kaffee aus einer Thermoskanne und beobachteten die Ströme von Touristen, Kiffern und Folksängern. Glühende Revolutionäre verteilten Flugblätter gegen den Krieg. Schachspieler zogen ihr eigenes Publikum an. Es war ein friedliches Nebeneinander, gebettet auf einen Klangteppich aus Tiraden, Bongos und Hundegebell. Wir gingen gerade auf den Springbrunnen zu, das Epizentrum aller Aktivität, als ein älteres Paar stehen blieb und uns unverholen angaffte. Robert freute sich, dass er Aufmerksamkeit erregte, und drückte liebevoll meine Hand.
„Oh, take their picture,“ said a woman to her husband, eyeing the young couple. „I think they’re artists. They might be somebody someday.“ Her husband shrugged. „They’re just kids.“«
Patti Smith, Just Kids, S. 62, dt. Übers. Clara Drechsler u. Harald Hellmann
I was a wing
in heaven blue
soared over the ocean
soared over Spain
and I was free
I needed nobody
it was beautiful
it was beautiful
I was a pawn
didn’t make a move
didn’t have nowhere
that I could go
but I was free
I needed nobody
it was beautiful
it was beautiful
and if there’s one thing
could do for you
you’d be a wing
in heaven blue
I was a vision
in another eye
and they saw nothing
no future at all
yet I was free
I needed nobody
it was beautiful
it was beautiful
and if there’s one thing
could do for you
you’d be a wing
in heaven blue
and if there’s one thing
could do for you
you’d be a wing
in heaven blue
and if there’s one thing
could do for you
you’d be a wing
in heaven blue
Patti Smith
[…]
15. August 2010
17. August 2010
http://vimeo.com/moogaloop.swf?clip_id=76780922&color=55514e&server=0&title=0&byline=0&portrait=0&fullscreen=1&autoplay=0&loop=0
►watch on youtube
Frau Nielsen räumt auf und findet in ihrem Filmarchiv eine historische Aufnahme aus dem Jahre 2009. Genauer gesagt, vom 27. April 2009. Ein erster zaghafter Versuch, sich dem Tonfilm anzunähern. Kästner hatte gerade sein 1928 entstandenes Gedicht vom gar herrlichen Jardin du Luxembourg verfasst und es mir im Café Größenwahn in die Hand gedrückt. Oder war es in der Weltlaterne? Ach, ich weiß es einfach nicht mehr! Aber bevor ich die Aufnahme mit der Tonfilm-Übung wegwerfe, kann ich sie genauso gut veröffentlichen. Wir habe alle einmal klein angefangen, auch wenn wir auf noch so glorreiche Zeiten der Ära des Stummfilms zurückblicken können. Im Anschluss sehen Sie in gewohnter Manier noch ein paar klassische Bilder des Nielsen’schen Stummfilm-Œuvres, mit dem üblichen Klaviergeklimper. Kritiker werfen mir ja immer wieder einen Hang zur Verklärung vor, auch von Kitsch wird sicher wieder hie und da die Rede sein, doch mir ist nur wichtig, dass es meinem treuen Publikum gefällt! Viel Freude dabei!
Ach ja, P.S. die Telephonszene entstand bei einem Original-Telephonat über Fernsprecher mit meiner alten Freundin Nanou, mit der ich schon seit meinen frühesten Stummfilmtagen innig befreundet bin. Deswegen habe ich entschieden, Opus 48 ihr zu widmen, zumal sie den Park viel besser kennt als ich. Ich war ja nur einmal da…! Wann war das gleich… 1925? Ach, Kinder wie die Zeit vergeht!
17. August 2010
http://vimeo.com/moogaloop.swf?clip_id=76780922&color=55514e&server=0&title=0&byline=0&portrait=0&fullscreen=1&autoplay=0&loop=0
►watch on youtube
Frau Nielsen räumt auf und findet in ihrem Filmarchiv eine historische Aufnahme aus dem Jahre 2009. Genauer gesagt, vom 27. April 2009. Ein erster zaghafter Versuch, sich dem Tonfilm anzunähern. Kästner hatte gerade sein 1928 entstandenes Gedicht vom gar herrlichen Jardin du Luxembourg verfasst und es mir im Café Größenwahn in die Hand gedrückt. Oder war es in der Weltlaterne? Ach, ich weiß es einfach nicht mehr! Aber bevor ich die Aufnahme mit der Tonfilm-Übung wegwerfe, kann ich sie genauso gut veröffentlichen. Wir habe alle einmal klein angefangen, auch wenn wir auf noch so glorreiche Zeiten der Ära des Stummfilms zurückblicken können. Im Anschluss sehen Sie in gewohnter Manier noch ein paar klassische Bilder des Nielsen’schen Stummfilm-Œuvres, mit dem üblichen Klaviergeklimper. Kritiker werfen mir ja immer wieder einen Hang zur Verklärung vor, auch von Kitsch wird sicher wieder hie und da die Rede sein, doch mir ist nur wichtig, dass es meinem treuen Publikum gefällt! Viel Freude dabei!
Ach ja, P.S. die Telephonszene entstand bei einem Original-Telephonat über Fernsprecher mit meiner alten Freundin Nanou, mit der ich schon seit meinen frühesten Stummfilmtagen innig befreundet bin. Deswegen habe ich entschieden, Opus 48 ihr zu widmen, zumal sie den Park viel besser kennt als ich. Ich war ja nur einmal da…! Wann war das gleich… 1925? Ach, Kinder wie die Zeit vergeht!
15. August 2010
„(…) Aber es tut nicht weniger weh oder mehr gut, wenn man es in die Welt schrei(b)t. ist nur anders festgehalten. Manifest(er). Für’s Erinnern. Ich hab gerade zurückgeblättert, vor einem, zwei, drei, vier, fünf, sechs Jahren… man kann sich deutlicher erinnern, die Bilder kommen dichter zurück und damit die Gefühle… das ist manchmal gut und manchmal schmerzhaft(-schön).“

15. August 2010
Unnützes Wissen: „Papst Benedikt XVI. trägt Schuhe von Prada und trinkt gerne Fanta.“
15. August 2010
10. August 2010
I was five and he was six. We rode on horses made of sticks. He wore black and I wore white. He would always win the fight.
Bang bang, he shot me down
Bang bang, I hit the ground
Bang bang, that awful sound
BANG BANG
my baby shot me down.
Seasons came and changed the time. When I grew up, I called him mine. He would always laugh and say „Remember when we used to play?“
Bang bang, I shot you down
Bang bang, you hit the ground
Bang bang, that awful sound
BANG BANG
I used to shoot you down.
Music played, and people sang. Just for me, the church bells rang.
Now he’s gone, I don’t know why. And till this day, sometimes I cry. He didn’t even say goodbye. He didn’t take the time to lie.
Bang bang, he shot me down
Bang bang, I hit the ground
Bang bang, that awful sound
BANG BANG
my baby shot me down.
Song written by Sonny Bono; voc. Nancy Sinatra
12. August 2010

Lustig und ernst. Telefonat mit Jan. Vorhin. Provozierend, nicht beruhigend, wenn er so investigativ fragt. Wenn man an sich selbst plötzlich so bewusst wahrnimmt, wo man meint, sich abgrenzen zu müssen. Das ist interessant. Oder sich verteidigt, die Grenzen, die man zieht, verteidigt. Und warum. Es ging vor allem um Familiengeschichte. Meine. Die Ängste der Elterngeneration. Das mit Strenge ummäntelte Schutzbedürfnis meiner Eltern uns beiden Kindern gegenüber, das zu Enge wurde, den Freiheitsdrang anstachelte. Die Gegenkraft auf den Plan rief. Was man vorgelebt bekam, was man nicht wollte, später für sich selbst, wenn man erwachsen wäre. Ich. Man ist natürlich immer ich.

Aber davor. Und das ist jetzt wieder mein schlenkerpuppenhaftes Schreiben, meine Gedanken- und Gefühlssprünge, chronologisch chaotisch. Die Frage nach meinem Befinden beantworte ich mit „kann man alles in meinem Blog lesen…“ „Aber ich will es lieber von dir hören“. Zaghaftes Nachhaken, zaghafte Verweigerung. Ich lenke ein bißchen ab, auf meinen Frida-Eintrag. Jan ist schließlich kunstaffin, haha. Nun interessiere dich doch mal ein bißchen! Warst ja auch nicht drin, in der Ausstellung.

Wir telefonieren also, ich trinke Bordeaux und er blättert währenddessen zu meinem Blog und fängt launig an, den Frida-Eintrag vom ersten bis zum letzten Satz vorzulesen. Aber vollendet. Ich durfte ja schon so mancher Blog-Lesung beiwohnen, die mich auch an der Sinnhaftigkeit des Konzeptes zweifeln ließ. Aber das gerade eben. Theatralische Übertreibung an der richtigen Stelle, als hätte er den Text schon mindestens fünfmal gelesen. An Stellen, die mir so gar nicht in den Sinn gekommen wären. Teilweise kommen mir die Sätze eitel vor. Dann wieder putzig. Das sollen sie natürlich auch, Jan liest sie extra so. Wo ich Kennerschaft durchblicken lasse, verfällt er in französischen Akzent, damit die ganze Raffinesse meiner verfeinerten Kunstsinnigkeit noch besser zum Ausdruck kommt. Ich kann seine affige Schnute durchs Telefon sehen. Auch versäumt er nicht, korrigierende Einschübe einzuflechten, wichtige Ergänzungen, Sätze, die ich eben ganz offensichtlich vergessen habe. Großes Kino. Das waren gerade ein paar sehr schöne Stunden mit dir am Telefon. Und auch das sehr Ernste danach.

Heute mal früher ins Bett. Aber erst noch ein Gute Nacht-Schluck. Müde bin ich geh zur Ruh, schließe meine Äuglein zu. Santé.
12. August 2010
Hab mir gerade gedacht, Donner und Doria wären eigentlich auch hübsche Namen für ein Geschwisterpärchen. Donner ist doch ein saucooler Name für einen Jungen. Kommt ja von dem schönen altgermanischen Donar. Aber Donner klingt viel besser. Vehementer! Doria, als kleine Schwester muss dann immer ein bißchen ausgleichen, wenn Donner wieder der Rappel packt. Donner lässt sich nur von Doria was sagen. Von sonst niemandem. Das ist natürlich klischeehaft, das ruhigere, ausgleichende Mädchen. Aber egal. Das liegt nun mal am Namen. Aber Doria lässt sich die Butter auch nicht vom Brot nehmen. Sie ist Donner ebenbürtig. Sie ist nur nicht so rumpelig wie er, der kleine Erdendonner. Donner ist eben ein kleiner Rocker! Und sein bester Freund heißt Blitz. Wenn die beiden um die Häuser ziehen, bleibt kein Auge trocken!
12. August 2010
12. August 2010
RAUSCHENDER REGEN
11. August 2010

Ach ja Frida. Wäre ja eher verwunderlich, wenn ich mit ihr so gar nichts am Hut hätte. Moment mal, ich mach die Musik aus. Ich kann mich nicht so richtig auf meine Gedanken einlassen, wenn nebenher Musik läuft. Ja also Frida. Fridamania. Ich mag das, dass sie ein Popstar geworden ist. Und auch, dass sie es noch zu Lebzeiten erfahren hat. Es gibt nicht so viele Künstler, die sich so ungeniert in den Mittelpunkt ihres Werkes stellen. Klar, ist mir das nah. Vorgestern, der letzte Tag dieser großen Retrospektive. Ich wie immer im Hinterkopf, ja sollte ich hin… müsste ich eigentlich hin und dann fiel es mir erst wieder einen Tag vor dem letzten ein. Immerhin. Ich reihte mich ein, in die lange Schlange der Menschen ohne besondere Zutrittsprivilegien. Nachmittagssonne, Abendsonne. Hatte vergessen, etwas zu lesen mitzunehmen, kein Buch in der Tasche, weil das eine gerade am Abend zuvor fertig gelesen, das Langhans-Buch. Und ich lese auch insgesamt nicht mehr so viel. Ich verdaue wahrscheinlich mehr, was ich in den letzten vierundvierzig siebenunddreißig Jahren gelesen habe. Und das war viel. Ich hab immer viel gelesen. Nur die letzen zwei, drei Jahre nicht mehr. Aber kommt wieder.
Also auf dem Weg von der U-Bahn Potsdamer Platz zum Gropius Bau in einen Kiosk. Herrje. Ich kaufe nie mehr Zeitungen und Zeitschriften. Wie ein Marsmännchen stand ich vor den Regalen und dachte, was hat mich denn früher interessiert? Oder vielleicht eine Bunte oder Gala? So wie beim Arzt im Wartezimmer? Ein bißchen Klatsch und Tratsch? Aber das sind so Wegwerf-Produkte. Wenn schon Print, dann was ordentlich Gedrucktes. Vielleicht die Vogue. Seh ich gar nicht, da im Regal, mal fragen. Haben Sie die Vogue? Ja, hat er. Also die Vogue. Ich hab von Mitte der Achtziger bis weit in die Neunziger Vogue gelesen. Irgendwann hatte ich das Gefühl, es wiederholt sich alles. Immerhin kündigt das Cover der Ausgabe an, dass es ein paar Fotostrecken mit Rockstars gibt und ein Jagger-Interview. Ich fühle mich schon ein bißchen zu Hause in dieser Ausgabe. Und eine Coke. Danke.
Also eingereiht. Man sieht dann ja auf dem einen Foto diese Ankündigung „ab hier kann die Wartezeit 4 – 6 Stunden betragen“. Wir lachten, wie wir da standen. Man konnte den Eingang vom Gropius-Bau da hinten ja fast schon sehen. So ein Hype „4 – 6 Stunden“. Die hauen ja ganz schön auf den Putz. Nun ja. Ein milder Spätsommernachmittag. Ein milder Spätsommerabend. Zweieinhalb Stunden später am Eingang. Der Erlösung nah. Ha ha. Von wegen. Ich hab das ja alles vorher nicht recherchiert usw. ich kann nur versichern, dass ich niemanden außer mir kenne, der in der Ausstellung war, weil sich niemand die Beine in den Bauch stehen wollte und die VIP-Karten schon seit Monaten weg waren. Nun war ich also drin. Im Gropius-Bau.
Schlange Garderobe, Taschen-Abgabe-Pflicht, Kamera diskret am Körper, ich hab keine subversiven Pläne, aber man weiß ja nie. Schlange Karten kaufen. Saukalt zieht es vom dunklen Innenhof, der ein Baugerüst trägt. Aber arschkalt. Ich nahezu barfuß mit meinen Zehensandalen. Auf die Idee bin ich gar nicht gekommen, dass in so einem Museum die Klima-Anlage zum Anschlag aufgedreht ist, und der alte Kasten sich aber auch sowieso nicht aufheizt. Ich versuche durch Auto-Suggestion meinen Fußsohlen vorzuschwindeln, dass es eigentlich gar nicht so kalt ist, sondern mehr so lauwarm. Schlange Obergeschoss. Man wird in jeder Schlange irgendwann zur nächsten Etappe durchgewunken und so lange muß man eben warten. Aber später mal, wenn man dann drin ist (cirka noch mal zwei Stunden später von Eingangstür unten zu Ausstellungseingangstür oben), in der Ausstellung, darf man sich frei bewegen. Ich hab extra nachgefragt. Und bis zum Schluss bleiben. Fein. Oben ist es nicht mehr ganz so eisig, wenn auch nicht warm. Da muss man jetzt eben durch!
So, drin. Ja, ganz viele Bilder die man kennt. Ganz viele Zeichnungen, die man nicht kennt. Ganz viele Fotos, die man kennt, ganz viele Fotos, die man nicht kennt. Schon schön. Das Gipskorsett mit Hammer und Sichel. Drei Kleider. Eine Halskette.
Am meisten faszinierten mich zwei Zeichnungen, die ich nicht kannte und ein Foto, das mir vertraut war. Die eine Zeichnung war ein Akt einer Frau, ziemlich üppig gebaut. Sehr sexy. Erica (?) Soundso. Und eine ihrer „Ich und Diego, mein Ein und Alles-Zeichnungen“. So nenne ich das jetzt mal, hab den Titel vergessen. Die war sehr klein und schlicht und innig. Einen Moment war ich mit Diego versöhnt, obwohl ich eine gewisse Verachtung für ihn hege. Dieser Windhund. Und das Foto, die Fotografie, die ich am liebsten mag, ist Frida im Innenhof ihres blauen Hauses (das mit dem Blau ist bekannt, es ist eine Schwarzweiß-Fotografie). Sie sitzt auf einem Stuhl und trägt einen chinesischen Anzug, Mao-Anzug sagt man heute dazu. Sie trägt ihr Haar offen, lang und glatt, in der Mitte gescheitelt. Sie sitzt sehr lässig da, in der Sonne oder ist es Halbschatten und sie raucht. Eine Abbildung der modernsten und unabhängigsten Frau unter der Sonne (von ihrer Diego-Fixierung abgesehen). Mir fallen nicht so viele Frauen ein, die man einfach so anstatt von Frida auf diesen Stuhl setzen könnte. Veruschka vielleicht. Vera von Lehndorff. Oder Uschi Obermaier. (EDIT und Patti Smith, unbedingt Patti und Nico und St. Phalle) Oder mich. Haha.
Ja. Für diese Bilder und auch die anderen natürlich hat es sich allemal gelohnt. Ich bin ja keine Kunstpassantin, die das mal eben mitnehmen wollte. Da ist schon eine tiefe Verbundenheit. Aber das war für viele so, die in der Schlange standen, das faszinierte mich. Nur die wenigen Gespräche in meinem Radius der Wartenden. Neben mir eine Frau, ca. Mitte Fünfzig, die schon im Casa Azul war, vor zehn Jahren oder mehr, in Fridas Haus. Viele von weit her angereist. Babylonisches Sprachgewirr erfüllte die Schlange. Hinter mir zwei deren Muttersprache nicht Englisch war. Er Italiener, sie – – – ? Keine Ahnung. Sie sprach akzentfrei, aber suchte zu sehr nach Begriffen, dass man Englisch für ihre Muttersprache hätte halten können. Er ganz schlimmer italienischer Akzent. Ich muss dann auch versuchen wegzuhören, das ist anstrengend, auf Dauer. Die beiden lernten sich also in der Frida-Schlange kennen. Nach eineinhalb Stunden tauschten sie E-Mail-Adressen und Telefon-Nummern und zeigten sich gegenseitig Sachen auf den Displays ihrer Handys. Vielleicht Familienfotos. Ich weiß noch, dass sie sagte, sie hätte sich am Anfang in Berlin sehr einsam gefühlt, aber jetzt nach vier Wochen, ist es langsam in Ordnung. Sie hat so eine große Familie, die sie vermisst. Wo auch immer. Vielleicht ein osteuropäisches Land. Die beiden mochten sich.
Ja. Und ich und Frida. Das ist eine Geschichte, die zum Anfang der Neunziger reicht. Ich wusste etwa seit Mitte der Achtziger, dass diese Kahlo mit ihren knallbunten Bildern und Kostümen existiert, ihr Look wurde auch gerne in Hochglanz-Fotosproduktionen zitiert. Nicht selten in der Vogue. Darüber konnte man gar nicht hinwegsehen. Als ich Anfang der Neunziger eine Affäre mit einem Lateinamerikaner begann, wurde ich unversehens in ein Frida-Kahlo-Universum in Berlin geworfen. Seine Wohnung, ein schönes Dachgeschoss am Charlottenburger Schloss war das reinste Kahlo-Museum. Ich wohnte ein paar Sommerwochen bei ihm, als seine Frau, die Scheidung war nur noch eine Formalie, mit den beiden Kindern verreist war. Er übersetzte das Synchrondrehbuch für einen Kahlo-Film, der 1986 entstand und hatte sich schon deshalb mit ihr intensiv beschäftigt. Diese ganze Wohnung sah aus wie eine Fortsetzung der Bildbände, die Fridas Umgebung zeigten. Gewebtes aus Lateinamerika an den Wänden, über Sofas. Ein Bananenbaum auf dem Balkon, neben dem Oleander, wo wir frühstückten. Überall lagen Bildbände und Bücher über ihr Leben herum. Drucke, Poster. Und ich hatte Zeit zu lesen und las. Alles was da herumlag. Die Geschichte ist ja bekannt. Viele Jahre später erschien eine Faksimile-Ausgabe ihres gemalten Tagebuchs, die ich mir kaufte. Und ich erinnere intensiv eine Inszenierung von Kresnik in der Volksbühne über ihr Leben und Sterben. Ich bin kein großer Tanztheater-Fan, aber das war grandios.
Ich bewegte mich sehr schnell durch die Ausstellung. Aber das mache ich meistens. Bei bestimmte Exponaten verweile ich länger. Die Textur interessierte mich, der Farbauftrag. Sie malte sehr dünnflüssig. Man sieht selten den Pinselstrich. Beinah wie vorskizziert und dann ordentlich ausgemalt. Manche Bilder überraschend kleinformatig. Diejenigen, die sie im Bett malte. Aber das versteht sich von selbst.
Da lief ein Film, eine Dokumentation, auf einem lieblos in den dunklen Baustellenbereich (der gar keine Baustelle war, wie ich später erfuhr, sondern eine andere Ausstellung) plazierten Fernseher und davor drei dicht besetzte Stuhlreihen. Ich verstand das nicht. Es gibt so einen schönen Kinosaal im Gropiusbau. Mir war immer noch kalt und ich verließ die Ausstellung nach einer guten halben Stunde. Sah mich noch ein paar Minuten in der Buchhandlung um, kaufte fünf Frida-Postkarten und lief schnell nach draußen, wo gerade ein Taxi kam.

Ich sagte der Taxifahrerin, dass ich so schnell wie möglich in meine Badwanne nach Hause will. Der zweite Teil meines Frida-Abends. Ich hatte Postkarten gekauft, die sie selbst zeigten und während das Wasser in die Badwanne lief, machte ich ein paar Bilder. Trank einen Schluck Rotwein und warf zwei Aspirin ein. Ich hatte die Befürchtung, mich erkältet zu haben. Deswegen auch das heiße Bad. Erkältungsbad. So ein unfassbar dunkelgrüner Badezusatz. Ich glaube, ich hab die Kurve gekriegt. So war das mit Frida. Und jetzt geh ich schlafen.
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http://fkahlo.com
10. August 2010
I was five and he was six. We rode on horses made of sticks. He wore black and I wore white. He would always win the fight.
Bang bang, he shot me down
Bang bang, I hit the ground
Bang bang, that awful sound
BANG BANG
my baby shot me down.
Seasons came and changed the time. When I grew up, I called him mine. He would always laugh and say „Remember when we used to play?“
Bang bang, I shot you down
Bang bang, you hit the ground
Bang bang, that awful sound
BANG BANG
I used to shoot you down.
Music played, and people sang. Just for me, the church bells rang.
Now he’s gone, I don’t know why. And till this day, sometimes I cry. He didn’t even say goodbye. He didn’t take the time to lie.
Bang bang, he shot me down
Bang bang, I hit the ground
Bang bang, that awful sound
BANG BANG
my baby shot me down.
Song written by Sonny Bono; voc. Nancy Sinatra
08. August 2010
Rio forever
Wo bin ich, bin ich in Liebe,
wo bin ich, bin ich schon da?
Wo bin ich, bin ich auf Sternen,
Wann bin ich, bin ich schon da?
Du bist in mir, tief tief in mir.
Wo bist du, bist du in Liebe,
wo bist du, bist du schon da?
Wo bist du, bist du in aus Sternen,
wann bist du, bist du schon da?
Ich bin in dir, tief tief in dir.
Wo sind wir, sind wir in Liebe,
wo sind wir, sind wir schon da?
Wo sind wir, sind wir zwei Engel,
wann sind wir, sind wir schon da?
Du bist in mir, tief tief in mir.
Ich bin in dir, tief tief in dir.
(RIO)
08. August 2010
Rio forever
Wo bin ich, bin ich in Liebe,
wo bin ich, bin ich schon da?
Wo bin ich, bin ich auf Sternen,
Wann bin ich, bin ich schon da?
Du bist in mir, tief tief in mir.
Wo bist du, bist du in Liebe,
wo bist du, bist du schon da?
Wo bist du, bist du in aus Sternen,
wann bist du, bist du schon da?
Ich bin in dir, tief tief in dir.
Wo sind wir, sind wir in Liebe,
wo sind wir, sind wir schon da?
Wo sind wir, sind wir zwei Engel,
wann sind wir, sind wir schon da?
Du bist in mir, tief tief in mir.
Ich bin in dir, tief tief in dir.
(RIO)
08. August 2010
[ Auszug fb-Kommentar von mir auf der Wall der sehr geschätzten Tina …): ]
„(…) ich hatte jenen Bildband von ihr (L. Riefenstahl) Mitte der Achtziger aus einer Stadtbücherei geliehen und wollte ihn ungern zurückgeben. Er war zu dem Zeitpunkt nur antiquarisch erhältlich, es gab kein Internet, das zu recherchieren und ich hatte eh kein Geld, so nahm ich in Kauf, irgendwann viel später eine irrwitzige Summe für Entleihungs-Überziehungs-Gebühren zu entrichten. Daran dachte ich natürlich keine Sekunde, so lange ich den Bildband bei mir hatte. Er war schon gefühlt meiner, aber dann kamen doch sehr ermahnende Briefe der Berliner Amerika-Gedenk-Bibliothek. Tja… Dieser Bildband hat mich wahnsinnig inspiriert, bis heute. Es gibt ein auf Eis liegendes Filmprojekt mit Cosmic, das davon inspiriert ist. Er versteht das auch. Diese Schlagschatten, die starken Kontraste, das Archaische…“
08. August 2010
Gestern-heute kurz vor dem Aufwachen, Halbschlaf noch, jemand erklärt mir, (ein Mann glaube ich, ja sicher) „das ist die Pergomannen-Automatik“ (wörtlich). Das seltsame Wortgebilde, das mir rein gar nichts sagt, bleibt hängen, ich wiederhole es im Geist so oft, bis ich ein paar Minuten später kurz aus dem Bett schlüpfe, um es auf einen Zettel zu schreiben. Ob es das Wort gibt, „Pergomannen“ wenigstens? Nein. Kein Suchergebnis im Weltnetz. Ich hab mich auch nicht verhört. Es war nichts mit Pergamon. Wir haben ja hier in Berlin den furiosen, aus Kleinasien entwendeten Pergamon-Altar. Egal. Intensive Träume zur Zeit, nicht erinnerbar. Viele verschiedene Begegnungen, Szenen, nichts ist einfach. So fühlt es sich an, nach dem Aufwachen.
Vorgestern in der S-Bahn gab ich zum ersten Mal seit langem einem Musiker zwei Euro. Ich wurde sentimental, weil er wie Rio klang. Nicht, dass man den Eindruck hatte, er versucht so zu klingen, sondern er hatte einfach denselben Duktus, von Geburts wegen. Dieses leicht Vernuschelte, lässig Schlampige am Ende der Silben. Dabei völlig unaffektiert. Ich sagte es ihm. Er sang seine eigenen Lieder. Deutsche Texte. Mit Heimatbezug. In einem Song ging es um Moabit. Ich hab die Adresse von seiner Seite vergessen. Er hat sie mir gesagt. Er wurde fast ein bißchen rot, als ich ihm sagte, dass er ein bißchen wie Rio klingt. Und er meinte, wegen Rio hätte er überhaupt angefangen Musik zu machen. Und heute, auf diesem Friedensfestival, oder gestern, spielten zwei Jungs aus der Scherben-Familie ein paar der schönsten Songs. Marius del Mestre, früher Rhythmusgitarrist bei den Scherben, hat dieses Rio-Genuschel auch drauf. Klar, er versucht auch wie Rio zu klingen, aber ich find es in diesem Fall okay. Obwohl mich sonst Plagiate meistens eher nicht so begeistern. Ist so eine Art Gedenk-Gottesdienst. Mein Gestern. Ich lass mich in die Wolken fallen und tauche in die Himmel…
08. August 2010
07. August 2010
http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=71649

[ related entry ]
Normalerweise versuche ich etwas zu schreiben, das sich nachvollziehbar auf die Bilder bezieht. Aber Bilder sprechen ja auch. Manchmal erzählen sie auch eine Geschichte, die man selbst anders erinnert. Und am Ende aller Tage (ca. 2057), wenn dieser hochauflösende, riesige Flat Screen Monitor im Museum für Kommunikation hängen wird ( 3 x 4 m), und siebenundvierzig Jahre Blogeinträge von Gaga Nielsen zeigen wird, dann werden alle für immer glauben, das mein Leben eine Aneinanderreihung wundersamer, poetischer Augenblicke war. Und beinah ist es wahr.

Eigentlich ja. Und das andere, das wird einfach gelöscht. Im Gedächtnis. Im Herz. Und auf allen Festplatten.
06. August 2010
luvly tune, luvly entry
05. August 2010
Ich weiß nicht einmal, wie er hieß, der Drehbuchautor, der uns Crazy Heart empfohlen hatte. Aber er wirkte vertrauenswürdig, empfindsam. Und er hatte Recht. Schreibt man das jetzt groß? Egal. Er hatte recht.

20.07.10
[…]
03. August 2010

16. Juli 2010. Ich weiß immer noch nicht, ob es Haselnussbrand oder Haselnussgeist ist. Aber man muss ihn unbedingt probieren. Balkon, Animalprint-Fähnchen. Jam & Spoon, Silly, Erinnert. Das Teehaus, in dem kein guter Platz frei ist, der schöne Hofgarten voll besetzt. Kein Wunder. So ein schöner Sommerabend. Eine Weile sitzen wir, unentschieden, weil das Essen so gut ist da. Glücklicherweise kommt ewig keiner, um wenigstens die Getränkebestellung entgegenzunehmen. Erleichtertes Aufstehen. Guten Gewissens doch weiter. Das Licht war auch so seltsam, da in dem Durchgang, eine grelle Funzel, die geisterhaft grün aus dem Bambus leuchtete. Mir fällt das Pan Asia ein. So schön hatte ich das gar nicht in Erinnerung. Eine große Holztreppe im Hof, wie ineinandergeschobene Podeste, darauf prall gefüllte große Bodenkissen aus Leinen, in weiß und pink. Kleine Windlichter auf niedrigen Tischen. Schön ist das. Wie Ferien. In dieser Stadt kann man Urlaub machen. Ich spüre, was für ein Luxus es ist, in dieser Ecke der Stadt, des Landes, des Erdteils, der Erde zu leben. Mir wird ganz demütig. Der Kellner ist genauso nett wie er attraktiv aussieht. Normalerweise ist immer irgendwas, über das man hinwegsieht. Aber dieser szenige Typ ist charismatisch, charmant, ein bißchen flirty und sehr zuvorkommend. Und das Essen ganz und gar wie ich es mag. Mit frischen Zutaten, alles hat noch Biss, die zarten Zuckerschoten… Kein versupptes Geschwurbel. Eiskalter Chardonnay.
Ich weiß nicht mehr genau, worüber wir sprachen, aber ich holte nach dem zweiten Glas weit aus. Sagte Sachen wie, dass ich mir als Kind, als Mädchen, nie vorgestellt, erträumt habe eine Familie zu gründen, Mit Kind und Mann und Haus und Hof. Ich dachte eher, das wäre ein unheilvolles Schwert, das jede Frau früher oder später ereilt. (Das hab ich nicht gesagt, das fällt mir nur jetzt wieder ein). Ich hab von etwas ganz anderem geträumt. Ich wollte unbedingt frei sein. Frei von Bindungen an Menschen, die mir irgendetwas diktieren könnten, mich vereinnahmen würden, in einem vorstrukturierten Leben, dessen weiterer Verlauf das Potenzial an Unwägbarkeit verloren hat. (Das hab ich auch nicht gesagt, das schreib ich jetzt nur). Aber ich hab mich an einen Platz geträumt, als erwachsene Frau gesehen, die in einem Adlerhorst lebt, über den Dächern einer Stadt, einer Metropole. Die niemandem Rechenschaft schuldig ist. Es ist wahr geworden. Ich lebe in einem Adlerhorst über den Dächern der Stadt. Der schönsten Stadt, die ich kenne, in der meine Sprache gesprochen wird. Ich bin dankbar. Ja, schon wieder. Ich bin überhaupt in letzter Zeit ganz oft dankbar. Ganz ungeplant. Ohne Vorsatz. Ich weiß nicht, ob man sich sein Schicksal erarbeitet. Das wissen die Götter. Meines ist schon sehr seltsam. Sie haben mir auf jeden Fall einen sehr eigenwilligen und sehr mäandernden Weg zugedacht, für den man auch viel Kraft braucht. Innerlich. Innere Stärke. Widerstandskraft. Was so leicht aussieht, von Außen, ist das Ergebnis von Arbeit. An mir selbst. Da ist ein großer Aufruhr in mir. Kräfte sind am Werk, die mich von einem Pol zum anderen ziehen. Ich versuche ein inneres Ideal eines schöneren Ichs zu bewahren, zu behüten. Die Schönheit kommt nicht von Außen abhanden. Von innen. Das ist die einzige Gefahr. Aber so lange man einem Menschen ansieht, dass er darum kämpft, den guten Geist zu bewahren, gibt es diese Spur im Gesicht. Diesen Silberstreifen. So ein zartes Glitzern. Etwas Filigranes. Die Schönheit eines schüchternen Gebets.
04. August 2010
Ist jetzt mehr so privat von Freundin zu Freundin. Aber wenn man nach beendetem Gespräch fünf Minuten später noch einmal angerufen wird, mit der Mitteilung, sie hätte etwas Wichtiges (!) vergessen. Und das Wichtige ist dann, dass sie dieses Bild mit der Schildkröte entzückend findet und mir das unbedingt sagen will. Und sie mir dann auch noch zutraut, ich hätte das in meinem fortgeschrittenen Alter zustandebracht. Worauf ich maßlos stolz wäre, was aber leider nicht der Fall ist. Dann also dann, ja dann ist das schon einen kleinen persönlich gewidmeteten Blogeintrag wert.
04. August 2010


Foto: Cosmic
Gute Nacht
04. August 2010
Ist jetzt mehr so privat von Freundin zu Freundin. Aber wenn man nach beendetem Gespräch fünf Minuten später noch einmal angerufen wird, mit der Mitteilung, sie hätte etwas Wichtiges (!) vergessen. Und das Wichtige ist dann, dass sie dieses Bild mit der Schildkröte entzückend findet und mir das unbedingt sagen will. Und sie mir dann auch noch zutraut, ich hätte das in meinem fortgeschrittenen Alter zustandebracht. Worauf ich maßlos stolz wäre, was aber leider nicht der Fall ist. Dann also dann, ja dann ist das schon einen kleinen persönlich gewidmeteten Blogeintrag wert.
04. August 2010
03. August 2010

Puppenspiele kommen mir in den Sinn. Ich wollte das eigentlich als Kommentar unter meinen letzten Eintrag schreiben, aber manche meiner Kommentare geraten so lang, dass sie einen eigenen Eintrag wert sind. Ich erinnere mich, dass ich keine Baby-Puppe hatte und nur deshalb dachte, ich bräuchte auch eine, weil alle eine hatten. Eine Freundin hatte so eine, wo man oben Wasser einfüllen konnte und dann kamen Tränen oben und Pipi unten raus. Das war das einzige, was mich daran fasziniert hat, der Show-Effekt. Ich liebte meine einzige Puppe Michaela viel mehr.
Sie war schon groß und hatte Haare. Nicht so ein hilfloses Wesen, das umsorgt werden musste. Windeln wechseln, dieser ganze Kram. Puppenwagen mit reglosem Plastikbaby schieben. Doofe rosa Strampelanzüge an- und ausziehen. Ich hab das auch mal ausprobiert, aber es wurde mir schnell langweilig. Meine Puppe musste wie eine große Freundin sein, jemand, mit dem ich mich vergleichen konnte. Michaela hatte so ein schönes Gesicht. Man konnte Frisuren machen mit den langen blonden Haaren. Nicht nur eia eia, hast du dir in die Windel gemacht. Michaela kriegte glamouröse Abendkleider aus den Seidentüchern meiner Mama verpasst. Sie ging dann aus. Tanzen. Michaela machte Sachen, die ich später machen wollte. Wenn ich groß war.
Die Freundinnen hatten Spaß daran, die immer selben Baby-Pflege-Rituale mit ihren Plastik-Säuglingen nachzuspielen. Immer dasselbe. Jeden Tag. Und sie sprachen mit ihrem Plastik-Baby als wäre es lebendig und müsste erzogen werden. Es wurde auch viel geschimpft mit den Plastik-Babies. Gemahnt, gerügt. Dass es schon wieder gewickelt werden muss, das unerzogene Baby. Die Puppenmuttis guckten dann streng auf das Plastikwürmchen und drohten mit Papa.
Was mir alles einfällt… wieviel Erinnerung verschüttet ist und ausgegraben werden kann. Ich wollte immer attraktive Frauen als Puppe haben. Deswegen liebte ich meine Fake-Barbie Petra auch so. Barbiepuppen fand ich viel interessanter. Die hatten tolle Sachen zum Anziehen, keine langweiligen Baby-Strampler und hatten sogar schon Busen. Puppen nackig ausziehen und untersuchen, wie sie unten und überall ausschauen war auch interessant. Leider fehlten meistens die wichtigsten Sachen am Körper. Also die interessantesten, die man auch in echt nicht so oft sehen konnte. Ken hatte kein Geschlechtsteil und auch bei den Barbiepuppen fehlten wichtige Körperöffnungen. Barbie hatte nicht mal Brustwarzen. Das war wohl nicht wichtig, weil die Brüste bei der gängigen Mode sowieso verdeckt bleiben. Aber die Augen wurden sehr detailliert ausgearbeitet. Lange Wimpern waren aufgemalt. Zum Klimpern. Um Ken zuzuzwinkern.
Ich erinnere mich, wie es war, einen meiner Neffen zu wickeln. Nur zum Spaß, ich besuchte meinen Bruder und er zeigte es mir, sagte, „mach doch auch mal!“. Ich liebte das kleine Wesen und wunderte mich, dass es so einfach war, dass er nicht quäkte und nicht schrie sondern mich nur wohlig anlächelte. Das war ganz einfach. Auch nicht eklig. Ich fragte mich, warum so ein Gedöns um Babywickeln gemacht wird. Na gut, ich musste es ja auch nicht alle paar Stunden machen. Aber mein Bruder fand es auch nicht der Rede wert. Das machte er mal ebenso nebenher. Er hatte ja viel Zeit. Da hat er dann einfach mal die Gitarre beiseite gelegt.
(Die Geschichte von Michaela)
(Michaela lernt Selbstverteidigung)
(Die Geschichte von Arielle)
(Michaela auf Flickr)
03. August 2010

Puppenspiele kommen mir in den Sinn. Ich wollte das eigentlich als Kommentar unter meinen letzten Eintrag schreiben, aber manche meiner Kommentare geraten so lang, dass sie einen eigenen Eintrag wert sind. Ich erinnere mich, dass ich keine Baby-Puppe hatte und nur deshalb dachte, ich bräuchte auch eine, weil alle eine hatten. Eine Freundin hatte so eine, wo man oben Wasser einfüllen konnte und dann kamen Tränen oben und Pipi unten raus. Das war das einzige, was mich daran fasziniert hat, der Show-Effekt. Ich liebte meine einzige Puppe Michaela viel mehr.
Sie war schon groß und hatte Haare. Nicht so ein hilfloses Wesen, das umsorgt werden musste. Windeln wechseln, dieser ganze Kram. Puppenwagen mit reglosem Plastikbaby schieben. Doofe rosa Strampelanzüge an- und ausziehen. Ich hab das auch mal ausprobiert, aber es wurde mir schnell langweilig. Meine Puppe musste wie eine große Freundin sein, jemand, mit dem ich mich vergleichen konnte. Michaela hatte so ein schönes Gesicht. Man konnte Frisuren machen mit den langen blonden Haaren. Nicht nur eia eia, hast du dir in die Windel gemacht. Michaela kriegte glamouröse Abendkleider aus den Seidentüchern meiner Mama verpasst. Sie ging dann aus. Tanzen. Michaela machte Sachen, die ich später machen wollte. Wenn ich groß war.
Die Freundinnen hatten Spaß daran, die immer selben Baby-Pflege-Rituale mit ihren Plastik-Säuglingen nachzuspielen. Immer dasselbe. Jeden Tag. Und sie sprachen mit ihrem Plastik-Baby als wäre es lebendig und müsste erzogen werden. Es wurde auch viel geschimpft mit den Plastik-Babies. Gemahnt, gerügt. Dass es schon wieder gewickelt werden muss, das unerzogene Baby. Die Puppenmuttis guckten dann streng auf das Plastikwürmchen und drohten mit Papa.
Was mir alles einfällt… wieviel Erinnerung verschüttet ist und ausgegraben werden kann. Ich wollte immer attraktive Frauen als Puppe haben. Deswegen liebte ich meine Fake-Barbie Petra auch so. Barbiepuppen fand ich viel interessanter. Die hatten tolle Sachen zum Anziehen, keine langweiligen Baby-Strampler und hatten sogar schon Busen. Puppen nackig ausziehen und untersuchen, wie sie unten und überall ausschauen war auch interessant. Leider fehlten meistens die wichtigsten Sachen am Körper. Also die interessantesten, die man auch in echt nicht so oft sehen konnte. Ken hatte kein Geschlechtsteil und auch bei den Barbiepuppen fehlten wichtige Körperöffnungen. Barbie hatte nicht mal Brustwarzen. Das war wohl nicht wichtig, weil die Brüste bei der gängigen Mode sowieso verdeckt bleiben. Aber die Augen wurden sehr detailliert ausgearbeitet. Lange Wimpern waren aufgemalt. Zum Klimpern. Um Ken zuzuzwinkern.
Ich erinnere mich, wie es war, einen meiner Neffen zu wickeln. Nur zum Spaß, ich besuchte meinen Bruder und er zeigte es mir, sagte, „mach doch auch mal!“. Ich liebte das kleine Wesen und wunderte mich, dass es so einfach war, dass er nicht quäkte und nicht schrie sondern mich nur wohlig anlächelte. Das war ganz einfach. Auch nicht eklig. Ich fragte mich, warum so ein Gedöns um Babywickeln gemacht wird. Na gut, ich musste es ja auch nicht alle paar Stunden machen. Aber mein Bruder fand es auch nicht der Rede wert. Das machte er mal ebenso nebenher. Er hatte ja viel Zeit. Da hat er dann einfach mal die Gitarre beiseite gelegt.
(Die Geschichte von Michaela)
(Michaela lernt Selbstverteidigung)
(Die Geschichte von Arielle)
(Michaela auf Flickr)
03. August 2010

16. Juli 2010. Ich weiß immer noch nicht, ob es Haselnussbrand oder Haselnussgeist ist. Aber man muss ihn unbedingt probieren. Balkon, Animalprint-Fähnchen. Jam & Spoon, Silly, Erinnert. Das Teehaus, in dem kein guter Platz frei ist, der schöne Hofgarten voll besetzt. Kein Wunder. So ein schöner Sommerabend. Eine Weile sitzen wir, unentschieden, weil das Essen so gut ist da. Glücklicherweise kommt ewig keiner, um wenigstens die Getränkebestellung entgegenzunehmen. Erleichtertes Aufstehen. Guten Gewissens doch weiter. Das Licht war auch so seltsam, da in dem Durchgang, eine grelle Funzel, die geisterhaft grün aus dem Bambus leuchtete. Mir fällt das Pan Asia ein. So schön hatte ich das gar nicht in Erinnerung. Eine große Holztreppe im Hof, wie ineinandergeschobene Podeste, darauf prall gefüllte große Bodenkissen aus Leinen, in weiß und pink. Kleine Windlichter auf niedrigen Tischen. Schön ist das. Wie Ferien. In dieser Stadt kann man Urlaub machen. Ich spüre, was für ein Luxus es ist, in dieser Ecke der Stadt, des Landes, des Erdteils, der Erde zu leben. Mir wird ganz demütig. Der Kellner ist genauso nett wie er attraktiv aussieht. Normalerweise ist immer irgendwas, über das man hinwegsieht. Aber dieser szenige Typ ist charismatisch, charmant, ein bißchen flirty und sehr zuvorkommend. Und das Essen ganz und gar wie ich es mag. Mit frischen Zutaten, alles hat noch Biss, die zarten Zuckerschoten… Kein versupptes Geschwurbel. Eiskalter Chardonnay.
Ich weiß nicht mehr genau, worüber wir sprachen, aber ich holte nach dem zweiten Glas weit aus. Sagte Sachen wie, dass ich mir als Kind, als Mädchen, nie vorgestellt, erträumt habe eine Familie zu gründen, Mit Kind und Mann und Haus und Hof. Ich dachte eher, das wäre ein unheilvolles Schwert, das jede Frau früher oder später ereilt. (Das hab ich nicht gesagt, das fällt mir nur jetzt wieder ein). Ich hab von etwas ganz anderem geträumt. Ich wollte unbedingt frei sein. Frei von Bindungen an Menschen, die mir irgendetwas diktieren könnten, mich vereinnahmen würden, in einem vorstrukturierten Leben, dessen weiterer Verlauf das Potenzial an Unwägbarkeit verloren hat. (Das hab ich auch nicht gesagt, das schreib ich jetzt nur). Aber ich hab mich an einen Platz geträumt, als erwachsene Frau gesehen, die in einem Adlerhorst lebt, über den Dächern einer Stadt, einer Metropole. Die niemandem Rechenschaft schuldig ist. Es ist wahr geworden. Ich lebe in einem Adlerhorst über den Dächern der Stadt. Der schönsten Stadt, die ich kenne, in der meine Sprache gesprochen wird. Ich bin dankbar. Ja, schon wieder. Ich bin überhaupt in letzter Zeit ganz oft dankbar. Ganz ungeplant. Ohne Vorsatz. Ich weiß nicht, ob man sich sein Schicksal erarbeitet. Das wissen die Götter. Meines ist schon sehr seltsam. Sie haben mir auf jeden Fall einen sehr eigenwilligen und sehr mäandernden Weg zugedacht, für den man auch viel Kraft braucht. Innerlich. Innere Stärke. Widerstandskraft. Was so leicht aussieht, von Außen, ist das Ergebnis von Arbeit. An mir selbst. Da ist ein großer Aufruhr in mir. Kräfte sind am Werk, die mich von einem Pol zum anderen ziehen. Ich versuche ein inneres Ideal eines schöneren Ichs zu bewahren, zu behüten. Die Schönheit kommt nicht von Außen abhanden. Von innen. Das ist die einzige Gefahr. Aber so lange man einem Menschen ansieht, dass er darum kämpft, den guten Geist zu bewahren, gibt es diese Spur im Gesicht. Diesen Silberstreifen. So ein zartes Glitzern. Etwas Filigranes. Die Schönheit eines schüchternen Gebets.
02. August 2010

20. Juni 2010. Balkonzimmer. Auguststraße. Synagoge. Sommer. Spielplatz. Kids. Vielleicht weil sie Ringelshirts anhatten und die Haare des Jungen so schön wehten. Und manchmal sah es aus wie Absicht, fast wie eine Choreographie. Obwohl die Mädels ein bißchen anmutiger hätten sein können. Aber hey – sie hatten Spaß. Ich glaube, je älter ich werde, umso mehr komme ich wieder dahin, absichtslosem Spiel ohne vorführbare Ergebnisse am Ende, von der schönen Erinnerung abgesehen, Freude abzugewinnen. Am Ende eines Tages zählt, woran man Freude hatte.

2. August 2010
23. Juni 2010. Mittwoch. Könnte ein Mittwoch gewesen sein. Germany-Ghana. Ich habe vorhin schon einen Eintrag dazu geschrieben, ist mir abgestürzt. Ich fang noch mal an. Dass ich Deutschland-Wimpern gekauft hatte, hab ich geschrieben. Nicht nur für die beiden kleinen Mädchen als Mitbringsel beim Gartenfest, sondern auch für mich und Cosmic. Die gab’s bei Karstadt in der Schreibwarenabteilung, sonst waren die gar nicht so leicht zu kriegen. Und so schwarzrotgoldene Hawai-Girlanden. Und Armbändchen. Da ging ich aus der Wohnung auf die Auguststraße mit meinen glitzernden Deutschland-Wimpern. Im Fußball-Karnevals-Fieber. Wie sich die Menschen über meine Verkleidung freuten! Junge, sportiv wirkende Männer lächelten mir anerkennend zu. Einer fragt sogar nach der Uhrzeit. So fünf vor Acht, gefühlt, sag ich. An der Stelle wo andere eine Uhr haben, hab ich ein Deutschland-Armbändchen. Zwinkern geht ohne Probleme mit Deutschlandwimpern. Ritrovo. Stefan ist außer sich: „Ick hab jar nich jewusst, dass du sone Fußballbraut bist! Ick bin stolz auf dich!“ Cosmic hat noch gar keine Wimpern dran. In fünfundzwanzig Minuten beginnt das Spiel! Der Kellner will die Bestellung entgegennehmen, Cosmic bittet ihn um noch etwas Geduld: „wir müssen uns erst noch schminken und dann bestellen wir!“.

Ich male Cosmic mit schwarzem Kajal Brot und Spiele ins Gesicht und klebe die Wimpern an. Stefan macht dabei ein verrutschtes Eierfon-Foto und muss es gleich auf seine Facebook-Pinnwand posten. So, Cosmic ist fertig bemalt. Kajal steht ihm gut. Diabolisch sieht er aus. Wir fotografieren uns eifrig gegenseitig, Stefan muss uns mehrmals wie Schulkinder ermahnen, dem Fußballereignis mehr Aufmerksamkeit entgegenzubringen. Das Spiel ist ein bißchen langweilig, Fotos machen macht einfach mehr Spaß, als den lahmen Jungs zuzugucken. Am schlimmsten war die letzte Viertelstunde des Spiels. Als ob man Zeitlupe schaut. Die wurden immer langsamer. Ja, ich weiß, die wollten Zeit schinden, damit bloß nichts mehr passiert, schon klar. Action auf dem Spielfeld könnte gefährlich werden, sehr gefährlich! Deutschland hat gerade mal so gewonnen. Ich konnte also einigermaßen erhobenen Hauptes die Krone aufbehalten. Mir ist, als hätte ich vorhin noch mehr dazu geschrieben… ach, egal… ich erinnere mich ja auch so. Die Erinnerung ist wie ein Film, den man in sich trägt. Man muss ihn nur anschmeißen. Den sentimentalen Projektor. Hab ich doch wieder schön gesagt. Meine Leser freuen sich über solche Formulierungen. Nicht so furchtbar wichtig, dass ich Lasagne hatte. Und Cosmic irgendwelche Nudeln. Pasta sagt man beim Italiener ja gerne dazu. Stefan und Katja Pizza. Aber jede Menge Grappa. Das war schon wichtig. Und dass ich Katja sofort mochte. Und ihr Profil, wie sie da so saß mit meinem Hut. Ich dachte an den blauen Engel und Romy in das Mädchen und der Kommissar.

Später zu H. Den Namen kürze ich lieber ab. Erstens weiß man nie und zweitens ist der Name eh nicht so schön. Aber der Film war es, den wir gesehen haben. Er hat ein unfassbar riesiges Video-Archiv, da bei sich zu Hause in seiner Siebziger Jahre-Hippie-Wohnung. Stop Making Sense. Ich hatte ganz vergessen, wie großartig dieser Film ist. Ein Wunder. Ich sitze fassungslos vor diesem Meisterwerk. Cosmic gleitet wie hypnotisiert auf den Teppich, näher zum Fernseher. Wahnsinn dieser Film. David Byrne. Was für ein Genie. Ich hab ihn einmal live gesehen, aber gar nicht bei einem Talking Heads-Konzert, sondern 1987 bei der Berlinale. Im Zoopalast stolperte er auf die Bühne um sein Spielfilm-Regie-Debut zu präsentieren. Er stotterte. Man konnte spüren, dass er feuchte Hände hatte. Vor lauter Aufregung redete er wirr. Alle liebten ihn. Standing Ovations, um es ihm zu zeigen, ihn zu beruhigen. Ganz dunkle feuchte Bambi-Augen hatte er. Heute, als ich die Bilder noch einmal ansah, von diesem Public Viewing beim Italiener, dachte ich an einen Fellini-Film. Man könnte auch denken, wir wären einem Fellini-Film entsprungen. Mit unseren Wimpern. Und überhaupt. Aber es ist nur unser eigener Film gewesen. Wie immer. Ich spiele am liebsten in meinen eigenen Filmen mit, da darf ich den Text immer ganz frei sprechen. Ich merke mir doch so schlecht Text.
http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=71649
Groß gucken.
2. August 2010
23. Juni 2010. Mittwoch. Könnte ein Mittwoch gewesen sein. Germany-Ghana. Ich habe vorhin schon einen Eintrag dazu geschrieben, ist mir abgestürzt. Ich fang noch mal an. Dass ich Deutschland-Wimpern gekauft hatte, hab ich geschrieben. Nicht nur für die beiden kleinen Mädchen als Mitbringsel beim Gartenfest, sondern auch für mich und Cosmic. Die gab’s bei Karstadt in der Schreibwarenabteilung, sonst waren die gar nicht so leicht zu kriegen. Und so schwarzrotgoldene Hawai-Girlanden. Und Armbändchen. Da ging ich aus der Wohnung auf die Auguststraße mit meinen glitzernden Deutschland-Wimpern. Im Fußball-Karnevals-Fieber. Wie sich die Menschen über meine Verkleidung freuten! Junge, sportiv wirkende Männer lächelten mir anerkennend zu. Einer fragt sogar nach der Uhrzeit. So fünf vor Acht, gefühlt, sag ich. An der Stelle wo andere eine Uhr haben, hab ich ein Deutschland-Armbändchen. Zwinkern geht ohne Probleme mit Deutschlandwimpern. Ritrovo. Stefan ist außer sich: „Ick hab jar nich jewusst, dass du sone Fußballbraut bist! Ick bin stolz auf dich!“ Cosmic hat noch gar keine Wimpern dran. In fünfundzwanzig Minuten beginnt das Spiel! Der Kellner will die Bestellung entgegennehmen, Cosmic bittet ihn um noch etwas Geduld: „wir müssen uns erst noch schminken und dann bestellen wir!“.

Ich male Cosmic mit schwarzem Kajal Brot und Spiele ins Gesicht und klebe die Wimpern an. Stefan macht dabei ein verrutschtes Eierfon-Foto und muss es gleich auf seine Facebook-Pinnwand posten. So, Cosmic ist fertig bemalt. Kajal steht ihm gut. Diabolisch sieht er aus. Wir fotografieren uns eifrig gegenseitig, Stefan muss uns mehrmals wie Schulkinder ermahnen, dem Fußballereignis mehr Aufmerksamkeit entgegenzubringen. Das Spiel ist ein bißchen langweilig, Fotos machen macht einfach mehr Spaß, als den lahmen Jungs zuzugucken. Am schlimmsten war die letzte Viertelstunde des Spiels. Als ob man Zeitlupe schaut. Die wurden immer langsamer. Ja, ich weiß, die wollten Zeit schinden, damit bloß nichts mehr passiert, schon klar. Action auf dem Spielfeld könnte gefährlich werden, sehr gefährlich! Deutschland hat gerade mal so gewonnen. Ich konnte also einigermaßen erhobenen Hauptes die Krone aufbehalten. Mir ist, als hätte ich vorhin noch mehr dazu geschrieben… ach, egal… ich erinnere mich ja auch so. Die Erinnerung ist wie ein Film, den man in sich trägt. Man muss ihn nur anschmeißen. Den sentimentalen Projektor. Hab ich doch wieder schön gesagt. Meine Leser freuen sich über solche Formulierungen. Nicht so furchtbar wichtig, dass ich Lasagne hatte. Und Cosmic irgendwelche Nudeln. Pasta sagt man beim Italiener ja gerne dazu. Stefan und Katja Pizza. Aber jede Menge Grappa. Das war schon wichtig. Und dass ich Katja sofort mochte. Und ihr Profil, wie sie da so saß mit meinem Hut. Ich dachte an den blauen Engel und Romy in das Mädchen und der Kommissar.

Später zu H. Den Namen kürze ich lieber ab. Erstens weiß man nie und zweitens ist der Name eh nicht so schön. Aber der Film war es, den wir gesehen haben. Er hat ein unfassbar riesiges Video-Archiv, da bei sich zu Hause in seiner Siebziger Jahre-Hippie-Wohnung. Stop Making Sense. Ich hatte ganz vergessen, wie großartig dieser Film ist. Ein Wunder. Ich sitze fassungslos vor diesem Meisterwerk. Cosmic gleitet wie hypnotisiert auf den Teppich, näher zum Fernseher. Wahnsinn dieser Film. David Byrne. Was für ein Genie. Ich hab ihn einmal live gesehen, aber gar nicht bei einem Talking Heads-Konzert, sondern 1987 bei der Berlinale. Im Zoopalast stolperte er auf die Bühne um sein Spielfilm-Regie-Debut zu präsentieren. Er stotterte. Man konnte spüren, dass er feuchte Hände hatte. Vor lauter Aufregung redete er wirr. Alle liebten ihn. Standing Ovations, um es ihm zu zeigen, ihn zu beruhigen. Ganz dunkle feuchte Bambi-Augen hatte er. Heute, als ich die Bilder noch einmal ansah, von diesem Public Viewing beim Italiener, dachte ich an einen Fellini-Film. Man könnte auch denken, wir wären einem Fellini-Film entsprungen. Mit unseren Wimpern. Und überhaupt. Aber es ist nur unser eigener Film gewesen. Wie immer. Ich spiele am liebsten in meinen eigenen Filmen mit, da darf ich den Text immer ganz frei sprechen. Ich merke mir doch so schlecht Text.
http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=71649
Groß gucken.
30. Juli 2010

Was für ein unfassbar schöner Sommer. Die Abende sind so lau, immer weht ein ganz sanfter lauer Wind durch die Gassen möchte man schreiben, aber man nennt die kleinen Straßen in Berlin Mitte nicht so. Nicht einmal die „kleine Auguststraße“. Ich wohne ja außerdem in der großen Auguststraße. Ich bin sehr dankbar in diesem Sommer, dass ich ihn so unbeeinträchtigt (bislang…) von Atemnöten erleben darf. Ich stehe davor, wie vor einem Wunder. Heute sagte ich zu einer Freundin, weißt du, ich habe in der letzten Zeit etwas sehr Interessantes gelernt. Dass man einen Tiefpunkt, was es auch immer sei, eine seelische Krise viel besser bewältigen kann, wenn man sich mit äußerster Aufmerksamkeit um sein körperliches Wohl kümmert, um die physische Stabilität, nicht alles hinschmeißt, gerade dann kein Schindluder treibt. Den Körper mit Überfluss an Gutem verwöhnt. Dinge wie viel Schlaf, geschmeidige Bewegungen, sich einzubalsamieren, gute Sachen zu essen, Nahrung, in der noch Leben ist, guter Wein, guter Champagner, gutes Gras. Aber nicht in einem dekadenten Maß, dass es ins Schadhafte kippen könnte. Diese Balance lernen und zelebrieren. Gestern Abend zum Beispiel, bevor ich wegging, ein Glas Veuve, ein bißchen homegrown, aber nur eine ganz kleine Zigarette. Später beim Konzert, ein großes Glas Wasser, Matthias und Stefan scherzten noch, geh weg mit dem Wodka! Sie trauen mir nicht zu, dass ich Wasser trinke. Dann drei Gläser Beaujolais. Aber nicht mehr. Das war die Grenze. Danach nur noch ein, zwei Gläser Wasser zuhause. Es hat mir nicht geschadet. Der pflegliche Umgang mit dem Körper wirkt auf die Psyche, weil dann die irrtümliche, fatale Schlussfolgerung, die ich früher hatte, nicht mehr passiert, dass es mir auch körperlich schlecht ginge, weil ich in einer seelischen Krise bin. Das stimmt gar nicht. Wenn ich morgens tief ausgeruht aufstehe, kommt mir all das, was mein Herz umtreibt, nicht mehr ganz so schwer und unüberwindbar vor. Das Gefühl von körperlicher Stärke bestärkt die Vorstellung von psychischer Kraft. Die Berge versetzt. Kraft verleiht, die über den Körper hinausgeht.
30. Juli 2010

Was für ein unfassbar schöner Sommer. Die Abende sind so lau, immer weht ein ganz sanfter lauer Wind durch die Gassen möchte man schreiben, aber man nennt die kleinen Straßen in Berlin Mitte nicht so. Nicht einmal die „kleine Auguststraße“. Ich wohne ja außerdem in der großen Auguststraße. Ich bin sehr dankbar in diesem Sommer, dass ich ihn so unbeeinträchtigt (bislang…) von Atemnöten erleben darf. Ich stehe davor, wie vor einem Wunder. Heute sagte ich zu einer Freundin, weißt du, ich habe in der letzten Zeit etwas sehr Interessantes gelernt. Dass man einen Tiefpunkt, was es auch immer sei, eine seelische Krise viel besser bewältigen kann, wenn man sich mit äußerster Aufmerksamkeit um sein körperliches Wohl kümmert, um die physische Stabilität, nicht alles hinschmeißt, gerade dann kein Schindluder treibt. Den Körper mit Überfluss an Gutem verwöhnt. Dinge wie viel Schlaf, geschmeidige Bewegungen, sich einzubalsamieren, gute Sachen zu essen, Nahrung, in der noch Leben ist, guter Wein, guter Champagner, gutes Gras. Aber nicht in einem dekadenten Maß, dass es ins Schadhafte kippen könnte. Diese Balance lernen und zelebrieren. Gestern Abend zum Beispiel, bevor ich wegging, ein Glas Veuve, ein bißchen homegrown, aber nur eine ganz kleine Zigarette. Später beim Konzert, ein großes Glas Wasser, Matthias und Stefan scherzten noch, geh weg mit dem Wodka! Sie trauen mir nicht zu, dass ich Wasser trinke. Dann drei Gläser Beaujolais. Aber nicht mehr. Das war die Grenze. Danach nur noch ein, zwei Gläser Wasser zuhause. Es hat mir nicht geschadet. Der pflegliche Umgang mit dem Körper wirkt auf die Psyche, weil dann die irrtümliche, fatale Schlussfolgerung, die ich früher hatte, nicht mehr passiert, dass es mir auch körperlich schlecht ginge, weil ich in einer seelischen Krise bin. Das stimmt gar nicht. Wenn ich morgens tief ausgeruht aufstehe, kommt mir all das, was mein Herz umtreibt, nicht mehr ganz so schwer und unüberwindbar vor. Das Gefühl von körperlicher Stärke bestärkt die Vorstellung von psychischer Kraft. Die Berge versetzt. Kraft verleiht, die über den Körper hinausgeht.
30. Juli 2010
Man sollte die nächtlich trunken verfassten sentimentalen Texte auch als sein eigener Leser nur nachts lesen, wenn man selbst wieder trunken und sentimental ist. Also einfach bis heute Nacht übergehen. In der S-Bahn gerade Bilder gesichtet. Ganz viele gelöscht. Ein paar bleiben. Gar nicht so wenige. Ich hatte einen guten Winkel, von unten, die Kamera fast auf dem Boden, vorne, am Rand der Bühne. Das Licht fiel direkt ins Gesicht, und flutete die Linien, hellte alles auf, löschte ein paar Spuren der Jahre, die mir gestern und die letzten Male mehr auffielen als sonst. Beim Löschen fiel mir auf, dass es immer Bilder waren, auf denen man die Augen sieht. Wirklich schöne sind aber auch dabei. Aber auf allen schönen von gestern Abend sind deine Augen geschlossen. Der Ausdruck in den Augen ist es, der dem Bild die Magie, den Zauber gibt. Bei hingebungsvoll geschlossenen Augen stellt man sich automatisch ein beseeltes tief dunkel blickendes Auge vor, hinter dem schützenden Augenlid. Man kann gar nicht anders. Ich mag klare Augen, wache, tief und warm blickende Augen, mit einem starken gesunden Kontrast von Weiß und weit geöffneter Pupille. Die vergrößerte Pupille ist ein Zeichen der Hingabe an den Augenblick, die Gegenwart. Wenn sich Menschen sehr wohl fühlen, vergrößern sich die Pupillen. Auch im Zustand der Verliebtheit, bei Erregung. Es ist auch ein Zeichen von großem Vertrauen. Deshalb haben kleine Kinder so oft riesige Pupillen, auch wenn es hell ist. Sie träumen noch, denn keiner reißt sie aus ihren Träumen, wenn sie noch sehr klein sind. Niemand fordert rationales Verhalten von einem Säugling. Normalerweise verkleinern sich die Pupillen bei Helligkeit sehr stark. Ein Schutzmechanismus. Wenn man aber sehr entspannt ist und vertraut, weiten sie sich selbst in der strahlenden Sonne. Und dann gibt es so seltsame Exemplare wie mich, die überwiegend sehr weit geöffnete Pupillen haben. Viele denken, ich hätte sehr dunkle Augen, aber das stimmt nicht. Meine Augen sind blau, so ein taubenblau. Ich bin nicht so sehr vertrauensselig, aber ich bin innerlich meistens auf so einem verträumten Level, das der Psycho-Analytiker als Alpha-Zustand kennt. Dieser irrationale Zustand wie kurz vor dem Einschlafen. Das ist mein natürlicher Grundzustand. Ich verhalte mich ganz normal und kann mich sachlich unterhalten, aber parallel läuft immer ein intensiver Traum-Bewusstseinstrom, in dem ich mich eigentlich aufhalte. Unausgesetzt. Das andere ist nur Show. Für die soziale Kompatibilität. In Wahrheit träume ich die ganze Zeit. Nico hatte das auch. Darin sind wir verwandt. Das habe ich gleich bei ihr erkannt. Wir träumen uns durch unsere Tage, unser Leben. Und wir werden nur vollständig wach, wenn sich das Traumhafte in der Wirklichkeit manifestiert. Dann sind wir ganz da.

30. Juli 2010
(nur nachts und betrunken zu lesen)
wie weit weg du bist
und wie egal es dir (scheinbar) ist
ich hatte einen Satz im Kopf
und ich glaube, er reimte sich sogar
aber ich hab ihn vergessen
irgendwas mit checken
was war es
was war es nur
trunken. ich … wie kann das sein….
es kann so sein…. denn auch oft,
sehr oft, wenn sich die Dinge dem Ende neigen,
den Enden neigen, tun sie es,
weil die Kraft versiegt
oder in andere Wege fließt,
manchmal noch ein Schimmer,
eine Erinnerung,
an das Furiose, das man so gerne so lange gehabt hätte…
er, der Fotograf, der dich zum ersten mal sah und bewunderte.
Und ich, die ich dich zum hundersten Mal sah.
Mit Erinnerung,
mit Bildern im Herzen von unsagbarer Intensität.
Und nichts, kaum etwas kam dem gleich.
Aber für ihn war selbst das heute Abend furios genug.
und sei dir gegönnt.
Und beschieden.
Aber ich sehe die Entfernung. Entfremdung…
Das bloggt man nachts. Spät.
Nachdem man
Ich nach Hause kam.
Und … ja – – – ein prägnanter Satz war da in meinem Kopf,
den ganzen Abend, nachdem ich ging.
Ich suche nach dir, den ich kannte.
Du entgleitest, bist irgendwo,
wo du nicht mehr zu fassen bist.
Nichts Wesentliches von dir.
Nicht mehr in Bildern einzufangen.
Ich sehe, wie du arbeitest.
Hart sogar.
Aber das Spiel ist vorbei.
Ist zu Ende. Unser Spiel.
Nur noch Erinnerung.
Wenn ich Glück habe,
erhasche ich einen Abglanz der Erinnerung.
Ich werde ihn festhalten.
Und bewahren. Und erinnern.
Für immer.
28. Juli 2010

Niki et Jean reloaded. Autobiographically. Cidre. Niki et Jean, Film. Patti und Robert, Buch. Leicht zu verstehen. Schwer zu begreifen. „Ich habe immer davon geträumt, in einem Werk von mir zu leben“ sagt Niki gerade. Der Film läuft. Es ist so wertvoll, wenn jemand weiß, was einem etwas gibt. Nicht jeder kann mir einen Film schicken, den ich mir ansehe, noch am selben Abend. In der Welt von Niki und Jean bin ich zuhause. Niki und Jean. Patti und Robert. Gestern kam das Buch. Nein, nicht das da oben von Niki und Jean. Das andere. Von Patti. Aber gerade läuft dieser Film und ich kriege das alles nicht mehr auseinander. Es gehört zusammen. Niki und Jean. Patti und Robert. Ich las vor dem Schlafengehen etwa zehn Seiten. Ich musste bei jedem zweiten Satz weinen. So geht das nicht. So kann man nicht lesen. Ich legte das Buch in meine Tasche. Meine Ramones-Tasche, in die mein Beamer passt. Niki und Jean. Robert und Patti. Am Anfang sein Tod. So fängt das Buch an. Ich blättere zu den Bildern. Die Bilder tun mir weh. Just kids. Ich schlage das Buch zu, lege es in meine Tasche, für morgen, für heute. Meine Ramones-Tasche. Ein anderes Buch liegt daneben. Weil ich nicht wissen kann, ob ich es aushalte, in Pattis Buch zu lesen. Oder mich lieber ablenke. Mit den Beschreibungen von Hildes Lampenfieber in der Philharmonie. Den Studioaufnahmen. Den Erinnerungen an analoge Aufnahmen in einem Berliner Tonstudio. Mittags. In der Sonne. Ich lese über die Tonaufnahmen. In der Tasche liegt Pattis Buch. Irgendwann lese ich weiter. Halte ich es aus. Aber nicht unterwegs. Das wird schwierig. Ich hasse verlaufene Wimperntusche. Niki sagt, es gab Rivalität. Aber wir haben immer miteinander gespielt. Sie kannten sich vier Jahre. Waren befreundet. Dann änderte ein Abend diese Verbindung. Zwei Tage später zog sie zu ihm. Niki und Jean. Patti und Robert. Ich hab diesen Film nicht bestellt. Er flog mir heute zu. Von jemandem, der auch die Geschichte von Robert und Patti kennt. Gut kennt. In seinem Brief dazu schreibt er mir, schreibst du mir „(…) schicke ich diesen schönen kleinen Film über ein großartiges und großartig charmantes Künstlerpaar (…)“ Da hat sich jemand was dabei gedacht. Ich weiß das sehr zu schätzen. Bin gerührt. Wie meistens, in diesen Tagen. Tut vieles gut und weh. Zugleich.

An einer Stelle im Buch schreibt Patti, dass Fred zu ihr sagte, ich weiß nicht, wie er (Robert) das macht, aber ich sehe auf allen Bildern, die er von dir gemacht hat, ihn. Ich weiß, was er meint. Ich verstehe das alles. Viel zu gut. Schmerzhaft. (u. ewig). Ich dachte gestern Nacht und heute, ich kann das Gefühl nicht in Worten greifen. Aber es durchflutet mich. Egal, ob ich Worte dafür finde.
28. Juli 2010
Die Freundin zum Lachen bringen, kann glaube ich auch als gute Pfadfindertat gelten. Schade, dass man sich so gar keine Notizen beim Telefonieren macht. Seit sie auch bloggt, ruft sie gelegentlich durch’s Telefon „Du musst das bloggen! Sofort!“. Ich blogge es dann nie. Mein Blog-Biorhythmus folgt anderen Vitalitätsströmen, leider. Frau Klugscheisser hat für solche Fälle die sehr vernünftige Rubrik „Sätze, die man sofort bloggen muss“ eingerichtet. Ich merke das zwar, wenn mir eine halbwegs amüsante Wendung unterläuft, aber wenn man es dann schreibt, ist es leider meistens nicht mehr annähernd so lustig, wie im Kontext launig trunkenen Palavers (sie Riscal ich Veuve). Der Witz basiert ja mitunter auch auf den speziellen klimatischen Bedingungen, die nur in einem hermetisch abgeschlossenen Freundinnen-Parallel-Universum gegeben sind.
Aber damit es festgehalten ist, für dich und die Ewigkeit, meine Liebe: ich habe dich gestern meines Wissens zweimal zum Lachen gebracht. Das erste mal, als ich dir die Geschichte von Berufsmeditierer Langhans und seinem späten Gebrechen schilderte, welches ihn zu der Erkenntnis brachte, dass man nicht nur seiner Geistesvitalität und spirituellen Gesundheit sondern auch seinem Körper eine gewisse Aufmerksamkeit zukommen lassen sollte. Er kam durch ein Gebrechen am Bewegungsapparat wie von Zauberhand (Zeichen und Wunder) plötzlich ganz von selbst darauf, dass er möglicherweise zu viel herumgehockt ist. Bewegung hätte gut getan! Ich verkürzte das am Telefon auf „(…) war dann quasi seine Initiation in die Verkörperung“. Das klingt jetzt überhaupt nicht lustig, wenn ich das so lese. Siehst du, deswegen blogge ich solche Sätze eigentlich nicht. Der Satz war natürlich untermalt von gemeinem Lachen und das Wort „Initiation“ muss man sich sensibel betont vorstellen. Seitdem turnt er wohl, der Langhans. Haha. Und dann hast du dich noch kaputtgelacht, als ich den schönen alten Begriff „Hofschranzen“ aufleben ließ. Das Wort war dir so ungeläufig, dass du sogar dessen Existenz anzweifeltest, aber du wusstest intuitiv sofort, was ich meine. Das war glaube ich der Höhepunkt unseres gestrigen Telefonats. Ich wüsste niemanden außer dir, außer vielleicht noch Jan, der sich dermaßen ungebührlich über meine doch mitunter recht unflätigen Gedankengänge amüsiert. Das macht mich schon recht dankbar. Die Wikipedia-Erklärung hat dir dann auch noch prima gefallen. Es ging natürlich um Monarchie. Ich bin ja Monarchistin.

Foto: Cosmic
28. Juli 2010
Die Freundin zum Lachen bringen, kann glaube ich auch als gute Pfadfindertat gelten. Schade, dass man sich so gar keine Notizen beim Telefonieren macht. Seit sie auch bloggt, ruft sie gelegentlich durch’s Telefon „Du musst das bloggen! Sofort!“. Ich blogge es dann nie. Mein Blog-Biorhythmus folgt anderen Vitalitätsströmen, leider. Frau Klugscheisser hat für solche Fälle die sehr vernünftige Rubrik „Sätze, die man sofort bloggen muss“ eingerichtet. Ich merke das zwar, wenn mir eine halbwegs amüsante Wendung unterläuft, aber wenn man es dann schreibt, ist es leider meistens nicht mehr annähernd so lustig, wie im Kontext launig trunkenen Palavers (sie Riscal ich Veuve). Der Witz basiert ja mitunter auch auf den speziellen klimatischen Bedingungen, die nur in einem hermetisch abgeschlossenen Freundinnen-Parallel-Universum gegeben sind.
Aber damit es festgehalten ist, für dich und die Ewigkeit, meine Liebe: ich habe dich gestern meines Wissens zweimal zum Lachen gebracht. Das erste mal, als ich dir die Geschichte von Berufsmeditierer Langhans und seinem späten Gebrechen schilderte, welches ihn zu der Erkenntnis brachte, dass man nicht nur seiner Geistesvitalität und spirituellen Gesundheit sondern auch seinem Körper eine gewisse Aufmerksamkeit zukommen lassen sollte. Er kam durch ein Gebrechen am Bewegungsapparat wie von Zauberhand (Zeichen und Wunder) plötzlich ganz von selbst darauf, dass er möglicherweise zu viel herumgehockt ist. Bewegung hätte gut getan! Ich verkürzte das am Telefon auf „(…) war dann quasi seine Initiation in die Verkörperung“. Das klingt jetzt überhaupt nicht lustig, wenn ich das so lese. Siehst du, deswegen blogge ich solche Sätze eigentlich nicht. Der Satz war natürlich untermalt von gemeinem Lachen und das Wort „Initiation“ muss man sich sensibel betont vorstellen. Seitdem turnt er wohl, der Langhans. Haha. Und dann hast du dich noch kaputtgelacht, als ich den schönen alten Begriff „Hofschranzen“ aufleben ließ. Das Wort war dir so ungeläufig, dass du sogar dessen Existenz anzweifeltest, aber du wusstest intuitiv sofort, was ich meine. Das war glaube ich der Höhepunkt unseres gestrigen Telefonats. Ich wüsste niemanden außer dir, außer vielleicht noch Jan, der sich dermaßen ungebührlich über meine doch mitunter recht unflätigen Gedankengänge amüsiert. Das macht mich schon recht dankbar. Die Wikipedia-Erklärung hat dir dann auch noch prima gefallen. Es ging natürlich um Monarchie. Ich bin ja Monarchistin.

Foto: Cosmic
27. Juli 2010
Heute vor drei Jahren.
Irgendwie fast schon mystisch. Seit Jahren erhalte ich immer wieder Mails aus einer Nico gewidmeten Newsgroup. Ich lese sie seit längerem nicht mehr. Ich hab so viel über Nico gelesen, erfahren, so viele Bilder gesehen, Filme, kenne alle Songs in- und auswendig… was soll da noch an Neuigkeiten passieren. Aus irgendeinem Grund hatte ich heute Lust, die letzte Mail dieser News Group zu lesen. Ein Mitglied, Zoltan, erwähnte, dass er gerade in Berlin war, auch am Grab und dass er Fotos gemacht hätte, ob Interesse bestünde, sie zu sehen.

Da fiel mir wieder ein, dass ich vor einiger Zeit ein Bild rahmte und an ihrem Grab hinterlegte, und fragte mich, ob es wohl noch dort sei. Ich kam auf die Idee, die Bildersuche im Netz zu bemühen, um ein möglichst aktuelles Bild des Grabes zu finden. Das neueste, das ich fand, war vom letzten Sommer. Dieses hier. Mein Bild war noch da. Man sieht es mittlerweile auf fast allen Bildern im Netz, die ihr Grab zeigen. Das rührt mich. Es wird mit Respekt behandelt und gilt als ein fester Bestandteil ihrer letzten Ruhestätte, wie es scheint. Es wäre ein Sakrileg, das Bild zu entwenden. Ich hoffe, es ist immer noch da. Doch, ja ich glaube schon. Denn Zoltan schrieb in der News Group, dass er ein bißchen enttäuscht sei, dass keine neuen Reliquien dazukommen wären seit seinem letzten Besuch, es sei ganz unverändert…

Außer dem Bild der Berliner Fotografin Ilse Ruppert, fand ich auch noch eines, auf dem man die poetrYclub-Karte sieht, die Cosmic am 14. Juni 2008 dort hinterlegte, als wir zum ersten mal gemeinsam unterwegs waren, in Berlin Arizona. Die Karte lag in dieser Steinschale, von Regen und Sonne und Wind und Wetter gezeichnet und gewellt. Nach nur vier Wochen schon so viel Patina. Auch dieses Bild rührt mich. Überhaupt diese Spuren der Vergänglichkeit. Wie schnell alles geht. Ich mag es sehr, wie sich auf meinem Bild durch das Eintreten von Feuchtigkeit Verfärbungen am Passepartout zeigen.

Amüsiert hat mich auch, dass jemand anderes unter eine Fotografie des Grabes schrieb, ein Fan hätte ein gerahmtes Bild hinterlegt und darunter auf Französisch eine Widmung geschrieben. Was ich unter das Bild schrieb, war nicht französisch sondern ein englisches Textfragment des Nico-Songs Nibelungenland „in flames I run, in flames I run, waiting for the sign to come…“ den man am Ende auch in meinem kleinen Film hören kann. Das irgendwie Mystische daran ist eigentlich nur, dass ich Ilse Ruppert unter ihrem Foto dankte und ihr einen Link zu dem Set heraussuchte, um ihr das Entstehen zu zeigen. Und da fiel mein Blick auf das Datum, es war genau heute vor drei Jahren, dass ich dieses Bild für Nico machte und es ihr ans Grab brachte. Schön, heute Abend an sie zu denken. Und an die Momente, als ich dort war. Es waren immer schöne Augenblicke. Besondere. Vor neun Tagen war ihr Todestag. Ich dachte nicht daran. Aber aus irgendeinem Grund scheint dieser 27. Juli mein Nico-Gedenktag zu sein.

Ich merke gerade, wie gut es mir tut, mich damit abzulenken, mich ihr zuzuwenden. Sie hat mir immer gut getan. Wenn ich mich mit ihr beschäftigte, war ich mir selbst immer sehr nah. Bin es. Bei ihr und doch ganz bei mir. Ich trinke auf dich, Nico. Ich mache jetzt für dich meine letzte Flasche Veuve auf. Zur Feier des Tages. Auf dich und mich. Auf uns, und alle die uns nah sind und waren.
27. Juli 2010
Nächster Eintrag. 19. Juni Zweitausendzehn. Ein Samstag. Ein Sonnabend. Komisch, Sonnabend kenne ich erst im lebhaften Sprachgebrauch, seit ich in Berlin lebe. In Bayern sagt kein Mensch Sonnabend. Am Tag, also tagsüber hing ich drei frischgewaschene Charlie-Shirts in den Wind. Wie sie da wehten, hoch über der Auguststraße. Schön sah das aus.

Ich war fleißig, weil ich unsere Foto-Schießerei am Montag vorbereitete. Vielleicht würde ich die T-Shirts brauchen können. Ja, brauchte ich. Brauchten wir. Jetzt hab ich nur noch eins hier. Das Größte, in das ich zweimal reinpasse. Vielleicht packe ich die Nähmaschine aus und näh es enger, dann hab ich ein Minikleid mit Charlie drauf. Dazu ein paar kecke Stiefelchen, das kommt bestimmt nicht schlecht. Ein Bowler dazu wäre auch sehr cool. Aber die sind teuer. Melonen sind verdammt teuer. Aber man muss sich auch mal was Schönes gönnen. An Pan Tau fand ich die Melone ja nicht so attraktiv, aber die Serie hab ich als Kind geliebt.
Und später kamst du. Mein Gott das klingt wie eine Zeile aus einem Siebziger Jahre-Schlager. Ist das nicht von Daliah Lavi? „Dann kamst du…“ Die fand ich ja auch immer toll als Kind. Ach nein, das war „Wann kommst du?“. „Dann kamst du“ ist von Vicky Leandros, wie ich mich gerade bei youtube schlau gemacht habe. Das war ja sogar ein Grand Prix-Hit. „Après toi…“ Mais oui…! Je me souviens. Langsam kommt die Erinnerung. Na ja, ist ja nun auch sehr lange her. Ich weiß auch nicht, warum ich in letzter Zeit immer zwischen der zweiten und dritten Person wechsle. Vielleicht weil du jetzt so weit weg bist und ich die stummen Buchstaben zu ein bißchen mehr Leben erwecken will, damit sie noch einmal anfangen zu atmen. Den Herzschlag der erlebten Stunden wieder spüren. Ich sollte Schlagertexte schreiben. Für Michelle. Manchmal ist einem das eigene Pathos zuwider, peinlich. Und doch muss es sein. Muss es irgendwie rein.
Wir waren verabredet – nein, richtiger – ich durfte dich begleiten zu einem Fest, einem jährlich wiederkehrenden Gartenfest in Kleinmachnow. Vorher wickelte ich am Küchentisch noch den Dépardieu-Artikel um den Wein. Du hattest ein weißes Hemd an. Es gibt ein einziges Foto von diesem Abend. Du in meiner Küche. Später fotografierte ich nicht. Es hätte einfach nicht gepasst. Peinlich wäre es gewesen. Wie ein Paparazzo, eine Paparazza wäre ich mir vorgekommen. Obwohl kein Bunte-Leser auch nur ein Produzenten-Gesicht gekannt hätte. Es hätte einfach nicht gepasst. Aber ich war auch nicht traurig, keine inneren Haderstunden „Ach, hätte man das doch jetzt für die Ewigkeit eingefangen!“ Nein, alles ganz friedlich.
Wir laufen zur S-Bahn, über den Hackeschen Markt. Bis Zehlendorf müssen wir und von da fährt ein Bus. An der Bushaltestelle müssen wir so lange warten, dass wir anfangen, die Umgebung der Haltestelle zu erkunden. In einem Hinterhof so schöne alte Autos. Nein, Automobile muss man sagen. Ein dort ansässiger Oldtimer-Club hat ein Treffen. Was für herrliche Automobile. Ich kann mir plötzlich vorstellen, einen cremeweißen Cadillac mit offenem Verdeck zu haben, so ein Modell aus den Zwanziger Jahren, mit Wurzelholz-Amaturenbrett und cognacfarbenen Velourslederbezügen. Vor meinem inneren Auge fahre ich bereits wie Kim Novak als Lylah Clare durch Robert Aldrichs „Große Lüge Lylah Clare“. Und herrlich, wie das Ersatzrad vorne in eine Vertiefung in der Kühlerhaube eingebaut ist. Ich bin entzückt. Und du erkennst sofort, dass man dann natürlich unbedingt so eine Lederkappe und perforierte Handschuhe aus feinstem Straußenleder braucht. So wie früher. Der Bus kommt.
Alte Alleen, alte Bäume, man ahnt noch den Wald, aus dem dieses putzige Kleinmachnow erwuchs. Zu deinem alten Schulfreund Christian. In eurer Jugend einer der Widerspenstigsten, Rebellischsten von allen, wie du sagst. Aber er hat noch was davon. Etwas attraktiv Störrisches in den Augen. Aggressiv, auf eine produktive Art. Fernsehserien produziert er. Sehr erfolgreich. Alphatier, durchdringender Blick. Ihr beiden seid zweifellos die attraktivsten Männer in diesem Fernsehgarten. Das Haus perfekte Kulisse eines eleganten ZDF-Fernsehspiels. Blondierte Frauen in weißen Sommer-Anzügen. Ungewöhnlich hanseatisch für Berliner Verhältnisse. Pfingstrosen schwimmen in rhythmisch platzierten Glaschalen auf verwirrend elegant eingedeckten Bierzelt-Tischen. Dezente Hintergrundmusik im windgeschützen weißen Gartenzelt, nicht zu laut, nicht zu aufdringlich. Bekannte Melodien, ein bißchen Swing, ein bißchen Jazz, ein bißchen Lounge. Gegrilltes, große Meerestiere. Die King Prawns so riesig, dass ich den Kampf mit der Schale fürchte und vorzugsweise die unkomplizierter einzuverleibenden Grillwürstchen nehme, auf die ich sowieso den größeren Appetit habe. Es gibt scharfe Soße. Sehr gut. Der Rotwein angenehm, obgleich aus Italien. Es scheint sich um eine hochklassige Empfehlung zu handeln. Der Bruder des Gastgebers ist Weinhändler und auf Italiener der Oberliga spezialisiert. Leider abwesend. (Weinhändler sind mir prinzipiell sympathisch).
Die meisten Gäste waren von Beruf irgendwas mit Film- und Fernsehproduktion oder Drehbuchautoren. Die Menschen hinter den Kulissen der Branche. Viel Serie, viel Tatort. Gar keine Schauspieler dabei. Es wurde über schwindende Fördergelder gefachsimpelt und auch ein bißchen gelästert und ich lernte ein schlimmes neues Wort beim Zuhören. Produzent X zu Produzent Y „und dann hat dieser Schauspieler, der Soundso, na du weißt schon – Entschuldigung, sagte ich Schauspieler? Ich meinte natürlich Darsteller – äh – Gesichtsvermieter -„ Na ja. Gelästert wird überall.
Wir brachten dem Gastgeber den Dépardieu-Wein mit, das hab ich doch schon irgendwo erwähnt (ah ja, hier). Und seine Tochter… er hat zwei Töchter, ungefähr acht und zehn und – hab ich das nicht auch schon geschrieben? Ich hab gerade ein déjà vu bei meinem eigenen Geschreibsel – jedenfalls haben wir den Mädchen supercoole Deutschland-Wimpern mitgebracht und tolle Deutschlandpappkronen und Deutschland-Herzchen-Tattoos, weil man war ja noch voll der Hoffnung und im WM-Fieber und die kleinere der beiden, die Sängerin werden will (und später irgendwann dieses Zeug redete, von wegen wir sähen uns ähnlich), sang mir ihr Lieblingslied vor, das Papa nicht mehr hören kann, auf dem Rasen, neben dem Feuer und weil sie so klein ist und ich so groß, kniete ich mich hin. Und sie sang „Orchester in mir“. Ein Lied, eigentlich von Christina Stürmer, das irgendeine Kinderkanal-gecastete Mädchen-Band („Saphir“) erfolgreich gecovert hat. Und sie sang es mit so viel Herz die Kleine. Ich war den Tränen nah. Und kniete vor ihr im Rasen und die Erwachsenen auf der Terrasse, außer Hörweite wunderten sich über das seltsame Schauspiel. Sie konnte den Text nicht ganz auswendig und guckte dabei in das Booklet der CD und verhaspelte sich, es war auch sehr schummrig und schwer zu lesen. Aber sie sang es mit so viel Herz. Ein Lied von einem Mädchen, das ihren Märchenprinzen auf einer Party trifft, aber er ist schon vergeben, doch wenn sie ihn sieht, dann spielt jedesmal „ein Orchester in ihr“ bzw. „in mir“. Dieses Lieben und Verliebtsein, das ist in jedem angelegt, es ist, als ob man es von Anfang an in sich trägt. Man muss es nicht erst durchlebt haben. Sonst könnte die kleine Anna, das gar nicht so tief nachempfinden. Das war der schönste Moment auf der Gartenparty.
Und ich erinnere gerne die lebensfrohe Tante von Christian mit dem hellgrünen Lidschatten, die war auch sehr toll. Und ihr sinnenfroher Mann, der Ex-Banker, glücklicher Ruheständler. Die mochte ich gleich, beide, in ihrer Lebensfreude. Du auch. Hellgrüner Lidschatten, tausend Lachfalten, knallroter Mund. Großartig. Und ja, natürlich erinnere ich den etwas frustrierten Produktionsregisseur oder wie sich sein Job nennt, den ost-sozialisierten, eloquenten, politisierbereiten in der schwarzen Lederjacke. In unserer Raucherecke da. Und dass man eine gewisse subversive Bereitschaft spürte, deren praktische Umsetzung, Manifestation im Unwägbaren versuppte. Wie meistens. Und später hörte ich von dir, dass eines eurer Terrassengesprächsthemen, als ich mich ganz und gar dem singenden Kind hingab, sexuelle Treue und deren Wertigkeit bzw. in Frage zu stellende, innerhalb von sehr lange währenden Langzeitbeziehungen war. Interessantes Gesprächsthema. Vor allen Dingen im aktiven Diskurs mit zwei so attraktiven Frauen, wie deinen beiden Gesprächspartnerinnen. Die hatten wirklich Klasse und Sex Appeal. Keine Frage. Von Schönheit ganz zu schweigen. Der Mann in mir wäre noch viel dichter an den beiden drangeblieben.
Und am Ende, als wir plötzlich ernst sprachen, da in diesem eleganten Wohnraum stehend, wo man sich kaum traute, Platz zu nehmen, so gestylt war alles. Sehr ästhetisch, ein bißchen zu sehr wie in einer Hochglanzzeitschrift. Man überlegte, ob man dem ausgezirkelten Layout des Raumes noch gerecht würde, wenn man sich in einem der roten Sessel niederließe, da gegenüber von dem blitzweißen Sofa. Wovon redeten wir da am Ende eigentlich… was war das noch… – unsere Väter. Dass unsere Väter zum großen Teil von Frauen erzogen wurden, die ihre Männer im Krieg verloren hatten. Und was das mit den Vätern machte. Mit ihrem Mannsein, ihrem männlichen Selbstverständnis. Ihrer Durchsetzungskraft. Das fehlende gelebte Leitbild männlicher Aggression. Meinen Vater betraf das nicht. Er hatte einen Vater, der sehr alt wurde. Mein Großvater hatte sich vor der Wehrmacht gedrückt. Er hatte in irgendwelchen Schnaps getunkte Zigarren geraucht, bis ihm speiübel war zur Musterung. Dann wollten sie ihn nicht. Er wurde 83 Jahre alt. Ich hielt seine Hand, als er starb. Ach ja… dieses Fest in Kleinmachnow… Katja und ihr Lebensgefährte, auch ein Drehbuchautor, nahmen uns mit zurück nach Berlin. Er hatte uns diese beiden Filme ans Herz gelegt. Wir glauben ihm sofort, als er uns Crazy Heart und The Wrestler nahe legt, die wir uns unbedingt ansehen sollten. In einem waren wir. In Crazy Heart… noch gar nicht so lange her. Ein schöner Film. Von dem Abend gibt es auch ein paar Bilder. Irgendwann. Später.
26. Juli 2010
11. Juni Zweitausendzehn. U-Bahn Samariterstraße. Kinzigstraße. Weserstraße. Kurz bevor ich die Jungstraße überqueren will sehe ich, dass ich nicht weiter in Richtung deiner Wohnung laufen muss, weil du mir schon entgegenkommst. Du hast dieses robuste dunkelbraune Baumwollhemd an, das dir so gut steht und du eher selten trägst. Ich hab auch was Braunes an, auch eher selten, als hätten wir uns verabredet.
Wir sind verabredet, einen neuen möglichen Proberaum anzugucken. Im ehemaligen Funkhaus der DDR in der Nalepastraße. Man kann dort jetzt Proberäume mieten. Die Akustik im ehemaligen Großen Sendesaal soll so hervorragend sein, dass er schon von Sting und den Black Eyed Peas für Aufnahmen gebucht wurde. Bevor es losgeht, treffen wir Sebastian, den neuen Booker für die Gigs im Osten. Über ihn kam die Connection, er ist auch Drummer und ist bereits mit seiner Band Mieter in der Nalepastraße. Ein Café in der Kinzigstraße. Ein bißchen Kennenlernen. Wir sitzen nebeneinander auf der Bank, draußen. Ich spüre deine Wärme. Du stellst mich als diejenige vor, die u. a. auch die Bandfotos machen wird. Cappuccino. Dein Tabak.
Aber vielleicht hab ich auch gar nicht geraucht. Wenn du anfängst, krieg ich immer Lust. Alleine rauche ich nie. Das war früher, in meiner Jugend. Da hab ich mir immer Tabak gekauft und gedreht. Alles Mögliche. Samson, Drum, Old Holborn, später härtere Sorten. Schwarzer Krauser, Gauloises. In meinem Zimmer unterm Dach aus dem Fenster geraucht. Und auf Schulhöfen. Waldlichtungen. In Diskotheken. Bei Konzerten… irgendwann hab ich erkannt, dass ich eigentlich nur eine Gesellschaftsraucherin bin, das Ritual mag, ja auch den Geschmack der ersten drei Züge. Dreimal im Jahr kauf ich mir selbst eine Schachtel, meistens rauche ich die Zigaretten meiner Begleitung. Meiner Lunge geht es gut, meine Verabredungen mit Rauchern sind überschaubar geworden.
Man fährt eine ganze Weile dahin, zum Funkhaus. Proberäume, zumal mit Fenstern sollten ja immer ein bißchen abgeschieden liegen. Auch wenn die Schallisolierung gut ist. Den Luxus eines Proberaumes mit einem Fenster, das sich auch öffnen lässt, ab und zu auskosten. Das Gelände ist gut bewacht, man kommt nicht ohne Weiteres in das Funkhaus, muss angeben, in welche Raumnummer man will. Unserer ist in der siebten Etage. Wieso schreib ich eigentlich ‚unserer‘. Nicht meiner. Ich werde dort ja kaum proben. Identifikation.

Cosmic hat seine neue Kamera dabei. Er hat sich die gleiche wie ich gekauft, er hatte sie mal in der Hand und sie gefiel ihm. Was bislang bei keiner anderern Digitalkamera der Fall war. Er hat früher viel und gut fotografiert, analog. In seinem Jahr in Kalifornien hat er sogar irgendeinen Preis für ein Foto gewonnen, hat er mir erzählt. Die wenigen alten Bilder die ich sah, waren tatsächlich gut. Eine mir vertraute Sichtweise auf die Dinge. Subtil. Klar und irgendwie traumhaft, surreal. Als er mir entgegenkam, in der Weserstraße, mit hochgehaltener Kamera, drehte ich mich um, weil mir nicht nach fotografiert werden war. Er lachte, weil ich mich so zierte. Später hat er mich doch ein paar mal erwischt. Ich bin da sehr scheu. Auf einigen Bildern sieht er erschöpft aus, so empfand ich ihn gar nicht. Es war wohl das harte Licht an dem Fenster. Von mir ist ein Bild dabei, auf dem ich zufrieden in die Welt lächle. Man könnte denken, ich wäre ein zutiefst ausgeglichener Mensch, der in seiner Mitte ruht. Verückt. Dabei ist Cosmic derjenige von uns beiden, der meditiert und gute Gedanken hegt und pflegt. Ich bin dagegen ein Monster. Eigentlich müsste er gucken wie ich und umgekehrt. Verkehrte Welt. Verrückt. Ein Freund von Sebastian war noch dabei und dessen Gefährtin. Ich kannte ihn gar nicht, aber diese Jägermeisterfahne im Hintergrund und seine Tattoos gefielen mir. Das sieht alles so ein bißchen verhauen aus. Wie das eben muss, bei so Proberäumen von Rockbands. Der Raum ist ganz gut und hat Fenster. Auf einer Scheibe klebt ein Stones-Sticker. Micks Zunge. Diese Ikone. Das Kreuz der Christen, Coca Cola und diese Zunge. Die drei größten Ikonen der Welt. Wir sehen uns noch ein bißchen das Gelände an, die Sonne geht schon unter. Seltsame Hinterlassenschaften, ein gepolsterter Stuhl im Nirwana.

Das Funkhaus liegt an der Spree, ein paar Fußballfans haben einen kleinen Fernseher ins Gras gestellt und grillen und gucken WM. Auf einem breiten Grasstreifen am Wegesrand fängt sich das Abendlicht in den Grashalmen, ich würde mich am liebsten in das grün und gelb flirrende Wiesenbett legen, aber so romantisch ist die Umgebung dann auch wieder nicht. Da im Gras, da hätte man wirklich schöne Bilder machen können. Ein Herr von der Sicherheitszentrale kommt mir entgegen, ich habe meine Kamera in der Hand, er lächelt mich an, geht an mir vorbei. Fünfzig Meter hinter mir ist Cosmic, fokussiert den Schutt, mit der gleichen Kamera. Der Sicherheitsmensch geht an mir vorbei, auf ihn zu und teilt ihm mit, dass Fotografieren auf dem Gelände nur mit Genehmigung erlaubt sei, ob er eine hätte. Nein. Keiner von uns hat eine Genehmigung. Wir machen das einfach. Tut ja auch keinem weh. Wir fahren zurück, noch einmal in das Café von vorhin, ich trinke ein Astra, Cosmic bestellt in Experimentierlaune ein Starkbier, das ihm dann noch nicht schmeckt und netterweise zurückgenommen wird, gegen ein Helles getauscht. Sebastian erzählt, dass er von der Biographie des Typen fasziniert ist, der in den USA diese Wrestling Shows populär gemacht hat. Ich frage ihn, ob er die Biographie von Fritz Rau kennt. Er weiß gar nicht, wer das ist. Er ist noch so jung. Vielleicht Ende Zwanzig. Ich erkläre es ihm. Ja, das Buch interessiert ihn.
Wir haben Hunger. Landen in einem indischen Lokal, irgendwo da am Boxhagener Platz. Ich hatte eigentlich eine nette Einladung zum Grillen in Köpenick, aber das war uns zu weit. Ich wollte gerne irgendwohin, wo wir noch nicht waren. Also dieser Inder da, warum nicht. Ich stelle wieder einmal fest, dass mir in indischen Lokalen meistens nur dieses aufgeplusterte Brot so richtig schmeckt. Alles andere ist mir zu pampig, zu einerlei. Ich bin auch ein bißchen pampig. Der trocken bezeichnete Wein ist so lieblich, dass ich ihn in hohem Bogen auf das Kopfsteinpflaster schütte. Bestelle einen Riesling hinterher. Geht einigermaßen. Ein Abend, an dem ich auf Krawall gebürstet war, könnte man denken. Aber es stimmt nicht. Ich hab ein paar Dinge ausgesprochen, die ich sonst aus Diplomatie für mich behalte. Man weiß ja, dass man ein sensibles Gegenüber hat. Ich weiß das. Aber es gibt einen Punkt, wo unter den Teppich kehren, die Qualität von Unwahrheit bekommt. An diesem Abend hab ich ein paar Staubmäuse hervorgeholt. Ich weiß nicht mehr, ob du wirklich wütend warst, aber ich erinnere mich, dass du anschließend glaubtest, dich sehr entschuldigen zu müssen, weil du so ‚böse‘ zu mir warst. Ach. Ich verstand deine Reaktion. Angemessen, über meine Statements zuweilen in Verzweiflung zu geraten. Aber wir gingen nicht im Bösen auseinander, an diesem Abend. Das weiß ich auch noch. Es tat uns beiden leid. Das Leid Tun.
[ Bilder ]
24. Juli 2010
http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=71649
Meine Faves anderer flickr-User der letzten Jahre. Ein paar bekannte Gesichter sind auch dabei. Einfach zurücklehnen und laufen lassen. Andere machen auch großartige Sachen. Ich bin ehrlich gesagt eher selten auf anderen Accounts. Für mich ist flickr ein externer Speicher um hierher Bilder und Sets zu verlinken, ein back up der letzten digitalen Jahre, auf das ich immer Zugriff habe. Manchmal stolpere ich über einen Kommentar auf ein Profil und dann gucke ich doch auf die ersten Seiten des Streams und bleibe hängen.
Wie gestern Nacht, als ich bei Robert aus Berkeley und seinen self-shoots hängenblieb, die er überwiegend mit seinem Mobile macht. Schon vor geraumer Zeit kamen wir in Kontakt, er stieß auf mich, weil ich ein, zwei Bilder in meinem Stream habe, die mit Patti Smith zu tun haben, seither verfolgt er meinen Stream. Er ist der Kurator der Patti Smith Collection in Berkeley. Gestern Nacht bin ich zum ersten mal über seine Selbstportraits gestolpert und einige davon sind in meinen Faves gelandet, was äußerst selten vorkommt. Ich wusste gar nicht, wie er aussieht, dass er so ein rougher, tougher ist. Ich stellte ihn mir filigraner, ätherischer vor. Auf jeden Fall sehr sympathisch. Ich vermute, wir sind derselbe Jahrgang, 1965. In seinem Profil beschreibt er sich als gypsy, tramp and theif.
Meine Faves sind eine Hommage an das Traumhafte, eine Sammlung von Traumfetzen, mit denen mich andere berührt haben. Danke.
23. Juli 2010
Dieses Lied von Hildegard Knef bewegt mich sehr. Auf der letzten Platte von ihr. Ich erinnere mich an den Gottesdienst, ihre Trauerfeier in der Gedächtniskirche. Dieses Lied war ein Teil davon. Ich hatte leider keine Zeit um hinzugehen, verfolgte den Trauergottesdient auf einem kleinen Fernseher nebenher, in der Fasanenstraße. Gar nicht weit davon. Neben dem Sarg stand ein Selbstportrait, eine Zeichnung von ihr. Sie konnte sehr gut zeichnen, malte auch. Sie konnte eigentlich alles.
Die alte brüchige Stimme geht mir unter die Haut. Und dieses „gib mir Antwort“. Etwas was ich oft denke, nicht an einen Menschen gerichtet, sondern an dieses Schicksal. Die Götter des Geschicks. Wie schweigsam sie sind. Wie oft. Meistens findet man die Antwort irgendwann in sich selbst. Vielleicht ist das die Antwort. Das Echo von Gott. Der wir selbst sind. Ein Teil davon. Heute Nacht, heute Morgen sehr viel Klarheit. Eine Antwort. Am Ende eines langen Weges.
21. Juli 2010
Wenn Merkur in Konjunktion mit dem Geburtsmerkur steht, sollte man eigentlich kommunizieren. Der transitierende Merkur am Himmel auf zwanzig Grad Löwe, wie bei meiner Geburt. Die rechte Lust will sich nicht einstellen. Faul und träge auf dem abendlichen Balkon. Ich hab euch doch sowieso schon das Meiste erzählt. Und die schlimmen Sachen, die ich für mich behalte, die wollt ihr gar nicht wissen. Wer will schon Gruselgeschichten aus dem richtigen Leben hören. Also ich nicht. Wenigstens nicht von Menschen, die mir am Herzen liegen. Andere gerne! Unsympathische Leute dürfen meinethalben unsympathische Sachen erleben. Mir schnurzpiepegal, aber die mir Lieben und Netten sollen mir zutiefst sympathische Sachen erleben. Ich werde einen Erlass … äh – Dings veranlassen müssen. So einen königlichen. Merkur in Löwe gilt ja als Königskonstellation. Dekret heißt das Wort. Ich wäre eine gute Königin, das könnt ich mir glauben. Brot und Spiele für alle! Und Champagner! Und schön soll mein Volk sein. Und mein Königreich. Darauf leg ich Wert! Man kann da heutzutage eine Menge machen! Es muss nicht immer gleich eine Operation sein. Herzenswärme zum Beispiel, das wichtigste Schönheitsmittel ist relativ preisgünstig zu haben. Hab ich neulich erst im Angebot gesehen. Bei Rossmann. Bei der Kassiererin.

Eigentlich drücke ich mich gerade davor, irgendetwas Sinniges zu der eben hochgeladenen Fotostrecke zu schreiben. Ich war wieder einmal bei einem Konzert von poetrYclub. Weil ich aber handelsübliche Konzertberichterstattung verabscheue, wie der Teufel das Weihwasser und ich dunkel ahne, dass ich verqueres Zeug schreibe, das irgendwie auch noch ins Private geht, und mich auch überhaupt keiner zwingt, schreib ich mich erst mal ein bißchen warm. Außerdem, wer will schon lesen, wie ein Konzert war, der nicht da war, außer man wäre ein Hardcore-Fan, der wegen Bandscheibenvorfall der Schwiegermutter verhindert gewesen ist. Also für wen soll ich meine Eindrücke festhalten? Interessant ist ja immer erst der Moment, wo es brüchig wird, von der Konvention abweicht. Ich könnte es wagen zu schreiben, dass mich Cosmic befremdet hat, wie er da mit der Gitarre vor dem Auftritt auf der Straße herumlief, um den Block, der Ausdruck so abwesend.

Aber man gewöhnt sich mit der Zeit daran, dass die Stunde vor dem Konzert sehr speziell ist, man sich ganz auf sich selbst konzentriert, sein Ego, ein bißchen unzugänglich wird. Später erfuhr ich, dass er ziemlich müde war, erschöpft, lieber geschlafen hätte. Dafür war der Auftritt echt gut. Ich fand den Sound sehr überraschend. Ganz trocken und percussiv die Gitarren, sehr knackig, erdig. Gefiel mir gut. Auch dass keiner unkoordiniert über die Bühne gestolpert ist. Das war alles sehr stimmig. Und das obwohl sich die Gitarren wegen der Hitze dauernd verstimmt haben. Wir durften dann viel beim Stimmen zugucken.

Das Publikum, von dem ich noch nicht einen Menschen bei einem Konzert vorher getroffen hatte, war aber bestimmt nicht aus diesem Grund von Anfang an fasziniert. Gregor, der Inhaber merkte überrascht an „ick hab jar nich jewusst, dass die früher schon so gerockt haben!“ Von wegen soundsoviel Jahrhunderte alte Lyrik, die zum Vortrag kam. „Der Teufel hat die Welt verlassen, weil er weiß, die Menschen machen selbst die Höll‘ einander heiß“.

Ich winkte einige Passanten in den Raum der friendly society, die schüchtern dahin guckten, woher die Musik kam, sich zunächst nicht hineintrauten. Besonders zwei ganz hübsche blonde junge Mädchen. Irgendwie skandinavisch. Ich denke ja immer auch an die Fotos, da sollen schließlich nur schöne Menschen drauf sein! Letztlich hab ich sie nicht fotografiert aber glücklich waren sie trotzdem. Gregor ist furchtbar nett, er macht diesen Laden, diese Mischung aus Galerie und Designer-Laden und hastenichgesehen.

Da war gleich ein Draht da. Albern. Schön. Ach Mensch. Ja, schön war es. Der rote Hut ist eine eigene Show. Mein roter Hut und mein Charlieshirt, das Cosmic jetzt einfach trägt, als hätte es ihm schon immer gehört. Wahrscheinlich war es einfach die Bestimmung der beiden Teile. Der Hut ist mir eh ein bißchen zu groß. Ich hab ihn nur einmal in meinem zweiten Opus aufgesetzt und bei diversen Foto-Geschichten. Und das Charlie-Shirt… tja. Cosmic trägt jetzt die kleinere Größe, ich hatte ein größeres für ihn vorgesehen, aber er wollte lieber das kleinere. Und er klopft mich ja immer weich. Er ist ein Schlitzohr. Ich hab Gregor noch was abgekauft, aus seiner Schmuck-Kollektion. So ein fetischmäßiges Kettenglieder-Teil für den Hals, das aussieht wie aus bösem schweren Eisen, ist aber Gummi. Hihi. Mit den Fotos bin ich nicht so super zufrieden, außer mit denen, auf denen ich drauf bin, das sind eindeutig die besten! Ich wackle eben nicht herum, sondern konzentriere mich voll auf das Bild und Gaga Nielsens Objektiv!

Auch gucke ich sehr präsent in selbiges, was einem guten Bild immer zuträglich ist. Aber na ja. Ich hab die meisten Bilder trotzdem nicht weggeschmissen. Ist auch wegen der Erinnerung. Ich bin ja eine sentimentale Kuh. Wissen wir ja. Obwohl Matthias der Drummer eigentlich auch ganz gut auf den Fotos ausschaut. Er wirkte sehr ausgeschlafen und hat schön getrommelt und ich hab mich auch noch ein bißchen mit ihm über Berühmtsein unterhalten. Das Thema geht uns schließlich alle an!


Danach hab ich mich von den beiden Gitarristen nach Friedrichshain abschleppen lassen, obwohl wir ja schon in Mitte waren, wo ich gleich zuhause gewesen wäre. Stefan hatte so einen Asiaten, Thai glaub ich im Hinterkopf, da bei seiner Wohnung am Petersburger Platz. Da hab ich dann nicht mehr fotografiert. Irgendwann ist dann auch gut. Außerdem war das irgendwie sowieso nicht der Tag der Tage, um die beiden abzulichten. Das Essen war wirklich gut. Man konnte die einzelnen Bestandteile genau identifizieren, was ich sehr schätze. Und knackig. Und viel zu billig! Meinte Stefan auch noch zum Patron. „Ihr seid viel zu billig! Das kannst du nicht machen!“ Echt jetzt. Und dann noch ein Cappuccino im Dings… im … na – da hat mich Stefan neulich zum Fußballgucken eingeladen, aber ich war zu faul, es war ja auch so heiß. Ach ja, Café Duo. Der portugiesische Besitzer sehr nett. Stefan schwärmte von Lissabon. Das machen ja alle. Ich auch unbekannterweise. Cosmic kennt die Stadt auch nur aus dem Wim Wenders Film. Es gibt zwei Städte in Europa, die mich noch interessieren. Lissabon und Barcelona. Sonst eigentlich nix (edit: und Istanbul!). In Rom war ich auch noch nicht, aber das ist mir irgendwie nicht so wichtig. Man denkt ja auch, man kennt das ganze dolce vita aus diesen Fellini-Filmen und Mario-Adorf-Geschichten. Wo war ich? Ach ja, ich wollte euch nur erzählen, wie ich mich drücke, einen Blogeintrag zu dieser Fotostrecke zu schreiben. Guckt einfach ein bißchen die Bilder an. Bis ich wieder etwas hochgradig Substanzielles mitzuteilen habe, wie man das von mir kennt und zurecht erwarten darf! Ach ja, und beim Intro von Sing out dachte ich, ihr spielt zum ersten mal Schwesterbraut live und bei der Rose hab ich geweint. Nicht, dass ich es vergesse.

Die Rose ist ein Lied. Das mir zu Herzen geht. Und Cosmic singt immer die Hookline falsch, die zentrale Zeile. Aber ich finde es eigentlich besser als das Original. Rückert schrieb „Und kränkt die Liebe dich, sei dir’s zur Lieb ein Sporn, dass du die Rose hast, das merkst du auch am Dorn.“ Und Cosmic singt meistens „dass du die Rose hast, das merkst du erst am Dorn“. Seit ich es ihm sagte, wechselt er manchmal. Erst am Dorn zu merken, dass man die Liebe hat, wäre ja ein bißchen traurig. Tragisch. Aber wenn einem jemand sehr nah ist, streichelnah sozusagen, und derjenige macht eine falsche, etwas unglückliche Bewegung, kann das schon sehr weh tun. Wahrscheinlich hab ich auch deswegen geweint. Ich weine ja oft. Aber ich hab auch gesungen. Ganz laut. Als das Ende der Goldenen Zeit in Hey Jude überging. Und sogar bei Stern, bei diesem dab dab dab, das ich schon immer ein bißchen doof fand. Aber ich mag das Lied trotzdem. Es war ein schöner Abend mit euch, nach so langer Zeit.

[alle Bilder]
20. Juli 2010
21. Juli 2010
Wenn Merkur in Konjunktion mit dem Geburtsmerkur steht, sollte man eigentlich kommunizieren. Der transitierende Merkur am Himmel auf zwanzig Grad Löwe, wie bei meiner Geburt. Die rechte Lust will sich nicht einstellen. Faul und träge auf dem abendlichen Balkon. Ich hab euch doch sowieso schon das Meiste erzählt. Und die schlimmen Sachen, die ich für mich behalte, die wollt ihr gar nicht wissen. Wer will schon Gruselgeschichten aus dem richtigen Leben hören. Also ich nicht. Wenigstens nicht von Menschen, die mir am Herzen liegen. Andere gerne! Unsympathische Leute dürfen meinethalben unsympathische Sachen erleben. Mir schnurzpiepegal, aber die mir Lieben und Netten sollen mir zutiefst sympathische Sachen erleben. Ich werde einen Erlass … äh – Dings veranlassen müssen. So einen königlichen. Merkur in Löwe gilt ja als Königskonstellation. Dekret heißt das Wort. Ich wäre eine gute Königin, das könnt ich mir glauben. Brot und Spiele für alle! Und Champagner! Und schön soll mein Volk sein. Und mein Königreich. Darauf leg ich Wert! Man kann da heutzutage eine Menge machen! Es muss nicht immer gleich eine Operation sein. Herzenswärme zum Beispiel, das wichtigste Schönheitsmittel ist relativ preisgünstig zu haben. Hab ich neulich erst im Angebot gesehen. Bei Rossmann. Bei der Kassiererin.

Eigentlich drücke ich mich gerade davor, irgendetwas Sinniges zu der eben hochgeladenen Fotostrecke zu schreiben. Ich war wieder einmal bei einem Konzert von poetrYclub. Weil ich aber handelsübliche Konzertberichterstattung verabscheue, wie der Teufel das Weihwasser und ich dunkel ahne, dass ich verqueres Zeug schreibe, das irgendwie auch noch ins Private geht, und mich auch überhaupt keiner zwingt, schreib ich mich erst mal ein bißchen warm. Außerdem, wer will schon lesen, wie ein Konzert war, der nicht da war, außer man wäre ein Hardcore-Fan, der wegen Bandscheibenvorfall der Schwiegermutter verhindert gewesen ist. Also für wen soll ich meine Eindrücke festhalten? Interessant ist ja immer erst der Moment, wo es brüchig wird, von der Konvention abweicht. Ich könnte es wagen zu schreiben, dass mich Cosmic befremdet hat, wie er da mit der Gitarre vor dem Auftritt auf der Straße herumlief, um den Block, der Ausdruck so abwesend.

Aber man gewöhnt sich mit der Zeit daran, dass die Stunde vor dem Konzert sehr speziell ist, man sich ganz auf sich selbst konzentriert, sein Ego, ein bißchen unzugänglich wird. Später erfuhr ich, dass er ziemlich müde war, erschöpft, lieber geschlafen hätte. Dafür war der Auftritt echt gut. Ich fand den Sound sehr überraschend. Ganz trocken und percussiv die Gitarren, sehr knackig, erdig. Gefiel mir gut. Auch dass keiner unkoordiniert über die Bühne gestolpert ist. Das war alles sehr stimmig. Und das obwohl sich die Gitarren wegen der Hitze dauernd verstimmt haben. Wir durften dann viel beim Stimmen zugucken.

Das Publikum, von dem ich noch nicht einen Menschen bei einem Konzert vorher getroffen hatte, war aber bestimmt nicht aus diesem Grund von Anfang an fasziniert. Gregor, der Inhaber merkte überrascht an „ick hab jar nich jewusst, dass die früher schon so gerockt haben!“ Von wegen soundsoviel Jahrhunderte alte Lyrik, die zum Vortrag kam. „Der Teufel hat die Welt verlassen, weil er weiß, die Menschen machen selbst die Höll‘ einander heiß“.

Ich winkte einige Passanten in den Raum der friendly society, die schüchtern dahin guckten, woher die Musik kam, sich zunächst nicht hineintrauten. Besonders zwei ganz hübsche blonde junge Mädchen. Irgendwie skandinavisch. Ich denke ja immer auch an die Fotos, da sollen schließlich nur schöne Menschen drauf sein! Letztlich hab ich sie nicht fotografiert aber glücklich waren sie trotzdem. Gregor ist furchtbar nett, er macht diesen Laden, diese Mischung aus Galerie und Designer-Laden und hastenichgesehen.

Da war gleich ein Draht da. Albern. Schön. Ach Mensch. Ja, schön war es. Der rote Hut ist eine eigene Show. Mein roter Hut und mein Charlieshirt, das Cosmic jetzt einfach trägt, als hätte es ihm schon immer gehört. Wahrscheinlich war es einfach die Bestimmung der beiden Teile. Der Hut ist mir eh ein bißchen zu groß. Ich hab ihn nur einmal in meinem zweiten Opus aufgesetzt und bei diversen Foto-Geschichten. Und das Charlie-Shirt… tja. Cosmic trägt jetzt die kleinere Größe, ich hatte ein größeres für ihn vorgesehen, aber er wollte lieber das kleinere. Und er klopft mich ja immer weich. Er ist ein Schlitzohr. Ich hab Gregor noch was abgekauft, aus seiner Schmuck-Kollektion. So ein fetischmäßiges Kettenglieder-Teil für den Hals, das aussieht wie aus bösem schweren Eisen, ist aber Gummi. Hihi. Mit den Fotos bin ich nicht so super zufrieden, außer mit denen, auf denen ich drauf bin, das sind eindeutig die besten! Ich wackle eben nicht herum, sondern konzentriere mich voll auf das Bild und Gaga Nielsens Objektiv!

Auch gucke ich sehr präsent in selbiges, was einem guten Bild immer zuträglich ist. Aber na ja. Ich hab die meisten Bilder trotzdem nicht weggeschmissen. Ist auch wegen der Erinnerung. Ich bin ja eine sentimentale Kuh. Wissen wir ja. Obwohl Matthias der Drummer eigentlich auch ganz gut auf den Fotos ausschaut. Er wirkte sehr ausgeschlafen und hat schön getrommelt und ich hab mich auch noch ein bißchen mit ihm über Berühmtsein unterhalten. Das Thema geht uns schließlich alle an!


Danach hab ich mich von den beiden Gitarristen nach Friedrichshain abschleppen lassen, obwohl wir ja schon in Mitte waren, wo ich gleich zuhause gewesen wäre. Stefan hatte so einen Asiaten, Thai glaub ich im Hinterkopf, da bei seiner Wohnung am Petersburger Platz. Da hab ich dann nicht mehr fotografiert. Irgendwann ist dann auch gut. Außerdem war das irgendwie sowieso nicht der Tag der Tage, um die beiden abzulichten. Das Essen war wirklich gut. Man konnte die einzelnen Bestandteile genau identifizieren, was ich sehr schätze. Und knackig. Und viel zu billig! Meinte Stefan auch noch zum Patron. „Ihr seid viel zu billig! Das kannst du nicht machen!“ Echt jetzt. Und dann noch ein Cappuccino im Dings… im … na – da hat mich Stefan neulich zum Fußballgucken eingeladen, aber ich war zu faul, es war ja auch so heiß. Ach ja, Café Duo. Der portugiesische Besitzer sehr nett. Stefan schwärmte von Lissabon. Das machen ja alle. Ich auch unbekannterweise. Cosmic kennt die Stadt auch nur aus dem Wim Wenders Film. Es gibt zwei Städte in Europa, die mich noch interessieren. Lissabon und Barcelona. Sonst eigentlich nix (edit: und Istanbul!). In Rom war ich auch noch nicht, aber das ist mir irgendwie nicht so wichtig. Man denkt ja auch, man kennt das ganze dolce vita aus diesen Fellini-Filmen und Mario-Adorf-Geschichten. Wo war ich? Ach ja, ich wollte euch nur erzählen, wie ich mich drücke, einen Blogeintrag zu dieser Fotostrecke zu schreiben. Guckt einfach ein bißchen die Bilder an. Bis ich wieder etwas hochgradig Substanzielles mitzuteilen habe, wie man das von mir kennt und zurecht erwarten darf! Ach ja, und beim Intro von Sing out dachte ich, ihr spielt zum ersten mal Schwesterbraut live und bei der Rose hab ich geweint. Nicht, dass ich es vergesse.

Die Rose ist ein Lied. Das mir zu Herzen geht. Und Cosmic singt immer die Hookline falsch, die zentrale Zeile. Aber ich finde es eigentlich besser als das Original. Rückert schrieb „Und kränkt die Liebe dich, sei dir’s zur Lieb ein Sporn, dass du die Rose hast, das merkst du auch am Dorn.“ Und Cosmic singt meistens „dass du die Rose hast, das merkst du erst am Dorn“. Seit ich es ihm sagte, wechselt er manchmal. Erst am Dorn zu merken, dass man die Liebe hat, wäre ja ein bißchen traurig. Tragisch. Aber wenn einem jemand sehr nah ist, streichelnah sozusagen, und derjenige macht eine falsche, etwas unglückliche Bewegung, kann das schon sehr weh tun. Wahrscheinlich hab ich auch deswegen geweint. Ich weine ja oft. Aber ich hab auch gesungen. Ganz laut. Als das Ende der Goldenen Zeit in Hey Jude überging. Und sogar bei Stern, bei diesem dab dab dab, das ich schon immer ein bißchen doof fand. Aber ich mag das Lied trotzdem. Es war ein schöner Abend mit euch, nach so langer Zeit.

[alle Bilder]
20. Juli 2010
20. Juli 2010
18. Juli 2010
Zum Erinnern. Köpenick. 5. Juni 2010. Treffpunkt diese U-Bahnhaltestelle der U 5 Elsterwerdaer Platz. Du hältst Candy auf mich, als ich die Treppe herunterkomme, du standest links unten und ich wusste nicht, ob du filmst oder fotografierst. Das Foto sah ich später. Man sah die Gitterstäbe des Geländers, des Treppengeländers, es hatte eine Aura von Baader-Meinhof, ich mit meiner schwarzen Sonnenbrille, dem unnahbaren Gesichtsausdruck, dem Eigensinn in meiner Visage, Herzens-Guerillera. Ich weiß nicht, ob du das Foto gelöscht hast, es ist nicht in deiner Reihe Schwesterbraut. Warten auf den Bus. Sonne. Irgendwie wie Warten auf einen Greyhound in Amerika. Haltestelle Rübezahl. Müggelberge. Müggelturm. Eine Seite aus einer alten Speisekarte aus DDR-Zeiten. Fleckig. Seltsame Gerichte. Fotografiert. Auf dem Müggelturm spinnen wir, dass es ein angemessenes Anwesen sei. Der Blick über den Müggelsee, das große Waldgebiet. Man könnte da etwas daraus machen. Aus der Dachterrasse. Alles sehr exclusiv versteht sich. Mit Heli-Landeplatz. Du bist nicht schwindelfrei. Man darf dich dann nicht anfassen, wenn sich alles dreht. Ein Kindheitserlebnis. Du am Fenster. Deine Mama in Angst. Vielleicht hattest du vorher keine. Aber seither. Weil sie Angst hatte, nicht einmal du selbst. Auch ich bin nicht völlig schwindelfrei, aber im Vergleich zu dir nicht der Rede wert. Du fotografierst mich immerhin da oben. Über dem Meer der Bäume. Und später am Steg, am Müggelsee. Dem Anlegesteg des Ausflugsdampfers, den wir spontan nehmen, um zu unserem Ziel zu kommen, das wir uns ausgeguckt haben, der Spreearche. Einem Hausboot im Wasser. Wildromantisch gelegen. Vom Schiff durch den Spreetunnel. An Liegewiesen am Wasser vorbei. Da ist die Stelle. Klingeln. Ich fotografiere den Steg. Später dich im gleißenden Licht. Wir essen nichts, weil uns nicht nach Hausmannskost ist, aber lassen es uns gut gehen, eiskaltes Bier und was Schönes zum Rauchen.

Eine kleine Motorjacht, der Kapitän sieht aus wie Rosa von Praunheim in seinen besten Jahren. Nackter Oberkörper. Später in die Altstadt von Köpenick. Wir suchen das schönste Restaurant am Wasser, flanieren auf Puppenstubenwegen, sehen das Schlossrestaurant im Schlossgarten, geschlossene Gesellschaft, eine Hochzeit. Aber das Schlossportal steht dir wieder sehr gut, wie du da so durchläufst. Ich lache und sage, das einzige was falsch ist und ich deshalb auch nicht im Bild festhalte, ist dass du diese Tasche über der Schulter hast. Das sieht aus, als wärst du ein Besucher. Wenn du da wohnen würdest, würdest du nicht mit einer Tasche herumlaufen. Du lachst und gibst mir Recht. Machst du ja oft. Nicht immer aber meistens. Wir finden ein anderes Restaurant, Luise heißt es. Auch am Wasser. Auch eine Hochzeit. Aber keine völlig geschlossene Gesellschaft. Wir finden an einem Tisch mit einem norwegischen Paar Platz und unterhalten uns auf Englisch. Der Mann ist auch Musiker. Ein Jazz-Saxophonist und interessiert sich sehr für das was du tust. Und empfiehlt uns unbekannte skandinavische Musiker. Zettel werden bekritzelt, mit Namen, die mir längst wieder entfallen sind. Ich glaube ich hatte einen weißen Franzosen. Und etwas Gutes zu essen. Du auch. Fast zu Fuß den Weg zur S-Bahn, weil irgendeine Straßenbahn ausfiel. S-Bahn. Ich denke bis Ostkreuz. Und danach ein, zwei Gläser Wein im Bariton. Wo ich frage, in welcher Ecke eure Bühne war. Bei einem dieser Auftritte, bei denen ich nicht war. Heute werde ich euch wieder sehen. Dich und Stefan und wohl auch Mat. Ich hab euch seit November nicht mehr gemeinsam auf einer Bühne gesehen. Mat nur einmal im Übungsraum. Und in Aufnahmen in eurem Archiv gehört. Da war unser gemeinsamer Gig in der Disharmonie, aber da waren wir allein, abgesehen von Hannes am Klavier. Heute Nachmittag, oder besser früher Abend. Friendly Society nennt sich der Laden. Sunny Sunday Salon. Wir waren vor einer Woche dort um zu gucken, wie es da aussieht. Als wir in L.A. waren. Wer um 17:30 kommt, kriegt ein Eis. Ich glaube, ich kriege ein Eis.
[ Bilder ]
18. Juli 2010
18. Juli 2010
süßer Vogel Jugend, süßer Vogel Mieze…
http://mediaservices.myspace.com/services/media/embed.aspx/m=4748823,t=1,mt=video
Süßer Vogel Jugend, komm wir tanzen, komm wir wiegen uns im Takt der Nacht… wir brechen ein Tabu – wir werden älter, süßer Vogel Jugend…









