27. November 2010

Zurück zum Bahnhof. Zurück nach Berlin. Beim Verlassen des Dorfes fällt mir dieses seltsame sechseckige, mannshohe steinerne Bauwerk auf. Mit schmalen Löchern wie Schießscharten. Gerade, dass man durchgucken kann. Ich sehe aber keinen Eingang. Ich komme nicht dahinter, was es für einen Zweck haben kann. Oder vielmehr hatte. Am Ehesten denke ich an einen Unterstand für einen Wachmann, aber warum diese seltsame Bauweise. Zuhause lese ich im Internet in einem Bericht über das Olympische Dorf das Wort Einmann-Bunker. Ein Einmann-Bunker für einen Wachmann? Oder für jemanden der es bei Fliegeralarm nicht bis zum großen Bunker schaffen konnte? Sicher gibt es auch irgendwo in der Nähe einen großen Luftschutzbunker. Ich will nicht weiter darüber nachdenken. Derselbe Weg zurück zum Bahnhof von Elstal ist schöner als hinwärts, weil das Licht jetzt ganz weich auf die Blätter fällt, die schon ein bißchen anfangen, sich zu verfärben. Grün zu gelb. Gelb zu Orange. Orange zu Rot. Das erste mal im Jahr sehe ich Herbst. Neben einem Strauch liegen Mirabellen im Laub. Ich hebe eine auf, stecke sie in die Tasche.

Ein alleinstehender Baum auf einer weiten Ebene. Er ist zu weit entfernt um zu erkennen, was für einer es ist. Nah beim Bahnhof ein kleines Wäldchen junger Essigbäume vor einem verfallenden Haus. Alte ausrangierte Gleise liegen herum. Eine rostige Tonne, leere Flaschen. Ein seltsamer Findling mit altem Moos. Drei Jungs, die nichts genaues vorhaben, streunen herum. Sonst ist es einsam vor dem Bahnhof. Da ist er wieder, der Turm, den man immer wieder sieht. Der Wasserturm von Elstal, 1920 erbaut, lese ich später. Am Bahnsteig gibt es zwei Fahrtrichtungen. Auf der rechten Seite steht auf einem Schild Richtung Berlin. Auf der anderen Seite ist kein Schild, es gibt kein Pendant, vermutlich weil zu viele verschiedene Zielorte in Frage kämen. Da braucht man gar nicht erst anfangen. Oben auf der Eisenbrücke über den Gleisen wartet ein älterer Mann auf den Sonnenuntergang. Älter ist immer eine Generation älter als man selber. Seine Kamera hat ein großes Objektiv. Später sehe ich noch zwei Fahrradfahrer mit ihren Rädern, da oben im Gegenlicht. Es ist noch viel Zeit, bis wieder ein Zug nach Berlin kommt. Die Batterien der Kamera geben nur noch wenige Bilder her. Dann geht sie einfach aus. Ich habe auch ein Buch dabei zum Lesen, vielleicht Dorfpunks von Rocko Schamoni. Die einzige Bank liegt schon im Schatten, die Sonne geht an einer anderen Stelle unter. Ich finde einen letzten Sonnenfleck und setzte mich auf den asphaltierten Bahnsteig. Mein langer Ledermantel hält das schon aus. Die Nasenspitze wird wieder ein bißchen wärmer. Gut, dass ich Handschuhe dabei habe, die kann man schon vertragen, Anfang Oktober, am Abend. Die Mirabelle ist noch nicht reif. Ganz sauer. Der Mann mit der Kamera kommt die Gittertreppe von der Brücke herunter auf den Bahnsteig. Wenig später eine Mutter mit ihrem kleinen Jungen. Zeichen, dass bald ein Zug kommt. Die Mutter lässt den Gummidinosaurier des Kindes sprechen und zubeißen. Der Kleine lacht glucksend. Ich denke ein bißchen traurig daran, wie selten man sieht, dass Eltern ein Kind nicht nur bewachen und anleiten, sondern mit ihm spielen. Albernes Zeug, aus Spaß an der Freud. Ohne Lernziel. Wie die beiden. Da kommt der Zug. Ich freue mich, dass er am Alexanderplatz hält, da muss ich nicht umsteigen, kann gleich in meine U8 zur Weinmeisterstraße fallen. Auf der Rolltreppe nach unten zur U-Bahn fällt mir plötzlich ein, dass heute ein Feiertag war. Der 3. Oktober. Und dass ich ihn würdevoll begangen habe, obwohl das nicht die Absicht war. Bahnhof Weinmeisterstraße. Ausgang Gipsstraße. An den blauen Kacheln vorbei, die windige Treppe nach oben. Warten an der Ampel. Gleich bin ich zuhause.
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Elstal X Departure

25. November 2010

Schwer zu sagen, wie lange ich keine Sporthalle betreten habe. Fitness-Studios kenne ich nur von außen, obwohl ich den gewaltigen Muskel-Aufbau-Geräten, die es dort geben soll, Sympathie entgegenbringe. Der letzte Sportunterricht meines Lebens fand vor ungefähr dreissig Jahren statt. Leibesertüchtigung unter Aufsicht zählte zu meinen absoluten Hassfächern. Beim Kopfstand rutschten die Arme weg und mir wurde schwarz vor Augen, ich wurde halb ohnmächtig. Ich hatte keinen Bock auf Bockspringen und Reckübungen. Ich hasste Geräteturnen. Ich hasste Ballspiele, bei denen es vor allem darum zu gehen schien, sich gegenseitig zu bombardieren oder jemandem den Ball abzujagen. So kam es mir vor. Handball war Krieg. Wurde man schmerzhaft vom Ball getroffen, wurde schadenfroh wiehernd gelacht. Aber Tischtennis und Federballspielen gefiel mir. Und Schwimmen. Und Radfahren. Und Wandern. Und Tanzen. Aber diese Bewegungsmöglichkeiten waren leider nicht im Unterrichtsplan vertreten. Wobei es gut sein kann, dass mir die didaktische Aufbereitung dieser Sportarten, die Freude daran verleidet hätte. Manchmal habe ich Lust durch ein Stück Wald zu rennen. Aber nicht als Dauerlauf, nur ein kleines Stückchen aus Übermut. Man muss die Gelenke auch schonen.

Der Geruch der Turnmatten ist mir noch diffus in Erinnerung. Die graublauen Matten rochen immer komisch, so ähnlich wie Gummireifen. Und die lederbespannten Geräte. Und der Kraut- und Rüben-Schweißgeruch halbwüchsiger Mädchen in Lycra-Trikots. Leider unvergesslich, das gemeinschaftliche Zwangsduschen, das mir immer peinlich war. Das Vergleichen von Schamhaarwuchs und Körbchengröße. Die Bemerkungen. Ich hasste es. Wenn ich daran denke, hasse ich es wieder. Nichts auf der Welt könnte mich jemals wieder dazu bringen, mich gemeinsam mit anderen in einem Gruppenduschraum zu duschen. Nicht für Geld und gute Worte. Zu intim. Die Monatsblutung war als Ausrede willkommen, wenn der Sportunterricht anstand. Man durfte am Rand der Halle sitzen und zuschauen, musste sich nicht verbiegen oder verbiegen lassen. Nach keiner Stoppuhr herumtrampeln. Und auch das Duschen fiel dann weg. Bundesjugendspiele. Weitspringen, Hochspringen. Wettrennen. Alles furchtbar. Ich mochte die ganze Atmosphäre nicht, dieses Gedrillte, das Zackige, die kratzigen Turnhosen, die ganze kratzige Unpoesie. Alles.
Ich war weit weg. Vielleicht bei dem Buch, das ich gerade las und lieber weitergelesen hätte. Oder bei dem Jungen, in den ich heimlich verliebt war und der es nie erfahren würde, auf keinen Fall von mir. Ich weilte auf meiner Schäfchenwolke ohne Trillerpfeife. Meine Angst vor dem Geräteturnen. Ich hatte Furcht mich zu stoßen, zu stolpern, abzurutschen, hinzufallen, hängenzubleiben, mich zu blamieren. Die Böcke, Kästen und Stangen waren potenzielle Gefahrenträger. Innere und äußere Gefahr. Ich wurde auch gerne verlacht. Weil ich nicht daran glaubte, dass ich irgendetwas in dieser Hinsicht gut könnte und so kam es. Jedesmal. Ich hatte Schweißausbrüche vor Angst, wenn ich dran war. Ich war das einzige Schulkind, das jemals eine fünf oder sechs in Sport im Zeugnis hatte. Inzwischen weiß ich, dass ich nicht gut an die Sache herangeführt wurde. Ich sperre mich gegen Appelle, Befehle, Imperativ. Darauf reagiere ich hochallergisch, da ist sofort der Ofen aus. Auch heute noch. Wer sich herausnimmt, mit mir im Imperativ zu reden, lernt ganz schnell, dass das nur einmal passiert. Da geht ein Messer auf.
Ich will ins Licht rücken, warum Turnhallen und ich nicht die dicksten Freunde sind. Man sollte aufgrund dieser umfangreichen Bildstrecken nicht denken, ich würde mich besonders für Olympia interessieren. Spannend, ja aufregend fand ich das Entfachen der olympischen Flamme, die vielen Völker bei den Eröffnungsfeierlichkeiten zu sehen, wie sie stolz die bunten Fahnen ihres Landes trugen und dabei strahlten. In solchen Momenten kriege ich feuchte Augen. Und auch die Rührung bei den Siegerehrungen. Die Nationalhymnen zu hören, die Überwältigung der Athleten, die Tränen. Den Jubel der Menschen. Die Freundschaft der Völker. Zwischen diesen rituellen Eckpfeilern hätten auch ganz andere Dinge stattfinden können. Zum Beispiel eine Bäcker- oder Blumen-Olympiade. Wegen mir hätte keiner rennen müssen. Inzwischen bringe ich Sportlern mehr Respekt entgegen. Ich finde es gesund, wenn jemand sehr frühzeitig sportliche Bewegung in sein Leben integriert, es selbstverständlich und bis ins hohe Alter praktiziert. Das ist absolut empfehlenswert. Ich gehe gerne, ich mag rumlaufen, auch lange Wege. Besonders wenn das Wetter mild ist. Das liebe ich. Trainierte Körper sehen einfach besser aus. Unvergleichlich. Ich finde Männer sollen ruhig mit Hanteln herumspielen und alles mögliche machen, Fußball spielen, ins Sportstudio gehen. Frauen natürlich auch. Zu meiner Überraschung war ich gerne in der Sporthalle in Elstal, trotz meiner traumatischen Biographie. Die Turnhallen meiner Kindheit und Jugend waren fensterlos.
Die Sporthalle in Elstal gewährt einen weiten Blick ins Grüne. Vielleicht war das auch die Möglichkeit, Frieden mit dieser Sache zu schließen. Ich habe das einst Nazi-infiltrierte Sportlerdorf mit ungehorsamen Geist aufgeladen. Wer jetzt nach Elstal und dem Olympischen Dorf sucht, stolpert über meine unsportlichen Berichte. Das gefällt mir. Man muss die Dinge für seine Zwecke vereinnahmen. Sie war mein letztes Erlebnis, die Sporthalle im Olympischen Dorf von 1936. Zu Beginn fiel sie mir gar nicht auf. Sie steht rechts vom Eingang. Eigentlich wollte ich schon gehen, aber da sah ich plötzlich diese Halle, die von der breiten Seite ein bißchen nach Mies van der Rohe aussieht. Von der schmalen Seite des Eingangs wirkt sie eher wie eine elegantere Scheune. Der schöne Holzboden gefiel mir. Und das alte Pferd war gleich mein Freund. Dieses zerschlissene alte Ding. Das zerrissene, fein genähte Leder, die gepolsterten Schichten darunter. Wie ein verletztes rotes Tier stand es da. Eine kleine Galerie von Plakaten vergangener Spiele aus aller Welt. Eine Vitrine mit Programmheften, alten Fotos, einer „Illustrirten“, einem im olympischen Dorf abgestempelten Brief an eine Adresse in Brooklyn, N.Y. Seltsame Rührung. Und die olympischen Ringe. Ich habe so gut wie alles gesehen, was man ohne Gruppenführung sehen konnte. Vielleicht fahre ich eines schönen Tages wieder nach Elstal und finde dann die aufgebaute Bastion vor, und den Waldsee, und im Hindenburghaus kann man ein- und ausgehen und alte Olympia-Filme gucken. Im Speisehaus der Nationen gibt es dann Spezialitäten aus 43 Ländern. Und Russischen Kaffee. Und draußen nur Kännchen.
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Elstal IX Sporthalle

19. November 2010




Ich hatte zu wenig gelesen, bevor ich loszog, um sofort zu wissen, wofür diese bizarr verrottende Plattensiedlung auf dem Gelände des Olympischen Dorfes gebaut wurde. Ich ließ mich treiben und sah plötzlich verlassene Mietskasernen ohne Fensterscheiben. Man konnte bunte Kacheln erkennen und in frohen Farben gestrichene, verbleichende Wände, bröckelnde Farbschichten. Durchblicke zu den weiter entfernten Bäumen. Lichtreflexe, so kraftvoll, dass ich einen Moment bedauerte, alleine da zu sein. Ich hätte gerne jemanden an die Wand gestellt und abgeschossen. Man wäre einfach durch die Fenster eingestiegen und hätte das letzte Sommerlicht auf einem Gesicht eingefangen, einer maigrünen oder blauen Wand. Tiefes Blau mit Weiß wie auf Postkarten aus Santorin. Griechenland spielen oder Portugal. Und Zitronengelb, verwaschen vom Regen. Himmel arizonablau. Ich lese später, dass es Unterkünfte für die Offiziere der russischen Armee und deren Angehörige waren. Man hat gar nicht so viel Gelegenheit, Verfall an unspektakulären Bauten zu studieren, weil sie meistens abgerissen werden, bevor sich diese wunderlichen Dinge einstellen. Wenn ich es recht erinnere, zogen die sowjetischen Truppen 1993 ab. Siebzehn Jahre. In dieser Stunde war das Licht am schönsten.
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Elstal III Russische Armeeunterkünfte

23. November 2010


„Den stilistischen Ideen des Bauhauses verpflichtet zeigte sich das Speisehaus der Nationen mit seinen 38 für die verschiedenen Nationen bestimmten Speisesälen und Küchen. Die Modernität des Zweckbaus wurde durch die Einsenkung in das ansteigende Gelände — ein Verfahren, das March schon beim Olympiastadion angewandt hatte — in seiner Wucht gemildert und der umgebenden Landschaft harmonischer eingefügt.“
Ein großes Auge aus der Luft. Haus Berlin hieß es ja eigentlich, das Speisehaus der Nationen. Kommt man dem unteren Wimpernbogen näher, eine weich geschwungene, rundumlaufende Veranda. Man wundert sich gleich, dass es keine Tische und Stühle gibt, kein Draußen-nur-Kännchen-Angebot, kein Kuchenbuffet, das man schon durch die offene Glastür glitzern sieht. Käsekuchen und Schwarzwälder Kirschtorte auf Papierspitzendeckchen, silberne Tortenheber. Was für ein schönes Café wäre das. Immer wieder sieht man statt Fensterscheiben Holzbretter. Samtig brauner Bretterverhau. Besonders im Innenhof, im Inneren des Auges. Da scheinen besonders viele Scheiben zu Bruch gegangen zu sein. Wahrscheinlich die billigste Variante, das Innere des denkmalgeschützten Prachtenwurfs vor Wind und Wetter zu schützen. Vor Einbruch, vor Verwüstung. Einst weiß verputzte Steinbänke. Ich lese die riesigen Banner mit den Leitsätzen (und meinem Lieblings-Leitsatz Nr. 6: „Du bist jung, schaffe dir schöne Erinnerungen!“), mit der Speisekarte, mit dem Lebensmittelverbrauch. So alt ist Ovomaltine schon. Ich dachte, das wäre ein Pulvergetränk aus den Siebzigern. Mein Bruder mochte das gerne. Ich nicht. Mir war es zu malzig und zuckrig. Ich mochte lieber Kaba und Nesquik. Und amerikanische Cerealien haben sie auch schon zum Frühstück gegessen, die Sportler. Bei Cerealien dachte ich wiederum lange Zeit, das Wort wäre eine dieser neueren Erfindungen der Werbeindustrie, um irgendwelchen neu zusammengeschusterten Lebensmitteln den Anstrich von wissenschaftlich geprüfter Qualität zu geben. Zu meiner Zeit hat man jedenfalls nicht von Cerealien geredet. Da gab es Kellog’s Corn Flakes und Haferflocken und irgendwann später Fertig-Müsli. Bums, fertig. Und Joghurt ohne Drehwurm und probiotisches Gedöns. Aber ich schweife ab. Wenn ich die Bilder sehe, erkenne ich deutlich, dass ich dann irgendwann zu faul war, die Strecke auszumisten. Diese endlosen Wiederholungen dieses Speiseplan-Banners und der Bogen des Dachs vom Innenhof. Da hätten auch zwei Bilder gereicht. Na ja. Aber nun ist es drin. Hat auch was Hypnotisches mitunter. Nutzen Sie einfach die Gelegenheit zu einer morgendlichen Meditation über die schier unendlichen Möglichkeiten, das Licht in einer gewissen Ecke einer Steinbank einzufangen. Lange saß ich da. Schloss die Augen, blinzelte in die Nachmittagssonne. Noch war es warm. Ich zog meinen Ledermantel aus. Ich dachte, ein guter Platz für eine Rast, um meinen Proviant hervorzuholen. Und während ich im Speisehaus der Nationen aß, in aller Ruhe meine hartgekochten Eier und Äpfel und so weiter verdrückte, ließ ich den Blick schweifen. stellte ich mir vor, wie es damals war. Als die Fenster noch Scheiben hatten, alles neu war, modern und voller Leben. Das babylonische Sprachgewirr, das Klappern des Geschirrs und der Bestecke.

Diese aufgestellten alten Fotos im Innenhof rührten irgendetwas bei mir an. Ich weiß nicht, was es ist. Ich kriege so eine ganz leichte Gänsehaut, wenn ich die bunten Gesichter der vielen Völker sehe, so guter Dinge an gut gedeckten Tischen, mit dem Geist von Völkerverständigung im Herzen. Ganz naiv, ganz friedlich. In guter Absicht. Es hätte alles so friedlich bleiben können. Da war auch die Begegnung mit jenem Fotografen, die ich erwähnte. Und mit der vorbeiwandernden Gruppe, die aber erst nach einer guten halben Stunde kam. So lange saß ich da in der Sonne und schaute, was sie da trieb, auf den alten Wänden, dem alten Putz.
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Elstal VII Speisehaus der Nationen

24. November 2010

Es erscheint mir nur angemessen, der einzigen Bewohnerin des Olympischen Dorfes in Elstal, die ich persönlich kennenlernen durfte, eine eigene Bildstrecke zu widmen. Ich vermute, dass ihre Familie auch irgendwo dort lebt, aber sie selbst scheint ein sehr eigenständiges, unabhängiges Leben zu führen. Hildegard Knef sang einst „Ein Zufall, sagten wir mal, ein Zufall hat uns zusammengeführt. Das Schicksal, sagen wir heut, (…) hat uns leider/wieder (?) getrennt.“ Ich fand es schon bemerkenswert, dieses Aufeinandertreffen von zwei verwandten Seelen, die sich zur exakt selben Minute an exakt derselben Stelle einen möglichst einsamen Platz an der Sonne suchten. Ihr Name ist Pyrrhocoris Apterus. Ich wusste das aber nicht von ihr persönlich, sondern weil ich später zuhause nach ihr gegoogelt habe. Sie ist ziemlich bekannt und wird auch ganz schön oft fotografiert. Im deutschsprachigen Raum hat sie keinen so guten Ruf, zumindest wenn man an den Namen denkt, den man ihr hier in Deutschland verpasst hat, und mit dem sie ständig aufgezogen wird und nun zu leben hat. Ich wollte ihr die Ehre erweisen, weil ich sie besonders schön und anmutig finde und weil ich es so gut verstehen konnte, dass sie sich eine kleine windgeschützte Kuhle in der Steinbank ausgesucht hatte, für ihr Sonnenbad. Ich überlegte dauernd, ob sie vielleicht afrikanische Vorfahren haben könnte, weil mich ihre Kriegsbemalung an wilde Zulumasken erinnerte. Aber wie kam sie oder ihre Familie nach Europa, nach Elstal? Ist sie den ganzen Weg von Südafrika zu Fuß gelaufen? Oder per Autostopp? Und wie lange mag sie unterwegs gewesen sein? Vielleicht war sie ja auch nur zum Ausflug in Elstal, weil sie darüber im Internet gelesen hat und lebt in Wirklichkeit im fernen Pretoria oder sogar in Berlin. Womöglich gar bei mir um die Ecke, und hat nur ein bißchen Rast gemacht, genau wie ich, bevor sie zur großen Rückreise aufbrechen musste. Wir hatten beide keine richtige Lust zu reden, aber das war ganz in Ordnung, denn wir verstanden uns auch ohne Worte. Liebe Pyrrie, ich hoffe, es geht dir gut und du bist wohlbehalten zuhause angekommen, wo immer das auch ist.

http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=71649
Elstal VIII Pyrrhocoris apterus

22. November 2010


Ach ja. Die Unterkünfte der Athleten. Nicht innen. Also nicht Athletinnen. Der Brandenburger Hobby-Historiker Hans-Ulrich Rhinow aus Falkensee schreibt dazu auf seiner Internet-Seite:
„Mit einer Ausnahme (Hindenburghaus), trugen alle Gebäude Namen deutscher Städte in einer Anordnung innerhalb des Dorfes, die etwa der geographischen Lage der jeweiligen Stadt in Deutschlands Grenzen entsprach. Die Unterkünfte der männlichen Sportler hier in Elstal waren heutigen Erwartungen gegenüber spartanisch einfach. Rechts und links des Mittelganges lagen die einzelnen Doppelzimmer, schlicht mit zwei Betten und zwei Nachttischen und einem Schrank möbliert. An den Wänden waren die von den Städten gestifteten rd. 4000 Bilder als einziger Schmuck angebracht. Die Sportler durften je ein Bild zu ihrer Erinnerung an die Spiele mitnehmen. Jedes Haus besaß eine zentrale Toilette, eine Duscheinrichtung, eine kleine Küche und einen Abstellraum für Koffer und Geräte. In jedem Haus stand für die Betreuung der rd. 30 Sportler ein deutscher junger Offizier zur Verfügung, der während der Spiele dort auch in einem eigenen Raum untergebracht war. Im Bereich des Olympischen Dorfes gab es auch ein Ärztehaus und ein Krankenhaus. Übrigens waren die Athletinnen separat in Berliner Unterkunftsräumen einquartiert.“
Erlauben Sie mir hier etwas zu ergänzen, lieber Herr Rhinow. Auf einer Schautafel habe ich gelesen, es gab in jeder Sportlerunterkunft sogar ein eigenes Münztelephon! Wie aufregend, für das Fräulein vom Amt! Die vielen Ferngespräche nach Übersee! Aber dafür wissen Sie noch viel mehr andere tolle Sachen mehr als ich. Wie die Sache mit den ersten Fernsehdirektübertragen ins Hindenburghaus funktionierte, zum Beispiel. (…) „Dazu zählten neben einem Theatersaal auch ein Fernsehraum, in dem die sportlichen Ereignisse aus dem Stadion zeitversetzt um 2 Minuten mit früher moderner Technik dargeboten wurden. Es dauerte nämlich 2 Minuten, bis die Filme im Schnellverfahren entwickelt waren und in den Projektor hineinliefen.“(…)
Wo anders liest man zum Verbleib der weiblichen Teilnehmerinnen noch konkreter, dass die Athletinnen in Hotels in der Nähe vom Olympiastadion untergebracht waren. Wie auch immer. Ich hatte eigentlich inzwischen mehr oder weniger vergessen, dass die idyllische Ansiedlung irgendetwas mit Sport und Olympia zu tun hatte. Die Luft war so klar und der Himmel so weit und die Häuschen der Sportler kamen mir vor wie kleine Ferienhäuschen. Ich dachte an alle möglichen Ingmar Bergman-Filme in abgeschiedenen skandinavischen Landschaften und „Ich denke oft an Piroschka“, diesen alten Schinken mit Lilo Pulver, den ich als Kind immer wieder gerne mit meinem Opa geschaut habe. Praktisch jedes Jahr. Wegen Lilo und den Gänsen und der Zigeunermusik, nicht wegen dem dünnen blassen jungen Mann (Eisenmangel!), der mich gar nicht interessiert hat. In Ostp Litauen war auch manchmal so eine Piroschka-Stimmung. Das hat was mit Landschaft und Gänsen und Barfußlaufen zu tun. Kann ich nicht so richtig erklären.
Das einzige Häuschen mit offener Tür, aber sicher nicht das einzige mit originalem Verrottungsstadium von siebzig Jahren, hat die skandinavische Ferienidylle dann auf interessante Art etwas variiert – mir fällt nicht das passende Wort ein. Wenn Sie ein besseres wissen, immer in die Kommentare. Das war schon auch sehr sehenswert. Hab ich ja schon erzählt. Dagegen der Durchblick, den man auf dem einen Foto durch die Scheibe von der Terrasse aus sieht, mit ordentlichen Rattan-Sesselchen um einen Tisch, ist der Zustand des bislang einzigen, kürzlich renovierten Athletenhäuschens. Es ist das Häuschen, in dem der Superstar dieser olympischen Sommerspiele, Jesse Owens untergebracht war, und vor dem sogar das Star-Spangled Banner weht, wenn ich mich recht erinnere. Was mich auch noch mächtig beeindruckt hat, waren die Naturstein-Terrassen. Was für schöne Steine. So etwas sieht man sonst in Hollywoodfilmen, in diesen Alfred Hitchcock-Villen, in denen subtil blondierte Grace Kellys mit Hochsteckfrisur und Twinset in schlimme Machenschaften verstrickt sind.
Die Häuschen fügen sich wirklich schön in die Landschaft ein, mit den Birken und Wiesen. Da darf man nicht meckern. Ganz friedlich sehen sie aus, die streichsanierten Sportlerunterkünfte von Elstal. Streichsaniert, das Wort hab ich zum ersten Mal 1999 gehört, als ich auf Wohnungssuche war. Da hat irgendein Vormieter bei einer Besichtigung in der Nähe vom damals noch etwas beliebteren Kollwitzplatz gelästert, was die hier gerade überall machen und als top saniert mit überzogenen Mieten loswerden wollen, ist doch in Wahrheit nur mal eben Löcher zugeschmiert und übergestrichen, streichsaniert! Ich hab das schon auch gemerkt. So dahingeschlunzt. Da wollte ich auch unbedingt nicht hin. Ich bin ja nicht blöd. Also die Sportlerhäuschen sind wohl auch irgendwann mal weiß übergepinselt worden, macht ja schon auch was her, so von außen. Zu Olympiazeiten waren sie nämlich hellgelb. Ich merke, ich bin ein bißchen zu müde, um etwas Gescheites zu schreiben, weil ich so abschweife. Also mir gefallen die Sportlerunterkünfte, deswegen hab ich auch so furchtbar viele Fotos von allen Seiten gemacht, die bestimmt schnell langweilig werden, wenn man nicht selber da war. Aber der Himmel war so schön blau. Und Ingmar Bergman. Und Piroschka. Und überhaupt.

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Elstal VI Sportlerunterkünfte

24. November 2010

Es erscheint mir nur angemessen, der einzigen Bewohnerin des Olympischen Dorfes in Elstal, die ich persönlich kennenlernen durfte, eine eigene Bildstrecke zu widmen. Ich vermute, dass ihre Familie auch irgendwo dort lebt, aber sie selbst scheint ein sehr eigenständiges, unabhängiges Leben zu führen. Hildegard Knef sang einst „Ein Zufall, sagten wir mal, ein Zufall hat uns zusammengeführt. Das Schicksal, sagen wir heut, (…) hat uns leider/wieder (?) getrennt.“ Ich fand es schon bemerkenswert, dieses Aufeinandertreffen von zwei verwandten Seelen, die sich zur exakt selben Minute an exakt derselben Stelle einen möglichst einsamen Platz an der Sonne suchten. Ihr Name ist Pyrrhocoris Apterus. Ich wusste das aber nicht von ihr persönlich, sondern weil ich später zuhause nach ihr gegoogelt habe. Sie ist ziemlich bekannt und wird auch ganz schön oft fotografiert. Im deutschsprachigen Raum hat sie keinen so guten Ruf, zumindest wenn man an den Namen denkt, den man ihr hier in Deutschland verpasst hat, und mit dem sie ständig aufgezogen wird und nun zu leben hat. Ich wollte ihr die Ehre erweisen, weil ich sie besonders schön und anmutig finde und weil ich es so gut verstehen konnte, dass sie sich eine kleine windgeschützte Kuhle in der Steinbank ausgesucht hatte, für ihr Sonnenbad. Ich überlegte dauernd, ob sie vielleicht afrikanische Vorfahren haben könnte, weil mich ihre Kriegsbemalung an wilde Zulumasken erinnerte. Aber wie kam sie oder ihre Familie nach Europa, nach Elstal? Ist sie den ganzen Weg von Südafrika zu Fuß gelaufen? Oder per Autostopp? Und wie lange mag sie unterwegs gewesen sein? Vielleicht war sie ja auch nur zum Ausflug in Elstal, weil sie darüber im Internet gelesen hat und lebt in Wirklichkeit im fernen Pretoria oder sogar in Berlin. Womöglich gar bei mir um die Ecke, und hat nur ein bißchen Rast gemacht, genau wie ich, bevor sie zur großen Rückreise aufbrechen musste. Wir hatten beide keine richtige Lust zu reden, aber das war ganz in Ordnung, denn wir verstanden uns auch ohne Worte. Liebe Pyrrie, ich hoffe, es geht dir gut und du bist wohlbehalten zuhause angekommen, wo immer das auch ist.

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Elstal VIII Pyrrhocoris apterus

23. November 2010


„Den stilistischen Ideen des Bauhauses verpflichtet zeigte sich das Speisehaus der Nationen mit seinen 38 für die verschiedenen Nationen bestimmten Speisesälen und Küchen. Die Modernität des Zweckbaus wurde durch die Einsenkung in das ansteigende Gelände — ein Verfahren, das March schon beim Olympiastadion angewandt hatte — in seiner Wucht gemildert und der umgebenden Landschaft harmonischer eingefügt.“
Ein großes Auge aus der Luft. Haus Berlin hieß es ja eigentlich, das Speisehaus der Nationen. Kommt man dem unteren Wimpernbogen näher, eine weich geschwungene, rundumlaufende Veranda. Man wundert sich gleich, dass es keine Tische und Stühle gibt, kein Draußen-nur-Kännchen-Angebot, kein Kuchenbuffet, das man schon durch die offene Glastür glitzern sieht. Käsekuchen und Schwarzwälder Kirschtorte auf Papierspitzendeckchen, silberne Tortenheber. Was für ein schönes Café wäre das. Immer wieder sieht man statt Fensterscheiben Holzbretter. Samtig brauner Bretterverhau. Besonders im Innenhof, im Inneren des Auges. Da scheinen besonders viele Scheiben zu Bruch gegangen zu sein. Wahrscheinlich die billigste Variante, das Innere des denkmalgeschützten Prachtenwurfs vor Wind und Wetter zu schützen. Vor Einbruch, vor Verwüstung. Einst weiß verputzte Steinbänke. Ich lese die riesigen Banner mit den Leitsätzen (und meinem Lieblings-Leitsatz Nr. 6: „Du bist jung, schaffe dir schöne Erinnerungen!“), mit der Speisekarte, mit dem Lebensmittelverbrauch. So alt ist Ovomaltine schon. Ich dachte, das wäre ein Pulvergetränk aus den Siebzigern. Mein Bruder mochte das gerne. Ich nicht. Mir war es zu malzig und zuckrig. Ich mochte lieber Kaba und Nesquik. Und amerikanische Cerealien haben sie auch schon zum Frühstück gegessen, die Sportler. Bei Cerealien dachte ich wiederum lange Zeit, das Wort wäre eine dieser neueren Erfindungen der Werbeindustrie, um irgendwelchen neu zusammengeschusterten Lebensmitteln den Anstrich von wissenschaftlich geprüfter Qualität zu geben. Zu meiner Zeit hat man jedenfalls nicht von Cerealien geredet. Da gab es Kellog’s Corn Flakes und Haferflocken und irgendwann später Fertig-Müsli. Bums, fertig. Und Joghurt ohne Drehwurm und probiotisches Gedöns. Aber ich schweife ab. Wenn ich die Bilder sehe, erkenne ich deutlich, dass ich dann irgendwann zu faul war, die Strecke auszumisten. Diese endlosen Wiederholungen dieses Speiseplan-Banners und der Bogen des Dachs vom Innenhof. Da hätten auch zwei Bilder gereicht. Na ja. Aber nun ist es drin. Hat auch was Hypnotisches mitunter. Nutzen Sie einfach die Gelegenheit zu einer morgendlichen Meditation über die schier unendlichen Möglichkeiten, das Licht in einer gewissen Ecke einer Steinbank einzufangen. Lange saß ich da. Schloss die Augen, blinzelte in die Nachmittagssonne. Noch war es warm. Ich zog meinen Ledermantel aus. Ich dachte, ein guter Platz für eine Rast, um meinen Proviant hervorzuholen. Und während ich im Speisehaus der Nationen aß, in aller Ruhe meine hartgekochten Eier und Äpfel und so weiter verdrückte, ließ ich den Blick schweifen. stellte ich mir vor, wie es damals war. Als die Fenster noch Scheiben hatten, alles neu war, modern und voller Leben. Das babylonische Sprachgewirr, das Klappern des Geschirrs und der Bestecke.

Diese aufgestellten alten Fotos im Innenhof rührten irgendetwas bei mir an. Ich weiß nicht, was es ist. Ich kriege so eine ganz leichte Gänsehaut, wenn ich die bunten Gesichter der vielen Völker sehe, so guter Dinge an gut gedeckten Tischen, mit dem Geist von Völkerverständigung im Herzen. Ganz naiv, ganz friedlich. In guter Absicht. Es hätte alles so friedlich bleiben können. Da war auch die Begegnung mit jenem Fotografen, die ich erwähnte. Und mit der vorbeiwandernden Gruppe, die aber erst nach einer guten halben Stunde kam. So lange saß ich da in der Sonne und schaute, was sie da trieb, auf den alten Wänden, dem alten Putz.
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Elstal VII Speisehaus der Nationen

22. November 2010


Ach ja. Die Unterkünfte der Athleten. Nicht innen. Also nicht Athletinnen. Der Brandenburger Hobby-Historiker Hans-Ulrich Rhinow aus Falkensee schreibt dazu auf seiner Internet-Seite:
„Mit einer Ausnahme (Hindenburghaus), trugen alle Gebäude Namen deutscher Städte in einer Anordnung innerhalb des Dorfes, die etwa der geographischen Lage der jeweiligen Stadt in Deutschlands Grenzen entsprach. Die Unterkünfte der männlichen Sportler hier in Elstal waren heutigen Erwartungen gegenüber spartanisch einfach. Rechts und links des Mittelganges lagen die einzelnen Doppelzimmer, schlicht mit zwei Betten und zwei Nachttischen und einem Schrank möbliert. An den Wänden waren die von den Städten gestifteten rd. 4000 Bilder als einziger Schmuck angebracht. Die Sportler durften je ein Bild zu ihrer Erinnerung an die Spiele mitnehmen. Jedes Haus besaß eine zentrale Toilette, eine Duscheinrichtung, eine kleine Küche und einen Abstellraum für Koffer und Geräte. In jedem Haus stand für die Betreuung der rd. 30 Sportler ein deutscher junger Offizier zur Verfügung, der während der Spiele dort auch in einem eigenen Raum untergebracht war. Im Bereich des Olympischen Dorfes gab es auch ein Ärztehaus und ein Krankenhaus. Übrigens waren die Athletinnen separat in Berliner Unterkunftsräumen einquartiert.“
Erlauben Sie mir hier etwas zu ergänzen, lieber Herr Rhinow. Auf einer Schautafel habe ich gelesen, es gab in jeder Sportlerunterkunft sogar ein eigenes Münztelephon! Wie aufregend, für das Fräulein vom Amt! Die vielen Ferngespräche nach Übersee! Aber dafür wissen Sie noch viel mehr andere tolle Sachen mehr als ich. Wie die Sache mit den ersten Fernsehdirektübertragen ins Hindenburghaus funktionierte, zum Beispiel. (…) „Dazu zählten neben einem Theatersaal auch ein Fernsehraum, in dem die sportlichen Ereignisse aus dem Stadion zeitversetzt um 2 Minuten mit früher moderner Technik dargeboten wurden. Es dauerte nämlich 2 Minuten, bis die Filme im Schnellverfahren entwickelt waren und in den Projektor hineinliefen.“(…)
Wo anders liest man zum Verbleib der weiblichen Teilnehmerinnen noch konkreter, dass die Athletinnen in Hotels in der Nähe vom Olympiastadion untergebracht waren. Wie auch immer. Ich hatte eigentlich inzwischen mehr oder weniger vergessen, dass die idyllische Ansiedlung irgendetwas mit Sport und Olympia zu tun hatte. Die Luft war so klar und der Himmel so weit und die Häuschen der Sportler kamen mir vor wie kleine Ferienhäuschen. Ich dachte an alle möglichen Ingmar Bergman-Filme in abgeschiedenen skandinavischen Landschaften und „Ich denke oft an Piroschka“, diesen alten Schinken mit Lilo Pulver, den ich als Kind immer wieder gerne mit meinem Opa geschaut habe. Praktisch jedes Jahr. Wegen Lilo und den Gänsen und der Zigeunermusik, nicht wegen dem dünnen blassen jungen Mann (Eisenmangel!), der mich gar nicht interessiert hat. In Ostp Litauen war auch manchmal so eine Piroschka-Stimmung. Das hat was mit Landschaft und Gänsen und Barfußlaufen zu tun. Kann ich nicht so richtig erklären.
Das einzige Häuschen mit offener Tür, aber sicher nicht das einzige mit originalem Verrottungsstadium von siebzig Jahren, hat die skandinavische Ferienidylle dann auf interessante Art etwas variiert – mir fällt nicht das passende Wort ein. Wenn Sie ein besseres wissen, immer in die Kommentare. Das war schon auch sehr sehenswert. Hab ich ja schon erzählt. Dagegen der Durchblick, den man auf dem einen Foto durch die Scheibe von der Terrasse aus sieht, mit ordentlichen Rattan-Sesselchen um einen Tisch, ist der Zustand des bislang einzigen, kürzlich renovierten Athletenhäuschens. Es ist das Häuschen, in dem der Superstar dieser olympischen Sommerspiele, Jesse Owens untergebracht war, und vor dem sogar das Star-Spangled Banner weht, wenn ich mich recht erinnere. Was mich auch noch mächtig beeindruckt hat, waren die Naturstein-Terrassen. Was für schöne Steine. So etwas sieht man sonst in Hollywoodfilmen, in diesen Alfred Hitchcock-Villen, in denen subtil blondierte Grace Kellys mit Hochsteckfrisur und Twinset in schlimme Machenschaften verstrickt sind.
Die Häuschen fügen sich wirklich schön in die Landschaft ein, mit den Birken und Wiesen. Da darf man nicht meckern. Ganz friedlich sehen sie aus, die streichsanierten Sportlerunterkünfte von Elstal. Streichsaniert, das Wort hab ich zum ersten Mal 1999 gehört, als ich auf Wohnungssuche war. Da hat irgendein Vormieter bei einer Besichtigung in der Nähe vom damals noch etwas beliebteren Kollwitzplatz gelästert, was die hier gerade überall machen und als top saniert mit überzogenen Mieten loswerden wollen, ist doch in Wahrheit nur mal eben Löcher zugeschmiert und übergestrichen, streichsaniert! Ich hab das schon auch gemerkt. So dahingeschlunzt. Da wollte ich auch unbedingt nicht hin. Ich bin ja nicht blöd. Also die Sportlerhäuschen sind wohl auch irgendwann mal weiß übergepinselt worden, macht ja schon auch was her, so von außen. Zu Olympiazeiten waren sie nämlich hellgelb. Ich merke, ich bin ein bißchen zu müde, um etwas Gescheites zu schreiben, weil ich so abschweife. Also mir gefallen die Sportlerunterkünfte, deswegen hab ich auch so furchtbar viele Fotos von allen Seiten gemacht, die bestimmt schnell langweilig werden, wenn man nicht selber da war. Aber der Himmel war so schön blau. Und Ingmar Bergman. Und Piroschka. Und überhaupt.

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Elstal VI Sportlerunterkünfte

21. November 2010

10-10-03 Bastion (17)
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Bastion. Komischer Name für eine Freiluftbar, wenn man sich die Bedeutung zu Gemüte führt. Aber das war schon ein gelungenes Bauwerk, mit dem runden Reetdach. Auf diesem Foto kann man es sehen, wie sie damals ausgesehen hat. Es gab nur alkoholfreie Getränke. Alkohol war im ganzen olympischen Dorf nur im Speisesaal der Franzosen und noch einer Nation (Italien schätzungsweise) erlaubt, die durften Wein zum Essen trinken, weil er als unverzichtbarer Bestandteil ihrer nationalen Alltags-Kultur galt. Komisch eigentlich, dass unsere Germanen dann keinen Gerstensaft oder wenigstens Met trinken durften. Nicht konsequent! Aber diese hochwichtige Schulbuchinformation gehört eigentlich mehr zum Speisehaus der Nationen, nicht zur Bastion. Ich darf mein Pulver nicht verschießen! Von der Bastion ist nur noch das runde Fundament ist übrig, sie wurde im Krieg zerstört. Es wird angeblich geprüft, ob man im Keller darunter Toiletten einbauen könnte, dann soll sie wieder aufgebaut werden, die alte Saft- und Milchbar. Weiß gar nicht, was es da zu prüfen gibt. Als könnte man heutzutage irgendwo keine Toiletten einbauen. Oder wieder so ein Denkmalschutzdings. Na ja. Die Sonne stand schon ein bißchen tiefer, ich hatte das Gefühl für die Zeit verloren und ganz viel noch nicht gesehen. Ich wollte doch noch zu den Unterkünften der Athleten. Und zum Speisehaus der Nationen. Und so weiter. Weil ich keine Armbanduhr und kein Mobiltelephon besitze, muss ich raten oder die Leute fragen, wie spät es ist. Aber ich bin auf einen neuen Trick gekommen. Ich mache ein Foto und schaue in die Metadaten, wann es aufgenommen worden ist. Das klappt ganz gut. Nur mit der Zeitumstellung kann man schon mal ein bißchen durcheinanderkommen. Aber da war ja noch Sommerzeit. Am 3. Oktober Anno 2010. Im Grunde halte ich mich nur so lange mit diesem kleinteiligen Bericht auf, weil ich mir des erzieherischen Auftrages bewusst bin. Ich möchte hiermit ein nachahmenswertes Beispiel geben, in welcher Weise man den Tag der deutschen Einheit angemessen und pietätvoll begehen kann. Indem man so wie ich, überragendes Geschichtsbewusstsein zeigt, ein historisches Thema mit sowohl Ost-West- als auch Gegenwartsbezug wählt und im Anschluss daheim sechs bis acht Wochen lang eine moderne, sachbezogene Dia-Schau mit entsprechendem Lehrstoff für Groß und Klein erarbeitet. Ich denke, ich bin da auf einem sehr guten Weg und kann als Vorbild gelten.

Elstal V Bastion

21. November 2010


Ich konnte nur eine Spur im Internet finden, die erwähnt, dass das russische Café auf dem Areal des olympischen Dorfes vor zwei Jahren abgerissen wurde. Das Kasino für die russischen Offiziere wurde abgetragen, um die alten Sichtachsen freizulegen, heißt es. Abtragen klingt weniger vernichtend. Schwer, anhand der einzigen Fotografie auf der Schautafel zu sagen, ob es besonders sehenswert gewesen wäre. Jetzt ist es ein schöner Platz auf einer Anhöhe. Das Fundament ist noch da. Ein bißchen ist es dort wie bei diesen antiken Ausgrabungsstätten in Griechenland oder auf Sizilien oder Zypern, wo man den Wind hören kann. Eigentlich fehlen nur ein paar Säulentrümmer, so ein paar alte große Brocken von einem Apollotempel. Und ein Amphitheater. Schade, dass es kein Amphitheater im olympischen Dorf gibt. Ich finde, man sollte eins bauen, dort unter den schönen großen Kiefern. Und Kaffee sollte es geben. Russischen Kaffee. Aus Respekt und Nostalgie.
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Elstal IV Russisches Café

19. November 2010




Ich hatte zu wenig gelesen, bevor ich loszog, um sofort zu wissen, wofür diese bizarr verrottende Plattensiedlung auf dem Gelände des Olympischen Dorfes gebaut wurde. Ich ließ mich treiben und sah plötzlich verlassene Mietskasernen ohne Fensterscheiben. Man konnte bunte Kacheln erkennen und in frohen Farben gestrichene, verbleichende Wände, bröckelnde Farbschichten. Durchblicke zu den weiter entfernten Bäumen. Lichtreflexe, so kraftvoll, dass ich einen Moment bedauerte, alleine da zu sein. Ich hätte gerne jemanden an die Wand gestellt und abgeschossen. Man wäre einfach durch die Fenster eingestiegen und hätte das letzte Sommerlicht auf einem Gesicht eingefangen, einer maigrünen oder blauen Wand. Tiefes Blau mit Weiß wie auf Postkarten aus Santorin. Griechenland spielen oder Portugal. Und Zitronengelb, verwaschen vom Regen. Himmel arizonablau. Ich lese später, dass es Unterkünfte für die Offiziere der russischen Armee und deren Angehörige waren. Man hat gar nicht so viel Gelegenheit, Verfall an unspektakulären Bauten zu studieren, weil sie meistens abgerissen werden, bevor sich diese wunderlichen Dinge einstellen. Wenn ich es recht erinnere, zogen die sowjetischen Truppen 1993 ab. Siebzehn Jahre. In dieser Stunde war das Licht am schönsten.
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Elstal III Russische Armeeunterkünfte

19. November 2010




Habe ich gesagt, es gibt kein Pathos dort, nur Patina? Natürlich gab es Pathos dort. Denn ich war ja da. Wenn der Wille zum Pathos triumphiert kleine Anspielung, wird selbst ein Schuhkarton zur Kathedrale. Ich musste vorhin beim Durchgucken dieser Strecke doch denken, was soll der Leser denken, von dieser egomanischen Aneinanderreihung von Bildern meines Kopfes, meines Zustandes, meiner Sonnenbrille. Ich studiere das mich selbst übrigens sehr neugierig. Als wäre ich eine außenstehende Person. Ich bin jedesmal gespannt, auf diese für mich immer noch nicht mysterienlose, sich dauernd verändernde Person, die ich selbst bin. So ähnlich, wie man früher auf das Abholen des fertig entwickelten Analog-Filmes gewartet hat, warte ich auf den neuesten Eindruck meines Zustandes. Vielleicht erfahre ich dadurch etwas über mich, was mir noch nicht klar war. Oder ich erkenne, an welchem Punkt dieses Prozesses ich bin. Welche Spuren Erkenntnis hinterlassen haben könnte. Das ist ganz spannend. Ich finde so eine gewisse Delon-mäßige Härte, Entschlossenheit. Die sofort gebrochen wird, wenn ich die Sonnenbrille abnehme. Dann sehe ich, wie weich ich eigentlich bin. Und dass man es an den Augen sieht. Manchmal spüre ich Überraschung in den Gesichtern, wenn ich die Brille abnehme. Den Unterschied kann man studieren, wenn ich die S-Bahn betrete oder aus der Kälte in einen geschlossenen Raum komme. Dann nehme ich die Brille ab, die meine Augen vor dem Wind schützt. Und dann spüre ich überraschtes Lächeln. Bilde ich mir ein. Weil sich die eiscoole Lady im Befehlshabermantel in einen mutmaßlich beseelten Menschen verwandelt. Aber ich wollte ja was über das Hindenburghaus schreiben, diese alte pathetische Hütte. Ach was, man kann es ja überall nachlesen. Es war der zentrale Gemeinschaftstreffpunkt für die Athleten. Es gab Film- und Theateraufführungen, Konzerte und sogar die ersten Direktübertragungen des damals noch experimentellen Fernsehens, die „die ‚Abteilung ‚Freude‘ des Olympischen Dorfes unter der Leitung der NS-Kulturgemeinde organisierte.“ Später kamen die Russen und kritzelten irgendwas an die Wände, innen, wo ich nicht war. Aber ich übertrat tollkühn die Absperrung und begab mich in den verfallenden Bereich der Rückseite des Gebäudes. Eine Ruine, ein Bretterverhau, dies und das. Märchenlicht, ganz verwunschen. War schön da.

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Elstal II Hindenburghaus

18. November 2010


Wie war das noch, warum wollte ich da eigentlich hin? Mal überlegen. Ich habe ungefähr 1972 das letzte Mal Olympia geguckt. Ich bin in keinem Sportverein und auch keine Neonazisse. Obwohl ich mir Kraft meiner Wassersuppe erlaube, Lenis lichtbildnerisches Werk sehr zu schätzen. Das eine hat übrigens mit dem anderen nichts zu tun. Ich mag Pathos und Patina. Darauf war ich neugierig. Pathos war kaum zu finden, im olympischen Dorf von 1936 im brandenburgischen Elstal, aber Patina und dieses geheimnisvolle Gefühl vom Stillstehen der Zeit. Man findet das an Orten, an denen die Menschenhand lange nicht mehr oder kaum eingegriffen hat. In Naturreservaten, Naturschutzgebieten. Dann entfaltet sich ungehemmt die elektrische Aura der kleinsten Erdbewohner. Der Tanz der zurückgekehrten Mikroben. Die einst vom Menschen zurechtgestutzte, geformte Materie verbindet sich wieder mit den wilden Organismen und bekommt jenen atmenden, unerschrockenen Rhythmus zurück, den sie im Urzustand hatte. Ich liebe das. Die harten Kanten werden wieder weich. Die glatten Flächen porös und bewohnbar für die kleinsten Wesen. Wände, die zu leben scheinen, die vielen Abstufungen von Ocker an einer zuletzt irgendwann in der Mitte des letzten Jahrhunderts verputzten Fassade. Wenn alles instand gesetzt wäre, dort in Elstal, wäre es nur halb so schön. Aber ich will mir noch ein bißchen Text aufheben für die anderen neun Bildstrecken, die mir dort widerfahren sind. Nun fühlt es sich an, als sei ich nicht fünf Stunden, sondern fünf Wochen dort gewesen, in diesem verschlafenen kleinen Dorf in Brandenburg, das ich eigentlich ja immer noch nicht kenne.

Ich kam am Bahnhof an, es war ein Sonntag und ich nahm zur Kenntnis, dass der einzige Bus sonntags nie fährt. Auf einen kleinen Zettel kritzelte ich grob den Weg, noch zuhause. Dann war es recht einfach, immer diese lange Autostraße entlang, vorbei an einer struppigen Talsenke den Weg zu finden. Es gab ein, zwei Schilder. Windig war es. Und sonnig. Vor dem Eingang des olympischen Dorfes, gegenüber einer Wohnsiedlung war ein Platz mit der Bushaltestelle und ein paar Bänken und einer Till Eulenspiegel-Figur. Was mich freute, weil Till ein wilder Vogel war, ein kleiner Anarchist. Der Spiegel in seiner Hand hatte sogar eine richtige Spiegelfläche. Ein bißchen märchenhaft. Wenn ich es recht erinnere, zahlte ich einen Euro Eintritt. Oder waren es zwei? Es war jedenfalls so wenig, dass man schon deshalb das Gefühl haben konnte, ganz weit weg zu sein. Wie man manchmal über sehr niedrige Preise in anderen Ländern gerührt ist, weil man von zuhause anderes gewohnt ist. Den Eintritt entrichtete man an irgendeiner Bretterbude in der Nähe des Eingangs. Ich fragte nach einem Lageplan, irgendeinem Faltblättchen vielleicht? Das war gerade alles vergriffen. Vielleicht noch fünf andere Leute, eine Familie, war auch im Begriff ins olympische Dorf zu wandern. Sonst weit und breit kein Mensch. Großartig. Das erste was auffällt, sind die durch dicke Taue abgesperrten Wiesenflächen mit den Schildern „historische Fläche, bitte nich…“. Man schaut auf die Wiese und denkt so „aha, historisch!“. Aber weiter ist da nichts.

is jut, is jut Mann.
Und dann plötzlich diese kaum sichtbare Ruine, mit Planen verkleidet und einem rundumlaufenden, mannshohen riesigen Banner mit historischen Schwarzweiß-Fotografien. Es ist die verfallene Schwimmhalle, die wiederhergestellt wird. Die alten Fotos haben mich sehr fasziniert. Wieviel Leben, Lebensfreude in diesen wenigen Wochen dort einzog. Die Athleten schienen ziemlich viel Spaß zu haben. Ich machte ein paar Fotos mit mir und vor allem Jesse Owens und ging weiter, der Sonne entlang. Hier war also der Waldsee, wie ich auf dem Schild lese. Mit einer finnischen Sauna. Eine weite, offene Talsenke in der Landschaft, die auch in Schweden sein könnte. Wälder ringsum. Der See ist wieder verlandet, er wurde nur zum Komfort der Athleten mit Wasser gefüllt. Ich stelle mir vor, wie sich die Sportler aus aller Herren Länder dort vergnügten und den Eindruck haben mussten, dass sich das Gastgeberland wirklich Mühe gegeben hatte, den Gästen möglichst viele Annehmlichkeiten zu bieten. Das hat mich schon beeindruckt. Und hinter der Biege des nächsten Birkenwäldchens konnte ich ein großes Gebäude erahnen.
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Elstal I Arrival

17. November 2010

46 03.10.2010 Elstal I Arrival (erl.)
122 03.10.2010 Elstal II Hindenburghaus (erl.)
100 03.10.2010 Elstal III Russische Armeeunterkünfte (erl.)
22 03.10.2010 Elstal IV Russisches Café (erl.)
22 03.10.2010 Elstal V Bastion (erl.)
112 03.10.2010 Elstal VI Sportlerunterkünfte (erl.)
226 03.10.2010 Elstal VII Speisehaus der Nationen (erl.)
22 03.10.2010 Elstal VIII Pyrrhocoris apterus (erl.)
88 03.10.2010 Elstal IX Sporthalle (erl.)
28 03.10.2010 Elstal X Departure (erl.)
4 07.10.2010 Brel (erl.)
22 08.10.2010 Werner Herzog (erl.)
46 08.10.2010 Olaf Heine (erl.)
28 09.10.2010 Berlin (erl.)
4 10.10.2010 Gaga vor Eva (erl.)
58 10.10.2010 Eva-Maria Hagen (erl.)
10 13.10.2010 Atelier (erl.)
10 16.10.2010 Gipsdreieck (erl.)
16 17.10.2010 Kuri Kabocha (erl.)
52 28.10.2010 Hacke Picciotto (erl.)
10 15.11.2010 Bastard (erl.)
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1.042 [Summe] incl. 19,96 % Vergnügungssteuer*
*) 208 neuwertige Gaga-Nielsen-Abbildungen

12. November 2010


Soll ich was Neues schreiben? Schnell noch einen Eintrag machen? Na gut. aber nur ganz kurz. Ich bin fertig und dachte über den Begriff fertig nach.
Wenn ich jetzt zum Beispiel nur bloggen würde: „Ich bin fertig.“ Da gäbe es allerhand Interpretationsspielraum. Was meint sie denn nun? Finished – ready – exhausted? Von allem ein bißchen. Aber am wenigsten das Letztere. Finished meine ich. Wollen wir mal nicht so hoch hängen. Ich hatte eben viel zu tun und bin gerade damit fertig geworden. Mit einer Etappe meines sagenhaften Lebenswerkes. Bald wieder Mitternacht. Überlege, ob ich morgen Vormittag ins Delphi zu Thomes Teampremiere seines neuen Films gehe. Ich lese in den letzten Wochen wieder ab und zu in seinem Blog, das mir eigentlich mehr zusagt, als sein Filmschaffen. Wahrscheinlich der einzige Filmemacher, der von der Idee bis zum Drehbuch, über die Dreharbeiten, bis zum Schnitt und die Premiere das Entstehen eines jeden seiner Filme akribisch online dokumentiert. Parallel schreibt er ein halb privates Tagebuch im Netz, das er jüngst mit der Überschrift Blog ergänzt hat. Für einen Siebzigjährigen hält er sich höchst respektabel auf dem Laufenden. Ich habe sein Online-Schaffen vor ein paar Jahren entdeckt und neugierig verfolgt, dann lange gar nicht gelesen. Jetzt gucke ich wieder ab und zu. Hanns Zischler hat auch wieder mitgespielt. Keine Ahnung, ob der da ist. Aber um ehrlich zu sein, habe ich Probleme mit den mich mit einer gewissen Regelmäßigkeit befremdenden Dialogen in seinen (also Thomes) Filmen. Müsste ich außerdem ziemlich früh aufstehen. Ist ja in Charlottenburg. Um 11 vormittags im Delphi. Falls jemand Lust hat. Einfach hingehen. Da passen 700 Leute rein. Danach gibt’s Prosecco. Ich trinke ja nicht so gerne, wenn es noch hell ist. Vielleicht geht Jan ja hin, hab ihm vorhin noch eine Mail geschickt. Ach was soll ich da. Ist doch Quatsch.

10. November 2010


Eine meiner anstrengendsten Eigenschaften ist, dass ich bei Menschen, die mir nahe stehen, und denen ich Bewusstsein unterstelle, jedes Wort und jede Handlung auf die Goldwaage lege. Unerbittlich. Nur bei Tipp- und Kommafehlern und von Geburts wegen mangelnder Begabung bin ich großzügig. Allerdings ist die Bedingung, mir überhaupt über einen längeren Zeitraum nahe stehen zu dürfen, mein wiederholter Eindruck von selten hochgradiger Eloquenz, gepaart mit überdurchschnittlichen Wahrnehmungsfähigkeiten. Wer die Aufnahmeprüfung geschafft hat, ist quasi fortan im Prüfungsstress. Es sei denn, und das ist der Idealfall, jemand wäre, in mir vergleichbar virtuoser Weise, gestreng mit sich selbst, dann ist alles ganz entspannt. Ja geradezu ein Osterspaziergang – um nicht zu sagen ein Vergnügen. Da trennt sich die Spreu vom Weizen. Das ist eigentlich eher der Haken. Ich bin schnell verärgert, wenn jemand unter seinen Möglichkeiten, unter seinem eigenen, von Geburts, Talent oder Intelligenz wegen möglichen, Niveau agiert. Schlampig formulierte Inhalte, unangemessene Adjektive, leichtfertige Handlungen. Halbe Sachen. Laue Aussagen. Indifferente, beliebige Phrasen. Viel Gerede, keine Handlung. Handlungsinkonsequenz. Das macht mich fuchsteufelswild. Ich verstehe es einfach nicht und es langweilt mich. Wenn man gelegentlich schwerst betrunken oder bekifft ist, ist man natürlich vorübergehend entschuldigt. Oder wenn man krank ist. Aber wenn man gesund und nüchtern ist und alle Sinne beisammen hat, niemals. Das ist Schlamperei. Insofern ist für mich ein dauerhafter Kontakt zu Alkoholikern und anderen regelmäßigen Drogen-Usern sowie sonstigen zu Abstürzen neigenden Psychotikern nicht von Interesse (seltene, genialisch hochbegabte Ausnahmen – die mir bislang nicht bekannt sind – ausgenommen). Ich bin wahrscheinlich insgesamt intolerant, wenn es um gestreute Aufmerksamkeit geht. Zerstreute, zerfaserte Aufmerksamkeit. Das hat gleichermaßen mit Respekt vor dem Gegenüber oder für eine Aufgabe und Qualitätsanspruch zu tun. Konzentration und Fokussierung der Energie auf eine Sache, ermöglicht ein vorzügliches Ergebnis, anstatt eines mittelmäßigen Resultats. Egal, worum es geht. Zerstreuung bedeutet, hier ein bißchen Kraft und Einsatz und dort ein bißchen. Überall so ein bißchen. Aber nichts so hundertprozentig. Das widerstrebt völlig meinem eigenen Charakter. Befremdet mich zutiefst. Können andere gerne praktizieren, aber bitte ohne mich jemals einzubeziehen. Hingabe ist mit Unkonzentriertheit unvereinbar. Ich meine nicht intellektuelle Konzentration, sondern kanalisierten, konzentrierten Fluss der jeweils dominant geforderten Energie. Schlaf, Liebe, Wut, Andacht, Albernsein, Mut. Und dann wird alles gut.

10. November 2010


Eine meiner anstrengendsten Eigenschaften ist, dass ich bei Menschen, die mir nahe stehen, und denen ich Bewusstsein unterstelle, jedes Wort und jede Handlung auf die Goldwaage lege. Unerbittlich. Nur bei Tipp- und Kommafehlern und von Geburts wegen mangelnder Begabung bin ich großzügig. Allerdings ist die Bedingung, mir überhaupt über einen längeren Zeitraum nahe stehen zu dürfen, mein wiederholter Eindruck von selten hochgradiger Eloquenz, gepaart mit überdurchschnittlichen Wahrnehmungsfähigkeiten. Wer die Aufnahmeprüfung geschafft hat, ist quasi fortan im Prüfungsstress. Es sei denn, und das ist der Idealfall, jemand wäre, in mir vergleichbar virtuoser Weise, gestreng mit sich selbst, dann ist alles ganz entspannt. Ja geradezu ein Osterspaziergang – um nicht zu sagen ein Vergnügen. Da trennt sich die Spreu vom Weizen. Das ist eigentlich eher der Haken. Ich bin schnell verärgert, wenn jemand unter seinen Möglichkeiten, unter seinem eigenen, von Geburts, Talent oder Intelligenz wegen möglichen, Niveau agiert. Schlampig formulierte Inhalte, unangemessene Adjektive, leichtfertige Handlungen. Halbe Sachen. Laue Aussagen. Indifferente, beliebige Phrasen. Viel Gerede, keine Handlung. Handlungsinkonsequenz. Das macht mich fuchsteufelswild. Ich verstehe es einfach nicht und es langweilt mich. Wenn man gelegentlich schwerst betrunken oder bekifft ist, ist man natürlich vorübergehend entschuldigt. Oder wenn man krank ist. Aber wenn man gesund und nüchtern ist und alle Sinne beisammen hat, niemals. Das ist Schlamperei. Insofern ist für mich ein dauerhafter Kontakt zu Alkoholikern und anderen regelmäßigen Drogen-Usern sowie sonstigen zu Abstürzen neigenden Psychotikern nicht von Interesse (seltene, genialisch hochbegabte Ausnahmen – die mir bislang nicht bekannt sind – ausgenommen). Ich bin wahrscheinlich insgesamt intolerant, wenn es um gestreute Aufmerksamkeit geht. Zerstreute, zerfaserte Aufmerksamkeit. Das hat gleichermaßen mit Respekt vor dem Gegenüber oder für eine Aufgabe und Qualitätsanspruch zu tun. Konzentration und Fokussierung der Energie auf eine Sache, ermöglicht ein vorzügliches Ergebnis, anstatt eines mittelmäßigen Resultats. Egal, worum es geht. Zerstreuung bedeutet, hier ein bißchen Kraft und Einsatz und dort ein bißchen. Überall so ein bißchen. Aber nichts so hundertprozentig. Das widerstrebt völlig meinem eigenen Charakter. Befremdet mich zutiefst. Können andere gerne praktizieren, aber bitte ohne mich jemals einzubeziehen. Hingabe ist mit Unkonzentriertheit unvereinbar. Ich meine nicht intellektuelle Konzentration, sondern kanalisierten, konzentrierten Fluss der jeweils dominant geforderten Energie. Schlaf, Liebe, Wut, Andacht, Albernsein, Mut. Und dann wird alles gut.

10. November 2010

Es ist spät. Wenn im eigenen Blog schon die Buchstaben verschwimmen und man als Überschrift des letzten eigenhändig verfassten Kommentars Königsberichterstattung (statt Kriegs-) liest, und das auch nicht weiter komisch findet. Dann ist es spät. Bis morgen.

10. November 2010

Es ist spät. Wenn im eigenen Blog schon die Buchstaben verschwimmen und man als Überschrift des letzten eigenhändig verfassten Kommentars Königsberichterstattung (statt Kriegs-) liest, und das auch nicht weiter komisch findet. Dann ist es spät. Bis morgen.

09. November 2010

Post aus Konstantinopel. Eine alte Postkarte von 1925. Wie selten man noch Postkarten erhält. Und Briefe. Ich habe mich daran gewöhnt, kaum noch etwas zu schreiben, was man in seiner Vertraulichkeit als Brief bezeichnen könnte. Nicht nur nicht auf Papier. Wieviele Briefe ich früher schrieb. Später Mails. Das ist alles vorbei. Es wurde irgendwann, vor zehn Jahren zu einer besonderen, sehr persönlichen Form des Austausches für mich, mit einem auserwählten Menschen. In ähnlicher Intensität und noch größerer Dichte erlebte ich es später noch einmal. Für mich bedeutete das jeweils einen großen Vertrauensbeweis. Mich in Worten anzuvertrauen. Unbegrenzt und unzensiert. Und das Gefühl zu haben, dass das was ich mitzuteilen habe, egal wie banal, egal wie abgründig, egal wie sentimental, willkommen sei, war ein sehr schönes. Ein sehr schönes Gefühl. Ich habe mich daran gewöhnt, dass sich alles verändert hat. Und es gibt keine einfache Geste, um den verlorenen Faden aufzuheben. Der Faden ist zerrissen. Schmerzhaft. Es fehlt ein Stück dazwischen. Und ich kann das Ende meines Fadens nicht mehr wiederfinden. Weil ich aufgehört habe, auf den Boden zu starren, an dem ich das Ende verlor.

Mein Postfach. Es macht mir Angst. Ich habe Angst vor dem Posteingang. Deshalb habe ich mich seit gestern, irgendwann um zweiundzwanzig Uhr nicht mehr eingeloggt. Weil man sich unhöflich und gemein vorkommt, wenn man nicht antwortet, sollte man Post haben. Deswegen. Ich fürchte mich davor, dass mich ein vertrauter Ton erinnert. Ich fürchte mich vor der Wärme einer vertrauten Redewendung. Vor dem Pingpong. Vor dem, an das ich mich gerade gewöhnt habe, dass es nicht mehr existiert. Und was ich nun versuche, aus der Ferne zu begreifen. Die Nächte, die ich darüber schlafe, helfen mir. Jeden Tag ein paar Millimeter. Weiter, ferner. Weniger schmerzhaft. Ich schreibe das aus Höflichkeit. Weil mir vielleicht jemand geschrieben hat. Und ich nicht mehr antwortete. Alle meine Antworten sind hier. Hier kann ich furchtloser schreiben. Ich muss keine Angst haben, dass meine Sentimentalität geohrfeigt wird. Bei filigranen Offenbarungen kann ich einfach die Kommentarfunktion abstellen. Es hilft mir, mich über dieses Blog zu artikulieren. Ich will es gar nicht persönlicher. Keine mitfühlenden Mails, die ich aufmerksam beantworten müsste. Wahrscheinlich kann ich gerade mit keiner Form von gut gemeintem, in Worten artikuliertem Mitgefühl umgehen. Es ist auch kein schönes Gefühl, einen Bogen um das eigene Postfach zu machen. Weil keine Karte aus Konstantinopel drin sein wird. Etwas Banaleres vielleicht. Davor fürchte ich mich sehr. Und vor dem Gegenteil ebenso. Für mich zählen nur nur noch Weltwunder. Neue Horizonte. Was ich erlebte, soll sich nicht wiederholen. Das Schöne habe ich bewahrt. Ganz tief im Herzen. Und alles andere will ich vergessen. Ich will die Novembersonne spüren. Ich hab den November immer geliebt. Mein dunkler Frühlingsmonat. Zeig mir deine Sonne. Dieselbe, die immer wiederkehrt. Ewig neu. Ewig neu und jung.

Heute morgen in der S-Bahn dachte ich plötzlich unvermittelt an ein fürchterliches Interview, das Lou Reed dem Magazin Galore gab. Das unsympathischste, bizarrste Gespräch, das wohl je von einem Journalisten mit einem respektablen Rockstar geführt wurde. Lou Reed, den ich als Musiker, Singer Songwriter seit rund dreißig Jahren sehr schätze, gab seiner Antipathie dem Fragesteller gegenüber freien Lauf. Das ist zum Teil auf kuriose Art witzig aber auch von erschreckender Arroganz. Lachen musste ich, als ich las, wie er eindringlich bohrend nachhakte, auf welcher Anlage von welchem Hersteller der Frager Reeds neueste Platte gehört hatte, um zu beurteilen, ob er, der das Interview führende Journalist, die Qualität seines Meisterwerkes überhaupt adäquat einschätzen könnte. Eine anspruchsvolle Haltung, warum aber auch nicht. Ich klappte das oberlehrerhafte, lustlose Interview dann, vor sechs Wochen irgendwann, leicht befremdet zu. Wenig später las ich irgendwo im Internet, dass Lou Reed seine langjährige Gefährtin Laurie Anderson nach ewigen gemeinsamen Zeiten vor zwei Jahren geheiratet hat. Ich sah Fotos, die beide zeigten, als Paar. Das rührte mich wieder und ich vergab Lou Reed das doofe Interview. Und aus irgendeinem Grund ging mir heute morgen durch meinen lädierten Kopf (weinen + Wein das lass sein), dass die beiden ja schon über Sechzig waren, als sie heirateten. Alte Leute. Rentenalter. Und dass sie gar nicht wie Rentner ausschauen, auf den schönen Bildern. Das hat mich irgendwie gerührt. Vielleicht hat das nichts mit dem zu tun, was da oben steht. Aber eigentlich hat alles miteinander zu tun.

09. November 2010


Stärke. Scheu. Und Angst vor innerer Rührung. Und Erinnerung. Erinnert werden. Wächst meine Kraft trotz oder wegen des Alleinseins? Oder unabhängig davon? Man übernimmt vielleicht mehr Verantwortung für die Stunden, die dann gut gewesen sein sollen. Wenn man sich an sie zurück erinnert. Dereinst. Obwohl… ich glaube, ich übernehme immer ein Gefühl der Verantwortung. Das habe ich immer versucht. Die Zeit, egal ob allein oder zu zweit, nicht unaufmerksam verstreichen zu lassen. Im Gegenteil. Gerade weil ich so sehr darauf bedacht war, den Augenblick auszukosten, und das meine ich wörtlich, ganz bildlich, verblieb ich freien Willens an Orten, Plätzen, Stunden, die mir ohne mein Gegenüber nichts bedeutet hätten. Rein gar nichts. Bis auf drei Ausnahmen vielleicht. Ein lange geliebter Ort, den ich auch oft alleine aufsuchte. Ein neuer, versteckter Ort, den ich kurz davor alleine kennenlernte. Ein alter geliebter Ort, der mir neu war, den ich liebte, wiedererkannte. Es gab ein Bild davon, das ich im Herzen bewahrte, bis ich dort sein würde. Und ich fand ihn. Für kurze Zeit.

08. November 2010


Und jetzt weiter. Nicht im Text. Bild. Den Bildern. Als ob ich einen Berg abtrage. Bergbau. Die Arbeit dürfte körperlicher sein. Mehr wie Bergbau. Immer wenn sich die Gelegenheit bietet, körperlich zu arbeiten, rufe ich „hier!“ und „ich ich ich!“. Das versteht kaum einer. Ich empfinde Befriedigung, wenn ich schwergewichtige Gegenstände bewege. Nicht, wenn es immer so wäre, aber so selten wie es sich ergibt, immer. Dieses beinah regungslose Verharren und auf einen Monitor starren, wenn auch dynamisch, entscheidend, agierend, beschneidend, formatierend. In den letzten vier Wochen zunehmend wie in einer selbst gewählten Klosterzelle. Begeisterung am Morgen, wachsende Eintönigkeit, wenn sich die Motive über längere Strecken wenig ändern, obgleich alle gut. Die schiere Fülle, die nicht mehr begeistert, sondern beinah erstickt. Die Alternative sind andere Bilderfluten. Und wofür. Dann irgendwann dazwischen wieder Aufnahmen, die mich wegbeamen. In einen Traum, den ich gar nicht erlebt habe. Dann bin ich wieder versöhnt und denke, da muss ich jetzt einfach durch. Durch all die Bilder. Denn wegwerfen will ich sie auch nicht. Viel zu schade. Viel zu sehr Teil meines Lebens, viel zu sehr geliebte Augenblicke. Viel zu sehr. Einfach Pausen machen. Weniger Disziplin. Ich arbeite so verdammt viel. Ich bin ja verrückt. Schon ganz Gaga. So kam ich übrigens zu dem Namen. Ach ja, ich wollte ihn ja endlich im Personalausweis eintragen lassen. Das geht jetzt wieder. Vorausgesetzt, man ist so verrückt wie ich und kann es beweisen.

01. Januar 2010

Wenn die Bürger schlafen geh’n
in der Zipfelmütze,
und zu ihrem König fleh’n
daß er sie beschütze,
zieh’n wir festlich angetan
hin zu den Tavernen.
Schlendrian, Schlendrian,
unter den Laternen.
Die Nacht ist nicht allein zum Schlafen da,
die Nacht ist da, das was gescheh‘!
Ein Schiff ist nicht nur für den Hafen da,
es muß hinaus, hinaus auf hohe See!
Berauscht Euch, Freunde, trinkt und liebt und lacht
und lebt den schönsten Augenblick!
Die Nacht, die man in einem Rausch verbracht,
bedeutet Seligkeit und Glück!
Wenn im Glase perlt der Sekt
unter roten Ampeln,
und die Mädchen süß erschreckt
auf dem Schoß uns strampeln,
küssen wir die Prüderie
von den roten Mündern.
Amnestie, Amnestie
allen braven Sündern!
Die Nacht ist nicht allein zum Schlafen da…
Wenn der Morgen endlich graut
durch die dunst’gen Scheiben,
und die Männer ohne Braut beieinander bleiben,
schmieden sie im Flüsterton
aus Gesprächen Bomben.
Rebellion, Rebellion
in den Katakomben!
Die Nacht ist nicht allein zum Schlafen da…

07. November 2010

Respekt schaffen durch moderne Waffen
„Ich konnte meinen erkämpften Platz relativ gut behaupten, da ich ein großer Waffenliebhaber war. Ich besaß eine stattliche Anzahl an Messern, eine Machete, Pfeil und Bogen, eine selbst gebaute Armbrust, und mein Trumpf war ein Morgenstern, bestehend aus einem dicken Ast, einer Kette und einer Metallkugel am Ende. Als mein Bruder eines Tages nach Hause kam und mir erzählte, dass die Scharnbeck-Brüder ihn mit Pfeilen beschossen hätten, brauchte ich nur die Mitte der Dorfstraße herunterzugehen und den Morgenstern lasziv auf dem Pflaster schlorren zu lassen. Die Situation war ohne Einsatz der Waffe sofort bereinigt, ich hatte waffenmäßig gepeakt.“

Rocko Schamoni, DORFPUNKS, S. 14

08. November 2010


Ist mir noch nicht so aufgefallen, dass ich einen Schutzengel hätte. Aber wenn ich an die vergangenen drei Tage denke und heute. Dreimal in körperliche Gefahr geraten und wundersam unverletzt daraus hervorgegangen. Zuletzt heute morgen, Sprint die steinerne Treppe hoch, zur eben eingefahrenen S-Bahn am Hackeschen Markt, immer zwei Stufen auf einmal nehmend. An der Kante einer Stufe abgerutscht und rückwärts stürzend hingebrettert, Knochen auf die Stufen verteilt.
Kurioserweise zuerst an die Unversehrtheit meiner Sonnenbrille (besser Windschutzbrille, der Herbstwind lässt mich weinen) gedacht, die in eine Stufenecke flog, statt an das Heil meiner Knochen. Dann gedacht, wahrscheinlich merke ich jetzt noch nicht, wieviele Knochen ich mir gebrochen habe, weil man ja unter dem Schock der Verletzung sofort diesen schmerzstillenden Adrenalinschub bekommt. Ein Paar auf der Treppe neben mir, das meinen Sturz sah, stürzte tief erschrocken auf mich zu und streckte vier hilfreiche Arme aus. Dritter Gedanke: „komisch, dass es immer heißt, in Berlin schert sich keiner drum, wenn einem was passiert, die Leute würden einfach weitergehen. So ein Quatsch.“ Ich wagte eine zaghafte Bewegung und konnte kaum glauben, dass ich keinerlei Beeinträchtigung spürte. Noch nicht einmal das Gefühl einer Schürfwunde. Auf die besorgte Nachfrage antwortete ich „scheint alles in Ordnung zu sein – unglaublich aber wahr“.
Aus dem Augenwinkel nahm ich warmes verwundertes und beruhigtes Lächeln wahr und noch mehr Verwunderung darüber, dass ich meinen Sprint sofort wieder aufnahm. Kurz bevor die Tür schloss, stand ich in der wie immer überfüllten S-Bahn, an die Türscheibe gedrückt. Das Abteil war so gedrängt voll, dass es ausgeschlossen war, mich leicht zu bücken, um festzustellen, ob meine Kleidung beim Sturz Federn lassen musste. Als ich ausstieg, sah ich an mir herunter, konnte keinerlei Schaden feststellen und klopfte nur ein bißchen Staub vom Stoff an den Knien. Und dann legte ich eine ziemlich lange, bis jetzt währende Gedenkminute für meinen Schutzengel ein. Etwas Vergleichbares (ohne selbstverschuldetes Risiko durch Gesprinte und Bocksprünge allerdings) widerfuhr mir bereits am Freitag Abend, zweimal kurz hintereinander. Jetzt beim dritten Mal in so kurzer Zeit denke ich, da scheint mich jemand ganz schön gerne zu haben. Wenn ich nur wüsste, wie er aussieht, mein Schutzengel. Bestimmt ist er attraktiv. Und kein Mädchen. Nur so ein Gefühl. Danke.

08. November 2010


Ist mir noch nicht so aufgefallen, dass ich einen Schutzengel hätte. Aber wenn ich an die vergangenen drei Tage denke und heute. Dreimal in körperliche Gefahr geraten und wundersam unverletzt daraus hervorgegangen. Zuletzt heute morgen, Sprint die steinerne Treppe hoch, zur eben eingefahrenen S-Bahn am Hackeschen Markt, immer zwei Stufen auf einmal nehmend. An der Kante einer Stufe abgerutscht und rückwärts stürzend hingebrettert, Knochen auf die Stufen verteilt.
Kurioserweise zuerst an die Unversehrtheit meiner Sonnenbrille (besser Windschutzbrille, der Herbstwind lässt mich weinen) gedacht, die in eine Stufenecke flog, statt an das Heil meiner Knochen. Dann gedacht, wahrscheinlich merke ich jetzt noch nicht, wieviele Knochen ich mir gebrochen habe, weil man ja unter dem Schock der Verletzung sofort diesen schmerzstillenden Adrenalinschub bekommt. Ein Paar auf der Treppe neben mir, das meinen Sturz sah, stürzte tief erschrocken auf mich zu und streckte vier hilfreiche Arme aus. Dritter Gedanke: „komisch, dass es immer heißt, in Berlin schert sich keiner drum, wenn einem was passiert, die Leute würden einfach weitergehen. So ein Quatsch.“ Ich wagte eine zaghafte Bewegung und konnte kaum glauben, dass ich keinerlei Beeinträchtigung spürte. Noch nicht einmal das Gefühl einer Schürfwunde. Auf die besorgte Nachfrage antwortete ich „scheint alles in Ordnung zu sein – unglaublich aber wahr“.
Aus dem Augenwinkel nahm ich warmes verwundertes und beruhigtes Lächeln wahr und noch mehr Verwunderung darüber, dass ich meinen Sprint sofort wieder aufnahm. Kurz bevor die Tür schloss, stand ich in der wie immer überfüllten S-Bahn, an die Türscheibe gedrückt. Das Abteil war so gedrängt voll, dass es ausgeschlossen war, mich leicht zu bücken, um festzustellen, ob meine Kleidung beim Sturz Federn lassen musste. Als ich ausstieg, sah ich an mir herunter, konnte keinerlei Schaden feststellen und klopfte nur ein bißchen Staub vom Stoff an den Knien. Und dann legte ich eine ziemlich lange, bis jetzt währende Gedenkminute für meinen Schutzengel ein. Etwas Vergleichbares (ohne selbstverschuldetes Risiko durch Gesprinte und Bocksprünge allerdings) widerfuhr mir bereits am Freitag Abend, zweimal kurz hintereinander. Jetzt beim dritten Mal in so kurzer Zeit denke ich, da scheint mich jemand ganz schön gerne zu haben. Wenn ich nur wüsste, wie er aussieht, mein Schutzengel. Bestimmt ist er attraktiv. Und kein Mädchen. Nur so ein Gefühl. Danke.

07. November 2010

Respekt schaffen durch moderne Waffen
„Ich konnte meinen erkämpften Platz relativ gut behaupten, da ich ein großer Waffenliebhaber war. Ich besaß eine stattliche Anzahl an Messern, eine Machete, Pfeil und Bogen, eine selbst gebaute Armbrust, und mein Trumpf war ein Morgenstern, bestehend aus einem dicken Ast, einer Kette und einer Metallkugel am Ende. Als mein Bruder eines Tages nach Hause kam und mir erzählte, dass die Scharnbeck-Brüder ihn mit Pfeilen beschossen hätten, brauchte ich nur die Mitte der Dorfstraße herunterzugehen und den Morgenstern lasziv auf dem Pflaster schlorren zu lassen. Die Situation war ohne Einsatz der Waffe sofort bereinigt, ich hatte waffenmäßig gepeakt.“

Rocko Schamoni, DORFPUNKS, S. 14

07. November 2010

Jeden Tag ein neues Wort. Heute: Erwiderungsmoral. Sehr interessant. Ich finde die kulturellen Errungenschaften der Antike in verschiedener Hinsicht beachtenswert.
(…) Die griechisch-römische Antike betrachtete die Rache als einen Akt der Gegenseitigkeit (Erwiderungsmoral). Tue Gutes denen, die dir Gutes tun, schade denen, die dir schaden. (…)
http://de.wikipedia.org/wiki/Rache#Antike

03. November 2010


Vorbild Tierreich: Löwen schlafen viel und jagen effektiv. (…) Löwen zum Beispiel schlafen durchschnittlich 20 Stunden am Tag. Wenn der Hunger sie treibt, jagen sie mit einer Geschwindigkeit von bis zu 55 km/h durch die Savanne und schnappen sich ihre Beute. Das nennt man Effizienz!

(Krankenkassenzeitung)

Tiger bestimmt auch!

03. November 2010


Vorbild Tierreich: Löwen schlafen viel und jagen effektiv. (…) Löwen zum Beispiel schlafen durchschnittlich 20 Stunden am Tag. Wenn der Hunger sie treibt, jagen sie mit einer Geschwindigkeit von bis zu 55 km/h durch die Savanne und schnappen sich ihre Beute. Das nennt man Effizienz!

(Krankenkassenzeitung)

Tiger bestimmt auch!

02. November 2010

Denkzettel Morgen Mittag, 3. Nov. 12:30 Uhr, Alex Berlin

Ich bin war ja sehr gespannt, was sie daraus zusammengeschnitten haben. Man leidet doch ein bißchen mit, wenn die Technik hängt oder der Ton bei den vorgeführten Filmen asynchron ist, oder der Rechner abstürzt… was so alles passieren kann. Und das passierte einige Male, aber trotzdem war es sehr kurzweilig und inspirierend. Ich bin vermutlich auch ab und zu im Bild. An dem Abend wurde hauptsächlich gefilmt. Fotografiert habe nur ich (gibt irgendwann hier noch viele Bilder von den beiden).
EDIT: leider scheiterte die Übertragung der Sendung an teilweise ungeklärten Nutzungsrechten der eingespielten Doku-Sequenzen. Da sich der Vortrag maßgeblich darauf bezogen hat, ist damit die ganze Aufzeichnung in der gegenwärtigen Form nicht mehr verwertbar und müsste anders geschnitten werden. Schade. Da müssen die ALEX-Aufnahmeleiter-Novizen wohl noch ein bißchen nachsitzen.

25. Oktober 2010

Wie man dieses Blog bedient.

Es gibt eine Handvoll Leserinnen und Leser, die meine Art zu bloggen (im siebten Jahre nun), ganz gut kennen. Das heißt, jene treuen und aufmerksamen Leser wissen mittlerweile, dass ich stark dazu neige, in den Kommentaren den ursprünglichen Eintrag fortzuschreiben. Manchmal genügt eine kurze vorangegangene qualifizierte Bemerkung als Anstoß, die mein Feuer auf’s Neue entfacht. Nicht selten werden meine Antwort-Kommentare sogar länger als der gesamte ursprüngliche Eintrag. Und manchmal vielleicht sogar interessanter. Erhellender, impulsiver. Ich erwähne das, weil ich ein paar neu hinzugekommene Leser bemerkt habe, die dieses schöne Spielchen, das ich hier treibe, noch nicht zu kennen scheinen. Wenn Ihnen das also noch nicht aufgefallen ist, liegt es ganz sicher daran, dass Sie davon ausgehen, dass Bedeutendes nur im Haupteintrag zu finden ist, und Sie die Kommentare deshalb gar nicht erst anklicken. Insofern geht Ihnen jede Menge Herrschaftswissen verloren, lieber Leser. Ich kommentiere bedeutend exhibitionistischer als meine Einträge verfasst sind (im Übrigen auch anderswo).
Gar nicht zu schweigen von den Pulitzer-verdächtigen Bemerkungen meiner Hauptkommentatoren (den besten ihrer Zunft, die man im deutschsprachigen Raum finden kann, ganz nebenbei). Nur mal so jetzt! Wenn man dieses Blog als eine Art Foto-Roman in der Bravo sehen würde, hätte man durch die Nicht-Kenntnis meiner Kommentar-Einträge gewissermaßen schwerwiegende Wissenslücken und findet den Anschluss nicht mehr! Und noch ein kleiner Tipp: ich verlinke regelmäßig weltbewegende Informationen innerhalb des Textes, der dann nur ein klein wenig heller erscheint. Es ist nicht so kontrastreich, wie man das häufig bei anderen Blogs sieht. Manchen ist das zu dezent, das hab ich schon gehört. Aber wenn ich das auf den diversen Rechnern in meinem Einzugsbereich checke, kann man es eigentlich schon erkennen, wenn man es grundsätzlich weiß. Nur so als kleine Bedienungsanleitung, um in den vollen Genuss dieser bibliotherapeutischen Exhibitionismus-Langzeitstudie zu kommen. Und nun viel Freude beim Lesen der Kommentare! Und natürlich auch beim Schreiben. Ich schätze jeden Kommentar (auch dummfreche und gemeine, die amüsieren mich! Leider viel zu wenige hier) und antworte zu stattlichen 99,97 Prozent.

01. November 2010

In der S-Bahn. Junge mittelblonde Frau eine Sitzbank vor mir, spricht laut mit dem Telefon. Halt so wie daheim! Man ist ja ganz für sich. Weil sie aber so kurios souverän unter gefühlt vier Augen erzählt, d. h. ein bißchen über eine Frau aus dem Bekanntenkreis lästert, wie man es in der Art selten hört (höchstens mal in einem Spielfilm), höre ich interessiert zu. Sie findet es, soweit ich dem Gespräch folgen kann, wohl unanständig, dass die Frau aus dem Bekanntenkreis eine Putzfrau hält, anstatt alles selber zu putzen. Dazu ist sie nämlich zu faul, die Bekannte. Das muss man sich mal vorstellen! Und der Ulrich, also ihr Mann, der unterbindet diese Faulheit auch nicht, der Schwächling. Das Wort hat sie zwar nicht benutzt, aber man merkte schon, dass Ulrich dadurch nicht in ihrer Hochachtungsskala auf zwölf gestiegen ist. Mich aufs Neue überraschend wird plötzlich das Thema gewechselt.
Es geht um ein Foto, auf dem die mittelblonde junge Frau für hellblonder gehalten wird, als sie in Wahrheit und Wirklichkeit ist. Wahnsinn! Nun dreht sich das Gespräch ein bißchen im Kreise, weil die mittelblonde junge Frau nicht müde wird, immer wieder aufgeregt zu beteuern, dass sie von fast niemandem auf dem Foto erkannt wird. Aber dabei ist sie es wirklich! Ist das nicht toll? Dieses Foto! Nein Nein Nein! Schon eine tolle Sache. Ich musste dann ja leider das Abteil verlassen, weil ich am Fahrtziel angelangt war. Die junge Frau freute sich immer noch über ihre eigene Aufregung um das Foto. Und da dachte ich so bei mir, wenn man eine weltweite Umfrage machen würde, auf welche menschliche Ausdrucksform man am ehesten verzichten könnte, wäre die Fotografie sicher nicht dabei. Welche Bedeutung eine Abbildung von sich selbst für einen Menschen haben kann. Oder das plötzlich nahe, beinah lebensnahe Abbild eines geliebten fernen Menschen. Auf Bildhauerei und Collagenarbeiten könnte man wohl leichteren Herzens verzichten. Oder auf Kupferstiche. Oder auf Radierungen. Aber Fotos. Das täte richtig weh. Eine Erde ohne Fotografie, jetzt wo wir uns so daran gewöhnt haben. Unvorstellbar. Und Musik. Und Film. Auf diese drei wollte ich am wenigsten verzichten. So schön Malerei auch sein kann. Und all das andere. Eine Fotografie ist mit der Energie des Augenblicks aufgeladen, in der sie entstand. Und man kann diesen Augenblick auf ewig teilen und aufs Neue erwachen lassen. Das ist magisch. Fotografie ist Fotomagie. Unvergessliche Musik, die man für immer mit einem Augenblick verbindet.

31. Oktober 2010

Ein Satz, den man garantiert nie von mir hören wird: „Schau doch mal vorbei, wenn du in der Nähe bist“. Ich hasse Überfälle. Ebenfalls hasse ich es wie die Pest, wenn jemand meint, meinen heiligen Autismus mit unaufgeforderten Telefonanrufen oder versuchsweise an der Tür Klingeln unterbrechen zu dürfen. Ich bin da sehr geräuschempfindlich. Die Pest. Sowohl das nötigende Geräusch der Türklingel als auch des bereits von mir auf geringste Lautstärke eingestellten Telefons weckt in mir Mordgelüste. Meine neueste Vorgehensweise bei nicht zuordenbaren Telefonnummern (also nicht eingespeicherten): das Klingeln beenden, indem ich auf die Hörer-Abnehm-Taste drücke und sofort danach auf die Hörer-Aufleg-Taste. Gesprächsversuch beendet. Mein Telefonierbedürfnis tendiert gegen Null. Ich gehe auch zwingend davon aus, dass diese Vollpfosten, die sich einbilden, irgendeinen Anspruch auf Kommunikation mit mir zu haben, nicht einmal zum entfernteren Bekanntenkreis gehören können. Wer mich kennt, weiß das. Ich will meine Ruhe. Die wenigen Ausnahmen bestimme ich. Zeitfresser. Ekelhaft. Und zur Information: ich höre niemals diese Mailbox ab. Nur über meine Leiche. Interessiert mich nicht die Bohne, wer da welche mich nicht im geringsten interessierenden Botschaften hinterlässt oder in den letzten Jahren hinterlassen hat. Sollte jemand die Dreistigkeit besitzen, mir eine SMS schicken zu wollen, werde ich meinen noch zu suchenden Anwalt einschalten. Selbiges gilt für facebook- und myspace-Freundes-Anfragen. Ich bin ausreichend befreundet, Danke! Ich reagiere maximal auf E-Mails und auch das nur bei Interesse oder Sympathie. Das heißt, ich freue mich grundsätzlich über jede E-Mail, die nicht in meinem Postfach landet. Hat man weniger zu löschen. Auch Verabredungen (=verabredete Besuche und Gegenbesuche sowie sonstige Treffen – ‚Dates‘ womöglich – Hilfe) interessieren mich eher nicht. Die wenigen Ausnahmen werde ich zu kommunizieren wissen. Ansonsten hab ich zu tun. Ich suche auch keine neuen Freunde, Kontakte oder Bekanntschaften. Noch Fragen?

31. Oktober 2010

Ein Satz, den man garantiert nie von mir hören wird: „Schau doch mal vorbei, wenn du in der Nähe bist“. Ich hasse Überfälle. Ebenfalls hasse ich es wie die Pest, wenn jemand meint, meinen heiligen Autismus mit unaufgeforderten Telefonanrufen oder versuchsweise an der Tür Klingeln unterbrechen zu dürfen. Ich bin da sehr geräuschempfindlich. Die Pest. Sowohl das nötigende Geräusch der Türklingel als auch des bereits von mir auf geringste Lautstärke eingestellten Telefons weckt in mir Mordgelüste. Meine neueste Vorgehensweise bei nicht zuordenbaren Telefonnummern (also nicht eingespeicherten): das Klingeln beenden, indem ich auf die Hörer-Abnehm-Taste drücke und sofort danach auf die Hörer-Aufleg-Taste. Gesprächsversuch beendet. Mein Telefonierbedürfnis tendiert gegen Null. Ich gehe auch zwingend davon aus, dass diese Vollpfosten, die sich einbilden, irgendeinen Anspruch auf Kommunikation mit mir zu haben, nicht einmal zum entfernteren Bekanntenkreis gehören können. Wer mich kennt, weiß das. Ich will meine Ruhe. Die wenigen Ausnahmen bestimme ich. Zeitfresser. Ekelhaft. Und zur Information: ich höre niemals diese Mailbox ab. Nur über meine Leiche. Interessiert mich nicht die Bohne, wer da welche mich nicht im geringsten interessierenden Botschaften hinterlässt oder in den letzten Jahren hinterlassen hat. Sollte jemand die Dreistigkeit besitzen, mir eine SMS schicken zu wollen, werde ich meinen noch zu suchenden Anwalt einschalten. Selbiges gilt für facebook- und myspace-Freundes-Anfragen. Ich bin ausreichend befreundet, Danke! Ich reagiere maximal auf E-Mails und auch das nur bei Interesse oder Sympathie. Das heißt, ich freue mich grundsätzlich über jede E-Mail, die nicht in meinem Postfach landet. Hat man weniger zu löschen. Auch Verabredungen (=verabredete Besuche und Gegenbesuche sowie sonstige Treffen – ‚Dates‘ womöglich – Hilfe) interessieren mich eher nicht. Die wenigen Ausnahmen werde ich zu kommunizieren wissen. Ansonsten hab ich zu tun. Ich suche auch keine neuen Freunde, Kontakte oder Bekanntschaften. Noch Fragen?

31. Oktober 2010

Fütter mein Ego ist auch ein schöner Name für ein Blog. Irgendwo fliegt noch eine alte Kassette herum. Ein Mitschnitt einer Radiosendung – ich glaube, Fritz gab es damals Mitte der Achtziger noch nicht – der Sender hieß anders, hatte aber ein ähnliches Konzept. Jedenfalls wurde Blixa Bargeld erwartet. Er sollte zum Interview kommen und die für zwei oder drei Stunden angesetzte Sendung musste etwa zur Hälfte damit bestritten werden, dass die Moderatorin sein Fernbleiben entschuldigte, ohne zu wissen warum (er kam dann auch noch, eine gute Stunde später). Zur Überbrückung gab es jede Menge Neubauten-Songs zu hören. Und natürlich war YU-GUNG, Fütter mein Ego auch dabei. Ich bin zwölf Meter groß und alles ist wichtig hat mich schon immer maßlos beeindruckt. Genau das Gefühl, das man braucht, um etwas zu bewegen. Ich bin wieder darüber gestolpert, weil ich ein bißchen auf youtube war und geschaut habe, was Alexander Hacke und seine Frau Danielle De Picciotto so im Netz hochgeladen haben. Danielle begleitet die Einstürzenden Neubauten seit vielen Jahren mit der Filmkamera und konzipiert eigene Projekte ihres phantastischen multimedialen Universums gemeinsam mit Alexander Hacke, der die Musik dazu macht. Ich habe die beiden am Donnerstag fotografiert. Es war ein sehr schöner Abend im Haus Schwarzenberg. Zwei Künstler, die sich über einen langen Zeitraum inspirieren, unterstützen und lieben.
Es gibt eine Aufzeichnung des Abends mit den beiden, die am 3. November 2010 um 12:30 auf dem Berliner Fernsehsender Alex gesendet wird, auch im Live Stream.

27. Oktober 2010


Musik im Briefkasten. Ganz da unten, in dem weiß lackierten aus Metall. Dabei hab ich doch gar nicht Geburtstag, sondern andere. Wieviel Musik man nicht kennt… es gibt noch so viel zu entdecken. Zum Beispiel dieses filigrane Stück The Dress Looks Nice On You von Sufjan Stevens… Muss jetzt weiter CD hören.


Danke.

27. Oktober 2010

Drei Jahre her. War schön da. Ich glaube, ich hatte ein inneres Gleichgewicht gefunden. Mein Selbstwertgefühl zurückerobert, nicht mehr so wackelig und torpediert, die Kratzer poliert. September 2007 auf der kurischen Nehrung. Ich wanderte alleine durch die großen Dünenfelder, machte Ausflüge und die Zeit verflog. Es war normal, dass ich alleine war, ich hatte mich daran gewöhnt. Es gab niemanden mehr, an den ich mit lebendiger Sehnsucht dachte, nur verblassende Erinnerungen. Die Tage um meinen Geburtstag. Ich fing erst vor wenigen Jahren an, meinen Geburtstag zu würdigen, indem ich mir etwas besonderes vornahm. Ein paar mal war es dann einer der letzten Tage einer Reise im Spätsommer. Das Bild erinnert mich an eine gute Zeit. An eine von vielen guten Zeiten. Es entstand in einem Wald mit großen geschnitzten Holzfiguren der heidnischen litauischen Mythologie. Auf dem Hexenberg in Juodkrantė.

Es gab einen längeren Regen und ich suchte Schutz unter den weiten Armen einer Figur. Einem schützenden Blumenwesen. Bis die Sonne zurückkehrte.

25. Oktober 2010

Wie man dieses Blog bedient.

Es gibt eine Handvoll Leserinnen und Leser, die meine Art zu bloggen (im siebten Jahre nun), ganz gut kennen. Das heißt, jene treuen und aufmerksamen Leser wissen mittlerweile, dass ich stark dazu neige, in den Kommentaren den ursprünglichen Eintrag fortzuschreiben. Manchmal genügt eine kurze vorangegangene qualifizierte Bemerkung als Anstoß, die mein Feuer auf’s Neue entfacht. Nicht selten werden meine Antwort-Kommentare sogar länger als der gesamte ursprüngliche Eintrag. Und manchmal vielleicht sogar interessanter. Erhellender, impulsiver. Ich erwähne das, weil ich ein paar neu hinzugekommene Leser bemerkt habe, die dieses schöne Spielchen, das ich hier treibe, noch nicht zu kennen scheinen. Wenn Ihnen das also noch nicht aufgefallen ist, liegt es ganz sicher daran, dass Sie davon ausgehen, dass Bedeutendes nur im Haupteintrag zu finden ist, und Sie die Kommentare deshalb gar nicht erst anklicken. Insofern geht Ihnen jede Menge Herrschaftswissen verloren, lieber Leser. Ich kommentiere bedeutend exhibitionistischer als meine Einträge verfasst sind (im Übrigen auch anderswo).
Gar nicht zu schweigen von den Pulitzer-verdächtigen Bemerkungen meiner Hauptkommentatoren (den besten ihrer Zunft, die man im deutschsprachigen Raum finden kann, ganz nebenbei). Nur mal so jetzt! Wenn man dieses Blog als eine Art Foto-Roman in der Bravo sehen würde, hätte man durch die Nicht-Kenntnis meiner Kommentar-Einträge gewissermaßen schwerwiegende Wissenslücken und findet den Anschluss nicht mehr! Und noch ein kleiner Tipp: ich verlinke regelmäßig weltbewegende Informationen innerhalb des Textes, der dann nur ein klein wenig heller erscheint. Es ist nicht so kontrastreich, wie man das häufig bei anderen Blogs sieht. Manchen ist das zu dezent, das hab ich schon gehört. Aber wenn ich das auf den diversen Rechnern in meinem Einzugsbereich checke, kann man es eigentlich schon erkennen, wenn man es grundsätzlich weiß. Nur so als kleine Bedienungsanleitung, um in den vollen Genuss dieser bibliotherapeutischen Exhibitionismus-Langzeitstudie zu kommen. Und nun viel Freude beim Lesen der Kommentare! Und natürlich auch beim Schreiben. Ich schätze jeden Kommentar (auch dummfreche und gemeine, die amüsieren mich! Leider viel zu wenige hier) und antworte zu stattlichen 99,97 Prozent.

24. Oktober 2010

Da ich mich noch immer zu keinem eigenen Beitrag durchringen kann, bitte ich Sie um Ihre Aufmerksamkeit für einen Beitrag in Sachen ehrenamtliches politisches Engagement. Die Initiative und Tatkraft der von mir hochgeschätzten Frau Dr. Faust und ihrer Mitstreiter sollte uns allen zum Vorbild gereichen. Mach’s mit, mach’s nach, mach’s besser!

17. Oktober 2010


Auf dem Weg in mein gmx-Postfach von der Sonne geblendet gelesen Im Herz fällt erster Schnee. Und gleich darunter Liebeskummer dauert 19 Monate. Der zweite Satz stimmt. Genauso steht es da. Nur das Herz hat die Sonne dazugedichtet. Im Harz. Da war ich glaube ich noch nie. Wenn ich mir die richtige Ecke suche, so wie jetzt, scheint die Sonne durch das offene Fenster der Gaube so warm, dass man noch unbekleidet (nackt klingt mir gerade ein bißchen zu plakativ) in der Sonne baden kann. Jetzt also Frühstück (ApfelMüsliJoghurtKaffee) im wandernden Sonnenfleck. Bilder und Filme sind so schwer zu bearbeiten, der Kontrast und die Helligkeit, das ganze Bild ist so gut wie gar nicht zu beurteilen. Aber Buchstaben tippen geht gut. Ich tippe ja sogar blind, was mir schon viel Bewunderung beschert hat. Damit kann man Leute toll beeindrucken! Ich könnte mit der Nummer sogar im Zirkus auftreten, weil ich mich dabei sogar mit jemandem unterhalten kann und ihn dabei anschauen! Ist natürlich ein bißchen albern aber schon ausprobiert. Man hat auch selber viel davon, weil man so schnell tippen kann, wie einem die Wörter in den Kopf kommen. Und gleich raus, zack zack. Ich dachte eigentlich an einen Ausflug zum Olympiastadion, wo heute nichts stattfindet, außer mir völlig schnurzpiepegale Führungen, aber ich bin heute nicht so ausflugsmäßig drauf. Die Sonne scheint zwar ganz schön, aber nicht so zuverlässig wolkenlos furios, wie ich das zum Fotografieren an so einem Ort gerne hätte. Wenn man Architektur fotografiert, braucht man den stärksten Kontrast von Sonne und Schatten, damit die Bilder nicht langweilig werden, sondern sagenhaft. Also mache ich mir einen schönen Sonntag zuhause. Immer noch in der Auguststraße.

17. Oktober 2010


Auf dem Weg in mein gmx-Postfach von der Sonne geblendet gelesen Im Herz fällt erster Schnee. Und gleich darunter Liebeskummer dauert 19 Monate. Der zweite Satz stimmt. Genauso steht es da. Nur das Herz hat die Sonne dazugedichtet. Im Harz. Da war ich glaube ich noch nie. Wenn ich mir die richtige Ecke suche, so wie jetzt, scheint die Sonne durch das offene Fenster der Gaube so warm, dass man noch unbekleidet (nackt klingt mir gerade ein bißchen zu plakativ) in der Sonne baden kann. Jetzt also Frühstück (ApfelMüsliJoghurtKaffee) im wandernden Sonnenfleck. Bilder und Filme sind so schwer zu bearbeiten, der Kontrast und die Helligkeit, das ganze Bild ist so gut wie gar nicht zu beurteilen. Aber Buchstaben tippen geht gut. Ich tippe ja sogar blind, was mir schon viel Bewunderung beschert hat. Damit kann man Leute toll beeindrucken! Ich könnte mit der Nummer sogar im Zirkus auftreten, weil ich mich dabei sogar mit jemandem unterhalten kann und ihn dabei anschauen! Ist natürlich ein bißchen albern aber schon ausprobiert. Man hat auch selber viel davon, weil man so schnell tippen kann, wie einem die Wörter in den Kopf kommen. Und gleich raus, zack zack. Ich dachte eigentlich an einen Ausflug zum Olympiastadion, wo heute nichts stattfindet, außer mir völlig schnurzpiepegale Führungen, aber ich bin heute nicht so ausflugsmäßig drauf. Die Sonne scheint zwar ganz schön, aber nicht so zuverlässig wolkenlos furios, wie ich das zum Fotografieren an so einem Ort gerne hätte. Wenn man Architektur fotografiert, braucht man den stärksten Kontrast von Sonne und Schatten, damit die Bilder nicht langweilig werden, sondern sagenhaft. Also mache ich mir einen schönen Sonntag zuhause. Immer noch in der Auguststraße.

14. Oktober 2010

[nur ein kleiner erklärender Kommentar, aber eigentlich doch ein Blogeintrag]

(…) Ich bin nicht aus der Welt… nur ein bißchen aus dem Internet. Und ein kleiner Umzug. Es gibt drei Orte in Berlin, um die mein Leben kreist. Einer hat sich gerade verändert. Ein Teil meines Lebens findet seit einigen Tagen in der Fasanenstraße statt. Seit langem geliebteste Straße im Westen der Stadt. Bis gerade eben noch Umzugskartons ausgepackt. Und ich habe viele hundert Bilder der letzten beiden Wochen offline, quasi in der Hinterhand;-) Sehr schöne Sachen dabei. Eva-Maria Hagen ganz nah, letzten Sonntag. Und Werner Herzogs Kameramann Thomas Mauch, der erzählte, dass es bei den Dreharbeiten für Aguirre keinerlei Lampen gab. Und eine schöne Frau, eine Zufallsbegegnung, die die Bilder von sich so sehr mochte, die ich beiläufig bei Werner Herzog von ihr einfing, dass sie ein sehr nettes Angebot machte. Das olympische Dorf. Die Atmosphäre von Olaf Heines Opening I love you, but I’ve chosen rock. Gleißende Sonne, indigoblauer Himmel in Berlin am letzten Wochenende. Und ich. Da ist kein Entrinnen. Eine Ecke in meinem Atelier, wohin ich Bilder brachte. Und mich tief ins Fleisch schnitt. Keine Metapher, die Scheibe eines großen Bilderrahmens rutschte mir aus den Händen und zersplitterte auf dem Holzboden in tausend Stücke. Eine Scherbe landete wie ein Pfeil in meinem linken Zeigefinger. Tiefe Fleischwunde. Zum Glück die Sehne nicht erwischt. Lange Blutspur auf dem Holzboden. Dauerte sehr lange, bis die Blutung stoppte. Ich starrte fasziniert auf die schöne rote Farbe meines Blutes und umwickelte die Wunde mit zwanzigfach gewickeltem Klopapier. Fingerturban. Es tat so gut wie gar nicht weh. Starke Verwundungen setzen Endorphine frei, die den Schmerz stillen. Man hat das alles in sich.
Der Körper funktioniert nach einem viel besseren System als die Seele, denke ich gerade. Seelische Vewundungen können auch durch die Ausschüttung von Endorphinen geheilt werden, aber der Mechanismus setzt nicht automatisch ein. Man muss sich darum bemühen. Tapetenwechsel, neue Augenweide-, Landeplätze finden (you are the airport of my eye verstand ich jedesmal, wenn Stevie Wonder you are the apple of my eye sang, in Sunshine of my Life). Als ich vor sechs Jahren an einem sehr schwierigen und tiefen Punkt angelangt war, reiste ich zum
Antelope Canyon. Man kann auch in Gedanken reisen. Ich mache das gerade sehr viel. Wo anders hinschauen. Neue Gewohnheiten erfinden. Lesen. Bilder anschauen. Zum Beispiel Farins kiloschweres Bilder-Tagebuch seiner langen Reise durch Indien und Buthan. Ein altes Buch von Wolf Wondratschek, das mir mein guter Freund Jan neulich mitbrachte, weil er sich aufmerksam an nebensächliche Kleinigkeiten erinnern kann, wie dass ich Wondratschek mag. Und lange liegengebliebene Bücher lesen. Sich über unerwartete Bilder und Gedanken freuen. Oder nach zehn Jahren mit dem Kopf nach Norden schlafen, statt nach Süden.

14. Oktober 2010

[nur ein kleiner erklärender Kommentar, aber eigentlich doch ein Blogeintrag]

(…) Ich bin nicht aus der Welt… nur ein bißchen aus dem Internet. Und ein kleiner Umzug. Es gibt drei Orte in Berlin, um die mein Leben kreist. Einer hat sich gerade verändert. Ein Teil meines Lebens findet seit einigen Tagen in der Fasanenstraße statt. Seit langem geliebteste Straße im Westen der Stadt. Bis gerade eben noch Umzugskartons ausgepackt. Und ich habe viele hundert Bilder der letzten beiden Wochen offline, quasi in der Hinterhand;-) Sehr schöne Sachen dabei. Eva-Maria Hagen ganz nah, letzten Sonntag. Und Werner Herzogs Kameramann Thomas Mauch, der erzählte, dass es bei den Dreharbeiten für Aguirre keinerlei Lampen gab. Und eine schöne Frau, eine Zufallsbegegnung, die die Bilder von sich so sehr mochte, die ich beiläufig bei Werner Herzog von ihr einfing, dass sie ein sehr nettes Angebot machte. Das olympische Dorf. Die Atmosphäre von Olaf Heines Opening I love you, but I’ve chosen rock. Gleißende Sonne, indigoblauer Himmel in Berlin am letzten Wochenende. Und ich. Da ist kein Entrinnen. Eine Ecke in meinem Atelier, wohin ich Bilder brachte. Und mich tief ins Fleisch schnitt. Keine Metapher, die Scheibe eines großen Bilderrahmens rutschte mir aus den Händen und zersplitterte auf dem Holzboden in tausend Stücke. Eine Scherbe landete wie ein Pfeil in meinem linken Zeigefinger. Tiefe Fleischwunde. Zum Glück die Sehne nicht erwischt. Lange Blutspur auf dem Holzboden. Dauerte sehr lange, bis die Blutung stoppte. Ich starrte fasziniert auf die schöne rote Farbe meines Blutes und umwickelte die Wunde mit zwanzigfach gewickeltem Klopapier. Fingerturban. Es tat so gut wie gar nicht weh. Starke Verwundungen setzen Endorphine frei, die den Schmerz stillen. Man hat das alles in sich.
Der Körper funktioniert nach einem viel besseren System als die Seele, denke ich gerade. Seelische Vewundungen können auch durch die Ausschüttung von Endorphinen geheilt werden, aber der Mechanismus setzt nicht automatisch ein. Man muss sich darum bemühen. Tapetenwechsel, neue Augenweide-, Landeplätze finden (you are the airport of my eye verstand ich jedesmal, wenn Stevie Wonder you are the apple of my eye sang, in Sunshine of my Life). Als ich vor sechs Jahren an einem sehr schwierigen und tiefen Punkt angelangt war, reiste ich zum
Antelope Canyon. Man kann auch in Gedanken reisen. Ich mache das gerade sehr viel. Wo anders hinschauen. Neue Gewohnheiten erfinden. Lesen. Bilder anschauen. Zum Beispiel Farins kiloschweres Bilder-Tagebuch seiner langen Reise durch Indien und Buthan. Ein altes Buch von Wolf Wondratschek, das mir mein guter Freund Jan neulich mitbrachte, weil er sich aufmerksam an nebensächliche Kleinigkeiten erinnern kann, wie dass ich Wondratschek mag. Und lange liegengebliebene Bücher lesen. Sich über unerwartete Bilder und Gedanken freuen. Oder nach zehn Jahren mit dem Kopf nach Norden schlafen, statt nach Süden.

07. Oktober 2010

Heute nicht gebloggt, aber doch an anderer Stelle (gefühlt unter vier Augen) geschrieben.

Und jetzt Schlaf. Festplatte spuckt moonshadow. Halbschläfrige Gedanken an erste private Parties mit elf oder zwölf. Und Salzstangen. Und Cola. Und Dachböden an Wochenenden in elternverlassenen Häusern. Und wie schüchtern ich war. Gute Nacht.

06. Oktober 2010

Ich war nicht in Jesse Owens Sportlerunterkunft, der einzigen, die seit 1936 wieder in einen bewohnbaren Zustand versetzt wurde. Ich sah nur durch die Scheibe, da ich mich keiner Gruppe anschloss. Das Hindenburghaus, die Schwimmhalle und auch den Speisesaal der Nationen kann man nur von innen sehen, wenn man eine Gruppenführung mitmacht. Nicht nur, dass ich den Zeitpunkt versäumte, ich wusste ihn gar nicht. Er war mir auch egal. Ich leide in Gruppenveranstaltungen ohnehin gerne unter Zeitkorsetten und geplanten Wegen. Aber ich sah auch ohne diese Innenaussichten so viel. Immerhin war ich in jener erwähnten vermoderten Gruselkammer und am Ende auch in der Turnhalle.
Da saß ich also nach vier oder fünf Stunden des Umhertreibens in der Nachmittagssonne auf einer gekalkten Steinbank im inneren Hof des verlassenen Nationen-Restaurants. Ich warf amüsierte Blicke auf meinen Proviant, der ausschaute wie hindrapiert. Jeder würde das denken. Das hab ich schon mal erzählt, dass einige denken, ich drapiere, lege zurecht, bevor ich fotografiere. Es stimmt höchstens insofern, dass ich nicht anders kann, als Dinge dem Auge nicht missfallend abzulegen und es gar nicht mehr bemerke. Insofern drapiere ich vermutlich mein ganzes Leben und komme nicht auf die Idee, es so zu nennen. Und mich mittenhinein. Mit oder ohne Kamera. Das könnte im Übrigen jeder. Es kostet ja nichts, außer Aufmerksamkeit beim ersten Handgriff.
Ich habe mittlerweile zirka dreihundert Bilder der Strecke weggeworfen und währenddessen gedacht, interessant, wenn die Bilder, die man löscht, gut sind. Absolut gesehen. Nur nicht besser im Vergleich mit einem ähnlichen davor oder danach. Aber wozu ziemlich gute Bilder aufbewahren, wenn eines davor oder danach dasselbe Motiv besser zeigt. Da war ein anderer Fotograf. Er grüßte mich mit einem freundlich zurückhaltenden Hallo und nickte mir zu, mit diesem gewissen vorsichtigen Respekt im Blick, der fragt „Ist es gestattet, dass ich in den Kreis ein wenig eindringe?“ Ihn interessierte zurecht die Perspektive in meiner Nähe. Ich nahm ihm die Scheu, indem ich ihn auf einen Bogen hinwies, dessen Besonderheit man nur von meiner Warte erkennen konnte. Er kam näher „Ja, tatsächlich, interessant“.
Ich konnte an seiner Art zu sprechen hören, dass er aus dem Norden kommt. Ziemlich nah bei Hamburg, vermutete ich. Aber hier in Berlin lebend. Wir sprachen über das Licht. Wie gut es an diesem Tag sei. Gestern nicht, aber heute, ganz besonders sogar. Und diese Sache mit den Gruppenführungen. Er erwähnte, er hätte die Gruppe gesehen und das Tempo, in dem sie von einem Punkt zum nächsten geführt wird. Das sei nichts für ihn. Da wäre überhaupt keine Zeit, irgendetwas in Ruhe zu fotografieren. Ich musste grinsen. Er meinte, es sei sicher nicht das letzte mal, dass er hier wäre, man müsste sich vielleicht einfach als Gruppe anmelden, ein paar Leute, die einfach nur in Ruhe fotografieren wollen. Ich nickte halb zustimmend, aber wusste nach kurzem Überlegen, dass ich ebenso wenig Lust hätte, in einer Gruppe mit aller Zeit der Welt, verabredet zu fotografieren. Aber man muss nicht jeden Hintergedanken ausbreiten. Er verabschiedete sich sehr freundlich lächelnd.
Ich blieb noch ein Weilchen auf meiner Bank, blinzelte zufrieden in die Nachmittagssonne. Von Weitem sah ich die erwähnte Gruppe in die Ellipse, das innere Auge des mittlerweile halbschattigen Hofes treten. Sie kam aus dem Speisehaus. Ich stand auf und näherte mich, einen anderen Bogen der Deckenkonstruktion im Fokus. Noch mit halbem Ohr nahm ich wahr, dass ich dem unfreiwillig schnarrenden Ton des Führers nicht gerne zuhören mochte, geschweige denn folgen. Ich hatte also nicht viel versäumt und ging zielstrebig Richtung Ausgang, an der Gruppe vorbei. Einen kurzen Moment fühlte ich die unterbrochene Aufmerksamkeit für den Vortrag und spürte meine kleine große Freiheit.
Jesse Owens taucht oft auf, dort im olympischen Dorf. Auf Bildern. Was für ein sympathisches, warmherziges Lachen. Ich stelle mir vor, wie er in diesem verrückten Spiel für große Kinder gesprintet ist und dabei gelacht hat. Er war der erfolgreichste Sportler 1936. Und der strahlendste. Für mich der Schönste.

Nielsen Owens
Innerhalb dieser Zeilen versteckt sich kein Link zur Fotostrecke, nur das eine Bild da oben. Die anderen wollen noch ein bißchen bei mir zuhause bleiben. Ich finde, ich sollte mir jetzt auch noch einmal in Ruhe das Olympiastadion ansehen. Ich kenne es nur von Konzerten. Eigentlich fällt mir gerade sogar nur ein einziges Konzert Anfang der Neunziger ein, bei dem ich es von innen sah, ein Stones-Konzert. Sonst bin ich wohl nur sehr oft daran vorbei gelaufen, auf dem Weg zur Waldbühne. Es verlassen zu sehen, wenn nichts stattfindet, ist bestimmt sehr interessant. Vielleicht morgen.

03. Oktober 2010

Ich war heute in Olympia-Elstal. Bevor ich losging, ließ ich Leni Riefenstahls Final Diving Sequence aus ihrem Olympia-Film laufen. Aber die Musik war mir unerträglich. Ich machte den Ton weg und ließ querbeet Musik von meiner Festplatte dazu laufen. Ich war ziemlich beeindruckt von der Wirkung. Die Turmspringer im Himmel. Besonders ab Minute 1:12. Ich klickte ungefähr sieben oder achtmal auf replay und hörte immer andere Musik dazu. Alles passte. Alles grandios. Ich hatte noch nie den Impuls, Filmbilder von jemand anderem sequenzenweise zu verwenden. Heute ja, als ich diese Turmspringer wieder und wieder sah. Und das asiatische Mädchen im Zuschauerrang.

Bei schönstem Sonnenlicht mit einem Regionalzug Richtung Rathenow vom Alex nach Elstal. Ich kam mit beinah soviel Bildern zurück, wie ich sonst von zweiwöchigen Reisen hochlade. Fast Tausend. Ich muss die erstmal drehen und aussortieren. Sicher hat noch nie jemand so viele Bilder bei einem einzigen Besuch im olympischen Dorf gemacht. Großartige Augenblicke. Das Licht war so weich und klar und satt. Ein echter Spätsommertag. Noch kein Herbsttag. Herbst fühlt sich anders an. Tiefblauer Himmel. Arizona-Indigo. Starke, eigenwillige Kiefern. Sympathische, unprätentiöse Architektur bei den Sportlerunterkünften. Wunderbare Natursteine auf den Terrassen. Bei einer Unterkunft stand die Tür offen, ich trat näher, ging hinein. Ich erblickte einen Raum mit den unfassbarsten, unbeschreiblichsten Zeichen des Verfalls. Ich dachte, ich träume. Von der Decke hing eine bizarres Gebilde aus weißfaserigem Hausschwamm und Spinnweben, so dicht und haarig, wie ein verrottendes Tierfell. So etwas kennt man nur aus verrückten Traumsequenzen oder David Lynch-Filmen. Ich hab das Gefühl, ich war eine Woche weg. Man muss das ganz oft machen, solche Ausflüge in die nähere Umgebung. Elstal ist nicht weit weg von Berlin. Das war ein wirklich großer Ausflug, diese kleine Reise. Aber Reisen war immer schon mein Glück. Ob nah oder fern. Wenn ich unterwegs bin, fühle ich mich zuhause, am richtigen Ort. Wenn die Landschaft am Zugfenster vorbeifliegt und mir unbekannte Baumwipfel zuwinken.

03. Oktober 2010

Ich war heute in Olympia-Elstal. Bevor ich losging, ließ ich Leni Riefenstahls Final Diving Sequence aus ihrem Olympia-Film laufen. Aber die Musik war mir unerträglich. Ich machte den Ton weg und ließ querbeet Musik von meiner Festplatte dazu laufen. Ich war ziemlich beeindruckt von der Wirkung. Die Turmspringer im Himmel. Besonders ab Minute 1:12. Ich klickte ungefähr sieben oder achtmal auf replay und hörte immer andere Musik dazu. Alles passte. Alles grandios. Ich hatte noch nie den Impuls, Filmbilder von jemand anderem sequenzenweise zu verwenden. Heute ja, als ich diese Turmspringer wieder und wieder sah. Und das asiatische Mädchen im Zuschauerrang.

Bei schönstem Sonnenlicht mit einem Regionalzug Richtung Rathenow vom Alex nach Elstal. Ich kam mit beinah soviel Bildern zurück, wie ich sonst von zweiwöchigen Reisen hochlade. Fast Tausend. Ich muss die erstmal drehen und aussortieren. Sicher hat noch nie jemand so viele Bilder bei einem einzigen Besuch im olympischen Dorf gemacht. Großartige Augenblicke. Das Licht war so weich und klar und satt. Ein echter Spätsommertag. Noch kein Herbsttag. Herbst fühlt sich anders an. Tiefblauer Himmel. Arizona-Indigo. Starke, eigenwillige Kiefern. Sympathische, unprätentiöse Architektur bei den Sportlerunterkünften. Wunderbare Natursteine auf den Terrassen. Bei einer Unterkunft stand die Tür offen, ich trat näher, ging hinein. Ich erblickte einen Raum mit den unfassbarsten, unbeschreiblichsten Zeichen des Verfalls. Ich dachte, ich träume. Von der Decke hing eine bizarres Gebilde aus weißfaserigem Hausschwamm und Spinnweben, so dicht und haarig, wie ein verrottendes Tierfell. So etwas kennt man nur aus verrückten Traumsequenzen oder David Lynch-Filmen. Ich hab das Gefühl, ich war eine Woche weg. Man muss das ganz oft machen, solche Ausflüge in die nähere Umgebung. Elstal ist nicht weit weg von Berlin. Das war ein wirklich großer Ausflug, diese kleine Reise. Aber Reisen war immer schon mein Glück. Ob nah oder fern. Wenn ich unterwegs bin, fühle ich mich zuhause, am richtigen Ort. Wenn die Landschaft am Zugfenster vorbeifliegt und mir unbekannte Baumwipfel zuwinken.

29. September 2010


ich höre in den letzten Tagen, Wochen immer wieder diese Aufnahme von Rios Der Traum ist aus. Der Mitschnitt entstand 1988 bei einem von zwei aufeinanderfolgenden Konzerten in der Seelenbinderhalle in Ost-Berlin. Ich weiß nicht, wieviel Tausend Ost-Berliner Fans von Rio jede einzelne Zeile auswendig (by heart heißt es ja auf Englisch) mitsangen, ein Jahr vor dem Mauerfall. Die Aufnahme verursacht mir auch beim hundertsten Hören eine Gänsehaut. Es gab eine Woche später eine Übertragung des Konzertmitschnittes im DDR-Radio, mit allen Ansagen, heißt es. Nur dieses Stück wurde herausgeschnitten. Dieses eine.
Ich hab geträumt
der Winter wär vorbei
Du warst hier
und wir waren frei
Und die Morgensonne schien
Es gab keine Angst
und nichts zu verliern
Es war Friede bei den Menschen
und unter den Tieren
Das war das Paradies
Der Traum ist aus
Der Traum ist aus
Aber ich werde alles geben
daß er Wirklichkeit wird
Ich hab geträumt
der Krieg wär vorbei
Du warst hier
und wir waren frei
Und die Morgensonne schien
Alle Türen waren offen
die Gefängnisse leer
Es gab keine Waffen
und keine Kriege mehr
Das war das Paradies
Gibt es ein Land auf der Erde
Wo der Traum Wirklichkeit ist
Ich weiß es wirklich nicht
Ich weiß nur eins
und da bin ich sicher
Dieses Land ist es nicht
Dieses Land ist es nicht
Der Traum ist ein Traum
zu dieser Zeit
Doch nicht mehr lange
mach dich bereit
Für den Kampf ums Paradies
Wir hab´n nichts zu verlieren
außer unser Angst
Es ist unsere Zukunft
unser Land
Gib mir deine Liebe
gib mir deine Hand

Rio Reiser

02. Oktober 2010

Gestern zur Freundin: „Mal gucken, vielleicht mach ich ja ein Nazi-Wochenende. Samstag Olympisches Dorf und Sonntag Plötzensee.“
Die Sonne ist gerade herausgekommen. Aber mir ist heute nicht nach Ausflug machen. Morgen vielleicht. Das Olympische Dorf von 1936 von Werner und Walter March interessiert mich. Inwiefern dort Pathos, Größenwahn und Monumentalismus vertreten sind. Sehr spannend. Ich gebe zu, dass mich überdimensionale Entwürfe und Visionen in der Architektur und im Denken nicht unbeeindruckt lassen. Von dem Aspekt überdimensionaler Menschenverachtung abgesehen.
Plötzensee braucht, ohne das eigens erwähnen zu müssen, eine andere innere Verfassung. Veruschka von Lehndorffs Vater Heinrich Graf von Lehndorff-Steinort wurde dort erhängt. Bei jener Ausstellungseröffnung in Berlin, im letzten Jahr sprachen wir draußen vor der Tür bei einer Zigarette darüber, dass sie gerade eine Rede vorbereitete, anlässlich seines hundertsten Geburtstages. Sie sagte, dass sie eigentlich gerne länger bleiben würde, aber diese Rede trieb sie so um, an der sie noch schrieb, und sie verabschiedete sich mit einem warmen Händedruck. In einer Dokumentation über sie kann man erkennen, wie sehr sie das Schicksal ihres ermordeten Vaters zeitlebens beschäftigte.

[der sehr bewegende Abschiedsbrief ihres Vaters]

30. September 2010

Komisch irgendwie. Hab gestern Nacht gegen meine sonstigen Gewohnheiten zweieinhalb Sätze als facebook-Statusmeldung gepostet und fühle mich, als wäre ich fremdgegangen. Aber keine Gefahr. Ihr verpasst wirklich rein gar nichts. Ich poste normalerweise nur links zu meinen Blogeinträgen hier. Und damit die goldenen Worte meiner einmaligen Statusmeldung (ich sage ja gerne Stasimeldung dazu) nicht verlorengehen, kopier ich die jetzt einfach hier rein! (Die soll schließlich auch ins Museum!):
Gaga Nielsen …
„nein, du sollst doch nicht immer so angeben, Frau Nielsen!
(aber macht doch Spaß!)
freu mich gerade auf Eva-Maria. Die Omi von C.
ganz bald. 76 und sehr sexy. Aber das schreib ich nur auf das doofe facebook. Im Blog wird elegant gebloggt. Das ist für die bleibenden und wahren Werte. Ohne Halbwertzeit. Für die große Monitorwand im Museum für Kommunikation! Ha! Der andere trash kann in die Tonne. weg damit.“

Diese nicht ganz von Arroganz freie Meldung haben zu meiner großen Überraschung sogar vier Leute Freunde gemocht (Yvelle von Alzheim, Tina Hahn, Marc Soltau und einer meiner zweieinhalb Neffen) und der hat sogar kommentiert, nämlich:
„YEAH!! Gut so, Gaga…!“
Also, ihr habt nichts verpasst. Ich hab dann auch nochmal drauf kommentiert, nämlich:
‎Gaga Nielsen …
http://www.eva-maria-hagen.de/Cosma/Cosma_zeichnung.shtml
:-)

Und mein Neffe hat das gemocht! Also bitte. Was will man mehr.
Und jetzt weiter hier! (Passt auch gerade ganz gut zu Isas Mauerfall) Doppelte Buchführung ist einfach Kacke. Um nicht zu sagen Lebenszeitverschwendung. Unsexy.
Und das Schöne ist, jetzt kann ich die fb-Pinnwand wieder ohne Wehmut leerfeudeln, wie ich das immer so gerne mache. Ich hab aber noch ein kleines fb-Geheimnis: bis vor kurzem hatte ich die Benachrichtigungs-Funktion aktiviert, die dafür sorgt, dass man eine Mail über jeden neuen Kommentar-Eintrag erhält. Ein paar der schönsten Kommentare des letzten Jahres sind so erhalten. (Bei einigen tut es mir doch leid, wenn sie so ganz im Nichts verschwinden, diese kleinen Zeichen von Zuwendung.) Bis mich der Rappel packt und ich auch noch irgendwann alle E-Mails lösche. Wenn die Sehnsucht nach einem Neuanfang überhand nimmt. Aber erst mal tun mir die vielen Worte im Postfach nicht weh. Ich lese sie ja nicht mehr. Man kann sich auch angewöhnen, über bestimmte Dinge konsequent hinwegzusehen. Daran vorbeizuschauen. Ok. Jetzt wisst ihr Bescheid. Dann kann es ja wieder hier weitergehen. Ich hab schon den nächsten Blogeintrag hinter dem vorderen Stirnlappen! Und alles was hier geschieht, jeder Buchstabe, den ihr tippt, wird demütig archiviert. Ihr wollt doch auch ins Museum.

01. Oktober 2010

Gerade wo kommentiert. Dann fiel mir auf, dass ich einen schwerwiegenden Fehler drinhabe. (Ein wordpress-Blog ohne Editier-Funktion)
„(…) Und warum überhaupt eine Tapete an die Decke kleben? Da würden wahrscheinlich alle damit kämpfen und fluchen. Ich ärgere mich geradezu, dass in meiner Wohnung diese fürchterlichen Raufasertapeten kleben, das ist ja nun wirklich Eighties bis der Arzt kommt, aber ich bin dann auch zu faul gewesen, den Krempel runterzureißen. War auch alles tipp topp. Aber wenn man jetzt mal aus Versehen ein Foto vor einer der weißen Wände macht, ärgert man sich über das Pickel-Relief dieser Raufasertapete. Wie schön ist dagegen der nackte Putz auf einem Mauerwerk. Und so fotogen.“
Natürlich muss es korrekt heißen Seventies (obwohl Und RauHfasertapete. Geißel der Menschheit!

30. September 2010

Komisch irgendwie. Hab gestern Nacht gegen meine sonstigen Gewohnheiten zweieinhalb Sätze als facebook-Statusmeldung gepostet und fühle mich, als wäre ich fremdgegangen. Aber keine Gefahr. Ihr verpasst wirklich rein gar nichts. Ich poste normalerweise nur links zu meinen Blogeinträgen hier. Und damit die goldenen Worte meiner einmaligen Statusmeldung (ich sage ja gerne Stasimeldung dazu) nicht verlorengehen, kopier ich die jetzt einfach hier rein! (Die soll schließlich auch ins Museum!):
Gaga Nielsen …
„nein, du sollst doch nicht immer so angeben, Frau Nielsen!
(aber macht doch Spaß!)
freu mich gerade auf Eva-Maria. Die Omi von C.
ganz bald. 76 und sehr sexy. Aber das schreib ich nur auf das doofe facebook. Im Blog wird elegant gebloggt. Das ist für die bleibenden und wahren Werte. Ohne Halbwertzeit. Für die große Monitorwand im Museum für Kommunikation! Ha! Der andere trash kann in die Tonne. weg damit.“

Diese nicht ganz von Arroganz freie Meldung haben zu meiner großen Überraschung sogar vier Leute Freunde gemocht (Yvelle von Alzheim, Tina Hahn, Marc Soltau und einer meiner zweieinhalb Neffen) und der hat sogar kommentiert, nämlich:
„YEAH!! Gut so, Gaga…!“
Also, ihr habt nichts verpasst. Ich hab dann auch nochmal drauf kommentiert, nämlich:
‎Gaga Nielsen …
http://www.eva-maria-hagen.de/Cosma/Cosma_zeichnung.shtml
:-)

Und mein Neffe hat das gemocht! Also bitte. Was will man mehr.
Und jetzt weiter hier! (Passt auch gerade ganz gut zu Isas Mauerfall) Doppelte Buchführung ist einfach Kacke. Um nicht zu sagen Lebenszeitverschwendung. Unsexy.
Und das Schöne ist, jetzt kann ich die fb-Pinnwand wieder ohne Wehmut leerfeudeln, wie ich das immer so gerne mache. Ich hab aber noch ein kleines fb-Geheimnis: bis vor kurzem hatte ich die Benachrichtigungs-Funktion aktiviert, die dafür sorgt, dass man eine Mail über jeden neuen Kommentar-Eintrag erhält. Ein paar der schönsten Kommentare des letzten Jahres sind so erhalten. (Bei einigen tut es mir doch leid, wenn sie so ganz im Nichts verschwinden, diese kleinen Zeichen von Zuwendung.) Bis mich der Rappel packt und ich auch noch irgendwann alle E-Mails lösche. Wenn die Sehnsucht nach einem Neuanfang überhand nimmt. Aber erst mal tun mir die vielen Worte im Postfach nicht weh. Ich lese sie ja nicht mehr. Man kann sich auch angewöhnen, über bestimmte Dinge konsequent hinwegzusehen. Daran vorbeizuschauen. Ok. Jetzt wisst ihr Bescheid. Dann kann es ja wieder hier weitergehen. Ich hab schon den nächsten Blogeintrag hinter dem vorderen Stirnlappen! Und alles was hier geschieht, jeder Buchstabe, den ihr tippt, wird demütig archiviert. Ihr wollt doch auch ins Museum.

29. September 2010


ich höre in den letzten Tagen, Wochen immer wieder diese Aufnahme von Rios Der Traum ist aus. Der Mitschnitt entstand 1988 bei einem von zwei aufeinanderfolgenden Konzerten in der Seelenbinderhalle in Ost-Berlin. Ich weiß nicht, wieviel Tausend Ost-Berliner Fans von Rio jede einzelne Zeile auswendig (by heart heißt es ja auf Englisch) mitsangen, ein Jahr vor dem Mauerfall. Die Aufnahme verursacht mir auch beim hundertsten Hören eine Gänsehaut. Es gab eine Woche später eine Übertragung des Konzertmitschnittes im DDR-Radio, mit allen Ansagen, heißt es. Nur dieses Stück wurde herausgeschnitten. Dieses eine.
Ich hab geträumt
der Winter wär vorbei
Du warst hier
und wir waren frei
Und die Morgensonne schien
Es gab keine Angst
und nichts zu verliern
Es war Friede bei den Menschen
und unter den Tieren
Das war das Paradies
Der Traum ist aus
Der Traum ist aus
Aber ich werde alles geben
daß er Wirklichkeit wird
Ich hab geträumt
der Krieg wär vorbei
Du warst hier
und wir waren frei
Und die Morgensonne schien
Alle Türen waren offen
die Gefängnisse leer
Es gab keine Waffen
und keine Kriege mehr
Das war das Paradies
Gibt es ein Land auf der Erde
Wo der Traum Wirklichkeit ist
Ich weiß es wirklich nicht
Ich weiß nur eins
und da bin ich sicher
Dieses Land ist es nicht
Dieses Land ist es nicht
Der Traum ist ein Traum
zu dieser Zeit
Doch nicht mehr lange
mach dich bereit
Für den Kampf ums Paradies
Wir hab´n nichts zu verlieren
außer unser Angst
Es ist unsere Zukunft
unser Land
Gib mir deine Liebe
gib mir deine Hand

Rio Reiser

28. September 2010


Ich fotografiere selten Paare, Menschen, die sich mehr als freundschaftlich zugetan sind. Das ist sehr schön. Beschäftigt mich gerade. Dass so etwas überhaupt möglich ist, setzt ein gewisses Vertrauen voraus. Ich erinnere mich, was mir Bilder bedeuteten, bedeuten konnten, die mich mit einem besonders geliebten Menschen zeigten. Zauberkraft. Zauberhaft. Eine winzige Geste der Zuwendung einzufangen. Vielleicht sogar ein wenig schüchtern. Das war, das ist ganz wunderbar.

27. September 2010


Auch schön… Werner Herzog zeigt Film Stills. Übernächsten Freitag. Wunderbares Motiv auf der Einladungskarte. Wer würde von hinten denken, dass es sich um den rotzigen Kinski handelt, wüsste man nicht, dass es ein Still aus Fitzcarraldo ist und dächte man sich das Schiff weg. Fast ein Renoir nur ohne Häkelborte.

27. September 2010


Déjà vu, KlEiNeS. Denke Freiraum… Der Sinn des Ganzen. Damit neue Wege entstehen Ich ging einen Weg. Und stand vor einer Mauer. Und dann drehte ich mich um. Und ich nehme das Gold. Nehme es mit. Trage es bei mir. Im Herzen. Nehme es mit. Unverkäuflich. Unveräußerlich. In mir. Immer bei mir. Wohin der Wind mich treibt. In meiner Hand. Hab es bei mir. Nehm es mit. Kein Blech, kein Blei, das am wärmsten glänzende Metall. Das Edelste von allen. Nehme es mit. Zum Horizont. Gehe zum Horizont. Allein oder mit dir. Wer du auch bist. (nehm es mit)

wherever you are

27. September 2010


Auch schön… Werner Herzog zeigt Film Stills. Übernächsten Freitag. Wunderbares Motiv auf der Einladungskarte. Wer würde von hinten denken, dass es sich um den rotzigen Kinski handelt, wüsste man nicht, dass es ein Still aus Fitzcarraldo ist und dächte man sich das Schiff weg. Fast ein Renoir nur ohne Häkelborte.

22. September 2010


Freundin vorhin zum Lachen gebracht, als ich ihr erzählte, dass ich morgen bei zur Security ein Codewort sagen soll. Zum Glück keinen Zahlencode. Überlege gerade, was Bond Girls so anhaben, außer Bikinis. Das wird einen netten kleinen Auflauf von Mädels in Fick-mich-Klamotten geben. Muss man sich gar nicht als Tussi verkleiden, um aufzufallen.

22. September 2010


Freundin vorhin zum Lachen gebracht, als ich ihr erzählte, dass ich morgen bei zur Security ein Codewort sagen soll. Zum Glück keinen Zahlencode. Überlege gerade, was Bond Girls so anhaben, außer Bikinis. Das wird einen netten kleinen Auflauf von Mädels in Fick-mich-Klamotten geben. Muss man sich gar nicht als Tussi verkleiden, um aufzufallen.

20. September 2010

Ich bin der Nachtwind, hörst du mich?
Ich trage die Fahne, ich frage nicht,
ahne den Morgen, der schmale Streifen
am Horizont zeigt mir den Weg.
Ich bin der Morgenstern, siehst du mich?
Ich küsse die Schlafenden, ich frage nicht,
suche die Blumen, der winzige Tropfen
Silbertau zeigt mir den Weg.
Ich bin die Sonne, fühlst du mich?
ich trockne die Tränen, ich frage nicht,
wecke das Leben, die kleine Knospe
am Apfelbaum zeigt mir den Weg.
Ich bin der Frühlingssturm, kennst du mich?
Ich bringe den Regen, ich frage nicht,
trage die Wünsche, die vergrabene Hoffnung
in deinem Herzen, zeig mir den Weg.
Rio Reiser

19. September 2010

Denke seit zwei Tagen darüber nach, in welchen Bereichen man warum entscheidet, diskret zu bleiben. Über anderes denkt man gar nicht großartig nach. Dann dachte ich so für mich, ich bin in den Bereichen am diskretesten, in denen es eine Unsicherheit gibt. Und dass diejenigen, die ihre menschlichen Bindungen transparent machen, vermutlich eine große Sicherheit darüber empfinden. Interessant auch zu sehen, dass man es als Person des öffentlichen Interesses durch skorpionische Abwehr über ein Vierteljahrhundert schaffen kann, dass so gut wie nichts über das Privatleben an die Öffentlichkeit dringt. Fasziniert mich gerade.

19. September 2010

„(…) Von Onkel Dieter, dem dreißigjährigen, geistig behinderten, dicken Sohn von Tante Maja bekam ich Micky Maus-Hefte. Er kicherte ständig, auch wenn es nichts zu lachen gab, und wurde ganz unruhig, wenn ein weibliches Wesen in seine Nähe kam. Wenn er meiner Mutter seine fleischige Hand auf die Schenkel legte, schlug Tante Maja ihm mit einem Holzlineal auf die Finger. Onkel Dieter hatte einen schönen Tod. (…)“

Paul und ich, Winfried Glatzeder

19. September 2010

Pläne einfach über den Haufen werfen. Das ist ein sehr schönes, befreiendes Gefühl. Ich mache das zu selten, weil ich so gut wie nie Pläne mache. Aber kleine Pläne machen und sie dann über den Haufen werfen, das könnte mir gefallen! Weg damit! Sich selbst aus Verpflichtungen entlassen. Wunderbar. Ich hatte nur einen winzigen Plan für heute, so ab Mittag. Ich wollte Filmmaterial schneiden, das schon bald ein Jahr alt ist. Bei youtube kann man jetzt neuerdings fünfzehn Minuten hochladen. Das ist die Chance, doch noch den Besuch mit dem Interview bei Radio Fritz zu zeigen, ohne zuviel von dem Gequatsche hinter den Kulissen wegzuschneiden. So Zweiteiler mag ich nicht so gerne. Aber ich hatte keine Lust, die Datei zu öffnen. Heute nicht. Ich hab sie dann doch mal plangemäß aufgemacht, die Projektdatei, relativ spät, aber gleich wieder das Programm gewechselt und alle möglichen Songs bei youtube geguckt und gerippt, ich Sau. Aber immerhin drei Einträge gebloggt. Und die Erkenntnis gewonnen, dass der Fehler nicht darin besteht, einen Vorsatz nicht zu einem bestimmten Zeitpunkt auszuführen, sondern darin, zu glauben, es müsste einen bestimmten Zeitpunkt geben. Dabei lehrt die Erfahrung, dass die Dinge ihren ihnen gemäßen Zeitpunkt haben. Man muss eigentlich nur entspannt darauf warten. Und dann macht man ohnehin, was getan werden will. Alles ganz einfach eigentlich!

19. September 2010


»Selbst auf einer Anklagebank ist es immer interessant, von sich sprechen zu hören. Ich kann sagen, dass während der Plädoyers des Staatsanwalts und meines Verteidigers viel von mir gesprochen wurde und vielleicht mehr von mir als von meinem Verbrechen.«
Der Fremde, Albert Camus
(Übers. Uli Aumüller)