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Ich glaube, der Sonntag am Pfingstwochenende. Ungefähr alle fünf Jahre frage ich jemanden, was eigentlich an Pfingsten im Unterschied zu Ostern gefeiert wird. Hat alles irgendetwas mit der Leidensgeschichte von Jesus zu tun, Kreuzigung, Auferstehung, Himmelfahrt. Jedenfalls hat nie jemand auf Anhieb die richtige Antwort und dann gucken wir alle in Wikipedia nach und vergessen es wieder über die nächsten Jahre. Aber dass es einen Oster- und Pfingstmontag gibt, das können sich eigentlich alle ohne Probleme merken. Man ist halt persönlich betroffen. Warum bin ich an diesem Pfingstsonntag, ja ich glaube es war Sonntag, zu diesem Flohmarkt? Ich war unternehmungslustig und auf meiner Ausflugsziel-Liste war keins dabei, das sich für einen Kurzausflug, den man mal eben am Nachmittag über die Bühne bringt, angeboten hätte. Ich schlafe halt gerne aus und trinke in aller Ruhe viel guten Kaffee mit Schlagobers und flaniere durchs Internet und dann mache ich mich zurecht und überlege endlich einmal in geradezu meditativer Versenkung, was ich anziehen könnte. Ziehe mich noch mal um. Und noch mal. So ist es halt. Aber ich mag das, dabei erhole ich mich. Termine nehme ich nur notgedrungen in Kauf, wenn ich dafür bezahlt werde oder es ein konkretes einmaliges Ereignis gibt, das ich nicht versäumen will. Aber wann kommt letzteres schon vor. Mir fiel irgendwo, ich glaube am Alex, ein Plakat auf, dass es diesen Antikmarkt am Ostbahnhof am Pfingstwochenende gibt. Feier der Schöpfung, Feier der Materie!



Ich bin keine häufige Flohmarktbesucherin, aber wenn, dann bin ich voll bei der Sache. Ich habe ja schon so viel Zeug in der Wohnung, eigentlich gibt es keinen materiellen Gegenstand, den ich dringend bräuchte. Aber hin und wieder verliebe ich mich in ein Ding, wegen einer vollendeten Silhouette oder eines besonderen Materials oder der Vereinigung von beidem, das ist der Idealfall.



Und dann ein bißchen feilschen und plauschen und flirten. Ja, auf Flohmärkten wird viel geflirtet. Ein guter Händler lässt sich keine Gelegenheit entgehen, mit einer potenziellen, guten Kundin wie mir zu flirten. Sonst hätte er seinen Beruf verfehlt. Auf diesem kleinen Antikmarkt hinter dem Ostbahnhof war ich noch nie. Er ist sehr sympathisch und es war ideales Wetterchen. Ich fragte immer artig, ob ich dies oder das fotografieren dürfte, denn ich habe die Erfahrung gemacht, wenn man auf Märkten oder in Läden einfach drauflosfotografiert, wird das manchmal als respektlos empfunden und man erntet strenge Blicke oder die Bitte, das zu unterlassen.


Aber kaum fragt man, wird es mit einem warmen Lächeln erlaubt. Die Händler freuen sich, dass sie höflich gefragt werden und es dann erlauben dürfen. Das ist so ein Spielchen. Zum Beispiel an dem Stand mit dem Radierwasser. Ja! Radierwasser, nicht Rasierwasser. Ich war hin und weg von dem Döschen und dem Gegenstand, auch wenn ich ihn nicht brauche. Noch nie vorher gesehen. Verschlossen stand er auf dem Tisch, der Tintentod. Ich fragte also, ob ich wohl eventuell ein Foto davon machen dürfte und kriegte die Erlaubnis. Ich habe ein Foto gemacht, dann hat er die Dose auseinandergenommen und noch mal neu hindrapiert und mich mit einer Geste aufgefordert, noch mal zu fotografieren.


Das war sehr charmant, er meinte „so sieht man es noch besser, so müssen Sie es auch fotografieren!“. So ein Händler hat eben seinen Stolz, es ist sein Revier, wenn auch mitunter nur ein Tapeziertisch. Man muss immer Respekt zeigen, wenn man von jemandem etwas will. Ein heiliges Gesetz. Man will es ja mit Wohlwollen kriegen und nicht hart darum kämpfen. Gekauft habe ich aber unverhoffterweise doch ein paar schöne Dinge, für die ich auch Verwendung habe. Eine Lupe. Meine erste Lupe! Mit einem schönen Horngriff. Einen kleinen Schrankknauf, der ist jetzt an einer Oberschranktür in der Küche. Dann ein Ebenholzkästchen, eigentlich ein Hummidor, aber das Feuchtigkeitsthermometer, ich weiß nicht mehr den Fachausdruck, hat gefehlt. Ich wollte aber nur ein schönes Kästchen aus so einem herrlich gestreiften Ebenholz.





Und innen drin in dem Kästchen war als Überraschung noch ein kleineres, mit dem KaDeWe-Logo eingebrannt, aus einem anderen Holz, das kleine Kästchen riecht ein bißchen wie Sandelholz, ist aber bestimmt was anderes. Da waren mal Zigarillos drin. Ach, das KaDeWe! Mein KaDeWe. Ich liebe es einfach. Und wo ich mit meinem kleinen Rundgang und meinen vielen kleinen Schwätzchen mit den Händlern fertig war und schon fast wieder bei der S-Bahn, war da noch ein letzter Stand mit einem kleinen Brillenetui aus falschem Kroko. Für 1 Euro! Das musste ich haben, das passt genau zu meiner kleinen Lesebrille, die ich fast nie aufsetze. Aber wird sicher noch kommen. Ich will jetzt nicht sagen „time is on my side“, sondern eher auf der Seite der Brille. An der Straße der Pariser Kommune kommt man vorbei, wenn man vom Flohmarkt zum Vordereingang vom Ostbahnhof spaziert. Der Name hat mir schon immer gefallen. Es ist jetzt nicht so eine pariserisch romantische Straße, wie der Name anmuten könnte, aber egal. Er klingt gut, er erzählt ja eine ganze Geschichte. Wie die „Straße des 17. Juni“. Als Postanschrift macht sich das sicher sehr gut: „Gaga Nielsen, Straße der Pariser Kommune 17“. Toll! Hinziehen will ich trotzdem nicht. Aber schön, dass ich mal da bei dem Flohmarkt war. Antikmarkt heißt er ja. War ein prima Ausflug.



Ein Händler hat mir seine Karte gegeben, er hat sogar ein Buch geschrieben über sein Leben als Flohmarkthändler, seine Memoiren. Hab ich jetzt aber nicht griffbereit. Er hat einen besonderen Stand, ihm hab ich das Ebenholzkästchen abgekauft. Aber das war nicht das Besondere, sondern dass er einen Tisch hat, auf dem lauter Instrumente und Werkzeuge, überwiegend aus Metall liegen, die ein normaler Mensch nicht kennt. Teilweise Sachen, Werkzeuge, die es in unserer heutigen Zivilisation nicht mehr gibt. Und wenn man richtig rät, was es ist, kriegt man von ihm irgendwas. Oder was billiger. Lustig war der. Er hatte zum Beispiel ein komisches Teil, wie eine lange Zange. Ich hätte gedacht, vielleicht um Gurken aus einem Fass zu holen, das war aber um geklöppelte Spitzenhandschuhe beim Trocknen in Form zu bringen. Aus Holz glaube ich. Weiß ich aber nicht mehr. Sehr interessant. Die aufgehängte Beinprothese hat mich auch stark fasziniert, so schön aus Leder genäht. Und der runde kleine Ofen. Und die ganz große Puppe. Und ein Bücherantiquar hatte zwei sensationelle Ausgaben von Fibeln mit bösen Zeichnungen auf geschöpftem Papier von George Grosz. Eins war Der Spießer-Spiegel von 1925. Zeitlos schön! Der Markt dort ist regelmäßig, wie viele Flohmärkte in Berlin, man hat also keinen Notstand, wenn einem nach Trödel und Antiquitäten gucken der Sinn steht. Also viele schöne Sachen zu sehen und demzufolge schöner Ausflug!





16. August 2015
Es ist wieder so weit. Der Zeiger der Uhr, also die Anzeige rechts unten auf meinem Rechner, nähert sich der Zeit, in der ich langsam in Stimmung komme, etwas zu schreiben. Der Eintrag von heute Nachmittag fällt in eine andere Kategorie. Lesen und Copypasten schaffe ich mitunter auch am helllichten Tag. Wobei, so licht sind die Lichtverhältnisse an meinen Tagen hier in der Wohnung gar nicht. Es ist alles ein wenig gemildert und gedimmt durch vielfältige Vorkehrungsmaßnahmen, die reguläre Außentemperatur von 30 bis 35 Grad draußen zu halten. Ich will gar nicht aufzählen, was ich dazu alles machen muss, da ich keine Außenjalousien an den Fenstern und Glastüren meiner lauschigen Wohnung unter dem Dach habe. Aber so gut wie in diesem Jahr habe ich es noch nie hingekriegt. Man kann es gerade so aushalten drinnen. Wäsche für die Waschmaschine entsteht nicht an meinen Wochenenden. Außer Geschirr- und Handtuch. Thermometer hab ich nicht, es würde ja nichts an der Temperatur ändern. Immerhin habe ich an dem Südbalkon an den großen Glasfenstern an den Außenseiten Rollos aus dem Baumarkt angebracht. Links und rechts zwei Schräubchen in den Holzrahmen. Innen ein Rollo, außen ein Rollo. Das bringt schon was. Na ja. An den Fenstern nicht. Das ist mir zu wackelig, also außen nicht, innen schon. Wollte ich gar nicht im Detail erzählen – egal. Ich mache noch ein paar zusätzliche Sachen, damit es immerhin vom Gefühl her nicht mehr als dreißig Grad hier hat. Obwohl – es würde mich doch mal interessieren.
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Mein Gott, wie langweilig, dieses Geschwafel über Hitzedämmmaßnahmen. Das ist jetzt schon das zweite Wort mit drei gleichen Konsonanten nebeneinander in einem Blogeintrag. Dabei versuche ich drei-gleiche-Konsonanten-hintereinander-Wörter zu umgehen. Hat es eben nicht geklappt. Ich werde ein bißchen rammdösig, wenn mein Hirn nicht im idealen Temperaturmodus ist. Der ist auf jeden Fall niedriger. Ich will nicht über zu warm oder zu kalt oder wie mache ich es mir kühler oder wärmer nachdenken.

Das sind so archaische Sachen, die man eigentlich nicht mehr haben will, in unserer Luxuszivilisation. Oder mit herzzerreißenden Flüchtlings-Geschichten konfrontiert werden. Auch das noch. Mir tut das alles weh. Sollte es auch. Ist schon richtig so. Ich habe ein Familientrauma, was das Thema anbelangt, ich kann da gar nicht in eigenen Worten einsteigen, ohne mich in furchtbare, über Generationen vererbte Erinnerungszustände hineinzumanövrieren.

Deswegen gibt es nur mal so einen gecopypasteten Eintrag wie heute Nachmittag. Denn ich bin gar nicht nur so eine weltfremde Kunst- und Kulturflaneurin, die im schicken Elfenbeinturm in Mitte nichts weiter mitkriegt. Ich kriege viel zu viel mit. Aber von Fremdschmerzen wird nichts besser. Oder vielleicht doch, wenn man es vermittelt. Ich habe keinen Grund zu jammern. Aber andere, und das soll man respektieren und einfach das Herz zeigen, das man ja zu haben glaubt. Die Bilder, die ich hier in dem Eintrag habe, haben mit all dem gar nichts zu tun, außer dass sie Dokument meiner Existenz am 26. Mai 2015 sind. Ich kann mich sehr gut an den Moment erinnern, die zwei Minuten, in denen die Bilder entstanden sind. Ich war nämlich ein bißchen aufgeregt und vorfreudig. Ich war kurz davor, zur Autorenbuchhandlung am Savignyplatz aufzubrechen. Das war das erste mal, dass ich sicher war, nur ein paar Introbilder zu fabrizieren, auf die bestimmt noch ganz viele mit anderen Menschen folgen würden. Und vor allem mit einem speziellen anderen Menschen, mit Roswitha Hecke. Ich sage ja, ich arbeite mich hier nicht mehr chronologisch durch mein jüngeres Bildarchiv, das noch nicht gepostet ist. Am 26. Mai dachte ich, es wäre der Tag, an dem Roswitha Hecke in der Autorenbuchhandlung ihre Pigalle-Ausstellung eröffnet. Ich ging also hin, war bereits kurz nach Sieben da, also neunzehn Uhr meine ich, und wunderte mich sehr, dass ich nahezu leere Räume vorfand. Am Verkaufstresen die wahnsinnig attraktive Mitarbeiterin, die mir erklärte, dass ich einen Monat zu früh gekommen wäre. Das sei erst am 26. Juni (ich war dann ja auch da, am 26., habe ich ja alles längst gebloggt). So stand ich da, in der leeren Autorenbuchhandlung, und war vor allem froh für Roswitha Hecke, dass die Veranstaltung doch kein Flop war, für die sich keine Sau interessiert. Hätte mich aber auch gewundert.

Die Autorenbuchhandlung hat ein liebevoll gesetztes, vierteljährlich erscheinendes Magazin namens Geistesblüten, mit schönen Artikeln und Fotos. Die Mitarbeiterin hat mir ein Exemplar mitgegeben und in der S-Bahn fing ich an zu lesen. Plötzlich hatte ich unerwartet einen freien Abend vor mir. Dabei habe ich ganz viele freie Abende. Ja, ich möchte sagen, mein Leben, mein abendliches Leben, besteht mehr oder weniger aus freien Abenden, das nur vereinzelt, sehr vereinzelt, von Unternehmungen unterbrochen wird, die aufgrund meiner hingebungsvollen Dokumentation dazu führen, dass genau der gegenteilige Eindruck entsteht, ich wäre ständig unterwegs, quasi von einer Einladung und Party zur anderen. Wenn ich in mein Blog schaue, kommt es mir bald selber so vor. Aber man muss nur mal das Datum der Bilder anschauen. Da sind ganz große Abstände dazwischen. Und in denen sitze ich nur hier in der abgedunkelten Bude und tippe fleißig Blogeinträge über so gut wie nie stattfindende Abendverabredungen oder ausgefallene. In der Zeitschrift war auch ein Bericht von Christiane Höllger über ihre Freundin Romy Schneider. War aber glaube ich jetzt nichts, was man nicht schon mal woanders gelesen hätte. Aber trotzdem ganz schön. Das dazu.
14. August 2015
Gratuliere, lieber Wim Wenders. Schon siebzig Jahre, allerhand. Wie schnell die Zeit vergeht, man dreht sich um, fährt sich gerade noch schwungvoll durchs Haar und schon sind wieder zehn Jahre vorbei. Weder habe ich alle Filme von ihm gesehen, noch habe ich die, die ich gesehen habe, alle verstanden. Manche Bilder sind hängen geblieben. Natürlich aus dem Himmel über Berlin. Neulich kam auf arte „Der amerikanische Freund“ mit Bruno Ganz und Dennis Hopper. Ich konnte rein gar nichts damit anfangen. Weder mit den Dialogen noch mit der verworrenen Geschichte, noch den Figuren. Trotz Respekt für die Schauspieler. Hat mir nicht gefallen. Den Himmel über Berlin finde ich stellenweise auch unerträglich pathetisch, dann wieder zu Herzen gehend. Starke Bilder der Stadt. Das wechselt sehr. Ich mochte teilweise das Video, das er mit Frau Minichmayr und diesem Sänger aus Düsseldorf zu dem sehr schönen Song Auflösen gedreht hat. Vor allem, weil ich das Lied mag und man spürt, dass zwischen den beiden echte Energie herrscht. Aber eigentlich gratuliere ich Wim Wenders viel mehr wegen meiner Eindrücke von ihm aus der Nachbarschaft und manchen kurzen Momenten auf roten Teppichen, wo er befragt wird. Wo ich nebenbei noch niemals dabei war, das hört sich jetzt ja fast so an. Auch haben wir uns noch nie unterhalten, aber ich sehe ihn manchmal mit wehendem Haar und sehr jugendlich wirkend, auf dem Fahrrad hier herumradeln, mit ziemlich viel Tempo. Bestimmt nicht wie ein älterer Herr, der das Eintrittsalter in den Ruhestand überschritten hat. Manchmal sitzt er auch da unten, vor meinem Fenster, beim Al Contadino, wo ich mich nie trauen würde, ihn zu fotografieren. Und wenn er einem mal entgegenkommt, passiert nicht dauernd, aber schon mal, dann schaut er sehr wach und aufmerksam. Ich habe den Eindruck, er interessiert sich für die Welt und was ihn umgibt. Keine Arroganz geht von ihm aus, viel mehr eine außerordentlich komplexe Wahrnehmungsfähigkeit. Er ist mir einfach sympathisch und ich freue mich, dass er auch hier wohnt und dabei so gut geschnittene Anzüge trägt und so interessante Brillen, und immer noch die Haare wirft, als wäre er gerade mal dreißig. Das steht ihm gut und er sollte das unbedingt weiter so halten. Und immer schön Fahrrad fahren und dabei freundlich gucken. Ich wünsche gute Gesundheit und noch viele vergnügte Jahre. Vielleicht ergibt es sich ja doch irgendwann einmal, dass wir ein Schwätzchen halten. Mit Löwen verstehe ich mich ja schon immer sehr gut!
15. August 2015
„(…) Eine Variante der neuen Realität erwartete mich und meine neunjährige Tochter in Berlin an einer Bushaltestelle. Wir wollten zurück in unser Übergangswohnheim, als mein Blick auf ein junges Liebespaar fiel. Die beiden tauschten heiße Küsse in inniger Umarmung aus – als seien sie allein auf der Welt.
Nur meine Kleine starrte das Paar an – mit einer Mischung aus Überraschung und Schüchternheit. Automatisch legte ich meine Hand auf ihre Augen, dann schob ich meinen Körper als Sichtschutz zwischen die Liebenden und mein Kind. Meine Reaktion war auch ein Schutz meiner selbst: Ich wollte meine Frau und mich vor einem kindlichen Fragesturm schützen.
(…) Natürlich findet man auch immer nette, fremde Menschen, die in der U-Bahn oder an der Bushaltestelle helfen. Manche schauen sogar auf ihrem Smartphone nach, wenn ich die Schilder des Berliner Schienenersatzverkehrs nicht verstehe. Auch viele Berliner scheinen sie nicht zu verstehen.
Berlin ist für mich eine typische westeuropäische Stadt. Der öffentliche Nahverkehr funktioniert, es ist sauber, grün und bislang habe ich mich noch nicht bedroht gefühlt. Berlins lange Arme umarmen mich einfach, sie erinnern mich ständig daran, dass ich in Europa bin.“
Yahya Al-Aous (41) ist syrischer Journalist. Er saß von 2002 bis 2004 im Gefängnis. Seit zwei Monaten lebt er mit seiner Familie in einem Übergangswohnheim in Berlin.
SZ Magazin
14. August 2015


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Zwei Uhr zwanzig. Schon wieder so spät. Es ist einfach meine Zeit, ich wünschte selbst, die würde sich nicht derart spät nachts einfinden. Wenn ich Verabredungen habe, abendliche, nicht nächtliche (die mir mehr (sehr) liegen würden), habe ich immer das Gefühl, mir läuft die Zeit davon. Ich dusche, balsamiere mich ein, tusche meine Wimpern usw. usf., höre Musik. Im Internet (hab gerade versehentlich getippt Hinternet ) schnell noch irgendwas nachlesen, checken, gucken, wieder hängen bleiben. Noch ein Glas trinken. Noch ein paar bestimmte Songs, die mich sehr zuverlässig elektrisieren. Anybody seen my Baby? High Voltage Queen. Schuhe. Welche Schuhe? Stiefel? Doch mal wieder ein Kleid. Ach nein, doch nicht. Schmuck? Ja, aber nein, nicht das. Das andere. Martialischer. Härter. Nicht so nett. Das Zebra-Teil. Das liebe ich, darin fühle ich mich immer richtig. Auf eine nicht zu nette, unopportunistische, autonome Art gut und richtig. Ich war schon angetan, dass Doro in ihrer Einladung „ab 21 Uhr“ geschrieben hatte. Nicht diese Kindergeburtstagsuhrzeiten wie bei Eröffnungen. 19 Uhr. Bitte. Da trinke ich meinen dritten Nachmittagskaffee. Und mit dem eigentlichen Trinken versuche ich immer noch nach Einbruch der Dunkelheit zu beginnen. Die ist derzeit bei ca. halbzehn. Dafür bin ich um zwei aber auch noch nicht haltlos betrunken. Was war das nun für eine Party? Mir kommt die Betitelung selbst ein bißchen aus dem Fenster gelehnt vor, weil erneut keine Bilddokumentation entstanden ist. Und auch hier war die Kamera immer in meiner Griffweite. Diesmal waren es nicht zu komplizierte Lichtverhältnisse und auch waren einige Gesichter da, die ich sehr gerne gesehen habe und gerne einmal einfangen möchte. Manche zum ersten mal. Andere gerne einmal wieder. Jedoch alles, jeder Moment schien mir zu privat. Man kann nicht einfach in einer privaten Wohnung, die nicht die eigene ist, und in der man selbst erstmalig zu Gast ist, ohne Aufforderung der Gastgeberin herumfotografieren. Das gehört sich nicht, es sei denn, sie würde es sich wünschen. Sie hätte sich einiges wünschen können und dürfen. Denn sie hatte Geburtstag. Denselben, den ich in knapp drei Wochen habe. Also dieselbe Zahl. Wir sind derselbe Jahrgang, Doro und ich. Dass ich überhaupt dort war, sein durfte, rührte von dem Abend, als Sebastian seine Hochzeit im Circus Lemke feierte. Dort war Doro auch und fragte mich, ob ich nicht Lust hätte, am kommenden Samstag zu ihrer kleinen Geburtstagsfeier zu kommen. Ich hatte sogar sehr Lust, denn immer, wenn ich Doro sehe, so selten das ist, habe ich aus unerfindlichen Gründen ein Empfinden von Vertrautheit und Verbundenheit, als wäre sie eine alte Schulfreundin, mit der man sich an Pferde erinnert, die man früher zusammen gestohlen hat. Ich weiß nicht, ob es ihr ein bißchen ähnlich geht, aber mir geht es so. Was aber nicht dazu führt, dass man von Stund an denkt, man müsste sich nun dauernd verabreden und so schnell wie möglich wieder sehen. Gar nicht. Aber manchmal. Und dann sehr gerne. Ohne Wenn und Aber. Jeder hat so sein eigenes Leben zusammengebastelt, in fünf vollendeten Dekaden. Es gibt Rituale und Verpflichtungen. Schöne und langweiligere. Aber ab und zu kann man nebeneinander in einer schönen Bar oder in einem schönen Wohnzimmer sitzen und gemeinsam laut denken, ein bißchen Telepathie pflegen. Und lachen. An diesem schönen Abend traf ich endlich zum ersten mal Kitty Koma, die mit ihrem Gefährten gekommen war. Eigentlich nur um die Ecke. Wir wohnen alle nicht so sehr weit voneinander entfernt. An ihr war mir gar nichts fremd oder befremdlich. Ich mochte sie sofort, aber irgendwie wusste ich das vorher schon, oder hoffte es zumindest. Modeste war auch da. Und Wortschnittchen. Und Engl, die sich alle drei auf eine schöne Art entwickelt haben. Anne, die auch bei Sebastians Feier im Circus Lemke war, war ebenfalls da, sie hatte ein Kleid mit einem Muster an, das mich total in den Bann zog. Und noch ganz viele andere, die ich nicht kannte. Überwiegend in etwa meinem, unserem Alter. Zehn Jahre mehr oder weniger, da wollen wir nicht kleinlich sein. Mek kam später auch noch, zu meiner allergrößten Freude, denn er ist immer meine Augenweide. Bitte nicht falsch verstehen, viele waren attraktiv anzusehen, aber bei Mek fotografiere ich innerlich immer. Eigentlich filme ich ihn sogar. Aber das ist kein Geheimnis. Wenn er nicht verheiratet wäre, würde ich solche Sachen wahrscheinlich nicht schreiben. Aber ich bin ja jenseits von Gut und Böse. O.k. Nein, Quatsch. Ich bin nicht jenseits von Gut und Böse. Es ist 2:47 Uhr, ich fange an zu faseln. Natürlich trinke ich auch. Das ist normal um diese Zeit, wenn man noch nicht schläft, oder? Blanquette de Limoux. Mek schrieb vor einer Weile einen Eintrag, in dem er diesen Abend erwähnte, vor allem den letzten Abschnitt. Kann man hier nachlesen. Wir saßen in einer sehr kleinen Runde, Mek, Modeste, das Geburtstagskind, noch eine Freundin von ihr und ich, in diesem wunderbaren Berliner Zimmer. So schöner Stuck an der Decke, so behutsam freigelegt, restauriert. Ich habe mich eigentlich wie daheim gefühlt, obwohl mein Daheim ganz anders aussieht. Doro und ich saßen unter einer großen bemalten Leinwand mit Kois, diesen orangeroten Fischen. So ein schönes Bild. Mek hat das Talent, jedes Gespräch, zu dem er stößt, zu intensivieren und in eine interessantere Richtung zu lenken, kommt mir jedenfalls so vor. Ohne ihn hätten wir uns mit Sicherheit keine Sekunde über Sexblogs unterhalten, oder ob es reizvoll sein könnte, über dieses Thema zu schreiben. Irgenwie anders. Weiß der Geier. Nicht so, wie man das kennt. So eindimensional, monothematisch, nicht so tausendmal gelesen und klischeehaft. Wir ließen uns gerne auf seine Gedanken ein. Wobei ich mir nicht sicher bin, ob wir uns nicht auch auf ein anderes Thema mit ähnlicher Konzentration eingelassen hätten, einfach um der Freude willen, mit dem Intensitätspotenzial seiner und unserer Gedanken zu spielen, ein bißchen herumzujonglieren. Wie auch immer. Es ist spät. Es war spät. Es dämmerte bereits, wir erlebten die blaue Stunde, in dieser schönen kleinen Runde. An diesem Abend wurde nicht getanzt, nicht mit Beinen, aber doch ein bißchen mit und in Gedanken.
14. August 2015
Gratuliere, lieber Wim Wenders. Schon siebzig Jahre, allerhand. Wie schnell die Zeit vergeht, man dreht sich um, fährt sich gerade noch schwungvoll durchs Haar und schon sind wieder zehn Jahre vorbei. Weder habe ich alle Filme von ihm gesehen, noch habe ich die, die ich gesehen habe, alle verstanden. Manche Bilder sind hängen geblieben. Natürlich aus dem Himmel über Berlin. Neulich kam auf arte „Der amerikanische Freund“ mit Bruno Ganz und Dennis Hopper. Ich konnte rein gar nichts damit anfangen. Weder mit den Dialogen noch mit der verworrenen Geschichte, noch den Figuren. Trotz Respekt für die Schauspieler. Hat mir nicht gefallen. Den Himmel über Berlin finde ich stellenweise auch unerträglich pathetisch, dann wieder zu Herzen gehend. Starke Bilder der Stadt. Das wechselt sehr. Ich mochte teilweise das Video, das er mit Frau Minichmayr und diesem Sänger aus Düsseldorf zu dem sehr schönen Song Auflösen gedreht hat. Vor allem, weil ich das Lied mag und man spürt, dass zwischen den beiden echte Energie herrscht. Aber eigentlich gratuliere ich Wim Wenders viel mehr wegen meiner Eindrücke von ihm aus der Nachbarschaft und manchen kurzen Momenten auf roten Teppichen, wo er befragt wird. Wo ich nebenbei noch niemals dabei war, das hört sich jetzt ja fast so an. Auch haben wir uns noch nie unterhalten, aber ich sehe ihn manchmal mit wehendem Haar und sehr jugendlich wirkend, auf dem Fahrrad hier herumradeln, mit ziemlich viel Tempo. Bestimmt nicht wie ein älterer Herr, der das Eintrittsalter in den Ruhestand überschritten hat. Manchmal sitzt er auch da unten, vor meinem Fenster, beim Al Contadino, wo ich mich nie trauen würde, ihn zu fotografieren. Und wenn er einem mal entgegenkommt, passiert nicht dauernd, aber schon mal, dann schaut er sehr wach und aufmerksam. Ich habe den Eindruck, er interessiert sich für die Welt und was ihn umgibt. Keine Arroganz geht von ihm aus, viel mehr eine außerordentlich komplexe Wahrnehmungsfähigkeit. Er ist mir einfach sympathisch und ich freue mich, dass er auch hier wohnt und dabei so gut geschnittene Anzüge trägt und so interessante Brillen, und immer noch die Haare wirft, als wäre er gerade mal dreißig. Das steht ihm gut und er sollte das unbedingt weiter so halten. Und immer schön Fahrrad fahren und dabei freundlich gucken. Ich wünsche gute Gesundheit und noch viele vergnügte Jahre. Vielleicht ergibt es sich ja doch irgendwann einmal, dass wir ein Schwätzchen halten. Mit Löwen verstehe ich mich ja schon immer sehr gut!
14. August 2015


https://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=330056791


Zwei Uhr zwanzig. Schon wieder so spät. Es ist einfach meine Zeit, ich wünschte selbst, die würde sich nicht derart spät nachts einfinden. Wenn ich Verabredungen habe, abendliche, nicht nächtliche (die mir mehr (sehr) liegen würden), habe ich immer das Gefühl, mir läuft die Zeit davon. Ich dusche, balsamiere mich ein, tusche meine Wimpern usw. usf., höre Musik. Im Internet (hab gerade versehentlich getippt Hinternet ) schnell noch irgendwas nachlesen, checken, gucken, wieder hängen bleiben. Noch ein Glas trinken. Noch ein paar bestimmte Songs, die mich sehr zuverlässig elektrisieren. Anybody seen my Baby? High Voltage Queen. Schuhe. Welche Schuhe? Stiefel? Doch mal wieder ein Kleid. Ach nein, doch nicht. Schmuck? Ja, aber nein, nicht das. Das andere. Martialischer. Härter. Nicht so nett. Das Zebra-Teil. Das liebe ich, darin fühle ich mich immer richtig. Auf eine nicht zu nette, unopportunistische, autonome Art gut und richtig. Ich war schon angetan, dass Doro in ihrer Einladung „ab 21 Uhr“ geschrieben hatte. Nicht diese Kindergeburtstagsuhrzeiten wie bei Eröffnungen. 19 Uhr. Bitte. Da trinke ich meinen dritten Nachmittagskaffee. Und mit dem eigentlichen Trinken versuche ich immer noch nach Einbruch der Dunkelheit zu beginnen. Die ist derzeit bei ca. halbzehn. Dafür bin ich um zwei aber auch noch nicht haltlos betrunken. Was war das nun für eine Party? Mir kommt die Betitelung selbst ein bißchen aus dem Fenster gelehnt vor, weil erneut keine Bilddokumentation entstanden ist. Und auch hier war die Kamera immer in meiner Griffweite. Diesmal waren es nicht zu komplizierte Lichtverhältnisse und auch waren einige Gesichter da, die ich sehr gerne gesehen habe und gerne einmal einfangen möchte. Manche zum ersten mal. Andere gerne einmal wieder. Jedoch alles, jeder Moment schien mir zu privat. Man kann nicht einfach in einer privaten Wohnung, die nicht die eigene ist, und in der man selbst erstmalig zu Gast ist, ohne Aufforderung der Gastgeberin herumfotografieren. Das gehört sich nicht, es sei denn, sie würde es sich wünschen. Sie hätte sich einiges wünschen können und dürfen. Denn sie hatte Geburtstag. Denselben, den ich in knapp drei Wochen habe. Also dieselbe Zahl. Wir sind derselbe Jahrgang, Doro und ich. Dass ich überhaupt dort war, sein durfte, rührte von dem Abend, als Sebastian seine Hochzeit im Circus Lemke feierte. Dort war Doro auch und fragte mich, ob ich nicht Lust hätte, am kommenden Samstag zu ihrer kleinen Geburtstagsfeier zu kommen. Ich hatte sogar sehr Lust, denn immer, wenn ich Doro sehe, so selten das ist, habe ich aus unerfindlichen Gründen ein Empfinden von Vertrautheit und Verbundenheit, als wäre sie eine alte Schulfreundin, mit der man sich an Pferde erinnert, die man früher zusammen gestohlen hat. Ich weiß nicht, ob es ihr ein bißchen ähnlich geht, aber mir geht es so. Was aber nicht dazu führt, dass man von Stund an denkt, man müsste sich nun dauernd verabreden und so schnell wie möglich wieder sehen. Gar nicht. Aber manchmal. Und dann sehr gerne. Ohne Wenn und Aber. Jeder hat so sein eigenes Leben zusammengebastelt, in fünf vollendeten Dekaden. Es gibt Rituale und Verpflichtungen. Schöne und langweiligere. Aber ab und zu kann man nebeneinander in einer schönen Bar oder in einem schönen Wohnzimmer sitzen und gemeinsam laut denken, ein bißchen Telepathie pflegen. Und lachen. An diesem schönen Abend traf ich endlich zum ersten mal Kitty Koma, die mit ihrem Gefährten gekommen war. Eigentlich nur um die Ecke. Wir wohnen alle nicht so sehr weit voneinander entfernt. An ihr war mir gar nichts fremd oder befremdlich. Ich mochte sie sofort, aber irgendwie wusste ich das vorher schon, oder hoffte es zumindest. Modeste war auch da. Und Wortschnittchen. Und Engl, die sich alle drei auf eine schöne Art entwickelt haben. Anne, die auch bei Sebastians Feier im Circus Lemke war, war ebenfalls da, sie hatte ein Kleid mit einem Muster an, das mich total in den Bann zog. Und noch ganz viele andere, die ich nicht kannte. Überwiegend in etwa meinem, unserem Alter. Zehn Jahre mehr oder weniger, da wollen wir nicht kleinlich sein. Mek kam später auch noch, zu meiner allergrößten Freude, denn er ist immer meine Augenweide. Bitte nicht falsch verstehen, viele waren attraktiv anzusehen, aber bei Mek fotografiere ich innerlich immer. Eigentlich filme ich ihn sogar. Aber das ist kein Geheimnis. Wenn er nicht verheiratet wäre, würde ich solche Sachen wahrscheinlich nicht schreiben. Aber ich bin ja jenseits von Gut und Böse. O.k. Nein, Quatsch. Ich bin nicht jenseits von Gut und Böse. Es ist 2:47 Uhr, ich fange an zu faseln. Natürlich trinke ich auch. Das ist normal um diese Zeit, wenn man noch nicht schläft, oder? Blanquette de Limoux. Mek schrieb vor einer Weile einen Eintrag, in dem er diesen Abend erwähnte, vor allem den letzten Abschnitt. Kann man hier nachlesen. Wir saßen in einer sehr kleinen Runde, Mek, Modeste, das Geburtstagskind, noch eine Freundin von ihr und ich, in diesem wunderbaren Berliner Zimmer. So schöner Stuck an der Decke, so behutsam freigelegt, restauriert. Ich habe mich eigentlich wie daheim gefühlt, obwohl mein Daheim ganz anders aussieht. Doro und ich saßen unter einer großen bemalten Leinwand mit Kois, diesen orangeroten Fischen. So ein schönes Bild. Mek hat das Talent, jedes Gespräch, zu dem er stößt, zu intensivieren und in eine interessantere Richtung zu lenken, kommt mir jedenfalls so vor. Ohne ihn hätten wir uns mit Sicherheit keine Sekunde über Sexblogs unterhalten, oder ob es reizvoll sein könnte, über dieses Thema zu schreiben. Irgenwie anders. Weiß der Geier. Nicht so, wie man das kennt. So eindimensional, monothematisch, nicht so tausendmal gelesen und klischeehaft. Wir ließen uns gerne auf seine Gedanken ein. Wobei ich mir nicht sicher bin, ob wir uns nicht auch auf ein anderes Thema mit ähnlicher Konzentration eingelassen hätten, einfach um der Freude willen, mit dem Intensitätspotenzial seiner und unserer Gedanken zu spielen, ein bißchen herumzujonglieren. Wie auch immer. Es ist spät. Es war spät. Es dämmerte bereits, wir erlebten die blaue Stunde, in dieser schönen kleinen Runde. An diesem Abend wurde nicht getanzt, nicht mit Beinen, aber doch ein bißchen mit und in Gedanken.
12. August 2015
Ich halte mich nicht mehr an die strikte Chronologie der Ereignisse. Aus irgendeinem Grund habe ich mehr Lust, mich mit den jüngeren Ereignissen und Ausflügen zu befassen. Das hier wird wieder ein Eintrag, wo man sich die Bilder selbst dazudenken muss. Denken Sie sich doch mal sechshundert Zeichnungen von sechshundert anonymen Zeichnern und im Anschluss ein paar Aufnahmen von mir und ein paar anderen Menschen. Wieder hatte ich die Kamera dabei. Akku geladen, Objektiv geputzt. Nicht ein Foto gemacht. Aber diesmal lag die Sache etwas anders. Der Abend war nicht so kurz wie neulich in Friedrichshain in der Fotogalerie. Ich muss gestehen, ich wäre von selber nicht auf die Ausstellung der „Anonymen Zeichner“ gestoßen. Weil aber mein lieber Freund (und ich sage nicht mehr Bloggerfreund, weil mir das zu schlicht vorkommt und die Sache nicht trifft) Sebastian dort und dabei war, hatte ich Lust darauf. Sogar Lust, etwas zu kaufen. Mir gefiel die Vorstellung, vor so vielen Zeichnungen zu stehen, die Bilder mit den Augen zu scannen und dann vielleicht fasziniert an einem so kleben zu bleiben, dass ich es haben will. Alle Bilder hatten denselben Preis, zweihundert Euro. Ich habe extra darauf geachtet, dass ich genug Bargeld dabei habe. Auf der Internetseite des Projekts sah ich sogar ein ganz bestimmtes Bild, das ich gerne real angeschaut hätte. Leider war es nicht vor Ort.
https://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=330056791



Ich bin sehr selten in Moabit, äußerst selten. Ich wusste, dass noch wenigstens Elvira, die in Moabit wohnt, dort sein würde. An dem Abend hatte ich Lust, mich nicht schwarzweiß anzuziehen, was ich oft mache. Es widerfährt mir eher, ich fühle mich in schwarzweiß sehr wohl. Kann man auch nicht erklären. Aber wenn ich womöglich ein sehr buntes Bild kaufen würde, wäre es doch schön, wenn ich selber bunt wäre. Man ist ja auch ein Exponat von anonymen Zeichnungen, wenn man so wild gemusterte Sachen anhat. Nie erfährt man, wer den Stoff entworfen, „gezeichnet“ hat. Ich hatte also zweihundert Euro im Geldbeutel und noch ein bißchen mehr, um auch was zu trinken kaufen zu können. Und für alle Fälle ein Taxi zu bezahlen (also zurück). Wenn es spät ist, hat man ja oft keine Lust, sich auf irgendwelche komplizierten U- oder S-Bahnverbindungen oder womöglich Nachtbusse einzulassen. Wenn es sehr spät ist und man sehr trunken ist, will man heim und zwar so schnell wie möglich. Auch dieser Abend war ein sehr warmer Sommerabend. Irgendwo musste ich umsteigen, auf dem Hinweg. Wie war das noch? Kommt mir schon wieder vor wie ewig lange her. Es war ein paar Tage vor dem Abend im Löwenpalais, andere Bilder in meinem Kopf überlagern die Kleinigkeiten der Erinnerung. Ich musste jedenfalls zur Turmstraße. Ach ja: vom Rosenthaler Platz bin ich bis Osloer gefahren und dann Richtung Steglitz mit der U 9 bis Turmstraße. So war das. Ein gutes Stück noch gelaufen, aber ich hatte meine schwarzen Reeboks an den Füßen, da kommt es auf hundert Meter mehr oder weniger nicht an. Viele Leute waren vor dem Eingang. Die Raucher, denkt man zuerst. Aber als ich hineinging, kam mir so eine stickig heiße Luft entgegen, viel heißer als draußen und sehr sauerstoffarm, dass wahrscheinlich selbst eine vor der Tür inhalierte Zigarette mehr Sauerstoff transportiert hätte. Ich ging ziemlich schnell durch die Raumfluchten mit den vielen hundert Zeichnungen. Alle sehr klein, meistens nur DIN A 4. Die mich interessierte, fand ich nicht, aber dafür Sebastian, der mit einem Kollegen am Fenster saß. Wir begrüßten uns freudig und ich schaute gleich noch mal weiter, ob ich das Bild nicht doch entdecke. Das von Sebastian hing auch anonym da, wie alle, aber ich habe es nicht entdeckt und zugegebenermaßen auch nicht wissenschaftlich danach gesucht.



An der Theke mit den Getränken war eine kleine Warteschlange, ich haderte, mir etwas zu holen und tat es doch nicht, es war einfach so stickig. Ich fragte noch bei der Kuratorin nach dem Bild, sie erklärte, es wäre aus dem Archiv und nicht da. Ich lief noch mal schnell an allen Wänden vorbei, die Luft wurde langsam wirklich knapp. Eine kleine Zeichnung oder vielmehr ein Bild, zwischen elektrischem Pink und Magenta, es sah aus wie mit Wasserfarben gepinselt, gefiel mir ganz gut, aber es war mir keine zweihundert Euro wert. Dafür war es zu beliebig und mickrig. Viel Amateurhaftes klebte an den Wänden, und darunter eher selten, komplexe, aufwändige Zeichnungen, mitunter von mysteriösen Welten. Im Grunde war Alles und Nichts dabei. Ich hatte genug gesehen. Aus dem Augenwinkel sah ich zufällig die wunderbare Angela Winkler mit einer Freundin an den Wänden vorbeiflanieren, sie guckte sehr konzentriert, als ob sie nach einem bestimmten Bild Ausschau hält und sah außerordentlich gut aus, und wenn ich zum Paparazzen neigen würde, hätte ich sie fotografiert. Aber sie war ja privat dort, nicht um von irgendwelchen Besuchern mit der Kamera gestalkt zu werden. So käme es mir vor, wenn ich die Situation derart ausgenutzt hätte. Ich ging hinaus und war ein bißchen orientierungslos, weil ich Sebastian drinnen nicht mehr gefunden hatte. Gegenüber von der Eingangstür war im Gewimmel eine Bank, auf der saß Konstantin. Konstantin, der Kunstkontakter. Wir begrüßten uns herzlich und wir kamen schnell ins Gespräch. Über alles mögliche. Er hat immer recht bizarre Outfits an. Eine staatstragende Offiziersmütze oder wie man das nennt, ein gelbes T-Shirt glaube ich, und so eine leuchtorange Straßenbauarbeiterhose, wenn ich es recht erinnere. Er taxierte mich von oben bis unten und meinte: „Na ja, du warst ja schon immer eine der wenigen, die avantgardemäßig unterwegs war, immer ganz ausgefallene Sachen an!“ Das war aber schon irgendwie anerkennend gemeint, wie ich Konstantin kenne. Er fragte mich Verschiedenes aus der Vergangenheit, auch was bestimmte Verbindungen und Beziehungen angeht, die er zum Teil anders interpretiert hat, als sie waren. Ich staunte, an was für Details und Szenen er sich erinnert. An irgendeinen Moment vor der damaligen Galerie Sakamoto, wo er meinte gesehen zu haben, wie ich und – – – na ja. Unsinn. Egal. Auf jeden Fall offenbar viel Phantasie bei Konstantin im Spiel. Ich musste lachen. Außerdem alles ewig her. Ich erwähnte in dem Zusammenhang, dass ich eine ganze Weile sehr wenig unterwegs war. Wegen Liebeskummer.


Konstantin wetterte „Na siehst du, hättest du damals mich genommen, hättest du keinen Liebeskummer gehabt, selber Schuld!“ Das ist so ein wiederkehrendes Geplänkel, dem man nicht zuviel Gewicht beimessen sollte. Sagen wir, Ausdruck einer gewissen Grundsympathie, was mir im übrigen jahrelang nicht klar war. Ich dachte, dass er nicht sonderlich viel von mir hält, aufgrund seiner früheren unterkühlt-autoritären Begrüßungsgesten. Na ja, so kann man sich täuschen. Aber nun weiß ich ja, dass er im Grunde ein weichherziger Mensch ist, der lediglich aus strategischen Gründen auch sehr streng gucken kann. Wir unterhielten uns noch recht ausführlich, über sein Elternhaus und seinen Vater und seine Mutter, seinen Herkunftsort und wie sich seine Eltern kennengelernt hatten. Beide leben nicht mehr. Auch so eine Dynamik, die sich in letzter Zeit wiederholt. Ich beginne mit jemandem ein harmloses, mitunter sogar albernes Geplauder und auf einmal wird daraus ein sehr ernstes Gespräch. Ist mir aber auch nicht unangenehm. Mittlerweile sah ich Elvira vorbeilaufen, sie ging in die Galerie aber sah mich nicht. Nach circa zehn Minuten kam sie wieder raus, ihr Liebster war auch dabei, und auch Sebastian war wieder da. Wir seilten uns in eine in Laufweite liegende Kneipe ab. Noch eine Freundin von Elvira kam dazu und auch noch ein anderer anonymer Zeichner, der sein Bild auf seinem Handy zeigte. Es war mir sogar aufgefallen, weil es so aufwändig und vielschichtig gezeichnet war. Als die Kneipe draußen nicht mehr bediente, zogen wir weiter in einen unheimlich schönen Biergarten, es war schon lange dunkel und wir tranken viel und hatten ein paar gegrillte Spieße und führten an dem langen Tisch lange, vertraute Gespräche. Ich dachte nicht eine Sekunde daran, irgendjemanden fotografieren zu wollen. Es war ja auch viel zu dunkel und man muss nicht jeden lebenswerten Moment als materialisierte Erinnerung bannen. Hat man ja früher auch nicht gemacht. Man erinnert sich auch ohne Kamerabilder an so einen schönen Abend. Das ist also diesmal die Erklärung, wieso es vom ersten August nur ein paar Bilder meiner Garderobe gibt.
12. August 2015
Ich halte mich nicht mehr an die strikte Chronologie der Ereignisse. Aus irgendeinem Grund habe ich mehr Lust, mich mit den jüngeren Ereignissen und Ausflügen zu befassen. Das hier wird wieder ein Eintrag, wo man sich die Bilder selbst dazudenken muss. Denken Sie sich doch mal sechshundert Zeichnungen von sechshundert anonymen Zeichnern und im Anschluss ein paar Aufnahmen von mir und ein paar anderen Menschen. Wieder hatte ich die Kamera dabei. Akku geladen, Objektiv geputzt. Nicht ein Foto gemacht. Aber diesmal lag die Sache etwas anders. Der Abend war nicht so kurz wie neulich in Friedrichshain in der Fotogalerie. Ich muss gestehen, ich wäre von selber nicht auf die Ausstellung der „Anonymen Zeichner“ gestoßen. Weil aber mein lieber Freund (und ich sage nicht mehr Bloggerfreund, weil mir das zu schlicht vorkommt und die Sache nicht trifft) Sebastian dort und dabei war, hatte ich Lust darauf. Sogar Lust, etwas zu kaufen. Mir gefiel die Vorstellung, vor so vielen Zeichnungen zu stehen, die Bilder mit den Augen zu scannen und dann vielleicht fasziniert an einem so kleben zu bleiben, dass ich es haben will. Alle Bilder hatten denselben Preis, zweihundert Euro. Ich habe extra darauf geachtet, dass ich genug Bargeld dabei habe. Auf der Internetseite des Projekts sah ich sogar ein ganz bestimmtes Bild, das ich gerne real angeschaut hätte. Leider war es nicht vor Ort.
https://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=330056791



Ich bin sehr selten in Moabit, äußerst selten. Ich wusste, dass noch wenigstens Elvira, die in Moabit wohnt, dort sein würde. An dem Abend hatte ich Lust, mich nicht schwarzweiß anzuziehen, was ich oft mache. Es widerfährt mir eher, ich fühle mich in schwarzweiß sehr wohl. Kann man auch nicht erklären. Aber wenn ich womöglich ein sehr buntes Bild kaufen würde, wäre es doch schön, wenn ich selber bunt wäre. Man ist ja auch ein Exponat von anonymen Zeichnungen, wenn man so wild gemusterte Sachen anhat. Nie erfährt man, wer den Stoff entworfen, „gezeichnet“ hat. Ich hatte also zweihundert Euro im Geldbeutel und noch ein bißchen mehr, um auch was zu trinken kaufen zu können. Und für alle Fälle ein Taxi zu bezahlen (also zurück). Wenn es spät ist, hat man ja oft keine Lust, sich auf irgendwelche komplizierten U- oder S-Bahnverbindungen oder womöglich Nachtbusse einzulassen. Wenn es sehr spät ist und man sehr trunken ist, will man heim und zwar so schnell wie möglich. Auch dieser Abend war ein sehr warmer Sommerabend. Irgendwo musste ich umsteigen, auf dem Hinweg. Wie war das noch? Kommt mir schon wieder vor wie ewig lange her. Es war ein paar Tage vor dem Abend im Löwenpalais, andere Bilder in meinem Kopf überlagern die Kleinigkeiten der Erinnerung. Ich musste jedenfalls zur Turmstraße. Ach ja: vom Rosenthaler Platz bin ich bis Osloer gefahren und dann Richtung Steglitz mit der U 9 bis Turmstraße. So war das. Ein gutes Stück noch gelaufen, aber ich hatte meine schwarzen Reeboks an den Füßen, da kommt es auf hundert Meter mehr oder weniger nicht an. Viele Leute waren vor dem Eingang. Die Raucher, denkt man zuerst. Aber als ich hineinging, kam mir so eine stickig heiße Luft entgegen, viel heißer als draußen und sehr sauerstoffarm, dass wahrscheinlich selbst eine vor der Tür inhalierte Zigarette mehr Sauerstoff transportiert hätte. Ich ging ziemlich schnell durch die Raumfluchten mit den vielen hundert Zeichnungen. Alle sehr klein, meistens nur DIN A 4. Die mich interessierte, fand ich nicht, aber dafür Sebastian, der mit einem Kollegen am Fenster saß. Wir begrüßten uns freudig und ich schaute gleich noch mal weiter, ob ich das Bild nicht doch entdecke. Das von Sebastian hing auch anonym da, wie alle, aber ich habe es nicht entdeckt und zugegebenermaßen auch nicht wissenschaftlich danach gesucht.



An der Theke mit den Getränken war eine kleine Warteschlange, ich haderte, mir etwas zu holen und tat es doch nicht, es war einfach so stickig. Ich fragte noch bei der Kuratorin nach dem Bild, sie erklärte, es wäre aus dem Archiv und nicht da. Ich lief noch mal schnell an allen Wänden vorbei, die Luft wurde langsam wirklich knapp. Eine kleine Zeichnung oder vielmehr ein Bild, zwischen elektrischem Pink und Magenta, es sah aus wie mit Wasserfarben gepinselt, gefiel mir ganz gut, aber es war mir keine zweihundert Euro wert. Dafür war es zu beliebig und mickrig. Viel Amateurhaftes klebte an den Wänden, und darunter eher selten, komplexe, aufwändige Zeichnungen, mitunter von mysteriösen Welten. Im Grunde war Alles und Nichts dabei. Ich hatte genug gesehen. Aus dem Augenwinkel sah ich zufällig die wunderbare Angela Winkler mit einer Freundin an den Wänden vorbeiflanieren, sie guckte sehr konzentriert, als ob sie nach einem bestimmten Bild Ausschau hält und sah außerordentlich gut aus, und wenn ich zum Paparazzen neigen würde, hätte ich sie fotografiert. Aber sie war ja privat dort, nicht um von irgendwelchen Besuchern mit der Kamera gestalkt zu werden. So käme es mir vor, wenn ich die Situation derart ausgenutzt hätte. Ich ging hinaus und war ein bißchen orientierungslos, weil ich Sebastian drinnen nicht mehr gefunden hatte. Gegenüber von der Eingangstür war im Gewimmel eine Bank, auf der saß Konstantin. Konstantin, der Kunstkontakter. Wir begrüßten uns herzlich und wir kamen schnell ins Gespräch. Über alles mögliche. Er hat immer recht bizarre Outfits an. Eine staatstragende Offiziersmütze oder wie man das nennt, ein gelbes T-Shirt glaube ich, und so eine leuchtorange Straßenbauarbeiterhose, wenn ich es recht erinnere. Er taxierte mich von oben bis unten und meinte: „Na ja, du warst ja schon immer eine der wenigen, die avantgardemäßig unterwegs war, immer ganz ausgefallene Sachen an!“ Das war aber schon irgendwie anerkennend gemeint, wie ich Konstantin kenne. Er fragte mich Verschiedenes aus der Vergangenheit, auch was bestimmte Verbindungen und Beziehungen angeht, die er zum Teil anders interpretiert hat, als sie waren. Ich staunte, an was für Details und Szenen er sich erinnert. An irgendeinen Moment vor der damaligen Galerie Sakamoto, wo er meinte gesehen zu haben, wie ich und – – – na ja. Unsinn. Egal. Auf jeden Fall offenbar viel Phantasie bei Konstantin im Spiel. Ich musste lachen. Außerdem alles ewig her. Ich erwähnte in dem Zusammenhang, dass ich eine ganze Weile sehr wenig unterwegs war. Wegen Liebeskummer.


Konstantin wetterte „Na siehst du, hättest du damals mich genommen, hättest du keinen Liebeskummer gehabt, selber Schuld!“ Das ist so ein wiederkehrendes Geplänkel, dem man nicht zuviel Gewicht beimessen sollte. Sagen wir, Ausdruck einer gewissen Grundsympathie, was mir im übrigen jahrelang nicht klar war. Ich dachte, dass er nicht sonderlich viel von mir hält, aufgrund seiner früheren unterkühlt-autoritären Begrüßungsgesten. Na ja, so kann man sich täuschen. Aber nun weiß ich ja, dass er im Grunde ein weichherziger Mensch ist, der lediglich aus strategischen Gründen auch sehr streng gucken kann. Wir unterhielten uns noch recht ausführlich, über sein Elternhaus und seinen Vater und seine Mutter, seinen Herkunftsort und wie sich seine Eltern kennengelernt hatten. Beide leben nicht mehr. Auch so eine Dynamik, die sich in letzter Zeit wiederholt. Ich beginne mit jemandem ein harmloses, mitunter sogar albernes Geplauder und auf einmal wird daraus ein sehr ernstes Gespräch. Ist mir aber auch nicht unangenehm. Mittlerweile sah ich Elvira vorbeilaufen, sie ging in die Galerie aber sah mich nicht. Nach circa zehn Minuten kam sie wieder raus, ihr Liebster war auch dabei, und auch Sebastian war wieder da. Wir seilten uns in eine in Laufweite liegende Kneipe ab. Noch eine Freundin von Elvira kam dazu und auch noch ein anderer anonymer Zeichner, der sein Bild auf seinem Handy zeigte. Es war mir sogar aufgefallen, weil es so aufwändig und vielschichtig gezeichnet war. Als die Kneipe draußen nicht mehr bediente, zogen wir weiter in einen unheimlich schönen Biergarten, es war schon lange dunkel und wir tranken viel und hatten ein paar gegrillte Spieße und führten an dem langen Tisch lange, vertraute Gespräche. Ich dachte nicht eine Sekunde daran, irgendjemanden fotografieren zu wollen. Es war ja auch viel zu dunkel und man muss nicht jeden lebenswerten Moment als materialisierte Erinnerung bannen. Hat man ja früher auch nicht gemacht. Man erinnert sich auch ohne Kamerabilder an so einen schönen Abend. Das ist also diesmal die Erklärung, wieso es vom ersten August nur ein paar Bilder meiner Garderobe gibt.
10. August 2015
https://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=330056791










Das Löwenpalais im Grunewald. Letzten Mittwoch war ich da. Es ist die Residenz einer Kunststiftung, der Stiftung Starke, die das Vermächtnis des Vaters an den Sohn war. Eine schöne Idee, Künstlerwohnungen gibt es auch dort. Yoko Ono war auch mal „Artist in Residence“ in der Kunststiftung Starke. Ist aber an mir vorbeigegangen. Jedenfalls ergab es sich, dass ich diesen Ort besuchte, weil an dem Abend ein Sommerfest stattfand. Vom Garten mit den Gästen habe ich gar keine Aufnahmen. Aber das hat schon alles seinen Grund. Sicher wird man anhand der Bilder denken: Holla, das ist ja mal ein Ambiente, nicht von schlechten Eltern, hier lässt es sich feiern! Es ist halt immer so eine Sache mit der Klientel. Ich hatte gewissermaßen die Schlußfolgerung gezogen, dass das Publikum in der Stiftung Starke stark den schönen Künsten zugeneigt sein würde, was u. a. auch an der Betitelung der Feier lag, die ich hier aber lieber unerwähnt lasse. Man konnte sich da eigenmächtig auf die Gästeliste setzen lassen, sofern man überhaupt von der Veranstaltung wusste. Ich hatte mir den Weg zur Königsallee im Grunewald ausgeguckt und ausgedruckt. Das Fahrgastinfo der BVG schlug mir vor, bis Westkreuz mit der S-Bahn zu fahren und dann zu laufen. Angeblich 1,2 Kilometer. Mir kam es beim Blick auf die Landkarte, also den Stadtplan, schon recht weiträumig vor, was da mit vorgeblich 1,2 Kilometern avisiert wurde, aber wird schon stimmen. Das ist doch alles von Profis programmiert, die werden das ja wohl wissen. Kann natürlich auch sein, dass hin und wieder die Luftlinie angegeben wird. Aber da muss man sich flexibel zeigen. Während ich am Westkreuz treppauf, treppab den Ausgang suchte, war ich schon recht gut eingelaufen und froh, dass meine Lackstiefelchen um einiges bequemer sind, als sie aussehen. Ich gabelte einen Herrn in arbeitstauglicher Kleidung auf der Treppe auf, der wirkte, als ob er sich auskennt, und hielt ihm meinen gedruckten Plan unter die Nase. Ob es da noch einen anderen Ausgang gibt, wollte ich wissen. „Nein, hier gibt es nur einen, wo wollense denn hin? Ach! Richtung Halensee! Ich muss zum Trabener Steig, meine Richtung, könnse mir einfach hinter her!“ „Na gut, dann lauf ich Ihnen hinterher!“ „Ist mir auch schon lange nicht mehr passiert, dass mir eine Frau hinterherläuft, dass ich das noch erleben darf! Haha“. Er musste dann bei irgendeinem Stellwerk oder was das war, zu seiner Arbeit, Abendschicht. Ich fand mich dann auch alleine zurecht. Wenn man erst einmal das gruselige Westkreuz mit seinem Fahrbahn- und Schienengewirr hinter sich hat, und am Halensee ist, spaziert es sich doch sehr schön. Obwohl es nun nicht mein Ziel war, den Abend mit einem Spaziergang zu verleben. Na gut, hat man es mal gesehen, das ganze Drumherum.




Tolle Villen, tolle Portale, alles sehr schön und lauschig. So hässlich wie das Westkreuz ist, so schön ist die Ecke vom Grunewald. Altehrwürdige, hochherrschaftliche Bauten. Wahnsinnig ruhig. Nur Vogelgezwitscher. Ab und zu ein teures Automobil im Schritttempo. Langsam wäre ich schon gerne angekommen. An einer Bushaltestelle kam ich vorbei. Wie ärgerlich, dort konnte ich feststellen, dass ich nur mit der S-Bahn weiter bis Grunewald hätte fahren müssen und dann zwei Bushaltestellen in die Königsallee, schon wäre ich bequem dort gewesen. Aber nun ja, eine Möglichkeit, die Umgebung zu erkunden. Fotos habe ich dabei nicht gemacht. Endlich kam das Ziel näher. Rechter Hand ein See mit viel Entengrütze drauf, der Dianasee glaube ich. Oder war es der Königssee? Man bringt das dann auch durcheinander. Also ich war ungefähr um kurz nach Zwanzig Uhr oder so da. Eigentlich sehr zeitig. Die Damen, Hostessen nennt man das auch, zwei Stück, hakten die Gästeliste ab und man kriegte noch ein Los für eine Tombola und einen Gutschein für irgendein Getränk, was mit Wodka, der dort promotet wurde. Als ich durch den Garten der Villa in den rückwärtigen Eingangsbereich mit der Freitreppe und der Terrasse ging, hatte ich sehr schnell einen umfassenden Eindruck des Publikums. Ich möchte es so sagen: es ist ein sehr spezielles Publikum gewesen. Finanzielle Engpässe spielen eher keine Rolle, war so mein Eindruck. Sicher wird auch gerne mal ein Kunstwerk gekauft, das sollte schon drin sein. Die Damen waren alle besonders zurechtgemacht. Das kennt man ja auch von irgendwelchen anderen Abendveranstaltungen, aber hier war es irgendwie so ein bißchen wie man es in den Episoden von Kir Royal immer gesehen hat. Wenn Baby Schimmerlos mit seiner Senta in dieses italienische Lokal gegangen ist, Bussi Bussi. Und viele Handtaschen mit Herstellervermerk. Hellroter Lippenstift und sehr brauner Teint. Es waren aber auch sehr schöne Partykleider darunter. Mit viel Paillettenglitzer. Die Frisuren saßen auch sehr gut. Die Herren trugen viel Weiß. Weiße Hemden und auch die eine oder andere weiße Hose. Als ich das Geschehen überblickt hatte, ging ich zum ersten mal in die Villa. Dort freute ich mich über die rosa-violette Opulenz im Salon. Die putzigen Sitzmöbel konnte ich alle durchprobieren, weil es drinnen nicht sehr voll war. Die meisten waren draußen, außer wenn sie was zum Trinken an der Bar holten. Ich holte mir auch was. Ein amerikanisches Bier. Hat mir sogar sehr gut geschmeckt, Überraschung. Heineken heißt es, ganz bekannt, habe ich bisher immer vermieden, aber kann man trinken. Ich grübelte ein bißchen, wo meine Freunde wohl bleiben, denn ich war mit Jan und Ina und Ann verabredet. Die wollten auch kommen und standen doch auch auf dieser Gästeliste. Ich hoffte, dass sie nicht etwa schon da gewesen waren und wieder gegangen sind, weil ihnen das Publikum etwas – – äh – na ja. Nennen wir es beim Namen: suspekt war. Ich überlegte, ich könnte die Hostessen fragen, ob sie die Namen schon abgehakt haben, habe ich auch gemacht. Sie waren aber noch gar nicht da gewesen. Also beschloss ich, mich zu beschäftigen, bis die vertrauten Gesichter hoffentlich noch eintreffen. Ich fotografierte ein bißchen herum, die Löwen, trank mein Heineken und ging wieder durch den Garten, hinein in die Villa, zur leeren Tanzfläche. Guter Sound. Die Bässe und der gute Klang animierten mich, doch nicht einfach abzuhauen, sondern weiter zu warten. Ich beobachtete die Leute und kam mir ein bißchen vor wie in so einer Gesellschaft, wie bei den jungen Royals. Wenn da Hochzeiten gefeiert werden, sehen die Leute auch so ähnlich aus. Adrett und gut betucht und ein bißchen verklemmt und langweilig, aber insgesamt sehr ihrer gesellschaftlichen Relevanz sicher. Es gab einen Flügel und ein Klavier im Salon. Ich hob den Deckel und drückte auf ein paar Tasten, einfach so zum Zeitvertreib. Ich klappte den Deckel wieder zu, eine junge Frau hatte mir zugeschaut und fragte erwartungsfroh, ob ich spielen wollte? Sie hoffte wohl auf ein bißchen Abwechslung und Action. Ich sagte: „ich wollte schon gerne, aber ich kann leider nicht!“ Echtes Bedauern zeichnete sich auf ihrem Gesicht ab. Mein erstes Bier war gerade leer, als ich mich anschickte, mich wieder einzureihen, für ein zweites Glas Heineken. Da erblickte ich Ann in der Tür, sie kam zur Terrasse rein und ich umarmte sie begeistert. Ob Ina auch dabei wäre? Und Jan? Ja, ja, die sind auch dabei. Sie waren vorher noch bei irgendeiner Ausstellungseröffnung. Ich war wie erlöst. Ina war gut drauf und amüsierte sich mit Ann und mir über das eine oder andere gelungene Outfit der Grunewald-Society. Nur Jan machte ein Gesicht wie drei Tage Regenwetter. So hatte ich ihn überhaupt noch nicht erlebt. Als hätte er Magenschmerzen. Er war überhaupt nicht in seinem Element, dabei hatte ich gehofft, er könnte Geschmack an dem einen oder anderen Outfit der Damen finden und es ein bißchen dokumentieren. Da war nichts zu machen. Ausgerechnet Jan, der mich erst auf die Idee gebracht hatte, durch seine Bilder, ins Löwenpalais zu gehen, eröffnete mir, er hätte sich hier eigentlich immer schon irgendwie unwohl gefühlt. Na toll. Schön, dass ich das jetzt erfahre, schön, dass wir mal drüber gesprochen haben! Ina und Ann hingegen demonstrierten mir sehr überzeugend ihre Partylaune und versicherten mehrfach, dass sie es sehr amüsant fänden. Ich fand es von da an ja auch sehr amüsant, weil wir hatten ja schließlich uns und wann würde man jemals wieder so eine Veranstaltung aus nächster Nähe sehen können! Wir holten uns Getränke und suchten uns einen netten Platz im hinteren Garten, wo Tische und Sitzmöbel waren. Wir plauschten über Gott und die Welt, es wurde sogar tiefsinnig.







Kann schon mal passieren. Plötzlich kam ein Herr vom Service und kündigte an, dass jetzt die Livemusik anfangen würde und dann wäre gegen zehn die Tomobola. Eine Porsche-Sonnenbrille und eine Porsche-Armbanduhr gab es zu gewinnen. Mittlerweile war Jan einfach abgehauen, es war ihm zu blöd, er sagte nicht mal Bescheid. Wir alberten dann zu dritt herum, dass wir ihm ja als Trostpreis unsere gewonnenen Porsche-Brillen und Uhren schenken könnten. Wir haben viel gelacht. Also nicht wegen Jan, sondern weil wir uns gut unterhalten haben. Weil wir uns so verquatscht haben, sind wir zur spät zur Tombola in den großen Saal, die Leute kamen uns schon alle entgegen. Wir waren genau fünf Minuten zu spät. Alle Preise waren vergeben. Ein Mann, den ich fragte meinte, alle die aufgerufen waren, waren auch da und haben Preise abgeholt. Demzufolge hatten wir drei also alle Nieten! Aber jede Niete hatte eine Nummer. Ich hatte glaube ich 187. Niete Nummer 187! Also keine Porsche-Armbanduhr für Jan. Dumm gelaufen. Aber als sich der Saal leerte, legte die Sängerin richtig los. Sie gab einfach alles. Ein langes, enganliegendes Kleid hatte sie an, mit silbernen Pailletten von oben bis unten. Sie hat geglitzert wie eine Disco-Kugel und wenn man nicht so genau hingeschaut hat, hätte man denken können, es ist Mariah Carey. Aber zwanzig Jahre früher. Sie hat viele Songs sehr gut performt. Ja, man könnte sagen, sie hat alles gegeben. Besonders ein Lied von Amy Winehouse hat sie sehr gut hingekriegt. Es gab aber auch so Sachen von Tina Turner, „Private Dancer“ und den „Happy“-Song. Wir drei hatten die Tanzfläche fast für uns. Die Grunewald-Society hatte es nicht so mit Tanzen, aber wir dafür umso mehr. Ich hatte inzwischen schon mein viertes Heineken und fühlte mich sehr rhythmisch, wie ich da so mit Ina und Ann herumkasperte. Es war richtig schön. Lag jetzt aber nicht unbedingt am Konzept des Veranstalters und der Löwenvilla, sondern wahrscheinlich mehr an uns. Und natürlich am Heineken.







10. August 2015
https://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=330056791










Das Löwenpalais im Grunewald. Letzten Mittwoch war ich da. Es ist die Residenz einer Kunststiftung, der Stiftung Starke, die das Vermächtnis des Vaters an den Sohn war. Eine schöne Idee, Künstlerwohnungen gibt es auch dort. Yoko Ono war auch mal „Artist in Residence“ in der Kunststiftung Starke. Ist aber an mir vorbeigegangen. Jedenfalls ergab es sich, dass ich diesen Ort besuchte, weil an dem Abend ein Sommerfest stattfand. Vom Garten mit den Gästen habe ich gar keine Aufnahmen. Aber das hat schon alles seinen Grund. Sicher wird man anhand der Bilder denken: Holla, das ist ja mal ein Ambiente, nicht von schlechten Eltern, hier lässt es sich feiern! Es ist halt immer so eine Sache mit der Klientel. Ich hatte gewissermaßen die Schlußfolgerung gezogen, dass das Publikum in der Stiftung Starke stark den schönen Künsten zugeneigt sein würde, was u. a. auch an der Betitelung der Feier lag, die ich hier aber lieber unerwähnt lasse. Man konnte sich da eigenmächtig auf die Gästeliste setzen lassen, sofern man überhaupt von der Veranstaltung wusste. Ich hatte mir den Weg zur Königsallee im Grunewald ausgeguckt und ausgedruckt. Das Fahrgastinfo der BVG schlug mir vor, bis Westkreuz mit der S-Bahn zu fahren und dann zu laufen. Angeblich 1,2 Kilometer. Mir kam es beim Blick auf die Landkarte, also den Stadtplan, schon recht weiträumig vor, was da mit vorgeblich 1,2 Kilometern avisiert wurde, aber wird schon stimmen. Das ist doch alles von Profis programmiert, die werden das ja wohl wissen. Kann natürlich auch sein, dass hin und wieder die Luftlinie angegeben wird. Aber da muss man sich flexibel zeigen. Während ich am Westkreuz treppauf, treppab den Ausgang suchte, war ich schon recht gut eingelaufen und froh, dass meine Lackstiefelchen um einiges bequemer sind, als sie aussehen. Ich gabelte einen Herrn in arbeitstauglicher Kleidung auf der Treppe auf, der wirkte, als ob er sich auskennt, und hielt ihm meinen gedruckten Plan unter die Nase. Ob es da noch einen anderen Ausgang gibt, wollte ich wissen. „Nein, hier gibt es nur einen, wo wollense denn hin? Ach! Richtung Halensee! Ich muss zum Trabener Steig, meine Richtung, könnse mir einfach hinter her!“ „Na gut, dann lauf ich Ihnen hinterher!“ „Ist mir auch schon lange nicht mehr passiert, dass mir eine Frau hinterherläuft, dass ich das noch erleben darf! Haha“. Er musste dann bei irgendeinem Stellwerk oder was das war, zu seiner Arbeit, Abendschicht. Ich fand mich dann auch alleine zurecht. Wenn man erst einmal das gruselige Westkreuz mit seinem Fahrbahn- und Schienengewirr hinter sich hat, und am Halensee ist, spaziert es sich doch sehr schön. Obwohl es nun nicht mein Ziel war, den Abend mit einem Spaziergang zu verleben. Na gut, hat man es mal gesehen, das ganze Drumherum.




Tolle Villen, tolle Portale, alles sehr schön und lauschig. So hässlich wie das Westkreuz ist, so schön ist die Ecke vom Grunewald. Altehrwürdige, hochherrschaftliche Bauten. Wahnsinnig ruhig. Nur Vogelgezwitscher. Ab und zu ein teures Automobil im Schritttempo. Langsam wäre ich schon gerne angekommen. An einer Bushaltestelle kam ich vorbei. Wie ärgerlich, dort konnte ich feststellen, dass ich nur mit der S-Bahn weiter bis Grunewald hätte fahren müssen und dann zwei Bushaltestellen in die Königsallee, schon wäre ich bequem dort gewesen. Aber nun ja, eine Möglichkeit, die Umgebung zu erkunden. Fotos habe ich dabei nicht gemacht. Endlich kam das Ziel näher. Rechter Hand ein See mit viel Entengrütze drauf, der Dianasee glaube ich. Oder war es der Königssee? Man bringt das dann auch durcheinander. Also ich war ungefähr um kurz nach Zwanzig Uhr oder so da. Eigentlich sehr zeitig. Die Damen, Hostessen nennt man das auch, zwei Stück, hakten die Gästeliste ab und man kriegte noch ein Los für eine Tombola und einen Gutschein für irgendein Getränk, was mit Wodka, der dort promotet wurde. Als ich durch den Garten der Villa in den rückwärtigen Eingangsbereich mit der Freitreppe und der Terrasse ging, hatte ich sehr schnell einen umfassenden Eindruck des Publikums. Ich möchte es so sagen: es ist ein sehr spezielles Publikum gewesen. Finanzielle Engpässe spielen eher keine Rolle, war so mein Eindruck. Sicher wird auch gerne mal ein Kunstwerk gekauft, das sollte schon drin sein. Die Damen waren alle besonders zurechtgemacht. Das kennt man ja auch von irgendwelchen anderen Abendveranstaltungen, aber hier war es irgendwie so ein bißchen wie man es in den Episoden von Kir Royal immer gesehen hat. Wenn Baby Schimmerlos mit seiner Senta in dieses italienische Lokal gegangen ist, Bussi Bussi. Und viele Handtaschen mit Herstellervermerk. Hellroter Lippenstift und sehr brauner Teint. Es waren aber auch sehr schöne Partykleider darunter. Mit viel Paillettenglitzer. Die Frisuren saßen auch sehr gut. Die Herren trugen viel Weiß. Weiße Hemden und auch die eine oder andere weiße Hose. Als ich das Geschehen überblickt hatte, ging ich zum ersten mal in die Villa. Dort freute ich mich über die rosa-violette Opulenz im Salon. Die putzigen Sitzmöbel konnte ich alle durchprobieren, weil es drinnen nicht sehr voll war. Die meisten waren draußen, außer wenn sie was zum Trinken an der Bar holten. Ich holte mir auch was. Ein amerikanisches Bier. Hat mir sogar sehr gut geschmeckt, Überraschung. Heineken heißt es, ganz bekannt, habe ich bisher immer vermieden, aber kann man trinken. Ich grübelte ein bißchen, wo meine Freunde wohl bleiben, denn ich war mit Jan und Ina und Ann verabredet. Die wollten auch kommen und standen doch auch auf dieser Gästeliste. Ich hoffte, dass sie nicht etwa schon da gewesen waren und wieder gegangen sind, weil ihnen das Publikum etwas – – äh – na ja. Nennen wir es beim Namen: suspekt war. Ich überlegte, ich könnte die Hostessen fragen, ob sie die Namen schon abgehakt haben, habe ich auch gemacht. Sie waren aber noch gar nicht da gewesen. Also beschloss ich, mich zu beschäftigen, bis die vertrauten Gesichter hoffentlich noch eintreffen. Ich fotografierte ein bißchen herum, die Löwen, trank mein Heineken und ging wieder durch den Garten, hinein in die Villa, zur leeren Tanzfläche. Guter Sound. Die Bässe und der gute Klang animierten mich, doch nicht einfach abzuhauen, sondern weiter zu warten. Ich beobachtete die Leute und kam mir ein bißchen vor wie in so einer Gesellschaft, wie bei den jungen Royals. Wenn da Hochzeiten gefeiert werden, sehen die Leute auch so ähnlich aus. Adrett und gut betucht und ein bißchen verklemmt und langweilig, aber insgesamt sehr ihrer gesellschaftlichen Relevanz sicher. Es gab einen Flügel und ein Klavier im Salon. Ich hob den Deckel und drückte auf ein paar Tasten, einfach so zum Zeitvertreib. Ich klappte den Deckel wieder zu, eine junge Frau hatte mir zugeschaut und fragte erwartungsfroh, ob ich spielen wollte? Sie hoffte wohl auf ein bißchen Abwechslung und Action. Ich sagte: „ich wollte schon gerne, aber ich kann leider nicht!“ Echtes Bedauern zeichnete sich auf ihrem Gesicht ab. Mein erstes Bier war gerade leer, als ich mich anschickte, mich wieder einzureihen, für ein zweites Glas Heineken. Da erblickte ich Ann in der Tür, sie kam zur Terrasse rein und ich umarmte sie begeistert. Ob Ina auch dabei wäre? Und Jan? Ja, ja, die sind auch dabei. Sie waren vorher noch bei irgendeiner Ausstellungseröffnung. Ich war wie erlöst. Ina war gut drauf und amüsierte sich mit Ann und mir über das eine oder andere gelungene Outfit der Grunewald-Society. Nur Jan machte ein Gesicht wie drei Tage Regenwetter. So hatte ich ihn überhaupt noch nicht erlebt. Als hätte er Magenschmerzen. Er war überhaupt nicht in seinem Element, dabei hatte ich gehofft, er könnte Geschmack an dem einen oder anderen Outfit der Damen finden und es ein bißchen dokumentieren. Da war nichts zu machen. Ausgerechnet Jan, der mich erst auf die Idee gebracht hatte, durch seine Bilder, ins Löwenpalais zu gehen, eröffnete mir, er hätte sich hier eigentlich immer schon irgendwie unwohl gefühlt. Na toll. Schön, dass ich das jetzt erfahre, schön, dass wir mal drüber gesprochen haben! Ina und Ann hingegen demonstrierten mir sehr überzeugend ihre Partylaune und versicherten mehrfach, dass sie es sehr amüsant fänden. Ich fand es von da an ja auch sehr amüsant, weil wir hatten ja schließlich uns und wann würde man jemals wieder so eine Veranstaltung aus nächster Nähe sehen können! Wir holten uns Getränke und suchten uns einen netten Platz im hinteren Garten, wo Tische und Sitzmöbel waren. Wir plauschten über Gott und die Welt, es wurde sogar tiefsinnig.







Kann schon mal passieren. Plötzlich kam ein Herr vom Service und kündigte an, dass jetzt die Livemusik anfangen würde und dann wäre gegen zehn die Tomobola. Eine Porsche-Sonnenbrille und eine Porsche-Armbanduhr gab es zu gewinnen. Mittlerweile war Jan einfach abgehauen, es war ihm zu blöd, er sagte nicht mal Bescheid. Wir alberten dann zu dritt herum, dass wir ihm ja als Trostpreis unsere gewonnenen Porsche-Brillen und Uhren schenken könnten. Wir haben viel gelacht. Also nicht wegen Jan, sondern weil wir uns gut unterhalten haben. Weil wir uns so verquatscht haben, sind wir zur spät zur Tombola in den großen Saal, die Leute kamen uns schon alle entgegen. Wir waren genau fünf Minuten zu spät. Alle Preise waren vergeben. Ein Mann, den ich fragte meinte, alle die aufgerufen waren, waren auch da und haben Preise abgeholt. Demzufolge hatten wir drei also alle Nieten! Aber jede Niete hatte eine Nummer. Ich hatte glaube ich 187. Niete Nummer 187! Also keine Porsche-Armbanduhr für Jan. Dumm gelaufen. Aber als sich der Saal leerte, legte die Sängerin richtig los. Sie gab einfach alles. Ein langes, enganliegendes Kleid hatte sie an, mit silbernen Pailletten von oben bis unten. Sie hat geglitzert wie eine Disco-Kugel und wenn man nicht so genau hingeschaut hat, hätte man denken können, es ist Mariah Carey. Aber zwanzig Jahre früher. Sie hat viele Songs sehr gut performt. Ja, man könnte sagen, sie hat alles gegeben. Besonders ein Lied von Amy Winehouse hat sie sehr gut hingekriegt. Es gab aber auch so Sachen von Tina Turner, „Private Dancer“ und den „Happy“-Song. Wir drei hatten die Tanzfläche fast für uns. Die Grunewald-Society hatte es nicht so mit Tanzen, aber wir dafür umso mehr. Ich hatte inzwischen schon mein viertes Heineken und fühlte mich sehr rhythmisch, wie ich da so mit Ina und Ann herumkasperte. Es war richtig schön. Lag jetzt aber nicht unbedingt am Konzept des Veranstalters und der Löwenvilla, sondern wahrscheinlich mehr an uns. Und natürlich am Heineken.







04. August 2015


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In letzter Zeit passiert es immer wieder, dass ich die Wohnung verlasse, mit ein paar Bildern auf der Speicherkarte, die ich nur zum Aufwärmen mache, für die Kamera und mich bzw. als Intro, und dann bin ich am Ziel und kein einziges weiteres Bild entsteht. Aber die paar Bilder, die im Grunde nur zeigen, wie ich das Haus verlassen habe, will ich dann auch nicht löschen, wenn sie nicht totaler Mist sind. Oft wird fotografiert wo ich bin, mit Kameras aber auch mit Smartphones. Wie es eben heutzutage so ist. Und nur in sehr unberechenbaren Momenten habe ich den Impuls, die Kamera zu benutzen. Eine Ausnahme ist, wenn ich weiß, es wird jemand dort sein, den ich sowieso gerne ablichten möchte, wie Roswitha Hecke oder Vera Lehndorff. In einer Situation, die es ohnehin erlaubt und kein besonderes Einverständnis verlangt. Natürlich ist es unangemessen, die Strecke mit „Fotogalerie Friedrichshain“ zu betiteln. Das ist für mein privates Archiv, zur besseren Einordnung. Ich kann rekapitulieren, in welchen Zusammenhang ich die Bilder gemacht habe. Die Fotogalerie Friedrichshain eröffnete an diesem 30. Juli eine Retrospektive, anlässlich ihres dreißigjähriges Bestehens als erste „kommunale Fotogalerie“ der DDR, mit dem damals in der DDR ungewöhnlichen Vorhaben, zeitgenössische Fotografie als Kunstform auszustellen. Die Räume sind unverändert seit dreißig Jahren im Erdgeschoss eines Plattenbaus am Helsingforser Platz in Friedrichshain.

Als ich kam, nicht zu Beginn der Eröffnung,, sondern so gegen halb- oder dreiviertelneun, waren die Gespräche mit den Gründervätern in vollem Gange. Jan war auch schon eine Weile da und fotografierte und hörte zu. Auf der anderen Seite des Raumes sah ich Manfred Carpentier am Boden sitzen und auch zuhören. Ich ließ mich auch auf den Boden sinken, das war am bequemsten, und hörte zu. Erinnerungen aus den letzten dreißig Jahren. Ich war da noch nie, in dieser Galerie, die eine historische Bedeutung für Ostberliner Fotografen hat. Es gab keinen Winkel und kein Motiv, das ich unbedingt hätte einfangen wollen, es hat einfach nicht gezündet, an diesem Abend bei mir. Wir unterhielten uns noch eine Weile draußen, ich holte mir nicht einmal ein Getränk. Ein Fotograf, der mir bekannt vorkam, den ich aber nicht mehr zuordnen konnte, blieb vor Jan und mir stehen und hatte dieses Wiedererkennen im Gesicht, wenn man jemanden nach langer Zeit wieder sieht oder erkennt. Ich wusste immer noch nicht. Er ja. Wir trafen uns vor sieben Jahren bei der Fotobild, einer Fotografenmesse im Tempelhofer Flughafen. Ich hatte ihn damals auch abgelichtet und es gab in einem launigen Kommentar ein Foto von ihm, hier in meinem Blog, das zu sehr animierten Antwortkommentaren von Leserinnen führte. Es war recht schmeichelhaft für ihn. Ein paar Jahre danach, wir hatten nicht das geringste seither miteinander zu tun gehabt, schickte er mir eine Mail mit der Bitte, die Bilder, auf denen er zu sehen ist, offline zu setzen. Ich habe die tags entfernt, die die Zuordnung zu ihm ermöglichen. Was das sollte, war mir ein echtes Rätsel, vielleicht irgendwelche Frauengeschichten und damit verbundene Komplikationen. Ich sprach ihn auf den Zirkus mit den Bildern an und warum er sich da so komisch hatte. Er grinste mich an und wusste es selber nicht mehr, nur an die Geschichte an sich erinnerte er sich. Wir haben dann noch ein bißchen anderweitig geplaudert und ich habe ihm versichert, dass ich ganz bestimmt kein Bild von diesem Abend von ihm veröffentlichen werde, da hätte er gar nichts zu befürchten, weil ich nämlich ÜBERHAUPT KEINE Bilder mache, nicht wahr. Also alles sehr unproblematisch. „Ja, seh ick ja.“ Hat er er kein Problem damit. Na bitte.

Ich bin dann recht bald – in der Tat ohne ein einziges Glas von irgendetwas getrunken zu haben – zurück zur S-Bahn gestiefelt. Im wahrsten Sinne des Wortes. Diese Stiefel hatte ich früher so oft an, als ich unterwegs war. Sie machen so ein aggressives Klack-klack beim Laufen. Man kommt sich selber wie eine Domina vor. Und in der U-Bahnhaltestelle, am Alex, hörte ich den Hall von meinen Schritten. Ich war dann auch froh, als ich sie bald wieder ausziehen konnte. War ein sehr kurzer Auftritt. Eine disziplinierte Laufübung und eine geschlossene Bildungslücke hat mir der Abend gebracht. Jan und Manfred sind gemeinsam nach Hause gefahren, Richtung Charlottenburg. Er hat eine ganze Reihe Bilder von diesem Abend gemacht, vor allem, bevor ich gekommen bin. Ich bin in dieser Reihe nicht zu sehen, macht aber nichts. Ich habe ja ein paar Beweisfotos, wenn auch nicht an jenem historischen Ort entstanden.
03. August 2015
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Es begab sich so. Irgendwann im Mai oder Juni sah ich in der swr-Mediathek die Sendung „Nachtcafé“ mit dem Thema „Gelassen älter werden“. In der Gesprächsrunde war u. a. Kai Wiesinger, der als Schauspieler eine gewisse Bekanntheit hat. Mich hat er nie sonderlich beeindruckt, weder mit seiner Erscheinung, noch seiner Darstellungskunst, noch der Qualität der Produktionen, in denen er aufgetaucht ist. Wobei mir auch kein einziger Filmtitel einfällt, wo er mitspielt, obwohl das sicher nicht wenige waren. Aber ich bin sowieso seit Jahren überhaupt nicht auf dem Laufenden, was deutsche Fernseh- oder Kinoproduktionen angeht. Trifft im übrigen auch auf ausländische zu. Der letzte Film, der mich im Kino beeindruckt hat, war „Only Lovers left alive“ von Jim Jarmusch. Wie auch immer, ich bin im Grunde nicht kompetent, mir ein Urteil über die Qualität des gegenwärtigen Fernseh- und Kinoschaffens zu erlauben, weil es nur von seltenen Zufällten gespeist ist, dass ich mir überhaupt etwas aus dem Spielfilm-Genre anschaue. Nun saß da aber in der Runde Kai Wiesinger zu einem Thema, das mich durchaus nicht unberührt lässt. Vertreter meiner Generation plauderten über Ach und Weh des Alterns, aber auch über die guten Seiten. Im Zuge des Gesprächs mit Herrn Wiesinger wurde, zum Thema der Talkrunde passend, eine Serie erwähnt, die wohl zunächst nur im Internet zu sehen war, die da heißt „Der Lack ist ab“. Er hat die Reihe selbst konzipiert und produziert und spielt auch in jeder Folge mit. Nach dem Gespräch fand ich ihn doch recht sympathisch und humorvoll und weniger glatt gebügelt als gedacht und suchte mal nach dieser Serie mit dem schönen Titel im Internet. Mittlerweile wurde sie wohl auch im Fernsehen gesendet, hier bei ProSieben kann man die Reihe auch anschauen. Die Folgen werden dem Titel schon ganz gut gerecht. Herr Wiesinger sitzt in seiner Rolle mit seiner Lebensgefährtin (rein zufällig gespielt von seiner Lebensgefährtin Bettina Zimmermann) in einer schicken Charlottenburger Eigentumswohnung und man unterhält sich im Freundeskreis über seine Befindlichkeiten. Sozusagen Befindlichkeitsbloggen in Gesprächsform. Es hat mir recht gut gefallen, die Episoden sind eher kurz, so zehn bis fünfzehn Minuten und es sind interessante Gastschauspieler dabei, die man auch mehr oder weniger kennt. Jedenfalls wirken die Konversationen schon sehr aus dem Leben gegriffen, was man ja nicht so oft hat. Kann man schon mal anschauen, so zwischendurch. Danach hatte ich jedenfalls den Eindruck, dass Herr Wiesinger doch ein ganz patenter Darsteller ist und die Dialoge hat er sich ja vermutlich auch selber ausgedacht, Also am Küchentisch, mit seiner Lebensgefährtin, die auch sehr gut spielt. Und nun hatte ich also gerade präsent, dass dieser deutsche Schauspieler diese mich thematisch stark betreffende Serie produziert hat, als mir diese Mitteilung ins Postfach flatterte, dass eben der Herr Wiesinger im Einstein eine Ausstellung eigener Photographien zeigt. Das war mir nun auch neu, dass er jetzt auch noch fotografiert. Denkt man schon auch gerne, der Name wird nicht unausschlaggebend gewesen sein, dass nun die Ergebnisse von mutmaßlichen Hobby-Knipsereien, die in großzügig bemessener Tagesfreizeit entstanden sind, in einer Galerie gezeigt werden. Schauspieler singen, Schauspieler schreiben Kinderbücher, Schauspieler fotografieren, Schauspieler machen in Immobilien. Kennt man ja. Ich war aber schon neugierig, weil ich mittlerweile den Eindruck hatte, Herr Wiesinger ist ein aufgewecktes Kerlchen, durchaus mit gewissen Ansprüchen. Dann habe ich gesehen, dass er eine Seite hat, die sich nur auf seine Fotografie bezieht, und nicht erst seit gestern. Das sah mir doch recht interessant aus und so habe ich mich entschieden, mir die Sache aus der Nähe anzusehen. Es war ein heißer Tag in Berlin, man suchte automatisch die Schattenseite, auf dem Weg durch die Straßen. Vom Bahnhof Friedrichstraße ist man zu Fuß recht schnell beim Einstein. Klimatisierte Räume! Kam mir jedenfalls so vor. Gerald, der Inhaber vom Café und der Galerie sprach ein paar einleitende Worte. Die Bilder waren sehr groß und atmosphärisch, er arbeitet systematisch mit Bewegungsunschärfe, die Aufnahmen wirken intim, privat ohne etwas preiszugeben, das peinlich wäre. Man denkt nie too much information, obwohl Nacktheit eine Rolle spielt. Das ist sehr feinsinnig umgesetzt. Die schöne Gefährtin von Wiesinger, Bettina Zimmermann war auch da. Eine göttinengleiche Erscheinung. Wirklich bildschön. Ich wollte sie aber nicht so im Vorbeigehen abschießen, ich kenne sie ja nicht. Ihn ja nun auch nicht, aber bei so einer Eröffnungsansprache ist das Szenario doch offiziell und es ist nicht ungewöhnlich, dass fotografiert wird. Ich bin recht bald wieder gegangen, ohne es darauf anzulegen, mit ihm ins Gespräch zu kommen. Obwohl das sicher nicht schwierig gewesen wäre. Es hat mich komischerweise überhaupt nicht beschäftigt. Die Bilder sprechen ja für sich und ich hätte beim besten Willen schlichtweg nicht gewusst, wonach ich ihn befragen soll. Insofern war das alles genauso in Ordnung. Ich habe einen erstaunlich unterentwickelten Drang, mich da heranzuwanzen. Ich wüsste nicht wofür. Er ist ja auch nicht mein Beuteschema. Aber schon ausgesprochen sympathisch! Er hat Witz und einen warmherzigen Humor scheint mir. Also ich wünsche ihm alles Gute. Und seiner Bettina. Und so weiter. Und mir natürlich auch.








27. Juli 2015
Berlin, Juli 1945
Min. 1:15, 2:06, 2:35, 3:10, 3:34, 4:24, 5:18
28. Juli 2015

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Bißchen Fotoroman. Bravo-Fotoroman mit Erwachsenen. Ohne Auszieh-Szenen. Wenn man groß ist, muss man das nicht mehr dauernd erkunden, wie das alles funktioniert. Wir kamen von Roswitha Hecke und ließen uns ein bißchen in diese Richtung, Pariser Straße treiben, weil Jan sagte, er wollte da unbedingt hin, ein guter alter Freund, der Maler Heiner Lerch, hatte eine Eröffnung bei Taube. So eine Sache der Verbundenheit. Gehen wir auch mal in die Richtung, warum nicht. Westberlin. In der Pariser Straße, der Ecke da, wo man gerade in Wilmersdorf ist, nicht mehr Charlottenburg, aber gefühlt doch, denke ich immer an die „Weiße Maus“ am Ludwigkirchplatz. Eine Bar, die es vermutlich nicht mehr gibt. Da hing Mitte der Achtziger eine Replik des berühmten Anita-Berber-Portraits mit dem roten Kleid von George Grosz Dix und Yma Sumac sang, das war damals schwer in Mode, ja beinah ein bißchen Avantgarde. Schöne Nächte, nicht einmal so viele, aber eindrucksvolle. Aber ich schweife ab. Der Maler Heiner Lerch hat eine virtuose Hand, was Farben und den Auftrag anbelangt. Manchmal unterlaufen mir Reime, keine Absicht. Also man steht so herum und plaudert, ich rauchte eine Zigarillo von Manfred, ziemlich starkes, scharfes Zeug. Gut, dass die Galerien oft diese tiefgezogenen Fensterrahmen haben, da kann man schön sitzen und in die Luft gucken. Wir haben uns dann erst einmal getrennt.






Ina und ich wollten was zu essen holen und dann damit zu Manfred in seine Carpentier-Galerie und da noch was dazu trinken, er hatte ein paar Flaschen offen. Und Jan wollte auch noch kommen und Manfred ging schon mal vor. Wir waren in so einem recht elegant wirkenden italienischen Take-away, Imbiss klingt zu ordinär für das Etablissement. Die hatten da schwere, goldgerahmte Spiegel an der terrakotta- oder ochsenblutfarben getünchten Wand und alles irgendwie schick wie ein Miniatur-Steh-Restaurant. Ristorante meine ich natürlich. Ich habe für mich eine gegrillte Hähnchenbrust mit Pommes Frites und Gemüse und Salat genommen und Ina hatte glaube ich einen Thunfischsalat und sie meinte, wir müssten noch Pizza für Jan mitnehmen. Der isst ja eigentlich alles, so weit ich mich erinnere. Sehr unkompliziert. Ich habe den Ober-Pizza-Bäcker gefragt, welche Pizza er denn als seine beste beurteilt, das war so eine mit allem möglichen und Ruccola war auch drauf und ein ganz hauchzarter Schinken, toll. Die habe ich dann genommen. Manfred hatte mittlerweile (u. a.) eine Flasche Gavi aus dem Gefrierfach exhumiert und mit ein bißchen Schütteln löste sich dann sehr lustig der kleine gefrorene Pfropf und lugte so aus dem Flaschenhals, dass Ina und ich nicht anders konnten als albern zu kichern. Wie die Backfische! hätte meine Oma Alma gesagt. Backfisch sagt man schon lange nicht mehr. Ein Verlust. Ich führe das hiermit wieder ein. Manfred schaute uns an, als ob wir nicht alle Tassen im Schrank hätten. Wie kann man sich nur derart albern haben, wegen so einem kleinen Eispimmel. Ich könnte mich schon wieder kaputt lachen, wenn ich daran denke. Immer wieder haben wir ihn rausflutschen lassen und immer wieder war es schön! Gott, wie albern. Egal. Spaß muss sein! Inzwischen kam doch noch Jan, der sich schon wieder irgendwo verzettelt hatte, aber das kennt man ja, darüber wundert sich schon längst niemand mehr, der ihn länger kennt. Die Pizza war schon lau, aber immer noch exzellent. Er war sehr zufrieden mit meiner Bestellung. Nach dem sehr albernen Kunststück, das wir auch noch Jan demonstrieren wollten, was aber leider nicht mehr so gut funktioniert hat, weil der Wein inzwischen schon wieder komplett flüssig war, hat sich das Gespräch entgegen allen Erwartungen überraschend ernsthaft entwickelt. Wir haben uns selber gewundert. Auch, weil wir uns vielleicht nicht so oft in so einer eher hermetischen Situation begegnen, meistens sind da mehr Leute, oder es ist irgendeine trubelige Sache. Aber so in der geschlossenen Galerie, in der Ecke mit der schwarzen Ledercouch, wo garantiert niemand mehr dazukommen würde, konnte man sich auch auf etwas ernstere Gespräche einlassen, weil es möglich war, und nicht aus Höflichkeit anderen Gästen gegenüber, kurz gehalten werden musste. Das war sehr interessant. Ungefähr das Gegenteil von dem Herumgealber mit dem kleinen Piephahn. Irgendwann verabschiedete sich Jan und Ina und ich brachen dann auch zeitgleich auf. Wir liefen erst irgendwie Richtung KuDamm – oder dachten es zumindest – und plötzlich und es war so eine schöne laue Nacht – flanierten wir so ziellos herum, bis es uns selber auffiel, dass eine immer der anderen hinterherlief, aber keine hatte ein bestimmtes Ziel. Wir kamen ganz schön rum. Wir mussten dann sogar noch U-Bahn fahren, ich glaube, wie waren auf einmal am Fehrbelliner Platz und dieses nächtliche, im wahrsten Sinne des Wortes „um die Häuser ziehen“ erinnerte mich stark an die Zeit, als ich zwanzig war und mich auch gerne so durch die Nacht treiben ließ, immer auf Entdeckungsreise. Nachdem wir so viel gelaufen waren und dabei natürlich ununterbrochen gequatscht und gelacht hatten, wollten wir uns noch ein wohlverdientes Glas genehmigen. Und so landeten wir nach dieser exorbitanten Runde wieder am Savignyplatz, draußen vor dem Brel. Ich hatte irgendeinen Weißwein, ich weiß es nicht mehr genau. Mir kam es gar noch nicht so spät vor, wie es gewesen sein muss. Aber das war es! Und das machte gar nichts. In dieser Nacht habe ich gemerkt, dass ich immer noch ein unruhiger Geist bin, der unveränderten Genuß darin findet, sich durch die Nacht treiben zu lassen. Aber natürlich nur in allerbester Gesellschaft.
25. Juli 2015



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Wir hatten uns mehr oder weniger verabredet. Jan wollte kommen und Ina auch. Wegen Roswitha. Hecke. Kann man vielleicht auch einfach der Bequemlichkeit halber auf den Eintrag bei Wikipedia verlinken. Was auch immer da stehen mag, es vermittelt nicht die Anziehungskraft der Person. Das wusste ich aber schon vorher, bevor ich da hin bin, weil ich sie nicht zum ersten mal gesehen habe. Wir standen uns schon einmal vor circa sieben Jahren in einer kleinen Ausstellung in einer Galerie, die es nicht mehr gibt, Auge in Auge gegenüber. Damals war ich nicht so zurückhaltend wie in der Autorenbuchhandlung. Der Rahmen war damals familiärer und da war viel Sympathie, auf beiden Seiten. Jedenfalls war sie da, um eine Ausstellung, die da noch bis Oktober hängt, zu eröffnen. „Pigalle“. Bilder aus dem letzten Jahrhundert. Eine fast private Annäherung an transsexuelle Paradiesvögel in Paris. Mitte der siebziger Jahre hat sie die Bilder gemacht. Rosa von Praunheim hat sie in ein Gespräch verwickelt, geplant, deswegen hat er auch ein Mikro in der Hand, obwohl man das in dem kleinen Literaturcafé gar nicht unbedingt gebraucht hätte. Irgendwie bin ich ein bißchen zu faul, ins Detail zu gehen, merke ich gerade. Herr Sartorius hat auch gesprochen, er hat auch schon die eine oder andere Einleitung bei ihren Bildbänden geschrieben. Kann man ja alles googeln, wie – wo – was, wer die Leute sind. Auch Erika Rabau. Noch so eine Legende. Ich habe mich über den Moment gefreut, als Erika Roswitha so von hinten den Arm um die Schultern gelegt hat, diese Zuneigungsbekundung. Diese beiden lebenden Legenden unter den Fotografinnen. Jan hatte Roswitha Hecke schon am Tag vorher, am Nachmittag dort angetroffen und sie fotografiert. Er nennt sie gerne die Elfenkönigin. Das ist mir nachvollziehbar. Ein sehr schönes Gesicht, stolz und eigensinnig wirkt es. Aber sie ist auch humorvoll und hintersinnig. Nicht so schwer zu Lachen zu bringen. So kann man mit Siebzig sein. Das geht alles. Auf einem der Bilder, den Fotografien von ihr an der Wand, ist ein Paar, zwei Frauen, die in einem Pariser Café sitzen und sich küssen. Ina und ich taten es der Fotografie gleich, was uns sehr amüsierte. Man hat ja auch Publikum. Ich weiß gar nicht, ob ich so ungeniert in der Öffentlichkeit für ein Bild küssen würde, wenn es ohne diesen verspielten Hintergrund wäre. Es war auch die Lust, sich ein bißchen exaltiert zu verhalten, ein wenig der Atmosphäre der Bilder in den Raum zu bringen. Und es waren die Tage, als viele bei facebook die Regenbogenfarben über ihr Profilbild gelegt haben. Das war sozusagen meine, unsere Solidaritätsbekundung zum Thema Leben und leben lassen. Ich habe schon häufiger bedauert, dass ich leider überhaupt keine homoerotische Veranlagung habe. Ich liebe Frauen sehr, einige besonders, und obwohl ich ganz sachlich ihre erotische Qualität sehen kann, löst es nicht den Impuls bei mir aus, mich da körperlich anzunähern. Ich bin leider total heterosexuell veranlagt.


Aber man kann ja mal ein bißchen so tun als ob. Ich finde, man sieht gar nicht, dass ich sonst keine Frauen küsse. Ina ist meines Wissens auch – erotisch – zu ungefähr null Prozent an Frauen interessiert, aber sie kann mich, glaube ich, ziemlich gut leiden und riechen. Ich mag sie auch sehr gerne. Wir hatten danach auch noch viel Spaß. Wir sind noch weitergezogen, eine andere Galerie, was zu essen geholt, dann zu Manfred, der auch bei Roswitha war, in seine Galerie und lange zu viert geredet, recht privat. Und Ina und ich liefen dann noch durch die laue Nacht – verliefen uns sehr wirr und schön und endeten dann noch im Brel. Aber ich greife vor.


28. Juli 2015

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Bißchen Fotoroman. Bravo-Fotoroman mit Erwachsenen. Ohne Auszieh-Szenen. Wenn man groß ist, muss man das nicht mehr dauernd erkunden, wie das alles funktioniert. Wir kamen von Roswitha Hecke und ließen uns ein bißchen in diese Richtung, Pariser Straße treiben, weil Jan sagte, er wollte da unbedingt hin, ein guter alter Freund, der Maler Heiner Lerch, hatte eine Eröffnung bei Taube. So eine Sache der Verbundenheit. Gehen wir auch mal in die Richtung, warum nicht. Westberlin. In der Pariser Straße, der Ecke da, wo man gerade in Wilmersdorf ist, nicht mehr Charlottenburg, aber gefühlt doch, denke ich immer an die „Weiße Maus“ am Ludwigkirchplatz. Eine Bar, die es vermutlich nicht mehr gibt. Da hing Mitte der Achtziger eine Replik des berühmten Anita-Berber-Portraits mit dem roten Kleid von George Grosz Dix und Yma Sumac sang, das war damals schwer in Mode, ja beinah ein bißchen Avantgarde. Schöne Nächte, nicht einmal so viele, aber eindrucksvolle. Aber ich schweife ab. Der Maler Heiner Lerch hat eine virtuose Hand, was Farben und den Auftrag anbelangt. Manchmal unterlaufen mir Reime, keine Absicht. Also man steht so herum und plaudert, ich rauchte eine Zigarillo von Manfred, ziemlich starkes, scharfes Zeug. Gut, dass die Galerien oft diese tiefgezogenen Fensterrahmen haben, da kann man schön sitzen und in die Luft gucken. Wir haben uns dann erst einmal getrennt.






Ina und ich wollten was zu essen holen und dann damit zu Manfred in seine Carpentier-Galerie und da noch was dazu trinken, er hatte ein paar Flaschen offen. Und Jan wollte auch noch kommen und Manfred ging schon mal vor. Wir waren in so einem recht elegant wirkenden italienischen Take-away, Imbiss klingt zu ordinär für das Etablissement. Die hatten da schwere, goldgerahmte Spiegel an der terrakotta- oder ochsenblutfarben getünchten Wand und alles irgendwie schick wie ein Miniatur-Steh-Restaurant. Ristorante meine ich natürlich. Ich habe für mich eine gegrillte Hähnchenbrust mit Pommes Frites und Gemüse und Salat genommen und Ina hatte glaube ich einen Thunfischsalat und sie meinte, wir müssten noch Pizza für Jan mitnehmen. Der isst ja eigentlich alles, so weit ich mich erinnere. Sehr unkompliziert. Ich habe den Ober-Pizza-Bäcker gefragt, welche Pizza er denn als seine beste beurteilt, das war so eine mit allem möglichen und Ruccola war auch drauf und ein ganz hauchzarter Schinken, toll. Die habe ich dann genommen. Manfred hatte mittlerweile (u. a.) eine Flasche Gavi aus dem Gefrierfach exhumiert und mit ein bißchen Schütteln löste sich dann sehr lustig der kleine gefrorene Pfropf und lugte so aus dem Flaschenhals, dass Ina und ich nicht anders konnten als albern zu kichern. Wie die Backfische! hätte meine Oma Alma gesagt. Backfisch sagt man schon lange nicht mehr. Ein Verlust. Ich führe das hiermit wieder ein. Manfred schaute uns an, als ob wir nicht alle Tassen im Schrank hätten. Wie kann man sich nur derart albern haben, wegen so einem kleinen Eispimmel. Ich könnte mich schon wieder kaputt lachen, wenn ich daran denke. Immer wieder haben wir ihn rausflutschen lassen und immer wieder war es schön! Gott, wie albern. Egal. Spaß muss sein! Inzwischen kam doch noch Jan, der sich schon wieder irgendwo verzettelt hatte, aber das kennt man ja, darüber wundert sich schon längst niemand mehr, der ihn länger kennt. Die Pizza war schon lau, aber immer noch exzellent. Er war sehr zufrieden mit meiner Bestellung. Nach dem sehr albernen Kunststück, das wir auch noch Jan demonstrieren wollten, was aber leider nicht mehr so gut funktioniert hat, weil der Wein inzwischen schon wieder komplett flüssig war, hat sich das Gespräch entgegen allen Erwartungen überraschend ernsthaft entwickelt. Wir haben uns selber gewundert. Auch, weil wir uns vielleicht nicht so oft in so einer eher hermetischen Situation begegnen, meistens sind da mehr Leute, oder es ist irgendeine trubelige Sache. Aber so in der geschlossenen Galerie, in der Ecke mit der schwarzen Ledercouch, wo garantiert niemand mehr dazukommen würde, konnte man sich auch auf etwas ernstere Gespräche einlassen, weil es möglich war, und nicht aus Höflichkeit anderen Gästen gegenüber, kurz gehalten werden musste. Das war sehr interessant. Ungefähr das Gegenteil von dem Herumgealber mit dem kleinen Piephahn. Irgendwann verabschiedete sich Jan und Ina und ich brachen dann auch zeitgleich auf. Wir liefen erst irgendwie Richtung KuDamm – oder dachten es zumindest – und plötzlich und es war so eine schöne laue Nacht – flanierten wir so ziellos herum, bis es uns selber auffiel, dass eine immer der anderen hinterherlief, aber keine hatte ein bestimmtes Ziel. Wir kamen ganz schön rum. Wir mussten dann sogar noch U-Bahn fahren, ich glaube, wie waren auf einmal am Fehrbelliner Platz und dieses nächtliche, im wahrsten Sinne des Wortes „um die Häuser ziehen“ erinnerte mich stark an die Zeit, als ich zwanzig war und mich auch gerne so durch die Nacht treiben ließ, immer auf Entdeckungsreise. Nachdem wir so viel gelaufen waren und dabei natürlich ununterbrochen gequatscht und gelacht hatten, wollten wir uns noch ein wohlverdientes Glas genehmigen. Und so landeten wir nach dieser exorbitanten Runde wieder am Savignyplatz, draußen vor dem Brel. Ich hatte irgendeinen Weißwein, ich weiß es nicht mehr genau. Mir kam es gar noch nicht so spät vor, wie es gewesen sein muss. Aber das war es! Und das machte gar nichts. In dieser Nacht habe ich gemerkt, dass ich immer noch ein unruhiger Geist bin, der unveränderten Genuß darin findet, sich durch die Nacht treiben zu lassen. Aber natürlich nur in allerbester Gesellschaft.
27. Juli 2015
Berlin, Juli 1945
Min. 1:15, 2:06, 2:35, 3:10, 3:34, 4:24, 5:18
25. Juli 2015



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Wir hatten uns mehr oder weniger verabredet. Jan wollte kommen und Ina auch. Wegen Roswitha. Hecke. Kann man vielleicht auch einfach der Bequemlichkeit halber auf den Eintrag bei Wikipedia verlinken. Was auch immer da stehen mag, es vermittelt nicht die Anziehungskraft der Person. Das wusste ich aber schon vorher, bevor ich da hin bin, weil ich sie nicht zum ersten mal gesehen habe. Wir standen uns schon einmal vor circa sieben Jahren in einer kleinen Ausstellung in einer Galerie, die es nicht mehr gibt, Auge in Auge gegenüber. Damals war ich nicht so zurückhaltend wie in der Autorenbuchhandlung. Der Rahmen war damals familiärer und da war viel Sympathie, auf beiden Seiten. Jedenfalls war sie da, um eine Ausstellung, die da noch bis Oktober hängt, zu eröffnen. „Pigalle“. Bilder aus dem letzten Jahrhundert. Eine fast private Annäherung an transsexuelle Paradiesvögel in Paris. Mitte der siebziger Jahre hat sie die Bilder gemacht. Rosa von Praunheim hat sie in ein Gespräch verwickelt, geplant, deswegen hat er auch ein Mikro in der Hand, obwohl man das in dem kleinen Literaturcafé gar nicht unbedingt gebraucht hätte. Irgendwie bin ich ein bißchen zu faul, ins Detail zu gehen, merke ich gerade. Herr Sartorius hat auch gesprochen, er hat auch schon die eine oder andere Einleitung bei ihren Bildbänden geschrieben. Kann man ja alles googeln, wie – wo – was, wer die Leute sind. Auch Erika Rabau. Noch so eine Legende. Ich habe mich über den Moment gefreut, als Erika Roswitha so von hinten den Arm um die Schultern gelegt hat, diese Zuneigungsbekundung. Diese beiden lebenden Legenden unter den Fotografinnen. Jan hatte Roswitha Hecke schon am Tag vorher, am Nachmittag dort angetroffen und sie fotografiert. Er nennt sie gerne die Elfenkönigin. Das ist mir nachvollziehbar. Ein sehr schönes Gesicht, stolz und eigensinnig wirkt es. Aber sie ist auch humorvoll und hintersinnig. Nicht so schwer zu Lachen zu bringen. So kann man mit Siebzig sein. Das geht alles. Auf einem der Bilder, den Fotografien von ihr an der Wand, ist ein Paar, zwei Frauen, die in einem Pariser Café sitzen und sich küssen. Ina und ich taten es der Fotografie gleich, was uns sehr amüsierte. Man hat ja auch Publikum. Ich weiß gar nicht, ob ich so ungeniert in der Öffentlichkeit für ein Bild küssen würde, wenn es ohne diesen verspielten Hintergrund wäre. Es war auch die Lust, sich ein bißchen exaltiert zu verhalten, ein wenig der Atmosphäre der Bilder in den Raum zu bringen. Und es waren die Tage, als viele bei facebook die Regenbogenfarben über ihr Profilbild gelegt haben. Das war sozusagen meine, unsere Solidaritätsbekundung zum Thema Leben und leben lassen. Ich habe schon häufiger bedauert, dass ich leider überhaupt keine homoerotische Veranlagung habe. Ich liebe Frauen sehr, einige besonders, und obwohl ich ganz sachlich ihre erotische Qualität sehen kann, löst es nicht den Impuls bei mir aus, mich da körperlich anzunähern. Ich bin leider total heterosexuell veranlagt.


Aber man kann ja mal ein bißchen so tun als ob. Ich finde, man sieht gar nicht, dass ich sonst keine Frauen küsse. Ina ist meines Wissens auch – erotisch – zu ungefähr null Prozent an Frauen interessiert, aber sie kann mich, glaube ich, ziemlich gut leiden und riechen. Ich mag sie auch sehr gerne. Wir hatten danach auch noch viel Spaß. Wir sind noch weitergezogen, eine andere Galerie, was zu essen geholt, dann zu Manfred, der auch bei Roswitha war, in seine Galerie und lange zu viert geredet, recht privat. Und Ina und ich liefen dann noch durch die laue Nacht – verliefen uns sehr wirr und schön und endeten dann noch im Brel. Aber ich greife vor.


19. Juli 2015

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Mittwoch, achter Juli 2015. Eine Feier im Circus Lemke, einer sehr lauschigen Bar in der Selchower Straße, in der Nähe vom U-Bahnhof Boddinstraße. Da fährt meine U8 hin, da musste ich nicht mal umsteigen. Sebastian und seine Gefährtin hatten am Vormittag geheiratet, nicht zum ersten mal (also erstmalig dereinst nicht sich, andere Kandidaten). Aber nun mit viel Übung und Lebenserfahrung wollten sie es ein zweites mal wagen. Ich freute mich über das Ereignis und die Einladung, obwohl ich nicht zu denjenigen gehöre, die bei Hochzeitsneuigkeiten selige Glücksaufwallungen kriegen. Dazu hat man schon zu viel Scheitern gesehen und auch selber mitgemacht, wenn auch in meinem Fall ohne Trauschein. Ich freue mich eher, weil die beiden sich freuen und so ein warmes, leichtes Gefühl dabei vermitteln, trotz ihrer Erfahrungen. Dass die Braut an dem Tag auch noch einen besonderen Geburtstag feierte, hat wahrscheinlich nicht nur mich überrascht. Eigentlich sind die Lokale, wo es nahezu unmöglich ist, unverrauschte Bilder zustande zu bekommen, die schönsten. Schon lange nicht mehr in einer derart schummrigen Bar gewesen. Bei dem Licht sehen alle recht vorteilhaft aus, abgesehen davon, dass es sich nicht leicht dokumentieren lässt. Ich war ja nun auch nicht mit Stativ unterwegs und hatte auch keinesfalls die Absicht, den Abend mit Ablichten zu verbringen. Mein Akku war auch nahezu am Ende, ich hatte ihn gar nicht aufgeladen, weil ich dachte, für eine Handvoll Bilder wird es noch reichen. Als ich mit eingeschaltetem Monitor kein einziges Bild mehr auslösen konnte, habe ich ihn ausgemacht und nach ungefähr zehn Jahren zum ersten mal wieder über den Sucher fokussiert. Ganz seltsames Gefühl. Weil man nicht diskret dabei vorgehen kann. Das bin ich überhaupt nicht gewohnt, so normal ist es für mich, dass ich nahezu unbemerkt aus der Hüfte schießen kann, und mich dabei unterhalten, ohne dass sich die Art der Aufmerksamkeit ändert oder beeinträchtigt wird. Nicht alle, die bei dem Fest waren, sind eingefangen, oder nicht so, wie ich es gerne gewollt hätte. Aber ich speichere Eindrücke auch sehr intensiv auf meiner eingebauten Festplatte ab, ohne die Kamera zu benutzen. Schöne Gespräche, warme Blicke, schöner Abend. Den Circus Lemke kann ich empfehlen. Rauchen durfte man auch, obwohl ich das nur noch selten mache. Weil ich so überraschend von der Feier erfahren habe, war mein Mitbringsel ein bißchen improvisiert, ein Foto, das ich vor zwei Jahren gemacht habe, wo sie beide zu sehen sind, und bestens gelaunt. Diesmal habe ich leider kein Foto für euch, wo ihr beide drauf seid, aber ihr seid trotzdem eine Runde weiter. Ich bin mit einem Taxi heimgefahren, es war schon gegen drei Uhr, da fuhr meine U8 nicht mehr. Egal. Denn es war alles sehr schön.




19. Juli 2015

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Mittwoch, achter Juli 2015. Eine Feier im Circus Lemke, einer sehr lauschigen Bar in der Selchower Straße, in der Nähe vom U-Bahnhof Boddinstraße. Da fährt meine U8 hin, da musste ich nicht mal umsteigen. Sebastian und seine Gefährtin hatten am Vormittag geheiratet, nicht zum ersten mal (also erstmalig dereinst nicht sich, andere Kandidaten). Aber nun mit viel Übung und Lebenserfahrung wollten sie es ein zweites mal wagen. Ich freute mich über das Ereignis und die Einladung, obwohl ich nicht zu denjenigen gehöre, die bei Hochzeitsneuigkeiten selige Glücksaufwallungen kriegen. Dazu hat man schon zu viel Scheitern gesehen und auch selber mitgemacht, wenn auch in meinem Fall ohne Trauschein. Ich freue mich eher, weil die beiden sich freuen und so ein warmes, leichtes Gefühl dabei vermitteln, trotz ihrer Erfahrungen. Dass die Braut an dem Tag auch noch einen besonderen Geburtstag feierte, hat wahrscheinlich nicht nur mich überrascht. Eigentlich sind die Lokale, wo es nahezu unmöglich ist, unverrauschte Bilder zustande zu bekommen, die schönsten. Schon lange nicht mehr in einer derart schummrigen Bar gewesen. Bei dem Licht sehen alle recht vorteilhaft aus, abgesehen davon, dass es sich nicht leicht dokumentieren lässt. Ich war ja nun auch nicht mit Stativ unterwegs und hatte auch keinesfalls die Absicht, den Abend mit Ablichten zu verbringen. Mein Akku war auch nahezu am Ende, ich hatte ihn gar nicht aufgeladen, weil ich dachte, für eine Handvoll Bilder wird es noch reichen. Als ich mit eingeschaltetem Monitor kein einziges Bild mehr auslösen konnte, habe ich ihn ausgemacht und nach ungefähr zehn Jahren zum ersten mal wieder über den Sucher fokussiert. Ganz seltsames Gefühl. Weil man nicht diskret dabei vorgehen kann. Das bin ich überhaupt nicht gewohnt, so normal ist es für mich, dass ich nahezu unbemerkt aus der Hüfte schießen kann, und mich dabei unterhalten, ohne dass sich die Art der Aufmerksamkeit ändert oder beeinträchtigt wird. Nicht alle, die bei dem Fest waren, sind eingefangen, oder nicht so, wie ich es gerne gewollt hätte. Aber ich speichere Eindrücke auch sehr intensiv auf meiner eingebauten Festplatte ab, ohne die Kamera zu benutzen. Schöne Gespräche, warme Blicke, schöner Abend. Den Circus Lemke kann ich empfehlen. Rauchen durfte man auch, obwohl ich das nur noch selten mache. Weil ich so überraschend von der Feier erfahren habe, war mein Mitbringsel ein bißchen improvisiert, ein Foto, das ich vor zwei Jahren gemacht habe, wo sie beide zu sehen sind, und bestens gelaunt. Diesmal habe ich leider kein Foto für euch, wo ihr beide drauf seid, aber ihr seid trotzdem eine Runde weiter. Ich bin mit einem Taxi heimgefahren, es war schon gegen drei Uhr, da fuhr meine U8 nicht mehr. Egal. Denn es war alles sehr schön.




18. Juli 2015


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Wir liefen nach Veruschka von der Universität der Künste in der Hardenbergstraße, in die Fasanenstraße und überlegten beim Gehen, wo man noch etwas trinken könnte. Wir irrten ein bißchen herum und waren schon in der Ludwigkirchstraße beim Lokal von Dieter Meier, dem von Yello, der irgendetwas Argentinisches eröffnet hat, wir sind mal kurz durchgelaufen, ein recht elegant wirkendes Esslokal mit Tischdecken, aber gerade nicht das, wonach uns war, aber man hat es mal gesehen (ein edleres Steakhaus mit Biofleisch, wie ich lese). Irgendeine Galerie war auch auf dem Weg, mit Sachen aus Ozeanien, kostspieligen, sehr schönen Objekten, aber nicht so sehr interessanten Gästen und Getränken, also weiter. Da fiel mir ein, im Café Wintergarten im Literaturhaus, hinten beim Kollwitzmuseum, ist es doch immer nett. Also wieder in die Fasanenstraße. Man sitzt da ein bißchen wie in einem alten Stadtpalais in Wien, und wenn man die Welt- und Stadtgeschichte kennt, weiß man auch, dass der Vergleich nur deswegen bemüht werden muss, weil man keine lebendige Erinnerung mehr an eine Fülle solcher Bauten in Berlin haben kann, obwohl es sie in großer Dichte gab. Man kann also auch inne halten und sich daran freuen, dass man an einem Ort ist, der vor gut siebzig Jahren nicht so sehr besonders oder selten gewesen ist, wie er einem heute vorkommen muss. Wenn Jan und ich unterwegs sind, ist es ungefähr wie den bestellten Kaffee trinken, wenn dabei fotografiert wird, keine Ankündung oder besondere Erwähnung geht voran. Wir unterhalten uns dabei ununterbrochen weiter, als ob die Kamera überhaupt nicht benutzt wird, so normal ist es. Er hat an dem Abend allerdings ungewöhnlich viele Aufnahmen von mir gemacht, die ich überwiegend gar nicht kenne.




Ob sie jemals von ihm bearbeitet oder mir zugänglich gemacht werden, weiß ich auch nicht, das kann er wohl selber nicht sagen, weil kein Tag vergeht, an dem nicht eine neue Reihe an irgendeinem Ort entsteht. Und dann gibt es da so seine ihm besonders am Herzen liegenden Modelle. Ich bin ja keines seiner Modelle, sondern eine gute Freundin. Ich glaube sogar, eine sehr gute. Im Gegensatz zu seinen Modellen bin ich etwas sperrig, wenn es um geplante Foto-Aktionen geht. Ich ziere mich, wenn ich bestimmte Haltungen einnehmen soll, sofort komme ich mir unnatürlich und gespreizt vor und entsprechend unlocker ist mein Gesichtsausdruck. Fotomodell hätte ich nie werden können, nur mein eigenes, da gehorche ich auf Befehl. Nach dem Literaturcafé sind wir noch den KuDamm entlang geschlendert, da war so auf der Höhe zwischen Kranzler und Gedächtniskirche eine schwarzweiße Fotowand mit historischen Aufnahmen von zerstörten Fassaden, da habe ich besonders viele Bilder von Jan gemacht, es war auch nicht ganz so dunkel da. Mitterweile merke ich, dass er sich ganz gerne fotografieren lässt, manchmal sagt er sogar „los, fotografier mich mal, da vor der Wand, das kommt bestimmt gut!“ Als ich ihn kennengelernt habe, war er noch ein bißchen kamerascheu, so wenig daran gewöhnt, selbst fotografiert zu werden. Vielleicht hat sich das auch gelegt, weil er entdeckt hat, dass er fotogen ist, obwohl er nicht mehr zwanzig ist. Ich finde sogar, gerade weil er nicht mehr zwanzig ist. Aber mir ist, als hätte er ein starkes Bewusstsein gehabt, dass er ein sehr hübscher junger Mann war, so um die Zwanzig. Warum er das später nicht mehr so deutlich empfunden hat, weiß ich nicht. Aber inzwischen hat sich seine Selbstwahrnehmung wieder eingerenkt. Doch, doch.









Als ich vorletzten Mittwoch bei Sebastians Hochzeitsfeier war, gestand er mir, dass er vor einigen Jahren, als ich in großer Dichte private Bilder machte und hier postete, auf denen ganz viel Jan war und dann kurze Zeit später auch noch Cosmic, er darüber grübelte, ob es eine Art Polyamorie-Modell wäre, das wir praktizieren. Ich musste lachen. Ein wenig war mir schon klar, dass so vielfältige persönliche Aufnahmen Irritation auslösen können, was aber letzten Endes auch völlig scheißegal ist. Lass die Leute doch denken, was sie wollen, ermunterte Jan mein Tun. Wenn es die Phantasie anheizt, bitte sehr. Es war kein „Polyamorie“-Modell, denn es gab keine Notwendigkeit für derlei Etiketten. Sämtliche Gefühle waren intensiv, ob freundschaftlicher oder erotischer Natur. Wer welche Sorte hatte, war dynamisch bis unausgewogen. Jan und Cosmic mochten sich freundschaftlich gerne, sie kannten sich auch schon, bevor ich sie kennenlernte. Eine aufregende, inspirierende und bereichernde Zeit. Heute stehen wir uns freundschaftlich gegenüber, egal was passiert ist. Ein Schatz von Erinnerungen, den wir hüten. Die Details verrate ich dann in meiner siebentausendseitigen Lebensbeichte, die ich vielleicht einmal schreibe, wenn irgendwann einmal nichts mehr anderes zu tun ist.


14. Juli 2015

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Wieder Vera. Veruschka. Wenn ich nicht hin und wieder erwähnt hätte, dass ich sie schon hier und da erleben konnte, hätte ich das gar nicht gewusst. Nirgendwo ein Plakat oder augenfälliger Hinweis. Nein, man muss sich mit dem Vorlesungsverzeichnis der UdK Berlin, der Universität der Künste beschäftigen, dann weiß man von solchen Veranstaltungen. Was ich bislang nicht gemacht habe. Aber eine langjährige Bekannte, die sich gerne mit dem Verzeichnis beschäftigt, hat mich darauf aufmerksam gemacht. Das Schöne ist ja, dass man zu diesen Vorlesungen einfach gehen kann, ohne immatrikuliert zu sein. Man muss sich weder ausweisen noch Eintritt bezahlen. Und wenn man frühzeitig kommt, kriegt man auch einen Platz. Und lauscht mehr oder weniger hochkarätigen Erörterungen oder Gesprächen. Kommt natürlich auf die Protagonisten an. Das Gute bei Vera von Lehndorff ist, egal welch schlichten Geistes die Fragestellung ist, sie reagiert immer auf eine Art, die Substanz in die Angelegenheit bringt. Manchmal auch nur durch einen subtil unwirschen Blick. So eine Andeutung von „was fragt der mich hier denn?“ Aber so charmant drübergelächelt. Sieht man vielleicht auch nur, wenn man sich wissenschaftlich mit Veruschka, Vera Gottliebe Anna Gräfin von Lehndorff beschäftigt hat. Wir sahen Filmsequenzen von ihren Performances. Sagen wir performancehafte Kurzfilme. Kleine atmosphärische Kurzfilme, wie Traumsequenzen. Das ist mir nicht so fremd. Nun kenne ich auch ihre Biographie recht gut und kann mich dann schon auch einmal mit Vera von Lehndorff gemeinsam über die Fragestellung wundern. Unlängst bei CO, diesem Blow up-Symposium, war auch so ein Meister seines Fachs an ihrer Seite. Aber ich will mich an dieser Stelle nicht weiter in fragwürdige Details der Fragestellung versteigen. Jedenfalls ging es in der UdK-Gesprächsreihe „Diversität im Dialog“ an diesem Abend um das Thema „Tod und Altern„. Wir sahen in Vera von Lehndorffs Filmsequenzen unter anderem Szenen, in denen sie mit einer Vorstellung von irdischem, veritabel erdenreichem Begrabensein spielte, sich vergrabend ins Erdreich. Asche spielte auch eine Rolle, wie so oft bei ihren Werken. Damit malt sie auch. Mich interessierte, ob die Asche in einer der Filmszenen von einem bestimmten Objekt rührte – Papier oder etwas anderem von Bedeutung vielleicht – Briefe, Aufzeichnungen – ? Aber so detailliert wollte ich dann auch nicht nachbohren. Sie sagte aber, dass diese Art sehr heller Asche von Papier ist. Und dann gab es auch eine Aufzeichnung einer Performance in Berlin, in der man sie auf einer Chaiselongue sah, ganz in Grau gekleidet, wie der Bezugsstoff des Möbels und eine Zwiesprache mit ihrem gerade gestorbenen (unsichtbaren) Kater hielt. Der auch so ein graues Fell hatte. Das fand ich sehr anrührend. Sie erinnerte sich an Dinge, die sie ärgerten, als er noch lebte, das Zerfetzen von jeglichem Papier zu Papierschnitzeln, das ihr auf einmal fehlte. Ich fand das wahrhaftig, wie sie da mit ihrem Kater im Nirwana sprach. Danach kommentierte sie so etwas in der Art wie „na ja, ist vielleicht doch nicht so gut – ein bißchen kitschig vielleicht, oder?“ So, als ob sie bei sich zuhause wäre und sich etwas von sich anschaut, und halb zu sich selber spricht, wie man so Selbstgespräche führt. Und lächelt dabei so ein bißchen unsicher ins Publikum. Da musste ich aber ganz deutlich widersprechen. Dass es überhaupt nicht kitschig war, sondern im Gegenteil sehr anrühernd. Und sie: „Ja?(??)“ Mit so einem erfreut-überraschten Ausdruck. „Ja, wirklich. Das war sehr schön.“ Und wie man sieht, wie sie sich über das Lob freut. Ein paar andere im Publikum haben es auch noch einmal bekräftigt. Alle waren ihr zugetan. Aber das ist ja immer so. So selten es solche Gelegenheiten gibt. Es war das vierte mal, dass ich sie gesehen habe. Aus nächster Nähe. Aber so jung und leicht wie die beiden letzten Male kam sie mir noch nie vor. Und als sie wirklich jung an Jahren war, schon gar nicht. Vera von Lehndorff, die sich in der Blüte ihrer Jugend das Leben nehmen wollte, weil sie vor Dunkelheit nicht ein noch aus wusste. Ganz hell war sie, wie sie da direkt vor mir saß, in ihrem gerade begonnenen siebenundsiebzigsten Jahr, eine Freude. Wie immer. Jan war auch da. Mein guter Freund, dem ich nicht erklären muss, warum man jeden sich bietenden Termin mit Vera Lehndorff rot im Kalender anstreichen sollte. Er hat auch ein paar Aufnahmen gemacht, hier.





Der Mann, der links von ihr zu sehen ist, hat bei ihren gefilmten Performances der letzteren Jahre die Kamera geführt und mit ihr die Dramaturgie entwickelt. Leider habe ich seinen Namen nicht präsent, er wird auch nicht auf der Seite der UdK namentlich erwähnt. Es gibt von diesen jüngeren Werken kaum etwas im Netz (nur das, eventuell war es daher Christopher Roth). Auf youtube finden sich ein paar Sachen, die sie mit Holger Trülzsch gemacht hat, aber das war lange vor dem, was wir an diesem Abend sahen.























Im Auditorium waren Menschen zwischen Zwanzig und Siebzig. Nicht so sehr eine Frage des Alters, Zugang zu finden. Byung-Chul Han, der das Gespräch leitete, hatte wohl den Lehrauftrag präsent, als er zwecks Vorstellung Teile aus ihrem Wikipedia-Eintrag aufgriff, so wie man einem Marsmännchen Veruschka gerne erklären will. Aber wir sind doch Erdbewohner.

14. Juli 2015

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Wieder Vera. Veruschka. Wenn ich nicht hin und wieder erwähnt hätte, dass ich sie schon hier und da erleben konnte, hätte ich das gar nicht gewusst. Nirgendwo ein Plakat oder augenfälliger Hinweis. Nein, man muss sich mit dem Vorlesungsverzeichnis der UdK Berlin, der Universität der Künste beschäftigen, dann weiß man von solchen Veranstaltungen. Was ich bislang nicht gemacht habe. Aber eine langjährige Bekannte, die sich gerne mit dem Verzeichnis beschäftigt, hat mich darauf aufmerksam gemacht. Das Schöne ist ja, dass man zu diesen Vorlesungen einfach gehen kann, ohne immatrikuliert zu sein. Man muss sich weder ausweisen noch Eintritt bezahlen. Und wenn man frühzeitig kommt, kriegt man auch einen Platz. Und lauscht mehr oder weniger hochkarätigen Erörterungen oder Gesprächen. Kommt natürlich auf die Protagonisten an. Das Gute bei Vera von Lehndorff ist, egal welch schlichten Geistes die Fragestellung ist, sie reagiert immer auf eine Art, die Substanz in die Angelegenheit bringt. Manchmal auch nur durch einen subtil unwirschen Blick. So eine Andeutung von „was fragt der mich hier denn?“ Aber so charmant drübergelächelt. Sieht man vielleicht auch nur, wenn man sich wissenschaftlich mit Veruschka, Vera Gottliebe Anna Gräfin von Lehndorff beschäftigt hat. Wir sahen Filmsequenzen von ihren Performances. Sagen wir performancehafte Kurzfilme. Kleine atmosphärische Kurzfilme, wie Traumsequenzen. Das ist mir nicht so fremd. Nun kenne ich auch ihre Biographie recht gut und kann mich dann schon auch einmal mit Vera von Lehndorff gemeinsam über die Fragestellung wundern. Unlängst bei CO, diesem Blow up-Symposium, war auch so ein Meister seines Fachs an ihrer Seite. Aber ich will mich an dieser Stelle nicht weiter in fragwürdige Details der Fragestellung versteigen. Jedenfalls ging es in der UdK-Gesprächsreihe „Diversität im Dialog“ an diesem Abend um das Thema „Tod und Altern„. Wir sahen in Vera von Lehndorffs Filmsequenzen unter anderem Szenen, in denen sie mit einer Vorstellung von irdischem, veritabel erdenreichem Begrabensein spielte, sich vergrabend ins Erdreich. Asche spielte auch eine Rolle, wie so oft bei ihren Werken. Damit malt sie auch. Mich interessierte, ob die Asche in einer der Filmszenen von einem bestimmten Objekt rührte – Papier oder etwas anderem von Bedeutung vielleicht – Briefe, Aufzeichnungen – ? Aber so detailliert wollte ich dann auch nicht nachbohren. Sie sagte aber, dass diese Art sehr heller Asche von Papier ist. Und dann gab es auch eine Aufzeichnung einer Performance in Berlin, in der man sie auf einer Chaiselongue sah, ganz in Grau gekleidet, wie der Bezugsstoff des Möbels und eine Zwiesprache mit ihrem gerade gestorbenen (unsichtbaren) Kater hielt. Der auch so ein graues Fell hatte. Das fand ich sehr anrührend. Sie erinnerte sich an Dinge, die sie ärgerten, als er noch lebte, das Zerfetzen von jeglichem Papier zu Papierschnitzeln, das ihr auf einmal fehlte. Ich fand das wahrhaftig, wie sie da mit ihrem Kater im Nirwana sprach. Danach kommentierte sie so etwas in der Art wie „na ja, ist vielleicht doch nicht so gut – ein bißchen kitschig vielleicht, oder?“ So, als ob sie bei sich zuhause wäre und sich etwas von sich anschaut, und halb zu sich selber spricht, wie man so Selbstgespräche führt. Und lächelt dabei so ein bißchen unsicher ins Publikum. Da musste ich aber ganz deutlich widersprechen. Dass es überhaupt nicht kitschig war, sondern im Gegenteil sehr anrühernd. Und sie: „Ja?(??)“ Mit so einem erfreut-überraschten Ausdruck. „Ja, wirklich. Das war sehr schön.“ Und wie man sieht, wie sie sich über das Lob freut. Ein paar andere im Publikum haben es auch noch einmal bekräftigt. Alle waren ihr zugetan. Aber das ist ja immer so. So selten es solche Gelegenheiten gibt. Es war das vierte mal, dass ich sie gesehen habe. Aus nächster Nähe. Aber so jung und leicht wie die beiden letzten Male kam sie mir noch nie vor. Und als sie wirklich jung an Jahren war, schon gar nicht. Vera von Lehndorff, die sich in der Blüte ihrer Jugend das Leben nehmen wollte, weil sie vor Dunkelheit nicht ein noch aus wusste. Ganz hell war sie, wie sie da direkt vor mir saß, in ihrem gerade begonnenen siebenundsiebzigsten Jahr, eine Freude. Wie immer. Jan war auch da. Mein guter Freund, dem ich nicht erklären muss, warum man jeden sich bietenden Termin mit Vera Lehndorff rot im Kalender anstreichen sollte. Er hat auch ein paar Aufnahmen gemacht, hier.





Der Mann, der links von ihr zu sehen ist, hat bei ihren gefilmten Performances der letzteren Jahre die Kamera geführt und mit ihr die Dramaturgie entwickelt. Leider habe ich seinen Namen nicht präsent, er wird auch nicht auf der Seite der UdK namentlich erwähnt. Es gibt von diesen jüngeren Werken kaum etwas im Netz (nur das, eventuell war es daher Christopher Roth). Auf youtube finden sich ein paar Sachen, die sie mit Holger Trülzsch gemacht hat, aber das war lange vor dem, was wir an diesem Abend sahen.























Im Auditorium waren Menschen zwischen Zwanzig und Siebzig. Nicht so sehr eine Frage des Alters, Zugang zu finden. Byung-Chul Han, der das Gespräch leitete, hatte wohl den Lehrauftrag präsent, als er zwecks Vorstellung Teile aus ihrem Wikipedia-Eintrag aufgriff, so wie man einem Marsmännchen Veruschka gerne erklären will. Aber wir sind doch Erdbewohner.

11. Juli 2015
10. Juli 2015
05. Juli 2015
Wind, Donner, Doria.
05. Juli 2015
Wind, Donner, Doria.
04. Juli 2015


Ich warte immer noch auf das nicht kommen wollende Unwetter. Gut den Tag rumgekriegt. Eigentlich war mein Plan für den Fall der unerträglichen Hitze daheim, eine Flucht in ein gut klimatisiertes Museum, die sind ja allgemein alle gut klimatisiert. Ins Bauhaus-Archiv zum Beispiel. Meine Wohnung hatte ich schon in aller Herrgottsfrüh nach nächtlichem Durchlüften, mit mehreren Lagen heruntergezogener Rollos, hermetisch geschlossenen Fenstern und behelfs in die Gaubenfenster gedrückter Sitzpolster, als Dämmung, gegen die Höchsttemperaturen verbarrikadiert. Auf jedem Balkon einen Sonnenschirm. Dazu im Badezimmer eine volle Badewanne und ein gefülltes Waschbecken mit kaltem Wasser, von dem ein bißchen Kühle in die Luft steigt. Gar nicht, um da etwa selber reinzugehen und mich abzukühlen. Das hat so überraschend gut funktioniert, dass ich nicht einmal das Bedürfnis hatte, mich in regelmäßigen Abständen zu duschen. Ich bin dann einfach dringeblieben und hab ein bißchen Fernseh geschaut und nachgedacht und gelesen und gedöst, zwischendurch ein Nachmittagsnickerchen im lauen Schlafzimmer. Also, es ging recht gut. Mir hat auch davor gegraust, nach außen zu treten, in eine Luft wie ein heißer Föhn. Meine Überlegung war, wenn es schwer erträglich würde, ein Taxi zu rufen, mit der Bitte „eines mit Klimaanlage“, das mich dann direkt vors klimatisierte Museum fährt. Aber das war mir dann auch zu umständlich, irgendwie. Dann war der Tag auch schon bald gut herumgebracht, mit meinem Herumgetrödel. Nur die Fenster habe ich jetzt ein bißchen zu frühzeitig wieder geöffnet, da hätte ich noch eine Stunde warten sollen. Lieber erst so gegen Mitternacht wieder aufmachen, frühestens! Muss ich mir für morgen merken. Jetzt kommt langsam ein laues Lüftchen durch meine Gemächer, alle Balkontüren und Fenster sind auf. Es ist dunkel. Mal schauen, ob das Unwetter nur eine Ente war. Dann gieße ich noch selber. Komisch, dass mir früher, als Kind und Jugendliche, die höchsten Temperaturen lieb waren, bis auf ganz seltene, extreme Sommernächte in meinem Dachzimmer in meinem Elternhaus. Mir ist, als hätte ich jeden Hochsommerstrahl um die dreißig Grad in praller Sonne badend ausgekostet. Eigenartige Wandlung. Jetzt laufe ich im Schatten, wenn es über fünfundzwanzig Grad hat. Zwischen zweiundzwanzig und fünfundzwanzig Grad ist mir am liebsten. Na ja, es kühlt ja angeblich schon bald wieder ab, übermorgen, am Montag. Und mit um die siebenundzwanzig Grad kann ich auch noch sehr gut leben.
27. Juni 2015


MEINE ZEIT IST GEKOMMEN, WENN SIE WIEDER SO ZUM LACHEN IST DASS ES SICH LOHNT, DRITTE ZÄHNE ANZUSCHAFFEN steht da oben. Wolfgang Neuss hat das geschrieben. Vielleicht nicht direkt persönlich an die Wand vom Ex und Pop, aber in seinem kleinen Zimmer in der Ufa-Fabrik, unweit entfernt, in Tempelhof. Das war der Abend, dem mein lauschiger Ausflug zur Liebermannvilla, zum Großen Wannsee und zum Kleinen, mit dem Kleistgrab vorangegangen war. Ein extremer Tapetenwechsel, der als erste, aber nicht letzte Station den Besuch in einer kleinen Galerie in Neukölln hatte, wo der liebe Bloggerfreund Sebastian Rogler eine ausgiebige Serie kleinformatiger, liebevoll gerahmter Fotografien gemeinsam mit einem befreundeten Fotografen zeigte. Da passte kein blumenreicher Wannsee-Sommerfrische-Mantel und ich wusste sicher, dass ich mich dafür umziehen würde. Irgendwas Urbaneres. Aber erst einmal ein schönes Fußbad und ein bißchen ins Internet.


Und essen und trinken und sich in Ausgehstimmung bringen. Das ist nicht so selbstverständlich gegeben, wenn man vorher viele, viele eindrucksvolle Stunden unterwegs war. Eine Ausstellung von jemandem, den man kennt und mag zu besuchen, bringt mich teilweise in ein Dilemma. Wenn man nichts weiter mit dem Künstler zu schaffen hat, geht man halt hin und nach ein, zwei Gläsern auch wieder weg, weiter oder heim, ohne auf die Idee zu kommen, sich bei irgendjemandem entschuldigen zu müssen, dass man nicht drei bis fünf Stunden am selben Ort bleibt. So lange braucht man ja auch im Allgemeinen nicht, um eine Reihe von Bildern anzuschauen und ein bißchen zu plaudern, falls es sich überhaupt ergibt. Aber da war ich von vorneherein so befangen, dass ich mir dachte, es ist ohnehin besser zu handhaben, wenn ich eher spät als früh hingehe, weil ich dann zum einen ein bißchen erholter von dem langen Ausflug wäre, und zum anderen zeitlich näher an der „…noch-wo-was-trinken“-Phase, die den Künstler mit einschließt.

Ich bin auch ein unruhiger Typ, wenn ich in so Galerien unterwegs bin. Früher, als ich mich öfter bei solchen Gelegenheiten unter die Leute gemischt habe, war ich oft mit Jan unterwegs, der es auch gerne hat, in Bewegung zu bleiben und oft den Ort zu wechseln. Es sei denn, man hätte eine Einladung, die mit einem Essen verbunden ist, aber das ist ja was ganz anderes. Also ich zog mich in aller Ruhe um und entschied mich für den schwarzen Lackmantel, den ich im Bikini aufgegabelt hatte und der bei der Berliner Fashionweek mitlaufen durfte. Der Gürtel ist auch aus dem Bikini, von einem Designer im Erdgeschoss, der neben Lampen auch Gürtel aus alten Reifenmänteln und Zahnrädern von ausrangierten Fahrrädern bastelt, lauter schöne Einzelstücke. Ich finde, ich kann an der Stelle ein bißchen ins Detail gehen, denn die Ausstellung hatte ja immerhin was mit Mode zu tun. Es war schon sehr spät, als ich hin bin, das ist nicht von der Hand zu weisen.


Es war fast schon dunkel. Ein Schimmer der blauen Stunde lag noch in der Abendluft, als ich die Emser Straße in Neukölln entlangstapfte. Eigentlich eine nicht unvertraute Gegend, weil in einer der Parallelstraßen mein Atelier ist, wo ich leider allzu selten tätig bin, in den letzten Jahren. Aber ich habe mich immer schon wenig in den angrenzenden Straßen aufgehalten, wenn ich schon einmal dort war. Leuchtturm Neukölln stand über dem kleinen Ausstellungsraum mit großer Glasfront und von Drinnen leuchtete grelles Neonlicht. Die noch verbliebenen Gäste standen fast ausnahmslos auf dem inzwischen dunklen Gehweg vor der Tür und viele rauchten und hatten ein Bier in der Hand. Ich erkannte Sebastian schon von weitem, er unterhielt sich angeregt mit zwei oder drei Frauen, andere Grüppchen unterhielten sich ebenfalls angeregt. Ich kannte niemandem außer Sebastian, was schade war, denn ich hatte gehofft, wenigstens zwei oder drei Bloggerinnen anzutreffen, Anousch oder Anne oder Kitty Koma.

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Aber nix da. Die waren entweder nicht da oder schon wieder weg. Wie blöd! Ich ging nach innen und schaute mir die Werke, zum Teil auch erotische an. Ich kam sehr gut durch, weil ja mehr oder weniger alle draußen standen und fand im hinteren Bereich eine Nische, wo es Bier und Wein und ein Körbchen für die Geldscheine gab. Eine andere Frau hielt mit mir Ausschau nach jemandem, der die Getränke verkaufen könnte, aber da war niemand, so habe ich kurzerhand entschieden, das Geschäft selbst in die Hand zu nehmen. Auf einem Kärtchen stand glaube ich der Getränkepreis und so bedienten wir uns und legten das Geld brav ins Körbchen. Ich nahm ein Bier. Als ich wieder hinaus ging, kam ich mit einem bärtigen, nicht unattraktiven Mann ins Gespräch, der sich an mich von der Republica im letzten Jahr erinnerte, ich mich aber nicht an ihn, was mir ein bißchen peinlich war. Er plauderte von der diesjährigen Republica, wo ich ja nicht war, und hatte viel Lobendes zu berichten, als zu später Stunde Elvira, die früher als Saoirse auf twoday gebloggt hat, mit ihrem Mann des Weges kam.

Wir haben früher manches Geburtstagsfest zusammen bei ihr gefeiert, auch schon wieder lange her. Wir freuten uns beide über das Wiedersehen und ich klärte sie auf, dass mein allgemeiner Rückzug von Parties und Geselligkeiten nichts mit ihr zu tun hatte, sondern alleine auf mir selbst beruhte. Da war sie leicht beruhigt.

Inzwischen hatte sie geheiratet, auch das war an mir vorbeigegangen, weil ich nicht lückenlos Neuigkeiten meiner facebook-Freunde verfolge. Sie erzählte, dass sie noch eine Einladung von einer Freundin am selben Abend hätte, die im Ex und Pop bei einem Konzert auftritt. Ich war gleich Feuer und Flamme und auch perplex, weil ich dachte, das Ex und Pop würde es gar nicht mehr geben. In den Achtziger Jahren habe ich dort so manche Nacht zum Tag gemacht, es war einer dieser Kultorte, wo es nichts Besonderes war, dass Nick Cave, Blixa Bargeld und Jim Jarmusch neben einem am Tresen standen. Ich erinnerte dunkel, dass es vor dem Standort in der Mansteinstraße zuerst woanders war, irgendwo in Schöneberg. Aber diese neue Adresse, die Elvira hatte, in der Potsdamer Straße, war mir völlig unbekannt. Gerne hätte ich mich auch Sebastian angeschlossen, der noch in eine Bar namens Circus Lemke was trinken ging, um den Abend ausklingen zu lassen. Ich war hin- und hergerissen, am liebsten wäre ich überall hingangen, aber das hätte zeitlich nicht hingehauen. Und so hat die Neugier gesiegt, was aus dem Ex und Pop geworden ist.




Wir nahmen ein Taxi und schon von außen sah es genauso abgerockt aus wie früher. Und drinnen hatte ich auch ein Déjà-vu nach dem anderen. Obwohl andere Räume, anderes Gekritzel, andere Möbel. Es war atmosphärisch und räumlich so sehr ähnlich dem Laden in der Mansteinstraße, dass ich mir ein bißchen wie zurückgebeamt vorkam. Leider aber keine bekannten Gesichter von früher. Ich kam mir fast vor wie ein Dinosaurier und Elvira amüsierte sich über meine verstaubten Erinnerungen. Die Waschräume, also die Klos, waren auch sehr sehenswert. Man hat sich gleich zuhause gefühlt. Vorausgesetzt, man war früher in solchen Läden zuhause. Nur die Livemusik war ein bißchen zu gepflegt und chillig, da hat ein bißchen der Punk gefehlt, aber nett war es trotzdem. Ich kriegte Lust, wieder öfter in solche Läden zu gehen und vor lauter Übermut rauchte ich sogar eine Zigarette, die mir ausgezeichnet schmeckte, ganz mild. Ich glaube eine Gauloise aus ökologischem Anbau oder so ähnlich. Was es eben heutzutage alles so gibt. Ich hatte den Eindruck, dass diese Sorte Gauloise früher irgendwie schärfer geschmeckt hat, also so ein bißchen kratzig. Wie auch immer, ich habe die Zigarette vom ersten bis zum letzten Zug genossen. Wir tranken wieder Bier und nachdem wir einen umfassenden Eindruck vom Repertoire der Musiktruppe hatten, nahm die Umtriebigkeit wieder überhand und wir hatten Lust auf einen Ortswechsel. Und was lag da näher, als das Kumpelnest um die Ecke. Als wir auf der Postdamer an einer Ampel standen, fiel mir auf einmal der gigantische Pfeiler mit dem Jugendstilfrauenkopf auf. Ich war sehr begeistert, mitten auf der nicht sehr attraktiven Postdamer Straße plötzlich so ein schönes Relikt aus alter Zeit zu sehen. Das Kumpelnest kannte ich auch von ganz früher. Mir ist, als wäre ich sogar auf der Eröffnungsparty 1987 gewesen. Ich war aber auch in den Jahrzehnten danach ab und zu mal da. Ich könnte nicht beschwören, dass die ornamentale Auslegware an der Wand noch die originale von damals ist, sie wirkt irgendwie so neu, aber vielleicht haben sie die verräucherten Wände auch einfach mal schamponiert. Wir wackelten stark animiert mit den Hüften, gerade so, dass das Bier nicht überschwappt, und freuten uns an der pinkorangen Lightshow und den gutgelaunten Gästen, die uns umringten. Lauter junge Männer und Frauen, die richtig tanzten. Also auch die Männer. Ein Pärchen war dabei, die hätten direkt bei Let’s Dance antreten können, eine Augenweide. Besonders seine Moves, wie wir Fachleute sagen. So endete der Tag nach einem Ausflug in die heile Welt von Wannsee mit Friede-Freude-Eierkuchen im Kumpelnest 3000. War schön.
27. Juni 2015


MEINE ZEIT IST GEKOMMEN, WENN SIE WIEDER SO ZUM LACHEN IST DASS ES SICH LOHNT, DRITTE ZÄHNE ANZUSCHAFFEN steht da oben. Wolfgang Neuss hat das geschrieben. Vielleicht nicht direkt persönlich an die Wand vom Ex und Pop, aber in seinem kleinen Zimmer in der Ufa-Fabrik, unweit entfernt, in Tempelhof. Das war der Abend, dem mein lauschiger Ausflug zur Liebermannvilla, zum Großen Wannsee und zum Kleinen, mit dem Kleistgrab vorangegangen war. Ein extremer Tapetenwechsel, der als erste, aber nicht letzte Station den Besuch in einer kleinen Galerie in Neukölln hatte, wo der liebe Bloggerfreund Sebastian Rogler eine ausgiebige Serie kleinformatiger, liebevoll gerahmter Fotografien gemeinsam mit einem befreundeten Fotografen zeigte. Da passte kein blumenreicher Wannsee-Sommerfrische-Mantel und ich wusste sicher, dass ich mich dafür umziehen würde. Irgendwas Urbaneres. Aber erst einmal ein schönes Fußbad und ein bißchen ins Internet.


Und essen und trinken und sich in Ausgehstimmung bringen. Das ist nicht so selbstverständlich gegeben, wenn man vorher viele, viele eindrucksvolle Stunden unterwegs war. Eine Ausstellung von jemandem, den man kennt und mag zu besuchen, bringt mich teilweise in ein Dilemma. Wenn man nichts weiter mit dem Künstler zu schaffen hat, geht man halt hin und nach ein, zwei Gläsern auch wieder weg, weiter oder heim, ohne auf die Idee zu kommen, sich bei irgendjemandem entschuldigen zu müssen, dass man nicht drei bis fünf Stunden am selben Ort bleibt. So lange braucht man ja auch im Allgemeinen nicht, um eine Reihe von Bildern anzuschauen und ein bißchen zu plaudern, falls es sich überhaupt ergibt. Aber da war ich von vorneherein so befangen, dass ich mir dachte, es ist ohnehin besser zu handhaben, wenn ich eher spät als früh hingehe, weil ich dann zum einen ein bißchen erholter von dem langen Ausflug wäre, und zum anderen zeitlich näher an der „…noch-wo-was-trinken“-Phase, die den Künstler mit einschließt.

Ich bin auch ein unruhiger Typ, wenn ich in so Galerien unterwegs bin. Früher, als ich mich öfter bei solchen Gelegenheiten unter die Leute gemischt habe, war ich oft mit Jan unterwegs, der es auch gerne hat, in Bewegung zu bleiben und oft den Ort zu wechseln. Es sei denn, man hätte eine Einladung, die mit einem Essen verbunden ist, aber das ist ja was ganz anderes. Also ich zog mich in aller Ruhe um und entschied mich für den schwarzen Lackmantel, den ich im Bikini aufgegabelt hatte und der bei der Berliner Fashionweek mitlaufen durfte. Der Gürtel ist auch aus dem Bikini, von einem Designer im Erdgeschoss, der neben Lampen auch Gürtel aus alten Reifenmänteln und Zahnrädern von ausrangierten Fahrrädern bastelt, lauter schöne Einzelstücke. Ich finde, ich kann an der Stelle ein bißchen ins Detail gehen, denn die Ausstellung hatte ja immerhin was mit Mode zu tun. Es war schon sehr spät, als ich hin bin, das ist nicht von der Hand zu weisen.


Es war fast schon dunkel. Ein Schimmer der blauen Stunde lag noch in der Abendluft, als ich die Emser Straße in Neukölln entlangstapfte. Eigentlich eine nicht unvertraute Gegend, weil in einer der Parallelstraßen mein Atelier ist, wo ich leider allzu selten tätig bin, in den letzten Jahren. Aber ich habe mich immer schon wenig in den angrenzenden Straßen aufgehalten, wenn ich schon einmal dort war. Leuchtturm Neukölln stand über dem kleinen Ausstellungsraum mit großer Glasfront und von Drinnen leuchtete grelles Neonlicht. Die noch verbliebenen Gäste standen fast ausnahmslos auf dem inzwischen dunklen Gehweg vor der Tür und viele rauchten und hatten ein Bier in der Hand. Ich erkannte Sebastian schon von weitem, er unterhielt sich angeregt mit zwei oder drei Frauen, andere Grüppchen unterhielten sich ebenfalls angeregt. Ich kannte niemandem außer Sebastian, was schade war, denn ich hatte gehofft, wenigstens zwei oder drei Bloggerinnen anzutreffen, Anousch oder Anne oder Kitty Koma.

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Aber nix da. Die waren entweder nicht da oder schon wieder weg. Wie blöd! Ich ging nach innen und schaute mir die Werke, zum Teil auch erotische an. Ich kam sehr gut durch, weil ja mehr oder weniger alle draußen standen und fand im hinteren Bereich eine Nische, wo es Bier und Wein und ein Körbchen für die Geldscheine gab. Eine andere Frau hielt mit mir Ausschau nach jemandem, der die Getränke verkaufen könnte, aber da war niemand, so habe ich kurzerhand entschieden, das Geschäft selbst in die Hand zu nehmen. Auf einem Kärtchen stand glaube ich der Getränkepreis und so bedienten wir uns und legten das Geld brav ins Körbchen. Ich nahm ein Bier. Als ich wieder hinaus ging, kam ich mit einem bärtigen, nicht unattraktiven Mann ins Gespräch, der sich an mich von der Republica im letzten Jahr erinnerte, ich mich aber nicht an ihn, was mir ein bißchen peinlich war. Er plauderte von der diesjährigen Republica, wo ich ja nicht war, und hatte viel Lobendes zu berichten, als zu später Stunde Elvira, die früher als Saoirse auf twoday gebloggt hat, mit ihrem Mann des Weges kam.

Wir haben früher manches Geburtstagsfest zusammen bei ihr gefeiert, auch schon wieder lange her. Wir freuten uns beide über das Wiedersehen und ich klärte sie auf, dass mein allgemeiner Rückzug von Parties und Geselligkeiten nichts mit ihr zu tun hatte, sondern alleine auf mir selbst beruhte. Da war sie leicht beruhigt.

Inzwischen hatte sie geheiratet, auch das war an mir vorbeigegangen, weil ich nicht lückenlos Neuigkeiten meiner facebook-Freunde verfolge. Sie erzählte, dass sie noch eine Einladung von einer Freundin am selben Abend hätte, die im Ex und Pop bei einem Konzert auftritt. Ich war gleich Feuer und Flamme und auch perplex, weil ich dachte, das Ex und Pop würde es gar nicht mehr geben. In den Achtziger Jahren habe ich dort so manche Nacht zum Tag gemacht, es war einer dieser Kultorte, wo es nichts Besonderes war, dass Nick Cave, Blixa Bargeld und Jim Jarmusch neben einem am Tresen standen. Ich erinnerte dunkel, dass es vor dem Standort in der Mansteinstraße zuerst woanders war, irgendwo in Schöneberg. Aber diese neue Adresse, die Elvira hatte, in der Potsdamer Straße, war mir völlig unbekannt. Gerne hätte ich mich auch Sebastian angeschlossen, der noch in eine Bar namens Circus Lemke was trinken ging, um den Abend ausklingen zu lassen. Ich war hin- und hergerissen, am liebsten wäre ich überall hingangen, aber das hätte zeitlich nicht hingehauen. Und so hat die Neugier gesiegt, was aus dem Ex und Pop geworden ist.




Wir nahmen ein Taxi und schon von außen sah es genauso abgerockt aus wie früher. Und drinnen hatte ich auch ein Déjà-vu nach dem anderen. Obwohl andere Räume, anderes Gekritzel, andere Möbel. Es war atmosphärisch und räumlich so sehr ähnlich dem Laden in der Mansteinstraße, dass ich mir ein bißchen wie zurückgebeamt vorkam. Leider aber keine bekannten Gesichter von früher. Ich kam mir fast vor wie ein Dinosaurier und Elvira amüsierte sich über meine verstaubten Erinnerungen. Die Waschräume, also die Klos, waren auch sehr sehenswert. Man hat sich gleich zuhause gefühlt. Vorausgesetzt, man war früher in solchen Läden zuhause. Nur die Livemusik war ein bißchen zu gepflegt und chillig, da hat ein bißchen der Punk gefehlt, aber nett war es trotzdem. Ich kriegte Lust, wieder öfter in solche Läden zu gehen und vor lauter Übermut rauchte ich sogar eine Zigarette, die mir ausgezeichnet schmeckte, ganz mild. Ich glaube eine Gauloise aus ökologischem Anbau oder so ähnlich. Was es eben heutzutage alles so gibt. Ich hatte den Eindruck, dass diese Sorte Gauloise früher irgendwie schärfer geschmeckt hat, also so ein bißchen kratzig. Wie auch immer, ich habe die Zigarette vom ersten bis zum letzten Zug genossen. Wir tranken wieder Bier und nachdem wir einen umfassenden Eindruck vom Repertoire der Musiktruppe hatten, nahm die Umtriebigkeit wieder überhand und wir hatten Lust auf einen Ortswechsel. Und was lag da näher, als das Kumpelnest um die Ecke. Als wir auf der Postdamer an einer Ampel standen, fiel mir auf einmal der gigantische Pfeiler mit dem Jugendstilfrauenkopf auf. Ich war sehr begeistert, mitten auf der nicht sehr attraktiven Postdamer Straße plötzlich so ein schönes Relikt aus alter Zeit zu sehen. Das Kumpelnest kannte ich auch von ganz früher. Mir ist, als wäre ich sogar auf der Eröffnungsparty 1987 gewesen. Ich war aber auch in den Jahrzehnten danach ab und zu mal da. Ich könnte nicht beschwören, dass die ornamentale Auslegware an der Wand noch die originale von damals ist, sie wirkt irgendwie so neu, aber vielleicht haben sie die verräucherten Wände auch einfach mal schamponiert. Wir wackelten stark animiert mit den Hüften, gerade so, dass das Bier nicht überschwappt, und freuten uns an der pinkorangen Lightshow und den gutgelaunten Gästen, die uns umringten. Lauter junge Männer und Frauen, die richtig tanzten. Also auch die Männer. Ein Pärchen war dabei, die hätten direkt bei Let’s Dance antreten können, eine Augenweide. Besonders seine Moves, wie wir Fachleute sagen. So endete der Tag nach einem Ausflug in die heile Welt von Wannsee mit Friede-Freude-Eierkuchen im Kumpelnest 3000. War schön.
19. Juni 2015
Vorhin Anruf von der Charité. „Guten Tag, Charité Berlin, die NaKo. Wir möchten gerne Termine mit Ihnen abstimmen. Sie wurden als Level 2-Probandin gewählt.“
„?“
„Das bedeutet, Sie gehören zu den Probanden*, die eine Ganzkörper-Untersuchung erhalten, einschließlich MRT„
Ausgiebige Befragung: Erkrankungen, Operationen, Medikamente.
„Haben Sie Metallteile im Körper?“
„Nein, nicht mehr.“
„Tragen Sie Permanent-Make up?“
„Nein.“
„Sind Sie tätowiert?“
„Noch nicht!“
„Können Sie eine Stunde auf dem Rücken liegen?“
„Ja.“
Wir vereinbaren zwei Termine. Am 31. August 2015 sechs Stunden Komplett-Untersuchung in der Charité im Forschungszentrum in der Luisenstraße und drei Tage später, am 3. September in Berlin Buch, eine Stunde Ganzkörper-MRT.
„Und bitte kein Glitzer-Make up!“
*) 2000 von 10.000 kriegen eine Ganzkörper-Untersuchung, die anderen 8000 nur einfachere Herz-Kreislauf-etc.-Untersuchungen.
21. Juni 2015

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Laß mich. Du hörst, was ich beschloß, eh würdest du den Strom, wenn er herab von Bergen schießt, als meiner Seele Donnersturz regieren. Ist’s nicht, als ob ich eine Leier zürnend zertreten wollte, weil sie still für sich, im Zug des Nachtwinds, meinen Namen flüstert? Dem Bären kauert‘ ich zu Füssen mich, und streichelte das Pantherthier, das mir in solcher Regung nahte, wie ich ihm. Mein ewiger Gedanke, wenn ich wachte, mein ew’ger Traum warst du. Die ganze Welt lag wie ein ausgespanntes Musternetz vor mir. In jeder Masche, weit und groß, war deiner Thaten eine eingeschürzt. Und in mein Herz, wie Seide weiß und rein, mit Flammenfarben jede brannt‘ ich ein. Wie Priam fleh’nd in deinem Zelt erschien und heiße Thränen weint‘ ich, wenn ich dachte, daß ein Gefühl doch, Unerbittlicher, den marmorharten Busen dir durchzuckt. O laß dies Herz zwei Augenblick‘ in diesem Strom der Lust, wie ein besudelt Kind, sich untertauchen. Wenn es mir möglich wär, wenn ich’s vermöchte, das Aeußerste, das Menschenkräfte leisten, hab‘ ich gethan, Unmögliches versucht. Mein Alles hab‘ ich an den Wurf gesetzt. Der Würfel, der entscheidet, liegt, er liegt: Begreifen muß ich’s, und daß ich verlor.


Ich war so ruhig, Prothoe, wie das Meer, das in der Bucht des Felsen liegt; nicht ein Gefühl, das sich in Wellen mir erhob. Dies Wort: sei ruhig jagt mich plötzlich jetzt, wie Wind die offnen Weltgewässer, auf. Was ist es denn, das Ruh‘ hier nöthig macht? Ihr steht so seltsam um mich, so verstört, und sendet Blicke, bei den ew’gen Göttern, in meinen Rücken hin, als stünd ein Unhold, mit wildem Antlitz dräuend, hinter mir. Du hörst’s, es war ja nur ein Traum. Daß der Stern, auf dem wir athmen, geknickt, gleich dieser Rosen einer, läge. Daß ich den ganzen Kranz der Welten so, wie dies Geflecht der Blumen, lösen könnte. Dies Herz, weil es sein muß, bezwingen will ich’s, und thun mit Grazie, was die Noth erheischt. Recht habt ihr auch. Warum auch wie ein Kind gleich, weil sich ein flücht’ger Wunsch mir nicht gewährt, Mit meinen Göttern brechen? Kommt hinweg. Das Glück, gesteh‘ ich, wär mir lieb gewesen, doch fällt es mir aus Wolken nicht herab, Den Himmel drum erstürmen will ich nicht. Das Unglück, sagt man, läutert die Gemüther, ich empfand es nicht. Erbittert hat es, Götter mich und Menschen in unbegriff’ner Leidenschaft empört. Wie seltsam war, auf jedem Antlitz, mir, wo ich sie traf, der Freude Spur verhaßt. Wie mögt‘ ich alles jetzt, was mich umringt, zufrieden gern und glücklich sehn. Der Mensch kann groß, ein Held, im Leiden sein. Doch göttlich ist er, wenn er selig ist. Heinrich von Kleist , Penthesilea




Ich gehe am See spazieren, sehe unzählige Enten und Vögel, die in der Luft herum fliegen und zwitschern. Sie piepsen leise vor sich her und singen ihr Lied des Lebens. Doch wenn ich diese Klänge höre, höre ich nur mein Sterbelied. Nun denke ich, ist auch für mich die Zeit gekommen, Abschied von dieser Welt zu nehmen… (…)



Meine liebste Marie, mitten in dem Triumphgesang, den meine Seele in diesem Augenblick des Todes anstimmt, muß ich noch einmal Deiner gedenken und mich Dir, so gut wie ich kann, offenbaren: Dir, der einzigen, an deren Gefühl und Meinung mir etwas gelegen ist; alles andere auf Erden, das Ganze und Einzelne, habe ich völlig in meinem Herzen überwunden. Nur so viel wisse, (…) daß ich sterbe, weil mir auf Erden nichts mehr zu lernen und zu erwerben übrig bleibt. Lebe wohl! Du bist die allereinzige auf Erden, die ich jenseits wieder zu sehen wünsche.

Ich kann nicht sterben, ohne mich, zufrieden und heiter, wie ich bin, mit der ganzen Welt, und somit auch, vor allen anderen, meine teuerste Ulrike, mit Dir versöhnt zu haben. (…) Du hast an mir getan, ich sage nicht, was in Kräften einer Schwester, sondern in Kräften eines Menschen stand, um mich zu retten: Die Wahrheit ist, dass mir auf Erden nicht zu helfen war. (21. November 1811)



Als ich an diesem fünfzehnten Mai, von der Liebermann-Villa kommend, immer am Großen Wannsee mit seinen Segler- und Ruderclubs entlang, auf dem Weg zur S-Bahn war, hatte ich nicht daran gedacht, dass ich ganz in der Nähe von Kleists Grab am Kleinen Wannsee war. Selbst wenn es mir präsent gewesen wäre, hätte ich mich nicht eigens auf den Weg dorthin begeben, obwohl ich es immer schon einmal besuchen wollte. So viel Ausflug und Eindrücke hatte ich, dass es für drei gereicht hätte. Ich schaute hinunter zu den weißen Booten in der Bucht vom Kleinen Wannsee und freute mich an dem Flirren und Blühen und war im Geiste schon halb auf dem Bahnsteig, als ich unwiderruflich zum Greifen nah, ein Schild zu meiner Rechten sah. Und obwohl ich in all den Jahren schon so oft in dieser Ecke war, hatte ich mich nie dahin verirrt. Ich war so übervoll von Eindrücken, dass nicht mehr viel in mich hineinzupassen schien, aber die Füße taten mir noch gar nicht weh und müde war ich auch noch nicht, und die Kamera machte mit, also warum nicht noch dieser eine kleine Spaziergang.



Ich wusste schon so in etwa um das Schicksal von Heinrich von Kleist und seiner Geliebten, aber genauer habe ich mich erst danach mit den beiden und seinen Motiven befasst. Es ist schon traurig, weil er auch das Paradiesische auf Erden erkennen konnte, das ihm aber nicht in aller Fülle zuteil wurde. Er hatte es schwer als Dichter, konnte kaum davon leben und wurde sehr zensiert und kritisiert. Der einzige Text von ihm, den ich genauer kenne, sogar recht gut, ist der Auszug aus Penthesilea, mit dem dieser Eintrag beginnt, und den ich sehr liebe, weil er mir in einer schweren Zeit aus dem Herzen gesprochen hat und mich getröstet. Obwohl das nicht das richtige Wort ist. Es gab keinen Trost, aber er hat zauberhafte Worte für das Unsägliche gefunden. Das ist meine Verbindung zu Heinrich von Kleist. Ich war überrascht, wie hügelig es dort ist, wo er liegt. Eine Allee mit Kopfsteinpflaster führt dorthin. Ein bißchen verwunschen ist es auch, dort am Kleinen Wannsee. Und danach bin ich aber wirklich zu S-Bahn und heimgefahren.


Zum zweihundertsten Todestag von Heinrich von Kleist
Heinrich von Kleist im Projekt Gutenberg
So trugen ihn zwei Engel fort
Am Grabe Kleists
Spurensuche
Briefe
19. Juni 2015
Vorhin Anruf von der Charité. „Guten Tag, Charité Berlin, die NaKo. Wir möchten gerne Termine mit Ihnen abstimmen. Sie wurden als Level 2-Probandin gewählt.“
„?“
„Das bedeutet, Sie gehören zu den Probanden*, die eine Ganzkörper-Untersuchung erhalten, einschließlich MRT„
Ausgiebige Befragung: Erkrankungen, Operationen, Medikamente.
„Haben Sie Metallteile im Körper?“
„Nein, nicht mehr.“
„Tragen Sie Permanent-Make up?“
„Nein.“
„Sind Sie tätowiert?“
„Noch nicht!“
„Können Sie eine Stunde auf dem Rücken liegen?“
„Ja.“
Wir vereinbaren zwei Termine. Am 31. August 2015 sechs Stunden Komplett-Untersuchung in der Charité im Forschungszentrum in der Luisenstraße und drei Tage später, am 3. September in Berlin Buch, eine Stunde Ganzkörper-MRT.
„Und bitte kein Glitzer-Make up!“
*) 2000 von 10.000 kriegen eine Ganzkörper-Untersuchung, die anderen 8000 nur einfachere Herz-Kreislauf-etc.-Untersuchungen.
15. Juni 2015
15. Juni 2015
14. Juni 2015
13. Juni 2015
Berlin – die Symphonie der Großstadt, 1927
Der Film ist so zauberhaft, ich muss ihn als extra Eintrag posten, nicht nur als versteckten Kommentar.
(vorneweg 40 Sek. Reklame, dann einundsechzig Minuten Film!)
13. Juni 2015

Ein bißchen Lokalkolorit. Die Berliner Polizei twittert gestern und heute ihre Einsätze. Das kriegt man ja sonst alles gar nicht mit.
Mann grillt auf einem Gehweg in Neukölln. #24hPolizei
Gleichberechtigte Schlägerei unter Frauen und Männern auf einer Straße in Müggelheim #24hPolizei
Ein Sportbegeisterter möchte die Minigolfbahn in Kreuzberg nicht verlassen. #24hPolizei
Gesundheitsbewusster Dieb in Tempelhof: Festnahme in einem Bioladen. #24hPolizei
Im Tiergartentunnel wird der Verkehr durch eine Hochzeitsgesellschaft beeinträchtigt. Die Gäste tanzen auf der Fahrbahn. #24hPolizei
In Charlottenburg werden Passanten durch einen nackten Mann auf der Fahrbahn belästigt. #24hPolizei
Die @berliner_fw benötigt in Köpenick unsere Hilfe. Eine Frau randaliert im Rettungswagen. #24hPolizei
Anwohner melden: Nerviger Saxophonist spielt seit Stunden immer die gleichen fünf Akkorde. Neukölln #24hPolizei
In Spandau wurde ein Mann von seiner Ex-Freundin geschlagen. Er möchte von uns keine Hilfe. #24hPolizei
Eine verwirrte Person wirft in Neukölln Gläser auf die vorbeifahrenden Fahrzeuge. Wir eilen zum Ort. #24hPolizei
Sternhagelvoll auf dem Sterndamm in Schöneweide. Vorsicht: Betrunkener Fußgänger auf der Fahrbahn unterwegs. Wir eilen hin. #24hPolizei
In Treptow liegt ein Mann aus unbekannten Gründen in einem Vorgarten. #24hPolizei
Spontane Demo mit fünf Personen in Mitte. Wir kümmern uns. #24hPolizei
Eine Mutter in Treptow wollte Hilfe bei Streitschlichtung ihrer Kinder. Wir konnten mit Ratschlägen am Telefon weiterhelfen. #24hPolizei .
In einem Spätkauf in Charlottenburg wird Alkohol an Jugendliche verkauft. #24hPolizei
Spontandemo von Skatern auf der Schillingbrücke in Mitte. Wir begleiten. #24hPolizei
Im Strandbad Müggelsee in Köpenick kam es zu mehreren Handydiebstählen. #24hPolizei
Am U-Bahnhof Steglitz wird Drogenhandel betrieben. Wir fahren hin. #24hPolizei
Beschwerden gehen ein. Vor dem KaDeWe soll ein Straßenmusiker echt schlecht musizieren. #24hPolizei
In Kreuzberg möchte uns jemand Schusswaffen übergeben, die er in seiner Wohnung hat. #24hPolizei
Ein Mann wäscht sich unbekleidet auf dem Gehweg. Charlottenburg #24hPolizei
In einem Hotelzimmer in Mitte wurde durch einen Gast die Einrichtung nachhaltig zerlegt. #24hPolizei
13. Juni 2015

Ein bißchen Lokalkolorit. Die Berliner Polizei twittert gestern und heute ihre Einsätze. Das kriegt man ja sonst alles gar nicht mit.
Mann grillt auf einem Gehweg in Neukölln. #24hPolizei
Gleichberechtigte Schlägerei unter Frauen und Männern auf einer Straße in Müggelheim #24hPolizei
Ein Sportbegeisterter möchte die Minigolfbahn in Kreuzberg nicht verlassen. #24hPolizei
Gesundheitsbewusster Dieb in Tempelhof: Festnahme in einem Bioladen. #24hPolizei
Im Tiergartentunnel wird der Verkehr durch eine Hochzeitsgesellschaft beeinträchtigt. Die Gäste tanzen auf der Fahrbahn. #24hPolizei
In Charlottenburg werden Passanten durch einen nackten Mann auf der Fahrbahn belästigt. #24hPolizei
Die @berliner_fw benötigt in Köpenick unsere Hilfe. Eine Frau randaliert im Rettungswagen. #24hPolizei
Anwohner melden: Nerviger Saxophonist spielt seit Stunden immer die gleichen fünf Akkorde. Neukölln #24hPolizei
In Spandau wurde ein Mann von seiner Ex-Freundin geschlagen. Er möchte von uns keine Hilfe. #24hPolizei
Eine verwirrte Person wirft in Neukölln Gläser auf die vorbeifahrenden Fahrzeuge. Wir eilen zum Ort. #24hPolizei
Sternhagelvoll auf dem Sterndamm in Schöneweide. Vorsicht: Betrunkener Fußgänger auf der Fahrbahn unterwegs. Wir eilen hin. #24hPolizei
In Treptow liegt ein Mann aus unbekannten Gründen in einem Vorgarten. #24hPolizei
Spontane Demo mit fünf Personen in Mitte. Wir kümmern uns. #24hPolizei
Eine Mutter in Treptow wollte Hilfe bei Streitschlichtung ihrer Kinder. Wir konnten mit Ratschlägen am Telefon weiterhelfen. #24hPolizei .
In einem Spätkauf in Charlottenburg wird Alkohol an Jugendliche verkauft. #24hPolizei
Spontandemo von Skatern auf der Schillingbrücke in Mitte. Wir begleiten. #24hPolizei
Im Strandbad Müggelsee in Köpenick kam es zu mehreren Handydiebstählen. #24hPolizei
Am U-Bahnhof Steglitz wird Drogenhandel betrieben. Wir fahren hin. #24hPolizei
Beschwerden gehen ein. Vor dem KaDeWe soll ein Straßenmusiker echt schlecht musizieren. #24hPolizei
In Kreuzberg möchte uns jemand Schusswaffen übergeben, die er in seiner Wohnung hat. #24hPolizei
Ein Mann wäscht sich unbekleidet auf dem Gehweg. Charlottenburg #24hPolizei
In einem Hotelzimmer in Mitte wurde durch einen Gast die Einrichtung nachhaltig zerlegt. #24hPolizei
08. Juni 2015


https://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=1811922554

Ich kann mich nicht entsinnen, je so lang mit einem Eintrag herumgetan zu haben. Vor lauter Respekt und dem Bedürfnis, Max Liebermann so viel Ehre zu erweisen, wie überhaupt nur möglich, habe ich viele Tage damit verbracht, immer wieder die Reihenfolge der Bilder zu ändern. Das Ganze ruhen zu lassen. Wieder angefangen, wieder umsortiert. Damit die Reihenfolge wie der Film wird, den ich empfunden habe, als ich da war. Es ist nicht egal, welches Bild einem anderen folgt. Nichts ist egal. Alles ist wichtig. Alles hat Bedeutung. Und als ich durch seinen Garten lief, mit diesem großem Respekt, mit Ehrfurcht und Gedenken – war ich mir keineswegs sicher, dass er meine Schritte nicht bemerkt. Meine Schritte in seinem Reich, seinem liebgewonnenen Refugium am Großen Wannsee. Keiner kann das wissen. Man muss davon ausgehen, dass die ewigen Seelen ein Auge auf ihre irdischen Herzensdinge haben. Nicht nur ihre Nachkommen. Warum nicht auf einen Ort, der zu Lebzeiten so große Bedeutung hatte? Ich kann diesen Ort nicht vereinnahmen, als beliebigen Ausflugsort banalisieren, umdeuten, ohne auf seinen Erschaffer, Schöpfer Max Liebermann hinzuweisen und mich vor ihm zu verneigen. Und sehr dafür Danke zu sagen, dass ich da herumlaufen darf. So ist das. Deshalb brauche ich so lange, um diese Bilder hier zu zeigen. Weil ich viele Texte recherchiert habe, in denen die Geschichte dieses Ortes gewürdigt wird. Und Max Liebermann. Glücklicherweise fand ich Schriftverkehr von Max Liebermann, in dem er über Details zum Bau der Villa spricht. Alle diese folgenden kursiven Absätze rühren aus diesen Fundstücken. Es sind viele. Und das ist angemessen. Denn Max Liebermann war ein ganz Großer. Mit jeder Lektüre jedes Fundstückes ist er mir mehr ans Herz gewachsen. Sehr.




Im Alter von 62 Jahren legte sich Max Liebermann einen Sommersitz im damals vornehmsten Villenviertel Berlins zu. 1909 erwarb er in der Villenkolonie Alsen eines der letzten freien Wassergrundstücke am Wannsee, ein lang gestrecktes, etwa 7000 Quadratmeter umfassendes Grundstück an der Seestraße 42, heute Colomierstr. 3. Die zum Wannsee gelegene Ostfassade der Villa wird durch einen zentralen zweigeschossigen Mittelrisaliten mit dreieckigem Giebel und Oculus gegliedert. Auf dieser Seite der Villa gelangt man durch Terrassentüren von allen Räumen des Erdgeschosses auf die breite Terrasse und kann den Blick über die Blumenterrasse, die große Wiese, Heckengärten und Birkenallee im seeseitigen Garten schweifen lassen. Die Familie Liebermann bezog das Haus im Juli 1910 und verbrachte bis kurz vor Max Liebermanns Tod 1935 jährlich die Sommermonate am Wannsee.



In der Folgezeit unterlag das Haus einer wechselvollen Nutzung: 1940 wurde Martha Liebermann von den Nationalsozialisten gezwungen, das Grundstück an die Deutsche Reichspost zu verkaufen, die in der Villa ein »Schulungslager« für ihre »weibliche Gefolgschaft« einrichtete. Gegen Ende des Krieges diente das Haus als Lazarett. Nach 1945 wurde die Liebermann-Villa gemeinsam mit der benachbarten Villa Hamspohn zur Chirurgischen Abteilung des Städtischen Krankenhauses Wannsee. Max Liebermanns Atelier fungierte als Operationssaal.



Liebermanns in den USA lebende Tochter Käthe Riezler erhielt die Villa 1951 zurück. Sie schloss mit dem Wannsee-Krankenhaus einen Mietvertrag. Ihre Tochter Maria White, die als Kind auf vielen Bildern Max Liebermanns zu sehen ist, verkaufte die Villa schließlich 1958 an das Land Berlin. Der verwaltende Bezirk Steglitz-Zehlendorf verpachtete die Villa dann im Herbst 1971 nach zweijährigem Leerstand für 30 Jahre an den Deutschen Unterwasser-Club (DUC). Dieser richtete dort ein Vereinsheim mit einer Aus- und Fortbildungsstätte für Taucher ein, was bauliche Veränderungen im Inneren des Hauses zur Folge hatte. Zwar erreichte die Max-Liebermann-Gesellschaft 1995, dass die Villa unter Denkmalschutz gestellt wurde, der Bezirk verlängerte aber im gleichen Jahr den Pachtvertrag mit den Tauchsportlern vorzeitig um weitere zwanzig Jahre. Zum 150. Geburtstag Max Liebermanns im Jahr 1997 erwirkte die Max-Liebermann-Gesellschaft, dass der Berliner Senat die museale Nutzung der Villa beschloss. Er stellt allerdings keine finanziellen Mittel zur Verfügung. Nachdem 2002 ein gleichwertiges Ausweichgrundstück für den DUC gefunden werden konnte, begann die Max-Liebermann-Gesellschaft mit privaten Mitteln die Villa zu restaurieren und für die Nutzung als Museum umzuwandeln. Seit Ende April Zweitausendsechs sind Haus und der Garten originalgetreu wiederhergestellt und für die Öffentlichkeit als Künstlerhaus, Museum und Garten dauerhaft zugänglich. Die Heckengärten allerdings mussten bei der Eröffnung 2006 noch Fragment bleiben, da ein viereinhalb Meter breiter Streifen vom Grundstück abgetrennt und in der Nutzung eines benachbarten Sportvereines blieb. Erst nach Jahren unermüdlichen Ringens gelang es im Jahr 2013, diesen Grundstückstreifen dem Garten wieder einzugliedern und die Heckengärten zu vollenden. Im Mai 2014 konnten die Bauarbeiten in den Heckengärten von Max Liebermann abgeschlossen werden. Den Abschluss bildete die Ergänzung der Ufermauer und Rekonstruktion des historischen Liebermann-Steges, der zehn Meter aufs Wasser hinausführt und in einer Aussichtsplattform endet. Heute erstrahlen das Haus und der Garten in altem Glanz.








Lange hatte der Berliner Maler von einem solchen Ort geträumt, mit großem Garten und Bäumen. 1910 verwirklichte er schließlich diesen Traum am Wannsee. »Von allen Ländern lächelt jenes Eckchen der Erde mich an« zitierte Liebermann Hölderlin, um Freunden sein neues Domizil zu beschreiben. Künstlerisches Sehen heißt nicht nur optisches Sehen, sondern auch Erschauen der Natur. Nur wer den Odem Gottes in der Natur spürt, wird in Wirklichkeit lebendig gestalten können, nur der Pantheist… (…)«











Liebermann entschloss sich vergleichsweise spät, sich neben seinem ererbten Stadtquartier am Pariser Platz, einen Sommersitz im damals nobelstem Villenvorort Berlins zuzulegen. Im Sommer 1909 erwarb er eines der letzten freien Doppelgrundstücke mit Wasserzugang zum Großen Wannsee und beauftragte Paul Otto Baumgarten mit dem Bau seines Hauses. Baumgarten hatte sich als Villen- und Landhausbauer einen Namen gemacht. Während die Planung des Gartens in der umfangreichen Korrespondenz zwischen Liebermann und Alfred Lichtwark gut dokumentiert ist, konnte die Entstehungsgeschichte des Hauses nur anhand von Bauakten und einigen wenigen Kommentaren in Briefen Liebermanns rekonstruiert werden. Das wenige aber vermittelt einen lebendigen Eindruck vom Planungs- und Bauablauf, von der Zusammenarbeit zwischen dem Bauherr und seinem Architekten.



Liebermann plante ein Gesamtkunstwerk von Haus und Garten und die erste wichtige Voraussetzung war die Entscheidung, den Standort des Hauses in die Mitte des langgestreckten Grundstückes zu legen. „Wenn ich hier am Ufer stehe, so will ich durch das Haus hindurch auf den Teil des Gartens sehen können, der dahinter liegt. Vor dem Haus soll eine einfache Wiese angelegt werden, so dass ich von den Zimmern aus ohne Hindernis auf den See sehen kann. Und links und rechts vom Rasen will ich gerade Wege. Das ist die Hauptsache. Noch etwas: das Zimmer, das in der Achse liegt, soll der Essraum sein. So… – Und nun bauen Sie!“




Baumgartens erste Pläne sahen auf der Westfassade u.a. eine mittig angeordnete, zweigeschossige Loggia vor, die Fassade zum Wannsee hin hat ein heruntergezogenes Mansardwalmdach und in der Mitte ein wuchtiges, glockenähnliches Kuppeldach über einem sich aus der Fassade vorwölbenden zweigeschossigen Vorbau, vor dem wiederum zwei Säulen stehen, die einen Balkon tragen. Liebermann war jedenfalls nicht zufrieden, als Baumgarten ihm am 25. Juli 1909 die fertigen Pläne zur Unterschrift vorlegte. An seinen Freund und Berater bei der Gartengestaltung Alfred Lichtwark schreibt er einen Tag später: „Gestern habe ich den ganzen Tag gebaut u. über den Grundriß sind wir so ziemlich klar (ich bringe die Pläne mit). Nicht so über die Fassade, die zu sehr nach einem Bauernhause aussieht: ich möchte ein Landhaus, das sich ein Städter gebaut hat. Wie überall ist das Einfachste das Schwerste.“ Die Bleistiftskizze eines Giebels auf einem Plan der Wannseefassade, die möglicherweise bei der zitierten Besprechung mit Baumgarten entstand, lässt erahnen, was Liebermann sich unter einem „Landhaus eines Städters“ vorstellte. Am nächsten Tag reichte Baumgarten die Pläne beim Bauamt Wannsee ein, wo sie zügig, Ende August 1909 genehmigt wurden.


Mitte September begann das Baugeschäft mit der Ausführung. Bereits Ende Oktober war der Bau soweit fortgeschritten, daß Liebermann Lichtwark berichten konnte: „Meine Sommerresidenz kömmt in nächster Zeit unter Dach, dann muß das Haus nach polizeilicher Vorschrift sechs Wochen stehn bleiben, ohne daß daran gearbeitet werden darf. Anfangs nächsten Jahres kann es inwendig verputzt werden u. im Mai von außen, sodaß wir Anfang Juli etwa es beziehen können. So meint wenigstens der Architekt, ob sein Optimismus berechtigt ist, weiß ich freilich nicht. Bis jetzt freuen wir uns und haben noch keine Fehler entdeckt.“ Der endgültige Entwurf sah ein kubisch reduziertes Gebäude mit einer begradigten Fassade und einem einfachen Walmdach vor. Die Räume im Inneren sind symmetrisch um die Mittelachse herum angeordnet. Im Erdgeschoss befindet sich ein großes, durch eine mittige Tür mit dem Esszimmer auf der Wannseeseite verbundenes Kaminzimmer, mit dem von Liebermann gewünschten Durchblick von Osten nach Westen, Im Obergeschoss liegen die Schlafräume der Familie, mit Blick auf den Großen Wannsee und das Atelier.



Ende März 1910 berichtete Liebermann seinem Freund Lichtwark: „Vorigen Sonnabend waren wir wieder in Wannsee und bis jetzt haben wir weder am Bau wie am Garten etwas entdeckt, was wir anders gewünscht hätten … In 14 Tagen wird die Villa fertig sein, sodaß wir an die innre Einrichtung gehen können.“ Am 6. April, genervt von den Querelen bei den Vorbereitungen der zehnten Jahresausstellung der Secession, – „am liebsten schmeiße ich ihnen den ganzen Kram vor die Füße“ -, konnte Liebermann Lichtwark von weiteren Fortschritten in Wannsee berichten. Nach seinem Einzug stellte Liebermann fest, dass er mit dem Gärtnerhaus nicht zufrieden war. Es störte ihn beim Blick aus seinem Atelierfenster und darüber hinaus beeinträchtigte es – von der Straße aus betrachtet – die repräsentative Hauptfront des Hauses und damit die Gesamtwirkung erheblich. Es folgte die schrittweise Neuplanung diverser Nebenanlagen: des Pförtnerhauses, der Abortanlage, der Garten- und Terrassenmauern und eines Teepavillons am Ufer des Wannsees, die sich teilweise noch bis Ende des Jahres 1911 hinzogen Im Frühjahr 1910 hatten die Arbeiten am Haus Fortschritte gemacht. Am 4. Mai 2010 schrieb Liebermann an Alfred Lichtwark: „Wir waren vorgestern wieder in Wannsee: bis auf die Inneneinrichtung ists fertig und auch der Garten fängt schon an. So weit wirs bis jetzt beurtheilen können, finden wir es durchaus gelungen. Die Terrassen sind fertig, jetzt wird das sechs Meter breite Stück in den See geschüttet und im Juli können wir hoffentlich die Villa beziehen. Bis dahin kommen Sie hoffentlich noch her, um Ihr Urtheil abzugeben.“ Am 26. Juli 1910 war es dann endlich so weit.


Liebermann bezog mit seiner Frau Martha, seiner Tochter Käthe und dem Dackel Männe seine Villa am Wannsee. Am 31. Juli berichtete er Lichtwark „Seit 5 Tagen leben wir nun hier und ich empfinde zum ersten Male in meinem Leben das Gefühl, auf der eigenen Scholle zu sitzen. Hier kann ich meine Ellenbogen wenigstens nach beiden Seiten ausstrecken, ohne – anzustoßen. Auch habe ich bis jetzt nichts bemerkt, was ich hätte anders machen sollen: die vorhandenen Fehler waren nicht zu umgehn, höchstens vermittelst viel größerer Geldaufwendungen. Aber, wie mir Arnhold, der mich eben besuchte, sagte, aus der Situation bezug auf die Gartenanlage, die wir Ihnen verdanken: die ist nach einstimigen Urtheilen eminent gelungen. Lichtwark kam im Oktober zu Besuch und stellte fest, dass Haus und Garten fertig seien. In seinem Bericht für die Verwaltung der Hamburger Kunsthalle notierte er, Liebermann sei sehr stolz: „Sehen Sie, diese zehn Finger haben alles in zwei Jahren ermalt, Grundstück, Haus, Gartenanlage und Einrichtung. Wenn mir jemand vor zehn Jahren gesagt hätte, daß es einmal so kommen würde, hätte ich gelacht.“



Fern des Großstadtlärms fand Liebermanns Flucht vor der Industriekultur, der seine Familie ihren Reichtum verdankte, ihr beschauliches Ende. Denn im Unterschied zu seinen Nachbarn, die allesamt größere Villen bewohnten und Gärten im englischen Stil angelegt hatten, legte Liebermann Wert auf den bürgerlichen Charakter seines Hauses und mehr noch auf die „bürgerliche Architektur“ seines Gartens. Auf seinem eigenen Anwesen kam es schließlich zum harmonischen Nebeneinander von ländlicher Idylle und bürgerlicher Kommodität. 1922 schrieb Max Liebermann an Fritz Stahl, einen Redakteur beim Berliner Tageblatt: „Schade, dass Sie nicht zu meinem Geburtstage hier waren. Es war sehr nett und auf Augenblicke vergaß man der fürchterlichen Zeitläufe. Sehn Sie sich doch mal mein ‚Schloß‘ am See an, übermütig sieht’s nicht aus, aber ich glaube, dass es nach mir aussieht.“


Scherzhaft nannte Max Liebermann seine Sommervilla »Klein-Versailles«. Liebermann repräsentierte eine Position, mit der sich ein Bürgertum identifizierte, das sich dem Bildungshumanismus des 19. Jahrhunderts verpflichtet fühlte und liberal gesinnt war. »In Liebermann bewundere ich Berlin«, schrieb Thomas Mann, der den toleranten Geist der Stadt von keinem anderen besser repräsentiert fühlte. Und: »Ich finde es königlich, daß er den geweckt schnoddrigen Berliner Jargon spricht, frank und unverfälscht, und wenn ich bei ihm bin, in seinem Haus am Pariser Platz, fühle ich mich im Brenn- und Sammelpunkt erheiternder und mächtiger Charakterköpfe, an repräsentativ symbolischem Ort, in der Residenz des genius loci: eine Empfindung, zu der das Fluidum von Freiheit, Kühnheit, Größe, Souveränität nicht wenig beiträgt, das die rassig-feine und ritterliche, im strengsten Sinne liebenswürdige Person des Hausherrn umwittert.« Auch in Wannsee fanden diese Kreise zueinander. Das passende Naturkorrelat zum Künstlersubjekt Liebermann war zu dieser Zeit längst sein Garten am Wannsee. In den Jahren des Krieges, in denen er nicht mehr verreisen konnte, fand er dort seine wichtigsten Motive und investierte den Großteil seiner verbleibenden Arbeitskraft in den Wannseegarten. Die Colonie Alsen an den Ufern des Großen Wannsees war mehr als nur das sommerliche Zentrum des Berliner Geistes- und Kulturlebens. Hier lebten viele der bedeutendsten Mäzene, die Kunstsammlerin Margarete Oppenheim, Eduard Arnhold, Robert und Franz von Mendelsohn, die ihre van Goghs und Manets zum großen Teil ebenso der Nationalgalerie vermachten wie die Bankiersfamilie von der Heydt. Hier lebten die Verleger Ferdinand Springer und Gustav Langenscheidt und der gefeierte Operateur Sauerbruch, und hier ging auch Albert Einstein als Freund vieler Familien ein und aus.



Zum letzten offiziellen Höhepunkt im Leben Max Liebermanns geriet die Feier zu seinem 85. Geburtstag. Im Sommer 1932 fand am Wannsee ein großes Fest statt, in dessen Verlauf dem Maler die Ehrenbürgerschaft der Stadt Berlin verliehen wurde. Doch nur ein halbes Jahr später marschierten schon die braunen Horden unter den Fenstern von Liebermanns Stadtwohnung durchs Brandenburger Tor. „Ick kann jar nich so viel fressen, wie ick kotzen möchte!“ flucht Liebermann beim Betrachten des Fackelzugs zu Adolf Hitlers Machtübernahme am 30. Januar 1933. Als schließlich auch die Bücher brannten, trat Liebermann aus der Akademie der Künste aus und verriet der jüdischen Central-Vereins-Zeitung seine Motive: „Ich habe während meines langen Lebens mit allen meinen Kräften der deutschen Kunst zu dienen gesucht. Nach meiner Überzeugung hat Kunst weder mit Politik noch mit Abstammung zu tun, ich kann daher der Preußischen Akademie der Künste, deren ordentliches Mitglied ich seit mehr als 30 Jahren und deren Präsident ich zwölf Jahre gewesen bin, nicht länger angehören, da dieser mein Standpunkt keine Geltung mehr hat.“ Liebermann, Berliner Ehrenbürger und Präsident der Preußischen Akademie der Künste, legte am Tag nach der Bücherverbrennung im Mai 1933 alle öffentlichen Ämter nieder.


Am 8. Februar 1935 starb Max Liebermann, 87-jährig, eines natürlichen Todes. Vorher war er schon zwei Jahre lang totgeschwiegen worden. Ihm, der immer ein offenes Haus für Freunde und Gäste gepflegt hatte, wurde auf dem jüdischen Friedhof in der Schönhauser Allee nur von wenigen Getreuen das letzte Geleit gegeben. Am 20. Januar 1942 fand in der Nachbarschaft seines Gartens die Wannseekonferenz statt, um die Auslöschung der Juden bis ins kleinste Detail zu regeln. Sein Haus am Großen Wannsee sowie sein Stadthaus am Brandenburger Tor wurden der Familie durch »Arisierung« geraubt. Einigen Angehörigen der großen Liebermann-Familie war es gelungen, ins Ausland zu flüchten, andere endeten in den Vernichtungslagern der Nazis. 1943 sollte auch Liebermanns 86-jährige Frau Martha nach Theresienstadt deportiert werden. Bevor es dazu kam, nahm sie sich das Leben. Liebermanns Ehefrau Martha vergiftete sich am 10. März 1943, unmittelbar vor der Deportation. Aus ihrem im Museum ausgestellten letzten Brief spricht ihre fatale Verzweiflung.





»Das Höchste, wozu es der Mensch bringen kann, ist: sich zur Freiheit durchzukämpfen, seiner Intuition folgen zu dürfen. Die Freiheit wird einem nicht geschenkt, sondern sie muss erobert werden, und dieser Kampf heißt das Leben.« Max Liebermann, 1931
Quellen
Luise Berlin
Rückzug ins Refugium
Paradies am Wannsee
Wikipedia Colonie Alsen
Wikipedia Max Liebermann
Max Liebermann-Gesellschaft
Projekt Gutenberg Max Liebermann
Baugeschichte der Liebermann-Villa
06. Juni 2015
Hab gerade aus dem Fenster geguckt, zur Domkuppel. Und was sehe ich da… – entgegen allen Erwartungen und Berechnungen, die Spitze vom Rohgerüst der Kuppel, der Rotunde vom Schloss. Wie oft hab ich ihn die Richtung geguckt und hin- und herüberlegt, ob ich einen Blick davon erhaschen kann, eines Tages. Und nun ist sie wirklich ein bißchen zu sehen, zwischen einer der Kleinen und der ganz großen Domkuppel, seh ich das Häubchen. Mal schauen was noch ganz oben drauf kommt. Hier in der Webcam, sieht man, wie weit es schon ist. Spannend. Am Wochenende 12. bis 14. Juni ist Richtfest an der Baustelle, da schaue ich vielleicht hin.
06. Juni 2015
Oh. Winnetou ist tot. In den Armen seiner Frau eingeschlafen. Heute. Wie jung er doch mit 86 Jahren noch gewirkt hat. Ich war schon sehr als Kind in ihn verliebt. In Old Shatterhand nie, der war natürlich sympathisch und alles, aber mehr so wie ein Onkel. Aber bei Winnetou sind meine kleinen Kinderknie weich geworden. Pierre Brice hat sich ja auch später noch sehr für die Indianer eingesetzt, nicht nur in der wichtigsten Rolle seines Lebens. In den ewigen Jagdgründen wird er einen ganz besonders schönen Platz bekommen, da bin ich mir ganz sicher. Farewell, liebster Winnetou.


Do not stand at my grave and weep
I am not there
I do not sleep
I am a thousand winds that blow
I am the diamond glints on snow
I am the sunlight on ripened grain
I am the gentle autumn rain
When you awaken in the morning’s hush
I am the swift uplifting rush
Of quiet birds in circled flight
I am the soft stars that shine at night
Do not stand at my grave and cry
I am not there
I did not die
Mary Elizabeth Frye
31. Mai 2015

Heute war ich endlich da. Ich war nach einer halben Stunde schon völlig absorbiert und satt und beinah nicht mehr aufnahmefähig vor lauter Schönheit und es hört nicht auf… nach drei Stunden und zwanzig Minuten war meine Aufnahmefähigkeit absolut erschöpft – – – man könnte wohl ein ganzes Jahr jede Woche dorthin fahren und hätte immer noch nicht alle Gräber gesehen. Immer an der Mauer bin ich entlang, da wo auch die Sonne hinkommt, vielleicht sind da auch mit die schönsten und erhabensten Monumente. Aber auch im schattigen Bauch sind Schätze – da war ich nur sehr am Rande…. an der Mauer entlang, links rum, gegen den Uhrzeigersinn, links von dem Mosse-Mausoleum ist eines von zwei Grabmälern mit einer wundervollen Kuppel mit kreisrunden Aussparungen, so eines hätte ich auch gerne… die schönsten Gräber von ganz Berlin sind da, was für ein heiliger Ort. Danach war ich noch ein bißchen am Weißensee, wo die Mohnblumen in voller Blüte stehen.
[ Kommentar ]
05. Juni 2014
Das Los hat mich getroffen. Ich bin vom Zufallsgenerator als Studienobjekt der Charité in Berlin ausgewählt worden, um für die Langzeitstudie „Nationale Kohorte“ Daten über meinen (Gesundheits)Zustand und meine Lebensgewohnheiten erfassen zu lassen. Man muss da nicht mitmachen, aber ich sehe es als Chance, zu Lebzeiten der medizinischen Wissenschaft und Evolution zu dienen. Das meine ich ganz ernst. 10.000 Berliner werden in den nächsten dreißig Jahren untersucht und beobachtet. Man kann sich nicht bewerben, wie ich erfahren habe, sondern wird ausgelost. Weil ich, wie ich meine, eine recht interessante, ungewöhnliche Kranken- und Gesundungsgeschichte im Hinblick auf Schilddrüsenunterfunktion, Asthma und Neurodermitis habe, sind die Daten auch für mich selber interessant. Außerdem gehöre ich leider zu den Leuten, die sich gerne vor Routine- und Vorsorgeuntersuchungen drücken. Im Dienste der Wissenschaft kann ich mich dann nicht mehr drücken, wenn ich einmal zugesagt habe. Könnte ich wohl schon, aber das kann ich dann schlecht mit meinem Ehrgefühl vereinbaren. Ich bin ein sehr vertragstreuer, verlässlicher Typ, wenn ich mich einmal für etwas entschieden habe. Ich denke mir, oder erhoffe mir auch davon, dass man mit Super-High-Tech-Instrumentarium durchgecheckt wird, und auf eine Art untersucht wird, die sonst Geld kosten würde oder nur in besonderen Fällen stattfindet. Ich möchte wirklich gerne dem Fortschritt im medizinischen Bereich dienen. Aber zu Lebzeiten. Wenn ich tot bin, wird nicht mehr untersucht und rumgebohrt, da ist dann Schluss mit der Langzeitstudie. Keine Autopsie, keine Organentnahme. So, wie es im Ausweis steht. Ich bin schon sehr gespannt, wie meine Krankengeschichte aufgenommen wird. Vielleicht sind ja auch attraktive Wissenschaftler zugegen, wenn man befragt und analysiert wird. Ich berichte natürlich umgehend.
05. Juni 2014
Das Los hat mich getroffen. Ich bin vom Zufallsgenerator als Studienobjekt der Charité in Berlin ausgewählt worden, um für die Langzeitstudie „Nationale Kohorte“ Daten über meinen (Gesundheits)Zustand und meine Lebensgewohnheiten erfassen zu lassen. Man muss da nicht mitmachen, aber ich sehe es als Chance, zu Lebzeiten der medizinischen Wissenschaft und Evolution zu dienen. Das meine ich ganz ernst. 10.000 Berliner werden in den nächsten dreißig Jahren untersucht und beobachtet. Man kann sich nicht bewerben, wie ich erfahren habe, sondern wird ausgelost. Weil ich, wie ich meine, eine recht interessante, ungewöhnliche Kranken- und Gesundungsgeschichte im Hinblick auf Schilddrüsenunterfunktion, Asthma und Neurodermitis habe, sind die Daten auch für mich selber interessant. Außerdem gehöre ich leider zu den Leuten, die sich gerne vor Routine- und Vorsorgeuntersuchungen drücken. Im Dienste der Wissenschaft kann ich mich dann nicht mehr drücken, wenn ich einmal zugesagt habe. Könnte ich wohl schon, aber das kann ich dann schlecht mit meinem Ehrgefühl vereinbaren. Ich bin ein sehr vertragstreuer, verlässlicher Typ, wenn ich mich einmal für etwas entschieden habe. Ich denke mir, oder erhoffe mir auch davon, dass man mit Super-High-Tech-Instrumentarium durchgecheckt wird, und auf eine Art untersucht wird, die sonst Geld kosten würde oder nur in besonderen Fällen stattfindet. Ich möchte wirklich gerne dem Fortschritt im medizinischen Bereich dienen. Aber zu Lebzeiten. Wenn ich tot bin, wird nicht mehr untersucht und rumgebohrt, da ist dann Schluss mit der Langzeitstudie. Keine Autopsie, keine Organentnahme. So, wie es im Ausweis steht. Ich bin schon sehr gespannt, wie meine Krankengeschichte aufgenommen wird. Vielleicht sind ja auch attraktive Wissenschaftler zugegen, wenn man befragt und analysiert wird. Ich berichte natürlich umgehend.
31. Mai 2015

Heute war ich endlich da. Ich war nach einer halben Stunde schon völlig absorbiert und satt und beinah nicht mehr aufnahmefähig vor lauter Schönheit und es hört nicht auf… nach drei Stunden und zwanzig Minuten war meine Aufnahmefähigkeit absolut erschöpft – – – man könnte wohl ein ganzes Jahr jede Woche dorthin fahren und hätte immer noch nicht alle Gräber gesehen. Immer an der Mauer bin ich entlang, da wo auch die Sonne hinkommt, vielleicht sind da auch mit die schönsten und erhabensten Monumente. Aber auch im schattigen Bauch sind Schätze – da war ich nur sehr am Rande…. an der Mauer entlang, links rum, gegen den Uhrzeigersinn, links von dem Mosse-Mausoleum ist eines von zwei Grabmälern mit einer wundervollen Kuppel mit kreisrunden Aussparungen, so eines hätte ich auch gerne… die schönsten Gräber von ganz Berlin sind da, was für ein heiliger Ort. Danach war ich noch ein bißchen am Weißensee, wo die Mohnblumen in voller Blüte stehen.
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30. Mai 2015

Ein bißchen mit den Augen spazierengehen. Ich habe gerade die Bilder der letzten zehn Jahre aus der Ecke Grunewald, Havel und Wannsee in eine Sammlung gepackt. Damit es hier ein bißchen weitergeht. So ein Blog ist wie ein Tamagotchi, wenn man es nicht füttert, geht es ein wie eine Primel. Ich muss aber auch ein Gleichgewicht finden. Nicht hauptsächlich Zeit damit verbringen, am Computer Zeug zu verarbeiten, anstatt etwas zu erleben, gerade, wenn die Sonne scheint. Das kommt mir vor wie eine Versündigung an der Frühlingsschöpfung. Es kommen ja wieder genug bewölkte Tage, wo man dann wirklich nichts Besseres zu tun hat. Aber immerhin habe ich schon alle Bilder bis fünfzehnten Mai hochgeladen, wenn auch noch keine Einträge dazu gepostet. Jetzt muss ich aufhören mit Tippen, sonst wird das nichts.
30. Mai 2015
Stadtkloster Segen

Segen (althochdeutsch segan, auch segon, segin, segen, entlehnt aus lateinisch signum „Zeichen, Abzeichen, Kennzeichen“, ab dem späten 2. Jahrhundert auch Kreuzzeichen) bezeichnet in vielen Religionen ein Gebet oder einen Ritus, wodurch Personen oder Sachen Anteil an göttlicher Kraft oder Gnade bekommen sollen. Der christliche Begriff Segen entspricht dem lateinischen Wort benedictio, abgeleitet von benedicere aus bene („gut“) und dicere („sagen“), also eigentlich von jemandem gut sprechen, jemanden loben, preisen. Durch das Latein der Kirche bedeutet benedicere ab dem 3. Jahrhundert auch „segnen, benedeien, den Segen ausprechen über usw.“ Wikipedia

Segenskirche, Schönhauser Allee, Berlin Prenzlauer Berg




https://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=261948265






24. Mai 2015

Neulich habe ich mir eine Ausflugsliste gemacht, wie einen Einkaufszettel, damit ich nicht immer vergesse, was ich mir auch endlich einmal anschauen wollte, vor allem wenn Ausflugswetter ist. Es sieht nach Ausflugswetter aus, aber ich bin ein bißchen zögerlich, weil ich noch so viele ungepostete Ausflugsbilder von Wannsee habe und danach in Neukölln und vor drei Tagen schon wieder Veruschka, in einem Hörsaal in der UdK und danach mit Jan im Literaturhaus und auf dem Kudamm. Die Liebermannvilla-Bilder habe ich immerhin schon auf Flickr und auch die anderen vom Großen Wannsee. Die vom Kleistgrab am Kleinen Wannsee aber noch nicht. Es wird heute richtig sonnig in Berlin, oder ist es schon. Ich habe die Yucca gerade vom Wohnzimmer auf den Balkon gepackt und noch drei andere Töpfe und zwei Agavenkindern eine eigene Topfwohnung gegeben und ordentlich gegossen. Die sonnen sich jetzt schon. Ich müsste auch den Müll und die Flaschen runterbringen. Da müsste ich mich ja sowieso irgendwie anziehen und vor die Tür. Dann könnte ich auch gleich einen Ausflug machen. Supertolles Luxusproblem. Heute auf jeden Fall in kein Museum, das ist schon mal klar. Vielleicht lade ich erst mal die Kamera-Batterien und meditiere über meiner Ausflugsliste.
Sanssouci
Borsig-Villa
Bode-Museum
Valentinswerder
Kollwitz-Museum
East Side Gallery
Bauhaus-Museum
Madame Tussauds
Alte Nationalgalerie
Schloss Pfaueninsel
Strandbad Wannsee
Karl-Foerster-Garten
Jagdschloss Grunewald
Abhörstation Teufelsberg
Antikmarkt Ostbahnhof*
Haus der Wannseekonferenz
Jüdischer Friedhof Weißensee
Jüdischer Friedhof Schönhauser Allee
Die Sachen, wo man hauptsächlich drinnen wäre, hab ich mal durchgestrichen, die sind mehr für so Ausflugstage mit durchwachsenem oder Scheißwetter. Bei manchen Ausflugszielen war ich schon, zum Beispiel im Haus der Wannseekonferenz, aber das ist ewig her, ungefähr dreiundzwanzig Jahre, ebenso Sanssouci. Den Teufelsberg kenne ich wie meine Westentasche, aber ich war noch nie auf der Abhörstation, sehr reizvoll. Auf der Pfaueninsel war ich auch schon zwei oder drei mal, aber noch nie im Schloss. Im Garten der Borsig Villa war ich auch schon mal, zu einem Konzert, aber noch nie drin. Valentinswerder ist sehr reizvoll, da sind auch abgefahrene neuere Privatvillen in futuristischer Architektur, aber ich muss austüfteln, wie oft man da überhaupt übersetzen kann, da gibt es mancherlei Einschränkungen. Ist ja kein regulärer Ausflugsort sondern eine Insel im Tegeler See, wo unter anderem ein paar betuchte Kreative eine kleine Kolonie mit exclusiven Anwesen bewohnen. Der jüdische Friedhof in der Schönhauser interessiert mich, weil dort Max Liebermann begraben ist und ich ihm gerne die Ehre erweisen würde. Der Karl-Foerster-Garten reizt mich auch sehr. Erst mal noch Kaffee.
24. Mai 2015

Neulich habe ich mir eine Ausflugsliste gemacht, wie einen Einkaufszettel, damit ich nicht immer vergesse, was ich mir auch endlich einmal anschauen wollte, vor allem wenn Ausflugswetter ist. Es sieht nach Ausflugswetter aus, aber ich bin ein bißchen zögerlich, weil ich noch so viele ungepostete Ausflugsbilder von Wannsee habe und danach in Neukölln und vor drei Tagen schon wieder Veruschka, in einem Hörsaal in der UdK und danach mit Jan im Literaturhaus und auf dem Kudamm. Die Liebermannvilla-Bilder habe ich immerhin schon auf Flickr und auch die anderen vom Großen Wannsee. Die vom Kleistgrab am Kleinen Wannsee aber noch nicht. Es wird heute richtig sonnig in Berlin, oder ist es schon. Ich habe die Yucca gerade vom Wohnzimmer auf den Balkon gepackt und noch drei andere Töpfe und zwei Agavenkindern eine eigene Topfwohnung gegeben und ordentlich gegossen. Die sonnen sich jetzt schon. Ich müsste auch den Müll und die Flaschen runterbringen. Da müsste ich mich ja sowieso irgendwie anziehen und vor die Tür. Dann könnte ich auch gleich einen Ausflug machen. Supertolles Luxusproblem. Heute auf jeden Fall in kein Museum, das ist schon mal klar. Vielleicht lade ich erst mal die Kamera-Batterien und meditiere über meiner Ausflugsliste.
Sanssouci
Borsig-Villa
Bode-Museum
Valentinswerder
Kollwitz-Museum
East Side Gallery
Bauhaus-Museum
Madame Tussauds
Alte Nationalgalerie
Schloss Pfaueninsel
Strandbad Wannsee
Karl-Foerster-Garten
Jagdschloss Grunewald
Abhörstation Teufelsberg
Antikmarkt Ostbahnhof*
Haus der Wannseekonferenz
Jüdischer Friedhof Weißensee
Jüdischer Friedhof Schönhauser Allee
Die Sachen, wo man hauptsächlich drinnen wäre, hab ich mal durchgestrichen, die sind mehr für so Ausflugstage mit durchwachsenem oder Scheißwetter. Bei manchen Ausflugszielen war ich schon, zum Beispiel im Haus der Wannseekonferenz, aber das ist ewig her, ungefähr dreiundzwanzig Jahre, ebenso Sanssouci. Den Teufelsberg kenne ich wie meine Westentasche, aber ich war noch nie auf der Abhörstation, sehr reizvoll. Auf der Pfaueninsel war ich auch schon zwei oder drei mal, aber noch nie im Schloss. Im Garten der Borsig Villa war ich auch schon mal, zu einem Konzert, aber noch nie drin. Valentinswerder ist sehr reizvoll, da sind auch abgefahrene neuere Privatvillen in futuristischer Architektur, aber ich muss austüfteln, wie oft man da überhaupt übersetzen kann, da gibt es mancherlei Einschränkungen. Ist ja kein regulärer Ausflugsort sondern eine Insel im Tegeler See, wo unter anderem ein paar betuchte Kreative eine kleine Kolonie mit exclusiven Anwesen bewohnen. Der jüdische Friedhof in der Schönhauser interessiert mich, weil dort Max Liebermann begraben ist und ich ihm gerne die Ehre erweisen würde. Der Karl-Foerster-Garten reizt mich auch sehr. Erst mal noch Kaffee.
16. Mai 2015


https://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=1811922554

Wenn ich Bilder zeige, die erst am Vortag entstanden sind, grenzt das beinah an Live-Berichterstattung, ein seltenes Ereignis! So ein Ausflug beginnt – wie immer – mit sorgfältiger Auswahl der Anziehsachen: was passt zum Ausflugsziel? Damit ist selbstverständlich nicht gemeint, wie strapazierfähig oder wetterfest die Kleidung ist, sondern ob der Schnitt und das Stoffmuster mit dem Thema der Ausstellung, oder was es eben zu sehen geben wird, korrespondiert. Da ich mir den Garten von Max Liebermann und seine Sommervilla am Wannsee anschauen wollte, dachte ich mir, mein Mantel mit den großen schwarz-weißen Sonnenblumen, könnte im Sinne von Max Liebermann sein. Dazu flache schwarze Schnürschuhe aus feinem Leder mit Lack und weißen Schleifen. Da auf dem Mantel schon ziemlich viel los war, habe ich keinen weiteren Schmuck angelegt. Mir kam die Kombination passend vor und ich muss sagen, ich fühlte mich fast ein bißchen feierlich, so adrett und artig mit meinem Blumenmäntelchen und den Schleifenschuhen. Mir war direkt wie Sonntag, als ich frohgemut, zehn vor elf aus dem Haus trat, um zur S-Bahn zu laufen. Die Sonne schien schon ein kleines bißchen mehr und wechselte sich nur noch mit ein paar kleinen Wolken ab.

Als die S 7, die bis nach Potsdam fährt, in Wannsee hielt, bin ich ausgestiegen und nach oben, über die Straße zur Bushaltestelle gegangen. Dort fährt der Bus Nummer 114 los, zur Endhaltestelle Heckeshorn. Aber ich fuhr nur kurze vier Stationen mit, bis zur Haltestelle „Liebermann-Villa“. Viele sehr kultiviert wirkende Senioren waren im Bus und einige stiegen mit mir aus. Gut, dass ich nicht zu salopp gekleidet war, das wäre mir sehr unangenehm gewesen! Mir fiel auf, als ich in Wannsee auf den Bus wartete, dass sich dort in den letzten fast dreißig Jahren scheinbar rein gar nichts verändert hat. Die schöne Weite von dem Hügel, wo eine Treppe zur Anlegestelle herunterführt. Ich bin fast ein bißchen sentimental geworden, weil ich genau dasselbe Empfinden von einem Ort spürte, an dem Zufriedenheit, Ausflugsstimmung und Fröhlichkeit herrscht, wie damals. Ach Wannsee. Nun war mir gleich noch mehr wie Sonntag. Aber wenn in Wannsee die Sonne scheint, ist immer Sonntag. Jetzt muss ich mich um die anderen Fotos kümmern, damit die Bildergeschichte recht bald weitergeht.

16. Mai 2015


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Wenn ich Bilder zeige, die erst am Vortag entstanden sind, grenzt das beinah an Live-Berichterstattung, ein seltenes Ereignis! So ein Ausflug beginnt – wie immer – mit sorgfältiger Auswahl der Anziehsachen: was passt zum Ausflugsziel? Damit ist selbstverständlich nicht gemeint, wie strapazierfähig oder wetterfest die Kleidung ist, sondern ob der Schnitt und das Stoffmuster mit dem Thema der Ausstellung, oder was es eben zu sehen geben wird, korrespondiert. Da ich mir den Garten von Max Liebermann und seine Sommervilla am Wannsee anschauen wollte, dachte ich mir, mein Mantel mit den großen schwarz-weißen Sonnenblumen, könnte im Sinne von Max Liebermann sein. Dazu flache schwarze Schnürschuhe aus feinem Leder mit Lack und weißen Schleifen. Da auf dem Mantel schon ziemlich viel los war, habe ich keinen weiteren Schmuck angelegt. Mir kam die Kombination passend vor und ich muss sagen, ich fühlte mich fast ein bißchen feierlich, so adrett und artig mit meinem Blumenmäntelchen und den Schleifenschuhen. Mir war direkt wie Sonntag, als ich frohgemut, zehn vor elf aus dem Haus trat, um zur S-Bahn zu laufen. Die Sonne schien schon ein kleines bißchen mehr und wechselte sich nur noch mit ein paar kleinen Wolken ab.

Als die S 7, die bis nach Potsdam fährt, in Wannsee hielt, bin ich ausgestiegen und nach oben, über die Straße zur Bushaltestelle gegangen. Dort fährt der Bus Nummer 114 los, zur Endhaltestelle Heckeshorn. Aber ich fuhr nur kurze vier Stationen mit, bis zur Haltestelle „Liebermann-Villa“. Viele sehr kultiviert wirkende Senioren waren im Bus und einige stiegen mit mir aus. Gut, dass ich nicht zu salopp gekleidet war, das wäre mir sehr unangenehm gewesen! Mir fiel auf, als ich in Wannsee auf den Bus wartete, dass sich dort in den letzten fast dreißig Jahren scheinbar rein gar nichts verändert hat. Die schöne Weite von dem Hügel, wo eine Treppe zur Anlegestelle herunterführt. Ich bin fast ein bißchen sentimental geworden, weil ich genau dasselbe Empfinden von einem Ort spürte, an dem Zufriedenheit, Ausflugsstimmung und Fröhlichkeit herrscht, wie damals. Ach Wannsee. Nun war mir gleich noch mehr wie Sonntag. Aber wenn in Wannsee die Sonne scheint, ist immer Sonntag. Jetzt muss ich mich um die anderen Fotos kümmern, damit die Bildergeschichte recht bald weitergeht.

14. Mai 2015
Es ist sehr bewölkt heute in Berlin. Der Wetterbericht gestern meinte nur „leicht“, aber eine Wettervorhersage ist nur eine Wahrscheinlichkeits-Prognose. Manchmal wird ja auch Düsteres vorhergesagt und auf einmal kommt die Sonne doch. Es gibt Überraschungen in beide Richtungen. Ich wollte ursprünglich, wäre es nur leicht bewölkt gewesen, einen Ausflug zur Liebermann-Villa am Wannsee machen. Aber man muss im Leben manchmal auf geänderte Gegebenheiten reagieren. Will man stur einen Plan abarbeiten, läuft man Gefahr, mit weiteren Unannehmlichkeiten konfrontiert zu werden, weil man stur an der Umsetzung einer Sache festhält, deren Zeitpunkt nicht ideal ist. Also ich bleibe hier drin und hoffe auf die Sonne morgen. So konnte ich in Ruhe ein bißchen hier und da gucken und lesen, zum Beispiel auch bei Arboretum, die vor sechs Jahren die Villa und den Garten besucht hat und man unterhält sich ein bißchen am Computer. Dann überlege ich auch, ein bißchen die drei externen Festplatten aufzuräumen, ein paar Dateiordner zu verschieben, anders zu ordnen. Fotografien doppelt, für wen oder was auch immer. Dann fällt mir ein, dass ich noch einen einzigen Beitrag in meinem Blog hier auf „offline“ habe, also einen Entwurf – normalerweise habe ich keine Textentwürfe – ich habe manchmal ein paar wenige Tage schon ein paar Fotos für einen Eintrag mit dem Einbettungscode in einem Beitrag offline, aber am Ende, der Text, wird nicht über Tage entworfen und dann erst gepostet. Ich schreibe direkt ins Blogeintragsfenster und gucke nach Rechtschreibfehlern quer, das wars und ab die Post. Aber dieser eine Eintrag, der tatsächlich Text enthält, bereitet mir tatsächlich Entscheidungsschwierigkeiten, ob ich den Quatsch (denn das ist er, geträumter) allen Ernstes noch verarbeiten soll oder einfach löschen. Ich finde den Inhalt ein bißchen peinlich, weil er den Eindruck vermitteln könnte, meine Traum-Denkweise ließe einen Rückschluss auf mein tatsächliches Denken zu. Das möchte ich möglichst ausschließen. Schwierig! Andererseits finde ich den Inhalt sehr plastisch und Widersprüchlichkeiten zwischen Traum- und Wachpsyche sind auch irgendwie interessant. Es war ungefähr am siebten April, schon über einen Monat her, dass ich am Tag nach dem Traum nur ganz kurze Stichworte vermerken wollte, weil ich sehr stark dazu neige, Träume sofort komplett zu vergessen, auch wenn ich eine Stunde nach dem Aufwachen noch eine plastische Erinnerung hatte. Ich war mir so unschlüssig, ob es sich lohnt, das aufzuschreiben, dass ich einfach nur stichpunktartig – für alle Fälle – die folgende Notiz machte:
meesetraum
Stoffsammlung: Traum Jonathan Meese kleines, dunkles Zimmer – bei ihm, er malt, kritzelt, wirft auf den Boden, ich möchte Signatur, weil ich dann ausgesorgt hätte, und machen könnte, was ich will, (wir trinken Bordeaux, Lafite Rothschild, aus einer Holzkiste*) er reagiert überhaupt nicht, ich finde ihn ignorant und geizig, er kritzelt auf Art Flip Chart, verdeckt, gibt mir Blatt Papier mit Skizze, strahlt mich an, die Skizze zeigt, dass ich sein erotisches Idol bin, es handelt sich um eine Art Liebeserklärung, ich denke darüber nach, ob es nicht schlau wäre, ein Kind von ihm zu kriegen, das hätte dann auch ausgesorgt. Finde ihn aber nicht so erotisch wie er mich. Er bietet Sekt an, ich fürchte, mir nicht trocken genug, lasse ihn erklären, was für einen genau, er zeigt sich fachmännisch, spricht von Flaschengärung. Hätte ich gar nicht gedacht, dass er sich da auskennt.. Dann Flucht, ich mit jemandem anderen auf den Gängen des Gebäudes. Creezy kommt auch vor, ich frage sie, ob sie noch die Frau B. K. kennt, erinnert, ja natürlich – wieso? weiß nicht mehr… die könnte irgendetwas bestimmtes – – – was war das noch? Singen?
Also gut, nun habe ich es doch gepostet, aber ohne Ausschmückung und weitere Verarbeitung und Erörterung. Hätte ich einen Blogeintrag daraus gemacht, mit vollständigen Sätzen und weiteren Erläuterungen, hätte ich wohl auch einleitend erwähnt, dass er bei mir um die Ecke wohnt, also in einer sehr kleinen Parallelstraße zu meiner, und mir deswegen schon hin und wieder über den Weg gelaufen ist, wo er auch immer sehr nett guckt, also ich kann nichts Schlechtes berichten. Aber diese Sache mit dem „dann hätte ich ausgesorgt“ und dann auch noch der Gedanke, eventuell ein Kind mit ihm zu kriegen – also das geht ja gar nicht. Zu allem Überfluss stand er ungefähr zwei Tage später auf demselben S-Bahnsteig wie ich und wartete ebenfalls auf eine sehr verspätete S-Bahn. Es war eine Zeit, wo ich normalerweise nicht unterwegs bin, so kurz vor elf Uhr vormittags glaube ich, und da waren wenige andere Leute die warteten, man musste fast schon zwangsläufig registrieren, wer da alles so wartet und dann fiel mir der peinliche Traum wieder ein und ich dachte – um Gottes Willen – bloß löschen, nicht posten – viel zu peinlich! Und dann konnte ich den Quatsch doch nicht löschen, warum auch immer. Wahrscheinlich meine Wahrheitsliebe. Vielleicht ist ja doch was dran. Tatsächlich amüsiert es mich schon auch, oder beschäftigt mich, dass ein sehr erfolgreicher bildender Künstler alleine mit einem beliebigen Gekritzel auf eine Serviette mit seiner Signatur ein geldwertes Objekt als solches definieren kann. Die reinste Zauberei. Aber da muss man erstmal hinkommen. Für meine Begriffe hat er im Bereich der Malerei (ich betone: der Malerei) jeden Erfolg verdient. Ich bin da (fast gar) nicht neidisch. Aber dass ich im Traum auf die Idee komme, ich könnte davon profitieren, indem ich mich ihm hingebe – was ich ja übrigens – muss ich zu meiner Ehrenrettung hinzufügen – nicht gemacht habe! Ich habe selbst im Traum damit gehadert, das weiß ich noch. Und mich ja letzten Endes aus Gewissensgründen dagegen entschieden, denn es gab ja keine entsprechende Konsequenz. Also bei der Erklärung zur Flaschengärung brach die Szene dann ja ab und ich irrte mit jemand anderem durch diese hotelartigen Räumlichkeiten bis zum völlig anders gearteten Szenario. Wie auch immer – ein Einblick in einen nächtlichen Abgrund. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Jonathan Meese Blogs liest. Komisch, ich kann mir das allgemein bei bekannten Leuten immer nicht vorstellen – warum eigentlich? Also wenn er sich irgendwann selber googelt, kommt das hier als Suchergebnis bestimmt so dermaßen weit hinten, dass ihm längst die Lust vergangen ist, dahin zu blättern. Also eigentlich keine Gefahr. Kann ich es ja posten. Und wenn doch – ähm. Muss er mich halt bei der nächsten Zufalls-Begegnung darauf ansprechen.
14. Mai 2015

Schon wieder ein Jahr her. Genau heute vor einem Jahr war ich in der Wiener Secession. Unvergesslich. Nicht nur das eingemeißelte Credo „Der Zeit ihre Kunst. Der Kunst ihre Freiheit.“
14. Mai 2015

Schon wieder ein Jahr her. Genau heute vor einem Jahr war ich in der Wiener Secession. Unvergesslich. Nicht nur das eingemeißelte Credo „Der Zeit ihre Kunst. Der Kunst ihre Freiheit.“
12. Mai 2015
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Vierter März 2015, Mittwoch. Peter Lindbergh bei CO. Ich bin hin, weil ich etwas verifizieren wollte. Ob wir auf einer Wellenlänge sind. Das mit dem Signieren war nur ein Vorwand, der mir ganz recht war. Ich hatte nichts zum Signieren, so kaufte ich eines der Bücher, den soeben erschienenen neuen Bildband Images of Women II, 2005 – 2014. Nicht, weil ich ihn unbedingt besitzen wollte, sondern um nicht mit leeren Händen dazustehen, ein einfaches Blatt Papier oder eine Serviette wäre mir zu schäbig gewesen. Und jedes gekaufte Buch ist ja ein unwiderlegbares Kompliment. Er hätte ein bißchen zu tun und währenddessen macht man ein bißchen Konversation. Viele Menschen waren da. Sehr viele. Um nicht zu sagen: sehr, sehr viele. Und das bedeutete: sehr viel Warten. Ich hatte das Buch noch nicht und überlegte, ob mir die kurze Begegnung die Warterei wert wäre, schaute ein bißchen durch die übrigen Bildbände und ließ meinen Blick über das Publikum schweifen. Viele attraktive, eher jüngere Menschen zwischen zwanzig und Mitte dreißig, die oft mehr als ein Buch zum Signieren mitgebracht hatten. Nun war ich schon einmal da und etwas Besseres hatte ich auch nicht vor. Ich kaufte mir das neue Buch und suchte das Ende der Schlange, die sich wie eine Schnecke bis in die Büchernische wand, wo das große Panoramafenster ist, von dem aus man direkt auf den Bahnhof Zoo schauen kann. In derselben Ecke wo ich nun war, stand zufällig Jim Rakete rum und unterhielt sich mit einem älteren Herrn, der etwas Lustiges an sich hatte. Den Mann hatte ich noch nie gesehen, mir fiel seine elegante Kleidung auf und dass er nicht den Eindruck machte, anzustehen. Genauso wenig wie Jim Rakete.




Das wäre ja auch zu lustig gewesen. Ich wurde neugierig und fand, dass ich für die Warterei zumindest eine interessante Ecke erwischt hatte. Der lustige Mann richtete nun die Frage an mich, ob ich wüsste, was der Unterschied zwischen der Bibel und Aldi sei? „Nein“, pariere ich artig, „nämlich?“ Antwort: „In der Bibel steht die Schlange am Anfang.“ „Hm. ja.“ Ich lächelte milde. In der Hand hatte er einen ganz kleinen Bildband von Jim Rakete, wo irgendwas vom Wiener Burgtheater draufstand. Ich weiß leider nicht mehr, was er als nächstes zu mir gesagt hat, jedenfalls merkte man, dass er sich gerne selber reden hört und in keiner Hinsicht ein Blatt vor den Mund nimmt. Wegen des Büchleins ging es auf einmal um Wien und ich war noch ganz im Wien-Erinnerungsrausch, weil ich gerade die Bilder verarbeitet hatte und sagte in etwa – „Burgtheater? Da hat er also auch fotografiert?“ (Seitenblick zu Rakete) und „Hach ja, ich liebe Wien! Darauf er mit schulmeisternd gedehntem, bedrohlichem Unterton: „Hitler hat Wien auch geliebt!“ Ich: „Hm na ja.“ Was soll man dazu sagen. Der kauzige Herr merkt, dass ich nicht ganz so leicht zu amüsieren bin, wie er das sonst scheinbar gewohnt ist und guckt ein wenig irritiert. In dem Moment registriere ich, dass der Direktor von CO auch in die Nische kommt und den Mann und Rakete mit viel Hallo und Handschlag begrüßt, aber ich habe nicht belauscht, was sonst noch geplänkelt wurde. Eine ältere Dame gesellte sich dazu, die sehr starkes Make up trug, was ihr etwas Fellinihaftes verlieh, mir gefiel es. Ein expressionistischer Typ mit dunklen Haaren, lockig, halblang und sehr viel Eyeliner und sehr rotem Lippenstift. Und elegantem Kostüm. Gut und gerne von Chanel. Sie gehörte zu dem Mann, und ab und zu stand sie auch ein bißchen rum und beteiligte sich am Small talk. Also nicht mit mir, aber sie lächelte mich sehr sympathisierend an. Nun kam auch noch Gero von Boehm, den man ja auch schon mal im Fernsehen gesehen hat und von seinen Interviews kennt und es wurde sich abermals mit großem Hallo äußerst familiär begrüßt.

Da war ich ja in einer hochinteressanten Ecke gelandet. Mal gingen sie wieder weg, dann kamen sie wieder, ein Glas Wein in der Hand. Wenn Rakete schon so direkt neben mir stand, konnte ich ihn auch gleich mal fotografieren, dachte ich mir. Man sieht ihn ja öfter mal in Berlin bei derlei Gelegenheiten. Aber er steht nicht immer so schön still. Also habe ich ihm eröffnet, dass ich ihn nun paparazzen würde, nicht dass er sich dann beklagt, ich hätte es nicht angekündigt. So schön mit Riefenstahlscher Untersicht, wie Vivian Maier! Darauf erwähnte er die schöne Rolleiflex von ihr, ich weiß nicht mehr im Detail, was er dazu angemerkt hat, aber ich meinte daraufhin, dass das ja nun auch digital funktioniert, nicht wahr. Ich hatte den Eindruck, dass er noch darüber nachdachte, worauf ich hinauswill, da hatte ich ihn schon fotografiert und ich bin mir nicht sicher, ob er es in dem Moment realisiert hat. In einer Dokumentation vor einigen Jahren über ihn, als es schon üblich war, digital zu arbeiten, pflegte er noch ausdrücklich und ausschließlich analoge Fotografie. Aber ich gehe davon aus, dass das heute anders ist, wenigstens nicht mehr ausschließlich. Ich merkte noch an, dass es schon geschehen sei. Er hat so eine gewisse Art in sich hineinzuschmunzeln, die ihn ziemlich sympathisch wirken lässt. In Zeitlupe ging es vorwärts und ich knipste ein bißchen rundherum, unter anderem den sehr putzigen Hund mit der kranken, mit CO-Klebeband eingewickelten Pfote.


Leute kamen und gingen. Einmal stand Florian Langenscheidt schwer irritiert in der Meute und konnte wohl nicht fassen, dass sich diese von ihm vielleicht erhoffte, vermeintliche Insider-Veranstaltung als Massenattraktion gestaltet. Er schien ein wenig hin- und herzuüberlegen, in seinem wohlfrisierten Lockenkopf, und beschloss dann wohl, dass so eine Warterei nicht seine Sache ist. Ich hörte noch, dass der ältere lustige Mann mit Rakete darüber sprach, wo man anschließend hier noch hingehen könnte, demzufolge kein Einheimischer. Aha. Rakete antwortete, was ich ihm auch als für ihn passend auf den Kopf zugesagt hätte, am besten in die Paris Bar, die ist auch nah, da kann man nichts verkehrt machen. Inzwischen hatte ich mir gedanklich zurechtgelegt, dass es wahrscheinlich irgendeinen gemeinsamen Umtrunk mit Lindbergh und seiner Truppe geben wird, wo die Herren, die sich wahrscheinlich seit Gott-weiß-wann kennen, den Abend ausklingen lassen und ihre alten Anekdoten austauschen.

Ungefähr zwei Stunden später war ich dann endlich innerhalb der Schlange beim Café, wo Lindbergh ganz hinten saß und signierte. Mittlerweile gab es eine Ansage, dass bitte nicht mehr als zwei Sachen zum Signieren vorgelegt werden sollen, sonst werden wir heute nicht mehr fertig! Ich hatte ja nur das eine Buch und dachte aber, als zweites wäre die weiße CO-Tüte auch noch sehr hübsch, mit so einer Lindbergh-Signatur, wenn schon, denn schon. Um es kurz zu machen: ich stellte mich schon psychologisch darauf ein, dass ich ein freundliches Lächeln, Guten Tag und Auf Wiedersehen empfangen werde, und fertig ist die Laube. Die interessant geschminkte Lady ging immer mal wieder an mir mit ihrem Mann an der Schlange vorbei, meistens mit einem frischen Glas Weißwein in der Hand, und erkundigte sich bei mir besorgt, ob ich immer noch nicht dran wäre, was ich sehr warmherzig fand, denn die anderen fragte sie nicht. Bei dem Hin und Her war ich nun schon langsam wirklich neugierig geworden, warum die beiden so einfach mir nichts, dir nichts, an den Ordnern vorbei, hin und herlaufen können und warum sie sich überhaupt so ausdauernd dort aufhalten. So konnte ich mir nicht verkneifen, ihm zu sagen „Ich möchte ja mal zu gerne wissen, was man für einen Namen haben muss, um hier einfach so durchgehen zu können!“ Er: „Phh – ich will ja kein Buch signieren lassen, wie die alle.“ Das war mir nun schon klar, mittlerweile. Auf einmal sehe ich, wie er zehn Meter von mir entfernt von einem Reporter mit Fernsehkamera interviewt wird und ich ärgere mich langsam fast schon, dass ich keine noch so kleine Ahnung habe, wer der komische Kauz mit der kostspielig aussehenden Retro-Brille und dem Einstecktuch ist.

Vielleicht ein Kunstkritiker, den ich nicht kenne? Irgendwer vom Feuilleton? Da weiß man ja auch nicht, wie die aussehen. Auf jeden Fall scheint man sich für seine Meinung zu interessieren. Na toll. Hm. Immerhin sehe ich Lindbergh schon, er sitzt, ganz hinten auf der Bank, es geht nun plötzlich zügig voran. Mir wird mein Buch von einem Assistenten aus der Tüte genommen und mein Name wird ihm mitgeteilt. Die Audienz kann beginnen. Ich hatte ja diesen Kuhfellmantel an, der aber kein echtes Kuhfell ist, sondern so ein Webpelz aus einem Baumwolle- und Viskose-Gemisch. Peter Lindbergh begrüßt mich mit einem Blick, als wäre er gerade aufgewacht und einem sehr freundlichen „Hallo!“ und „Na – was haben wir denn hier? Das ist ja mal ein Mantel, ist das eine Kuh?“


Ich kläre ihn auf, worauf er meint, da hätte ich aber noch mal Glück gehabt. Und dass er mir jetzt etwas in das Buch schreiben würde, wo ich was zum Nachdenken hätte. Aber ich dürfte es erst zuhause durchlesen. Und dann würde ich mir wahrscheinlich denken: „Der blöde Hund!“ Er grinst mich über seine Brillenränder an, auf eine Art, dass man keinen Zweifel haben kann, dass er es faustdick hinter den Ohren hat. Er scheint sich sehr über sich und auch mich zu amüsieren und ermahnt mich noch ein weiteres mal, es erst zuhause zu lesen. Das finde ich blöd und sage „Na toll, möchte ja mal wissen, was da jetzt nun drin steht! Zur Strafe wird jetzt aber noch die Tüte signiert, hier, los! Auf gehts!“ Er signiert die CO-Tüte und ich gucke ihn extra böse dabei an. Er muss lachen und ich sage „Danke“ und „Tschüs“ und drehe mich um. Und als ich schon fast zur Tür raus bin, ruft er mir laut hinterher: „hey – – – ! Ganz toll – ganz toller Mantel, ganz, ganz toll, WIRK-LICH!!!“

Und zwinkert mir ein letztes Mal zu. Das war natürlich keine weltbewegende Konversation, aber im Vergleich zu denen vor mir, war das doch für seine Verhältnisse ein beträchtlicher Palaver und ich hatte Gewissheit, dass es bestimmt sehr lustig und kommunikativ wäre, mit ihm zu arbeiten. So wie ich es mir eigentlich gedacht habe. Nun bin ich ja nicht in der Verlegenheit mit ihm zu arbeiten, aber ich habe verifiziert, dass er in etwa so tickt, wie ich es mir immer schon dachte. Ganz unkompliziert.




Bevor ich die Klinke in die Hand nahm, mit meiner signierten Tüte mit dem Buch, kam ich noch ein letztes mal an dem lustigen Mann vorbei und ich hatte nach den vielen Begegnungen inzwischen das Bedürfnis, mich von ihm zu verabschieden, obwohl ich immer noch nicht wusste, wer er ist. Ich sagte zu ihm. „Sie halten es aber auch ganz schön lange hier aus, obwohl Sie doch gar nichts signiert haben wollen, wie kommt das?“ Er: „ich bin der Herausgeber. Ich habe noch nie irgendwo einen derartigen Andrang für ein Buch gesehen. Das schlägt alles, was ich bis jetzt gesehen habe. Aber ist natürlich erfreulich. Schönen Abend noch! Auf Wiedersehen!“ „Verstehe. Danke, Ihnen auch. „Herausgeber“ ist er also, mal daheim in Ruhe nachschauen, steht ja vielleicht im Buch drin.



Zuhause habe ich dann überhaupt das Buch erst einmal in Ruhe angeschaut – aber vorher schon in der S-Bahn die Widmung gelesen. Er hat mich ein bißchen auf den Arm genommen, der gute Peter Lindbergh, denn es steht nichts drin, was mir Anlass geben würde, ihn als blöden Hund in Erinnerung zu behalten. Im Impressum vom Buch stand dann aber nicht Herausgeber mit Vor- und Nachname, nur der Grafiker, der das Layout gemacht hat und wer die Texte geschrieben hat, u. a. Wim Wenders und Peter Handke. Im Schirmer-Mosel-Verlag erschienen. Ein nicht unbekannter Verlag, von dem wohl so ziemlich jeder den einen oder anderen Bildband im Regal haben dürfte. Ja, wer ist aber denn der Herausgeber? Wenn man also Schirmer und Mosel und Herausgeber googelt, kommen immer nur so Suchergebnisse, wo es um den Verlagsinhaber geht, der Lothar Schirmer heißt. Hm. Grübel, grübel. Mal Bildersuche machen, wie der ausschaut. Manchmal stehe ich ein bißchen auf der Leitung. War jedenfalls trotz der Warterei ein amüsanter Abend. Nichtzuletzt auch wegen Herrn Schirmer, dem lustigen Mann mit der Retrobrille und dem Einstecktuch, und seiner nett mitfühlenden Frau mit dem Lidstrich.






14. Mai 2015
Es ist sehr bewölkt heute in Berlin. Der Wetterbericht gestern meinte nur „leicht“, aber eine Wettervorhersage ist nur eine Wahrscheinlichkeits-Prognose. Manchmal wird ja auch Düsteres vorhergesagt und auf einmal kommt die Sonne doch. Es gibt Überraschungen in beide Richtungen. Ich wollte ursprünglich, wäre es nur leicht bewölkt gewesen, einen Ausflug zur Liebermann-Villa am Wannsee machen. Aber man muss im Leben manchmal auf geänderte Gegebenheiten reagieren. Will man stur einen Plan abarbeiten, läuft man Gefahr, mit weiteren Unannehmlichkeiten konfrontiert zu werden, weil man stur an der Umsetzung einer Sache festhält, deren Zeitpunkt nicht ideal ist. Also ich bleibe hier drin und hoffe auf die Sonne morgen. So konnte ich in Ruhe ein bißchen hier und da gucken und lesen, zum Beispiel auch bei Arboretum, die vor sechs Jahren die Villa und den Garten besucht hat und man unterhält sich ein bißchen am Computer. Dann überlege ich auch, ein bißchen die drei externen Festplatten aufzuräumen, ein paar Dateiordner zu verschieben, anders zu ordnen. Fotografien doppelt, für wen oder was auch immer. Dann fällt mir ein, dass ich noch einen einzigen Beitrag in meinem Blog hier auf „offline“ habe, also einen Entwurf – normalerweise habe ich keine Textentwürfe – ich habe manchmal ein paar wenige Tage schon ein paar Fotos für einen Eintrag mit dem Einbettungscode in einem Beitrag offline, aber am Ende, der Text, wird nicht über Tage entworfen und dann erst gepostet. Ich schreibe direkt ins Blogeintragsfenster und gucke nach Rechtschreibfehlern quer, das wars und ab die Post. Aber dieser eine Eintrag, der tatsächlich Text enthält, bereitet mir tatsächlich Entscheidungsschwierigkeiten, ob ich den Quatsch (denn das ist er, geträumter) allen Ernstes noch verarbeiten soll oder einfach löschen. Ich finde den Inhalt ein bißchen peinlich, weil er den Eindruck vermitteln könnte, meine Traum-Denkweise ließe einen Rückschluss auf mein tatsächliches Denken zu. Das möchte ich möglichst ausschließen. Schwierig! Andererseits finde ich den Inhalt sehr plastisch und Widersprüchlichkeiten zwischen Traum- und Wachpsyche sind auch irgendwie interessant. Es war ungefähr am siebten April, schon über einen Monat her, dass ich am Tag nach dem Traum nur ganz kurze Stichworte vermerken wollte, weil ich sehr stark dazu neige, Träume sofort komplett zu vergessen, auch wenn ich eine Stunde nach dem Aufwachen noch eine plastische Erinnerung hatte. Ich war mir so unschlüssig, ob es sich lohnt, das aufzuschreiben, dass ich einfach nur stichpunktartig – für alle Fälle – die folgende Notiz machte:
meesetraum
Stoffsammlung: Traum Jonathan Meese kleines, dunkles Zimmer – bei ihm, er malt, kritzelt, wirft auf den Boden, ich möchte Signatur, weil ich dann ausgesorgt hätte, und machen könnte, was ich will, (wir trinken Bordeaux, Lafite Rothschild, aus einer Holzkiste*) er reagiert überhaupt nicht, ich finde ihn ignorant und geizig, er kritzelt auf Art Flip Chart, verdeckt, gibt mir Blatt Papier mit Skizze, strahlt mich an, die Skizze zeigt, dass ich sein erotisches Idol bin, es handelt sich um eine Art Liebeserklärung, ich denke darüber nach, ob es nicht schlau wäre, ein Kind von ihm zu kriegen, das hätte dann auch ausgesorgt. Finde ihn aber nicht so erotisch wie er mich. Er bietet Sekt an, ich fürchte, mir nicht trocken genug, lasse ihn erklären, was für einen genau, er zeigt sich fachmännisch, spricht von Flaschengärung. Hätte ich gar nicht gedacht, dass er sich da auskennt.. Dann Flucht, ich mit jemandem anderen auf den Gängen des Gebäudes. Creezy kommt auch vor, ich frage sie, ob sie noch die Frau B. K. kennt, erinnert, ja natürlich – wieso? weiß nicht mehr… die könnte irgendetwas bestimmtes – – – was war das noch? Singen?
Also gut, nun habe ich es doch gepostet, aber ohne Ausschmückung und weitere Verarbeitung und Erörterung. Hätte ich einen Blogeintrag daraus gemacht, mit vollständigen Sätzen und weiteren Erläuterungen, hätte ich wohl auch einleitend erwähnt, dass er bei mir um die Ecke wohnt, also in einer sehr kleinen Parallelstraße zu meiner, und mir deswegen schon hin und wieder über den Weg gelaufen ist, wo er auch immer sehr nett guckt, also ich kann nichts Schlechtes berichten. Aber diese Sache mit dem „dann hätte ich ausgesorgt“ und dann auch noch der Gedanke, eventuell ein Kind mit ihm zu kriegen – also das geht ja gar nicht. Zu allem Überfluss stand er ungefähr zwei Tage später auf demselben S-Bahnsteig wie ich und wartete ebenfalls auf eine sehr verspätete S-Bahn. Es war eine Zeit, wo ich normalerweise nicht unterwegs bin, so kurz vor elf Uhr vormittags glaube ich, und da waren wenige andere Leute die warteten, man musste fast schon zwangsläufig registrieren, wer da alles so wartet und dann fiel mir der peinliche Traum wieder ein und ich dachte – um Gottes Willen – bloß löschen, nicht posten – viel zu peinlich! Und dann konnte ich den Quatsch doch nicht löschen, warum auch immer. Wahrscheinlich meine Wahrheitsliebe. Vielleicht ist ja doch was dran. Tatsächlich amüsiert es mich schon auch, oder beschäftigt mich, dass ein sehr erfolgreicher bildender Künstler alleine mit einem beliebigen Gekritzel auf eine Serviette mit seiner Signatur ein geldwertes Objekt als solches definieren kann. Die reinste Zauberei. Aber da muss man erstmal hinkommen. Für meine Begriffe hat er im Bereich der Malerei (ich betone: der Malerei) jeden Erfolg verdient. Ich bin da (fast gar) nicht neidisch. Aber dass ich im Traum auf die Idee komme, ich könnte davon profitieren, indem ich mich ihm hingebe – was ich ja übrigens – muss ich zu meiner Ehrenrettung hinzufügen – nicht gemacht habe! Ich habe selbst im Traum damit gehadert, das weiß ich noch. Und mich ja letzten Endes aus Gewissensgründen dagegen entschieden, denn es gab ja keine entsprechende Konsequenz. Also bei der Erklärung zur Flaschengärung brach die Szene dann ja ab und ich irrte mit jemand anderem durch diese hotelartigen Räumlichkeiten bis zum völlig anders gearteten Szenario. Wie auch immer – ein Einblick in einen nächtlichen Abgrund. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Jonathan Meese Blogs liest. Komisch, ich kann mir das allgemein bei bekannten Leuten immer nicht vorstellen – warum eigentlich? Also wenn er sich irgendwann selber googelt, kommt das hier als Suchergebnis bestimmt so dermaßen weit hinten, dass ihm längst die Lust vergangen ist, dahin zu blättern. Also eigentlich keine Gefahr. Kann ich es ja posten. Und wenn doch – ähm. Muss er mich halt bei der nächsten Zufalls-Begegnung darauf ansprechen.
13. März 2015


Anfang letzer Woche, als auch die berühmte re:publica wieder vor der Tür stand, kriegte ich zufällig mit, dass man sich – mit dem Zusatz „TO WHOM IT MAY CONCERN“ unter dem Motto „Steinzeitbloggertreffen“ in einem Lokal treffen wollte. Ich wurde zwar nicht namentlich zum Kommen aufgefordert, aber als ich sah, dass auch Blogger damit angesprochen wurden, die nach mir damit angefangen hatten, und ich einige auch schon einmal in den letzten zehn Jahren getroffen hatte, und Bov dann auch noch twitterte, dass „auch Bronze- und Eiszeitpeople willkommen sind“, hatte ich die Zuversicht, dass es sich um eine für Interessierte offen gehaltene Veranstaltung handeln könnte, wo man nicht das Gefühl haben müsste, sich einer Gruppe von Bloggern aufzudrängen, die lieber unter sich bleiben will. Das hat mir gut gepasst, weil ich gerne Zusammenkünfte mag, wo nicht von vorneherein zementiert ist, wer dabei ist. Ich hatte die Hoffnung, dass vielleicht jemand dabei wäre, den ich lese und noch nie getroffen habe. Auch Neugier auf alte Bekannte spielte eine Rolle, denn es waren schon wieder einige Jahre ins Land gegangen, wo ich den einen oder die andere persönlich getroffen habe. Als ich dann los bin, wusste ich nur sehr grob, dass sicher auf jeden Fall Bov und Ronsens da wären und elfengleich, die ich nicht kannte, nur vom Blognamen, weil die drei sich darum gekümmert hatten, die Einladung zu twittern und auf facebook zu verteilen. Ich habe ja keinen twitter account, aber gerade in der Zeit der re:publica, wo ich auch gedanklich immer mal damit spiele, hier oder da hinzugehen, zu vereinzelten Events vielleicht, wird ja in dem Ausmaß über twitter kommuniziert, wie es früher in den Blogs der Fall war. Meines Wissens gab es kein einziges Blog, in dem von dem Treffen die Rede war, sicher nicht aus Geheimniskrämerei, sondern weil es allen in Fleisch und Blut übergegangen ist, so etwas zu twittern oder über facebook zu verteilen. Ich wollte das auch nicht schreiben, weil ich mir zum einen nicht anmaßen wollte, mich als Nicht-Initiatorin in vielleicht unerwünschte Einladungsgesten zu versteigen, und zum anderen hatte ich den Eindruck, dass diejenigen, für die das relevant war und die außerdem in Berlin waren, ohnehin noch mehr Kontakte und Informationsflow als ich in dieser Hinsicht hatten. Es fand in einem mexikanischen Lokal in der Raumerstraße statt, im Girasol. Da war ich auch noch nie. Ich kam ungefähr um halbneun an, wo im hinteren Raum an einem längeren Tisch schon einige bekannte Gesichter waren. Man ist dann doch froh, wenn zwei, drei Leute da sind, die einen nach Jahren noch erinnern. Bei Wortschnittchen war das einigermaßen sicher gestellt, weil wir uns letztes Jahr bei der re:publica gesehen hatten. Dann konnte ich gegenüber noch Melle erkennen, ich weiß aber nicht, ob er mich erkannt hat. Und Bov erinnerte sich zum Glück noch, was mich beruhigt hat. Wir sind mal 2007 bei einem Bloggertreffen in einem Lokal namens Walden gewesen, an den Namen der Kneipe konnte ich mich gar nicht mehr erinnern, aber Bov wusste es noch genau, und dass ich fotografiert hatte. Dafür erinnerte ich mich an ein sehr heikles Gesprächsthema von damals. Direkt mir gegenüber saß ein – darf man sagen – älterer Mann? Bei dem ich mir eine ganze Weile unsicher war, ob es sich um Don Dahlmann handeln könnte, den ich früher weiß Gott öfter getroffen habe, d. h. ich erinnere mich an seine Mimik und die Stimme usw. Der Mann mir gegenüber hatte schlohweißes Haar und auch so einen Bart wie Don, also wirklich einige Ähnlichkeit, aber als er dann zu sprechen anfing, beschloss ich, dass es jemand anders sein muss. Ich war auch ein bißchen beruhigt, weil er schon sehr viel älter aussah, als was dem ungefähren Alter von Don entsprechen müsste. Rechts von Bov saß ein anderer bärtiger Mann und nach einer ganzen Weile fiel mir ein, dass es sich um Praschl handeln müsste. Er sah für meine Begriffe auch nahezu unverändert aus, ich hatte ihn aber auch damals nie getroffen, kannte ihn nur von wenigen Fotos. Ah, der Praschl! Er hat mir auch bestätigt, dass er es ist, also keine Verwechslung. Links von dem vermeintlichen Don war elfengleich, die die Idee hatte und neben ihr Melle und dann ein Blogger, den ich überhaupt nicht kannte, ein ganz hübscher Blonder und neben ihm – was mich unheimlich gefreut hat – Mequito. Mek! Total unverändert. Und immer noch dieser wunderbare Südtiroler Akzent, nur ganz leicht. Ich war gleich wieder verliebt. Er hatte ein Ringelshirt und ein schwarzes Sakko darüber an und immer noch so schöne lange Wimpern. Weil er so hübsch anzusehen ist, habe ich mich noch viel weniger getraut, ihn zu fotografieren als die anderen. Ich war richtig gehemmt. Ich bin ohnehin schon gehemmt, eine private Gesellschaft mit dem Fotoapparat zu belästigen, denn so könnte man es bei dem weltweiten 24-Stunden overflow von instagram-Geknipse vom Aufstehen bis zum Schlafengehen schon empfinden. Ihm gegenüber saß Casino, Frau Casino, mit der ich vor sechs Jahren und gemeinsam mit Mek einmal einen schönen Abend verbracht habe. Als erstes ist mir eingefallen, dass wir beide derselbe Jahrgang sind und dieses Jahr Fünfzig werden. Mir war, als hätten wir uns erst letzte Woche getroffen, das war auch sehr schön. Manche hatten Essen bestellt, das kam aber alles so nach und nach, Wortschnittchen war noch dabei, ihren Teller leer zu essen, ich habe inzwischen ein Jever bestellt und ein Rumpsteak mit Ofenkartoffeln und Gemüse. Ziemlich gleichzeitig mit meinem Essen kam zu meiner Freude eine weitere Bloggerin, die ich von früher kannte und auch immer noch fleißig lese, Modeste. Sie hatte ein wahnsinnig elegantes graues Kleid an, mit so Viertelärmeln, ja eine Art Etuikleid mit kurzen Ärmeln aus einem ganz edlen Stoff. Sie war schon immer eine der elegantesten Bloggerinnen, da gibt es nichts zu diskutieren. Ihre ebenfalls sehr elegante Handtasche, so eine Art Kelly Bag – oder war es womöglich sogar eine – stellte sie auf einen der Stühle und da fiel mir ein, dass sie eigentlich doch eine Super-Zielgruppe für so einen Handtaschenhalter wäre, wie ich ihn neulich aus reiner Kauflust gekauft habe. Die Königin von England hat auch so ein Ding. Man klemmt den Haken an die Tischplatte, wenn man Essen geht und hängt die Tasche dran. Jetzt muss ich nur noch öfter essen gehen, damit sich das Ding amortisiert. Ich fürchte, ich habe nur so lange ich mein Steak mit dem Berg Kartoffeln verputzt habe, den Mund gehalten. Ein Bier nach dem anderen habe ich mir bestellt, es hat mir wirklich geschmeckt und dann war ich irgendwann so angetrunken, dass ich ohne Punkt und Komma Zeug erzählt habe, ich hoffe, die anderen waren nicht zu genervt, vor allem Wortschnittchen und Modeste mussten eventuell darunter leiden. Es ging von Klatsch und Tratsch über andere Blogger und re:publica-Hype, über Botox, Judy Winter & Peter Zadek, bis Treffen früherer Liebhaber (u. deren Lebensgefährtinnen), Versöhnung, Erbrecht und Testament.


Durch die Trunkenheit ermutigt, habe ich dann doch einmal die Kamera angemacht und irgendwie herumgeknipst, aber doch sehr verhalten. Inzwischen war noch Jens Scholz gekommen, der kam direkt von der re:publica und hatte auch einiges zu erzählen. Er wird auch nicht älter! Überhaupt kann man sagen: Bloggen scheint jung zu halten. Ronsens saß mal hier und mal da und zweimal war er vor meinem Objektiv. Ich habe wirklich gehofft, dass die wenigen Bilder irgendwie historisch interessant sein könnten. Aber man kann sich irren, besonders wenn man im fortgeschrittenen Zustand der Trunkenheit die Fähigkeit überschätzt, die Kamera richtig einzustellen und ruhig zu halten. Nach und nach mussten dann einige wieder aufbrechen, es war ja auch schon nach Mitternacht und der harte Kern wurde auch vom Service-Personal freundlich gebeten, langsam zum Ende zu kommen. Ich habe den Rest bezahlt, was noch offen war, es war mir auch schon wurscht und unter der Laterne vor der Tür haben sich die letzten Mohikaner, Bov und Ronsens und Casino und ich verabschiedet. Frau Casino und ich sind dann noch zu ihr um die Ecke, um den Hund für ein Gassi abzuholen und sie hat mich Richtung Taxi-Stand begleitet und ich habe bestimmt noch mehr unsinniges Zeug geplappert, aber mir ist es lustig vorgekommen. Ich hoffe, ihr auch ein bißchen.

https://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=1811922554


Daheim habe ich dann noch die Bilder von der Kamera geladen und war völlig perplex, dass ich so einen Schrott fotografiert habe. Das sind so ungefähr die schlechtesten, unbrauchbarsten Bilder, die ich in den letzten zehn Jahren fabriziert habe. Ein paar von dem Schrott habe ich aber zum steten Gedenken aufgehoben und in die Strecke genommen, als Mahnmal. Und ein bißchen auch als quasi künstlerisch interpretierbares Dokument materialisierter Trunkenheit. Während ich das schreibe, fällt mir ein, dass es mit Sicherheit der einzige Erlebnisbericht von diesem Bloggertreffen ist. Früher hätten alle ein, zwei Tage danach feinsäuberlich berichtet, dass man sich getroffen hat, und alle Namen schön verlinkt. Aber heute sind die Zeiten nun einmal anders. Nur Ronsens hat einen kleinen Tweet dazu geschrieben: „Steinzeitbloggers are nice bloggers (um nicht zu sagen the nicest)“. Es waren auch noch ein oder zwei andere Blogger/innen da, die ich leider namentlich nicht parat habe, das tut mir leid. Jedenfalls war es wieder einmal schön und interessant, nach längerer Zeit aufeinanderzutreffen. Viele haben wir auch vermisst, aber die hatten auch mitgeteilt, dass sie verhindert waren, es war ja auch eine superkurzfristige Idee, nur zwei Tage vor dem Treffen geboren. Felix zum Beispiel wollte ursprünglich mit seiner Frau Katia kommen, aber er hatte dann wohl Torschlusspanik, weil er seine re:publica-Rede noch überhaupt nicht vorbereitet hatte und deswegen Schularbeiten machen musste. Da hat man natürlich Verständnis. Obwohl er so ein begnadeter Vortragskünstler ist, dass er wahrscheinlich auch bei kompletter Improvisation – aber das ist ein anderes Thema. Wortschnittchen hat etwas dazu geschrieben, warum sie nicht zur re:publica in diesem Jahr gegangen ist. Manches davon kann ich sehr gut verstehen, einiges. Das habe ich ja auch in dem Kommentar darunter geschrieben. Jedenfalls wollte ich meine lieben Leserinnen und Leser irgendwie daran teilhaben lassen, dass wieder einmal so eine Art Mini-Blogmich war und ich auch dabeisein durfte. Es war nicht die Sensationsparty des Jahres, wie man ja auch einfach mal so, dreist, in Blogger-Übertreibungs-Tradition, behaupten könnte, weil ja die Daheimgebliebenen es nicht widerlegen können. Aber mir gehen solche Übertreibungen gegen den Strich, man braucht auch noch ein bißchen Luft nach oben, sonst gehen einem die Superlative aus, wenn sie dann einmal angemessen sind. Aber ein sehr angenehmer Abend mit sehr geistreichen Bloggern war es. Und als solchen wollte ich ihn hiermit einfach festgehalten haben.
13. März 2015


Anfang letzer Woche, als auch die berühmte re:publica wieder vor der Tür stand, kriegte ich zufällig mit, dass man sich – mit dem Zusatz „TO WHOM IT MAY CONCERN“ unter dem Motto „Steinzeitbloggertreffen“ in einem Lokal treffen wollte. Ich wurde zwar nicht namentlich zum Kommen aufgefordert, aber als ich sah, dass auch Blogger damit angesprochen wurden, die nach mir damit angefangen hatten, und ich einige auch schon einmal in den letzten zehn Jahren getroffen hatte, und Bov dann auch noch twitterte, dass „auch Bronze- und Eiszeitpeople willkommen sind“, hatte ich die Zuversicht, dass es sich um eine für Interessierte offen gehaltene Veranstaltung handeln könnte, wo man nicht das Gefühl haben müsste, sich einer Gruppe von Bloggern aufzudrängen, die lieber unter sich bleiben will. Das hat mir gut gepasst, weil ich gerne Zusammenkünfte mag, wo nicht von vorneherein zementiert ist, wer dabei ist. Ich hatte die Hoffnung, dass vielleicht jemand dabei wäre, den ich lese und noch nie getroffen habe. Auch Neugier auf alte Bekannte spielte eine Rolle, denn es waren schon wieder einige Jahre ins Land gegangen, wo ich den einen oder die andere persönlich getroffen habe. Als ich dann los bin, wusste ich nur sehr grob, dass sicher auf jeden Fall Bov und Ronsens da wären und elfengleich, die ich nicht kannte, nur vom Blognamen, weil die drei sich darum gekümmert hatten, die Einladung zu twittern und auf facebook zu verteilen. Ich habe ja keinen twitter account, aber gerade in der Zeit der re:publica, wo ich auch gedanklich immer mal damit spiele, hier oder da hinzugehen, zu vereinzelten Events vielleicht, wird ja in dem Ausmaß über twitter kommuniziert, wie es früher in den Blogs der Fall war. Meines Wissens gab es kein einziges Blog, in dem von dem Treffen die Rede war, sicher nicht aus Geheimniskrämerei, sondern weil es allen in Fleisch und Blut übergegangen ist, so etwas zu twittern oder über facebook zu verteilen. Ich wollte das auch nicht schreiben, weil ich mir zum einen nicht anmaßen wollte, mich als Nicht-Initiatorin in vielleicht unerwünschte Einladungsgesten zu versteigen, und zum anderen hatte ich den Eindruck, dass diejenigen, für die das relevant war und die außerdem in Berlin waren, ohnehin noch mehr Kontakte und Informationsflow als ich in dieser Hinsicht hatten. Es fand in einem mexikanischen Lokal in der Raumerstraße statt, im Girasol. Da war ich auch noch nie. Ich kam ungefähr um halbneun an, wo im hinteren Raum an einem längeren Tisch schon einige bekannte Gesichter waren. Man ist dann doch froh, wenn zwei, drei Leute da sind, die einen nach Jahren noch erinnern. Bei Wortschnittchen war das einigermaßen sicher gestellt, weil wir uns letztes Jahr bei der re:publica gesehen hatten. Dann konnte ich gegenüber noch Melle erkennen, ich weiß aber nicht, ob er mich erkannt hat. Und Bov erinnerte sich zum Glück noch, was mich beruhigt hat. Wir sind mal 2007 bei einem Bloggertreffen in einem Lokal namens Walden gewesen, an den Namen der Kneipe konnte ich mich gar nicht mehr erinnern, aber Bov wusste es noch genau, und dass ich fotografiert hatte. Dafür erinnerte ich mich an ein sehr heikles Gesprächsthema von damals. Direkt mir gegenüber saß ein – darf man sagen – älterer Mann? Bei dem ich mir eine ganze Weile unsicher war, ob es sich um Don Dahlmann handeln könnte, den ich früher weiß Gott öfter getroffen habe, d. h. ich erinnere mich an seine Mimik und die Stimme usw. Der Mann mir gegenüber hatte schlohweißes Haar und auch so einen Bart wie Don, also wirklich einige Ähnlichkeit, aber als er dann zu sprechen anfing, beschloss ich, dass es jemand anders sein muss. Ich war auch ein bißchen beruhigt, weil er schon sehr viel älter aussah, als was dem ungefähren Alter von Don entsprechen müsste. Rechts von Bov saß ein anderer bärtiger Mann und nach einer ganzen Weile fiel mir ein, dass es sich um Praschl handeln müsste. Er sah für meine Begriffe auch nahezu unverändert aus, ich hatte ihn aber auch damals nie getroffen, kannte ihn nur von wenigen Fotos. Ah, der Praschl! Er hat mir auch bestätigt, dass er es ist, also keine Verwechslung. Links von dem vermeintlichen Don war elfengleich, die die Idee hatte und neben ihr Melle und dann ein Blogger, den ich überhaupt nicht kannte, ein ganz hübscher Blonder und neben ihm – was mich unheimlich gefreut hat – Mequito. Mek! Total unverändert. Und immer noch dieser wunderbare Südtiroler Akzent, nur ganz leicht. Ich war gleich wieder verliebt. Er hatte ein Ringelshirt und ein schwarzes Sakko darüber an und immer noch so schöne lange Wimpern. Weil er so hübsch anzusehen ist, habe ich mich noch viel weniger getraut, ihn zu fotografieren als die anderen. Ich war richtig gehemmt. Ich bin ohnehin schon gehemmt, eine private Gesellschaft mit dem Fotoapparat zu belästigen, denn so könnte man es bei dem weltweiten 24-Stunden overflow von instagram-Geknipse vom Aufstehen bis zum Schlafengehen schon empfinden. Ihm gegenüber saß Casino, Frau Casino, mit der ich vor sechs Jahren und gemeinsam mit Mek einmal einen schönen Abend verbracht habe. Als erstes ist mir eingefallen, dass wir beide derselbe Jahrgang sind und dieses Jahr Fünfzig werden. Mir war, als hätten wir uns erst letzte Woche getroffen, das war auch sehr schön. Manche hatten Essen bestellt, das kam aber alles so nach und nach, Wortschnittchen war noch dabei, ihren Teller leer zu essen, ich habe inzwischen ein Jever bestellt und ein Rumpsteak mit Ofenkartoffeln und Gemüse. Ziemlich gleichzeitig mit meinem Essen kam zu meiner Freude eine weitere Bloggerin, die ich von früher kannte und auch immer noch fleißig lese, Modeste. Sie hatte ein wahnsinnig elegantes graues Kleid an, mit so Viertelärmeln, ja eine Art Etuikleid mit kurzen Ärmeln aus einem ganz edlen Stoff. Sie war schon immer eine der elegantesten Bloggerinnen, da gibt es nichts zu diskutieren. Ihre ebenfalls sehr elegante Handtasche, so eine Art Kelly Bag – oder war es womöglich sogar eine – stellte sie auf einen der Stühle und da fiel mir ein, dass sie eigentlich doch eine Super-Zielgruppe für so einen Handtaschenhalter wäre, wie ich ihn neulich aus reiner Kauflust gekauft habe. Die Königin von England hat auch so ein Ding. Man klemmt den Haken an die Tischplatte, wenn man Essen geht und hängt die Tasche dran. Jetzt muss ich nur noch öfter essen gehen, damit sich das Ding amortisiert. Ich fürchte, ich habe nur so lange ich mein Steak mit dem Berg Kartoffeln verputzt habe, den Mund gehalten. Ein Bier nach dem anderen habe ich mir bestellt, es hat mir wirklich geschmeckt und dann war ich irgendwann so angetrunken, dass ich ohne Punkt und Komma Zeug erzählt habe, ich hoffe, die anderen waren nicht zu genervt, vor allem Wortschnittchen und Modeste mussten eventuell darunter leiden. Es ging von Klatsch und Tratsch über andere Blogger und re:publica-Hype, über Botox, Judy Winter & Peter Zadek, bis Treffen früherer Liebhaber (u. deren Lebensgefährtinnen), Versöhnung, Erbrecht und Testament.


Durch die Trunkenheit ermutigt, habe ich dann doch einmal die Kamera angemacht und irgendwie herumgeknipst, aber doch sehr verhalten. Inzwischen war noch Jens Scholz gekommen, der kam direkt von der re:publica und hatte auch einiges zu erzählen. Er wird auch nicht älter! Überhaupt kann man sagen: Bloggen scheint jung zu halten. Ronsens saß mal hier und mal da und zweimal war er vor meinem Objektiv. Ich habe wirklich gehofft, dass die wenigen Bilder irgendwie historisch interessant sein könnten. Aber man kann sich irren, besonders wenn man im fortgeschrittenen Zustand der Trunkenheit die Fähigkeit überschätzt, die Kamera richtig einzustellen und ruhig zu halten. Nach und nach mussten dann einige wieder aufbrechen, es war ja auch schon nach Mitternacht und der harte Kern wurde auch vom Service-Personal freundlich gebeten, langsam zum Ende zu kommen. Ich habe den Rest bezahlt, was noch offen war, es war mir auch schon wurscht und unter der Laterne vor der Tür haben sich die letzten Mohikaner, Bov und Ronsens und Casino und ich verabschiedet. Frau Casino und ich sind dann noch zu ihr um die Ecke, um den Hund für ein Gassi abzuholen und sie hat mich Richtung Taxi-Stand begleitet und ich habe bestimmt noch mehr unsinniges Zeug geplappert, aber mir ist es lustig vorgekommen. Ich hoffe, ihr auch ein bißchen.

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Daheim habe ich dann noch die Bilder von der Kamera geladen und war völlig perplex, dass ich so einen Schrott fotografiert habe. Das sind so ungefähr die schlechtesten, unbrauchbarsten Bilder, die ich in den letzten zehn Jahren fabriziert habe. Ein paar von dem Schrott habe ich aber zum steten Gedenken aufgehoben und in die Strecke genommen, als Mahnmal. Und ein bißchen auch als quasi künstlerisch interpretierbares Dokument materialisierter Trunkenheit. Während ich das schreibe, fällt mir ein, dass es mit Sicherheit der einzige Erlebnisbericht von diesem Bloggertreffen ist. Früher hätten alle ein, zwei Tage danach feinsäuberlich berichtet, dass man sich getroffen hat, und alle Namen schön verlinkt. Aber heute sind die Zeiten nun einmal anders. Nur Ronsens hat einen kleinen Tweet dazu geschrieben: „Steinzeitbloggers are nice bloggers (um nicht zu sagen the nicest)“. Es waren auch noch ein oder zwei andere Blogger/innen da, die ich leider namentlich nicht parat habe, das tut mir leid. Jedenfalls war es wieder einmal schön und interessant, nach längerer Zeit aufeinanderzutreffen. Viele haben wir auch vermisst, aber die hatten auch mitgeteilt, dass sie verhindert waren, es war ja auch eine superkurzfristige Idee, nur zwei Tage vor dem Treffen geboren. Felix zum Beispiel wollte ursprünglich mit seiner Frau Katia kommen, aber er hatte dann wohl Torschlusspanik, weil er seine re:publica-Rede noch überhaupt nicht vorbereitet hatte und deswegen Schularbeiten machen musste. Da hat man natürlich Verständnis. Obwohl er so ein begnadeter Vortragskünstler ist, dass er wahrscheinlich auch bei kompletter Improvisation – aber das ist ein anderes Thema. Wortschnittchen hat etwas dazu geschrieben, warum sie nicht zur re:publica in diesem Jahr gegangen ist. Manches davon kann ich sehr gut verstehen, einiges. Das habe ich ja auch in dem Kommentar darunter geschrieben. Jedenfalls wollte ich meine lieben Leserinnen und Leser irgendwie daran teilhaben lassen, dass wieder einmal so eine Art Mini-Blogmich war und ich auch dabeisein durfte. Es war nicht die Sensationsparty des Jahres, wie man ja auch einfach mal so, dreist, in Blogger-Übertreibungs-Tradition, behaupten könnte, weil ja die Daheimgebliebenen es nicht widerlegen können. Aber mir gehen solche Übertreibungen gegen den Strich, man braucht auch noch ein bißchen Luft nach oben, sonst gehen einem die Superlative aus, wenn sie dann einmal angemessen sind. Aber ein sehr angenehmer Abend mit sehr geistreichen Bloggern war es. Und als solchen wollte ich ihn hiermit einfach festgehalten haben.
12. Mai 2015


























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Vierter März 2015, Mittwoch. Peter Lindbergh bei CO. Ich bin hin, weil ich etwas verifizieren wollte. Ob wir auf einer Wellenlänge sind. Das mit dem Signieren war nur ein Vorwand, der mir ganz recht war. Ich hatte nichts zum Signieren, so kaufte ich eines der Bücher, den soeben erschienenen neuen Bildband Images of Women II, 2005 – 2014. Nicht, weil ich ihn unbedingt besitzen wollte, sondern um nicht mit leeren Händen dazustehen, ein einfaches Blatt Papier oder eine Serviette wäre mir zu schäbig gewesen. Und jedes gekaufte Buch ist ja ein unwiderlegbares Kompliment. Er hätte ein bißchen zu tun und währenddessen macht man ein bißchen Konversation. Viele Menschen waren da. Sehr viele. Um nicht zu sagen: sehr, sehr viele. Und das bedeutete: sehr viel Warten. Ich hatte das Buch noch nicht und überlegte, ob mir die kurze Begegnung die Warterei wert wäre, schaute ein bißchen durch die übrigen Bildbände und ließ meinen Blick über das Publikum schweifen. Viele attraktive, eher jüngere Menschen zwischen zwanzig und Mitte dreißig, die oft mehr als ein Buch zum Signieren mitgebracht hatten. Nun war ich schon einmal da und etwas Besseres hatte ich auch nicht vor. Ich kaufte mir das neue Buch und suchte das Ende der Schlange, die sich wie eine Schnecke bis in die Büchernische wand, wo das große Panoramafenster ist, von dem aus man direkt auf den Bahnhof Zoo schauen kann. In derselben Ecke wo ich nun war, stand zufällig Jim Rakete rum und unterhielt sich mit einem älteren Herrn, der etwas Lustiges an sich hatte. Den Mann hatte ich noch nie gesehen, mir fiel seine elegante Kleidung auf und dass er nicht den Eindruck machte, anzustehen. Genauso wenig wie Jim Rakete.
Das wäre ja auch zu lustig gewesen. Ich wurde neugierig und fand, dass ich für die Warterei zumindest eine interessante Ecke erwischt hatte. Der lustige Mann richtete nun die Frage an mich, ob ich wüsste, was der Unterschied zwischen der Bibel und Aldi sei? „Nein“, pariere ich artig, „nämlich?“ Antwort: „In der Bibel steht die Schlange am Anfang.“ „Hm. ja.“ Ich lächelte milde. In der Hand hatte er einen ganz kleinen Bildband von Jim Rakete, wo irgendwas vom Wiener Burgtheater draufstand. Ich weiß leider nicht mehr, was er als nächstes zu mir gesagt hat, jedenfalls merkte man, dass er sich gerne selber reden hört und in keiner Hinsicht ein Blatt vor den Mund nimmt. Wegen des Büchleins ging es auf einmal um Wien und ich war noch ganz im Wien-Erinnerungsrausch, weil ich gerade die Bilder verarbeitet hatte und sagte in etwa – „Burgtheater? Da hat er also auch fotografiert?“ (Seitenblick zu Rakete) und „Hach ja, ich liebe Wien! Darauf er mit schulmeisternd gedehntem, bedrohlichem Unterton: „Hitler hat Wien auch geliebt!“ Ich: „Hm na ja.“ Was soll man dazu sagen. Der kauzige Herr merkt, dass ich nicht ganz so leicht zu amüsieren bin, wie er das sonst scheinbar gewohnt ist und guckt ein wenig irritiert. In dem Moment registriere ich, dass der Direktor von CO auch in die Nische kommt und den Mann und Rakete mit viel Hallo und Handschlag begrüßt, aber ich habe nicht belauscht, was sonst noch geplänkelt wurde. Eine ältere Dame gesellte sich dazu, die sehr starkes Make up trug, was ihr etwas Fellinihaftes verlieh, mir gefiel es. Ein expressionistischer Typ mit dunklen Haaren, lockig, halblang und sehr viel Eyeliner und sehr rotem Lippenstift. Und elegantem Kostüm. Gut und gerne von Chanel. Sie gehörte zu dem Mann, und ab und zu stand sie auch ein bißchen rum und beteiligte sich am Small talk. Also nicht mit mir, aber sie lächelte mich sehr sympathisierend an. Nun kam auch noch Gero von Boehm, den man ja auch schon mal im Fernsehen gesehen hat und von seinen Interviews kennt und es wurde sich abermals mit großem Hallo äußerst familiär begrüßt.
Da war ich ja in einer hochinteressanten Ecke gelandet. Mal gingen sie wieder weg, dann kamen sie wieder, ein Glas Wein in der Hand. Wenn Rakete schon so direkt neben mir stand, konnte ich ihn auch gleich mal fotografieren, dachte ich mir. Man sieht ihn ja öfter mal in Berlin bei derlei Gelegenheiten. Aber er steht nicht immer so schön still. Also habe ich ihm eröffnet, dass ich ihn nun paparazzen würde, nicht dass er sich dann beklagt, ich hätte es nicht angekündigt. So schön mit Riefenstahlscher Untersicht, wie Vivian Maier! Darauf erwähnte er die schöne Rolleiflex von ihr, ich weiß nicht mehr im Detail, was er dazu angemerkt hat, aber ich meinte daraufhin, dass das ja nun auch digital funktioniert, nicht wahr. Ich hatte den Eindruck, dass er noch darüber nachdachte, worauf ich hinauswill, da hatte ich ihn schon fotografiert und ich bin mir nicht sicher, ob er es in dem Moment realisiert hat. In einer Dokumentation vor einigen Jahren über ihn, als es schon üblich war, digital zu arbeiten, pflegte er noch ausdrücklich und ausschließlich analoge Fotografie. Aber ich gehe davon aus, dass das heute anders ist, wenigstens nicht mehr ausschließlich. Ich merkte noch an, dass es schon geschehen sei. Er hat so eine gewisse Art in sich hineinzuschmunzeln, die ihn ziemlich sympathisch wirken lässt. In Zeitlupe ging es vorwärts und ich knipste ein bißchen rundherum, unter anderem den sehr putzigen Hund mit der kranken, mit CO-Klebeband eingewickelten Pfote.
Leute kamen und gingen. Einmal stand Florian Langenscheidt schwer irritiert in der Meute und konnte wohl nicht fassen, dass sich diese von ihm vielleicht erhoffte, vermeintliche Insider-Veranstaltung als Massenattraktion gestaltet. Er schien ein wenig hin- und herzuüberlegen, in seinem wohlfrisierten Lockenkopf, und beschloss dann wohl, dass so eine Warterei nicht seine Sache ist. Ich hörte noch, dass der ältere lustige Mann mit Rakete darüber sprach, wo man anschließend hier noch hingehen könnte, demzufolge kein Einheimischer. Aha. Rakete antwortete, was ich ihm auch als für ihn passend auf den Kopf zugesagt hätte, am besten in die Paris Bar, die ist auch nah, da kann man nichts verkehrt machen. Inzwischen hatte ich mir gedanklich zurechtgelegt, dass es wahrscheinlich irgendeinen gemeinsamen Umtrunk mit Lindbergh und seiner Truppe geben wird, wo die Herren, die sich wahrscheinlich seit Gott-weiß-wann kennen, den Abend ausklingen lassen und ihre alten Anekdoten austauschen.
Ungefähr zwei Stunden später war ich dann endlich innerhalb der Schlange beim Café, wo Lindbergh ganz hinten saß und signierte. Mittlerweile gab es eine Ansage, dass bitte nicht mehr als zwei Sachen zum Signieren vorgelegt werden sollen, sonst werden wir heute nicht mehr fertig! Ich hatte ja nur das eine Buch und dachte aber, als zweites wäre die weiße CO-Tüte auch noch sehr hübsch, mit so einer Lindbergh-Signatur, wenn schon, denn schon. Um es kurz zu machen: ich stellte mich schon psychologisch darauf ein, dass ich ein freundliches Lächeln, Guten Tag und Auf Wiedersehen empfangen werde, und fertig ist die Laube. Die interessant geschminkte Lady ging immer mal wieder an mir mit ihrem Mann an der Schlange vorbei, meistens mit einem frischen Glas Weißwein in der Hand, und erkundigte sich bei mir besorgt, ob ich immer noch nicht dran wäre, was ich sehr warmherzig fand, denn die anderen fragte sie nicht. Bei dem Hin und Her war ich nun schon langsam wirklich neugierig geworden, warum die beiden so einfach mir nichts, dir nichts, an den Ordnern vorbei, hin und herlaufen können und warum sie sich überhaupt so ausdauernd dort aufhalten. So konnte ich mir nicht verkneifen, ihm zu sagen „Ich möchte ja mal zu gerne wissen, was man für einen Namen haben muss, um hier einfach so durchgehen zu können!“ Er: „Phh – ich will ja kein Buch signieren lassen, wie die alle.“ Das war mir nun schon klar, mittlerweile. Auf einmal sehe ich, wie er zehn Meter von mir entfernt von einem Reporter mit Fernsehkamera interviewt wird und ich ärgere mich langsam fast schon, dass ich keine noch so kleine Ahnung habe, wer der komische Kauz mit der kostspielig aussehenden Retro-Brille und dem Einstecktuch ist.
Vielleicht ein Kunstkritiker, den ich nicht kenne? Irgendwer vom Feuilleton? Da weiß man ja auch nicht, wie die aussehen. Auf jeden Fall scheint man sich für seine Meinung zu interessieren. Na toll. Hm. Immerhin sehe ich Lindbergh schon, er sitzt, ganz hinten auf der Bank, es geht nun plötzlich zügig voran. Mir wird mein Buch von einem Assistenten aus der Tüte genommen und mein Name wird ihm mitgeteilt. Die Audienz kann beginnen. Ich hatte ja diesen Kuhfellmantel an, der aber kein echtes Kuhfell ist, sondern so ein Webpelz aus einem Baumwolle- und Viskose-Gemisch. Peter Lindbergh begrüßt mich mit einem Blick, als wäre er gerade aufgewacht und einem sehr freundlichen „Hallo!“ und „Na – was haben wir denn hier? Das ist ja mal ein Mantel, ist das eine Kuh?“
Ich kläre ihn auf, worauf er meint, da hätte ich aber noch mal Glück gehabt. Und dass er mir jetzt etwas in das Buch schreiben würde, wo ich was zum Nachdenken hätte. Aber ich dürfte es erst zuhause durchlesen. Und dann würde ich mir wahrscheinlich denken: „Der blöde Hund!“ Er grinst mich über seine Brillenränder an, auf eine Art, dass man keinen Zweifel haben kann, dass er es faustdick hinter den Ohren hat. Er scheint sich sehr über sich und auch mich zu amüsieren und ermahnt mich noch ein weiteres mal, es erst zuhause zu lesen. Das finde ich blöd und sage „Na toll, möchte ja mal wissen, was da jetzt nun drin steht! Zur Strafe wird jetzt aber noch die Tüte signiert, hier, los! Auf gehts!“ Er signiert die CO-Tüte und ich gucke ihn extra böse dabei an. Er muss lachen und ich sage „Danke“ und „Tschüs“ und drehe mich um. Und als ich schon fast zur Tür raus bin, ruft er mir laut hinterher: „hey – – – ! Ganz toll – ganz toller Mantel, ganz, ganz toll, WIRK-LICH!!!“
Und zwinkert mir ein letztes Mal zu. Das war natürlich keine weltbewegende Konversation, aber im Vergleich zu denen vor mir, war das doch für seine Verhältnisse ein beträchtlicher Palaver und ich hatte Gewissheit, dass es bestimmt sehr lustig und kommunikativ wäre, mit ihm zu arbeiten. So wie ich es mir eigentlich gedacht habe. Nun bin ich ja nicht in der Verlegenheit mit ihm zu arbeiten, aber ich habe verifiziert, dass er in etwa so tickt, wie ich es mir immer schon dachte. Ganz unkompliziert.
Bevor ich die Klinke in die Hand nahm, mit meiner signierten Tüte mit dem Buch, kam ich noch ein letztes mal an dem lustigen Mann vorbei und ich hatte nach den vielen Begegnungen inzwischen das Bedürfnis, mich von ihm zu verabschieden, obwohl ich immer noch nicht wusste, wer er ist. Ich sagte zu ihm. „Sie halten es aber auch ganz schön lange hier aus, obwohl Sie doch gar nichts signiert haben wollen, wie kommt das?“ Er: „ich bin der Herausgeber. Ich habe noch nie irgendwo einen derartigen Andrang für ein Buch gesehen. Das schlägt alles, was ich bis jetzt gesehen habe. Aber ist natürlich erfreulich. Schönen Abend noch! Auf Wiedersehen!“ „Verstehe. Danke, Ihnen auch. „Herausgeber“ ist er also, mal daheim in Ruhe nachschauen, steht ja vielleicht im Buch drin.
Zuhause habe ich dann überhaupt das Buch erst einmal in Ruhe angeschaut – aber vorher schon in der S-Bahn die Widmung gelesen. Er hat mich ein bißchen auf den Arm genommen, der gute Peter Lindbergh, denn es steht nichts drin, was mir Anlass geben würde, ihn als blöden Hund in Erinnerung zu behalten. Im Impressum vom Buch stand dann aber nicht Herausgeber mit Vor- und Nachname, nur der Grafiker, der das Layout gemacht hat und wer die Texte geschrieben hat, u. a. Wim Wenders und Peter Handke. Im Schirmer-Mosel-Verlag erschienen. Ein nicht unbekannter Verlag, von dem wohl so ziemlich jeder den einen oder anderen Bildband im Regal haben dürfte. Ja, wer ist aber denn der Herausgeber? Wenn man also Schirmer und Mosel und Herausgeber googelt, kommen immer nur so Suchergebnisse, wo es um den Verlagsinhaber geht, der Lothar Schirmer heißt. Hm. Grübel, grübel. Mal Bildersuche machen, wie der ausschaut. Manchmal stehe ich ein bißchen auf der Leitung. War jedenfalls trotz der Warterei ein amüsanter Abend. Nichtzuletzt auch wegen Herrn Schirmer, dem lustigen Mann mit der Retrobrille und dem Einstecktuch, und seiner nett mitfühlenden Frau mit dem Lidstrich.
10. Mai 2015

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„Arbeit am Mythos“. Das muss Vera von Lehndorff sicher nicht mehr tun, mehr Mythos zu Lebzeiten geht nicht. Es war nicht das erste mal, dass ich sie leibhaftig erleben durfte, und ich glaube, hoffe, auch nicht das letzte mal. Sechs Jahre ist es her, dass ich sie sah. Am vierzehnten Mai wird sie sechsundsiebzig. Dass CO dieses Symposium veranstaltet hat, bei freiem Eintritt, war eine wunderbare Idee. Sie erzählte von den Dreharbeiten zu Blow up, wie detailverliebt Antonioni mit der Ausstattung und den Requisiten war, wie er jeden Aschenbecher millimetergenau vor einer Aufnahme auf einem Tisch in Position rückte, farblich unpassende Häuserfronten bei einer Aufnahme durch ein Fenster umstreichen ließ. Und andererseits völlig gleichgültig, wenn es um Dialoge oder Befindlichkeiten der Schauspieler ging, dem brachte er kaum Interesse entgegen und wollte damit in Ruhe gelassen werden. Veruschka hatte das originale Kleid aus einer der Partyszenen dabei, dieses Ding, dass sie sich vorhält. Inzwischen eine Reliquie, die mit Beifall bedacht wurde. Ich hatte das Glück, einen Platz ganz vorne, in der Mitte der ersten Reihe zu bekommen. Jan war auch da und saß zu meiner Linken. Ich habe ein Foto gemacht, wo er sich mit Veruschka unterhält. Sie erzählt sehr unterhaltsam und hat viel Humor. Ich mag sie von Herzen gerne und empfinde sie als unverändert inspirierend. Sie ist meine erklärte Lieblings-Ikone.

10. Mai 2015

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„Arbeit am Mythos“. Das muss Vera von Lehndorff sicher nicht mehr tun, mehr Mythos zu Lebzeiten geht nicht. Es war nicht das erste mal, dass ich sie leibhaftig erleben durfte, und ich glaube, hoffe, auch nicht das letzte mal. Sechs Jahre ist es her, dass ich sie sah. Am vierzehnten Mai wird sie sechsundsiebzig. Dass CO dieses Symposium veranstaltet hat, bei freiem Eintritt, war eine wunderbare Idee. Sie erzählte von den Dreharbeiten zu Blow up, wie detailverliebt Antonioni mit der Ausstattung und den Requisiten war, wie er jeden Aschenbecher millimetergenau vor einer Aufnahme auf einem Tisch in Position rückte, farblich unpassende Häuserfronten bei einer Aufnahme durch ein Fenster umstreichen ließ. Und andererseits völlig gleichgültig, wenn es um Dialoge oder Befindlichkeiten der Schauspieler ging, dem brachte er kaum Interesse entgegen und wollte damit in Ruhe gelassen werden. Veruschka hatte das originale Kleid aus einer der Partyszenen dabei, dieses Ding, dass sie sich vorhält. Inzwischen eine Reliquie, die mit Beifall bedacht wurde. Ich hatte das Glück, einen Platz ganz vorne, in der Mitte der ersten Reihe zu bekommen. Jan war auch da und saß zu meiner Linken. Ich habe ein Foto gemacht, wo er sich mit Veruschka unterhält. Sie erzählt sehr unterhaltsam und hat viel Humor. Ich mag sie von Herzen gerne und empfinde sie als unverändert inspirierend. Sie ist meine erklärte Lieblings-Ikone.

08. Mai 2015
Heute vor siebzig Jahren. 8. Mai 45. Berlin im Sommer 1945
„Berlin als Stadt, meint ein britischer Besucher, ist völlig zerstört. Die Ruinen des einstigen Berlin sollten als modernes Babylon oder Karthago bewahrt werden, als Denkmal für den preußischen Militarismus und die Schrecken des Nazi-Regimes. Die Stadt ist völlig tot. Man fährt Kilometer auf Kilometer durch verlassene Ruinen und findet nichts Bewohnbares. Berlin kann niemals wieder aufgebaut werden.“
„Der erste Eindruck von Berlin aus der Luft war so, dass ich zu Mitfliegenden sagte, ich glaube Berlin kann man vergessen, wahrscheinlich muss man die Stadt an anderer Stelle wieder aufbauen. (…)“
„Ein anderer Besucher des verwüsteten Berlin ist der Meinung, dass nur sehr wenige Menschen das Verschwinden dieses unliebenswürdigen Parvenus unter den europäischen Hauptstädten bedauern würden.“
„Ein Journalist der New York Times hofft im Sommer 1945, dass die Auslöschung Berlins den Beginn einer erneuten Zivilisierung Deutschlands einleiten könne.“
„Ein Begriff der von den Soldaten häufig benutzt wurde, war: ‚Dies ist eine Mondlandschaft.‘ Für die damaligen Zeitgenossen war dieser Anblick etwas Unvorstellbares. Ich habe einen sehr interessanten Bericht von einem amerikanischen Soldaten, der in Berlin groß geworden ist, gelesen, und der sich gut in der Stadt auskannte. Als Jugendlicher läuft man ja überall herum und erläuft sich ja auch eine Stadt. Und der konnte – sagt er – sich teilweise nicht mehr in der Stadt orientieren und musste die Sonne zu Hilfe nehmen, weil die Straßenzüge ja nicht mehr da waren. Und durch diese Unmengen von Schutt natürlich ja auch völlig aus der Ordnung geraten waren, das heißt, es gab fast keine Orientierungspunkte mehr.“
Filmdokumentation
06. April 2015
Ich wünsche mir, dass bei jeder Benutzung von „am Ende des Tages“ innerhalb von vierzehn Tagen 14 € Schmerzensgeld (pro Buchstabe 1 Euro) auf mein Konto überwiesen werden. Ich werde den dann voraussichtlich vierzehnstelligen Betrag der guten Sache zukommen lassen.
06. April 2015
Ich wünsche mir, dass bei jeder Benutzung von „am Ende des Tages“ innerhalb von vierzehn Tagen 14 € Schmerzensgeld (pro Buchstabe 1 Euro) auf mein Konto überwiesen werden. Ich werde den dann voraussichtlich vierzehnstelligen Betrag der guten Sache zukommen lassen.
04. Mai 2015

https://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=1811922554




Unzählige Male daran vorbeigelaufen, unzählige Male gedacht, müsste man auch endlich einmal besichtigen. Bei der Humboldtbox kann man den Plan allerdings nicht auf den Sankt Nimmerleinstag verschieben, weil die blaue Schachtel nicht bis zum jüngsten Tag dort bleiben wird. So lange das Schloss gebaut wird, das dann nicht mehr Schloss heißen wird, sondern „Humboldtforum“. Ein natur- und völkerkundliches Forum. Ein Café auf der Terrasse um die Kuppel ist auch vorgesehen, das stelle ich mir schön vor. Auf zwei Etagen kann man sich ein Bild von den Bauarbeiten und der futuristischen künftigen Innenarchitektur machen. Ein bißchen ein Gefühl wie in einem Raumschiff, sehr beeindruckend, bildschöne Ausstellungsmöbel. Man sollte fast ein Courrèges-Kleid oder eines von Paco Rabanne anziehen, falls man zufällig eines im Schrank hätte. Da könnte man ganz tolle Modefotos machen. Die getrockneten Frösche unter Glas haben mich ein bißchen erschrocken, so ästhetisch das auch wirkt und trotz des aufklärerisch gemeinten Hintergrundes zum Handel in Westafrika mit „getrockneten und geräucherten Tigerfröschen“ uh.








Eine Kamera in einem Monitor stellt fest, dass ich ein young adult (danke) und female bin und unterschiedlich happy. Ja, kommt hin. Wobei ich mitunter recht leicht zu erheitern bin, mir hat schon gelangt, dass es so ein Spielzeug gibt und ich mache Faxen wie ein Schimpanse, der sich zum ersten mal im Spiegel sieht. Prompt zeigt der Apparat „happy“ bis zum Anschlag. Na also, geht doch.









Ganz oben ist ein Café mit toller Wandbespannung in Pink und ein bißchen barockem Mobiliar, wer hätte das gedacht. An jenem Februartag war noch kein Draußen-Sitz-Wetter, deswegen alle Stühle noch gestapelt. Aber wenn die Sonne da ist, jetzt im Mai, kann man herrlich draußen sitzen und Eis essen. Falls jemand wissen möchte, ob ich den Besuch empfehlen kann: ja, ich kann den Besuch empfehlen. Drei Euro Eintritt. Muss man gesehen haben. Das Schloss ist schon wieder weiter. Die Kuppel wird schon gebaut, man kann die Rotunde schon sehen, in der Schloss-Webcam. Ich habe mich jetzt damit angefreundet. Vielleicht sehe ich die Kuppelspitze dereinst aus meinem Fenster, aber ich glaube eher nicht, weil sie nicht so hoch wie die Kuppel vom Dom sein wird und laut meiner geographischen Berechnungen bei meiner Sichtachse genau hinter der Domkuppel liegen müsste.












04. Mai 2015

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Unzählige Male daran vorbeigelaufen, unzählige Male gedacht, müsste man auch endlich einmal besichtigen. Bei der Humboldtbox kann man den Plan allerdings nicht auf den Sankt Nimmerleinstag verschieben, weil die blaue Schachtel nicht bis zum jüngsten Tag dort bleiben wird. So lange das Schloss gebaut wird, das dann nicht mehr Schloss heißen wird, sondern „Humboldtforum“. Ein natur- und völkerkundliches Forum. Ein Café auf der Terrasse um die Kuppel ist auch vorgesehen, das stelle ich mir schön vor. Auf zwei Etagen kann man sich ein Bild von den Bauarbeiten und der futuristischen künftigen Innenarchitektur machen. Ein bißchen ein Gefühl wie in einem Raumschiff, sehr beeindruckend, bildschöne Ausstellungsmöbel. Man sollte fast ein Courrèges-Kleid oder eines von Paco Rabanne anziehen, falls man zufällig eines im Schrank hätte. Da könnte man ganz tolle Modefotos machen. Die getrockneten Frösche unter Glas haben mich ein bißchen erschrocken, so ästhetisch das auch wirkt und trotz des aufklärerisch gemeinten Hintergrundes zum Handel in Westafrika mit „getrockneten und geräucherten Tigerfröschen“ uh.








Eine Kamera in einem Monitor stellt fest, dass ich ein young adult (danke) und female bin und unterschiedlich happy. Ja, kommt hin. Wobei ich mitunter recht leicht zu erheitern bin, mir hat schon gelangt, dass es so ein Spielzeug gibt und ich mache Faxen wie ein Schimpanse, der sich zum ersten mal im Spiegel sieht. Prompt zeigt der Apparat „happy“ bis zum Anschlag. Na also, geht doch.









Ganz oben ist ein Café mit toller Wandbespannung in Pink und ein bißchen barockem Mobiliar, wer hätte das gedacht. An jenem Februartag war noch kein Draußen-Sitz-Wetter, deswegen alle Stühle noch gestapelt. Aber wenn die Sonne da ist, jetzt im Mai, kann man herrlich draußen sitzen und Eis essen. Falls jemand wissen möchte, ob ich den Besuch empfehlen kann: ja, ich kann den Besuch empfehlen. Drei Euro Eintritt. Muss man gesehen haben. Das Schloss ist schon wieder weiter. Die Kuppel wird schon gebaut, man kann die Rotunde schon sehen, in der Schloss-Webcam. Ich habe mich jetzt damit angefreundet. Vielleicht sehe ich die Kuppelspitze dereinst aus meinem Fenster, aber ich glaube eher nicht, weil sie nicht so hoch wie die Kuppel vom Dom sein wird und laut meiner geographischen Berechnungen bei meiner Sichtachse genau hinter der Domkuppel liegen müsste.












01. Mai 2015
01. Mai 2015
27. April 2015
Gestern und heute, also Samstag und Sonntag, lauter sinnvolle, vernünftige Sachen gemacht. Alles daheim. Gestern den dicken schwarzen Ordner mit dem goldgeprägten Harley-Davidson-Logo und dem weltlichen Inhalt ausgemistet. Mietsachen, Stomverträge, Kabelanschluss, GEZ, Sozialversicherung, Rentenversicherung, Haftpflichtversicherung, Krankenversicherung, Telekom usw. usf. Alle verjährten Betriebskostenabrechnungen wegzuschmeißen, hat den Ordner schon viel schlanker gemacht. Das habe ich gestern gemacht. Ein paar Bilder bearbeitet. Weiter nichts. Heute vor allem Schuhe aussortiert und geputzt. Die paar brauchbaren mit den hohen Absätzen im Schlafzimmer deponiert. Also in hübschen Schuhschachteln. Lackschwarz und Orange. Die Italiener machen nicht nur die schönsten Schuhe, sondern auch die schönsten Schuhschachteln. Nicht, dass ich im Schlafzimmer Verwendung für Hackenschuhe hätte. So eine bin ich nicht. Aber da passen die Schachteln farblich am besten hin. Toll, so schön geputzte Schuhe. In meinem drehbaren Schuhturmspiegelschrank im Flur sind jetzt nur noch die Schuhe, die eine hohe Wahrscheinlichkeit haben, dass ich sie im Laufe der nächsten Monate auch wenigstens einmal anziehe. Zwanzig Paar. Mama angerufen, freut sich immer. Sollte ich vielleicht öfter machen. Sie hat die Schuhe, so schwarze glänzende Herrenschuhe, die mein Vater früher zu seinen Auftritten mit seinen Tanzcombos angezogen hat, immer besonders schön auf Hochglanz poliert. Das hat sie gerne gemacht. Ich war früher nachlässig im Schuhe putzen, aber man wird ja älter und einsichtiger. Schnürsenkel habe ich auch sortiert. Die sind übrig geblieben von ausrangierten Schuhen, die es nicht mehr gibt, oder wenn ich mal Schnürsenkel ausgetauscht habe, weil ich andere an einem Schnürschuh schöner fand. Noch ein bißchen gebloggt und nachgedacht. Das war mein Wochenende. Gute Nacht.
22. April 2015
Meine Wohnung ist verkauft. Heute Nachmittag habe ich meine Unterschrift unter die Vorkaufsverzichtserklärung gesetzt, nachdem ich eine notariell beglaubigte Ausfertigung des Kaufvertrages mit einem Siegel und einer zweifarbigen Kordel erhalten und durchgelesen habe. Ich habe sehr interessiert zur Kenntnis genommen, dass die zehnjährige Sperrfrist für Eigenbedarf ein eigenständiger Absatz im Kaufvertrag ist. Viele Seiten. Der Käufer ist ein kultivierter Mensch. Es war der letzte Kaufinteressent. Mehr möchte ich hier nicht ins Detail gehen. Meine Miete wird bald in ein Land überwiesen, das meinen kleinen Rettungsschirmbeitrag zu schätzen wissen wird. Was in zehn Jahren nach Grundbucheintrag sein wird, weiß ich auch noch nicht. Ich muss es jetzt erst einmal begreifen, dass ich nicht mehr mit dieser inneren Anspannung weitere Besichtigungen von Kauflustigen tolerieren, erleben muss.
26. April 2015
Bitte lesen Lesebefehl.
„ich bin um jede Verlinkung dieses Artikels froh. Als ich ihn am Freitag las, war es mir auch ein Herzensanliegen, ihn zu verlinken. Vermutlich nicht offensiv genug, so wie es dieser Reportage gebühren würde. Natürlich ist man wacher und aufmerksamer, wenn man unmittelbar von diesen Entwicklungen betroffen* ist. Dann kann man nur allen anderen, die nicht um ihr Zuhause fürchten müssen, die Möglichkeit eröffnen, durch erläuternde Worte sinnlich zu erfahren und zu begreifen, was sich hier abspielt, und dann die Konsequenzen daraus zu ziehen. Die da wären, sich wie früher, vor airbnb, auf legitimierte Ferienwohnungen oder schöne Hotelzimmer zu konzentrieren.
* ich wohne seit Juni 1999 in einer Wohnung in der Auguststraße, die soeben in eine Eigentumswohnung umgewandelt wurde und gekauft wurde. Ich konnte sie nicht kaufen, das überstieg meine finanziellen Möglichkeiten, zumal ich ohnehin nicht den Plan hatte, Eigentum zu erwerben. Ich hatte leider keine 270000 Euro in der Portokasse für meine kleine 2-Zimmer-Wohnung (58 qm, DG, am Gipsdreieeck). Zehn Jahre Sperrfrist für Eigenbedarf sind natürlich schön. Aber der unbegrenzte Mietvertrag war noch schöner. Wenn ich mir ausmale, dass es ehemalige Mieter aus meiner Ecke gibt, die durch einen Zufall entdecken, dass ihr ehemaliges geliebtes Zuhause bei airbnb angeboten wird, und sie nunmehr in irgendeinem Wohnghetto in einem Randbezirk hausen müssen, werde ich sehr traurig. Und auch ein bißchen aggressiv.“
Gaga Nielsen 26. April 2015 um 01:17, Kommentar bei Lucky Strikes
26. April 2015
Bitte lesen Lesebefehl.
„ich bin um jede Verlinkung dieses Artikels froh. Als ich ihn am Freitag las, war es mir auch ein Herzensanliegen, ihn zu verlinken. Vermutlich nicht offensiv genug, so wie es dieser Reportage gebühren würde. Natürlich ist man wacher und aufmerksamer, wenn man unmittelbar von diesen Entwicklungen betroffen* ist. Dann kann man nur allen anderen, die nicht um ihr Zuhause fürchten müssen, die Möglichkeit eröffnen, durch erläuternde Worte sinnlich zu erfahren und zu begreifen, was sich hier abspielt, und dann die Konsequenzen daraus zu ziehen. Die da wären, sich wie früher, vor airbnb, auf legitimierte Ferienwohnungen oder schöne Hotelzimmer zu konzentrieren.
* ich wohne seit Juni 1999 in einer Wohnung in der Auguststraße, die soeben in eine Eigentumswohnung umgewandelt wurde und gekauft wurde. Ich konnte sie nicht kaufen, das überstieg meine finanziellen Möglichkeiten, zumal ich ohnehin nicht den Plan hatte, Eigentum zu erwerben. Ich hatte leider keine 270000 Euro in der Portokasse für meine kleine 2-Zimmer-Wohnung (58 qm, DG, am Gipsdreieeck). Zehn Jahre Sperrfrist für Eigenbedarf sind natürlich schön. Aber der unbegrenzte Mietvertrag war noch schöner. Wenn ich mir ausmale, dass es ehemalige Mieter aus meiner Ecke gibt, die durch einen Zufall entdecken, dass ihr ehemaliges geliebtes Zuhause bei airbnb angeboten wird, und sie nunmehr in irgendeinem Wohnghetto in einem Randbezirk hausen müssen, werde ich sehr traurig. Und auch ein bißchen aggressiv.“
Gaga Nielsen 26. April 2015 um 01:17, Kommentar bei Lucky Strikes
25. April 2015

„Friedrich Wilhelm IV. wünschte sich ausdrücklich Kolonnaden auf der Museumsinsel. Dafür legte Friedrich August Stüler 1841 einen Entwurf vor. Die Kolonnaden an der Süd- und Ostseite des Neuen Museums und an der Bodestraße entstanden in den Jahren 1853 bis 1860. Jene am Spreeufer und hinter der Alten Nationalgalerie wurden nach aktualisierten Plänen von Johann Heinrich Strack und Georg Erbkam zwischen 1876 und 1878 erbaut. Die Berliner Architekten Petersen stellten die Kolonnaden entsprechend dem ursprünglichen Erscheinungsbild wieder her. Dabei wurden auch Originalfragmente verwendet, die im Gewölbe unter der Kolonnade verschüttet waren. Die zur Zeit noch als Werkstätten der Staatlichen Museen zu Berlin genutzten, geschlossenen Kolonnaden an der Spree und hinter der Alten Nationalgalerie werden erst zu einem späteren Zeitpunkt hergerichtet.“ […]

https://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=1811922554



Ich weiß gar nicht, warum ich immer denke „meine Kolonnaden“. Die Kolonnaden gehören jedem, der unter ihnen flaniert. Das ist doch phantastisch. Ganz ohne Eintrag ins Grundbuch. Braucht man doch alles gar nicht. Der Asphalt, auf den ich meinen Fuß setze, ist in diesem Augenblick meiner. Für eine Sekunde. Mehr braucht es doch nicht. Meine Kolonnaden. Und die Friedrichsbrücke. Ich sage nicht „meine Friedrichsbrücke“, die gehört dem Friedrich, sonst hieße sie ja Gaga Nielsen-Brücke. Aber meine Kolonnaden. Der Weg zurück. Die Kolonnaden entlang, bis sie an der Friedrichsbrücke enden. Dann links und fast schon daheim. Hackescher, Rosi, August, Ecke Joachim, Haustür.



[ Alle Etappen ]
25. April 2015

„Friedrich Wilhelm IV. wünschte sich ausdrücklich Kolonnaden auf der Museumsinsel. Dafür legte Friedrich August Stüler 1841 einen Entwurf vor. Die Kolonnaden an der Süd- und Ostseite des Neuen Museums und an der Bodestraße entstanden in den Jahren 1853 bis 1860. Jene am Spreeufer und hinter der Alten Nationalgalerie wurden nach aktualisierten Plänen von Johann Heinrich Strack und Georg Erbkam zwischen 1876 und 1878 erbaut. Die Berliner Architekten Petersen stellten die Kolonnaden entsprechend dem ursprünglichen Erscheinungsbild wieder her. Dabei wurden auch Originalfragmente verwendet, die im Gewölbe unter der Kolonnade verschüttet waren. Die zur Zeit noch als Werkstätten der Staatlichen Museen zu Berlin genutzten, geschlossenen Kolonnaden an der Spree und hinter der Alten Nationalgalerie werden erst zu einem späteren Zeitpunkt hergerichtet.“ […]

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Ich weiß gar nicht, warum ich immer denke „meine Kolonnaden“. Die Kolonnaden gehören jedem, der unter ihnen flaniert. Das ist doch phantastisch. Ganz ohne Eintrag ins Grundbuch. Braucht man doch alles gar nicht. Der Asphalt, auf den ich meinen Fuß setze, ist in diesem Augenblick meiner. Für eine Sekunde. Mehr braucht es doch nicht. Meine Kolonnaden. Und die Friedrichsbrücke. Ich sage nicht „meine Friedrichsbrücke“, die gehört dem Friedrich, sonst hieße sie ja Gaga Nielsen-Brücke. Aber meine Kolonnaden. Der Weg zurück. Die Kolonnaden entlang, bis sie an der Friedrichsbrücke enden. Dann links und fast schon daheim. Hackescher, Rosi, August, Ecke Joachim, Haustür.



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25. April 2015
22. April 2015
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Mein kleiner Ibis. Ein Souvenir zum Gedenken an meinen ersten Besuch im Neuen Museum. Der kleine Vogel stand mit ein paar Geschwistern im Souvenirshop im Untergeschoss. Zu einem richtigen Museumsbesuch gehört auch ein Besuch im Souvenirshop. Ruhig auch mal daheim ein Andenken kaufen, es muss nicht immer der Souvenirshop in Übersee sein. Der Kleine war auch noch erschwinglich, ich konnte bar bezahlen. Dreizehn Euro glaube ich. Das ist deswegen interessant für die Verbreitung im Internet, weil es tatsächlich Anbieter (in Übersee!) gibt, die genau diesen kleinen vergoldeten Ibis als eine Art kostspielige Seltenheit an den Sammler bringen wollen, für ungefähr 500 US-Dollar. Kauft in Berliner Souvenirshops! Den Ibis gibt es im Internet auch noch in größer und bei der Trauerfeier (Bild) von Helmut Dietl stand er sogar in größer vor dem Sarg. Vielleicht ein Dekorationsstück vom Bestatter, das jeder Trauerfeier das gewisse Etwas gibt. Mir hat er einfach gefallen, der kleine Ibis, weil er eine putzige Form hat und so eine ganz eigene Anmut. Und mich an meinen schönen Ausflug erinnert, der mich nicht mehr hätte beeindrucken können, wenn er nach Übersee gegangen wäre.


Warum der Ibis Gottheit des Bloggens ist, habe ich schon erklärt: Der heilige Ibis wurde mit dem Mondgott Thot in Verbindung gebracht, dem Schutzpatron der Schreiber, und vereinzelt mit einer Mondsichel auf dem Kopf dargestellt. Ihm werden die Eigenschaften der Ausdauer und des Strebens zugeschrieben. Er wurde aber auch mit der Seele und dem Atemhauch asoziiert. In diesem Zusammenhang steht auch die Darstellung Thots im Ägyptischen Totenbuch (Spruch 183), der – hier mit Ibiskopf – Osiris verschiedene Symbole überreicht, unter anderem auch das Anch, das Symbol für ewiges Leben und Herrschaft. Das Zentrum des Thot-Kultes lag in Hermopolis, wo Tausende von mumifizierten Ibissen gefunden wurden. Als Schopf-Ibis sah man ihn eher in Verbindung mit der Sonne: Als verklärter, Segen spendender Geist.
22. April 2015
Meine Wohnung ist verkauft. Heute Nachmittag habe ich meine Unterschrift unter die Vorkaufsverzichtserklärung gesetzt, nachdem ich eine notariell beglaubigte Ausfertigung des Kaufvertrages mit einem Siegel und einer zweifarbigen Kordel erhalten und durchgelesen habe. Ich habe sehr interessiert zur Kenntnis genommen, dass die zehnjährige Sperrfrist für Eigenbedarf ein eigenständiger Absatz im Kaufvertrag ist. Viele Seiten. Der Käufer ist ein kultivierter Mensch. Es war der letzte Kaufinteressent. Mehr möchte ich hier nicht ins Detail gehen. Meine Miete wird bald in ein Land überwiesen, das meinen kleinen Rettungsschirmbeitrag zu schätzen wissen wird. Was in zehn Jahren nach Grundbucheintrag sein wird, weiß ich auch noch nicht. Ich muss es jetzt erst einmal begreifen, dass ich nicht mehr mit dieser inneren Anspannung weitere Besichtigungen von Kauflustigen tolerieren, erleben muss.
22. April 2015
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Mein kleiner Ibis. Ein Souvenir zum Gedenken an meinen ersten Besuch im Neuen Museum. Der kleine Vogel stand mit ein paar Geschwistern im Souvenirshop im Untergeschoss. Zu einem richtigen Museumsbesuch gehört auch ein Besuch im Souvenirshop. Ruhig auch mal daheim ein Andenken kaufen, es muss nicht immer der Souvenirshop in Übersee sein. Der Kleine war auch noch erschwinglich, ich konnte bar bezahlen. Dreizehn Euro glaube ich. Das ist deswegen interessant für die Verbreitung im Internet, weil es tatsächlich Anbieter (in Übersee!) gibt, die genau diesen kleinen vergoldeten Ibis als eine Art kostspielige Seltenheit an den Sammler bringen wollen, für ungefähr 500 US-Dollar. Kauft in Berliner Souvenirshops! Den Ibis gibt es im Internet auch noch in größer und bei der Trauerfeier (Bild) von Helmut Dietl stand er sogar in größer vor dem Sarg. Vielleicht ein Dekorationsstück vom Bestatter, das jeder Trauerfeier das gewisse Etwas gibt. Mir hat er einfach gefallen, der kleine Ibis, weil er eine putzige Form hat und so eine ganz eigene Anmut. Und mich an meinen schönen Ausflug erinnert, der mich nicht mehr hätte beeindrucken können, wenn er nach Übersee gegangen wäre.


Warum der Ibis Gottheit des Bloggens ist, habe ich schon erklärt: Der heilige Ibis wurde mit dem Mondgott Thot in Verbindung gebracht, dem Schutzpatron der Schreiber, und vereinzelt mit einer Mondsichel auf dem Kopf dargestellt. Ihm werden die Eigenschaften der Ausdauer und des Strebens zugeschrieben. Er wurde aber auch mit der Seele und dem Atemhauch asoziiert. In diesem Zusammenhang steht auch die Darstellung Thots im Ägyptischen Totenbuch (Spruch 183), der – hier mit Ibiskopf – Osiris verschiedene Symbole überreicht, unter anderem auch das Anch, das Symbol für ewiges Leben und Herrschaft. Das Zentrum des Thot-Kultes lag in Hermopolis, wo Tausende von mumifizierten Ibissen gefunden wurden. Als Schopf-Ibis sah man ihn eher in Verbindung mit der Sonne: Als verklärter, Segen spendender Geist.
21. April 2015
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Das große Treppenfoyer, die Treppenskulptur, die ich nur in unzulänglichem Licht einfangen konnte, kein einziges Bild in der Totalen. Aber das findet man ja sonst überall. Die Spannung der Dramaturgie, der Konfrontation von exhuminierter Substanz mit wegweisender Linienführung, modernster Bautechnologie des einundzwanzigsten Jahrhunderts, findet ihren Höhepunkt in der großen Treppenhalle. Sehr fasziniert hat mich das Bild, eine Aufnahme aus der Bauzeit, wo man eines der Treppensegmente aus dem mit Marmorstücken vermischtem Beton über der provisorischen Öffnung des Daches schweben sieht. Ein gigantisches Teil aus tonnenschwerem Marmorbeton, von einem Kran gehalten. Mich elektrisiert das ungeheuer. Wie große Schiffe in einem Hafen. Was der menschliche Wille mit Materie zustande zu bringen vermag. Mir wird religiös, wenn ich Bewegung von gigantischer Materie sehe. Wie ein Ameise, die einen Kekskrümel trägt, der fünfmal so groß ist, wie ihr Ameisenkörper. Ein bißchen vergleichbar dem Versetzen von Bergen. Wovon man eben träumt.


“Wir wollen die erhaltenen Fragmente nicht durch das, was fehlt, zusammenbinden, sondern durch Material, das, bei Vermeidung von Imitation, dem Ganzen Ordnung und den Teilen Bedeutung zurückgibt.“ Sir David Chipperfield


„[…] Seit seiner Wiedereröffnung am 15. Oktober 2009 haben weit mehr als 1,2 Millionen Menschen das Neue Museum auf der Berliner Museumsinsel besucht. Während eines Festaktes am 20. Juni 2011 in Barcelona wird dem Architektenteam um Sir David Chipperfield der Mies-van-der-Rohe-Preis der Europäischen Union für die Wiederherstellung des Neuen Museums verliehen. Dieser Preis wird alle zwei Jahre ausgelobt, um herausragende Arbeiten zu prämieren. Durchgesetzt hat sich die Arbeit gegen 343 Projekte aus 33 europäischen Ländern. Die Jury lobt vor allem die außerordentliche Leistung des britischen Architekten, neue und bestehende Elemente miteinander zu vereinen. Seit 2009 thront Nofretete, die Schönste der Schönen, wieder in Neuen Museum unter der Nordkuppel: Genau an dem Ort, von dem sie 1939 fliehen musste, bevor die Bomben ihr Haus zerstörten, hat ihr der britische Architekt David Chipperfield mit einem der spektakulärsten Museumsneubauten unserer Zeit einen neuen Palast geschaffen.“

16. April 2015

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„Im Steinzeit-Saal begrüßen die Besucher der berühmte 11-jährige Neandertalerjunge aus Le Moustier in Frankreich und der beliebte Elch vom Berliner Hansaplatz. Die zweite Saalhälfte zeigt mit prächtigen Funden der Jungsteinzeit den Übergang zu Ackerbau und Viehzucht. Im Bronzezeitsaal bilden die Großvitrinen mit beeindruckenden Exponatmontagen und einem dreidimensionalen Blick auf das älteste Schlachtfeld der Menschheitsgeschichte eine Prozessionsstraße hin zum berühmten Berliner Goldhut. Am Ende des Rundgangs in Ebene 3 präsentieren sich die eisenzeitlichen Kulturen mit hallstattzeitlichen Fürstengräbern und latènezeitlichen Fundkomplexen auch im Kontext der mittelmeerischen Kulturen.“

„3000 Jahre alt und doch fast unversehrt. Der Berliner Goldhut. Noch immer geht ein Zauber von diesem hohen, schmalen Kegel aus, der, geheimnisvoll angestrahlt, in der Mitte des Sternensaals zu schweben scheint. Aus einem einzigen Stück ist er gearbeitet, ganz ohne Naht, von allen Seiten gleich. Inzwischen ist sicher, dass es sich um eine zeremonielle Kopfbedeckung handelt.“

„Wahrscheinlich war dieser Goldhut ursprünglich gefüttert, vielleicht mit Filz oder Leder. Nur drei weitere aus Gold getriebene Zeremonialhüte aus der Bronzezeit haben sich erhalten, zwei davon haben ihre Krempe verloren und waren daher gar nicht als Hüte zu erkennen. Doch die konische Form und die Ornamente gleichen sich bei allen vier Exemplaren, so dass man von einer ähnlichen Funktion ausgehen kann. Die Menschen des 2. vorchristlichen Jahrtausends pflegten Gaben an die Götter im Boden oder auch im Moor niederzulegen und sie auf diese Weise auch vor einer möglichen Entweihung zu schützen. Getragen wurde diese zeremonielle Kopfbedeckung wohl von einem Priester oder Stammesführer bei kultischen Handlungen. Der Hut erhöhte seinen Träger nicht nur, er machte ihn auch zum Herrscher über die Zeit und die Abläufe in der Natur. Denn die Kreisscheiben, die den Kegel scheinbar zur Zierde überziehen, bilden ein ausgeklügeltes kalendarisches System. Dieser Hut enthält das Wissen über Sonnen- und Mondjahre und ihr Verhältnis zueinander. Der Goldhut ist also nicht nur ein Meisterwerk spätbronzezeitlicher Goldschmiedekunst, er ist auch ein hochkomplexer Kalender.“

„Dazu ertönt der Klang […..] einer bronzezeitlichen Lure, eines Blasinstruments. Meist wurden Luren aus Bronze hergestellt. Luren bestehen aus einem Mundstück und mehreren zusammengesetzten gegossenen Stücken bzw. Rohren. Sie sind zwischen einem und zwei Meter lang und S-förmig geschwungen. Die Schallöffnung besteht oft aus einer reich verzierten Scheibe. Zumeist wurden sie als Paare gefunden, die harmonisch aufeinander abgestimmt waren. Daher geht man davon aus, dass sie gemeinsam gespielt wurden. Die Felsenritzungen von Tanum und eine Ritzung im Grab von Kivik zeigen das Instrument. Es ist anzunehmen, dass Luren zu ihrer Zeit von großer Bedeutung waren. Darauf weisen nicht nur die Horte mit vermutlich kultischem Hintergrund hin. Es wird auch durch die häufige Darstellung von Lurenbläsern auf bronzezeitlichen Felsbildern unterstrichen.“
16. April 2015

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„Im Steinzeit-Saal begrüßen die Besucher der berühmte 11-jährige Neandertalerjunge aus Le Moustier in Frankreich und der beliebte Elch vom Berliner Hansaplatz. Die zweite Saalhälfte zeigt mit prächtigen Funden der Jungsteinzeit den Übergang zu Ackerbau und Viehzucht. Im Bronzezeitsaal bilden die Großvitrinen mit beeindruckenden Exponatmontagen und einem dreidimensionalen Blick auf das älteste Schlachtfeld der Menschheitsgeschichte eine Prozessionsstraße hin zum berühmten Berliner Goldhut. Am Ende des Rundgangs in Ebene 3 präsentieren sich die eisenzeitlichen Kulturen mit hallstattzeitlichen Fürstengräbern und latènezeitlichen Fundkomplexen auch im Kontext der mittelmeerischen Kulturen.“

„3000 Jahre alt und doch fast unversehrt. Der Berliner Goldhut. Noch immer geht ein Zauber von diesem hohen, schmalen Kegel aus, der, geheimnisvoll angestrahlt, in der Mitte des Sternensaals zu schweben scheint. Aus einem einzigen Stück ist er gearbeitet, ganz ohne Naht, von allen Seiten gleich. Inzwischen ist sicher, dass es sich um eine zeremonielle Kopfbedeckung handelt.“

„Wahrscheinlich war dieser Goldhut ursprünglich gefüttert, vielleicht mit Filz oder Leder. Nur drei weitere aus Gold getriebene Zeremonialhüte aus der Bronzezeit haben sich erhalten, zwei davon haben ihre Krempe verloren und waren daher gar nicht als Hüte zu erkennen. Doch die konische Form und die Ornamente gleichen sich bei allen vier Exemplaren, so dass man von einer ähnlichen Funktion ausgehen kann. Die Menschen des 2. vorchristlichen Jahrtausends pflegten Gaben an die Götter im Boden oder auch im Moor niederzulegen und sie auf diese Weise auch vor einer möglichen Entweihung zu schützen. Getragen wurde diese zeremonielle Kopfbedeckung wohl von einem Priester oder Stammesführer bei kultischen Handlungen. Der Hut erhöhte seinen Träger nicht nur, er machte ihn auch zum Herrscher über die Zeit und die Abläufe in der Natur. Denn die Kreisscheiben, die den Kegel scheinbar zur Zierde überziehen, bilden ein ausgeklügeltes kalendarisches System. Dieser Hut enthält das Wissen über Sonnen- und Mondjahre und ihr Verhältnis zueinander. Der Goldhut ist also nicht nur ein Meisterwerk spätbronzezeitlicher Goldschmiedekunst, er ist auch ein hochkomplexer Kalender.“

„Dazu ertönt der Klang […..] einer bronzezeitlichen Lure, eines Blasinstruments. Meist wurden Luren aus Bronze hergestellt. Luren bestehen aus einem Mundstück und mehreren zusammengesetzten gegossenen Stücken bzw. Rohren. Sie sind zwischen einem und zwei Meter lang und S-förmig geschwungen. Die Schallöffnung besteht oft aus einer reich verzierten Scheibe. Zumeist wurden sie als Paare gefunden, die harmonisch aufeinander abgestimmt waren. Daher geht man davon aus, dass sie gemeinsam gespielt wurden. Die Felsenritzungen von Tanum und eine Ritzung im Grab von Kivik zeigen das Instrument. Es ist anzunehmen, dass Luren zu ihrer Zeit von großer Bedeutung waren. Darauf weisen nicht nur die Horte mit vermutlich kultischem Hintergrund hin. Es wird auch durch die häufige Darstellung von Lurenbläsern auf bronzezeitlichen Felsbildern unterstrichen.“
13. April 2015
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Die Amarna-Sammlung im Neuen Museum ist in einem Raum, in dem sich keine Spur von historischer Bausubstanz findet. Nichts. Der Saal ist in der ersten Etage, angrenzend an den Apollonsaal, in dem in der einzig verbliebenen Kuppelnische Echnaton rückwärtig Wand an Wand mit seiner Nofretete im erhaltenen Nordkuppelsaal steht. „Bei Bombardierungen am 22./23. November 1943 brannte das zentrale Treppenhaus mit den Wandfresken zur Geschichte der Menschheit aus. Im Februar 1945 zerstörten Bomben den Nordwestflügel sowie den Übergang zum Alten Museum und beschädigten den Südwestflügel sowie den Südostrisalit. In der Schlacht um Berlin zwischen den verbliebenen Wehrmachts- und SS-Einheiten und den sowjetischen Streitkräften Ende April 1945 kam es zu weiteren Zerstörungen.“ Ich musste eine Weile recherchieren, um den Zusammenhang zwischen der Bezeichnung „Ägyptischer Hof“, den man gleichermaßen auf diesen Raum mit der Armana-Sammlung bezogen findet, und dem im Untergeschoss liegenden Saal „Jenseits und Ewigkeit“ mit den Sarkophagen, der ebenfalls dem Ägyptischen Hof zugeordnet wird, zu verifizieren. Chipperfield hat ein Zwischengeschoss eingefügt, wenn ich es recht verstanden habe, die Ebene, auf der man hier steht, hat vor der Zerstörung nicht existiert, und befindet sich, wie auf den Grundrissen ersichtlich ist, unmittelbar über dem Bereich der Sarkophage im Untergeschoss. Der historische Ägyptische Hof wäre vermutlich zu aufwändig zu rekonstruieren gewesen und die Substanz der eingelagerten Säulen- und Kapitellfragmente zu geringfügig. Es war einer der exotischsten und opulentesten Säle im Neuen Museum, das Herz der ägyptischen Sammlung. Ein dicht mit ägyptischen Motiven bemalten Säulen gesäumter Tempelraum für die spektakulärsten Exponate, herrliche Sphinxen darunter. Auf dieser alten Fotografie erahnt man diese Pracht des alten Ägyptischen Hofes, in dem auch die Schätze der heutigen Amarna-Sammlung gezeigt wurden. Und hier ist eine kolorierte Zeichnung. Der heutige Raum trägt die Bezeichnung „Unter Atons Strahlen – Die Königliche Familie in Amarna“. David Chipperfield hat einen eigenen Begriff für diesen Bereich gewählt. Sanctuary. Heiligtum.
10. April 2015

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Nofretete steht in Berlin. Nicht in Ägypten. Ob das richtig ist, darüber wird wohl seit hundert Jahren gestritten, aber als zugereiste Berlinerin kann man hier sehr heimisch werden. Ich weiß das. Sie hatte einen sehr schönen Mann, Amenophis IV. aka Echnaton, von dem sie nur durch eine Wand getrennt ist, eine Skulptur, die seinen Kopf zeigt, steht im Apollonsaal. Nofretete zu fotografieren ist nicht erlaubt, warum auch immer. Sie hat den exclusivsten Ort im Neuen Museum, eine ganze Kuppel für sich alleine, den Nordkuppelsaal. Und sie ist schön. Egal, wie oft man sie auf Fotografien gesehen hat. Ein Objekt oder Phänomen inflationärer Verbreitung in aller Unschuld zu betrachten, verlangt eine gewisse Konzentration, die Fähigkeit, die eigene Wahrnehmung von kolportierter Beurteilung zu bereinigen, den Eindruck zu relativieren. Sie hat einen hochherzigen, anmutigen Ausdruck. Echnaton war ihr Cousin. In der Pharaonenfamilie wurde inzestuös geheiratet. Kaiserin Elisabeth von Österreich, Sisi – war ebenfalls mit ihrem Cousin verheiratet – Kaiser Franz Joseph, dem Sohn ihrer Tante. In der Aristokratie üblich. Echnaton trieb es noch inniger, er zeugte mit einer Tochter von ihm und Nofretete Tutanchamun. Usw. usf. Wie auch immer. Wir sehen die erhabenen Abbilder. Wieviel Lebensglück sie erfahren haben, weiß man nicht, aber schöne Antlitze. Im Apollonsaal ist auch ein berückendes Fragment von einem Fresko von einem Palastboden. In einer Vitrine, unter Glas. Das sind Kraniche, glaube ich. – – – Ja.

07. April 2015


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Kraft meiner Wassersuppe und meiner Sehkraft sage ich: das ist großartig. Alles. Wir sehen Bildfragmente von vier Sälen. Dem Modernen Saal. Dem Mittelalterlichen Saal. Dem Römischen Saal. Dem Bacchussaal. Wo eine Figur steht, die als der „Xantener Knabe“ bezeichnet wird. Ich wusste nichts darüber, auch nicht so wichtig. Aber was für eine schöne Idee — er hielt ein ovales Tablett, auf dem er mutmaßlich Weintrauben und gut gefüllte Kelche reichte. Er ist nicht so berühmt, weil er so ein exorbitantes Werk der Bildhauerei wäre, sondern weil er so alt ist, ca. 150 v. Christus von hellenischen Bildhauern geschaffen, und aus dieser Epoche kaum vergleichbare Skulpturen in so gut erhaltenem Zustand gefunden wurden. Im Grunde ein Salonmöbel, ein stummer Diener.


Aber die eigentliche Sensation für mich war es, über diese Mosaikböden zu laufen, die gefiederten Säulen zu bestaunen. So viel vom alten Berlin erleben zu dürfen. Deswegen bewegte mich der Besuch mehr als einer in irgendeinem anderen Museum. Es entzieht sich der Vorstellungskraft, dass diese Räume nach der fundamentalen Kriegsversehrung 1939 siebzig Jahre im Dornröschenschlaf lagen. Es ist wertvoll und anrührend, wenn man nur die geringste authentische Spur der alten Pracht sehen und erleben kann. Ich kann mir vorstellen, dass manch einer, der es nicht weiß, sich bei dem Namen „Neues Museum“ etwas Modernes vorstellt, ein zeitgenössisches Bauwerk. Man kann aber auch leicht durcheinanderkommen, mit dem Neu und Alt, wenn man all die Namen hört: „Altes Museum“ „Alte Nationalgalerie“ „Neues Museum“ „Neue Nationalgalerie“ Aber das Neue Museum ist eines mit den ältesten Mauern. Und etwa der traditionell so bezeichnete „Moderne Saal“ ist modern im Sinne der Mitte des vorletzten Jahrhunderts. Es gibt wirklich einiges zu entdecken. Auch für mich.



Noch nach neunundzwanzig Jahren, die ich in dieser Stadt lebe, davon mehr als die Hälfte in Mitte. Als ich danach nach Hause lief, war ich gewissermaßen demütig, dass ich nur einen kleinen Spaziergang von diesem Weltkulturerbe entfernt lebe. Diese vier Säle führen zum Nordkuppelsaal, in dem die legendäre Nofretete-Büste ihr letztes Zuhause gefunden hat. Dazu morgen.



06. April 2015
Ich habe mir gerade die Fingernägel lackiert. Das ist deswegen berichtenswert, weil ich mir seit ungefähr Zweitausendacht nicht mehr die Nägel lackiert habe. Also sieben Jahre. Aber nicht bunt. Auch nicht durchsichtig. So in etwa Hautfarbe. Sieht tatsächlich ganz schick aus, weil die Hautfarbe heller ist als meine Haut. Das hat so ein bißchen was von Urlaub, im Kontrast. Also hellere Nägel als die Hautfarbe der Hände. Gefällt mir. Ich wollte mir die Nägel schon vor einer Woche mal schöner machen, aber ich habe die Fingernägel seit Jahren nicht mehr perfektionistisch bearbeitet. Immer nur kurz geschnitten. Dann ist mein Nagelhautschieber kaputt gegangen und ich habe es einfach so gelassen. Letzte Woche habe ich mir einen neuen Nagelhautschieber im Kaufhaus gekauft, von Zwilling. Das war auch der einzige, den es einzeln gegeben hat, andere waren immer nur in kompletten Maniküre-Sets drin. Im Drogeriemarkt, weder bei Rossmann, noch bei dm gibt es einzelne Nagelhautschieber zu kaufen. Also zum Kaufhof am Alexanderplatz in die Kosmetikabteilung und den einzigen einzeln erhältlichen von Zwilling genommen. Der Preis war höher als die billigsten kompletten Maniküre-Sets, wo einer mit drin ist, aber die sahen nicht so handlich aus. 13,99 Euro. Leiste dir mal was Anständiges, ein professionelles Gerät, was fürs Leben, nicht wieder so ein fummeliges Ding mit einem Kunststoffgriff, der irgendwann ausleiert und dann hat man das Metallteil irgendwann freifliegend in der Hand. Ich bin zufrieden. Das ist eine ganz neue Dimension von Nagelhaut schieben. Die Spitze hat auch eine gewisse Schärfe, aber nicht so scharf wie ein Messer. Der Griff ist auch griffiger, weil länger. Der kleine Apparat ist komplett aus Stahl und auf der anderen Seite ist noch so en spitzes Ding zum Fingernägel saubermachen – auch wichtig! So kann man arbeiten.
05. April 2015

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Einfach schön. Es handelt sich um Keramik aus Zypern aus archaischen Zeiten. Selten gibt es ähnliche Objekte im Handel. Auf dieser Seite kann man ein paar wenige Sachen finden, die man kaufen könnte, wenn man gerade Geld übrig hat. Das hier ist auch ein schönes Objekt. Sogar im dreistelligen Bereich, aber englische Pfund. Weiß gar nicht wie das steht. Aber so sehr brauche ich jetzt auch keine Keramik. Aber wenn ich welche bräuchte, und Platz dafür hätte, könnte ich schon schwach werden. Das Alter wäre mir gar nicht wichtig, auch gerne als brandneue Replik. Diese schönen geometrischen Formen. Was Formgebung angeht, findet man in allen Epochen der Menschheitsgeschichte Vollendung. Das Altertümliche weist allerdings so gut wie nie billig wirkende Materalien auf, weil das gezwungenermaßen Organische schon substanziell überzeugt und immer durchscheint. Sehr erholsam für mein Auge. Es war gar nicht so leicht, herauszufinden, was ich da fotografiert habe, weil ich keinen Hinweis auf der Seite des Neuen Museums gefunden habe, dass im Ethnographischen Saal Keramik aus Zypern gezeigt wird. Aber irgendwoanders stand dann doch zum Museum für Vor- und Frühgeschichte, wie dieser Teil des Neuen Museums auch heißt, worum es sich handelt. Jetzt fällt mir auch wieder ein, woran mich diese Sachen erinnern. An die mykenischen Keramiken in Akrotiri, der Ausgrabungsstätte auf Santorin, wo ich vor ungefähr dreiundzwanzig Jahren einmal war.

So eine schöne Kultur. Daher stammt auch dieses berühmte Fresko der Boxenden Kinder. Auf Zypern war ich auch einmal, kurz davor glaube ich, und habe mir ein paar sehr schöne Windlichter mitgebracht, aus Ton mit geometrischen Einschnitten für das durchscheinende Licht. Die habe ich immer noch. Ich war da auch in einer Ausgrabungsstätte. Da gab es ein Apollon-Heiligtum. Und ein Amphitheater. Alles lange her. Als älteres Kind hatte ich eine Weile den Traum, als Archäologin durch die Welt zu reisen. Aber als ich älter wurde, habe ich gemerkt, dass so ein Archäologe vor allem ganz viele Bücher lesen muss und meistens keine Schätze findet, sondern nur ein paar kleine Scherben, die nicht viel hermachen. Eine staubige Angelegenheit. Und auch ein bißchen langweilig. So gerne ich das Neue Museum mit seinen Schätzen auch besucht habe, ich bin jetzt wieder für ein Weilchen gesättigt. Alle paar Jahre ist es aber sehr schön. Es ist also nicht zu befürchten, dass ich den Frühling und Sommer in Museen verbringe. Aber die anderen Säle vom Neuen Museum schauen wir uns schon noch an. Morgen geht es dann eine Treppe höher, wo der Römische und der Bacchussaal warten und die unfotografierbare Nofretete und ihr auch sehr schöner Echnaton.



05. April 2015
Wichtiger Hinweis für alle Scheidungswilligen:
Scheidungsfotos in Wien
Bitte verbreiten Sie das Angebot.
(Der Fotograf und Künstler ist ein ehemaliger Liebhaber von mir. Nicht der frisch geschiedene Mann auf den Fotos! Nicht mein Typ!)
Fast ein bißchen ärgerlich, dass ich nie verheiratet und somit nicht geschieden bin. Das Angebot richtet sich glaube ich nicht an Verlassene Getrennte ohne Trauschein. Obwohl sich da bei entsprechendem Honorar sicher darüber reden ließe. Ich hatte ja leider immer eher so undefinierbare Verbindungen, bei denen letztlich auch der Trennungsfall nebulös blieb. Irgendetwas ist da gründlich schief gelaufen.
05. April 2015


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Der Schliemann-Saal beherbergt heute Funde und Fundkopien aus der Sammlung trojanischer Altertümer von Heinrich Schliemann, insbesondere Teile aus dem weltbekannten sog. Schatz des Priamos. Schliemann hatte diesen 1881 dem Deutschen Volke zu ewigem Besitze und ungetrennter Aufbewahrung in der Reichshauptstadt geschenkt, woraufhin Kaiser Wilhelm I. sich in einem persönlichen Brief an Schliemann bedankte und entschied, dass der Schatz des Priamos im gerade im Bau befindlichen Museum für Völkerkunde Berlin ständig ausgestellt werden solle, wo er von 1885 bis 1939 zu sehen war. Während sich die bedeutendsten Teile des Schatzes heute im Puschkin-Museum in Russland als Beutekunst befinden und hier zum Teil nur als Kopie zu sehen sind, sind die wenigen von Russland an Deutschland zurückgegebenen Teile im Original ausgestellt, einschließlich der großen Silbervase, in der Schliemann den aus Goldschmuck bestehenden Schatz fand.

„Breiten Raum in den Schriften Schliemanns nehmen die Notizen betreffs der Proviantierung des Stabes ein: Das ehemals mit Schliemann assoziierte Handelshaus Schroeder stellt eine „bedeutende Menge Conservenbüchsen mit Rindfleisch aus Chicago, Pfirsichen und Ochsenzungen, ferner auch 240 Flaschen des besten englischen Pale Ale“ zur Disposition. Hinzu kommen lokale Viktualien wie „frisches Hammelfleisch“, „trojanischer Wein“ und saisonale Agrarprodukte. Ähnliches gilt für das Arsenal der Werkzeuge: Von „J. Henry Schroeder u. Comp. in London“ erhält Schliemann die „besten englischen Hacken und Schaufeln“ […]

„Um den Schatz der Habsucht meiner Arbeiter zu entziehen und ihn für die Wissenschaft zu retten, war die allergrößte Eile nötig, und, obgleich es noch nicht Frühstückszeit war, so ließ ich doch sogleich paidos ausrufen. Und während meine Arbeiter aßen und ausruhten, schnitt ich den Schatz mit einem großen Messer heraus, was nicht ohne die allergrößte Kraftanstrengung und die furchtbarste Lebensgefahr möglich war, denn die große Festungsmauer, welche ich zu untergraben hatte, drohte jeden Augenblick auf mich einzustürzen. Aber der Anblick so vieler Gegenstände, von denen jeder einzelne einen unermeßlichen Wert für die Wissenschaft hat, machte mich tollkühn, und ich dachte an keine Gefahr. Die Fortschaffung des Schatzes wäre mir aber unmöglich geworden ohne die Hilfe meiner lieben Frau, die immer bereit stand, die von mir herausgeschnittenen Gegenstände in ihren Shawl zu packen und fortzutragen.“ Heinr. Schliemann, Alterthümer

05. April 2015
„Weltordnung. Das Thema des Griechischen Hofes ist durch den Relieffries von Schievelbein von 1848 vorgegeben. Dargestellt ist die Flucht der Bewohner Pompejis nach dem Ausbruch des Vesuv im Jahr 79 n. Chr. Die ägyptischen Reliefs 2496-2483 v. Chr. aus dem Totentempel des Sahurê zeigen König Sahurê beim Erlegen wilder Tiere und dabei unterwirft er sich die Natur. Die Götter führen dem König gefesselte Nubier, Libyer und Asiaten zu“ […]

Den Schievelbein-Fries kann man besser von den oberen Etagen sehen, die verglaste Durchblicke zum Griechischen Hof bieten. Dieser schachtartige Raum, der ursprünglich ein offener Innenhof war, ist allerdings für mich weniger durch den sehr weit oben liegenden, kaum erkennbaren Fries, als durch die Fragmente des ägyptischen Reliefs, die Chipperfield direkt in die Wand integriert hat, sehenswert. Monumental. Es ist nicht in einer Fotografie wiederzugeben. Der griechische Hof liegt unmittelbar neben dem Ägyptischen Hof, in dem die Sarkophage stehen. Das Monumentale hört nicht mehr auf. Dem Schmuck habe ich nicht viel Beachtung geschenkt, ich war noch so voll von Eindrücken von der absolut vollendeten Ästhetik der Steinsarkophage. In Anbetracht heutiger Bestattungskultur und Sarg-Ästhetik muss man an der Evolution des Bestattungswesens zweifeln. Na gut – sowieso. Ich verließ die unterste Ebene, um in einer der oberen Etagen Nofretete zu besuchen und gelangte in eine Flucht von weiteren Sälen, Schliemanns Schatz von Troja usw. gewidmet. Man sollte sich nichts außer dem Neuen Museum an einem Ausflugstag in Berlin vornehmen, die Eindrücke kann man nicht so schnell verarbeiten. Ich lese selten Tafeln in Museen, ich bin so mit dem Betrachten der Exponate beschäftigt. Jetzt hole ich einiges nach, um einzuordnen, was ich da genau gesehen und bewundert habe. Dank Internet funktioniert das sehr gut, mein kleines, autodidaktisches Abendstudium. Ich kriege zwar keinen Doktortitel dafür, aber ich kann meine Bilder mit sinnstiftenden Erklärungen versehen. Die Gegenwart hat im Augenblick keine Neuigkeiten für mich, die mir annähernd inspirierend oder animierend erschienen.
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Alltag – Luxus – Schutz. Schmuck im Alten Ägypten. „Diese kleine Sonderausstellung zeigt ausgewählte Schmuckstücke, Pektorale und Amulette sowie Skarabäen aus verschiedenen Epochen der ägyptischen Geschichte. Sie gibt einen Überblick über die verschiedenen Schmuckarten, erläutert ihre Herstellung und zeigt exzellente Beispiele der Metallbearbeitung. In einzelnen Vitrinen wird die Bedeutung des Schmucks im Alltag, als Luxusgegenstand und als Schutzamulett erläutert.“ Bis 31. Mai 15.
05. April 2015
„Weltordnung. Das Thema des Griechischen Hofes ist durch den Relieffries von Schievelbein von 1848 vorgegeben. Dargestellt ist die Flucht der Bewohner Pompejis nach dem Ausbruch des Vesuv im Jahr 79 n. Chr. Die ägyptischen Reliefs 2496-2483 v. Chr. aus dem Totentempel des Sahurê zeigen König Sahurê beim Erlegen wilder Tiere und dabei unterwirft er sich die Natur. Die Götter führen dem König gefesselte Nubier, Libyer und Asiaten zu“ […]

Den Schievelbein-Fries kann man besser von den oberen Etagen sehen, die verglaste Durchblicke zum Griechischen Hof bieten. Dieser schachtartige Raum, der ursprünglich ein offener Innenhof war, ist allerdings für mich weniger durch den sehr weit oben liegenden, kaum erkennbaren Fries, als durch die Fragmente des ägyptischen Reliefs, die Chipperfield direkt in die Wand integriert hat, sehenswert. Monumental. Es ist nicht in einer Fotografie wiederzugeben. Der griechische Hof liegt unmittelbar neben dem Ägyptischen Hof, in dem die Sarkophage stehen. Das Monumentale hört nicht mehr auf. Dem Schmuck habe ich nicht viel Beachtung geschenkt, ich war noch so voll von Eindrücken von der absolut vollendeten Ästhetik der Steinsarkophage. In Anbetracht heutiger Bestattungskultur und Sarg-Ästhetik muss man an der Evolution des Bestattungswesens zweifeln. Na gut – sowieso. Ich verließ die unterste Ebene, um in einer der oberen Etagen Nofretete zu besuchen und gelangte in eine Flucht von weiteren Sälen, Schliemanns Schatz von Troja usw. gewidmet. Man sollte sich nichts außer dem Neuen Museum an einem Ausflugstag in Berlin vornehmen, die Eindrücke kann man nicht so schnell verarbeiten. Ich lese selten Tafeln in Museen, ich bin so mit dem Betrachten der Exponate beschäftigt. Jetzt hole ich einiges nach, um einzuordnen, was ich da genau gesehen und bewundert habe. Dank Internet funktioniert das sehr gut, mein kleines, autodidaktisches Abendstudium. Ich kriege zwar keinen Doktortitel dafür, aber ich kann meine Bilder mit sinnstiftenden Erklärungen versehen. Die Gegenwart hat im Augenblick keine Neuigkeiten für mich, die mir annähernd inspirierend oder animierend erschienen.
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Alltag – Luxus – Schutz. Schmuck im Alten Ägypten. „Diese kleine Sonderausstellung zeigt ausgewählte Schmuckstücke, Pektorale und Amulette sowie Skarabäen aus verschiedenen Epochen der ägyptischen Geschichte. Sie gibt einen Überblick über die verschiedenen Schmuckarten, erläutert ihre Herstellung und zeigt exzellente Beispiele der Metallbearbeitung. In einzelnen Vitrinen wird die Bedeutung des Schmucks im Alltag, als Luxusgegenstand und als Schutzamulett erläutert.“ Bis 31. Mai 15.
04. April 2015

Die ägyptischen Särge schildern die jenseitige Welt und den damit verbundenen Sonnenlauf. Die Göttin des Westens übergibt am Morgen den Sonnengott, der sich in der Nacht bei seiner zwölfstündigen Fahrt durch die Unterwelt verjüngt und die Toten erweckt hat, in Gestalt des Sonnenballs an die Göttin des Ostens. Im Zentrum stehen der Gott Osiris und die nächtliche Fahrt der Sonne durch die Unterwelt. Der Verstorbene tritt anbetend vor den mumiengestaltigen und schwarzhäutigen Osiris, um Einlaß in die Unterwelt zu erhalten. Die Sprüche helfen dem Toten am Tage in Form des Seelenvogels in die diesseitige Welt zu gelangen und am Abend zurückzukehren, wenn die Sonne durch die Unterwelt fährt und alle Verstorbenen und Osiris zu neuem Leben erweckt und sich selber wieder für den nächsten Morgen regeneriert. […]

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Nach traditioneller christlicher Vorstellung ist der Karsamstag der Tag der Höllenfahrt Christi, bei der Jesus in der Nacht nach seiner Kreuzigung in die Unterwelt hinabgestiegen sei und dort im „Schoße Abrahams“, die Seelen der Gerechten befreit habe. […]



Der Sarkophag des Anch-Hor stammt aus der Nekropole von Sakkara und ist rund 2500 Jahre alt. Sargwanne und Sargdeckel bestehen jeweils aus einem einzigen Steinblock, deren jeder 3,5 Tonnen wiegt. Auf seinen Längsseiten zeigt er den Verstorbenen vor den 42 Richtern des Totengerichts. Auf dem Fußende des Sarges von Anch-Hor sind zwei liegende Schakale auf einer Standarte dargestellt. Der Schakal ist eine Erscheinungsform des Gottes Anubis, der den Verstorbenen auf seinem Weg in die Unterwelt und vor den Totenherrscher Osiris begleitet. Die Göttin Isis erhebt ihre Arme, um so den Verstorbenen im Jenseits zu beschützen. […] Die Hoffnung des Verstorbenen, im Jenseits aufzuerstehen, wird auf dem Kopfende des Sarkophages ausgedrückt: Der Käfer inmitten der Sonnenscheibe ist eine Erscheinungsform des Sonnengottes, der jeden Morgen nach seiner Fahrt durch die Unterwelt verjüngt aufgeht. Außen knien die Göttinnen Isis und Nephthys und heben beschützend ihre Arme.


Als goldener Falke entschlüpf ich dem Ei
Und flattre zum Himmel empor
Als riesiger Falke flieg ich am Himmel
Vier Ellen ist mein Rücken breit
Smaragde des Südens leuchten die Flügel
Aus meinem Sarg im Abendschiff
Steig ich zum Himmel empor
Und trage mein Herz, das lebendig ist
Zu den westlichen Bergen und Hügeln
Erreiche dort wieder das Morgenschiff
Die göttliche Ordnung begreif und erfüll ich
Die Götter verneigen sich, grüßen mich fröhlich
Als goldener Falke mit Phönix-Kopf
Flieg ich zum Himmel empor
Ra selbst hört meinen Worten zu
Ihr uralten Götter, vom Himmel geboren
Ihr Erstlinge der Göttin Nut
Seht, ich nehme bei euch Platz
Bin stark und fest, von Kraft erfüllt
Erblicke die weiten eleusischen Felder
Die mich ernähren, mit Leben erfüllen
Geheiligt, vergeistigt erkenn ich das Glück
Leb ich im Reichtum eleusischer Felder
Auch meine Kehle erhalt ich zurück
Und mein Verstand gehorcht wieder mir selber.
Um sich in einen goldenen Falken zu verwandeln, Totenbuch Kapitel LXXVII, Ü: E. Boerner
02. April 2015
Ich hatte gerade einen uferlosen Roman über – ach – warum ich mir gerade diese Stiefel bestellt habe, verfasst. Auf irgendeine Scheißtaste gekommen, alles weg. Das war bestimmt Lektüre für eine Viertelstunde, wenn nicht mehr. Das krieg ich nicht mehr zusammen. Jedenfalls beschäftige ich mich nicht nur mit Berliner Museums-Exponaten.
31. März 2015

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„Die Opferkammern des Metjen, Merib und Manofer. Als Karl Richard Lepsius nach seiner Ägyptenexpedition 1845 nach Berlin zurückkehrte, brachte er an die 1500 Altertümer mit, darunter drei Opferkammern. Nun im Neuen Museum seit 70 Jahren das erste Mal wieder vollständig zu sehen. Eindrucksvoll wurden sie Stein auf Stein im Neuen Museum wieder aufgebaut und ermöglichen so einen kleinen Eindruck von der Monumentalität und detailreichen Ausgestaltung ägyptischer Grabbauten. […] Berlin besitzt mit drei Grabkammern der Pyramidenzeit eine in den Museen der Welt einzigartige Fülle von zusammenhängenden Darstellungen des täglichen Lebens aus der Zeit um 2600 bis 2300 v. Chr. Szenen des Handwerks und der Landwirtschaft, der Tier- und Pflanzenwelt fügen sich zu einem Bilderlexikon der Lebenswelt des antiken Niltals. Seit 1939 evakuiert oder zum Schutz vor Bombenschäden eingemauert, können sie nun erstmals wirklich entdeckt werden.

Lepsius studierte in Leipzig, Göttingen und Berlin Philologie und vergleichende Sprachwissenschaft. 1833 promovierte er mit der Arbeit De tabulis Eugubinis. Er wandte sich in Paris der kurz zuvor von Jean-François Champollion mit seiner Übersetzung des Steins von Rosette etablierten Kunde der ägyptischen Sprache zu. Lepsius vollendete bereits mit einer seiner ersten Schriften Lettre à M. Rosellini sur l’alphabet hiéroglyphiques die Champollion nicht vollständig gelungene Entzifferung der Hieroglyphen, brachte Ordnung in das Schriftsystem und begründete damit die methodische Erforschung der ägyptischen Sprache. Einen Aufenthalt in Italien, wo er 1836 Sekretär am Archäologischen Institut in Rom wurde, nutzte er zur Beschäftigung mit der umbrischen und oskischen Sprache. Im Jahr darauf wurde Lepsius zum außerordentlichen Professor an die Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin berufen. In dieser Eigenschaft übernahm er die Leitung der von König Friedrich Wilhelm IV. ausgesandten Expedition nach Ägypten (1842–1846). Deren Ziel war, Gipsabgüsse von wichtigen Skulpturen und, wenn möglich, originale Kunstgegenstände so wie Papyri nach Berlin zu bringen, neben einer Suche nach dem sogenannten unbekannten, mythologischen fünften Element im Land der Pharaonen. Die „Königlich Preußische Expedition“ […] führte Lepsius über die Pyramidenfelder und Memphis das Niltal hinauf nach Luxor, zu den Königsstädten des meroitischen Reiches im heutigen Sudan, wenig nördlich von Khartum und weiter den Weißen und Blauen Nil entlang, bis tief in den Zentralsudan. Auf dem Rückweg wurde das Niltal erneut durchmessen, mit einem Abstecher an das Rote Meer und auf den Sinai zum Katharinenkloster. Im Herbst 1845 trat Lepsius über Syrien und Konstantinopel die Heimreise an.

Durch eine Vereinbarung mit dem ägyptischen Regenten Muhammad Ali hatte Lepsius freie Hand selbst an Originaldenkmälern Stücke mitzunehmen, so dass das Königliche Museum mit einem Schlag zu einer der großen Sammlungen ägyptischer Altertümer wurde. Die altägyptischen Denkmäler, die Lepsius mitbrachte, sind heute [wieder] in der ägyptischen Abteilung des Neuen Museums in Berlin zu sehen.“
29. März 2015

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„Lässt man im Vestibül des Neuen Museums seinen Blick schweifen, so wird er fast unwiderstehlich von einer monumentalen Skulptur am Ende der Raumflucht angezogen. Es ist die Figur des Königs Amenemhet III., der Ägypten von etwa 1842 bis um 1795 v. Chr. regierte. „Pharao“ ist der Raum überschrieben. Zeichen ihrer Würde war, wie auch bei den Königen in späterer Zeit, die Krone. Die Figur Amenemhets III. trägt das schlichtere Königskopftuch. In den Jahrtausenden der Pharaonenherrschaft hat es sich kaum verändert: Das gestreifte Tuch fällt vorne locker über die Schultern und ist im Nacken wie ein Zopf zusammengefasst. An der Stirn bäumte sich eine Schlange auf – für Götter wie für Pharaonen gleichermaßen Symbol des Schutzes, der Unverletzlichkeit. Diesem steinernen König ist sie verloren gegangen. Auf andere gebräuchliche Zeichen der Königswürde wie den am Kinn getragenen Zeremonialbart oder Krummstab und Wedel wurde verzichtet, nur der Schurz ist in dieser Form allein dem König vorbehalten. Seine beeindruckende Wirkung beeinträchtigt dies kaum. Er hat sich als Betender, als Priester darstellen lassen, sein steinernes Abbild war in einem Tempel aufgestellt. In seiner Stellung als Pharao war Amenemhet III. in der Vorstellung der Ägypter Sohn des Sonnengottes. Nach seinem Tod erhielt auch er göttlichen Status. Zu seinen Lebzeiten aber war der König für den Götterkult verantwortlich. Sein Standbild übernimmt die Aufgabe des Priesters und ist für alle sichtbar Vermittler zu den Göttern“(…)


29. März 2015

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„Lässt man im Vestibül des Neuen Museums seinen Blick schweifen, so wird er fast unwiderstehlich von einer monumentalen Skulptur am Ende der Raumflucht angezogen. Es ist die Figur des Königs Amenemhet III., der Ägypten von etwa 1842 bis um 1795 v. Chr. regierte. „Pharao“ ist der Raum überschrieben. Zeichen ihrer Würde war, wie auch bei den Königen in späterer Zeit, die Krone. Die Figur Amenemhets III. trägt das schlichtere Königskopftuch. In den Jahrtausenden der Pharaonenherrschaft hat es sich kaum verändert: Das gestreifte Tuch fällt vorne locker über die Schultern und ist im Nacken wie ein Zopf zusammengefasst. An der Stirn bäumte sich eine Schlange auf – für Götter wie für Pharaonen gleichermaßen Symbol des Schutzes, der Unverletzlichkeit. Diesem steinernen König ist sie verloren gegangen. Auf andere gebräuchliche Zeichen der Königswürde wie den am Kinn getragenen Zeremonialbart oder Krummstab und Wedel wurde verzichtet, nur der Schurz ist in dieser Form allein dem König vorbehalten. Seine beeindruckende Wirkung beeinträchtigt dies kaum. Er hat sich als Betender, als Priester darstellen lassen, sein steinernes Abbild war in einem Tempel aufgestellt. In seiner Stellung als Pharao war Amenemhet III. in der Vorstellung der Ägypter Sohn des Sonnengottes. Nach seinem Tod erhielt auch er göttlichen Status. Zu seinen Lebzeiten aber war der König für den Götterkult verantwortlich. Sein Standbild übernimmt die Aufgabe des Priesters und ist für alle sichtbar Vermittler zu den Göttern“(…)


29. März 2015
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Rechts vom Vestibül kommt man zum ‚Prolog‘ des Ägyptischen Museums. Die indigoblauen Deckenfresken mit den ägyptischen Motiven sind sehr schön. Ich habe leider kein Bild, das den Raum in seiner Gesamtheit zeigt. Nicht aus altägyptischer Zeit ist die blaue Decke, sondern aus der altberliner Entstehungsepoche des Museums. ‚Prolog‘ ist eine neue Bezeichnung für diese Vorhalle, so eine Art Appetithäppchen, in der das Ägyptische Museum mit Glasvitrinen mit ein paar schönen alten, kleineren Exponaten wie Karaffen und Amphoren und Terrakotta-Töpfen beginnt und langsam aber sicher zu dem Bereich in der anschließenden Halle führt, der ‚Pharao‚ heißt und für meine Begriffe sehr sakral inszeniert ist. Man merkt, dass wohlüberlegte Dramaturgie im Spiel ist. Es beginnt gewissermaßen gewohnt museumshaft und wird dann theatralisch, und das sehr gelungen. An den Türstöcken kann man schon das Besondere der Restaurierung ablesen, es war nicht das Ziel, mit perfektionistischer Restaurierungsarbeit alle Spuren des Verfalls auszumerzen. Die verblichenen Farben dürfen es sein.
22. März 2015

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Ich musste endlich einmal wieder auf der Museumsinsel nach dem Rechten sehen, den Kolonnadenhof beim Eingang zum Neuen Museum inspizieren. Und das neue Neue Museum selbst natürlich.

Lange mussten die Mitarbeiter auf meinen Besuch warten, es war mir schon langsam ein bißchen peinlich. Insbesondere, nachdem mein Nachbar, Herr Chipperfield, schon wieder lauter andere Sachen gebaut und fertig gestellt hat. Sein Haus in der Baulücke schräg gegenüber von meinem Adlerhorst ist auch schon längst fertig. Schön ist es geworden. Aber weil ich viel Respekt, ja geradezu Ehrfurcht vor dem Neuen Museum und dem, was er daraus gemacht hat, hatte, konnte ich nicht einfach mal so husch husch bei nächster Gelegenheit vorbeischauen. Ich wollte es schon ein bißchen zelebrieren. Mit ausgiebig Zeit und Muße und Hingabe.



Man sollte keinesfalls davon ausgehen, dass ich zufällig Sachen anhatte, die farblich mit dem Elbsandstein der Säulen korrespondieren. Ich mache so etwas bewusst. Stellen Sie sich vor, ich hätte einen mintgrünen Sport-Anorak aus abwaschbarem Nylon mit lila Rallyestreifen angehabt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das Nofretete gefallen hätte. Die Mitarbeiter müssen sicher auch viele schlimme Jacken sehen, so einen langen Museumstag über. Ich wollte da gerne ein bißchen Abwechslung fürs Auge bieten. Wobei ich bei der Durchsicht meiner Bilder lobend festhalten muss, dass viele Passanten schlichte schwarze Wintermäntel getragen haben. Das ist relativ unproblematisch fürs Bild. Danke dafür. Ich kenne einige Berliner, die zwar schon mehrfach auf der Museumsinsel waren, über die Jahre hinweg, aber nicht unbedingt in jedem Museum und auch nicht unbedingt im Neuen Museum, seit Herr Chipperfield dieses verblüffende Meisterwerk aus Restaurierung und Modernisierung abgeliefert hat, das die weltweit bedeutendsten Architekturpreise bekommen hat. Wenn man es betritt, weiß man warum. Ich war noch niemals zuvor in einem Museum, in dem so eine starke Aura von Geschichte und Vergänglichkeit in den Räumen liegt. Die Intensität des alten Gemäuers mit den freigelegten, verblichenen Fresken, die die Exponate umgeben, kann man kaum in Worte fassen. Ich war vorher ehrfürchtig und danach bin ich es noch mehr. Ich kann die Bilder nicht in einer einzigen Strecke zusammenfassen. Es gibt viele Höhepunkte, die ich irgendwie auseinanderdividieren muss.


Der Kolonnadenhof ist natürlich historisch, vom Schinkel-Schüler August Stüler, wie das ganze Neue Museum. Die Nofretete macht sich gut, da zwischen den Säulen. Sie hat im Museum einen Ehrenplatz unter einer Kuppel. Der einzige Bereich, in dem man nicht fotografieren darf, sehr sakral inszeniert. Aber das gilt auch für die anderen Abteilungen. Das Licht ist grandios gesetzt, besonders im Ägyptischen Hof. Ich habe erwartet, ein ehrwürdiges Museum zu sehen, aber ich fand mich in einem Tempel wieder.














































































