05. Oktober 2025

Ade, ade, de Summer geiht, Ade bet tokumm Jahr! De See, de brust; de Storm, de weiht – Nu ward dat Hart mi swar. Ich heff wul sungn en schöne Tied, den ganzen Summer hin. Nu reis ick fort…

Klaus Groth, z. Abschied, Die Wanderlerche singt, Sylt, 19.9.1892



05. Oktober 2025

Sylt. Deutschland, der äußerste Rand. Bis 1866 dänisch, nach dem dänisch-deutschen Krieg preußisch. Bis dahin gehörten Nord- und Südschleswig zum Königreich Dänemark. Die Zugehörigkeit von Südschleswig zu Deutschland wurde 1920 durch eine Volksabstimmung besiegelt. Nordschleswig ging wieder zurück an Dänemark. Kriegsgemetzel um Länderzugehörigkeit hat mich als Schulkind arg belastet. Herausgehobene Daten im Geschichtsunterricht, die Profilierung von Heeresführern hofieren.

05. Oktober 2025

Die Vogelkoje verlassen, über die Lister Straße, vorbei an der „Akademie des Meeres“, in die Dünen vom Klappholttal, südlichster Teil von List, dem nördlichsten Ort von ganz Deutschland. Was ich kurz danach schrieb war das: „Von der Vogelkoje kann man waagerecht links gehen (die Landkarte denken), dann kommt da eine Akademie des Meeres, scheinbar ein Veranstaltungsort für verschiedene Workshops. Eine orientierungslose Passantin erfragte die Richtung, erwähnend sie sei auf dem Weg zu einer Yoga-Week. Auf der Höhe dann gab es einen direkten Wanderweg zum Meer. Dort war es annähernd komplett leer.“ Es war weit nach neunzehn Uhr, ein bißchen spät, um noch bis zum angedachten Lister Ellenbogen zu wandern, dem nördlichsten Punkt. Letztes Mal den Strand ins Auge gefasst. Dünenweg zur sinkenden Sonne.

04. Oktober 2025

Letzte Fotos Vogelkoje, Sonntag, 31. August 2025, 18.46 Uhr. Gestern erst auf die Idee gekommen, nachzulesen, was ich wenige Stunden nach dem Besuch in der Vogelkoje geschrieben hatte, in der Nacht zum ersten September. Mir war noch in Erinnerung, dass ich eine Schwarzweiß-Fotografie, die Samuel Beckett zeigt, im Gastraum gesehen hatte und noch weitere… von wem noch? Andy Warhol? Ja. Da las ich, dass es auch knuspriges Brot gab, mit einer besonderen Butter, hatte ich vergessen, und gab es nicht auch Oliven? Wie schnell Details entfallen, nur vier Wochen später. Ich hielt fest: „In der Richtung unterwegs bietet sich an, die Vogelkoje anzupeilen, ein ganz lauschiges Restaurant, das auch einen Garten hat. Mich amüsierten die patinierten, leergetrunkenen Methusalem-Champagner Flaschen auf Seitentischen mit Blütenarrangements (auch wieder gerne Hortensien). Der Service war so fix, dass es nicht zu überbieten war. Das Schwarzbrot mit gereichtem Aufstrich unfassbar knusprig, das Pils in Lichtgeschwindigkeit serviert. Ein Süppchen und den Cesar Salad gekostet. Alles bestens. Das Damen WC und die Innenräume mit viel Liebe zum Detail dekoriert. Schwarzweiß-Portraitfotografien, die Samuel Beckett und Andy Warhol zeigen, im Gastraum – neben anderer großformatiger Fotokunst. Im Lady’s Room eine Tapete mit Reptilienstruktur, das Waschbecken eine silbern patinierte, runde Schale. Wie viele virtuose Interior Designer haben sich auf Sylt verwirklicht. Speziell in den exklusivsten Restaurants. Ich vermag es nicht zu beantworten.“ Ist schön bei Dir, Vogelkoje.

03. Oktober 2025

Die Vogelkoje hat traditionelle, für Damen und Herren separierte WCs, es geht durchs Restaurant, die Treppe nach oben. Natürlich habe ich keine Fotos vom mittlerweile sehr gut gefüllten Gastraum gemacht. Beim Durchgehen spürte ich die entspannte Atmosphäre, familiär, freundliche Blicke überall. Man hat das Gefühl, es wird einem von allen Seiten lächelnd zugenickt. Aber vielleicht war das auch nur in meiner Phantasie, nach den zwei kleinen Pils. Oben wagte ich dann zu fotografieren. Tapete und Handwaschbecken waren aber auch sehenswert, ebenso der gerahmte Akt, innen im Toilettenraum. Außen, an den eher konventionellen WC-Türen Fototapete mit Dünengras. Die ebenso sehenswerten Damen- als auch Herrentoiletten im Austernrestaurant Sylter Royal leider, leider nicht fotografiert. Spektakulär schöne, handgetöpferte geblümte Bodenfliesen auf „Damen“, bei „Herren“ eine mächtige antiquarische, hölzerne Werkbank mit eingelassenen Waschbecken. So viel visueller Schöngeist. Willkommen auf Sylt.

03. Oktober 2025

Es gab von der Karte Beef Tea (kräftige Rinderbrühe), Cesar Salad und König Pilsener vom Fass. Für Wein war es mir noch zu früh, hatte mehr Lust auf kleines Pils (und dann noch eins), sollte ohnehin nur ein kleiner Imbiss sein, Päuschen beim Spaziergang, keine abschließende Abendveranstaltung bis in die Puppen. Dann hätte ich mir auch ganz andere Sachen bestellt, nicht nur aus der Vorspeisenabteilung. Aber so früh, vor achtzehn Uhr, esse ich nie zu Abend, der große Hunger kommt später. Keine Essensfotos gemacht, ich geniere mich da sehr und finde Rinderbrühe auch nicht so spektakulär als Motiv. Cesar Salad visuell auch nicht so superspeziell. Die Fotos mit Speisekarte etc. habe ich auch nur deswegen so hemmungslos gemacht, da so früh am Abend noch kaum Gäste da waren, bzw. die wenigen lieber drinnen sein wollten, anstatt unter den moos-patinierten Sonnenschirmen. Das Essen hat erwartungsgemäß gut geschmeckt. Besonders mochte ich den traditionell geschult wirkenden, sehr höflichen und fixen Service, beinah schon altmodisch, gefiel mir. Auch das gut in der Pilstulpe eingeschenkte Bier mit schönem Schaumkrönchen. Wenn ich meine Einträge schreibe, google ich vorher oder nebenher weitere Infos zu einem Ort. Zum Vogelkoje-Restaurant gab es etliche Suchergebnisse von 2022, die sich en detail mit der Berichterstattung zur Hochzeit von Christian Lindner und Franca Lehfeldt auf Sylt befassten. Offenbar war das frisch getraute Paar im Anschluss an die standesamtlichen Vermählung in Keitum, mit der Festgesellschaft nach Kampen gefahren, um in der Vogelkoje den Hochzeitsschmaus einzunehmen. Kann ich gut verstehen, hab das Lokal auch von innen gesehen, später beim zum WC gehen.

03. Oktober 2025

Weiter im Sylt-Album. Der Spaziergang ging weiter nach Norden, da musste irgendwann die Kampener Vogelkoje kommen. Die Lister Straße, wo auch der Bus Linie 1 entlangfährt, ist nicht so abwechslungsreich, dass man jeden Meter davon unbedingt selber laufen müsste, also ins Haltestellenhäuschen unter Reet, um bequem eine Bushaltestellen-Etappe zu fahren. Bei „Vogelkoje“ dachte ich mehr an das Restaurant, das ich mir schon vorher zuhause in Berlin ausgeguckt hatte, weniger an das Naturschutzgebiet. Die liegen aber eng nebeneinander. Erst später, wieder in Berlin, beschäftige ich mich mit der Bedeutung von Vogelkojen. Nämlich, als ich lernte, dass es insgesamt drei ehemalige Vogelkojen auf Sylt gibt, das sind historische, ausgefuchste Entenfanganlagen, jetzt aber schon hundert Jahre außer Betrieb und nur noch dem Naturschutz gewidmet. Was also so lauschig klingt, war einst eine riesige Mausefalle für Wildenten. Und eine der beiden anderen Vogelkojen, die in Rantum, wurde jetzt auf dem Immobilienmarkt zur Versteigerung angeboten und tatsächlich auch zum Mindestgebot von 195.000 Euro versteigert, was als absolutes Schnäppchen gelten darf. Das hätte ja sogar ich mir fast noch aus der Portokasse leisten können. Aber warum so günstig? Großer Pferdefuß: auf dem putzigen Stück Wiese mit dem alten Entenfang-Teich in der Mitte, kann man nicht viel veranstalten. Zumindest bautechnisch nicht. Kein Reethäuschen drauf bauen etc. Aber vielleicht machen die Neubesitzer dort Glamping im temporären Luxus-Beduinenzelt. Immerhin sowohl nah am Weststrand als auch am Wattenmeer gelegen, da Sylt an der Stelle ein schmales Handtuch ist. Kann man sich ja mal als Spielwiese leisten. Das wusste ich alles noch nicht, als ich mich um siebzehn Uhr fünfunddreissig zur Eröffnung der Abendkarte im Vogelkoje-Restaurant-Garten niederließ.

01. Oktober 2025

Der Klenderhof. Die „Springer-Burg“ am nördlichen Rand von Kampen. Von weit unten, einem Weg namens Grönning, nach weit oben geblickt, gesehen. Nah am Watt, auf direkter Sichtachse der Galloways (oder doch Angus – whatever), genau gegenüber der grasenden Herde. Möglicherweise das teuerste Reethaus auf Sylt. Es ist im Vergleich mit den anderen, ebenfalls stattlichen Häusern in Kampen unvergleichlich auffallend. Selbst wenn man nichts darüber weiß, ist man beeindruckt und fragt sich, wem das wohl gehört. Gehörte. Was sich dort abspielt. Sofort der Gedanke: „eine Burg“, obwohl ich da noch nicht wusste, dass die Sylter vom Klenderhof bis heute von der „Springer-Burg“ sprechen. Das geschichtsträchtige Ensemble hat einen Wikipedia-Eintrag:

„Geplant (…) im Jahr 1932 vom Berliner Architekten Otto Firle im Auftrag von Charlotte Baldner, einer Tochter des jüdischen Warenhausbesitzers Leopold Lindemann, der seine 17 Kaufhäuser an Karstadt verkauft hatte. Den ersten Entwurf hatte Firle auf der Rückseite einer Speisekarte des Kampener Kurhauses skizziert. Die Bauherrin schenkte die Anlage ihrem Mann, dem renommierten Cellisten Max Baldner, der mit dem Klingler-Quartett internationale Bekanntheit erlangt hatte. Am Tag der Machtergreifung durch Hitler, war der Rohbau fertig, im Herbst 1933 zog die Familie Baldner ein. (…) Wahrzeichen des reetgedeckten Klenderhofs war der Turm mit dem nur über eine Holzbrücke zu erreichenden Haupteingang und einem runden, bis in die Giebel ragenden Musikzimmer des Hausherrn darüber. Daran schlossen sich im Norden und im Westen zwei mächtige Flügel an, dazwischen ein windgeschützter Innenhof. Da das Gebäude mehr einer Burg als einem Sommerhaus ähnelte, wurde es fortan auf der Insel die Baldner-Burg genannt. (…) Einer der ersten Bewunderer des Hauses war Nazi-Größe Hermann Göring, der das Anwesen am 31. Juli 1933 inspizierte. Charlotte Baldner bereute es später, ihn hereingelassen zu haben. Der Besucher war aber so begeistert, dass er Firle beauftragte, ihm auf der Ostsee-Halbinsel Darß ein ähnliches Haus zu errichten. Dieses Haus brannte 1945 ab. 1937 ließ Göring außerdem auf Sylt das Haus Min Lütten errichten. In der Folgezeit besuchten viele illustre Gäste den Klenderhof (…). 1936 wurde Max Baldner aus der Reichskulturkammer ausgeschlossen und bekam Berufsverbot.

Seine Frau erhielt einen sogenannten Judenstempel in ihren Reisepass. Ihre Kinder wurden der Schule verwiesen. Juden wurde der Aufenthalt auf Sylt verboten und der Klenderhof stand leer und verwaist am Watt. In der Reichskristallnacht wollten SA-Leute die „Judenburg“, wie sie den Klenderhof nannten, anzünden. Couragiertes Eintreten Sylter Bürger und Gäste verhinderte die Brandstiftung im letzten Moment. Im Krieg wurde Baldner aufgefordert, sich von seiner Frau zu trennen, damit er wieder auftreten könne. Der Cellist lehnte jedoch ab und wurde in ein Arbeitslager der Leuna Werke bei Halle eingewiesen, das er als schwer kranker Mann verließ. Er verstarb 1946 im Alter von 59 Jahren. (…) Nach der Befreiung vom Nationalsozialismus konnte die inzwischen verwitwete Charlotte Baldner ihren Besitz wieder übernehmen. Sie vermietete das Anwesen zunächst an den Verlag der Wochenzeitung Die Zeit. Hausverwalter war der Schriftsteller Ernst von Salomon, der mit seinem Buch Der Fragebogen“ den ersten Bestseller der Nachkriegszeit schrieb. Den Roman in Form einer Autobiografie hatte er in Kampen konzipiert. Nach der Währungsreform leitete Charlotte Baldner das Haus wieder in eigener Regie und nahm zahlende Gäste, wie die Underbergs, Bertha Krupp von Bohlen und Halbach und Ernst Rowohlt auf. Gegessen wurde an einer gemeinsamen Tafel. Ende der 1950er Jahre kaufte Axel Springer den Klenderhof von Charlotte Baldner. Er ließ das Haus modernisieren und richtete eine Tagungsstätte für Verlagskonferenzen ein. Diese wurde auch zur geselligen Begegnung zwischen Politikern, Wirtschaftlern, Künstlern und Publizisten seiner Blätter genutzt. Am 5. August 1973 stand der Klenderhof in Flammen. Unbekannte Täter hatten Brandsätze im Reetdach und im Innern entzündet. (…) Springer ließ den Klenderhof in seiner alten Form wieder aufbauen. Nach seinem Tod ’85 verkaufte seine Witwe Friede Springer den Klenderhof an die Schweizer Familie Theler und den Münchner Architekten Victor Erdmann, der in jedem Sommer zu rauschenden Partys einlud.“

Hier endet die Eigentümer-Historie im Wikipedia-Eintrag. Aber jede Änderung der Eigentümerverhältnisse war früher oder später eine Nachricht bei Bild oder der Welt. Offenbar ging die Ära der Schweizer Eigentümer-Gemeinschaft 2001, also fünfzehn Jahre nach Erwerb von Friede Springer (im Todesjahr von Axel Springer 1985), zu Ende. Die Welt vermeldete im August 2001: „(…) Nun will sich die Eigentümergemeinschaft von dem Prestigeobjekt trennen: Zwei in Kampen ansässige Immobilienmakler wurden beauftragt, den „Klenderhof“ mit seinen 600 Quadratmetern Wohnfläche und das 20 000 Quadratmeter große Grundstück für 22 Mio. DM auf dem Markt anzubieten.“ Das mit dem Verkauf schien sich aber eine ganze Weile hinzuziehen, da die gut informierte Kampen-affine Welt-Reporterin Inga Griese (selbst dort ansässig) zwei Jahre später, Ende Juli 2003 ausplauderte: „(…) Wenn Victor „Peanuts“ Erdmann, im wahren Leben Architekt aus München, in Kampen Teil der „Schweitzer“ vom Klenderhof und eine der letzten überlebenden Partylegenden, mit seinem Motorroller durch Kampen knattert und die Freunde abklappert, um zum Essen einzuladen, dann weiß man, dass die „Festwochen“ wirklich begonnen haben.“ Erst weitere zwei Jahre später, offenbar um 2005, ging der Verkauf über die Bühne, und zwar an den Hamburger Immobilien-Entwickler Wolf-Peter Schneider, der den stark renovierungsbedürftigen Klenderhof gekauft hatte und umfassend renovieren ließ. Schneider: „Der Klenderhof ist jetzt ein Neubau im Altbau.“ Auf der Internetpräsenz von Schneider finden sich auch endlich einmal Bilder, wie das Objekt aus der Nähe und aktuell von innen aussieht. Nach Fertigstellung der Modernisierung wurde Engel & Völkers 2007 beauftragt, das Objekt zu verkaufen.

Und wieder hat sich ein Eidgenosse dafür erwärmt. Bild vermeldet im Juli 2007 den Kaufabschluss: „(…) Der neue Besitzer wird den Bau als privates Ferienhaus nutzen, im Oktober einziehen. Wer der neue Herr des Klenderhofs ist, verrät Schneider nicht. Nach Informationen von BILD ist es der Schweizer Unternehmer Dr. h.c. Thomas Straumann, Gründer einer Firma für Zahnimplantate und Besitzer von Luxus-Hotels in Basel und Gstaad. In seinem neuen Ferien-Domizil stehen ihm 17 Zimmer (allein sieben Schlafräume!) mit 800 Quadratmetern Wohnfläche und ein 20 000 Quadratmeter großes Grundstück zur Verfügung.“ Aber auch Chefreporterin Inga Griese kommt ihrer Berichterstattungspflicht für die Welt zeitgleich am 29. Juli 2007 nach und meldet den Verkauf und nennt launig Ross und Reiter, Familienstand inclusive: „Nicht mittellos ist auch der Schweizer und vierfache Vater Thomas Straumann, 44, der nun den Klenderhof, das berühmteste Haus auf der Insel, gekauft hat. Für mehr als 20 Millionen Euro, die genaue Summe wird nicht verraten. Damit hat der Heidefunk ein beliebtes Thema verloren. Schließlich ist das ehemalige Gästehaus von Axel Springer ein legendäres Gebäude. Als der Hamburger Architekt und Immobilienentwickler Wolf-Peter Schneider den Klenderhof vor zwei Jahren von „den Schweizern“ um die Familie Theler und Victor „Peanuts“ Erdmann kaufte, wurde wild darüber spekuliert, was er mit dem denkmalgeschützten Haus vor und ob er sich da mal nicht überhoben habe. Wer sollte 800 Quadratmeter Wohnfläche und 20 000 Quadratmeter Grund kaufen? Herr Fielmann? Die Begum?? Russen?!? Zu früh geunkt. Das Haus ist ein Traum geworden und der Kaufpreis wahr. Und ab Oktober weht wieder die Schweizer Flagge. Jetzt müssen wir Herrn Straumann nur noch erklären, dass am 1. August alle in seinem Garten stehen und Nationalfeiertag feiern wollen.“ Nun wird es noch einmal interessant. Offenbar weiß auch bei der Welt nicht immer die linke, was die rechte (Hand) macht, denn vier Tage nach der umfassenden und eloquenten Mitteilung vom 29. Juli 2007 von Frau Griese für die Welt, schreibt Gisela Schütte am 3. August 2007, ebenfalls für Welt, gleichfalls vom Verkauf des Klenderhofs, nur nicht so kenntnisreich und detailverliebt, den vergleichsweise blutleeren Artikel „Traditionsreicher Klenderhof verkauft“. Nun musste man nach dem für Oktober 2007 anberaumten Einzug in den Klenderhof durch Familie Straumann fast ganze zwei Jahre auf eine neue Mitteilung über die gute alte Springer-Burg warten.

Am 1. September 2009 war es dann endlich wieder so weit: Baby Schimmerlos aka Michael Graeter wusste für die Münchner Abendzeitung von einer feierlichen Buchpräsentation in exclusiven Kreisen der Münchner Schickeria zu berichten: „Ein Erinnerungsband an das Springer-Gästehaus weckt Sehnsüchte (…) Graeter kann es nachfühlen. Der AZ-Kolumnist über turbulente Zeiten im Sylter Sandschloss (…): Wohl aus Sehnsucht nach vergangenen Zeiten, die vermeintlich prickelnder schienen, kommen immer mehr kostbare Privatbücher in den Umlauf, die nicht zu kaufen sind. Nach dem grandiosen Fotoband von Henkel-Erbin Antje Debus, bei dem selbst Annie Leibovitz blass vor Neid geworden wäre, ist jetzt das 144-seitige Erinnerungsalbum „Klenderhof“ (Produktion: Heino Stamm) von Flensburg bis Garmisch an den befreundeten Jetset verschickt worden. Zum Schwelgen in Erinnerung, die schönste Lektüre. Das ehemalige Gästehaus von Großverleger Axel Cäsar Springer in Kampen auf Sylt, das einmal bei einem Brandbomben-Anschlag auf Ex-Minister Karl Schiller zerstört wurde, war von 1982 bis 2005 fest in Schweizer Hand. Zusammen mit dem Münchner Lagerhallen-Lord Pini Erdmann fungierten die unternehmungslustigen Eidgenossen Chrigl Hardmeyer, Rolex-Ruler Jörg Bucherer, Baumwoll-König Oli Stahel und Versicherungs-As Dr. Rene Theler als Wake-up-Quartett auf Hamburgs Haus-Insel. Die fantastischen Vier sorgten auf Sylt die ganzen Jahre für Furore, wie einst Brigitte Bardot für St. Tropez. Wenn sie da waren und am 1. August eine Art Silvester feierten, war der Sand auf Sylt heiß, sehr heiß. Die turbulente Zeit im reetgedeckten Sandschloss ist leider vorbei und manche schauen schon von oben herab (…) Zeitlos-Playboy Gunter Sachs und Frau Mirja, Verleger-Witwe Friede Springer und Freundin Florentine Pabst, Journalist Claus Jacobi (steuerte ein paar Zeilen für den „Klenderhof“- Bildband bei), Bild-Chefredakteur Peter Boenisch, Kunstsammler Frieder Burda (überholte mit seinen Gemäldesammlungen sogar Bruder Hubert). (…) Designer Reimer Claussen, Hairstylist Gerhard Meir, Interieur-Designer Heino Stamm, (…) Möbel-Kreateur Rolf Sachs mit Frau Maryam, Tennis-Crack Boris Becker, Sängerin Vicky Leandros, Prinzessin Elisabeth von Sachsen-Weimar, Fürst Ferdinand und Fürstin Elisabeth von Bismark, Sportfabrikant Willy Bogner und Frau Sonia und manchmal auch meine Wenigkeit zu Gast waren.“ Usw. usf. mindestens F. J. Raddatz dürfte da fehlen. Mittlerweile hatte sich Familie Straumann fertig eingerichtet und sehr gut auf dem Kampener Klenderhof am Norderende 1 eingelebt. Nur die Straßenverhältnisse vor der Haustür – da war noch Luft nach oben.

Im März 2011 vermeldete die Schleswig-Holsteinische Zeitung die großzügige Kostenübernahme durch einen Anwohner i. H. v. 350.000 Euro, für Straßenausbauarbeiten am Norderende. Der Artikel hat eine Bezahlschranke, so ist mir nur die Überschrift und die Bildunterschrift zugänglich. Ich habe da aber so eine Vermutung. (Blick zum Klenderhof). Daneben ein anderes schönes Anwesen. Auch imposant und einladend. Adresse Hans-Hansen-Wai. Aber ohne Wikipedia-Eintrag und Zeitungsberichterstattung. In der Ecke ist aber noch ein weiteres, häufiger zitiertes Haus unter Reet. Im Hobokenweg, in den alle gerne wollen. Wohl Hausnummer 13. Dort befindet sich das ehemalige Haus von Verlagsgründer Peter Suhrkamp. Die Historien des Suhrkamp-Hauses im Hobokenweg und vom Klenderhof werden teilweise durcheinandergewürfelt. Beiden ist gemeinsam, dass sie prominente Eigentümer hatten und das Haus im Hobokenweg 13 befand sich ebenfalls im Besitz von Axel Springer. Die Eigentümergeschichte ging so: 1927 erwarb der Musikwissenschaftler Anthony van Hoboken eine Villa, die er seiner Frau schenkte. Nach der Scheidung heiratete diese, nämlich Annemarie Seidel, Schauspielerin, Lektorin und Übersetzerin, Peter Suhrkamp und das Haus wurde als Gästehaus genutzt. Fortan gaben sich die Größen der Kunst- und Literaturszene in Kampen die Klinke in die Hand. Auch Max Frisch schrieb Erinnerungen an seinen dortigen Aufenthalt nieder. Bis der Verleger Suhrkamp 1953 Geld brauchte, um die deutschen Rechte an Marcel Proust zu erwerben. Um das Vorhaben zu finanzieren, verkaufte er das Anwesen im Hobokenweg an Zeitungsverleger Axel Springer. Denkbar, dass Springer das Haus behielt, als er den Klenderhof erwarb. Vielleicht hielt es seine Witwe Friede auch noch gleichzeitig im Familienbesitz. Spätestens 2015, vielleicht früher, ging es in den Besitz des Unternehmers Ralph Dommermuth (Inhaber von 1&1, gmx, web.de etc.) über, der das Haus dreifach unterkellern ließ, um auf einer der drei Etagen seine Oldtimer- und Ferrarisammlung unterzubringen, auf der zweiten einen Weinkeller, und in der dritten Kelleretage ein riesiges Aquarium einbauen zu lassen. Aufstockungen und Anbauten wären unzulässig gewesen. In seinem Wikipediaeintrag ist ein Foto der Baustelle von 2015. Also alles kein Herrschaftswissen, was ich hier kolportiere, aber feinsäuberlich zusammengegoogelt und verlinkt. Wegen der Parallele, dass Axel Springer einst Eigentümer der beiden zu Ruhm gelangten Häuser Klenderhof und Hobokenweg 13 in Kampen war, generiert die google-AI bei der Frage nach dem Besitzer des Klenderhofs auch schon mal Herrn Dommermuth. Wobei ich natürlich nicht weiß, ob nach dem Erwerb Anno 2007 des Klenderhofs durch den Schweizer Dental-Unternehmer mit den vier Kindern, nicht noch ein Verkauf stattgefunden hat. Aber ich glaube es eher nicht, denn das hätten wir doch bestimmt längst aus allererster Hand von Bild und Welt erfahren. Aber still ruht der See, seit der Straßenausbesserung am Norderende 1. Insofern…

29. September 2025

Ich glänze ganz ungern mit Halbwissen. Mir ist es nicht gelungen, die ultimative Rasse dieser Rindviecher hier festzustellen. Googelt man „Kühe/Rinder auf Sylt“ kommt unweigerlich immer das Ergebnis, dass auf Sylt Galloway gezüchtet wird und rund ums Jahr auf den Salzwiesen grast. Aber Galloway sieht meistens lockiger aus. Nun gibt es aber bei der Suche anhand dieser Fotos das hartnäckige Ergebnis „Aberdeen Angus“. Kein Feinkostgeschäft und kein Fleischer auf Sylt wirbt mit „Angus“ aus Sylt. Bei genauerer Betrachtung kam ich auf die Idee, dass die Tiere eventuell geschoren wurden und deshalb nicht so lockig daherkommen. Weitere Recherche führte zu kontroversen Diskussionen bzw. zu der Information, dass Galloway NIE geschoren würde. Andere, wenige Züchter empfohlen hingegen, die Rinder zu scheren, das sei auch hygienischer. Des weiteren fand ich in Österreich einen Bio-Zuchtbetrieb, der Galloway und Angus kreuzt. Sehen aus, wie die Exemplare auf meinen Fotos.

Eindeutig Galloway ist aber das helle Tier. Da sieht das Fell entsprechend flauschiger und welliger aus. Eventuell „Neandertal Galloway“. Was es so alles gibt. War nun auf so vielen Züchter-Seiten, dass ich einen kleinen Narren an den Tierportraits gefressen habe. Ganz schöne Beschreibungen wie: „Körfähiger Jungbulle mit sehr interessanter Genetik! Sehr typvoller mittelrahmiger Jungbulle zu verkaufen. Thor vom Winzelbach ist ein Sohn des Besamungsbullen Tramp hinter dem sich über 30 Jahre alte schottische Genetik der Herden Grange, Glenapp und Penninghame und Over Barkeoch verbirgt. Sehr seltene Genetik!“

Oder: „Unser Zuchtbulle Cosmo sucht einen neuen Wirkungskreis. Sehr gut entwickelter typvoller Herdbuchbulle mit viel Potenzial, gekört 7/7/7 (…) sehr ruhig und sehr umgänglich im Charakter, (…) Wir wünschen uns einen tollen Platz für ihn wo er aktiv werden kann.“ Oder: „Der kleine Sultan stellt sich schon mal vor: Sein gekörter Vater Cosmo ist ein white Galloway, toll in der Herde insbesondere mit den Kleinen und sehr umgänglich. Seine Mutter Sunday (Herdbuch A) ist handzahm und bringt jedes Jahr schöne Kälber mit tollem Wesen zur Welt. (…) Sultan ist zutraulich und von ruhigem Wesen.“ Da wird einem schon warm ums Herz und man überlegt doch für zwei Minuten, ins Zuchtgeschäft einzusteigen!

Gemeinsam ist Galloway und Angus, dass sie keine Hörner haben, komplett wetterfest sind, immer draußen bleiben können, nie zimperlich sind, leichtkalbig (!) und schön marmoriertes Fleisch liefern. Außerdem gibt es in Keitum ein Paar, das eine Rasse namens Dexter züchtet und damit sogar schon Preise gewonnen hat. Er ist ein ehemaliger Koch von der Sansibar, später war er Koch im Superduperluxus-Spa Lanserhof und jetzt hat er wohl selbst ein Lokal in Keitum aufgemacht. Um Corona herum hat der letzte Milchkuhbauer auf Sylt das Geschäft aufgegeben, was viele bedauerten. Wir sehen hier also Tiere zur Landschaftspflege oder für Fleisch und Wurst, was man dann beim „Gänsehof Sylt“ oder der „Sylter Landschlachterei“ oder beim „Kampen Kaufmann“ kaufen kann. Usw. usf. Aber wie gesagt: Halbwissen.

29. September 2025

Spaziergang an der Wattseite entlang. Der Osten von Sylt, immer noch Kampen. Schilf, Watt. Dann kommt ein langer Abschnitt, der Grönning heißt, der Blick schweift über die Salzwiesen, darauf eine robuste kleine Rinderherde. Das eher unspektakulär wirkende Naturschutzgebiet Nielönn. Hinter den fernen Dünenhügeln liegt Strandabschnitt Buhne 16. Hier im nördlichen Teil von Kampen werden die Abstände zwischen den Anwesen immer größer, bis sich die Besiedelung verliert. Eine unvorstellbar begehrte Einöde.

28. September 2025

Überall die Hecken mit den Dünenrosen. 31. August. Syltrosen sagen manche. Dazwischen ich als ältere Rose. Neunundfünzig, noch acht Stunden lang. Der Countdown lief. Dachte nicht dran.

28. September 2025

Zwei Stunden in der Kupferkanne verbracht. Nun weiter spazieren Richtung Watt. Da liegt dieses Anwesen, auf dem Stein ist „Brigadoon“ zu lesen. Einer schottischen Legende zufolge ein mythischer, zumeist unsichtbarer Ort. 1947 wurde daraus ein Broadway Musical und 1954 wurde die Geschichte mit Gene Kelly und Cyd Charisse in Hollywood verfilmt. Das Anwesen ist für die Besitzer sicher ein Stückchen Glücksseligkeit. In dieser Ecke von Kampen gibt es keinerlei Namen der Bewohner an Türen. Auch Hausnummern sucht man im Osterheideweg zumeist vergeblich.

28. September 2025

Dieses Gemälde, ebenfalls von Heide Dahl, trägt den Titel: „Genoveva auf dem Sessel“. Öl auf Leinwand, 8.250 €. Die kleine Signatur rechts unten vermerkt entweder das Jahr 82 oder 93. Es hängt nah beim Ausgang. Ich ging erst vorbei, hielt inne, ging wieder zurück. Es faszinierte mich. Eine überaus virtuose Malerin.

28. September 2025

An einigen Wänden der Kupferkanne hängen Bilder der Kampener Malerin Heide Dahl. Das Bild trägt den Titel „Marktkinder“, auf dem Schild darunter steht: „Aquarell auf Papier, 55 x 65 cm, 3.750,- €„. Heide Dahl führte viele Jahre eine Galerie in der Kupferkanne, sie malte häufig Kinder und Blumen. Sie starb 2014.

28. September 2025

Danach noch übers Gelände geschlendert, in einer Ecke ein Stand mit Kunsthandwerk, Arnbändern, gehäkelten und gestrickten Mützen, liebevoll arrangiert, auf alten Schaufensterpuppenköpfen mit bröckelnder Oberfläche. Schönes Motiv. Ich frage, ob ich ein Foto machen darf. „Nein, keine Fotos.“ Ich etwas überrascht. Die Dame, von der die Häkelmützen stammen, die mich eigentlich weniger interessierten, als die Köpfe der alten Puppen, erklärt, dass sie nicht möchte, dass ihr Design geklaut wird. So speziell und markant fand ich die gehäkelten Stäbchenreihen in den mehrfarbigen Mützen nicht, aber sie kann das natürlich so halten. Dann habe ich mir noch die Kupferkanne von innen angeschaut.

28. September 2025

Erste Male. Nie Rote Grütze in einem Lokal bestellt. Erstmalig die ehrwürdige Kupferkanne besucht. Kampen. Sylt. Es gibt also noch erste Male, auch vor sehr runden Geburtstagen. Die Kuchenstücke waren auch stattlich, nebenan Apfel. Gegeizt wird nicht in Kampen.

27. September 2025

Sieht doch gut aus, die Rote Grütze. Ordentliche Portion. Hat auch geschmeckt. Auf der Facebookseite der Kupferkanne ist die aktuelle Speisekarte zu sehen. Darunter hat sich eine kommentarreiche Debatte entsponnen. Volkes Stimme meldet sich zu Wort! Die einen empören sich über die Preise, die anderen verteidigen die Preise. Sylt-/Kampen-/Kupferkannenfans kontern durchaus ein bisschen von oben herab, dass die anderen doch einfach wegbleiben sollen, dann wäre mehr Platz! Überhaupt auf der Insel! Die Gegenseite, die mit dem Empörungspalaver über die Preise angefangen hat („unverschämt!“) plädiert für Boykott und Frühstück ‚daheim‘ in der Ferienwohnung. Wieder andere treten als Vermittler auf („Kampen halt“) und nennen gleichwertige Preise für Kaffee und Kuchen in Köln, allerdings ohne Wattblick, u.s.w., u.s.f.

27. September 2025

Sind die Tage des Aufenthalts an einem Ort sehr überschaubar, verzettelt man sich weniger und ortet die Highlights. Dazu gehört unbedingt ein Besuch in der Kupferkanne. Nicht KupferPFanne. So hieß ein italienisches Lokal, wo ich aufgewachsen war. Die KupferKanne ist in Kampen, im Stapelhooger Wai 7 und eine der gastronomischen Legenden. Heute eher ein braves Café, vor allem der Garten ist grandios. Das Prädikat „Künstlerlokal“ rührt aus der Anfangsära, als im Keller wohl so eine Art Club geführt wurde, in dem man Nächte durchtanzte. Heute unvorstellbar. Drinnen sieht es immer noch sehr lauschig aus, ein Sammelsurium von Kleinigkeiten mit der Patina der Siebziger Jahre. Sehr sehenswert.

Um im großen, ja geradezu unüberschaubaren Kaffeegarten einen Platz zu bekommen, muss man sich am Eingang einreihen und bekommt dann eine Tischnummer in die Hand gedrückt. Auf dem Zettel in meiner Hand stand 37, ein Kellner gab die grobe Richtung vor, da, bei dem dritten Schirm. War gut zu finden. Auch im Kupferkannen-Garten kann man die typischen Gewächse bewundern, wie sie in den Vorgärten der Reethäuser stehen, alles wird wie in einem japanischen Garten rundlich zurechtgestutzt.

Zeitweise kam mir der Gedanke, ob es mittlerweile Züchtungen geben könnte, die schon so rundlichen Wuchs haben, aber darüber hat mich neulich eine Gärtnerin bei unserem Berliner „Holländer“ aufgeklärt, wo genauso aussehende Gewächse zum Kauf angeboten wurden. Erstmal, dass die sehr langsam wachsen und so rund zurechtgeschnitten werden. Ein Heckenscherenkünstler auf Sylt, insbesondere in Kampen, wird niemals arbeitslos werden.

27. September 2025

Kampen zwischen Wattweg und Stapelhooger Wai. Das Bild mit dem gepflegen Rasen zeigt eine öffentliche Fläche. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich je irgendwo herumspaziert wäre, wo sich öffentliche Wege in derart privater Gepflegtheit präsentieren. Man fragt sich mitunter, ob man das Schild „privat“ evt. übersehen hat.

27. September 2025

Kampener Standard gemäß Ortsgestaltungssatzung. In dieser ist unter anderem vermerkt, dass Dächer ausschließlich mit Naturreet gedeckt werden dürfen. Nur bestehende, bereits genehmigte Gebäude mit Hartdächern dürfen mit Ziegeln in Braun oder Schiefer gedeckt werden. Garagen dürfen nur in einer Vertiefung angelegt werden und maximal 100 cm über die normale Bodenhöhe ragen und müssen dann aber auch entsprechend mit Bepflanzung kaschiert werden. Was ich eine sehr gute Vorgabe finde, ein ganz wichtiger Teil der Verordnung, da die Besitzer der schönen Reethäuser in Kampen zumeist mindestens ein Automobil besitzen. Hier ist kein Weg zugeparkt. Auch ging mir durch den Kopf, dass bei den Kampener Ferienwohnungen keine Balkone vorhanden sind. Die sind nämlich nicht erlaubt, entsprechen nicht dem friesischen Baustil. Nach eingehender Lektüre der Ortsgestaltungssatzung fiel mir auf, dass der jetzige Eigentümer der früheren Suhrkampvilla im Hobokenweg 18, Multimilliardär Ralph D. aus M., in einem Detail von der Satzung abweicht. Sein Gartentürchen im Friesenwall ist anthrazit. Das ist nicht gestattet! Erlaubt sind die Farben Weiß, Blau, Grün, Grau und Braun oder Naturfarben. Aber vielleicht ist das Tor aus portugiesischem Schwarzschiefer und er hat die Behörde überzeugt, dass es sich damit um „naturfarben“ handelt. Werde von der Anzeige absehen.

26. September 2025

Fünf Minuten vom Juwelier, die Hauptstraße überquert, Stückchen nördlich, rechts in den Arnikaweg. Am Ende der kleine, menschenleere Avenariuspark. Ab da sieht alles ähnlich aus, Kampener Bilderbuchidylle. Es ist ganz, ganz, ganz ruhig hier.

26. September 2025

Noch ein Geschäft in der Kampener Kurhausstraße, Ecke Haupstraße, das in mir leider keine Kundin gefunden hat. Juwelier Spliedt, der hier auf Sylt sein Stammhaus hat, führt weitere Filialen in Hamburg am Jungfernstieg und in München in der Maximilianstraße. Ein wichtiges Geschäftssegment sind „Pre-owned Luxusuhren„. Scheinbar spielt Geld doch manchmal eine Rolex (höhöhö). Sei jedem gegönnt, der sich hier verwirklichen kann. Sehr speziell finde ich den Menüpunkt „Termin buchen„, um einen persönlichen Beratungstermin zu vereinbaren. Da kommt eine Idee von gehobenem Einkaufserlebnis über die Rampe. Wollte sagen, den Friesenwall. Wobei, wenn man sich mit der Absicht trägt, eine gebrauchte Patek Phillipe-Armbanduhr für 249.000 Euro zu shoppen, hat man vielleicht schon die Erwartung, dass es sich dabei um ein Erlebnis handelt. Sehr gerne begleitet von einem Jahrgangs-Champagner.

25. September 2025

Schräg gegenüber meiner Unterkunft in Kampen war ein Haus mit gemischtem Geschäftsmodell, der sog. „Art Store“ von Beton.Gold Immobilien, ausgewähltes Mobiliar, Designobjekte und an den Wänden wechselnde Ausstellungen. In diesem Fall Fotografien von Jenny Jürgens, die man früher als Schauspielerin kannte.

Heute lebt sie eher zurückgezogen mit Mann und vielen Tieren auf einer Art Bauernhof auf Mallorca – und fotografiert. Die Schauspielerei hat keine große Rolle mehr in ihrem Leben, wenn ich das recht verstanden habe, aber sie ist auch nicht abgeneigt. In den vergangenen zehn Jahren war sie sicher auch mit dem komplexen Nachlassverfahren ihres Vaters Udo beschäftigt. Was bei großen Namen sicher noch mehr Zeit beansprucht, als es in meinem Fall mit der Nachlassregelung war. Und die war schon nicht ohne. Am meisten haben mich die Schwarzweißfotografien von Jenny Jürgens angesprochen. Nun tritt sie in die Fußstapfen ihrer Mutter, der Fotografin Panja Jürgens (die übrigens noch lebt).

Allerdings alles entspannt, wie ich es aus der Distanz mitbekomme, ohne nervösen Aktionismus. Kann sie sich auch leisten. Sei ihr gegönnt. Ich finde Jenny Jürgens sehr sympathisch, immer schon. Einen besonderen Bezug zu Sylt hat sie wohl nicht, wird sich irgendwie ergeben haben. Gerade gesehen, dass die Ausstellung bis 30. August ging, also war es eher ein Zufall, dass die dreissig Bilder am 31. noch hingen, als ich da war. Da die Immobilienfirma in diesen Räumen, auch die Wohnung, die ich gemietet hatte, im Portfolio hat, habe ich vor Ort nach dem Preis gefragt. Der war interessanterweise ein wenig niedriger, als die Preise, die ich heute gefunden habe. „Nur“ 785.000 Euro anstatt (wie heute bei anderen Immobilien-Anbietern gelesen) 990.000.

25. September 2025

Am Sonntag, 31. August 2025, kurz nach 13 Uhr, nach dem Bloggen meines Eintrags, diese Fotos gemacht, vor dem Aufbruch zum Erkundungsspaziergang durch Kampen. Mit Regendings. Hat dann aber gar nicht geregnet. Ein paar Ecken vom kleinen Wohnzimmer. Am Fenster hab ich meine täglichen Einträge getippt. Ich habe nicht so sehr viele Fotos der Wohnung gemacht, weil sie auch privat genutzt wird, ich weiß gar nicht von wem. In einigen Schränken in der Küche und oben im Schlafzimmer lagen hinter den Schranktüren kleine Zettelchen mit Vermerk „privat“. Habe ich nicht weiter untersucht, man sah alltägliche Sachen wie weiteres Küchenzubehör, Spiele in Kartons, persönliches Bettzeug. Die Wohnung steht zum Verkauf. Man kann sie bei einigen Immobilienportalen finden. 990.000 Euro Stand heute. Ich würde sie nicht kaufen, obwohl sie viele positive Merkmale hat. Das Schlafzimmer in der Dachschräge hat keine richtigen Fenster nach draußen, nur welche zum unteren Wohnbereich und zum Lüften eine Art Belüftungsluke an der Decke. Ich brauche mehr Frischluft. Ist vielleicht auch psychologisch. Habe dann die beiden Fenster vom unteren Bereich nachts zusätzlich aufgemacht und diese Innenfenster vom Schlafzimmer zur unteren Etage, damit die Luft mehr zirkuliert.

24. September 2025


Zuhause in Kampen für vier Nächte. Mit einer derart noblen Eingangshalle hatte ich nicht gerechnet. Hinter der zweiten Tür ging es zur Treppe, die nach oben zur Maisonettewohnung führte, über Stufen mit superdickem, flauschigem Teppichboden. Nach unten kam man zum Spa-Bereich mit Pool und Sauna etc. Sobald man durch die zweite Tür schritt, hatte man Schwimmbad-Déjà-Vues vom gechlorten Pool. War mir aber gar nicht unangenehm.

24. September 2025

Die Sonne geht schlafen, das Quermarkenfeuer von Kampen wacht über diesem Frieden. Letzte Aufnahmen von 20.30 Uhr. In der Viertelstunde zwischen dem letzten Sonnenuntergangsfoto am Meer und diesen beiden hier gab es noch einen kurzen Schlenker zu einem Strandlokal namens Kaamps 7. Ich war aber nur ganz, ganz kurz da. Ein Gast oder Mitarbeiter (?) tanzte bewegungsreich und animierend grinsend, offenkundig stark von sich selbst begeistert, als sei er auf der erhöhten Bühne eines Partywagens bei der Love Parade oder beim Karneval in Rio, sein Blick gerichtet zum eher ruhigen Publikum des Sonnenuntergangs. Das hätte mich nicht weiter tangieren müssen, man kann ja wegschauen, aber leider war die Musik, zu der er sich exponierte, überhaupt nicht auf meiner Wellenlänge. Merengue. Für mein Empfinden das uninspirierteste, langweiligste Gedudel auf unserem Planeten. Ich habe – egal wann und wo – schon bei den ersten Takten sofort Fluchtreflexe, denen ich auch nachgebe. Ich kann das Lokal daher nicht beurteilen. Von mir aus hätte gerne ein Nord- oder auch Ostfriese ein Shanty mit Gitarre spielen können. Oder irgendwas auf dem Schifferklavier. Oder Sylt-Fan Reinhard Mey seine Balladen. Oder meinethalben die Gipsy Kings unplugged ihre drei Hits. Oder ein nordafrikanischer Virtuose frei Improvisiertes auf der Oud. Aber bitte nicht Merengue. Dümmeliges Gedudel ohne Spannungsbogen, leidenschaftsloses Geplapper mit Instrumenten. Ähnlich wie Dixieland. War selbst überrascht, in welchem Ausmaß und Tempo mich diese unangenehme Musikkonserve in schlechte Stimmung versetzte. Mir gingen auch die Vibes des Selbstdarstellers komplett gegen den Strich. Ein angeknipstes Gewackel und Gefuchtel zwischen besoffen, verkokst und Animateur uffm Ballermann. Gerne hätte ich nur das Meer gehört. Wellen. Möwen. Fernes, leises Lachen. Die Nacht. Wind, Sand.

24. September 2025

Und so weiter und so fort. Langer Spaziergang, aber nicht der längste. Ich bin im Kopf schon immer noch ein bisschen auf Sylt – vorhin schrieb mir jemand, der mir Sylt auch vorab ans Herz gelegt hatte, dass es mir offenbar gefallen hätte und man meinen könnte, ich hätte dort drei Wochen, anstatt nur gute drei Tage verbracht. Es waren genau vier Übernachtungen. Am Tag der Anreise gab es nicht viel für mich zu sehen, außer der Unterkunft, von der ich auch noch ein paar Fotos zeigen werde. Der erste Tag mit Insel Erkunden begann mit Einkaufen beim Kampen Kaufmann, Einräumen der Einkäufe, danach zum Strand am Roten Kliff bei herrlich blauem Himmel. Später nach List zum Austernrestaurant. Am Tag darauf nach Keitum, Altfriesisches Haus, Nielsens Kaffeegarten am Wattenmeer, Rumspazieren bis zum Stutenhof, mit dem Bus zurück nach Kampen, Umziehen, wieder los zum Roten Kliff, Sonnuntergangsspaziergang. Da bin ich jetzt also mit meiner Berichterstattung. Das Urlaubsgefühl stellt sich ja erst in einer gewissen Selbstvergessenheit ein, wenn man sich keine Dramaturgie auferlegt, eine lange Weile beruhigende, schöne Landschaft sieht. Während ich diese etwas gleichförmigen Einträge mache, erhole ich mich. Außerdem lese ich noch ein paar Bücher nebenher, in denen Sylt eine Rolle spielt. Doch dazu später mehr.

23. September 2025

Abendliche Wanderungen am Meeressaum dauern meist bis die Sonne endgültig ins Meer sinkt. Unvorstellbar zu gehen, bevor sie der Horizont geschluckt hat. Man weiß auch, dass man inflationäre Serien schießt, künstlerisch unverwertbar. Sonnenuntergänge sind Kaufhaus-Kalender-Motive. Das alles weiß man und hält doch immer wieder drauf, wie ferngesteuert. Bis zum letzten Leuchten.

23. September 2025

Denke an die im 19. Jahrhundert von Kierkegaard in einem Tagebucheintrag formulierte Erkenntnis, dass das Leben nach vorne gelebt werden muss und erst rückwärts verstanden wird. Seltsame Begebenheiten später (scheinbar/vermeintlich?) mehr Sinn ergeben/schlüssiger werden als zur Zeit des Erlebens. Das liegt aber auch daran, dass man später oft zusätzliche Details kennt, um Befindlichkeiten weiß. Fragt sich nur, ob man mit vorzeitigerem Wissen tatsächlich anders gehandelt hätte, oder ob es doch eine schicksalshafte, eingebaute Autopilot-Funktion in einem gibt, die möglicherweise dafür sorgt, dass bestimmte Informationen und Erkenntnisse gar nicht an einen herankommen, herausgefiltert werden. Bis man eines Tages bei geklärtem Verstand die Einzelteile des Puzzles betrachtet – und glaubt(?) die späten Erkenntnisse schon früher hätte haben können. Lange Strandspaziergänge verführen (mich) zu derlei Betrachtungen. Vielleicht auch, weil ich ohne Blick auf ein Smartphone spaziere.

23. September 2025

Wenn man die Aufnahmen in der großen Ansicht betrachtet, erkennt man, dass auf der Sandbank ein Kind mit den Wellen spielt und die nah dabei stehende Frau immer auf ihr Smartphone sieht.

22. September 2025

Selber Standort, zwei Perspektiven: gen Süden das Rote Kliff. Richtung Nordost, am Horizont, das Reetdach von Haus Kliffende. Vorzugslage, ich beneide den Schweizer Eigentümer doch etwas. Nur wenige Anwesen sind so nah am Strand. Dem schönsten von Sylt, wie nicht Wenige finden. Thomas Mann hatte mit dem damaligen Gästehaus Kliffende nicht nur eine der ersten, sondern auch eine der bequemsten Adressen für seine Sylt-Sommerfrischen gewählt. Im Züricher Thomas Mann Archiv gibt es Fotos von ihm und seiner Familie, er beim durch die Kampener Dünen wandern, Füße im Sand. Wie schön, dass man noch dieselben Perspektiven einnehmen kann wie 1927 und 1928, fast hundert Jahre später. Das lässt sich nicht von vielen gefragten Orten unserer Zivilisation sagen. Hier sind alle Fotos von Thomas Mann und seiner Familie auf Sylt zu sehen. Die Familienalben.

21. September 2025

Den ersten Sonnenuntergang am Meer, am Abend nach der Anreise, hatte ich verpasst, weil ich später als geplant, schwer bepackt und reisemüde ankam, da hatte ich kein Bedürfnis, irgendwohin zu spazieren, es regnete dann auch. Dafür spätnachts den indoor Swimmingpool der von privat gemieteten Unterkunft inspiziert und ausprobiert. Der zweite Abend auf Sylt begann schon recht früh, kurz vor Sieben, in jenem Austern-Restaurant in List, da sah ich nur bei der Hinfahrt duch das Taxifenster ein bißchen Abendhimmel. Obwohl am Tag darauf, nach viel Busfahren und Hin- und herlaufen in Keitum, auch faul Herumliegen nett gewesen wäre, war der Drang zum Sonnenuntergang wesentlich stärker. Also auf zum Roten Kliff. Der Fußweg dorthin dauerte ca. fünfzehn Minuten. Die Kurhausstraße bis zum Ende, beim Hotel Rungholt in den Strandweg abbiegen, vorbei am Findling, runter zum Strand.

21. September 2025

Auch ein Wahrzeichen, diese Silhouette vom kleinen Leuchtturm von Kampen, offiziell heißt er „Quermarkenfeuer Kampen“ oder „Quermarkenfeuer Rotes Kliff“. Wohl erster Betonturm an einer deutschen Küste, 1913 fertiggestellt, seit 1975 stillgelegt. Früher wichtiger Orientierungspunkt für die Seefahrt und Ergänzung zum Kampener Leuchtturm. Leuchtet nicht, fällt aber immer ins Auge.

21. September 2025

Nicht Island oder Norwegen oder Lüneburger Heide – auch Sylt. Heidekraut um die Kampener Uwe-Düne herum. Man findet leicht einsame Landstriche, hier am 30. August, 20.24 Uhr, kurz vor Sonnenuntergang. Da sind die meisten Gäste entweder noch oder schon wieder unten am Strand, im Sand oder einem Restaurant.

20. September 2025

Gedenkminute für Gunter Sachs. Auch in Keitum, ein Apfelbaum, einer von vielen. An besonderer Adresse, am Gurtstig. Er wohnte meistens dort, Stutenhof heißt das Anwesen. Ich klaubte einige der heruntergefallenen Äpfelchen auf und nahm sie mit. Vorhin die letzten beiden gegessen, in der Sonne. Schmeckten wunderbar.

20. September 2025

Meine blühende Phantasie reicht aus, mir vorzustellen, ich wäre mal eben von Kampen vorbeigekommen, um nach dem Rechten zu sehen, ob die Geschäfte im Familienbetrieb in Keitum ordentlich laufen. Alles picobello, nichts zu beanstanden! („Wenns einmal …“)

20. September 2025

Herzlich Willkommen in Nielsens Kaffeegarten mit Blick aufs Wattenmeer! Im Mai 1919 eröffnet und läuft immer noch. Die Kuchen und Torten werden nach alten Rezepten hergestellt. Gut, dass es auf der Internetseite Fotos davon gibt, ich habe leider kein eigenes Bildmaterial. Man sitzt recht schön da, in Premiumlage, im Garten. Sollte bei keinem Besuch in Keitum ausgelassen werden. Ganz nett, die Nielsens! All die Jahre in der Familie geblieben. Auffallend, wie selbstverständlich die Friesen jeden duzen, jedenfalls hier auf Sylt. Das wirkt interessanterweise nie plump übergriffig, sondern nett familiär, man fühlt sich wie eingemeindet.

19. September 2025

Kinderzimmerchen, Babywiege, Schlafkojen, Alkoven… in der Küche ist auch so eine eingebaute Schlafstelle. Nicht weil die Menschen etwa so kleinwüchsig gewesen wären, sind die Betten nicht wie unsere zwei Meter lang, sondern weil im Sitzen geschlafen wurde. In der Mitte ein Seil zum Festhalten, um nicht ins Liegende zu rutschen. Warum nur? Frage ich die Mitarbeiterin vom Altfriesischen Haus, die die Eintrittskarten verkauft und gut Bescheid weiß. Die Menschen hatten wohl früher Angst vor einer Kohlenmonoxidvergiftung, so nah am Herdfeuer. Das Sitzen sollte dafür sorgen, dass man nur im Halbschlaf war und es bemerkt hätte, wenn die Luft dünn wird. Das mag uns kurios vorkommen, aber vor genau einem halben Jahr starb eine liebe Bekannte aus Berlin an genau so einer Vergiftung im Schlaf. Soll ein sanfter Tod sein. Das Bettzeug in den alten Kojen sah wirklich betagt aus und könnte auch mal wieder frisch bezogen werden. Gerade mit Lydia im Chat drüber ausgetauscht, dass wir Bettenbeziehen hassen. Aber in frischer Bettwäsche zu schlafen, ist ein herrliches Gefühl.

19. September 2025

War mir noch gar nicht so präsent, dass die blauweißen, friesischen Fliesen nicht nur in der Küche und an Kachelöfen verlegt wurden, sondern praktisch überall, auch in der guten Stube, wie eine Tapete. Und surprise, surprise: es wirkt auch wie Tapete. Wohnlich, gemütlich und heimelig, gar nicht kalt, praktisch oder steril. Ein Friesenträumchen. Die friesischen Denkmalpfleger und Historiker bestätigen allerdings, dass dieses Häuschen schon zu seiner Zeit ein besonderes Schmuckstück war. So ein Schatzkästchen konnten sich nur die wohlhabendsten Kapitäne und Kaufleute leisten. Somit hat sich in Keitum zumindest in dieser Hinsicht seit 1640 nicht so viel geändert. Bemalte Türstöcke hätte ich mir eher in Mexiko bei Frida Kahlo vorgestellt. Spricht mich an!

19. September 2025

Steht mir doch nicht schlecht, das alte Kapitänshäuschen in Keitum. Denke über den Kauf nach! Die Gedanken sind frei, heißt es in dem schönen alten deutschen Volkslied. Neulich gelesen, warum es russische Oligarchen nicht nach Sylt zieht. Obwohl es ja wahrlich ein Statussymbol wäre, hier ein paar Millionen loszuwerden und von Dior bis Louis Vuitton alles Nötige vor Ort ist, Dom Perignon in sämtlichen Einkaufsläden von Kampen und Keitum. Ja sogar Champagner-Automaten gibt es an ausgewählten Standorten. Der Sylter Immobilien-Experte berichtet, die Bau-Auflagen bzw. besser Bau-Beschränkungen, was den Umbau oder Neubau von Häusern auf Sylt angeht, speziell Reethäusern, sind so streng, dass es als viel zu schwierig und kompliziert betrachtet wird, sich damit aufzuhalten, Sondergenehmigungen für das Errichten von neobarock inspirierten Villen mit viel Zierrat und imposanten Säulen zu erwirken. Ein strohgedecktes Friesenhaus wirkt auf jene Klientel zu wenig glamourös. Zu wenig Bling-Bling!

18. September 2025

30. August 2025, Keitum, Mieze mit Gaga an Friesenwall. Auf dem Weg zur Adresse Am Kliff 13, zum „Altfriesischen Haus seit 1640“. In meiner Tasche u. a. Ausflugs-Proviant, selbstgeschmierte Klappstullen mit Pumpernickel, Butter, Trüffelsalami, Cornichons, frisch gemahlenem Pfeffer und Senf. Beim Kampen Kaufmann muss man nehmen, was man kriegt, dann kauft man halt die Trüffelsalami. Hat nicht unangenehm hervorgeschmeckt. War ok!

    18. September 2025

    Puppenstübchen Keitum. Hortensienbüsche gibt es überall auf Sylt, in einem Ausmaß, als ginge es um einen Eintrag ins Guinessbuch der Rekorde. Die vielfach gleichartige Bepflanzung der possierlichen Gärten mit Hagebuttenhecken, Dünenrosen, Buchs, Sanddorn, Rhododendren und eben Hortensien liegt nicht nur am eleganten Aussehen dieser Büsche, sondern auch an ihrer guten Verträglichkeit mit der salzhaltigen Meeresluft. Die packen das und machen was her. Hier auch schön zu sehen, der beliebte Friesenwall, darauf Bepflanzung in Tradition eines Bauerngartens, wilde Wiesenblumenmischung. Das Reethaus hat eine Besonderheit. So ein Spitzgiebel über dem Hauseingang ist oft zu sehen, aber seltener farbig abgesetzte Einfassung, wie hier in schönem Blaugrün. Ob die verspielte Malerei an dem anderen Hauseingang mit den Figuren auf den Türblättern irgendeine friesische Tradition zeigt, kann ich nicht beantworten. Das habe ich auch nur einmal gesehen, an diesem Schmuckkästchen in Keitum.

    18. September 2025

    Keitum, Gurtstig 17. Die Loro Piana Boutique mit schweizerischen Wurzeln, hier auf den Bildern, führt u. a. Pullover aus der babyweichen Vicuña-Faser, der flauschigen Wolle einer ganz arg putzigen, wildlebenden Alpaka-Art. Ungesponnen kostet Vikunja-Wolle 400 bis 600 Euro pro Kilo – Kaschmir ist dagegen mit 200 Euro vergleichsweise ein Schnäppchen, von simpler Schafwolle für fünf bis sechs Euro pro Kilo ganz zu schweigen. Nach dem Waschen und Verspinnen liegt die Vikunja-Wolle bei 1000 Euro das Kilo. Ein leichter Schal liegt je nach Hersteller und Ausführung für 1200 bis 4000 Euro in Luxusboutiquen, ein Paar Vikunja-Socken kostet 400 bis 800 Euro, ein Pullover 2500 bis 5000, ein Strickmantel schon mal 20 000 Euro. Wir dürfen davon ausgehen, dass mindestens einer der beiden Herren vor der Boutique einen Vikunja-Pullover trägt, evt. auch preisgünstigeres Baby-Cashmere, ebenfalls im Sortiment des Geschäfts am Gurtstig erhältlich.

    Beides ist sehr löblich, da es der jüngst erlassenen, hiesigen Kaschmir-Verordnung für Strandbesuche (Kurkarte Plus) entspricht, derzufolge jeder Strandbesucher mindestens ein Kleidungsstück aus Kaschmir (sinngemäß alternativ Vikunja) tragen muss. Andernfalls droht ein Ordnungsgeld. Es soll tatsächlich einige empörte Westerländer gegeben haben, die sich ob dieser Verordnung echauffierten. Nicht nachzuvollziehen. Zumal es wirklich fair ist, dass das erschwinglichere Kaschmir Maßstab der Vorgabe ist. Bei Vikunja hätte man die Empörung noch nachvollziehen können. Meine Güte! Wir wissen ja, was Marie Antoinette darüber gedacht hätte. („…sollen sie doch Vicuña (…)“)

    18. September 2025

    Keitum. Erste Eindrücke wenige Schritte nach dem Aussteigen aus dem Inselbus. Kunstgalerien. Wer Sylt nur aus der Berichterstattung kennt, meint vielleicht, es sei arg viel Gewese um diese Nordsee-Insel. Aber das ist eben einer der Aspekte, die das besondere Flair ausmachen. Galerien und Boutiquen, die man sonst nur aus sehr urbanen Orten kennt, Innenstadtbezirken, Metropolen. Auch Föhr habe ich ausgiebig entdeckt, aber das sind hier komplett andere Vibes, obwohl Föhr so nah ist und auch nette Strände und Friesendörfchen mit Friesenwällen hat. Man muss es wirklich mit eigenen Augen gesehen haben, was sich in Kampen und Keitum abspielt. Hier wird eine Ästhetik kultiviert, wie ich sie sonst aus Fotostrecken über die Hamptons kenne. Musste vorgestern lachen, als ich eine Reportage in einem online Interior-Magazin über die neue Innenausstattung eines Hideaways auf Sylt fand, neu durchgestylt von einem namhaften Innenausstatter. Überschrift des Artikels: „Bloß kein Hamptons Style!“ Das war wohl die Vorgabe des Besitzers des auszustattenden Premiumobjekts. Dem entnehme ich, dass es durchaus nicht nur bei mir die Wahrnehmung von „Hamptons Style“ auf Sylt gibt. Wobei ich den sehr schön und passend und anheimelnd finde. Der Stil korrespondiert exzellent mit den Reethäuschen, wäre mein geringstes Problem. Aber vielleicht ist das für betuchte Trendsetter mit Eigenheim auf Sylt inzwischen altbacken. Das mag wohl sein.

    17. September 2025

    Es wäre unhöflich gewesen, sich um das Dessert herumzudrücken. Es gab neben Dessertklassikern diese Pfannkuchen, kess „Pfannkolini“ genannt, wahlweise natur mit Vanillezucker oder Apfelringen oder Blaubeeren von Dittmeyer’s Bioblaubeerhof. Es wurden alle geordert und alles probiert. Mir haben die mit den Blaubeeren am besten geschmeckt. Dazu ein guter starker Café Crème, den sich eigentlich mein Tischnachbar bestellt hatte, aber er war immer noch vollumfänglich mit diversen anderen Getränken beschäftigt, so überließ er mir den guten Kaffee. Sämtliche Herren am Tisch waren mittlerweile vom Kümmel zu einem anderen bernsteinfarbenen Branntwein gewechselt, ich glaube, es war der Rum auf der Karte: „Zacapa Centenario 23 Yo Rum Gran Reserva“, wohl aus Guatemala. Wollte ich sicherheitshalber nicht verkosten. Es war noch gar nicht so spät, aber mir kam es vor, als hätte das Gelage mindestens fünf Stunden gedauert, als es im Großraumtaxi wieder zurück nach Kampen ging. Danke an Dittmeyer’s Austern Compagnie in List, so heißen die Betreiber offiziell, für diesen exorbitanten Genuss, der natürlich entsprechende Preise hat – aber die Portionen waren stattlich, da wurde nicht gegeizt. Aus dem Autofenster konnte man wieder die große, weiße Wanderdüne von List sehen, schnurgerade führt die Straße nach Kampen. In der Gästetruppe waren auch Besucher, die in einem Kampener Hotel untergebracht waren, in dem ich auch gerne ein Zimmer gebucht hätte, es war ausgebucht. Nun hatte die eine Dame vorgeschlagen, sich das Hotel, das auch eine kleine Bar beim Frühstücksraum hat, mal anzusehen, es war schon zappenduster und sie zeigte mir das Zimmer, das sie mit ihrem Mann für das Wochenende gebucht hatte. Sehr kuschelig, aber ein bißchen klein für zwei Personen, das war glaube ich Zimmer #15. Edel möbliert, das gesamte, ganz fein durchgestylte Hotel „Village„. Für Alleinreisende eine Empfehlung. Ein anderes Mal.

    17. September 2025

    Hauptgänge: […] „Pfanne Royal“ (links von mir – Garnelen/ Miesmuscheln/Calamari/ Jakobsmuscheln/Sylter Royal gedämpft/ Julienne-Gemüse/Tomaten/Knoblauch/Chili), „Fenchel-Pernod Pfanne“ (ich – mit Garnelen/Schalotten/Tomaten), „Miesmuscheln aus der Nordsee“ (rechts von mir – m. Weißwein-Curry-Kokos- oder Weißwein-Kräutersud mit Knoblauch & Chili oder Weißwein-Tomatensud mit Knoblauch & Chili-Sud), „Spaghetti Aglio/Arrabiata/Tomate-/Butter-/Hummer-/Currysauce“ (schräg gegenüber – mit Garnelen, Parmesan). Und immer wieder neue Lagen vom unvermeidlichen Helbing-Kümmel. Ich weiter den 2018er C&L Berthier Sancerre und viel Wasser („Waterkant Flut“).

    17. September 2025

    Nächster Gang – will alles probiert werden! Man lebt nur einmal. Vom dazwischen gereichten Kümmelschnaps habe ich zum Glück nur das erste Glas probiert. Ich blieb bei dem feinen Sancerre.

    In der gußeisernen Austerngrillpfanne als Zwischengang: Variationen gratinierter Wilder Sylter Royal mit Gemüse/Kilpatrick/Kräuterbutter/Pernod-Butter/Trüffelbutter/Blattspinat/Champagner-Kraut/Gurke-Kaviar/Apfel-Kaviar/Chimichurri/Sherry/Erdbeere-Blaubeere usw.

    17. September 2025

    Royaler Content aus Sylt. Es finden sich zwar einige Sylterinnen mit mutmaßlich adeligen Stammbäumen, aber der wahre Hochadel, ja die Königin von Sylt, ist eine Auster, eine besonders große, die wild von Austernbänken auf der Wattseite von List geerntet wird, die „Wilde Sylter Royal“. Und dann gibt es die „Sylter Royal“ aus der Zucht. Die Austernfischerei hat ein zugehöriges Restaurant, in dem beide essbaren Kostbarkeiten, aber auch andere Meeresschätze so frisch wie nur denkbar auf den Tisch kommen. Hinter dem Gastraum ist eine Halle mit Wasserbecken, wo die reifen Austern, die schon aus den Netzen geholt wurden, fangfrisch aus dem Wasserbecken auf den Teller kommen. Eine wahre Köstlichkeit. Wenn man die Auster nicht einfach so schlürfen mag, gibt es zig Varianten der Zubereitung, auch überbacken mit Spinat oder Käse, da ist für jeden, der Meerestiere grundsätzlich mag, etwas dabei. Ein besonderes Restaurant.

    16. September 2025

    Unbewusst auf dem Heimweg eingefangen: das über hundertjährige Haus „Kliffende“ an der Abbruchkante des Kliffs bei Kampen. Geschichtsträchtig und immer wieder abbruchgefährdet. Einst Gästehaus, Thomas Mann wohnte neben anderen Künstlern dort. Heute in Privatbesitz. Thomas Mann vermerkte in Gästebucheinträgen nach zwei Sommern auf Sylt:

    „– Kampen, den 11. September 1927
    Nicht Glück oder Unglück – der Tiefgang des Lebens ist es, worauf es ankommt. An diesem erschütternden Meere habe ich tief gelebt, und was es aufregte, das wird, gebe es Gott, irgendwie einmal ehrenhaft fruchtbar werden. Auch will ich wiederkommen. Man sollte freilich wohl nie wiederholen wollen, denn von vornherein ist gewiß, daß es das andere Mal anders sein wird. Aber schon aus Dankbarkeit will ich wiederkehren: dem dauerhaften Gefühl des Dankes, den ich hiermit den Wirten dieses guten Hauses von Herzen abstatte.

    – 30. August 1928,
    Wir reisen wieder einmal. Wie gut, daß Kliffende bleibt.“

    Insgesamt sind wohl drei Sommer dokumentiert, die Thomas Mann dort urlaubte. 1921 eine Woche in Wenningstedt, einem Ortsteil von Sylt, direkt unterhalb von Kampen, wo das Rote Kliff beginnt, und jeweils einen ganzen Monat 1927 und 1928 in Kliffende. Im Jahr darauf, 1929, entdeckte Mann die Kurische Nehrung für sich, auch eine Landschaft mit einer großen Wanderdüne. Im Ort Nida bzw. früher Nidden genannt (vormals Ostpreußen, heute Litauen), baute er sich 1930 ein eigenes Ferienhaus, eine Art Blockhaus im nordischen Baustil, mit blauen Fenstern. Ich war dort, habe das heute „Thomas Mann Haus“ genannte, damalige Feriendomizil der Manns besucht. Eine Künstlerkolonie von expressionistischen deutschen Malern hatte sich in den Zwanzigern dort angesiedelt, das wird Mann darauf aufmerksam gemacht haben. Also war die hingebungsvolle Schwärmerei für Sylt und Kliffende von der Kurischen Nehrung übertroffen worden. Die Wanderdüne dort ist auch zauberhaft, aber weitläufig gesperrtes Naturschutzgebiet, sehr unzugänglich, wenn man sich nicht gerade auf Abwegen hineinverirrt, wie mir widerfahren ist. Zum Glück. Die Familie Mann verbrachte nur wenige Sommer dort, dann mussten sie es aufgrund der Emigration im Stich lassen.

    Aber zurück zu Sylt und Kliffende. Heute gehört das weitläufige Haus (das ich aus der Entfernung gesehen, zunächst für zwei separate Reet-Häuser hielt) einem Schweizer Immobilien- und Grundstücks-Investor, der bei Anwesenheit die Schweizer Flagge hisst. Für mein Empfinden ein peinlicher Akt, der tief blicken lässt. Nicht nur wegen der plumpen nationalistischen Eroberungsanmutung, auch farbästhetisch. Der eckige rote Fleck auf dem Mast ist wie eine grobmotorische Ohrfeige im Gesamtszenario subtiler nordischer Farbgebung. Ich hatte Schweizer bis dato als eleganter, zurückhaltender verschubladet.

    Aber Flaggen scheinen eine besondere Vorliebe von Kampener Gewerbetreibenden zu sein. Für meinen Geschmack viel zu viele Masten, die albern beflaggt im Zentrum von Kampen vor Ferienhäusern und Läden flattern, ob mit Werbeschriftzügen oder sonstigem. Erinnert mich an die marktschreierische Beflaggung vor riesigen Einkaufscentern oder Möbelhäusern in der Provinz oder Industriegebieten. Keitum zeigt sich in der Hinsicht zurückhaltend.

    P.S. bemerkenswerte Aufnahmen, die Kliffende bei Nacht aus nächster Nähe zeigen, wie es heute aussieht.

    14. September 2025

    Während ich die Fotos ansehe, bekomme ich einen Ohrwurm. Wie ein Papagei oder eine hängen gebliebene Schallplatte: „Deine Spuren im Sand, die ich gestern noch fand, hat der Wind mitgenommen“ etc., jener Schlager von Howard Carpendale. Vor fünfzig Jahren in den deutschen Hitparaden. 1975. Ich war zehn. Möchte man nicht haben, den Ohrwurm. Konfrontationstherapie? Sich dem aussetzen, auf youtube hören, den Text vollständig lesen. So geschehen. Hatte ein wenig Frösteln bei der Lektüre. Diese knappen, einfachen Sätze, die durchaus Wahres vermitteln:

    „Wir hatten Sonne und Sterne und die Dünen nur und das weite Meer. (…) Wie einfach und klar doch alles war. Deine Spuren im Sand, die ich gestern noch fand, hat die Flut mitgenommen.“

    (die folgenden Zeilen waren mir völlig neu:)

    „Ich weiß nicht, wann du anfingst, ohne mich den Strand entlang zu gehen. Und wenn ich dich danach fragte. stumm an mir vorbeizusehen. Bis man die ganze Wahrheit versteht, ist es nicht selten zu spät (…) Deine Liebe sie schwand, wie die Spuren im Sand, (…) hat die Flut mitgenommen.“

    Schon harter Stoff. Dass so ein trauriges Lied so ein Erfolg wird… Entschuldigung liebes Sylt, dass ich Fotos von Dir mit diesen trostlosen Zeilen in Verbindung bringe. Ich war sehr gerne bei Dir.

    14. September 2025

    Da war dieser Junge. Er lief herum, alleine. Seine Eltern sicher unten in der Bar. Alt genug, um ein Smartphone zu haben und sich damit die Zeit zu vertreiben. Ganz ähnlich, wie ich mit meiner Kamera. Nur, ich war ohne Eltern da. Wenn ich die Bilder betrachte, wird mir klar, dass seine Situation meiner nicht unähnlich war. Ich kannte auch nur wenige Menschen. Hatte zwar vereinzelte, auch herzliche Begrüßungen hie und da, aber nur einen längeren Kontakt. Mit einem Jason, der sehr an den Exponaten und deren Geschichte und den besonderen Gegebenheiten der Galerie interessiert war. Ich konnte ihm viel dazu sagen. Mein Versuch, ihn mit dem Galeristen Thorsten bekannt zu machen, schlug leider fehl, ich hatte einen ungünstigen Zeitpunkt erwischt, weil er im Begriff war, sich mental auf seine Performance einzustimmen. Dann sah ich noch einige Menschen, die ich zuordnen konnte, mit denen ich ebenfalls nicht bekannt war. Was der Abend nicht änderte, obgleich die Stimmung herzlich war.

    14. September 2025

    Style it Takes – wie Lou Reed und John Cale gesungen haben. Sevenstar Vibes. Ein bisschen edgy, arschcool, rockig, aber schon durchgestylt. Kamerafutter par excellence, wenn Galeriebesucher den Weg kreuzen, die aussehen, als hätten sie sich mit ihrem Schwarzweiß-Look und Hüten vor ihren Kleiderschränken abgestimmt. Der Cowboy und das Cowgirl kannten sich gar nicht.

    14. September 2025

    Unbedingt der Erwähnung wert, die Schätze, die gegenwärtig bei Sevenstar zu sehen sind. Unter anderem: Klaus Kinski 1962 im Hotel Atlantic in Hamburg von Peter Nürnberg eingefangen. Diese großformatige Fotografie war auch in den Anfängen der Galerie dort vertreten. Eines der ikonischsten Bilder der Sammlung. Ich habe das Kinski-Bild auch damals abgelichtet, links davon Thorsten, wie er im Juni 2009 war, mit einer Lupe um den Hals. Er hat sie auch benutzt, ich kann mich noch ganz vage dran erinnern.

    13. September 2025

    11. September 2025. Nicht „Siebzehn Jahr, blondes Haar“, sondern Siebzehn Jahr‘ Sevenstar aus meiner Kamera. Es war überaus gut besucht. Man hatte nicht den Eindruck, dass die zahllosen zeitgleichen Eröffnungen in dieser Nacht in der ganzen Stadt, die Besucher verstreut hätten. Ich habe ungefähr neunzig Prozent der Gäste nicht fotografiert. Extrem gutaussehende Menschen darunter, männlich als auch weiblich, divers. Fashionistas mit ausgezirkelten Haarschnitten und gut sitzenden Klamotten. Auch gute Getränke, hauptsächlich ein Weißwein namens „Bruderkuss Berlin“. Und in weiser Vorausschau viele Helferlein hinter der Bar.

      In der Bühnen-Nische gab es gegen 21 Uhr eine live Musik Performance – leider habe ich den Namen der sehr zart singenden und Gitarre spielenden Musikerin nicht mitbekommen, Mikro war bei der Ansprache bißchen leise eingestellt. Danach wurde es mystisch mit Weihrauch und Nebel und subtilem Gitarrengewitter und dem performendem Hausherrn. Zu meinem Bedauern konnte ich nicht bis zum Ende des Stelldicheins bleiben, wäre aber gerne. Immerhin verweilte ich länger als nur das mir aus Vernunftgründen (wg. elend frühem Wecker) verordnete Stündchen. Einer siebzehn- und einer neunzehnjährigen Besucherin erklärte ich an der Bar den Hintergrund der Jimi Hendrix-Fotos, sie guckten gerade intensiv auf eines. Jimi auf dem Bett, Jimi in der Küche am Herd, nochmal auf dem Bett, alles in der Londoner Wohnung von Ringo Starr, die er ihm freundschaftlich für Londoner Aufenthalte überlassen hatte. Fotos, die bereits im Mai im Amano hingen. In Vorbereitung des Katalogs hatte ich fein säuberlich den Hintergrund recherchiert. Dabei kam mir die Frage in den Sinn, was so junge Damen in eine Galerie führt, die eher von Menschen meiner Generation frequentiert wird, ob die Eltern…? Und so war es. Eine der Mütter kam hinzu. Die könnte sicher auch Geschichten von vor siebzehn Jahren erzählen, so wie ich. Aber morgen ist ja auch noch ein Tag.

      13. September 2025

      Schwertförmige Scheidenmuschel (Ensis ensis) heißen die länglichen Muscheln, auch Schwertförmige Messerscheide, Gebogene Schwertmuschel oder unspezifisch auch nur Schwertmuschel. Pharidae aus der Ordnung Adapedontaam, im Atlantik und den Nebenmeeren verbreitet. Am Strand beim Roten Kliff gesammelt, aufgeklaubt. Noch nie gesehen, auch nicht auf Föhr. Oder hab ich nicht darauf geachtet? Am Weststrand von Sylt, da beim Roten Kliff, lagen sie zuhauf im Sand, mehr als alle anderen Muscheln. Die auf dem Foto hab ich mitgenommen, das ist erlaubt. Aber: keine Sandburgen gebaut! Das dient dem Küstenschutz: sowohl Sandburgen als auch das Buddeln tiefer Löcher lockern den Untergrund und werden durch den Wind leichter abgetragen, was zu Landverlust führt. „Landgewinnung“ ist ein großes, existentielles Thema auf Sylt. Auf der Wattseite sieht man immer wieder seltsame Begrenzungen an der Küste, die aussehen wie kleine geflochtene Weidenzäune. Das hilft wohl, den Sand und damit Land nicht so schnell abzutragen. Muscheln, die nicht mehr leben, dürfen zur Erinnerung mitgenommen werden.

      13. September 2025

      Mehr Sylt. Strandkorb-Idyll bei Kampen am Roten Kliff. Anders, als auf der Schwester-Insel Föhr, werden die Körbe nicht mit Holzgittern versperrt. Vielleicht ist das Publikum auf Sylt anders zivilisiert. Ich habe keinen Korb gemietet, mich aber auch in keinen hineingesetzt. Am Strand brauche ich keine Möbel, ich liege gerne.

      12. September 2025

      Die Gallery. Am vergangenen Sonntag, 7. September 2025, beim Aufbau der Ausstellung. Thorsten, Jesús, Peter, durch die Scheiben fotografiert. Aber ich war auch innen, auf beiden Etagen. Ich schaute auf dem Rückweg vom LCB vorbei, liegt ja auf meinem Heimweg. Ich war neugierig auf den Fortschritt. Gestern die finale Hängung bei der Eröffnung gesehen. Ist sehr gut geworden. Das ockerfarbene Mauerwerk ist ein idealer Hintergrund für schwarz gerahmte Schwarzweiß-Fotografien. Farbaufnahmen nicht so sehr.

      11. September 2025

      So sah es vor vier Tagen bei Sevenstar aus, mittlerweile vielleicht wieder etwas anders, aber David Lynch hing gestern noch da hinten. Hat er auch einen guten Platz. Heute Eröffnung seit 19 Uhr. Bin gerade nach Hause gekommen, patschnass vom Platzregen. Um 19.30 soll der Regen aufhören. 21 Uhr musikalische Performance eines Gitarristen. Wenn ich mal rübergehe, dann leider nur sehr kurz, maximal ein Stündchen, muss morgen elend früh aufstehen. Wecker klingelt um 4 Uhr. Nur der Vollständigkeit halber: ich stelle da nichts aus, habe nur den Aufbau ein bißchen mitbekommen. Und die Blattvergoldungen von mir am Boden sind ja immer da. An einem Rahmen einer Fotografie, die Faye Dunaway zeigt, habe ich mich auch etwas verwirklicht, aber das würde ich deshalb noch lange nicht als ein „Exponat“ von mir bezeichnen. Wird sicher was zu trinken geben, also nicht nur Wasser. Gibt neuerdings Galerien, bzw. eine, wo ich gestern war, wo prinzipiell kein Alkohol mehr angeboten wird. Natürlich gibts in der Vernissagen-Szene ein paar Nassauer, Trittbrettfahrer, die mit Gallery-Hopping, zumal heute Gallery Night innerhalb der Berlin Art Week ist, ihren Alkoholismus preisgünstig pflegen. Aber solche Gestalten gehören doch auch irgendwie dazu. Protestantisch muss es ja auch nicht zugehen. Aber ist ein Kostenfaktor, ganz ohne Frage. Meine Haare sind noch nass, ich seh aus wie ein Hündchen, werde mich mal ein bißchen in Form bringen und in der Gormannstraße vorbeischauen. Vielleicht kann jemand von Euch auch spontan. Wird sicher lange gehen, auch ohne mich. Außerdem sind noch ein paar special Events im Zuge der Ausstellungsdauer zu erwarten, da es mehr oder weniger eine Retrospektive, Rückschau auf siebzehn Jahre Sevenstar sein wird.

      11. September 2025

      Kampf am Roten Kliff: Matadora Gaga. Torera! Der Toro, der wilde Sylter Stier, hieß Westwind. Das nicht ganz rote Tuch (ich Sixties- und Seventies-Kind liebe Orange) ist ein extra großes Bettlaken, das sich zwar leicht ausschütteln ließ, aber nicht so leicht falten. Hab es dann aber doch noch kleingekriegt, das störrische Ding…!


      10. September 2025

      Buntes Gewimmel. Gott und die Welt. Erklärung, wieso man Manchen nicht trifft. Ich gehöre zu denen, die rotieren. Hinsetzen mal für zwanzig Minuten, dann wieder weiter. Auf dem großen Anwesen gibt es viele schöne Ecken. Picknickmäßig stundenlang auf den Rasen getackert wie Einige, wäre mir zu langweilig. Mag anders sein, wenn man Kinder hat, freut man sich, seinen Flohzirkus zu überblicken. Sobald das Getränk zur Neige geht, will Nachschub organisiert werden. Geht man zur Schlange vor der Bar im Wintergarten oder zur Biertränke auf der abschüssigen Wiese Richtung Seebühne oder zum Stand der Villa rechter Hand?

      10. September 2025

      Geneigtes Publikum, überwiegend wohlsituiert, kultiviert. Oder so wirkend. Kann mich allerdings nicht entsinnen, dort schon einmal jemanden kennengelernt zu haben, den ich vorher nicht kannte. Man bleibt schon unter sich. Außer vielleicht ein paar ältere Herren, die im angeheiterten Modus etwas mehr Kontaktfreudigkeit bekunden. Aber alles immer dezent, versteht sich. Alter Westen!

      10. September 2025

      So sitzt es sich beim LCB am Wannsee. Spätsommer-Ritual, alle Jahre wieder. Gesehen werden oder sehen: lässt man sich nur ungern entgehen. Die Schlangen an den Getränkeständen immer lang. Deswegen verpasst man mitunter die eine oder andere interessante Lesung. Aber noch viel häufiger, weil man jemanden trifft, sich aufs Allerschönste verplaudert. Lesen kann man später.

      09. September 2025

      Julian Schütt, Autor von „Biographie einer Instanz“, zweiter Teil der Dokumentation der Lebenswege von Max Frisch, in die Mitte genommen von Thomas Strässle und Michael Krüger. Die Biographie beginnt im Jahr 1955 und endet mit Frischs Todesjahr 1991.

      In Max Frischs „Berliner Journal“, das Notizen der Jahre 1973 – 1974 umfasst, fehlen wesentliche Teile von Frischs existierenden Aufzeichnungen, die aus Gründen des Schutzes privater Interessen noch Lebender von ihm selbst als gesperrt ausgewiesen wurden (ob befristet bis zum Tod der Betreffenden ist mir nicht geläufig). 1973 manifestierte sich der Bruch in der Beziehung zu seiner Frau Marianne, sie lebt noch in Berlin.

      Im Spätherbst 1973, am 17. Oktober, erlag Ingeborg Bachmann den Folgen ihres Brandunfalles in Verbindung mit den damals nicht verifizierten, schweren Entzugserscheinungen verschiedener Psychopharmaka, Morphine, vorrangig Seresta, wie man heute weiß. Im von ihm selbst zu Lebzeiten veröffentlichten Berliner Journal ist nicht dokumentiert, was Frisch angesichts der Todesnachricht notierte. Nicht ob und nicht was.

      Und auch in dieser neuen Biographie, so viele Jahre später, wird nicht erhellt, was sich dazu im Nachlass findet. Das machte mich neugierig. Es ist bekannt, dass Frischs Gedanken immer wieder um Ingeborg Bachmann kreisten, das verunglückte Ende der Verbindung. In einem filmisch dokumentieren Gespräch in Berzona, am steinernen Tisch im Tessin, Wein auf dem Tisch, überträgt sich körperlich der Aufruhr von Frisch, als sein Interviewpartner ihn nach Bachmann befragt. Man schluckt.

      Nach der Runde vorgestern Nachmittag im LCB am Wannsee – zu der ich übrigens zu spät gekommen war – die Fotos entstanden in den letzten Minuten – gab es keine offene Fragerunde für das Publikum, wie ich mir erhofft hatte. Ich ging zum Ende kurz nach vorne zur improvisierten Bühne, Strässle saß noch neben Schütt, und fragte ihn, ob ich ihn später noch etwas fragen könne. „Ja, ja – natürlich!“

      Ich drehte eine Runde, holte mir ein Glas vom Côtes du Rhône und sah Schütt dann wieder in einem der ebenerdigen Räume der Villa, wo auch signiert wurde und Bücher aus dem Verlagssortiment gekauft werden konnten. Da stand Julian Schütt hinter einem der Tische und ich steuerte direkt auf ihn zu.

      Dass ich sein Buch gelesen hatte und mich infolgedessen ein paar Fragen bewegen, teilte ich ihm mit. Er ganz Ohr. Ich kam gleich auf den Punkt, der mich beschäftigte: da ich wusste, dass er vollen Einblick in den Nachlass und die Aufzeichnungen des Max Frisch-Archivs hatte, wieso sich im in der Biographie dokumentierten Jahr 1973 keinerlei Anmerkung zur Todesnachricht von Ingeborg Bachmann findet. Hat Frisch nichts notiert? Oder weil sich die Notiz innerhalb weitgehend gesperrter Passagen befindet? Wie ich es verstanden habe, gibt es durchaus eine verfügte Sperre, aber es gibt auch eine Notiz. Ein sehr knappe. Das Todesdatum und „Ingeborg gestorben“. Sinngemäß oder wörtlich. Sehr knapp.

      Welche Empfindungsflut hinter diesem minimalen Vermerk steht, stand, kann jeder ermessen, der mit dem Verlust eines nahen Menschen konfrontiert war. Paralysiert fluten Erinnerungen das Herz, Worte können nichts ausrichten, unnütz.

      Julian Schütt berichtete nun, dass Wegfährten aus diesem Zeitraum erinnerten, dass ein starker Rückzug bei Frisch einsetzte. Er betrank sich, betäubte sich. Über einen Zeitraum von mehreren Wochen, wie ich es verstand. Aber wie schade, dass das nicht in sein Buch einfloss. Es ist kein Geheimnis, dass Frisch Probleme hatte, sein Trinken virtuos zu handhaben. Aber dennoch mühte er sich immer um Disziplin, das Tagwerk hinzubekommen.

      Da fiel mir ein, Schütt meine ganz private Einschätzung mitzuteilen, was Frisch von Bachmann entfernte, wegdriften ließ: Frisch hatte bei der Begegnung in Paris eine schillernde Persönlichkeit in der Blüte ihrer Kraft erlebt. Was sich aber bald im Zusammenleben zeigte, war ein Alltag, der kaum bei Tag stattfinden konnte, wenn Ingeborg sediert den größten Teil des Tages verschlief, benebelt, nicht ansprechbar. Ihr Tablettenkonsum hatte nicht nach einer Enttäuschung mit Frisch begonnen, sondern lange vorher. Seine begabte Gefährtin war eine apathische Drogenabhängige, keine kraftstrotzende Göttin. Marianne hingegen besaß die volle Kraft ihrer wachen, aufstrebenden Jugend. Geist und Feuer. Hoffnung und Verheißung. Julian Schütt konnte meine Gedanken nachvollziehen. Er widersprach nicht.

      Dann interessierte mich noch, warum Max Frisch der Trauerfeier fernblieb. Die These von Schütt ist, dass er einfach nicht eingeladen war. Im Nachlass findet sich keine Einladung zur Trauerfeier. Die nächsten Angehörigen von Ingeborg Bachmann, wohl insbesondere ihre Schwester pflegte damals ein Feindbild, was Max Frisch anging. Auch eine Art Projektion von Schuldzuweisung, die gerade insofern bedenklich scheint, als heute bekannt ist, dass zum Unfallzeitpunkt großes Interesse aller Angehörigen bestand, den Ruf von Ingeborg zu schützen, keinesfalls zutage treten zu lassen, dass sie eine starke Medikamentenabhängigkeit hatte, zumal von illegal besorgten, verschreibungspflichtigen Morphinen. Das haben schon Wissendere ausgeführt, darum soll es in diesem Eintrag nicht gehen. Aber dieser eine Aspekt, zu hören, wie Max Frisch unmittelbar in der Zeit nach ihrem Tod auf diese doch für ihn erschütternde Mitteilung reagiert hatte, war mir überaus wertvoll.

      09. September 2025

      Ein vertrautes Gesicht, sofern man den Bachmannpreis in Klagenfurt via Übertragung oder live vor Ort verfolgt: Jurymitglied Thomas Strässle, Literaturwissenschaftler, Autor und Flötist, Professor an der Hochschule der Künste Bern und last but not least: Präsident der Max Frisch-Stiftung in Zürich. Auf jeden Fall ein Jury-Mitglied, dem ich gerne zuhöre. Wie ich überhaupt gestehen muss, dass mich die Eloquenz der Juroren nicht selten mehr fasziniert und unterhält, als die dargebotenen Texte. In der Runde am Sonntag im LCB ging es ausschließlich um Max Frisch, genauer, den zweiten Teil von Julian Schütts gründlicher Biographie, die in diesem Jahr bei Suhrkamp erschien. Auf dem Tisch ist das Werk „Biographie einer Instanz“ zu sehen. Strässle moderierte das Gespräch mit Julian Schütt und Michael Krüger.

      08. September 2025

      Danke für das schöne Foto von Ina und mir, lieber Bernward. Wir quatschten die ganze Zeit, anstatt zuzuhören. Eine Dame beschwerte sich, nicht zu Unrecht. Ina erzählte mir von ihren Sylt-Reisen, ich ihr von meiner. Sie war schon mal als Kind zur Kur auf Sylt, irgendwo bei Hörnum. Die Zeit verging wie im Flug. Oft kann man die Lesungen später auf youtube nachhören- und gucken. Die scheinbare Ignoranz war Begleiterscheinung einer Fokussierung auf persönlich Wesentliches. Ich hatte mir gezielt die Max Frisch-Runde ausgeguckt, da ich Julian Schütts Biografie über Frisch, den zweiten Teil, gelesen hatte. Ich habe gestern die Gelegenheit beim Schopf gepackt, Schütt einige Fragen zu stellen, die mich nach der Lektüre bewegt hatten. Speziell auch Ingeborg Bachmann betreffend. Er hat mir ausgiebig geantwortet. Doch dazu später.