20. November 2020

Gestern Abend, ja fast schon Nacht, lange mit Ina telefoniert. Viel gab es zu erzählen, auszutauschen, nach längerer Zeit. Wir sprachen aber nicht nur über den Abschied von ihrer Mutter Eva und meinen letzten Wochen mit der exzessiven Beschäftigung mit (dem „Weltkulturerbe“ möchte ich beinah sagen) Vanity Fair, sondern auch über meine kürzliche Lektüre von Françoise Gilots Erinnerungen an ihr Leben mit Picasso.

Ein Buch, das in den Sechziger Jahren erschien, das Ina schon mehrfach mit Gewinn gelesen hatte, und von dem ich auch schon lange wusste, es aber doch nie las, bis vor kurzem. Picasso hatte als es erschien, er lebte ja noch, versucht, zu erwirken, dass es zurückgezogen wird. Françoise nahm sich einen Anwalt und bekam das Recht zugestanden, ihre Erinnerungen zu veröffentlichen, da keine Unwahrheiten nachzuweisen waren. Sie erinnert sich, dass Picasso ihr einige Zeit nach dem Urteil Respekt bekundete und ihr quasi – ganz ohne Ironie – gratulierte, da es ihm gefiel, wenn jemand einen Sieg errang. Er mochte Sieger.

Ich gebe das aus der Erinnerung wieder, das muss ich in einem begleitenden Artikel gelesen haben. Ich mochte das Buch, das mit dem berühmten Foto von Robert Capa geschmückt ist, wo man Picasso am Strand hinter ihr sieht, einen großen Sonnenschirm mit Fransen über sie haltend. Ein wunderbares Foto. Es hängt seit vielen Jahren in meiner Wohnung im Flur.

Wirklich intensiv und erlebbar sind in diesen Erinnerungen die Beschreibungen des Schöpfungsprozesses von Picasso, den niemand sonst über so einen langen Zeitraum aus nächster Nähe bei der Arbeit erlebt haben dürfte. Er hatte kein Problem damit zuzulassen, dass Françoise Gilot ihm über viele Stunden zusah, um zu studieren, wie er malte. Er respektierte auch sie als Malerin und schätzte es, sich darüber auszutauschen. Vermutlich gab es außer Dora Maar keine Frau, mit der so ein intensiver Austausch auf dieser Ebene stattfand. Sicher war seine letzte Frau Jacqueline auch interessiert und involviert, aber wie es scheint, mehr als ergebene Dienerin, die das Werk ihres Mannes zu ehren und zu bewahren, zur eigenen Lebensaufgabe machte.

Nachdem wesentliche Dinge nach seinem Tod 1973 geregelt waren und große Teile seines künstlerischen Nachlasses dem eigens dafür installierten Pariser Musée Picasso zugekommen waren, nahm sie sich wenige Tage nach Eröffnung des Museums, im Oktober 1985 das Leben, indem sie sich in der letzten gemeinsamen Villa in Mougins, in Südfrankreich erschoss.

Picasso hatte den Wunsch, zu Beginn der Beziehung zur vierzig Jahre jüngeren Françoise, ihr alle Lebensmittelpunkte, seine Ateliers und Wohnungen vor ihr, zugänglich zu machen, er wollte es offenbar sinnlich und plastisch nachvollziehbar machen, was vor ihr geschehen war, ein Vertrauensbeweis, aber auch ein Zeichen, dass er sich und sein Erleben und Werk als Ereignisse von Rang beurteilte. Und die Welt gab ihm recht.

Wenn ich ein Buch lese, mache ich seit einiger Zeit kleine Eselsohren. Und zwar oben und unten. Die obere umgeknickte Ecke zeigt mir, an welcher Stelle ich im Buch bin, es ist mein Lesezeichen. Für mich sind Eselsohren nur in Bildbänden und antiquarisch kostbaren Ausgaben tabu.

In Alltagslektüre für unterwegs gibt es auch Eselsohren an unteren Ecken. Die mache ich immer dann, wenn eine Erwähnung stattfindet, die mich genauer interessiert, und zu der ich später noch recherchieren möchte. Oder die ich so interessant oder amüsant finde, dass ich sie alsbald in einem Eintrag zitieren möchte.

Eines dieser Eselsohren ist auf Seite 133. Die erste Frau Picassos, die russische Tänzerin Olga, beschrieben als auf bourgoise Art kapriziös und anspruchsvoll, was Pablo auf Dauer nervte, kam über die Trennung nicht hinweg, verweigerte die Scheidung, und setzte ihrem abtrünnigen Ehemann, mit dem sie Picassos ersten Sohn hatte, mit unbeantworteten Briefen zu. Chronologisch lagen zwischen Olga und Françoise, Marie-Therese Walther, die ihm eine Tochter gebar und Dora Maar.

Françoise Gilot hatte nun das zweifelhafte Vergnügen, die von Olga verfassten Briefe am Frühstückstisch zur Kenntnis zu nehmen und zitiert in ihrem Erinnerungsbuch wiederkehrende Inhalte:

„(…) Olga schrieb ihm fast täglich lange Tiraden auf Spanisch, damit ich nichts lesen konnte, vermischt mit russischen Worten, die niemand verstand, und einem Französisch, das so schlecht war, daß es ebenfalls kaum zu verstehen war. Sie schrieb kreuz und quer in alle Richtungen und bis an die Ränder. Häufig legte sie eine Postkarte bei, die Beethoven zeigte – meistens beim Dirigieren eines Orchesters; manchmal auch ein Bild von Rembrandt mit der Aufschrift: „Wärest Du wie er, dann wärest Du ein großer Künstler.“ Pablo las diese Briefe immer bis zum Schluß und ärgerte sich schrecklich darüber. Ich schlug im vor, er solle sie doch einfach beiseite legen, aber das brachte er nicht fertig. Er wollte wissen, was Olga schrieb.“

Im Anschluss an dieses interessante Buch begann ich mit „Die Frau, die Nein sagt“, ein Buch, das sich ebenfalls um Françoise Gilot dreht, aber nicht von ihr verfasst wurde, sondern von dem mit ihr mittlerweile gut bekannten Journalisten Malte Herwig. Es enthält für meinen Geschmack zu umfangreiche Passagen, in denen fast schon kapitelweise aus Gilots Buch zitiert wird. Interessant sind jedoch die Berichte über jüngere Begegnungen mit dieser sehr faszinierenden Zeitzeugin und Protagonistin der Kunstgeschichte. Eine Künstlerin, die noch von persönlichen, privaten Begegnungen mit Matisse berichten kann, der wiederum von seinen persönlichen Begegnungen mit Renoir aus dem Nähkästchen plaudern konnte. Beinah unfassbar. Sie lebt noch und sie malt noch.