05. November 2018




Hennigsdorf. Mitte Oktober. Weil ich noch niemals in Hennigsdorf war, hatte ich doch die Kamera eingepackt, falls eine ungeahnte Sehenswürdigkeit daherkäme, und ich die einmalige Gelegenheit dann versäumt hätte, dieses eine Bild einzufangen. Tatsächlich war es schon völlig dunkel, als ich aus der S-Bahn stieg, ich kann kaum beurteilen, wie die Straßen von Hennigsdorf wirken, ob mir da etwas entgangen ist. Vom Gefühl her war es wie eines von vielen kleineren Städtchen, das man offen gestanden auch recht schnell wieder vergisst, hat man ihm den Rücken gekehrt. Vor dem Stadtklubhaus war ein stattliches Konzertplakat angebracht, wie man es eher am Berliner Olympiastadion erwarten würde. Beinah hätte ich es fotografiert, aber dann wurde mir klar, dass sich die Größe nur vermittelt, wenn jemand daneben steht. Das Gebäude hat eine ganz schöne, elegant zurückgenommene Fünfziger(?)-Jahre-Architektur. Man hätte dort auch gut und gerne eine Szene mit Lilo Pulver und Paul Hubschmidt beim ersten Rendezvous drehen können. Ich mag architektonischen Feinsinn, daher hoffe ich, dass das Gebäude unter Denkmalschutz steht. Hennigsdorf ist ja nicht so weit von Berlin und gehört für mich zu den Orten, wo man nie sicher ist, ob es gerade noch ein Randbezirk von Berlin ist, oder doch schon Brandenburg. Auf jeden Fall von mir aus ohne umzusteigen leicht mit der S-Bahn zu erreichen. Daher fand ich es auch ein bißchen merkwürdig, dass Freunde anmerkten, dass es doch sehr beachtlich sei, dass ich nun sogar schon nach Hennigsdorf reise, um ein Konzert vom Berlin Beat Club zu besuchen. Also praktisch nach Übersee. Ohne den Ruhm der von mir geschätzten Formation schmälern zu wollen, habe ich dann das Gefühl erklären zu müssen, dass ich kein hysterischer Fan bin, sondern einfach gerne zu sehr guter Live Musik tanze, noch dazu zu einem Potpourri geliebter Songs der Sixties und Seventies. Als müsste ich mich dafür entschuldigen, wie blöd. Tatsache ist, dass der Berlin Beat Club mehr Tempo und Stimmung macht, als zum Beispiel die als Beste geltende Doors Coverband aus UK, und das ganz ohne den Ehrgeiz, wie ein Abziehbild eines der alten Superstars auszusehen. Es war total voll, womöglich ausverkauft, jedenfalls gab es in kürzester Zeit keinen freien Sitzplatz mehr. Ein paar bekannte Gesichter aus Berlin winkten mich zu ihrem Tisch, sehr familiär und nett, ein Tisch ganz vorne. Im Grunde möchte man hauptsächlich tanzen und benutzt den Stuhl nur für Verschnaufpausen oder um die Jacke drüberzuhängen. Etwas nach mir trudelte Ina ein, die mit mir die Begeisterung für dieses spezielle Tanzvergnügen teilt. Ich hatte zuletzt als Teenie eine Freundin, mit der ich regelmäßig tanzen gegangen bin, ich liebe das so sehr.

In einer der Pausen setzten wir uns in die Nähe des Tresens, wo es auch Wiener Würstchen gab, die wir uns auch genehmigten. Während der Unterhaltung nahm unsere Stimmung einen Umschwung. Ina begann über Irina zu sprechen, und dass es ihr zunehmend schlechter ging. Sehr schlecht. Im Grunde hoffnungslos. Das bedrückte mich so sehr, ich driftete innerlich völlig nach unten, auch wegen der Hilflosigkeit, mit der nicht nur wir beide vor dieser Krankheitsgeschichte standen. Eine Mischung aus Trauer und Wut und Ach. Die Band spielte schon längst wieder, als wir wieder nach vorne gingen, das Hennnigsdorfer Publikum feierte dieses Live-Erlebnis als etwas Besonderes. Was es wohl auch ist, einmal im Jahr, wenn ich es richtig verstanden habe. Ich versuchte noch einmal mitzugrooven, aber es fühlte sich gezwungen an, die Band gab wie immer alles. Ich kam nicht mehr von der dunklen Wolke herunter, Ina bekam noch mal die Kurve und tanzte weiter. Da saß ich mit einer inneren Trauer und Wehmut und ermunterte mich selbst bei Hey Jude zum Schluss wenigstens den Chor mitzusingen. Das war auch ganz schön. Ina fuhr mich dann bis Frohnau zu S-Bahn, von wo ich alleine heimfuhr. Zwei Tage später schrieb Jan, dass Irina gestorben ist. Am Freitag, dem 12. Oktober um 14:30 Uhr. Also war sie schon nicht mehr unter uns, als wir am Samstag über sie sprachen. Oder aber auch doch. Wer weiß es. Vielleicht ja doch. Diese paar Bilder habe ich sehr nebenher gemacht, eigentlich um mich abzulenken. Die eine Frau im Publikum, im Profil da oben, ist auch eine Berliner Anhängerin der Band. Sie erinnerte mich wieder daran, wie schön ich es fände, wenn Uschi Nerke irgendwann einmal zu einem Konzert des Berlin Beat Club käme. Sie hatte ja auch so eine Frisur. Das wäre schön.

01. November 2018

Auch eine nette Familiengeschichte, die hat mir meine Tante Anna erst genauer bei meinem Besuch Ende September erzählt. Ich wusste nur, dass der Sohn von (Onkel) Wolfgang in der ersten Hälfte der Achtziger aus der DDR geflüchtet ist, also „Republikflucht“ begangen hat, aber die genaueren Umstände waren mir nicht so bekannt. Vielleicht habe ich auch nicht so genau zugehört und es wieder vergessen. Er hat eine Ausbildung zum Hotelfachmann in Ostberlin gemacht und war in einem Hotel (müsste das Metropol-Hotel gewesen sein), das internationale Gäste beherbergt hat, angestellt. Ich nehme an, dass er durch die Erzählungen von seinem Vater, der als international engagierter Jazzmusiker einer der Künstler war, der die Republik für Gastauftritte im westlichen Ausland verlassen durfte (und wieder zurückkehren), Blut geleckt hat. Westfernsehen hatte man in Ostberlin ja sowieso. Die Familie wohnte in Berlin Treptow. Jedenfalls hatte Michael große Lust, die weite Welt kennenzulernen und wollte raus, hatte aber noch keinen konkreten Plan. Wer als Hotelgast eingecheckt hatte, musste seinen Personalausweis bzw. Reisepass für die Dauer des Aufenthalts an der Rezeption abgeben. Eines Tages kam ein Kollege zu Michael, der an der Rezeption arbeitete und von Michaels Ausreiselust wusste, und hielt ihm einen schwedischen Reisepass unter die Nase. Auf dem Foto war ein junger Mann abgebildet, der Michael zum Verwechseln ähnlich sah. Der Kollege animierte ihn, die Gunst der Stunde zu ergreifen und mit dem schwedischen Pass rüberzumachen. Da es unwahrscheinlich war, dass so eine Gelegenheit noch einmal kommen würde, die so eine geschmeidige Ausreise ermöglichen würde, hat Michael die Chance ergriffen und ist ohne Misstrauen zu erwecken, wohl über den Grenzübergang Friedrichstraße nach Westberlin. Vielleicht wars auch der Checkpoint Charlie. Kaum war er drüben, hat er sich auf große Europareise gemacht und die Welt erkundet, an der Côte d’Azur hat es ihm besonders gut gefallen, in Cannes und Nizza und Saint Tropez. Ich erinnere mich noch dunkel an Fotos, die er an die Familie geschickt hat, wo er in Cannes lässig an einem Luxus-Auto lehnt, eine Palme im Hintergrund und man denkt, es wäre sein Auto. Heute lebt er in Genf, in der schönen Schweiz.

P.S. den schwedischen Pass hat er nach seiner glücklichen Ankunft wieder zurück ins Hotel geschickt, damit der Schwede, dem er seine Ausreise verdankt, keine Probleme bekommt.