01. November 2023

Heute früh, halbzehn. Jetzt Abend, dreiviertelzehn. Das war sehr praktisch, als ich vor siebenunddreißig Jahren aus dem fränkisch-bayrischen Süddeutschland hierher gezogen bin, dass ich die Uhrzeiten nicht neu lernen musste. Versteht man nicht in allen sechzehn Bundesländern. Weiß aber nicht, wo noch und wo nicht.

01. November 2023

Drücke mich gerade davor, die nun trockenen schwarzen Socken zu sortieren, die ich gestern gewaschen habe. Ungefähr vierundzwanzig oder fünfundzwanzig. Beim Kauf waren sie alle tiefschwarz, jetzt sind sämtliche Schattierungen zwischen Anthrazit, Dunkelgraublau und Hellschwarz darunter. Manche gehen auch ins Bräunliche. Nun heißt es, passende Paare finden und ordentlich in die Wäscheschublade einsortieren. Keine Lust! Evt. später, wenn ich leicht angetrunken bin.

30. Oktober 2023

Vorhin den gestrigen Tatort aus München in der Mediathek geschaut. „Königinnen“. Kurzweilig, habe mich gut unterhalten gefühlt. Spielt im Milieu von süddeutschen Honig- Milch- und Weißwurschtköniginnen. Sehr gut in der Hauptrolle des übergriffigen Chefs der Landwirtschaftsvereinigung (oder so ähnlich), Wolfgang Fierek. Ganz großer Mime. Mir hat die kecke Mischung aus Satire mit zugespitzen Klischees in kitschiger Kostümierung mit ernstem Hintergrund gut gefallen. Die Kombination hat das Potenzial auch Publikum zu erreichen, das an sich am Sonntagabend zur Prime Time keine Lust auf Metoo-Abhandlungen hat. Dem tut auch der mit sämtlichen Königinnen flirtende Assistent der Kommissare keinen Abbruch. Im Gegenteil. Seine Szenen haben den Charme von Fünfziger-Jahre-Peter-Alexander-Possen mit Hintersinn. Geht Richtung Dietl. Mein Verbesserungswunsch wäre hauptsächlich: Dialekt-Rollen bitte nur mit Schauspielern besetzen, die die Mundart wirklich im Blut oder mit der Muttermilch aufgesogen haben. Das war leider bei der Zwiebel- und der Honigkönigin nicht sehr überzeugend, da ist immer wieder das Schauspielschul-Hochdeutsch durchgebrochen. Ferres war ganz gut besetzt, bin kein Fan von ihr, aber war recht passend, als geschäftstüchtige Organisatorin vom Königinnen-Tag. Einige Kritiken – oder sogar die Mehrzahl – bemängeln die vermeintliche Unstatthaftigkeit, satirische Versatzstücke und lustige Elemente mit dem zentralen thematischen Sachverhalt sexueller Übergriffigkeit launig zu vermischen. Das sei ihnen gestattet, denn wir haben ja zum Glück Meinungsfreiheit. Dieser bemerkenswerte Tatort ist in der Mediathek, gerne machen Sie sich selbst ein Bild.

29. Oktober 2023

„Wer einmal über sechzig ist, hat es gelernt, Fragen zu beantworten mit treffenden Antworten auf Fragen, die nicht gestellt sind; so entsteht der Eindruck geistiger Regsamkeit.“

Max Frisch (Tagebuch 1971)

28. Oktober 2023

So sieht der Balkon auf der Nordseite jetzt aus. Die Hortensien wie aus einem alten Poesiealbum aus dem letzten Jahrhundert. Mein Einkaufszettel. Lücke unter Kaffee, falls mir noch was einfällt, was ich von Rewe holen könnte, weil die unteren beiden Sachen, Kleber und Klopapier, hole ich im Drogeriemarkt. Wenn ich mich dann mal langsam aufraffe. Ich bleibe an so einem Herbsttag am allerliebsten daheim. Schwarzer Tee, Stövchen, lesen. Kuschelig.

26. Oktober 2023

Anti-Alkoholiker bitte wegschalten. Lernwillige Freunde alkoholischer Spezialitäten dürfen weiterlesen. Bitte das Vokabelheft herausholen und eintragen: „OVERPROOF RUM“ Normalerweise befasse ich mich recht wenig mit hochprozentigen Spirituosen, aber da ich gerade so schön und speziell angenehm angetrunken bin: ich habe Overproof Rum intus. Ursprünglich 75 % (!), habe das Destillat aber mit destilliertem Wasser verdünnt, etwas aromatisiert (Zitronenschalenabrieb-Tinktur, Orangenaromakonzentrat, Vanille) und mit Kokos-Sahne-Likör und einem Hauch Kakaopulver gemixt. Grandios. So angenehm trunken war ich lange nicht. Der hochprozentige weiße Rum war Beifang von – kann ich jetzt nicht erklären, ohne indiskret zu werden. Ich schaue mir jetzt dann Voice of Germany an und lese in den Werbepausen weiter im mittlerweile fundiertesten Bachmann-Archiv in Berlin (meine Wohnung). Demnächst melde ich mich beim Großen Preis mit Wim Thoelke als Kandidatin an. Thema: die wahre Drogen-Biographie von Ingeborg Bachmann. Cheers!

25. Oktober 2023

Stelle fest, mit Zitaten von Max Frisch ließen sich über Tage und Wochen zufriedenstellende Blogeinträge von tadelloser Qualität fertigstellen. Wäre auch bequem für mich und inspirierend für die Anderen. Heute will ich einmal bequem sein:

„Man sollte die Wahrheit dem anderen wie einen Mantel hinhalten, daß er hineinschlüpfen kann – nicht wie ein nasses Tuch um den Kopf schlagen.“

Max Frisch (1911 – 1991)

24. Oktober 2023

Ich betreibe hier in meinem Wohnzimmer gerade derart obskure Recherchen, dass es mich fast schon selbst befremdet. Und zwar bohre ich mich gerade in eigentümliche biographische Bachmann-Details. Im Zuge des Besuchs der Bachmannfilm-Premiere sah ich mir wieder einmal Originalaufnahmen an, die die Autorin sprechend zeigen. Bei Lesungen ist ja klar, dass sie abliest. Jetzt kamen mir aber auch interview-artige Dokumente unter, wo sie Fragen beantwortet, die eine Stimme aus dem Off stellt. Dabei schaut sie so leicht nach unten, wie auf Notizen. Sie hat sich offenbar nicht zugetraut, frei zu antworten oder konnte das nicht mit ihrem schriftstellerisch ambitionierten Anspruch an vollendeten sprachlichen Ausdruck vereinbaren. Das wirkt alles seltsam hölzern und geschraubt, wenn auch bemerkenswert formuliert. Es ist mir noch nicht gelungen, ein Filmdokument zu finden, wo sie natürlich oder gar impulsiv aus dem Stegreif zu antworten scheint oder mit natürlicher Lebhaftigkeit spricht. Ob es das überhaupt gibt? Ihr Bruder Heinz Bachmann, der noch lebt und ihr ungeheuer ähnlich ist, auch vom Akzent her und von der Mimik, beschrieb sie als ganz natürlich und einfach im privaten Umgang. Nun sind das aber ja meist Filmdokumente aus den Sechziger Jahren, die da zu finden sind.

Das ist aber nicht das, was ich mit obskuren Recherchen meine. Sondern, kam ich auf den Gedanken, dass das Hölzerne, etwas Abgestumpfte, Statische mit dem gleichförmig mechanischen Duktus auch auf einen Zustand der Sedierung zurückzuführen sein könnte. Das Ergebnis des Cocktails aus Psychopharmaka, Beruhigungs- und Schlafmitteln, den sie über Jahre täglich zu sich nahm. Das stärkste Mittel, Seresta, war dasjenige, welches die starken Entzugserscheinungen mit epileptischen Anfällen bei ihrem Todeskampf verursachte, das bis einen Tag vor ihrem Sterben vom persönlichsten Umfeld verheimlichte Medikament. Nun habe ich den bizarren Ehrgeiz entwickelt, herauszufinden, wann sie angefangen hat, das zu nehmen. Meine Recherche hat zutage gefördert, dass Seresta 1960 auf den Markt kam und zwar in der Schweiz.

Im Briefwechsel mit Frisch schreibt Bachmann an ihn im November 1960, dass die befreundete Schweizer Arztgattin Heidi Auer ihr ein Medikament als Therapie nahelegt, das ihr gut helfen könnte. Es wird nicht namentlich genannt. In der Folge erwähnt sie dann ab und zu in Briefen an Frisch, dass sie noch ihre Tabletten nehmen muss und die schon ganz gut anschlagen. Es geht um ihre Angststörung, genau dafür ist Seresta gedacht, ein starkes Beruhigungsmittel mit dem Wirkstoff Oxazepam, das schnell abhängig macht und persönlichkeitsverändernde Wirkungen hat, wie eine gewisse Gleichgültigkeit. Auf der Seite der Betty Ford-Klinik heißt es zur Wirkweise bei langfristigem Konsum u. a.: „So klagen viele Abhängige über eine stetig wachsende Emotionslosigkeit, Erinnerungslücken, kognitive Einschränkungen, Halluzinationen und bisweilen sogar über Psychosen. Das Leben verläuft gedämpft und wird wie unter einer Glasglocke wahrgenommen.“ Für mein Empfinden passt das zu der marionettenhaften Sprechweise von Bachmann. Max Frisch hat ihren fortschreitenden Konsum von Psychopharmaka besorgt beobachtet, heißt es.

Ich will mal weiter auskundschaften, ob es Film-Aufnahmen vor 1960 gibt. Bachmann hat Frisch 1958 getroffen, vielleicht spielte bis dahin nur Alkohol eine Rolle. Das drogenaffine Schweizer Paar Heidi und Dr. Fred Auer gehörte zum Freundeskreis von Frisch und war durchgängig die Quelle für die Besorgung sämtlicher Medikamente. So viel zu meinen detektivischen Aktivitäten zur Abendstunde.

P.S. Spannend finde ich den von mir vermuteten Sachverhalt, dass Bachmanns Hardcore-Psychopharmaka-Konsum nicht etwa NACH und WEGEN der Trennung von Frisch zwecks Trennungstrauma-Therapie forciert wurde, sondern die ganze Beziehung annähernd von Anbeginn begleitete und zunehmend belastete. Frisch trennte sich demnach von einer schwerst Drogen-Abhängigen und wandte sich einem vitaleren Geschöpf zu. Nebenbei auch kein dummes Püppchen, diese Marianne Oellers, spätere Frisch. Sie hatte Germanistik, Philosophie, Romanistik und Theaterwissenschaften studiert und arbeitete als literarische Übersetzerin. Herausgestrichen wird immer, dass Oellers dreißig Jahre jünger als Frisch war, als sei das ihre einzig attraktive Eigenschaft für den damals Anfang-Fünfziger gewesen. Auch Bachmann war wesentlich jünger als er, der Altersunterschied betrug fünfzehn Jahre. Nur fürs Protokoll und jenen ins Gebetbuch, die sich über Gebühr mit Altersdifferenzen bei Paaren aufhalten.

21. Oktober 2023

Die Namen der Damen, von hinten links im Uhrzeigersinn: Saskia, Jenny, Doro, Gaga. Der Mann hinten in der Ecke gehörte nicht zu uns. Er war in Begleitung einer jüngeren Frau, die neben ihm am Fenster saß. Merkwürdigerweise verfolgten beide von Anbeginn interessiert unser Vierer-Gespräch, ohne selbst jemals ein Wort miteinander zu wechseln. Als ob wir eine Vorstellung für sie geben würden. Es war aber auch interessant, was wir zu erzählen hatten. Tabulose Frauengespräche! An einem Punkt war seine Reaktion so deutlich amüsiert-interessiert, dass ich ihn darauf ansprach, dass das offenbar ein sehr interessantes Gespräch sei, dem er hier folgte, was er nun bestätigte. Er begann selbst zu sprechen und es trat zutage, dass er ebenfalls bei der Bachmann-Premiere zugegen gewesen war. Er war mit der Darstellung von Frisch nicht d’accord, was mir im Zuge seiner Erklärungen zunehmend plausibel schien, wenn ich auch nicht alles verstanden habe. Also akustisch, ich saß am weitesten von ihm weg. Jennys Phantasie schlug Purzelbäume, was die private Konstellation des schon etwas älteren Herrn anging. Sie tippte auf Professor und Studentin, die Richtung in etwa. Ich tippte auf gar nichts, weil es mir relativ schnurzpiepegal war und ist, wenn Paarungen starke Altersunterschiede aufweisen. Es fasziniert mich eher, als dass es mich besorgt. Immer auch ein Kompliment für einen fortgeschritten älteren Menschen, wenn ein jüngerer noch Lust am erotischen Diskurs zeigt. Meine Haltung amüsierte Saskia, Jenny und Doro. Sie fanden diese Betrachtungsweise wohl originell bis kurios. Ich unterhalte gerne!

21. Oktober 2023

Leute in der Paris Bar, bestimmt Schauspielerinnen! Sehen und gesehen werden! Teuren Wein im Glas und Lippenstift und Schminkspiegel im Anschlag. So normale Leute würden sich gar nicht trauen, in einem französischen Restaurant ihr Make up aufzufrischen. Aber Schauspielerinnen wissen natürlich, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, speziell, wenn sie eine Kamera sehen! Habe dann ein paar Fotos gemacht, um die Eitelkeit der beiden Grazien zu befriedigen. Die leben ja vom Scheinwerferlicht! Ich war bloß froh, dass beide ziemlich attraktiv waren, sonst hätte es mir keinen Spaß bereitet – ich hätte Interesse heucheln müssen!

21. Oktober 2023

Das war also die Berliner Kino-Premiere von Margarethe von Trottas neuem Film „Ingeborg Bachmann – Reise in die Wüste“. Im ausverkauften Delphi-Filmpalast fanden wir im hinteren Bereich fünf Plätze nebeneinander. Fünf Freundinnen, die Interesse an Bachmann und ihrer Beziehung zu Max Frisch hatten. Jede hatte ihren eigenen Wissenstand zu Bachmann und Frisch mitgebracht.

Ich zum Beispiel habe über Jahrzehnte immer wieder über die beiden gelesen, auch was sie selbst als Autoren verfassten. Es rutscht aber auch manches wieder in die Vergessenheit, meine Auffrischung war Anfang der Woche das Büchlein des Bruders von Ingeborg Bachmann. Den Briefwechsel von Bachmann und Frisch habe ich nur deswegen noch nicht gelesen, weil er erst im kommenden Frühjahr als Taschenbuchausgabe erhältlich ist und mir die Hardcoverausgabe unterwegs zu schwergewichtig ist. (E-Reader schmälern mein Lesevergnügen.)

Nun gab es also einen Film, der auf meinem Kenntnisstand über die beiden beruhte, da Trotta weder vor noch bei den Dreharbeiten Einblick in den Briefwechsel der beiden nehmen durfte, trotz aller Bemühungen und der Fürsprache von Bachmanns Bruder. Der Suhrkamp-Verlag blieb eisern. Im Nachgang las ich in Rezensionen, dass eine bemerkenswerte Neuigkeit sei, dass Max Frisch keineswegs autokratisch in Gutsherrenmanier in „Mein Name sei Gantenbein“ Beziehungsdetails ausgeplaudert und verarbeitet hat, sondern vielmehr Bachmann von Anbeginn eingebunden war, lektoriert hat und er jegliche Änderungswünsche ihrerseits berücksichtigte. In der Tat bemerkenswert, weil es nicht in die Opferrolle der vermeintlich rücksichtslos von Frisch für seine literarischen Zwecke ausgebeuteten Bachmann passt, die bis dahin gepflegt wurde.

Aber nun zum Film. Durchaus ein Erlebnis, vor allem visuell. Grandios die Auswahl der Filmmusiken, Selbstläufer, ganz dichte, elegante Bilder und Ausstattung. Ich hätte mir doch ein wenig mehr äußerliche und ausstrahlungsmäßige Ähnlichkeit von der Hauptdarstellerin Vicky Krieps erhofft, die im Vergleich mit Bachmann etwas stabiler rüberkommt. Ich meine das mental. Bachmann war äußerst willensstark, hatte aber eine damit kontrastierende hohe Empfindlichkeit, die auch schüchterne Anklänge hatte. Ich sehe das in Original-Filmdokumenten, wo sie lesend zu hören und zu sehen ist. Auch ein leichter österreichischer Akzent hätte mir überaus gefallen.

Aber ich sehe auch die Herausforderung, eine Schauspielerin zu finden, die all das erfüllt und der Rolle auch intellektuell gewachsen ist. Von Trotta erzählte in einem Interview, dass sie nicht explizit nach einer idealen Bachmann-Darstellerin gesucht hat, sondern schon längere Zeit einmal mit Vicky Krieps arbeiten wollte, weil sie sie besonders gut fand. Die Verbindung bot sich dann an.

Es ist kein Film, der den Anspruch hat, Ingeborg Bachmanns gesamtes Leben nachzuzeichnen. Margarethe von Trotta wurde Bachmann – so vermittelte sie es zumindest im Gespräch nach der Filmvorführung – als Filmprojekt von Produzentenseite angetragen, und sie hatte freie Auswahl, welchem Lebensabschnitt sie sich widmet. Die fehlende Detailkenntnis über die Beziehung mit Frisch wurde dann mehr oder weniger frei mutmaßend so ausgefüllt, dass es in etwa dem allgemeinen Kenntnisstand vor der Veröffentlichung des Briefwechsels entsprach. Überzeichnungen nach Gusto von Produzentenseite und Regie inbegriffen.

Mir fiel erst später, gestern, wieder ein, dass ich meine, in einem Buch, nämlich in „Wer war Ingeborg Bachmann?“ von Ina Hartwig gelesen zu haben, dass Bachmann sich während ihrer Beziehung zu Max Frisch gelegentlich Blumen in die gemeinsame Wohnung und auch einmal ins Krankenhaus schicken ließ (ihr wurde die Gebärmutter entfernt), und sie nebulös im Dunkeln ließ, dass sie selbst die Auftraggeberin war und keineswegs ein bewundernder Verehrer. Das erwähne ich deshalb, weil im Film immer wieder – fast schon ein running Gag – Blumensträuße unbekannter Herkunft der Aufhänger für Max Frischs angebliche übersteigerte Eifersucht sind. Der sehr geschätzte Ronald Zehrfeld hat hier leider eine etwas undankbare Rollenaufgabe, indem er im Spiel sein Potenzial plakative Eifersucht darzustellen, ausloten muss. Was dann auch zu allgemeinen Lachern im großen Publikum führte. Er kann sich in den Szenen nicht ultimativ wohlgefühlt haben, dafür kommen sie zu aufgesetzt rüber. Was ich von Zehrfeld eigentlich nicht kenne: aufgesetzt wirkendes Spiel.

Der Film arbeitet durchgängig mit Rückblenden. Ausgangssituation ist ein Ägypten-Urlaub im Mai 1964, ein Jahr nach Ende der Beziehung mit Frisch, über das sie nicht hinwegkam, er verließ sie für eine andere. Bachmann reiste mit ihrem neun Jahre jüngerem Freund Adolf Opel nach Ägypten, bekanntlich ein Wüstenland, daher „Reise in die Wüste“. Es wird als kathartisches Reise-Erlebnis vermittelt, die Reise in die Wüste, die Frisch ihr zu Beziehungszeiten in Aussicht gestellt hatte, die aber nie unternommen wurde. So sehen wir allerlei schöne Wüstenbilder und nordafrikanische Innenausstattung, was auch für den Kinozuschauer Urlaubsqualität hat.

Ich habe den Film genossen und freundete mich nach und nach auch mit Vicky Krieps Spiel an, weil sie doch eine einigermaßen angemessene Wahl vom Spielpotenzial ist. Am besten fand ich sie, als sie auf einem Podium vor vielen Männern in Schlips und Anzug, mit um Festigkeit ringender Stimme einen ihrer ernsten und durchaus politischen Texte las. Die Ausstattung, die Kamera, Kostüm, alles Augenweide, man kann es nicht oft genug sagen. Durchaus eine Empfehlung, dieses visuell opulente Werk von Trotta.

Was ich nicht gebraucht hätte, war die sich stark vom Film und vom Bachmann-Frisch-Thema entfernende Diskussion mit drei hinzugeladenen Damen, die sich dezidiert auf patriarchalische Zustände Anno Dazumal und heute fokussierte. Da saß Zehrfeld als einziger Vertreter seines Geschlechts und wurde kaum in das Gespräch einbezogen. Ich hätte lieber ein paar Anekdoten rund um die Dreharbeiten gehört. Aber Trotta amüsierte mich mit ihren teilweise resoluten bis unwirschen Entgegnungen. Sie ist schon eine Klasse für sich.

Später in der Paris Bar, wir tauschten uns angeregt über das Gesehene und auch die Diskussion aus, ließ Saskia ihrer Vermutung Raum, dass Margarethe von Trotta etwas verschleiert und unter den Teppich gekehrt haben könnte, dass sie durchaus eine persönliche Beziehung zur Bachmann-Frisch-Konstellation haben dürfte. Wir sahen im Foyer ihren langjährigen Gefährten Volker Schlöndorff. Wie allgemein bekannt, auch ein ehemaliges Paar von Alphatieren mit gleicher Profession. Und Schlöndorff war mit Frisch befreundet. Aber auch hier können wir nur mutmaßen.

19. Oktober 2023

Der folgende Eintrag korrespondiert mit meinem Abendprogramm. Zur Einstimmung auf den heutigen Filmabend mit geschätzten Freunden im Delphi-Filmpalast, las ich die vergangenen beiden Tage das schmale, gerade erschienene Buch von Heinz Bachmann, „Ingeborg Bachmann, meine Schwester“, Piper Verlag 2023. Es folgen zwei Stellen, die mich beschäftigten und berührten. In der ersten Passage ist die Rede von Briefen, die Max Frisch an Ingeborg Bachmann schrieb.

Seite 75

„Das Scheitern der Beziehung überraschte mich nicht und hat mit der Ungleichheit der Beteiligten zu tun. Ingeborg, die die Utopie eines Neuanfangs leben wollte, ein Ideal, das scheitern musste, und Frisch, der im Jetzt zu leben schien und einen Mangel an Empathie und Mitgefühl hatte. Ganz abgesehen von seiner Eifersucht, die allgemein als extrem bekannt war. Was mich beim Lesen der Briefe noch heute verwundert, ist, dass er meiner Schwester oft Durchschriften, nicht die Originale schickte. Wer macht so etwas?“

S. 85

„Vater beschreibt im zweiten Teil des Heftes die Schrecken des Zweiten Weltkrieges, von Standgerichten, dem Chaos des Rückzuges und der Feigheit der SS, die nur ihre Haut retten wollte und sich auf der Flucht um niemanden kümmerte. Vater erzählt bis zur Einkesselung in Prag und der Flucht aus der Stadt mit seinen Untergebenen. Seine Haltung zum Krieg war klar, und er berichtet in seinen Aufzeichnungen von einem Gespräch mit einem Kollegen aus der Schule: »Ich bedaure nichts, was war«, sagte der, und Vater antwortete: »Ich verfluche diese Zeit.« Interessant war, dass dieser Kollege nie »eingerückt« war. Mir gegenüber sagte mein Vater: »Es war fürchterlich, ich kann nicht darüber reden.« Das Schreiben ist ihm leichter gefallen. Er litt unter Albträumen und schlief zum Leidwesen unserer Mutter sehr unruhig und schrie häufig im Schlaf. In seinen Aufzeichnungen besteht eine große Lücke zwischen Jugend, Erstem Weltkrieg und dem Zweiten Weltkrieg. Ingeborg muss wohl auch auf dieses Kapitel gewartet haben, das unser Vater anscheinend nie geschrieben hat. Denn im Gespräch war das sehr klar: »Papa, ich brauche deine ganze Lebensgeschichte.« Ganz allgemein war das Geplänkel der »Tagespolitik« in Gesprächen oder sonst am Esstisch kein Thema. Aber geschichtlich wichtige Hintergründe, das war etwas, das immer wieder aufkam. Die verlorenen Lebensjahre in sinnlosen Kriegen vergeudet, das hat er sich selbst nicht verziehen.“

Bewegend. Wir sehen heute in Anwesenheit von Margarethe von Trotta und des Casts und der Filmcrew, ihren neuen Film Reise in die Wüste. Hier ist der Trailer. Ich berichte.

18. Oktober 2023

Vor einem halben Jahr erwähnte ich meine damalige Lektüre, eine Sammlung von Kurzgeschichten von Zelda Fitzgerald, „Himbeeren mit Sahne im Ritz“ (Penguin Books Taschenbuch, ins Deutsche übersetzt von Eva Bonné). Damals machte ich fünf bis sechs Eselsohren. Gestern las ich nochmals die geknickten Stellen und entschied mich für die folgenden drei Passagen. Also: Prädikat 3 Eselsohren.

Erstes Eselsohr S. 7

„Gracie war hübsch, für ein Mädchen von zwanzig Jahren allerdings ein wenig zu füllig. Ihr flachsblondes Haar hätte herrlich glatt und glänzend sein können, geradezu schön, wenn sie es nicht aufgedreht und über den Ohren festgesteckt hätte, bis ihr Kopf vollkommen deformiert aussah. Ihre blasse Haut schimmerte, ihre großen blauen Augen traten leicht hervor. Ihre Zähne waren klein und sehr weiß. Sie wirkte so warm und feucht wie aus heißem Milchschaum geboren, was sich nicht ausschließen ließ, immerhin hatte niemand je ihre Mutter gesehen. Sie bewegte sich so sinnlich wie die Diva einer Burlesque-Show, jedenfalls in ihren eigenen Augen; hätte Mr. Ziegfeld‘ (von dem Gracie nie gehört hatte) sie telegrafisch in seine Revue eingeladen, sie wäre nur wenig überrascht gewesen. Im Stillen erwartete sie Großes vom Leben, und zweifellos war das einer der Gründe, warum das Leben ihr Großes gewährte.“

Beim zweiten Eselsohr geht es immer noch um die kesse, lebenshungrige Gracie aus New Heidelberg in Minnesota. Sie arbeitet im Familienbetrieb, einer Grillbude, wo regelmäßig ein feiner Herr aus dem größten Kaufhaus der Stadt sein Hühnchen verzehrt. Gracie glaubt irrtümlich, er sei der Blue Ribbon-Kaufhaus-Besitzer, aber er ist nur der Geschäftsführer. Sie träumt manchmal davon, im Kaufhaus anstatt in der Grillbude zu arbeiten und verwickelt ihn in ein Gespräch.

Zweites Eselsohr Seite 11 – 12

„(…) Gracie hatte nicht nur seiner Person geschmeichelt, sondern seiner Stellung im Leben. Er strahlte über das breite Gesicht. Für einen kurzen Moment hielt er vollkommen still und sah Gracie an, ohne auch nur ein Mal zu blinzeln. «Nicht ganz», sagte er und fing erneut zu schwanken an, ich bin nicht der Besitzer. Ich bin der Geschäftsführer. Blue Ribbon hat das Geld, ich habe den Verstand.» Mr. Pomeroys Stimme steigerte sich zu einem selbstbewussten Grölen, und Gracie war trotz ihrer Enttäuschung sehr beeindruckt. «Sind Sie mit ihm verwandt?», fragte sie neugierig. «Nicht ganz», sagte Mr. Pomeroy, «aber fast – wir sind sehr eng.» Womit er andeuten wollte, dass sie sich sehr nahestanden, wenn auch in diesem Moment nicht physisch. «Können Sie einfach hingehen und sagen: Das gefällt mir. Ich glaube, ich nehme das und dann aus dem Laden mitnehmen, was Sie wollen?» Sie war von dem Mann jetzt ganz gefesselt. Auch ihr Vater hörte aufmerksam zu. «Nicht ganz», musste Mr. Pomeroy zugeben. «Um genau zu sein, kann ich die Sachen nicht einfach mitnehmen, aber ich bezahle zwanzig oder fünfundzwanzig Dollar weniger als jemand, der keinen Einfluss genießt und nicht dort arbeitet.» «Ah, ich verstehe», sagte Gracie begeistert und überreichte dem wichtigen Gast einen Teller Hühnchenfleisch. «Deswegen arbeiten die Mädchen da. Ich würde das selbst gern mal probieren. Ich würde billiger kaufen, was mir gefällt, und dann würde ich kündigen.» «O nein, das würden Sie nicht», sagte Mr. Pomeroy mit vollem Mund. «Sie würden nicht kündigen. Das sagen Sie jetzt nur.» Er fuchtelte mit einem fettigen Hühnerbein vor Gracies Gesicht herum. «Ich frage mich, woher Sie das wissen wollen!», rief Gracie empört. «Wenn ich sage, ich kündige, dann kündige ich. Ich kann ja wohl kündigen, wann ich will.» Der Gedanke an die Kündigung erregte sie sehr. Sie sehnte sich leidenschaftlich danach, zu kündigen, und sie hätte zweifellos auf der Stelle gekündigt, hätte es etwas zu kündigen gegeben.“

Drittes Eselsohr, Seite 127, andere Geschichte

„Doch für Eloise war Tatkraft ein Gottesgeschenk, auf das man warten muss wie ein Gefangener auf die Gerichtsverhandlung; bis dahin ist man von Hoffnung erfüllt oder von dunklen Vorahnungen.“

Jetzt bin ich erstmal fertig mit alten Eselsohren!

17. Oktober 2023

Helmut Krausser, „Einsamkeit und Sex und Mitleid“ Dumont Taschenbuch. So lala, trallala, bißchen platt, bißchen flach, bißchen grell, mir zu schnell. Slapstick. Prädikat: 1 Eselsohr, S. 147

»Sag mal, (…) wann sehen wir uns eigentlich wieder?« Uwe dachte einen Augenblick zuviel nach. »Wir rufen uns einfach zusammen, oder?« Janine dachte: Pustekuchen. (…) »Gut, machen wir, gibst du mir noch mal deine Nummer? Ich hab sie, fürchte ich, verschlampt.« Uwe überlegte zwei, drei Sekunden, schrieb dann eine Nummer auf einen Bierdeckel und reichte ihr den, wie man als Dealer beim Blackjack eine verdeckte Karte gibt. Janine nahm den Bierdeckel, steckte ihn in ihre Handtasche, (…) stürzte den halben Shake in einem Zug hinunter und entschuldigte sich, sie müsse noch einen Termin wahrnehmen, der ihr entfallen sei. Mit diesen Worten verließ Janine das Lokal (…). Sie hätte gern jemanden, irgendeine neutrale Instanz, gefragt, mit der Bitte um ehrliche Antwort, ob sie sich lächerlich gemacht hatte. Andererseits: Scheiß drauf. Es gab so viele Menschen. So viele. Milliarden. Und alle würden in hundert Jahren tot sein. Sie war nur einer davon. Für Uwe traf nichts anderes zu.

16. Oktober 2023

Die Geburtsstunde von „Wild Horses“.

»A welcome ceremony awaited Marlon back at Cheyne Walk, including a musical tribe of mystics from Bangladesh. They chanted as the baby was brought into the house, dropping rice and rose petals from the oak balustrade. Robert Fraser was there with a crib hand-painted in psychedelic colors. „Everybody was slashing me when I had Marlon,“ Anita told Victoria Balfour, „saying, „You must be crazy to have children.““ They criticized everything, even the milk bottles she used to feed him.

Keith had an easier time. „Keith would pick him up from his crib and whisper to him about all the things they would do together one day once he got a little bigger. ‚You and me baby….. We’ve got the whole world together. We don’t need nobody else.“ But Keith’s time with the baby was cut short. He was needed in LA with the rest of the band to record their new album, Let It Bleed. And the Stones‘ American tour-their first in over three years-was due to start on November 7, 1969. A fragile newborn couldn’t join him on the road. Keith would have to leave his lady at home. Keith hated abandoning Anita at this hour. They’d been doing so well together, and last year’s heartbreak seemed forgotten and resolved. Now his heart broke again over the looming departure, and he poured all that longing into writing „Wild Horses.“ „I wrote this song because I was doing good at home with my old lady,“ he would tell Stanley Booth in December 1969. „I wrote it like a love song.“

Keith ignored the troops of groupies that trailed him that tour. „Whenever we got to a hotel, he was calling her,“ confirmed Sam Cutler. „He desperately missed Anita. He pined for her…. He was never unfaithful to her. I was with him every minute of the day of the 1969 tour and he was never with any other women. He was a one-woman-man – a great romantic and a gentleman.“«

Elizabeth Winder, Parachute Women, S. 191

15. Oktober 2023

Nahaufnahme der Mauer, die auf dem Landschaftsfoto ganz klein rechts hinten zu sehen ist. Da war ich nun am anderen Ende angelangt und es gab keinen Ausgang, nur ein Loch im Mauerwerk, da hätte ich unten, am Erdboden entlang durchschlüpfen können, wollte mir aber meinen Mantel nicht versauen. Dann weiter nach links, da saß im Gebüsch in der Sonne ein Junkie, der sich gerade eine Spritze setzte, er schien mich gar nicht zu bemerken, ich ging einfach vorbei. Das ist ja doch irgendwie ein intimer Vorgang. Ich musste kurz an meine Lektüre denken, „Parachute Women“, über die Stones Frauen. Gerade in den letzten Kapiteln, wo ich nun bin, gibt es keine drogenfreien Passagen. Vor allem bei Keith und Anita. Alles keine Neuigkeiten, relativiert aber zwangsläufig die Beurteilung von Junkies. Tristesse in allen Gesellschaftsschichten. Mir sind Junkies emotional näher als Kokser, weil ich glaube, dass Heroin von Sensibelchen bevorzugt wird, Koks aber von Macht- und Erfolgsfixierten. Ich bin zum Glück für beides nicht verführbar. Ich ging weiter und hielt noch mal Ausschau nach einem Hinterausgang. Die Mauer ging in einen Zaun über, da war dann ein verschlossenes Tor, ich ging wieder Richtung Hermannstraße.

15. Oktober 2023

Die für mich noch größere Überraschung bei meinem Rundgang ist hier zu sehen und erklärungsbedürftig. Für Unwissende muss das ein beliebiges, nicht weiter aufregendes Bild von einer uncharakteristischen Durchschnittslandschaft mit Bäumen und blauem Himmel sein. Man muss sich das Areal ungefähr in der Größe von einem Fußballfeld vorstellen. Ein wilder Acker mit Gras, Gestrüpp und Disteln, komplett menschenleer. Zumindest auf den ersten Blick. Die Überraschung besteht darin, dass sich dieses verlassene Stück Natur ungefähr dreieinhalb Minuten Fußweg von der U-Bahn-Halte Leinestraße befindet, einer Ecke von Berlin, die komplett das Gegenteil von menschenleer und verlassen ist. Es ist ein Gewusel ohne Ende. Auf einmal hörten innerhalb des mit einer Mauer begrenzten Friedhofs die Gräber auf, und es gab nur noch diese große, freie Fläche mit sich überlassener Natur und mich.

15. Oktober 2023

Gemütliche Herbststimmung. Die erste Überraschung habe ich nicht fotografiert, nämlich einen Bereich, wo vorwiegend Gräber mit türkischen Namen sind. Die Überraschung ist in dieser Ecke von Berlin freilich nicht, dass zahlreiche Menschen mit türkischem Ursprung hier ihre letzte Ruhe gefunden haben, oder dass Fotos auf den Grabmalen sind. Neu ist mir die ausgiebige Möblierung mit modernen Outdoor-Lounge-Möbeln als Sitzgelegenheiten an den Gräbern. Bequeme Sessel und Sofas, die mit maßgeschneiderten Regenschutzumhüllungen bekleidet sind. Es war recht gut besucht.

15. Oktober 2023

Ungeplanter Streifzug gestern. Ich nehme auf dem Weg zu meinem Atelier jetzt meistens die U8-Haltestelle Leinestraße mit dem Ausgang Richtung Thomasstraße, und laufe dann eine Weile die Hermannstraße nach Süden, bis zur Ecke Schierker Straße. Am Samstagnachmittag gab es warme Herbstsonne und ich wollte mal anders laufen. Meine Idee war ein Schlenker über den St. Thomas-Friedhof, bis ganz nach hinten, in der Hoffnung, dass da ein Ausgangstor ist, und dann nach rechts bis zur Schierker. Verlief etwas anders, aber schön und überraschend. Das barocke Eingangsportal an der Hermannstraße erfreut mich immer wieder.

14. Oktober 2023

Bin wiederhergestellt und besuche nach fünf Tagen meine Werkstatt. Die Sonne blendet mich, während ich das tippe, also raus vor die Tür. Ich habe ein Album angelegt, in dem zu sehen ist, was ich dort die vergangenen acht Jahre fabriziert habe. Ganz schön viel! Ich mache mir Gedanken.

13. Oktober 2023

Helmut Krausser „TRENNUNGEN. VERBRENNUNGEN.“ Eselsohr Seite 151, Piper Taschenbuch

Leo und Iris verbrachten Sonntagnachmittage im Spätherbst gewöhnlich mit einer Netflix-Serie und Honig-Ingwer-Tee. Sie mußten oft lange suchen, bis sie eine Serie fanden, die beide gleichermaßen interessierte. Für Iris kam nichts mit Mord und Zombies und Fantasy in Frage, Leo hatte nichts für Sozialdramen und Comedy übrig. Irgendwie hatte man sich stets auf etwas geeinigt, das erträglich war, aber keinen von beiden wirklich begeisterte. An diesem Sonntag wurde Leo bewußt, daß sich eine gute Beziehung gar nicht so sehr im Bett wie vor dem Fernseher entscheidet. Irgendwann, überlegte er, werden die Kompromisse auf dem Mittelweg zuviel. Eine Begeisterung, die man mit dem Partner nicht teilen kann, schrumpft, wenn man sie quasi in sich hineinfressen muß. Sie liegt dann schwer im Magen, und statt Euphorie stellt sich das Gefühl ein, nicht verstanden, nicht beachtet zu werden. Hinzu kam, daß Iris aß. Nicht nur, daß sie vorhin im Café ihren ganzen Frühstücksteller, von diesem Alibi- Toast mal abgesehen, leergefuttert hatte, eben hatte sie vor dem Fernseher einen halben Liter Haselnuẞeis verdrückt, und jetzt holte sie sich auch noch getrocknete Feigen. Entweder war das, fand Leo, eine Kriegserklärung oder extrem unaufmerksam an einem Tag, an dem er sie, wenige Stunden zuvor, darum gebeten hatte, ein bißchen auf sich achtzugeben. Er reagierte, indem er nicht wie vorgesehen die siebte Staffel der Mad Men aufrief, sondern die erste Staffel der von ihm heißgeliebten Walking Dead. Die wollte er sich immer schon ein zweites Mal reinziehen. Iris machte große Augen.

12. Oktober 2023

EVOLUTION II. Die goldenen Leitlinien. Gaga-Maluntergrund: Unternehmensberatungs-Klimbim Firmen-Leitlinien auf sieben Merktafeln; vier Tafeln 30 cm x 30 cm (maigrün, lilablassblau, cyan, schlumpfblau), drei Tafeln 30 cm x 50 cm (grasgrün, swimmingpoolblau, indigo), Acrylgold, Flambierbrenner, 28. Januar 2023, Staatliche Museen v. Gaganien, Sammlung Fasanenstraße.

11. Oktober 2023

Böse kleine Hexe. Statt bei Albans Event in der Dt. Oper, auf halbacht im Wohnzimmer. Wärmflasche im Rücken. Hab sie fast eine Stunde gesucht, so lange nicht gebraucht. Stöhne ab und zu. Fenster ist gerade nicht auf. Später zum Schlafengehen. Könnte neidische Nachbarn geben. Dabei hatte ich mich heute Morgen schon opernfein gekleidet, auch die Kamera eingesteckt, weil ich eh tagsüber in der Nähe in Charlottenburg war. Blöd. Ich hab auch ein geerbtes Wärmegel, aber das brennt mir auf der Haut. Lieber gute alte Wärmflasche.

11. Oktober 2023

Zweite Hälfte Best of Kirchhoff „Die Liebe in groben Zügen“

S. 429, 430

Sie fuhr und fuhr, Mannheim, Karlsruhe, Freiburg, die Autobahn fast voller als bei Tag, sie kam nicht voran, wie sie wollte, und sprach dafür vor sich hin, was sie wollte, alles, was sie sich in Wilfingers Büro verkniffen hatte oder auf das sie gar nicht gekommen war in seiner Gegenwart, aber jetzt kam. Warum war Schluss mit mir und den Mitternachtstipps, sagen Sie’s einfach. Aber er sagte nur Scheiße, und nicht einmal das richtig. Also, warum nicht: Scheiße, Sie sind zu alt, Vila, bald dreiundfünfzig, aber unsere Zuschauer um diese Nachtzeit, die sind dreißig und jünger. Und sehen nicht irgendwelche Zeichen oder Dinge, die sie weiterzappen lassen, sondern Ihre konkreten Fältchen, wenn Sie es genau wissen wollen, am Hals, um die Augen, am Brustansatz, wo’s zu den Titten geht, die Sie immer verstecken. Das ist wie Schmutz auf dem Schirm, wie Fussel auf einem sauberen Flatscreen. Das hätte er sagen können, und sie hätte ihn samt seiner Schreckensfrau und Hobbydesignerin nie zu ihrem Sommerfest eingeladen. Hat sie aber, obwohl alles so gemeint war, nur warum hat sie’s dann? Weil er sie an ihren Vertrag erinnert hat auf seiner Silvesterparty, Und wissen Sie: Ob Sie nun vor der Kamera sind oder dahinter, Sie sind es mit einem festen Vertrag! Sagt er so, meint Renz. Ein paar Neujahrsworte zu einer festen Freien. Oder freien Festen, auch nur Worte. Dann lieber frei sein, aber festgehalten. Sie konnte Wilfinger nicht mehr ausladen, nur ertragen. Vila, wie jung Sie wirken!, noch ein Silvesterknaller. Aber was sagt dem Dreißigjährigen dann bei ihrem Anblick, dass er weiterzappen soll? Ihr Mund wohl kaum, auf den hat Wilfinger ständig gestarrt. Auch nicht die Frisur, ihre Nachfolgerin geht zum selben Friseur. Bleibt neben den Schmutzfältchen nur der Blick, das muss es sein, (…)

S. 435

Renz war ja mehr ein Gelegenheitsvater: wenn die Kleine erst ausgehen kann, wird alles nachgeholt, ein ewiger Spruch. Einen Scheiß hat er nachgeholt, als sie fünfzehn war. Zeit blieb nur für eine neue Serienheldin, seine Dorfschullehrerin Zeisig, auch noch ihre Idee, dieser zündende Name Stella Zeisig. Die sie sich jeden Mittwochabend beim ersten Glas Wein in einem Fernseher auf der Küchenkommode ansah, während Renz mit keiner Wimper zuckte, ihre Dummheit in Kauf nahm – wer keine Ahnung hat, der ist dumm. Zwei ganze Jahre lang war sie dumm. Sechsundzwanzig Folgen, je dreizehn in jedem Winter, mittwochs vor der Tagesschau: die Idiotinvilastunde. Er sah seine Geliebte, sie sah die Zeisig. (…) Nach der letzten Folge hatte die Heldin genug von Renz, und er ließ sich häuslich trösten, sie reisten noch einmal durch Marokko, (…) Ein Versöhnungstrip, sie machten es in jedem Hotel, neben dem Bett eine Wasserflasche (…) Es war seine Versöhnung, nicht ihre. Und in Erfoud, am Rand der Wüste, hat sie es aus ihm herausgeprügelt, sein gescheitertes Liebesding mit der Serienfotze: ihr Erlösungswort in der Sache. Renz heulte, und sie heulte mit. Und jetzt hängt sie an ihm, weil ihre Zeit in ihm steckt, ihre Tränen. Und genauso seine Zeit in ihr.

S. 525

Es gibt ein Sofa, einen Büchertisch, Bilder, die sie gemeinsam gekauft haben; die Sofakissen in den Farben Italiens, seiner alten Städte, das blasse Rot, blasse Gelb. Immer noch nackt, legt sie sich zwischen die Kissen. Jedes Buch auf dem Tisch, ein legendärer Titel, in diesem Sommer wird sie nichts davon lesen. Sie ist selbst am Kern des Lebens.

S. 587

Und Liebschaft, eins ihrer Zufluchtsworte. Wie Glück. Oder Schönheit. Nur war Schönheit für sie Bewegung, Bühls Gang, seine Gesten, seine Blicke, er konnte einen ansehen, als werde man getauft. Ich taufe dich im Namen des weiblichen Geistes, der kranken Sehnsucht, des Verlangens. Und Glück, das waren solche Taufen, die sich nicht fassen ließen, auch nicht hinterher.

S. 638

Mit dem Verschwinden des geliebten Anderen verschwindet immer auch eine Idee von Liebe, weil der Andere im Grunde nicht genug von ihr hält, weil er von sich selbst nicht genug hält. Also geht er samt der Idee, die er mit in die Welt gesetzt hat, verflüchtigt sich wie die Rücklichter eines Überholenden im Nebel.

S. 639

Renz räumt die Kabine auf, schon für den nächsten Sommer (…). Das Boot schwankt, und sie springt in den See, ihr Körper leuchtet beim Schwimmen, sie hat es auf einem Video gesehen, die Beine gehen auf und zu, immer wieder ihr Schoß, seine Aue: ein frühes Renzwort, schon lang außer Gebrauch, aber sicher noch in ihm. Und irgendwann vielleicht das Letzte, das er vor Augen hat, als Wort und Bild in einem, während die Augen schon nichts mehr sehen.

10. Oktober 2023

KALEIDOSKOP III – AUSGEHEN. „Es handelt sich um Abmalerei“ – „Paris Bar“ (Götz Valien gewidmet). Memorabilia: Tickets (Nick Cave & The Bad Seeds; 2018 Waldbühne, Rolling Stones; 2018 Olympiastadion, Rotfront; 2016 SO36, Berlin Beat Club; 2018 Stadtklubhaus Hennigsdorf, Release Lüül – „Der stille Tanz“; 2022 Musikbrauerei), Flyer (Jan Sobottka, Emil Nolde, Danielle de Picciotto, Hedwig & The Angry Inch, Nänzi, Nico, Udo P. Klein, Café Bleibtreu), Zeitungsartikel (Kippenberger Paris Bar, van Gogh), Fotos (zweimal G. Nielsen), zerteilter Ethno-Seitenstreifen Orsay-Jeans Achtziger Jahre; Schloßstr., orange Linsen, roter Schotter, Blattgold, Kleber, Acryl, Rahmenrückwand, Rahmen, 96 x 54 cm, 1./2./3./15. Mai, 24. August, 24./28./29./30. Sept., 1./3./4./7./8. Oktober 2023, Staatliche Museen v. Gaganien.

10. Oktober 2023

Im Frühjahr las ich „Die Liebe in groben Zügen“ von Bodo Kirchhoff. Ich erwähnte die Lektüre und was mir daran nicht zusagte, in einem Eintrag am 3. Mai 2023. Was ich damals leicht genervt schrieb, wird dem Werk aber nicht abschließend gerecht. Ich fand nämlich durchaus einige Passagen, die mich bewegten und bis zum Ende dranbleiben ließen. Die Routine, die Franz von Assisi-Passagen konsequent zu überblättern, hatte ich beibehalten. Ich habe die Angewohnheit an Stellen, die ich bemerkenswert finde, ein Eselsohr zu knicken, um noch einmal darauf zurückzukommen, wie jetzt mit diesem Eintrag. Hier kommt der erste Teil der Passagen in Kirchhoffs Buch, die mir gut gefielen.

S. 12

Beide kennen sich seit Ewigkeiten, ihre eigenen Worte. Vila wurde schwanger, und man blieb zusammen, gleich um Geld bemüht. Er, anfangs Filmkritiker, geht zu Drehbüchern für Vorabendserien über, sie, irgendwie beim Fernsehen, PR-Arbeit, schafft den Sprung in ein Kulturmagazin, Mitternachtstipps. Da ist Katrin, die Tochter, schon in der Schule, ein Haus am größten See Italiens (dem Kleinen Meer) zur Hälfte bezahlt, und sie wohnen in der häuslichsten Ecke Frankfurts, ruhige Straßen, nach Malern benannt, schöne Altbauten, hohe Bäume, das nahe Mainufer und seine Museen; nah auch die lebhafte Schweizer Straße, ihre Lokale, ihre Läden. Dazu ein Kreis von Freunden wie komponiert, besonnene Paare mit ein, zwei Kindern, Ärzte, Therapeutinnen, Medienleute, Gründer kleiner innovativer Firmen – gemeinsame Abende, gemeinsame Urlaube, ein Leben, für das es kein Ende zu geben scheint. Alles, was uns zerstören kann, existiert bereits, sagt Renz gern, wenn er beim Aufräumen der Küche weitertrinkt. Der Mensch, den wir mehr lieben werden, als er uns liebt, die Wahrheit, die einen fertigmacht, das Messer, in das wir rennen.

S. 101

LIEBE kommt auf uns zu, nicht andersherum, wir können ihr nur davonlaufen, sie als trauriger Sieger abhängen, oder den Atem anhalten, wenn sie plötzlich wie etwas Drittes neben uns und dem anderen steht: ein Schrecken fast ohne Vorzeichen, wohl der heilsamste, den das Leben bereithält.

S. 209

DAS Dilemma jedes Erzählens: ganz bei den Tatsachen bleiben, auf die Gefahr hin, nichts Besonderes zu erzählen (Das ist der Herbst, willkommen in der Pfalz …), oder eine eigene Wahrheit schaffen, mit dem Risiko, dass andere sie abtun können, als pure Erfindung. Was bleibt einem bei dem Dilemma? Man kann nur schweigen oder weitererzählen, und dann hilft es, wenn Fakten und Erzählerwahrheit gelegentlich ein und dasselbe sind.

S. 215, 216

„Es gibt mich wieder, seit es dich gibt“ – schöne Worte, keine beruhigenden. Und Worte, die man nicht speichern musste, die sich von allein einbrannten, in einem weiterwirkten, andere Worte erzeugten, ich weiß jetzt, was ich bin für dich, nur weiß ich nicht, was daraus folgt, ich weiß ja nicht, wer du bist, es geht mir wie dem Erzähler, der sich in seine Figuren tastet und ihnen nur andichten kann, was er mit sonst wem erlebt hat oder von sich selber kennt, mit der Möglichkeit, dass es am Ende nicht passt, kein Ganzes ergibt, nur scheitert. „Dich auf der Welt zu wissen, tut gut“, schrieb er zurück. „Ich esse real und küsse in Gedanken, B.“ Etwas mehr als eine Kurznachricht, schon ein Billett, so expressiv wie alle Botschaften zwischen Liebenden, die Breitschaft, sich in einen Rausch zu stürzen, auszuliefern.

S. 241

Sie nahmen die Autobahn Richtung Rom, eine Tour im Regen, man sah fast nichts, die Beifahrerin hatte den Kopf an der Fahrerschulter, ein Wagen ohne Konsole, zwischen den Vordersitzen die Handbremse, sonst nichts; bis zur Ausfahrt Perugia nur das Geräusch der Scheibenwischer, dann sagte Vila „Komm, erzähl mir etwas“: die alte Bitte, wenn der andere noch ein Rätsel ist, und Bühl erzählte von seiner Nacht im Freien, fast verpasste er die Straße nach Assisi.

S. 293

Sie lachte mit ihrem breiten Mund, und er küsste den Mund: den Teil von ihr, den er retten würde, wenn ihm ein Gott die Chance gäbe, sich etwas auszusuchen zwischen Sohle und Scheitel, das durch seine Wahl überlebt – war er verzweifelt, weil es diesen Gott nirgends gab? (…) In Marlies‘ Nähe fiel er in eine Art Traumwelt, in ein Leben hinter dem Leben, als Renz im Wunderland. Er war nicht Mitte sechzig, er war sechs oder sieben, nur ohne Eltern. Sein Vater, der noch im Krieg war, zuletzt in Belgien, der belesene Allgemeinarzt, der alles wusste und nichts ändern konnte, war mit Mitte siebzig an Prostatakrebs gestorben, da blieben ihm keine zehn Sommer mehr am See. Und auch wenn es weit jenseits der Siebzig passierte, würde er noch ohne das Polster der Weisheit sterben. Nicht das wahre, das gefühlte Alter, von dem alle reden, flößte ihm Grauen ein. Er würde bis zum letzten Atemzug am Leben hängen, am Sehen, am Spüren, am Haben: dass er jemanden streicheln wollte und einen Mund wie Marlies‘ Mund küssen, Blicke sehen wollte, die ihm galten, ihm allein, und den Sommer in seiner Fülle erleben, einmal und noch einmal und immer wieder.

S. 308

Die drei Uraltpaare hatten jedes Jahr ihre Uralttische beim Frühstück und ihre Uraltplätze am Strand, Paare ohne Kinder oder mit erwachsenen Kindern, seit Jahren über Weihnachten in dem Hotel und von Vila und Renz mit speziellen Namen versehen. Nummer eins: das Paar des Grauens, Italiener, sie spindeldürr mit Leopardenleggins und Plateauschuhen, eine Greisinnennutte, er mit geschwärzten Locken, Flickenjeans und Goldkettchen an jedem Gelenk, ein Greisenzuhälter. Dann das Norman-Rockwell-Paar, wie von dem berühmten Illustrator gemalt, zwei Alte aus Houston im ewigen Golfdress, die gern ihre Ansichten über die Verbrecher in Washington und den New Yorker Künstlersumpf loswurden. Und drittens: das Idealpaar, aus genau diesem Sumpf, beide schlank und faltig, der Mann mit Stirnband und einem Lächeln wie Ben Gazarra in The Killing of a Chinese Bookie, sie mit gewaltigem Haar, immer eine Tasche voller Bücher dabei, als hätte Susan Sontag ihre Krankheit überlebt. Und die drei saßen auch schon auf der Frühstücksterrasse, als Vila am anderen Morgen Kaffee bestellte, vor sich nur den Strand und ein glattes Meer, bis Renz dazukam und sie plötzlich Uraltpaar Nummer vier waren, jeder für sich noch ansehnlich, ein Bild von Frau und Mann, aber zusammen das Anti-Paar, mit seinen Strandliegen oft meterweit auseinander und abonniert auf das größte Zimmer in dem kleinen Hotel.

S. 415

Eine großartige Idee, sagte Renz, das war schon nach dem Espresso, als er dem Gast noch die Wohnung zeigte, ihr gehobenes Zuhause inmitten einer Stadt, die als Transitgebilde für Leute galt, die nur ans Weiterkommen dachten, ein Gang, den Vila nicht mitmachte, weil sie seine Wohnungs- und mehr noch die Hausführungen hasste, für ihn noch einmal Gelegenheit, auf Marlies zu kommen – eine schwierige Frau, nicht wahr, auch für Sie? Renz strich an den dunklen, grabsteinhaften Flurregalen mit all seinen ausgedienten Büchern über Filme und Schauspieler, Regisseure und Kameramänner entlang, und die Antwort ein O ja, als er schon die Tischlampen in den vorderen Räumen anmachte, Räume, in die die Sonne nur am späten Nachmittag ein paar schräge Strahlen schickt: Vilas nüchterne Sicht. Also hielt er mit den vielen Lampen dagegen, jede mit warmem Schein, von safrangelb bis blassrot; er hatte auch die Möbel gewählt, passend zur alten Stuckdecke, eine Mischung aus nachgemachtem Biedermeier und Jugendstil und auch halbherzig Neuem wie großen Schwarzweißfotografien anstatt Bildern. Und in der Gegend brauchen Sie nicht einmal Sicherheitsschlösser, sagte er. Der einzige Ärger ist die Parkplatzsuche. Wie ging das mit Marlies auseinander, ungut? Renz nahm eine Flasche Grappa von einem der falschen Jugendstiltische, er füllte drei Gläser und reichte eins weiter, Kilian-Siedenburg roch an dem Grappa. Was geht schon gut auseinander? Es hat nicht einmal richtig gut angefangen.

09. Oktober 2023

Auf den letzten Metern im Britzer Garten, nah am Ausgang Mohriner Allee. In meiner kleinen Sammlung Britzer Garten sind alle Fotoalben vom Geburtstagsausflug. Ich war nicht überall, aber die Highlights sind dabei. War sehr schön und überraschend.

08. Oktober 2023

Vor vielen Jahren war ich in der Arktis, am Nordpolarmeer, auf der nördlichsten Vesterålen-Insel Andøya. Da gibt es viele große Farne in den Wäldern und dieses leuchtende Gelb-Grün. Die Ecke vom Britzer Garten erinnerte mich daran. Außerdem war das die einzige Stelle in dem riesigen Britzer Garten, wo ich ein richtiges Déjà vu hatte, wo echte Erinnerung zurückkam, dass ich da schon mal war, also im Britzer Garten. Die Gesteinsformation, wo ein Wasserrinnsal runtertröpfelt, die gabs schon in den Achtziger Jahren, als ich zum ersten mal in Britz war. Und seither nicht mehr. In Britz hat man einfach nie zu tun. In Britz gibt es noch das Schloss Britz, das ich mir auch mal anschauen will, war ich auch noch nie. Wäre mal ein goldener Herbstausflug. Jetzt ist er nämlich gekommen, der gute alte Herbst. Heute wärmende Oktobersonne.

07. Oktober 2023

Gibt auch einen Pavillon, falls man ganz unter sich sein möchte. Wer zuerst kommt, hat ihn für sich. Ich käme niemals auf die Idee, mich in den Pavillon zu setzen, wenn da schon Leute sind, die eine private Unterhaltung führen. Nur im absoluten Notfall, wenn plötzlich ein ganz schlimmer Regen runterkäme. Aber sonst nicht.

06. Oktober 2023

Ein anderer zauberhafter Teil der Britzer Gartens. Hinter Hecken lässt sich gut verstecken. Ich stelle mir vor, ein idealer Treffpunkt für ein erstes Date mit einer Internet-Bekanntschaft. Überall geheime Ecken mit diskret gestellten Bänken. Bester Zugang: Tauernallee, im Plan da, wo „Themengärten“ und „Kneipp-Armguss“ steht. Und eine gute Flasche Rotwein nicht vergessen.

05. Oktober 2023

Weiter spazieren. Ich werde jetzt mit knallhartem Kalkül abwechselnd Natur und Leute und Stadt und Zeug posten. Außerdem habe ich noch Bücher mit Eselsohren an Stellen, die ich nochmal lesen wollte, und das Gelesene hier verbreiten. Ich werde also noch eine Weile in gewohnter Vorzugsqualität weiterbloggen. Obwohl ich persönlich oft finde, dass meine Einträge aus früheren Zeiten komplexer, emotionaler, ansprechender, metaphysischer, tiefsinniger waren. Manchmal ist mir sogar literarische Qualität unterlaufen. Allerdings eher zufällig, ungeplant. Ist momentan eher eine unaufgeregt pragmatisch beobachtende Phase. Bin aber auch in aufgeräumterer Verfassung, insgesamt und überhaupt. Das „himmelhoch jauchzend – zu Tode betrübt“ hat sich ausgeglichen. Liest sich zwar langweiliger, ist für mich aber ungeheuer erholsam.

04. Oktober 2023

KALEIDOSKOP VI. PINK – Die Waffe der Frau. Memorabilia pink: Eintrittskarten (div. Kinokarten, David Bowie-Ausstellung im Gropiusbau, „The Saddest Song Contest“, „Hedwig and The Angry Inch“, Berlinische Galerie u. v. m.), Flyerschnipsel, von Moderationskarte von Herrn Thadeusz abgerissene Ecke mit Mailadresse, geschenktes lachsrosa Badesalz, geschenkte Sobranie-Zigaretten-Schachtel, Volksbühne-Streichholzschachteln, zwei Ausdrucke von „It’s Tiara Time!“-Fotos für das youtube-Video von Avid Gardener anlässlich der Krönung von King Charles, Emilio Pucci-Geschenkpapier-Überbleibsel von Pucci-Bildband aus Florenz, Merci-Schokoladengoldpapier, rosa Häkel-Bettdecke-Fotofragment von Havanna-Fotokalender-Seite, Bon Prix-Katalogschnipsel, Foto Sophia Loren und Cary Grant aus Vanity Fair, BZ-Zeitungsschnipsel-Schlagzeile „Berliner Jusos wollen PORNOS im Bio-Unterricht“, Visitenkarten (u. a. mit nie angerufener Handy-Nummer von Verehrer Jean C. vom Bandol sur Mer, im November 2007 zu später Stunde im Muschi Obermaier in der Torstraße überreicht), Kassenbon Café Griensteidl am Michaelerplatz in Wien, nie eingelöster Verzehrgutschein (Herkunft vergessen), selbstgebastelte Gaga Nielsen-Briefmarken, pinke Kuverts von Werbewurfsendung „Die Waffe der Frau“, Ausdrucke von Gaga Nielsen-Bildern „Scorpio“ und „Stones Sixty II.“, Spiegelscherben, Dekosteinchen, orange Linsen, Acryl, Sushi-Stäbchen, zerschnittener pinker „Berlin Partner“-Merchandise-Einkaufsbeutel, ausrangierter weißer Leinenvorhang auf Mangoschrank-Verpackungskarton, Schattenfugenrahmen, viel Kleber und Tesapack, 25., 29., 30., 31. August, 1., 2., 4., 5., 6., 10., 24. September 2023, 94 x 94 cm, Staatliche Museen v. Gaganien.

03. Oktober 2023

Schönen Feiertag, Berlin und ganz Deutschland. Ich habe beim Mauerfall in Westberlin gelebt, in Schöneberg. 1992 zog ich nach Wilmersdorf und weitere sieben Jahre später, 1999 nach Ostberlin, in meinen Adlerhorst am Gipsdreieck in Mitte, wo ich das gerade tippe. Meine Freunde sind ziemlich genau jeweils zur Hälfte aus West- und Ostberlin. Ich bin ein alter Wessi und habe dann ein bißchen Ossi gelernt. Ich verstehe beide Welten und mag sie von Herzen gerne. Jede hat ihre eigenen Werte und ihre Geschichte und Vorzüge und Wunderlichkeiten. Ich bin die personifizierte Wiedervereinigung. Der größte Teil meiner Familie lebt in Westdeutschland, aber ein anderer seit Jahrzehnten in Ostberlin, wo wir bis zum Mauerfall viele Päckchen hinschickten. Ich mag alles. Hauptsache Berlin und keine Mauer mehr! Ich wünsche mir, dass der Tag der Wiedervereinigung irgendwann einer für die ganze Welt ist. Länder der Erde vereinigt Euch. PEACE & LOVE.

02. Oktober 2023

Picobello aufgeräumtes Atelier. Nur die Fenster könnte mal wieder jemand putzen. Viele große Scheiben sind schon schön. Geputzt noch schöner. Ich fürchte, die einzige Lösung ist Besuchs-Putzen. Ich muss mir jemanden in meine Werkstatt einladen und dann kommt der Drang… Das pinke, quadratische Bild in der Ecke ist mein letztes Werk. Präsentiere ich noch extra in allen Einzelheiten. Unglaublich, was ich da alles verbraten habe. Teilweise Übertretung des Prominenten-Datenschutzes, aber scheiß drauf. Vielleicht gibts die Mailadresse ja gar nicht mehr. Gibts AOL noch?

01. Oktober 2023

MKM Gallery, „House of Taswir“. Schillerstraße 15. Ein komplexes Kunstprojekt von Shulamit Bruckstein. MKM steht für „Meine kleine Mnemosyne“, Mnemosyne ist die Göttin der Erinnerung. Shulamit Bruckstein zeigt in erlesenem Ambiente eine Werkschau eines losen internationalen Künstlerkollektivs. Sie findet in wechselnden Hängungen statt, mit Werken von Künstlern aus Aleppo, Damaskus, Istanbul, Teheran, Beirut, Berlin, Amsterdam, Bagdad, Bukarest, London, Paris, u.a. In der Tradition eines Salons werden neue Bilder gezeigt und einige herausgehoben und ihre Entstehungsgeschichte erzählt. Meine Kleine Mnemosyne wird von Shulamit Bruckstein für SammlerInnen und Mnemosyne-Liebhaber geöffnet. Lydia machte mich auf diesen Kunstsalon aufmerksam. Bei Faustkultur gibt es einen Artikel, der das Projekt „House of Taswir“ der Gründerin erklärt. Ich stieß nach dem Gespräch dazu und wurde von der Gastgeberin aufs Herzlichste begrüßt. Sie sprach Englisch und meinte mich von einer Auktion „at Berg“ (?) zu kennen. Ich wollte ihren zugewandten Enthusiasmus nicht dämpfen und lächelte verbindlich. Vor geraumer Zeit war ich bei einer Auktion bei Dannenberg, aber die wird sie wohl nicht gemeint haben. Ich muss sie das nächste mal ausgiebig fotografieren, eine Salonnière aus dem Bilderbuch, sehr elegante Erscheinung im Nachmittagskleid. Bei meinem ersten Besuch war ich zurückhaltend mit Fotos und habe auch nur den vorderen Ausstellungsraum und ein Stück vom Entrée eingefangen, sowie Lydia im Gespräch mit einer Freundin.

30. September 2023

Auch im Idyll des Rosengartens in Britz, drei Brunnen zwischen Hecken, Bögen, Kugeln und Rosen. Das hier ist der größte der drei Brunnen, 1984 von der Bildhauerin Christa Biederbick erschaffen. Inspiriert durch Hieronymus Boschs Gemälde „Garten der Lüste„, das Wunschbilder ewiger Jugend zeigt. Im Mittelteil von Boschs Triptychon, das er zwischen 1500 und 1505 erschuf, findet sich das Vorbild für den Brunnen. Alle Besucher waren von dem Brunnen fasziniert und fotografierten ihn. Zauberhaftes Werk.

28. September 2023

Gagas kleine Baumschule: im Rosengarten in Britz gibt es herrliche Hecken und Kugeln. Die meisten sind aus Eiben, aber es gibt auch Buchsbäume. Taxus (Eibe) und Buxus (Buchsbaum) sind die am besten für Formschnitt geeigneten Gehölze. Demzufolge wimmelt es in Schlossgärten und Parks nach historischem Vorbild nur so vor Eibe und Buchsbaum! Andere lassen sich auch in Form schneiden, aber nicht so superexakt und dauerhaft. Da beide sehr langsam wachsen, behalten sie lange die kunstgerechten Formen.

27. September 2023

Da capo Ullstein am Sandwerder. Jan & Gaga, Gaga, Jan & Isa, Jan & Gaga, Jan & Isa, Jan & Gaga. Ungeplante, erfreuliche Begegnung. Ich habe Isa schon in der Vergangenheit getroffen, aber erstaunlicherweise nie am Sandwerder, obwohl ich seit mindestens fünfzehn Jahren recht kontinuierlich bei den Verlagsfesten im Spätsommer und auch anderen Veranstaltungen unterm Jahr da bin, häufig dort fotografierte und darüber bloggte. Nun sind wir übereinandergestolpert und das musste dokumentiert werden. Schon für die anderen Alt-Blogger! Ich habe übrigens immer noch nicht vor, Schriftstellerin zu werden, ich blogge für den Hausgebrauch! Nur einmal hab ich eine Buch-Rezension geschrieben, ein einziges mal! Das war aber in Wahrheit ein Blogeintrag, den ich nach Amazon kopiert habe, mehr so vom Service-Gedanken im Hinblick auf andere Kunden geleitet. Über das Buch von Romy Schneiders Tochter Sarah Biasini. Ansonsten sehe ich mich mehr als Amateur-Gesellschaftsreporterin. Schriftsteller und Blogger und Übersetzer und Musiker und Maler und Fotografen und Filmer und Darsteller und Bestatter und wen ich sonst noch so kenne, sind ja auch Gesellschaft! Jetzt bin ich durch mit den Ullstein-Fest-Fotos. Bis nächstes Jahr am Wannsee!

26. September 2023

Heute Kino! Daliland mit Jenny, im Filmkunst 66. Habe den Trailer gesehen, als ich im Barbiefilm war. Barbara Sukowa als Gala Dali mit schwarz gefärbten Haaren und welchen auf den Zähnen. Hat mir gut gefallen. Ben Kingsley spielt Dali. Lief im Delphi nur eine Woche, am 7. September angelaufen, nach einer Woche abgesetzt. Jetzt nur noch in Programmkinos wie dem Filmkunst 66. Wir gucken die synchronisierte Fassung, da ich darauf baue, dass Sukowa sich selbst synchronisiert hat. Wehe, wenn nicht. Früher gab es so schöne Synchronstimmen, die von Sophia Loren und Audrey Hepburn zum Beispiel. Die letzte mich nicht nervende weibliche Synchronstimme ist die von Judy Winter, aber die spricht auch nur noch ältere Semester. Die ganzen angeknipsten quäkenden und quiekenden schrillen deutschen Synchronstimmen gehen mir gewaltig auf die Nerven! Außer der von Jenny natürlich!

26. September 2023

Wen haben wir denn da. Der Hut ist gewandert, nach unten zum Wannseeufer. Dort, wo Beckmann liest und erzählt, aber es scheint gerade andere Themen für die Damen zu geben. Die nostalgisch angehauchte Anmutung von Stadtpflanze-in-der-Wannsee-Sommerfrische gefällt mir. Gleich tigert Tucholsky um die Ecke und lädt auf Schloss Gripsholm ein, oder Rheinsberg. Je nachdem.

25. September 2023

JETZT KOMMT DER HUT! Also die Dame mit dem Hut. Name und Profession (mir) unbekannt, aber Hingucker-Ausstrahlung. Ich sah sie im Vorbeirauschen, machte Jan auf sie aufmerksam, da wir oft eine identische Einschätzung haben, wer sich gut und interessant fotografieren lässt. Er hatte sie bereits vor mir wahrgenommen und auch angesprochen, da war sie aber gerade beschäftigt und wollte später auf ihn zukommen. So geschehen. Ich sah die Dame mit Hut ein zweites mal und stupste ihn an: „Der Hut kommt.“ Sie war nun bereit. Jan sowieso. Ich auch. Sie wusste nicht, dass sie vor BonnieGaga & ClydeJan mit superscharfen Kameras gelandet war. Wir sind allerdings auch zuweilen partners in crime, was das Lüften der Identitäten angeht. Auch im unzulänglichen Sinne. Ich weiß in gewissen Branchen oder Sparten mitunter nicht, wer die interessanten Leute sind, obwohl sie einen ‚Namen‘ haben, dann kann Jan mir auf die Sprünge helfen, aber auch umgekehrt. Und manchmal sollte Jan den Namen eigentlich wissen, aber er ist ihm wieder entfallen und so sehen wir mitunter unsere Fotos an und rätseln wer da eigentlich drauf ist. Jan hat so oft wiederholende Begegnungen und kann genau sagen, wen er wie oft und wo getroffen hat und weiß trotzdem den Namen nicht mehr. Man will dann auch ungern nachfragen. Wer also zufällig weiß, um wen es sich bei der Dame mit dem Hut handelt, gerne ins Kommentarfeld.

24. September 2023

Hier kommt eine interessante Reihe, wie Daumenkino zu sehen. Erster Teil: Der Fotograf Jan Sobottka bittet die Ullstein-Autorin Samira El Ouassil (Buch: „Erzählende Affen“ – Mythen, Lügen, Utopien – wie Geschichten unser Leben bestimmen | Narrative vom Patriarchat oder der Klimakrise), vor die von ihm als Hintergrund bevorzugte geflieste Wand im Wintergarten der Wannsee-Villa vom LCB. Ich weiß nicht, ob sie ihr Buch schon bei sich hatte, oder es auf Wunsch von Jan in die Hand nahm. Sie stellt sich damit ins Licht, den Kopf Richtung Fensterseite vom Wintergarten. Er macht eine Reihe Aufnahmen. Ich fotografiere beide aus dem Hintergrund. Dann kommt der zweite Teil, der mich fotografisch besonders interessiert. Jan Sobottka zeigt Samira El Quassil die soeben gemachten Aufnahmen. Ich fange schöne Blicke und natürliche Kopfhaltungen von ihr ein, sie bemerkt überhaupt nicht, dass sie immer noch fotografiert wird. Feine Ausbeute für mich, funktioniert immer. Und Jan hat Erinnerungsfotos für sein Archiv.

23. September 2023

Willige Damen auch! Immer wieder faszinierend, wie animierend die Nähe von Jan auf viele interessante Frauen wirkt. Da drücke ich gerne ab, wie hier, auf ausdrücklichen Wunsch von Beiden. Animiert heißt ja belebt, lebhaft. Immer schönstes Motiv für mich.

23. September 2023

Es geht in die Villa, vorbei am Kaminzimmer, Richtung Wintergarten. Ich wusste, dass Jan vor der blau-weiß gekachelten Wand im Wintergarten sein würde, da war er, vertieft im Gespräch mit der Ullstein-Mitarbeiterin, die Robert Seethaler betreut. Sie sprachen über Fotos, die Jan vom Autor Seethaler gemacht hatte.

22. September 2023

Ja, das ist sehr anrührend, was Reinhold Beckmann in seinem Buch aufgearbeitet hat. „Aenne und ihre Brüder„. Er las am Sandwerder einen Auszug daraus, Zeilen eines Briefes von der Front, eines der vier Brüder seiner Mutter Aenne. Beckmann ist siebenundsechzig. Wie schnell die Jahre verstreichen – er war in meiner Erinnerung immer Mitte Vierzig. Guter Mann. Im Bundestag trug er am Volkstrauertag das Lied Vier Brüder vor, den gefallenen Brüdern seiner Mutter gewidmet. Was für ein Anti-Kriegs-Lied. Eindringlich, schmerzhaft, wirkmächtig. Ich hörte es vorhin zum ersten mal, hier ist die Aufnahme zu hören und zu sehen. Beckmanns Lesung an der Rotunde am Wannsee war beim Ullstein-Sommerfest die einzige, die ich mir anhörte. Vor allem erzählte er, wie lange er sich mit dem Buch trug. Jahrzehnte im Grunde. Er gibt damit ein Vorbild für die Verarbeitung eines Familientraumas. In seiner Generation flächendeckend vorhanden, auf allen Seiten. Bis in meine Generation hinein. So lange ziehen sich die schmerzhaften Fäden. Wie Spinnweb um Kinder und Kindeskinder. So viel unter allen Teppichen. Behutsam wegfeudeln.

17. September 2023

Da saß ich so auf der Bank und guckte um mich. Rechts von mir auf dem Erdboden große grüne Blätter mit Tauperlen. Es war früher Nachmittag, die Sonne schien. Tau? Oder hatte jemand gegossen? Wieso waren die Blätter der anderen Pflanzen trocken? Hm. Eine kleine goldbraune Maus mit einem dunklen Streifen auf dem Rücken schlüpfte hinter den Blättern hervor. Ich schaffte es nicht, sie zu fotografieren. Aber die seltsamen Wasserperlen auf den Blättern hielten still. Ich fing sie ein. Daheim schaute ich nach, was ich fotografiert hatte. Ich kenne viele Pflanzen, Kräuter und Gewächse, aber nicht alle. Die Blätter mit den scheinbaren Tauperlen mitten am Tag gehörten dem Frauenmantel. Schon oft gehört, aber nicht gelernt, wie Frauenmantel ausschaut. Dank dem allwissenden Internet habe ich schnell herausgefunden, was es mit den Wasserperlen auf sich hat. Es ist ein Phänomen der Alchemilla. Morgens sind die Blattränder vollständig von einem Perlensaum bedeckt, der sich dann in die Blattmitte bewegt. Der Frauenmantel nimmt Wasser aus dem Boden auf und scheidet es durch kleine Poren im Blatt wieder aus, das ist unsichtbar. Offenbar ist sie etwas gierig und trinkt immer wieder zu viel und das überschüssige Wasser presst sie dann aus Öffnungen am Ende der Blattnerven, am Rand des Blattes. So kommen die dicht mit Wasserperlen besetzten Blattränder zustande. Die Wasserperlen waren also die zur Blattmitte gerutschten Tropfen. Außerdem habe ich gelesen, dass der „Tau“ bei Alchemisten begehrt war. Sie sammelten die Tropfen für ihre Experimente. Unter anderem beim Versuch Gold herzustellen. Daher trägt die Pflanze auch den Namen Alchemilla, was „Kleine Alchemistin“ bedeutet. Der deutsche Name wird auf Marienverehrung zurückgeführt, da die Falten der Blätter Marias Umhang ähneln. Außerdem habe ich ein Gedicht gefunden, das dem Frauenmantel gewidmet ist, vom Schriftsteller Johannes Trojan, der 1837 bis 1915 gelebt hat:

»Das Kräutlein treibt ein rundes Blatt
Wie keines ringsherum es hat.
Mit zierlich eingekerbtem Rand
Ist für den Tau es angespannt,
recht als ein Schälchen hingestellt,
in welches Perl‘ auf Perle fällt.

So hebt es auf des Himmels Tau,
der niedersinkt auf Flur und Au‘,
Manch Elflein gegen Morgen kommt,
das dürstet, dem zu trinken frommt,
Schöpft aus dem Schüsselchen und spricht:
Ein bessres Labsal gibt es nicht.«

Hiermit schließe ich das Karl Förster-Garten-Album. Es folgt ein Spaziergang durch den Rosengarten mit herrlichen Buchshecken.

17. September 2023

In der rosa Staudenecke freute ich mich über den „Roten Sonnenhut“, Echinacea purpurea und das „Hohe Fettblatt Herbstfreude“, Sedum telephium. Der rosafarbene Sonnenhut ist eine meiner allerliebsten Blumen überhaupt, mein schönster Geburtstagsblumenstrauß! Blumen wie aus einem Märchenbuch.

17. September 2023

Weiter. Zum Karl-Förster-Staudengarten in Britz. Da gab es das erste Restaurant mit Terrasse. Ich überlegte, ob ich ein Schnitzel esse und ein Bier trinke. Fand es dann aber zu zeitig für eine ausgiebige Rast, ich war ja gerade erst eine Stunde unterwegs.

17. September 2023

Neuer Tag, neues Glück. Neue Fotos aus Britz. Wenn ich mir einen Ausflug mit dem Fotoapparat vornehme, komme ich (wie wahrscheinlich heutzutage jeder) mit mehr Bildern heim, als ich vorhatte (nämlich: einfach mal schnell zu den siebentausend Dahlien und dann wieder umkehren). Jetzt ist es aber so angelegt, dass das Dahlienfeuer nur ein ganz bestimmtes Areal in dem neunzig Hektar großen Britzer Garten ist, und da kommt man dann an ganz vielen anderen Bereichen vorbei, auch wenn man schnurstracks gehend das Ziel im Auge behält. Zumindest vom Haupteingang am Buckower Damm aus. Der Garten hat mehrere Zugänge, einer davon, an der Tauernallee, wäre näher am Dahlienfeuer. Aber das wusste ich ja alles nicht. Ich war mit der U8 bis Hermannstr. gefahren, von wo der Bus 44 direkt hinfährt, zum Haupteingang am Buckower Damm. Als ich das Eintrittsticket kaufte, gab mir der Mitarbeiter Faltblätter mit Lageplänen. Ich wusste daher, ich muss mich auf dem linken Weg halten und einfach ganz bis nach hinten. Das sind schon ein paar Kilometer.

Eingangs kamen große Wiesenflächen mit wenigen verstreuten modernen Skulpturen, dann links der kleine geologische Garten mit den Erdzeitaltern. Rechts ruhten die Schäfchen, danach begann die Seenlandschaft mit Schilf und Seerosen. Auf der linken Seite war ein überwuchtertes Holzgestell, vielleicht, um sich daran zu hangeln. Rechter Hand der „Südsee“. Den Britzer Garten hat der Landschaftsarchitekt Wolfgang Miller für die Bundesgartenschau 1985 entworfen. Der Münchner Olympiapark von 1972 und die Bundesgartenschau in Kassel 1981 beruhten auch auf seinen Entwürfen. Über den Britzer Garten soll er gesagt haben: „Berlin wollte alles haben, was schön und teuer war“. Voilà.

Es war erst mein zweiter Besuch im Britzer Garten. Der erste lag weit zurück, irgendwann in den Achtziger Jahren, ich konnte mich nur noch ganz dunkel daran erinnern. Als ich dem Herrn im Tickethäuschen erzählte, dass es mehr als dreißig Jahre zurückliegt, dass ich im Britzer Garten war, blickte er mich schulmeisternd tadelnd an. Nicht ernst gemeint, aber recht hat er.

16. September 2023

KREIDE
JURA
TRIAS
PERM
KARBON
DEVON
SILUR
ORDOVIZIUM
KAMBRIUM

Quartär
Tertiär
Kreide
Jura
Trias
Perm
Karbon
Devon
Silur
Ordovizium
Kambrium
Proterozoikum
Archaikum

Hinter den Zähnen, zwischen den Lippen,
Die Zunge küsst hervor das Wort
Als Dreh-, Mittel-, Angelpunkt
Nur zur Erinnerung

Alles muss zurück auf Anfang
Nur zur Erinnerung
Alles muss zurück auf Anfang
Nur zur Erinnerung

Alles muss wieder
haut- und haargenau
porentief zurück
In die alte Ordnung
Die Ordnung vor der Ordnung
Die tobende warme Ordnung

Ich setz‘ mich zusammen aus Sekundärrohstoffen
Wiederverwertbarem Staub
Zusammengeklaubt aus den Zwischenräumen
Langgereister Staub

Ich setz mich zusammen aus zerstörten Sternen
Linke Hände und das Herz
Aus dem Gold geplatzter Sonnen
Interstellarem Erz

Ich singe das Wort, weit weit weg
Manchmal sogar unbemannt
Manchmal tritt es ein im spitzen Winkel
Verglüht nicht, landet unverbrannt

Alles muss zurück auf Anfang
Nur zur Erinnerung
Alles muss zurück auf Anfang
Nur zur Erinnerung

Alles muss wieder haut- und haargenau porentief zurück
In die alte Ordnung
Die Ordnung vor der Ordnung
Vor, vor, vor der Ordnung

Ich setz mich neu zusammen
Aus intergalaktischem Müll
Aus verworfenen Ideen
Aus billigem, teuren Make-Up
Und meinetwegen neonfarbenem Tüll

Den Spiegel zerbrochen
Ohne Vorbild, ungestalt
Die Augen geschlossen
Kein Nachbild mehr
Und kein Tod mehr an der Arbeit

Ja

Blixa Bargeld / Mauro Teardo, „Nur zur Erinnerung“

16. September 2023

Neuer Mitte-Hipster, eingewandert aus den Rocky Mountains: leptoglossus occidentalis. Erstmalig 1999 in Europa gesichtet, in Italien. Unbekannt, auf welchem Schiff oder mit welchem Flieger das Tier eingereist ist. Herzlich Willkommen auf meinem Balkon.

16. September 2023

Berlin, Berlin. Da unten ist heute eine Menge los, klingt nach Demo, es wird getrommelt. Da wollte ich mich mal aufschlauen, welche Demo heute stattfindet. Die Polizei hat den Überblick. Ich zähle siebenundzwanzig Kundgebungen. Es sollte für jeden etwas dabei sein. Ich bin auch für mehr Gottvertrauen für Berlin und ganz entschieden gegen die Schließung vom Spätkauf Quicky Markt! Die Satan-Sache hingegen ist mir etwas suspekt.

„VERSAMMLUNGEN IM LAND BERLIN:

16.09.2023 00:00 23:59 Kundgebung 24/7 Dauermahnwache vor dem Bundesministerium für Justiz und Gerechtigkeit! Unbefristeter Hunger gegen Paragraph 129 StGB!… (vom 16.08. bis 20.09.2023 – täglich) 10117 Mohrenstr. 37

16.09.2023 10:00 16:30 MY BODY – MY CHOICE! Für reproduktive Gerechtigkeit! 10557 Washingtonplatz

16.09.2023 10:00 18:00 Gegen Mieterverdrängung durch sogenannte energetische Sanierung und Luxussanierung für unverfälschte Denkmalpflege, Verstoß gegen den Kaufvertrag. (vom 19.07. bis 15.10.2023 – jeweils Mi.,Sa.,So.) 13509 Kehrwieder An der Heide, Am Brunnen, Am Rosensteg

16.09.2023 10:30 14:00 Recht auf Schwangerschaftsabbruch und sexuelle Selbstbestimmung 10117 Leipziger Platz 13

16.09.2023 10:45 13:30 Pazifismus ist kein Verberchen! freeyurii, objectwarcampaign, Kritik am Militär ist kein Verbrechen. Kriegsverrat ist Friedenstat, Yurii Sheliazjenko ist ein Vertreter der Kultur des Friedens. (vom 18.08. bis 16.10.2023 – täglich) 10117 Albrechtstr. 26

16.09.2023 11:00 15:00 Aktionstag für sexuelle Selbstbestimmung Gem. Koop: Pariser Platz (AP) – Unter den Linden – Bebelplatz (EP) Gem. Anzeige: Pariser Platz – Unter den Linden – Bebelplatz – Unter den Linden – Friedrichstr. – Reinhardstr. – Konrad-Adenauer-Str.

16.09.2023 11:15 14:00 Satan basst Fundamentalismus aus 10557 Scheidemannstr.

16.09.2023 12:00 14:30 Stoppt die Verfolgung von FALUN DAFA / FALUN-GONG Praktizierenden und anderen unschuldigen Menschen in China. Beendet die Diktatur der Kommunistischen Partei. (vom 01.01. bis 31.12.2023 – jeweils Mo., Di., Mi., Do., Fr., Sa., So.) 10179 Jannowitzbrücke

16.09.2023 12:00 16:00 Sozial- und Sicherheitspolitik 10178 Rathausstr. 15 ggü – Rathausstr. – Rathausbrücke

16.09.2023 12:00 18:00 Marsch für das Leben 2023 Platz des 18. März und Straße des 17. Juni – Ebertstraße – Potsdamer Platz – Leipziger Platz – Leipziger Straße – Friedrichstraße – Unter den Linden – Wilhelmstraße – Dorotheenstraße – Ebertstraße – Platz des 18. März und Straße des 17. Juni

16.09.2023 12:10 20:10 Jahrestag der Ermordung von Jina Amini: Frau Leben Freiheit Bebelplatz – Unter den Linden – Schlossbrücke – Karl-Liebknecht-Str. – Memhardstr. – Rosa-Luxemburg-Str. – EP: Rosa-Luxemburg-Platz (vor der Volksbühne)

16.09.2023 12:15 19:00 Stoppt die Verfolgung von FALUN DAFA / FALUN-GONG Praktizierenden und anderen unschuldigen Menschen in China. Beendet die Diktatur der Kommunistischen Partei. 10999 Oranienplatz 1 Aufzugsstrecke: Oranienplatz (…) Monbijouplatz – Burgstr. – Anna- Louisa-Karsch-Str. – An der Spandauer Brücke – Hackescher Markt – Rosenthaler Str. (…) Kollwitzstr. – (…) Checkpoint Charlie (…) Winterfeldplatz (…) Zoologischer Garten (…) Rudi-Dutschke-Str. – (…) Sonnenallee (…) Maybachufer – (…) Oranienplatz (EK)

16.09.2023 13:00 14:30 Protest gegen Kriegshandlungen der Russischen Föderation 10117 Unter den Linden 63

16.09.2023 13:00 17:00 Stoppt die Verfolgung von FALUN DAFA / FALUN-GONG-Praktizierenden und anderen unschuldigen Menschen in China. Beendet die Diktatur der Kommunistischen Partei. 12435 Am Treptower Park

16.09.2023 14:00 16:00 Freiheit für Özgül Emre Ihsan Cibelik und Serkan Küpeli 10967 Hermannplatz

16.09.2023 14:00 17:00 Fahrrad feiern -Stadtzentrum umkreisen! (23. Fahrradkreisfahrt des ADFC Berlin e. V.) (…) Potsdamer Platz (historische Ampel) (…) Kurfürstendamm (…) Nollendorfplatz (…) Warschauer Straße (…) Potsdamer Platz (historische Ampel) (….) Großer Stern – Str. 17. Juni – Platz des 18. März (EK)

16.09.2023 14:00 17:00 Gedenkfeier zum Jahrestag der Ermordung an Jîna Amînî durch das iranische Regime. 10557 Platz der Republik Neue Kundgebungsörtlichkeit: – Paul- Löbe- Allee (Mittelinsel und südl. Fahrbahn ) , zwischen Annemarie- Renger- Str. und Konrad- Adenauer- Str.

16.09.2023 14:00 18:00 Solidarität mit der revolutionären Bewegung im Iran Breitscheidplatz – Kurfürstendamm bis Uhlandstr. – anschließend zurück über Kurfürstendamm – Tauentzienstr. bis Ecke Nürnberger Str. – dort wendet der Aufzug und läuft über Tauentzienstr. zurück zum EP: Breitscheidplatz

16.09.2023 14:30 15:30 Satan basst Fundamentalismus aus 10117 Leipziger Platz Leipziger Platz – Höhe Bushaltestelle S + U Potsdamer Platz – Seitens Mall of Berlin

16.09.2023 14:30 16:30 Regulierung von Fahrzeugen ohne Lenk- und Haltestange (…) Steinplatz – Hardenbergstraße – Umrundung Ernst-Reuter-Platz – (….) Columbiadamm – Eingang Tempelhofer Feld Nord (Höhe Lilienthalstr.)

16.09.2023 15:00 16:30 Stopp mit der Legalisierung von Cannabis! Drogenkonsum ist nicht die Lösung unserer Probleme! 10999 Kottbusser Tor

16.09.2023 15:00 20:00 Jahrestag der Ermordung Mahsa (Jina) Amini 10117 Platz des 18. März Kundgebungsörtlichkeit: – Straße des 17. Juni, ab Großer Stern (ausschließlich Großer Stern) bis Yitzak- Rabin- Straße

16.09.2023 15:00 21:00 Kultur und Widerstand: Kurdischer Tanz gegen Rassismus international 10997 Mariannenplatz

16.09.2023 15:45 16:45 Satan basst Fundamentalismus aus 10117 Unter den Linden Mittelinsel – Unter den Linden – Wilhelmstr.

16.09.2023 16:00 19:00 Gedenken der Opfer des marokkanischen Erdbebens 10178 Alexanderplatz (ggü Weltzeituhr) 1

16.09.2023 17:00 19:30 Mehr Gottvertrauen für Berlin. Mit der angemeldeten Versammlung möchten wir unsere Meinung kundgeben, dass jeder Einzelne und wir als Gesamtgesellschaft dringend Gott brauchen, um die Probleme unserer Zeit (gesellschaftliche Ungleichheit, Orientierungslosigkeit, Drogensucht, familiär Schwierigkeiten etc.) zu überwinden… 10178 Alexanderplatz

16.09.2023 18:00 21:00 Protest gegen Schließung des Spätkaufs Quicky Markt 10997 Skalitzer Str. 96″

14. September 2023

Siebentausendfünfhundert gepflanzte Dahlien mit fast dreihundert Sorten gibt es da, im Britzer Garten. Ich nehme an, die siebentausendfünfhundert sind die gepflanzten Stauden, denn die Anzahl der Blüten lässt sich nicht mehr zählen. Das muss auch gar nicht sein, es sind genug, um ergriffen und begeistert zu sein.