24. Juli 2023

Warten auf den Mango-Schrank. Sitze vor dem E-Tracker der Spedition Raben. Geplanter Liefertermin 24.07.2023. Aber wann? Seit Freitag ist er im Depot in Mittenwalde, seitdem heißt es im Tracker „Avisierung nötig“. Hm. Ob ich doch mal anrufe? Der Schrank ist für eine Ecke in meinem Schlafzimmer. Da ist bislang ein Stoffschrank, so ein provisorisches Ding. Der ist mir letzte Woche fast entgegengekippt. Wegen Überfüllung und durchaus verständlicher Materialermüdung der alles andere als belastbaren Konstruktion von Kunststoffverbindungsteilen und Rohrgestänge. Wäre dann direkt aufs Bett gekippt. Nun habe ich doch endlich mal was Massives, Stabiles bestellt. Eigentlich hätte mir so ein chinesischer Hochzeitsschrank mit aufgemalten Blumenranken oder in klassischem Chinarot oder Schwarz in meinem Schlafzimmer am besten gefallen, aber die haben zu wenig Stauraum und auch keine Kleiderstange. So habe ich mit Vorgabe der Maße gegoogelt, was exakt in die Ecke passt, wo jetzt der Stoffschrank steht. Der war dann das Suchergebnis, das mir am besten gefallen hat. Ist aus massivem Mangoholz, ein Abfallprodukt von Mangofarmen. War mir auch vom Material, der Oberfläche und dem Lamellentüren-Look sympathisch. Sind aber keine Ritzen dazwischen, wäre ja sonst ein Staubfänger erster Güte für die Sachen im Schrank. Wie man sich fast schon denken kann, ist das nicht mein einziger Kleiderschrank. Im Schlafzimmer ist noch ein massiver mit einem ovalen Spiegel und auf dem Flur steht mein größter Schrank von den dreien, ein komplett verspiegelter mit drei Schiebetüren, vor dem ich manchmal Fotos mache. Der Tracker sagt noch nichts Neues. Bei Amazon steht als Lieferdatum 25. – 28. Juli, aber ich denke, die Spedition Raben hat das genauere Datum. Es bleibt etwas spannend! Ich denke, ich rufe gegen Acht mal an, da geht bestimmt schon jemand ran. Aber erst mal Kaffee.

23. Juli 2023

Als wir da so saßen, vor uns die Bastion Koenigin, rechter Hand der Eingang zur Freilichtbühne, inzwischen dämmerte es und die Laternen leuchteten, gingen wir davon aus, dass wir nach der Pause doch noch mal bis zur Band reinkämen, aber am Eingang war ein strenges Regiment. Wir waren schon dankbar, dass wir vorne am Stand Getränke kaufen durften und sogar aufs WC. Wir hatten nun Hunger, und am Würstchenstand kamen gerade neue Bratwürste auf den Grill. Wir planten, zwanzig Minuten später welche zu holen, da hieß es, das sei nun das letzte mal gewesen, dass wir reindurften. Unser Würstchenhunger war kein Argument.

Begründung war, einige, denen man auch gestattet hatte, sich was zu trinken zu holen, hatten sich nicht dran gehalten, danach gleich wieder rauszugehen und seien frech durch bis zur Bühne und dann dringeblieben. Aber Ina kriegte es eine halbe Stunde später doch wieder hin, ein weiteres mal für Würstchenholen reinzukommen. Nun waren wir wieder gut versorgt und plauschten draußen weiter. Es wurden neuere Erkenntnisse über vergangene Lieben und die erstaunliche Veränderung von eigenen Gefühlen ausgetauscht.

23. Juli 2023

Auf der Mauer steht es: KOENIGIN. Ina war gestern die Königin der Bastion Koenigin. Ich auch! Wir waren für 19 Uhr verabredet, in der Freilichtbühne an der Zitadelle. Ich war wenige Minuten vor ihr da und kriegte kein Ticket mehr. Ausverkauft! Das hätten wir uns beim Berlin Beat Club fast schon denken können, aber ich hatte wohl gerade keine Lust zu denken. Ich wartete draußen auf einem der Mäuerchen vor dem Eingang bis Ina kam. Ich eröffnete ihr die Neuigkeiten. Kein Grund zur Traurigkeit, wir haben uns genug zu erzählen. So nahmen wir uns vor, den Türsteher dazu zu bringen, dass wir uns Getränke holen können und dann wieder rausgehen. Man konnte ja jeden Ton ausgezeichnet hören. Und wir hatten einen Blick auf die Bastion Koenigin der Zitadelle! War sehr schön!

23. Juli 2023

Gestern abend fiel meine sehr spontane Garderobenentscheidung auf ein Walla-walla-Ensemble. Wetter so leicht unwägbar, Plan war, Ina in der Freilichtbühne der Zitadelle zum Berlin Beat Club-Konzert zu treffen. Da dachte ich, kann ruhig locker und bequem sein, so ein bißchen hippiemäßig. Körperbetonter und sexier spare ich mir für entsprechende Anforderungen. Das hört sich vielleicht ein bißchen gemein an, aber ich erwartete kein männliches Publikum, das meinem Beuteschema nah kommt, also war es mir eher wurst. Ich habe mir natürlich die Haare gekämmt und mich zurecht gemacht, aber dieses Foto von meinem Look zeigt mir, dass ein wenig körperbetonter, weniger unwägbar, doch attraktiver ist. Ich möchte nicht wie ein Elefant oder eine Walküre aussehen, da sehe ich ein gewisses Gefahrenpotenzial bei so einer labbrigen Silhouette. War aber natürlich unendlich bequem. Eine okaye Entscheidung. Denn der Abend verlief etwas anders als geplant.

23. Juli 2023

Kleiner Epilog zu meiner epischen Berichterstattung über meinen Ausflug zur Siegessäule. Bin selbst überrascht, dass ich es hinbekommen habe, aus einem einzigen Nachmittagsausflug im Juni 2015, zu einer einzigen Sehenswürdigkeit, sage und schreibe – mit diesem hier – 38 Blogeinträge zu generieren. Dennoch habe ich eine wichtige Anmerkung versäumt. Gestern war ja wieder CSD, der Christopher Street Day, bei dem Hunderttausende zur Siegessäule marschiert sind, und dann zum Brandenburger Tor, wo Tokio Hotel und Ton Steine Scherben performt haben. Die Siegessäule ist nicht nur ein Berliner Wahrzeichen am Großen Stern, sondern auch der Name eines sehr coolen Berliner Stadtmagazins, das 1984 von und für die gay community aus der Taufe gehoben wurde. Und hierzu möchte ich anmerken, dass ich den Namen einfach geil finde. Für mich impliziert das ganz klar eine lustvolle und lustige Anspielung, und zwar in doppelter Hinsicht. Ich meine, ich muss jetzt nicht erklären, was Säulen im übertragenen Sinne symbolisieren. Und das in Verbindung mit dem Wort SIEG finde ich super gelungen und auch kess. Auf eine verspielte Art sexy. Das framed die Siegessäule mit ihrer altmodischen Krieges-Sieges-Verherrlichungs-Historie noch einmal neu. Siegessäule und Loveparade – eine schamanische Reinigung für unsere Goldelse. I like! Übrigens finde ich es nicht ganz korrekt, wenn in der Berichterstattung zum CSD vermeldet wird, dass soundsoviel Hunderttausend „queere“ Menschen daran teilgenommen haben. Sicher waren es viele oder sogar überwiegend Menschen, die sich in dem Begriff wiederfinden. Aber nicht nur. Seit vielen Jahren nehmen immer mehr Berlinerinnen und Berliner just for fun und aus Solidarität daran teil, die straight hetero sind. Lebensfrohes Zeichen einer kunterbunten Normalität.

Hier sind alle meine Siegessäulen-Stories – auch im Header des Albums – verlinkt:

23. Juli 2023

22. Juli 2023

Und hiermit schließe ich mein Goldelse-Album. Das war ein schönes Rendezvous. Goldelse ade, Scheiden tut weh! Ich hoffe, Euch hat der Ausflug auch gefallen. Ihr dürft Else auch mal besuchen, hat sie mir ins Ohr geflüstert, und ich soll schön grüßen!

22. Juli 2023

Und das sieht man, wenn der Blick in die Weite schweift. Allein dafür lohnt sich der Aufstieg zur Goldelse. Mir lief ein Schauer über den Rücken. Die Perspektive kannte ich von Luftaufnahmen, Berichterstattungen über die Loveparade. Aufregend, bewegend…

21. Juli 2023

Blick vom Großen Stern zum Brandenburger Tor im Sommer 2015. Auf der anderen Seite am Fluchtpunkt der Ernst-Reuter-Platz. Auf einer weiteren Achse ganz klein hinten der Schöneberger Gasometer. Habe viele Jahre sehr nah, in der Leberstr. gewohnt.

20. Juli 2023

„A Room With A View…“ Ein Lehrstück, was Standpunkt und Perspektive verursacht, ausmacht. Motorisiert den Großen Stern mit Siegessäule und Goldelse überquerend, nimmt man den Verkehr wahr, einen Verkehrsknotenpunkt. Auf der Rotunde mit den Säulen stehend, den Blick über das Meer des Tiergartens, denkt man jäh: „erhebend!“, „erhaben!“, empfindet Ruhe, Weite, Luft und Langsamkeit, geradezu als flanierte man in Franzensbad im Sommerkleid. Die Automobile schrumpfen zu Scootern, zu kleinen Matchboxautos. Putzig. Nur ein unschuldiger Zeitvertreib.

20. Juli 2023

Gaga Nielsens Seh-Schule. In Details eintauchen, bis es psychedelische Qualität hat, hingeben. Sich freuen, dass man diese abgefahrenen goldenen Blumen an der Decke sieht, ohne psychedelische Substanzen eingeworfen zu haben. Die dreidimensionale Welt ist so ein Hammer. Unerreicht, unersetzlich.

20. Juli 2023

Ich weiß nicht, ob die Siegessäule meine Werbung nötig hat. An diesem Junitag 2015 war sie gut besucht, aber nicht gedrängt voll. Angenehm. Ich habe Freude daran, meine Erlebnisse zu teilen, obwohl ich vergleichsweise zurückgezogen lebe. Sicher ist, dass ich Trivialitäten zwar nicht zu Sensationen aufbausche, aber doch ein Talent habe, vermeintlich allzu Bekanntes neu zu beleuchten. Und so bequem für meine Leserinnen und Leser, nicht wahr. Im Übrigen ist mir aufgefallen, dass ich mitunter eine diebische Freude habe, Einträge ohne Pointe oder anekdotische Qualität zu verfassen. So ist das Leben nämlich allermeistens und dennoch gar nicht schlecht. Tage mit Abwesenheit von persönlichen Katastrophen sind eigentlich schon ein großes persönliches Glück.

19. Juli 2023

Noch ein paar Bilder von gestern in Babelsberg. Ich hatte Georg vor fünfzehn Jahren, in Begleitung der Poetryclub-Projekte mit Visuals, so oft fotografiert, eine derartig routiniertes Vorgehen erlangt, dass zahllose Serien ohne aufwändige Absprachen entstanden, in wenigen Minuten. Ich erzähle beim Fotografieren gerne irgendein Zeug oder stelle eine Frage, die Konzentration auf die Antwort erfordert, um für meinen Geschmack zu kalkulierte Blicke, Gesten und Posen zu unterbinden. Das war auf unserem Weg zurück zum Auto, vor dem Mauerstück mit Maschinen-Maria.

19. Juli 2023

Die Studios von Rotor Film befinden sich auf dem weitläufigen Gelände von den übrigen Filmstudios in Babelsberg, in der August-Bebel-Straße, wo auch die historischen, modernisierten UFA-Studios sind. Vor einer Halle steht ein Berliner Mauer-Stück mit aufgemalter Maschinen-Maria aus Langs Meisterwerk Metropolis.

19. Juli 2023

Kleine Unterbrechung meiner Berichterstattung zur Eroberung der Siegessäule, aus aktuellem Anlass. Gestern Abend gab es in Babelsberg ein Wiedersehen mit Georg „Cosmic“. Im Studio F von Rotor Film fand ein Prelistening des am 21. Juli erscheinenden neuen Albums „Starcatcher“ von Greta Van Fleet statt, einer Band mit vier Jungs aus Michigan, die 2019 einen Grammy bekam, und Georg hatte mich gefragt, ob ich Lust hätte, mitzukommen. Ich hatte zwar bislang keine Verbindung zu der Band, aber war neugierig, auch auf das Studio, das als Europas größtes Studio für Audio-Postproduction bei Spielfilmen gilt, auch wegen des großen Screens. Colorgrading bei Visuals und Filmen lässt sich dort auch ideal bearbeiten. Leider durfte man drin keine Fotos machen, aber auf der Website von Rotor und in einem Bericht vom Deutschlandfunk sind Bilder von dem sehr großzügigen Studio zu sehen. Wir saßen in bequemen Ledersesseln, genau in der Mitte, drei Meter hinter dem meterlangen Mischpult mit über zwanzig Monitoren und hörten uns das Werk an. Moderiert von Christiane Falk von Radio Eins. Danach wurden zwei Bandmitglieder live zugeschaltet und es gab ein kleines, launiges Gespräch mit Fragen der Zuhörer. Auf der Seite war ein kleiner Tresen mit Snacks, Obst und Getränken. Von der schwülen Luft draußen war im Studio nichts zu merken, es war ideal temperiert, geradezu erholsam. Ein spektakulärer Arbeitsplatz. Danach machten wir draußen auf dem Gelände noch ein paar Bilder. Was unbedingt sein muss, wenn man sich fünf Jahre nicht gesehen hat. Wir haben uns upgedatet und ausgetauscht. Es ist schön, alte Weggefährten hin und wieder zu treffen, man spürt auch sehr, wie schnell doch Lebenszeit vergeht. Jetzt sind wir Fiftysomethings. Aber immer noch cool…!

18. Juli 2023

Auch unten, eine kleine Krypta für den Grundstein der Siegessäule, von König Wilhelm I. gelegt. Aber an anderer Stelle, am damaligen Königsplatz, heute Platz der Republik, nicht zu verwechseln mit dem Platz vom früheren Palast der Republik. Der Platz der Republik ist eine Wiese hinterm Reichstagsgebäude. Der Platz, wo früher das Roon-Denkmal stand. Auch die riesige Siegessäule musste 1938 wegen Albert Speers größenwahnsinniger Germania-Entwürfe umziehen. Dabei wurde sie um sieben Meter erhöht, im Sockelbereich. Ich nehme an, der unterste Tortenboden, wo das Grundstein-Séparée ist. Die ganze Wucht aus Beton ist von 1938.

18. Juli 2023

In diesem Teil der Ausstellung, im Tortenboden der Siegessäule, scheinen Vergleiche angestellt zu werden, weltweite. Empire State Dings, Eiffelturm, schiefer Turm von Pisa, wer hat den Größten…?

18. Juli 2023

Drinnen. Mächtige Betonpfeiler. Zuerst: Ausstellung gucken. Im Bereich „Siegessäule heute“ wird die Love Parade als Highlight gewürdigt, obwohl Zweitausendfünfzehn auch schon wieder ein halbes Jahrzehnt Vergangenheit. Eine nachhaltige Ausstellung.

17. Juli 2023

Tür. Tür. Tür. Ticket. Eintritt ist teurer geworden, jetzt vier Euro. Die 0,50 € Rabatt im Café Viktoria hab ich leider jetzt erst entdeckt. Blöd. Zweitausendfünfzehn brauchte ich schon eine Lesebrille, die habe ich beim Ausflug kein einziges Mal aufgesetzt. Das Kleingedruckte auf so einem Kassenbon hat mich nie interessiert.

17. Juli 2023

Da hinein. Auf dem Relief sieht man die erste Love Parade 1873. Damals gab es noch keine Trucks mit Musikanlage und Verstärkern, deswegen mussten alle, die nicht zu Fuß bei der Love Parade mitmachen wollten, ein Pferd mitbringen. Da konnten dann am Sattel und Zaumzeug auch kleine Trommeln festgebunden werden und Köcher für die Flöten und eine Flasche aus Fell für die Getränke. Da auch 1873 schon Drogen und Alkohol als Proviant bei geselligem Beisammensein sehr beliebt waren, sind manche vom Pferd gefallen und wurden dann ein bißchen mitgeschleift, das sieht man auch sehr gut naturgetreu auf dem Relief abgebildet. Es musste ja immer weitergehen mit der Parade, immer zackig im Rhythmus. Bumm bumm bumm. Die Kopfbedeckungen waren zum Schutz gegen die Sonne, weil die Parade von Anfang an im heißen Juli stattfand, den ganzen Tag lang, bis nach Sonnenuntergang.

17. Juli 2023

Das unterste Stockwerk der Mokka-Hochzeitstorte von Goldelse ist aus einer Schicht Nussnougat mit einer Verzierung aus feinster Bitterschokolade. Das zweite Stockwerk der Torte ist aus großen Zigarren-Hippen gebacken, die mit Mokka-Creme gefüllt wurden und ebenfalls mit einer dicken Schicht Nougat überzogen wurden. Der Tortenboden unter und über den gefüllten Hippen-Säulen ist aus mit Mokkalikör getränktem Mürbteig. Die Säule wurde aus feinstem Lübecker Marzipan hergestellt und mit Mandelblättchen, Krokant und Blattgold verziert. In die Mitte der Säule wurde mit einer Spritzvorrichtung über die gesamte Länge Mousse au Chocolat eingefüllt. Goldelse ist aus Rosenmarzipan und trägt Unterwäsche aus Zuckerguss mit Kokosflockenspitze und Lavendelaroma. Ihr Hochzeitskleid ist aus hauchzartem Blattgold.

17. Juli 2023

Ich habe das Geheimnis recherchiert, wie Wim Wenders die Aufnahmen mit der Goldelse bei „Der Himmel über Berlin“ und „In weiter Ferne, so nah!“ hingekriegt hat. Das erzählte er in einem Interview mit der WELT. Die Schwarzweißfotos hier sind von mir und zeigen die echte Goldelse. Sie hat androgyne Gesichtszüge, könnte auch ein Jüngling sein. Das Modell von Wim Wenders sieht ein bißchen anders aus, die Pupillen kommen nicht so schön raus.

WELT: Wie haben Sie die Szenen auf der Siegessäule gedreht?

Wim Wenders: Für die Goldelse haben wir ein maßstabgetreues Modell gebaut, zumindest für ihren Oberkörper. Das stand für unseren Dreh auf einer Wiese irgendwo. (In Berlin gab’s ja damals freie und leere Flächen en masse.) Bruno Ganz und Otto Sander konnten bequem auf ihrer Schulter sitzen. Otto hatte aber Höhenangst, da war es ihm auch bei den fünf Metern schon ganz schön mulmig. Und dann mußte er auch noch runterspringen! Wir hatten tausend Pappkartons und Matratzen ausgebreitet, und laut unserem Stunt-Coordinator konnte bei dem Sprung absolut nichts passieren. Aber weil Otto so Angst hatte (umso mehr habe ich ihm angerechnet, daß er dann doch gesprungen ist), passierte dann das Unvermeidliche: Er hat sich den Fuß verknackst und ist in die einzige Ritze reingesprungen, die sich da zwischen all den Kartons versteckt hatte. Erst für den Nachfolgefilm fünf Jahre später, „In weiter Ferne, So nah!“ haben wir dann auf der echten Goldelse in luftiger Höhe gedreht. Aber da hatte Otto natürlich ein Double!

16. Juli 2023

Bin immer noch etwas platt. Die Kombination von hohen Temperaturen, steigender Luftfeuchtigkeit und meinem einmal im Monat zyklisch auftretenden Kopfweh, links oben, wo der Hypothalamus, die Hormonfabrik sitzt, ist anstrengend. Früher dachte ich, ich hätte zuviel oder durcheinander getrunken, bis ich dem Rhythmus auf die Schliche gekommen bin. Ich trinke nicht mehr durcheinander und nur beste Qualität. Vor zwei Jahren habe ich angefangen, die Attacken in einen Kalender einzutragen und einen Zyklus identifiziert. Manche Attacken dauern anderthalb Tage, andere, wie diese gerade, bis zu drei. Hat Migräne-Qualität, mit einem einseitig links unter der Schädeldecke drückenden Druckkopfschmerz, ganz punktuell. Oft kann ich es gut durch zwei Aspirin auf einmal abdämpfen, aber nicht komplett. Genug der Leidensberichterstattung. Es geht mir schon besser, aber das Wochenende war daher leider von maximaler Regungslosigkeit geprägt. Freitag wollte ich übers Knie brechen, Jan beim Verein der Berliner Künstler zu treffen. Ich muss mich ja langsam mal wieder ein bißchen in der Szene connecten. Ich war absolut gewillt, zog mir das blauweiße Kleid an, das man auf dem Foto sieht, machte mich einigermaßen zurecht und ging mental motiviert los, obwohl körperlich nur Ruhe suchend. Dieses zuversichtliche Lächeln auf dem Foto ist Fake, fällt unter Autosuggestion, ich war nämlich kurz vorm Kreislaufkollaps. Fünf Minuten nach dem Foto daheim, an der Ecke Auguststraße zur Hamburger Straße, bekam ich so einen schlimmen Schwindel und Herzklopfen, dass ich mich an der Hauswand festhalten musste. Ich hatte einen Moment echte Panik, dass mir gleich das Herz stillsteht, mir wurde schon schwarz vor Augen. Es hatte keinen Sinn, ich musste umkehren, tapste vorsichtig zurück in meine Wohnung. Trank viel Wasser und legte mich hin. Kein weiterer Grund zur Beunruhigung, der Schwindel war sicher nur, weil ich nicht auf die Signale gehört habe, und los bin. Aber wie gesagt, es hat sich schon beruhigt und morgen bin ich wieder superfit. Habe seit Donnerstag Abend keinen Alkohol getrunken. Geht ja mal gar nicht. Bin nicht der Typ für Kamillentee!

13. Juli 2023

Es scheint Einigkeit zu bestehen, dass es ich um ein Motiv handelt. Kein Hinweisschild fordert zum Fotografieren an dieser Stelle auf. Wie hypnotisiert wurden die Apparate in Position gebracht. Ich hatte meine fertig und konnte diese Gleichgesinnten verewigen.

12. Juli 2023

Falls jemand mit Gehbehinderung mitliest, würde es mich freuen. Dann ergibt es noch viel mehr Sinn, dass ich meine Ausflugswege so detailliert dokumentiere. Insbesondere an Orten, die schwer oder gar nicht mit Gehilfe oder Rollstuhl zugänglich sind. Das trifft auf die Siegessäule und den Weg dahin zu. Es geht jetzt in den Tunnel, der zur Siegessäule führt, unterirdisch, direkt unter dem Verkehr am Großen Stern. Gerade erst lese ich, dass es sogar vier unterirdische Tunnel gibt, die zur Mitte führen. Bei den Aufnahmen mit dem Mann im Eingang im Gegenlicht denke ich jedesmal, ich habe Benjamin von Stuckrad-Barre fotografiert. Aber ich war durchgängig allein unterwegs. Nicht, dass Gerüchte entstehen.

11. Juli 2023

Ich präsentiere nun Farbaufnahmen vom Großen Stern und von der Siegessäule mit Automobilverkehr. Es gibt auch Armleuchter mit zwei Armen und bestimmt auch mit zwei Beinen! Pfiffig habe ich die Stelle mit dem versteckten Eingang zum unterirdischen Tunnel gefunden. Da, wo die Schautafel ist, geht die Treppe runter.

11. Juli 2023

Struppi-Tagebuch: HEUTE FRÜH WAR STRUPPI NICHT MEHR IN SEINEM NEST!!! Gestern Abend hat er noch drin geschlafen. Struppi ist flügge geworden und ich habe es nicht gesehen. Vielleicht hat er ja gestern tagsüber schon mal Fliegen geübt, als ich weg war. Bin gespannt, ob er noch mal zurückkommt. Jetzt liegt das kleine Ei ganz verlassen im Nest. Vielleicht war es ja auch gar nicht befruchtet. Ich kenne mich da nicht so aus. Dass ich mir eingebildet habe, da wäre ein kleiner Ringeltauben-Tim drin, war ja nur, weil die Eltern versucht haben, das Ei auszubrüten. Ich habe auch gelesen, dass manchmal zwei Eischalen um ein Ei sind und das Küken dann mit dem Eizahn die erste Schale aufpickt und durch die zweite nicht durchkommt. Aber das will ich mir gar nicht weiter ausmalen. Es ist, wie es ist. That’s life! Mir wäre es eigentlich ganz recht, wenn eine Krähe käme und sich das kleine Ei holt, dann werde ich nicht immer dran erinnert. Ich mache es nicht weg. Ich wüsste ja gar nicht wohin damit. Es in den Mülleimer zu werfen, fände ich irgendwie total lieblos und gemein und auch unnatürlich.

11. Juli 2023

Alt-Berlin! Historische Aufnahmen vom Verkehr am Großen Stern. Der im vergangenen Jahrhundert geborenen Fotografin Gaga Nielsen gelangen im Jahre Fünfzehn einmalige Aufnahmen vom Verkehr mit zwei Radfahrern, vier (!) Automobilen, einem Bus und drei Fußgängerinnen. Mutig stellte sich Gaga Nielsen an den Großen Stern und drückte ab. Pferdedroschken waren gerade aus der Mode gekommen, ein modernes Automobil musste es sein!

10. Juli 2023

Hallo Siegessäule, hallo Großer Stern! Es ist schon überraschend, wie wenige Berliner ich kenne, die die Siegessäule bestiegen haben. Hätte ich sie nicht persönlich erobert, hätte man mir auch weismachen können, das ist eben so eine Säule aus massivem Stein oder Beton, auf der die Goldelse steht. Wenn man im Auto dran vorbeifährt, kommt sie einem viel kleiner und filigraner vor. Dabei ist es ein Riesending und hat sogar eine Ausstellung drin!

09. Juli 2023

Sonntagsruhe, mein Blick gerade. Draußen dreiunddreißig Grad. Hier angenehm, obwohl unterm Dach. Bin Top-Profi im Abschotten! Herrlich, nirgends hinzumüssen und auch nirgends hinzuwollen. Vorhin zwei Eis auf einmal gegessen. Aus so einer gemischten Schachtel Magnum. Da waren auch für mich unattraktivere Sorten drin, wie Erdbeer und mit weißem Schokoladenüberzug. Ich habe die Holzstäbchen rausgedreht und beide in ein Schälchen getan und einen großen Schuss Eierlikör drübergemacht. War dann ok. Gerade, wenn es dann schon so ein bißchen geschmolzen ist und miteinander verläuft. Eigentlich schmeckt mir die Discounter-Imitation Big Choc, Marke „gut & günstig“ besser als das Original, der Schokoladenüberzug ist bei Big Choc vollmundiger. Allgemein mag ich am liebsten das mit den Mandelstückchen. Ich habe vorhin das mit Erdbeer drin und der weißen Schokolade gegessen, damit es wegkommt und meine Lieblingssorten noch übrig sind, auch wegen Vorfreude. Die Mixpackung mit den Sorten, die ich eigentlich nicht so mag, hab ich gestern Abend nur gekauft, weil keine anderen Packungen mehr im Kühlschrank bei meinem Edeka waren. Und es ist ja auch eins mit den Mandelstückchen mit dabei.

09. Juli 2023

Heute gibt’s wieder ein Struppi-Update, frische Fotos von meinem Balkon: Struppi allein zuhaus! Schon den ganzen Vormittag. Zum ersten mal hat sich Struppi aus dem Nest hinten in der Ecke gewagt und ist zwanzig Zentimeter nach vorne im Blumenkasten getapst. Deswegen konnte ich das Köpfchen fotografieren. Jetzt sitzt Struppi wieder artig hinten. Die Flügelchen sind ja schon gut entwickelt, habe aber noch keine Flügelschlag-Übungen beobachtet. Die Fotos, wo man den Blumenkasten ganz sieht, kommen zustande, indem ich mich am Badezimmerfenster in die Badewanne stelle und aus dem kleinen Badfenster mit langem Arm und geschwenktem Display nach rechts unten fotografiere. Ich muss mich ein bißchen verrenken, aber mache ich natürlich gerne!

08. Juli 2023

Als wir die Zitadelle Richtung U-Bahn verlassen hatten, kamen wir an einem weiteren Ausstellungsplakat vorbei. Ich machte zwei Fotos von Jan mit Plakat. Während der U-Bahnfahrt plauderte er noch ein wenig aus dem Nähkästchen, hätte gerne mehr sein dürfen. Er war sehr diskret. Ich stieg Wilmersdorfer Straße aus und schaute oben auf dem S-Bahnsteig Charlottenburg ziemlich dumm. Sie fuhr nicht, Ersatzverkehr ab Kaiser-Friedrich-Straße. War mir zu blöd. Ich ging zurück zur U7, fuhr bis Hermannplatz und dann in meine vertraute U8. Während der Fahrt schaute ich alle Fotos durch, die ich heute unermüdlich gepostet habe. Heute gibts keinen weiteren Eintrag mehr. Ich habe den ganzen Samstag bis jetzt nur mit Bloggen verbracht (hätte fast geschrieben: vertrödelt).

08. Juli 2023

Jan fragte, ob ich auch zur U-Bahn ginge, hatte ich vor. Plötzlich bog er rechts ab, zum Ateliergebäude. Dort hat er noch einen Raum zur Aufbewahrung des Konvoluts seiner Werke aus einem früheren Leben als Maler und Zeichner. Ich war vor vielen Jahren einmal dort, als er noch das größere Atelier beibehalten hatte. Wir gingen kurz nach oben, er meinte, dass er was mitnehmen wollte, dann aber doch nicht. Ich machte vier Bilder und wir gingen wieder.

08. Juli 2023

Genug erkundet, ich ging zurück. Ein kleiner Kreis stand noch mit Getränk oder rauchend draußen vor dem Eingang zur Ausstellung: Jan, Jens, der ZAK-Kurator und einige Besucher. Alle waren sehr zufrieden. Ein Assistent des Kurators hatte das gesamte Gespräch aufgezeichnet und meinte, das wäre eigentlich ein schöner Podcast. Glaube ich gerne. Jan erzählt äußerst facettenreich und unterhaltsam. Dann könnte ich auch den verpassten Anfang nachhören. Ich kenne viele von Jans Geschichten, aber nicht alle.

08. Juli 2023

Mein permanenter Forscherdrang trieb mich nach Ende des Künstlergesprächs mit Jan im ZAK, hinüber zur Ausstellung auf der anderen Seite der alten Zitadellen-Kaserne. Äußerst großzügige Ausstellungsfläche. So lässt es sich arbeiten, hier hängt man gerne. Schön viel Luft und Platz links und rechts von den Bildern.

08. Juli 2023

Diese Besucherin in Jans Ausstellung faszinierte mich. Mir war, als hätte ich ein fotorealistisches Gemälde einer Picasso-Muse vor mir. Eine Françoise Gilot, ein verblüffendes, fleischgewordenes Portrait.

08. Juli 2023

Jens Pepper befragte Jan Sobottka zur Entstehungsweise seiner Künstlerportraits. Auf einem meiner Fotos zeigt Jan Richtung Hanna Schygulla. Er hat sie vor nicht allzu langer Zeit mehrfach portraitiert, meist daheim in ihrer Charlottenburger Wohnung, die sie sich neben ihrem Pariser Refugium leistet. Diese Begegnung hat mich besonders neugierig gemacht. Ich sparte mir allerlei Fragen hierzu für unsere spätere Begegnung unter vier Augen auf.

08. Juli 2023

Zu sehen bei Jan: Judy Lybke, der nun schon legendäre Galerist, der Neo Rauch groß gemacht hat und Brad Pitt zu seinen Kunden zählen darf. An einer tragenden Säule hängen übereinander Reinald Nohal und Michel Würthle, die beiden Wiener Geburtsheber der Berliner Paris Bar. Beide starben unlängst, im Abstand von sechs Monaten. Reinald im September 2022, Michel im März 2023. Den Schauspieler Bruno Ganz kennt jeder, schon lange tot, er hatte zu seiner Berliner Schaubühnenzeit in den Siebziger Jahren eine längere Affäre mit Romy Schneider. Sie betete ihn an. Angelika Platen lebt noch. Die arrivierte Künstler-Fotografin leitete in den Siebzigern die Hamburger Galerie von Gunter Sachs und später auch die auf Sylt. Patti Smith lebt noch, auch schon 76, mittlerweile grau, immer noch mit langen Haaren.

08. Juli 2023

Mit großem Interesse studierte ich, was von Kuratorenseite an Werbemitteln und Bannern für die Ausstellung von Jan beauftragt wurde. Im Eingangsbereich sind drei große Werbebanner aus einer regenfesten Plane. Später werden sie recycelt und Taschen daraus genäht, erzählte uns der Kurator. Eine schöne Weiterverarbeitungsidee. Als ausstellender Künstler hat man so etwas gerne fürs eigene Archiv, aber da langt auch ein Exemplar.

08. Juli 2023

Gut, dass ich Jan vorher gefragt hatte, wo genau auf der Zitadelle seine Ausstellung ist. Er benannte den Gebäudetrakt als Querriegel, ganz hinten. Es ist das lang gezogene Gebäude direkt hinter der großen Bühne, die im Sommer auf der Zitadelle aufgebaut ist. An der Tür steht ZAK, d. h. Zentrum für aktuelle Kunst. Ich hörte bereits an der Tür die Stimmen vom Gespräch.

08. Juli 2023

Zur Zitadelle. Ich war schon öfter dort. Mal bei einer Picasso-Keramik-Ausstellung, mal bei einem Didgeridoo-Festival, mal bei einem Workshop in einer Instrumentenwerkstatt, mal bei einem Neil Young-Konzert und in Jans altem Atelier, mal bei Patti Smith. Auch zweimal in der kleineren Freilichtbühne rechs von der Zitadelle, bei den Sommerkonzerten vom Berlin Beat Club. Und jetzt zum Besuch der Austellung von Jan. Aber noch nie habe ich mir die Zitadelle um der Zitadelle Willen angeschaut. Dabei habe ich das schon eine Weile vor. Einmal den Juliusturm besteigen und die Bastionen erklimmen. Eines meiner nächsten Ausflugsziele. Den Juliusturm finde ich ausnehmend putzig. Aber damit konnte ich mich am Mittwoch nicht aufhalten, ich war eh schon spät dran. Die Anfahrt ist etwas langwierig, so eine Stunde von mir aus. Mit der S-Bahn vom Hackeschen Markt bis Spandau, von dort fährt der Bus X 33 recht nah ran, die Haltestelle heißt auch Zitadelle Spandau, aber der Bus ließ zwanzig Minuten auf sich warten. Flotter geht dann wohl doch mit der U7 bis Zitadelle zu fahren und den kleinen Spaziergang zu machen. Ich wäre gern um 19 Uhr dort gewesen, aber habe ich nicht hingekriegt, um dreiviertelacht war ich dort. Ich fragte mich erst mal durch, wo die nächste Toilette ist.

07. Juli 2023

Vorgestern konnte ich wieder ein bißchen Burgfräulein spielen. Ich besuchte meinen alten Freund Jan bei seiner Ausstellung in der Zitadelle Spandau, wo er ein Künstlergespräch führte, Anekdoten zum Entstehen seiner Fotografien zum besten gab. Davon werde ich in ein paar nächsten Einträgen berichten. Die Siegessäule hat nun acht Jahre gewartet, sie wird nicht umfallen, wenn ich meinen Erlebnisbericht dazu noch einmal aufschiebe. Zum Besuch auf der Zitadelle habe ich mich farblich passend in ein Gewand in einem Sandsteinton mit archaischer Musterung gekleidet, stetiglich die eventuelle, potentielle, fotografische Verneigung im Hintersinn. Ich wünsche allen einen schönen Freitagabend und ein relaxtes Wochenende. Werde mir nun was in die Pfanne hauen, begleitet von einem sehr kalten, prickelnden Getränk. Zum Wohle allerseits!

06. Juli 2023

Heute gibt es wieder was zu lernen, in meinem kleinen Blog! Ich habe nach investigativer Recherche herausgefunden, dass die kleine Taubenfamilie, die ich an meinem Nordbalkon beherberge, nicht zu den Turteltauben gehört. Auch sind es keine Stadttauben. Brieftaube ist ebenfalls falsch! Schon gar keine Türkentauben sehen wir hier. Struppi und seine Eltern sind Ringeltauben. Die größten Tauben, die es gibt. Und man kann sie ganz leicht erkennen! Nämlich: an dem weißen Fleck am Hals. Den haben alle und nur Ringeltauben. Immer, immer, immer. Das bedeutet, dass Struppi, wenn er kein Kuckucksei ist, auch noch so einen weißen Fleck am Hals bekommt. Bis jetzt ist noch nichts davon zu sehen.

Es bleibt spannend! Mama Ringeltaube hat sich vorhin eine Pause gegönnt und ist ein halbes Stündchen auf fünf Meter Abstand gegangen, wo sie Struppi aber noch gut im Auge behalten konnte.

05. Juli 2023

Neue Fotos aus dem Kinderzimmer. Struppi ist schön gewachsen und legt sein Struppikleid langsam ab. Tim ist leider nicht geschlüpft. Ich fürchte, Struppi muss als Einzelkind aufwachsen. Manchmal versucht er mitzubrüten, das Ei von Tim ist noch im Nest. Wird glaube ich nix mehr. Die Struppi-Kinderstube versteckt sich am Balkon, ganz rechts, unsichtbar hinter dem Korbgeflecht.

05. Juli 2023

Bei Androhung von Genickschuss hätte ich nicht beantworten können, wo in Berlin ein Denkmal von Herrn Roon steht, noch wer dieser Roon auf dem Denkmal am Großen Stern war. Will sagen: flaniere mit Touristenaugen durch deine Stadt und entdecke komplett neue Ecken. Gegenüber von der Siegessäule steht der Mann aus Bronze. Schöner Sockel, schöne Typographie. Das war ein preußischer Kriegsminister. Sein Hauptverdienst war wohl die „Reformierung des Heeres“. Was er da genau reformiert hat, lässt sich auf die Schnelle nicht aus dem Wikipediaeintrag herauslesen. Es interessiert mich auch viel zu wenig. Miliärisch Strategisches hat für mich ein enormes Einschlafpotenzial. Ich würde mich dennoch nicht dafür einsetzen, dass das Denkmal entfernt wird, es ist halt ein historisches Element, das zur Geschichte der Stadt gehört. Meinethalben. Stand übrigens vor Hitlerzeiten am Königsplatz, heute Platz der Republik. Wegen Speers Entwurf von „Germania“ musste es weichen und wurde am Großen Stern installiert, 1938. Hat mans mal gehört. Und nun zur Siegessäule.

04. Juli 2023

Nun bin ich meinem Ausflugsziel ganz nah. Ich bin am „Großen Stern“, dem verkehrsreichen Nabel vom „Großen Tiergarten“ und auch nah am Schloss Bellevue. Den Großen Stern mit der Siegessäule in der Mitte habe ich viele Male in Autos oder in Taxis überquert. Eher selten im Bus. Bei der Love Parade war ich meiner diffusen Erinnerung nach nie, obwohl ich durchgängig in Berlin war.

Das war nicht so ganz meine musikalische Welt. Ich nahm sie als Massenveranstaltung mit viel Techno und Lebensfreude zur Kenntnis, verspürte aber keine drängende Lust, dort hinzupilgern.

Falls überhaupt je, war ich nur einmal dort, bevor sie sich in Nichts auflöste. Kann aber auch eine Verwechslung mit dem Christopher Street Day sein. Die letzte Love Parade war Zweitausendzehn. Der Große Stern ist für mich persönlich ein Ecstasy- und Legenden-freier Verkehrsknotenpunkt ohne basslastige, sexy Erinnerungen.

04. Juli 2023

Nun sind wir draußen in der grünen Stille und gehen sonder Wille für uns hin. Vom Haselstrauch und Eichenlaub umgeben, sind stille Winkel, wo kein Lufthauch geht; wo man sich taub hinlegt vom lauten Leben, und wo das Gras voll Sommerwärme steht. Die Meisen zirpen, und die Gräser raunen, und warten auf den Tag und seine Launen. Man starrt mit ihnen in den Morgenrauch, den blauen, und küßt und könnte überm Küssen gern ergrauen. Max Dauthendey

04. Juli 2023

Da habe ich wieder feine Beute gemacht, auf meiner Pirsch mit dem Fotoapparat. Ich sehe es mir nach, dass ich nicht um Erlaubnis gefragt habe. Der Maler fragt den Baum ja auch nicht, ob er ihn von hinten paparazzen darf. Ich mache es mir da sehr leicht. Aber wer könnte mir vorwerfen, peinliche, diskreditierende Bilder zu veröffentlichen. Keiner! Das ist doch immer alles sehr geschmackvoll und gereicht zur Ehre. Ich kläre das vorher eingehend mit mir selber ab. Credo: niemanden unvorteilhaft vorführen. Vermeidbar. Zumal ich keine Swingerclubs frequentiere.

04. Juli 2023

Gepflegter Spaziergang durch den Tiergarten. Wie ich mich einmal am 28. Juni 2015 aufmachte, die Siegessäule zu besteigen. Die drei spielenden Kids sind wohl mittlerweile Teenies. Die beiden Großeltern(?) vielleicht im Himmel. In acht Jahren passiert so viel.

03. Juli 2023

Statt neuer Fotos alte. Am 28. Juni 2015 aufgenommen, noch nie hochgeladen, hat nie jemand außer mir gesehen. Ich kam nicht dazu, zu viel los, immer unterwegs. Da war ich auf dem Weg zu einem Ausflug zur Siegessäule, die ich besteigen wollte, erstmalig. Erstbesteigung! Damit bin ich leider nicht im Guinessbuch der Rekorde verzeichnet, weil es nur meine ganz private persönliche Erstbesteigung war. Vor acht Jahren habe ich oft kleine Fotoserien vor meinem Kleiderschrank im Flur gemacht, bevor ich los bin. Damit sich die Leserinnen und Leser später ein umfassenderes Bild von meinem Ausflug machen können. Damit sie wissen, wie die Reiseführerin aussieht! Das maritime Jäckchen hat übrigens ein gewisser Harald Glööckler kreiert. Gut verarbeitet, gibt’s noch.

02. Juli 2023

KALEIDOSKOP IV. gelbweißgoldener Rausch. Das sentimentale Archiv. Memorabilia, Devotionalien, Souvenirs, Konzerttickets, Kinokarten, Flyerschnipsel von und mit: Mick Jagger, Friedrich Rückert, William Shakespeare, Gustav Klimt, Maria Callas, Marina Abramović, Jim Jarmusch, Marilyn Monroe, Maria Schuster, Jenny Kittmann, Saskia Rutner, Astrid North, Danielle de Picciotto & Alexander Hacke, Lüül, Eva Weiße, Sebastian Rogler, Alexander Camaro, Gaga Nielsen, Yves Saint-Laurent, Lido Venezia, Kunsthistorisches Museum Wien, Berliner Dom, Berliner Philharmonie, Lamazère, Wabe, Bon Prix-Katalog-Schnipsel, vom Bürgeramt Klosterstraße zurückgewiesene Passfotos u. a. m., Kleber, Acryl, Blattgold, Rahmenrückwand, 1., 3., 15., 20., 21., 27., 28., 29., 31. Mai 2023, 1., 3., 4., 6., 7., 9., 10., 11., 12. Juni 2023, 77 x 137 cm, Staatliche Museen von Gaganien.

01. Juli 2023

Im ICE 500. Auch die Bahn zu meinem Anschluss-ICE heimwärts hatte Verspätung, und es war ein ganz knappes Höschen, noch einzusteigen, bevor er Richtung Berlin abfuhr. Ich lief durch die Abteile der zweiten Klasse, zum Bordbistro, aber nirgends lachte mich ein Platz an. Ich hätte überall einen Platznachbar oder ein Gegenüber gehabt, mir war nach Ruhe. Ich ging weiter in die überraschend leeren Abteile der ersten Klasse und setzte mich einfach hin, nahm mir meine mitgenommene Lektüre, das zweite Buch, das ich von Helmut Krausser lese, und blieb bis Berlin auf dem sehr bequemen Platz, den niemand beanspruchte. Es kam keine Fahrkartenkontrolle. Und wenn, hatte ich mir zurechtgelegt, dass ich mich als quasi Sofort-Entschädigung für diverses Ungemach zur Erholung hier hingesetzt hatte. Auf dem Display an der Decke war immer mal wieder der Hinweis auf die Bahnseite „Fahrgastrechte“ eingeblendet worden, die man konsultieren sollte, wenn der Zug Verspätung hatte und Anschlusszüge verpasst wurden. Ich hatte mich mit meiner persönlichen Premiere in einem Bahnabteil in der ersten Klasse entschädigt . Sogar eingestickt als Zahl 1 im Lederkopfkissen der Rücklehne. Finde ich ja übertrieben.

01. Juli 2023

Gestern habe ich das Haus um 7.45 Uhr verlassen und bin um Mitternacht zurückgekehrt. Dazwischen lag eine S-Bahnfahrt zum Berliner Hauptbahnhof, eine Fahrt mit dem ICE 505 bis Erlangen, unterbrochen von einer Viertelstunde Halt in Erfurt (Grund war ein Polizeieinsatz wegen eines lt. Durchsage „beratungsresistenten Fahrgastes“), eine deshalb verpasste Anschlussverbindung von Erlangen nach Fürth, eine Fahrt mit einer späteren Regionalbahn dahin und ein Taxi vom Fürther Hauptbahnhof zum Notar, wo ich um 12.30 Uhr einen Termin mit meinem Neffen hatte. Ich kam ziemlich pünktlich zum Termin. Dort wurden familiäre Dinge geregelt, mein Elternhaus betreffend, der zweite Termin, der die Überlassung an Valerian besiegelte. Während ich im Besprechungszimmer der Kanzlei, an der sehr schön gelegenen, verglasten Front ins Grüne saß, bedauerte ich kurz, dass es nicht angemessen ist, in so einer Situation und an so einem Ort Fotos zu machen. Es drängte auch nicht so sehr, so ließ ich die Kamera in der Tasche. Danach gingen Valerian und ich essen. Ein Lokal in der Fürther Königsstraße mit dem NamenTante Förster, wo es auch vegane Küche gibt. Wir konnten draußen sitzen, der kurze Regen hatte sich gelegt und war einer sehr warmen Sonne gewichen. Beim Essen bei Tante Förster fiel mein Blick auf das daneben gelegene hellblaue alte Haus mit Zuckerbäckerstuck, ich hätte es fast fotografiert, wollte dann aber das intensive Gespräch mit Valerian nicht unterbrechen, es war mir nicht so wichtig. Ich war ja nicht auf Foto-Safari. Anschließend besorgten wir Blumen und etwas zu trinken und begaben uns zu meiner Mama, Valerians Oma Karin. Sie feierte gestern ihren 80. Geburtstag. Der Geburtstagsstrauß war ein Arm voll weißer und rosa Sommerastern. Könnten achtzig gewesen sein. Wir fuhren mit Valerians Auto hin und leisteten ihr gemütliche drei Stunden Gesellschaft. In Stein wurde viel über Familiäres gesprochen, Familiengeschichten, die teilweise unterschiedlich erinnert oder weitergegeben wurden. Es war sogar Einiges mir neue dabei. Ein besonderer Tag mit wichtigen Erledigungen und menschlichen Begegnungen. Im Zug nach Hause, als es dämmerte, holte ich die Kamera raus. 21.18 Uhr, nach Bamberg, acht Minuten vor Erfurt.

29. Juni 2023

Ich habe fertig. 50 Alben und weit über hundert Geschichten über sehenswerte Orte der Nürnberger Innenstadt. In jedem Album sind oben im Header Links zu den Erlebnisaufsätzen jeder Etappe. Nicht, dass ich davon ausginge, dass das die Allgemeinheit interessieren müsste, aber vielleicht gibt es ein paar Leserinnen und Leser, die vorhaben, sich Nürnberg bei einem Wochenendtrip anzusehen. Wer die Stadt wieder oder auch zum ersten mal bereist, findet in meinen Geschichten neben ein bißchen Allgemeinbildung sehr persönliche Betrachtungen, die in keinem Reiseführer zu finden sind, aus der Perspektive von jemandem, der dort zwanzig Jahre aufgewachsen ist, dann nach Berlin gezogen, und jetzt sehr wohlwollend, ja angetan zurückblickt. Mit rosa Brille auf der Nase, nur immer dem Schönen und Besonderen auf der Spur. Kritisch ist wohl nur mein Eintrag zum früheren KOMM, im Album zur Königsstraße verlinkt. Da bin ich ein bißchen auf Krawall gebürstet. Aber sonst alles fein.

28. Juni 2023

Rückreise. Aus dem Zugfenster. Keine Notizen gemacht. Ich saß die gesamte Fahrt über im Bordrestaurant, das weiß ich noch. Es gab noch Maskenpflicht im Zug, wenn man aber im Speisewagen war, durfte man ohne Maske da sitzen, sofern man erkennbar etwas verzehrte oder ein Getränk vor einem stand. Wie öfter mal, war das Angebot eingeschränkt und ich musste mich mit alkoholfreiem Bitburger arrangieren. Das normale mit Alkohol war alle. Das alkoholfreie Bitburger Pils kann ich leider nicht empfehlen, es ist mir nicht herb genug, auch vermisste ich den leichten Kick, den man von Bier mit Alkohol bekommt. Daheim in Berlin wollte ich mich dann entschädigen. Vielleicht las ich, vielleicht auch nicht. Ich hatte ganz bestimmt reichlich eigene Gedanken im Kopf, nach diesem erlebnisreichen Wochenende mit Hotelzimmerausblick auf den Schönen Brunnen und die Empore vom Christkind, Mama-Geburtstagsbesuch, Neffen-Hochzeit und nichtzuletzt ausgiebigem Nürnberg-Jugenderinnerungs-Sightseeing. Das ging mir bestimmt alles durch den Kopf, während mein Blick im ICE in der Abendsonne badete, bevor sie hinter Nürnberg, vor Berlin versank.

28. Juni 2023

Im Bahnhof. Warten vor der Anzeigetafel. Mit Bedauern stellte ich fest, dass auch im Nürnberger Hauptbahnhof das große Wartebank-Sterben vonstatten gegangen war. Rechtschaffen ruhebedürftig wollte ich einfach nur hier sitzen, bis mein ICE einfahren würde. In der Not machte ich es mir auf dem Boden der Halle an einer Wand so bequem, wie es eben hing. Mit meiner Reisetasche im Rücken, die ich strategisch so gepackt hatte, dass ich eine weiche Seite zum anlehnen hatte. Funktionierte ganz gut. Ich hatte ein Buch dabei, weiß aber nicht mehr welches. Mir war mehr danach, die Menschen im Bahnhof zu beobachten. Ich fühlte mich wie unsichtbar, so unterhalb der Augenhöhe der Bahnhofsbesucher. Ich fotografierte ganz unbemerkt. Auffallend war, dass ich einen Platz gewählt hatte, der offenbar für viele ein Verabredungs-Treffpunkt war: vor der Anzeigetafel. Es war Samstagabend, viele Menschen hatten Ausgehkleidung an, wirkten frisch geduscht und parfümiert für einen schönen Abend, eine Sommernacht. Die junge Frau, die ich hier mehrfach fotografierte, lief leicht nervös hin und her, als ob ihre Verabredung nicht pünktlich eingetroffen sei, sie schien not amused. Andere kamen in kleinen Grüppchen und in Partystimmung. Mitunter hatte ich den Eindruck von blind oder tinder Dates. So verging die Zeit ganz gut.

28. Juni 2023

Das imposante Empfangsgebäude des Nürnberger Hauptbahnhofs, 1900 bis 1906 errichtet. Der mir so vertraute Bahnhof, in dem ich hunderte Male eingetroffen und abgefahren bin, ist mit 25 Gleisen, davon 22 Bahnsteiggleisen, einer der größten Bahnhöfe der Welt und sogar europaweit der mit den meisten Gleisen. In Nürnberg halten täglich rund 800 Züge des Fern- und Regionalverkehrs, lese ich bei Wikipedia. Damals wusste ich das natürlich nicht. Die vielen Gleise waren für mich normal. Blind fand ich als Jugendliche den letzten Zug, der meist auf Gleis 21 oder 22 fuhr, ganz hinten, wo es zur Südstadt rausgeht, um in einer zehnminütigen Fahrt in den gemächlichen Vorort des Elternhauses zu kommen. Heute fährt auf denselben hinteren Gleisen die S-Bahn im zwanzig-Minuten-Takt hin. Ich war recht verwundert, als ich erstmals in Bahnhöfen anderer größerer Städte war, wie überschaubar wenig Bahnsteige dort waren. Zum Beispiel Hamburg, das mehr als doppelt so viele Einwohner wie Nürnberg hat, kommt mit 8 Bahn- und 4 S-Bahn-Gleisen aus. Noch überraschender: der gute alte Westberliner Bahnhof Zoo hatte und hat gar nur vier Bahngleise und zwei für die S-Bahn. München hat auch relativ viele Bahnsteige, wohl siebzehn und noch drei für die S-Bahn. Aber was war nur in Nürnberg der Anlass, dass gerade dort derart viele Gleise angelegt wurden, die ja offenbar auch dauernd befahren werden. Vielleicht ein zentraler Knotenpunkt für Warentransportzüge? Die alte Handelsmetropole liegt vielleicht besonders günstig im Herzen von Europa. Auf meinen Fotos vom Bahnhofsgebäude sieht man dank der Passanten davor, das beachtliche Größenverhältnis von Mensch zu Gebäude. Würde ich Nürnberg nur vom Hörensagen kennen, wäre meine Vermutung, dass es eher eine größere Kleinstadt mit provinziellen Gegebenheiten ist. Weit gefehlt. Der puppige Christkindlesmarkt und die trutzige Burg mit Bilderbuch-Charme sind lediglich das Sahnehäubchen auf einer stark entwickelten, vielfältigen und modernen Metropole, die traditionsbewusst und geschäftstüchtig ein stets gut gebügeltes Mittelalterkleid auf der Altstadtbühne zeigt.

28. Juni 2023

Am Anfang und Ende einer Reise steht ein Bahnhof. Oder ein Flughafen oder eine Bushaltestelle oder ein Schiffsdock oder ein Parkplatz oder ein Radweg. Oder ein Wanderweg. In meinem Fall ein Bahnhof, der Nürnberger Hauptbahnhof. An dem großen Bahnhofsplatz nah am Königstor, gegenüber dem Hauptbahnhof, residiert in der Bahnhofstr. 1 seit 1896 das Grand Hotel, in dem ich niemals war. Aber wer weiß, eines Tages probiere ich das aus.

27. Juni 2023

Ende der Siebziger und Anfang der Achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts habe ich meine ersten Streifzüge im Alleingang zur Museumsbrücke gemacht. Auf der Suche nach indischen Tüchern und Hippieschmuck, feinziselierten Ohrgehängen, die auf großen Tapeziertischen auf schwarzem Samt lagen, daneben Halterungen aus Messing und Holz für Räucherstäbchen, Patschouliöl, Korbwaren und Gebatiktes, Gürtel mit schweren, handgeschmiedeten Silberschließen. Ethno-Kunsthandwerk und Boho-Style kommt wohl niemals komplett aus der Mode. Damals waren die Bezugsquellen aber nicht so breit gesät. Mir ist nur ein einziges Geschäft, eine Boutique in der Nürnberger Innenstadt in Erinnerung, die sich auf diesen Boho-Style spezialisiert hatte. Erlesene Kleider und Bettüberwürfe mit Paisley-Muster gab es dort.

Einmal durfte ich mir als Geburtstagsgeschenk von meinen Eltern zu meinem dreizehnten oder vierzehnten Geburtstag ein Kleid von dort aussuchen. Es war in Rottönen mit Schwarz abgesetzt und hatte das typische indische Paisley-Muster und schwarze Baumwollspitzenborten, recht lang und tailliert und kein Schnäppchen. In der Boutique war alles ein bißchen edler, wie auch die Boutiquebesitzerin, eine sehr elegante Frau mit langen Haaren. Das Geschäft gab es bis in die Achtziger. Ich weiß nicht mehr genau wo es war, in irgendeiner Seitenstraße hinter der Breiten Gasse oder dem Weißen Turm. Heute wirkt das Sortiment von Kunsthandwerk und Ethno-Klamotten für unsere Augen gewöhnlich, es ist überall leicht erhältlich. Aber damals hatten die Händler auf der Museumsbrücke noch eine Aura, als hätten sie alles höchstpersönlich mit dem VW-Bus aus Kaschmir und Nepal importiert. Teilweise war das sogar der Fall. Die Händler sahen oft recht abenteuerlich aus, mit Turbanen und langen Haaren, tiefgebräunte Weltenbummler mit Pluderhosen, Jesuslatschen, Silberschmuck und vielen Ringen an jeder Hand. Sie trugen das selbst, was sie auf den Tischen hatten. Für uns war das der Duft der großen weiten Welt, ein kleines Cochella-Festival. An jenem Samstag, dem 2. Juli 2022 waren vergleichsweise wenig dieser hippiehaften Stände dabei, aber ich denke, das wechselt auch von Tag zu Tag. Es war ein sehr stimmiger letzter Eindruck der Nürnberger Innenstadt, ein schönes letztes Bild von meinem nostalgischen Spaziergang, den ich sehr genossen hatte. Mehr, als ich je für möglich gehalten hätte. Ich war nun ganz nah am U-Bahneingang Lorenzkirche und den nahm ich auch. Die eine Haltestelle U-Bahnfahrt zum Hauptbahnhof gönnte ich mir. Ich war satt von Bildern und Eindrücken, auch sonnensatt und rechtschaffen müde. Das war ein herrlicher Tag in der alten Stadt.

27. Juni 2023

Und jetzt drehen wir uns auf dem Absatz um genau 180 Grad und schauen auf das bunte Treiben auf der Museumbrücke, das für mein Empfinden noch unverändert so aussieht wie im Jahre 1980.

27. Juni 2023

Nette Passage und netter Name: das ist die Fluss-Seite der Königs Passage. Über die hatte ich schon am 23. Juli 2022 einen extra Eintrag verfasst, mit vielen persönlichen Einlassungen, hier. Das war im Zuge meiner begleitenden Berichterstattung zum dicken Fotoalbum zur Königsstraße. Die fängt nämlich da an der Museumsbrücke an. Daher hat die Königs Passage auch die Adresse Königsstraße 1. Und wieder schließt sich ein Kreis.

27. Juni 2023

Und jetzt ein kleiner Kameraschwenk nach rechts, da kommen die Säulen von einer weiteren Passage längs der Pegnitz. Nämlich einer Ladenpassage mit schicken Boutiquen und Geschäften.

27. Juni 2023

Rechts vom Museumsbrückendenkmal fällt der Blick auf die Insel Schütt. Darauf steht das Heilig-Geist-Spital, von den Nürnbergern kurz Heigei genannt. Jahrhundertelang das erste Nürnberger Krankenhaus, gestiftet von einem reichen Bürger. Heute ist darin ein Restaurant für fränkische Spezialitäten und ein Wohnstift für Senioren mit ein- bis drei-Zimmer-Apartments und Angeboten für das Alter, auch ärztlicher Betreuung. Eine sehr schicke Adresse für den Lebensabend. Hier schaut man doch gerne den Enten zu.

27. Juni 2023

Denkmal in der Mitte der im Jahr 1700 erbauten Nürnberger Museumsbrücke. Natürlich war dort auch schon im 13. Jahrhundert eine Brücke, aber die war aus Holz und hat es nicht lange gemacht, danach 14hundertirgendwas eine erste Steinkonstruktion mit hölzernem Überbau, die dann aber auch wieder ersetzt werden musste. Die Museumsbrücke hat im zweiten Weltkrieg wohl stark gelitten, aber in den Fünfziger Jahren waren rasante Wiederaufbauaktivitäten in Nürnberg, man wusste um den Wert der alten Gemäuer von Lorenz und Sebald. Die Museumsbrücke verbindet diese beiden schönsten Nürnberger Stadtteile. Nachgeschaut, warum die Museumsbrücke so heißt, weil mir kein Museum in nächster Nähe einfällt. Wikipedia: „(…) Im 19. Jahrhundert folgte die Umbenennung in Museumsbrücke, da auf dem Gelände der ehemaligen Barfüßerkirche die Gesellschaft „Museum“, eine Geselligkeits- und Lesegesellschaft, ein Versammlungshaus besaß.“ Eine mich überraschende Erklärung!

26. Juni 2023

Letzte Blicke auf die Fleischbrücke. Die Bildqualität ist nicht so herausragend, da ich irgendwas an der Kamera blöd verstellt hatte – sie war mir noch etwas neu – aber mit viel Herz eingefangen.

26. Juni 2023

Na, dann gehen wir doch mal in eine der Café-Passagen. Der Herr links, der mir so halb enthusiastisch zulächelt, ist mir nicht bekannt. Ebensowenig die Dame mit dem blumenverzierten Sommerhut. Bei Auswahl und entsprechender Zeit hätte mich vorrangig die Bekanntschaft der Lady mit dem Hut interessiert (nicht mit Turban).

26. Juni 2023

Fortsetzung meiner nicht enden wollenden Geschichte „Wie ich mich am zweiten Juli Zweitausendzweiundzwanzig einmal in Nürnberg zum Hauptbahnhof aufmachte.“ Zuletzt saß ich noch gemütlich in der Waaggasse an der Bushaltestelle und ließ sämtliche Busse vorbeifahren. Denn ich hatte immer noch gut zwei Stunden Zeit bis mein Zug zurück nach Berlin ging. Nachdem ich mich ausgeruht und gestärkt hatte, zeigten sich neue Kräfte und ich sah die Chance, noch zwei für mich persönlich nostalgisch behaftete Sehenswürdigkeiten, die ohnehin auf dem direkten Fußweg lagen, einzufangen. Wie langweilig wäre es doch, mit dem Bus über den unattraktiven, verkehrsreichen Plärrer zu fahren und dann viel zu früh im Bahnhof zu warten. Zwar war meine Reisetasche recht schwer, aber ich traute mir den Weg zum Bahnhof mit kleinen Pausen zu. Ich wollte nämlich zwei Brücken verewigen, die in meiner Jugend Treffpunkte ersten Ranges waren. Und zudem gar nicht weit weg vom Hauptmarkt. Nach drei Minuten war ich schon auf der Fleischbrücke. Das Bauwerk über der Pegnitz mit dem grobschlächtigen Namen ist die älteste Brücke von Nürnberg und hat den zweiten Weltkrieg unbeschadet überstanden! Um 1200 als Holzbrücke errichtet, wurde sie 1478 durch eine Steinbrücke ersetzt und 1596 noch einmal ganz neu gebaut. Vollendet wurde die Fleischbrücke 1599 mit dem seitlichen Portal und da thront der ausgesprochen imposante Ochse seither.

Wenn ich mit einer oder mehreren Freundinnen „in die Stadt“ fuhr (wir wohnten als Halbwüchsige in nahen Vororten von Nürnberg im jeweiligen Elternhaus), einigten wir uns bei schönem Wetter häufig darauf: „Lass uns mal zur Fleischbrücke gehen“. Wir schlenderten also die Königstraße entlang nach Lorenz und von da zuerst zur Museumsbrücke und dann zur Fleischbrücke. Auf den Brücken war buntes Treiben und viele Händler mit Hippiesachen, indischen Kleidern und Schmuck und Räucherstäbchen und hübschen Kleinigkeiten. Es gab Gaukler und Straßenmusiker. Mir ist eigentlich mehr die Museumsbrücke mit den Ständen vor Augen, aber mir ist deutlich in Erinnerung „Lass und zur Fleischbrücke gehen!“. Das irritiert mich rückblickend etwas und ich frage mich, ob wir die beiden Brückennamen möglicherweise verwechselt haben. Ich habe natürlich auch noch Bilder der Museumsbrücke. Diese Ecke mit den zwei Brücken, die durch Passagen mit vielen Cafés am Fluss entlang verbunden sind, hatte ich immer gerne.

25. Juni 2023

Ich beobachtete das Treiben an der Kreuzung. Mehrere Männergrüppchen kamen des Wegs, an diesem noch eher frühen Samstagabend, so gegen halbsieben. Mein Blick fiel auf eine italienische Kaffeebar, die hat schon wieder eine andere Straßenadresse, nämlich Augustinerstraße 1. Die Waaggasse, in der ich auf der Wartebank saß, ist kurz und klein. Nur ein Gässlein.

25. Juni 2023

Angekommen am Hauptmarkt holte ich nach acht Stunden Herumspazieren meine Reisetasche aus dem Hotel Saxx am Hauptmarkt und setzte mich auf eine Bushaltestellenbank gegenüber des Hoteleingangs. Der liegt seitlich in einer kleinen Straße, die vom Hauptmarkt abgeht, nämlich in der Waaggasse. Von da hatte ich auch einen Blick auf die Kreuzung von Waaggasse und Winklerstraße. So viele abgestellte Vespa Roller! Ich verzehrte gemütlich meinen letzten Proviant und chillte noch ein bißchen auf der Wartebank. Auf dem Haltestellen-Display konnte ich die Uhrzeit im Auge behalten. Ich dachte darüber nach, einzusteigen und damit zum Hauptbahnhof zu fahren, der Bus fuhr über den Plärrer. Aber ich hatte keine Eile und ließ den Bus fahren.

24. Juni 2023

Hier kommt ein kleiner Nachtrag. Ich habe in meiner virtuellen Schublade noch eine Handvoll Nürnberg-Fotoalben. Eines davon ist dieses hier. Eigentlich gehören die Fotos auch in das Album von der Burgstraße, da habe ich sie gerade auch dazugepackt. Ich hatte wohl beim Ordnen der Bilder im letzten Jahr die Idee, dass das hier zu sehende Fembo-Haus ein extra Album bekommen sollte. Es befindet sich in der Burgstraße 15, gegenüber vom alten Dominikanerkloster. Ich habe ehrlich gesagt keine besondere Verbindung dazu, die aus meiner Jugend rühren würde. Museumsbesuche fanden innerhalb von Schulausflügen statt, nicht in meiner schulfreien Teenager-Freizeit. Mir ist das Fembo-Haus daher nur als Name ein geläufiger Begriff. Es ist nicht ausgeschlossen, dass ich damals dachte, dass es eine Art Frauen-Museum ist, zur Geschichte des Feminismus oder so. Ich habe im Alter von siebzehn bis zwanzig durchaus einige feministische Standardwerke gelesen, auch Bücher, die speziell in den Achtziger Jahren angesagt waren, wie Anja Meulenbelts „Die Scham ist vorbei“. Das wurde mir empfohlen. Oder die wichtigsten Werke von Simone de Beauvoir. In den Achtziger Jahren war ich auch ein-, zweimal im „Feministischen Frauen-Gesundheitszentrum“, durch eine Freundin initiiert, wo neben heterosexuellen Feministinnen zuhauf offen lesbische Frauen anzutreffen waren. Von selber wäre ich da nicht hingegangen, weil ich gedacht habe, das ist eine Art Ärztehaus für weibliche Patientinnen mit Spezialisierung auf Frauenkrankheiten. Nachdem ich dort war, lernte ich, dass es zwar Gesundheits-, Schwangerschafts-, Schwangerschaftsabbruch-, Menstruations- und Sexualberatung gab, aber auch Shiatsu-Workshops, Meditations-Stunden, Gesprächstherapie- und Diskussions-Gruppen, Vorträge, Filmabende, Vaginafoto-Ausstellungen und etliche andere männerfreie Veranstaltungen, kulinarisch begleitet von Kaffee, Fencheltee und Möhrenvollkornkuchen vom Blech. Im Prinzip war das „FFGZ“, wie es abgekürzt wurde, und das es auch in anderen Städten gab, das, was ich vom Klang her phantasierend dem Fembo-Haus zudachte.

Nun mache ich mal ordentlich Schularbeiten und lerne, dass das Fembo-Haus nach einem Christoph Fembo benannt ist. Ob der irgendwie feministisch drauf war, ist nicht überliefert, ich vermute aber eher nicht. Erbaut wurde das prachtvolle Gebäude, wohl das einzige nahezu komplett unzerstörte Kaufmannshaus der Renaissance in Nürnberg, zwischen 1591 und 1596 von einem niederländischen Kaufmann. Dann im 17. Jahrhundert war es das Wohnpalais eines Patriziers, der es luxuriös ausbauen ließ und barocke Deckengemälde in Auftrag gab. Vom 18. bis 19. Jahrhundert war darin Deutschlands größte Kupferstich-Landkartenmanufaktur, aufgekauft vom Kunsthändler und Buchdrucker Christoph Fembo, der dort weiter Landkarten verlegte und auch Globen herstellen ließ. Nach dessen Tod erwarb das Gebäude 1876 ein Tabakfabrikant. 1928 kaufte die Stadt Nürnberg das Haus und nutzte es bis nach dem zweiten Weltkrieg als Dienstgebäude. 1953 wurde das Fembo-Haus seiner heutigen Bestimmung als Museum zur Geschichte von Nürnberg zugeführt.