29. Juni 2013







http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=124984

► Opus 72
Doch. Ich bin jetzt schon ein bißchen sentimental. Ein kleiner Abschiedsschmerz. Ein ganzes Jahr in Bildern. 16. Februar 2012 bis 16. Februar 2013. Selbstportraits in lückenloser Folge, Tag für Tag. Ja, das erforderte auch Disziplin. Aber wer hätte darin mehr Übung gehabt, als ich. Schon, als ich damit begann. Aber dieses tägliche auf-sich-draufhalten, einen state of mind zu erreichen, der sich gut genug, angemessen genug anfühlt, um gebannt zu werden – das ist so ähnlich, als ob man eine tägliche Übung für die Muskulatur macht. In diesem Fall die psychische Muskulatur. Ich bin mir jeden Tag mindestens einmal sehr nah gekommen, Auge in Auge. Vielleicht auch, wie man von einem Geliebten wahrgenommen werden will. Ist keiner da, muss man sich selbst lieben. Liebend betrachten. Erkennen. Das Liebenswerte realisieren. Hochgradig therapeutische Angelegenheit in meinem Fall. Aber vielleicht auch bei jedem anderen, der etwas Ähnliches treibt. Wie diese Sache mit dem Schauspielerberuf. Kaum einer würde von sich weisen, dass ein Schlüsselmoment war, gesehen zu werden, bewusst betrachtet zu werden. Datailliert. Interessiert. Das Einzigartige gewürdigt zu fühlen. Oder es wenigstens in eine Würdigungsmöglichkeit zu bringen. Manch einer fühlt sich ausreichend gewürdigt, wenn seine oder ihre Fähigkeiten gelobt werden. Mir hat das nie gereicht. Ich konnte selbst sehr gut einschätzen, worin ich gut oder talentiert oder nützlich bin. Auch meine Intelligenz, meine Phantasie. Das muss ich nicht wie ein Plakat vor mir hertragen. Ich war in Algebra immer hochgradig begriffsstutzig, aber in Geometrie und einfachen Rechenarten ziemlich effizient. Für mein Ego war das nebensächlich. Ich komme aus einem Hintergrund, wo kaum Wert auf äußerliche Dinge gelegt wurde, außer vielleicht gutbürgerliche Reinlichkeit und sonst eher Unauffälligkeit als Wert gepredigt wurde. Sicher keine eitlen modischen Extravaganzen. Die Welt der Mode und der Schönheit war in meiner Wahrnehmung nur in Medien präsent. In meiner Erinnerung sehnte ich mich als Kind nach der Nähe von Menschen, die höhere ästhetische Maßstäbe hatten. Ich war fasziniert von der platinblonden Mutter einer Schulfreundin und ihrem perlmuttfarbenen Lippenstift. Ihrem Minikleid, unverschämt kurz, aber absolut die Mode. Braungebrannte Beine schauten hervor. In der ZDF-Hitparade gab es Frauen wie Daliah Lavi und in Vorabendserien im Ersten und Zweiten Monika Lundi. Uschi Nerke sagte den Beatclub an und trug hohe, glänzende Lackstiefel. Und auch einen superkurzen Mini. Alle Frauen, die mir gefielen, hatten lange Haare. Und Lidstrich. Und wild gemusterte, kurze Kleider. Psychedelische Kreise waren darauf. Obwohl der Fernseher schwarzweiß war, konnte ich erkennen, dass die Kreise orange und pink sein mussten. Und dann, als ich elf war, als ich zum ersten Mal Veruschka sah, wie eine Schlange bewegte sie sich in Blow up, als meine Eltern endlich einmal abends ausgegangen waren, was sie leider so gut wie nie taten. Wie ich da alleine das Spätabendprogramm im ZDF sah und diesen Film, der in London spielte, in dieser geheimnisvollen attraktiven Fotografen- und Modewelt. Ich war hin und weg. Ja, ich war elf Jahre alt. Wenn ich in einem anderen Kontext aufgewachsen wäre, in dem ästhetische Maßstäbe von Rang oder gar ein lebendiges Interesse an Modeströmungen geherrscht hätte, hätte ich es wahrscheinlich nur als normal empfunden, weil es mir im Blut liegt. Ich kann nicht anders, ich muss eine Art verfeinerte Schönheit in Farbe und Form um mich haben, um mich wirklich wohl zu fühlen. Aber eigentlich wollte ich darauf hinaus, dass ich mit diesen Bildern versucht habe, dahin zu kommen, meinen ureigenen Wert, den meiner bloßen Existenz und Verkörperung mit meinem Gesicht und meinen Haaren und Augen und meiner Nase und meinem Lachen zu würdigen. Auch in einer Lebensphase, die das nicht durch die Nähe und den Zuspruch eines direkten Gegenübers bietet. Das hatte ich ohnehin nie, aber in den letzten zwei, drei Jahren in so geringem Maß wie nie zuvor. Damit muss man zurechtkommen. Oder man springt aus dem Fenster. Und dafür bin ich nicht der Typ. Dafür bin ich mir einfach zu schade. Und jetzt, nach diesem Jahr, noch viel mehr als vorher. Doch, es ist gut, dass es mich gibt. Da bin ich mir jetzt ganz sicher. Auch wenn es mir niemals mehr sonst irgendjemand sagen sollte. Ich habe ja noch mich. Und das ist viel. Denn ich bin immer da. Und mir immer nah. So nah, man sich nur sein kann. Es war ein gutes Jahr. Gut, sich so zu sehen. Die Bilder sind gut gespeichert. Tief in mir drin. Ich werde es nicht mehr vergessen, wie und wer und wo ich bin. Hier. Ganz bei mir.

30. Juni 2013

Last but not least, die jüngste – besser – jüngere Vergangenheit. Der 26. Mai 2013 bei Carpentier. Als Jan in trauter Runde erzählte, wie er vorgeht und was ihn bewegt, motiviert, das zu tun, was er tut. Der letzte, aktuellste Tag, von dem Bilder von mir existieren. Beinah noch Gegenwart. Noch gut erinnerbar. Nicht nur der vielen Bilder wegen. Ich fühlte mich wieder gesund, ohne Einschränkung. Wie froh man deshalb sein kann. Muss. Immerzu. Freut euch des Lebens, möchte man ausrufen. Jeden Tag aufs Neue. Wahnsinn, ich bin in der Gegenwart angelangt. Dreißigster Juni 2013 und nichts mehr in der Warteschleife. Von den alten, digitalisierten Filmen will ich nicht reden, das ist ja alles ein Kapitel für sich. Ein ganz eigenes, das nur in einer gewissen Dosis verarbeitet und verkraftet werden kann. Noch ein bißchen ruhen. Es ist so lange unangerührt gewesen. Da kommt es auf ein paar Wochen oder Monate früher oder später auch nicht mehr an. Und dann ja auch die Frage, muss man einweihen, wer da zu sehen sein wird. Tja. Irgendwie doch. Wenn die eine oder andere Sequenz nach meinem Gefühl interessant oder gut genug wäre und angemessen geschnitten. Eigentlich ja. Mal sehen. Es wird nicht langweilig. Mit gähnender Leere ist hier eigentlich nicht zu rechnen. Die Ideen wollen nicht ausgehen, die kleinen Biester. Keine Gefahr.

30. Juni 2013

Tag des Blendschutzes. 12. Mai 2013.

Die selbst gebastelte Vorrichtung kam seither allerdings kaum mehr zum Einsatz. Was nicht nur an zu geringfügiger Sonneneinstrahlung lag, sondern auch an meiner Vermeidungsstrategie in den letzten drei Wochen, aufgrund der Laser-Geschichte neulich. Es hätte da schon zwei, drei Sonnentage gegeben, ganz so ist es ja nun auch wieder nicht. Dafür habe ich ordentlich viele Bilder gebloggt. Es gibt Beweise.

30. Juni 2013


Zwei Tage später, am dritten Mai 2013, die Eröffnung, das Opening, wie es auch gerne heißt. Vernissage hört man recht selten im internen verbalen Sprachgebrauch, wenn vom Abend einer Ausstellungseröffnung die Rede ist. Das Wort benutzen eher ungeübte oder metierfremde Besucher. Vorrangig ist schlicht von einer Eröffnung die Rede, an zweiter Stelle von Opening. Im Einzelfall kommt Vernissage schon mal auf einer Einladungskarte gedruckt zum Einsatz, sonst aber gar nicht. So, nun wissen Sie gut Bescheid und können ganz insidermäßig das Wort vermeiden.

30. Juni 2013


Und dann endlich Mai. Am ersten Mai kam ich zum Aufbau von Jans Ausstellung, nicht zuletzt, um mein Portrait mit einer wüsten Signatur zu versehen. Ohne es vorher großartig zu planen, hielt ich die Kamera drauf, als Jan seinerseits ein Bild signierte, bzw. umfangreichen Text über einem Portrait von Veruschka von Lehndorff schrieb, direkt auf die Fotografie. Es wurde später das Bild, das im Entrée das Entrée zur Ausstellung darstellte. Und hier noch einmal die kleine Dokumentation, die sehr schön die besondere Art zeigt, wie Jan und ich kommunizieren. Aus unerfindlichen Gründen wird es punktuell im Ansatz frivol. Ich nehme an, die kultivierte Dreideutigkeit, hat einzig und allein den Zweck, die Lebensfreude via Kommunikation durch das gesprochene Wort zu steigern. Weiter nichts. Wir amüsieren uns dabei und vielleicht kommt es rüber. Ich denke schon. Ich höre ja dauernd mein albernes Gegacker auf der Tonspur. Total unprofessionell, haha. Scheiß drauf. Schieß drauf. Genau, schieß drauf hab ich zuerst getippt. Peng! Peng! Danach gingen wir essen, es ging mir unvergleichlich besser. Jan lud mich ein und ich wagte sogar ein Glas Wein. Nein, es waren sogar zwei Gläser von einem Blanc de Blancs, den ich ganz wunderbar vertrug. Ein asiatisches Fusion-Lokal in Charlottenburg, wo man die Rohstoffe selbst auswählte und dann frisch zubereiten lassen konnte. Das war gut.

30. Juni 2013

http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=124984

Foto: Jan Sobottka
Am elften April besuchte ich Jan bei Carpentier, er hielt die Galerie für Besucher auf und arbeitete dabei an seinem Buch, über das wir uns intensiv per E-Mails ausgetauscht hatten. Er schickte mir immer Layout-Dateien mit Portraits, die er in Betracht zog, dann wieder verwarf. Ein Interview mit ihm, um meinen Senf dazuzugeben, ein bißchen zu korrigieren, aber vor allem, um Feedback zu bekommen. Das tat ich gerne. Anschließend hatte er noch Lust, mit nach Mitte zu fahren, es gab eine Eröffnung bei Harry Judy Lybkes Galerie EIGEN+ART. Dort war es brechend voll. Allerlei hippe Galeriebesucher drängelten sich um eine komplizierte Installation im Kellerraum, die irgendetwas mit Magnetismus und Elektrizität bewegte, sehr raumgreifend. Ich dachte, das gehört doch eher in ein technisches Museum oder in den naturwissenschaftlichen Unterricht, aber egal. Später erst realisierte ich, dass das elektronisch gefütterte Bild, vor dem mich Jan ablichtete, in ständiger Veränderung begriffen war und sich keine Form wiederholte und es wohl ein Teil der Konstruktion im Keller war. So ganz habe ich es nicht durchschaut, aber hinterher fand ich es dann spannender, als in dem Moment, wo ich dort war und das nicht wusste. Ein komisches Völkchen war dort. Man merkte, dass nicht der Künstler oder die Installation den Magnetismus für diese überfüllte Vernissage verursachte, sondern der Ruf, der der Galerie vorauseilt. Der Galerist Judy Lybke vertritt Neo Rauch, den derzeit vielleicht kommerziell erfolgreichsten Maler unserer Zeit. Brad Pitt kauft unter anderem Werke von Neo Rauch, da darf es schon etwas mehr kosten. Nur mal so, als Einlassung für die Leser, die sich nicht unbedingt damit befassen, welche Galeristen welchen Maler vertreten und wie sich der Hype dann anderweitig auswirkt. Die Galerie ist praktischerweise in der Auguststraße, so hatte ich es nicht weit nach Hause. Wir waren ungefähr sieben Minuten dort, bestimmt nicht viel länger. Und nichts getrunken. Damals hatte ich ja alkoholische Getränke zwecks Rekonvaleszenz vorübergehend komplett gestrichen, was mir auch gut getan hat. Also das zu dieser Farb- und Schwarzweiß-Version einer Aufnahme, die Jan dort gemacht hat. Ich hatte meine Kamera an diesem Tag zwar dabei, aber keine Lust, sie zu benutzen. Es gab tatsächlich kein einziges Bild, das ich unbedingt hätte festhalten wollen. Außer vielleicht zwei kleine Mädchen, die Straßenmusik machten, an der Ecke zur Tucholskystraße. Die Idylle war fast schon zu perfekt, das dekorative Notenblatt auf einem alten Stuhl, die putzigen Zöpfe, der Eifer, die Geschäftstüchtigkeit der kleinen Künstlerinnen. Die waren wunderbar. Obwohl sie saumäßig schlecht spielten. Sie übten im Grunde nur, absolute Anfängerinnen. Aber dieser Mumm, sich da hinzustellen, an die Kreuzung vor dem Keyser Soze und sich unfassbar schiefe Töne zu leisten, ohne die Übung abzubrechen. Kein Wunder, dass der Hut voll war. Einfach toll, dieser Mut. Jan amüsierte sich über meine Begeisterung und dass ich ihn mehrfach darauf hinwies, dass es sich um Kinder handelt und ich mich positiv, ja begeistert äußere, was er doch bitte zur Kenntnis nehmen möge. Ich schimpfe ja immer über die mitgeschleppten Kinder und Säuglinge in den Galerien, die mir dort so unnütz und wie entführt vorkommen. Aber da habe ich die Kamera eben auch nicht ausgepackt, ich dachte, ich zerstöre vielleicht den Zauber und wie man sieht, ich habe es auch ohne Fotos nicht vergessen.

30. Juni 2013


http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=124984
►Opus 73
Die Chronologie bis zur Gegenwart. Am 23. März 2013 holte ich nach fünf Wochen zum ersten Mal wieder die Kamera aus dem Schrank. Nur für ein paar Minuten und nicht für Fotos. Für eine kurze Filmsequenz. Um nicht zu vergessen, wie sie funktioniert, und um ein Lebenszeichen aus der Gegenwart zu zeigen. Ich erinnere mich, dass ich an diesem Samstag auch deswegen motiviert war, das zu tun, weil ich die Tage davor immer wieder unangenehme Symptome hatte, diese Schwellungen und Rötungen im Gesicht, besonders um die Augen. Es wurde schlimmer, aber an diesem Tag war es dann ausnahmsweise erheblich besser und ich brachte mich dankbar, mit einer beträchtlichen Schicht Make up um die Augen, in die Verfassung, der Kamera ins Auge zu blicken. Die Woche darauf verschlechterte sich mein Zustand erheblich, dieser Samstag war der letzte Tag, an dem ich nicht wie ein kompletter Notfall aussah. Und am Dienstag nach Ostern ging ich endlich zum Arzt, dem Hausarzt und Immunologen, der mich unbekannterweise vor allen anderen Patienten, die einen Termin hatten, vorzog. Daran denke ich, wenn ich das kleine Opus anschaue. Der Tag vor dem Grauen, das durch den Arztbesuch und die daraus resultierende Diagnose und Erkenntnis glücklicherweise heilsam war. Die Bilder sind nur Standbilder von der Filmspur, keine Fotos. Ich rekonstruiere für mich die Aufeinanderfolge der wenigen Bilder, die in der Zeit seit Mitte Februar entstanden sind.