
Außerdem in den Brigitten von anno dazumal: Lebenshilfe, Ratschläge, Kummerkasten. Interessante Fragestellungen, denen man teilweise das Zeitkolorit anmerkt, bei Beziehungsfragen allerdings auch erkennt, dass die Kernprobleme damals wie heute ähnlich sind, nur die Kommunikationswege, -techniken haben sich erweitert, entwickelt, an technisch möglichem Tempo zugelegt. Was aber mitunter dickfellig nicht immer genutzt wird, siehe Gegenwartsproblematik „Ghosting“. Will jemand partout nicht kommunizieren, führt auch die schnellste Brieftaube, der beste Internetzugang oder das voll geladene mobile Endgerät nicht dazu.

Das nüchterne Fazit des Artikels „Kann Liebe Standesunterschiede überwinden?“ hat mich etwas überrascht. Ich hätte erwartet, dass die Redaktion von 1961 die Darstellung einer modernen Sichtweise forciert, die Parole ausgibt, Standesunterschiede immer noch als problematisch zu erachten, sei doch wohl eine gestrige Haltung.

Ich konnte der Argumentation dann aber doch folgen, die anführt, Standesunterschiede könnten immer noch, in unseren aufgeklärten Zeiten, und vor allem dann zu einem Integrationsproblem in die in puncto gesellschaftlichem Ansehen höher angesiedelte Familie führen, wenn der Mann quasi „niedrigeren Standes“ ist, da sich Männer nicht so anpassungswillig zeigen. Das könnte vielleicht sogar heute noch gelten, dass ein beispielsweise selbstbewusster, stolzer Handwerker ohne jeglichen akademischen und kulturell gehobenen Hintergrund und ohne Ambitionen in diesem Bereich, eher dazu tendiert, seinen ihn zufrieden stellenden, eher hemdsärmligen Lebensstil inclusive rustikaler Tischmanieren einer akademisch gebildeten Lebenspartnerin anzudienen und dadurch Punktabzug in den vornehmeren Herkunftskreisen der Angetrauten erhält. Umgekehrt ist eher der Pygmalion-Effekt zu erwarten, Eliza Dolittle freut sich gehobene Umgangsformen lernen zu dürfen, genießt sämtliche Elemente der Verfeinerung des neuen Lebensstils. Heutzutage auch am Zuspruch von Fake-Versionen, „Dupes“ von käuflichen Statussymbolen im Bereich von Mode-Premium-Marken und Produkten wie beispielsweise bis zur Vollendung gefälschten Kelly- und Birkin-Bags und Armbändern und Gürteln von Hermès und Louis Vuitton-Taschen abzulesen.

Die Leserinnen-Frage „Muss ich aufstehen, wenn ein älterer Herr mich begrüßt?“ wurde leider nur lückenhaft, somit unzureichend beantwortet. Die Fragestellerin geht nicht auf die konkrete Situation ein, ob sie zum Beispiel bei einer größeren Familienfeier an einer Tafel platziert, von einem hinzukommenden älteren Herrn gegrüßt wird oder im beruflichen Zusammenhang, etwa am Schreibtisch eines Vorzimmers tätig, wo ein älterer Besucher ins Büro tritt oder aber – wie die Antwort anheimstellt, in der Straßenbahn sitzend.
Letzteres Szenario kann ich anhand der Fragestellung aber gar nicht erkennen, denn auch Anfang der Sechziger Jahre war es vermutlich nicht üblich, dass man fremde Fahrgäste in der Straßenbahn grüßt. Außerdem stellt die Antwort anheim, es ginge darum, ob die jüngere Dame dem älteren Herrn ihren Sitzplatz in der Straßenbahn überlassen sollte. Eine völlig andere Frage, die schlampig beantwortet wurde, indem sie einfach diese Straßenbahnsituation unterstellt. Wobei das erwähnte launige Detail richtig ist, dass man Zeitgenossen die mutmaßlich älter als man selbst sind, aber nicht gebrechlich wirken, mit einem Platzangebot auch konsternieren, ja sogar beleidigen kann.
Meiner dunklen Erinnerung nach war es laut Knigge so, dass man grundsätzlich immer aufsteht, wenn man Gastgeber/in ist und ein Gast hinzukommt, ungeachtet des Alters, um diesen herzlich willkommen zu heißen. Bin ich selbst Gast und sitze an einer Tafel, bin beim Essen und weitere Gäste kommen hinzu, muss ich sicher nicht aufstehen. Bin ich zu Gast im Buckingham Palast beim Gala Dinner von King Charles, ich wurde bereits platziert und zuguterletzt tritt der Regent hinzu, um seinen Platz einzunehmen, bevor getafelt wird, stehe ich selbstverständlich auf, wenn das alle tun, sofern es die protokollarisch übliche Respektsbekundung dem gastgebenden König gegenüber sein sollte.
Aufstehen in öffentliche Verkehrsmitteln, um jemandem den Platz anzubieten, der schwächer wirkt, ob altersbedingt, angeschlagen oder erkennbar schwanger, gehört zum guten Ton, früher wie heute. Aber was rede ich, die verunsicherte Dame von damals dürfte heute in einer Verfassung sein, in der sie dankbar darauf hoffen darf, einen Sitzplatz angeboten zu bekommen, falls sie nicht sowieso schon… LIEGT.
Zum Thema Begrüßen von fremden Fahrgästen im ÖPNV kann ich außerdem beitragen: an einem der jährlichen europaweit ausgerufenen autofreien Tage am 22. September muss es wohl gewesen sein, dass in der Berliner S-Bahn ein flotter, älterer, gepflegt wirkender Herr im Trenchcoat zustieg, der sich orientierend umblickte, wie jemand, der noch nie eine S-Bahn von innen gesehen hat. Das Schnäppchen wollte er sich nicht entgehen lassen, dass man ohne Fahrschein gratis S-Bahn fahren konnte. Er nickte beim Einsteigen freundlich in die Runde und ließ gut hörbar „Guten Tag!“ vernehmen. Der unerwartete Gruß des ungeübten Fahrgastes an alle übrigen Fahrgäste löste allerhand Reaktionen aus. Eine Reihe S-Bahn-Gäste sah sich verdutzt an, gefolgt von einem amüsierten Lächeln, manche schüttelten ungläubig den Kopf, ein paar kicherten und bestimmt grüßte auch irgendwer heiter zurück. Aufgestanden ist aber keiner. War auch nicht nötig.
Liebe Gaga, bitte verzeihen Sie mir, dass ich Ihren Post erst morgen lese! Ab heute geht es mit mir ab ins 79. (Lebensjahr!)! Einfach schrecklich and so silly!! 🙄 ☺️
…einfach entspannt rübergleiten, ist ja nicht der erste Geburtstag, man ist geübt :-)