Neues Buch, neue Eselsohren. Ich lese seit Mittwoch oder Donnerstag „Erhörte Gebete“ von Truman Capote. Oft ist mir der Duktus der Dialoge zu salopp und auch zynisch, ich fange schon an, ganze Seiten zu überfliegen, wenn sie mir wie im Kokainrausch dahergefaselt oder ausgekotzt vorkommen. Es gibt aber auch ab und zu sehr lesenwerte Passagen, die ich gründlich und mit Gewinn lese.

Wie die folgende, über Truman Capotes Begegnung mit Colette in Paris. Der Hauptprotagonist des Buches kann getrost als Alter Ego von Truman Capote genommen werden. Dieses Werk von ihm führte zum Bruch mit vielen seiner prominenten Freunde, da es vor Indiskretionen strotzt. Einige haben geänderte Namen, andere die Namen, die die Welt kennt. Bei der Recherche, welche Pseudonyme für welche realen Personen stehen, stellte ich fest, dass mir gerade die geänderten, verschleierten, auch als Klarnamen nicht viel sagten. Ein gewisser gealterter Schriftsteller namens Wallace soll Tennessee Williams sein. Damit konnte ich noch etwas anfangen. Aber nun zu der sehr schönen Passage mit Colette, die auch im Buch Colette sein darf.

»Miss Barney war es auch, die es mir ermöglichte, Colette zu besuchen, die ich unbedingt kennenlernen wollte, nicht aus meinen üblichen opportunistischen Gründen, sondern weil Boaty mich mit ihrem Werk bekannt gemacht hatte (vergessen Sie bitte nicht, dass ich intellektuell ein Landstreicher bin, der seine Bildung am Rande von Fernstraßen und unter Brücken aufsammelt) und ich davon beeindruckt war: Claudines Mädchenjahre sind meisterhaft, unvergleichlich in der Kunstfertigkeit des Spiels mit Sinneseindrücken – Geschmack, Geruch, Tastsinn, Sehkraft.

Außerdem war ich neugierig auf diese Frau; ich war der Meinung, jemand, der so freizügig gelebt hatte wie sie, der so intelligent war wie sie, musste auf einiges Antwort wissen. Deshalb war ich dankbar, als Miss Barney es so einrichtete, dass ich mit Colette in ihrer Wohnung im Palais Royal Tee trinken durfte. »Aber«, warnte Miss Barney mich am Telefon, »ermüden Sie sie nicht und bleiben Sie nicht zu lange; sie ist den ganzen Winter über krank gewesen.«

Es ist wahr, Colette empfing mich in ihrem Schlafzimmer – sie saß in einem goldenen Bett à la Louis Quatorze beim Lever; aber ansonsten wirkte sie so wenig indisponiert wie ein Watussi in voller Kriegsbemalung, der einen Stammestanz anführt. Auch ihre Maquillage konnte es durchaus mit dem Watussi aufnehmen: schräge Schlitzaugen, hell und klar wie die Augen eines Weimaraner Jagdhundes, dick mit Kajal umrandet; ein mageres und kluges, clownsbleich gepudertes Gesicht; der Mund trotz ihrer beträchtlichen Jahre von einem glitschigen, glänzenden, aufreizenden Revuegirl-Rot; und ihre Haare leuchtend rot oder rötlich, ein rosiger, krauser Schaum.

Das Zimmer roch nach ihrem Parfüm (irgendwann fragte ich sie, welches es sei, und Colette sagte: »Jicky. Die Kaiserin Eugénie hat es immer getragen. Ich mag es, weil es ein altmodischer Duft mit einer eleganten Geschichte ist und weil es witzig ist, ohne ordinär zu sein – wie ein guter Causeur. Proust hat es getragen. Behauptet jedenfalls Cocteau. Aber der ist bekanntlich nicht sonderlich zuverlässig«), nach Schalen mit Obst und einer Junibrise, die Vorhänge aus Voile bewegte.

Der Tee wurde von einer Zofe gebracht, sie stellte das Tablett auf einem Bett ab, das schon mit schlummernden Katzen überhäuft war, dazu mit Briefen, Büchern, Zeitschriften und diversen Nippes, vor allem einem Haufen alter französischer Briefbeschwerer aus Kristallglas – viele dieser kostbaren Kugeln lagen auch auf Tischen und einem Kaminsims herum. Ich hatte so etwas noch nie gesehen; Colette bemerkte mein Interesse, wählte ein Exemplar aus und hielt sein Geglitzer vor das gelbe Licht einer Lampe: »Dieses Stück heißt Weiße Rose. Wie Sie sehen, steckt mitten in reinstem Kristallglas eine weiße Rosenblüte. Es wurde 1850 in der Clichy-Manufaktur hergestellt.

Alle schönen Briefbeschwerer wurden zwischen 1840 und 1900 von nur drei Firmen angefertigt – Clichy, Baccarat und St. Louis. Als ich anfing, sie zu kaufen, auf Flohmärkten und an ähnlichen Orten, waren sie nicht übermäßig teuer, aber in den letzten Jahrzehnten ist es in Mode gekommen sie zu sammeln, eine wahre Manie, und die Preise sind horrend. Für mich« – sie ließ eine Kugel aufblitzen, die eine grüne Eidechse enthielt, und eine andere mit einem Korb voll roter Kirschen – »sind sie beglückender als Schmuck. Oder Skulpturen. Eine stumme Musik, diese Universen aus Kristall.

Und jetzt«, fuhr sie fort und kam überraschend zur Sache, »sagen Sie mir, was Sie vom Leben erwarten. Abgesehen von Ruhm und Reichtum – das ist ja selbstverständlich. Ich sagte: »Ich weiß nicht, was ich erwarten soll. Ich weiß, was ich gern wäre. Nämlich ein erwachsener Mensch.«

Colettes bemalte Augenlider hoben und senkten sich wie die langsam schlagenden Flügel eines großen blauen Adlers. »Aber das«, sagte sie, »ist ja das Einzige, was niemand von uns je sein kann: ein erwachsener Mensch. Falls Sie einen Geist meinen, nur gehüllt in Sack und Asche der Weisheit? Frei von allem Bösen – Neid und Bosheit und Habgier und Schuld? Unmöglich.

Voltaire, sogar Voltaire lebte mit einem Kind im Innern, eifersüchtig und zornig, ein schmutziger kleiner Junge, der ständig an seinen Fingern roch. Voltaire trug dieses Kind mit sich herum bis ins Grab, wie wir alle es tun werden. Der Papst auf seinem Balkon … der von einem hübschen Gesicht in der Schweizer Garde träumt.

Und der britische Richter mit vornehmer Perücke, woran denkt er, während er einen Mann an den Galgen bringt? An Gerechtigkeit und Ewigkeit und reife Dinge? Oder überlegt er womöglich, wie er es schaffen kann, in den Jockey Club aufgenommen zu werden?

Natürlich haben Menschen erwachsene Augenblicke, einige wenige edle Momente, hier und da verstreut, und der wichtigste davon ist natürlich der Tod. Denn der Tod verjagt endlich diesen schmutzigen kleinen Jungen und macht das, was von uns übrig ist, einfach zu einem Gegenstand, leblos, aber rein, so wie die Weiße Rose. Hier« –

sie hielt mir die Blumenkugel hin, »stecken Sie das in die Tasche. Es soll sie immer daran erinnern, dauerhaft vollkommen, mithin erwachsen zu sein, das bedeutet, ein Gegenstand zu sein, ein Altar, eine Gestalt in einem Kirchenfenster: in Ehren gehaltenes Zeug. Da ist es doch viel besser, zu niesen und menschliche Gefühle zu haben.«

Truman Capote, „Erhörte Gebete“, dt. Heidi Zerning, Kein & Aber Pocket, S. 56 – 59

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