Kleiner Auszug aus meiner kürzlichen Lektüre „Markt der schönen Lügen. Die Geschichte Hollywoods in seiner großen Zeit“ von Otto Friedrich:

„Hanns Eisler, ein Radikaler aus Berlin, der die Musik zu einigen Brechtstücken geschrieben hatte, staunte bei seinem ersten Besuch in Hollywood im Jahre 1935, wie das System funktionierte. »Jede Fabrik hat fünf oder sechs Musikspezialisten, die sich pünktlich an die Bürostunden zu halten haben«, schrieb er später. »Nummer eins ist Fachmann für Militärmusik, Nummer zwei für sentimentale Liebeslieder, Nummer drei ist ein besser ausgebildeter Komponist symphonischer Musik, Nummer vier ist Spezialist für die Wiener Operette, Nummer fünf ist für Jazz da. Wenn also für einen Film Musik gebraucht wird, hat jeder Komponist seiner Spezialität entsprechend einen bestimmten Abschnitt zu bearbeiten. Die Komponisten haben keine Ahnung, was sich sonst noch in dem Film abspielt.«

Als die MGM-Fabrikation Mitte der vierziger Jahre ihren Höhepunkt erreichte, waren jeden Tag rund fünfzehn Filme gleichzeitig in Arbeit. Die Musikabteilung der MGM, Hollywoods größte, konnte zwanzig Vollzeitkomponisten auf ihrer Gehaltsliste vorweisen, dazu noch fünfundzwanzig Arrangeure/Orchestrierer und vierzig Kopisten. »Die Musikabteilung«, sagte André Previn »hatte nicht weniger und nicht mehr Bedeutung als die Abteilung für Kunstrasen. Wir reihten uns jeden Tag in der Musikabteilung auf wie Lastwagenfahrer, die warteten, ob nicht einer Tomaten nach Chicago oder Möbel nach Delaware zu bringen hätte«, erinnerte sich Previn. »Wir wussten nie, wer was brauchen würde. Wenn ein Komponist in Druck war, weil die Hintergrundmusik für seinen Boxkampffilm unverzüglich fertig sein mußte, scheuchte man uns vielleicht alle zu diesen Aufnahmen hinüber, damit wir ihm dort ein paar Tage lang unter die Arme greifen konnten.«

Wenn diese Musiker am Ende eines Tagewerks nach Hause gingen, sehnten sie sich danach, andere Musik zu spielen. Leonard Slatkin, Leiter des Symphonieorchesters von St. Louis, wuchs in Hollywood auf und berichtete, dass sein Vater Felix Slatkin, Geiger im Dienste der Twentieth Century-Fox, und seine Mutter Eleanor Aller, Cellistin bei der Warner Bros. sich im Filmdienst kennengelernt und schließlich das »Hollywood String Quartet« gegründet hätten. »Sie kamen um fünf nach Hause und musizierten die ganze Nacht hindurch«, erzählte Slatkin. »Sie kannten jeden, und man konnte nie wissen, wer vorbeischauen würde, alle kamen, von Schönberg bis Sinatra.«

Otto Friedrich, City of Nets/Markt der schönen Lügen. Die Geschichte Hollywoods in seiner großen Zeit, S. 76; 77; 78; 79, Kiepenheuer & Witsch (dt. Übersetzung) 1988

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