15. Mai 2021. Unangekündigte Sonne! Die sechzehn-Tage-Prognose für Berlin verkündete gestern durchgängige Bewölkung und Regen für die kommenden Wochen. Bitter! Aber: die Prognose stimmt nicht. Ja, da waren auch Wolken, aber wenn die Sonne kam, dann richtig. Unten am Gipsdreieck fand wieder unermüdlich eine Art Parkfest statt. Ich sehe das von da oben. Ich sehe alles! Am Morgen danach kommen dann immer die Jungs von der BSR und räumen die leeren Wein-, Prosecco-, Crémant-, Sekt- und Champagnerflaschen weg. Bierkästen gibt es während des Gelages auch zu sehen, die werden dann aber meistens wohl doch wieder mitgenommen. Aber es sind schon hauptsächlich – ich nenne sie mal „Parkgäste“, die vorzugsweise vergorenen Traubensaft konsumieren.

Neulich hab ich wo ein Foto von den leeren Flaschen gesehen, bevor sie weggeräumt wurden. Darunter waren Kommentare, die die Grüppchen, die sich da unten treffen, als „Millenials“ bezeichnet haben. Sie sind insgesamt friedlich (es gibt kein Gezeter, wie auch schon mal andernorts), aber sehr kommunikativ. Das ist meiner Vermutung nach auch der Grund der Versammlung. Eine meinungsstarke Demonstration für den Genuss von Wein und Small Talk. Es ist halt doch was anderes, mit jemandem nur virtuell zu chatten oder Auge in Auge gegenüberzustehen. Auch mir ist der Vorgang nicht unbekannt. Aber bei den Feierlichkeiten da unten war ich noch nie dabei. In letzter Zeit gibt es auch manchmal Musik, die von einem Gerät abgespielt wird, das jemand mitgebracht hat. Es wird viel geschnattert und gelacht. Da ich bei gekipptem Fenster schlafe, höre ich manchmal beim Einschlafen noch das Klappern von Flaschen.

Mein Samstag heute war unaufgeregt. Aber ich habe etwas zum ersten mal gemacht. Sogar zwei Sachen. Ich habe die Regenrinne unter dem kleinen Balkon zur Nordseite ein bißchen sauber gemacht, sie sah schon aus wie ein Blumenkasten, in dem das Kraut sprießt. An sich lasse ich ja gerne alles wachsen, was so kommt, aber so eine starke Zweckentfremdung der Regenrinne war mir auf Dauer doch suspekt. Das kam von den ganzen Resten von den zweiundzwanzig Frühlingen und Sommern und Herbsten und Wintern, die ich hier verbracht habe. Erde, Hölzchen, Laub. Das wird irgendwann Humus. Ich hab die Erde dann in meine zwei kleinen Beete verteilt. Beim Saubermachen hab ich aber Sauerei auf dem Steinboden fünf Etagen tiefer verursacht. Ich bin dann mit meiner Gießkanne und dem Müll nach unten und hab die Hölzchen und Stöcken weggemacht und mit Wasser weggespült. Dann hab ich den kleinen Ahorn besucht, der sich nun gut eingelebt hat. Ich besuche ihn fast jeden Tag. Schon am dritten Tag hat er die Flügel nicht mehr hängen lassen, es geht ihm gut. Gegossen hab ich ihn auch noch extra, obwohl es ja zwischendurch immer mal geregnet hat und er jetzt auch Wasser aus dem richtigen Berliner Erdreich ziehen kann. Das war mehr so als Geste, um ihm zu zeigen, dass ich mich immer noch um ihn sorge und kümmere!

Jetzt sprießt auch wieder das Weinlaub an den Hauswänden und rankt zu mir herauf. Die linke Wand aus meiner Blickrichtung ist schon wieder schön grün, aber die Blätter werden noch größer. Auch rechts kommt jetzt eine Ranke zu mir hoch, das ist das erste mal. Um den Wuchs zu mir noch mehr zu ermuntern, habe ich die drei Stöcke, die die Wände bewuchern, extra noch mal mit der Gießkanne gegossen. Unten im grünen Hinterhof, wo auch mein Ahorn wohnt, ist ein Wasserhahn. Ich bin begeistert, wie sich der Wuchs in diesem Jahr entwickelt. Wenn man Blumen und Sträucher und Bäume um sich hat, um die man sich kümmert, fühlt man sich mit dem Ort noch mehr verbunden, ja verwurzelt.

Dann habe ich noch Wäsche gewaschen und mit Lydia ausführlich über Hüte geplaudert. Ferngesteuert im Chatfenster. Zwischendurch natürlich auch noch gegessen und getrunken und Musik gehört. Und gelesen. Und in die Sonne geblinzelt, wie man sieht. Ach, und bei Edeka in der Großen Hamburger war ich ja auch noch. So Sachen eben.

4 Antworten auf „15. Mai 2021

  1. Volker L.
    Mein Wein schien den Umzug und den Harzer Winter nicht überlebt zu haben, aber siehe da: erst knubbelte er und jetzt Rollen sich die blättlein auf. Die Rose hingegen zeigt, was ihr all die Jahre gefehlt hat – echter Erdboden, nach unten unbegrenzt. So grün war sie noch nie. Und einen schönen roten Ahorn hab ich auch gepflanzt. (Neben Weigelie, Akelei, Pfingstrose, Salbei, heidel-, brom und johannisbeere, Kamelie, Clematis und einer Rose mit dem prosaischen Namen „Duftwolke“.)

    Gaga Nielsen
    ich träume von einer Pfingstrose, die den ganzen Frühling und Sommer blüht… 🏵 „Die Rose Duftwolke ist ein Abkömmling der Primaballerina“ hab ich gerade gelesen…! Beim Ausschauhalten zufällig eine Rose gefunden, die Duftjuwel heißt und auch wunderschön ist, gibts in Rosatönen aber auch zweifarbig – grandios:

  2. Heute ist hier auch wieder Sonne. Nix mit Regen. Es gibt ja schon die ersten Verschwörungstheorien, daß das Regenwetter von der Regierung absichtlich herbeigeimpft wird, damit die Leute im Lockdown nicht zu aufmüpfig werden und sich freuen, zu Hause bleiben zu dürfen. Klappt halt nur nicht so richtig mit dem Regenwetter.
    Sei froh, daß du es wahrscheinlich nicht mehr erleben wirst, daß der kleine Ahorn deinen Balkon erreicht. Ich habe hier einen großen Ahorn vor dem Balkon und fege jedes Frühjahr kiloweise Ahornnasen aus jeder Ritze. Wenn ich wollte, könnte ich hier eine hundertfache Baby-Ahornzucht betreiben, stattdessen zupfe ich die Baby-Ahorne immer, damit die anderen Pflanzen auch noch Platz haben.

  3. Mein kleiner Ahorn wird nie meinen Balkon erreichen, weil er ziemlich weit weg von allen Balkonen wächst. Ich habe genau überlegt, wo er hinpassen könnte. Er nimmt niemandem Platz weg und verdeckt dann nur eine unattraktive Wand ohne Fenster. Ich finde das Wetter gar nicht schlecht, immer wieder Regen für die Pflanzen und auch immer wieder Sonne, bis jetzt jeden Tag. Man würdigt jeden Sonnenstrahl, wenn sie nicht so inflationär daherkommen. Wenn es draußen so sommerlich warm wäre, ist es mir auch schnell zu heiß und ich verdrück mich wieder nach drinnen.

  4. Geht mir genauso. Ich liebe Regenwetter sogar, nur zu kalt darf es nicht werden. Es lenkt auch viel weniger ab und man kriegt viel auf die Reihe.

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