17-04-07 Aufbruch Soeht 7 (5)
Gestern, ganz adrett mit weißem Kragen, schon wieder im ehemaligen Frauengefängnis. Diesmal im bespielten Zustand mit Publikum gesehen. Ulrich Matthes las zwei Texte von Wolfgang Borchert in der Kapelle, sein Bruder, Dieter Matthes, eröffnete eine Ausstellung mit seinen Fotografien, die auf die Einzelzellen verteilt im Erdgeschoss hingen. War sehr gut besucht, draußen im Hof waren die Feuerschalen entzündet. Ulrich Matthes ist einfach nur brillant. Mehr geht nicht, wenn es um Ausdruck und Artikulation bei einer Lesung geht. Setzt Maßstäbe. Es war mucksmäuschenstill während er las. Ich musste nur ein paar mal schlucken, weil es derart berührend war, was Borchert da in der Hundeblume schrieb. Und auch in der Schischyphusch-Erzählung, besonders gegen Ende. Ich habe nicht fotografiert, gar nicht. Es gab nur eine kleine Fotosession mit den Brüdern in der Tykwer-Zelle, nach der Lesung, wo ich die Lampe hielt, aber nicht selbst fotografierte. Hat sich abermals gelohnt, der Weg nach Lichterfelde zu SOETH 7.
Auf dem Hinweg, ich hatte ein Taxi vom S-Bahnhof Lichterfelde Ost in die Soehtstr. genommen, erzählte mir der eingeborene Taxifahrer, was er alles über das ehemalige Frauengefängnis weiß, dass Bubi Scholz dort eingesessen hat, also besonders zuletzt – nicht immer durchgängig nur Frauen, und es als eine Art Luxus-Gefängnis galt, für Freigänger. Andere ehemaligen Insassen bezeichneten das Gefängnis in der Soehtstraße im Vergleich mit anderen Berliner Gefängnissen als „Kuschelknast“. Vielleicht ist die Atmosphäre auch deswegen nicht so beklemmend, wie man befürchtet, wenn man an einen Knast denkt. Und dann erzählte der Taxifahrer noch launig, welche prominenten Lichterfelder ihm so einfielen, das reinste Schlagersänger-Nest, obwohl er ja kein Schlagerfan sei, wie er betonte. Also in der soundso-Straße ist ja Roland Kaiser aufgewachsen, und da hinten am Dingsbumsweg wohnt ja die ganze Familie von Marianne Rosenberg, heute noch! Und natürlich Drafi Deutscher! Ich sehe gerade in Wikipedia, dass Götz George und Peter Fox auch „Söhne des Ortsteils“ sind. Ist dann ja nicht die schlechteste Adresse für Frau Nielsen.
Danach noch ein bißchen small talk mit dem Manager von dem Ganzen, Jochen Hahn, man muss ja Kontakte pflegen…, und mit Ina in die Nacht abgeschwirrt. Jan ging früh, zu früh, wir hatten eine kleine, unerquickliche Auseinandersetzung, ohne Not, aber Schwamm drüber.
Wir waren unternehmungslustig und wollten in eine schöne Bar, dachte, wir könnten ja mal ein paar Etablissements abklappern, die Ina noch nicht kennt, eine halbe Minute im Posh Teckel, Publikum zu jung, irgendwie studentisch, Musik zu laut und schrill, dreissig Sekunden im Circus Lemke, ähnlicher Eindruck, dann glückliches Ende in der Victoria Bar in Schöneberg. Genau unsere Kragenweite. Muss man viel öfter hin. Klasse Service, klasse Ambiente, Rauchen gestattet, buntes Publikum, durchaus stylish, aber nicht affig. Angenehm.

Eine Antwort auf „08. April 2017

  1. [ fb-Komm. ~ 089.04.17 ] Miriam V,
    Du bist schön.

    Gaga Nielsen
    <3

    Duke Meyer
    Das klingt wirklich ganz anders als alles, was ich je über staatlich organisierte Freiheitsberaubung hörte… Vor Jahren spielte ich mal im Knast Stuttgart-Stammheim, da wurde mir schon beim Reingehen ganz anders, als alle paar Meter vor uns auf- und alle paar Meter hinter uns wieder abgeschlossen wurde mit rasselnden Schlüsselbünden und filmreif krachendem Eisen-Sound der Türen. Und dabei wusste ich ja, dass die mich wieder rauslassen würden… am selben Tach.

    Schon klar, dass dein obiges Thema im Grunde ein anderes ist, aber da streift mich dann schon was… Die Knastführung, die die sehr netten und kulturverliebten Wärter uns dann angedeihen ließen, machte mir klaustrophobische Gefühle. Ich bin ja ein geduldiger Mensch ohne große Anspruchsnot an meine Umgebung, habe viel Zeit in urbanen Wüsten, Einöden und Off-Ecken verbracht – aber im Knast, fürchte ich, ginge ich binnen einer Woche ein. Und ich meine nicht einmal meine einstigen Sozialängste von ganz früher – nur einfach räumliche Enge und haarkleines Tagesreglement. Ich wollte auch glaub‘ ich in keinen „Kuschelknast“… ;-)

    Gaga Nielsen
    chnuffi, das ist kein Knast mehr, wo ich gestern und vorgestern war und im September meine Filme und Bilder zeige. Der letzte Vollzug hat 2010 stattgefunden, dann war das Objekt sechs Jahre ungenutzt und im letzten Jahr hat der Kulturmanager Jochen Hahn dem sehr schönen alten Bauwerk von 1906 neues Leben und einen neuen Geist eingehaucht. Auf einen Knast mit Vollzug hätte ich auch keine sonderliche Lust, bin ja Genussmensch!

    Hier ein wenig Background zur Geschichte und Wiedergeburt
    http://www.morgenpost.de/…/Das-Frauengefaengnis-in-dem...
    https://www.bbfc.de/…/1011320,bbfcloc,details,de,no=016...
    http://www.tagesspiegel.de/…/ehemaliges…/13579186.html

    Duke Meyer
    Ach so! Das ist dann wie so ein Wiener Flakturm, in dem heute Fische schwimmen, oder ein Mittelaltermarkt mit Würstchenständen, oder das große Trommelfest im Pentagon nach der NAR (Native American Revolution) 2070… ;-) Das entspannt entscheidend. :D

    Gaga Nielsen
    So siehts aus. Du würdest es lieben! Ich kenne doch deinen sensiblen Geschmack.

    Jan Sobottka
    Gaga das Feuer, Ich der Holzscheit
    (postet Bild Feuerschale auf dem Hof von SOEHT7)

    Gaga Nielsen
    Metamorphose. Apotheose.

    Sylvia E.
    Der Kragen steht dir. Und die Victoria Bar, hach ja. Muss da auch mal wieder hin…glückliche Enden brauchen wir alle mal hin und wieder;) LG!!

    Gaga Nielsen
    ab einem gewissen Alter muss man in solche Bars. RICHTIGE Bars. Mit richtigen Bartendern. Fachpersonal eben.

    Saskia R.
    Hm…In die Victoria Bar bin ich mit Mitte 20 gegangen. Und heute mit fast Mitte 60 ins Posh Teckel. Da stimmt doch was nicht, Mädels ;-)

    Gaga Nielsen
    im Posh Teckel kann es sichler mitunter auch schön sein, wenn man mit den richtigen Begleitern dort ist, bzw. verabredet, aber am Freitag gegen zehn, als wir dort waren, war ein Lautstärkepegel durch die eben erwähnte schrille Musikbeschallung und sich mehr oder weniger demzufolge anschreienden Gästen, die insgesamt den Eindruck erweckten, als ob sie das aufgrund ihrer jugendlichen Genügsamkeit für normal und tolerierbar hielten, dass wir da kein Interessantes Entwicklungspotenzial für unseren Abend sahen. Ich muss zugeben ich rede gerne. Bzw. tanze für mein Leben gern zu hervorragenden Beats, aber da war weder das eine noch das andere möglich. Jetzt hätte ich fast in den Raum gestellt, dass du vielleicht langsam in das Alter kommst, wo man sich gerne mit bedeutend jüngeren Leuten amüsiert, aber so alt bist du dann ja auch noch nicht. Und in der Victoria Bar sind schon durchaus auch jüngere Menschen in den Zwanzigern, aber eher älter. Uns hat ein Mittzwanziger heftig in Beschlag genommen, er hat leider ein bißchen viel geredet, war aber irgendwie erotisiert. Vom Leben und überhaupt. Komische Gäste gibt es mitunter überall. Aber das Grundrauschen ist ausschlaggebend. Ist auch an jedem Abend anders. Ich habe schon irrelevante Besuche im Kumpelnest – anderes Beispiel – erlebt, wo man dachte, was für ein Hype, was für ein Getue um den Laden, da geht ja gar nichts ab – und dann wieder andere Nächte, wo man sich völlig berauscht mit allen verbrüdert hat und dachte, das ist der beste Laden unter der Sonne. Oder Paris Bar. Zu normalen Zeiten teilweise sehr bürgerlich langweiliges Publikum, touristisch unterwandert, dann wieder – wie an Silvester – ein Hort der Ekstase von hochkultivierten schrägen und tanzwütigen Vögeln. Man muss sich offen zeigen.

    Gaga Nielsen
    p.s. von wegen Kumpelnest…..:-)
    https://www.flickr.com/photos/gaganielsen/3006793698/in/album-72157608685369728/lightbox
    https://www.flickr.com/photos/gaganielsen/sets/72157682264983126
    http://www.tagesspiegel.de/kultur/fotografie-ausstellung-von-dieter-matthes-die-spezielle-akustik-hinter-gittern/19633108.html

    Saskia R.
    Hammer-Portrait, Gaga!!!

    Gaga Nielsen
    <3

    Jan Sobottka
    quadflieg…


    .. nicht annähernd so gut wie von U.M.

    Gaga Nielsen
    Quadflieg macht den Fehler, den viele beim Lesen machen. Er liest viel zu schnell, als wäre er auf der Flucht. Hört sich an wie ein knatterndes Maschinengewehr. Ulrich Matthes hat alles richtig gemacht. Virtuos.

    Dietmar B.
    Wer 18 Jahre im Knast war wie ich, der weiß, dass es nichts zum kuscheln gibt.

    Gaga Nielsen
    als Insasse oder als Mitarbeiter? „Kuschelknast“ fiel als Metapher, um den deutlichen Unterschied zu den anderen Berliner Gefängnissen zu illustrieren. Stammt nicht von mir, die Formulierung, sondern wurde von Jochen Hahn als Zitat kolportiert.

    Dietmar B.
    Als Betriebsleiter der Setzerei und Druckerei und Lehrausbilder beider Berufe

    Gaga Nielsen
    in der Söhtstraße?

    Dietmar B.
    Nein, in der JVA Tegel, die größte Vollzugsanstalt der BRD.
    In der Söthstrasse war ich vier Wochen, ebenfalls in der JVA für Frauen usw.

    Gaga Nielsen
    ah ja.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s