
Venedig, das sind wir, ein fliegend Löwentier, ein Funkeln Tag und Nacht, aus Unvernunft gemacht. A. Heller

Foto: Jan Sobottka, catonbed
19. Dezember 2010
Tanz an das Meer
Arnold Fanck, 1926
18. Dezember 2010
http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=71649
Die letzten Stunden damit verbracht, noch einmal Die Macht der Bilder in der hier im Netz verfügbaren englischen Version The Wonderful, Horrible Life of Leni Riefenstahl, zu sehen. Mag siebzehn Jahre her sein. Kann sein, dass ich bei der damaligen Ausstrahlung auf Arte, die in mehreren Teilen erfolgte, eine Folge verpasst hatte. Leni Riefenstahl spricht in dieser Dokumentation, die neben anderen Preisen 1993 den Emmy in der Kategorie Arts Documentary erhielt, detailliert über ihre Herangehensweise, Bilder zu inszenieren. Um für den Olympiafilm den Winkel zu erhalten, in dem man die Hochspringer gegen den Himmel sehen konnte, wurde im Olympiastadion ein kleiner Schacht ausgehoben, in dem die Kamera in der Vertiefung positioniert wurde. Diese Idee wollte das Olympische Komitee zunächst untersagen, weil der Schacht eine Gefahrenquelle für die Sportler sei, aber sie setzte sich durch. Hunderttausende Meter Material wurden belichtet, zwei Jahre brauchte sie für den Schnitt, den sie alleine machte, wie bei allen ihren Filmen. Leni Riefenstahls visuelles Schaffen ließ ich zum ersten Mal 1986 oder 1987 näher an mich heran, als ich in der Amerika-Gedenkbibliothek ihren Bildband über die Nuba, der 1973 erschienen war, auslieh. Ein bestimmtes Bild faszinierte mich so stark, dass ich das Buch an der Stelle aufgeklappt auf einem Tisch an die Wand gelehnt hatte. Es begann ein fester Bestandteil meiner Wohnung zu werden. Es war in der Küche meiner damaligen Wohnung in Schöneberg. Ich gab das Buch monatelang nicht zurück und irgendwann kam eine Rechnung mit einer sehr hohen Gebühr für die Überziehung der Entleihungsfrist. Dafür hätte ich mir das Buch im Antiquariat kaufen können. Ich brachte es zurück und fragte, ob ich es kaufen könnte, aber die Bibliothek verkauft keine Bücher. Verständlich. Als es weg war, hatte ich das Bild so verinnerlicht, dass es auch in Ordnung war, das Buch nicht mehr zu haben. Seltsam, dass ich auch später nicht mehr darüber nachdachte, den Bildband zu kaufen. Beziehungsweise immer nur kurz darüber nachdachte, es aber nie tat. Wahrscheinlich hatte ich immer gerade nicht genug Geld übrig, wenn es mir wieder in den Sinn kam. Mittlerweile gibt es ja einige darüber, viel umfangreicher, als der schmale Band von damals war. (nach dem Eintrag kurzerhand ein antiquarisches Exemplar dieses ersten Bildbandes bestellt. „Im Leinen-Schuber“.)

Die auf dem Radar von gestern für morgen avisierte Sonne schien schon heute. Die Bilder entstanden, ohne dass ich die Wohnung verlassen habe, aus dem Fenster fotografiert. Dem Badfenster nach Norden und dem Wohnzimmerfenster in Richtung Süden.

17. Dezember 2010

Ich bin ein Mädchen aus Piräus und liebe den Hafen, die Schiffe und das Meer. Ich lieb‘ das Lachen der Matrosen, ich lieb‘ jeden Kuß, der nach Salz schmeckt und nach Teer. Wie alle Mädchen in Piräus, so stehe ich Abend für Abend hier am Kai, und warte auf die fremden Schiffe aus Hongkong, aus Java, aus Chile und Shanghai. Ein Schiff wird kommen, und das bringt mir den einen, den ich so lieb‘ wie keinen, und der mich glücklich macht. Ein Schiff wird kommen, und meinen Traum erfüllen und meine Sehnsucht stillen, die Sehnsucht mancher Nacht.
Fini Busch 1960
17. Dezember 2010
Man kann froh sein, wenn man gesund ist. Das meine ich ganz ernst. Es beschäftigt mich in letzter Zeit, in diesem Jahr sehr stark. In welchem Umfang man selbst dafür verantwortlich ist, inwieweit bestimmte Symptome die Folge von Lebensführung sind, solche Dinge. Und was man tun kann, um sich das Beste zu geben, den besten Baustoff, die besten Bedingungen. Erstaunlicherweise ist die besondere Motivation nicht durch ein Leiden motiviert, das mich plötzlich heimgesucht hat, sondern durch dessen plötzliches Verschwinden. Und gleichzeitig die parallele Beobachtung der Entwicklung eines vergleichbaren Leidens bei anderen. Klingt ein bißchen kryptisch jetzt. Es geht um das erstmalige Empfinden von Gesundheit nach dreissig Jahren. Wie ich inzwischen glaube, nicht wundersam. Andererseits bin ich mir nicht sicher, ob es das ist, was ich vermute, die Veränderung meiner Ernährungsgewohnheiten. Darüber rede ich bislang nur im engeren Kreis und sehe ziemliches Erstaunen in den Gesichtern. Vielleicht schreibe ich mal mehr darüber, wenn ich größere Gewissheit habe. Oder wenigstens in einem dieser Foren, in denen ich noch nie war, aber weiß, dass sie existieren und in denen es von Hilfesuchenden wimmelt. Spätestens im Sommer. Es geht um Asthma und dessen nicht-psychosomatische Ursachen. Wäre es psychosomatisch gewesen, hätte es mir in diesem Jahr, das mir nicht gerade ans Herz gewachsen ist (außer in eben dieser Hinsicht), schlecht gehen müssen. Sind unter meinen Lesern Allergiker? Wenn ja, gehe ich vielleicht doch darauf ein, warum es in meiner Hausapotheke nur noch Aspirin und Pflaster gibt und eine fast leere, seit geraumer Zeit nicht mehr benutzte Asthma-Spraydose mit überschrittenem Verfallsdatum.

16. Dezember 2010
Heute: Fachvortrag statt Blogeintrag. Bitte kommen Sie morgen wieder in meine Sprechstunde. Schwester Gaga gibt Ihnen einen Termin.
Mit freundlichen Grüßen
Dr. med. Nielsen
15. Dezember 2010

http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=71649
Berlin – 8°. So eine шапка (sprich Schapka) tut gute Dienste. Natürlich ist die Mütze nicht politisch korrekt, weil eine Menge Polyester sterben mussten, damit Frau Nielsen warmes Fell am Kopf hat. Der trotzige Kopf ist gut eingepackt und ich bin guter Hoffnung, Väterchen Frost weiterhin zu trotzen. Wenn der Winter nicht so winterig wäre, käme man sich ein bißchen übertrieben vor, aber der Winter tut ja gerade was er kann, damit man nicht völlig overdressed wirkt, im Sibirien-Look. In Sibirien soll es zur Zeit wärmer als in Berlin sein, hab ich neulich gelesen. Kann sich natürlich schon wieder geändert haben. Schade, dass ich zur Zeit keinen Alkohol zu mir nehme. Eigentlich müsste man zur Abrundung des Outfits alle halbe Stunde einen Flachmann mit Wodka aus der Manteltasche holen. Blöd. Ob ich wieder anfange zu trinken? Ich denke im Januar noch mal drüber nach. Oder vielleicht sogar schon am 31. Dezember. Erfahrungsgemäß dauert der Winter ja noch mindestens ein Vierteljahr. Reichlich Gelegenheit, um seine eigenen Meinungen zu überdenken.
15. Dezember 2010

http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=71649
Berlin – 8°. So eine шапка (sprich Schapka) tut gute Dienste. Natürlich ist die Mütze nicht politisch korrekt, weil eine Menge Polyester sterben mussten, damit Frau Nielsen warmes Fell am Kopf hat. Der trotzige Kopf ist gut eingepackt und ich bin guter Hoffnung, Väterchen Frost weiterhin zu trotzen. Wenn der Winter nicht so winterig wäre, käme man sich ein bißchen übertrieben vor, aber der Winter tut ja gerade was er kann, damit man nicht völlig overdressed wirkt, im Sibirien-Look. In Sibirien soll es zur Zeit wärmer als in Berlin sein, hab ich neulich gelesen. Kann sich natürlich schon wieder geändert haben. Schade, dass ich zur Zeit keinen Alkohol zu mir nehme. Eigentlich müsste man zur Abrundung des Outfits alle halbe Stunde einen Flachmann mit Wodka aus der Manteltasche holen. Blöd. Ob ich wieder anfange zu trinken? Ich denke im Januar noch mal drüber nach. Oder vielleicht sogar schon am 31. Dezember. Erfahrungsgemäß dauert der Winter ja noch mindestens ein Vierteljahr. Reichlich Gelegenheit, um seine eigenen Meinungen zu überdenken.
15. Dezember 2010
Als ich von der S-Bahn zu meiner Wohnung lief, habe ich an den Zehenspitzen gemerkt, dass es wieder kälter geworden ist. Weil ich keine große Plastikschüssel oder so etwas habe, hab ich ein Fußbad in dem größten Suppentopf genommen, den ich habe. DREIMAL HABE IST SCHLECHTER STIL! Mit dem waldmeistergrünen Erkältungsbadezusatz aus dem Drogeriemarkt. Als ob die Fußspitzen sofort einen Turbo-Temperaturtransfer gemacht hätten. Nach fünf Minuten ist mir das Wasser schon lauwarm vorgekommen, die Füße haben alles eingesaugt! Man muss immer ganz schnell reagieren, wenn man ein bißchen gefroren hat und Gegenmaßnahmen einleiten. Nach dem Fußbad hab ich flauschige Socken angezogen, die ich vorher auf den Heizkörper im Bad gelegt habe. Bestimmt ist die Gefahr gebannt. Das ging noch mal gut! Eigentlich ist es auch praktisch, wenn es immer so ähnlich gleich kalt ist, also so kalt, dass man sich so warm wie möglich anziehen muss, wenn man vor die Tür geht. Ich ziehe seit ungefähr zwei Wochen fast jeden Tag dasselbe an. Man muss nicht viel überlegen, nur dazwischen Wäsche waschen. Prima! Außerdem merken andere doch sowieso nicht groß den Unterschied, ob ich einen schwarzen, weißen oder roten Rollkragenpullover anhabe. Ich ziehe jetzt immer die drei selben Pullover abwechselnd an, die am weichsten und wärmsten sind, den roten und weißen mit der Schneeflocke drauf und noch einen anderen. Und so Beinwarmhaltedinger über die Socken. Strumpfhosen kann ich nicht leiden. Die habe ich schon als Kind verabscheut. Obwohl ich inzwischen sogar ganz flauschige von einer Marke habe. Also Markenstrümpfe! Eigentlich ganz schön weich, aber ich ziehe lieber Hosen als Röckchen an. Ich habe nicht vor, in der S-Bahn jemanden zu verführen. Außerdem schaut man bei mir sowieso eher ins Gesicht, bilde ich mir ein.
Neulich musste ich – ha neulich ist gut – es war im Sommer – also neulich im Sommer musste ich wie gebannt auf das entblößte Bein einer jungen Frau in der S-Bahn schauen. Es war so vollendet schön. Sie war überhaupt ein Blickfang. Sie trug einen kurzen Rock und neben dem schönen Bein und dem Sitz ihrer Freundin lehnte eine Krücke. Ich konnte nicht ausmachen, zu wem die ausnehmend schöne Krücke gehören könnte. So ein altes, antiquarisches Modell, aus einem gegabelten Ast und am Griff mit Leder umnäht. Die S-Bahn war wieder einmal brechend voll, wie fast immer eigentlich und es wäre bei dem Gewusel schon ein Kunststück für sich gewesen zu identifizieren, welche Beine und Füße zu welchen Köpfen gehören. Neben dem bildschönen Bein und der Krücke waren noch ganz viele andere Beine, von den anderen Fahrgästen und davor standen auch noch Leute. Als sie am Hauptbahnhof aufstand, die Krücke nahm und mit ihrer Freundin, an deren Aussehen ich mich nicht im geringsten erinnern kann, das Abteil verließ, sah ich von hinten, dass Sie gar keine Verletzung am Bein hatte, aber dafür unverschämt lässig die schöne Krücke unter dem Arm trug. Das andere Bein war gar nicht verletzt. Sie hatte gar kein anderes Bein. Nur das eine, von mir bewunderte. Ein kerngesundes, wunderschönes. Man hatte nicht das Gefühl, dass irgendetwas an ihr falsch wäre oder fehlt. Nichts an ihrem Körper war erbarmungswürdig oder mitleiderregend. Ich sah ihr während der Bahnfahrt verstohlen ins Gesicht, so aus dem Augenwinkel, weil ich sie so sexy fand, ihren Gesichtsausdruck und ihre lebhafte Art. Dass ich ihren zweiten Oberschenkel nicht ausmachen konnte irritierte mich nur kurz, weil es so gedrängt voll war. So ein ganz stylisher Typ wie aus einer Hochglanz-Fotostrecke. Athletisch, groß, lange, glatte blonde Haare, sehr gut geschnitten, braun gebrannt, sehr weiße Zähne, sehr aufregender Mund, breites Lachen, blitzende Augen. So eine Frau wo man denkt, wenn ich ein Mann wäre, würde ich nervös werden. Dieser Eindruck hat mich noch lange beschäftigt. Seltsam, dass ich es jetzt erst schreibe. Ich hatte es wieder vergessen. Da wurde mir klar, wie nie zuvor, wie stark die Anziehungskraft eines Menschen von seiner eigenen Überzeugung abhängt. Sie wirkte unfassbar sicher. Ich bin mir absolut sicher, dass ihr die Männer wie verrückt hinterherlaufen. Total uninteressant, wieviele Beine sie hat oder nicht. Ungefähr so nichtig wie die Frage, ob sie fünfundzwanzigtausend oder dreißigtausend Haare auf dem Kopf hat. Völlig egal. Sie hatte eine vibrierende Körperspannung, wie ein trainiertes Model. Unglaublich. Und mit ihrer schönen Krücke und ihrem schönen einen Bein tanzte sie zur Rolltreppe und verschwand.
14. Dezember 2010
http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=71649
Oder man stellt sich vor, die Zeit schlägt in verschieden großen Wellen an Land. Wenn man hinnimmt, dass die Welle groß ist, weiß man, dass man viel Kraft und Geschick braucht, um darauf zu reiten. Eine kleine Welle ist keine große Gefahr. Sie reißt nicht in die Tiefe. Man muss sich nicht so damit beschäftigen. Manche Wellen sind zu groß, um darauf zu reiten. Außer man glaubt an Jesus und wie die alle heißen. Ich glaube nur an das Maß an Kraft und wundersame Stärke, das ich in starken Zeiten an mir selbst oder anderen erlebt habe. Ich weiß gar nicht, ob mir schon einmal ein Wunder begegnet ist. Also so ein Wunder zum sich drüber wundern. Naturwunder hab ich schon viele bewundert. Aber ich dachte nie an Hexerei, sondern den einfachen, ganz normalen Zauber der Biologie, die meiner Meinung nach überhaupt keine Mystifizierung braucht, sie ist wunderbar und geheimnisvoll genug, so lange es noch irgendein Rätsel der Zellen und Energie, die sie wachsen und rotieren lässt, gibt. Und selbst wenn alle Formeln gefunden und alle Rätsel gelöst sind, wird der Zauber der Nervenbahnen eines Blattes im Gegenlicht immer bleiben.
Auf manchen Wellen kann man nicht reiten, das wäre Größenwahn. Irrsinn. So langweilig ist das Leben auch nicht, dass man den Abgrund herausfordern müsste, um sich zu spüren. Dafür bin ich mir auch viel zu nah. Ich bin mir zum Beispiel zu wertvoll, im Hinblick darauf, diese einmalige Beziehung zu mir selbst weiterführen zu wollen, und zu erleben, wohin die unwägbare Reise geht, um vor der Zeit aus dem Leben zu treten. Wenn man so etwas artikuliert, bedeutet es natürlich, dass man eine Weile oder immer wieder darüber nachgedacht hat. Es ist ein Dilemma, das viele kennen. Die Sehnsucht nach Auflösung, Schmerzlosigkeit, Leichtigkeit. Aber so lange man es nicht wenigstens einmal über einen längeren Zeitraum geschafft hat, das in diesem irdischen Dasein zu erfahren, hat man eine Aufgabe vor sich. Ein längerer Zeitraum, auf den man später als jene wunderbare Zeit zurückblicken kann. Weißt du noch? Ungetrübt. An die man sich erinnert wie an einen schönen Film ohne Riss in der Geschichte. Gibt es das? Eine strahlend helle, warme Zeit, wie eine Ära? Eigentlich muss es möglich sein, weil auch das Gegenteil möglich ist. Eine Frage, die man sich gar nicht stellt. Gibt es das, eine dunkle Zeit, über einen längeren Zeitraum.
Dunkel, wahrhaft dunkel ist, wenn man in einen lichtlosen Schacht fällt, und fällt und fällt und nicht aufschlägt. Schlägt man auf, ist man ohnmächtig. Wacht man wieder auf, spürt man die Knochen, die Verletzung. Man liegt da und der Kopf dreht sich wieder zum Licht, nach oben, dahin, wovon man fiel, in die Tiefe. Der Blick hält sich an dem fernen Licht fest. Man schaut nicht nach unten, wenn man auf dem Rücken liegt. Nach oben. Es sei denn, man schließt die Augen. Das muss manchmal sein. Man muss auch schlafen. Aber irgendwann ist es nicht mehr interessant, in der Regungslosigkeit zu verharren. Man will nicht erstarren, und wieder spüren, wie sich Bewegungen anfühlen. Dann fängt man vorsichtig wieder damit an, ganz vorsichtig. Bis man wagt, aufzustehen, sich wieder aufzurichten. Dann schaut man, wo ein Mauervorsprung ist, der Halt gibt, beim ersten Tritt, wenn man versucht, sich nach oben zu ziehen. Am besten, man schaut mittags, wenn die Sonne am höchsten steht und senkrecht in die dunkle Tiefe fällt. Dann kann man mit dem Blick ausloten, wo man Halt finden kann. Wie man sich behelfen kann.
Letzte Nacht bin ich sehr erschrocken. Ich habe etwas geträumt, das einen solchen Schmerz verursacht hat, dass ich einen tiefen Schmerzensschrei ausstieß. Es war tief im Schlaf und ich weiß nicht, ob ich nicht wirklich geschrien habe, im Schlaf und davon aufgewacht bin. Der Schmerz war wie ein Dolchstoß, aber waffenlos. Als ob in Sekundenschnelle alles zerstört wurde, was mir lieb und wichtig war, in diesem Augenblick. Ein furchtbarer Moment. Aber ich stand auf, früh, und vergaß über den Tag diesen seltsamen Moment im Traum. Mir ist, als hätte ich in der Nacht noch darüber nachgedacht, dass meine schlafenden Nachbarn vielleicht dadurch aus dem Schlaf geschreckt sein könnten, und dass sie gedacht haben müssten, dass jemandem furchtbare Gewalt angetan wird.
Wenn man sich auf die wichtigsten Überlebensfunktionen konzentriert, die kleinen Ablenkungen reduziert, gewinnt man eine Form von Klarheit in sich, die sich anfühlt, als könnte man die Parameter in seinem Leben besser einschätzen, gewichten und daraus folgern, was man beibehält und was nicht. Was absolut lebensnotwendig ist und auch, was für den Aufbau sorgt. Welche Elemente des Lebens aufstrebende Kräfte in sich tragen. Das zum Beispiel. Sich nach einem Tag, der auf eine schöne Art unspektakulär verlaufen ist, vor dem Schlafengehen solche Gedanken machen zu können. Sie aufzuschreiben, festzuhalten, lesbar zu machen. Für sich selbst und andere. Was für ein Luxus. Die Wohnung so warm, das weiche Bett so nah. Das gesunde Gefühl in den Knochen und Zellen. Die Verantwortung dafür auch endlich begriffen zu haben. Ich bin seit einiger Zeit in einer Phase, in der mir von Giften zugeneigten Hedonisten als wahnhaft diszipliniert belächelte Gesundheitsaktivitäten, meinerseits nicht mehr hysterisch vorkommen. Wahrscheinlich eine gängige Entwicklung in meinem Alter. Ich bin Mitte Vierzig. Ich begrüße es, wenn sich jemand nicht gehen lässt und der direkte Zusammenhang mit gesteigerter Sinnenfreude erkennbar ist. Wahrscheinlich könnte ich jetzt immer so weiter tippen, bis mir die Augen zufallen und ich meine Leser schnarchen höre. Morgen ist auch wieder ein Tag. Ich gehe jetzt ein bißchen nach Westen. Aber nur in meiner Wohnung, zu meinem Bett. Mit dem Kopf nach Süden und den Füßen nach Norden.

12. Dezember 2010

„Die weisse Hölle vom Piz Palü“. Gleich im Vorspann beeindruckend: Photographie: Sepp Allgeier. Richard Angst. Hans Schneeberger. Herrliche Aufnahmen. Kerniger Bursche. 2:42 (!) 6:29
http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=71649
13. Dezember 2010
http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=71649
Ich weiß es nicht. Vielleicht Pampelmuse. Zitronenbäume haben ganz andere Blätter, kleiner, glatter. Orangenbäume auch oder? Unscharf dahinter wächst eine Avocado. Soviel ist sicher, weil ich mich genau erinnere, den Kern in die Erde gesteckt zu haben und ich nicht so oft Avocado esse. Es ist eine Zitrusfrucht. Mandarine kann es nicht sein, weil ich nur selten Mandarinen esse, nie welche kaufe. Auf jeden Fall wächst es immer schneller und stärker und will keine besondere Behandlung. Bei mir gibt es sowieso nur Wasser. Wem das nicht passt, kann ja gehen. Und manchmal eine neue Schaufel Erde obendrauf. Und Sympathie. Viel Sympathie. Wohlwollen. Einen freundlichen Blick aber kein Gerede. Ich glaube sowieso viel mehr an wortloses Verstehen. Vorgestern in einem alten Tagebuch einen ewig langen Eintrag gelesen, in dem ich darüber sinniere, warum ich so ein geringes Mitteilungsbedürfnis habe, in Form von Sprechen. Ich war sehr erstaunt über den Eintrag, der fast neunundzwanzig Jahre zurückliegt, in einem geradezu philosophischen Ausbruch mündet, und seine Parallele zur Gegenwart. Damals hatte ich auch diesen Transit wie jetzt, diese Saturn-Venus-Konjunktion, und aus diesem Grund interessierten mich die Einträge und Ereignisse aus dieser Zeit. Saturn braucht etwa neunundzwanzigeinhalb Jahre für einen Umlauf um unsere Sonne, um an denselben Punkt zurückzukehren. Deswegen habe ich mir diesen Aspekt genauer angesehen, man erlebt ihn nur zwei, dreimal im Leben. Darüber denke ich in den letzten Tagen nach. Ich war froh, dass ich einiges hinter mir gelassen habe, was ich da las. Die Orientierungslosigkeit, nicht zu wissen, wie man von da wegkommt, wo man ist, nicht den geringsten Plan zu haben, aber den brennenden Wunsch, unbedingt weg zu wollen. Das scheinbar unlösbare Problem, nicht zu wissen, wie man sich alleine über Wasser halten soll. Damals war ich sechzehn, als ich das schrieb, ging noch zur Schule, träumte von der weiten Welt. Selbst eine andere Stadt zu sehen, hätte mich befriedigt, ich wusste nicht, wie man das angeht. Meine Eltern verreisten nie. Sie hatten ihren großen Garten und fanden, das wäre Urlaub genug. Sehr sesshafte Menschen, denen der Blick in die Ferne durch den Fernseher aus mir unerfindlichen Gründen eben reichte. Meine Freunde verreisten mit ihren Eltern oder anderen Freunden, aber nicht alleine. Ich war zu dem Zeitpunkt nur einmal am Meer gewesen, mit den Eltern einer Freundin. Ich durfte mit, ich glaube es war 1977. Oder 1979? Ich weiß es nicht mehr. Nur dass in der Hotel-Diskothek auf der damals jugoslawischen Insel Mali Losinj „Pop Muzik“ und „My Sharona“ lief. Und ich mit einem blonden, muskulösen Profi-Schwimmer der Jugendklasse aus Bad [ZENSIERT] techtelte. Nicht mechtelte allerdings, dafür fühlte ich mich noch zu jung. Er war sexy und braun gebrannt und hatte genauso eine Zahnlücke wie ich. Da sah ich das erste mal, dass das keine Behinderung sein muss, sondern sogar anziehend wirken kann. Irgendwie verwegen sah er aus. Wie hieß er bloß. Ich müsste nachschauen. Sein Vater war der Kurdirektor von Bad [ZENSIERT]. Oh là là. Diesen Zeitraum sollte ich besser mal checken, was ich da für einen interessanten Transit hatte.

Ich war doch schon beim Juni und Juli 1982. Reisen war also nicht drin, ich hatte kein Taschengeld gespart und keine Lust auf einen Job nebenher, auch nicht während der Ferien. Da wollte ich lieber ausschlafen und faulenzen. Ferienjobs klangen schrecklich, allesamt. Zeitungen austragen und dafür in der Dunkelheit und Kälte aufstehen. Oder irgendwas im Supermarkt einräumen. Ich las am liebsten Reisebücher. Ich notierte in einem Eintrag vom Juni 1982 „neue Bücher gekauft, „talk one’s head off“, „Anders reisen Paris“, „Anders reisen San Francisco“. Im Kopf war ich längst unterwegs. Gut, dass ich inzwischen einiges gesehen habe, das diese unbändige Sehnsucht, andere Länder, unbekannte Orte zu sehen, gestillt hat. Ich empfand das bis zu meinem zwanzigsten Lebensjahr als heftigstes Defizit. Das war streng genommen der einzige Grund, warum ich mich darauf einließ, zu arbeiten. Um mehr Geld zu haben, als nur das Dach über dem Kopf finanzieren zu können. Um zu reisen. In Länder, wo Pampelmusen und Avocados wachsen.

Ich las noch ein bißchen weiter, letzten Samstag, aber dann wurde mir dieses Erinnern an die Jugend zu dicht, die Details zu nah, die Zeit begann mehr zu leben, als ich es wollte. Aber wichtig war, zu sehen, dass es tatsächlich einen frappierenden Zyklus der Ereignisse und Gefühle zu geben scheint. Und demnach auch die Aussicht auf einen nächsten Zyklus, in dem etwas anderes vorrangig werden wird, als jetzt. Als sich die Konjunktion dem Ende neigte, im August 1982 hatte ich einen Schub, in dem ich wie wild anfing zu malen. Auf zerrissene Bettlaken, Aquarelle, Portraits. Eine Zeit der Zurückgezogenheit, in der ich in langen Sommerferien nur damit beschäftigt war, mich auf dem Dach der Garage des Hauses meiner Eltern zu sonnen, der abgeschiedenste Platz, den ich dort finden konnte, zu malen und Tagebucheinträge zu verfassen. Man musste über einen großen Regenwassertank mit einer gewissen Geschicklichkeit auf das Dach klettern, dazu fand niemand einen Grund, außer mir. Ich nahm mir etwas zu trinken und zu lesen mit und die Sonne brannte schattenlos auf meinen Körper. Mich beschäftigte der frühe Tod von Romy Schneider, die wenige Wochen vorher, Ende Mai gestorben war. Eines der Portraits zeigte sie. Zwei davon habe ich noch, hier in meiner Wohnung. Das andere auch ein Frauengesicht, halb eine alte Freundin, halb Patti Smith wirft immer Fragen auf, wenn es jemand sieht, heute. „Von wem ist das?“. Weil ich so etwas heute nicht mehr mache, kommt die Frage, aber ich konnte das. Niemand weiß woher. Und dann kam der September und damit mein Geburtstag. Wie erstaunt ich las, dass ich ihn feierte. Oder besser gefeiert wurde. Das war so untypisch für mich. Hätte mich jemand gefragt, hätte ich voller Überzeugung behauptet, dass ich noch nie eine nennenswerte Geburtstagsfeier gemacht habe. Aber im Jahr 1982 kamen einige Freunde vorbei und hatten Kuchen dabei. Einer war mit Grasmehl gebacken. Der andere eine schwedische Apfeltorte. Selbstaufgenommene Kassetten gab es als Geschenk und noch andere Sachen. Vorher schien ich eine eremitische Phase gehabt zu haben, denn ich brachte große Überraschung zum Ausdruck, in meinem Tagebucheintrag. Ich schien der Meinung zu sein, ich hätte mich zu sehr von allen zurückgezogen, um noch bedacht zu werden. An der Stelle des Geburtstagseintrages legte ich das kleine Tagebuch wieder weg. Seitdem denke ich darüber nach, wie der nächste Zyklus aussehen könnte. Sein Beginn. Der Anfang. Die Erneuerung. Alles auf Anfang. Nicht sofort, aber irgendwann, im kommenden Jahr. Ich ziehe mich zurück und sammle Kräfte, wie ein Bär, der Winterschlaf macht. Michael. Er hieß Michael. Und er trug eine rote, locker sitzende Baumwollshorts zum Schwimmen. Mit drei weißen Streifen auf der Seite. Nicht so ein blödes, engsitzendes Unterhosen-Modell. Und er hatte Haare wie der Bastian, nur ein bißchen länger. Und er war verdammt cool. Und es war 1979. Und ich war dreizehn. Ich hab das Foto gerade gesehen. Daneben klebt ein Zettel mit seinem Namen und der Adresse. Ich muss mal kurz den Winterschlaf unterbrechen und ins Internet.
13. Dezember 2010
http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=71649
Ich weiß es nicht. Vielleicht Pampelmuse. Zitronenbäume haben ganz andere Blätter, kleiner, glatter. Orangenbäume auch oder? Unscharf dahinter wächst eine Avocado. Soviel ist sicher, weil ich mich genau erinnere, den Kern in die Erde gesteckt zu haben und ich nicht so oft Avocado esse. Es ist eine Zitrusfrucht. Mandarine kann es nicht sein, weil ich nur selten Mandarinen esse, nie welche kaufe. Auf jeden Fall wächst es immer schneller und stärker und will keine besondere Behandlung. Bei mir gibt es sowieso nur Wasser. Wem das nicht passt, kann ja gehen. Und manchmal eine neue Schaufel Erde obendrauf. Und Sympathie. Viel Sympathie. Wohlwollen. Einen freundlichen Blick aber kein Gerede. Ich glaube sowieso viel mehr an wortloses Verstehen. Vorgestern in einem alten Tagebuch einen ewig langen Eintrag gelesen, in dem ich darüber sinniere, warum ich so ein geringes Mitteilungsbedürfnis habe, in Form von Sprechen. Ich war sehr erstaunt über den Eintrag, der fast neunundzwanzig Jahre zurückliegt, in einem geradezu philosophischen Ausbruch mündet, und seine Parallele zur Gegenwart. Damals hatte ich auch diesen Transit wie jetzt, diese Saturn-Venus-Konjunktion, und aus diesem Grund interessierten mich die Einträge und Ereignisse aus dieser Zeit. Saturn braucht etwa neunundzwanzigeinhalb Jahre für einen Umlauf um unsere Sonne, um an denselben Punkt zurückzukehren. Deswegen habe ich mir diesen Aspekt genauer angesehen, man erlebt ihn nur zwei, dreimal im Leben. Darüber denke ich in den letzten Tagen nach. Ich war froh, dass ich einiges hinter mir gelassen habe, was ich da las. Die Orientierungslosigkeit, nicht zu wissen, wie man von da wegkommt, wo man ist, nicht den geringsten Plan zu haben, aber den brennenden Wunsch, unbedingt weg zu wollen. Das scheinbar unlösbare Problem, nicht zu wissen, wie man sich alleine über Wasser halten soll. Damals war ich sechzehn, als ich das schrieb, ging noch zur Schule, träumte von der weiten Welt. Selbst eine andere Stadt zu sehen, hätte mich befriedigt, ich wusste nicht, wie man das angeht. Meine Eltern verreisten nie. Sie hatten ihren großen Garten und fanden, das wäre Urlaub genug. Sehr sesshafte Menschen, denen der Blick in die Ferne durch den Fernseher aus mir unerfindlichen Gründen eben reichte. Meine Freunde verreisten mit ihren Eltern oder anderen Freunden, aber nicht alleine. Ich war zu dem Zeitpunkt nur einmal am Meer gewesen, mit den Eltern einer Freundin. Ich durfte mit, ich glaube es war 1977. Oder 1979? Ich weiß es nicht mehr. Nur dass in der Hotel-Diskothek auf der damals jugoslawischen Insel Mali Losinj „Pop Muzik“ und „My Sharona“ lief. Und ich mit einem blonden, muskulösen Profi-Schwimmer der Jugendklasse aus Bad [ZENSIERT] techtelte. Nicht mechtelte allerdings, dafür fühlte ich mich noch zu jung. Er war sexy und braun gebrannt und hatte genauso eine Zahnlücke wie ich. Da sah ich das erste mal, dass das keine Behinderung sein muss, sondern sogar anziehend wirken kann. Irgendwie verwegen sah er aus. Wie hieß er bloß. Ich müsste nachschauen. Sein Vater war der Kurdirektor von Bad [ZENSIERT]. Oh là là. Diesen Zeitraum sollte ich besser mal checken, was ich da für einen interessanten Transit hatte.

Ich war doch schon beim Juni und Juli 1982. Reisen war also nicht drin, ich hatte kein Taschengeld gespart und keine Lust auf einen Job nebenher, auch nicht während der Ferien. Da wollte ich lieber ausschlafen und faulenzen. Ferienjobs klangen schrecklich, allesamt. Zeitungen austragen und dafür in der Dunkelheit und Kälte aufstehen. Oder irgendwas im Supermarkt einräumen. Ich las am liebsten Reisebücher. Ich notierte in einem Eintrag vom Juni 1982 „neue Bücher gekauft, „talk one’s head off“, „Anders reisen Paris“, „Anders reisen San Francisco“. Im Kopf war ich längst unterwegs. Gut, dass ich inzwischen einiges gesehen habe, das diese unbändige Sehnsucht, andere Länder, unbekannte Orte zu sehen, gestillt hat. Ich empfand das bis zu meinem zwanzigsten Lebensjahr als heftigstes Defizit. Das war streng genommen der einzige Grund, warum ich mich darauf einließ, zu arbeiten. Um mehr Geld zu haben, als nur das Dach über dem Kopf finanzieren zu können. Um zu reisen. In Länder, wo Pampelmusen und Avocados wachsen.

Ich las noch ein bißchen weiter, letzten Samstag, aber dann wurde mir dieses Erinnern an die Jugend zu dicht, die Details zu nah, die Zeit begann mehr zu leben, als ich es wollte. Aber wichtig war, zu sehen, dass es tatsächlich einen frappierenden Zyklus der Ereignisse und Gefühle zu geben scheint. Und demnach auch die Aussicht auf einen nächsten Zyklus, in dem etwas anderes vorrangig werden wird, als jetzt. Als sich die Konjunktion dem Ende neigte, im August 1982 hatte ich einen Schub, in dem ich wie wild anfing zu malen. Auf zerrissene Bettlaken, Aquarelle, Portraits. Eine Zeit der Zurückgezogenheit, in der ich in langen Sommerferien nur damit beschäftigt war, mich auf dem Dach der Garage des Hauses meiner Eltern zu sonnen, der abgeschiedenste Platz, den ich dort finden konnte, zu malen und Tagebucheinträge zu verfassen. Man musste über einen großen Regenwassertank mit einer gewissen Geschicklichkeit auf das Dach klettern, dazu fand niemand einen Grund, außer mir. Ich nahm mir etwas zu trinken und zu lesen mit und die Sonne brannte schattenlos auf meinen Körper. Mich beschäftigte der frühe Tod von Romy Schneider, die wenige Wochen vorher, Ende Mai gestorben war. Eines der Portraits zeigte sie. Zwei davon habe ich noch, hier in meiner Wohnung. Das andere auch ein Frauengesicht, halb eine alte Freundin, halb Patti Smith wirft immer Fragen auf, wenn es jemand sieht, heute. „Von wem ist das?“. Weil ich so etwas heute nicht mehr mache, kommt die Frage, aber ich konnte das. Niemand weiß woher. Und dann kam der September und damit mein Geburtstag. Wie erstaunt ich las, dass ich ihn feierte. Oder besser gefeiert wurde. Das war so untypisch für mich. Hätte mich jemand gefragt, hätte ich voller Überzeugung behauptet, dass ich noch nie eine nennenswerte Geburtstagsfeier gemacht habe. Aber im Jahr 1982 kamen einige Freunde vorbei und hatten Kuchen dabei. Einer war mit Grasmehl gebacken. Der andere eine schwedische Apfeltorte. Selbstaufgenommene Kassetten gab es als Geschenk und noch andere Sachen. Vorher schien ich eine eremitische Phase gehabt zu haben, denn ich brachte große Überraschung zum Ausdruck, in meinem Tagebucheintrag. Ich schien der Meinung zu sein, ich hätte mich zu sehr von allen zurückgezogen, um noch bedacht zu werden. An der Stelle des Geburtstagseintrages legte ich das kleine Tagebuch wieder weg. Seitdem denke ich darüber nach, wie der nächste Zyklus aussehen könnte. Sein Beginn. Der Anfang. Die Erneuerung. Alles auf Anfang. Nicht sofort, aber irgendwann, im kommenden Jahr. Ich ziehe mich zurück und sammle Kräfte, wie ein Bär, der Winterschlaf macht. Michael. Er hieß Michael. Und er trug eine rote, locker sitzende Baumwollshorts zum Schwimmen. Mit drei weißen Streifen auf der Seite. Nicht so ein blödes, engsitzendes Unterhosen-Modell. Und er hatte Haare wie der Bastian, nur ein bißchen länger. Und er war verdammt cool. Und es war 1979. Und ich war dreizehn. Ich hab das Foto gerade gesehen. Daneben klebt ein Zettel mit seinem Namen und der Adresse. Ich muss mal kurz den Winterschlaf unterbrechen und ins Internet.
12. Dezember 2010
http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=71649

Muss ich mir hier jedesmal irgendwelche Geschichten aus den Fingern saugen? Bilder müssen reichen! Die Wiederholung der Motive ist beabsichtigt und hat System. Zweck der Übung ist, dass sich die Abbildungen gut einprägen und darüber qualifiziert diskutiert werden kann. Also bitte. Bei mir ist der Himmel natürlich so gut wie immer blau, weil ich eben weit genug oben bin! Haha! Ausgetrickst. Bewölkten Himmel würde ich mir persönlich auf Dauer auch gar nicht bieten lassen. Eine Frage der Willensstärke und des Durchsetzungsvermögens. Denken Sie mal darüber nach.
12. Dezember 2010

„Die weisse Hölle vom Piz Palü“. Gleich im Vorspann beeindruckend: Photographie: Sepp Allgeier. Richard Angst. Hans Schneeberger. Herrliche Aufnahmen. Kerniger Bursche. 2:42 (!) 6:29
http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=71649
12. Dezember 2010
http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=71649

Muss ich mir hier jedesmal irgendwelche Geschichten aus den Fingern saugen? Bilder müssen reichen! Die Wiederholung der Motive ist beabsichtigt und hat System. Zweck der Übung ist, dass sich die Abbildungen gut einprägen und darüber qualifiziert diskutiert werden kann. Also bitte. Bei mir ist der Himmel natürlich so gut wie immer blau, weil ich eben weit genug oben bin! Haha! Ausgetrickst. Bewölkten Himmel würde ich mir persönlich auf Dauer auch gar nicht bieten lassen. Eine Frage der Willensstärke und des Durchsetzungsvermögens. Denken Sie mal darüber nach.
11. Dezember 2010

http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=71649
Minus zehn. Oder dreizehn. Aber alles im Griff. Wenn alles so leicht zu handeln wäre, wie sich warm anzuziehen, wenn es draußen kalt ist. Vielleicht ist das aber nur meine irrige Perspektive. Vielleicht ist ja alles so leicht in den Griff zu kriegen, wie sich warm anzuziehen, ich hab es nur noch nicht gecheckt. Ha! Ich versuche, die Erwartungen an mich selbst und an mein Leben, dem Wetter anzupassen. Also mich nicht im Bikini auf den Balkon zu legen, im Dezember. Man würde sich bestimmt erkälten, das ahnt man schon vorher. So ähnlich ist es mit dem anderen Wetter, dem atmosphärischen, das ohne Schneeflocken daherkommt. Temperaturschwankung, Temperaturabfall ist nicht immer eine Reaktion auf eine Aktion oder im ursächlichen Zusammenhang mit einer selbstgesteuerten Handlung. Im Grunde schwimmt man wie ein Fisch mit der großen Welle, mit der Strömung. Die Strömung kommt aber nicht von dem bißchen Gewedel mit der Flosse. Man muss schauen, dass man nicht gegen die Strömung kämpft. Das wäre Energieverschwendung. Man muss auch nicht hektisch paddeln, um an die Spitze des Schwarms zu kommen, der in eine Richtung treibt, die einem nicht gefällt. Ich sehe, wohin die Strömung geht und irgendwann wird sich die Richtung wieder ändern. Kann sein, dass man in dem befremdlichen Gewässer etwas entdeckt, das man nicht kannte. Und dann etwas versteht, über das große Meer. Den Ozean.
11. Dezember 2010
http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=71649

Der erste Schnee, vor einer Woche. Aus dem Küchenfenster nach Osten. Ich habe mich schon oft gefragt, wie dieser Raum von innen aussieht. Wenn Licht ist, kann ich erkennen, dass Bilder an der Wand hängen. Es scheint ein kaum unterteilter, ziemlich großer Raum zu sein. Die Fenster gehen nach Westen. Wer auch immer dort wohnt oder arbeitet, sieht Sonnenuntergänge. Ich kann nicht erkennen, ob es eine Terrasse nach hinten gibt. Ohne Terrasse nach draußen ist die Wohnung nur halb so interessant. Vielleicht gibt es ja eine. Wäre ja schade sonst, bei so einem Filetstückchen in Mitte, in der Auguststraße. Wenn ich irgendwann wieder einmal umziehe, dann nur in einen anderen Adlerhorst. Oder eine Hütte in der Wildnis.
11. Dezember 2010
http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=71649
Nur vier Wochen her. Der Bastard verliert die Haare. War mir noch nie so vor die Augen und ins Bewusstsein gekommen, die Ähnlichkeit mit dem Lichten der Haare. Oben könnte man schon ganz leicht mit dem Kamm durchkommen. Aus meinem Winkel sehe ich die fünf Bastard-Schwarz-Pappeln (so heißen die wirklich) fast wie einen Baum. Bestimmt dreimal jeden Tag schaue ich in die Richtung, seit fast zwölf Jahren schon. Wahrscheinlich hätte es mir auch nichts genützt, wenn ich im Biologie-Unterricht besser aufgepasst hätte, weil ich nicht glaube, dass wir solche Feinheiten wie die verschiedenen Pappel-Sorten durchgenommen haben. Getreidesorten und Schlangen und Echsen waren im Unterricht dran, das weiß ich aber auch nur, weil ich ein altes Schulheft gefunden habe, mit Bildern drin. Die meisten kennen als Pappel nur diese lanzenförmigen Bäume in Alleen, wie eine kleine Armee, das sind Pyramiden-Pappeln. Die eigenwillige Schwarz-Pappel ist ein seltener Baum geworden und vom Aussterben bedroht. Das auf den Bildern ist eine Kreuzung aus der eingeführten kanadischen Schwarz-Pappel und der europäischen Schwarz-Pappel. Vielleicht hat sie sich auch selber gekreuzt und lauter kleine Bastarde auf die Welt geworfen. Weil die Bastarde schneller wachsen und nicht so hohe Ansprüche an ihre Unterkunft haben, haben die Berliner Gärtner die Idee gehabt, es wäre doch ein guter Baum, wenn man einen neuen Park anlegt, dann hat man schön schnell große Bäume drin. Dass es Bastard-Schwarz-Pappeln sind, hab ich erst vor ein paar Wochen rausgekriegt, weil ich dachte, es ist doch eine Schande, dass ich den Namen von japanischen Kürbissorten kenne, aber nicht mal weiß, wie der Baum vor meiner Nase mit Vornamen heißt. Ist übrigens gar nicht so leicht zu erkennen, wegen Verwechslungsgefahr. Die heimischen Schwarz-Pappeln, die am liebsten an Flussauen wachsen und gerne alleine stehen, habe eine dunklere Rinde und eine wildere Krone, nicht so artig und rund wie mein gelber Helium-Ballon.

Aber ich hab sie gerne, die Bastarde vor meiner Nase. Sie sind mächtig groß, bestimmt dreissig Meter. Die Berliner Traufhöhe ist zweiundzwanzig Meter hab ich gelesen, und der Turm von der Sophienkirche dahinter neunundsechzig Meter. Sie sind auf jeden Fall schon größer als die Häuser. Manchmal sitzen Hunderte kleiner Vögel drin und piepen. Wenn er wieder Blätter hat, der Bastard-Baum und seine Geschwister, kann ich den Wind darin rauschen hören. Im Frühling, Sommer, Herbst und Winter. doch , – wirklich, auch jetzt. Weil ich mich gut erinnern kann, an seinen Windgesang. An Deinen Windgesang.
10. Dezember 2010
http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=71649

Mag sein, dass man die Einstürzenden Neubauten und ihre Protagonisten jetzt nicht unbedingt mit Lustigkeit in Verbindung bringt, aber es gab sehr lustige Momente. Besonders als ein Gast sich gegen Ende des Abends investigativ nach dem Eheleben der beiden, Danielle de Picciotto und Alex Hacke erkundigte (nicht verwechseln bitte mit dem Schreiber Axel Hacke). Ob man denn bei diesem abenteuerlich vagabundierenden Leben überhaupt noch ein solides Eheleben führen könne. Danielle hatte eine Sekunde diesen Gesichtsausdruck, den Sprachen Lernende manchmal haben, wenn sie eine neue Phrase hören. Sie ist Amerikanerin, lebt seit 1987 in Berlin und spricht verblüffend akzentfrei Deutsch. „Was ist ein solides Eheleben?“. Der Berliner Sender Alex hat ein paar Ausschnitte von dem Abend aufgezeichnet, kann man hier sehen. Ich mag es, wie Alexander Hacke Danielle anschaut, wenn sie erzählt. Ein warmer, respektvoller Blick. Die beiden haben Spaß miteinander. Und sie machen mit dem, was sie gemeinsam tun, die Welt schöner. Ich habe eine genaue Vorstellung davon, wie sich das anfühlt, leicht wehmütig. Besonders gefiel mir, als sie erzählten, dass sie ein Prinzip verfolgen, nämlich Dinge zusammenzubringen, die eigentlich nicht zusammengehören, und so etwas Neues in die Welt zu bringen. Grenzen zu überschreiten, Polaritäten zu verbinden. Das habe ich gut verstanden. An den beiden ist nichts, was ich nicht verstehe. Das geht mir selten so. Danielle schrieb mir, dass sie die Bilder mag, das freut mich sehr.
09. Dezember 2010

»Während vieler Monate gültig: Diese Zeitqualität wirkt stark auf die mitmenschlichen Beziehungen. Auch die solidesten Verbindungen sind einer Prüfung ausgesetzt, und Sie und Ihr Partner fragen mit wachsender Intensität nach der menschlichen Qualität der Verbindung. Eine schwache, labile Beziehung unterliegt der gleichen kritischen Bewertung, und deshalb könnten Sie hier zu dem Schluß kommen, daß sie nicht erhaltenswert ist. Nutzlos gewordene Beziehungen brechen jetzt wahrscheinlich auseinander, auch wenn Sie oft zögern, Abschied zu nehmen. Gleiches gilt für Freundschaften.
Jetzt haben Sie das Bedürfnis, sich von Ihren Mitmenschen zurückzuziehen. In dieser Zeit müssen Sie feststellen, wer Sie sind, was Ihre Individualität ausmacht, und wie sich diese Werte in Ihren mitmenschlichen Beziehungen bewähren. Vielleicht kommen Sie zu einigen desillusionierenden Erkenntnissen über Ihre Beziehungen. Auch Verbindungen, die Sie als gut empfunden haben, mögen jetzt ihr Ende erreicht haben. Doch die Beziehungen, die diese Zeit gut überstehen, sind echt und wichtig. Es könnte auch eine schicksalhafte menschliche Beziehung neu in Ihr Leben treten, die etwa vierzehn Jahre später große Bedeutung für Sie gewinnen wird.
Auf einer ganz anderen Ebene könnte dieser Einfluß eine Zeit der Enthaltung anzeigen, während der Sie – vielleicht sogar freiwillig – auf viele kleine Freuden verzichten, die Ihr Leben bisher verschönt haben. Diesen Zustand sollten Sie zur Selbstprüfung nutzen, um sich die Bedeutung, die materieller Wohlstand für Sie hat, vor Augen zu führen.
Insgesamt sollten Sie diese Zeit dazu nutzen, bezüglich Ihrer Mitmenschen und Ihres materiellen Besitzes etwas auf Distanz zu gehen. In einer solchen Zeit der Zurückgezogenheit können Sie sich ein klares Bild über sich selbst und darüber machen, wer und was Sie sind, so daß Beziehungen und materieller Besitz in Zukunft auf einer solideren Erkenntnis der realen Verhältnisse beruhen und deshalb auch zuverlässiger und nützlicher sein werden.«
Robert Hand, Das Buch der Transite
[Transitierender Saturn in Konjunktion zu meiner Radix-Venus auf 15° Waage, Ende November 2010 bis Mitte September 2011]
09. Dezember 2010
tjaja
09. Dezember 2010
06. Dezember 2010
Das schreibe ich am Siebten, aber das ist nur das Datum. Vor dem Schlafengehen ist immer noch der Tag vor Mitternacht. Ich geh gleich schlafen, weil ich sollte und weil ich gerade auf youtube in das Suchfeld ‚youtube‘ eingeben habe. Das ist ungefähr das Stadium, in dem man in Google ‚google‘ eingibt. Also schlaft schön, gute Nacht. Und ansonsten nicht böse sein. Ich hab eine schwierige Zeit. Wenn sie vorbei ist, sag ich Bescheid.

05. Dezember 2010
Meine Segenswünsche gehen heute an Frau Sofia Heck zum 108. und an Herrn Johannes Heesters zum 107. Wiegenfest. Ein wenig keck ist das schon von Sofia Heck, wenn sie Jopi als jungen Spund bezeichnet. Aber sie ist schließlich die Ältere und hat immer noch Lumpereien im Kopf. Herzlichen Glückwunsch.
Es singt für Sie Johannes Heesters den Titel „Mein Mädel ist nur eine Verkäuferin“.
05. Dezember 2010

16. Oktober 2010 am Gipsdreieck. Vielleicht habe ich das schon einmal geschrieben, was das ist, das Gipsdreieck. Wenn man als Vogel über die Ecke fliegt, in der das Haus steht, in dem ich wohne, sieht man ein begrüntes dreieckiges Stück Berlin mit zwei Spielplätzen, einer Wiese und Bäumen. Die drei Straßen an den Seiten des Dreiecks heißen Gipsstraße, Joachimstraße und Auguststraße. Ich wohne in einem Eckhaus mit zwei Fenstern zur Joachimstraße und zwei Fenstern und einem Balkon zur Auguststraße. Es gibt alte und junge Bäume. Die Spielplätze sind erst ungefähr fünf Jahre alt. Vorher war es einfach eine verwilderte Ecke im Gipsdreieck. Als ich Mitte Oktober aus dem Fenster schaute, nahm ich zum ersten mal die gelb werdenden Blätter wahr. Und die Rutsche auf dem Spielplatz weiter hinten, die silber durch die Blätter glänzte.
Vorher wurde vom Herbst immer nur geredet. In Elstal hatte ich ihn auch schon getroffen, zwei Wochen vorher. Aber jetzt war er auch hier. An manchen Tagen schaue ich aus dem Fenster und erinnere mich an die anderen Ausblicke, die ich aus meinen früheren Wohnungen hatte. Man hatte eigentlich keine große Lust, länger als unbedingt nötig aus dem Fenster zu schauen. Es gab keinen weiten Blick, keinen nahen Himmel, keine Bäume, wie in diesem kleinen Park. Auch wenn alles andere schwierig ist, weiß ich, dass ich hier in Sicherheit bin. Wenn es wieder wärmer wird, lasse ich das Fenster auf, dann kann ich die Kinder hören, die da unten spielen. Quieken und quaken. Es hört sich immer freundlich an, was die Kleinen so plappern. Vielleicht ist es ein privilegierter Ort, an den es keine prügelnden Eltern zieht. Das mag sein.
Der freundliche Jupiter stand am Ende des vierten Hauses, als ich diese Wohnung fand, da ist er jetzt auch wieder. Das vierte Haus ist das Zuhause. Und da ist mein Saturn im Geburtshoroskop. Jupiter und Saturn sind Kontrahenten oder besser gegenteilige Prinzipien. Jupiter verschenkt, Saturn erwartet Leistung. Da gibt es nichts einfach so. Kann man sich ein Zuhause erarbeiten? Wenn man das Gefühl nicht dort empfindet, wo man geboren wurde, hat man jedenfalls einen Grund darüber genau nachzudenken, wo man dieses Gefühl haben könnte, von dem immer alle reden. Begreifen, welche Dinge man wirklich braucht, um ein Gefühl von Zuhause zu haben. Für mich ist die Sprache ein wichtiger Teil, um mich heimisch zu fühlen. Wenn ich den Klang einer Sprache oder eines Dialekts nicht mag, will ich weg. Es fühlt sich an, als ob jemand im Radio einen Sender mit ungeliebter Musik eingestellt hat, die man so schnell wie möglich abstellen will.
Es gab keinen Schulausflug, keine Kurzreise, die mein inneres Bild illustriert oder untermauert hätte. Das war nicht nötig. Ich spürte sofort, dass ich hier richtig war und nicht mehr zurückkehren würde. Manchmal denke ich, vielleicht löse ich eines Tages das Rätsel, das Geheimnis, was mich so sehr hierher zog, ohne je vorher einen Fuß in die Stadt gesetzt zu haben. Warum es mir so vertraut war, vom ersten Tag, dieses Berlin. Was hab ich da für eine alte, geheimnisvolle Geschichte? Oder habe ich einfach nur zu viele Fernsehserien geschaut, die in Berlin spielen? Aber das kann es auch nicht sein, denn einige Vorabendserien handelten auch in München. Polizeiinspektion 1 mit Walter Sedlmayr, Elmar Wepper und Uschi Glas zum Beispiel. Da wollte ich nie hin, obwohl ich die Sendung gerne geschaut habe. Die konnten in Sachen Heimatgefühl Harald Juhnke nicht das Wasser reichen. Für keine andere Stadt der Welt empfinde ich so. Obwohl ich architektonische Schönheit anerkennen kann. Aber woanders ist kein Teil von mir. Da ist nichts. Aber hier finde ich alles, worin ich mich wiedererkenne. Es ist der Geist von Uranus, die Selbstverständlichkeit, mit der man Eigenwilligkeit ausleben darf und dafür keinen Argwohn oder hochgezogene Augenbrauen erntet.
Am meisten fiel mir Mitte der Achtziger Jahre, als ich hierherkam, abgesehen von den viel breiteren Straßen als im Rest der Republik auf, dass sich Berliner mit konservativer Gesinnung schrägen kulturellen Strömungen gegenüber in einem Maß liberal verhielten, dass man sie in Bayern sofort als links verschubladet hätte. Das gefiel mir gut. Es gab in den Achtzigern einen S-Bahn-Abfertiger mit einer grasgrünen Irokesenfrisur, vorschriftsmäßig trug er dazu das dunkelblaue S-Bahn-Jackett. Wenig später konnte man gewagte blaue und pinkfarbene Kurzhaarfrisureneperimente bei Damen in der Altersgruppe von 20 bis 50 sehen, die ein bißchen Farbe in ihren Büroalltag bringen wollten. Das sah nicht immer schick und elegant aus, aber meistens lustig. Jedenfalls habe ich immer noch viel Freude an den Eingeborenen. Wenn in der S-Bahn zwei Bauarbeiter oder Handwerker erzählen, was sie nach Feierabend vorhaben, spitze ich die Ohren und freue mich, dass ich das hören darf. Mir ist eigentlich völlig schnurz, was sie da reden, Hauptsache, sie berlinern ordentlich. So richtig schlimm. Da geht mir das Herz auf. Wie früher, wenn Harald Juhnke mit den Damen vom Grill gescherzt hat. Da war ich zuhause. Keine Ahnung was das ist. Aber ein schönes Gefühl. Na ja, auch ein blindes Huhn findet einmal ein Korn. Wenigstens ist das Heimatproblem gelöst. Und die anderen Sachen kommen später. Rom wurde auch nicht an einem Tag gebaut.
http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=71649
05. Dezember 2010

16. Oktober 2010 am Gipsdreieck. Vielleicht habe ich das schon einmal geschrieben, was das ist, das Gipsdreieck. Wenn man als Vogel über die Ecke fliegt, in der das Haus steht, in dem ich wohne, sieht man ein begrüntes dreieckiges Stück Berlin mit zwei Spielplätzen, einer Wiese und Bäumen. Die drei Straßen an den Seiten des Dreiecks heißen Gipsstraße, Joachimstraße und Auguststraße. Ich wohne in einem Eckhaus mit zwei Fenstern zur Joachimstraße und zwei Fenstern und einem Balkon zur Auguststraße. Es gibt alte und junge Bäume. Die Spielplätze sind erst ungefähr fünf Jahre alt. Vorher war es einfach eine verwilderte Ecke im Gipsdreieck. Als ich Mitte Oktober aus dem Fenster schaute, nahm ich zum ersten mal die gelb werdenden Blätter wahr. Und die Rutsche auf dem Spielplatz weiter hinten, die silber durch die Blätter glänzte.
Vorher wurde vom Herbst immer nur geredet. In Elstal hatte ich ihn auch schon getroffen, zwei Wochen vorher. Aber jetzt war er auch hier. An manchen Tagen schaue ich aus dem Fenster und erinnere mich an die anderen Ausblicke, die ich aus meinen früheren Wohnungen hatte. Man hatte eigentlich keine große Lust, länger als unbedingt nötig aus dem Fenster zu schauen. Es gab keinen weiten Blick, keinen nahen Himmel, keine Bäume, wie in diesem kleinen Park. Auch wenn alles andere schwierig ist, weiß ich, dass ich hier in Sicherheit bin. Wenn es wieder wärmer wird, lasse ich das Fenster auf, dann kann ich die Kinder hören, die da unten spielen. Quieken und quaken. Es hört sich immer freundlich an, was die Kleinen so plappern. Vielleicht ist es ein privilegierter Ort, an den es keine prügelnden Eltern zieht. Das mag sein.
Der freundliche Jupiter stand am Ende des vierten Hauses, als ich diese Wohnung fand, da ist er jetzt auch wieder. Das vierte Haus ist das Zuhause. Und da ist mein Saturn im Geburtshoroskop. Jupiter und Saturn sind Kontrahenten oder besser gegenteilige Prinzipien. Jupiter verschenkt, Saturn erwartet Leistung. Da gibt es nichts einfach so. Kann man sich ein Zuhause erarbeiten? Wenn man das Gefühl nicht dort empfindet, wo man geboren wurde, hat man jedenfalls einen Grund darüber genau nachzudenken, wo man dieses Gefühl haben könnte, von dem immer alle reden. Begreifen, welche Dinge man wirklich braucht, um ein Gefühl von Zuhause zu haben. Für mich ist die Sprache ein wichtiger Teil, um mich heimisch zu fühlen. Wenn ich den Klang einer Sprache oder eines Dialekts nicht mag, will ich weg. Es fühlt sich an, als ob jemand im Radio einen Sender mit ungeliebter Musik eingestellt hat, die man so schnell wie möglich abstellen will.
Es gab keinen Schulausflug, keine Kurzreise, die mein inneres Bild illustriert oder untermauert hätte. Das war nicht nötig. Ich spürte sofort, dass ich hier richtig war und nicht mehr zurückkehren würde. Manchmal denke ich, vielleicht löse ich eines Tages das Rätsel, das Geheimnis, was mich so sehr hierher zog, ohne je vorher einen Fuß in die Stadt gesetzt zu haben. Warum es mir so vertraut war, vom ersten Tag, dieses Berlin. Was hab ich da für eine alte, geheimnisvolle Geschichte? Oder habe ich einfach nur zu viele Fernsehserien geschaut, die in Berlin spielen? Aber das kann es auch nicht sein, denn einige Vorabendserien handelten auch in München. Polizeiinspektion 1 mit Walter Sedlmayr, Elmar Wepper und Uschi Glas zum Beispiel. Da wollte ich nie hin, obwohl ich die Sendung gerne geschaut habe. Die konnten in Sachen Heimatgefühl Harald Juhnke nicht das Wasser reichen. Für keine andere Stadt der Welt empfinde ich so. Obwohl ich architektonische Schönheit anerkennen kann. Aber woanders ist kein Teil von mir. Da ist nichts. Aber hier finde ich alles, worin ich mich wiedererkenne. Es ist der Geist von Uranus, die Selbstverständlichkeit, mit der man Eigenwilligkeit ausleben darf und dafür keinen Argwohn oder hochgezogene Augenbrauen erntet.
Am meisten fiel mir Mitte der Achtziger Jahre, als ich hierherkam, abgesehen von den viel breiteren Straßen als im Rest der Republik auf, dass sich Berliner mit konservativer Gesinnung schrägen kulturellen Strömungen gegenüber in einem Maß liberal verhielten, dass man sie in Bayern sofort als links verschubladet hätte. Das gefiel mir gut. Es gab in den Achtzigern einen S-Bahn-Abfertiger mit einer grasgrünen Irokesenfrisur, vorschriftsmäßig trug er dazu das dunkelblaue S-Bahn-Jackett. Wenig später konnte man gewagte blaue und pinkfarbene Kurzhaarfrisureneperimente bei Damen in der Altersgruppe von 20 bis 50 sehen, die ein bißchen Farbe in ihren Büroalltag bringen wollten. Das sah nicht immer schick und elegant aus, aber meistens lustig. Jedenfalls habe ich immer noch viel Freude an den Eingeborenen. Wenn in der S-Bahn zwei Bauarbeiter oder Handwerker erzählen, was sie nach Feierabend vorhaben, spitze ich die Ohren und freue mich, dass ich das hören darf. Mir ist eigentlich völlig schnurz, was sie da reden, Hauptsache, sie berlinern ordentlich. So richtig schlimm. Da geht mir das Herz auf. Wie früher, wenn Harald Juhnke mit den Damen vom Grill gescherzt hat. Da war ich zuhause. Keine Ahnung was das ist. Aber ein schönes Gefühl. Na ja, auch ein blindes Huhn findet einmal ein Korn. Wenigstens ist das Heimatproblem gelöst. Und die anderen Sachen kommen später. Rom wurde auch nicht an einem Tag gebaut.
http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=71649
05. Dezember 2010
Meine Segenswünsche gehen heute an Frau Sofia Heck zum 108. und an Herrn Johannes Heesters zum 107. Wiegenfest. Ein wenig keck ist das schon von Sofia Heck, wenn sie Jopi als jungen Spund bezeichnet. Aber sie ist schließlich die Ältere und hat immer noch Lumpereien im Kopf. Herzlichen Glückwunsch.
Es singt für Sie Johannes Heesters den Titel „Mein Mädel ist nur eine Verkäuferin“.
05. Dezember 2010
http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=71649
13. Oktober 2010. Der Tag, als ich ein paar Sachen in mein Atelier brachte, auf den Malermeister wartete, der die Fensternasen streichen wollte und mich tief schnitt. Mit dieser zerbrochenen Scherbe einer Scheibe eines Bilderrahmens, die mir aus den Händen glitt. Die tiefe Narbe am linken Zeigefinger ist gut verheilt. Nur wenn ich sie berühre, ist die Stelle empfindlicher als andere. Eine kleine Irritation. Die Zellen haben sich anders sortiert, gruppiert, orientiert, als sich die Wunde schloss. Eine innere Narbe. Es wird eine Weile spürbar bleiben. Auch wenn man es nicht sieht. Die Bilder enstanden, bevor ich mich verletzte. Seit dem war ich nur einmal wieder dort. Um die Fenster zu schließen. Kein weltbewegender Eintrag. Nur damit die Bilder ein bißchen Geschichte kriegen. Und so einfach war es nicht, die Sachen dort hin zu bringen. Seit der blöden Rechtschreibreform bin ich total verunsichert, was man zusammen und auseinander schreibt. ich war früher so souverän. Das ärgert mich. „Dort hin zu bringen“ oder dorthin zu bringen? oder dorthinzubringen? Ich bin ganz durcheinander und habe auch längst die Lust verloren, im Duden nachzuschauen, das ist mir alles zu blöd, zudem es bei manchen Sachen jetzt mehrere mögliche Schreibweisen gibt. Damit sollte man sich nicht aufhalten. Also bitte keine hilfreich gemeinten Belehrungen. Es ist mir langsam schnurzpiepegal. Es ist doch völlig in Ordnung, wenn man eine Variante wählt, die irgendwann in den letzten fünfzig Jahren als richtig galt. Ich wollte jetzt aber auch keinen Eintrag über die Rechtschreibreform verfassen. Es gibt eben nichts, was ewig gleich bleibt. Bevor man anfängt zu faseln, sollte man den Blogeintrag beenden und speichern und veröffentlichen. Geht ja nicht um den Literaturnobelpreis. Wobei ich die Wahl der letztjährigen Preisvergabe nicht nachvollziehen kann. Wurst. Egal.
04. Dezember 2010
GAGA VOREVA. Frau Nielsen war am zehnten Oktober vor Eva in Laune und hat auf die Schnelle beim Verlassen der Wohnung zwei Fotos gemacht. Ich hatte lange geschlafen, lange gefrühstückt, mochte mich und machte mich, Windschutzbrille auf der Nase, Kamera in der Hand, in Vorfreude und Mantel auf den Weg, um einen schönen Nachmittag mit meiner Freundin Sabine bei Eva-Maria Hagen im Berliner Schlossparktheater zu verbringen. Man muss die Gunst der Stunde nutzen, denn auch ich bin nicht jeden Tag in der Laune, fotografiert zu werden. Ganz im Gegenteil. Ich hasse es, fotografiert zu werden. Außer von Peter Lindbergh. Oder Herb Ritts. Ach so, der ist ja schon tot. Na ja, auf jeden Fall ist fotografiert werden prinzipiell eine schlimme Sache, sofern der Fotograf sich nicht die Mühe macht, die Lichtverhältnisse und meinen Schädel ausreichend zu studieren und in wohlbedachter Weise, Lichtquelle und Objekt zu koordinieren. Das Ergebnis sollte bitte gleichzeitig äußerst schmeichelhaft und authentisch sein. Das sollte eigentlich möglich sein. Schließlich kann ich das auch.
Unlängst wieder schwierige Erfahrung gemacht. Eine menschlich sehr nette Fotografin hat überschwänglich versucht, mich mit Komplimenten zu motivieren, aber ich ahnte, das wird nichts. Wenn mir schon jemand sagt, ich soll das Kinn 5 Millimeter weiter nach vorne recken („Ja! So ist schön, so ist super! Ganz, ganz toll!“) und dann noch bitte den Kopf noch um ungefähr zehn Grad nach rechts drehen („Ja! So! So ist es fast schon perfekt! Jetzt wieder ein bißchen mehr nach links, nur ein bißchen!“) und dabei auf ihre Nasenspitze gucken („Ja! Fast! Jetzt war gerade schön!“). Man kommt sich vor wie im Geometrieunterricht. Sie war sehr begeistert von ihren Bildern. Ich merkte schon, als die Fotos entstanden, dass das Licht zu flächig gesetzt war, um nicht zu sagen flach. Platt frontal, so leicht von oben, damit alle Linien im Gesicht schön verschwinden, und zwar gnadenlos. Bloß keine Schatten unter den Augen oder sonstwo, oder andere interessante Charakter- oder Lebensspuren. Ich habe ja nichts dagegen, wenn diese Nasolabialfalten etwas gemildert werden, aber das war einfach langweiliger Murks. Nach solcherlei Erfahrungen wird mir regelmäßig übel, wenn die fertigen Bilder mein verkrampftes Gefühl bestätigten. Dabei war sie sehr nett und bemüht und hat, wie bereits erwähnt, nicht mit Komplimenten gespart. Kurz trat der Gedanke an mich heran, dass das möglicherweise System hat.
Prinzipiell habe ich nichts gegen superlative, auf andere möglicherweise übertrieben wirkende Adjektive einzuwenden, wenn von mir die Rede ist. Aber es sollte schon ehrlich gemeint sein. Sie wirkte eigentlich auch recht vertrauenswürdig, aber ich fühlte mich an dem Tag gar nicht superlativ, eher so mittel. Ich war und bin nicht auf Kommando locker und sage das auch vorher, daher traue ich dem Braten nicht, wenn mir jemand trotz dieser Vorwarnung die geringsten Anweisungen gibt. Ich will meinen Kopf so halten, wie ich ihn eben halte und auch meine Schultern nicht unnatürlich nach hinten biegen, schließlich bin ich keine Schaufensterpuppe. Ich will auf einem Foto aussehen, wie ich mich fühle und nicht wie jemand denkt, wie die Nullachtfuffzehn-Körperspannung im Oberkörper sein müsste. So ein Scheißdreck. Wir haben uns bei einem Foto von ungefähr Hundert darauf geeinigt, dass sie es nicht wegschmeißen muss. Das war eigentlich eher ein Akt der Versöhnlichkeit meinerseits, damit die Frau nicht die totalen Komplexe kriegt. Sie tat mir leid. Ich hatte schon ein schlechtes Gewissen, weil ich bei keinem Bild in ihren Jubel einstimmen konnte. Das Bild wurde dann noch vom Assistenten, der interessanterweise nicht in den Jubel einfiel (und dadurch im unmessbaren Bereich in seiner Kompetenz stieg), gephotoshopt und mir einige Zeit später auf einer CD übergeben. Er hat noch was an den Augen gemacht, wie ich hörte, irgendwie aufgehellt.
Als ich die CD in den Rechner schob, und die Bilddatei öffnete, wurde mir wieder schlecht. Der Bereich meines Gehirns, der für schlimme Erinnerungen zuständig ist, wurde aktiviert und ich erinnerte mich an die Zeit mit ca. elf, als ich riesige Minderwertigkeitskomplexe hatte. Unter anderem wegen meiner Zahnlücke, wegen der ich als Kind oft und gerne gehänselt wurde (und die ich heute übrigens nicht mehr schlimm finde, sogar im Gegenteil). Vielleicht wäre das Bild ja auch weniger unbrauchbar, wenn das Licht nicht so eindimensional gesetzt gewesen wäre. Ich weiß, dass man ganz gute Fotos von mir machen kann, wenn ich breit lache. Ich lache nämlich auf dem Bild. Und das muss man erstmal schaffen, ein Bild auf dem jemand lacht, so zu machen, dass man sich eigentlich nur auf eine unattraktive Art albern findet. Ein breites Lachen ohne Sinn. Das war es nämlich. Ich hatte keinen sonderlichen Grund, so zu lachen und versuchte es nur, um mich kooperativ zu zeigen. Ich wollte nicht als zickige Spielverderberin dastehen und der enthusiastischen Frau mit der Kamera diesen kleinen Gefallen tun. Dazwischen lachte ich dann auch mal natürlich, nämlich als ich ihr sagte, dass es viel besser funktionieren würde, wenn sie mir die Anweisung gäbe, auf keinen Fall zu lachen. Das würde die Wahrscheinlichkeit unermesslich erhöhen. Und dann musste ich lachen. Da hat sie aber leider gerade nicht abgedrückt. Dumm gelaufen. Der Datenträger wurde mit Unterstützung meiner Haushaltsschere entsorgt.
Das Herz und Hirn beim Einfangen eines Menschen ist, dass man eine schöne Atmosphäre hinbekommt und das Objekt der Begierde gut beschäftigt ist. Und sei es nur mit anderen Gedanken. Dieser Mensch, den man fotografieren will, muss sich so richtig fühlen dürfen, wie er von sich und von Natur aus gedacht ist. Mit dieser ureigenen, seltsamen Art, den Kopf vielleicht immer ein kleines bißchen schief zu halten. Und jederzeit, falls es sich ergeben sollte, darf gelacht werden. Nicht, weil es eine dahingehende Anweisung gegeben hat, sondern weil man ein heiteres Gespräch führt. Zum Beispiel darüber, wie furchtbar es sein kann, fotografiert zu werden. Alles andere ist Quatsch mit Soße.

Hochachtungsvoll
Gaga Nielsen
04. Dezember 2010
http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=71649

Eva-Maria Hagen

Sollte man sich in aller Größe anschauen. Ich mag sie sehr gern. Dieses Weib. Ihre Urgewalt. Und ihre Zartheit. Unter den Malerinnen ist sie mir sowieso die Liebste. Ich schreibe nur ganz klein, dass sie sehr aufgeregt war. Aber auch das ist an ihr sympathisch. Wenn ich mit Mitte Siebzig noch so die Beine schmeißen kann wie Eva-Maria, ist nichts zu befürchten. Den Surabaya Johnny singt sie mal eben so, aus dem Handgelenk. Sie ist wunderbar, auch wenn sie am frühen Nachmittag die Seiten in ihrem Buch nicht so schnell finden konnte, wie sie wollte. Sie erwähnte, was für eine ungewohnte Zeit es sei, um auf der Bühne zu stehen. Ich sehe ihr alles nach und ziehe unter allen Umständen meinen Hut. Ganz tief.
04. Dezember 2010
GAGA VOREVA. Frau Nielsen war am zehnten Oktober vor Eva in Laune und hat auf die Schnelle beim Verlassen der Wohnung zwei Fotos gemacht. Ich hatte lange geschlafen, lange gefrühstückt, mochte mich und machte mich, Windschutzbrille auf der Nase, Kamera in der Hand, in Vorfreude und Mantel auf den Weg, um einen schönen Nachmittag mit meiner Freundin Sabine bei Eva-Maria Hagen im Berliner Schlossparktheater zu verbringen. Man muss die Gunst der Stunde nutzen, denn auch ich bin nicht jeden Tag in der Laune, fotografiert zu werden. Ganz im Gegenteil. Ich hasse es, fotografiert zu werden. Außer von Peter Lindbergh. Oder Herb Ritts. Ach so, der ist ja schon tot. Na ja, auf jeden Fall ist fotografiert werden prinzipiell eine schlimme Sache, sofern der Fotograf sich nicht die Mühe macht, die Lichtverhältnisse und meinen Schädel ausreichend zu studieren und in wohlbedachter Weise, Lichtquelle und Objekt zu koordinieren. Das Ergebnis sollte bitte gleichzeitig äußerst schmeichelhaft und authentisch sein. Das sollte eigentlich möglich sein. Schließlich kann ich das auch.
Unlängst wieder schwierige Erfahrung gemacht. Eine menschlich sehr nette Fotografin hat überschwänglich versucht, mich mit Komplimenten zu motivieren, aber ich ahnte, das wird nichts. Wenn mir schon jemand sagt, ich soll das Kinn 5 Millimeter weiter nach vorne recken („Ja! So ist schön, so ist super! Ganz, ganz toll!“) und dann noch bitte den Kopf noch um ungefähr zehn Grad nach rechts drehen („Ja! So! So ist es fast schon perfekt! Jetzt wieder ein bißchen mehr nach links, nur ein bißchen!“) und dabei auf ihre Nasenspitze gucken („Ja! Fast! Jetzt war gerade schön!“). Man kommt sich vor wie im Geometrieunterricht. Sie war sehr begeistert von ihren Bildern. Ich merkte schon, als die Fotos entstanden, dass das Licht zu flächig gesetzt war, um nicht zu sagen flach. Platt frontal, so leicht von oben, damit alle Linien im Gesicht schön verschwinden, und zwar gnadenlos. Bloß keine Schatten unter den Augen oder sonstwo, oder andere interessante Charakter- oder Lebensspuren. Ich habe ja nichts dagegen, wenn diese Nasolabialfalten etwas gemildert werden, aber das war einfach langweiliger Murks. Nach solcherlei Erfahrungen wird mir regelmäßig übel, wenn die fertigen Bilder mein verkrampftes Gefühl bestätigten. Dabei war sie sehr nett und bemüht und hat, wie bereits erwähnt, nicht mit Komplimenten gespart. Kurz trat der Gedanke an mich heran, dass das möglicherweise System hat.
Prinzipiell habe ich nichts gegen superlative, auf andere möglicherweise übertrieben wirkende Adjektive einzuwenden, wenn von mir die Rede ist. Aber es sollte schon ehrlich gemeint sein. Sie wirkte eigentlich auch recht vertrauenswürdig, aber ich fühlte mich an dem Tag gar nicht superlativ, eher so mittel. Ich war und bin nicht auf Kommando locker und sage das auch vorher, daher traue ich dem Braten nicht, wenn mir jemand trotz dieser Vorwarnung die geringsten Anweisungen gibt. Ich will meinen Kopf so halten, wie ich ihn eben halte und auch meine Schultern nicht unnatürlich nach hinten biegen, schließlich bin ich keine Schaufensterpuppe. Ich will auf einem Foto aussehen, wie ich mich fühle und nicht wie jemand denkt, wie die Nullachtfuffzehn-Körperspannung im Oberkörper sein müsste. So ein Scheißdreck. Wir haben uns bei einem Foto von ungefähr Hundert darauf geeinigt, dass sie es nicht wegschmeißen muss. Das war eigentlich eher ein Akt der Versöhnlichkeit meinerseits, damit die Frau nicht die totalen Komplexe kriegt. Sie tat mir leid. Ich hatte schon ein schlechtes Gewissen, weil ich bei keinem Bild in ihren Jubel einstimmen konnte. Das Bild wurde dann noch vom Assistenten, der interessanterweise nicht in den Jubel einfiel (und dadurch im unmessbaren Bereich in seiner Kompetenz stieg), gephotoshopt und mir einige Zeit später auf einer CD übergeben. Er hat noch was an den Augen gemacht, wie ich hörte, irgendwie aufgehellt.
Als ich die CD in den Rechner schob, und die Bilddatei öffnete, wurde mir wieder schlecht. Der Bereich meines Gehirns, der für schlimme Erinnerungen zuständig ist, wurde aktiviert und ich erinnerte mich an die Zeit mit ca. elf, als ich riesige Minderwertigkeitskomplexe hatte. Unter anderem wegen meiner Zahnlücke, wegen der ich als Kind oft und gerne gehänselt wurde (und die ich heute übrigens nicht mehr schlimm finde, sogar im Gegenteil). Vielleicht wäre das Bild ja auch weniger unbrauchbar, wenn das Licht nicht so eindimensional gesetzt gewesen wäre. Ich weiß, dass man ganz gute Fotos von mir machen kann, wenn ich breit lache. Ich lache nämlich auf dem Bild. Und das muss man erstmal schaffen, ein Bild auf dem jemand lacht, so zu machen, dass man sich eigentlich nur auf eine unattraktive Art albern findet. Ein breites Lachen ohne Sinn. Das war es nämlich. Ich hatte keinen sonderlichen Grund, so zu lachen und versuchte es nur, um mich kooperativ zu zeigen. Ich wollte nicht als zickige Spielverderberin dastehen und der enthusiastischen Frau mit der Kamera diesen kleinen Gefallen tun. Dazwischen lachte ich dann auch mal natürlich, nämlich als ich ihr sagte, dass es viel besser funktionieren würde, wenn sie mir die Anweisung gäbe, auf keinen Fall zu lachen. Das würde die Wahrscheinlichkeit unermesslich erhöhen. Und dann musste ich lachen. Da hat sie aber leider gerade nicht abgedrückt. Dumm gelaufen. Der Datenträger wurde mit Unterstützung meiner Haushaltsschere entsorgt.
Das Herz und Hirn beim Einfangen eines Menschen ist, dass man eine schöne Atmosphäre hinbekommt und das Objekt der Begierde gut beschäftigt ist. Und sei es nur mit anderen Gedanken. Dieser Mensch, den man fotografieren will, muss sich so richtig fühlen dürfen, wie er von sich und von Natur aus gedacht ist. Mit dieser ureigenen, seltsamen Art, den Kopf vielleicht immer ein kleines bißchen schief zu halten. Und jederzeit, falls es sich ergeben sollte, darf gelacht werden. Nicht, weil es eine dahingehende Anweisung gegeben hat, sondern weil man ein heiteres Gespräch führt. Zum Beispiel darüber, wie furchtbar es sein kann, fotografiert zu werden. Alles andere ist Quatsch mit Soße.

Hochachtungsvoll
Gaga Nielsen
01. Dezember 2010
Begnadetes Gekritzel

Danke für den Hinweis
28. November 2010

Und Kürbissuppe. Immer Kürbissuppe. Fünfter Tag ohne Bordeaux, Côtes du Rhône etc. Keinerlei Entzugserscheinungen. Von dem liebgewonnenen Ritual abgesehen (man kann sich da auch hineinsteigern). Im Gegenteil. Freitag entgegnet Freundin S. auf mein Bekenntnis, schon sehr regelmäßig, also mehr oder weniger allabendlich, ein bis zwei Gläser Rotwein zu trinken, und meinen Einschub, dass diese Menge, also ein bis zwei Gläser ja immer wieder von Ärzten empfohlen würde, gut für’s Herz wäre usw. usf., „jahaha, aber das was da drin ist, was da wirkt, diese Gerbstoffe sind auch in rotem Traubensaft drin, meine Liebe. Also wenn es das ist…“ Ich mein Tun verteidigend: „Aber ich mag den Geschmack, ich würde den Wein auch ohne Alkohol trinken, nur Traubensaft schmeckt eben anders, schmeckt mir nicht so.“ Wie auch immer, drei Gläser sind zuviel. Ich hatte letzte Woche ein Drittes zu viel, es ging mir nicht gut, am nächsten Tag. Seitdem keine Lust mehr auf alkoholhaltige Getränke. Man schläft jedenfalls besser und wacht ganz ohne Eintrübung auf. Ich bin auf dem besten Weg zur Asketin. Wenn ich aufzähle, was ich seit geraumer Zeit sonst noch alles unterlasse, kriegen meine Leser Mitleid oder Minderwertigkeitskomplexe.
02. Dezember 2010

Der Himmel ist ja immer blau. Man ist nur nicht immer weit genug über den Wolken. Es ist schon ein apokalyptisches Gefühl von zur Hölle zu fahren, wenn man im Flieger sitzt, aus der Sonne kommt und sich das Fluggerät beim Landeanflug aus tiefblauer Sphäre durch eine dicke Wolken-Beton-Decke bohrt. Ich finde das unheimlich. Nicht, dass ich gerade aus der Sonne käme. Eher im Gegenteil. Aber ich habe ein gutes Gedächtnis. Und darunter regnet es. Oder schneit. Umgekehrt ist schöner. Man muss zur Zeit ein bißchen über’s Wetter bloggen, das ist gerade ein Thema. Ich möchte die Sache heute vom gesundheitlichen Standpunkt beleuchten.
Es ist schon ein bißchen ungewohnt, dass man in diesen Tagen so wenige freudige Schneefalleinträge liest, wo diese Wettersorte doch sonst bei ihrer ersten Wiederkehr stets beschönigend Willkommen geheißen wird. Traditionell wurde in der Vergangenheit immer sehr von ausgedehnten Sonntags-Spaziergängen in verschneiten Landschaften geschwärmt und um sterbende Gletscher geweint. Auf Fotos finde ich das auch sehr schön, aber mir ist das schon immer zu kalt. Ich halte das, um ganz deutlich zu werden, sogar für gefährlich. Schon seit meiner Kindheit, wo ich immer an die frische Luft musste und im Winter Schnee schippen, weil die Eltern freiwillig in so einem Haus wohnten. Man selber musste sich als Kind auch dort aufhalten, gezwungenermaßen und demzufolge auch ein bis zwei Stunden mit Schnee schippen. Mitgehangen, mitgefangen. Das erwähne ich nur, damit niemand behaupten kann, ich wüsste nicht, wovon ich rede. Ich bin eine begeisterte Spaziergängerin, wenn es siebzehn Grad aufwärts hat, alles darunter ist mir zu frostig und halte ich persönlich für medizinisch nicht vertretbar. Die Augen tränen und die Nase läuft, was ich nicht in der Lage bin, anders als ein Zeichen einer gesunden Abwehrreaktion zu werten. Ohne Handschuhe frieren die Fingerspitzen ein, der Wind pfeift. Das hat mir und meinem Körper noch nie gefallen. Abhärtungsmaßnahmen wie kalte Duschen und Winterspaziergänge halte ich für verantwortungslosen Leichtsinn.
Erkältungen vermeidet man, in dem man sich von erkälteten Menschen und Kälte absondert, und nicht, indem man sich rudelweise ohne zeitliche Begrenzung und ohne Mundschutz im Freien aufhält. Aber auf mich hört ja keiner. Wollen wir doch mal sehen, wer hier ohne Erkältung durch den bösen Winter kommt! Ich propagiere Aufenthalte außerhalb von beheizten Räumen niemals länger als maximal zehn Minuten zu praktizieren. Das stellt bereits die Obergrenze dar. Als Empfehlung gilt: muss ich bei Minustemperaturen von A nach B und bin nicht in Eile, unterbreche ich den Kälteaufenthalt, in dem ich auf halber Strecke ein beheiztes Geschäft aufsuche. Man kann das auch dritteln oder vierteln usw. usf., um auf Nummer Sicher zu gehen. Praktisches Wegbeispiel von der S-Bahn-Haltestelle Hackescher Markt zum Gipsdreieck. Bei vertretbarem Wetter kann man die Strecke ohne Unterbrechung in zehn Minuten gehen (Schlendrian). Haben wir es eilig, benötigen wir sieben Minuten. Haber wir es sehr eilig und müssen ein bißchen rennen, schaffen wir es in fünf Minuten. Bei unwirtlichen Bodenverhältnissen wie jetzt, muss man mit zwölf Minuten rechnen. Hier ist eindeutig die erlaubte zehn-Minuten-Grenze für Kälteaufenthalte überschritten.
Daher empfehle ich die folgende Vorgehensweise: ich überquere die Ampel am Hackeschen Markt Richtung Rosenthaler Straße. Einkaufen muss man schließlich immer, also suche ich zielstrebig den Edeka-Supermarkt gegenüber von den Hackeschen Höfen auf und halte mich dort 5 bis 15 Minuten auf, um Dinge des täglichen Lebens zu kaufen und meine Körperwärme zu regulieren. Nebenan ist Rossmann, Shampoo und Klopapier ist eigentlich auch irgendwie dauernd alle, also ergreife ich die Gelegenheit, erneut etwas Wärme auf Vorrat zu speichern und dennoch meinem Ziel etwas näher zu kommen. Gut temperiert nähere ich mich der Kreuzung Weinmeisterstraße. Das Tragen der schweren Einkaufstüten regt kontinuierlich den Kreislauf an und ich wirke aktiv dem Abfallen der Temperatur entgegen. Wir nähern uns Butter Lindner auf der linken Seite, ca. hundertfünfzig bis zweihundert Meter schräg gegenüber vom Drogeriemarkt entfernt. Da man wie immer anstehen muss, ist in den nächsten zehn Minuten nicht mit Kälteeinwirkung zu rechnen. Hier gilt es, sich von der Eingangstür fern zu halten und unmäßige Nähe zu inkognito erkälteten Kunden (Achtung!: Hochziehen, Räuspern, aufgeraute Nasenlöcher) zu meiden bzw. den Schal, der uns stets als Mundschutz dient, nur für die Dauer des Verkaufsgesprächs zu entfernen.
Sind wir bei Butter Lindner fertig, überqueren wir die Sophienstraße und begeben uns so schnell wie möglich zum Eingang der teilüberdachten, gut geschützen Sophie-Gipshöfe, um ohne übermäßigen Körperwärmeverlust in ca. drei bis vier Minuten am Ziel zu sein. Neuerdings bietet sich noch ein weiterer Wärmestopp an, da neulich ein Riccardo Dingsbums-Schuhladen Ecke Sophienstraße oder ist es Ecke Gipsstraße (?) aufgemacht hat. Das ist allerdings nur eine Empfehlung, wenn Geld gerade gar keine Rolle spielen sollte. Das war jetzt auch nur ein Wegbeispiel. Sicher entdecken Sie nach Lektüre dieses Eintrags ausreichend Möglichkeiten bei sich, um unnötig lange Aufenthalte in der Kälte zu modifizieren und somit Ihren persönlichen Beitrag zur Volksgesundheit zu leisten.
http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=71649
Und immer daran denken: DER HIMMEL IST BLAU
02. Dezember 2010

Der Himmel ist ja immer blau. Man ist nur nicht immer weit genug über den Wolken. Es ist schon ein apokalyptisches Gefühl von zur Hölle zu fahren, wenn man im Flieger sitzt, aus der Sonne kommt und sich das Fluggerät beim Landeanflug aus tiefblauer Sphäre durch eine dicke Wolken-Beton-Decke bohrt. Ich finde das unheimlich. Nicht, dass ich gerade aus der Sonne käme. Eher im Gegenteil. Aber ich habe ein gutes Gedächtnis. Und darunter regnet es. Oder schneit. Umgekehrt ist schöner. Man muss zur Zeit ein bißchen über’s Wetter bloggen, das ist gerade ein Thema. Ich möchte die Sache heute vom gesundheitlichen Standpunkt beleuchten.
Es ist schon ein bißchen ungewohnt, dass man in diesen Tagen so wenige freudige Schneefalleinträge liest, wo diese Wettersorte doch sonst bei ihrer ersten Wiederkehr stets beschönigend Willkommen geheißen wird. Traditionell wurde in der Vergangenheit immer sehr von ausgedehnten Sonntags-Spaziergängen in verschneiten Landschaften geschwärmt und um sterbende Gletscher geweint. Auf Fotos finde ich das auch sehr schön, aber mir ist das schon immer zu kalt. Ich halte das, um ganz deutlich zu werden, sogar für gefährlich. Schon seit meiner Kindheit, wo ich immer an die frische Luft musste und im Winter Schnee schippen, weil die Eltern freiwillig in so einem Haus wohnten. Man selber musste sich als Kind auch dort aufhalten, gezwungenermaßen und demzufolge auch ein bis zwei Stunden mit Schnee schippen. Mitgehangen, mitgefangen. Das erwähne ich nur, damit niemand behaupten kann, ich wüsste nicht, wovon ich rede. Ich bin eine begeisterte Spaziergängerin, wenn es siebzehn Grad aufwärts hat, alles darunter ist mir zu frostig und halte ich persönlich für medizinisch nicht vertretbar. Die Augen tränen und die Nase läuft, was ich nicht in der Lage bin, anders als ein Zeichen einer gesunden Abwehrreaktion zu werten. Ohne Handschuhe frieren die Fingerspitzen ein, der Wind pfeift. Das hat mir und meinem Körper noch nie gefallen. Abhärtungsmaßnahmen wie kalte Duschen und Winterspaziergänge halte ich für verantwortungslosen Leichtsinn.
Erkältungen vermeidet man, in dem man sich von erkälteten Menschen und Kälte absondert, und nicht, indem man sich rudelweise ohne zeitliche Begrenzung und ohne Mundschutz im Freien aufhält. Aber auf mich hört ja keiner. Wollen wir doch mal sehen, wer hier ohne Erkältung durch den bösen Winter kommt! Ich propagiere Aufenthalte außerhalb von beheizten Räumen niemals länger als maximal zehn Minuten zu praktizieren. Das stellt bereits die Obergrenze dar. Als Empfehlung gilt: muss ich bei Minustemperaturen von A nach B und bin nicht in Eile, unterbreche ich den Kälteaufenthalt, in dem ich auf halber Strecke ein beheiztes Geschäft aufsuche. Man kann das auch dritteln oder vierteln usw. usf., um auf Nummer Sicher zu gehen. Praktisches Wegbeispiel von der S-Bahn-Haltestelle Hackescher Markt zum Gipsdreieck. Bei vertretbarem Wetter kann man die Strecke ohne Unterbrechung in zehn Minuten gehen (Schlendrian). Haben wir es eilig, benötigen wir sieben Minuten. Haber wir es sehr eilig und müssen ein bißchen rennen, schaffen wir es in fünf Minuten. Bei unwirtlichen Bodenverhältnissen wie jetzt, muss man mit zwölf Minuten rechnen. Hier ist eindeutig die erlaubte zehn-Minuten-Grenze für Kälteaufenthalte überschritten.
Daher empfehle ich die folgende Vorgehensweise: ich überquere die Ampel am Hackeschen Markt Richtung Rosenthaler Straße. Einkaufen muss man schließlich immer, also suche ich zielstrebig den Edeka-Supermarkt gegenüber von den Hackeschen Höfen auf und halte mich dort 5 bis 15 Minuten auf, um Dinge des täglichen Lebens zu kaufen und meine Körperwärme zu regulieren. Nebenan ist Rossmann, Shampoo und Klopapier ist eigentlich auch irgendwie dauernd alle, also ergreife ich die Gelegenheit, erneut etwas Wärme auf Vorrat zu speichern und dennoch meinem Ziel etwas näher zu kommen. Gut temperiert nähere ich mich der Kreuzung Weinmeisterstraße. Das Tragen der schweren Einkaufstüten regt kontinuierlich den Kreislauf an und ich wirke aktiv dem Abfallen der Temperatur entgegen. Wir nähern uns Butter Lindner auf der linken Seite, ca. hundertfünfzig bis zweihundert Meter schräg gegenüber vom Drogeriemarkt entfernt. Da man wie immer anstehen muss, ist in den nächsten zehn Minuten nicht mit Kälteeinwirkung zu rechnen. Hier gilt es, sich von der Eingangstür fern zu halten und unmäßige Nähe zu inkognito erkälteten Kunden (Achtung!: Hochziehen, Räuspern, aufgeraute Nasenlöcher) zu meiden bzw. den Schal, der uns stets als Mundschutz dient, nur für die Dauer des Verkaufsgesprächs zu entfernen.
Sind wir bei Butter Lindner fertig, überqueren wir die Sophienstraße und begeben uns so schnell wie möglich zum Eingang der teilüberdachten, gut geschützen Sophie-Gipshöfe, um ohne übermäßigen Körperwärmeverlust in ca. drei bis vier Minuten am Ziel zu sein. Neuerdings bietet sich noch ein weiterer Wärmestopp an, da neulich ein Riccardo Dingsbums-Schuhladen Ecke Sophienstraße oder ist es Ecke Gipsstraße (?) aufgemacht hat. Das ist allerdings nur eine Empfehlung, wenn Geld gerade gar keine Rolle spielen sollte. Das war jetzt auch nur ein Wegbeispiel. Sicher entdecken Sie nach Lektüre dieses Eintrags ausreichend Möglichkeiten bei sich, um unnötig lange Aufenthalte in der Kälte zu modifizieren und somit Ihren persönlichen Beitrag zur Volksgesundheit zu leisten.
http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=71649
Und immer daran denken: DER HIMMEL IST BLAU
01. Dezember 2010
Begnadetes Gekritzel

Danke für den Hinweis
30. November 2010

Jopi Heesters hat sich pünktlich zum 107. das Rauchen abgewöhnt. Ich finde, das sollte Schule machen. Sollte ich mir in den nächsten zweiundsechzig Jahren ernsthaft das Rauchen angewöhnen, verspreche ich hier und heute, dass ich an meinem 107. Geburtstag damit aufhören werde. Sollte ich dieses Versprechen nicht einlösen, sprechen Sie mich bitte darauf an.
30. November 2010

Jopi Heesters hat sich pünktlich zum 107. das Rauchen abgewöhnt. Ich finde, das sollte Schule machen. Sollte ich mir in den nächsten zweiundsechzig Jahren ernsthaft das Rauchen angewöhnen, verspreche ich hier und heute, dass ich an meinem 107. Geburtstag damit aufhören werde. Sollte ich dieses Versprechen nicht einlösen, sprechen Sie mich bitte darauf an.
29. November 2010
Meine Bereitschaft, an das Zauberhafte in der Welt zu glauben, ist nicht zu brechen. Eben die Überschrift „Mann fährt Schlangenlinien“ gelesen und gedacht, es könnte sich um das Portrait eines besonders erfinderischen Zeitgenossen handeln, der zur Freude seiner Umgebung tolle Schlangenlinien fährt. Vom Hobby-Schlangenlinienfahrer zum Entertainer. In Gedanken sah ich schon den Hut herumgehen. Vielleicht fährt er Einrad und hat dabei einen Zylinder auf! Aber die Welt ist leider etwas langweiliger gestrickt als meine Phantasie. Es war eine Art Verkehrsmeldung. Möglicherweise war Alkohol im Spiele. Tief enttäuscht habe ich darauf verzichtet, die Meldung zu Ende zu lesen. Sicher wurde der Mann in dem Bericht diskriminiert. So ist es doch immer. Andererseits muss man zugute halten, dass man an den Rändern der Republik keinen Kopfstand machen muss, um in die Zeitung zu kommen. Es hat eben alles sein Gutes.

29. November 2010
Meine Bereitschaft, an das Zauberhafte in der Welt zu glauben, ist nicht zu brechen. Eben die Überschrift „Mann fährt Schlangenlinien“ gelesen und gedacht, es könnte sich um das Portrait eines besonders erfinderischen Zeitgenossen handeln, der zur Freude seiner Umgebung tolle Schlangenlinien fährt. Vom Hobby-Schlangenlinienfahrer zum Entertainer. In Gedanken sah ich schon den Hut herumgehen. Vielleicht fährt er Einrad und hat dabei einen Zylinder auf! Aber die Welt ist leider etwas langweiliger gestrickt als meine Phantasie. Es war eine Art Verkehrsmeldung. Möglicherweise war Alkohol im Spiele. Tief enttäuscht habe ich darauf verzichtet, die Meldung zu Ende zu lesen. Sicher wurde der Mann in dem Bericht diskriminiert. So ist es doch immer. Andererseits muss man zugute halten, dass man an den Rändern der Republik keinen Kopfstand machen muss, um in die Zeitung zu kommen. Es hat eben alles sein Gutes.

28. November 2010
http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=71649
Zu Olaf Heine kann ich nur schreiben, lasst Bilder sprechen. Und dass er nichts falsch macht. Olaf Heine macht alles richtig.



28. November 2010
http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=71649
8. Oktober 2010. Werner Herzog, um den es ja hauptsächlich ging, ließ sich durch seinen Halbbruder Lucki Stipetić, der auch der Produzent seiner Filme ist, und seinen langjährigen Kameramann Thomas Mauch entschuldigen. Er musste sich unerwartet kurzfristig einer Operation unterziehen und ließ sein tiefes Bedauern vom Krankenbett aus bestellen. Mauch erzählte launige Kinski-Anekdoten und einigermaßen Überraschendes von den Dreharbeiten. Aguirre war eine Low Budget-Produktion, bei der es nicht einmal Lampen am Drehort gab. Ein Drittel des Budgets wurde durch Kinskis Gage verbraucht und man hat improvisiert. Wenn die Haltung grandios ist, überzeugt auch die improvisierte Variante. Die Frage ist, was man selbst davon hält. Wenn sich irgendein Krempel manifestieren will, setzt sich der Impuls durch, egal ob mit oder ohne Lampe. Auf Pappkarton oder Leinwand. Das Medium ist zweitrangig. Allerdings nicht unerheblich bei jenen Filmstills, in welcher Qualität sie als exhumiertes Folgeprodukt dargeboten werden. Ich weiß nicht, wer auf die Idee mit dieser grellen Hochglanzvariante auf Alu-Dibond gekommen ist. Matter wäre weit schöner gewesen. Das ist offenbar zur Zeit das Prinzip bei Lumas. Es wirkt ein bißchen beliebig. Schade dann, wenn man nicht nur aus Sparsamkeit nichts kauft, sondern weil der Druck nicht wirklich gefällt, obwohl man das Motiv mag. Dabei gibt es dort auch Überzeugendes zu sehen. Hendrix und Jagger von Baron Wolman zum Beispiel. Und noch so manche andere Begegnung.

28. November 2010
28. November 2010

Und Kürbissuppe. Immer Kürbissuppe. Fünfter Tag ohne Bordeaux, Côtes du Rhône etc. Keinerlei Entzugserscheinungen. Von dem liebgewonnenen Ritual abgesehen (man kann sich da auch hineinsteigern). Im Gegenteil. Freitag entgegnet Freundin S. auf mein Bekenntnis, schon sehr regelmäßig, also mehr oder weniger allabendlich, ein bis zwei Gläser Rotwein zu trinken, und meinen Einschub, dass diese Menge, also ein bis zwei Gläser ja immer wieder von Ärzten empfohlen würde, gut für’s Herz wäre usw. usf., „jahaha, aber das was da drin ist, was da wirkt, diese Gerbstoffe sind auch in rotem Traubensaft drin, meine Liebe. Also wenn es das ist…“ Ich mein Tun verteidigend: „Aber ich mag den Geschmack, ich würde den Wein auch ohne Alkohol trinken, nur Traubensaft schmeckt eben anders, schmeckt mir nicht so.“ Wie auch immer, drei Gläser sind zuviel. Ich hatte letzte Woche ein Drittes zu viel, es ging mir nicht gut, am nächsten Tag. Seitdem keine Lust mehr auf alkoholhaltige Getränke. Man schläft jedenfalls besser und wacht ganz ohne Eintrübung auf. Ich bin auf dem besten Weg zur Asketin. Wenn ich aufzähle, was ich seit geraumer Zeit sonst noch alles unterlasse, kriegen meine Leser Mitleid oder Minderwertigkeitskomplexe.
28. November 2010

Bette once again turned to her proven way of coping – work.
B. Davis, An Intimate Portrait
27. November 2010
Zurück zum Bahnhof. Zurück nach Berlin. Beim Verlassen des Dorfes fällt mir dieses seltsame sechseckige, mannshohe steinerne Bauwerk auf. Mit schmalen Löchern wie Schießscharten. Gerade, dass man durchgucken kann. Ich sehe aber keinen Eingang. Ich komme nicht dahinter, was es für einen Zweck haben kann. Oder vielmehr hatte. Am Ehesten denke ich an einen Unterstand für einen Wachmann, aber warum diese seltsame Bauweise. Zuhause lese ich im Internet in einem Bericht über das Olympische Dorf das Wort Einmann-Bunker. Ein Einmann-Bunker für einen Wachmann? Oder für jemanden der es bei Fliegeralarm nicht bis zum großen Bunker schaffen konnte? Sicher gibt es auch irgendwo in der Nähe einen großen Luftschutzbunker. Ich will nicht weiter darüber nachdenken. Derselbe Weg zurück zum Bahnhof von Elstal ist schöner als hinwärts, weil das Licht jetzt ganz weich auf die Blätter fällt, die schon ein bißchen anfangen, sich zu verfärben. Grün zu gelb. Gelb zu Orange. Orange zu Rot. Das erste mal im Jahr sehe ich Herbst. Neben einem Strauch liegen Mirabellen im Laub. Ich hebe eine auf, stecke sie in die Tasche.

Ein alleinstehender Baum auf einer weiten Ebene. Er ist zu weit entfernt um zu erkennen, was für einer es ist. Nah beim Bahnhof ein kleines Wäldchen junger Essigbäume vor einem verfallenden Haus. Alte ausrangierte Gleise liegen herum. Eine rostige Tonne, leere Flaschen. Ein seltsamer Findling mit altem Moos. Drei Jungs, die nichts genaues vorhaben, streunen herum. Sonst ist es einsam vor dem Bahnhof. Da ist er wieder, der Turm, den man immer wieder sieht. Der Wasserturm von Elstal, 1920 erbaut, lese ich später. Am Bahnsteig gibt es zwei Fahrtrichtungen. Auf der rechten Seite steht auf einem Schild Richtung Berlin. Auf der anderen Seite ist kein Schild, es gibt kein Pendant, vermutlich weil zu viele verschiedene Zielorte in Frage kämen. Da braucht man gar nicht erst anfangen. Oben auf der Eisenbrücke über den Gleisen wartet ein älterer Mann auf den Sonnenuntergang. Älter ist immer eine Generation älter als man selber. Seine Kamera hat ein großes Objektiv. Später sehe ich noch zwei Fahrradfahrer mit ihren Rädern, da oben im Gegenlicht. Es ist noch viel Zeit, bis wieder ein Zug nach Berlin kommt. Die Batterien der Kamera geben nur noch wenige Bilder her. Dann geht sie einfach aus. Ich habe auch ein Buch dabei zum Lesen, vielleicht Dorfpunks von Rocko Schamoni. Die einzige Bank liegt schon im Schatten, die Sonne geht an einer anderen Stelle unter. Ich finde einen letzten Sonnenfleck und setzte mich auf den asphaltierten Bahnsteig. Mein langer Ledermantel hält das schon aus. Die Nasenspitze wird wieder ein bißchen wärmer. Gut, dass ich Handschuhe dabei habe, die kann man schon vertragen, Anfang Oktober, am Abend. Die Mirabelle ist noch nicht reif. Ganz sauer. Der Mann mit der Kamera kommt die Gittertreppe von der Brücke herunter auf den Bahnsteig. Wenig später eine Mutter mit ihrem kleinen Jungen. Zeichen, dass bald ein Zug kommt. Die Mutter lässt den Gummidinosaurier des Kindes sprechen und zubeißen. Der Kleine lacht glucksend. Ich denke ein bißchen traurig daran, wie selten man sieht, dass Eltern ein Kind nicht nur bewachen und anleiten, sondern mit ihm spielen. Albernes Zeug, aus Spaß an der Freud. Ohne Lernziel. Wie die beiden. Da kommt der Zug. Ich freue mich, dass er am Alexanderplatz hält, da muss ich nicht umsteigen, kann gleich in meine U8 zur Weinmeisterstraße fallen. Auf der Rolltreppe nach unten zur U-Bahn fällt mir plötzlich ein, dass heute ein Feiertag war. Der 3. Oktober. Und dass ich ihn würdevoll begangen habe, obwohl das nicht die Absicht war. Bahnhof Weinmeisterstraße. Ausgang Gipsstraße. An den blauen Kacheln vorbei, die windige Treppe nach oben. Warten an der Ampel. Gleich bin ich zuhause.
http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=71649
Elstal X Departure
26. November 2010
Lu hat eine schöne Idee.

25. November 2010
Schwer zu sagen, wie lange ich keine Sporthalle betreten habe. Fitness-Studios kenne ich nur von außen, obwohl ich den gewaltigen Muskel-Aufbau-Geräten, die es dort geben soll, Sympathie entgegenbringe. Der letzte Sportunterricht meines Lebens fand vor ungefähr dreissig Jahren statt. Leibesertüchtigung unter Aufsicht zählte zu meinen absoluten Hassfächern. Beim Kopfstand rutschten die Arme weg und mir wurde schwarz vor Augen, ich wurde halb ohnmächtig. Ich hatte keinen Bock auf Bockspringen und Reckübungen. Ich hasste Geräteturnen. Ich hasste Ballspiele, bei denen es vor allem darum zu gehen schien, sich gegenseitig zu bombardieren oder jemandem den Ball abzujagen. So kam es mir vor. Handball war Krieg. Wurde man schmerzhaft vom Ball getroffen, wurde schadenfroh wiehernd gelacht. Aber Tischtennis und Federballspielen gefiel mir. Und Schwimmen. Und Radfahren. Und Wandern. Und Tanzen. Aber diese Bewegungsmöglichkeiten waren leider nicht im Unterrichtsplan vertreten. Wobei es gut sein kann, dass mir die didaktische Aufbereitung dieser Sportarten, die Freude daran verleidet hätte. Manchmal habe ich Lust durch ein Stück Wald zu rennen. Aber nicht als Dauerlauf, nur ein kleines Stückchen aus Übermut. Man muss die Gelenke auch schonen.

Der Geruch der Turnmatten ist mir noch diffus in Erinnerung. Die graublauen Matten rochen immer komisch, so ähnlich wie Gummireifen. Und die lederbespannten Geräte. Und der Kraut- und Rüben-Schweißgeruch halbwüchsiger Mädchen in Lycra-Trikots. Leider unvergesslich, das gemeinschaftliche Zwangsduschen, das mir immer peinlich war. Das Vergleichen von Schamhaarwuchs und Körbchengröße. Die Bemerkungen. Ich hasste es. Wenn ich daran denke, hasse ich es wieder. Nichts auf der Welt könnte mich jemals wieder dazu bringen, mich gemeinsam mit anderen in einem Gruppenduschraum zu duschen. Nicht für Geld und gute Worte. Zu intim. Die Monatsblutung war als Ausrede willkommen, wenn der Sportunterricht anstand. Man durfte am Rand der Halle sitzen und zuschauen, musste sich nicht verbiegen oder verbiegen lassen. Nach keiner Stoppuhr herumtrampeln. Und auch das Duschen fiel dann weg. Bundesjugendspiele. Weitspringen, Hochspringen. Wettrennen. Alles furchtbar. Ich mochte die ganze Atmosphäre nicht, dieses Gedrillte, das Zackige, die kratzigen Turnhosen, die ganze kratzige Unpoesie. Alles.
Ich war weit weg. Vielleicht bei dem Buch, das ich gerade las und lieber weitergelesen hätte. Oder bei dem Jungen, in den ich heimlich verliebt war und der es nie erfahren würde, auf keinen Fall von mir. Ich weilte auf meiner Schäfchenwolke ohne Trillerpfeife. Meine Angst vor dem Geräteturnen. Ich hatte Furcht mich zu stoßen, zu stolpern, abzurutschen, hinzufallen, hängenzubleiben, mich zu blamieren. Die Böcke, Kästen und Stangen waren potenzielle Gefahrenträger. Innere und äußere Gefahr. Ich wurde auch gerne verlacht. Weil ich nicht daran glaubte, dass ich irgendetwas in dieser Hinsicht gut könnte und so kam es. Jedesmal. Ich hatte Schweißausbrüche vor Angst, wenn ich dran war. Ich war das einzige Schulkind, das jemals eine fünf oder sechs in Sport im Zeugnis hatte. Inzwischen weiß ich, dass ich nicht gut an die Sache herangeführt wurde. Ich sperre mich gegen Appelle, Befehle, Imperativ. Darauf reagiere ich hochallergisch, da ist sofort der Ofen aus. Auch heute noch. Wer sich herausnimmt, mit mir im Imperativ zu reden, lernt ganz schnell, dass das nur einmal passiert. Da geht ein Messer auf.
Ich will ins Licht rücken, warum Turnhallen und ich nicht die dicksten Freunde sind. Man sollte aufgrund dieser umfangreichen Bildstrecken nicht denken, ich würde mich besonders für Olympia interessieren. Spannend, ja aufregend fand ich das Entfachen der olympischen Flamme, die vielen Völker bei den Eröffnungsfeierlichkeiten zu sehen, wie sie stolz die bunten Fahnen ihres Landes trugen und dabei strahlten. In solchen Momenten kriege ich feuchte Augen. Und auch die Rührung bei den Siegerehrungen. Die Nationalhymnen zu hören, die Überwältigung der Athleten, die Tränen. Den Jubel der Menschen. Die Freundschaft der Völker. Zwischen diesen rituellen Eckpfeilern hätten auch ganz andere Dinge stattfinden können. Zum Beispiel eine Bäcker- oder Blumen-Olympiade. Wegen mir hätte keiner rennen müssen. Inzwischen bringe ich Sportlern mehr Respekt entgegen. Ich finde es gesund, wenn jemand sehr frühzeitig sportliche Bewegung in sein Leben integriert, es selbstverständlich und bis ins hohe Alter praktiziert. Das ist absolut empfehlenswert. Ich gehe gerne, ich mag rumlaufen, auch lange Wege. Besonders wenn das Wetter mild ist. Das liebe ich. Trainierte Körper sehen einfach besser aus. Unvergleichlich. Ich finde Männer sollen ruhig mit Hanteln herumspielen und alles mögliche machen, Fußball spielen, ins Sportstudio gehen. Frauen natürlich auch. Zu meiner Überraschung war ich gerne in der Sporthalle in Elstal, trotz meiner traumatischen Biographie. Die Turnhallen meiner Kindheit und Jugend waren fensterlos.
Die Sporthalle in Elstal gewährt einen weiten Blick ins Grüne. Vielleicht war das auch die Möglichkeit, Frieden mit dieser Sache zu schließen. Ich habe das einst Nazi-infiltrierte Sportlerdorf mit ungehorsamen Geist aufgeladen. Wer jetzt nach Elstal und dem Olympischen Dorf sucht, stolpert über meine unsportlichen Berichte. Das gefällt mir. Man muss die Dinge für seine Zwecke vereinnahmen. Sie war mein letztes Erlebnis, die Sporthalle im Olympischen Dorf von 1936. Zu Beginn fiel sie mir gar nicht auf. Sie steht rechts vom Eingang. Eigentlich wollte ich schon gehen, aber da sah ich plötzlich diese Halle, die von der breiten Seite ein bißchen nach Mies van der Rohe aussieht. Von der schmalen Seite des Eingangs wirkt sie eher wie eine elegantere Scheune. Der schöne Holzboden gefiel mir. Und das alte Pferd war gleich mein Freund. Dieses zerschlissene alte Ding. Das zerrissene, fein genähte Leder, die gepolsterten Schichten darunter. Wie ein verletztes rotes Tier stand es da. Eine kleine Galerie von Plakaten vergangener Spiele aus aller Welt. Eine Vitrine mit Programmheften, alten Fotos, einer „Illustrirten“, einem im olympischen Dorf abgestempelten Brief an eine Adresse in Brooklyn, N.Y. Seltsame Rührung. Und die olympischen Ringe. Ich habe so gut wie alles gesehen, was man ohne Gruppenführung sehen konnte. Vielleicht fahre ich eines schönen Tages wieder nach Elstal und finde dann die aufgebaute Bastion vor, und den Waldsee, und im Hindenburghaus kann man ein- und ausgehen und alte Olympia-Filme gucken. Im Speisehaus der Nationen gibt es dann Spezialitäten aus 43 Ländern. Und Russischen Kaffee. Und draußen nur Kännchen.
http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=71649
Elstal IX Sporthalle
19. November 2010



Ich hatte zu wenig gelesen, bevor ich loszog, um sofort zu wissen, wofür diese bizarr verrottende Plattensiedlung auf dem Gelände des Olympischen Dorfes gebaut wurde. Ich ließ mich treiben und sah plötzlich verlassene Mietskasernen ohne Fensterscheiben. Man konnte bunte Kacheln erkennen und in frohen Farben gestrichene, verbleichende Wände, bröckelnde Farbschichten. Durchblicke zu den weiter entfernten Bäumen. Lichtreflexe, so kraftvoll, dass ich einen Moment bedauerte, alleine da zu sein. Ich hätte gerne jemanden an die Wand gestellt und abgeschossen. Man wäre einfach durch die Fenster eingestiegen und hätte das letzte Sommerlicht auf einem Gesicht eingefangen, einer maigrünen oder blauen Wand. Tiefes Blau mit Weiß wie auf Postkarten aus Santorin. Griechenland spielen oder Portugal. Und Zitronengelb, verwaschen vom Regen. Himmel arizonablau. Ich lese später, dass es Unterkünfte für die Offiziere der russischen Armee und deren Angehörige waren. Man hat gar nicht so viel Gelegenheit, Verfall an unspektakulären Bauten zu studieren, weil sie meistens abgerissen werden, bevor sich diese wunderlichen Dinge einstellen. Wenn ich es recht erinnere, zogen die sowjetischen Truppen 1993 ab. Siebzehn Jahre. In dieser Stunde war das Licht am schönsten.
http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=71649

Elstal III Russische Armeeunterkünfte
23. November 2010

„Den stilistischen Ideen des Bauhauses verpflichtet zeigte sich das Speisehaus der Nationen mit seinen 38 für die verschiedenen Nationen bestimmten Speisesälen und Küchen. Die Modernität des Zweckbaus wurde durch die Einsenkung in das ansteigende Gelände — ein Verfahren, das March schon beim Olympiastadion angewandt hatte — in seiner Wucht gemildert und der umgebenden Landschaft harmonischer eingefügt.“
Ein großes Auge aus der Luft. Haus Berlin hieß es ja eigentlich, das Speisehaus der Nationen. Kommt man dem unteren Wimpernbogen näher, eine weich geschwungene, rundumlaufende Veranda. Man wundert sich gleich, dass es keine Tische und Stühle gibt, kein Draußen-nur-Kännchen-Angebot, kein Kuchenbuffet, das man schon durch die offene Glastür glitzern sieht. Käsekuchen und Schwarzwälder Kirschtorte auf Papierspitzendeckchen, silberne Tortenheber. Was für ein schönes Café wäre das. Immer wieder sieht man statt Fensterscheiben Holzbretter. Samtig brauner Bretterverhau. Besonders im Innenhof, im Inneren des Auges. Da scheinen besonders viele Scheiben zu Bruch gegangen zu sein. Wahrscheinlich die billigste Variante, das Innere des denkmalgeschützten Prachtenwurfs vor Wind und Wetter zu schützen. Vor Einbruch, vor Verwüstung. Einst weiß verputzte Steinbänke. Ich lese die riesigen Banner mit den Leitsätzen (und meinem Lieblings-Leitsatz Nr. 6: „Du bist jung, schaffe dir schöne Erinnerungen!“), mit der Speisekarte, mit dem Lebensmittelverbrauch. So alt ist Ovomaltine schon. Ich dachte, das wäre ein Pulvergetränk aus den Siebzigern. Mein Bruder mochte das gerne. Ich nicht. Mir war es zu malzig und zuckrig. Ich mochte lieber Kaba und Nesquik. Und amerikanische Cerealien haben sie auch schon zum Frühstück gegessen, die Sportler. Bei Cerealien dachte ich wiederum lange Zeit, das Wort wäre eine dieser neueren Erfindungen der Werbeindustrie, um irgendwelchen neu zusammengeschusterten Lebensmitteln den Anstrich von wissenschaftlich geprüfter Qualität zu geben. Zu meiner Zeit hat man jedenfalls nicht von Cerealien geredet. Da gab es Kellog’s Corn Flakes und Haferflocken und irgendwann später Fertig-Müsli. Bums, fertig. Und Joghurt ohne Drehwurm und probiotisches Gedöns. Aber ich schweife ab. Wenn ich die Bilder sehe, erkenne ich deutlich, dass ich dann irgendwann zu faul war, die Strecke auszumisten. Diese endlosen Wiederholungen dieses Speiseplan-Banners und der Bogen des Dachs vom Innenhof. Da hätten auch zwei Bilder gereicht. Na ja. Aber nun ist es drin. Hat auch was Hypnotisches mitunter. Nutzen Sie einfach die Gelegenheit zu einer morgendlichen Meditation über die schier unendlichen Möglichkeiten, das Licht in einer gewissen Ecke einer Steinbank einzufangen. Lange saß ich da. Schloss die Augen, blinzelte in die Nachmittagssonne. Noch war es warm. Ich zog meinen Ledermantel aus. Ich dachte, ein guter Platz für eine Rast, um meinen Proviant hervorzuholen. Und während ich im Speisehaus der Nationen aß, in aller Ruhe meine hartgekochten Eier und Äpfel und so weiter verdrückte, ließ ich den Blick schweifen. stellte ich mir vor, wie es damals war. Als die Fenster noch Scheiben hatten, alles neu war, modern und voller Leben. Das babylonische Sprachgewirr, das Klappern des Geschirrs und der Bestecke.

Diese aufgestellten alten Fotos im Innenhof rührten irgendetwas bei mir an. Ich weiß nicht, was es ist. Ich kriege so eine ganz leichte Gänsehaut, wenn ich die bunten Gesichter der vielen Völker sehe, so guter Dinge an gut gedeckten Tischen, mit dem Geist von Völkerverständigung im Herzen. Ganz naiv, ganz friedlich. In guter Absicht. Es hätte alles so friedlich bleiben können. Da war auch die Begegnung mit jenem Fotografen, die ich erwähnte. Und mit der vorbeiwandernden Gruppe, die aber erst nach einer guten halben Stunde kam. So lange saß ich da in der Sonne und schaute, was sie da trieb, auf den alten Wänden, dem alten Putz.
http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=71649
Elstal VII Speisehaus der Nationen
24. November 2010
Es erscheint mir nur angemessen, der einzigen Bewohnerin des Olympischen Dorfes in Elstal, die ich persönlich kennenlernen durfte, eine eigene Bildstrecke zu widmen. Ich vermute, dass ihre Familie auch irgendwo dort lebt, aber sie selbst scheint ein sehr eigenständiges, unabhängiges Leben zu führen. Hildegard Knef sang einst „Ein Zufall, sagten wir mal, ein Zufall hat uns zusammengeführt. Das Schicksal, sagen wir heut, (…) hat uns leider/wieder (?) getrennt.“ Ich fand es schon bemerkenswert, dieses Aufeinandertreffen von zwei verwandten Seelen, die sich zur exakt selben Minute an exakt derselben Stelle einen möglichst einsamen Platz an der Sonne suchten. Ihr Name ist Pyrrhocoris Apterus. Ich wusste das aber nicht von ihr persönlich, sondern weil ich später zuhause nach ihr gegoogelt habe. Sie ist ziemlich bekannt und wird auch ganz schön oft fotografiert. Im deutschsprachigen Raum hat sie keinen so guten Ruf, zumindest wenn man an den Namen denkt, den man ihr hier in Deutschland verpasst hat, und mit dem sie ständig aufgezogen wird und nun zu leben hat. Ich wollte ihr die Ehre erweisen, weil ich sie besonders schön und anmutig finde und weil ich es so gut verstehen konnte, dass sie sich eine kleine windgeschützte Kuhle in der Steinbank ausgesucht hatte, für ihr Sonnenbad. Ich überlegte dauernd, ob sie vielleicht afrikanische Vorfahren haben könnte, weil mich ihre Kriegsbemalung an wilde Zulumasken erinnerte. Aber wie kam sie oder ihre Familie nach Europa, nach Elstal? Ist sie den ganzen Weg von Südafrika zu Fuß gelaufen? Oder per Autostopp? Und wie lange mag sie unterwegs gewesen sein? Vielleicht war sie ja auch nur zum Ausflug in Elstal, weil sie darüber im Internet gelesen hat und lebt in Wirklichkeit im fernen Pretoria oder sogar in Berlin. Womöglich gar bei mir um die Ecke, und hat nur ein bißchen Rast gemacht, genau wie ich, bevor sie zur großen Rückreise aufbrechen musste. Wir hatten beide keine richtige Lust zu reden, aber das war ganz in Ordnung, denn wir verstanden uns auch ohne Worte. Liebe Pyrrie, ich hoffe, es geht dir gut und du bist wohlbehalten zuhause angekommen, wo immer das auch ist.

http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=71649
Elstal VIII Pyrrhocoris apterus
22. November 2010

Ach ja. Die Unterkünfte der Athleten. Nicht innen. Also nicht Athletinnen. Der Brandenburger Hobby-Historiker Hans-Ulrich Rhinow aus Falkensee schreibt dazu auf seiner Internet-Seite:
„Mit einer Ausnahme (Hindenburghaus), trugen alle Gebäude Namen deutscher Städte in einer Anordnung innerhalb des Dorfes, die etwa der geographischen Lage der jeweiligen Stadt in Deutschlands Grenzen entsprach. Die Unterkünfte der männlichen Sportler hier in Elstal waren heutigen Erwartungen gegenüber spartanisch einfach. Rechts und links des Mittelganges lagen die einzelnen Doppelzimmer, schlicht mit zwei Betten und zwei Nachttischen und einem Schrank möbliert. An den Wänden waren die von den Städten gestifteten rd. 4000 Bilder als einziger Schmuck angebracht. Die Sportler durften je ein Bild zu ihrer Erinnerung an die Spiele mitnehmen. Jedes Haus besaß eine zentrale Toilette, eine Duscheinrichtung, eine kleine Küche und einen Abstellraum für Koffer und Geräte. In jedem Haus stand für die Betreuung der rd. 30 Sportler ein deutscher junger Offizier zur Verfügung, der während der Spiele dort auch in einem eigenen Raum untergebracht war. Im Bereich des Olympischen Dorfes gab es auch ein Ärztehaus und ein Krankenhaus. Übrigens waren die Athletinnen separat in Berliner Unterkunftsräumen einquartiert.“
Erlauben Sie mir hier etwas zu ergänzen, lieber Herr Rhinow. Auf einer Schautafel habe ich gelesen, es gab in jeder Sportlerunterkunft sogar ein eigenes Münztelephon! Wie aufregend, für das Fräulein vom Amt! Die vielen Ferngespräche nach Übersee! Aber dafür wissen Sie noch viel mehr andere tolle Sachen mehr als ich. Wie die Sache mit den ersten Fernsehdirektübertragen ins Hindenburghaus funktionierte, zum Beispiel. (…) „Dazu zählten neben einem Theatersaal auch ein Fernsehraum, in dem die sportlichen Ereignisse aus dem Stadion zeitversetzt um 2 Minuten mit früher moderner Technik dargeboten wurden. Es dauerte nämlich 2 Minuten, bis die Filme im Schnellverfahren entwickelt waren und in den Projektor hineinliefen.“(…)
Wo anders liest man zum Verbleib der weiblichen Teilnehmerinnen noch konkreter, dass die Athletinnen in Hotels in der Nähe vom Olympiastadion untergebracht waren. Wie auch immer. Ich hatte eigentlich inzwischen mehr oder weniger vergessen, dass die idyllische Ansiedlung irgendetwas mit Sport und Olympia zu tun hatte. Die Luft war so klar und der Himmel so weit und die Häuschen der Sportler kamen mir vor wie kleine Ferienhäuschen. Ich dachte an alle möglichen Ingmar Bergman-Filme in abgeschiedenen skandinavischen Landschaften und „Ich denke oft an Piroschka“, diesen alten Schinken mit Lilo Pulver, den ich als Kind immer wieder gerne mit meinem Opa geschaut habe. Praktisch jedes Jahr. Wegen Lilo und den Gänsen und der Zigeunermusik, nicht wegen dem dünnen blassen jungen Mann (Eisenmangel!), der mich gar nicht interessiert hat. In Ostp Litauen war auch manchmal so eine Piroschka-Stimmung. Das hat was mit Landschaft und Gänsen und Barfußlaufen zu tun. Kann ich nicht so richtig erklären.
Das einzige Häuschen mit offener Tür, aber sicher nicht das einzige mit originalem Verrottungsstadium von siebzig Jahren, hat die skandinavische Ferienidylle dann auf interessante Art etwas variiert – mir fällt nicht das passende Wort ein. Wenn Sie ein besseres wissen, immer in die Kommentare. Das war schon auch sehr sehenswert. Hab ich ja schon erzählt. Dagegen der Durchblick, den man auf dem einen Foto durch die Scheibe von der Terrasse aus sieht, mit ordentlichen Rattan-Sesselchen um einen Tisch, ist der Zustand des bislang einzigen, kürzlich renovierten Athletenhäuschens. Es ist das Häuschen, in dem der Superstar dieser olympischen Sommerspiele, Jesse Owens untergebracht war, und vor dem sogar das Star-Spangled Banner weht, wenn ich mich recht erinnere. Was mich auch noch mächtig beeindruckt hat, waren die Naturstein-Terrassen. Was für schöne Steine. So etwas sieht man sonst in Hollywoodfilmen, in diesen Alfred Hitchcock-Villen, in denen subtil blondierte Grace Kellys mit Hochsteckfrisur und Twinset in schlimme Machenschaften verstrickt sind.
Die Häuschen fügen sich wirklich schön in die Landschaft ein, mit den Birken und Wiesen. Da darf man nicht meckern. Ganz friedlich sehen sie aus, die streichsanierten Sportlerunterkünfte von Elstal. Streichsaniert, das Wort hab ich zum ersten Mal 1999 gehört, als ich auf Wohnungssuche war. Da hat irgendein Vormieter bei einer Besichtigung in der Nähe vom damals noch etwas beliebteren Kollwitzplatz gelästert, was die hier gerade überall machen und als top saniert mit überzogenen Mieten loswerden wollen, ist doch in Wahrheit nur mal eben Löcher zugeschmiert und übergestrichen, streichsaniert! Ich hab das schon auch gemerkt. So dahingeschlunzt. Da wollte ich auch unbedingt nicht hin. Ich bin ja nicht blöd. Also die Sportlerhäuschen sind wohl auch irgendwann mal weiß übergepinselt worden, macht ja schon auch was her, so von außen. Zu Olympiazeiten waren sie nämlich hellgelb. Ich merke, ich bin ein bißchen zu müde, um etwas Gescheites zu schreiben, weil ich so abschweife. Also mir gefallen die Sportlerunterkünfte, deswegen hab ich auch so furchtbar viele Fotos von allen Seiten gemacht, die bestimmt schnell langweilig werden, wenn man nicht selber da war. Aber der Himmel war so schön blau. Und Ingmar Bergman. Und Piroschka. Und überhaupt.

http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=71649
Elstal VI Sportlerunterkünfte
24. November 2010
Zur musikalischen Untermalung der Elstal-Bilderschau im Olympia-Stadion empfehle ich die vorliegende Aufnahme des Philadelphia Orchestra unter d. Leitung v. Leopold Stokowski aus dem Jahre 37.
24. November 2010
Es erscheint mir nur angemessen, der einzigen Bewohnerin des Olympischen Dorfes in Elstal, die ich persönlich kennenlernen durfte, eine eigene Bildstrecke zu widmen. Ich vermute, dass ihre Familie auch irgendwo dort lebt, aber sie selbst scheint ein sehr eigenständiges, unabhängiges Leben zu führen. Hildegard Knef sang einst „Ein Zufall, sagten wir mal, ein Zufall hat uns zusammengeführt. Das Schicksal, sagen wir heut, (…) hat uns leider/wieder (?) getrennt.“ Ich fand es schon bemerkenswert, dieses Aufeinandertreffen von zwei verwandten Seelen, die sich zur exakt selben Minute an exakt derselben Stelle einen möglichst einsamen Platz an der Sonne suchten. Ihr Name ist Pyrrhocoris Apterus. Ich wusste das aber nicht von ihr persönlich, sondern weil ich später zuhause nach ihr gegoogelt habe. Sie ist ziemlich bekannt und wird auch ganz schön oft fotografiert. Im deutschsprachigen Raum hat sie keinen so guten Ruf, zumindest wenn man an den Namen denkt, den man ihr hier in Deutschland verpasst hat, und mit dem sie ständig aufgezogen wird und nun zu leben hat. Ich wollte ihr die Ehre erweisen, weil ich sie besonders schön und anmutig finde und weil ich es so gut verstehen konnte, dass sie sich eine kleine windgeschützte Kuhle in der Steinbank ausgesucht hatte, für ihr Sonnenbad. Ich überlegte dauernd, ob sie vielleicht afrikanische Vorfahren haben könnte, weil mich ihre Kriegsbemalung an wilde Zulumasken erinnerte. Aber wie kam sie oder ihre Familie nach Europa, nach Elstal? Ist sie den ganzen Weg von Südafrika zu Fuß gelaufen? Oder per Autostopp? Und wie lange mag sie unterwegs gewesen sein? Vielleicht war sie ja auch nur zum Ausflug in Elstal, weil sie darüber im Internet gelesen hat und lebt in Wirklichkeit im fernen Pretoria oder sogar in Berlin. Womöglich gar bei mir um die Ecke, und hat nur ein bißchen Rast gemacht, genau wie ich, bevor sie zur großen Rückreise aufbrechen musste. Wir hatten beide keine richtige Lust zu reden, aber das war ganz in Ordnung, denn wir verstanden uns auch ohne Worte. Liebe Pyrrie, ich hoffe, es geht dir gut und du bist wohlbehalten zuhause angekommen, wo immer das auch ist.

http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=71649
Elstal VIII Pyrrhocoris apterus
23. November 2010

„Den stilistischen Ideen des Bauhauses verpflichtet zeigte sich das Speisehaus der Nationen mit seinen 38 für die verschiedenen Nationen bestimmten Speisesälen und Küchen. Die Modernität des Zweckbaus wurde durch die Einsenkung in das ansteigende Gelände — ein Verfahren, das March schon beim Olympiastadion angewandt hatte — in seiner Wucht gemildert und der umgebenden Landschaft harmonischer eingefügt.“
Ein großes Auge aus der Luft. Haus Berlin hieß es ja eigentlich, das Speisehaus der Nationen. Kommt man dem unteren Wimpernbogen näher, eine weich geschwungene, rundumlaufende Veranda. Man wundert sich gleich, dass es keine Tische und Stühle gibt, kein Draußen-nur-Kännchen-Angebot, kein Kuchenbuffet, das man schon durch die offene Glastür glitzern sieht. Käsekuchen und Schwarzwälder Kirschtorte auf Papierspitzendeckchen, silberne Tortenheber. Was für ein schönes Café wäre das. Immer wieder sieht man statt Fensterscheiben Holzbretter. Samtig brauner Bretterverhau. Besonders im Innenhof, im Inneren des Auges. Da scheinen besonders viele Scheiben zu Bruch gegangen zu sein. Wahrscheinlich die billigste Variante, das Innere des denkmalgeschützten Prachtenwurfs vor Wind und Wetter zu schützen. Vor Einbruch, vor Verwüstung. Einst weiß verputzte Steinbänke. Ich lese die riesigen Banner mit den Leitsätzen (und meinem Lieblings-Leitsatz Nr. 6: „Du bist jung, schaffe dir schöne Erinnerungen!“), mit der Speisekarte, mit dem Lebensmittelverbrauch. So alt ist Ovomaltine schon. Ich dachte, das wäre ein Pulvergetränk aus den Siebzigern. Mein Bruder mochte das gerne. Ich nicht. Mir war es zu malzig und zuckrig. Ich mochte lieber Kaba und Nesquik. Und amerikanische Cerealien haben sie auch schon zum Frühstück gegessen, die Sportler. Bei Cerealien dachte ich wiederum lange Zeit, das Wort wäre eine dieser neueren Erfindungen der Werbeindustrie, um irgendwelchen neu zusammengeschusterten Lebensmitteln den Anstrich von wissenschaftlich geprüfter Qualität zu geben. Zu meiner Zeit hat man jedenfalls nicht von Cerealien geredet. Da gab es Kellog’s Corn Flakes und Haferflocken und irgendwann später Fertig-Müsli. Bums, fertig. Und Joghurt ohne Drehwurm und probiotisches Gedöns. Aber ich schweife ab. Wenn ich die Bilder sehe, erkenne ich deutlich, dass ich dann irgendwann zu faul war, die Strecke auszumisten. Diese endlosen Wiederholungen dieses Speiseplan-Banners und der Bogen des Dachs vom Innenhof. Da hätten auch zwei Bilder gereicht. Na ja. Aber nun ist es drin. Hat auch was Hypnotisches mitunter. Nutzen Sie einfach die Gelegenheit zu einer morgendlichen Meditation über die schier unendlichen Möglichkeiten, das Licht in einer gewissen Ecke einer Steinbank einzufangen. Lange saß ich da. Schloss die Augen, blinzelte in die Nachmittagssonne. Noch war es warm. Ich zog meinen Ledermantel aus. Ich dachte, ein guter Platz für eine Rast, um meinen Proviant hervorzuholen. Und während ich im Speisehaus der Nationen aß, in aller Ruhe meine hartgekochten Eier und Äpfel und so weiter verdrückte, ließ ich den Blick schweifen. stellte ich mir vor, wie es damals war. Als die Fenster noch Scheiben hatten, alles neu war, modern und voller Leben. Das babylonische Sprachgewirr, das Klappern des Geschirrs und der Bestecke.

Diese aufgestellten alten Fotos im Innenhof rührten irgendetwas bei mir an. Ich weiß nicht, was es ist. Ich kriege so eine ganz leichte Gänsehaut, wenn ich die bunten Gesichter der vielen Völker sehe, so guter Dinge an gut gedeckten Tischen, mit dem Geist von Völkerverständigung im Herzen. Ganz naiv, ganz friedlich. In guter Absicht. Es hätte alles so friedlich bleiben können. Da war auch die Begegnung mit jenem Fotografen, die ich erwähnte. Und mit der vorbeiwandernden Gruppe, die aber erst nach einer guten halben Stunde kam. So lange saß ich da in der Sonne und schaute, was sie da trieb, auf den alten Wänden, dem alten Putz.
http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=71649
Elstal VII Speisehaus der Nationen
22. November 2010

Ach ja. Die Unterkünfte der Athleten. Nicht innen. Also nicht Athletinnen. Der Brandenburger Hobby-Historiker Hans-Ulrich Rhinow aus Falkensee schreibt dazu auf seiner Internet-Seite:
„Mit einer Ausnahme (Hindenburghaus), trugen alle Gebäude Namen deutscher Städte in einer Anordnung innerhalb des Dorfes, die etwa der geographischen Lage der jeweiligen Stadt in Deutschlands Grenzen entsprach. Die Unterkünfte der männlichen Sportler hier in Elstal waren heutigen Erwartungen gegenüber spartanisch einfach. Rechts und links des Mittelganges lagen die einzelnen Doppelzimmer, schlicht mit zwei Betten und zwei Nachttischen und einem Schrank möbliert. An den Wänden waren die von den Städten gestifteten rd. 4000 Bilder als einziger Schmuck angebracht. Die Sportler durften je ein Bild zu ihrer Erinnerung an die Spiele mitnehmen. Jedes Haus besaß eine zentrale Toilette, eine Duscheinrichtung, eine kleine Küche und einen Abstellraum für Koffer und Geräte. In jedem Haus stand für die Betreuung der rd. 30 Sportler ein deutscher junger Offizier zur Verfügung, der während der Spiele dort auch in einem eigenen Raum untergebracht war. Im Bereich des Olympischen Dorfes gab es auch ein Ärztehaus und ein Krankenhaus. Übrigens waren die Athletinnen separat in Berliner Unterkunftsräumen einquartiert.“
Erlauben Sie mir hier etwas zu ergänzen, lieber Herr Rhinow. Auf einer Schautafel habe ich gelesen, es gab in jeder Sportlerunterkunft sogar ein eigenes Münztelephon! Wie aufregend, für das Fräulein vom Amt! Die vielen Ferngespräche nach Übersee! Aber dafür wissen Sie noch viel mehr andere tolle Sachen mehr als ich. Wie die Sache mit den ersten Fernsehdirektübertragen ins Hindenburghaus funktionierte, zum Beispiel. (…) „Dazu zählten neben einem Theatersaal auch ein Fernsehraum, in dem die sportlichen Ereignisse aus dem Stadion zeitversetzt um 2 Minuten mit früher moderner Technik dargeboten wurden. Es dauerte nämlich 2 Minuten, bis die Filme im Schnellverfahren entwickelt waren und in den Projektor hineinliefen.“(…)
Wo anders liest man zum Verbleib der weiblichen Teilnehmerinnen noch konkreter, dass die Athletinnen in Hotels in der Nähe vom Olympiastadion untergebracht waren. Wie auch immer. Ich hatte eigentlich inzwischen mehr oder weniger vergessen, dass die idyllische Ansiedlung irgendetwas mit Sport und Olympia zu tun hatte. Die Luft war so klar und der Himmel so weit und die Häuschen der Sportler kamen mir vor wie kleine Ferienhäuschen. Ich dachte an alle möglichen Ingmar Bergman-Filme in abgeschiedenen skandinavischen Landschaften und „Ich denke oft an Piroschka“, diesen alten Schinken mit Lilo Pulver, den ich als Kind immer wieder gerne mit meinem Opa geschaut habe. Praktisch jedes Jahr. Wegen Lilo und den Gänsen und der Zigeunermusik, nicht wegen dem dünnen blassen jungen Mann (Eisenmangel!), der mich gar nicht interessiert hat. In Ostp Litauen war auch manchmal so eine Piroschka-Stimmung. Das hat was mit Landschaft und Gänsen und Barfußlaufen zu tun. Kann ich nicht so richtig erklären.
Das einzige Häuschen mit offener Tür, aber sicher nicht das einzige mit originalem Verrottungsstadium von siebzig Jahren, hat die skandinavische Ferienidylle dann auf interessante Art etwas variiert – mir fällt nicht das passende Wort ein. Wenn Sie ein besseres wissen, immer in die Kommentare. Das war schon auch sehr sehenswert. Hab ich ja schon erzählt. Dagegen der Durchblick, den man auf dem einen Foto durch die Scheibe von der Terrasse aus sieht, mit ordentlichen Rattan-Sesselchen um einen Tisch, ist der Zustand des bislang einzigen, kürzlich renovierten Athletenhäuschens. Es ist das Häuschen, in dem der Superstar dieser olympischen Sommerspiele, Jesse Owens untergebracht war, und vor dem sogar das Star-Spangled Banner weht, wenn ich mich recht erinnere. Was mich auch noch mächtig beeindruckt hat, waren die Naturstein-Terrassen. Was für schöne Steine. So etwas sieht man sonst in Hollywoodfilmen, in diesen Alfred Hitchcock-Villen, in denen subtil blondierte Grace Kellys mit Hochsteckfrisur und Twinset in schlimme Machenschaften verstrickt sind.
Die Häuschen fügen sich wirklich schön in die Landschaft ein, mit den Birken und Wiesen. Da darf man nicht meckern. Ganz friedlich sehen sie aus, die streichsanierten Sportlerunterkünfte von Elstal. Streichsaniert, das Wort hab ich zum ersten Mal 1999 gehört, als ich auf Wohnungssuche war. Da hat irgendein Vormieter bei einer Besichtigung in der Nähe vom damals noch etwas beliebteren Kollwitzplatz gelästert, was die hier gerade überall machen und als top saniert mit überzogenen Mieten loswerden wollen, ist doch in Wahrheit nur mal eben Löcher zugeschmiert und übergestrichen, streichsaniert! Ich hab das schon auch gemerkt. So dahingeschlunzt. Da wollte ich auch unbedingt nicht hin. Ich bin ja nicht blöd. Also die Sportlerhäuschen sind wohl auch irgendwann mal weiß übergepinselt worden, macht ja schon auch was her, so von außen. Zu Olympiazeiten waren sie nämlich hellgelb. Ich merke, ich bin ein bißchen zu müde, um etwas Gescheites zu schreiben, weil ich so abschweife. Also mir gefallen die Sportlerunterkünfte, deswegen hab ich auch so furchtbar viele Fotos von allen Seiten gemacht, die bestimmt schnell langweilig werden, wenn man nicht selber da war. Aber der Himmel war so schön blau. Und Ingmar Bergman. Und Piroschka. Und überhaupt.

http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=71649
Elstal VI Sportlerunterkünfte
21. November 2010

http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=71649
Bastion. Komischer Name für eine Freiluftbar, wenn man sich die Bedeutung zu Gemüte führt. Aber das war schon ein gelungenes Bauwerk, mit dem runden Reetdach. Auf diesem Foto kann man es sehen, wie sie damals ausgesehen hat. Es gab nur alkoholfreie Getränke. Alkohol war im ganzen olympischen Dorf nur im Speisesaal der Franzosen und noch einer Nation (Italien schätzungsweise) erlaubt, die durften Wein zum Essen trinken, weil er als unverzichtbarer Bestandteil ihrer nationalen Alltags-Kultur galt. Komisch eigentlich, dass unsere Germanen dann keinen Gerstensaft oder wenigstens Met trinken durften. Nicht konsequent! Aber diese hochwichtige Schulbuchinformation gehört eigentlich mehr zum Speisehaus der Nationen, nicht zur Bastion. Ich darf mein Pulver nicht verschießen! Von der Bastion ist nur noch das runde Fundament ist übrig, sie wurde im Krieg zerstört. Es wird angeblich geprüft, ob man im Keller darunter Toiletten einbauen könnte, dann soll sie wieder aufgebaut werden, die alte Saft- und Milchbar. Weiß gar nicht, was es da zu prüfen gibt. Als könnte man heutzutage irgendwo keine Toiletten einbauen. Oder wieder so ein Denkmalschutzdings. Na ja. Die Sonne stand schon ein bißchen tiefer, ich hatte das Gefühl für die Zeit verloren und ganz viel noch nicht gesehen. Ich wollte doch noch zu den Unterkünften der Athleten. Und zum Speisehaus der Nationen. Und so weiter. Weil ich keine Armbanduhr und kein Mobiltelephon besitze, muss ich raten oder die Leute fragen, wie spät es ist. Aber ich bin auf einen neuen Trick gekommen. Ich mache ein Foto und schaue in die Metadaten, wann es aufgenommen worden ist. Das klappt ganz gut. Nur mit der Zeitumstellung kann man schon mal ein bißchen durcheinanderkommen. Aber da war ja noch Sommerzeit. Am 3. Oktober Anno 2010. Im Grunde halte ich mich nur so lange mit diesem kleinteiligen Bericht auf, weil ich mir des erzieherischen Auftrages bewusst bin. Ich möchte hiermit ein nachahmenswertes Beispiel geben, in welcher Weise man den Tag der deutschen Einheit angemessen und pietätvoll begehen kann. Indem man so wie ich, überragendes Geschichtsbewusstsein zeigt, ein historisches Thema mit sowohl Ost-West- als auch Gegenwartsbezug wählt und im Anschluss daheim sechs bis acht Wochen lang eine moderne, sachbezogene Dia-Schau mit entsprechendem Lehrstoff für Groß und Klein erarbeitet. Ich denke, ich bin da auf einem sehr guten Weg und kann als Vorbild gelten.

Elstal V Bastion
21. November 2010

Ich konnte nur eine Spur im Internet finden, die erwähnt, dass das russische Café auf dem Areal des olympischen Dorfes vor zwei Jahren abgerissen wurde. Das Kasino für die russischen Offiziere wurde abgetragen, um die alten Sichtachsen freizulegen, heißt es. Abtragen klingt weniger vernichtend. Schwer, anhand der einzigen Fotografie auf der Schautafel zu sagen, ob es besonders sehenswert gewesen wäre. Jetzt ist es ein schöner Platz auf einer Anhöhe. Das Fundament ist noch da. Ein bißchen ist es dort wie bei diesen antiken Ausgrabungsstätten in Griechenland oder auf Sizilien oder Zypern, wo man den Wind hören kann. Eigentlich fehlen nur ein paar Säulentrümmer, so ein paar alte große Brocken von einem Apollotempel. Und ein Amphitheater. Schade, dass es kein Amphitheater im olympischen Dorf gibt. Ich finde, man sollte eins bauen, dort unter den schönen großen Kiefern. Und Kaffee sollte es geben. Russischen Kaffee. Aus Respekt und Nostalgie.
http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=71649

Elstal IV Russisches Café
20. November 2010
Schweinegrippe Schweinepest
20. November 2010
Der Golgi-Apparat zählt zu den Organellen eukaryotischer Zellen.

: Poesie der Zellbiologie :
19. November 2010



Ich hatte zu wenig gelesen, bevor ich loszog, um sofort zu wissen, wofür diese bizarr verrottende Plattensiedlung auf dem Gelände des Olympischen Dorfes gebaut wurde. Ich ließ mich treiben und sah plötzlich verlassene Mietskasernen ohne Fensterscheiben. Man konnte bunte Kacheln erkennen und in frohen Farben gestrichene, verbleichende Wände, bröckelnde Farbschichten. Durchblicke zu den weiter entfernten Bäumen. Lichtreflexe, so kraftvoll, dass ich einen Moment bedauerte, alleine da zu sein. Ich hätte gerne jemanden an die Wand gestellt und abgeschossen. Man wäre einfach durch die Fenster eingestiegen und hätte das letzte Sommerlicht auf einem Gesicht eingefangen, einer maigrünen oder blauen Wand. Tiefes Blau mit Weiß wie auf Postkarten aus Santorin. Griechenland spielen oder Portugal. Und Zitronengelb, verwaschen vom Regen. Himmel arizonablau. Ich lese später, dass es Unterkünfte für die Offiziere der russischen Armee und deren Angehörige waren. Man hat gar nicht so viel Gelegenheit, Verfall an unspektakulären Bauten zu studieren, weil sie meistens abgerissen werden, bevor sich diese wunderlichen Dinge einstellen. Wenn ich es recht erinnere, zogen die sowjetischen Truppen 1993 ab. Siebzehn Jahre. In dieser Stunde war das Licht am schönsten.
http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=71649

Elstal III Russische Armeeunterkünfte
19. November 2010
Bei kid37 lese ich gerade, dass Patti für „Just Kids“ den National Book Award bekommen hat. Wie schön. Dieses Buch hat mich sehr bewegt. Aus vielen Gründen.
19. November 2010
„Liebe US-Regierung, natürlich sieht das Scheiße aus, was Ihr im Irak macht. Sähe es gut aus, hieße es ja auch „iRaq“ und wäre von Apple.“
VanLynden
Quelle: Vorspeisenplatte
P.S. auch nett
19. November 2010



Habe ich gesagt, es gibt kein Pathos dort, nur Patina? Natürlich gab es Pathos dort. Denn ich war ja da. Wenn der Wille zum Pathos triumphiert kleine Anspielung, wird selbst ein Schuhkarton zur Kathedrale. Ich musste vorhin beim Durchgucken dieser Strecke doch denken, was soll der Leser denken, von dieser egomanischen Aneinanderreihung von Bildern meines Kopfes, meines Zustandes, meiner Sonnenbrille. Ich studiere das mich selbst übrigens sehr neugierig. Als wäre ich eine außenstehende Person. Ich bin jedesmal gespannt, auf diese für mich immer noch nicht mysterienlose, sich dauernd verändernde Person, die ich selbst bin. So ähnlich, wie man früher auf das Abholen des fertig entwickelten Analog-Filmes gewartet hat, warte ich auf den neuesten Eindruck meines Zustandes. Vielleicht erfahre ich dadurch etwas über mich, was mir noch nicht klar war. Oder ich erkenne, an welchem Punkt dieses Prozesses ich bin. Welche Spuren Erkenntnis hinterlassen haben könnte. Das ist ganz spannend. Ich finde so eine gewisse Delon-mäßige Härte, Entschlossenheit. Die sofort gebrochen wird, wenn ich die Sonnenbrille abnehme. Dann sehe ich, wie weich ich eigentlich bin. Und dass man es an den Augen sieht. Manchmal spüre ich Überraschung in den Gesichtern, wenn ich die Brille abnehme. Den Unterschied kann man studieren, wenn ich die S-Bahn betrete oder aus der Kälte in einen geschlossenen Raum komme. Dann nehme ich die Brille ab, die meine Augen vor dem Wind schützt. Und dann spüre ich überraschtes Lächeln. Bilde ich mir ein. Weil sich die eiscoole Lady im Befehlshabermantel in einen mutmaßlich beseelten Menschen verwandelt. Aber ich wollte ja was über das Hindenburghaus schreiben, diese alte pathetische Hütte. Ach was, man kann es ja überall nachlesen. Es war der zentrale Gemeinschaftstreffpunkt für die Athleten. Es gab Film- und Theateraufführungen, Konzerte und sogar die ersten Direktübertragungen des damals noch experimentellen Fernsehens, die „die ‚Abteilung ‚Freude‘ des Olympischen Dorfes unter der Leitung der NS-Kulturgemeinde organisierte.“ Später kamen die Russen und kritzelten irgendwas an die Wände, innen, wo ich nicht war. Aber ich übertrat tollkühn die Absperrung und begab mich in den verfallenden Bereich der Rückseite des Gebäudes. Eine Ruine, ein Bretterverhau, dies und das. Märchenlicht, ganz verwunschen. War schön da.

http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=71649
Elstal II Hindenburghaus
18. November 2010

Wie war das noch, warum wollte ich da eigentlich hin? Mal überlegen. Ich habe ungefähr 1972 das letzte Mal Olympia geguckt. Ich bin in keinem Sportverein und auch keine Neonazisse. Obwohl ich mir Kraft meiner Wassersuppe erlaube, Lenis lichtbildnerisches Werk sehr zu schätzen. Das eine hat übrigens mit dem anderen nichts zu tun. Ich mag Pathos und Patina. Darauf war ich neugierig. Pathos war kaum zu finden, im olympischen Dorf von 1936 im brandenburgischen Elstal, aber Patina und dieses geheimnisvolle Gefühl vom Stillstehen der Zeit. Man findet das an Orten, an denen die Menschenhand lange nicht mehr oder kaum eingegriffen hat. In Naturreservaten, Naturschutzgebieten. Dann entfaltet sich ungehemmt die elektrische Aura der kleinsten Erdbewohner. Der Tanz der zurückgekehrten Mikroben. Die einst vom Menschen zurechtgestutzte, geformte Materie verbindet sich wieder mit den wilden Organismen und bekommt jenen atmenden, unerschrockenen Rhythmus zurück, den sie im Urzustand hatte. Ich liebe das. Die harten Kanten werden wieder weich. Die glatten Flächen porös und bewohnbar für die kleinsten Wesen. Wände, die zu leben scheinen, die vielen Abstufungen von Ocker an einer zuletzt irgendwann in der Mitte des letzten Jahrhunderts verputzten Fassade. Wenn alles instand gesetzt wäre, dort in Elstal, wäre es nur halb so schön. Aber ich will mir noch ein bißchen Text aufheben für die anderen neun Bildstrecken, die mir dort widerfahren sind. Nun fühlt es sich an, als sei ich nicht fünf Stunden, sondern fünf Wochen dort gewesen, in diesem verschlafenen kleinen Dorf in Brandenburg, das ich eigentlich ja immer noch nicht kenne.

Ich kam am Bahnhof an, es war ein Sonntag und ich nahm zur Kenntnis, dass der einzige Bus sonntags nie fährt. Auf einen kleinen Zettel kritzelte ich grob den Weg, noch zuhause. Dann war es recht einfach, immer diese lange Autostraße entlang, vorbei an einer struppigen Talsenke den Weg zu finden. Es gab ein, zwei Schilder. Windig war es. Und sonnig. Vor dem Eingang des olympischen Dorfes, gegenüber einer Wohnsiedlung war ein Platz mit der Bushaltestelle und ein paar Bänken und einer Till Eulenspiegel-Figur. Was mich freute, weil Till ein wilder Vogel war, ein kleiner Anarchist. Der Spiegel in seiner Hand hatte sogar eine richtige Spiegelfläche. Ein bißchen märchenhaft. Wenn ich es recht erinnere, zahlte ich einen Euro Eintritt. Oder waren es zwei? Es war jedenfalls so wenig, dass man schon deshalb das Gefühl haben konnte, ganz weit weg zu sein. Wie man manchmal über sehr niedrige Preise in anderen Ländern gerührt ist, weil man von zuhause anderes gewohnt ist. Den Eintritt entrichtete man an irgendeiner Bretterbude in der Nähe des Eingangs. Ich fragte nach einem Lageplan, irgendeinem Faltblättchen vielleicht? Das war gerade alles vergriffen. Vielleicht noch fünf andere Leute, eine Familie, war auch im Begriff ins olympische Dorf zu wandern. Sonst weit und breit kein Mensch. Großartig. Das erste was auffällt, sind die durch dicke Taue abgesperrten Wiesenflächen mit den Schildern „historische Fläche, bitte nich…“. Man schaut auf die Wiese und denkt so „aha, historisch!“. Aber weiter ist da nichts.

is jut, is jut Mann.
Und dann plötzlich diese kaum sichtbare Ruine, mit Planen verkleidet und einem rundumlaufenden, mannshohen riesigen Banner mit historischen Schwarzweiß-Fotografien. Es ist die verfallene Schwimmhalle, die wiederhergestellt wird. Die alten Fotos haben mich sehr fasziniert. Wieviel Leben, Lebensfreude in diesen wenigen Wochen dort einzog. Die Athleten schienen ziemlich viel Spaß zu haben. Ich machte ein paar Fotos mit mir und vor allem Jesse Owens und ging weiter, der Sonne entlang. Hier war also der Waldsee, wie ich auf dem Schild lese. Mit einer finnischen Sauna. Eine weite, offene Talsenke in der Landschaft, die auch in Schweden sein könnte. Wälder ringsum. Der See ist wieder verlandet, er wurde nur zum Komfort der Athleten mit Wasser gefüllt. Ich stelle mir vor, wie sich die Sportler aus aller Herren Länder dort vergnügten und den Eindruck haben mussten, dass sich das Gastgeberland wirklich Mühe gegeben hatte, den Gästen möglichst viele Annehmlichkeiten zu bieten. Das hat mich schon beeindruckt. Und hinter der Biege des nächsten Birkenwäldchens konnte ich ein großes Gebäude erahnen.
http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=71649

Elstal I Arrival
17. November 2010
46 03.10.2010 Elstal I Arrival (erl.)
122 03.10.2010 Elstal II Hindenburghaus (erl.)
100 03.10.2010 Elstal III Russische Armeeunterkünfte (erl.)
22 03.10.2010 Elstal IV Russisches Café (erl.)
22 03.10.2010 Elstal V Bastion (erl.)
112 03.10.2010 Elstal VI Sportlerunterkünfte (erl.)
226 03.10.2010 Elstal VII Speisehaus der Nationen (erl.)
22 03.10.2010 Elstal VIII Pyrrhocoris apterus (erl.)
88 03.10.2010 Elstal IX Sporthalle (erl.)
28 03.10.2010 Elstal X Departure (erl.)
4 07.10.2010 Brel (erl.)
22 08.10.2010 Werner Herzog (erl.)
46 08.10.2010 Olaf Heine (erl.)
28 09.10.2010 Berlin (erl.)
4 10.10.2010 Gaga vor Eva (erl.)
58 10.10.2010 Eva-Maria Hagen (erl.)
10 13.10.2010 Atelier (erl.)
10 16.10.2010 Gipsdreieck (erl.)
16 17.10.2010 Kuri Kabocha (erl.)
52 28.10.2010 Hacke Picciotto (erl.)
10 15.11.2010 Bastard (erl.)
=======================================
1.042 [Summe] incl. 19,96 % Vergnügungssteuer*
*) 208 neuwertige Gaga-Nielsen-Abbildungen
17. November 2010
Geh raus nach deinem Haus.
Ja, das gut Jackie.
(über Herrn Scheer)
17. November 2010
Geh raus nach deinem Haus.
Ja, das gut Jackie.
(über Herrn Scheer)
12. November 2010

Soll ich was Neues schreiben? Schnell noch einen Eintrag machen? Na gut. aber nur ganz kurz. Ich bin fertig und dachte über den Begriff fertig nach.
Wenn ich jetzt zum Beispiel nur bloggen würde: „Ich bin fertig.“ Da gäbe es allerhand Interpretationsspielraum. Was meint sie denn nun? Finished – ready – exhausted? Von allem ein bißchen. Aber am wenigsten das Letztere. Finished meine ich. Wollen wir mal nicht so hoch hängen. Ich hatte eben viel zu tun und bin gerade damit fertig geworden. Mit einer Etappe meines sagenhaften Lebenswerkes. Bald wieder Mitternacht. Überlege, ob ich morgen Vormittag ins Delphi zu Thomes Teampremiere seines neuen Films gehe. Ich lese in den letzten Wochen wieder ab und zu in seinem Blog, das mir eigentlich mehr zusagt, als sein Filmschaffen. Wahrscheinlich der einzige Filmemacher, der von der Idee bis zum Drehbuch, über die Dreharbeiten, bis zum Schnitt und die Premiere das Entstehen eines jeden seiner Filme akribisch online dokumentiert. Parallel schreibt er ein halb privates Tagebuch im Netz, das er jüngst mit der Überschrift Blog ergänzt hat. Für einen Siebzigjährigen hält er sich höchst respektabel auf dem Laufenden. Ich habe sein Online-Schaffen vor ein paar Jahren entdeckt und neugierig verfolgt, dann lange gar nicht gelesen. Jetzt gucke ich wieder ab und zu. Hanns Zischler hat auch wieder mitgespielt. Keine Ahnung, ob der da ist. Aber um ehrlich zu sein, habe ich Probleme mit den mich mit einer gewissen Regelmäßigkeit befremdenden Dialogen in seinen (also Thomes) Filmen. Müsste ich außerdem ziemlich früh aufstehen. Ist ja in Charlottenburg. Um 11 vormittags im Delphi. Falls jemand Lust hat. Einfach hingehen. Da passen 700 Leute rein. Danach gibt’s Prosecco. Ich trinke ja nicht so gerne, wenn es noch hell ist. Vielleicht geht Jan ja hin, hab ihm vorhin noch eine Mail geschickt. Ach was soll ich da. Ist doch Quatsch.
10. November 2010

Eine meiner anstrengendsten Eigenschaften ist, dass ich bei Menschen, die mir nahe stehen, und denen ich Bewusstsein unterstelle, jedes Wort und jede Handlung auf die Goldwaage lege. Unerbittlich. Nur bei Tipp- und Kommafehlern und von Geburts wegen mangelnder Begabung bin ich großzügig. Allerdings ist die Bedingung, mir überhaupt über einen längeren Zeitraum nahe stehen zu dürfen, mein wiederholter Eindruck von selten hochgradiger Eloquenz, gepaart mit überdurchschnittlichen Wahrnehmungsfähigkeiten. Wer die Aufnahmeprüfung geschafft hat, ist quasi fortan im Prüfungsstress. Es sei denn, und das ist der Idealfall, jemand wäre, in mir vergleichbar virtuoser Weise, gestreng mit sich selbst, dann ist alles ganz entspannt. Ja geradezu ein Osterspaziergang – um nicht zu sagen ein Vergnügen. Da trennt sich die Spreu vom Weizen. Das ist eigentlich eher der Haken. Ich bin schnell verärgert, wenn jemand unter seinen Möglichkeiten, unter seinem eigenen, von Geburts, Talent oder Intelligenz wegen möglichen, Niveau agiert. Schlampig formulierte Inhalte, unangemessene Adjektive, leichtfertige Handlungen. Halbe Sachen. Laue Aussagen. Indifferente, beliebige Phrasen. Viel Gerede, keine Handlung. Handlungsinkonsequenz. Das macht mich fuchsteufelswild. Ich verstehe es einfach nicht und es langweilt mich. Wenn man gelegentlich schwerst betrunken oder bekifft ist, ist man natürlich vorübergehend entschuldigt. Oder wenn man krank ist. Aber wenn man gesund und nüchtern ist und alle Sinne beisammen hat, niemals. Das ist Schlamperei. Insofern ist für mich ein dauerhafter Kontakt zu Alkoholikern und anderen regelmäßigen Drogen-Usern sowie sonstigen zu Abstürzen neigenden Psychotikern nicht von Interesse (seltene, genialisch hochbegabte Ausnahmen – die mir bislang nicht bekannt sind – ausgenommen). Ich bin wahrscheinlich insgesamt intolerant, wenn es um gestreute Aufmerksamkeit geht. Zerstreute, zerfaserte Aufmerksamkeit. Das hat gleichermaßen mit Respekt vor dem Gegenüber oder für eine Aufgabe und Qualitätsanspruch zu tun. Konzentration und Fokussierung der Energie auf eine Sache, ermöglicht ein vorzügliches Ergebnis, anstatt eines mittelmäßigen Resultats. Egal, worum es geht. Zerstreuung bedeutet, hier ein bißchen Kraft und Einsatz und dort ein bißchen. Überall so ein bißchen. Aber nichts so hundertprozentig. Das widerstrebt völlig meinem eigenen Charakter. Befremdet mich zutiefst. Können andere gerne praktizieren, aber bitte ohne mich jemals einzubeziehen. Hingabe ist mit Unkonzentriertheit unvereinbar. Ich meine nicht intellektuelle Konzentration, sondern kanalisierten, konzentrierten Fluss der jeweils dominant geforderten Energie. Schlaf, Liebe, Wut, Andacht, Albernsein, Mut. Und dann wird alles gut.
10. November 2010

Eine meiner anstrengendsten Eigenschaften ist, dass ich bei Menschen, die mir nahe stehen, und denen ich Bewusstsein unterstelle, jedes Wort und jede Handlung auf die Goldwaage lege. Unerbittlich. Nur bei Tipp- und Kommafehlern und von Geburts wegen mangelnder Begabung bin ich großzügig. Allerdings ist die Bedingung, mir überhaupt über einen längeren Zeitraum nahe stehen zu dürfen, mein wiederholter Eindruck von selten hochgradiger Eloquenz, gepaart mit überdurchschnittlichen Wahrnehmungsfähigkeiten. Wer die Aufnahmeprüfung geschafft hat, ist quasi fortan im Prüfungsstress. Es sei denn, und das ist der Idealfall, jemand wäre, in mir vergleichbar virtuoser Weise, gestreng mit sich selbst, dann ist alles ganz entspannt. Ja geradezu ein Osterspaziergang – um nicht zu sagen ein Vergnügen. Da trennt sich die Spreu vom Weizen. Das ist eigentlich eher der Haken. Ich bin schnell verärgert, wenn jemand unter seinen Möglichkeiten, unter seinem eigenen, von Geburts, Talent oder Intelligenz wegen möglichen, Niveau agiert. Schlampig formulierte Inhalte, unangemessene Adjektive, leichtfertige Handlungen. Halbe Sachen. Laue Aussagen. Indifferente, beliebige Phrasen. Viel Gerede, keine Handlung. Handlungsinkonsequenz. Das macht mich fuchsteufelswild. Ich verstehe es einfach nicht und es langweilt mich. Wenn man gelegentlich schwerst betrunken oder bekifft ist, ist man natürlich vorübergehend entschuldigt. Oder wenn man krank ist. Aber wenn man gesund und nüchtern ist und alle Sinne beisammen hat, niemals. Das ist Schlamperei. Insofern ist für mich ein dauerhafter Kontakt zu Alkoholikern und anderen regelmäßigen Drogen-Usern sowie sonstigen zu Abstürzen neigenden Psychotikern nicht von Interesse (seltene, genialisch hochbegabte Ausnahmen – die mir bislang nicht bekannt sind – ausgenommen). Ich bin wahrscheinlich insgesamt intolerant, wenn es um gestreute Aufmerksamkeit geht. Zerstreute, zerfaserte Aufmerksamkeit. Das hat gleichermaßen mit Respekt vor dem Gegenüber oder für eine Aufgabe und Qualitätsanspruch zu tun. Konzentration und Fokussierung der Energie auf eine Sache, ermöglicht ein vorzügliches Ergebnis, anstatt eines mittelmäßigen Resultats. Egal, worum es geht. Zerstreuung bedeutet, hier ein bißchen Kraft und Einsatz und dort ein bißchen. Überall so ein bißchen. Aber nichts so hundertprozentig. Das widerstrebt völlig meinem eigenen Charakter. Befremdet mich zutiefst. Können andere gerne praktizieren, aber bitte ohne mich jemals einzubeziehen. Hingabe ist mit Unkonzentriertheit unvereinbar. Ich meine nicht intellektuelle Konzentration, sondern kanalisierten, konzentrierten Fluss der jeweils dominant geforderten Energie. Schlaf, Liebe, Wut, Andacht, Albernsein, Mut. Und dann wird alles gut.
10. November 2010
Es ist spät. Wenn im eigenen Blog schon die Buchstaben verschwimmen und man als Überschrift des letzten eigenhändig verfassten Kommentars Königsberichterstattung (statt Kriegs-) liest, und das auch nicht weiter komisch findet. Dann ist es spät. Bis morgen.
10. November 2010
Es ist spät. Wenn im eigenen Blog schon die Buchstaben verschwimmen und man als Überschrift des letzten eigenhändig verfassten Kommentars Königsberichterstattung (statt Kriegs-) liest, und das auch nicht weiter komisch findet. Dann ist es spät. Bis morgen.
09. November 2010
Post aus Konstantinopel. Eine alte Postkarte von 1925. Wie selten man noch Postkarten erhält. Und Briefe. Ich habe mich daran gewöhnt, kaum noch etwas zu schreiben, was man in seiner Vertraulichkeit als Brief bezeichnen könnte. Nicht nur nicht auf Papier. Wieviele Briefe ich früher schrieb. Später Mails. Das ist alles vorbei. Es wurde irgendwann, vor zehn Jahren zu einer besonderen, sehr persönlichen Form des Austausches für mich, mit einem auserwählten Menschen. In ähnlicher Intensität und noch größerer Dichte erlebte ich es später noch einmal. Für mich bedeutete das jeweils einen großen Vertrauensbeweis. Mich in Worten anzuvertrauen. Unbegrenzt und unzensiert. Und das Gefühl zu haben, dass das was ich mitzuteilen habe, egal wie banal, egal wie abgründig, egal wie sentimental, willkommen sei, war ein sehr schönes. Ein sehr schönes Gefühl. Ich habe mich daran gewöhnt, dass sich alles verändert hat. Und es gibt keine einfache Geste, um den verlorenen Faden aufzuheben. Der Faden ist zerrissen. Schmerzhaft. Es fehlt ein Stück dazwischen. Und ich kann das Ende meines Fadens nicht mehr wiederfinden. Weil ich aufgehört habe, auf den Boden zu starren, an dem ich das Ende verlor.

Mein Postfach. Es macht mir Angst. Ich habe Angst vor dem Posteingang. Deshalb habe ich mich seit gestern, irgendwann um zweiundzwanzig Uhr nicht mehr eingeloggt. Weil man sich unhöflich und gemein vorkommt, wenn man nicht antwortet, sollte man Post haben. Deswegen. Ich fürchte mich davor, dass mich ein vertrauter Ton erinnert. Ich fürchte mich vor der Wärme einer vertrauten Redewendung. Vor dem Pingpong. Vor dem, an das ich mich gerade gewöhnt habe, dass es nicht mehr existiert. Und was ich nun versuche, aus der Ferne zu begreifen. Die Nächte, die ich darüber schlafe, helfen mir. Jeden Tag ein paar Millimeter. Weiter, ferner. Weniger schmerzhaft. Ich schreibe das aus Höflichkeit. Weil mir vielleicht jemand geschrieben hat. Und ich nicht mehr antwortete. Alle meine Antworten sind hier. Hier kann ich furchtloser schreiben. Ich muss keine Angst haben, dass meine Sentimentalität geohrfeigt wird. Bei filigranen Offenbarungen kann ich einfach die Kommentarfunktion abstellen. Es hilft mir, mich über dieses Blog zu artikulieren. Ich will es gar nicht persönlicher. Keine mitfühlenden Mails, die ich aufmerksam beantworten müsste. Wahrscheinlich kann ich gerade mit keiner Form von gut gemeintem, in Worten artikuliertem Mitgefühl umgehen. Es ist auch kein schönes Gefühl, einen Bogen um das eigene Postfach zu machen. Weil keine Karte aus Konstantinopel drin sein wird. Etwas Banaleres vielleicht. Davor fürchte ich mich sehr. Und vor dem Gegenteil ebenso. Für mich zählen nur nur noch Weltwunder. Neue Horizonte. Was ich erlebte, soll sich nicht wiederholen. Das Schöne habe ich bewahrt. Ganz tief im Herzen. Und alles andere will ich vergessen. Ich will die Novembersonne spüren. Ich hab den November immer geliebt. Mein dunkler Frühlingsmonat. Zeig mir deine Sonne. Dieselbe, die immer wiederkehrt. Ewig neu. Ewig neu und jung.

Heute morgen in der S-Bahn dachte ich plötzlich unvermittelt an ein fürchterliches Interview, das Lou Reed dem Magazin Galore gab. Das unsympathischste, bizarrste Gespräch, das wohl je von einem Journalisten mit einem respektablen Rockstar geführt wurde. Lou Reed, den ich als Musiker, Singer Songwriter seit rund dreißig Jahren sehr schätze, gab seiner Antipathie dem Fragesteller gegenüber freien Lauf. Das ist zum Teil auf kuriose Art witzig aber auch von erschreckender Arroganz. Lachen musste ich, als ich las, wie er eindringlich bohrend nachhakte, auf welcher Anlage von welchem Hersteller der Frager Reeds neueste Platte gehört hatte, um zu beurteilen, ob er, der das Interview führende Journalist, die Qualität seines Meisterwerkes überhaupt adäquat einschätzen könnte. Eine anspruchsvolle Haltung, warum aber auch nicht. Ich klappte das oberlehrerhafte, lustlose Interview dann, vor sechs Wochen irgendwann, leicht befremdet zu. Wenig später las ich irgendwo im Internet, dass Lou Reed seine langjährige Gefährtin Laurie Anderson nach ewigen gemeinsamen Zeiten vor zwei Jahren geheiratet hat. Ich sah Fotos, die beide zeigten, als Paar. Das rührte mich wieder und ich vergab Lou Reed das doofe Interview. Und aus irgendeinem Grund ging mir heute morgen durch meinen lädierten Kopf (weinen + Wein das lass sein), dass die beiden ja schon über Sechzig waren, als sie heirateten. Alte Leute. Rentenalter. Und dass sie gar nicht wie Rentner ausschauen, auf den schönen Bildern. Das hat mich irgendwie gerührt. Vielleicht hat das nichts mit dem zu tun, was da oben steht. Aber eigentlich hat alles miteinander zu tun.
09. November 2010

Stärke. Scheu. Und Angst vor innerer Rührung. Und Erinnerung. Erinnert werden. Wächst meine Kraft trotz oder wegen des Alleinseins? Oder unabhängig davon? Man übernimmt vielleicht mehr Verantwortung für die Stunden, die dann gut gewesen sein sollen. Wenn man sich an sie zurück erinnert. Dereinst. Obwohl… ich glaube, ich übernehme immer ein Gefühl der Verantwortung. Das habe ich immer versucht. Die Zeit, egal ob allein oder zu zweit, nicht unaufmerksam verstreichen zu lassen. Im Gegenteil. Gerade weil ich so sehr darauf bedacht war, den Augenblick auszukosten, und das meine ich wörtlich, ganz bildlich, verblieb ich freien Willens an Orten, Plätzen, Stunden, die mir ohne mein Gegenüber nichts bedeutet hätten. Rein gar nichts. Bis auf drei Ausnahmen vielleicht. Ein lange geliebter Ort, den ich auch oft alleine aufsuchte. Ein neuer, versteckter Ort, den ich kurz davor alleine kennenlernte. Ein alter geliebter Ort, der mir neu war, den ich liebte, wiedererkannte. Es gab ein Bild davon, das ich im Herzen bewahrte, bis ich dort sein würde. Und ich fand ihn. Für kurze Zeit.
08. November 2010
08. November 2010

Und jetzt weiter. Nicht im Text. Bild. Den Bildern. Als ob ich einen Berg abtrage. Bergbau. Die Arbeit dürfte körperlicher sein. Mehr wie Bergbau. Immer wenn sich die Gelegenheit bietet, körperlich zu arbeiten, rufe ich „hier!“ und „ich ich ich!“. Das versteht kaum einer. Ich empfinde Befriedigung, wenn ich schwergewichtige Gegenstände bewege. Nicht, wenn es immer so wäre, aber so selten wie es sich ergibt, immer. Dieses beinah regungslose Verharren und auf einen Monitor starren, wenn auch dynamisch, entscheidend, agierend, beschneidend, formatierend. In den letzten vier Wochen zunehmend wie in einer selbst gewählten Klosterzelle. Begeisterung am Morgen, wachsende Eintönigkeit, wenn sich die Motive über längere Strecken wenig ändern, obgleich alle gut. Die schiere Fülle, die nicht mehr begeistert, sondern beinah erstickt. Die Alternative sind andere Bilderfluten. Und wofür. Dann irgendwann dazwischen wieder Aufnahmen, die mich wegbeamen. In einen Traum, den ich gar nicht erlebt habe. Dann bin ich wieder versöhnt und denke, da muss ich jetzt einfach durch. Durch all die Bilder. Denn wegwerfen will ich sie auch nicht. Viel zu schade. Viel zu sehr Teil meines Lebens, viel zu sehr geliebte Augenblicke. Viel zu sehr. Einfach Pausen machen. Weniger Disziplin. Ich arbeite so verdammt viel. Ich bin ja verrückt. Schon ganz Gaga. So kam ich übrigens zu dem Namen. Ach ja, ich wollte ihn ja endlich im Personalausweis eintragen lassen. Das geht jetzt wieder. Vorausgesetzt, man ist so verrückt wie ich und kann es beweisen.
01. Januar 2010
Wenn die Bürger schlafen geh’n
in der Zipfelmütze,
und zu ihrem König fleh’n
daß er sie beschütze,
zieh’n wir festlich angetan
hin zu den Tavernen.
Schlendrian, Schlendrian,
unter den Laternen.
Die Nacht ist nicht allein zum Schlafen da,
die Nacht ist da, das was gescheh‘!
Ein Schiff ist nicht nur für den Hafen da,
es muß hinaus, hinaus auf hohe See!
Berauscht Euch, Freunde, trinkt und liebt und lacht
und lebt den schönsten Augenblick!
Die Nacht, die man in einem Rausch verbracht,
bedeutet Seligkeit und Glück!
Wenn im Glase perlt der Sekt
unter roten Ampeln,
und die Mädchen süß erschreckt
auf dem Schoß uns strampeln,
küssen wir die Prüderie
von den roten Mündern.
Amnestie, Amnestie
allen braven Sündern!
Die Nacht ist nicht allein zum Schlafen da…
Wenn der Morgen endlich graut
durch die dunst’gen Scheiben,
und die Männer ohne Braut beieinander bleiben,
schmieden sie im Flüsterton
aus Gesprächen Bomben.
Rebellion, Rebellion
in den Katakomben!
Die Nacht ist nicht allein zum Schlafen da…
07. November 2010
Respekt schaffen durch moderne Waffen
„Ich konnte meinen erkämpften Platz relativ gut behaupten, da ich ein großer Waffenliebhaber war. Ich besaß eine stattliche Anzahl an Messern, eine Machete, Pfeil und Bogen, eine selbst gebaute Armbrust, und mein Trumpf war ein Morgenstern, bestehend aus einem dicken Ast, einer Kette und einer Metallkugel am Ende. Als mein Bruder eines Tages nach Hause kam und mir erzählte, dass die Scharnbeck-Brüder ihn mit Pfeilen beschossen hätten, brauchte ich nur die Mitte der Dorfstraße herunterzugehen und den Morgenstern lasziv auf dem Pflaster schlorren zu lassen. Die Situation war ohne Einsatz der Waffe sofort bereinigt, ich hatte waffenmäßig gepeakt.“
Rocko Schamoni, DORFPUNKS, S. 14
08. November 2010

Ist mir noch nicht so aufgefallen, dass ich einen Schutzengel hätte. Aber wenn ich an die vergangenen drei Tage denke und heute. Dreimal in körperliche Gefahr geraten und wundersam unverletzt daraus hervorgegangen. Zuletzt heute morgen, Sprint die steinerne Treppe hoch, zur eben eingefahrenen S-Bahn am Hackeschen Markt, immer zwei Stufen auf einmal nehmend. An der Kante einer Stufe abgerutscht und rückwärts stürzend hingebrettert, Knochen auf die Stufen verteilt.
Kurioserweise zuerst an die Unversehrtheit meiner Sonnenbrille (besser Windschutzbrille, der Herbstwind lässt mich weinen) gedacht, die in eine Stufenecke flog, statt an das Heil meiner Knochen. Dann gedacht, wahrscheinlich merke ich jetzt noch nicht, wieviele Knochen ich mir gebrochen habe, weil man ja unter dem Schock der Verletzung sofort diesen schmerzstillenden Adrenalinschub bekommt. Ein Paar auf der Treppe neben mir, das meinen Sturz sah, stürzte tief erschrocken auf mich zu und streckte vier hilfreiche Arme aus. Dritter Gedanke: „komisch, dass es immer heißt, in Berlin schert sich keiner drum, wenn einem was passiert, die Leute würden einfach weitergehen. So ein Quatsch.“ Ich wagte eine zaghafte Bewegung und konnte kaum glauben, dass ich keinerlei Beeinträchtigung spürte. Noch nicht einmal das Gefühl einer Schürfwunde. Auf die besorgte Nachfrage antwortete ich „scheint alles in Ordnung zu sein – unglaublich aber wahr“.
Aus dem Augenwinkel nahm ich warmes verwundertes und beruhigtes Lächeln wahr und noch mehr Verwunderung darüber, dass ich meinen Sprint sofort wieder aufnahm. Kurz bevor die Tür schloss, stand ich in der wie immer überfüllten S-Bahn, an die Türscheibe gedrückt. Das Abteil war so gedrängt voll, dass es ausgeschlossen war, mich leicht zu bücken, um festzustellen, ob meine Kleidung beim Sturz Federn lassen musste. Als ich ausstieg, sah ich an mir herunter, konnte keinerlei Schaden feststellen und klopfte nur ein bißchen Staub vom Stoff an den Knien. Und dann legte ich eine ziemlich lange, bis jetzt währende Gedenkminute für meinen Schutzengel ein. Etwas Vergleichbares (ohne selbstverschuldetes Risiko durch Gesprinte und Bocksprünge allerdings) widerfuhr mir bereits am Freitag Abend, zweimal kurz hintereinander. Jetzt beim dritten Mal in so kurzer Zeit denke ich, da scheint mich jemand ganz schön gerne zu haben. Wenn ich nur wüsste, wie er aussieht, mein Schutzengel. Bestimmt ist er attraktiv. Und kein Mädchen. Nur so ein Gefühl. Danke.
08. November 2010

Ist mir noch nicht so aufgefallen, dass ich einen Schutzengel hätte. Aber wenn ich an die vergangenen drei Tage denke und heute. Dreimal in körperliche Gefahr geraten und wundersam unverletzt daraus hervorgegangen. Zuletzt heute morgen, Sprint die steinerne Treppe hoch, zur eben eingefahrenen S-Bahn am Hackeschen Markt, immer zwei Stufen auf einmal nehmend. An der Kante einer Stufe abgerutscht und rückwärts stürzend hingebrettert, Knochen auf die Stufen verteilt.
Kurioserweise zuerst an die Unversehrtheit meiner Sonnenbrille (besser Windschutzbrille, der Herbstwind lässt mich weinen) gedacht, die in eine Stufenecke flog, statt an das Heil meiner Knochen. Dann gedacht, wahrscheinlich merke ich jetzt noch nicht, wieviele Knochen ich mir gebrochen habe, weil man ja unter dem Schock der Verletzung sofort diesen schmerzstillenden Adrenalinschub bekommt. Ein Paar auf der Treppe neben mir, das meinen Sturz sah, stürzte tief erschrocken auf mich zu und streckte vier hilfreiche Arme aus. Dritter Gedanke: „komisch, dass es immer heißt, in Berlin schert sich keiner drum, wenn einem was passiert, die Leute würden einfach weitergehen. So ein Quatsch.“ Ich wagte eine zaghafte Bewegung und konnte kaum glauben, dass ich keinerlei Beeinträchtigung spürte. Noch nicht einmal das Gefühl einer Schürfwunde. Auf die besorgte Nachfrage antwortete ich „scheint alles in Ordnung zu sein – unglaublich aber wahr“.
Aus dem Augenwinkel nahm ich warmes verwundertes und beruhigtes Lächeln wahr und noch mehr Verwunderung darüber, dass ich meinen Sprint sofort wieder aufnahm. Kurz bevor die Tür schloss, stand ich in der wie immer überfüllten S-Bahn, an die Türscheibe gedrückt. Das Abteil war so gedrängt voll, dass es ausgeschlossen war, mich leicht zu bücken, um festzustellen, ob meine Kleidung beim Sturz Federn lassen musste. Als ich ausstieg, sah ich an mir herunter, konnte keinerlei Schaden feststellen und klopfte nur ein bißchen Staub vom Stoff an den Knien. Und dann legte ich eine ziemlich lange, bis jetzt währende Gedenkminute für meinen Schutzengel ein. Etwas Vergleichbares (ohne selbstverschuldetes Risiko durch Gesprinte und Bocksprünge allerdings) widerfuhr mir bereits am Freitag Abend, zweimal kurz hintereinander. Jetzt beim dritten Mal in so kurzer Zeit denke ich, da scheint mich jemand ganz schön gerne zu haben. Wenn ich nur wüsste, wie er aussieht, mein Schutzengel. Bestimmt ist er attraktiv. Und kein Mädchen. Nur so ein Gefühl. Danke.
07. November 2010
Respekt schaffen durch moderne Waffen
„Ich konnte meinen erkämpften Platz relativ gut behaupten, da ich ein großer Waffenliebhaber war. Ich besaß eine stattliche Anzahl an Messern, eine Machete, Pfeil und Bogen, eine selbst gebaute Armbrust, und mein Trumpf war ein Morgenstern, bestehend aus einem dicken Ast, einer Kette und einer Metallkugel am Ende. Als mein Bruder eines Tages nach Hause kam und mir erzählte, dass die Scharnbeck-Brüder ihn mit Pfeilen beschossen hätten, brauchte ich nur die Mitte der Dorfstraße herunterzugehen und den Morgenstern lasziv auf dem Pflaster schlorren zu lassen. Die Situation war ohne Einsatz der Waffe sofort bereinigt, ich hatte waffenmäßig gepeakt.“
Rocko Schamoni, DORFPUNKS, S. 14
07. November 2010
Jeden Tag ein neues Wort. Heute: Erwiderungsmoral. Sehr interessant. Ich finde die kulturellen Errungenschaften der Antike in verschiedener Hinsicht beachtenswert.
(…) Die griechisch-römische Antike betrachtete die Rache als einen Akt der Gegenseitigkeit (Erwiderungsmoral). Tue Gutes denen, die dir Gutes tun, schade denen, die dir schaden. (…)
http://de.wikipedia.org/wiki/Rache#Antike
07. November 2010
Ha!
Wäre das auch geklärt.
P.S. kleiner Tipp für meine sehbehinderten Leser: das da oben ist von „Ha!“ bis „geklärt“ ein Link. Man kann da draufklicken und erschreckende Dinge über meinen unchristlichen Charakter erfahren. Har har. *Böses Panzerknackerlachen*
03. November 2010

Vorbild Tierreich: Löwen schlafen viel und jagen effektiv. (…) Löwen zum Beispiel schlafen durchschnittlich 20 Stunden am Tag. Wenn der Hunger sie treibt, jagen sie mit einer Geschwindigkeit von bis zu 55 km/h durch die Savanne und schnappen sich ihre Beute. Das nennt man Effizienz!
(Krankenkassenzeitung)

Tiger bestimmt auch!
03. November 2010

Vorbild Tierreich: Löwen schlafen viel und jagen effektiv. (…) Löwen zum Beispiel schlafen durchschnittlich 20 Stunden am Tag. Wenn der Hunger sie treibt, jagen sie mit einer Geschwindigkeit von bis zu 55 km/h durch die Savanne und schnappen sich ihre Beute. Das nennt man Effizienz!
(Krankenkassenzeitung)

Tiger bestimmt auch!
02. November 2010
Denkzettel Morgen Mittag, 3. Nov. 12:30 Uhr, Alex Berlin

Ich bin war ja sehr gespannt, was sie daraus zusammengeschnitten haben. Man leidet doch ein bißchen mit, wenn die Technik hängt oder der Ton bei den vorgeführten Filmen asynchron ist, oder der Rechner abstürzt… was so alles passieren kann. Und das passierte einige Male, aber trotzdem war es sehr kurzweilig und inspirierend. Ich bin vermutlich auch ab und zu im Bild. An dem Abend wurde hauptsächlich gefilmt. Fotografiert habe nur ich (gibt irgendwann hier noch viele Bilder von den beiden).
EDIT: leider scheiterte die Übertragung der Sendung an teilweise ungeklärten Nutzungsrechten der eingespielten Doku-Sequenzen. Da sich der Vortrag maßgeblich darauf bezogen hat, ist damit die ganze Aufzeichnung in der gegenwärtigen Form nicht mehr verwertbar und müsste anders geschnitten werden. Schade. Da müssen die ALEX-Aufnahmeleiter-Novizen wohl noch ein bißchen nachsitzen.
25. Oktober 2010
Wie man dieses Blog bedient.

Es gibt eine Handvoll Leserinnen und Leser, die meine Art zu bloggen (im siebten Jahre nun), ganz gut kennen. Das heißt, jene treuen und aufmerksamen Leser wissen mittlerweile, dass ich stark dazu neige, in den Kommentaren den ursprünglichen Eintrag fortzuschreiben. Manchmal genügt eine kurze vorangegangene qualifizierte Bemerkung als Anstoß, die mein Feuer auf’s Neue entfacht. Nicht selten werden meine Antwort-Kommentare sogar länger als der gesamte ursprüngliche Eintrag. Und manchmal vielleicht sogar interessanter. Erhellender, impulsiver. Ich erwähne das, weil ich ein paar neu hinzugekommene Leser bemerkt habe, die dieses schöne Spielchen, das ich hier treibe, noch nicht zu kennen scheinen. Wenn Ihnen das also noch nicht aufgefallen ist, liegt es ganz sicher daran, dass Sie davon ausgehen, dass Bedeutendes nur im Haupteintrag zu finden ist, und Sie die Kommentare deshalb gar nicht erst anklicken. Insofern geht Ihnen jede Menge Herrschaftswissen verloren, lieber Leser. Ich kommentiere bedeutend exhibitionistischer als meine Einträge verfasst sind (im Übrigen auch anderswo).
Gar nicht zu schweigen von den Pulitzer-verdächtigen Bemerkungen meiner Hauptkommentatoren (den besten ihrer Zunft, die man im deutschsprachigen Raum finden kann, ganz nebenbei). Nur mal so jetzt! Wenn man dieses Blog als eine Art Foto-Roman in der Bravo sehen würde, hätte man durch die Nicht-Kenntnis meiner Kommentar-Einträge gewissermaßen schwerwiegende Wissenslücken und findet den Anschluss nicht mehr! Und noch ein kleiner Tipp: ich verlinke regelmäßig weltbewegende Informationen innerhalb des Textes, der dann nur ein klein wenig heller erscheint. Es ist nicht so kontrastreich, wie man das häufig bei anderen Blogs sieht. Manchen ist das zu dezent, das hab ich schon gehört. Aber wenn ich das auf den diversen Rechnern in meinem Einzugsbereich checke, kann man es eigentlich schon erkennen, wenn man es grundsätzlich weiß. Nur so als kleine Bedienungsanleitung, um in den vollen Genuss dieser bibliotherapeutischen Exhibitionismus-Langzeitstudie zu kommen. Und nun viel Freude beim Lesen der Kommentare! Und natürlich auch beim Schreiben. Ich schätze jeden Kommentar (auch dummfreche und gemeine, die amüsieren mich! Leider viel zu wenige hier) und antworte zu stattlichen 99,97 Prozent.
01. November 2010
In der S-Bahn. Junge mittelblonde Frau eine Sitzbank vor mir, spricht laut mit dem Telefon. Halt so wie daheim! Man ist ja ganz für sich. Weil sie aber so kurios souverän unter gefühlt vier Augen erzählt, d. h. ein bißchen über eine Frau aus dem Bekanntenkreis lästert, wie man es in der Art selten hört (höchstens mal in einem Spielfilm), höre ich interessiert zu. Sie findet es, soweit ich dem Gespräch folgen kann, wohl unanständig, dass die Frau aus dem Bekanntenkreis eine Putzfrau hält, anstatt alles selber zu putzen. Dazu ist sie nämlich zu faul, die Bekannte. Das muss man sich mal vorstellen! Und der Ulrich, also ihr Mann, der unterbindet diese Faulheit auch nicht, der Schwächling. Das Wort hat sie zwar nicht benutzt, aber man merkte schon, dass Ulrich dadurch nicht in ihrer Hochachtungsskala auf zwölf gestiegen ist. Mich aufs Neue überraschend wird plötzlich das Thema gewechselt.
Es geht um ein Foto, auf dem die mittelblonde junge Frau für hellblonder gehalten wird, als sie in Wahrheit und Wirklichkeit ist. Wahnsinn! Nun dreht sich das Gespräch ein bißchen im Kreise, weil die mittelblonde junge Frau nicht müde wird, immer wieder aufgeregt zu beteuern, dass sie von fast niemandem auf dem Foto erkannt wird. Aber dabei ist sie es wirklich! Ist das nicht toll? Dieses Foto! Nein Nein Nein! Schon eine tolle Sache. Ich musste dann ja leider das Abteil verlassen, weil ich am Fahrtziel angelangt war. Die junge Frau freute sich immer noch über ihre eigene Aufregung um das Foto. Und da dachte ich so bei mir, wenn man eine weltweite Umfrage machen würde, auf welche menschliche Ausdrucksform man am ehesten verzichten könnte, wäre die Fotografie sicher nicht dabei. Welche Bedeutung eine Abbildung von sich selbst für einen Menschen haben kann. Oder das plötzlich nahe, beinah lebensnahe Abbild eines geliebten fernen Menschen. Auf Bildhauerei und Collagenarbeiten könnte man wohl leichteren Herzens verzichten. Oder auf Kupferstiche. Oder auf Radierungen. Aber Fotos. Das täte richtig weh. Eine Erde ohne Fotografie, jetzt wo wir uns so daran gewöhnt haben. Unvorstellbar. Und Musik. Und Film. Auf diese drei wollte ich am wenigsten verzichten. So schön Malerei auch sein kann. Und all das andere. Eine Fotografie ist mit der Energie des Augenblicks aufgeladen, in der sie entstand. Und man kann diesen Augenblick auf ewig teilen und aufs Neue erwachen lassen. Das ist magisch. Fotografie ist Fotomagie. Unvergessliche Musik, die man für immer mit einem Augenblick verbindet.

31. Oktober 2010
Ein Satz, den man garantiert nie von mir hören wird: „Schau doch mal vorbei, wenn du in der Nähe bist“. Ich hasse Überfälle. Ebenfalls hasse ich es wie die Pest, wenn jemand meint, meinen heiligen Autismus mit unaufgeforderten Telefonanrufen oder versuchsweise an der Tür Klingeln unterbrechen zu dürfen. Ich bin da sehr geräuschempfindlich. Die Pest. Sowohl das nötigende Geräusch der Türklingel als auch des bereits von mir auf geringste Lautstärke eingestellten Telefons weckt in mir Mordgelüste. Meine neueste Vorgehensweise bei nicht zuordenbaren Telefonnummern (also nicht eingespeicherten): das Klingeln beenden, indem ich auf die Hörer-Abnehm-Taste drücke und sofort danach auf die Hörer-Aufleg-Taste. Gesprächsversuch beendet. Mein Telefonierbedürfnis tendiert gegen Null. Ich gehe auch zwingend davon aus, dass diese Vollpfosten, die sich einbilden, irgendeinen Anspruch auf Kommunikation mit mir zu haben, nicht einmal zum entfernteren Bekanntenkreis gehören können. Wer mich kennt, weiß das. Ich will meine Ruhe. Die wenigen Ausnahmen bestimme ich. Zeitfresser. Ekelhaft. Und zur Information: ich höre niemals diese Mailbox ab. Nur über meine Leiche. Interessiert mich nicht die Bohne, wer da welche mich nicht im geringsten interessierenden Botschaften hinterlässt oder in den letzten Jahren hinterlassen hat. Sollte jemand die Dreistigkeit besitzen, mir eine SMS schicken zu wollen, werde ich meinen noch zu suchenden Anwalt einschalten. Selbiges gilt für facebook- und myspace-Freundes-Anfragen. Ich bin ausreichend befreundet, Danke! Ich reagiere maximal auf E-Mails und auch das nur bei Interesse oder Sympathie. Das heißt, ich freue mich grundsätzlich über jede E-Mail, die nicht in meinem Postfach landet. Hat man weniger zu löschen. Auch Verabredungen (=verabredete Besuche und Gegenbesuche sowie sonstige Treffen – ‚Dates‘ womöglich – Hilfe) interessieren mich eher nicht. Die wenigen Ausnahmen werde ich zu kommunizieren wissen. Ansonsten hab ich zu tun. Ich suche auch keine neuen Freunde, Kontakte oder Bekanntschaften. Noch Fragen?

31. Oktober 2010
Ein Satz, den man garantiert nie von mir hören wird: „Schau doch mal vorbei, wenn du in der Nähe bist“. Ich hasse Überfälle. Ebenfalls hasse ich es wie die Pest, wenn jemand meint, meinen heiligen Autismus mit unaufgeforderten Telefonanrufen oder versuchsweise an der Tür Klingeln unterbrechen zu dürfen. Ich bin da sehr geräuschempfindlich. Die Pest. Sowohl das nötigende Geräusch der Türklingel als auch des bereits von mir auf geringste Lautstärke eingestellten Telefons weckt in mir Mordgelüste. Meine neueste Vorgehensweise bei nicht zuordenbaren Telefonnummern (also nicht eingespeicherten): das Klingeln beenden, indem ich auf die Hörer-Abnehm-Taste drücke und sofort danach auf die Hörer-Aufleg-Taste. Gesprächsversuch beendet. Mein Telefonierbedürfnis tendiert gegen Null. Ich gehe auch zwingend davon aus, dass diese Vollpfosten, die sich einbilden, irgendeinen Anspruch auf Kommunikation mit mir zu haben, nicht einmal zum entfernteren Bekanntenkreis gehören können. Wer mich kennt, weiß das. Ich will meine Ruhe. Die wenigen Ausnahmen bestimme ich. Zeitfresser. Ekelhaft. Und zur Information: ich höre niemals diese Mailbox ab. Nur über meine Leiche. Interessiert mich nicht die Bohne, wer da welche mich nicht im geringsten interessierenden Botschaften hinterlässt oder in den letzten Jahren hinterlassen hat. Sollte jemand die Dreistigkeit besitzen, mir eine SMS schicken zu wollen, werde ich meinen noch zu suchenden Anwalt einschalten. Selbiges gilt für facebook- und myspace-Freundes-Anfragen. Ich bin ausreichend befreundet, Danke! Ich reagiere maximal auf E-Mails und auch das nur bei Interesse oder Sympathie. Das heißt, ich freue mich grundsätzlich über jede E-Mail, die nicht in meinem Postfach landet. Hat man weniger zu löschen. Auch Verabredungen (=verabredete Besuche und Gegenbesuche sowie sonstige Treffen – ‚Dates‘ womöglich – Hilfe) interessieren mich eher nicht. Die wenigen Ausnahmen werde ich zu kommunizieren wissen. Ansonsten hab ich zu tun. Ich suche auch keine neuen Freunde, Kontakte oder Bekanntschaften. Noch Fragen?

31. Oktober 2010
Fütter mein Ego ist auch ein schöner Name für ein Blog. Irgendwo fliegt noch eine alte Kassette herum. Ein Mitschnitt einer Radiosendung – ich glaube, Fritz gab es damals Mitte der Achtziger noch nicht – der Sender hieß anders, hatte aber ein ähnliches Konzept. Jedenfalls wurde Blixa Bargeld erwartet. Er sollte zum Interview kommen und die für zwei oder drei Stunden angesetzte Sendung musste etwa zur Hälfte damit bestritten werden, dass die Moderatorin sein Fernbleiben entschuldigte, ohne zu wissen warum (er kam dann auch noch, eine gute Stunde später). Zur Überbrückung gab es jede Menge Neubauten-Songs zu hören. Und natürlich war YU-GUNG, Fütter mein Ego auch dabei. Ich bin zwölf Meter groß und alles ist wichtig hat mich schon immer maßlos beeindruckt. Genau das Gefühl, das man braucht, um etwas zu bewegen. Ich bin wieder darüber gestolpert, weil ich ein bißchen auf youtube war und geschaut habe, was Alexander Hacke und seine Frau Danielle De Picciotto so im Netz hochgeladen haben. Danielle begleitet die Einstürzenden Neubauten seit vielen Jahren mit der Filmkamera und konzipiert eigene Projekte ihres phantastischen multimedialen Universums gemeinsam mit Alexander Hacke, der die Musik dazu macht. Ich habe die beiden am Donnerstag fotografiert. Es war ein sehr schöner Abend im Haus Schwarzenberg. Zwei Künstler, die sich über einen langen Zeitraum inspirieren, unterstützen und lieben.
Es gibt eine Aufzeichnung des Abends mit den beiden, die am 3. November 2010 um 12:30 auf dem Berliner Fernsehsender Alex gesendet wird, auch im Live Stream.
30. Oktober 2010
TATREIZ
[ Sonne Konjunktion Mars ]
30. Oktober 2010
ICH BIN ZWÖLF METER GROß
UND ALLES IST WICHTIG
27. Oktober 2010

Musik im Briefkasten. Ganz da unten, in dem weiß lackierten aus Metall. Dabei hab ich doch gar nicht Geburtstag, sondern andere. Wieviel Musik man nicht kennt… es gibt noch so viel zu entdecken. Zum Beispiel dieses filigrane Stück The Dress Looks Nice On You von Sufjan Stevens… Muss jetzt weiter CD hören.
Danke.
27. Oktober 2010
Drei Jahre her. War schön da. Ich glaube, ich hatte ein inneres Gleichgewicht gefunden. Mein Selbstwertgefühl zurückerobert, nicht mehr so wackelig und torpediert, die Kratzer poliert. September 2007 auf der kurischen Nehrung. Ich wanderte alleine durch die großen Dünenfelder, machte Ausflüge und die Zeit verflog. Es war normal, dass ich alleine war, ich hatte mich daran gewöhnt. Es gab niemanden mehr, an den ich mit lebendiger Sehnsucht dachte, nur verblassende Erinnerungen. Die Tage um meinen Geburtstag. Ich fing erst vor wenigen Jahren an, meinen Geburtstag zu würdigen, indem ich mir etwas besonderes vornahm. Ein paar mal war es dann einer der letzten Tage einer Reise im Spätsommer. Das Bild erinnert mich an eine gute Zeit. An eine von vielen guten Zeiten. Es entstand in einem Wald mit großen geschnitzten Holzfiguren der heidnischen litauischen Mythologie. Auf dem Hexenberg in Juodkrantė.

Es gab einen längeren Regen und ich suchte Schutz unter den weiten Armen einer Figur. Einem schützenden Blumenwesen. Bis die Sonne zurückkehrte.
26. Oktober 2010
weiß nicht
25. Oktober 2010
Schlampige Leute sind mir zuwider!
