Heringsdorf
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VILLA OECHSLER. Delbrückstraße 5 bzw. Strandpromenade Heringsdorf. 1883 als Haus Berthold erbaut. Der Bauherr Kommerzienrat, Galvaniseur und Typograph Hermann Berthold war ein erfinderischer Urberliner und Gründer einer Messing-Schriftsatzgießerei, der das bis heute geltende, einheitliche typographische Schriftmaß in Punkteangaben entwickelte. Allerhand. Auf einer Tafel stehen die nachfolgenden Besitzer, wie unter anderem die für die Umtaufe zu „Villa Oechsler“ Anno 1922 verantwortliche Fabrikantengattin Elise Oechsler aus dem mittelfränkischen Ansbach. Elise Oechsler war Halbjüdin und emigrierte 1939 (im Alter von 66 Jahren) nach Amerika. Die Eigentumsübertragung an Fotografenmeister Boeck aus Anklam war vermutlich eine einverständliche Arisierung, denn der Übernehmende war ein vorheriger „arischer“ Mitarbeiter von Otto Oechsler, dem bereits 1933 verstorbenden Gatten von Elise Oechsler gewesen. Die Eigentumsübertragung hatte auch nach dem Krieg in der DDR Bestand. Da Elise Oechsler 1963, hochbetagt mit Neunzig in Heidelberg starb, war sie offensichtlich im bereits höheren Alter in ihre deutsche Heimat zurückgekehrt.

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Nicht auf der emaillierten Gedenktafel mit der Eigentümerhistorie erwähnt wird, dass nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs die Villa Oechsler Sitz der Kommandantur der sowjetischen Besatzungsstreitkräfte war und zu DDR-Zeiten die Heringsdorfer Gemeindebibliothek namens „Maxim-Gorki-Bibliothek“ dort ihren Sitz hatte. Dennoch blieb das Anwesen in Privatbesitz der Familie des Fotografenmeisters Erwin Bock aus Anklam, die die Villa nach der Wende verkaufte. Nach weiteren Besitzerwechseln ist Ende der Neunziger Jahre Ruhe eingekehrt, als der in Neumünster ansässige Unternehmer und Kommunalpolitiker Hermann Hornung die Villa Oechsler 1997 erwarb und zwei Jahre lang aufwändig denkmalschutzgerecht sanieren ließ. Dabei wurde unter anderem die damals weiße Fassade durch den historisch belegten ersten, ockerfarbenen Anstrich ersetzt. Im April 1999 wurde die restaurierte Villa an die Pächter Cornelia und Rolf Landau übergeben, die in der ehrwürdigen Villa seit nunmehr 27 Jahren eine Modeboutique namens „Maison Vogue“ betreiben. Ich gehe davon aus, dass sie dort auch wohnen, wäre ja schade, wenn nicht. Ich entdeckte keine Ferienwohnungsannoncen für die Villa.

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Als ich um das Anwesen herumging, war die Einfahrt weit geöffnet, ich besah mir die linke Fassade und machte ein paar Fotos. Da die Villa allenthalben als eines der Vorzeigeobjekte Heringsdorfer Bädervillen-Architektur gilt und auch auf der Kaiserbäder-Seite und so weiter gefeatured wird, hatte ich keinerlei schlechtes Gewissen, mich einige Meter in die Einfahrt zu begeben. Da kam ein Fahrradfahrer, ein Mann etwa Ende Vierzig, Anfang Fünfzig, grauer Bart, und fragte mich in scharfem Ton, ob ich das zuhause auch machen würde. Vielleicht war er der selbsterklärte Wachtmeister des Viertels. Ich entgegnete, wenn das sein Objekt sein sollte, könne er doch sehr stolz darauf sein, zumal es überall beworben wird, und ich setzte (rhetorisch und durchaus leicht maliziös) nach: „Gehört die Villa Ihnen? Dann können Sie sich ja beglückwünschen.“ Ich erntete einen eisigen Blick, er schnaubte und radelte davon. Jedenfalls war der Freizeit-Wachmann defintiv nicht der Eigentümer der Modeboutique, der sieht anders aus. Da an jenem Sonntag leider keine Ladenöffnungszeit war, konnte ich die sicher sehenswerten Räume nicht von innen betrachten. So schlenderte ich weiter, um mich angrenzenden Villen zu widmen.

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