Nur während der Tramfahrt Richtung Kino kam ich gestern in die erwartete Hitze-Bredouille. Der Wagon war stark aufgeheizt, die warme Luft stand stickig im Abteil. Ich weiß nicht, ob es kippbare/gekippte Fenster gab, es fühlte sich jedenfalls wie im hermetisch verschlossenen Backofen an und ich packte meinen kleinen Fächer aus, der mir die zehn Minuten Tramfahrt erträglicher machte. Der sechsminütige Fußweg zum Kino, es war ca. 19.10 Uhr, war dann moderat, ich ging langsam, war gut in der Zeit. Im Kino Krokodil war bereits Anne mit einer Freundin, die ich gestern erst kennenlernte. Wir waren alle überrascht, dass das kleine Kino in einem Altbau gekühlte Räume hatte, auch die beiden anderen, die das Kino schon kannten, ich war vorher noch nie dort. Doro traf kurz vor Filmbeginn ein, noch rechtzeitig, um sich ein kaltes Getränk zu kaufen, ich hatte mein Getränk dabei, eine gekühlte Flasche Tonic Water. Wir hatten eine der hinteren Reihen fast für uns, es war nicht sehr voll, man hatte allerhand Platzauswahl, angenehm. Es gab keine Werbung vor dem Film, er ging gleich los.

Aus einem Chat, gestern nach dem Kinobesuch: „Es war ein ganz schöner Abend, das Kino unerwarteterweise klimatisiert und der Film eine Perle. Würde ihn mir nochmal ansehen, Doro auch! Wir waren zu viert, Anne, die du nicht kennst, hatte noch eine meganette Freundin dabei, wir waren also zu viert. Der FIlm ist voller Poesie, ganz fein geschnitten, phantastisch(e) Musik eingesetzt, auch von Hans Werner Henze. Ein Kunstwerk. Habe das Gefühl, der privaten Sandra Hüller begegnet zu sein, sehr sympathisch. Keine Möchtegern-Bachmann, ganz sie selbst, auf ihre ihr gemäße Art channelt sie das ambivalente Sein von Ingeborg Bachmann. Und Bachmann selbst nimmt sehr viel Raum ein. Angemessen viel. Sandra Hüller hat eine ganz wunderbare Art, ihre Gedichte und Prosa-Fragmente zu lesen, die immer wieder aus dem Off zu hören sind. Chapeau. Wir waren alle ganz beseelt danach… und das hätte ich wirklich nicht erwartet. Du hast in jeder Sequenz die Hingabe von allen Beteiligten gespürt, und dass es dem Projekt gut tat, dass sich Regisseurin und Darstellerin so gut kannten. Am Schluss hätte ich fast geheult, als eine Fotografie zum Leben erweckt wurde (diesmal nicht von Hüller gespielt), ein ganz bekanntes Foto, die junge Ingeborg, ein Mädchen noch, vielleicht 12 oder 13 Jahre alt, rudert auf einem Kärntner See… die Kamera entfernt sich – – – und das Boot… und dann die phantastische Musik von Anja Plaschg/Soap & Skin, ein Musikstück, vielleicht auch ein altes Volkslied, in österreichischer Mundart, wunderbarem Chorgesang… das war so schön. Danach waren wir in einem schönen Lokal in dem Dreh, „Frau Mittenmang“, sehr gute Getränke, sehr gutes Essen, lauschig, – hab zwei Desserts hintereinander gegessen und zwei gute Crémant getrunken. Wir waren alle rundherum zufrieden und dann noch erfrischender leichter Regen zuletzt.“ Tat uns gut, der Regen.

Im Restaurant erzählte ich den anderen unter anderem, dass ich mich vor dem Kinobesuch über einen Kommentar amüsiert hatte, der unter einer Rezension von Eva Menasse dieses Films „Jemand, der einmal ich war“ in der österreichischen Tageszeitung „Der Standard“ zu lesen war. Eine/r kommentierte: „Ob ich mir den Film ansehen werde? Reizen würde es mich schon, aber ihre Texte treffen oft ganz plötzlich wunde Punkte, offene Wunden aus einer früheren Zeit. Weiß nicht, ob ich mir das an tue.“ Daraufhin ein anderer: (weiß nicht ob er oder sie): „So geht es mir auch. Ich lese sie trotzdem immer wieder. Weils halt auch gut tut. Ich werde nach dem Kino durch die ruhige Stadt gehen und zuhause Schokolade und eine halbe Flasche Sekt vorbereitet haben. Vielleicht auch Vanilleeis.“ Ich war so entzückt über die Beschreibung, dass er (oder sie) Schokolade und eine halbe (!) Flasche Sekt VORBEREITET haben wird. Vielleicht auch Vanilleeis.“ Wie genau bereitet man denn eine HALBE Flasche Sekt vor? Vielleicht ist so eine kleinere Flasche Sekt, 375 ml, also nicht „Piccolo“ sondern größer gemeint. „…und vielleicht auch Vanilleeis“! So süß. Dieser in jeder Hinsicht süße Kommentar ließ mich bis ins Lokal nicht mehr los und ich wollte es der unbekannten Person gleichtun, weil ich die Kombination von gutem Schaumwein und Schokolade und Eiscreme auch sehr, sehr mag. Es gab zwar kein Eis, aber andere sehr gute Dessertvariationen, die mir beide gut geschmeckt haben.

Vorhin die Bachmannpreisverleihung auf 3sat geschaut, vor der Verkündigung der Siegerin gaben die Jurymitglieder auf Nachfrage Auskunft, wie die Auswahl der von ihnen mitgebrachten Texte von statten geht. Überrascht nahm ich zur Kenntnis, dass viele Autoren Texte direkt mit der Post an einzelne Jury-Mitglieder schicken. Ich dachte bislang, die Jury-Mitglieder gingen von sich aus auf Autoren zu, die ihnen irgendwann aufgefallen waren. Das kommt auch vor, aber nicht nur. Ich bedaure, dass der Jury-Präsident Klaus Kastberger aufhört, ich mochte ihn, wenn ich auch nicht immer mit ihm einig war, was die Beurteilung der Texte anging. Zum Beispiel den Text mit den Schimmelflecken, den er sehr lobte, konnte ich kaum aushalten, weil ich mich so sehr langweilte, ähnlich wie Philipp Tingler, der dazu fragte: „What’s the point?“. Den mag ich auch, also den Tingler und den Strässle und auch jede der Damen hat so ihre interessanten Eigenheiten, die mich einerseits zum Teil befremden, wie das unruhige, jeden Satz unterstreichende, folkloristische Armgerudere von Mithu Sanyal, aber auch wieder unterhalten. So auch die nordisch reserviert wirkende, emotionslos kühle Vortragsweise von Mara Delius, die es (durchaus nicht humorlos) als Kompliment verstanden wissen will, wenn sie einem Text attestiert, dass er kühl sei. Schön, dass nicht alle gleich sind! Die bunte Mischung machts. Was mich jedes Mal stutzen lässt, ist die Betonung des Nachnamens von Klaus Kastberger durch Brigitte Schwens-Harrant: „KasT-BeR-ger“, unterwartet auf die Silben verteilt. Und auch ein Liebling von mir: der Moderator Peter Fässlacher, gebürtiger Villacher, der nach jeder Jury-Diskussion eine launige Zusammenfassung der pikanteren Aussagen macht.

Für mich war diesmal kein Text dabei, der mich explizit oder durchgängig berührt hätte, aber es gab einzelne Stellen. Sowohl bei der Preisträgerin Lena Schätte, als auch Derya Uzun, wie auch Gesche Heumann. Ich bin wieder einmal, wie eigentlich immer, konzentrationsmäßig ausgestiegen, wenn der Lesefluss nicht flüssig in meinem Sinne war, das ist mir immer zu anstrengend, dann dreh ich den Ton ab, was keine Kritik am Text ist, selbstverständlich nicht. Der Lese-Duktus von Wolfgang Popp, hörbar österreichisch, war dagegen eine Wohltat für mein musikalisches Gehör. Ich hatte auch damit gerechnet, ähnlich wie Laura de Weck von der Jury, dass er frech einen anderen Text liest, als den eingereichten, was u. a. Thema seines Vortrags war. Nun ist er vorbei, der diesjährige „Bewerb“ aus Klagenfurt wie es österreichisch so schön heißt. Gratulation an alle Preisträgerinnen!