COUNT YOUR BLESSINGS. Alle bitte möglichst viel und oft daran denken, was auf der Habenseite vom Konto ist. Das ist so ein Kalenderspruch, so eine Binsenweisheit und doch kommt so Vielen das Bewusstsein im Alltag abhanden. Ich scheine gerade eine Phase zu haben, in der mir Verluste präsentiert werden. Und damit meine ich nur zuletzt den Verlust meiner Tasche mit den ganzen persönlichen Sachen, die durch die Bank irgendwie adäquat ersetzbar sind. Schlimmer, wie immer, nicht ersetzbare, weil nicht bei Amazon nachbestellbare, menschliche Verluste.

Zuerst starb am 8. September die Queen, bitte nicht lachen, das hat mich wirklich so bewegt, dass ich bis jetzt an drei Bildern arbeite, um das zu verarbeiten.

Dann hörte kurz danach das Herz einer liebenswerten Bloggerin im Alter von Mitte Vierzig auf zu schlagen, von heute auf morgen, Journelle. Wir waren nicht eng befreundet, aber persönlich bekannt. Das trifft schon.

Dann kam meine Tasche weg und ich hatte, wie berichtet die üblichen Rennereien, die man braucht wie einen Kropf.

Als Nachhut wurde mir eine Freundschaft gekündigt, weil ich zu erschöpft war, um eine Postsendung abzuholen, was mich so bestürzt hat, dass ich mich aufraffte, es doch zu machen, hörte aber über eine Freundin, dass ein weiterer Kontakt unerwünscht ist. Nun blieb das Gefühl, ich bin verpflichtet, mich immer stabil und unerschüttlich zu zeigen, Hypersensibilität oder sogar auch mal Panik wird mir nicht zugestanden, das gehört exclusiv zum persönlichen Portfolio anderer.

Dann gingen mein Grapefruitbaum und ein Orangen- oder Zitronenbäumchen gleichzeitig ein, die mich Jahre begleiteten.

Von den Lebensmittelmotten, die ich nie zuvor hatte, möchte ich gar nicht im Detail berichten. Nein, keine Bereicherung, auch ein Verlust, weil ich mich gar nicht mehr traue, irgendwelche Saaten und Körner in diversen Gefäßen aufzubewahren, die Motten kommen sogar durch geschlossene Verpackungen und Gefäße. Ok, ist mir schon gelungen, weitgehend zu reduzieren, aber nervig.

Dann ist ein Baby in der engeren Familie nicht über die zehnte Woche gekommen, sehr traurig.

Freitag erfahre ich, dass ein liebenswerter Kollege nicht mehr kommen wird, großer menschlicher Verlust im Alltag.

Und gestern Abend, oder besser schon Nacht, verlasse ich mein Atelier, die Treppe runter, in Gedanken, wo ich überhaupt die drei Elisabeth-Bilder hängen könnte, hab ja keinen Platz mehr, spielerischer Gedanke, würde im Treppenhaus auch gut wirken, auch von den Farben her, aber ist nicht realistisch, das Bild wäre ganz schnell geklaut, zumal ich wieder mit Blattgold und Blattsilber arbeite.

Und da fällt mein Blick auf die Wand unter der letzten Treppe. Da hängt immer so ein hässlicher dreiteiliger Bürokalender. Und darauf ein A4-Zettel, weiß, da steht gedruckt der Vor- und Nachname von meinem Vermieter. Und darunter zwei Daten. Und „In tiefem Schmerz“. Und ein weiblicher Name. Und weil nicht sein kann, was nicht sein darf, denke ich völlig unlogisch, ob der weibliche Name eine Mitmieterin war und die tot ist, und denke noch, die ganz alte Dame im ersten OG hieß doch anders. Und wieso ist mein Vermieter ihr so verbunden gewesen oder wie oder was, dass er das hier verkündigt.

Und dann setzt die Logik wieder ein, ich begreife, dass hier mitgeteilt wird, dass mein Vermieter am 3. Oktober gestorben ist. Der beste Vermieter der Welt. Ich habe immer schon, so lange ich ihn kannte, seit 2003 gesagt, man müsste ihn klonen. Ein Vermieter, der keinen Mietwucher praktiziert, sich immer sofort um alles kümmert, fast schon väterlich. Das war mir in jeder Minute bewusst. In jeder Stunde, in jedem Jahr, dass das ganz selten ist.

Als ich ihn zuletzt sah, vor mehr als einem Jahr, als Sanierungsarbeiten an einem Fallrohr besprochen werden mussten, sah er schon nicht gesund aus, aber er war auch ein hagerer Typ. Nur fünf Jahre älter als ich. Ich weiß nichts um die Umstände, wir haben immer per Mail kommuniziert. Wie ich ihn kenne, hat er alles verfügt und gerichtet, wenn er nicht plötzlich und unerwartet gestorben ist.

Ich sende einen ganz warmen dankbaren Gruß in den Himmel und bin weiter für jeden Augenblick dankbar, den ich dort werkeln darf. Count your blessings. Und die Sonne scheint. Die guten Dinge, vor allem die in einem Blog zu zeigen und zu präsentieren, Fotos, wo man sich des Lebens freut, heißt nicht, dass es nicht auch dunkle Stunden gibt, sondern dass man das Helle in seinem Leben ganz besonders wertschätzt. Es damit tut. Genießt diesen Sonntag und Euer Leben.

4 Antworten auf „23. Oktober 2022

  1. Wahrscheinlich reagiere ich jetzt oversized … Dieser Tage denke ich oft an Dietrich Bonhoeffer. Er schrieb ja in seinem Brief an Maria von Wedemeyer am 19.Dezember 1944 : Von guten Mächten wunderbar geborgen …

  2. Das ist ja wirklich ein richtiger Batzen auf einmal. Oje! Seit meiner Erkrankung bin ich auch viel dankbarer für das, was gut läuft, sogar dafür, wenn mal gar nichts geschieht. Leider habe ich vor kurzem erfahren, daß ein ehemaliger Mitschüler, ein Jahr älter als ich, schon seit 2012 tot ist – plötzlicher Schlaganfall. Ich hatte mit ihm gar nicht viel Kontakt, aber wenn man sowas erfährt, ist es trotzdem seltsam. Also am besten das Leben so viel wie möglich genießen, bevor die Einschläge noch näher kommen. Aber ein bißchen Traurigkeit gehört auch immer zum Genuß dazu, ansonsten ist er nicht echt.

  3. „sogar dafür, wenn mal gar nichts geschieht.“ JA. Das verstehe ich so gut. Und sich als (wieder) gesund empfinden zu dürfen, ist auch eine Million auf dem Konto. Mir ist seit einigen Jahren zum Beispiel sehr stark bewusst, was für eine hohe Lebensqualität schmerzfrei zu laufen ist. Daran denke ich bei jeder Treppe. Jeden Tag. Und wenn ich jemand am Rollator sehe, krampft sich mein Herz zusammen (familäres déjà vu). Es gibt so theoretische Lebenslektionen, die sich einfach nicht einbrennen. Aber wenn man selbst oder indirekt angefasst wurde, brennen sie sich ein wie ein Brandmal, unvergesslich.

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