Gestern „Věc Makropulos“ („Die Sache Makropulos“) in der Staatsoper Unter den Linden. Die Karte verdankte ich Alban Nikolai Herbst, der die Aufführung bereits bei der Premiere Mitte Februar gesehen hatte und eine Kritik bei faustkultur dazu schrieb. Dankenswerterweise konnte ich ihn bei dem erneuten Besuch dieser neuen Inszenierung begleiten. Ich hatte gar nicht mitgekriegt, dass die U-Bahnhaltestelle „Museumsinsel“ schon in Betrieb ist, so lief ich von zuhause hin, dort traf ich Alban, angemessen elegant – wie immer (mit Fliege).

Vor Beginn gab der Dramaturg eine redselige Einführung, die offenbar das abhandelte, was auch im Begleitheft stand. Wir hörten die letzten Erklärungen bei einem ersten Glas Wein. Dann nahmen wir unsere sehr guten Plätze im ersten Rang ein. Die Staatsoper praktiziert 2G+ und zusätzlich Maskenpflicht während der gesamten Vorstellung, auch am Platz, was schon ausgehalten werden können muss. Aber dennoch, wie erhebend, so einen hochkarätigen Abend an diesem Ort erleben zu können.

Die musikalische Leitung hatte Sir Simon Rattle. Wer würde „Nein, Danke“ sagen. In der Hauptrolle strahlte Marlis Petersen. Ich hatte ihre unglaublich klare, satte Stimme zum ersten mal so bewusst im Ohr. Ich mochte die Farbe gleich, was bei der Stimmlage (Sopran) eher nicht so häufig der Fall ist. Im ersten Akt waren mir die Szenen in der Anwaltskanzlei um die Erbsache etwas langatmig geschwätzig angelegt, dafür kann aber die Inszenierung nichts. Ganz aufregend, dieses Atmen in diesem zeitlosen milchigen Kubus, das hat mich sehr gepackt. Und der letzte Akt war mir der liebste, da wurde es thematisch richtig metaphysisch-tragisch.

Petersen ist in der Rolle der Emilia Marty eine durch einen Zaubertrank seit 337 Jahren lebende, erfolgreiche Sängerin, die durch ihr geheimes, überlanges Leben irritierende Hinweise zu einem ewig langen Erbschaftsstreit gibt. Worum es genau geht, kann man nachlesen. Den Trank nimmt sie nicht freiwillig, sondern als Versuchskaninchen ihre Vaters, der Leibarzt von Kaiser Rudolf II. war. Da der Trank aber nur 300 Jahre des Nicht-Alterns gewährt und sie mit sechzehn Jahren sozusagen altersmäßig eingefroren wurde, altert sie seit dem 301. Jahr. Ich brauchte eine Weile, bis ich begriff, weshalb sie nicht wie Sechzehn wirkt, sondern wie eine Frau meines Alters, weil sie ja nun schon 16 + 37 ist. Also dreiundfünfzig.

Ich hatte immer mal wieder Eindrücke von der Musik, die den Wunsch auslösten, die symphonischen Passagen und die mit dem Gesang von Petersen ohne zusätzliche Eindrücke von Bildern nochmals zu hören. Ich kannte diese Oper bisher überhaupt nicht. Und die Staatsoper Unter den Linden an sich ist ja auch schon ein nicht schwacher Eindruck. Nach der Vorstellung spazierten wir Richtung Rosenthaler Straße, wo in dem kleinen Raucherséparée des Café Cinema“ mit einigen Gläsern Wein der Abend ausklang.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s